Samstag der 5. Woche der Fastenzeit

Ez 37,21-28; Ps 31,10.11-12b.13; Joh 11,45-57

Ez 37
21 Dann sag zu ihnen: So spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich, ja ich nehme die Söhne Israels aus den Nationen heraus, wohin sie gegangen sind; ich sammle sie von allen Seiten und bringe sie auf ihren Ackerboden.

22 Ich mache sie im Land, auf den Bergen Israels, zu einer einzigen Nation. Und ein einziger König soll König für sie alle sein. Sie werden nicht länger zwei Nationen sein und sich nie mehr in zwei Königreiche teilen.
23 Sie werden sich nicht mehr unrein machen durch ihre Götzen und Gräuel und durch all ihre Untaten. Ich befreie sie von aller Sünde, die sie in ihrer Untreue begangen haben, und ich mache sie rein. Dann werden sie mir Volk sein und ich, ich werde ihnen Gott sein.
24 Mein Knecht David wird König über sie sein und sie werden alle einen einzigen Hirten haben. Sie werden meinen Rechtsentscheiden folgen und auf meine Satzungen achten und nach ihnen handeln.
25 Sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe und in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder werden auf ewig darin wohnen und mein Knecht David wird auf ewig ihr Fürst sein.
26 Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund; es soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Ich werde sie aufrichten und zahlreich machen. Ich werde mitten unter ihnen auf ewig mein Heiligtum errichten
27 und über ihnen wird meine Wohnung sein. Ich werde ihnen Gott sein und sie, sie werden mir Volk sein.
28 Und die Nationen werden erkennen, dass ich der HERR es bin, der Israel heiligt, wenn mein Heiligtum auf ewig in ihrer Mitte ist.

Heute hören wir aus dem Buch Ezechiel. Der Prophet bekommt wunderbare Visionen geschenkt in einer Zeit absoluten Traumas. Er wirkt zur Zeit des Babylonischen Exils und bekommt in diesem heutigen Kapitel, aus dem wir hören, die Verheißung, dass Gott alle Zerstreuten Israels wieder versammeln wird. Das Exil wird ein Ende haben!
„Siehe, ja ich nehme die Söhne Israels aus den Nationen heraus, wohin sie gegangen sind.“ Gott nimmt die Israeliten heraus, die bei den Nationen sind, hier steht das Hebräische הַגֹּויִ֖ם haggojim, die heidnischen Völker. Er holt sie weg von dort, „wohin sie gegangen sind“, das heißt aus dem babylonischen Reich. Das Verb dieses Satzes, das Wegholen, steht in einer Partizipialform. Diese verursacht eine Zeitlosigkeit oder Ungebundenheit und so können wir über das historisch Einmalige hinaus noch weiter betrachten! Gott tut das immer wieder mit seinem Volk die ganze Heilsgeschichte hindurch. Er tat es schon damals, als er durch Mose das gesamte Volk aus Ägypten herausführte. Er hat es vor allem aber dann getan, als er seinen einzigen Sohn für die Menschheit dahingegeben hat. Durch das Leiden, Sterben und die Auferstehung Jesu Christi ist der ganzen Menschheit die Aussicht auf die Rückkehr aus dem Exil geschenkt worden – aus dem Exil des Paradieses, das mit Adam und Eva begonnen hat! Diese Art von Wegholen und Heimführung ist eine viel existenziellere als die Rückführung in die irdische Heimat. Bis heute ist es jedesmal so, dass Gott uns heimholt in die Heimat, wenn wir von unseren Sünden umkehren und das Sakrament der Beichte in Anspruch nehmen. Dann wird uns diese Heimat auf moralischer Ebene wieder geschenkt, der Stand der Gnade. Und am Ende unseres Lebens sowie am Ende der Zeiten wird uns die ewige Heimholung in die himmlische Heimat geschenkt.
Ja, Gott sammelt sie von allen Seiten und bringt sie auf ihren Ackerboden. Das ist das Ideal und der größte Wunsch, den die Israeliten zur Zeit dieser Exilszeit ersehnt haben! Sie werden wieder als eine einzige Nation zusammenwachsen. Das ist eine politische Verheißung, die wir nicht unterschätzen dürfen. Vor der Babylonischen Gefangenschaft war Israel zweigeteilt, nämlich in das Nord- und Südreich. Dies war schon eine Art traumatische Erfahrung, die Gott als Folge der Sünde Salomos angekündigt hat. Das Nordreich bestand aus zehn der Zwölf Stämme. Dem Südreich blieben nur noch die Stämme Juda und Benjamin. Bevor die Babylonier in Israel einfielen, wurde das Nordreich ein Vasallenstaat der Assyrer.
Es ist also eine ganz große Verheißung, wenn Gott nur noch eine einzige Nation mit nur einem König verheißt. Wir wissen ja, dass die Israeliten dir Rückkehr nach Israel dem Perserkönig Kyros II verdanken werden, der die Fremdherrschaft der Babylonier durch eine Fremdherrschaft Israels durch die Perser ablösen wird. Dennoch wird er sehr positiv dargestellt, ja sogar als messianische Gestalt von Jesaja charakterisiert, weil er sogar den Bau eines neuen Tempels erlaubte. Die Verheißung einer einzigen Nation, die frei ist, wird sich also nicht sofort erfüllen. Wir denken da schon längst weiter und lesen somit die Verheißung nicht als politische: Es geht um den König des Weltalls, Jesus Christus, der neue Salomo, der eine einzige Nation um sich sammeln wird, die gemeinsam mit ihm das Reich Gottes bewohnen wird. Hier geht es nicht um ein irdisches Königreich, sondern um ein geistiges! Der König ist kein gewöhnlicher Mensch, sondern der Messias!
Gott verheißt Israel über Ezechiel, dass die Gräuel und Götzendienste ein Ende haben werden. Und dann sagt Gott den entscheidenden Satz, weshalb wir wissen, dass die christologische Auslegung überhaupt nicht aus den Fingern gesogen ist: „Ich befreie sie von aller Sünde, die sie in ihrer Untreue begangen haben, und ich mache sie rein. Dann werden sie mir Volk sein und ich, ich werde ihnen Gott sein.“ Die Befreiung von aller Sünde geschieht durch die Erlösung, die Jesus am Kreuz erwirken wird. Durch seinen Tod wird Gott mit allen Menschen den Neuen Bund schließen. Alle, die die Erlösung annehmen, werden so zu seinem Volk werden, nicht mehr nur bestehend aus Juden, sondern aus Juden und Heiden. Diesen Bundesschluss gehen wir ein, wenn wir getauft werden. Dann werden wir wirklich ganz rein, wofür auch das weiße Taufkleid steht. Nach der Taufe sündigen wir weiter, weil die Folgen der Erbsünde uns weiterhin beeinflussen. Doch auch da möchte Gott uns immer wieder rein machen im Sakrament der Beichte, durch die wir zurück zur Taufgnade gelangen.
Gott sagt Ezechiel zu: „Mein Knecht David wird König über sie sein und sie werden alle einen einzigen Hirten haben. Sie werden meinen Rechtsentscheiden folgen und auf meine Satzungen achten und nach ihnen handeln.“ Wie sollen wir das denn verstehen, wenn David schon seit 300 Jahren tot ist? Gott meint jemanden, der ein Nachkomme Davids ist, der aus seiner Sippe stammt. Der Messias wird als Sohn Davids erwartet und so wird auch hier wieder eine Ankündigung Jesu Christi ausgesagt. Er ist nicht nur genetisch gesehen der neue König David, sondern auch durch seine Identität als Hirte! In den letzten Wochen vor der Fastenzeit haben wir so viel von David gehört und auch da schon festgestellt, wie eng die typologische Verbindung zwischen ihm und Jesus ist. Nicht umsonst hat Gott alles so gefügt, dass der König über ganz Israel zuvor ein Hirte war! Er sollte in seiner Herrschermentalität schon vorbereitet werden. Er sollte ein Pastor sein, ein Hirte. Und so wird auch der neue David ein Pastor – er wird im Johannesevangelium selbst erklären: Ich bin der gute Hirte. Ich kenne die meinen und die meinen kennen mich. Er wird sich wirklich hingeben für seine Schafe, die auf seine Stimme hören, das heißt die Rechtsentscheide und Satzungen, wie es hier in Ezechiel heißt – die nach dem Evangelium Jesu Christi leben werden.
Ezechiel erhält weiterhin die Botschaft: „Sie werden in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe und in dem eure Väter gewohnt haben. Sie und ihre Kinder und Kindeskinder werden auf ewig darin wohnen und mein Knecht David wird auf ewig ihr Fürst sein.“
Es ist zunächst die wunderbare Verheißung, dass Israel im eigenen Land wieder wohnhaft sein wird, in dem verheißenen Land. Das ewige Wohnen in jenem Land verspricht Gott an dieser Stelle so wie zuvor schon bei den Bundesschlüssen und Versprechen immer unter der Bedingung, dass Israel den Bund hält und Gott treu ist.
Wir lesen es aber auch schon weiter, denn ein ewiges Wohnen in einem Land ist ja selbst für das jüdische Denken ausgeschlossen. Das Leben in dieser Welt ist nicht unendlich und gerade im Judentum gibt es apokalyptische Vorstellungen, welchen nach Gott irgendwann die ganze Weltzeit abbrechen wird. Hier ist also schon das Wohnen in einem anderen verheißenen Land gemeint – in dem Reich Gottes! Auf ewig wird Christus ihr Fürst sein. Es ist ein geistiges Königreich, das mit seiner Menschwerdung schon anbrechen wird und sich dann bis zum Ende der Zeiten immer mehr durchsetzen wird. Dieses Reich Gottes ist schon gegenwärtig in der Kirche, in der Christus in der Eucharistie der Herr ist. Die Kirche, die er als seinen sakramentalen Leib gestiftet hat, bestimmt er. Wie sie auszusehen hat von ihrer Struktur und ihrem Inhalt entscheidet er. Dieses Reich ist auch wohnhaft in den Seelen der Menschen, die mit Gott den Taufbund eingegangen sind. Die Heiligste Dreifaltigkeit nimmt Wohnung in ihrer Seele, die der Tempel des Hl. Geistes ist. So ist der Christus auch schon Herr ihres ganz persönlichen Lebens. Er bestimmt ihr Handeln, er bestimmt die Gebote und zeigt den Weg auf, den der Mensch einschlagen soll. So führt er ihn am Ende seines Lebens vom Glauben zum Schauen. Dann wird er ganz dem Reich Gottes angehören, in dem Gott der König ist.
Ezechiel wird verheißen: „Ich schließe mit ihnen einen Friedensbund; es soll ein ewiger Bund mit ihnen sein. Ich werde sie aufrichten und zahlreich machen. Ich werde mitten unter ihnen auf ewig mein Heiligtum errichten.“ Ja, die Israeliten können nur dann politischen Frieden haben, wenn sie die Sünden ablegen und Gottes Bund treu leben. Weil sie immer wieder in schwere Sünde fallen, vor allem Götzendienst begehen, werden sie immer wieder Opfer von Fremdherrschern. Selbst zur Zeit Jesu wird es so sein, wenn Israel zum Vasallenstaat der Römer wird. Hier geht es um mehr als nur um politischen Frieden. Es geht um den Frieden Gottes, der eine übernatürliche Gabe ist. Dieser Friede hängt zusammen mit dem Hl. Geist, der nicht umsonst die Gestalt einer Taube eingenommen hat. Die Taube ist nämlich ein Symbol des Friedens. Jesus haucht als Auferstandener seine Apostel an mit den Worten „Friede sei mit euch!“ Und sodann: „Empfangt den Heiligen Geist!“ Und schon in der ersten Abschiedsrede in Joh 14 kündigt er ihnen an: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch.“ Gott verheißt den Menschen den eschatologischen Frieden, den himmlischen Frieden der Ewigkeit. Gott wird nicht nur die Israeliten als zwölf-Stämme-Bund zahlreich machen, sondern er spricht hier schon vom Volk Gottes des Neuen Bundes. Dieses wird er zahlreich machen, wie wir ja heute sehen können trotz Rückgang in Europa.
Wenn Gott auf ewig mitten unter ihnen sein Heiligtum errichten wird, ist es für die Israeliten zunächst einmal die tröstliche Verheißung, dass es einen neuen Tempel geben wird (der salomonische Tempel wurde von den Babyloniern ja zerstört). Doch wir lesen dies noch weiter: Es ist die Errichtung des Tempels Jesu Christi, seines Leibes, der die Kirche ist! Es handelt sich um die Gemeinschaft der Gläubigen, die durch die Eucharistie als Herzschlag ewig leben wird. Und es handelt sich um das Heiligtum der Seele jedes Getauften. Dort wohnt auf ewig die Herrlichkeit Gottes. Schließlich können wir von der Verheißung hier in Ezechiel einen Bogen schließen bis zur Johannesoffenbarung, in der die Verheißung dann eintreffen wird: Er sieht das himmlische Jerusalem von oben auf die Erde herabkommen. Gott wohnt in der Mitte der Menschen, so wird es keinen Tempel mehr brauchen. Er selbst wird das Heiligtum der Menschen sein.
Und dann werden es alle sehen, dass er der Herr ist. Dann wird alles offenbar werden am Ende der Zeiten!

Ps 31
10 HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst; vor Gram sind mir Auge, Seele und Leib zerfallen.

11 In Kummer schwand mein Leben dahin, meine Jahre vor Seufzen. Meine Kraft ist ermattet wegen meiner Sünde, meine Glieder sind zerfallen.
12 Vor all meinen Bedrängern wurde ich zum Spott, zum Spott sogar für meine Nachbarn. Meinen Freunden wurde ich zum Schrecken, wer mich auf der Straße sieht, der flieht vor mir.
13 Ich bin dem Gedächtnis entschwunden wie ein Toter, bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.

Der heutige Psalm ist ein Klagepsalm, den wir uns sehr gut als Gebet der deportierten Juden in Babylon vorstellen können. Es ist das Gebet um Rettung aus der Verfolgung durch die babylonischen Feinde, noch bevor Gott die wunderbare Verheißung an den Propheten Ezechiel richtet.
„HERR, sei mir gnädig, denn mir ist angst“ – diese Emotion wird hier als Leiden vor Gott getragen. Wir stellen uns richtig vor, wie die Israeliten diese Angst vor Tod, Heimatlosigkeit und Bedrängnis beten. Auch Jesus wird im Garten Getsemani zum Vater so gebetet haben, denn seine Todesangst ist sehr groß. Er sieht sein gesamtes kommendes Leiden und die Sünden dieser Welt. Die Angst ist sogar so groß, dass sein Schweiß sich mit dem Blut geplatzter Kapillare vermischen wird. Wie sehr haben auch wir mit Ängsten in unserem Leben zu kämpfen. Doch auch da müssen wir sie nicht alleine austragen. Gerade dann dürfen auch wir mit diesen Emotionen zu Gott kommen.
„Vor Gram sind mir Auge, Seele und Leib zerfallen“ – Auge, Seele und Leib sind partes pro toto. Sie sind Beispiele für die gesamte menschliche Existenz, die hier zerfällt. Die Israeliten werden wirklich ihr ganzes Leben den Bach untergehen sehen. Alles ist ihnen entglitten und sie haben überhaupt keine Kontrolle mehr über ihr Leben. Diese Erfahrung hat schon König David gemacht, der vor der Eifersucht Sauls fliehen musste, der aufgrund seiner eigenen Vergehen vor seinem eigenen Sohn fliehen musste, dessen Leben mit einer einzigen Sünde aus dem Ruder geraten ist. Und so entgleitet auch dem Christus das gesamte Leben zum Ende hin. Er nimmt es bereitwillig an und in seinem Fall können wir wirklich sagen, dass er dies nicht selbst verschuldet hat. Auch wir machen die Erfahrung, dass wir in unserem Leben nicht die letzte Kontrolle haben. Es passieren schlimme Dinge, von denen auch wir ehrlich sagen müssen, dass so manches selbstverschuldet ist.
„In Kummer schwand mein Leben dahin, meine Jahre vor Seufzen. Meine Kraft ist ermattet wegen meiner Sünde, meine Glieder sind zerfallen.“ Diese Worte kamen wohl auch den Israeliten über die Lippen, die erkannt haben, dass ihr Leben deshalb in Kummer dahinschwindet, weil sie gesündigt haben. Das Zerfallen der Glieder ist das Gegenteil eines erfüllten und gesegneten Lebens. Der Mensch ist eine Einheit. Wenn er in Einzelteile zerfällt, dann ist es ein Sterben, ein absoluter Untergang. Wir können diese Worte auch auf den Messias beziehen, der diese Beobachtung in der geballtesten Form gemacht hat – aber nicht wegen seiner eigenen Sünden, sondern wegen der Sünden der ganzen Welt! Den Menschen zuliebe ließ er zu, dass seine Glieder nicht einfach zerfallen sind, sondern auseinander gerissen wurden, zerschunden von Stöcken und Geißeln, ausgemergelt durch die Last des Kreuzes und ausgerenkt durch das Hängen am Kreuz.
Jesus hat die Erlösung erwirkt, doch die Menschen sündigen weiter. Selbst wir, die wir den Bund der Taufe eingegangen sind, werden diesem Bund noch untreu. Und dann müssen auch wir die Konsequenzen unserer Sünde tragen. Dann erfahren auch wir dieses Auseinanderfallen unserer Glieder – dann fällt auch in unserem Leben alles auseinander.
„Vor all meinen Bedrängern wurde ich zum Spott, zum Spott sogar für meine Nachbarn. Meinen Freunden wurde ich zum Schrecken, wer mich auf der Straße sieht, der flieht vor mir.“ Diese Worte sind für die Israeliten besonders drastisch. Ja, sie wohnten mit den Babyloniern zusammen und werden sehr angefeindet worden sein. Auch die Nachbarvölker werden über Israel gespottet haben mit den Worten: „Ha, wer ist dein Gott, Israel! Von wegen der Große und Mächtige, der euch aus Ägypten heraufgeführt hat! Was sagt ihr jetzt?“ Und noch viel schlimmer war der Spott, der Jesus erleiden musste als Gott. Er, der Herrscher über das ganze Weltall, wurde behandelt wie der schlimmste Verbrecher, ausgelacht und provoziert mit den Worten: „Wenn du der Sohn Gottes bist, dann hilf dir selbst und steig herab vom Kreuz!“ Und doch hat er nicht eingegriffen – nicht weil er es nicht konnte, sondern weil er es nicht wollte. Er wollte unsere Erlösung und dafür musste er bis zum Schluss durchhalten. In unserer heutigen Zeit müssen Christen besonders viel Spott aushalten. Es gab noch nie so schlimme Christenverfolgungen wie heutzutage. Der Spott und die Anfeindungen sind so scharf wie noch nie. Wir können auch heute diese Worte des Klagepsalms ganz aktuell beten.
„Ich bin dem Gedächtnis entschwunden wie ein Toter, bin geworden wie ein zerbrochenes Gefäß.“ Für Israeliten ist diese Art von Tod das Schlimmste, was ihnen passieren kann – das Vergessen ihres Namens, ihrer Identität. Die Erinnerung auch über ihren Tod hinaus ist die höchste Form von „Auferstehungshoffnung“, die die Israeliten zur Zeit König Davids vertreten haben (er komponierte ja den Psalm). Ein Leben nach dem Tod, Jenseitsvorstellungen, all das entwickelte sich erst im Laufe der Zeit, sodass Jesus erst dann Mensch geworden ist, als die Juden schon so weit waren, das zu verstehen. Auch zu Ezechiels Zeiten ist das Gedächtnis der Toten das Höchste und Erstrebenswerte. Das Vergessen des Toten ist somit ein ewige Fluch für die Israeliten. Auch den Namen Jesu haben seine Gegner auszulöschen versucht, indem sie ihm nicht den kleinsten Funken Ehre gelassen haben. Doch am Ende hat der Vater seinen Sohn über alle anderen erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen. Er hat ihn nicht nur rehabilitiert, sondern in seinem Namen geschehen bis heute Zeichen und Wunder. Er ist der heiligste aller Namen geworden! So gibt Gott auch uns durch den Neuen Bund einen neuen Namen und wir sind getauft auf den allerheiligsten Namen Jesu Christi.
Ein Klagepsalm besitzt zumeist einen Stimmungsumschwung zum Ende hin. Er endet in einem Lobpreis und so steht auch für uns in der tiefsten Hoffnungslosigkeit das Licht des Ostermorgens. Und so lesen wir am Ende des Psalms Worte wie: „Gepriesen sei der HERR, denn er hat seine Huld wunderbar an mir erwiesen in einer befestigten Stadt. Ich aber sagte in meiner Angst: Ich bin verstoßen aus deinen Augen. Doch du hast mein lautes Flehen gehört, als ich zu dir um Hilfe rief.“ Gott erhört jeden Menschen und die Hoffnung, dass alles am Ende gut wird, ist uns als Christen durch das Ostergeheimnis geschenkt worden!

Joh 11
45 Viele der Juden, die zu Maria gekommen waren und gesehen hatten, was Jesus getan hatte, kamen zum Glauben an ihn.

46 Aber einige von ihnen gingen zu den Pharisäern und sagten ihnen, was er getan hatte.
47 Da beriefen die Hohepriester und die Pharisäer eine Versammlung des Hohen Rates ein. Sie sagten: Was sollen wir tun? Dieser Mensch tut viele Zeichen.
48 Wenn wir ihn gewähren lassen, werden alle an ihn glauben. Dann werden die Römer kommen und uns die heilige Stätte und das Volk nehmen.
49 Einer von ihnen, Kajaphas, der Hohepriester jenes Jahres, sagte zu ihnen: Ihr versteht nichts.
50 Ihr bedenkt nicht, dass es besser für euch ist, wenn ein einziger Mensch für das Volk stirbt, als wenn das ganze Volk zugrunde geht.
51 Das sagte er nicht aus sich selbst; sondern weil er der Hohepriester jenes Jahres war, sagte er aus prophetischer Eingebung, dass Jesus für das Volk sterben werde.
52 Aber er sollte nicht nur für das Volk sterben, sondern auch, um die versprengten Kinder Gottes wieder zu sammeln.
53 Von diesem Tag an waren sie entschlossen, ihn zu töten.
54 Jesus ging von nun an nicht mehr öffentlich unter den Juden umher, sondern zog sich von dort in die Gegend nahe der Wüste zurück, zu einer Stadt namens Efraim. Dort blieb er mit seinen Jüngern.
55 Das Paschafest der Juden war nahe und viele zogen schon vor dem Paschafest aus dem ganzen Land nach Jerusalem hinauf, um sich zu heiligen.
56 Sie suchten Jesus und sagten zueinander, während sie im Tempel zusammenstanden: Was meint ihr? Er wird wohl kaum zum Fest kommen.
57 Die Hohepriester und die Pharisäer hatten nämlich angeordnet, wenn jemand wisse, wo er sich aufhält, solle er es melden, damit sie ihn festnehmen könnten.

Heute hören wir im Evangelium die Nachgeschichte der spektakulären Totenerweckung des Lazarus durch Jesus. Diese Episode ist uns am letzten Fastensonntag begegnet.
Viele der Juden, die zu Maria kamen (es geht um die Schwester des Lazarus, die mit ihren Geschwistern in Betanien lebt), sind durch dieses Ereignis gläubig geworden, aber einige haben es den Pharisäern erzählt.
So berufen sie den Hohen Rat ein, der sich aus Sadduzäern und Pharisäern zusammensetzt. Sie überlegen, was sie mit Jesus tun sollen, dessen großes Zeichenwirken sie durchaus anerkennen.
Ihre Denkweise ist verdorben und korrupt. Sie freuen sich nicht darüber, dass alle Menschen gläubig werden könnten, sondern machen sie politische Sorgen. Die Römer könnten aufgrund dieser Massenbewegung den Tempelkult verbieten. Ihnen geht es bei dieser Befürchtung vielleicht gar nicht darum, dass sie den Tempel als Wohnstatt Gottes verlieren könnten, sondern darum, dass sie als Tempellobby an Bedeutung verlieren könnten. Sie sagen ja sogar, dass die Römer ihnen das Volk nehmen könnten. Vielleicht spricht aber auch aufrichtige Sorge aus ihnen heraus, denn es würden viele Juden getötet werden. Und so spricht Kajaphas, der Hohepriester jenes Jahres, unter dem Einfluss des Hl. Geistes, dass es besser wäre, einen einzigen auszuliefern, damit der Rest am Leben bleiben würde. Dies ist zunächst als strategische Aussage zu werten, doch Johannes kommentiert dies im Nachhinein als prophetische Aussage. Auch die Gegenspieler Gottes sind letztendlich nur Werkzeuge des Heils. Gott steht über allen und so kann er selbst die Katastrophe seiner Gegner ins Positive wenden!
Was der Hohe Rat hier bespricht und was die Befürchtungen anbelangt, sehen wir als Widerholung der Geschichte. Den Juden ist schon einmal der Tempel durch die Fremdherrscher genommen worden. Es sind schon damals genug Landsleute umgekommen, als die Babylonier über Israel hergefallen ist. Was diese Männer aber nicht bedenken, ist der eigentliche dramatische Tod – die ewige Abgeschnittenheit von Gott. Sie haben all die Streitgespräche mit Jesus geführt, aber immer noch nicht verstanden, dass er der Hirte ist, den Ezechiel angekündigt hat, der neue König David des Reiches Gottes, der die Versprengten Israels heimholen will. Sie haben nicht verstanden, dass er seinen Leib stiften will als Kirche, als die Gemeinschaft der Gläubigen.
Und doch ist all dies Plan Gottes. Denn ihre Absicht, Jesus zu töten, wird zur Erlösung der ganzen Menschheit führen. Von diesem Tag der Versammlung an suchen sie nun nach einer Gelegenheit, Jesus umzubringen.
Weil Jesus Gott ist und weiß, was die Menschen denken, zieht er sich in die Wüstengegend zurück. Als dann wieder Wallfahrtssaison ist und die frommen Juden zum Pessachfest nach Jerusalem hinaufziehen, warten sie voller Spannung darauf, ob Jesus auch kommen würde. Schließlich ist ihnen ja schon klar, dass er sich mit der religiösen Elite Jerusalems angelegt hat. Sie sind bereit, Jesus auf der Stelle zu melden, weil es die Hohepriester und Schriftgelehrten angeordnet haben. So endet das Evangelium und wir erfahren es heute nicht. Was wir aber wissen und deshalb macht es auch Sinn, dass wir heute einen Tag vor Palmsonntag dieses Evangelium hören: Jesus geht nach Betanien zu den drei Geschwistern, wo Maria ihn prophetischer Weise salben wird, als ob sie sein Begräbnis vorwegnimmt. Dann wird Jesus den Einzug nach Jerusalem als königlicher Messias inszenieren, damit die schriftkundigen Juden die Erfüllung aller prophetischen Verheißungen erkennen. All dies hören wir morgen, aber nicht aus dem Johannesevangelium, sondern nach Matthäus.

Die Lage spitzt sich zu und wir spüren immer mehr, wie die Passion immer näher kommt. Es ist schmerzhaft, Jesus leiden zu sehen, aber es kann ohne die Passion und den Tod keine Auferstehung geben, kein Ostern ohne Karfreitag. Das Weizenkorn muss sterben, damit es reiche Frucht bringt. Wir müssen in unserem Leben zuerst vieles erleiden, bevor uns große Gnaden geschenkt werden. Wir müssen selbst erst einmal unser eigenes Karfreitag des irdischen Todes durchmachen, bevor wir wie Jesus in den Ostermorgen der himmlischen Herrlichkeit hinübergehen können. Bereiten wir uns auf die heilige Woche vor und bitten wir Gott darum, dass er uns für alles Kommende das Herz öffne.

Ihre Magstrauss

Montag der 2. Woche der Fastenzeit

Dan 9,4b-10; Ps 79,5 u. 8.9.11 u. 13; Lk 6,36-38

Dan 9
4 Herr, du großer und Furcht erregender Gott, der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren. 

5 Wir haben gesündigt und Unrecht getan, wir sind treulos gewesen und haben uns gegen dich empört; von deinen Geboten und Rechtsentscheiden sind wir abgewichen. 
6 Wir haben nicht auf deine Diener, die Propheten, gehört, die in deinem Namen zu unseren Königen und Vorstehern, zu unseren Vätern und zu allen Bürgern des Landes geredet haben. 
7 Du, Herr, bist im Recht; uns aber steht bis heute die Schamröte im Gesicht, den Leuten von Juda, den Einwohnern Jerusalems und allen Israeliten, seien sie nah oder fern in all den Ländern, wohin du sie verstoßen hast; denn sie haben dir die Treue gebrochen. 
8 Ja, HERR, uns steht die Schamröte im Gesicht, unseren Königen, Fürsten und Vätern; denn wir haben uns gegen dich versündigt. 
9 Beim Herrn, unserem Gott, ist das Erbarmen und die Vergebung, obwohl wir uns gegen ihn empört haben. 
10 Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN, unseres Gottes, nach seinen Weisungen zu wandeln, gehört, die er uns durch seine Diener, die Propheten, gegeben hat. 

Heute hören wir aus dem Buch Daniel einen Abschnitt, der zur Zeit des babylonischen Exils spielt, dem größten Trauma Israels in alttestamentlichen Zeiten. Zu jener Zeit kam Darius, der Sohn des Meders Xerxes an die Macht. Daniel hat in dem Kapitel zuvor eine Vision erhalten, die er noch nicht verstand. Und nachdem er die Schriften des Propheten Jeremia studiert hat, geht ihm nun auf, dass die babylonische Gefangenschaft nicht ewig anhalten soll, sondern siebzig Jahre. Daraufhin nimmt er eine Bußhaltung ein, geht in Sack und Asche, bittet und fleht den Herrn um Erbarmen an und bekennt unmittelbar vor dem heutigen Abschnitt, den wir hören, seine Sünden. Was wir nun hören, ist sein Bittgebet:
„Herr, du großer und furchterregender Gott“ – ja, er hat an den Schlägen auf das Haus Israel durch das babylonische Exil ganz deutlich zu spüren bekommen, dass Gott es ernst meint. Zugleich bekennt er, dass Gott der Treue ist, wenn er sagt: „der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren.“
Er bekennt stellvertretend für das ganze Volk Israel die Schuld, indem er die Untreue Israels bekennt. Er gibt zu, dass das babylonische Trauma selbstverschuldet ist, denn Israel ist von Gottes Geboten abgewichen.
Er bekennt im Namen des Volkes, dass Israel nicht auf die warnenden Propheten gehört hat, die das babylonische Exil vorausgesehen und das Volk zur Umkehr ermahnt haben.
Er sagt gleich zweimal „uns steht die Schamröte im Gesicht“. Das ist bemerkenswert. Scham ist etwas, das mit der Sünde in die Welt gekommen ist. Wir müssen uns schämen, weil wir uns vor Gott versündigen. Und Israel hat Gott die Treue gebrochen, weshalb es gleich mehrfach Scham empfindet: Dem einfachen Fußvolk sowie den Mächtigen des Volkes, „den Königen, Fürsten und Vätern“ treibt es die Schamröte ins Gesicht, dass sie Gottes Warnung immer wieder ignoriert haben und nicht rechtzeitig umgekehrt sind. Daniel bekennt eindeutig, dass das Exil sie getroffen hat, weil es heißt „wer nicht hören will, muss fühlen“. Er hadert nicht mit Gott und schreit ihn an: „Warum hast du das zugelassen? Gibt es dich überhaupt? Ich will die Freundschaft mit dir kündigen!“ So etwas sehen wir heutzutage sehr oft. Menschen kommen vom Glauben ab, wenn etwas Schlimmes in ihrem Leben passiert. Es ist nicht immer automatisch die eigene Schuld, wenn man im Leben leidet, sondern oft genug wird man als Unschuldiger auch mit hineingezogen. Doch viel zu selten nehmen wir die Haltung Daniels ein, gehen in uns und prüfen, ob wir nicht doch etwas damit zu tun haben…
Daniel bekennt dies alles, weil er weiß, dass Gott ein vergebender Gott ist. Er weiß, dass Gott die Schuld vergibt, wenn man sie von Herzen bereut und umkehrt. Das tut er ganz eindeutig ohne Verschönerung, indem er am Ende noch einmal bekennt: „Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN (…) gehört.“ Er selbst ist ja vielleicht nicht einmal betroffen, sondern die Generationen vor ihm, aber er hat ein kollektives Verantwortungsgefühl, das ihn dazu antreibt, stellvertretend für sein ganzes Volk um Verzeihung zu bitten. Das ist ein sehr lobenswertes Verhalten. Wie oft erleben wir das in unserem Umfeld, das jemand offensichtlich schuldig geworden ist, aber unbußfertig, uneinsichtig ist. Und dann dürfen auch wir, vor allem wenn es ein Familienmitglied ist, stellvertretend für diese Person um Verzeihung bitten. Gott möge ihr Herz erweichen und ihr Einsicht schenken, damit sie umkehrt und neu anfängt. Wir können Gott um Verzeihung für ihre Sünden bitten und sagen: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist das Mindeste, was wir als Familienmitglied dieser Person tun sollten, denn wir haben eine Verantwortung füreinander, nicht nur bezüglich des leiblichen Wohls, sondern umso mehr des seelischen Wohls. Es geht schließlich um das ewige Leben!

Ps 79
5 Wie lange noch, HERR? Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?

8 Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an! Mit deinem Erbarmen komm uns eilends entgegen! Denn wir sind sehr erniedrigt. 
9 Hilf uns, Gott unsres Heils, um der Herrlichkeit deines Namens willen! Reiß uns heraus und vergib uns die Sünden um deines Namens willen! 
11 Das Stöhnen des Gefangenen komme vor dein Angesicht! 
13 Wir aber, dein Volk und die Herde deiner Weide, wir wollen dir danken auf ewig, von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden.

Der heutige Psalm ist ebenfalls ein Bittgebet und ein Flehen, das ganz in die Situation des Volkes im babylonischen Exil passt.
„Wie lange noch, HERR?“ Ist ein typischer Ausdruck, den wir vor allem in Klagepsalmen lesen.
„Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?“ Diese Frage können wir als rhetorische Frage bewerten, denn anhand von prophetischen Schriften wie denen des Jeremia ist klar, dass auch die schweren Schicksalsschläge nicht ewig andauern.
Dann wird etwas gesagt, das die Haltung Daniels erklärt, obwohl er nicht mehr zur schuldig gewordenen Generation gehört: „Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an!“ Das ist eine tiefe Wahrheit, die auch heutzutage gerne ignoriert wird. Wir müssen die Konsequenzen der Sünde unserer Vorfahren mittragen. Das hat nichts mit Reinkarnation zu tun, sondern hängt mit der Natur der Sünde zusammen. Diese hat Generationen übergreifende Auswirkungen. Aber so wie wir unter den Vergehen unserer Eltern, Großeltern etc. zu leiden haben, können wir auch als ihre Nachkommen stellvertretend für sie Gott um Verzeihung bitten! Das ist sogar ganz wichtig und notwendig! Wir wissen nicht, ob sie immer noch dafür im Fegefeuer büßen müssen, und können so ihre Zeit im Fegefeuer verkürzen. Ein wenig Ahnenforschung ist dann absolut nützlich, weil wir so ihrer offensichtlichsten und größten Sünden gewahr werden (wenn es zum Beispiel einen Mord gab oder einen großen Streit, der öffentlich bekannt wurde, den man sogar in der Zeitung lesen konnte, der vielleicht bekannt wurde, weil die Personen berühmt sind). So können wir zumindest für diese bewusst um Vergebung bitten.
„Hilf uns, Gott unsres Heils“ – ja, Gott ist ein Gott, der nur das Heil für uns bereithält! Er ist es nicht, der uns dieses Unheil schickt, in dem wir uns befinden. Er ist allein der Gute. Alles Böse kommt vom Bösen und was uns Schlimmes widerfährt, haben wir sehr oft uns selbst zuzuschreiben. Dann sind es die Konsequenzen unserer falschen Entscheidungen. Gott ist aber so groß und barmherzig, dass er uns noch aus diesen selbstgemachten Katastrophen herausholt, obwohl wir sie eigentlich rein rechnerisch gesehen verdient haben. „Reiß uns heraus“ dürfen dann auch wir zu Gott rufen. Aber dann sollen wir ihm zugleich unsere Aufrichtigkeit zeigen, indem wir gleichzeitig sagen: „vergib uns die Sünden“.
Gott ist nicht gleichgültig gegenüber unserem Leiden. Es ist nicht sein Wille, dass wir leiden müssen. Er hat das Schreien seines Volkes in Ägypten gehört und er hört es auch im babylonischen Exil. Er hört auch unser Schreien unser Stöhnen, die wir gefangen sind – im Gefängnis unserer eigenen Sünden.
Gott erhört unser Gebet, vor allem wenn es durch und durch reumütig und aufrichtig ist. So können wir am Ende Gott für seine Rettung danken, wie es hier in Vers 13 geschieht: „Wir wollen dir danken auf ewig.“ Und wenn es dann heißt „von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden“, hat das in diesem Kontext eine besondere Wirkung: Durch die Vergebung unserer Vorfahren können auch diese dann ganz bei Gott sein und ihn auf ewig preisen. Gott ist groß. Er möchte unser Heil und tut alles dafür, dass wir zu ihm umkehren. Denn wir können nur dann glücklich sein, wenn wir bei ihm sind, wenn wir auf seinen Wegen gehen und nach unserem Tod dann ewig bei ihm im Himmel sind.

Lk 6
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! 
37 Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! 
38 Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.

Heute spricht Jesus uns im Evangelium wichtige Ermahnungen zu, die wir besonders jetzt in der Fastenzeit beherzigen sollen.
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ – wenn er uns aus der Katastrophe herausgeholt hat, die wir eigentlich verdient haben, ist das Zeichen seiner überreichen Barmherzigkeit. So hat es Gott ja mit dem Volk Israel immer wieder getan, das ihm ja untreu geworden war und deshalb in das babylonische Exil gekommen ist. Jesus möchte, dass wir aufgrund dieser Erfahrung (uns ist ja durch die Taufe ebenfalls ein riesiger barmherziger Akt geschenkt worden!) an unserem Nächsten ebenfalls so handeln: Wenn er an uns schuldig geworden ist, aber wirklich aufrichtig um Vergebung bittet, sollen auch wir ihm vergeben und keine Vergeltung mehr fordern. Und wenn jemand dann aufgrund der Missetaten uns gegenüber leidet, sollen auch wir ihm noch da heraushelfen. Das ist Ausdruck unserer Barmherzigkeit. Ein Beispiel: Ein Mann nimmt eine ganze Familie finanziell aus, hintergeht sie komplett. Die Familie gerät dadurch in Not, erkennt das Problem und bricht den Kontakt ab, vergibt diesem Mann aber von Herzen. Einige Jahre später ist dieser schuldig gewordene Mann ganz krank, kein Körperteil ist noch heile. Er ist nun total verarmt, hat alles verloren und viele Mitmenschen haben sich von ihm abgewandt. Die damalige Familie bekommt das nun mit und hilft ihm, obwohl er ja rein rechnerisch seine gerechte Strafe erhält. Die Familie unterstützt ihn finanziell, schenkt ihm ein offenes Ohr oder steht ihm auf andere Weise zur Seite. Dann ist das ein Ausdruck ihrer Barmherzigkeit. Gott sieht die Barmherzigkeit dieser Familie, so wie er auch schon ihre Vergebungsbereitschaft gesehen hat. Deshalb entschädigt er sie durch finanzielle Einkünfte aus unerwarteter Richtung. Er segnet sie und gibt ihr, was ihr weggenommen worden ist. Gott ist barmherzig, wenn er sieht, dass auch wir es sind. Dann demonstrieren wir nämlich unsere Aufrichtigkeit. Der Mann sieht die Vergebungsbereitschaft und Barmherzigkeit seines ehemaligen Opfers und schämt sich für seine Vergehen. Er bittet Gott um Verzeihung und erkennt, dass all seine Leiden auf seine eigenen Sünden zurückzuführen sind. Gott hat die Familie gerettet, er hat aber auch den Mann gerettet, der ja auch sein geliebtes Kind ist.
So ist es auch mit dem Richten und Verurteilen: Wir sollen einander nicht richten, denn das ist Gottes Aufgabe. Wir können nicht einmal das Herz des Mitmenschen sehen. Wie wollen wir ein kompetentes Urteil fällen, wenn wir nur die Spitze des Eisbergs, die Worte und Taten einer Person sehen, aber nicht ihre Absicht? Zurück zum Beispiel: Die ausgenutzte Familie hat sich nicht zum Richter über den Mann aufgespielt. Sie hätte ihm auch nie ein kompetentes und gerechtes Urteil verhängen können. Sie weiß ja nicht, warum der Mann damals so gehandelt hat, was er in seinem Leben erlebt hat, dass er so geworden ist. Sie hat dies alles Gott überlassen und so hat er den Mann die Konsequenzen seines Handelns tragen lassen.
Wenn wir unseren Mitmenschen nicht verurteilen und ihn nicht richten, dann wird auch Gott uns nicht richten oder verurteilen. Das muss man richtig verstehen. In gewisser Hinsicht muss man ja sagen, dass jeder Mensch vor Gott stehen und gerichtet wird. Hier muss man es also so verstehen, dass ein negatives Gerichtsurteil Gottes gemeint ist. Wir werden am Ende unseres Lebens das Urteil bekommen, bei Gott sein zu dürfen, nicht in der Gottesferne der Hölle. So wie wir unseren Mitmenschen vergeben haben, wird Gott auch unsere Schuld vergeben, die wir begangen haben.
„Gebt, dann wird auch euch gegeben werden“ – das betrifft auch die Versöhnung. Geben wir unserem Missetäter die Hand, so wird auch Gott uns, die wir alle ausnahmslos Missetäter gegenüber Gott sind mit jeder Sünde, die Hand reichen. All das betrifft nicht erst das Ende unseres Lebens. Schon im irdischen Dasein werden wir merken, dass Gott uns die Vergebung schenkt, dass wir in diesem Leben gesegnet werden. Im erzählten Beispiel hat es die Familie ja auch zu spüren bekommen, indem sie von Gott Segen erhalten hat. Sie wurde reichlich entschädigt.
Wenn wir wollen, dass Gott uns gegenüber großzügig, barmherzig, vergebungsbereit und wohlgesinnt ist, müssen wir all das unserem Mitmenschen gegenüber sein. Das ist nichts Anderes als die Goldene Regel: „Was ihr von Anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ Dies betrifft sowohl die Gottes- als auch die Nächstenliebe.

Jesus führt im heutigen Evangelium fort, was Daniel in der Lesung begonnen hat. Ja, man soll von Herzen bereuen, aber man muss auch dem Nächsten gegenüber dieselbe Vergebungsbereitschaft zeigen, die man von Gott erwartet. Wir können nicht das Vaterunser aufrichtig beten, wenn wir uns noch in einem unversöhnten Zustand mit einem anderen Menschen befinden. Leider kenne ich viele Menschen, die meinen, sie seien die besseren Katholiken, weil sie mehr beten als der Mainstream, doch zugleich sprechen sie kein Wort mit ihrem Vater oder ihrer Mutter. Sie sagen sogar, dass sie niemals mehr mit ihnen reden werden, obwohl besagter Elternteil krank und dem Tode nahe ist. Wie soll so einer Person die Vergebung Gottes zuteil werden, wenn sie nicht bereit ist, so kurz vor 12 diese Sache zu bereinigen? Jesus möchte, dass wir allen Menschen vergeben ohne Ausnahme. Manchmal ist es schon zu spät und die Person ist verstorben oder sie lebt am anderen Ende der Welt. Doch auch dann können wir von Herzen vergeben und der Person im Geiste zusagen:

„Ich vergebe dir alles von ganzem Herzen.
Ich löse mich von allen bösen Gedanken dir gegenüber,
auch wenn ich deine Missetaten nicht gutheiße.
Ich übergebe sie jetzt einfach Gott, der für Gerechtigkeit sorgen wird.
Ich gebe dich ab und löse mich von der Fessel des Nichtvergebens.

Herr, es fällt mir schwer, aber gib mir die Kraft,
von ganzem Herzen dieser Person vergeben zu können.
Gib mir deine vergebende Liebe ins Herz, damit ich es schaffe.“

Dann wird auch Gott uns alles vergeben und in dem Moment, wenn wir unsere ganze Vergebungsbereitschaft zeigen, dann spüren wir, wie Gottes vergebende Liebe unser Herz erfüllt. Wir merken, wie ein riesiger Stein uns vom Herzen fällt. Dann werden wir endlich frei von dem Gift der Unversöhntheit, das uns sogar physisch krank gemacht hat.

Jesus erwartet das im heutigen Evangelium also nicht, weil er Unmögliches von uns verlangt und weil er uns quälen möchte. Er will nur das beste für uns. Er möchte, dass wir endlich frei werden und das Richten, das Verurteilen, die Gerechtigkeit Gott überlassen. Er hat im Gegensatz zu uns die Kompetenz dazu.

Nutzen wir die Fastenzeit dazu, allen Menschen zu vergeben, denen wir noch nicht vergeben haben. Und wenn es schwer ist, mit ihnen ein Gespräch zu führen, können wir das auch im Geiste tun. Dann wird uns in der Beichte die Vergebung auf ganz vollkommene Weise zuteil und wir werden überreich gesegnet werden.
Das gehört zu den in der Fastenzeit gebotenen „Werken der Barmherzigkeit“ dazu. Nehmen wir das ernst.

Ihre Magstrauss