5. Fastensonntag (C)

Jes 43,16-21; Ps 126,1-2b.2c-3.4-5.6; Phil 3,8-14; Joh 8,1-11

Jes 43
16 So spricht der HERR, der einen Weg durchs Meer bahnt, / einen Pfad durch gewaltige Wasser,

17 der Wagen und Rosse ausziehen lässt, / zusammen mit einem mächtigen Heer; doch sie liegen am Boden und stehen nicht mehr auf, / sie sind erloschen und verglüht wie ein Docht.
18 Denkt nicht mehr an das, was früher war; / auf das, was vergangen ist, achtet nicht mehr!
19 Siehe, nun mache ich etwas Neues. / Schon sprießt es, merkt ihr es nicht? Ja, ich lege einen Weg an durch die Wüste / und Flüsse durchs Ödland.
20 Die wilden Tiere werden mich preisen, / die Schakale und Strauße, denn ich lasse in der Wüste Wasser fließen / und Flüsse im Ödland, / um mein Volk, mein erwähltes, zu tränken.
21 Das Volk, das ich mir geformt habe, / wird meinen Ruhm verkünden.

In der ersten Lesung aus dem Buch Jesaja hören wir ein sogenanntes Heilsorakel, wie diese Art von Text formgeschichtlich genannt wird. Es ist eine Heilsverheißung, das uns von den Motiven her an den Exodus erinnert und die Botschaft hat: Gott macht einen Weg, wo wir keinen Weg mehr sehen. Er schenkt wider Erwarten Heil und hat das letzte Wort inmitten einer aussichtslosen Situation.
Es ist eine Gottesrede, die Jesaja hier vermittelt, deshalb die Worte: „So spricht der HERR“. Das Wort „HERR“ in Großbuchstaben signalisiert uns, dass damit der Gottesname gemeint ist. Gott wird in solchen Selbstaussagen oft mit einem Relativsatz umschrieben. So leitet Gott die Zehn Gebote gegenüber Mose ein, indem er sagt, dass er der Gott ist, der das Volk aus Ägypten herausgeführt hat. Hier wird gesagt, dass er Gott ist, „der einen Weg durchs Meer bahnt“. Wir verstehen, dass auf den Zug des Volkes Israel durchs Rote Meer angespielt wird. Diese Andeutung setzt sich auch im nächsten Vers fort, wenn die Rede von Wagen und Rossen ist. Die Ägypter sind den Israeliten ja mit ihren Streitwagen gefolgt und ertranken, als das Wasser zurückfloss. Sie „liegen am Boden und stehen nicht mehr auf“. Dabei sind sie ins Verderben gelaufen durch die Verstocktheit des Pharao. Zehn Plagen hat Gott über die Ägypter gebracht, damit sie zum Glauben an ihn kommen, doch sie wollten es nicht annehmen. Dagegen hat er auf spektakuläre Weise das Volk Israel durchs Meer hindurch gerettet. Für uns ist das eine große Lektion: Gott führt uns durch jede vermeintliche Sackgasse hindurch. Wir müssen uns ihm aber überlassen und auch über den eigenen Schatten springen, weil uns Gottes Wege manchmal unbegreiflich erscheinen. Wir werden es nie bereuen, Gottes Wege gegangen zu sein, auch wenn wir manchmal einen Sprung ins Ungewisse wagen müssen.
Bei Jesaja wird oft der Exodus reflektiert im Zuge des Babylonischen Exils und dieses wiederum als Déjà vu betrachtet. Geschichte wiederholt sich, weil Menschen denselben Fehler immer wieder begehen. Israel ist nun wieder fernab der eigenen Heimat und wieder in einer scheinbar ausweglosen Situation. Vielleicht stehen sie nicht vor dem Roten Meer, aber im übertragenen Sinne scheint ihre Situation eine Sackgasse. Und auch jetzt sagt Gott ihnen zu, dass er dem Volk einen Weg bahnen wird inmitten der Sackgasse hindurch.
Die Worte: „Siehe, nun mache ich etwas Neues“ sind total signalhaft für uns. Einerseits ist es apokalyptisch, denn der Grundgedanke einer apokalyptischen Weltsicht besteht darin, dass die Weltgeschichte einmal abrupt enden wird. Gott wird eines Tages in die Geschichte eingreifen, alles enden und etwas Neues schaffen. Dies ist auch der Gedanke in der Johannesoffenbarung. Wir erkennen dies im allegorischen Sinne, wenn Jesus zu Nikodemus im Nachtgespräch sagt, dass dieser von Neuem geboren werden müsse (Joh 3). Jesus selbst gehört der Neuen Schöpfung an in seiner Menschheit. Auch Maria ist dieser Neuen Schöpfung zugehörig und alle Menschen, die sich taufen lassen. Dieses Neue schafft Gott durch den hl. Geist. Er ist das lebendige Wasser, das Totes zum Leben erweckt, der ein Fluss inmitten des Ödlands ist, der Weg durch die Wüste. Das ist eine sehr messianische Wendung, wenn wir an die Worte Jesajas denken, die auch in der Adventszeit verlesen und auf Johannes den Täufer bezogen werden. Es ist also nicht nur Exodusmotiv, denn es erinnert an die Wüstenwanderung des Volkes, sondern auch auf Christus und die Kirche zu beziehen.
Die wilden Tiere kommen nicht unerwartet, denn die Wüste wird als Lebensraum wilder Tiere betrachtet. Diese werden Gott preisen als seine Geschöpfe, weil er sie durch das entstehende Wasser tränken wird.
Der letzte Satz ist so tiefgreifend, dass wir diesen ein wenig genauer betrachten sollten: „Das Volk, das ich mir geformt habe, wird meinen Ruhm verkünden.“ Gott macht das Volk. Es ist seine Schöpfung. Es ist aber auch sein Werk, dass es zum Bundesvolk wird. Er hat es erwählt, er hat an ihm viele Heilstaten gewirkt. Er hat es zum Sinai geführt, um einen Bund mit ihm zu schließen. Gott macht das Volk, nicht das Volk sich selbst. Das muss auch uns bewusst sein, die wir das Volk des Neuen Bundes sind. Wir machen uns nicht selbst. Die Kirche macht sich nicht selbst. Sie ist gestiftet von Jesus Christus. Sie ist die Neue Schöpfung erwirkt durch den hl. Geist. Steuermann ist Jesus Christus. Kompass ist sein Evangelium. Die Berufung des Gottesvolkes ist, Gottes Ruhm zu verkünden. Auch für die Kirche ist der Verkündigungsdienst zentral. Wo das Evangelium nicht mehr unverfälscht gelehrt wird, verfehlt die Kirche ihren zentralen Auftrag.

Ps 126
1 Ein Wallfahrtslied. Als der HERR das Geschick Zions wendete, da waren wir wie Träumende.
2 Da füllte sich unser Mund mit Lachen und unsere Zunge mit Jubel. Da sagte man unter den Völkern: Groß hat der HERR an ihnen gehandelt!
3 Ja, groß hat der HERR an uns gehandelt. Da waren wir voll Freude.
4 Wende doch, HERR, unser Geschick wie die Bäche im Südland!
5 Die mit Tränen säen, werden mit Jubel ernten.
6 Sie gehen, ja gehen und weinen und tragen zur Aussaat den Samen. Sie kommen, ja kommen mit Jubel und bringen ihre Garben.

Als Antwort auf die Lesung beten wir einen Wallfahrtspsalm. Er thematisiert u.a. den Beistand und die Rettung Gottes aus der Not.
Das „Geschick Zions“, das sich gewendet hat, ist die Not Israels, aus der Gott sein Volk geführt hat. Dies ist besonders eindrücklich mit dem Auszug aus Ägypten deutlich geworden sowie mit der Rückführung der Deportierten aus dem Babylonischen Exil zurück in die Heimat.
Die Leidenden, die endlich das Ende ihrer langen Leidensgeschichte schauen dürfen, sind wie Träumende, weil es kaum zu fassen ist. Kann diese unglaubliche Wende wirklich wahr sein? Gott hat in beiden Situationen wirklich Wege entstehen lassen, wo die Israeliten niemals einen Weg erahnt hätten. Bei Gott ist wirklich alles möglich!
Gottes Heilstaten erfüllen das Volk mit Lachen und Jubel. Gott ist es, der den Menschen wirklich glücklich machen kann. Freude ist eine Frucht des Hl. Geistes. Sogar die umliegenden Völker müssen zugeben, dass JHWH allmächtig ist. Wir dürfen diese Worte auf alle Getauften beziehen, die durch das Sakrament der Taufe aus dem Exil ihres Lebens die Chance auf die Rückkehr ins Paradies erhalten haben. Nach so langer Zeit ist der Menschheit wieder die Hoffnung geschenkt worden, nach dem Tod bei Gott sein zu dürfen. Wir, die wir Jesus in der Eucharistie schauen dürfen, sind wie Träumende. Ist das wirklich wahr, dass Gott sich so klein macht, dass wir ihn in einer Hostie sehen und ihn in uns aufnehmen dürfen? Das muss doch ein Traum sein, so schön ist das!
Doch es ist noch nicht der Himmel. Das Leiden geht weiter. Wir waren voll Freude, doch dann kommt der Alltag mit den Sorgen und Problemen, vor allem mit den Anfechtungen. Die Anfangseuphorie der Taufe verschwindet sehr schnell, wenn es um das nackte Überleben der Seele geht. Und dann ruft der Mensch nach Gottes Gnade und Beistand. Möge er doch wie damals das Geschick des Menschen wenden, denn dieses Leben bringt auch weiterhin Tränen. Das betrifft Israel, das ins verheißene Land kommt und allerlei Schwierigkeiten hat, sich zu etablieren. Das betrifft Israel auch nach der Rückkehr aus dem Exil. Wie schwer war es doch für die Israeliten, den Tempel wieder aufzubauen, die Städte wieder bewohnbar zu machen und wieder Erträge auf den Feldern zu erzielen! Der Weg dorthin war sehr steinig und das betrifft auch die Jünger Jesu. Nicht lange nach dem freudigen Pfingstereignis kamen die ersten Widerstände, als Petrus und Johannes im Tempel einen Mann geheilt haben. Sofort mussten die Apostel mit Verfolgungen und Angriffen, Feindseligkeiten und Verleumdungen umgehen. Für sie war das ganze restliche Leben ein steiniger Weg. Wie viele Tränen haben sie vergossen! Und auch für jeden Getauften bis heute ist es ein einziger Kreuzweg. Niemand hat gesagt, dass mit der Taufe alles himmlisch auf Erden ist. Dann beginnt der steinige und steile Anstieg zum Himmelreich erst so richtig! Wie sehr wird der Christ versucht, angegriffen, angefeindet von anderen Menschen, verleumdet sogar von den eigenen Familienmitgliedern und Freunden. Dieses Leben ist ein einziges Tal der Tränen, solange Gottlosigkeit herrscht. Doch wir leben in der Sehnsucht nach dem Ende der Zeiten, bei dem Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird, wie auch Jesaja sagt. Wir leben auch auf die Ewigkeit hin, die uns nach unserem irdischen Tod erwartet. Dann wird Gott die Tränen abwischen und ewige Freude schenken.

Phil 3
8 Ja noch mehr: Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt. Seinetwegen habe ich alles aufgegeben und halte es für Unrat, um Christus zu gewinnen

9 und in ihm erfunden zu werden. Nicht meine Gerechtigkeit will ich haben, die aus dem Gesetz hervorgeht, sondern jene, die durch den Glauben an Christus kommt, die Gerechtigkeit, die Gott schenkt aufgrund des Glaubens.
10 Christus will ich erkennen und die Macht seiner Auferstehung und die Gemeinschaft mit seinen Leiden, indem ich seinem Tod gleich gestaltet werde.
11 So hoffe ich, auch zur Auferstehung von den Toten zu gelangen.
12 Nicht dass ich es schon erreicht hätte oder dass ich schon vollendet wäre. Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin.
13 Brüder und Schwestern, ich bilde mir nicht ein, dass ich es schon ergriffen hätte. Eines aber tue ich: Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist.
14 Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.

Als zweite Lesung hören wir einen Ausschnitt aus dem Philipperbrief. Er passt insofern wie die Faust aufs Auge, weil die ganze Missionssituation in Philippi ebenfalls eine vermeintliche Sackgasse darstellte, inmitten derer Gott einen Weg gebahnt hat. Es handelt sich beim Philipperbrief um den am persönlichsten geschriebenen Paulusbrief. Paulus schrieb ihn in der Gefangenschaft in Rom, was uns immer wieder durch Anspielungen und Aussagen verdeutlicht wird. Philippi war die erste paulinische Gemeinde auf europäischem Boden, die er im Kontext der zweiten Missionsreise gegründet hat. Sein Aufenthalt wurde jäh unterbrochen, denn er wurde zusammen mit Silas ins Gefängnis geworfen. Dort sind spektakuläre Dinge geschehen, wie uns die Apostelgeschichte in Kapitel 16 berichtet. Auch wenn Paulus sein Wirken nicht auf gewünschte Weise zuende führen konnte, ist aus den Philippern eine lebendige Christengemeinde geworden. Gottes Umwege durch die Verhaftung sind zu Wegen des Heils geworden! Im heutigen Abschnitt geht es um biographische Elemente des Paulus. Er zeigt den Philippern an seinem Beispiel, wie das Wirken Gottes im Leben des Christen aussehen kann. Er berichtet davon, wie er als Jude aufgewachsen ist, zum Pharisäer ausgebildet wurde und die Christen verfolgt hat. Als er sich bekehrte, realisierte er, dass all seine Bemühungen in Wahrheit Schaden angerichtet haben. Er sagt im Vers unmittelbar vor unserem heutigen Abschnitt: „Doch was mir ein Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust gehalten.“ In Gottes Angesicht zeigen sich die wahren Verhältnisse und die einzig richtigen Prioritäten. Gott rückt alles ins rechte Licht. Er verfolgt diesen Gedanken noch weiter ab V. 8: Die Erkenntnis Christi Jesu überragt alles. Das knüpft an an die erste Lesung, in der wir bereits mit dem Gedanken konfrontiert wurden, dass Gottes Vorsehung unser Denken übersteigt. Er lässt Wege entstehen, wo wir keine erahnen, weil unser Denken beschränkt ist und wir unvollkommen sind. Paulus wendet dies nun christologisch. Christi Denken ist größer als unser Denken. Das ist absolut nachvollziehbar, wenn wir uns daran erinnern, dass Christus der fleischgewordene Logos ist, die Logik hinter allem, was existiert. Er ist die Logik schlechthin, die Vernunft und Ordnung. Dagegen ist unser korrumpiertes Denken „Unrat“, wie Paulus es hier drastisch ausdrückt. Paulus spricht über sein bisheriges Leben und die Wende, um zu zeigen: Unsere Gerechtigkeit ist Menschenwerk. Viel größer ist die Gerechtigkeit aufgrund der Gnade, die uns der Herr geschenkt hat. Während vor der Erlösung Jesu Christi die Torah aus eigener Kraft gehalten werden musste, ist den Menschen nun die Taufgnade geschenkt worden, durch die sie gerechtfertigt werden. Diese hat Christus durch den Tod und die Auferstehung erwirkt. Wer sich taufen lässt, wird Christus gleichgestaltet. Das erfüllt Paulus mit Hoffnung, denn er erwartet die vollkommene Auferstehung nach dem Tod. Das steht noch aus, denn Paulus deutet an, dass er noch nicht vollendet sei. Das betrifft anagogisch gesehen die leibliche Auferstehung nach dem Tod, aber auch moralisch gesehen die Vollkommenheit. Er ist noch unterwegs, gibt demütig zu, dass er ein Sünder ist. Er bemüht sich aber mit ganzer Kraft, da er sagt: „Aber ich strebe danach, es zu ergreifen, weil auch ich von Christus Jesus ergriffen worden bin.“ Das ist elementar: Wir streben danach, vollkommen zu lieben, weil wir zuerst geliebt sind. Wir versuchen, unserer Berufung zur Heiligkeit nachzukommen, weil uns die Rechtfertigung zuerst geschenkt ist. Wir bemühen uns darum, unsere Beziehung zu Gott stets aufrechtzuerhalten, weil er zuerst die Beziehung zu uns gesucht hat. Wir suchen Gott in unserem Leben, weil er uns zuerst gefunden hat.
Paulus schaut nicht mehr zurück. Er hat sein altes Leben zurückgelassen und er möchte auch nicht an seiner Sünde festhalten. Er weiß, dass der Herr ihm vergeben hat, und will sein restliches Leben wiedergutmachen, was er Christus angetan hat. Er schaut nach vorne in einer Haltung der absoluten Umkehr. So müssen auch wir sein, denn als Getaufte sollen wir nie vergessen, dass wir ja schon zur Neuen Schöpfung gehören. Wir können nicht leben wie die Alte Schöpfung. Und da wir auch als Getaufte fallen und sündigen, sollen wir täglich neu Ja zu ihm sagen, uns bekehren und nicht mehr auf gestern schauen. Wir sollen stets sagen: Von nun an möchte ich ein neues Leben führen, heiliger als gestern, mit größerer Liebe als zuvor, mehr an den Herrn gebunden als vorher.
Bei allem müssen wir ehrgeizig sein wie Paulus: Wie er müssen wir unser Ziel stets vor Augen haben und nach dem Siegespreis jagen. Wir dürfen uns nicht zurücklehnen und auf der Taufgnade ausruhen. Wir müssen was tun, nämlich alles, was in unserer Macht steht.

Joh 8
1 Jesus aber ging zum Ölberg.

2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.
3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte
4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.
5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6 Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.
10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?
11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Im Evangelium hören wir von einem Fall von Ehebruch. Jesus ist in Jerusalem und kommt am frühen Morgen in den Tempel, um dort das Volk zu lehren. Plötzlich kommen Schriftgelehrte und Pharisäer mit einer Frau zu ihm, die diesmal tatsächlich in flagranti beim Ehebruch erwischt worden ist. Sie haben nicht im Sinn, einen gerechten Gerichtsprozess einzuleiten, sondern ihnen geht es darum, die Frau zu instrumentalisieren. Ihre Absicht ist es, Jesus auf die Probe zu stellen. Sie kommen mit der „Mose-Keule“, die sie immer wieder schwingen, um Jesus in die Bredouille zu bringen. Sie sagen zu ihm: „Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“ Sie möchten ihn dazu bringen, sich gegen Mose zu stellen und so angreifbar zu werden. Jesus lässt sich von dieser ganzen Provokation und Intrige aber überhaupt nicht beeindrucken. Stattdessen tut er etwas auf den ersten Blick Befremdliches: Er bückt sich und schreibt etwas auf die Erde. Wir müssen uns an dieser Stelle wieder daran erinnern, dass Jesus nie, wirklich nie etwas sagt oder tut, das nicht einen tieferen Sinn hat. Er nimmt diese Geste also vor, damit die Menschen sie als Signal erkennen. Es handelt sich also um eine prophetische Zeichenhandlung!
Vor dem Hintergrund der Schriften der Juden (unserem Alten Testament) fallen uns gleich mehrere Bibelstellen ein, in denen diese Geste erklärt wird. Erstens denken wir an Jeremia 17,13: „Alle, die dich verlassen, werden zuschanden. Die sich von mir abwenden, werden in den Staub geschrieben, denn sie haben den HERRN verlassen, den Quell lebendigen Wassers.“ Jesus kündigt somit ein Gerichtsurteil Gottes an! Dieser schreibt jene in den Staub, die sich von seinem Willen entfernt haben. Dies soll den Umstehenden zunächst als Warnung gelten. Es ist noch nicht zu spät, umzukehren. Jesus ist Gott und ruft allen Anwesenden dazu auf, umzukehren. Dieses Signal sollte den Pharisäern und Schriftgelehrten eigentlich als erstes auffallen, da sie sich mit der Schrift ja besonders gut auskennen. Sie sollten auch die Ersten sein, die an Gen 3,19 denken, wo Gott dem Menschen nach dem Sündenfall sagt: Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ JEDER Mensch ist von der Sünde betroffen. Alle Menschen neigen zum Bösen und können nicht sagen, dass sie von der ersten Sünde des Menschenpaares unberührt geblieben sind.
Doch eben jene, die diesen Code verstehen sollten, bleiben verständnislos. Sie haken vielmehr hartnäckig nach.
Und so richtet Jesus sich auf und sagt es nochmal mit deutlichen Worten: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Nicht nur die Worte an sich werden sie tief getroffen haben, sie werden es mit seiner Geste zusammengebracht haben, die er nach diesem einen Satz weiter fortgesetzt hat. Und so geht ein Ältester nach dem Anderen fort und lässt den Stein fallen, den er in der Hand gehalten hat, bereit zum Wurf. Sie entfernen sich beschämt, weil sie erstens ihre eigene Schuldhaftigkeit erkannt, zweitens eine öffentliche Entehrung befürchtet haben.
Am Ende steht die beschuldigte Ehebrecherin alleine bei Jesus. Er richtet sich nach einiger Zeit auf und fragt sie: „Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?“ Er sagt es, damit sie antwortet: „Keiner, Herr.“ Sie soll sehen, dass sie nicht die einzige ist, die sündigt. Zugleich soll es aber nicht heißen, dass ihre Sünde relativiert wird. Jesus verharmlost die Sünde nie. Er sagt zu ihr: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Jesus hat ihr die Schuld vergeben und an ihr barmherzig gehandelt. Er sagt ihr aber auch, dass sie ausgehend von dieser zweiten Chance von nun an ein Leben nach Gottes Geboten führen soll. So spricht Jesus auch zu uns, wenn wir voller Reue und aufrichtig zu ihm kommen im Sakrament der Beichte: Ich verurteile dich nicht. Gehe und sündige von nun an nicht mehr! Welch große Barmherzigkeit dürfen wir immer wieder erfahren! Gott liebt uns und er möchte nicht, dass wir verloren gehen. Unser Part ist es, immer wieder von unseren Sünden umzukehren, von denen auch wir nicht verschont sind. Wir sind als getaufte Christen von der Erbsünde zwar erlöst, doch die Folgen dieser Sünde sind noch da. Wir neigen immer noch zum Bösen und müssen deshalb immer wieder zum Herrn umkehren. Auch in unserem Fall schreibt Jesus in den Sand, damit an uns der Appell ergeht: „Kehr um, bevor es zu spät ist!“ Er schreibt zugleich unsere Sünden in den Sand, damit der Wind sie wegtrage, der Wind des Hl. Geistes, durch den wir in den Stand der Gnade zurückversetzt werden im Sakrament der Versöhnung! In Stein ist dagegen nur eines geschrieben – die Gebote Gottes. Sie bleiben auf ewig bestehen und ändern sich nicht, auch nicht durch menschliche Argumentationen hochkarätiger Theologen und die neuesten humanwissenschaftlichen Erkenntnisse.
Wie soll man diese Episode richtig verstehen? Schließlich hat Jesus gegen das mosaische Gesetz gehandelt! Wie bei der Frage nach der Ehescheidung kommen die Pharisäer und Schriftgelehrten mit einem mosaischen Gesetz zu ihm. Wie auch dort geht Jesus noch weiter zurück, nämlich zur Genesis, um nicht Mose zu zitieren, sondern Gott selbst. Dieser hat selbstverständlich eine höhere Autorität als Mose. Zu Jesu Zeit gibt es in der jüdischen Gelehrsamkeit die Tendenz, innerhalb der Torah unterschiedliche Prioritäten zu setzen. Und Jesus liegt ganz auf dieser Linie, wenn er eben jene Priorisierung vornimmt: Es heißt in dieser jüdischen Tradition, dass Gottes Gebote die höchste Priorität haben, das heißt die Zehn Gebote, die Mose den Berg hinuntergebracht hat. Und als die Israeliten dann das Goldene Kalb angebetet haben, musste Mose noch weitere Gebote erlassen, weil er merkte, dass das Volk nicht so weit war, die Zehn Gebote richtig umzusetzen. So erließ er die vielen weiteren Gebote, die natürlich auch sehr hohe Autorität besitzen, aber eben NACH dem Dekalog kamen. Jesus plädiert bei den Fallen, für die die Pharisäer ständig das mosaische Gesetz missbrauchen, immer wieder auf den Anfang, auf die Genesis, auf die Zehn Gebote, auf die Gottesreden, die uns aus den fünf Büchern Mose bekannt sind. Er stellt die Prioritäten wieder richtig. Es ist also nicht Gesetz gegen Gesetz („Steinige die Ehebrecherin“ gegen „Du sollst nicht töten“), sondern die Überbietung des mosaischen Gesetzes durch Gottes eigene Worte. Und das ist der entscheidende Stichpunkt: Gott selbst hat vorgegeben, was wir tun sollen. Und diese Vorgaben sind überzeitlich. Es spielt keine Rolle, ob wir uns zur Zeit des Babylonischen Exils befinden, zur Zeit der Fremdherrschaft der Römer oder im Jahr 2022. Jesu Denken übersteigt das menschliche Denken. Was Paulus sagt, trifft auch auf die Szene des Evangeliums zu: Gegen Christi Weisheit ist das Denken der Menschen Unrat. Inmitten der unausweichlich erscheinenden Situation hat Christus der Ehebrecherin einen Weg durch die Wüste angelegt, einen Fluss mitten durchs Ödland. Ihr ist ein neues Leben geschenkt worden. Christus hat ihr dies ermöglicht, aber es ist nun an ihr, wie Paulus zu denken: nicht mehr zurückzuschauen und von nun an sich nach dem Herrn auszustrecken. Sie soll auch das beherzigen, was wir bei Jesaja gehört haben: Denk nicht mehr an das, was früher war.

Gott ist barmherzig. Er schreibt die Sünde in den Sand, aber die Gebote, die uns in die himmlische Heimat tragen, in den Stein. Er möchte auch uns die Schuld vergeben und uns zusagen: Denk nicht mehr an das, was früher war. Ich möchte dir ein neues Leben schenken, einen Weg in der Sackgasse eröffnen, die Dürre deines Lebens mit Leben füllen. Ich will alles neu machen, lass dich erneuern. Jetzt ist die Zeit für uns, zu ihm zu kommen und ihm den Willen zu zeigen, dass wir uns erneuern lassen wollen. Jetzt ist die Zeit, umzukehren und unsere Sünden zu bereuen. Denken wir nicht, dass wir so schlimme Menschen sind, dass Gott uns nie vergeben könnte. Denken wir nicht, dass unsere Sünden zu groß sind, als dass Gott sie vergeben kann. Denken wir nicht, dass unser Leben zu verworren ist, wir zu viel Schaden angerichtet haben, zu weit von Gott weggekommen sind, dass er uns nicht finden und alles wieder in Ordnung bringen kann. Gott kann alles, er sieht alles, er kann auch das dunkelste Herz wieder zum Leuchten bringen. Glauben wir an seine Allmacht und Barmherzigkeit.

Ihre Magstrauss

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