Freitag der 29. Woche im Jahreskreis

Eph 4,1-6; Ps 24,1-2.3-4.5-6; Lk 12,54-59

Eph 4
1 Ich, der Gefangene im Herrn, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging.

2 Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe
3 und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!
4 Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung:
5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,
6 ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.

In der heutigen Lesung ruft Paulus die Epheser zur Einheit auf. Er hat in den bisherigen Kapiteln ausführlich über die gemeinsame Berufung zur Heiligkeit durch die Taufe gesprochen, über die Gnade, die allen Menschen gleichermaßen zuteilwerden sollte.
Er sagt über sich zu Anfang, er sei „der Gefangene im Herrn“, was auf seinen momentanen Gefängnisaufenthalt zu beziehen ist. Er ist oft inhaftiert worden, bevor er den Märtyrertod gestorben ist. Von diesem Zustand her konnte er immer gut die Analogie zu seiner Abhängigkeit von Christus herstellen, dem er ganz „verfallen“ ist. Diese „Sklaverei“ ist in Wirklichkeit die wahre Freiheit, die auch von den irdischen Ketten eines menschlichen Gefängnisses nicht beeinträchtigt werden kann.
Er ermahnt die Epheser zu einem Leben, „das des Rufes würdig ist“. Sie sollen so leben, dass es Christus gerecht wird, der sein Leben hingegeben hat für sie. Es handelt sich um den Ruf zur Heiligkeit. Sie sollen sich stets fragen: Ist mein jetziger Lebenswandel angemessen dafür, dass Christus sein Alles gegeben hat? Sollte ich nicht auch mein Alles geben? Oder halte ich noch etwas zurück?
Paulus erklärt auch ganz konkret, wie so ein Leben aussieht: Sie sollen „demütig, friedfertig und geduldig“ sein und einander in Liebe ertragen. Sie sollen sich um Einheit bemühen „durch das Band des Friedens“. Demut ist ein Begriff, den man so oft missversteht. Es heißt nicht, dass man sich bespuckt und wertlos fühlen muss, sondern im Gegenteil: Man soll den eigenen Wert vor Gott erkennen und in Gottes Licht sich selbst realistisch anschauen – mit allen Schwächen und Stärken. Der realistische Selbstblick soll dazu führen, dass man seine eigene Armut und Erlösungsbedürftigkeit sieht und sich ganz von Gott abhängig versteht. Wenn man den eigenen Wert in Gottes Angesicht erkennt, wird man unabhängig sein vom Lob und Tadel der Mitmenschen, weil man weiß, was man ist (so auch Mutter Teresa).
Friedfertig zu sein, bedeutet die stete Bereitschaft zur Versöhnung, auch dann den ersten Schritt zu unternehmen, wenn man gar nicht schuld ist. Das heißt aber nicht, dass man zugunsten einer falschen Harmonie alle Konflikte unter den Teppich kehrt. Konfrontation und Austragen eines Konflikts ist notwendig, damit der wahre Frieden einziehen kann. Aber es soll einem immer darum gehen, alles dafür zu tun, dass dieser wahre Frieden einkehren kann.
Geduldig zu sein und den anderen zu ertragen, benötigt ein gutes Maß an Selbstbeherrschung und Langmut. Diese muss man von Gott erbitten, der im Herzen der Getauften Wohnung genommen hat. Wenn die Epheser sich von Herzen bemühen, wird Gott dazu geben, was noch fehlt. Einander zu ertragen, ist nicht immer leicht, denn die charakterlichen Differenzen, die Schwächen reiben aneinander, die Unvollkommenheit und Sünde des einen zieht den anderen immer mit hinein. Doch die Epheser sind eine einzige Familie und sollen deshalb das Kreuz einander tragen helfen. Jeder sei der Simon von Zyrene des anderen.
Die Einheit zu wahren, bedeutet genauso wie die Friedfertigkeit nicht, ihr zuliebe alles Spalterische unter den Teppich zu kehren. Diese Verdrängung wird irgendwann hochkochen und alles noch verschlimmern. Diese Dinge müssen zur Sprache gebracht und ausgemerzt werden. Konfrontation ist unvermeidbar. Es muss in Liebe geschehen, aber es muss thematisiert werden. Und wenn das Sagen der Wahrheit zur Spaltung führt, muss diese eben sein, damit jene, die an der Lüge festhalten wollen, sich verabschieden. Das klingt brutal, aber jeder Mensch muss letztendlich seine Entscheidung treffen. Man kann als Gemeinde alles nur Erdenkliche unternehmen, um den Irrigen umzustimmen, aber wenn es nicht funktioniert, muss man die Person gehen lassen. Das ist schmerzhaft, aber es bringt nichts. Die Einheit in der Gemeinde wird garantiert durch den Heiligen Geist. Er ist auch das „Band des Friedens“ um die Gemeinde. Wir erkennen an den Worten des Paulus, dass die entscheidenden Dinge die Menschen nicht selbst machen. Frieden und Einheit sind Früchte des Geistes. Diese kann der Mensch anstreben, doch vollkommen kann nur Gott selbst Frieden spenden. Das ist ein Frieden, den die Welt nicht geben kann, wie der Auferstandene zu seinen Aposteln gesagt hat. Also: Einheit und Frieden muss die Gemeinde erbitten und das tut die Kirche bis heute in der Messe, nämlich nach dem Vaterunser.
Die Kirche als mystischer Leib Christi ist EIN Leib und EIN Geist. Es ist kein gespaltenes Gebilde. Sie ist ein gemeinsamer Leib durch Jesus Christus, der sich hingegeben hat, was in jeder Hl. Messe vergegenwärtigt wird und die Kirche so immerwährend ihre eigene Leibwerdung vornimmt. Deshalb ist die Eucharistie absolut entscheidend und grundlegend. Die Kirche ist ein Geist durch den Hl. Geist, der am Pfingsttag die Apostel erfüllt hat sowie die Heiden im Hause des Kornelius. Alles ist eins: Die Hoffnung ist eine gemeinsame aller Christen. Wir alle hoffen auf das ewige Leben und die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten. Wir glauben an den einen Herrn. Es ist ein gemeinsamer Glaube, den wir im Glaubensbekenntnis zusammengefasst haben, für das so viele Menschen ihr Leben geopfert haben.
Es ist eine gemeinsame Taufe, die alle Getauften empfangen haben, nämlich die Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Alles ist zusammengefasst in dem einen Gott, den Vater, der alles ins Dasein gerufen hat und der das letzte Wort hat.
Einheit in der Gemeinde zu leben – gerade über die heidnische oder jüdische Vergangenheit ihrer Christen hinaus – ist Abbild der Einheit, die Gott in sich ist.

Ps 24
1 Ein Psalm Davids. Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.

2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.
3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
4 Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat.
5 Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, die dein Angesicht suchen, Jakob.

Als Antwort beten wir den liturgischen Psalm 24, der im Wechselgesang zwischen Gläubigen und Priestern im Tempel von Jerusalem gebetet worden ist. In den ersten Versen wird die Universalherrschaft Gottes thematisiert: „Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.“ Es setzt an, wo die Lesung endete. Nicht nur der Planet ist Gottes Eigentum, sondern auch die Lebewesen auf der Erde. Alles gehört ihm, weil er alles geschaffen hat, „denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.“ Wir müssen bei diesen Worten bedenken, wie das Weltbild der Menschen damals aussah: Man glaubte, dass die Erde von Wasser umschlossen war, sodass unter der Erde sowie über dem Himmel Wasser vermutet worden ist. Man glaubte, dass die Erde auf Pfeilern über dem Urmeer errichtet worden sei. Das steckt hinter der Formulierung, dass der Erdkreis auf Meere gegründet sei.
„Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?“ ist eine Frage der Gläubigen, die sie an die Priester richten.
Daraufhin antworten die Priester: „Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt“. Das ist eine sehr fortgeschrittene Antwort, da die Herzensreinheit zu jener Zeit oft ignoriert oder einfach noch nicht begriffen worden ist. Viele Propheten sprechen das Thema an und kritisieren die unreinen Opfer der Menschen aufgrund der fehlenden Aufrichtigkeit. Sie beuten die Schwachen aus und führen ein unmoralisches Leben, bringen aber zugleich Opfer dar in der Erwartung, dass Gott sie erhört. König David, der diesen Psalm gedichtet hat, versteht diesen Aspekt sehr gut und möchte deshalb, dass die Gläubigen die Herzensreinheit in der Liturgie ansprechen. Im zweiten Satzteil geht es um die Unabhängigkeit von Nichtigkeiten. Gemeint sind Güter, die vergänglich sind und die einen nicht näher zu Gott bringen. Götzen werden oft als Nichtigkeiten bezeichnet, doch das hebräische Wort ist an der Stelle nicht wie hier שָׁוְא shaw sondern אֱלִיל elil. Auch das Schwören eines Meineids macht den Menschen kultunfähig. Wer sich dagegen von alledem fernhält, „wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.“ Wer also die Gebote Gottes hält, ist gerecht.
Und zum Ende hin sprechen die Priester im Grunde Gott selbst an mit verheißungsvollen Worten für die Gläubigen: Jakob trifft darauf zu. Es ist wahrlich ein Geschlecht, dass nach Gott fragt und somit würdig ist, zu seinem heiligen Tempel zu kommen. Wir müssen uns das hebräische Verb genauer anschauen: Das Verb an dieser Stelle ist דֹּרְשֹׁו darschu, was wir als ein sehnsuchtsvolles Fragen verstehen. Es kann auch mit „verlangen“ übersetzt werden. Es ist eine Sehnsucht nach Gott, die nur jener Mensch besitzen kann, dessen Herz an Gott hängt. Auch die zweite Verbform ist in diesem Duktus zu betrachten: מְבַקְשֵׁ֨י m’waqschej ist eine Suche nach dem Angesicht Gottes aus Sehnsucht nach ihm.
Blicken wir zurück auf die Lesung, muss man den Psalm so verstehen: Wer von Herzen Gottes Angesicht anstrebt und wie Paulus ihm ganz verfallen ist, wird in Gemeinschaft mit vielen so leidenschaftlich Gottliebenden eine Einheit bilden. Die gemeinsame Liebe zu Gott verbindet.

Lk 12
54 Außerdem sagte Jesus zu der Volksmenge: Wenn ihr im Westen eine Wolke aufsteigen seht, sagt ihr sofort: Es gibt Regen. Und so geschieht es.

55 Und wenn der Südwind weht, sagt ihr: Es wird heiß. Und es geschieht.
56 Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu deuten. Warum könnt ihr dann diese Zeit der Entscheidung nicht deuten?
57 Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?
58 Denn wenn du mit deinem Gegner zum Gericht gehst, bemüh dich noch auf dem Weg, dich mit ihm zu einigen! Sonst wird er dich vor den Richter schleppen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und der Gerichtsdiener wird dich ins Gefängnis werfen.
59 Ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du auch die letzte Münze bezahlt hast.

Im Evangelium hören wir weitere Worte Jesu aus seiner endzeitlichen Rede, in der Jesus die letzten Tage zur Wachsamkeit aufgerufen hatte.
Heute bringt er Beispiele aus der Natur, was eine typisch weisheitliche Herangehensweise darstellt. In der weisheitlichen Literatur des Alten Testaments finden wir immer wieder Vergleiche mit der Fauna und Flora. Jesus bezieht sich auf den Regen, dessen Vorbote aufsteigende Wolken darstellen. Sieht man diese, weiß man schon, dass es regnen wird.
Und wenn der Südwind aufkommt, weiß man, dass das Wetter heiß wird. Der Mensch braucht also kein Hellseher zu sein, um diese Dinge zu erkennen. Das sagt Jesus, um der Volksmenge zu verdeutlichen, dass die Zeichen der Zeit ebenso deutbar sind, wenn man nur die Augen richtig aufmacht. Deshalb ruft er auch aus: „Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu deuten. Warum könnt ihr dann diese Zeit der Entscheidung nicht deuten?“ Die Zeit der Entscheidung zeigt, wie wichtig diese Phase nun ist. Christus ist unter ihnen und wirkt solch offensichtliche Zeichen, die jeder fromme Jude eigentlich erkennen müsste. Und doch sind sie blind dafür, indem sie seine Botschaft nicht annehmen und die Erfüllung der Verheißungen an ihm nicht erkennen. Diese Blindheit im Gegensatz zur Schöpfung macht sie zu Heuchlern.
Dann bringt Jesus ein weiteres Bild, das für uns alle sehr entscheidend ist: Wenn man mit einem Mitmenschen unterwegs zum Gericht ist, soll man diesen letzten Weg noch nutzen, um schon zuvor eine Einigung zu erzielen. Sonst wird man nämlich dem Gericht übergeben und am Ende im Gefängnis landen. Es ist besser, noch vorher Versöhnung zu schaffen. Was Jesus hier im Kontext der Endzeitrede damit meint, ist natürlich das Endgericht. Die Menschen sollen sich mit Gott versöhnen, noch bevor das Endgericht kommt. Denn dann ist es zu spät und man wird in das ewige Gefängnis geworfen werden, das die Hölle ist. Diese Versöhnung bedeutet Umkehr. Das ist nicht nur universal zu verstehen, sondern auch für jeden einzelnen Menschen, der noch Zeit zur Umkehr hat bis zu seinem Tod. Denn wenn man dann stirbt und vor Gott tritt, wird es zu spät sein, noch umzukehren. Bei diesem Individualgericht, wird man dann mit allem Unversöhnten schonungslos konfrontiert. Es ist für einen selbst besser, schon vor dem Tod Versöhnung zu schaffen. Das ist für uns eine wichtige Aussage. Anhand des letzten Verses erkennen wir, dass man nach dem Tod auch sühnen kann, ohne dass es auf ewig ist. Jesus bringt ja einen Vergleich und da ist es ja so, dass wenn Menschen Schulden nicht bezahlen konnten, im Gefängnis verbleiben mussten, bis alles beglichen ist. So haben auch wir nach dem Tod die Möglichkeit, noch zu sühnen, bevor wir die ewige Gemeinschaft mit Gott genießen dürfen. Das nennt die Kirche das Fegefeuer. Gewiss sind Bilder und Vergleiche immer begrenzt und können etwas nicht zu hundert Prozent vergleichen, aber hier bringt Jesus wirklich ein Bild an, das sich mit anderen Schriftverweisen deckt. Es gibt nicht nur die ewige Hölle, sondern auch eine Phase der Sühnung, die nicht ewig ist.
Und doch ist es angenehmer, wenn man vorher schon die Versöhnung geschaffen hat. Besser, man „sühnt“ die eigenen Vergehen noch in diesem Leben. Nach dem Tod wird es schmerzhaft.

Schauen wir zurück auf Paulus und die Epheser: Der Völkerapostel hat die Epheser zur Einheit und zum Frieden aufgerufen. Wenn die Epheser untereinander in Frieden sind, dann haben sie schon einen ganz großen Schritt in die Ewigkeit unternommen. Unfriede und Unversöhntheit kann bestehen zwischen Gott und Mensch, Mensch und Mitmensch oder Mensch mit sich selbst. All diese Dimensionen müssen versöhnt werden, damit wir den Frieden des Himmels empfangen können. Vergebung ist der Kern und die Voraussetzung zum ewigen Heil.

Ihre Magstrauss

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