Zweiter Weihnachtstag (Stephanus, erster Märtyrer)

Apg 6,8-10; 7,54-60; Ps 31,3b-4.6.8.16-17; Mt 10,17-22

Apg 6
8 Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk. 
9 Doch einige von der sogenannten Synagoge der Libertiner und Kyrenäer und Alexandriner und Leute aus Kilikien und der Provinz Asien erhoben sich, um mit Stephanus zu streiten; 
10 aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen.  54 Als sie das hörten, waren sie in ihren Herzen aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen gegen ihn. 
55 Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen 
56 und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. 
57 Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten einmütig auf ihn los,
58 trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. 
59 So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! 
60 Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.

Heute am zweiten Weihnachtstag hören wir von dem ersten Märtyrer, von Stephanus, der für Jesus gestorben ist.
Dieser Mensch war „voll Gnade und Kraft“, war also mit übernatürlichen Gaben ausgestattet bei allem, was er tat. Er erwirkte mit der Kraft Jesu Christi die ganzen Wundertaten, ganz wie Jesus angekündigt hatte: „In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.“ (Mk 16,17f.).
Es gab aber Juden aus dem synagogalen Kontext, die etwas gegen ihn hatten. In der Einheitsübersetzung wird das Verb συζητέω syzeteo  mit „streiten“ übersetzt. Wörtlich heißt es aber eher „suchen“ oder „untersuchen“. Sie wollen ihn prüfen. Es ist freilich so etwas wie eine Debatte, denn die genannten Juden können seiner Weisheit, die die göttliche ist, nicht widerstehen. Das an dieser Stelle verwendete Verb ἀνθίστημι anthistemi heißt „widerstehen“ im Sinne von Abwehr, Verteidigung im Krieg. Anhand dieser Situation sehen wir, was mit dem Bild des zweischneidigen Schwertes in Hebr und Offb gemeint ist: Das Wort Gottes ist die größte Waffe, mit der man die Menschen besiegen kann.
Die Niederlage macht die Feinde des Stephanus wütend, sodass das Folgende sie noch mehr provoziert: Stephanus sieht eine Vision, als er in den Himmel schaut: Er sah Gottes Herrlichkeit und vor allem, was die Juden am meisten provoziert haben wird, Jesus zur Rechten Gottes sitzen. Warum aber schenkt Gott ihm in dem Moment so eine Vision? Das ist sehr wichtig und wiederum ein Zeichen der überragenden Pädagogik Gottes: Er tut es für die Juden, die gegen Stephanus sind. Als fromme Juden war ihnen bekannt, dass durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares der Himmel für alle Menschen geschlossen war. Sie glaubten an die Erlösung von diesem Bann durch einen angekündigten Messias. Nun gibt Gott ihnen die Chance, anhand der Vision des Stephanus zu erkennen, dass der Himmel eben nicht mehr geschlossen ist! Jesus, den sie nicht als Messias anerkennen wollten, hat den Zugang zum Vater wieder eröffnet und sitzt ihm zur Rechten. Der Himmel steht offen, das heißt, Jesus IST der Messias, auf den die Juden so lange gewartet haben!
Sie haben die „Zeit der Gnade nicht erkannt“ (Lk 19,44). Die Vision bringt statt Erkenntnis das Fass zum Überlaufen und die Juden steinigen Stephanus. Wir müssen uns dies weniger als affektiven, pogromartigen Übergriff vorstellen, sondern eher als Befolgung des mosaischen Gesetzes. Auf Blasphemie (Gotteslästerung) steht die Todesstrafe. Wir lesen ähnliche Situationen in den Evangelien, in denen Jesus fast gesteinigt worden ist, nachdem er z.B. die vorgelesene Jesajalesung auf sich bezogen hat.
Wir lesen heute schon davon, dass die Tat von einem besonders frommen Juden angeführt worden ist und dem die anderen deshalb die Kleider zu Füßen gelegt haben – Saulus. Es handelt sich um den Pharisäer Paulus, der bei dem berühmten Gamaliel ausgebildet worden war und nach gnadenloser Verfolgung von Christen vor Damaskus eine Bekehrung erleben wird.
Die heroische Kraft, die Stephanus in dem Moment seines Todes aufbringt und die Märtyrer ausmacht, ist erstens sein absolutes Gottvertrauen („Herr Jesus, nimm meinen Geist auf“) und seine Vergebungsbereitschaft. Er betet noch im Moment seiner Exekution für seine Henker („Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an.“). Er ist wirklich zum Zeugen für Jesus Christus geworden, weil er ihm in allem nachgefolgt ist, auch in den Tod.
Wir könnten uns fragen: Was hat das mit Weihnachten zu tun? Warum müssen wir das unbedingt am zweiten Weihnachtstag hören? Das hat absolut mit Weihnachten zu tun und wir sollten uns mit dem Gedanken anfreunden, dass dieses große Fest eben nichts Glamouröses und Kuscheliges an sich hat. Jesus ist in einem stinkenden kultisch unrein machenden Stall geboren. Seine ersten Gäste waren die Hirten, gesellschaftlich ganz Randständige. Von Anfang an war Jesu Leben bedroht und die Hl. Familie musste nach Ägypten fliehen. Wir wissen auch, dass Jesus geboren worden ist, um zu sterben. Den qualvollsten und schändlichsten Tod, den es gab. An Stephanus sehen wir die Konsequenz von Weihnachten auch für uns. Auch unser Leben ist von Anfang an bedroht, nämlich unser ewiges Leben. Wenn wir Jesus nachfolgen, müssen wir mit all jenen Konsequenzen rechnen, die auch in seinem Leben gegolten haben.
Die christliche „Radikalität“, also die Konsequenz der Weihnachtsbotschaft und des Christseins ist eben nicht die Macht über andere, sondern die Ohnmacht der Liebe. Sie geht so weit, sich kreuzigen zu lassen. Im Gegensatz zu anderen „fanatischen“ Religionen tötet der Christ nicht, sondern er wird getötet. Überall, wo es anders ausgegangen ist, wurde der christliche Glaube missbraucht.

Ps 31
3 Sei mir ein schützender Fels, ein festes Haus, mich zu retten!
4 Denn du bist mein Fels und meine Festung; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten. 
6 In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue.  
8 Ich will jubeln und deiner Huld mich freuen; denn du hast mein Elend angesehn, du kanntest die Ängste meiner Seele. 
16 In deiner Hand steht meine Zeit; entreiß mich der Hand meiner Feinde und Verfolger! 
17 Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht, hilf mir in deiner Huld! 

Passend zu diesem heutigen ersten Märtyrer-Fest beten wir einen Bittpsalm, der dann in einen Lobpreis umschwenkt.
Unser einziger wahrer Schutz ist beim Herrn. Er ist unser Fels, der uns rettet. König David bittet um diesen Schutz, ebenso wird Stephanus gebetet haben und so beten auch wir.
„In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist“ war eines der letzten Worte des ersten Märtyrers. Er hatte dieses starke Gottvertrauen, das auch schon David ausgemacht hat.
Und so ist Stephanus direkt zum Herrn gekommen, dessen Herrlichkeit er in der Vision schon gesehen hatte. Nun kann er im Angesicht Gottes jubeln und dessen Huld sich freuen. Gott hat ihn für seine heldenhafte Tat belohnt. Nun darf Stephanus auf ewig bei Gott sein.
Auch „in deiner Hand steht meine Zeit“ drückt diese Geborgenheit und das Vertrauen aus, das wir ausdrücken, wenn wir diesen Psalm beten.
Gott ist der einzige, der uns unseren Feinden entreißen kann. Er hat es bei Stephanus getan, der verfolgt worden ist für den Glauben an Jesus Christus. Auch uns wird der Herr erretten von unseren Feinden. Wir haben keine Garantie, dass er unser irdisches Leben bewahren wird. Oft wird uns ja gerade dieses genommen. Unseren Glauben und unser ewiges Leben kann aber kein Feind entreißen. Und wenn wir um Jesu willen umgebracht werden, kommen wir direkt zu ihm.
Beten wir diesen Psalm immer wieder, wenn wir in Not sind, vor allem in seelischer Not! Gott wird uns unserem wahren Feind entreißen: Dem Satan, der unsere Seele von Gott wegführen und uns den ewigen Tod, die Hölle bescheren will.

Mt 10
17 Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch an die Gerichte ausliefern und in ihren Synagogen auspeitschen. 
18 Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und den Heiden zum Zeugnis. 
19 Wenn sie euch aber ausliefern, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. 
20 Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.
21 Der Bruder wird den Bruder dem Tod ausliefern und der Vater das Kind und Kinder werden sich gegen die Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken.
22 Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet.

Im heutigen Evangelium hören wir, dass Jesus das Geschick des Stephanus und so vielen anderen vorhersagt. Er spricht von der Radikalität seiner Liebe – der Ohnmacht und der Passion.
Die ersten Christen, die ja auch immer noch Juden sind (es sollte ja keine neue Religion werden), werden von den anderen Juden bestraft und verfolgt werden – nämlich jenen, die Jesus als Messias nicht anerkennen.
Jesus kündigt diese schlimmen Verfolgungen nicht einfach nur schonungslos an, sondern gibt seinen Jüngern auch zu verstehen, dass Gott sie nicht alleine lassen wird.
Er lädt die Jünger dazu ein, Vertrauen zu haben und sich vom Geist leiten zu lassen. Dieser wird ihnen eingeben, was sie vor Gericht sagen sollen.
Das besonders Drastische, was Jesus ankündigt, ist die Auslieferung von eigenen Familienmitgliedern. Da, wo vor allem einzelne Personen sich bekehren und die Ehepartner, Kinder oder Eltern aber nicht, wird dies vorprogrammiert sein. „Dem Tod ausliefern“ könnte durchaus die direkte Steinigung durch das Familienmitglied andeuten. Bei Stephanus bewahrheitet sich dies ja. Er wird direkt in den Tod geschickt – und direkt in den Himmel zu Gott!
Aber das Sterben für Gott wird nicht negativ dargestellt. Jesus sagt, wir werden gerettet, wenn wir standhaft bleiben trotz der Widerstände. Das bezieht sich nicht auf das irdische, sondern auf das ewige Leben. Es ist also sogar besser, für den Glauben zu sterben, um dafür das ewige Leben bei Gott zu sichern. Wo wir Gott nämlich abschwören, um unsere leibliche Unversehrtheit zu erhalten, verlieren wir unsere Seele. Wir sind dann nicht besser als Judas oder Petrus. Aber auch dann wäre es nicht zu spät. Petrus hat es bereut und wurde sogar mit dem Papstamt betraut („Weide meine Lämmer“).
Wir werden von allen gehasst werden. Das sehen wir ja in heutiger Zeit besonders. Die Christen haben ein sehr schlechtes Image in unserer Gesellschaft und erfahren wenige Solidarität oder Mitgefühl in einer Zeit, in der es die heftigste Christenverfolgung aller Zeiten gibt. Wir müssen uns nicht wundern und doch sollen wir auch jetzt standhaft bleiben.

Beten wir heute besonders auf die Fürsprache des Hl. Stephanus, dass Gott uns in Zeiten der Bedrängnis auch mit einem heldenhaften Mut beschenkt und wir zu ihm stehen können. Sind wir ihm in den kleinen Dingen treu, damit wir es auch in den großen sein können! Das ist schließlich die letzte Konsequenz von Weihnachten.

Ihre Magstrauss

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