Samstag der 27. Woche im Jahreskreis

Gal 3,22-29; Ps 105,2-3.4-5.6-7; Lk 11,27-28

Gal 3
22 aber die Schrift hat alles unter der Sünde eingeschlossen, damit die Verheißung aus dem Glauben an Jesus Christus denen gegeben wird, die glauben.

23 Ehe der Glaube kam, waren wir vom Gesetz behütet, verwahrt, bis der Glaube offenbar werden sollte.
24 So ist das Gesetz unser Erzieher auf Christus hin geworden, damit wir aus dem Glauben gerecht gemacht werden.
25 Nachdem aber der Glaube gekommen ist, stehen wir nicht mehr unter dem Erzieher.
26 Denn alle seid ihr durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus.
27 Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.
28 Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.
29 Wenn ihr aber Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben gemäß der Verheißung.

Paulus erklärt den Galatern und auch uns heute im Abschnitt aus dem Galaterbrief, warum die Torah trotz ihrer nicht vorhandenen Erlösungskraft notwendig ist. Denn „ehe der Glaube kam“, damit ist der Neue Bund gemeint, behütete die Torah die Menschen. Das Problem ist, dass aufgrund der Sünde die Torah nicht nur im positiven Sinne behütet, sondern im negativen Sinne anklagen musste. Sie ist wie eine Anwältin, die dem Juden stets vorhielt, dass er einer Werksgerechtigkeit nicht perfekt nachgekommen ist. Denn es gibt keinen Menschen, der all diese Gebote und Verbote täglich halten konnte.
Und doch war sie in ihrer Funktion ein Wegweiser auf Christus hin, der den Menschen aufgrund des Glaubens rettet. Und dieser Glaube an Jesus Christus hat die Erzieherin namens Torah abgelöst. Wir müssen uns bei den Worten des Paulus immer bewusst sein, dass er kein sola gratia oder sola fides meint, wie es die Reformatoren falsch verstanden haben, nach dem Motto „Paulus sagt, nur der Glaube rettet, also müssen wir nichts tun.“ Denn hier geht es einzig und allein um die Erlösung und den Weg dorthin. Was danach geschieht, ist eine andere Geschichte. Es geht darum, wodurch wir erlöst werden – durch das Halten der Torah oder durch die gläubige Annahme des Erlösungswerkes Christi in der Taufe.
Die Getauften sind durch den Glauben an Christus zur Gotteskindschaft gelangt, nicht aufgrund der perfekten Einhaltung der Torah.
Paulus entfaltet zum Ende hin seine wunderbare Tauftheologie, in der er erklärt, dass der Mensch bei der Taufe Christus anzieht. Deshalb trägt der Täufling ja bis heute ein weißes Kleid.
Paulus sagt auch, dass die Taufe alle Menschen in Christus eint. Die erlangte Gotteskindschaft erhebt alle Getauften zur gleichen Würde und Daseinsberechtigung, ja zur selben Berufung zur Heiligkeit. Deshalb gibt es „nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich“. Natürlich behalten die Menschen aus menschlicher Sicht ihre Identität. Wäre dem nicht so, würde es die Konflikte zwischen Heiden- und Judenchristen ja nicht geben. Aber sie alle haben nun dieselbe Identität aus der Perspektive des Himmels erlangt, die ihnen die gleiche Würde verleiht. So darf es in den Christengemeinden keine Unterschiede geben. Alle müssen gleich behandelt werden unabhängig vom Geschlecht, von der sozialen Stellung und religiösen Vergangenheit. Das möchte Paulus sagen insbesondere im Hinblick auf die Unterscheidung zwischen Juden und Griechen. Das ist ja der Anlass des Galaterbriefes. Hier werden nämlich weiterhin Unterschiede gemacht, als ob die Judenchristen besser dran wären als die Heidenchristen. Sie sind beide Christen. Und darauf kommt es an.
Paulus geht sogar noch weiter und versetzt den Judenchristen einen regelrechten Schlag, indem er sagt: „Wenn ihr aber Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben gemäß der Verheißung.“ Das ist ein Affront für jene, denen die Biologie alles bedeutet! Die Juden legten immer sehr viel Wert darauf, dass sie biologisch von Abraham, Isaak und Jakob abstammen. Doch Paulus sagt nun etwas Entscheidendes: Nicht mehr die biologische Abstammung von den Vätern ist vor Gott bedeutsam, sondern die geistliche Verbundenheit mit Christus, der von diesen Vätern abstammt. Wasser ist dicker als Blut! Der Hl. Geist schweißt die Christen enger zusammen, als es das Blut je könnte! Erbschaft ist in Gottes Augen geistlicher Natur. So sind wir ja alle seine Erben, die wir getauft sind. Aber wir stammen biologisch nicht von Gott ab. Paulus lädt die radikal denkenden Judenchristen dazu ein, über ihren jüdischen Tellerrand bezüglich Blutsverwandtschaft hinauszublicken.

Ps 105
2 Singt ihm und spielt ihm, sinnt nach über all seine Wunder!

3 Rühmt euch seines heiligen Namens! Die den HERRN suchen, sollen sich von Herzen freuen.
4 Fragt nach dem HERRN und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit!
5 Gedenkt der Wunder, die er getan hat, seiner Zeichen und der Beschlüsse seines Munds!
6 Ihr Nachkommen seines Knechts Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat.
7 Er, der HERR, ist unser Gott. Auf der ganzen Erde gelten seine Entscheide.

Der Psalm beginnt wie so oft mit einer Selbstaufforderung zum Lob, gerichtet an eine Gruppe. Die Israeliten sollen Gott singen und spielen, also Lobpreislieder vortragen, die König David gedichtet hat. Sie sollen immerzu über Gottes Wunder nachdenken. Das wirkt der undankbaren „Amnesie“ entgegen, der Vergesslichkeit gegenüber Gottes guten Taten an seinem Volk.
Gott ist so heilig, sein Name ist der größte Schmuck, mit dem man sich umhüllen kann. Und durch die Bundesbeziehung dürfen die Israeliten das auch tun! Sie dürfen sich seines Namens rühmen als Gottes besonderes Eigentum. Und wenn sie in allem immer ihn suchen, sollen sie sich von Herzen freuen. Denn ihre guten Absichten werden gute Konsequenzen nach sich ziehen. Das nennen wir Segen. Dieser Psalm ist auch für Christen wunderbar zu betrachten, die durch die Taufe ebenfalls eine Bundesbeziehung mit Gott eingegangen sind. Auch sie können sich des Namens Gottes rühmen, denn er ist es, der ihnen die unvergleichliche Würde als Kind Gottes verleiht. Er ist es, der durch den Hl. Geist die Frucht der Freude ins Herz hineinlegt, sodass eine wichtige Eigenschaft der Christen der österliche Optimismus darstellt.
„Fragt nach dem HERRN und seiner Macht“ – die hebräische Verbform דִּרְשׁ֣וּ dirschu ist eigentlich mit „suchet, forscht“ zu übersetzen. Es geht also darum, in allem immer den Herrn zu suchen.
„Sucht sein Angesicht allezeit!“- auch בַּקְּשׁ֖וּ baqschu kann mit „suchen“ übersetzt werden, aber auch mit „wollen, begehren, bitten“. Beide Sätze sagen etwas Ähnliches aus und sind ähnlich strukturiert, was wir Parallelismus nennen. Dem Menschen soll es immer nach dem Angesicht Gottes verlangen. Es umschreibt, was mit dem Sch’ma Israel zusammengefasst wird (Dtn 6,4ff.), die absolute Gottesliebe und deshalb das stete Interesse daran, ihn besser zu verstehen. Es geht daran, das Herz an ihn zu hängen. Wenn man dies tut, wird das Herz immer wieder Heilung erfahren.
So wie wir schon oft gebetet haben, ergeht auch hier die Aufforderung an uns, Gottes Heilstaten nie zu vergessen („Gedenkt der Wunder, die er getan hat…“). So werden wir nie undankbar und auch nie etwas für selbstverständlich nehmen, was Gott uns schenkt. Deshalb ist die Eucharistie für uns so wichtig. Sie ist unser höchster Ausdruck des Dankes gegenüber Gott. Wir gedenken darin ja der großen Taten Gottes mit dankbarem Herzen. Wir beten darüber hinaus jeden Tag die Psalmen und loben Gott mit Hymnen und anderen Lobliedern.
Gott ist der Herrscher des Alls und deshalb gilt, was er entscheidet. Alles ist seinem universalen Heilswillen unterworfen, was auch für uns sehr tröstlich ist! Das bedeutet nämlich, dass auch der Böse nur so viel anrichten kann, wie Gott zulässt. Sobald das Ende der Zeiten erreicht ist, wird Gott ihm sofort und ganz ohne Mühe Einhalt gebieten. Er wird den Bösen für immer zerstören und wir werden nie wieder leiden müssen.
Wir müssen vor dem Hintergrund der Lesung Vers 6 besonders in den Blick nehmen: Die Nachkommen Abrahams und Jakobs sind erwählt. Wir haben über die Nachkommenschaft nachgedacht und bei der Lesung zusammen mit Paulus festgestellt, dass die geistliche Nachkommenschaft, die Familie Gottes, eine viel intensivere Bindung darstellt als die biologische. Wie oft bemerken wir, dass unsere leiblichen Geschwister uns so fremd sein können, obwohl wir biologisch ganz miteinander verbunden sind! Und wie oft ist uns ein Freund oder eine Freundin so viel näher, weil sie unseren Glauben teilen und dasselbe Ziel im Leben verfolgen – die Heiligkeit. Wie ideal wäre es doch, wenn beides zusammenkommen würde! Wenn unsere leiblichen Verwandten und wir gemeinsam nach Heiligkeit streben, dann schmecken wir schon etwas vom Reich Gottes hier auf Erden.

Lk 11
27 Es geschah aber: Als er das sagte, da erhob eine Frau aus der Menge ihre Stimme und rief ihm zu: Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat!

28 Er aber erwiderte: Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.

Auch im Evangelium geht es um Nachkommenschaft biologischer und geistlicher Art. Dieser kurze Abschnitt wird so oft missverstanden und als Beleg dafür genommen, dass Jesus seine Mutter missachtet hätte. Das ist mitnichten der Fall und wir müssen Jesus richtig verstehen.
Die Situation ist folgende: Jesus verkündet das Reich Gottes und wie so oft sind die Menschen erstaunt von der Fülle der Weisheit, die durch ihn spricht. Und so sagt eine Frau aus der zuhörenden Menschenmenge voller Ergriffenheit: „Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat!“ Das ist die ganz typische jüdische bzw. grundsätzlich menschliche Denkweise. Die biologischen Eltern Christi müssen stolz auf ihn sein, weil er mit so viel Weisheit begabt ist. Er bringt seiner Familie Segen. Jesus sagt nicht „nein, nein!“, sondern „Ja.“ Zuallererst stimmt er dem zu, fügt dann aber das Entscheidende hinzu: „Selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“ An anderer Stelle möchte die Familie Jesu zu ihm und da sagt er aus dem Anlass zu den Menschen, dass jene seine Familie sind, die den Willen des Vaters befolgen. Es geht um die Familie Gottes. Er sagt damit nicht, dass ihm die biologische Familie nichts bedeute, sondern betont einfach, wie eng der Hl. Geist die Menschen zusammenschweißt. Das Besondere an Jesus und Maria ist, dass sie über die biologische Verwandtschaft hinaus geistlich gesehen ganz eins sind, ein Herz und eine Seele. Sie leben vor, wie unser Verhältnis als royal family zueinander sein soll. Jesus missachtet seine Mutter also nicht, sondern betont, dass das gemeinsame Befolgen des Willens Gottes uns selig preisen lässt.
Und das führt uns zurück zu Paulus. Dieser möchte die radikalen judenchristlichen Bestrebungen in Galatien ja davon wegführen, die Biologie zum Ziel- und Angelpunkt der Erlösung zu machen. Diese ist schon längst überwunden. Christus selbst hat die Menschen schon in seiner Verkündigung versucht, davon wegzubringen. Wir sind eine Familie Gottes, aber nicht durch die Biologie, sondern durch den gemeinsamen Glauben an ihn, durch die gemeinsame Taufe, durch den Hl. Geist, der unsere Seele zur engsten Verwandtschaft zusammenführt, die existiert.

Ein ganz konkretes Beispiel dieser übernatürlichen Verwandtschaft sollen wir in diesem Leben bereits umsetzen: Nicht nur die geschwisterliche Liebe unter Gemeindemitgliedern ist Ausdruck dafür, sondern auch, wie wir mit dem Ehepartner unseres Familienmitglieds umgehen. Wenn unser Bruder, unsere Schwester, unser Kind heiratet, dann wird durch das Sakrament der Ehe dieser Mensch zu unserem neuen Familienmitglied. Die übernatürliche Verbindung der beiden Ehepartner ist dabei so stark, dass wir keinen Unterschied machen sollen zwischen biologischen Verwandten und angeheirateten Menschen. Deshalb ist es ein schöner Ausdruck dieser engen Verbindung, wenn der angeheiratete Part die Schwiegereltern genauso Mama und Papa nennt wie das eigene biologische Kind. Wir sollen unseren Schwager und unsere Schwägerin behandeln wie den eigenen Bruder und die eigene Schwester. Bei Christen soll es keinen Unterschied geben, der von der Biologie abhängt. Denn hier geht es um ein Sakrament und der Geist Gottes schweißt enger zusammen als die Blutsverwandtschaft. Wenn wir so leben, üben wir uns ein in der Gotteskindschaft, die zu einem ewigen Familienfest im Himmelreich überleiten wird.

Ihre Magstrauss

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