Mittwoch der 4. Woche im Jahreskreis

2 Sam 24,2.9-17; Ps 32,1-2.5.6-7; Mk 6,1b-6

2 Sam 24
2 Der König befahl Joab, dem Obersten des Heeres, der bei ihm war: Durchstreift alle Stämme Israels von Dan bis Beerscheba und mustert das Volk, damit ich die Zahl des Volkes kenne!
9 Und Joab gab dem König das Ergebnis der Volkszählung bekannt: Israel zählte achthunderttausend Krieger, die mit dem Schwert kämpfen konnten, und Juda fünfhunderttausend. 
10 Dann aber schlug David das Gewissen, nachdem er das Volk gezählt hatte, und er sagte zum HERRN: Ich habe schwer gesündigt, weil ich das getan habe. Doch vergib deinem Knecht seine Schuld, HERR; denn ich habe sehr unvernünftig gehandelt. 

11 Als David am Morgen aufstand, war bereits folgendes Wort des HERRN an den Propheten Gad, den Seher Davids, ergangen: 
12 Geh und sag zu David: So spricht der HERR: Dreierlei lege ich dir vor. Wähl dir eines davon! Das werde ich dir antun. 
13 Gad kam zu David, teilte ihm das Wort mit und sagte: Was soll über dich kommen? Sieben Jahre Hungersnot in deinem Land? Oder drei Monate Flucht vor deinen Feinden, die dich verfolgen? Oder drei Tage Pest in deinem Land? Überleg dir sehr genau, was ich dem, der mich gesandt hat, als Antwort überbringen soll! 
14 Da sagte David zu Gad: Ich habe große Angst. Wir wollen lieber in die Hand des HERRN fallen, denn seine Barmherzigkeit ist groß; den Menschen aber möchte ich nicht in die Hand fallen. 
15 Da ließ der HERR über Israel eine Pest kommen; sie dauerte von jenem Morgen an bis zu dem festgesetzten Zeitpunkt und es starben zwischen Dan und Beerscheba siebzigtausend Mann im Volk. 
16 Als der Engel seine Hand gegen Jerusalem ausstreckte, um es ins Verderben zu stürzen, reute den HERRN das Unheil und er sagte zu dem Engel, der das Volk ins Verderben stürzte: Es ist jetzt genug, lass deine Hand sinken! Der Engel war gerade bei der Tenne des Jebusiters Arauna. 
17 Als David den Engel sah, der das Volk schlug, sagte er zum HERRN: Ich bin es doch, der gesündigt hat; ich bin es, der sich vergangen hat. Aber diese, die Herde, was haben denn sie getan? Erheb deine Hand gegen mich und gegen das Haus meines Vaters!

Die heutige Lesung ist etwas schwer zu verstehen und muss deshalb aufmerksam gelesen werden. Was wir heute lesen, ist eine Versuchungsgeschichte. In den vorangegangenen Kapiteln haben wir gelesen, dass David alle seine Feinde besiegt hat. Er könnte sich jetzt eigentlich zur Ruhe setzen. Stattdessen wird er hochmütig. Sein Erfolg steigt ihm zu Kopf und so wird er angreifbar für die Versuchungen des Teufels. So lässt er eine Volkszählung durchführen. So etwas dient vor allem militärischen Zwecken und wir lesen ja, dass diese Zählung eine Musterung kriegstüchtiger Männer ist. Joab durchstreift mit seinen Leuten das gesamte Reich „von Dan bis Beerscheba“, was die gängige Bezeichnung für die Nord-Süd-Ausdehnung Israels darstellt. Als oberster Heerführer versteht Joab, dass diese Aktion in den Augen Gottes nicht gut sein kann. David hat seine Feinde besiegt. Welchem Zweck dient also eine militärische Musterung, wenn nicht der Machtdemonstration und des Selbstlobs? Es wirkt so, als ob David kurzzeitig seine demütige Art verloren hat, die er stets von der Beziehung zu Gott her definiert hat. In diesem Moment des Hochmuts tut er so, was Gott nicht recht ist. Als Joab zurückkehrt und David das Ergebnis mitteilt, bekommt dieser ein schlechtes Gewissen. Er realisiert ganz ohne Hilfe Dritter, dass er sich vor Gott versündigt hat. Auch am nächsten Tag wird seine Tat als Sünde bestätigt, als der Seher Gad ihm die Wortes Gottes mitteilt.
Weil David sich selbstständig seiner Sünde bewusst geworden ist, lässt Gott ihm die Wahl, wie er die Sünde wieder gut machen kann. Dabei sehen wir wieder, dass Sünde immer andere Menschen mit hineinzieht. Die Sünde schlägt Wellen der Ungerechtigkeit.
David sagt: „Ich habe Angst“. Das ist kein Satz, den man im Stand der Gnade sagen kann. David ist es, der sonst immer ein vorbildliches Gottvertrauen besitzt, egal wie brenzlig die Situation erscheint. So sehen wir, dass Angst nicht von Gott kommt. Es ist eine Ur-Emotion, die durch die zerbrochene Beziehung zwischen Gott und Mensch zustande kommt. Doch David tut in der Situation der bereits begangenen Sünde genau das Richtige: Er vertraut sich der Barmherzigkeit Gottes an und entscheidet sich dafür, sich ausschließlich Gott auszuliefern. So soll drei Tage eine Pest in seinem Reich wüten. Es kommen dabei 70000 Männer um.
Die ganze Episode zeigt uns, dass in der Hl. Schrift auch das ganz Menschliche ihrer Autoren einfließt. Gott hat sich so klein gemacht, dass sein göttliches Wort in Menschenworte hineinpasst, in Buchstaben! Und so speisen sich diese Menschenworte aus den Vorstellungen und Interpretationen jener Autoren. Wir merken hier, dass das Gottesbild an dieser Stelle anthropomorph ist, das heißt mit menschlichen Eigenschaften versehen wird. Gott „reut“ etwas. Die Situation wird gedeutet, sodass der Autor hier schreibt: Gottes Zorn entbrannte (dieser Vers wird heute ausgelassen), Gott tut etwas aus dem Affekt heraus, Gott bereut etwas, so als ob er falsch handeln könne. Gott wird mit menschlichen Emotionen ausgestattet, die typisch für den gefallenen Menschen sind. Das heißt nicht, dass Gott wirklich so ist, sondern dass der Mensch von damals ihn so gesehen hat. Gott muss gar nichts bereuen, denn Gott kann nicht sündigen. Wir müssen solche Aussagen wie in Vers 16 also richtig interpretieren.
David trifft dann mit folgender Frage den Nagel auf den Kopf. So ist das Wesen der Sünde: „Ich bin es doch, der gesündigt hat, (…) aber diese, die Herde, was haben denn sie getan?“ Unschuldige müssen immer mitleiden. Das ist die Ungerechtigkeit der Sünde. David bittet um Erbarmen Gottes für seine „Herde“. Dass er dieses Bild wählt, kommt nicht von ungefähr. Schließlich war er zuvor Hirte. So ist auch seine Regentschaft zu charakterisieren. Er ist wirklich ein Hirte, der sich um seine Herde kümmert. Damit ist er Typos Christi, der als der gute Hirte ein Antitypos Davids ist. Als König sind beide keine Tyrannen, sondern Versorger und Beschützer. Sie kümmern sich um ihre Untergebenen, statt sie zu unterdrücken.

Ps 32
1 Von David. Ein Weisheitslied. Selig der, dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist. 
2 Selig der Mensch, dem der HERR die Schuld nicht zur Last legt und in dessen Geist keine Falschheit ist. 
5 Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir. Ich sagte: Meine Frevel will ich dem HERRN bekennen. Und du hast die Schuld meiner Sünde vergeben.
6 Darum soll jeder Fromme zu dir beten; solange du dich finden lässt. Fluten hohe Wasser heran, ihn werden sie nicht erreichen. 
7 Du bist mein Schutz, du bewahrst mich vor Not und rettest mich und hüllst mich in Jubel. 

Der heutige Psalm greift die Lesung sehr treffend auf. David preist selig, die die Barmherzigkeit Gottes erfahren haben („dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist“). Ferner preist er selig, wer im Stand der Gnade ist („in dessen Geist keine Falschheit ist“). Gottes Liebe ist so groß, dass er uns vergibt, was wir vor ihm bekennen. So deutet David seine Sünden an, die er in seinem Leben begangen hat (Vers 5). Gott ist es immer, den man aufsuchen soll, an den man sich klammern soll, auch gerade in Schuldsituationen. So kann man die Beziehung auch im Streit überdauern und festigen. Und wenn dann schlimme Dinge passieren, werden sie einen nicht überwältigen („ihn werden sie nicht erreichen“). Das dürfen wir jetzt aber mit Rückbezug auf die Lesung nicht missverstehen: Das heißt nicht, dass automatisch alle Menschen nicht im Stand der Gnade waren, die durch die Pest umgekommen sind. Dieser sogenannte „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ (das heißt Leid ist immer gleich Folge der Sünde und Leidlosigkeit ist gleich Sündlosigkeit) ist nicht generalisierbar. Wir können die „hohen Wasser“ als Andeutung der Sintflut betrachten. Diese wird hier allegorisch herangezogen, um zu verdeutlichen: Wir werden nicht sterben – und dies wiederum moralisch-anagogisch betrachtet. Wir verlieren das ewige Seelenheil nicht, wenn wir in Freundschaft mit Gott bleiben. Auch der Nebensatz „solange du dich finden lässt“ ist in diese Richtung zu verstehen: Solange wir noch die Chance haben, sollen wir uns bekehren. Wenn der jüngste Tag kommt, ist die Zeit abgelaufen.
„Du bist mein Schutz“ ist wiederum nicht irdisch-existenziell gemeint. David ist ja eben nicht vor Problemen bewahrt worden. Wie oft ist sein biologisches Leben gefährdet! Der Schutz, den Gott auch uns immer bietet, ist nicht der Schutz vor Leiden. Er kann uns davor nicht bewahren, entweder aufgrund der eigenen Sünden oder der Sünden anderer zu leiden. Er kann aber unsere Seele schützen vor der Verderbnis. Er kann unser ewiges Leben beschützen. So rettet er uns zwar auch manchmal in Notsituationen, dass auch die irdischen Leiden zwischenzeitlich aufhören. Doch ist die eigentliche und umfassende Rettung eine seelische. Wirklich jubeln werden wir also in der Ewigkeit, wenn auch jetzt schon ansatzweise Phasen des Jubels uns jetzt gegeben werden.

Mk 6
1 Von dort brach Jesus auf und kam in seine Heimatstadt; seine Jünger folgten ihm nach. 
2 Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen! 
3 Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm. 
4 Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. 
5 Und er konnte dort keine Machttat tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.
6 Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte. 

Heute hören wir im Evangelium einen Grundsatz, den wir selbst gut nachvollziehen können: „Ein Prophet wird in seiner Heimat nicht anerkannt.“
Jesus und seine Jünger kommen nach Nazaret, das Jesu Heimatstadt darstellt. Am Sabbat lehrt er in der Synagoge und die Anwesenden wundern sich sehr über seine Weisheit und die Wunder („Machttaten, die durch ihn geschehen“). Dieses Staunen ist aber kein positives oder konstruktives, das eine Dankbarkeit über Gott nach sich zieht. Es ist vielmehr ein sich Wundern, das die Weigerung nach sich zieht, Gottes Gnade in einem ihnen von früher bekannten Menschen anzuerkennen. Menschen haben die Eigenart, andere abzustempeln und nicht für möglich zu halten, dass diese Abgestempelten sich ändern können. Jesus hat längst den Stempel „Sohn des Zimmermanns“ aufgedrückt bekommen. Dass er Rabbi und Wundertäter, ja sogar Sohn Gottes sein könnte, lassen sie nicht zu. Sie öffnen sich nicht für das Wirken des Hl. Geistes. Dieser wirkt nur dort, wo Menschen ihn zulassen. Diese Menschen nehmen aber Anstoß an Jesus, da sie ihn von klein auf kennen. Seine ganze Verwandtschaft wohnt in Nazaret. Die gesamte Großfamilie hat ein festes Image vor den Bewohnern Nazarets, aus dem sie nicht herausbrechen kann. Die hier namentlich aufgeführten „Brüder“ Jesu, sind nicht seine direkten Brüder, also weitere Kinder der Maria. Sie sind vielmehr seine Cousins, mindestens zweiten Grades, da an anderer Stelle als Eltern eine andere Maria und Kleopas genannt werden (Mk 15,47 die Mutter, Joh 19,25 wird sie als Frau des Kleopas bezeichnet). Maria wird keine Schwester mit demselben Namen gehabt haben.
Jesus kann kaum Heilungen vollbringen, weil die Menschen sich ihm verschließen. Gott zwingt niemandem eine Heilung auf. Wo wir ihm das Herz öffnen, da verwandelt er es, als Bonus auch mal den Körper. Aber wenn das Herz verhärtet ist (Herz ist hier natürlich sinnbildlich gemeint, eigentlich ist es die Seele), dann hält er sich zurück.
Jesus wundert sich über ihren Unglauben. Warum wundert er sich? Er kann nicht verstehen, warum sie sich ihm verschließen. Gerade sie sehen am besten den „Vorher-Nachher-Effekt“. Sie sollten die Gnade Gottes am besten anerkennen, da sie Jesus ja gesamtbiographisch bezeugen können. Aber so ist der Mensch, der sich von einem anderen ein festes Bild macht. Dieses Bild will er von Gott nicht übermalen lassen. Er hat ein anderes Menschenbild als Gott. Im Gegensatz zu Gott, der uns Menschen als weiche Tonmasse sieht, die er nach seinem Bild formt, sieht der Mensch den Menschen als Siegelmasse, die mit einem Stempeldruck ihre endgültige Prägung erhält. Oder der Mensch sieht den Menschen als Stein, der ein Relief eingemeißelt bekommt und dieses lässt sich nicht mehr verändern. Und so werden die Nazarener selbst zu Felsen, die sich weigern, von Gott umgemeißelt zu werden.

Beziehen wir es zurück auf David, erkennen wir schon damals eine weiche Tonmasse. David hat keine Angst, seine Schuld einzugestehen und sich so schnell wie möglich mit Gott zu versöhnen. Er hat nur vor einer Sache Angst – Gott zu verlieren. Er repariert umgehend, was er zerstört. Er lässt sich korrigieren wie weicher Ton. Gott kann mit ihm arbeiten. Weil David immer wieder die Versöhnung sucht und so auch im Psalm betet, können die „hohen Wasser“ ihm nichts anhaben. Auch wenn er nicht schuldlos lebt, ist er gerecht vor Gott. Das heißt nicht, dass er uns zur Sünde animieren möchte, sondern zur Umkehr. Egal, wie groß die Sünde, je eher wir Gott aufsuchen und die Versöhnung von uns aus anstreben, desto besser ist es für unser ewiges Seelenheil. David lässt sich immer wieder eines Besseren belehren. Deshalb kann Gott ihn immer mehr zu einem Diamanten schleifen. Er verweigert sich ihm nicht. Das ist der Unterschied zu den Nazarenern des heutigen Evangeliums. Sie lassen kaum mit sich arbeiten. Das schadet ihnen aber letztendlich selbst. Wer sich dem Hl. Geist verweigert, verweigert sich selbst das ewige Heil.

Ihre Magstrauss

Vierter Januar in der Weihnachtszeit

1 Joh 3,7-10; Ps 98,1.7-9; Joh 1,35-42

1 Joh 3
7 Meine Kinder, lasst euch von niemandem in die Irre führen! Wer die Gerechtigkeit tut, ist gerecht, wie er gerecht ist. 

8 Wer die Sünde tut, stammt vom Teufel; denn der Teufel sündigt von Anfang an. Der Sohn Gottes aber ist erschienen, um die Werke des Teufels zu zerstören. 
9 Jeder, der von Gott stammt, tut keine Sünde, weil Gottes Same in ihm bleibt, und er kann nicht sündigen, weil er von Gott stammt. 
10 Daran kann man die Kinder Gottes und die Kinder des Teufels erkennen: Jeder, der die Gerechtigkeit nicht tut und seinen Bruder nicht liebt, ist nicht aus Gott.

Heute geht es im ersten Johannesbrief weiter mit der Konsequenz der Taufe – dem gerechten Lebenswandel. Darauf kommt es an und an diesem wird man erkennen, wer gerecht ist. In den Evangelien sagt Jesus „an den Früchten wird man sie erkennen“. Das ist damit gemeint. Mit „gerecht sein“ ist hier nicht nur die Gerechtigkeit vor den Menschen, sondern vor allem die Rechtfertigung vor Gott gemeint.
Die „Frucht“ des Teufels bzw. das Stammen von ihm ist dann nicht die Gerechtigkeit, sondern die Sünde. Die Bemerkung, dass der Teufel von Anfang an sündigt, deutet seinen Abfall von Gott an. Teufel sind von ihrer geschaffenen Natur her Engel, also Geistwesen mit eigenem Charakter, mit einem freien Willen und mit Kraft. Vor Erschaffung der Welt kam es zu einem Abfall Luzifers („Lichtträger“, er war der hellste aller Engel) und vieler weiterer Engel. Sie sind, wie Jesus in Lk 10,18 sagt, wie ein Blitz vom Himmel gefallen. In Offb 12 heißt es „er wurde gestürzt“ und „sie verloren ihren Platz im Himmel“. Der Satan hat also schon einen sündhaften Anfang und so die Heilsgeschichte von Beginn an versucht, zu beeinträchtigen. Jesus ist aber gekommen, um seine Pläne zunichte zu machen.
Jeder, der von Gott stammt (γεγεννημένος  gegennemenos „geworden“ im Sinne von „geboren sein aus“), bezieht sich auf die Taufe. Genealogisch sind wir mit Gott ja nicht biologisch verbunden (nur Jesus), sondern sakramental. Wer also getauft ist, sündigt nicht. Der Same Gottes ist im Getauften, sodass er nicht mehr sündigt. Gemeint ist die Taufgnade, die einem die Kraft gibt, ein christliches Leben zu führen. Die Diskussion darum, dass der Mensch aber auch nach der Taufe weitersündigen kann, ist damals schon geführt worden und wie ich gestern geschrieben habe, gab es dann auch erste Konsequenzen in der kirchlichen Praxis.
Der Abschnitt aus der heutigen Lesung schließt ab mit der wiederholten Unterscheidung von Kindern Gottes und des Teufels anhand ihrer „Früchte“. Wer die Gebote hält, ist aus Gott. Wer sie nicht hält, ist vom Teufel. Dass Johannes dieses Thema hier so ausführlich behandelt, hängt mit den aktuellen Problemen in der Gemeinde zusammen: Es gibt häretische Strömungen, die die Gemeindemitglieder in Verwirrung bringen mit neuen Lehren und Behauptungen bezüglich Christi Identität. [Es ist vor allem der Doketismus zu nennen, demzufolge Jesus nicht wirklich Mensch war und nicht gelitten habe. Jesus habe einen Scheinleib gehabt und war eigentlich nur Geist. Alles, was irdisch und materiell ist, ist nämlich schlecht und der gute Gott kann dann ja keine Materie annehmen.]

Ps 98
1 Ein Psalm. Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht! Geholfen hat ihm seine Rechte und sein heiliger Arm.

7 Es brause das Meer und seine Fülle, der Erdkreis und seine Bewohner. 
8 In die Hände klatschen sollen die Ströme, die Berge sollen jubeln im Chor 
9 vor dem HERRN, denn er kommt, um die Erde zu richten. Er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit, die Völker so, wie es recht ist.

Heute beten wir die Fortsetzung von Psalm 98, von dem wir die letzten beiden Tage den Anfang gebetet haben. Es geht immer noch um den Lobpreis der wunderbaren Taten Gottes. Ich habe zuvor schon auf die Rechte und seinen heiligen Arm hingewiesen und dessen messianische Dimension hervorgehoben: Jesus ist Gottes Rechte und sein heiliger Arm, er ist sozusagen die „Exekutionsgewalt“ seines Vaters. Der Hl. Ignatius hat den Sohn und den Geist als die Hände Gottes bezeichnet.
Heute kommt als neuer Aspekt das Gerichtshandeln Gottes hinzu. Die ganze Schöpfung wird zum Lobpreis aufgefordert (das Meer, der Erdkreis, die Ströme, die Berge). Als Begründung dafür wird das Kommen Gottes genannt, mit dem er das Gericht in Gerechtigkeit vollzieht. Interessant ist, dass das Verb בָּא ba entweder als Vergangenheit oder als Gegenwart übersetzt werden kann. Gott hat schon zuvor Gericht gebracht (nämlich immer dann, wenn das Volk ihm untreu geworden und Götzen nachgelaufen ist). Dann wurde Israel von Fremdherrschern unterdrückt oder erlitt schlimme Plagen. Das wird im Nachhinein auch immer erkannt und als Gerichtshandeln Gottes gedeutet.
Gott ist aber auch gegenwärtig im Kommen. Es hat jedoch eine neue Dimension – er kommt als Messias, um Gericht zu halten und die Menschen, die unter Ungerechtigkeit leiden, zu befreien. Zuvor hat Gott von der Ewigkeit aus gewirkt, ohne selbst in die Welt einzugehen. Wir Christen erwarten das zweite Kommen des Messias am Ende der Zeiten. Im Glaubensbekenntnis beten wir „von dort wird er kommen zu richten die Lebenden und die Toten.“ Das ist auch für uns nicht bedrohlich, die die Gerechtigkeit und den Frieden Gottes in einer Welt der absoluten Bedrängnis und Dunkelheit ersehnen.
Insgesamt wird auch hier im Psalm das Gericht Gottes positiv dargestellt und sogar ersehnt. Oft hören wir Vorurteile gegenüber dem Alten Testament, die ein strenges und furchteinflößendes Gottesbild behaupten. Das können wir am heutigen Beispiel getrost ablehnen.

Joh 1
35 Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm. 

36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes! 
37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus. 
38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister – , wo wohnst du? 
39 Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. 
40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren. 
41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden – das heißt übersetzt: Christus. 
42 Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels.

Was wir heute im Evangelium lesen, geschieht wiederum einen Tag nach dem gestrigen Ereignis (der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer). Und auch heute lesen wir von den „Früchten“, an denen man den Menschen erkennt:
Johannes der Täufer tauft wie gewohnt im Jordan und zwei seiner Jünger sind bei ihm. Als Jesus vorübergeht, hören die Jünger des Johannes ihren Meister sagen: „Seht das Lamm Gottes!“. Dass sie daraufhin Jesus ansprechen und generell auf ihn aufmerksam werden, könnte man damit erklären, dass Johannes tags zuvor über Jesus heilsgeschichtlich entscheidende Dinge erklärt hat. Da hat er Jesus bereits als Lamm Gottes bezeichnet, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Jetzt, wo dieser besondere Mann wieder auftaucht, wollen sie die Chance nutzen, ihn besser kennenzulernen. Sie werden als Jünger des Johannes in einer intensiven Messiaserwartung gelebt haben und erkennen nun die Gunst der Stunde.
Sie folgen Jesus kurzerhand, ohne zunächst etwas zu sagen. Als dieser merkt, dass er verfolgt wird, wendet er sich um und fragt: „Was sucht ihr?“ Das Verb ζητέω zeteo macht an dieser Stelle weniger Sinn, wenn man es wörtlich übersetzt. Sie suchen ja nichts, sondern folgen Jesus. Man muss die übertragenen Bedeutungen berücksichtigen („untersuchen“ , „vermissen“ und „nach etwas verlangen“). Es kann also heißen, dass Jesus sie danach fragt, was sie möchten. Er ist Gott und weiß die Antwort ja schon. Er wird also auch wissen, dass sie mehr über Jesus herausfinden möchten, also „untersuchen“ wollen.
Diese Situation dürfen wir noch eingehender betrachten und mehrfach auslegen: Jesus fragt auch später, wenn Menschen mit Krankheiten und anderen Anliegen zu ihm kommen, was sie möchten – was sie ersehnen. Er kennt die Antwort immer schon, aber es geht um den freien Willensentschluss, den er den Menschen lässt. Sie sollen von sich aus laut aussprechen, was sie möchten (z.B. der Blinde in Lk 18). Auch ekklesiologisch wird dies weitergeführt. Keinem werden die sakramentalen Handlungen aufgezwungen. Wenn Eltern ihr Kind zur Taufe bringen oder wenn ein Erwachsener sich auf die Taufe vorbereitet, gehört es zum Ritus, dass die betroffenen Personen von sich aus den Wunsch äußern „ich bitte um die Taufe“ oder auch bei der Firmung. Da ist es meist ein Firmling stellvertretend für alle anderen, der dann nach vorne kommt und den Bischof um das Sakrament bittet. Ebenso ist es mit den anderen Sakramenten. Gott weiß schon längst, was wir wollen, wenn wir zur Kirche kommen, aber er möchte uns die Chance geben, es frei zu äußern. Das betrifft auch den einzelnen Christen, wenn er ins Gebet geht. Der Herr weiß schon, um was wir bitten möchten, aber er lässt uns dennoch ausreden, damit wir unserer Sehnsucht Worte verleihen. Und wenn wir vor Gott stehen nach dem Tod, dann wird er schon längst alles wissen und uns doch anhören, was wir zu sagen haben.
Interessant ist übrigens auch die Analogie zu Exodus 33. Auch dort geht Gott vorüber, aber Mose darf sein Angesicht nicht sehen. Gott erlaubt ihm, seinen Rücken zu erhaschen. Hier im Evangelium erkennen wir, dass Gott heilsgeschichtlich nun eine neue Phase einleitet. Er wendet sich um und zeigt den Menschen sein Gesicht!
Warum stellen die Johannesjünger Jesus aber ausgerechnet die Frage: „Wo wohnst du?“ Natürlich kann man dies darauf zurückführen, dass man von der Art des Wohnens, des Zusammenlebens, der familiären Umstände auf den Menschen schließen kann. Hier steckt aber noch eine tiefere Wahrheit dahinter. Im selben Kapitel heißt es im Prolog ja: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Wörtlich heißt es sogar „es hat unter uns gezeltet“. Gott hat sein Zelt aufgeschlagen mitten unter den Menschen. Dies hat etwas Vorübergehendes an sich, denn es meint keinen dauerhaften Wohnsitz. Der Sohn Gottes hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann: Er wird in einem Stall geboren, der ihm nicht gehört, er muss nach Ägypten fliehen, weil die Heimat seiner Eltern eine tödliche Bedrohung darstellt, er wird vom Moment seines öffentlichen Wirkens an keinen festen Wohnsitz mehr haben. Nach dem Tod wird er nicht mal in ein eigenes Grab gelegt, sondern in ein geliehenes. Auch wenn hier nicht gesagt wird, wo Jesus wohnt, können wir davon ausgehen, dass er bei Freunden untergekommen ist. Es spielt sich ja bei Betanien ab, wo Maria, Martha und Lazarus wohnten, Freunde Jesu.
Jesus antwortet den Johannesjüngern mit der Aufforderung „Kommt und seht!“ Von Anfang an lebt Jesus sein Evangelium vor und überzeugt so die Menschen. Es ist um die zehnte Stunde, also vier Uhr nachmittags, als sie mit Jesus gehen und sich selbst überzeugen, wo er lebt. Hier müssen wir auch ins Griechische schauen. Sie fragen wortwörtlich nämlich nicht: „Wo wohnst du“, sonder „Wo bleibst du?“ (μένω meno „bleiben“). Im Johannesevangelium ist das Wort „bleiben“ entscheidend. Es ist also mehr als nur eine banale Frage und daraufhin eine informative Aussage, wenn es heißt, dass die beiden Jünger an dem Tag bei Jesus bleiben. Jesus wird in seiner Verkündigung immer davon sprechen, dass wir in Gottes Liebe bleiben sollen. Der Begriff hat etwas mit Gemeinschaft mit Gott zu tun. Wenn die Jünger also mit Jesus gehen und sehen, wo er bleibt, dann werden sie nicht nur Zeuge der Unterkunft Jesu. Sie werden vielmehr Zeugen der Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn. Jesus wird ihnen diese Beziehung gezeigt haben, sodass ihnen aufgegangen ist, wer er ist. Was die beiden mit Jesus an dem Tag erlebt haben, überzeugt sie so sehr, dass sie am nächsten Tag sogar sagen: „Wir haben den Messias gefunden“. Sie haben „gesucht“ und „gefunden“. Dazu lädt Jesus später in der Bergpredigt ein: Suchet und ihr werdet finden (Mt 7,7). Das ist eine Einladung an jeden Menschen. Wer wirklich von Herzen auf der Suche ist – und das ist jeder Mensch, weil er als Abbild Gottes unbewusst immer nach Gott sucht – wird Gott auch finden. Dieser zieht jeden Menschen nämlich zu sich.
Die Ereignisse des Tages schließen sich an den ersten Johannesbrief an, wo wir heute gelesen haben, dass man den Gerechten am Verhalten erkennt. Jesus erzählt ihnen nicht einfach, wer er ist, obwohl er weiß, dass sie das wissen wollen. Er zeigt ihnen vielmehr an seinem Verhalten, wer er ist. Denn das überzeugt Menschen mehr als Worte.
Einer der beiden Johannesjünger ist der Bruder des Petrus, Andreas. Dieser bringt am nächsten Tag seinen Bruder zu Jesus, der heute den Beinamen Petrus erhält und eigentlich Simon heißt.
Andreas führt seinen Bruder zu Jesus. Das ist ein Kernsatz für jeden Seelsorger. Das ist die Aufgabe, zu der jeder Diakon, Priester und Bischof, jeder Ordensmensch, aber auch jeder Laie berufen ist – Menschen zu Jesus zu führen. Man erkennt den guten Geistlichen daran, dass dieser die Menschen nicht um sich scharrt wie eine Fanbase und diese von sich abhängig macht. Stattdessen führt er Menschen immer Christus zu und zeigt von sich weg. Es geht um Gott, nicht um die Person des Geistlichen.
Petrus begegnet Jesus heute zum ersten Mal und dieser beruft ihn sofort zum Felsen. In Mt 16 wird Jesus ihm sogar sagen, dass er auf ihm seine Kirche bauen wird! So eine große Berufung hat Jesus für ihn bereit. Dass Jesus ihm einen neuen Namen verleiht, muss für ihn etwas Besonderes gewesen sein. Er sagt ihm sogar, wie er heißt, bevor er das wissen kann. Simon bar Jona, „Sohn des Johannes“ wird somit klar, dass Jesus mehr ist als ein gewöhnlicher Mensch.

Wir erkennen den Gerechten an den Taten. Wie oft erfahren wir in unserem Leben, dass die beste Predigt einen ungläubigen Menschen nicht erweichen kann, aber dann eine Liebestat an ihm oder generell das Verhalten, die Umsetzung der Predigt den Ungläubigen überzeugt. Das heißt nicht, dass die Predigt überflüssig ist. Das Gesagte muss mit dem Gelebten aber übereinstimmen, damit es authentisch ist. Dann wird das eigene Leben zum missionarischen Wirken für die anderen, die bewusst oder unbewusst Gott suchen. Denken wir heute über unser eigenes Leben nach. Verhalten wir uns so, wie wir anderen „predigen“? Lieben wir die Liebe, die wir von anderen erwarten? Mit anderen Worten: Leben wir unsere Berufung, die wir durch Taufe und Firmung erhalten haben? Leben wir diese Gemeinschaft mit dem Vater, zu der wir berufen sind und die andere Menschen berühren kann?

Ihre Magstrauss