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Samstag der 31. Woche im Jahreskreis

Phil 4,10-19; Ps 112,1-2.5-6.8au. 9; Lk 16,9-15

Phil 4
10 Ich habe mich im Herrn besonders gefreut, dass ihr eure Sorge für mich wieder einmal entfalten konntet. Ihr hattet schon daran gedacht, aber es fehlte euch die Gelegenheit dazu.

11 Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mich in jeder Lage zurechtzufinden:
12 Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung.
13 Alles vermag ich durch den, der mich stärkt.
14 Doch ihr habt recht daran getan, an meiner Bedrängnis Anteil zu nehmen.
15 Ihr wisst selbst, ihr Philipper, dass ich beim Beginn der Verkündigung des Evangeliums, als ich aus Mazedonien aufbrach, mit keiner Gemeinde durch Geben und Nehmen verbunden war außer mit euch
16 und dass ihr mir auch in Thessalonich und auch sonst das eine und andere Mal etwas geschickt habt, um mir zu helfen.
17 Es geht mir nicht um die Gabe, es geht mir um den Gewinn, der euch mit Zinsen gutgeschrieben wird.
18 Ich habe alles empfangen und habe Überfluss; ich lebe in Fülle. Mir fehlt nichts mehr, seit ich von Epaphroditus eure Gaben erhielt, einen Wohlgeruch, eine angenehme Opfergabe, die Gott gefällt.
19 Mein Gott aber wird euch durch Christus Jesus alles, was ihr nötig habt, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken.

In der Lesung hören wir aus dem letzten Kapitel des Philipperbriefes letzte Ermahnungen des Apostels. Paulus spricht sehr persönlich, denn er bringt seine eigene Situation ein: „Ich weiß Entbehrungen zu ertragen“ – ja, er sitzt zu jener Zeit im Gefängnis und dies nicht zum ersten Mal. Immer wieder wurde er festgenommen und erlitt dort natürlich einen großen Mangel – in erster Linie an Freiheit. Auch die vielen Reisen sind zu nennen, in denen er vieles entbehrt hat und krank wurde, fasten musste und viele Kilometer zurückgelegt hat. Oft hatte er nicht genug, aber er behielt seine innere Freude bei allem. Das ist der entscheidende Punkt, den er hier herausstellen möchte. Er findet sich in jeder Lage zurecht, weil er den Herrn im Herzen trägt. Deshalb ist es „egal“, ob er satt ist oder hungrig, in Überfluss hat oder im Mangel. Er weiß, dass er nicht allein ist und Christus ihn nie im Stich lässt. Dieser gibt ihm Kraft. Wohl verdeutlicht er dies, weil die Philipper ihm gegenüber großes Mitleid gezeigt haben. Er ist dankbar für ihre Sorge, die sie ihm wieder entfaltet haben, wie er am Anfang der Lesung andeutet. Vielleicht ist dem Philipperbrief ein Gemeindebrief vorausgegangen, in dem die Philipper ihm gegenüber Trauer über seinen Gefängnisaufenthalt gezeigt haben. Er scheint sie zu trösten damit, dass er trotz Gefangenschaft froh ist. Dennoch schätzt er es, dass die Gemeinde sich mit ihm verbunden fühlt. Sie haben offensichtlich alles getan, um ihn irgendwie zu unterstützen, selbst wenn er gar nicht mehr in Philippi war. Wohl haben sie für ihn gesammelt und Gaben zukommen lassen. Er sagt, dass es ihnen als „Zinsen gutgeschrieben wird.“ Wir müssen es so verstehen, dass er es ihnen nicht materiell zurückzahlen wird, sondern Gott es ihnen mit überreicher Gnade vergelten wird. Das Gute, das sie getan haben, wird ihnen in Form von Segen zugeschrieben – schon auf Erden, umso wie viel mehr in der Ewigkeit!
Vers 18 lässt durchblicken, dass die Gaben, die ihm zuteilgeworden sind, wohl auch in Form von Opfern bereitgestellt worden sind. Der Wohlgeruch könnte sich auf Weihrauch beziehen, wenn er mehr als bildhaft gemeint ist. Die Rede von der Opfergabe bezieht sich also entweder im übertragenen Sinne auf die guten Taten der Philipper, die gleichsam eine Opfergabe vor Gott ist, durch die er ihnen Gnade zukommen lässt, oder es ist wörtlich zu verstehen. Von Epaphroditus, der die Gaben ins Gefängnis gebracht hat, ist bekannt, dass er ein Geistlicher war. Die Philipper haben also vielleicht Messen für Paulus in Auftrag gegeben!
In Vers 19 erklärt Paulus, dass auch die Philipper in jeglicher Lebenslage den „Reichtum seiner Herrlichkeit“ empfangen werden und Gott ihnen alles Nötige verleihen wird. Er wird auch ihnen andere Menschen schicken, die sie unterstützen, ihnen die Kraft verleihen, in Bedrängnissituation standhaft zu bleiben und in verwirrenden Situationen am Glauben festzuhalten.

Ps 112
1 Halleluja! Selig der Mann, der den HERRN fürchtet und sich herzlich freut an seinen Geboten.

2 Seine Nachkommen werden mächtig im Land, das Geschlecht der Redlichen wird gesegnet.
5 Glücklich ein Mann, der gnädig ist und leiht ohne Zinsen, der nach dem Recht das Seine ordnet.

6 Niemals gerät er ins Wanken; ewig denkt man an den Gerechten.
8 Sein Herz ist getrost, er fürchtet sich nicht, er wird herabschauen auf seine Bedränger.

9 Reichlich gibt er den Armen, seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer, seine Macht steht hoch in Ehren.

Heute beten wir einen Makarismus, eine Seligpreisung des Gottesfürchtigen im Psalm.
Selig zu preisen ist jener, der gottesfürchtig ist und an Gottes Geboten Gefallen hat. Im Hebräischen steht dort wörtlich „und die Gebote sehr wünscht“. Das Wünschen steht hier im Partizip und betont die anhaltende Sehnsucht nach Gottes Geboten, also ein Leben lang.
Wer so eingestellt ist, hat Segen von Gott. Dies wird anhand der typischen Segensindizien ausgedrückt: zahlreiche Nachkommen (Vers 2), Wohlstand und Reichtum (Vers 3, den wir heute nicht beten), bestehende Gerechtigkeit (Vers 3, heute auch nicht vorgesehen).
Diesen Segen Gottes stellt Paulus ja in der Lesung den Philippern in Aussicht.
Der Mensch soll barmherzig sein wie Gott im Himmel. Dies zeigt sich konkret z.B. an dem Verleih ohne Zinsen (Vers 5). So zu sein macht glücklich, weil man dann der Habgier nicht so schnell verfällt, die einen beherrschen und einschränken kann. Vor Gott ist so ein Mensch gut (dort steht טֹֽוב tov, „gut“), also gerecht. Paulus dagegen spricht von Zinsen – aber jene, die Gott dem Menschen zuteilwerden lässt! Er ist der einzige, der mit „Zinsen“ zurückzahlt – der immer mehrfach zurückgibt, wenn der Mensch ihm zuvor alles überlässt.
Der Psalm ist ein Zeugnis dafür, wie jemand gottesfürchtig ist – nicht nur durch „Herr, Herr“-Bekenntnis, sondern gerade auch durch barmherziges Handeln.
Wenn es dann in Vers 6 heißt „ewig denkt man an den Gerechten“, ist das auch ein Ausdruck von Segen. Das Vergessen des Namens durch die nachfolgenden Generationen ist nämlich ein Fluch und Zeichen des Todes. Dass man dagegen im Namen weiterbesteht, ist Zeichen des Wohlwollens Gottes. Deshalb ist es wichtig bei den Juden, Anamnese zu betreiben, über die Väter zu sprechen, die vergangenen Zeiten im Gespräch wieder aufleben zu lassen. So werden die Verstorbenen nie aus dem Blick geraten. Deshalb gehört die Erzählung vom Exodus auch zum Ritus des Sederabends dazu – bis heute.
Wer ein untadeliges Leben führt, muss auch keine Angst vor übler Nachrede oder bösen Gerüchten haben („böser Kunde“), da er sich nichts hat zuschulden kommen lassen. Er vertraut auf Gott, weil er vor ihm gerecht ist. Die üble Nachrede fällt auf den Feind zurück, weshalb es hier heißt, dass „er (…) auf seine Bedränger [hinabschauen wird].“ Und auf das gerechte Leben folgt die Macht „hoch in Ehren“. Gott verleiht denen Macht, die gerecht und barmherzig leben, nicht denen, die nach Macht streben. So ist es auch mit Reichtum: Gott schenkt jenen viel, bei denen er erkennt, dass sie daran nicht hängen und es gar nicht anstreben. Die dagegen reich sein wollen um des Reichtums willen, wird er ihn nicht schenken. Habgier und falscher Umgang sind vorprogrammiert.

Lk 16
9 Ich sage euch: Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es zu Ende geht!
10 Wer in den kleinsten Dingen zuverlässig ist, der ist es auch in den großen, und wer bei den kleinsten Dingen Unrecht tut, der tut es auch bei den großen.

11 Wenn ihr nun im Umgang mit dem ungerechten Mammon nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das wahre Gut anvertrauen? 12 Und wenn ihr im Umgang mit dem fremden Gut nicht zuverlässig gewesen seid, wer wird euch dann das Eure geben?
13 Kein Sklave kann zwei Herren dienen; er wird entweder den einen hassen und den andern lieben oder er wird zu dem einen halten und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.
14 Das alles hörten auch die Pharisäer, die sehr am Geld hingen, und sie lachten über ihn.

15 Da sagte er zu ihnen: Ihr stellt euch selbst vor den Menschen als gerecht hin; aber Gott kennt eure Herzen. Denn was die Menschen für großartig halten, das ist vor Gott ein Gräuel.

Der Psalm führt uns schon zum Evangelium, bei dem Jesu gestrige Worte weitergeführt werden und bei denen es um den rechten Umgang mit Besitz geht.
„Macht euch Freunde mit dem ungerechten Mammon“ meint, dass auch wenn Geld stinkt (wie gesagt ungerecht ist), man es instrumentalisieren muss zum Wohle des Reiches Gottes. Jesus möchte, dass die Jünger sich eine Scheibe abschneiden vom ungerechten und schlitzohrigen Verwalter des gestrigen Evangeliums. Sie sollen diese „Klugheit“ bei der Verwaltung seiner Güter an den Tag legen. Jesus traut den Geistlichen der Kirche zu, dass wenn er sie mit seinen geistlichen Vollmachten ausstattet, sie diese nach eigenem Ermessen verwalten können.
Und der Umgang mit dem Geld, das ja ein weltliches Gut ist, das zugleich aber für das Reich Gottes nützlich ist, soll die „Generalprobe“ einer richtigen Verwaltung darstellen. Wer schon nicht mit diesem weltlichen Gut verantwortungsvoll umgeht, kann umso weniger mit den übernatürlichen Gütern, den Heilsmitteln der Kirche, umgehen. Wer aber zuverlässig mit dem „ungerechten Mammon“ umgegangen ist, dem wird Gott das übernatürliche Gut nicht vorenthalten.
Zuverlässig verwalten tun jene den ungerechten Mammon, die ihr Herz daran nicht verlieren, der Habgier keine Chance gegeben und Gott an die erste Stelle gestellt haben. Man kann nicht zwei Herren dienen. Im Herzen ist nur Platz für einen – Gott oder den Mammon.
Jesus spricht über den rechten Umgang mit dem Geld, weil solche Menschen anwesend sind, auf die diese Worte besonders zutreffen. Die Pharisäer lachen nur über Jesu Worte, statt betroffen zu sein und in sich zu gehen.
Jesus sieht in ihre Herzen, die so voll sind vom ungerechten Mammon. So sagt er zu ihnen: „Gott kennt eure Herzen.“ Das müssen wir ganz an uns heranlassen. Lassen wir uns von diesen Worten auch heute ansprechen! Gott kennt auch unsere Herzen! Und wenn dort alles voll ist mit dem, was für ihn ein Gräuel ist, dann ist für ihn kein Platz mehr. „Was die Menschen für großartig halten“ meint dasselbe wie an anderer Stelle die Rede vom Schatz: „Denn wo dein Schatz ist, da ist auch dein Herz“. Gott ist aber ein eifersüchtiger Gott. Er möchte unsere ganze Liebe. Deshalb tut er alles, damit wir diese schädlichen Gräuel aus unseren Herzen verbannen. Er ist sogar Mensch geworden, um in Jesus Christus die Menschen direkt anzusprechen. Doch was tun die Angesprochenen? Sie lachen.

Gebe Gott uns, dass wir ihn nicht auslachen, wenn er uns anspricht, wenn er vielleicht durch andere Menschen zu uns vordringen möchte. Lassen wir uns von Gott belehren, denn er möchte unser Heil. Wie können wir seine Gnade und seinen Segen empfangen wie die Philipper, wenn unser Herz voll von Gräuel ist? Geben wir vielmehr von Herzen jenen, die bedürftig sind. Hängen wir nicht an den irdischen Gütern, sondern gehen wir zuverlässig mit ihnen um. Bewahren wir unsere Herzen, damit der Platz ganz Gott zur Verfügung steht. So werden wir wirklich reich beschenkt und erhalten am Ende die Herrlichkeit des Himmels.

Ihre Magstrauss

Freitag der 31. Woche im Jahreskreis

Phil 3,17 – 4,1; Ps 122,1-3.4-5; Lk 16,1-8

Phil 3
17 Ahmt auch ihr mich nach, Brüder und Schwestern, und achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt!
18 Denn viele – von denen ich oft zu euch gesprochen habe, doch jetzt unter Tränen spreche – leben als Feinde des Kreuzes Christi.
19 Ihr Ende ist Verderben, ihr Gott der Bauch und ihre Ehre besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn.
20 Denn unsere Heimat ist im Himmel. Von dorther erwarten wir auch Jesus Christus, den Herrn, als Retter,
21 der unseren armseligen Leib verwandeln wird in die Gestalt seines verherrlichten Leibes, in der Kraft, mit der er sich auch alles unterwerfen kann.
1 Darum, meine geliebten Brüder und Schwestern, nach denen ich mich sehne, meine Freude und mein Ehrenkranz, steht fest im Herrn, Geliebte!

In der heutigen Lesung spricht Paulus von der himmlischen Heimat der Christen. „Ahmt auch ihr mich nach“ ist kein arroganter Ausdruck des Apostels, sondern bezieht sich auf Paulus absolute Bemühungen. Einige Verse zuvor sagte er: „Ich vergesse, was hinter mir liegt, und strecke mich nach dem aus, was vor mir ist. Das Ziel vor Augen, jage ich nach dem Siegespreis: der himmlischen Berufung Gottes in Christus Jesus.“ Diesen Ehrgeiz müssen auch die Philipper an den Tag legen. Sie sollen so laufen, dass sie gewinnen. Sie sollen sich nicht mit dem Durchschnitt zufrieden geben. 100% Bemühung, 100% Gnade Gottes. Sie sollen jedesmal vollständig umkehren und nicht mehr auf ihr altes Ich zurückblicken, damit sie die Ewigkeit vor Augen haben. Das ist es, was die Philipper nachahmen sollen.
„Achtet auf jene, die nach dem Vorbild leben, das ihr an uns habt!“ ist ein Zusatz, der auch für uns heute sehr wichtig ist: Wenn wir ein so anspruchsvolles Ziel wie die Ewigkeit vor uns haben, dann hilft es sehr, gute Vorbilder zu beachten, die dasselbe Ziel verfolgen. Ihr Vorbild motiviert und ermutigt. Das sind die Heiligen, die uns entweder vorausgegangen sind oder die mit uns leben! Ihre Heiligkeit spornt an. Es ist also wichtig, mit wem man sich abgibt. Unsere Bezugspersonen sollten jene sein, die zur Heiligkeit berufen sind. Haben wir einen schlechten Einfluss, wird uns das Ziel der Ewigkeit sonst erschwert. Es wird sogar unmöglich gemacht, wenn die Bezugspersonen „Feinde des Kreuzes Christi“ sind. Das ist eine Sache, die Paulus sehr schmerzt, weshalb er „unter Tränen“ über sie spricht. Er bemüht sich schließlich mit seinem ganzen Leben, das Evangelium allen Menschen zu verkünden, damit sie alle gerettet werden. Wer es dennoch ablehnt, wählt den Tod. Das tut ihm offensichtlich weh. Er sagt, wie es ist: „Ihr Ende ist Verderben, ihr Gott der Bauch und ihre Ehre besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn.“ Auf ewig werden sie zu Exilierten. Denn die Heimkehr aus dem Exil in die ursprüngliche Heimat ist das Eingehen in das Himmelreich. Dieses ist die wahre Heimat. Von dorther kommt auch das Heil, denn es ist der Ort, an dem Christus jetzt ist.
Jesus wird am Ende der Zeiten den „armseligen Leib“ der Menschen verwandeln „in die Gestalt seines verherrlichten Leibes“. Das geschieht durch die leibliche Auferstehung. Es wird nicht die Wiederbelebung des alten Leibes sein, sondern wie Paulus es hier formuliert, ein verherrlichter Leib. Das haben wir an dem Leib des auferstandenen Christus bereits gesehen, der anders geworden ist. So konnten ihn viele zunächst gar nicht erkennen, wenn er ihnen erschienen ist. Diese Herrlichkeit wird jenen zuteil, die ins Himmelreich eingehen dürfen. Aber auch jene, die auf ewig von Gott abgeschnitten sein werden, erhalten ihren Leib zurück.
Mit diesem Endziel vor Augen sollen die Philipper fest im Glauben stehen, standhaft sein und aushalten. Paulus lässt durchblicken, dass er sie vermisst und dass die Philipper ihm sehr viel Freude bereiten. Sie sind sein Ehrenkranz, weil er sich von Christus die Belohnung für seine ganzen Bemühungen und Strapazen erhofft.
Die Philipper sind Geliebte – nicht einfach Geliebte des Paulus, denen sie am Herzen liegen, sondern vor allem Geliebte Gottes.

Ps 122
1 Ein Wallfahrtslied. Von David. Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des HERRN wollen wir gehen.

2 Schon stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem:
3 Jerusalem, als Stadt erbaut, die fest in sich gefügt ist.
4 Dorthin zogen die Stämme hinauf, die Stämme des HERRN, wie es Gebot ist für Israel, den Namen des HERRN zu preisen.
5 Denn dort standen Throne für das Gericht, die Throne des Hauses David.

Als Antwort beten wir heute Psalm 122, eines der bekanntesten Wallfahrtslieder des Psalters. Er passt sehr gut zur Rede über die himmlische Heimat, die man gleichsam bepilgert, eine Prozession ins himmlische Jerusalem.
Nach Jerusalem zu ziehen, stellt immer einen Grund zur Freude dar. Es ist der Ort der Gegenwart Gottes. Dort wohnt seine Herrlichkeit im Tempel. Es ist die Heilige Stadt, die auch über den wörtlichen Sinn hinaus heilig und erstrebenswert ist. Auch als Ort der Erlösung ist es ein einziger Grund zur Freude, dort hinzukommen. Die Kirche ist das neue Jerusalem hier auf Erden. Der Tempel ist zerstört, doch in der Eucharistie wohnt Christus inmitten der Familie Gottes. Zu ihr zu ziehen als Prozess bis hin zur Taufe, ist eine Freude für den betroffenen Menschen, aber auch für die Kirche, die um ein Kind Gottes erweitert wird. Es ziehen die Gläubigen zu ihr, wenn sie Gott anbeten in der Hl. Eucharistie. Ziehen zum Haus des HERRN tut jeder getaufte Christ durch das Gehen in sich. Denn Gott hat durch die Taufe Wohnung in unserer Seele genommen. Die umfassende und vollkommene Freude erfahren wir, wenn wir zum himmlischen Jerusalem ziehen dürfen am Ende unseres Lebens und am Ende der Zeiten.
Die Füße stehen schon in den Toren Jerusalems. Es ist einerseits messianisch zu deuten: Bald beginnt die messianische Endzeit und somit die eschatologische Völkerwallfahrt, die uns sowohl Jesaja als auch die Johannesoffenbarung überliefert.
Jerusalem ist eine starke Stadt, die fest gefügt ist. Sowohl als Heilige Stadt im wörtlichen Sinn kann man das sagen aufgrund der Wohnung Gottes im Tempel. Er ist das größte Fundament, das eine Stadt haben kann. Als auch im geistigen Sinn müssen wir das bestätigen: Christus ist das Fundament der Kirche. Sie ist fest gefügt und stark erbaut, sodass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen. Wenn ein Mensch sein Leben ganz auf Gott baut, indem er nach dessen Willen lebt und im Stand der Gnade ist, dann kommt er nicht zu Fall, zumindest nicht endgültig. Nichts kann ihn erschüttern, wenn er ganz in Gott ist und Gott ganz in ihm. Und das himmlische Jerusalem ist so stark und fest gebaut, dass es ewig halten wird. Es wird zudem keine Feinde geben, die die Stadt bedrohen werden.
In Vers 4 ist die Rede von den Stämmen des Herrn. Mit שֵׁבֶט schevet sind im Wortsinn zunächst die zwölf Stämme Israels gemeint, die zur Wallfahrt nach Jerusalem ziehen. Das hebräische Wort ist sehr offen, sodass es schon darüber hinaus auch für die Heiden angewandt werden kann, die gemeinsam mit den Juden als Stämme des Herrn im Neuen Bund nach Jerusalem ziehen, der Kirche Jesu Christi! Und am Ende der Zeiten sind es alle standhaft gebliebenen Menschen, die zum himmlischen Jerusalem ziehen werden. In der Apostelgeschichte hören wir von Paulus und Barnabas, die mit den Anliegen der Heidenchristen nach Jerusalem ziehen. Es ist ein Anfang dessen, was am Ende der Zeiten erfüllt wird – die universale Wallfahrt aller Menschen zu Gott.
Im selben Vers wird das hebräische Wort עֵד֣וּת edut mit „Gebot“ wiedergegeben. Die Elberfelder Übersetzung verwendet das Wort „Mahnzeichen“. Die primären Bedeutungen des Wortes sind „Zeugnis, Verordnung, Gesetz“. Dass die erste Bedeutung vorausgesetzt werden muss, also „Zeugnis“, zeigt sich an der griechischen Übersetzung des AT, der Septuaginta. Dort wird das griechische Wort μαρτύριον martyrion verwendet! Dies lässt den kundigen christlichen Bibelleser an den Kreuzestod Christi denken, der der treue Zeuge ist (Offb 1,5).
In Vers 5 werden Gerichtsthrone des Hauses David beschrieben. Dies ist im Zusammenhang mit Jesaja zu lesen, wo vom Zion aus Rechtsprechung vollzogen wird (Jes 2,4). Dabei handelt es sich um messianische Rede, denn später wird es über den Messias heißen, dass er mit eisernem Zepter über die Stämme regieren wird. Gemeinsam mit ihm werden die 24 Ältesten auf 24 Thronen regieren (die Zahl ist bildhafter Code für die Verbindung von Altem und Neuem Bund, also nicht wörtlich zu nehmen). Diese sieht der Seher Johannes auf 24 Thronen um den Gottesthron herum. Dann sind es nicht mehr nur die Throne des Hauses David, sondern die Throne der geistigen Familie Gottes. Dann spielt die Biologie keine Rolle mehr, die Abstammung von den zwölf Stämmen, sondern die Zugehörigkeit zur neuen Schöpfung durch die geistige Neugeburt der Taufe.

Lk 16
1 Jesus sprach aber auch zu den Jüngern: Ein reicher Mann hatte einen Verwalter. Diesen beschuldigte man bei ihm, er verschleudere sein Vermögen.

2 Darauf ließ er ihn rufen und sagte zu ihm: Was höre ich über dich? Leg Rechenschaft ab über deine Verwaltung! Denn du kannst nicht länger mein Verwalter sein.
3 Da überlegte der Verwalter: Was soll ich jetzt tun, da mein Herr mir die Verwaltung entzieht? Zu schwerer Arbeit tauge ich nicht und zu betteln schäme ich mich.
4 Ich weiß, was ich tun werde, damit mich die Leute in ihre Häuser aufnehmen, wenn ich als Verwalter abgesetzt bin.
5 Und er ließ die Schuldner seines Herrn, einen nach dem anderen, zu sich kommen und fragte den ersten: Wie viel bist du meinem Herrn schuldig?
6 Er antwortete: Hundert Fass Öl. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein, setz dich schnell hin und schreib fünfzig!
7 Dann fragte er einen andern: Wie viel bist du schuldig? Der antwortete: Hundert Sack Weizen. Da sagte er zu ihm: Nimm deinen Schuldschein und schreib achtzig!
8 Und der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte, und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.

Im Evangelium hören wir wieder ein endzeitliches Gleichnis, was sich am Ende des Kirchenjahres häuft.
Jesus erzählt von einem Verwalter, der Vorwürfe zu hören bekommt. Seine Aufgabe ist es ja, dessen Vermögen zu verwalten. Stattdessen verschleudere er es. Diese Dinge erfährt der reiche Herr über Dritte, also ruft er den Verwalter zu sich und stellt ihn zur Rede. Er muss über seine Arbeit Rechenschaft ablegen.
Der Verwalter ist schlau und überlegt, was er in der Situation am besten tun soll. Er will den Herrn nicht anbetteln, will aber auch nicht andere Arbeit tun. Ihm soll ja die Verwaltung entzogen werden, weil er so ein schlechter Verwalter gewesen ist.
Da er also sowieso alles verliert, überlegt er sich etwas Hinterhältiges. Er geht nach seiner Absetzung als Verwalter zu den Schuldnern des reichen Herrn, die er ja als Verwalter genau kennt. Nacheinander fordert er sie dazu auf, die Schuldenscheine zu manipulieren, indem sie den Schuldenbetrag reduzieren. Das bedeutet, dass der Herr am Ende weniger zurück bekommt, als sie ihm wirklich schulden. Er wird einen Verlust machen. Der Verwalter hat den Schuldnern noch geholfen, bevor er gegangen ist. Das Kluge an ihm ist die Tatsache, dass er mit der Verwaltungsmacht ein wenig „Robin Hood“ gespielt hat. Wenn er sowieso schon alles verliert, warum also nicht noch einmal etwas für die Schwächeren tun? Geld stinkt. Der Mammon ist ungerecht und verleitet schnell zur Habsucht. Man soll mit dem Geld aber so umgehen, dass es dem Reich Gottes dient. Wenn man schon damit hantieren muss, warum nicht zum Wohle Gottes? Jesus möchte also, dass die Kinder des Lichtes, die später Getauften, seine Jünger, die Christen, sich diese Schlauheit im Umgang mit Geld abgucken. Auch das Dreckige und per se Ungerechte hat das Potenzial, zum Werkzeug des Heils zu werden – wenn das schon der Satan konnte!
Jesus will mit dem Gleichnis nicht sagen, dass die Menschen nun untreue Verwalter sein sollen. Wir sollen in den Kleinigkeiten Gott treu sein und ehrlich handeln. Doch was Jesus hier an dem Verwalter lobt, ist seine Denkweise, seine Initiative für die Schuldner.
Dieses Gleichnis können wir über den Wortsinn hinaus noch weiter betrachten: Die Verwalter vor dem Ende der Zeiten, sind die Geistlichen, denen Christus die Vollmacht der Verwaltung gibt. Sie sollen ebenso eingestellt sein, dass sie den Schuldnern die Schuld erlassen. Im Gegensatz zum begrenzten Bild ist Gottes Schatz so unendlich, dass er keinen Verlust davonträgt. Die Geistlichen sollen nach eigenem Ermessen sehen und unterscheiden, wer Reue zeigt, umkehrt und ein neues Leben anstrebt. Denen sollen sie kraft ihrer Vollmacht zur Sündenvergebung (diese Vollmacht wird Christus ihnen als Auferstandener übertragen!) die Schuld erlassen. Sie sollen das richtige Maß an Gerechtigkeit und Barmherzigkeit an den Tag legen. Will man die Verwalter der Kirche auf die irdischen Güter beziehen, um die es in dem Kontext des Kapitels geht, ist es ebenso zu verstehen: Auch in der Kirche muss man diese Güter verwalten. Und dann soll man ein Herz haben mit denen, die schwächer sind. Eine zuverlässige Verwaltung bedeutet nicht, rein rechnerisch oder wirtschaftlich zu denken. Es geht darum, mit Herz und Verstand zugleich zu verwalten – egal ob irdische oder überirdische Güter.
Wenn der Mensch auf Erden nicht zuverlässig verwaltet, wie kann Gott ihm dann in der Ewigkeit irgendwelche Güter anvertrauen? Das ist die Pointe Jesu, die wir heute nicht mehr hören, die sich aber an das Gleichnis anschließt. Wenn man fremdes Gut nicht gut verwaltet, wie kann Gott dem Menschen dann ein eigenes Gut anvertrauen?
Ein entscheidender Aspekt ist ja: Der Verwalter im Gleichnis ist kein Herr, sondern nur Verwalter eines fremden Gutes. Die Geistlichen der Kirche müssen verstehen, dass das ihnen anvertraute Gut nicht ihr eigenes ist. Es ist immer Gottes Eigentum, der der Herr ist. Das heißt, dass auch wenn die Geistlichen die Aufgabe haben, es zu verwalten, nicht das letzte Wort haben. Gott ist es, der gibt oder verweigert. Sobald der Bevollmächtigte sich einbildet, das Anvertraute selbst zu besitzen, geht es schief. Das betrifft irdische sowie überirdische Güter. Ich denke da besonderes an den Missbrauch mit Sakramenten und Sakramentalien. Viele Priester und Bischöfe meinen, dass sie mit Heilsmitteln einfach um sich werfen können. Dabei provozieren sie eine ganz große Sünde bei denen, die die Sakramente unwürdig und unvorbereitet empfangen. Zugleich meinen sie, den von Gläubigen erbetenen Segen verweigern zu können, weil sie zum Beispiel keine Zeit haben oder keinen Sinn darin sehen. Es steht ihnen nicht zu, das zu verweigern. Christus ist es, der segnet. Sie sind nur seine Werkzeuge. Christus entscheidet, wen er segnet, wer die Sakramente empfangen darf, wem was zugeteilt wird. Wenn ein Bischof auf einem Schiff auf der Donau Frauen zu „Priesterinnen“ weiht, heißt das nicht, dass sie gültig geweiht sind. Wenn es nun mal Christi Willen offensichtlich nicht entspricht, sind diese Frauen nicht geweiht vor Gott. Sie verkleiden sich und spielen ein Schauspiel auf Erden, doch vor Gott sind das keine mit geistlichen Vollmachten ausgestatteten Geistlichen. Selbst wenn die Geistlichen also jemanden weihen wollen, jemandem die Kommunion spenden wollen oder sündige Partnerschaften segnen wollen: Wenn Gott das nicht will, tut er das nicht. Denn er ist der Herr, nicht die „großzügigen“ Geistlichen.

Paulus hat den Philippern alles gesagt und gegeben, was sie brauchen. Er hat seinen Dienst als Verwalter zuverlässig ausgeführt. Er würde gerne so viel mehr tun, sitzt aber nun im Gefängnis. Andere tun viel mehr, als sie tun sollten. Sie gründen schließlich ihre eigene Sekte, sind aber letztendlich abgeschnitten von den Gütern, die Gott ihnen zuteilt. Beten wir für die Kirche, dass ihre Verwalter wirklich zuverlässig sind, ihren Auftrag wieder ernst nehmen und dabei nie vergessen, dass sie nicht die Herren sind. Unser Herr ist Jesus Christus, der das Haupt seines Leibes ist.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 31. Woche im Jahreskreis

Phil 3,3-8a; Ps 105,2-3.4-5.6-7; Lk 15,1-10

Phil 3
3 Denn die Beschnittenen sind wir, die wir im Geist Gottes dienen und uns in Christus Jesus rühmen und nicht auf irdische Vorzüge vertrauen,

4 obwohl ich mein Vertrauen auch auf irdische Vorzüge setzen könnte. Wenn ein anderer meint, er könne auf irdische Vorzüge vertrauen, so könnte ich es noch mehr.
5 Ich wurde am achten Tag beschnitten, bin aus Israels Geschlecht, vom Stamm Benjamin, ein Hebräer von Hebräern, nach dem Gesetz ein Pharisäer;
6 ich verfolgte voll Eifer die Kirche und war untadelig gemessen an der Gerechtigkeit, die im Gesetz gefordert ist.
7 Doch was mir ein Gewinn war, das habe ich um Christi willen für Verlust gehalten.

8 Ja noch mehr: Ich halte dafür, dass alles Verlust ist, weil die Erkenntnis Christi Jesu, meines Herrn, alles überragt.

In der heutigen Lesung geht es um die Standhaftigkeit im Glauben. Paulus deutet das Merkmal der Juden an und lenkt es nun auf die Getauften: die Beschneidung. Er warnt vor falschen Lehrern, die doch äußerlich beschnitten sind, aber innerlich fern von Gott sind. Dabei geht er von der Unterscheidung „Beschnittener“ und „Unbeschnittener“ aus, die für Juden zugleich bedeutet: Gläubiger und Ungläubiger, Gerechter und Ungerechter. Er wendet dies aber nun in eine für Juden unerwartete Richtung, indem er sagt: Die wahren Beschnittenen sind die Getauften, die nämlich innerlich beschnitten sind durch den Hl. Geist, die Christus dienen und das Evangelium getreu umsetzen. Er kritisiert die, die sich mit irdischen Vorzügen brüsten, also stolz sind auf ihre Abstammung von den zwölf Stämmen, auf ihre Beschneidung, ihre Zugehörigkeit zum Volk Israel. Er sagt sogar, dass wenn es darum gehe, er diesen Angebern einiges voraushabe. Er selbst ist nämlich ordnungsgemäß am achten Tag beschnitten worden, gehört zum Stamm Benjamin, ein „Hebräer von Hebräern“, also in ihren Augen ein Vorzeigejude. Denn er hat auch noch als Pharisäer gelebt, die Sekte der Christen verfolgt und die Torah, was er mit Gesetz mein, peinlich genau eingehalten.
Doch im Lichte Christi hat er verstanden, dass das alles nichts ist im Gegensatz zur lebendigen Beziehung zu Christus. Nichts kann diese Beziehung übertreffen. Deshalb hat er alles andere aufgegeben, um ganz in Christus zu sein. An Paulus sehen wir, was Jesus im Gleichnis vom Schatz und von der Perle über das Reich Gottes sagt: Der Kaufmann oder Landwirt haben den wahren Schatz entdeckt und alles Bisherige verkauft, nur um sich diesen Schatz zu leisten. Paulus hat den wahren Schatz entdeckt, das Licht, das alles andere in den Schatten stellt. Weil er diesen radikalen Schritt gemacht hat, kann er wirklich mit Überzeugung sagen: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi.

Ps 105
2 Singt ihm und spielt ihm, sinnt nach über all seine Wunder!

3 Rühmt euch seines heiligen Namens! Die den HERRN suchen, sollen sich von Herzen freuen.
4 Fragt nach dem HERRN und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit!
5 Gedenkt der Wunder, die er getan hat, seiner Zeichen und der Beschlüsse seines Munds!
6 Ihr Nachkommen seines Knechts Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat.
7 Er, der HERR, ist unser Gott. Auf der ganzen Erde gelten seine Entscheide.

Der Psalm beginnt wie so oft mit einer Selbstaufforderung zum Lob, gerichtet an eine Gruppe. Die Israeliten sollen Gott singen und spielen, also Lobpreislieder vortragen, die König David gedichtet hat. Sie sollen immerzu über Gottes Wunder nachdenken. Das wirkt der undankbaren „Amnesie“ entgegen, der Vergesslichkeit gegenüber Gottes guten Taten an seinem Volk.
Gott ist so heilig, sein Name ist der größte Schmuck, mit dem man sich umhüllen kann. Und durch die Bundesbeziehung dürfen die Israeliten das auch tun! Sie dürfen sich seines Namens rühmen als Gottes besonderes Eigentum. Und wenn sie in allem immer ihn suchen, sollen sie sich von Herzen freuen. Denn ihre guten Absichten werden gute Konsequenzen nach sich ziehen. Das nennen wir Segen. Dieser Psalm ist auch für Christen wunderbar zu betrachten, die durch die Taufe ebenfalls eine Bundesbeziehung mit Gott eingegangen sind. Auch sie können sich des Namens Gottes rühmen, denn er ist es, der ihnen die unvergleichliche Würde als Kind Gottes verleiht. Er ist es, der durch den Hl. Geist die Frucht der Freude ins Herz hineinlegt, sodass der österliche Optimismus eine wichtige Eigenschaft der Christen darstellt.
„Fragt nach dem HERRN und seiner Macht“ – die hebräische Verbform דִּרְשׁ֣וּ dirschu ist eigentlich mit „suchet, forscht“ zu übersetzen. Es geht also darum, in allem immer den Herrn zu suchen.
„Sucht sein Angesicht allezeit!“- auch בַּקְּשׁ֖וּ baqschu kann mit „suchen“ übersetzt werden, aber auch mit „wollen, begehren, bitten“. Beide Sätze sagen etwas Ähnliches aus und sind ähnlich strukturiert, was wir Parallelismus nennen. Dem Menschen soll es immer nach dem Angesicht Gottes verlangen. Es umschreibt, was mit dem Sch’ma Israel zusammengefasst wird (Dtn 6,4ff.), die absolute Gottesliebe und deshalb das stete Interesse daran, ihn besser zu verstehen. Es geht darum, das Herz an ihn zu hängen. Wenn man dies tut, wird das Herz immer wieder Heilung erfahren.
So wie wir schon oft gebetet haben, ergeht auch hier die Aufforderung an uns, Gottes Heilstaten nie zu vergessen („Gedenkt der Wunder, die er getan hat…“). So werden wir nie undankbar und auch nie etwas für selbstverständlich nehmen, was Gott uns schenkt. Deshalb ist die Eucharistie für uns so wichtig. Sie ist unser höchster Ausdruck des Dankes gegenüber Gott. Wir gedenken darin ja der großen Taten Gottes mit dankbarem Herzen. Wir beten darüber hinaus jeden Tag die Psalmen und loben Gott mit Hymnen und anderen Lobliedern.
Gott ist der Herrscher des Alls und deshalb gilt, was er entscheidet. Alles ist seinem universalen Heilswillen unterworfen, was auch für uns sehr tröstlich ist! Das bedeutet nämlich, dass auch der Böse nur so viel anrichten kann, wie Gott zulässt. Sobald das Ende der Zeiten erreicht ist, wird Gott ihm sofort und ganz ohne Mühe Einhalt gebieten. Er wird den Bösen für immer zerstören und wir werden nie wieder leiden müssen.
Wir müssen vor dem Hintergrund der Lesung Vers 6 besonders in den Blick nehmen: Die Nachkommen Abrahams und Jakobs sind erwählt. Wir haben über die Nachkommenschaft nachgedacht und bei der Lesung zusammen mit Paulus festgestellt, dass die geistliche Nachkommenschaft, die Familie Gottes, eine viel intensivere Bindung darstellt als die biologische. Wie oft bemerken wir, dass unsere leiblichen Geschwister uns so fremd sein können, obwohl wir biologisch ganz miteinander verbunden sind! Und wie oft ist uns ein Freund oder eine Freundin so viel näher, weil sie unseren Glauben teilen und dasselbe Ziel im Leben verfolgen – die Heiligkeit. Wie ideal wäre es doch, wenn beides zusammenkommen würde! Wenn unsere leiblichen Verwandten und wir gemeinsam nach Heiligkeit streben, dann schmecken wir schon etwas vom Reich Gottes hier auf Erden.

Lk 15
1 Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.
2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.
3 Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:
4 Wenn einer von euch hundert Schafe hat und eins davon verliert, lässt er dann nicht die neunundneunzig in der Wüste zurück und geht dem verlorenen nach, bis er es findet?
5 Und wenn er es gefunden hat, nimmt er es voll Freude auf die Schultern,
6 und wenn er nach Hause kommt, ruft er die Freunde und Nachbarn zusammen und sagt zu ihnen: Freut euch mit mir, denn ich habe mein Schaf wiedergefunden, das verloren war!
7 Ich sage euch: Ebenso wird im Himmel mehr Freude herrschen über einen einzigen Sünder, der umkehrt, als über neunundneunzig Gerechte, die keine Umkehr nötig haben.
8 Oder wenn eine Frau zehn Drachmen hat und eine davon verliert, zündet sie dann nicht eine Lampe an, fegt das Haus und sucht sorgfältig, bis sie die Drachme findet?
9 Und wenn sie diese gefunden hat, ruft sie die Freundinnen und Nachbarinnen zusammen und sagt: Freut euch mit mir, denn ich habe die Drachme wiedergefunden, die ich verloren hatte!
10 Ebenso, sage ich euch, herrscht bei den Engeln Gottes Freude über einen einzigen Sünder, der umkehrt.

Heute hören wir mehrere Gleichnisse über verlorene und wiedergefundene Dinge. Zu dieser Gleichnisserie gehört eigentlich auch das Gleichnis vom verlorenen Sohn, doch dieses wird uns heute nicht verlesen. Stattdessen geht es um das verlorene Schaf und um die verlorene Drachme.
Die Ausgangssituation ist folgende: Viele Zöllner und Sünder kommen zu Jesus, um ihn zu hören. Sie kommen mit der Bereitschaft, sich von ihm verwandeln zu lassen und ein neues Leben anzufangen. Der Wille zur Umkehr ist da. Dies greift Jesus gerne auf und verkündet ihnen das Evangelium. Doch nicht alle sind damit einverstanden. Die Pharisäer und Schriftgelehrten nehmen daran Anstoß, nicht nur, weil Jesus sich mit Sündern abgibt, sondern auch weil er mit ihnen Mahlgemeinschaft hält. Das ist eigentlich undenkbar für einen frommen Juden. Sie empören sich deshalb, weil es ihnen an Barmherzigkeit fehlt. Sie verstehen nicht, dass Jesus sich nicht deshalb mit ihnen abgibt, weil sie so gerecht sind, sondern weil sie reumütig und bereit zur Umkehr zu ihm kommen. Gott kommt dem Umkehrwilligen entgegen und hilft ihm dabei, das Leben ganz umzukrempeln. Doch die Pharisäer und Schriftgelehrten gönnen es diesen Menschen nicht. Vielleicht wären sie selbst gerne mit Jesus am Tisch und würden gerne über die Hl. Schriften diskutieren.
Und so setzt Jesus zu den Gleichnissen an, um sein Verhalten zu erklären: Wenn man hundert Schafe hat und eines geht verloren, dann wird man als guter Hirte die 99 zurücklassen, um das eine Schaf wiederzufinden. Man möchte, dass nicht ein einziges Schaf verloren geht. Jesus greift dieses erste Bild nicht umsonst auf. Er selbst ist der gute Hirte und bringt deshalb immer wieder das Bildfeld von Hirt und Herde an. Er wird alles tun, um auch den letzten Sünder zurück zur Herde zu führen. So ist Gott. Er möchte, dass jeder Mensch gerettet wird. Er gibt ihm immer und immer wieder Chancen zur Umkehr, noch bis zum letzten Moment. Sein Wunsch ist es schließlich, dass er mit allen seinen geschaffenen Menschen im Himmel die ewige Liebesgemeinschaft abhalten kann. Das Bild des verlorenen Schafes ist ein Bild. Es weist über sich hinaus und ist unvollkommen. Denn Gott ist allmächtig. Er muss die anderen 99 Schafe nicht zurücklassen, sondern er kümmert sich um jedes einzelne Schaf so sehr, als wäre es das einzige. Wenn Gott einem verlorenen Schaf nachgeht, muss er die anderen Schafe nicht vernachlässigen. Doch Christus ist nun als Mensch unter Menschen. Er kümmert sich in dem Moment um die Sünder und Zöllner. Die zurückgelassenen Schafe sind die Pharisäer und Schriftgelehrten, die gewissermaßen eifersüchtig reagieren.
Was wäre also die richtige Haltung der Zurückgelassenen? Sie sollten sich mit den Zöllnern und Sündern freuen, dass sie bereit sind, ihr Leben zu ändern. Sie sollten beten und mitfiebern, dass diese gekommenen Menschen wirklich zum Glauben kommen und nicht wieder weggehen. Sie sollten diese mit offenen Armen willkommen heißen und ihnen ein gutes Beispiel sein, damit sie davon motiviert wirklich am Ball bleiben. Letztendlich sind sie doch gemeinsame Söhne Israels, eine einzige Familie. Wo bleibt also die Solidarität zwischen den eigenen Stammesgenossen? Das ist auch der Grund, warum im Gleichnis der Hirte Freunde und Nachbarn ruft und feiert mit den Worten: „Freut euch mit mir!“ Er hat etwas Verlorenes wiedergefunden, das ihm sehr wertvoll war. So sollen die Pharisäer und Schriftgelehrten mitfeiern und sich für jene freuen, statt zu murren.
Jesus erklärt diese Dinge nun noch anhand eines zweiten Gleichnisses: das der verlorenen Drachme. Dabei handelt es sich um ein Geldstück, das denselben Wert besitzt wie ein Denar, nur dass das erste eine griechische Währung darstellt im Gegensatz zum römischen Denar. Ein Denar oder eine Drachme stellt den Mindestlohn eines Tages dar. Wenn man als Tagelöhner einen Tag gearbeitet hat, ist einem dieser Betrag ausgezahlt worden. Mit diesem Geld kann man einen Tag überleben.
Wenn eine Frau nun zehn Drachmen besitzt und eine Drachme davon verliert, wird sie das ganze Haus fegen und unermüdlich suchen, bis sie diese eine Münze gefunden hat. Das ist viel Geld für sie und so wird sie sich freuen und sogar ihre Freundinnen einladen, um wegen des wiedergefundenen Geldes zu feiern. Auch hier ist die Kernaussage: „Freut euch mit mir!“ Denn sie hat die Münze wiedergefunden. Freude vermehrt sich, wenn man sie mit anderen teilen kann. Und so sollen die Pharisäer und Schriftgelehrten sich über jeden einzelnen Sünder freuen, der umkehrt. So tun es nämlich auch die Engel im Himmel. Der ganze Himmel jubelt über jeden einzelnen Sünder, der umkehrt! Denn wie gesagt sind die Menschen dazu geschaffen worden, am Ende mit Gott in ewiger Liebesgemeinschaft zu verbringen. Wie sehr freut sich also der ganze Himmel, wenn noch eine Seele den Weg in diese wahre Bestimmung gefunden hat! So sollen auch wir uns freuen, wenn jemand anderes die Barmherzigkeit Gottes erfährt. Wir sollen dann nicht denken: „Ach was! Jetzt plötzlich kriegt er oder sie so viele Gnaden, wird von der Kirche auf Händen getragen, bekommt eine bessere Behandlung als ich! Dabei hat er oder sie das ganze Leben hindurch in Saus und Braus gelebt, während ich mich immer um die Gebote Gottes bemüht habe.“ Wir sollen auch diese Abstempelung von Personen aufgeben, weil jeder Mensch sich verändern kann mithilfe der Gnade Gottes. So sollen wir einander immer von der besten Seite sehen und barmherzig sein wie der Vater im Himmel. Denn vergessen wir nicht: Davon hängt ab, wie der Vater mit uns umgehen wird, wenn wir dann eines Tages vor ihm stehen.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 31. Woche im Jahreskreis

Phil 2,12-18; Ps 27,1.4.13-14; Lk 14,25-33

Phil 2
12 Darum, meine Geliebten, – ihr wart ja immer gehorsam, nicht nur in meiner Gegenwart, sondern noch viel mehr jetzt in meiner Abwesenheit – : Wirkt mit Furcht und Zittern euer Heil!

13 Denn Gott ist es, der in euch das Wollen und das Vollbringen bewirkt zu seinem Wohlgefallen.
14 Tut alles ohne Murren und Bedenken,
15 damit ihr rein und ohne Tadel seid, Kinder Gottes ohne Makel mitten in einer verkehrten und verwirrten Generation, unter der ihr als Lichter in der Welt leuchtet!
16 Haltet fest am Wort des Lebens, mir zum Ruhm für den Tag Christi, damit ich nicht vergeblich gelaufen bin oder mich umsonst abgemüht habe!
17 Doch wenn auch mein Leben dargebracht wird zusammen mit dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens, freue ich mich und freue mich mit euch allen.
18 Ebenso freut auch ihr euch und freut euch mit mir!

Paulus sorgt sich um das Heil der Gemeinde in Philippi. Deshalb kommen im heutigen Abschnitt des Philipperbriefes verschiedene paränetische Aussagen, also Ermahnungen zu einem bestimmten Lebenswandel. Dieser soll sich von Christus her definieren, um den es ja zuletzt im Philipperhymnus ging. In diesem ist der Gehorsam Jesu Christi herausgestellt worden. Wie Christus sollen also die Philipper gehorsam sein. Paulus lobt sie an dieser Stelle, denn sie sind es bereits, auch gerade in seiner Abwesenheit.
Das Wortpaar „Furcht und Zittern“ sind fester Terminus urchristlicher Verkündigung und von Paulus häufig in seinen Briefen genannt. Es bezieht sich hier ja auch das Heil der Philipper. Gemeint ist damit nicht, dass sie Angst haben sollen, sondern einerseits ehrfürchtig sein sollen, also voller Respekt gegenüber den Autoritäten, die das Evangelium verkünden, bzw. sollen sie das Evangelium mit Ehrfurcht empfangen und weitergeben, andererseits meint es ein inneres Erzittern, eine Erschütterung und Berührung mit der Botschaft Jesu Christi. Sie sollen sich stets davon berühren lassen. Das soll vor allem deshalb geschehen, weil Gott selbst in ihnen alles bewirkt. Aber wie? Durch den Hl. Geist, der in ihnen wohnt und den sie empfangen haben.
Sie sollen alles ohne Murren und Bedenken tun, also alles als den Willen Gottes annehmen. Was heißt aber „Bedenken“? Das griechische Wort an dieser Stelle ist διαλογισμῶν dialogismon. Es bedeutet „Zusammenrechnung, Berechnung, Unterredung, Überlegung“. In diesem Kontext muss man es also so verstehen, dass die Philipper alles tun sollen ohne berechnende Hintergedanken in dem Sinne: „Was habe ich davon? Wie kann ich Profit herausschlagen?“ Sie sollen sich hingeben und das ganz zwecklos und ohne zu zählen. Das macht nämlich die Liebe aus. „Liebe zählt nicht.“ Und Liebe ist immer zweckfrei. Sie ist um ihrer selbst willen.
Und nur diese Mentalität verhilft den Philippern dazu, wirklich vollkommen zu sein als Kinder Gottes in einer ganz verzerrten Welt – als neue geistliche Schöpfung inmitten der gefallenen, ersten Schöpfung. Nur so behalten sie ihre Strahlkraft, die ihnen durch die Taufe verliehen worden ist.
Dies erreichen sie auch dadurch, dass sie am „Wort des Lebens“ festhalten. Damit ist das Evangelium Jesu Christi gemeint. Es gibt noch keine christliche Bibel. Das Wort Gottes ist zunächst mündlich überliefert worden. Die „Schriften“ meint zur Zeit des Paulus die jüdische Bibel, die wir als Altes Testament bezeichnen.
Wenn die Philipper am Evangelium festhalten, dient es ihm zum Ruhm in dem Sinne, dass er dann nicht umsonst den Wettlauf des Lebens gelaufen ist. Dann heißt das nämlich, dass all seine Opfer und Strapazen der Evangelisierung Früchte tragen und er seiner Berufung zum Apostel gerecht geworden ist. So kann er getrost den Siegeskranz am Ende seines Lebens erlangen.
„Doch wenn auch mein Leben dargebracht wird zusammen mit dem Opfer und Gottesdienst eures Glaubens“ bezieht sich auf die für Paulus in immer greifbarerer Nähe rückende Hinrichtung, auf die er ja im römischen Arrest wartet. Und wenn dies geschehen sollte, ist es wahrlich als Opfer zu verstehen, das größte Opfer, das der Christ bringen kann aus Liebe zu Christus. Das ist ja auch der Grund, warum die Märtyrer sofort zu Gott kommen.
Paulus hat auch keine Angst davor, sein Leben für Christus hinzugeben. Im Gegenteil. Er freut sich sogar. Diese Freude meint die innere Gewissheit, dass man als getaufter Christ nicht verlieren kann. Selbst wenn man für den Glauben umgebracht wird, gewinnt man – ja gerade dann! Das kann den Christen eigentlich nur die größte Freude und Gelassenheit schenken, die man haben kann. Deshalb sagt Paulus zum Ende hin auch, dass die Philipper sich ebenso freuen sollen. Was auch geschieht, diese Freude kann durch nichts und niemanden getrübt werden. Das ist Ausdruck der unerschütterlichen Osterhoffnung.

Ps 27
1 Von David. Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?
4 Eines habe ich vom HERRN erfragt, dieses erbitte ich: im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens; die Freundlichkeit des HERRN zu schauen und nachzusinnen in seinem Tempel.
13 Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden.
14 Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den HERRN!

Wir beten heute einen ganz bekannten Psalm, der das Vertrauensverhältnis Davids zu Gott offenbart. Der Psalm verarbeitet den Gedanken, dass Gott Licht ist. Es gibt hier messianische Hinweise bzw. erkennen wir Christus im Psalm: Der HERR, Jahwe, ist mein Heil. Das hebräische Wort weist denselben Stamm auf wie der Name Jesu. Das ist kein Zufall. Der Psalm ist ganz und gar von Vertrauen geprägt („vor wem sollte mir bangen“, „Zuflucht“, „Hoffe auf den HERRN“). Zugleich wird die Sehnsucht nach dem ewigen Leben deutlich: „im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens“; die Freundlichkeit des HERRN zu schauen“. Das entspricht der Sehnsucht des Paulus, der in der Erwartung lebt, bald womöglich sein Leben für Christus hingeben zu müssen. Er bereitet sich darauf vor und ersehnt nach einem beschwerlichen Wettlauf des Lebens, im Hause Gottes zu wohnen. Das Haus Gottes ist auf wörtlicher Ebene zunächst auf den Tempel in Jerusalem zu beziehen, wo König David wirklich stets bei Gott verweilte und über seine Worte im Tempel nachsann. Es ist auch sakramental zu beziehen auf die Kirche, in der wir zum Allerheiligsten treten dürfen, um nachzusinnen in der Gemeinschaft der Christgläubigen, im Angesicht des eucharistischen Herrn. Dieses Nachsinnen dürfen wir auch moralisch verstehen gerade mit Blick auf die paränetischen Aussagen des Philipperbriefes: Wir sollen in unserem Herzen, das der Tempel Gottes ist, nachsinnen über die Gebote Gottes und sie fest ins Herz einschreiben. So werden sie unser ganzes Verhalten beherrschen und bestimmen.
„Das Land der Lebenden“ ist durch und durch ein Zeugnis für die Auferstehungshoffnung von Christen. Dies zeigt, dass David mal wieder geisterfüllt diesen Psalm formuliert. Wie kann ein israelitischer König 1000 Jahre vor Christi Geburt so etwas Österliches sonst sagen? Lob sei Gott, dass er schon damals diesen König mit seinen wunderbaren Verheißungen erfüllt hat! Das Land der Lebenden ist das Himmelreich. Wir werden leben, auch wenn wir sterben. Das wird Jesus immer wieder erklären. Denn Gott ist ein Gott der Lebenden, nicht der Toten. Und aus diesem Grund ist ja auch der Apostel Paulus so voller Freude bei dem Gedanken, für Christus bald sterben zu müssen. Er wird sogleich in dieses Land der Lebenden kommen, was gibt es für schönere Aussichten!
Wie König David zum Ende hin sagt, sollen wir alle auf den Herrn hoffen und stark sein. Diese Stärke können wir nicht aus uns selbst heraus gewinnen, aber sie ist uns geschenkt durch die Gnade der Taufe. Gott selbst verleiht dem Christ die Stärke, in der Bedrängnis durchzuhalten und nicht zu verzweifeln. Er richtet uns wieder auf, wenn wir am Boden liegen. Wir dürfen nie die Hoffnung verlieren, denn wir sind auf das Osterereignis hin getauft. Wir können gar nicht hoffnungslose Wesen sein, wenn wir in der Taufgnade leben.

Lk 14
25 Viele Menschen begleiteten ihn; da wandte er sich an sie und sagte:

26 Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.
27 Wer nicht sein Kreuz trägt und hinter mir hergeht, der kann nicht mein Jünger sein.
28 Denn wenn einer von euch einen Turm bauen will, setzt er sich dann nicht zuerst hin und berechnet die Kosten, ob seine Mittel für das ganze Vorhaben ausreichen?
29 Sonst könnte es geschehen, dass er das Fundament gelegt hat, dann aber den Bau nicht fertigstellen kann. Und alle, die es sehen, würden ihn verspotten
30 und sagen: Der da hat einen Bau begonnen und konnte ihn nicht zu Ende führen.
31 Oder wenn ein König gegen einen anderen in den Krieg zieht, setzt er sich dann nicht zuerst hin und überlegt, ob er sich mit seinen zehntausend Mann dem entgegenstellen kann, der mit zwanzigtausend gegen ihn anrückt?
32 Kann er es nicht, dann schickt er eine Gesandtschaft, solange der andere noch weit weg ist, und bittet um Frieden.
33 Ebenso kann keiner von euch mein Jünger sein, wenn er nicht auf seinen ganzen Besitz verzichtet.

Im Evangelium ist Jesus von vielen Menschen umgeben und beginnt zu sprechen:
„Wenn jemand zu mir kommt und nicht Vater und Mutter, Frau und Kinder, Brüder und Schwestern, ja sogar sein Leben gering achtet, dann kann er nicht mein Jünger sein.“ Dieses Geringachten meint nicht, dass Christen ihre Familien und Lieben nicht mehr lieben oder verachten sollen. Es meint eine Hierarchie oder Priorisierung. Wer Jünger Jesu Christi sein will, muss Jesus an die erste Stelle setzen. Er ist die Nummer eins in unserem Leben. Erst dann kommt die Familie, kommen die Freunde etc. Das heißt wiederum nicht, dass Jesus die ganze Liebe abbekommt, sodass man die anderen nur noch halbherzig lieben soll. Im Gegenteil. Dadurch dass man zuerst Gott liebt und in dieser Liebesgemeinschaft aus der Liebesquelle schlechthin schöpft, empfängt man ein überwältigendes Potenzial, den Nächsten zu lieben, also die Familie, die Freunde etc.
Wenn es aber zur Entscheidung kommt zwischen Christus und der eigenen Familie, aus der man stammt, soll man sich für Christus entscheiden. Wenn dieser jemanden zu einem geistlichen Beruf ruft, soll er ihm folgen und für dem Reich Gottes zuliebe die Familie verlassen. Dann ist es nämlich eine „Ehe“ übernatürlicher Art. Man bindet sich ganz an Christus und seine Kirche. Und wir wissen aus Gen 2, dass die Bindung mit der Braut erst nach Ablösung vom Elternhaus geschieht.
Warum sagt Jesus das alles? Er möchte, dass die Jünger ihr gesamtes Dasein auf Christus aufbauen, der ihr Fels ist. Wie können sie seine Jünger sein, wenn sie nicht ihr ganzes Leben nach ihm ausrichten! Für sie gilt die Priorisierung besonders stark, weil sie um des Himmelreiches willen auf eine eigene Familie verzichten sollen.
Dass es ein schwerer Weg ist, verschweigt Jesus den Menschen auch nicht, denn er sagt, dass man in seiner Nachfolge ein Kreuz tragen muss. Dieses Bild kennen die Menschen ganz genau, denn die Römer richten die Schwerverbrecher auf diese schändliche Weise hin. Sie lassen die Veurteilten mit ihrem Hinrichtungs-Instrument noch die gesamte Strecke durch die Stadt bis vor die Tore laufen, damit die Bewohner sie verspotten können. Es ist also ein Weg der Schande, den die Jünger erwarten dürfen, weil die Welt Christus weder erkennt noch die göttliche Weisheit begreift. Paulus ist diesen Weg gegangen und er hat die ganzen Strapazen auf sich genommen. Für ihn ist Christus wirklich die Nummer eins.
Jesus erklärt anhand von Gleichnissen, was er sagen möchte: Wenn man einen Turm bauen will, berechnet man ja auch zuerst die Kosten und plant alles sorgfältig, sodass mittendrin nicht die Mittel ausgehen und man von den anderen über den halbfertigen Turm ausgelacht wird.
Ebenso zieht man ja nicht in den Krieg, ohne zu überlegen, mit wie viel Soldaten man loszieht, und ohne auszukundschaften, wie groß das Heer des Gegners ist. Sonst muss man ja sofort kapitulieren und um Frieden bitten.
Mithilfe dieser Bilder möchte Jesus verdeutlichen: Ihr könnt nicht aufbrechen, um meine Jünger zu sein, wenn ihr nicht zuvor die Bereitschaft habt, alles mir zuliebe zu verlassen und jedes notwendige Opfer um des Himmelreiches willen zu bringen. Wer nicht Christus als sein Fundament legt, dessen Evangelisierung ist zum Scheitern verurteilt. Was will man denn verkünden, wenn der Verkündete nicht die Mitte des eigenen Lebens darstellt? Das macht die ganze Verkündigung unauthentisch. Wir fühlen uns nun hoffentlich alle ertappt und denken an den heutigen Zustand der Kirche….wo Christus nicht mehr die Mitte der Verkündigung ist, ist es keine Verkündigung mehr. Sie bringt den Menschen nicht mehr zum Glauben, sie berührt nicht mehr die Herzen. Sie ist unfruchtbar. So sind die beiden Gleichnisse ganz bewusst gewählt. Es geht um den Bau, der die Kirche ist. Dieser Bau ist zum Einsturz vorprogrammiert, wenn Christus nicht das starke Fundament ist. Die Mittel, den Turm fertig zu bauen, erlangen die Jünger durch die Gnadengaben Gottes. Aus eigener Kraft gegen die Mittel schnell aus. Das Bild des Krieges ist auf die kämpfende Kirche hier auf Erden zu beziehen, die gegen die Nachstellungen des Teufels kämpft, die geistlichen Angriffe stets abwehren muss. Mit Christus als Feldheer, vor allem mit der Waffe, die er seinen Jüngern hinterlässt, kann man gegen das feindliche Heer siegen, ansonsten ist die Niederlage vorprogrammiert.
Jesus möchte, dass man als Jünger wirklich auf alles verzichtet, was einen daran hindert, ihm ganz nachzufolgen. Auf den ganzen Besitz zu verzichten können wir nicht. Wir müssen irgendwie leben, haben eine Familie, um die wir uns kümmern müssen, müssen auch von etwas leben. Aber Jesus geht es vor allem um die Geistlichen. Diese sollen wirklich so wenig wie möglich haben, weil sie schon für die Ewigkeit leben. Sie sollen wahrlich eschatologische Menschen sein. Paulus hat das wunderbar vorgelebt. Was besaß dieser Mann? Was er hatte, konnte er überall mit hinnehmen. Er hatte keinen festen Wohnsitz, sondern hielt sich unterschiedlich lange an Orten auf. Antiochia war seine Basis und doch nicht seine Heimat. Nun saß er sogar im Gefängnis und fühlt sich doch so frei wie noch nie zuvor. Er schaut auf seine wahre Heimat, der er immer näher kommt – das Himmelreich. Er hat Jüngerschaft vollkommen umgesetzt.

Gebe Gott auch uns die unerschütterliche Osterhoffnung, die innere Losgelöstheit von weltlichen Gütern und menschlichen Beziehungen, die richtige Prioritätensetzung in unserem Leben und den Mut, Christus auch auf dem Spießrutenlauf unseres Lebens zu folgen. Dann werden wir am Ende mit den Worten König Davids sagen: „Ich bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Lande der Lebenden.“

Ihre Magstrauss

Dienstag der 31. Woche im Jahreskreis

Phil 2,5-11; Ps 22,26-27.28-29.30c-32; Lk 14,15-24

Phil 2
5 Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:

6 Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,
7 sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen;
8 er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen,
10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu
11 und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters.

In der heutigen Lesung aus dem Philipperbrief hören wir den sogenannten Philipperhymnus. Paulus reflektiert dort die Ohnmacht Gottes, die Christus freiwillig angenommen hat, als er Mensch geworden ist. In diesem Text wird eine sehr tiefe Theologie deutlich. Der Anlass für diese hymnische Ausführung stellt das Gemeindeleben in Philippi dar. Paulus ermahnt die dortigen Christen dazu, ein Leben wie Christus zu führen. Dieser „war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein“. Das Verb für „daran festhalten“ ist ἡγέομαι egeomai. Es steht gemeinsam mit ἁρπαγμός arpagmos, was eigentlich wörtlich „Raub, Beute“ meint. Das heißt, dass Jesus als Gott es nicht als Beute erachtete, gottgleich zu sein (denn das Erbeutete ist ein Bild für das sehr Kostbare).
„Sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ Das Verb für die Entäußerung ist ἐκένωσεν ekenosen. Mit κενόω kenoo ist gemeint, dass man sich leer macht. Das heißt nicht, dass Jesus seine Gottheit abgelegt hat, sondern sich die Freiheit genommen hat, auf sie zu verzichten. Mit dieser Ausleerung ist also der Verzicht gemeint, der Verzicht auf seine göttliche Allmacht. Dadurch ist er wie ein Sklave geworden, was uns an die Gottesknechtslieder Jesajas erinnert. Dieses Bild ist ja schon dort das Hauptbild des leidenden Gottesknechtes. Jesus hat sich freiwillig die Fesseln der irdischen Beschränktheit anlegen lassen, um darin die Sünde der gesamten Menschheit wiedergutzumachen.
Er hat sich erniedrigt und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Jesus hat nicht nur physisch unsägliches Leid erfahren, sondern auch psychisch und seelisch. Wie sehr haben die Menschen sein Herz gebrochen durch ihren Spott und ihre Undankbarkeit!
Weil Jesus diese Sklaverei durchgehalten hat, hat Gott ihn auch über alle anderen erhöht. Sein Name ist wirklich der allerheiligste! In seinem Namen geschehen auch heute noch Zeichen und Wunder.
Und seine Heilstat ist so groß, dass „alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde“ (typisch hymnische Sprache!) ihr Knie beugen vor seinem Namen und zum Bekenntnis kommen, dass er der Herr ist. Die ganze Schöpfung preist ihn und erkennt seinen göttlichen Namen an. Sogar die Dämonen, die mit „unter der Erde“ angedeutet werden, müssen vor ihm in die Knie gehen und seine Göttlichkeit bekennen. Das tun sie ja schon zu seinen Lebzeiten, sodass er ihnen das Schweigen gebieten muss.
Am Ende werden es alle erkennen, was sie zum Zeitpunkt seines Leidens und Sterbens noch so sehr verspottet haben, ironischerweise: Er ist wirklich ein König, aber nicht nur der Juden, sondern des ganzen Universums! Sie werden vor dem niederfallen, den sie durchbohrt haben, dem sie die Nägel durch Hände und Füße getrieben haben. Sie werden den bekennen müssen, den sie so sehr gequält und angespuckt, dem sie so sehr das Herz gebrochen haben.

Ps 22
26 Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung, ich erfülle mein Gelübde vor denen, die ihn fürchten.

27 Die Armen sollen essen und sich sättigen; den HERRN sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.
28 Alle Enden der Erde sollen daran denken/ und sich zum HERRN bekehren: Vor dir sollen sich niederwerfen alle Stämme der Nationen.
29 Denn dem HERRN gehört das Königtum; er herrscht über die Nationen.
30 Es aßen und warfen sich nieder alle Mächtigen der Erde. Alle, die in den Staub gesunken sind, sollen vor ihm sich beugen. Und wer sein Leben nicht bewahrt hat,
31 Nachkommen werden ihm dienen. Vom Herrn wird man dem Geschlecht erzählen, das kommen wird.
32 Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan.

Als Antwort beten wir Psalm 22, den Jesus laut Markuspassion am Kreuz angestimmt hat. Es handelt sich dabei um einen Klagepsalm, der wie sehr oft zum Ende hin in einen Lobpreis umschlägt. Aus diesem lobpreisenden Ende beten wir heute einige Verse.
„Von dir kommt mein Lobpreis in großer Versammlung, ich erfülle mein Gelübde vor denen, die ihn fürchten.“ Der Gläubige – zunächst König David, der Komponist, darüber hinaus jeder gläubige Jude und später Christ – betet dies im liturgischen Kontext. Zuvor beklagte der Beter ja das Gefühl der absoluten Gottesferne, denn es heißt zu Anfang ja: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es folgte sodann eine Bitte, die erfüllt worden ist und deshalb den Anlass zum Lobpreis darstellt. Gott erhört wirklich die Bitten seiner Gläubigen! Der Gläubige möchte nun das Gelübde einlösen, was uns zeigt, dass der Beter Gott bei Gebetserhörung seinen dankenden Lobpreis versprochen hat. Dies setzt er nun um, wenn er Gott vor den Gottesfürchtigen lobt.
„Die Armen sollen essen und sich sättigen; den HERRN sollen loben, die ihn suchen. Aufleben soll euer Herz für immer.“ Die Sättigung der Armen ist wörtlich zu verstehen, aber auch im übertragenen Sinne. Jene, denen es an dem Lebensnotwendigen mangelt, sollen in diesem Punkt „gesättigt“ werden. Auch die Einsamen sollen diese „Sättigung“ erfahren durch Gemeinschaft und Beistand. Die Ausgestoßenen sollen „Sättigung“ erfahren durch Rechte, die sie schützen und stützen. Die Hoffnungslosen sollen „gesättigt“ werden durch Hoffnung. Das Herz meint schließlich die Mitte des Lebens, den Kern des Menschen, nicht nur einfach sein lebensnotwendiges Organ. Es ist auch der Sitz der Seele, weshalb wir diesen Vers auch anagogisch verstehen dürfen, also auf die Ewigkeit hin: Gesättigt werden auch die Armen mit dem Himmelreich, mit dem ewigen Freudenfest, das sie dort erwartet.
In Vers 28 wird der Wunsch geäußert, dass alle Enden der Erde von diesem Heil erfahren sollen und alle Menschen weltweit sich vor Gott niederwerfen sollen. Dieser Wunsch wird wahr am Ende der Zeiten bei der eschatologischen Völkerwallfahrt. Menschen aus allen Nationen, aus allen Himmelsrichtungen, aus allen Zeiten, werden kommen und Gott anbeten im himmlischen Jerusalem. Dies zeigt sich jetzt schon im sakramentalen und ekklesiologischen Sinne. Denn aus allen Nationen bekehren sich Menschen zu Christus und lassen sich taufen. Aus allen Himmelsrichtungen strömen Menschen zusammen zum Kreuzesopfer Jesu Christi, das sich in jeder Hl. Messe vergegenwärtigt. Sie antizipieren das, was beim ewigen Hochzeitsmahl des Lammes vollkommen sein wird.
Gott ist der einzig wahre König des ganzen Universums. Selbst die Mächtigen der Erde, vor denen sich alle Menschen gebeugt haben, werden sich nun vor Gott beugen müssen. Sie sind nichts in seiner Gegenwart.
Jene werden sich aber freuen und gesättigt werden im Himmelreich, die ihr Leben nicht bewahrt haben. Das können wir durchaus schon so verstehen, dass es die Märtyrer meint. Wir denken an Jesu Worte: „Wer sein Leben gewinnt, der wird es verlieren. Wer es um meinetwillen verliert, wird es finden.“ Was bringt es denn, wenn einer die ganze Welt gewinne, aber sein eigenes Leben verliert? Diese Dinge hat Jesus gesagt ausgehend von der Tradition des Alten Testaments. Das ewige Leben, dessen Vorstellung schon im Alten Testament beginnt, ist das wahre und eigentliche Leben. Deshalb muss es dem Menschen darum gehen, dieses Leben nicht zu verlieren.
Im Psalm ist unter dem Einfluss des Hl. Geistes schon aufgeschrieben worden, dass ein Volk geboren wird, das in Zukunft kommt. Das ist höchst messianisch! Es wird das Volk Gottes gesammelt werden, wenn Gott Mensch wird und das Reich Gottes verkünden wird! Jesus wird einen Neuen Bund zwischen Gott und diesem Volk besiegeln mit seinem eigenen Blut. Es wird nicht mehr eingeschränkt sein auf ein biologisches Volk, sondern zusammengesetzt aus Menschen aller Völker, Stämme, Sprachen und Nationen, die zum Glauben an Christus kommen. Der gemeinsame Glaube und die dazugehörige Taufe werden dieses Volk zu einem gemeinsamen Volk entstehen lassen. Dies geschieht durch den Hl. Geist, der Einheit schafft, und durch das Kreuzesopfer Jesu Christi, der der Gemeinschaftsstifter ist.

Lk 14
15 Als einer der Gäste das hörte, sagte er zu Jesus: Selig, wer im Reich Gottes am Mahl teilnehmen darf.

16 Jesus sagte zu ihm: Ein Mann veranstaltete ein großes Festmahl und lud viele dazu ein.
17 Zur Stunde des Festmahls schickte er seinen Diener aus und ließ denen, die er eingeladen hatte, sagen: Kommt, alles ist bereit!
18 Aber alle fingen an, einer nach dem anderen, sich zu entschuldigen. Der erste ließ ihm sagen: Ich habe einen Acker gekauft und muss dringend gehen und ihn besichtigen. Bitte, entschuldige mich!
19 Ein anderer sagte: Ich habe fünf Ochsengespanne gekauft und bin auf dem Weg, um sie zu prüfen. Bitte, entschuldige mich!
20 Wieder ein anderer sagte: Ich habe geheiratet und kann deshalb nicht kommen.
21 Der Diener kehrte zurück und berichtete dies seinem Herrn. Da wurde der Hausherr zornig und sagte zu seinem Diener: Geh schnell hinaus auf die Straßen und Gassen der Stadt und hol die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen hierher!
22 Und der Diener meldete: Herr, dein Auftrag ist ausgeführt; und es ist immer noch Platz.
23 Da sagte der Herr zu dem Diener: Geh zu den Wegen und Zäunen und nötige die Leute hereinzukommen, damit mein Haus voll wird.
24 Denn ich sage euch: Keiner von denen, die eingeladen waren, wird an meinem Mahl teilnehmen.

Im Evangelium erzählt Jesus ein wichtiges Gleichnis, das den Kreis der heutigen Lesungen schließt. Denn er spricht von einem Festmahl, das ein gängiges Bild für die Ewigkeit darstellt. Er versucht das Himmelreich begreiflich zu machen, und erklärt:
Ein Mann möchte ein Festmahl ausrichten. Wir verstehen, dass es Gott meint, der die ewige Freude des Himmels bereitstellt.
Sein Reich ist ja mit dem ersten Kommen Christi auf die Erde angebrochen. Schon die Propheten des Alten Testaments haben auf dieses Festmahl hingewiesen und die Menschen dazu eingeladen. Alles ist vorbereitet, doch die Menschen interessiert die Einladung nicht. Sie arbeiten und gehen ihrem Alltag nach, als ob nichts gewesen wäre. Wir denken an die vielen Propheten des Alten Testaments, die auf das vorbereitete Festmahl hingedeutet haben, doch die Menschen haben nicht auf sie gehört.
Das bleibt nicht ohne Konsequenzen, denn das Festmahl soll stattfinden, jedoch nicht mit jenen, die sich als unwürdig erwiesen haben. So weitet der Mann seine Einladung aus und die Diener gehen auf die Straße. Sie holen „die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen“ zusammen, bis der Festsaal gefüllt ist. Das dürfen wir nicht so verstehen, dass Jesus meint, diese Menschen seien zweiter Klasse und deshalb erst eingeladen worden, nachdem die eigentlichen Gäste nicht gekommen sind. Wir müssen uns vorstellen, dass es ein Gleichnis darstellt, das jene Zeit abbildet und mit dem die Zuhörer Jesu etwas anfangen können. Und diese würden ihrem Empfinden nach diese Art von Menschen aus rituellen Gründen vielleicht nicht zum Festmahl einladen. In den Ritualgeboten des Pentateuch lesen wir immer wieder davon, dass Menschen, die zum Beispiel verkrüppelte Körperteile aufweisen, nicht kultfähig seien. Es ist zum Beispiel in 2 Sam 5,8 belegt, dass Blinde und Lahme den Tempel nicht betreten dürfen. Aus Levitikus sind uns detaillierte Vorschriften bekannt, die jemanden vom Priesterdienst ausschließen. Und doch geht Jesus mit der Aufzählung dieser Menschen hinaus. Er meint nie nur die körperlich beeinträchtigten Menschen. Wenn er einem Blinden die Augen öffnen möchte, tut er dasselbe mit den Umstehenden, deren innere Blindheit er heilt. Das ist der Kern. Es sollen jene eingeladen werden, die auf irgendeine Weise beeinträchtigt sind, die innerlich blind und taub sind, die dem (Augen-)Licht österlicher Hoffnung entbehren, die gelähmt sind in den Zwängen ihrer Gesellschaft etc. Es sind vor allem jene – und hier kehren wir zu den Zuhörern Jesu zurück – die die Zuhörer Jesus bei einem Festmahl nicht erwarten würden. Das Bild für die Endzeit soll die Juden herausfordern, ihren jüdischen Horizont zu weiten. Denn hier wird ein Volk „geboren“, das über die jüdischen Grenzen hinausgeht. Hier werden Menschen aus allen Völkern, Stämmen, Sprachen und Regionen gesammelt. Wir verstehen dieses Bild also für den neuen Bund, der mit allen Menschen guten Willens eingegangen wird. Wir haben von dieser universalen Sammlung im Psalm gehört. „Das Reich Gottes ist nahe“ meint Jesus, wenn er im Gleichnis den Diener „das Festmahl ist bereit“ sagen lässt. Etwas Entscheidendes bleibt aber noch: der Platz ist nicht ausgebucht. Es ist noch Platz. Jesus sagt den Zuhörern damit, dass sie ebenfalls zum Festmahl kommen sollen. Der Diener soll zu den Wegen und Zäunen gehen. Alle Menschen sind dazu berufen, zum Reich Gottes dazuzugehören! Der Diener steht für die Apostel Jesu Christi, zu denen er vor seiner Himmelfahrt sagt: Geht hinaus in die ganze Welt und macht alle Menschen zu meinen Jüngern. Sie gehen wirklich bis „zu den Enden der Erde“, um das Evangelium Jesu Christi zu allen Menschen zu bringen.
Die letzte Aussage, dass keiner der Eingeladenen am Festmahl teilnehmen wird, ist ein hartes Urteil, das Jesus deshalb so harsch formuliert, um die Betroffenen wachzurütteln. Wir dürfen das nicht so verstehen, dass er alle Juden kollektiv meint. Wäre dem so, hätten ja selbst seine Apostel keine Chance, die ja Juden sind. Jesus ist hart zu jenen, die die Einladung abgeschlagen haben, die religiöse Elite, die sich einbildet, keine Erlösung zu benötigen. Er meint die vielen verstockten Pharisäer und Schriftgelehrten, Sadduzäer und Ungläubigen. Und auch unter ihnen gibt es solche und solche. Jeder Mensch ist in der Begegnung mit Christus vor die Entscheidung gestellt, seiner Einladung zu folgen oder nicht. Wer seine wunderbare Einladung ablehnt, die Zeit der Gnade nicht erkennt, seine vergebende Liebe zurückweist, dem gilt dieser letzte Vers. Und da spielt es keine Rolle, zu welcher Zeit die Person lebt, welcher Nation sie angehört, ob sie Jude oder Heide ist. Wer Christus begegnet und ihn dennoch ablehnt, hat sich das eigene Urteil gesprochen.

Das macht den christlichen Glauben so anspruchsvoll. Es ist kein anfängliches Tun und Streben des Menschen, um etwas zu erreichen, sondern am Anfang steht eine Begegnung mit Gott. Wir müssen uns tagtäglich neu für ihn entscheiden und an der Beziehung zu ihm arbeiten. Das macht das Anspruchsvolle aus. Wir leben in einer Beziehung und es geht immer bis tief in unser Herz, wenn wir nämlich umkehren müssen. Wie oft schlagen wir nämlich seine Einladung aus, wenn wir sündigen und lieber einen anderen Weg als seinen einschlagen. Doch er gibt uns immer wieder die Chance zur Umkehr. Unermüdlich steht er am Zaun und ruft nach uns, damit wir zu ihm kommen, der uns zuerst geliebt und sich für uns am Kreuz hingegeben hat. Seien wir also dankbar und nehmen die Einladung an, damit wir am Ende nicht vor verschlossener Tür stehen und in Ewigkeit unsere Entscheidung bereuen.

Ihre Magstrauss

Allerseelen

2 Makk 12,43-45; Ps 130,1-2.3-4.5-6b.6c-8; 1 Thess 4,13-18; Joh 11,17-27

2 Makk 12
43 Er veranstaltete eine Sammlung, an der sich alle beteiligten, und schickte etwa zweitausend Silberdrachmen nach Jerusalem, damit man dort ein Sündopfer darbringe. Damit handelte er sehr schön und edel; denn er dachte an die Auferstehung.

44 Denn hätte er nicht erwartet, dass die Gefallenen auferstehen werden, wäre es überflüssig und sinnlos gewesen, für die Toten zu beten.
45 Auch hielt er sich den herrlichen Lohn vor Augen, der für die hinterlegt ist, die in Frömmigkeit entschlafen. Ein heiliger und frommer Gedanke! Darum ließ er die Toten entsühnen, damit sie von der Sünde befreit werden.

Heute feiern wir das Fest Allerseelen. Dabei gedenken wir aller verstorbenen Gläubigen und vor allem jener, die wir als „Arme Seelen“ bezeichnen, die leidende Kirche im Fegefeuer. Das Fest geht auf den Abt Odilo von Cluny zurück und ist für die Gläubigen am Reinigungsort ein ganz großer Akt der Barmherzigkeit. Wir sind eine gemeinsame Kirche und dadurch mit diesen Armen Seelen verbunden. Sie sind arm, weil sie nichts für sich selbst tun können. Sie sind auf unser Gebet angewiesen. Umso mehr werden sie es uns zurückzahlen, wenn sie dann in die Herrlichkeit des Himmels eingehen und vor Gottes Thron stehen. Dann werden sie für uns Fürsprache halten.
In der ersten Lesung hören wir aus dem zweiten Makkabäerbuch eine Stelle, die die Kirche als Beleg für einen Reinigungsort anführt. Den Kontext bildet der Bericht über den Makkabäeraufstand angeführt durch Judas Makkabäus. Bei den Kämpfen sterben viele Menschen. Im 12. Kapitel wird von einer Schlacht bei Marescha berichtet, bei der viele der Juden gefallen sind. Als die Überlebenden den Sabbat begangen haben, kehren sie zum Schlachtfeld zurück, um ihre Leute zu bestatten. Dabei sehen sie, dass alle gefallenen Juden Amulette der Götter Jamnias unter ihrer Kleidung getragen haben und deshalb gefallen sind.
Deshalb hören wir heute also, dass eine liturgische Feier veranstaltet wird, bei dem eine Kollekte für den Jerusalemer Tempel abgehalten wird. Mit den gesammelten zweitausend Silberdrachmen soll ein Sündopfer dargebracht werden. Es heißt als Begründung: „Denn er dachte an die Auferstehung“. Gemeint ist Judas Makkabäus. Er glaubt, dass die Toten auferstehen werden. Das ist für das Alte Testament eine sehr fortschrittliche Vorstellung. Wenig später ist die Zeit des Kommens Christi gekommen und dann werden es die Pharisäer sein, die diese Auferstehung weiterhin vertreten im Gegensatz zu den Sadduzäern.
Es wird mit Nachdruck erklärt, dass wenn Judas an keine Auferstehung geglaubt hätte, er für die Gefallenen kein Sündopfer darbringen müsste. Das ist uns eine wichtige Lehre: Wenn wir an die Auferstehung der Toten glauben – und das macht unseren christlichen Glauben aus, der auf dem Osterereignis gründet! – dann beten wir auch für die Toten. Das hat nichts mit Spiritismus zu tun, weil die Seelen der Toten ja nicht mithilfe von Seancen oder anderen Methoden wieder zurückgeholt werden. Die Toten werden dort gelassen, wo sie jetzt sind, doch wird für ihr Seelenheil gebetet.
Judas hat den Lohn des Himmelreichs vor Augen, der jenen bereitsteht, „die in Frömmigkeit entschlafen“ sind, wir sagen, „die im Stand der Gnade gestorben sind“. Damit die Gefallenen in das Himmelreich eingehen können, ermöglicht Judas also das Sündopfer für sie. Das Ganze steht noch aus, aber nicht, weil das Ende der Zeiten noch nicht gekommen ist (außer die leibliche Auferstehung, denn diese bleibt etwas, das wir alle erst am Ende der Zeiten erfahren), sondern schon mit Christi Erlösungswirken einsetzt: Unsere Seelen dürfen schon eingehen in das Himmelreich, dessen verschlossene Tür seit dem Sündenfall nun wieder geöffnet ist. Die „Vorhölle“ bzw. der Limbus ist nun leer. Die Gerechten des Alten Testaments durften in das Himmelreich eingehen.
Zum Ende hin hören wir nun die Wirkung des Sündopfers: Es sühnt die Sünde der Toten. Diese Sünde besteht im Götzendienst durch die Amulette. Sühne heißt nicht Vergebung, sondern Wiedergutmachung des entstandenen Schadens. Dieser Schaden wiederum ist ein Graben zwischen Gott und dem Sünder. Die Beziehung ist zerbrochen und muss an dieser Stelle wieder gekittet werden, selbst wenn Gott dem Menschen die Schuld vergeben hat.

Ps 130
1 Ein Wallfahrtslied. Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir:

2 Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade.
3 Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn?
4 Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient.
5 Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort.
6 Meine Seele wartet auf meinen Herrn mehr als Wächter auf den Morgen, ja, mehr als Wächter auf den Morgen.
7 Israel, warte auf den HERRN, denn beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle.
8 Ja, er wird Israel erlösen aus all seinen Sünden.

Als Antwort beten wir den sehr bekannten Psalm 130, der auf Beerdigungen gebetet wird. Es handelt sich dabei um einen Bußpsalm. Er ist als Wallfahrtslied von den Juden bei den Wallfahrtsfesten gebetet worden. Bei den Festen wurden ja Sündopfer etc. dargebracht, die durch solche Gebete begleitet worden sind.
„Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir“ ist der Ausdruck des Menschen auf Erden, der Gott im Himmel anruft. Es meint aber viel mehr als nur die lokale Bezeichnung, denn der Mensch ist in der Tiefe seiner Begrenztheit und Unvollkommenheit. Somit kann diese lokale Zuschreibung auch den moralischen Zustand umschreiben. Der Mensch ist in den Tiefen, weil er gesündigt hat. Der Mensch ist in den Tiefen, weil er im Exil außerhalb des Paradieses leben muss, nachdem das erste Menschenpaar den Platz im Garten Eden verloren hat. Umso lauter ergeht dieser Ruf nun also von der gesamten Menschheit, die nach Erlösung ruft. Der Messias soll kommen, um die Menschheit aus diesem Exil zu befreien. Der Mensch ruft schließlich aus der Tiefe des Totenreiches voller Sehnsucht zu Gott, dass er ihn emporhebe in das Himmelreich.
„Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade.“ Der Graben zwischen Gott und Mensch ist sehr tief. Christus wird aber eine Brücke schlagen durch das Kreuz.
„Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn?“ Wenn Gott eine Rechenmaschine ohne Barmherzigkeit und Vergebung wäre, könnte kein Mensch in das Himmelreich eingehen, weil die Menschheit eine gefallene Schöpfung ist. Keiner kann aus eigener Kraft das Himmelreich verdienen. Doch Gott ist vergebungsbereit, so sehr, dass die Menschen die Chance haben, ihm in Ehrfurcht zu dienen. Das dürfen nicht nur die Juden auf Erden durch den Jerusalemer Tempel und wir nun, die wir im Neuen Bund mit ihm stehen und vor das Allerheiligste treten dürfen, sondern vollkommen im Himmelreich.
Darauf setzen Juden wie Christen ihre Hoffnung. Die Juden warten auf das erste Kommen des Messias, damit er die Erlösung bringe. Sie warten auf das Wort, das Fleisch werden würde. Die Christen haben die Gnade bereits erlangt und sind auf seinen Namen getauft worden. Und doch warten auch sie voller Sehnsucht auf das Wort, nämlich auf die Rückkehr des fleischgewordenen Wortes am Ende der Zeiten. Christen sind ebenso adventliche Menschen wie die Juden vor dem Kommen des Messias.
Das Warten auf den Herrn wird verglichen mit der Sehnsucht der Wächter auf den Morgen. Dieses Bild ist nicht willkürlich gewählt, sondern besitzt eine lange Tradition. Der Messias wird nämlich aus dem Osten erwartet. Gestern hörten wir einen ähnlichen Code in der Lesung aus der Johannesoffenbarung. Der Osten wiederum wird sehr oft mit „Sonnenaufgang“ umschrieben, weil es kein Wort für diese Himmelsrichtung gibt. Nicht umsonst wird Jesus dieses gesamte Bildfeld aufgreifen und in seinen apokalyptischen Reden immer wieder von Wachsamkeit, von Nachtwachen und vom Morgengrauen sprechen. Ja, seine Auferstehung findet nicht umsonst im Morgengrauen statt! Das ist eine höchst zeichenhafte Handlung Gottes.
Israel wartet auf die Erlösung. Die Messiaserwartung wird immer stärker. Besonders im Exil wird sie akut, denn wo das Leiden besonders stark ist, wird Erlösung umso mehr ersehnt.
Die Erlösung, die Israel erwartet, wird oft auf politischer Ebene vermutet. Jesus wird immer wieder klarstellen, dass es ihm nicht um eine politische Befreiung geht, sondern um das Reich Gottes, das nicht von dieser Welt ist. Die Erlösung – und das ist sehr erstaunlich fortschrittlich in diesem Text – ist in erster Linie eine Erlösung von den Sünden. Jesu Erlösungswirken ist dabei so umfassend und vollkommen, dass sie beim Tod keinen Halt macht. Das ist der Grund, warum wir heute Allerseelen feiern.

1 Thess 4
13 Brüder und Schwestern, wir wollen euch über die Entschlafenen nicht in Unkenntnis lassen, damit ihr nicht trauert wie die anderen, die keine Hoffnung haben.

14 Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott die Entschlafenen durch Jesus in die Gemeinschaft mit ihm führen.
15 Denn dies sagen wir euch nach einem Wort des Herrn: Wir, die Lebenden, die noch übrig sind bei der Ankunft des Herrn, werden den Entschlafenen nichts voraushaben.
16 Denn der Herr selbst wird vom Himmel herabkommen, wenn der Befehl ergeht, der Erzengel ruft und die Posaune Gottes erschallt. Zuerst werden die in Christus Verstorbenen auferstehen;
17 dann werden wir, die Lebenden, die noch übrig sind, zugleich mit ihnen auf den Wolken in die Luft entrückt zur Begegnung mit dem Herrn. Dann werden wir immer beim Herrn sein.
18 Tröstet also einander mit diesen Worten!

In der zweiten Lesung erklärt Paulus eine wichtige Sache: In den ersten Christengenerationen ging man davon aus, dass die Wiederkunft Christi sehr bald geschehen werde, also noch in der Lebenszeit der ersten Christen. Doch es blieb aus und die ersten Christen starben. Es entstanden also nun Fragen und Ängste, denn was würde aus diesen bereits Verstorbenen werden, wenn Christus wiederkommt? Deshalb thematisiert Paulus dies nun:
Die Christen sollen nicht trauern wie jene, die keine Hoffnung haben. Er sagt nicht, dass man überhaupt nicht trauern soll über den Verlust eines Menschen, sondern dass man daran nicht verzweifeln soll. Denn auch wenn wir traurig sind, dass unsere geliebten Menschen von uns gegangen sind, so hoffen wir dank Jesu Tod und Auferstehung, dass es nur eine vorübergehende Trennung ist. Wir hoffen darauf, dass wir uns in der Ewigkeit wiedersehen. Deshalb sagen wir nicht „auf nimmer Wiedersehen“ zu unseren Verstorbenen, sondern „bis bald“. Diese Hoffnung können wir als Getaufte haben, weil wir österliche Menschen sind.
Paulus argumentiert in Vers 14 mit dem Osterereignis, das den Anfang dessen markiert, dem auch wir folgen werden.
„So wird Gott die Entschlafenen durch Jesus in die Gemeinschaft mit ihm führen.“ Paulus benutzt hier die Zukunftsform, auch im Griechischen (ἄξει axei). Das können wir entweder so verstehen, dass es nach dem biologischen Tod geschieht und davon ausgehend als zukünftig zu verstehen ist, oder Paulus meint damit schon die leibliche Auferstehung, die erst am Ende der Zeiten allen Menschen zuteilwird. Diese zweite Möglichkeit ist ziemlich wahrscheinlich, weil er an vielen Stellen das Thema Auferstehung mit der leiblichen Auferstehung in Verbindung bringt. Was wir also jetzt schon erleben – die Auferstehung der Seele – ist noch nicht der Endpunkt, weshalb er das hier auch nicht anspricht. Diesen Ausführungen ist wahrscheinlich die Frage nach dem Ende der Zeiten vorausgegangen, deshalb bezieht sich Paulus bei seiner Antwort im 1 Thess auch auf die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten.
Der Kern seiner Erklärung ist in Vers 15 zu lesen: „Wir, die Lebenden, die noch übrig sind bei der Ankunft des Herrn, werden den Entschlafenen nichts voraushaben.“ Dies ist ja die Sorge der Thessalonicher wegen der bereits verstorbenen Gemeindemitglieder. Paulus erklärt, dass beide – die bereits Verstorbenen sowie die noch Lebenden – gleichermaßen mit Leib und Seele in die Ewigkeit eingehen werden. Es wird am Ende der Zeiten, wenn der Menschensohn wiederkommt und seine Engel ihm bei der Sammlung aller Menschen zum Weltgericht helfen werden, zuerst die Verstorbenen auferstehen. Was damit gemeint ist, lesen wir in vielen Bibelstellen darüber hinaus. Sogar im Matthäusevangelium wird berichtet, dass im Moment des Kreuzestodes Christi sich die Gräber geöffnet haben und die Verstorbenen herausgetreten sind, allerdings erst nach der Auferstehung Jesu Christi. Diese ersten „Mitauferstandenen“ sollten den Menschen als Zeichen dienen, dass Christus wirklich der Messias ist, der den Tod besiegt und die Auferstehung aller gebracht hat.
Die Verstorbenen werden also zuerst auferstehen und es wird eine leibliche Auferstehung sein. Ihre Seelen sind ja nicht zusammen mit ihrem verwesten Leib im Grab geblieben. Der Mehrwert dieser Auferstehung besteht in der Auferstehung des Leibes.
Dann werden die noch Lebenden mit Leib und Seele in die Ewigkeit eingehen.
Paulus sagt, dass die Lebenden auf den Wolken in die Luft entrückt werden. Diese Formulierung ist ganz bewusst so gewählt, denn die Christen wissen, wie Jesus auf diese Weise in den Himmel aufgefahren ist. Die Christen werden ihm also auf demselben Weg folgen. „Auf den Wolken“ meint dabei mehr als nur die Ansammlung kondensierenden Wasserdampfes. Es ist ein Code und Theophaniezeichen Gottes. Die Wolke erscheint immer da, wo Gott ist. Dieser nimmt den Menschen also in die Ewigkeit auf. Das wird durch dieses Zeichen ausgedrückt. Wir gehen also direkt in die Arme des Vaters, in seine Begegnung, in die ewige Gemeinschaft mit ihm, wenn wir im Stand der Gnade sterben.
Diese tröstenden Worte sollen die Thessalonicher einander immer wieder zusagen, damit sie nicht verzagen über den Tod ihrer Gemeindemitglieder, bevor Christus wiederkommt.

Joh 11
17 Als Jesus ankam, fand er Lazarus schon vier Tage im Grab liegen.

18 Betanien war nahe bei Jerusalem, etwa fünfzehn Stadien entfernt.
19 Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.
20 Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus sitzen.
21 Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
22 Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.
23 Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.
24 Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.
25 Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,
26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?
27 Marta sagte zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.

Im Evangelium hören wir von der Auferweckung des Lazarus bzw. das vorausgehende Gespräch Jesu mit der Schwester des Verstorbenen, Marta. Nicht umsonst ist uns diese Episode in der Osteroktav verlesen worden, denn das gesamte Ereignis verstehen wir also Vorausbild des Osterereignisses. Was mit Lazarus passiert ist, ist ein kleiner Funke dessen, was mit Christus und in seiner Nachfolge mit uns allen passieren wird. Dabei ist gewiss der Unterschied zu nennen, dass bei der Auferstehung von den Toten nicht einfach eine Wiederbelebung stattfindet, sondern der gesamte Leib des Menschen gewandelt wird zu einem verklärten Auferstehungsleib.
Als Jesus mit seinen Jüngern unterwegs nach Betanien ist, kommt Marta ihm entgegen, während Maria im Haus bleibt. Die beiden Frauen trauern sehr um ihren Bruder, der an einer Krankheit verstorben ist. Sie sind zunächst beide im Haus, wo viele Menschen zu ihnen kommen und sie trösten. Als Marta von Jesu Kommen hört, ist sie sofort unterwegs zu ihm. Das ist bezeichnend, denn Marta ist der aktive Part der Familie. Sie ist voller Tatendrang und führt viele Liebestaten aus. Aus dem Lukasevangelium ist uns ja die Episode überliefert, in der Marta Jesus bewirtet und Maria seinen Worten lauscht. Marta ist wirklich eine Frau der Tat! Maria dagegen ist der kontemplative Part der Familie, die Ruhende und Hörende, die sich auf Jesus einlässt und gut in sich gehen kann. Deshalb verwundert es auch nicht, dass Maria im Haus zurückbleibt.
Warum aber geht Marta Jesus entgegen? Sie tut es nicht nur, weil sie ihn so ersehnt und so schnell wie möglich bei ihm sein möchte. Womöglich tut sie es, um Jesus nicht bis zum Haus kommen zu lassen, in dem Lazarus gestorben ist und wo deshalb für sieben Tage kultische Unreinheit herrscht. Vielleicht möchte sie nicht, dass Jesus danach isoliert sein muss. Andererseits: Sie selbst ist ja auch kultisch verunreinigt und dürfte somit gar nicht auf ihn zugehen. Also bezeugt sie durch dieses Verhalten vielmehr ihren starken Glauben, der stärker als die Furcht vor kultischer Unreinheit ist.
Sie ist voller Trauer und doch glaubt sie, dass Jesus vom Vater alles erbitten kann. Sie hadert nicht mit Jesus, auch wenn sie ihm sagt: „Wärst du hier gewesen, wäre er nicht gestorben.“ Ihr Gottvertrauen ist größer als ihre Trauer. Deshalb sagt sie: „Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.“
Jesus erklärt ihr, dass der Bruder nicht sterben wird. Sie versteht es so, dass Jesus die Auferstehung am letzten Tag meint. Das ist ja schon ein Glaube, den es bei den Juden gibt. Wir hörten davon ja auch in der ersten Lesung. Jesus möchte aber sagen, dass es eine Auferstehung von den Toten auch schon vor dem Ende der Zeiten geben wird, nämlich eine Auferstehung der Seele, selbst beim Sterben des Leibes. Das ist der entscheidende Punkt, den viele „bibeltreue Christen“ oft ignorieren und deshalb die Fürbitte für die Toten als Spiritismus missverstehen. Jesus ist die Auferstehung und das Leben. Der daran Glaubende wird leben, auch wenn er stirbt, also trotz biologischem Tod. Damit nimmt er vorweg, was uns allen geschenkt wird, wenn Jesus die ganze Welt erlöst. Er selbst ist die Auferstehung, weil mit seiner Person das ewige Leben dem Menschen ermöglicht wird, der an ihn glaubt.
In diesem Sinne verstehen wir es, wenn Jesus sagt, dass der Mensch leben wird, auch wenn er stirbt, ja sogar auf ewig nicht sterben wird. Dies bezieht sich dann auf das ewige Leben bei Gott, das wir zunächst seelisch haben bis zum Weltende, wo wir mit unseren Leibern wieder vereint werden.
Marta hat ihren geliebten Bruder verloren und doch vertraut sie auf den Herrn. Sie ist so, wie Paulus den Thessalonichern erklärt. Sie ist traurig, aber sie hat Hoffnung und verzweifelt über den Tod ihres Bruder nicht. Sie bekennt gläubig, dass Jesus der Messias ist. Das ist sehr erstaunlich, denn so ein Messiasbekenntnis ist sonst sehr selten überliefert. Wir wissen z.B. von Petrus, dass er Jesus als Messias offen bekennt. An diesem Gespräch zeigt sich uns, was für ein glaubensstarker Mensch Marta ist.
Auferstehung hängt an Jesus Christus, der selbst gestorben und wieder auferstanden ist. Dieses Erlösungsgeschehen vergegenwärtigt sich in jeder Hl. Messe. Deshalb ist es so wertvoll, dass wir für die Toten die Hl. Messe feiern. Nichts kann ihre Sünde so sehr sühnen wie das Opfer, das Christus selbst dargebracht hat für alle Zeiten. Er ist zum Sündopfer geworden, das nicht mehr im Jerusalemer Tempel dargebracht wird, sondern auf dem Golgota geopfert worden ist. Dieses ist endgültig und reicht in jede Zeit und an jeden Ort hinein – in jeder Hl. Messe, auf jeden Altar.

Die Armen Seelen werden es uns danken, wenn wir ihnen diesen Akt der Barmherzigkeit zukommen lassen. Schließlich ist es unsere ganz große Hoffnung, dass wir uns am Ende alle wiedersehen in der Herrlichkeit Gottes!

Herr, gibt allen Verstorbenen die ewige Ruhe und das ewige Licht leuchte ihnen. Herr, lass sie ruhen in Frieden. Amen.

Ihre Magstrauss

Allerheiligen

Offb 7,2-4.9-14; Ps 24,1-2.3-4.5-6; 1 Joh 3,1-3; Mt 5,1-12a

Offb 7
2 Dann sah ich vom Aufgang der Sonne her einen anderen Engel emporsteigen; er hatte das Siegel des lebendigen Gottes und rief den vier Engeln, denen die Macht gegeben war, dem Land und dem Meer Schaden zuzufügen, mit lauter Stimme zu

3 und sprach: Fügt dem Land, dem Meer und den Bäumen keinen Schaden zu, bis wir den Knechten unseres Gottes das Siegel auf die Stirn gedrückt haben!
4 Und ich erfuhr die Zahl derer, die mit dem Siegel gekennzeichnet waren. Es waren hundertvierundvierzigtausend aus allen Stämmen der Söhne Israels, die das Siegel trugen:
9 Danach sah ich und siehe, eine große Schar aus allen Nationen und Stämmen, Völkern und Sprachen; niemand konnte sie zählen. Sie standen vor dem Thron und vor dem Lamm, gekleidet in weiße Gewänder, und trugen Palmzweige in den Händen.

10 Sie riefen mit lauter Stimme und sprachen: Die Rettung kommt von unserem Gott, der auf dem Thron sitzt, und von dem Lamm.
11 Und alle Engel standen rings um den Thron, um die Ältesten und die vier Lebewesen. Sie warfen sich vor dem Thron auf ihr Angesicht nieder, beteten Gott an
12 und sprachen: Amen, Lob und Herrlichkeit, Weisheit und Dank, Ehre und Macht und Stärke unserem Gott in alle Ewigkeit. Amen
13 Da nahm einer der Ältesten das Wort und sagte zu mir: Wer sind diese, die weiße Gewänder tragen, und woher sind sie gekommen?
14 Ich erwiderte ihm: Mein Herr, du weißt das. Und er sagte zu mir: Dies sind jene, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht.

Heute am Fest Allerheiligen gedenken wir der Heiligen, die bereits bei Gott sind und die sogenannte triumphierende Kirche bilden. Kirche besteht aus verschiedenen Dimensionen. Es gibt jene, die auf Erden leben, die sichtbare Gemeinschaft der Heiligen. Sie haben noch „den guten Kampf“ zu kämpfen, wie es Paulus am Ende des zweiten Timotheusbriefes gesagt hat. Sie müssen noch die Bedrängnis dieser Welt erfahren und gegen den Bösen und sein Heer ankämpfen, einen geistlichen Kampf. Es gibt jene, die es fast geschafft haben, aber zunächst gereinigt werden müssen im Reinigungsort, der auch Fegefeuer genannt wird, bevor sie Gottes Angesicht auf ewig schauen dürfen. Es sind jene, deren Sünden noch nicht gesühnt sind und die wir Arme Seelen nennen. Sie sind arm, weil sie nichts für sich tun können, sondern auf unsere Gebete angewiesen sind. Ihr Trost ist, dass sie nach dieser Reinigung ganz sicher ins Himmelreich eingehen. Diese Dimension von Kirche nennen wir die leidende Kirche. Und jener Teil der Gemeinschaft, die es schon geschafft hat und auf ewig jubeln darf, nennen wir wie gesagt die triumphierende Kirche. Jene, die schon bei Gott sind, diese feiern wir heute am Hochfest Allerheiligen. Wenn wir an sie denken, ermutigt es uns aufs Neue, den Weg der Heiligkeit hier auf Erden zu beschreiten, um am Ende dorthin zu gelangen, wo sie jetzt sind. Wenn wir Allerheiligen feiern, müssen wir einfach aus der Johannesoffenbarung hören, denn Johannes schaut den Himmel. Er schaut im siebten Kapitel jene Schar von Heiligen, die bereits vor Gottes Thron stehen darf. Wir müssen mit Blick auf die Johannesoffenbarung festhalten: Der Himmel ist voll! Gott thront nicht einsam und allein, sondern ist umgeben von jenen, die ihn zurücklieben! Der Himmel ist ein einziger Ort der Liebesgemeinschaft.

Zunächst hören wir aus dem ersten Teil des Kapitels, wie Johannes die Besiegelung von Menschen der zwölf Stämme sieht. Es kommt aus dem Osten ein mächtiger Engel mit dem Siegel Gottes. Das ist ein messianischer Code, den die frommen Juden kennen. Der Messias wird aus dem Osten erwartet. Wenn Johannes das sieht, versteht er als Judenchrist sofort, dass damit das Kommen des Messias ausgedrückt wird. Gott ist Mensch geworden, um alle Menschen zu erlösen. Das Siegel Gottes, das der Engel bei sich hat, ist sakramental zu deuten als Taufe. Diese wird nämlich stets als unauslöschliches Siegel verstanden, das dem Menschen auf die Seele gedrückt wird. Der getaufte Mensch wird zum Eigentum Gottes, markiert für die Ewigkeit. Wer besiegelt wird, sind jene, die die Taufe empfangen, weil sie die Erlösung gläubig annehmen und den Neuen Bund eingehen. Es sind Menschen auf der ganzen Welt, so viele, dass der Visionär sie gar nicht zählen kann.
Am Anfang schaut Johannes auch vier Engel an den vier Weltecken – das ist alles ein Bild, wir dürfen das nicht vergessen – und diese haben die Macht, die Schöpfung zu zerstören. Es ist lange diskutiert worden, ob es sich bei diesen vier Engeln wirklich um Engel oder um gefallene Engel, also Dämonen handelt. Das spielt unter dem Strich keine Rolle, weil die ganze Schöpfung Gott untersteht, selbst die Dämonen können nichts ausrichten, was Gott nicht zulässt. Ihr Spielraum ist streng begrenzt. Jedenfalls handelt es sich um Engel, die bei der Apokalypse eine Rolle spielen. Am Ende der Zeiten wird die Schöpfung wieder rückgängig gemacht. Alles wird sozusagen auf Werkseinstellungen zurückgesetzt, bevor Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen kann. Paulus beschreibt diese Ereignisse mithilfe eines anderen Bildes – dem der Geburt. Es sind die Wehen einer Frau in der Geburtssituation. Diese sind schmerzhaft und werden immer stärker, je näher der Moment der Geburt herannaht. Die Zerstörung der Welt ist schmerzhaft, aber sie muss sein, damit etwas Neues einsetzen kann.
Bevor die Wehen des Weltendes nun einsetzen, werden die Menschen also besiegelt.
Wir müssen bedenken, dass diese „Wehen“ mehr als nur sichtbarer Art sind. Es geht gerade um die unsichtbare Zerstörung, um den Glaubensabfall, die Gottlosigkeit, die Verwirrung und Verzweiflung. Der Böse ist am Werk mit seinem ganzen Heer, durchzieht die gesamte Gesellschaft, bringt die Menschen immer mehr von Gott ab.
Bevor diese letzte Weltenphase beginnt, erfolgt die Besiegelung jener, die zum Glauben an Christus gekommen sind. Und wir sehen am weiteren Verlauf der Visionen: Diese Besiegelung bewahrt die Menschen weder vor dem biologischen Tod noch vor Leiden. Im Gegenteilt. Für den Glauben an Christus müssen sie besonders viel leiden und Bedrängnis erfahren. Doch die Besiegelung ist dennoch Schutz und Vermächtnis. Denn sie sind es, die am Ende siegen und vor Gott treten dürfen! Doch zuvor sieht Johannes die unzählbare Schar, deren Zahl er aber erfährt. Die Zahl ist höchst symbolisch und darf nicht wörtlich genommen werden. Es sind 144000 der Stämme Israels. Das heißt nicht, dass nur jene gerettet werden, die zu einer elitären Schar bestehend aus 144000 gehören, sondern die Zahl ist ein Code, den die Christen damals verstanden haben: Die Zahl setzt sich nämlich zusammen aus 12 Mal 12 Mal 1000. Die Zwölfzahl bedeutet Vollkommenheit, Fülle und Vollständigkeit. Johannes spricht von den Stämmen Israels, meint nun aber den Neuen Bund, der sich aus einem neuen Israel zusammensetzt. „Israel“ ist hier nicht mehr biographisch, religiös oder ethnisch gemeint, sondern als theologischer Begriff des Gottesvolkes. Das wird deutlich, wenn wir dann den weiteren Verlauf des Kapitels hören. An dieser Stelle bildet sich nun ein Israel bestehend aus ALLEN Völkern, Stämmen, Sprachen und Regionen. Die Universalität dieses neuen Volkes wird durch die Zwölfzahl ausgedrückt. Christus ist für alle Menschen gestorben, sodass alle Menschen eine Chance bekommen.
Die Tausendzahl steht in der Bibelsymbolik die Zahl einer Menge dar, wenn sie mit der Zwölfzahl multipliziert wird, bedeutet sie eine universale Schar. 144000 bedeutet also das Maximum an Universalität, Vollständigkeit und Vielzahl! Deshalb muss man sie verstehen in Kombination mit der Aussage, dass Johannes die Menschenmenge gar nicht zählen kann. Es ist also kein Widerspruch, sondern eine Erläuterung!
Die ausgelassenen Verse zählen nun die zwölf Stämme Israels auf, bevor Johannes ein anderes Bild sieht. Dieses ist einerseits anders, andererseits hängt es mit dem ersten Bild zusammen:
Er sieht wieder eine unzählbare Menschenmenge, diesmal aber vor Gottes Thron. Es sind Menschen aus der ganzen Welt, die Vierzahl der Universalität habe ich bereits angesprochen. Das Besondere an dieser Schar ist ihre Bekleidung, die für uns wieder einen Code darstellt: Sie tragen weiße Gewänder als Uniform des Himmels. So werden schon die Engel in den Evangelien beschrieben. Weiße Gewänder stellen die überreiche Gnade dar, die Verklärung der Menschen in der Herrlichkeit Gottes. Schon Jesus leuchtete so hell bei der Verklärung auf dem Berg Tabor, sodass drei seiner Apostel dies schon sehen durften. Die Sieger, wie diese Menschenmenge vor dem Thron Gottes immer genannt werden, tragen Palmzweige in den Händen. Der Geist Gottes gibt Johannes also noch einen wichtigen Code ein, denn Palmzweige sind Zeichen des Triumphes. Wenn wir die Ikonographie betrachten, fällt uns auf, dass die Märtyrer sehr oft mit einem Palmzweig dargestellt werden – sie sind es. Sie sind die ultimativen Sieger, die sofort nach ihrem Tod in das Himmelreich eingehen durften. Sie haben ihr biologisches Leben verloren für den Glauben und die Standhaftigkeit gegenüber Gott. Dafür werden sie sofort belohnt. Welchen größeren Sieg kann man davontragen als diesen!
Um dieses Bild mit dem ersten zu verbinden: Jene, die besiegelt sind und durchgehalten haben, dürfen nun triumphieren. Die getauften Christen, die ihrer Berufung zur Heiligkeit nachgekommen sind, die sich bewährt haben in der Bedrängnis der zunehmend gottlosen Welt, dürfen nun ganz bei Gott sein. Sie sind es, die wir Heilige nennen. Es gibt offiziell Heiliggesprochene, aber auch viele inoffizielle Heilige, deren Heiligkeit nicht öffentlich bekannt ist, die aber Gott ganz genau kennt – ebenso ihre Nahestehenden. Was Johannes im zweiten Teil der Vision sieht, ist die triumphierende Kirche, die ich zu Anfang erklärt habe. Sie ist schon am Ziel angekommen und kann nur noch jubeln.
Diese Heiligenschar beteiligt sich am himmlischen Gottesdienst, nimmt teil am himmlischen Lobpreis der Engel, der Ältesten und Lebewesen.
Einer der Ältesten spricht den Visionär an und fragt nach der Identität der Menschenschar. Dieser wirft die Frage auf den Fragesteller zurück, der dies zum Anlass nimmt, ihm die entscheidende Erklärung anzubringen: „Dies sind jene, die aus der großen Bedrängnis kommen; sie haben ihre Gewänder gewaschen und im Blut des Lammes weiß gemacht.“ Es sind die Heiligen, die durchs Feuer des Leidens gegangen sind und nun bei Gott sind. Die große Bedrängnis kann einerseits auf das Erdenleben allgemein bezogen werden, andererseits soll eine große Bedrängnis kommen, die eine ganz konkrete Phase der Menschheitsgeschichte meint. Es wird in der Theologie stets darüber diskutiert, ob das präsentisch oder futurisch zu verstehen ist, also etwas noch Ausstehendes meint oder etwas, was gerade passiert. Klar ist: Je gottloser die Welt, desto größer die Bedrängnis der Christen. Und das Entscheidende ist: Sie haben ihre Gewänder im Blut des Lammes weiß gemacht. Das ist ein Bild, denn Blut tränkt etwas rot, nicht weiß. Es ist zutiefst theologisch zu verstehen und meint dasselbe wie die Besiegelung: die Taufe. Wir haben unsere Gewänder weiß gemacht, also gereinigt, durch das Blut des Lammes, also durch den Kreuzestod Jesu Christi, bei dem er sein Blut für alle vergossen hat. Dieses Blut reinigt die Schuld. In der Taufe haben wir uns von seinem Blut reinigen lassen, sodass unsere Gewänder ganz weiß geworden sind. Sie ist eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Die erlangte Taufgnade ist dieses weiße Gewand.
An diesem wunderbaren Hochfest denken wir daran, dass unsere Heiligen, unsere lieben Freunde und Familienmitglieder der Familie Gottes, die den guten Kampf gewonnen haben, nun jubeln dürfen. Und in jeder Hl. Messe treffen wir aufeinander, wenn der Himmel sich öffnet und wir im Sanctus mit allen Engeln und Heiligen beten: Heilig, Heilig, Heilig, Gott, Herr aller Mächte und Gewalten (Offb 4).

Ps 24
1 Ein Psalm Davids. Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.

2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.
3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
4 Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat.
5 Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, die dein Angesicht suchen, Jakob.

Als Antwort beten wir den liturgischen Psalm 24, der im Wechselgesang zwischen Gläubigen und Priestern im Tempel von Jerusalem gebetet worden ist. In den ersten Versen wird die Universalherrschaft Gottes thematisiert: „Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.“ Nicht nur der Planet ist Gottes Eigentum, sondern auch die Lebewesen auf der Erde. Alles gehört ihm, weil er alles geschaffen hat, „denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.“ Wir müssen bei diesen Worten bedenken, wie das Weltbild der Menschen damals aussah: Man glaubte, dass die Erde von Wasser umschlossen war, sodass unter der Erde sowie über dem Himmel Wasser vermutet worden ist. Man glaubte, dass die Erde auf Pfeilern über dem Urmeer errichtet worden sei. Das steckt hinter der Formulierung, dass der Erdkreis auf Meere gegründet sei.
„Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?“ ist eine Frage der Gläubigen, die sie an die Priester richten.
Daraufhin antworten die Priester: „Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt“. Das ist eine sehr fortgeschrittene Antwort, da die Herzensreinheit zu jener Zeit oft ignoriert oder einfach noch nicht begriffen wird. Viele Propheten sprechen das Thema an und kritisieren die unreinen Opfer der Menschen aufgrund der fehlenden Aufrichtigkeit. Sie beuten die Schwachen aus und führen ein unmoralisches Leben, bringen aber zugleich Opfer dar in der Erwartung, dass Gott sie erhört. König David, der diesen Psalm gedichtet hat, versteht diesen Aspekt sehr gut und möchte deshalb, dass die Gläubigen die Herzensreinheit in der Liturgie ansprechen. Diese Herzensreinheit können wir auch jenen Gläubigen zuschreiben, die zur triumphierenden Kirche gehören, die jetzt an der himmlischen Liturgie teilnehmen. Was wir hier im Psalm beten, können wir uns wunderbar vorstellen für das himmlische Jerusalem mit den ewigen Pilgern des Himmelreiches.
Im zweiten Satzteil geht es um die Unabhängigkeit von Nichtigkeiten. Gemeint sind Güter, die vergänglich sind und die einen nicht näher zu Gott bringen. Götzen werden oft als Nichtigkeiten bezeichnet, doch das hebräische Wort ist an der Stelle nicht wie hier שָׁוְא shaw sondern אֱלִיל elil. Auch das Schwören eines Meineids macht den Menschen kultunfähig. Wer sich dagegen von alledem fernhält, „wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.“ Wer also die Gebote Gottes hält, ist gerecht.
Und zum Ende hin sprechen die Priester im Grunde Gott selbst an mit verheißungsvollen Worten für die Gläubigen: Jakob trifft darauf zu. Es ist wahrlich ein Geschlecht, dass nach Gott fragt und somit würdig ist, zu seinem heiligen Tempel zu kommen. Wir müssen uns das hebräische Verb genauer anschauen: Das Verb an dieser Stelle ist דֹּרְשֹׁו darschu, was wir als ein sehnsuchtsvolles Fragen verstehen. Es kann auch mit „verlangen“ übersetzt werden. Es ist eine Sehnsucht nach Gott, die nur jener Mensch besitzen kann, dessen Herz an Gott hängt. Auch die zweite Verbform ist in diesem Duktus zu betrachten: מְבַקְשֵׁ֨י m’waqschej ist eine Suche nach dem Angesicht Gottes aus Sehnsucht nach ihm. Und die Sehnsucht der ihn Suchenden wird bereits für jene gestillt, derer wir heute gedenken. Sie brauchen nicht mehr nach ihm verlangen, denn auf ewig sind sie ganz in seiner Gemeinschaft!

1 Joh 3
1 Seht, welche Liebe uns der Vater geschenkt hat: Wir heißen Kinder Gottes und wir sind es. Deshalb erkennt die Welt uns nicht, weil sie ihn nicht erkannt hat.

2 Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes. Doch ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden. Wir wissen, dass wir ihm ähnlich sein werden, wenn er offenbar wird; denn wir werden ihn sehen, wie er ist.
3 Jeder, der diese Hoffnung auf ihn setzt, heiligt sich, so wie er heilig ist.

In der zweiten Lesung aus dem ersten Johannesbrief geht es um die Liebesgemeinschaft der Familie Gottes. Der Vater hat uns so eine große Liebe geschenkt. Er hat die ganze Menschheit geschaffen, damit sie ihn zurückliebe. Wir sind berufen zur Liebesgemeinschaft mit Gott. Durch die Taufe sind wir zu Erben in seinem Reich eingesetzt worden. Wir dürfen uns Kinder Gottes nennen und sind es zutiefst. Die besondere Bundesbeziehung zu Gott zieht aber nach sich, dass die Menschen, die Gott ablehnen, auch die Christen ablehnen. Sie können sie auch gar nicht richtig verstehen, weil während die einen noch der alten, gefallenen Schöpfung anhängen, die anderen bereits neugeboren sind im Hl. Geist. Sie gehören einer neuen geistlichen Schöpfung an und leben ein ganz anderes Dasein. Sie stehen schon mit einem Bein in der Ewigkeit. Ihr Blick ist auf diese Ewigkeit gerichtet, während der Blick der Menschen alter Schöpfung auf das Dasein fixiert ist.
Das irdische Dasein jener, die schon halb in der Ewigkeit sind, ist von einer gewissen Vorläufigkeit geprägt. Sie bezeichnen sich jetzt als Kinder Gottes und doch ist das ein Bild. Es ist keine genealogische Zuschreibung wie bei irdischen Geschöpfen. Es ist nochmal ganz anders und wie genau es aussieht, das werden diese „Kinder“ erst verstehen, wenn sie dann ganz in der Ewigkeit sind. Unsere Heiligen, die uns vorausgegangen sind und derer wir heute gedenken, verstehen es wohl schon. Wir müssen uns noch gedulden.
Was wir aber schon erahnen: Wir werden ihm ähnlich sein. Die Verklärung Jesu auf dem Tabor und die Schau der Heiligen im Himmel in der Johannesoffenbarung zeigt uns schon ein wenig den Zusammenhang. Die überreiche Gnade und Verklärung, die Herrlichkeit des Himmels ist ganz anders, als alles auf dieser Welt. Noch ist alles verborgen durch den Schleier des Übergangs vom Irdischen ins Ewige. Doch irgendwann werden wir Gott sehen, wie er ist. Das ist heftig!
Wer mit dieser Hoffnung lebt und den „überirdischen Blick“ hat, die Mentalität der Ewigkeit, der wird heilig leben. Gemeint ist die Enthaltung von der Sünde, die stets Beziehungspflege mit Gott, das „in Gott sein“ bzw. „in seiner Liebe Sein“, von dem uns die johanneischen Schriften immer wieder schreiben. Dabei dürfen wir nicht denken, dass Heilige schon als Heilige geboren wurden. „Heilige sind Sünder, die es immer wieder neu versuchen“, sagte der Hl. Josemaria Escriva sinngemäß. Auch als Getaufte neigen wir Menschen noch zur Sünde. Doch das Wunderbare ist die Vergebung Gottes für aufrichtige Reue und Umkehr. Wenn wir fallen, dürfen wir wieder aufstehen und es noch einmal versuchen. Und nach und nach wird die Sünde immer geringer und die Vollkommenheit immer größer.
„Sich heiligen“ bedeutet also „in Heiligkeit wachsen“.

Mt 5
1 Als Jesus die vielen Menschen sah, stieg er auf den Berg. Er setzte sich und seine Jünger traten zu ihm.

2 Und er öffnete seinen Mund, er lehrte sie und sprach:
3 Selig, die arm sind vor Gott; denn ihnen gehört das Himmelreich.

4 Selig die Trauernden; denn sie werden getröstet werden.
5 Selig die Sanftmütigen; denn sie werden das Land erben.
6 Selig, die hungern und dürsten nach der Gerechtigkeit; denn sie werden gesättigt werden.
7 Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden.
8 Selig, die rein sind im Herzen; denn sie werden Gott schauen.
9 Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Kinder Gottes genannt werden.
10 Selig, die verfolgt werden um der Gerechtigkeit willen; denn ihnen gehört das Himmelreich.
11 Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen.
12 Freut euch und jubelt: Denn euer Lohn wird groß sein im Himmel.

Im Evangelium hören wir heute die Seligpreisungen. Es ist die konkrete Beschreibung eines heiligmäßigen Lebens, das zum ewigen Triumph führt, wie wir es in der Johannesoffenbarung gehört haben.
Jesus steigt auf einen Berg – ein prophetisches Zeichen, das er bewusst vornimmt. Die Juden wissen, dass vom Zion her die Weisung (hebräisch Torah!) erwartet wird (Jes 2,1-5). Mit Jesus erfüllt sich dies nun, der die Torah in Person ist. Darin erfüllt er sie ganz und gar! Was er in der Bergpredigt erklärt, ist das neue und doch uralte Verständnis der Gebote Gottes. Und das macht die Heiligkeit aus – die Gebote Gottes aus Liebe zu halten, mit der richtigen Absicht und der unerschütterlichen Hoffnung. Die Botschaft der Seligpreisungen ist: Jetzt schon sind jene selig zu preisen und können sich freuen, die Gottes Willen tun. Wer diesen aus Liebe befolgt (und das wird er im Laufe der Predigt ausfalten), der hat jetzt schon den Himmel auf Erden, umso viel mehr in der Ewigkeit.
Konkret ist dies der Fall für jene, die arm sind vor Gott. Damit ist nicht einfach nur der äußere finanzielle bzw. materielle Zustand des Menschen gemeint, sondern „vor Gott“ signalisiert eine innere Haltung von Armut, mit der man vor Gott dasteht: Wer also nicht an dem hängt, was er oder sie besitzt oder erreicht hat, auch Anhänglichkeit an Menschen, auch das Rühmen eigener Werke, der steht mit leeren Händen vor Gott wie ein Kind, das nichts weiter tun kann, als zu empfangen. Wie soll uns Gott auch beschenken, wenn wir meinen, schon alles zu haben? Das heißt nicht, dass wir keine Menschen lieben sollen, kein Geld haben dürfen oder keine Karriere anstreben sollen – aber wir sollen nicht daran hängen. All das soll uns dazu dienen, dem Reich Gottes näher zu kommen – und wenn nicht, sollen wir es von uns abschneiden. Und wenn man viel besitzt, ist die Aufgabe, nicht daran zu hängen, gewiss schwerer. So können wir schauen, wo wir in unserem Leben Abstriche machen können. Zur christlichen Askese (nicht nur für Geistliche!) gehört immer die Frage: „Brauche ich das wirklich?“ So viel zu haben, wie notwendig, aber nicht darüber hinaus – das ist der richtige Rahmen, diese innere Losgelöstheit von irdischen Gütern zu gewährleisten. Und dennoch ganz politisch inkorrekt: Ein reicher Mensch kann arm vor Gott sein und ein armer Mensch kann noch mehr an seinen Gütern hängen und somit ein Reicher vor Gott sein als jener, der viel besitzt.
Wer in diesem Leben trauert – und das meint nicht nur die Trauer um einen lieben Menschen, sondern auch die Trauer um die Gottlosigkeit der Gesellschaft, den Tod des Glaubens in der Welt, wird getröstet werden mit dem lebendigen Glauben in den Oasen unserer heutigen geistigen Wüste, umso vollkommener im Himmelreich. Das wird uns ja bildlich in der ersten Lesung vor Augen geführt! Freude ist der Zustand des Himmels. Und wer um einen Verstorbenen trauert, wird getröstet werden durch die Botschaft von Ostern. Der Tod ist nur vorübergehend und die Hoffnung ist lebendig, dass es in der Ewigkeit ein Wiedersehen gibt.
Wer sanftmütig ist, wird das Land erben – und zwar das „Land“ des Himmelreichs. Jesus sagt zu Pilatus: „Wenn mein Königtum von dieser Welt wäre, würden meine Leute kämpfen, damit ich den Juden nicht ausgeliefert würde.“ (Joh 18,36). Das Reich Gottes hat ganz andere Regeln. Es geht nicht um Gewalt, sondern um Liebe, die alles andere vernichtet. Die Sanftmut ist verdichtet im Zeichen des Kreuzes, an dem sich Gott selbst für uns ans Kreuz hat schlagen lassen. Er hätte eingreifen und die Menschen mit einem Schlag vernichten können, doch er hat alles mit sich machen lassen. Das ist der verdichtete Ort der Sanftmut. Und wir? Können wir uns nicht einmal zurückhalten und auf den bissigen Kommentar wegen der an uns ergangenen Beleidigung verzichten? Es auf uns sitzen lassen aus Liebe zum Herrn? Und mehr noch: Darauf mit Liebe antworten? Das wird unser Gegenüber verwirren und zum Nachdenken bringen.
Der Hunger und Durst nach der Gerechtigkeit erinnert uns an die Speisungen des Alten Testaments, z.B., des Propheten Elija, der sich als Instrument der Gerechtigkeit Gottes gebrauchen lässt. Genährt und getränkt wird auch er nicht nur mit Bachwasser und Rabenspeise, sondern vor allem mit der Gerechtigkeit, die den Götzendienst im Nordreich beendet. Wie sehr wünschen auch wir uns die Gerechtigkeit Gottes – sie ist etwas Erlösendes, nicht etwas Bedrohliches. In diesem Sinne sättigt sie uns und in diesem Sinne wird das Gericht Gottes am Ende der Zeit verbunden mit dem endzeitlichen Festmahl kommen, bei dem wir „fette Speisen“ genießen werden (Jes 25,6).
Jesus erklärt in vielen Gleichnissen und hier in der Bergpredigt auch mit dem Vaterunser, dass wir dann die Barmherzigkeit Gottes erwarten können, wenn wir selbst barmherzig sind. Das ist nicht oft genug zu wiederholen! Wie schwer fällt es uns Menschen doch, barmherzig gegenüber anderen Menschen zu sein! Wie sehr fordern wir Gerechtigkeit für die anderen und erwarten zugleich die Barmherzigkeit für uns selbst. Barmherzigkeit heißt nicht, dass wir am anderen plötzlich gut finden, was er Böses getan hat, vor allem an uns. Es bedeutet, dass wir ihm verzeihen und auf Rache verzichten. Wenn wir selbst so eine Haltung einnehmen, wird Gott auch uns durch das Tor der Barmherzigkeit gehen lassen und nicht wie ein Karma-Automat unsere Sünden berechnen.
Die Herzensreinen werden Gott schauen – das bezieht sich vor allem auf die Schau Gottes in der Ewigkeit. An der Reinheit des Herzens hängt alles. Es bedeutet, dass der Mensch innen und außen kongruent ist, ehrlich zu sich selbst, Gott und den Menschen. Wer das Herz vor jeglicher Sünde bewahrt und den Tempel heiligt, konkret: wer in der Gegenwart Gottes lebt, ungeteilt Gott den Raum der Seele gibt.
Wer Frieden stiftet, wird Kind Gottes heißen. Frieden und der Heilige Geist gehören zusammen. Es ist eine übernatürliche Gabe, die die Welt nicht geben kann. Und der Geist Gottes ist es, der die Vergebung der Sünden erwirkt, in erster Linie im Sakrament der Taufe, dann auch im Sakrament der Beichte. Als Geistbegabte durch die Sakramente können wir Menschen dann wirkliche Friedensstifter sein – die sich also nicht nur für den politischen Frieden einsetzen, sondern ganz konkret in die eigene Lebenswelt – in die Familie, Nachbarschaft, in den Beruf oder Freundeskreis – die Liebe Gottes hineintragen. Dort wirkt der Geist Gottes, der wirklich Frieden schenkt. Wir sind Friedensstifter, wenn wir die Berufung unserer Taufe ernst nehmen. Wir sind durch sie schon Kinder der Familie Gottes und werden es vollkommen sein in der Ewigkeit.
Und wenn wir verfolgt werden im Namen Gottes, dann seien wir gewiss: Das Himmelreich ist uns sicher. Nicht umsonst glauben wir, dass die Märtyrer sofort zum Herrn kommen. Johannes sieht sie als Siegesschar in der Offenbarung und wie gesagt werden sie mit dem Siegeszeichen des Palmzweigs dargestellt. Den Verfolgten, die ihr Leben für Gott hingeben, ist das Himmelreich wirklich sicher.
Es muss aber nicht so weit kommen, dass wir für unseren Glauben an Jesus Christus umgebracht werden: Schon die Nachstellungen, Beschimpfungen, blöden Kommentare, gesellschaftlichen Nachteile – all dies sieht Gott und wird entsprechend belohnen, viel besser noch: entschädigen. Schon die Propheten haben das erlebt, umso wie viel mehr trifft es die Christen! Elija hat einiges durchgemacht so wie die anderen Propheten, die man sogar umgebracht hat. Und Jesus hat das Leiden der Jüngerschaft ganz klar angekündigt. Und doch dürfen wir uns geborgen wissen: Wenn uns auch die äußeren Stürme zerreißen wollen – die vier Engel an den Weltecken stehen bereit: Unseren Glauben kann uns niemand nehmen, ebenso wenig unser ewiges Leben! Denn das Siegel, das uns aufgedrückt ist, ist unauslöschlich.

Alle Heiligen, bittet für uns!

Ihre Magstrauss

Samstag der 30. Woche im Jahreskreis

Phil 1,18b-26; Ps 42,2-3a.3bu. 5; Lk 14,1.7-11

Phil 1
18 Auf jede Weise, ob vorgetäuscht oder in Wahrheit, wird Christus verkündet und darüber freue ich mich. Doch ich werde mich auch weiterhin freuen;

19 denn ich weiß: Das wird zu meiner Rettung führen durch euer Gebet und durch die Hilfe des Geistes Jesu Christi.
20 Denn ich erwarte und hoffe, dass ich in keiner Hinsicht beschämt werde, dass vielmehr Christus in aller Öffentlichkeit – wie immer, so auch jetzt – verherrlicht werden wird in meinem Leibe, ob ich lebe oder sterbe.
21 Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn.
22 Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbares Wirken. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht.
23 Bedrängt werde ich von beiden Seiten: Ich habe das Verlangen, aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das!
24 Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.
25 Im Vertrauen darauf weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen verbleiben werde, um euch im Glauben zu fördern und zu erfreuen,
26 damit ihr euch in Christus Jesus umso mehr meiner rühmen könnt, wenn ich wieder zu euch komme.

In der Lesung hören wir heute wieder aus dem Philipperbrief. Wie gestern erwähnt ist es der persönlichste Brief des Paulus. Direkt im Anschluss an das Proömium, das in lobpreisender Weise geschrieben ist, erfolgt der heutige Abschnitt, in dem es um die Verkündigung des Evangeliums durch Paulus geht, der trotz oder gerade wegen seines Gefängnisaufenthaltes so erfolgreich dabei war und ist. Auf diesen Umwegen möchte Gott seine große Gnade vielen Menschen zuteilwerden. In den vorausgehenden Versen erklärt er zum Beispiel, dass durch seine Gefangennahme viele andere Christen ermutigt worden sind, tapferer und kühner für das Evangelium einzustehen. Er unterscheidet dabei, dass es durchaus auch Verkünder des Evangeliums gibt, die aus unlauterer Absicht verkünden, nämlich aus Neid und Streitsucht (Vers 15), aber eben auch jene, die aus Liebe zu Christus sein Wort in die Welt hinaustragen. Daran schließt der heutige Abschnitt an.
Wie auch immer jemand Christus verkündet – er wird verkündet und das ist ein Grund zur Freude. Und wenn er auch im Gefängnis sitzt, verliert er den inneren Frieden nicht. Er ist davon überzeugt, dass durch die Fürbitte der „Heiligen“ (gemeint sind die getauften Christen in den Gemeinden) und den Geist Gottes er aus der Gefangenschaft gerettet werde.
Paulus lebt in der Erwartung, dass Christus in seinem Leibe verherrlicht werde, tot oder lebendig. Er sitzt im Gefängnis. In seinem Leiden ist er Christus sehr nahe. Gott nahe sind auch wir ganz besonders im Leiden. Denn Christus hat alles durchgemacht, was wir Menschen durchmachen. Er hat alles gesühnt und so können wir unser gesamtes Leiden mit seinem vereinen. So wird er gleichsam verherrlicht in unserem eigenen Leiden.
Christus ist der Jackpot für Paulus. Und selbst wenn er für den Glauben sterben sollte – die Vollstreckung des Urteils in Rom ist ja ungewiss – ist das kein Verlust, sondern Gewinn für ihn. Er weiß, dass ihm der Kranz des ewigen Lebens geschenkt wird, wenn er sein Leben für Christus hingibt. Und wenn er dennoch freigelassen werden sollte, dann würde er weiter fruchtbar wirken. Das hat er in seinem Leben durch die vielen Missionsreisen und die gesamte Heidenmission getan. Er weiß nicht, was passieren wird, aber er überlässt es der Vorsehung Gottes. Seine Einstellung ist: „Ich habe nichts zu verlieren. Wo auch immer ich hinkomme, habe ich Christus und er ist mein Hauptgewinn.“
Er fühlt sich dennoch von beidem bedrängt, das heißt mal hat er die Sehnsucht, weiter zu missionieren, manchmal aber hat er die Sehnsucht, „aufzubrechen und bei Christus zu sein“. Den Gemeinden zuliebe sollte er aber noch weiterleben und missionieren.
Was auch immer mit ihm geschieht: Die Philipper sollen dem Evangelium Jesu Christi gemäß leben.
Paulus zeigt uns, wie es aussieht, das eigene Leben ganz in Gottes Hände zu übergeben. Kommt es so oder anders – alles soll man als den Willen Gottes annehmen.

Ps 42
2 Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, nach dir, Gott.

3 Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und erscheinen vor Gottes Angesicht?
5 Ich denke daran und schütte vor mir meine Seele aus: Ich will in einer Schar einherziehn. Ich will in ihr zum Haus Gottes schreiten, im Schall von Jubel und Dank in festlich wogender Menge.

Der Psalm reflektiert das lebendige Wasser des Hl. Geistes, der die Liebesglut Gottes ist. Er ist es, den unsere Seele so sehnlichst erwartet und der sie tränkt. Wie ein Hirsch nach frischem Wasser lechzt, so dürstet die Seele des Menschen nach Gott. Wir sind Abbild Gottes und sehnen uns immer nach unserem Schöpfer. Wir sind dazu geschaffen, ganz mit ihm in einer Liebesgemeinschaft zu sein. Und deshalb sucht der Mensch Gott immer bewusst oder unbewusst in seinem Leben. Und auch Gott wirbt lebenslänglich nach dem Menschen, er ruft und er zieht ihn. Paulus hat immer nach dem Geist Gottes in seinem Leben gelechzt wie ein Hirsch. Ohne diesen von Christus versprochenen Beistand hätte er die ganzen Strapazen nie ausgehalten. Ohne diesen Geist Gottes hätte er den inneren Frieden nicht so behalten, den wir in der Lesung bezeugt haben. Wir sind wirklich ganz auf den Hl. Geist, das lebendige Wasser, angewiesen, wenn wir Christus nachfolgen wollen.
„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ Das ist eine absolute Entsprechung zum lebendigen Wasser, das wir trinken sollen. „Wann darf ich kommen und erscheinen vor Gottes Angesicht?“ – das ist besonders schmerzhaft zu beten bzw. sehr aktuell, wenn wir an die ganze Corona-Zeit denken. Gottes Angesicht schauen zu dürfen, ist eine Sehnsucht, die der Mensch immer hat, auch wenn er es nicht merkt. Es kann moralisch auf den Stand der Gnade bezogen werden. Wir beziehen es auf die Wiederkunft Christi, dessen Angesicht wir angesichts der immer schlimmer werdenden Welt ersehnen. Wir beziehen es auf die Sehnsucht nach der Eucharistie, in der wir das Angesicht Gottes verborgen schauen dürfen durch den Schleier des Sakraments.
Die Seele vor sich auszuschütten, ist ein Ausdruck der Überwältigung. In der früheren Übersetzung hieß es: „Mein Herz geht mir über, wenn ich daran denke“. Es geht um überwältigende Emotionen. Zuvor ist die schmerzliche Sehnsucht nach Gottes Gegenwart thematisiert worden und im heute nicht verlesenen Vers 4 geht es um die Tränen als tägliches Brot. Überwältigend ist also die Sehnsucht, die nicht enden will und deshalb will der Beter seine Seele ganz ausschütten. Denn er denkt an die Zeiten der Pilgerfeste zurück, als dies noch möglich war. Wir können uns zurzeit wirklich gut damit identifizieren, da auch wir an die unbeschwerten Zeiten des kirchlichen Lebens denken, an die großen Feste im Kirchenjahr, die vollen Bänke, den schallenden Gesang. Man muss Vers 5 im Originaltext lesen, da die Übersetzung an der Stelle etwas verwirrend ist. Sie wird hier als Selbstaufforderung übersetzt. Im Hebräischen wird durch Partizipialformen verdeutlicht, dass es eine anhaltende oder wiederkehrende Tätigkeit ist, deren Zeitform aber nicht festgelegt ist. Es kann also entweder im Präsens übersetzt werden oder rückwirkend in der Vergangenheit betrachtet werden.
Wie auch immer es gemeint ist: Die Sehnsucht ist da, wenn es zurzeit nicht möglich ist oder die Zeit nicht gekommen ist. Wir sehen zum Beispiel auch den sehnsuchtsvollen Paulus in Gefangenschaft vor uns. Wie sehr sehnt er sich danach, noch weiter das Evangelium Jesu Christi zu verkünden! Wie sehr sehnt er sich nach den Gottesdiensten in den verschiedenen Gemeinden, nach den Pfingstereignissen, den wunderbaren Bekehrungen und den schönen Gemeinschaften mit Gleichgesinnten. Ihm geht bestimmt das Herz über, wenn er daran zurückdenkt. Und doch weiß er, dass alles so ist, wie Gott es will. Er verliert seinen inneren Frieden nicht.

Lk 14
1 Und es geschah: Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau.
7 Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis. Er sagte zu ihnen:

8 Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du,
9 und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen.
10 Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen.
11 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Heute hören wir im Evangelium wieder von einer Episode im Haus eines Pharisäers. Jesus ist eingeladen worden und mal wieder wird er ganz genau beobachtet. Man merkt also auch hier wieder, dass die Einladungen anscheinend öfter aus unlauteren Absichten gemacht worden sind…
Jesus fällt auf, wie die eintreffenden Gäste sich die Ehrenplätze aussuchen. Dies nimmt er zum Anlass, ein Gleichnis zu erzählen:
Wenn man zu einer Hochzeit eingeladen wird, sollte man nicht automatisch den Ehrenplatz einnehmen. Denn es kann ja sein, dass ein anderer Gast kommt, der noch vornehmer ist, und man ihm den Platz geben muss. Das wird eine große Demütigung und man muss den untersten Platz einnehmen. Wenn man eingeladen wird, soll man dagegen sofort den untersten Platz einnehmen. Denn dann wird der Gastgeber kommen und ihm einen höheren Platz zuweisen. Das wird dann eine Ehre vor den anderen Gästen darstellen. Jesus erzählt dies, um die Haltung dahinter herauszustellen, mit der er seine Wort auch abschließt: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Es geht um Demut und Hochmut. Die Gäste des Pharisäers kommen mit einer sehr hochmütigen Haltung daher, denn sie gehen davon aus, die verehrtesten Gäste zu sein. Der Pharisäer wird sie vielleicht nicht „degradieren“, aber mit ihrer allgemeinen Haltung wird Gott selbst ihnen irgendwann den richtigen Platz zuweisen. Das wird für sie eine große Demütigung werden. Hochmut kommt vor dem Fall.
Wer dagegen mit einer demütigen Haltung durchs Leben geht, sich nicht besser als die anderen hält, wird von Gott erhöht werden – und das schon in diesem Leben durch unverhoffte Ereignisse, Segen, Gebetserhörungen. Umso mehr wird dieser Mensch dann im Gottesreich erhöht werden! Beim himmlischen Hochzeitsmahl wird dieser Mensch dann sehr weit aufrücken dürfen.
Es geht Jesus also nicht nur um die Platzwahl der eingeladenen Gäste, sondern um ihre allgemeine Haltung. Er spricht diese Worte auch zu uns heute. Halten wir uns für besonders wichtig? Gehen wir in uns und erforschen unser Gewissen, wo in uns noch ein narzisstischer Fleck zu sehen ist. Mithilfe der Gnade Gottes werden wir auch diese Elemente nach und nach ablegen, bis wir demütig werden wie Christus. Er ist ganz erniedrigt worden im Kreuzestod. Aber genau deshalb ist er über alle anderen erhöht worden. Was Jesus hier den Gästen erklärt, hat er selbst ganz umgesetzt.
Paulus ist sehr demütig gewesen, er hat sich stets als den geringsten der Apostel verstanden, weil er die Christen zuerst verfolgt hat. Das hat er nie vergessen und Gott stets um dessen Gnade gebeten. Er hat zeitlebens verstanden, dass er ganz auf ihn angewiesen ist. Auch König David war so ein Mensch. Er hat als König der zwölf Stämme eben jene Haltung eingenommen, die Christus hier erklärt: Er hat sich automatisch auf den letzten Platz gesetzt.

Gebe der Herr uns die Gnade, auch so demütig zu sein, das heißt frei von dem Drang, unbedingt die besten Plätze zu erhalten, möglichst gut dazustehen in unserer Gesellschaft. Mit dieser inneren Freiheit kann auch der Friede Christi einziehen, der Paulus in der römischen Gefangenschaft vor der Verzweiflung bewahrt hat.

Ihre Magstrauss

Freitag der 30. Woche im Jahreskreis

Phil 1,1-11; Ps 111,1-2.3-4.5-6; Lk 14,1-6

Phil 1
1 Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, an alle Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, mit ihren Vorstehern und Helfern.

2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
3 Ich danke meinem Gott jedes Mal, sooft ich eurer gedenke;

4 immer, wenn ich für euch alle bete, bete ich mit Freude.
5 Ich danke für eure Gemeinschaft im Dienst am Evangelium vom ersten Tag an bis jetzt.
6 Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu.
7 Es ist nur recht, dass ich so über euch alle denke, weil ich euch ins Herz geschlossen habe. Denn ihr alle habt Anteil an der Gnade, die mir durch meine Gefangenschaft und die Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums gewährt ist.
8 Denn Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne im Erbarmen Christi Jesu.
9 Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und jedem Verständnis wird,
10 damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt. Dann werdet ihr rein und ohne Tadel sein für den Tag Christi,
11 erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus kommt, zur Ehre und zum Lob Gottes.

Heute beginnt eine Serie von Ausschnitten aus dem Philipperbrief. Es handelt sich dabei um den am persönlichsten geschriebenen Paulusbrief. Paulus schrieb ihn in der Gefangenschaft in Rom, was uns immer wieder durch Anspielungen und Aussagen verdeutlicht wird. Philippi war die erste paulinische Gemeinde auf europäischem Boden, die er im Kontext der zweiten Missionsreise gegründet hat. Sein Aufenthalt wurde jäh unterbrochen, denn er wurde zusammen mit Silas ins Gefängnis geworfen. Dort sind spektakuläre Dinge geschehen, wie uns die Apostelgeschichte in Kapitel 16 berichtet. Auch wenn Paulus sein Wirken nicht auf gewünschte Weise zuende führen konnte, ist aus den Philippern eine lebendige Christengemeinde geworden. Gottes Umwege durch die Verhaftung sind zu Wegen des Heils geworden! Die Philipper haben gleich zu Anfang ihre Bewährungsprobe erhalten und bestanden. Und aus dem Brief an eben jene Christen hören wir heute den Briefanfang. Wie üblich beginnt er mit einem Präskript, in dem Absender und Empfänger sowie ein Gruß genannt werden.
Die Absender sind Paulus und sein Mitarbeiter Timotheus, die den Philippern bereits bekannt sind und sich deshalb nur mit einer Aussage beschreiben, nämlich als Knechte Christi Jesu. Das griechische Wort an der Stelle lautet δοῦλοι douloi. Das drückt aus, dass sie in Jesu Auftrag den Brief schreiben und insgesamt ihre Evangelisierung auf ihn selbst zurückzuführen ist. Daraufhin werden die Adressaten des Briefes genannt, die wie so oft mit dem Begriff der Heiligen bezeichnet werden. Paulus nennt die Christen immer wieder Heilige, weil sie zur Heiligkeit berufen sind, von der Welt ausgesondert sind durch die Neugeburt im Hl. Geist bei der Taufe, das heißt nun nicht mehr zur alten Schöpfung gehören, sondern für Christus leben. Er nennt die Christen von Philippi allgemein, aber auch ihre „Vorsteher und Helfer“, wie es hier übersetzt wird. Im Griechischen stehen die Begriffe ἐπισκόποις καὶ διακόνοις episkopois kai diakonois. Diese Begriffe darf und muss man bereits als Amtstitel verstehen, also als Bischöfe und Diakone. Die Exegese ist eifrig darin, das vehement abzustreiten und zur Zeit des Paulus jegliche Hierarchie zu leugnen. Diese soll so spät wie möglich datiert werden, doch dafür gibt es keinen Grund. Natürlich werden bereits sakramentale Weihen vorgenommen und es gibt als Gemeindevorsteher zunächst Bischöfe. Erst mit Wachsen der Gemeinde werden die Presbyter als Mitarbeiter und Vertreter des Bischofs zu den Gemeindevorstehern.
Vers 2 stellt dann den Gruß dar, der zum Präskript gehört. Wie so oft wird dabei das Begriffspaar „Gnade und Friede“ genannt, das den Philippern gewünscht wird.
Sodann beginnt das Proömium, eine Einleitung des Briefes mit lobpreisenden Aussagen. Ganz typisch beginnt dieser Abschnitt mit der Wendung „ich danke Gott“. Paulus lobt die Gemeinde und beginnt mit dem Positiven, bevor er im Laufe des Briefes kritische Aspekte anschneidet.
Wir erkennen in diesen Worten, dass die Philipper wirklich standhaft sind und sich bei der ersten Bewährungsprobe sofort gut angestellt haben. Paulus ist ihnen ja sehr schnell entrissen worden, doch sie waren von Anfang an bis zu jenem Tag dem Dienst am Evangelium treu.
Paulus erfüllt diese Gemeinde mit Freude, weil er schon die Früchte sehen kann, die seine Evangelisierung gebracht hat.
Wenn sie sich schon in den schweren Anfängen so bewährt haben, so hofft Paulus, werden sie auch standhalten bis zum Ende der Zeiten, was mit „Tag Christi“ gemeint ist. Es ist der Tag, an dem er wiederkommen wird in Herrlichkeit. Die Naherwartung dieser Wiederkunft ist zu jener Zeit sehr stark.
Paulus hat die Philipper zwar nicht sehr lange erlebt, doch ziemlich schnell ins Herz geschlossen. Ihnen hat er auch die überreiche Gnade zu verdanken, die ihm im Gefängnis zuteilgeworden ist. Das Gebet der Philipper hat die großen Zeichen bewirkt, die Paulus und Silas dort erlebt haben.
Er sehnt sich nach ihnen, was uns wirklich viel von der Person des Paulus selbst zeigt. Er ist wirklich sehr persönlich in diesem Brief.
Er betet darum, dass ihre Liebe noch stärker werde und dass sie im Verständnis wachsen, worauf es ankommt. Je näher die Welt dem Ende zugeht, sollen die Christen sich auf das Wesentliche konzentrieren. Der Ballast muss von Bord gehen, denn je näher das Weltende kommt, desto stärker werden die Stürme. Wenn das Schiff vor dem Untergang gerettet werden soll, muss alles Unnötige über Bord geworfen werden.
Das betrifft die Christengemeinde als Ganze, das betrifft aber auch jeden einzelnen Christen und dessen Herz. Das ist der Weg der Vollkommenheit, den Paulus mit den Attributen „rein“ und „ohne Tadel“ umschreibt. Das ist der Weg des Wachsens in Heiligkeit.
Er ermutigt sie also dazu, in Tugenden zu wachsen, an sich zu arbeiten und mit der Frucht der Gerechtigkeit, die von Christus kommt, ihn dann bei seinem Kommen zu begrüßen. Paulus‘ Worte sind sehr aktuell und gelten auch uns. Wir sollen angesichts des nahenden Weltendes und auch mit Blick auf unser eigenes Lebensende schauen, was wir über Bord werfen sollen, den Ballast abstreifen, der uns daran hindert, durch die enge Tür zu treten, die Christus ist. Wir sollen in Heiligkeit wachsen und immer vollkommener werden, damit wir am Ende wahrlich die Braut sind, die sich für ihren Mann geschmückt hat, die die Hochzeit antreten kann in reinem weißen Leinen, das die gerechten Taten der Heiligen bildet (Offb 19,8).

Ps 111
1 Halleluja! Dem HERRN will ich danken mit ganzem Herzen im Kreis der Redlichen, in der Gemeinde.

2 Groß sind die Werke des HERRN, erforschenswert für alle, die sich an ihnen freuen.
3 Hoheit und Pracht ist sein Walten, seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer.
4 Ein Gedächtnis seiner Wunder hat er gestiftet, der HERR ist gnädig und barmherzig.
5 Speise gab er denen, die ihn fürchten, seines Bundes gedenkt er auf ewig.
6 Die Macht seiner Werke hat er seinem Volk kundgetan, um ihm das Erbe der Völker zu geben.

Heute beten wir Psalm 111, einen Lobpreispsalm mit weisheitlichen Anteilen. Er beginnt mit dem Hallelujaruf, der genau genommen ja einen Lobpreisaufruf darstellt, wie er als Einleitung in Psalmen oft ergeht. Denn Halleluja heißt „preist Jahwe“.
„Dem HERRN will ich danken mit ganzem Herzen im Kreis der Redlichen, in der Gemeinde“ ist eine liturgische Aussage. Es handelt sich also um einen Lobpreis in der Gruppe, im Gottesdienst. Man kann sich vorstellen, dass dieser Psalm bei Wallfahrtsfesten gebetet worden ist, denn er besingt die Heilstaten Gottes wie den Exodus. Wir können uns auch gut vorstellen, wie die ersten Christengemeinden diesen Psalm gebetet haben.
„Groß sind die Werke des HERRN“ und deshalb sind sie „erforschenswert“. Wenn man sie bedenkt, wird man sich freuen und über Gott staunen, der so gut zu den Menschen ist.
„Hoheit und Pracht ist sein Walten, seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer.“ Gottes Gerechtigkeit ist wirklich gerecht im Gegensatz zur Illusion einer Werksgerechtigkeit (also der Vorstellung, dass der Mensch sich durch seine Werke selbst erlösen kann). Seine Gerechtigkeit ist eine ewige, die sich im Moment des Weltgerichts am dichtesten zeigen wird. Von seiner Gnade erfüllt werden aber die Getauften befähigt, ebenso gerecht zu sein wie er, heilig zu sein wie er, barmherzig zu sein wie er. Deshalb kann man sich auf Gottes Gnade nicht ausruhen.
Gott ist gnädig und barmherzig. Beides gehört zusammen – seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Er hat „ein Gedächtnis seiner Wunder“ gestiftet. Dieses haben wir schriftlich festgehalten in den beiden Testamenten. Sie sind Zeugnisse für Gottes wunderbare Heilstaten.
Gott gab jenen Speise, die gottesfürchtig sind. Wir denken einerseits an den Alten Bund, an die Wüstenzeit, als die Israeliten mit dem Manna gespeist worden sind, sodann mit den Turteltauben. Gott hat sein Volk wirklich gespeist mit der Nahrung vom Himmel! Wir denken auch an einzelne heilsgeschichtliche Gestalten wie Elija, der von Raben ernährt worden ist. Wir denken dann an die Speisungswunder im Neuen Testament, in denen Christus tausenden Menschen Brot und Fisch zu essen gegeben hat. Es sind Vorausbilder, die in der seelischen Speise ihre Erfüllung finden, die die Eucharistie ist. Sie ist die Nahrung der Gottesfürchtigen, die ihnen das ewige Leben ermöglicht.
Zum Schluss kommt ein Satz, der die Ausführungen des Paulus wunderbar bestätigt: Durch das auserwählte Volk hat Gott das Heil für alle Völker bereit. Durch Israel soll das Heil in Person, Jesus Christus, der ganzen Menschheit die Erlösung bringen.
Danken wir dem Herrn jeden Tag für die Erlösung, die uns zuteilgeworden ist. Wir hätten uns nie selbst erlösen können. Sein Gnadenakt für alle Zeiten hat uns das ewige Leben ermöglicht.

Lk 14
1 Und es geschah: Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau.

2 Und siehe, ein Mann, der an Wassersucht litt, stand vor ihm.
3 Jesus wandte sich an die Gesetzeslehrer und die Pharisäer und fragte: Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen, oder nicht?
4 Sie schwiegen. Da berührte er den Mann, heilte ihn und ließ ihn gehen.
5 Zu ihnen aber sagte er: Wer von euch wird seinen Sohn oder seinen Ochsen, der in den Brunnen fällt, nicht sofort herausziehen, auch am Sabbat?
6 Darauf konnten sie ihm nichts erwidern.

Im Evangelium hören wir heute wieder von einer Heilung am Sabbat. Jesus ist zu jener Zeit bei einem Pharisäer zum Essen eingeladen. Anscheinend geschah diese Einladung nicht ohne Hintergedanken, denn als Jesus nun in Gesellschaft dieser „Überkorrekten“ ist, wird er genau beobachtet. Das entgeht ihm gewiss nicht und er weiß genau, was sie denken. Jesus ist Gott und er schaut in ihre Herzen.
Da ist ein Mann, der an „Wassersucht“ leidet. Was ist damit gemeint? Man muss sich das so vorstellen, dass er unter Ödemen leidet, Wassereinlagerungen, die wahrscheinlich von einem Nierenleiden kommen und die sich vor allem im Gesicht bemerkbar machen.
Es ist also eigentlich keine Krankheit, sondern ein Symptom für eine Nierenkrankheit. Damit ist natürlich nicht zu spaßen, da die Nieren lebensnotwendige Organe darstellen. Jesus heilt diesen Mann jedenfalls, bevor er ihn gehen lässt.
Bevor es aber zu der Heilung kommt, möchte er den Pharisäern und Gesetzeslehrern eine Lektion erteilen und fragt sie deshalb: „Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen, oder nicht?“ Diese Frage hat er schon gestellt, als es um eine durch dämonischen Einfluss gekrümmte Frau ging. Auch hier vergleicht er die Heilungsabsicht mit der Sorge um das Vieh am Sabbat. Auch einen Ochsen oder das eigene Kind zieht man aus dem Brunnen, wenn es hineingefallen ist, auch wenn es Sabbat ist. Da stellt man sich gar nicht die Frage, ob die Rettungsaktion als Arbeit zu deuten ist oder nicht. Warum wird das also bei jemandem gemacht, dessen Leben ebenso bedroht ist durch die „Wassersucht“? Er ertrinkt vielleicht nicht im Brunnen, aber sein Körper ist dennoch mindestens derselben Gefahr ausgesetzt. Was Jesus diesen „Überkorrekten“ sagen möchte, ist: Jemanden am Sabbat zu heilen, ist ein Akt der Barmherzigkeit. Der Sabbat ist dafür da, Gott die Ehre geben zu können und auch den Arbeitern, dem Vieh, der Natur eine Pause zu gönnen, also auch hier „barmherzig“ zu sein. Dass man am Sabbat also nicht arbeitet, ist die Voraussetzung, damit man Zeit für den Gottesdienst und die Barmherzigkeit hat. Es ist also über das Ziel hinaus geschossen, wenn man einen Menschen sterben lässt, weil seine Heilung als „Arbeit“ begriffen wird. Dahinter steckt ja die Ansicht, dass Gott so grausam ist, dass er unter allen Umständen und über Leichen gehend die Einhaltung des Sabbats fordert. Dabei ist Gott der Gerechte und der Barmherzige. Wir haben es im Psalm ja bedacht. Seine Gebote verhelfen uns vielmehr zu einem glücklichen Leben. Gott liebt uns und möchte unser Heil. Das steht hinter seinen Geboten.
Deshalb heilt er den Mann und macht die Pharisäer und Schriftgelehrten sprachlos. Wir wissen nicht, wie es ausgegangen ist. Vielleicht handelt es sich bei diesen Gästen um Einsichtige, die durch Jesu Worte zum Nachdenken gekommen sind. Vielleicht aber sind sie Verstockte, die umso mehr entschlossen sind, Jesus umzubringen. Es bleibt offen, damit auch wir darüber nachdenken. Gott spricht auch heute wieder durch die Hl. Schrift zu uns.
Vollkommen zu werden für die Wiederkunft Christi, wie es Paulus im Philipperbrief schreibt, hat also etwas mit richtiger Absicht und mit Liebe zu tun. Wir werden nicht nur dadurch perfekter, dass wir die Gebote noch besser halten, sondern auch durch das zunehmende Maß an Liebe, mit der wir sie halten. Letztendlich steht dahinter die Beziehung zu Gott, an der wir stets arbeiten müssen. Wenn wir schon hier auf Erden eine große Intimität mit Gott erlangt haben, werden wir bereit sein für die himmlische Intimität mit Gott.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 30. Woche im Jahreskreis

Eph 6,10-20; Ps 144,1-2c.9-10; Lk 13,31-35

Eph 6
10 Schließlich: Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn!

11 Zieht an die Waffenrüstung Gottes, um den listigen Anschlägen des Teufels zu widerstehen!
12 Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen.
13 Darum legt die Waffenrüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils widerstehen, alles vollbringen und standhalten könnt!
14 Steht also da, eure Hüften umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit,
15 die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens.
16 Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen.
17 Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes!
18 Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen,
19 auch für mich, dass mir das rechte Wort gegeben werde, sooft ich meinen Mund auftue, mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden;
20 als dessen Gesandter bin ich in Ketten, damit ich in ihm freimütig zu reden vermag, wie es meine Pflicht ist.

In der heutigen Lesung wird es militärisch. Dabei muss man die Ebene dieser kriegerischen Bilder richtig einordnen, damit solche Bibelstellen nicht missbraucht werden. Es geht hier um einen geistlichen Krieg, der andauernd ist. Paulus ruft auf zum Kampf gegen den Bösen. Er erklärt den Ephesern dadurch, dass wenn man sich taufen und firmen lässt, ausgerüstet, gleichsam rekrutiert wird für den Kampf gegen den Satan und seine Heerscharen. Man wird zum Kämpfer Gottes. Die Waffenrüstung, die die Epheser anlegen sollen, besteht aus den Gnadengaben des Hl. Geistes, mit denen sie „den listigen Anschlägen des Teufels“ widerstehen können. Sobald der Mensch für Gott gewonnen worden ist, beginnt der Kampf, weil der Böse uns Menschen die innige Gemeinschaft und das Erbe im Reich Gottes nicht gönnt. Was er nicht haben kann, soll kein anderer haben. Nach diesem Motto versucht er alles, um die Menschen von Gott abzubringen. Es ist ein einziger Kampf. Das möchte Paulus mithilfe von solchen Bildern ausdrücken. Also noch einmal zur Betonung und gegen jeden Legitimierungsversuch zu einem „heiligen Krieg“: Die Waffenrüstung Gottes ist eine geistliche Ausrüstung, die aus den Früchten, Gaben und Charismen des Hl. Geistes besteht. Der Schutzmantel ist das kostbare Blut Jesu, das er vergossen hat und durch das der Täufling im Bad der Taufe gegangen ist.
Paulus selbst erklärt, dass der Erzfeind der Menschen nicht „aus Fleisch und Blut“ ist, sondern dass es sich um „die bösen Geister in den himmlischen Bereichen“ handelt. Mit „himmlisch“ ist hier weniger das Himmelreich gemeint, denn dort kommt nichts Böses hinein. Vielmehr geht es um die geistige Welt, die unsichtbar ist. Die Dämonen sind aus dem Himmel verbannt worden, sind aber ursprünglich für den Himmel geschaffen worden. Sie sind Geistwesen und in dieser Hinsicht „himmlisch“.
Die Epheser sollen die Waffenrüstung Gottes anlegen für den „Tag des Unheils“. Damit ist nicht ein einziger Tag in ihrem Leben gemeint, so als ob damit ausschließlich der Jüngste Tag gemeint sei. Vielmehr möchte Paulus sagen: Sorgt schon einmal vor, indem ihr euren Glauben verstärkt, die Früchte, Gaben und Charismen von Gott erbittet und stets in seiner Gemeinschaft lebt. Denn wenn es schwer wird und die Bewährungsproben kommen, wenn die dämonischen Anfechtungen kommen und euch der Boden unter den Füßen entzogen wird, dann werdet ihr durchhalten und hindurchgetragen. Dann bleibt ihr beschützt und werdet nicht verzweifeln. Sehr oft denke ich über die heutige Zeit nach und darüber, warum es heutzutage so viele Selbstmorde gibt. Dann denke ich daran, dass früher die Menschen insgesamt einen viel stärkeren Glauben hatten und wenn es dann hart wurde – und unsere Vorfahren haben wirklich schlimmes erlebt mit den Weltkriegen und Ideologien des 20. Jahrhunderts! – sind sie dennoch nicht verzweifelt. Die Verwurzelung in ihrem Glauben hat sie davor bewahrt, alles aufzugeben und das Leben zu beenden. Gewiss gab es auch früher schon Selbstmorde, aber das scheint mir heutzutage neue Ausmaße angenommen zu haben. Diese Glaubensverwurzelung ist heutzutage nicht mehr flächendeckend. Was Paulus den Ephesern sagt, sagt er also ganz aktuell unserer heutigen Generation. Rüsten wir uns wieder aus, anstatt ungeschützt dem Satan in die Arme zu fallen. Er hat so ein leichtes Spiel heute. Sagen wir ihm endlich den Kampf an und hören wir auf, seine Existenz zu leugnen! Sonst haben wir schon längst verloren. Im Film „Das Ritual“ mit Anthony Hopkins – meines Erachtens der Film, der den Exorzismus am realistischsten darstellt – wird gesagt: „Nicht an den Teufel zu glauben, schützt dich nicht vor ihm.“ Und das ist seine größte Masche in der heutigen Zeit. Die wenigsten Menschen sind sich seiner Existenz und seiner Kriegsführung bewusst. Deshalb gibt es gar keinen Kampf im eigentlichen Sinne. Er hat ja keinen Widerstand zu bekämpfen.
Wir Christen müssen uns endlich wieder bewusst werden, dass wir Kämpfer sind, solange wir leben. Die sichtbare Kirche hier auf Erden wird nicht umsonst „die kämpfende/streitende Kirche“ genannt. Sie ist stets in der Schlacht gegen den Bösen, der sie zerstören will.
Paulus erklärt die „Ausrüstung“ der Kämpfer im Detail: „Eure Hüften umgürtet mit Wahrheit“ – denn der Satan ist der „Vater der Lüge“ (Joh 8,44). Doch die Wahrheit währt am längsten und Lügen haben kurze Beine.
Der „Brustpanzer der Gerechtigkeit“ ist nahe am Herzen, weil der Kern der Gerechtigkeit ein großes Herz für die Menschen sein soll, wie Gott ein großes Herz hat. Das bekämpft die Grausamkeit des Bösen, der herzlos ist.
Die Füße sollen beschuht sein mit der „Bereitschaft für das Evangelium des Friedens.“ Es soll an den Füßen sein, damit sie in die ganze Welt hinausgehen, um diesen Frieden allen Menschen zu bringen. Es ist ein Frieden, den die Welt nicht geben kann und den Scheinfrieden aller Pseudo-Messiasse aufdeckt, die im Grunde die Marionetten des Bösen sind.
Der „Schild des Glaubens“ ist ein Schutz gegen die Häresien. Der Böse kennt die Hl. Schrift besser als jeder Mensch. Die Dämonen glauben an Gott, natürlich! Er hat sie ja geschaffen. Wer fest im Glauben steht und das Evangelium Jesu Christi ins Herz geschrieben hat, wird sofort merken, wenn jemand etwas verfälscht oder mithilfe von ganz unscheinbaren Häresien das Evangelium abschwächen will. Der Satan versucht, die Menschen gerade über diesen Weg von Gott wegzubringen! Dort erwartet man ihn vielleicht am wenigsten, doch das ist zu jener Zeit, der frühen Christenheit, der heimtückischste Weg.
Mit „Helm des Heils“ und „Schwert des Geistes“ schließt Paulus seine Waffen-Erklärung ab. Das Wort Gottes ist die Waffe in den Händen der Christen. Mit ihr sollen sie den Bösen bekämpfen. Jesus hat es in der Wüste wunderbar vorgelebt, als er dreimal in Versuchung geführt wird. Jedes Mal bekämpft er den Bösen mit dem Wort Gottes. Und in der Johannesoffenbarung kommt aus seinem Mund ein zweischneidiges Schwert. Am Ende kommt er sogar mit seinem himmlischen Heer angeritten zum Endkampf gegen das dämonische Heer und hat dieses Schwert des Wortes Gottes bei sich.
Die Epheser sollen also lernen, mit diesem Schwert umzugehen, damit sie es im Kampf richtig einsetzen können. Das gilt auch uns heute. Wer liest denn heutzutage noch die Bibel? Diese verstaubt bei den meisten im Regal, wenn sie denn überhaupt eine besitzen. Dabei ist es das Schwert, mit dem sie ihren Erzfeind besiegen können!
So wie Krieger sollen die Epheser stets beten und wachsam sein. Das gilt auch für uns heute. Wenn wir stets im Gebet sind – das meint mehr als nur das mündliche Gebet, sondern vielmehr das stete Bewusstsein in der Gegenwart Gottes, die gute Meinung bei allen Tätigkeiten, auch die Hl. Messe und die verschiedenen Gebetsformen – wird den Nachstellungen des Bösen nicht auf den Leim gehen. Wer in der Liebe Gottes bleibt, den wird der Böse nicht so schnell von Gott wegziehen können.
Wichtig ist, dass wir auch füreinander beten, wie die Epheser für Paulus und alle „Heiligen“ beten sollen. Mit „Heiliger“ ist bei Paulus der getaufte Christ gemeint. Denn wenn man schlimmen Angriffen ausgesetzt ist, vor allem die Apostel, Missionare, die Geistlichen allgemein, alle, die Verantwortung tragen, dann braucht man Verstärkung von Mitkriegern. Wir kämpfen ja nicht für uns allein, sondern kämpfen als Heer, als Gemeinschaft gegen den Bösen.
Zum Ende hin werden wir noch einmal daran erinnert, dass Paulus in Ketten ist, weil er im Gefängnis sitzt.

Ps 144
1 Von David. Gepriesen sei der HERR, mein Fels, der meine Hände den Kampf lehrt, meine Finger den Krieg!

2 Er, meine Huld und meine Festung, meine Burg und mein Retter, mein Schild, dem ich vertraue,
9 Gott, ein neues Lied will ich dir singen, auf der zehnsaitigen Harfe will ich dir spielen,

10 dir, der den Königen Sieg verleiht, der David, seinen Knecht, vom Schwert des Unheils befreit.

Heute beten wir eine Reflexion dessen, was Gott David Gutes getan hat. Es ist ein Dankespsalm an Gott den „Felsen“. Ich habe schon oft die Typologie zwischen David und Jesus angesprochen. Jesus ist eigentlich der Felsen, auf den wir bauen sollen, doch er bevollmächtigt einen Menschen als seinen irdischen Stellvertreter. Deshalb ist es kein Zufall, dass er das Bild des Felsens in den Evangelien mehrfach aufgreift. In den Psalmen lesen wir Gott als Felsen regelmäßig. Gott ist es, „der meine Hände den Kampf lehrt, meine Finger den Krieg“. Zur Zeit Davids ist es noch nicht so eindeutig, aber wir verstehen spätestens seit der Versuchung Jesu, dass es um einen geistigen Kampf, um geistige Waffen geht. David kämpft noch wörtlich. Gott ist es, der rettet und der ein wirklich vertrauensvolles Schild ist. Wir lesen im ersten Samuelbuch, dass der Riese Goliat einen Waffenträger vor sich herlaufen lässt. Dieser ist nichts im Gegensatz zu Gottes Assistenz im Kampf. Und in der heutigen Lesung haben wir die verschiedenen Elemente der Ausrüstung kennengelernt.
Wir können diese Worte Davids genauso dankbar beten wie David selbst. Auch uns rettet Gott immer wieder aus geistigen Kämpfen und Versuchungen, sodass ihm stets unser Dank gebührt. Ihm haben wir schließlich die wunderbare Kriegsausrüstung zu verdanken. So bleiben wir übrigens auch bescheiden und demütig: Wenn wir den Fall Anderer sehen und schadenfroh mit dem Finger drauf zeigen, weil wir nicht dieselbe Sünde getan haben, fallen wir in Null Komma nichts wegen derselben Sünde. Wenn wir aber dankbar auf uns selbst schauen und sagen: „Danke HERR, dass du mich davor bewahrt hast, dass du mir die Kraft gegeben hast, derselben Versuchung zu widerstehen“, erkennen wir an, dass unser Gutsein durch Gottes Gnade ermöglicht wird. Wir rühmen ihn statt uns selbst.
Die Rede von einem „neuen Lied“ ist für uns Christen immer ein Signal für etwas Messianisches. Ein neues Lied spielen die „Veteranen“ in der Johannesoffenbarung, die sie als Märtyrer für den Glauben gestorben sind. Sie stehen als Sieger vor dem Thron Gottes. Und dort erklingen die Harfen des Himmels zum ewigen Triumphgesang. Gott ist der ultimative Sieger und seine Streiter können mit ihm nur als Sieger davonkommen.
Lernen wir von David und beten wir ihm nach, der Gottes Werk anerkennt, „der den Königen Sieg verleiht“ und der „vom Schwert des Unheils befreit“. Dieses Unheil ist in erster Linie geistiger Art. Es bringt von Gott weg. Wir beten dies im Vaterunser, wenn wir sagen „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“.

Lk 13
31 Zur selben Stunde kamen einige Pharisäer und sagten zu ihm: Geh weg, zieh fort von hier, denn Herodes will dich töten.

32 Er antwortete ihnen: Geht und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen, heute und morgen, und am dritten Tag werde ich vollendet.
33 Doch heute und morgen und am folgenden Tag muss ich weiterwandern; denn ein Prophet darf nicht außerhalb Jerusalems umkommen.
34 Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.
35 Siehe, euer Haus wird euch selbst überlassen. Ich sage euch: Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis die Zeit kommt, in der ihr ruft: Gepriesen sei er, der kommt im Namen des Herrn!

Im Evangelium hören wir erstaunlicherweise, dass einige Pharisäer Jesus vor Herodes‘ Tötungsabsichten warnen. Immer wieder wird uns ja berichtet, dass die Pharisäer sich ja an einem Mordkomplott gegen Jesus beteiligen. Diese hier scheinen aber anders zu sein.
Jesus entgegnet ihnen aber: „Geht und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen, heute und morgen, und am dritten Tag werde ich vollendet.“
Jesus sagt nicht nur aus, welche Taten er zuende führen soll (deshalb die Rede von drei Tagen), sondern auch seine Macht über die unsichtbaren Mächte. Der Exorzismus ist schließlich ein Zeichen der gebannten Macht des Bösen, ein Zeichen der Endzeit, denn der Messias kann alle Arten von Dämonen austreiben, auch die Stummen.
Jesus fügt hinzu: „Doch heute und morgen und am folgenden Tag muss ich weiterwandern; denn ein Prophet darf nicht außerhalb Jerusalems umkommen.“ Dieser Grundsatz ist wichtig, weil er damit ausdrückt, dass er umkommen wird und dies wie bei den Propheten des Alten Bundes in Jerusalem sein wird. Der Kreis wird sich schließen und was vor allem die messianischen Verheißungen des Alten Testaments bezeugen, muss sich erfüllen.
Bis dahin hat Jesus aber noch einen Auftrag zu erfüllen, den Willen des Vaters.
Dann beginnt seine Klage über die Stadt Jerusalem, die eigentlich die Heilige Stadt ist. In ihr ist der Tempel errichtet, in dem die Herrlichkeit Gottes wohnt – was durch den Verlust der Bundeslade bereits erschüttert worden ist.
Jerusalem tötet die Propheten und macht Gott selbst damit mundtot. Es möchte nicht auf den Willen Gottes hören. Er spricht hier als Gott, denn er spricht zu Jerusalem in der Ich-Form wie Gott in den Gottessprüchen der Propheten: „Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.“ Greifen wir Paulus an dieser Stelle wieder auf, könnte man für diese Aussage wieder das Kriegsbild aufgreifen: Gott hat seine Krieger ausgestattet mit der gesamten Ausrüstung, doch sie haben es nicht angelegt. Sie stehen ganz wehrlos und schutzlos vor dem Erzfeind. Ja mehr noch, sie sind zu Deserteuren geworden – übergelaufen ins feindliche Lager. Weil sie ihren Feldherrn zurückgewiesen haben, werden sie sich selbst überlassen. Gottes Schutz ist ihnen nicht mehr sicher, aber nicht weil Gott sie nicht mehr beschützen will, sondern weil sie seine Hilfe nicht wollten. Sie werden die Konsequenz ihres eigenen Leichtsinns tragen, wenn die Römer einige Jahrzehnte später die gesamte Stadt zerstören und den Tempel in Trümmer legen werden. Dann werden die Jerusalemer auf dem eigenen Scherbenhaufen sitzen bleiben.
Jesus sagt noch etwas sehr Entscheidendes: „Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis die Zeit kommt, in der ihr ruft: Gepriesen sei er, der kommt im Namen des Herrn!“ Das ist eine Aussage, die man vierfach begreifen kann. Einerseits bezieht er sich auf sein letztes Kommen in die Stadt, bei dem er auf einer Eselin einreitet. Dann werden die Bewohner diesen Jubelruf ausrufen. Es wird der letzte Jubel sein vor dem „Kreuzige ihn“ wenige Tage später. Jesus wird dann die Stadt nicht mehr verlassen, bis er stirbt und am dritten Tag wieder auferstehen wird. Das ist der Literalsinn dieser Stelle. Doch wir müssen darüber hinaus den geistlichen Sinn betrachten: Die Menschen werden Gott nicht mehr sehen aufgrund der Tempelzerstörung, aber dann wieder erblicken in Jesus Christus, dessen Leib der wieder aufgerichtete Tempel ist. Er hat ja angekündigt, den Tempel wieder aufzubauen. Der Ort der wahren Anbetung wird er selbst sein. Und das erkennen die Christen in der Eucharistie, in der er seinen Leib hingegeben hat. Wir müssen diese Aussage Jesu also durchaus ekklesiologisch als Aufbau der Kirche und sakramental als Eucharistie verstehen. Denn bis heute beten wir vor den Einsetzungsworten diese Worte im „Benediktus“, das heutzutage mit dem Sanctus verbunden ist: „Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn, Hosanna in der Höhe.“ Wenn wir uns dann mit ihm vereinen, nehmen wir ihn auf in unser Herz, in unsere Seele, die der Tempel des Hl. Geistes ist. Wir verherrlichen ihn in unserem Leben durch unseren christlichen Lebenswandel, durch unsere Entscheidungen, die immer von ihm in unserer Mitte ausgehen sollen. Was die Christen noch verborgen erblicken durch den Schleier des Sakraments, ist ein Vorgeschmack des Himmels. Dort werden wir ihn dann sehen, wie er ist und gemeinsam auf ewig rufen: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn.“ Aber dann werden wir keinen Tempel mehr benötigen, denn Gott lebt in unserer Mitte.

Ihre Magstrauss