Unsere liebe Frau von Loreto

Heute begehen wir einen relativ neuen, nichtgebotenen Gedenktag, der erst 2019 per Dekret eingeführt worden ist. An diesem Tag gedenken wir unserer lieben Frau von Loreto, verbunden mit dem italienischen Wallfahrtsort Loreto, wo sich der Überlieferung nach Marias Haus aus Nazaret befindet. Anhand dieses „Heiligen Hauses“, wie es genannt wird und über das eine Basilika errichtet worden ist, können wir Maria und ihre heilsgeschichtliche Bedeutung auf ganz neue Weise kennenlernen. Gerne teile ich mit Ihnen, was Michael Hesemann darüber schreibt:

„Das Heilige Haus, so behauptet die Legende von Loreto, hätten Engel aus Nazareth in die Marken getragen. 1291, als die letzte Bastion der Kreuzfahrer im Heiligen Land fiel und die Ungläubigen über die christlichen Heiligtümer herfielen, hoben sie es aus den Ruinen der halbzerstörten Verkündigungsbasilika, die über ihm erbaut worden war, und brachten es zunächst nach Tersato oberhalb von Rijeka in Kroatien. Doch die Kroaten erwiesen sich als dieses Gottesgeschenkes nicht würdig, behauptet die Legende. Als sie begannen, mit dem Besitz des Heiligen Hauses zu prahlen, missfiel das den Engeln so sehr, dass sie es nach nur dreieinhalb Jahren, am 9. Dezember 1294, wieder forttrugen – dieses Mal auf die andere Seite der Adria, in die Nähe von Recanati. Zur Erinnerung an das Wunder und zur Verehrung einiger Steine, die übriggeblieben waren, errichteten die Kroaten eine maßstabsgerechte Kopie des Heiligen Hauses, die im Laufe der Jahrhunderte zum wichtigsten Marienheiligtum des Landes wurde: Papst Johannes Paul II. besuchte es 2003 auf seiner hundertsten Auslandsreise. Noch in derselben Nacht, kurz nach Mitternacht am 10. Dezember 1294, soll sich bei Recanati Unglaubliches zugetragen haben: „Als tiefes Schweigen alles gefangenhielt und die Nacht in ihrem Lauf die Mitte erreicht hatte, umleuchtete ein Licht vom Himmel die Augen vieler, dich sich nahe am Ufer des Adriatischen Meeres befanden, und eine süßtönende Harmonie von Singenden trieb die Schlaftrunkenden und Müden an, das Wunder zu schauen“, übersetzt Gottfried Melzer eine alte Niederschrift der Legende, „und sie sahen und schauten ein Haus von hellem Glanz umflossen, das von Engeln gestützt und durch die Luft getragen wurde.“ So lief die halbe Stadt zusammen und wurde Zeuge, wie die Engel das Heilige Haus im nahegelegenen Wald von Laureta abstellten. Weil der Wald zu unsicher war, wurde es ein weiteres Mal versetzt, ein viertes Mal, weil sich die Landbesitzer um Opferspenden stritten. Schließlich erhielt es mitten auf einer Straße, die ans Meer führte, seinen endgültigen Standort. Doch diese Legende, so wunderschön sie auch ist, hat einen Haken; sie ist nämlich nicht zeitgenössisch bezeugt. Der früheste Bericht, in dem von einer so wundersamen Überführung des Heiligen Hauses die Rede ist, stammt von einem Aufseher des Heiligtums namens Pier Giorgio Tolomei, genannt Teramano…So zeigen auch die frühesten Darstellungen des Heiligen Hauses, wie es auf einem Schiff das Mittelmeer überquert…Doch ist es möglich, dass die Legende einen historischen Kern hat? Tatsache ist, dass Nazareth-Pilger seit dem 6. Jahrhundert explizit ein Marienhaus erwähnten, in dem auch Gewandreliquien der hl. Jungfrau verehrt wurden…Dass tatsächlich etwas an der – zugegeben phantastischen – Geschichte des Heiligen Hauses dran sein könnte, stellten die Baumeister bereits 1531 fest, als sie die Stützmauer aus Ziegeln entfernten, die seine ursprünglichen Mauern umgab. Sie allein beweist, welch große Verehrung den ursprünglichen Wänden des Heiligen Hauses bereits im frühen 14. Jahrhundert entgegengebracht wurde und dass die Bewohner von Recanati keinen Aufwand scheuten, um sie zu sichern und zu erhalten…

Einige Indizien bei der Untersuchung des Hauses:

-Das Haus steht ohne Fundament auf einer mittelalterlichen Straße.
-Es ist nicht wie in der Region und Zeit üblich aus Ziegelsteinen, sondern aus unbearbeiteten Natursteinen (Bauweise des Hl. Landes).
-Das verwendete Gestein und der Mörtel sind identisch mit einer Probe aus Nazaret (nachgewiesenes Natriumkarbonat mit Eiseneinschüssen).
-Es gibt Bearbeitungsspuren im Zickzackmuster, das typisch für die Steinmetzkunst der Nabatäer ist und zur Zeit des Herodes nach Israel kam.
-Es wurden Stoffkreuze gefunden, die Kreuzfahrer zum Dank an einer der heiligen Stätten des Hl. Landes zurückließen.
-Es wurden Worte von Pilgern in die Wände geritzt, die auf Hebräisch oder Griechisch sind, jedoch keine lateinische oder italienische Inschrift. Sie sind vergleichbar mit den Pilgergraffiti in Jerusalem und Nazaret (z.B. an der Verkündigungsbasilika).

Hesemann erklärt sodann, wie man den „Häuserflug“ durch Engel erklären kann. Es gibt die Theorie, dass die byzantinische Adelsfamilie der Angeloi für die Überführung des Heiligen Hauses verantwortlich sein könnte. Ich zitiere Hesemann im Folgenden:

War sie für die Überführung des Heiligen Hauses verantwortlich? Wurden die heiligen Steine vielleicht im Hafen von Rijeka zwischengelagert, bevor sie an ihren endgültigen Bestimmungsort gebracht wurden? Nutzten die Kroaten die Gelegenheit, um einige Steine quasi als Zoll einzubehalten und nach den Maßstäben des Heiligen Hauses ihr eigenes Marienheiligtum zu bauen, bevor das Schiff ihren Hafen wieder verließ? Oder bezog sich die Legende nur darauf, dass die kostbare Reliquie halt drei Jahre lang, nach ihrer Bergung aus Nazareth 1291, irgendwann im antiken Illyrien verblieb?

Wenn man diesen Pilgerort besucht, wird man eingetaucht in das Leben der Gottesmutter in Nazaret. Es hilft, tiefer in das Geheimnis der Erlösung zu schauen, die ihren Anfang mit dieser einfachen Jungfrau aus Nazaret ihren Anfang nahm. Auch die Lauretanische Litanei ist nach diesem Wallfahrtsort benannt. In der Altarnische des Heiligen Hauses steht die Schwarze Madonna. Zunächst wurde dort eine Ikone der Maria verehrt, die vom ständigen Rauch der Kerzen unkenntlich wurde. Anfang des 16. Jahrhunderts wurde die Ikone deshalb durch eine Statue aus rotem Tannenholz ersetzt, die mit brauner Farbe übertüncht war; durch den Rauch der vielen Öllampen, die Tag für Tag brannten, wurde sie ganz schwarz. 1921 wurde diese Statue durch einen Brand zerstört, 1922 durch eine neue aus Zedernholz vom Libanon ersetzt und ebenfalls mit dunkler Farbe übertüncht.

Für den Gedenktag sind eigene Schrifttexte vorgesehen. Da wir am vergangenen Hochfest der Unbefleckten Empfängnis bereits dasselbe Evangelium betrachtet haben, möchte ich heute auf die Lesung aus dem Buch Jesaja eingehen:

Jes 7
10 Der HERR sprach weiter zu Ahas und sagte:
11 Erbitte dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, tief zur Unterwelt oder hoch nach oben hin!
12 Ahas antwortete: Ich werde um nichts bitten und den HERRN nicht versuchen.
13 Da sagte er: Hört doch, Haus Davids! Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet?
14 Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.
10 Macht einen Plan! Er wird vereitelt. / Verabredet eine Sache, sie kommt nicht zustande. / Denn Gott ist mit uns.

Passend zum Gedenktag unserer lieben Frau von Loreto hören wir von König Ahas und Jesaja, der dem ängstlichen und an Gottvertrauen mangelnden König eine große Verheißung macht.
Lesen wir diese Verheißung zunächst einmal historisch und betrachten auch den Kontext dieses Ausschnitts. König Ahas von Juda sieht sich von seinen Feinden bedroht, die gegen ihn Krieg führen wollen. Jesaja übermittelt ihm die Zusage Gottes, dass er sich nicht fürchten muss. Die geplante Bekämpfung Judas und Ersetzung des Königs durch den Sohn Tabeals wird nicht zustande kommen, so lässt Gott Aram sagen. In der sukzessiven Eroberung des Nordreichs und der wachsenden Bedrohung Judas wendet Gott die Gefahr ab, doch Ahas lässt es kalt. Er glaubt Gott nicht und ist immer noch ängstlich. Gott fordert ihn dann auf, um ein Zeichen zu bitten. Gott ist bereit, dem König von Juda seine Pläne zu offenbaren. Dieser lehnt das Angebot zunächst ab, was Gott dennoch nicht davon abhält, ihm durch Jesaja die Botschaft zu vermitteln. Und nun kommt dieser Vers, den wir absolut messianisch weiterdenken und auf Jesu Menschwerdung beziehen: Die Jungfrau wird ein Kind empfangen, in der neuen Einheitsübersetzung „hat empfangen“ und wird ihm den Namen Immanuel geben. Dieses Kind wird es verstehen, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. So heißt es im weiteren Verlauf. Historisch gesehen könnten die Juden im Nachhinein die Ankündigung König Hiskijas, den Sohn des Ahas, erkannt haben. Er war ein frommer König, der es wirklich verstand, das Richtige zu tun im Gegensatz zu seinem Vater. Und doch können wir bei dieser Leserichtung nicht stehen bleiben. Schon allein die Prophezeiung einer Jungfrau lässt weiterdenken: Hier steht im Hebräischen das Wort הָעַלְמָ֗ה  ha’alma „die Jungfrau“, was ein junges Mädchen im heiratsfähigen Alter meint. Natürlich ist eine alma biologisch gesehen dann auch eine Jungfrau! Dies wird im griechischen AT deshalb mit ἡ παρθένος übersetzt, was ganz eindeutig „Jungfrau“ heißt. Hier wird ein übernatürlicher Zeugungsvorgang angekündigt, von dem wir bei Hiskija noch nicht lesen. Dass es sich um einen übernatürlichen Vorgang handelt, erkennen wir nicht nur an dem Begriff der Jungfrau, sondern auch an dem Verb „hat empfangen“ in der Perfektform, die korrekter ist als die in der alten Einheitsübersetzung gewählte Futurform. Denn wenn man bereits empfangen hat, ist man schwanger. Eine Jungfrau, die aber schwanger ist, das ist unmöglich! Dann wird die Jungfrau mit einem bestimmten Artikel angegeben. Sie ist bekannt!
So wie durch die Geburt Hiskijas die davidische Dynastie am Leben erhalten wurde, wird durch Jesus, dem Sohn Davids, die Genealogie der neuen Schöpfung eingeleitet, der wir durch die Taufe angehören. Und das Zeichen der Menschwerdung Christi wird zum größten Zeichen Gottes aller Zeiten. Er wird wahrlich der Immanuel sein, Gott, der mit uns ist. Dies hat er bereits im Dornbusch durch den Namen Jahwe verheißen und nun mit dem Messias noch einmal bestätigt. Jesus wird auch am Ende seines Wirkens vor der Himmelfahrt noch einmal bekräftigen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ So ist Gott.

Diese Jungfrau ist in Nazaret geboren und aufgewachsen. Das Haus von Loreto ist eine Weg, diese Jahre in der Geborgenheit des Elternhaus nachzuempfinden. Hier nahm das Zeichen, das Gott mit dieser Jungfrau erwirken wollte, seinen Anfang. Die Zeichenhaftigkeit rund um Maria setzt sich mit dem Haus fort und durch die vielen Gnadenorte auf der Welt bleibt Gottes Botschaft, die wir nie vergessen sollen: Für Gott ist nichts unmöglich.

Hier die Lesungen des Tages: https://magstrauss.com/2021/12/11/samstag-der-zweiten-adventswoche-2/

Ihre Magstrauss

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