Mittwoch der Karwoche

Jes 50,4-9a; Ps 69,8-9.10 u. 12.21b-22.31 u. 33; Mt 26,14-25

Jes 50
4 GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören.
5 GOTT, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.
6 Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.
7 Und GOTT, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate.
8 Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer will mit mir streiten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? Er trete zu mir heran.
9 Siehe, GOTT, der Herr, wird mir helfen.

Heute hören wir aus dem dritten Gottesknechtslied. Es ist bereits an Palmsonntag verlesen worden und sehr intensiv:
„GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort.“ Wir müssen es verstehen vor dem Hintergrund der Menschwerdung Gottes. Jesus ist Gott, ist aber durch seine Menschwerdung entäußert worden, das heißt er verzichtete auf seine Gottheit, um die Sünde der Welt zu sühnen. So hat er alles den Menschen vorgelebt und alles so getan, wie die Menschen es tun. Wenn es hier also heißt, „gab mir die Zunge von Schülern“, müssen wir es nicht so verstehen, dass Jesus etwas Neues lernen könnte oder Dinge zuerst nicht weiß und dann zur Erkenntnis kommt. Er weiß schon alles von Anfang an, weil er trotz Entäußerung immer noch Gott ist. Das hebräische Wort für „Zunge“ kann auch mit „Sprache“ übersetzt werden, was vielleicht passender ist: Der Vater hat dem Sohn die Sprache von Schülern gegeben, damit seine Schüler, das heißt seine Jünger, seine Worte verstehen können. Es heißt also, dass Gott die Sprache der Menschen angenommen hat, um sich ihnen zu offenbaren. Er tut es, um die Müden aufzurichten durch ein aufmunterndes Wort. Diese Müdigkeit hat weniger etwas mit physischer Erschöpfung zu tun als vielmehr mit Hoffnungslosigkeit durch Seelenmüdigkeit. Es geht um das Wecken der Menschen, damit sie wachsam werden, damit sie aus der Müdigkeit ihrer langen Warterei auf den Messias erwachen!
Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören. Jesus selbst hat gehorsam auf den Vater gehört und nichts gesagt oder getan, was nicht im Einklang mit dem Vater ist.
Er hat auf den Willen des Vaters gehört und es auch durchgehalten selbst in den Angriffen der Menschen: „Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.“ – So ist es schon den Propheten des Alten Testaments ergangen. Sie haben auf die Stimme Gottes gehört und den Menschen seinen Willen kundgetan, zumeist um den Preis ihres eigenen Lebens. Umso mehr gilt das für den Sohn Gottes selbst, der der Gehorsamste von allen ist.
Jesus hielt wortwörtlich seinen Rücken hin denen, die ihn schlugen. Wie maßlos haben seine Gegner auf ihn eingeschlagen, statt sich an die gebotene Anzahl von Schlägen zu halten, wie sie das Recht vorsieht – sowohl mit Stöcken als auch mit Geißeln! (Wir wissen vom Grabtuch von Turin, dass er über hundert Mal geschlagen worden ist, statt der gebotenen 39 Schläge. Die Römer haben sich nicht daran gehalten).
„Und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen“ – Ja, er wurde ins Gesicht geschlagen durch den Diener der Hohepriesters. Von Privatoffenbarungen wissen wir, wie sehr sie ihm den Bart ausgerissen haben in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Laut diesen Offenbarungen stachen sie ihm sogar Nägel und Spitzen in die Löcher seines ausgerissenen Bartes. Unvorstellbar, was Jesus durchmachen musste! Es geht bei diesem Akt nicht nur um die Schmerzen, sondern auch um die Erniedrigung, die ihm dadurch widerfahren ist.
„Mein Gesicht verbarg ich nicht durch Schmähungen und Speichel.“ Wie oft Jesus wohl auf seinem Kreuzweg zum Golgota von der gaffenden Menge und von den Soldaten angespuckt und beschimpft worden ist? Er ist wirklich behandelt worden wie der schlimmste Verbrecher. Es blieb ihm nicht ein Funken Ehre. Er ist maximal erniedrigt worden, aber dann vom Vater über alle anderen erhöht worden. Stellen Sie sich vor, dass Sie allmächtig wären, über all jenen Peinigern stehen würden, aber alles mit sich machen lassen würden! Sie könnten jederzeit einmal schnipsen und sie alle in die Hölle hinabwerfen, sich vom Kreuz befreien und die ganzen Wunden augenblicklich heilen, weil Sie so allmächtig sind! Für Jesus gilt das alles tatsächlich, weil er Gott ist und doch greift er nicht ein! Er lässt alles mit sich machen, weil er uns so sehr liebt, dass er all das sühnt. So unbegreiflich groß ist seine Liebe!
„Und GOTT, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden.“ Ja, das ist nicht nur ein absolutes Vertrauensbekenntnis, sondern eine regelrechte Ankündigung. Jesus wird nicht in Schande enden, denn am dritten Tag wird er von den Toten auferstehen! Er wird den schandvollsten Tod sterben, aber er wird nicht in ihm bleiben. Der Vater wird ihn auferstehen lassen und über alle anderen erhöhen. Nun hat er ihn wieder zu sich geholt und er sitzt mit Leib und Seele zur Rechten des Vaters.
„Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer will mit mir streiten?“ Der Vater spricht seinen Sohn sozusagen frei im Kampf gegen den Bösen, indem er ihn am dritten Tag auferstehen lässt. Der Tod wird überwunden. Er kann im Rechtsstreit nichts mehr unternehmen.
„Siehe, GOTT, der Herr, wird mir helfen.“ Das dürfen auch wir mit Gewissheit beten, denn wie er seinen eigenen Sohn aus den Klauen des Todes gerettet hat, so wird er auch uns retten, die wir nicht nur auf den Tod, sondern auch auf die Auferstehung Jesu Christi hin getauft sind.

Ps 69
8 Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.
9 Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.
10 Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.
12 Ich legte als Gewand ein Bußkleid an, ich wurde ihnen zum Spottvers.
21 Ich hoffte auf Mitleid, doch vergebens, auf Tröster, doch fand ich keinen.
22 Sie gaben mir Gift als Speise, für den Durst gaben sie mir Essig zu trinken.
31 Ich will im Lied den Namen Gottes loben, ich will ihn mit Dank erheben.
33 Die Gebeugten haben es gesehen und sie freuen sich! Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf!

Als Psalm wird heute wieder ein Klagepsalm gebetet, in dem zunächst das Leiden detailliert geklagt wird. Dann kommen mehrere Bittrufe, die in unserem heutigen Abschnitt nicht zu lesen sind, bevor es einen typischen Stimmungsumschwung gibt: Gott wird zum Ende des Psalms gepriesen.
„Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.“ Jesus ist dafür ausgeliefert und elendig getötet worden, dass er den Menschen gezeigt hat, wie der Vater ist. Er hat das Reich Gottes verkündigt mit göttlicher Vollmacht. Dafür ist er so schandvoll wie nur möglich gestorben.
„Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.“ Wir wissen von den Evangelien her, dass Jesu Großfamilie ihn von der Verkündigung abhalten wollte und sogar sagte: „Er ist von Sinnen.“ Seine biologischen Verwandten haben ihn nicht verstanden. Vielmehr hat Jesus gesagt, dass jene, die den Willen seines Vaters tun, seine wahre Familie sind. Maria, seine biologische Mutter, war die allererste Jüngerin und so lag der Idealfall vor: Biologie und geistige Gesinnung waren eins!
„Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.“ Das ist ein besonderer Vers, denn dies zitiert Johannes für Jesu Tempelreinigung. Es hat sich mit Jesus erfüllt. Aus Eifer für das Haus Gottes hat er die Händler aus dem Tempel vertrieben, die es zur Räuberhöhle gemacht haben. Dieser Eifer ist uns schon durch die Episode verdeutlicht worden, in der Jesus als Zwölfjähriger im Tempel zurückbleibt und mit den Ältesten und Schriftgelehrten debattiert. Als seine Eltern ihn voller Sorge im Tempel wiederfinden und ihn auf diese Aktion ansprechen, antwortet er ihnen: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Der Eifer für das Haus Gottes ist nicht nur auf einen irdischen Bau beschränkt. Vielmehr geht es ihm schließlich um das Reich Gottes, um das Himmelreich, dass des Vaters eigentliches Haus ist! Und für eben jene Botschaft vom Reich Gottes ist er verhöhnt worden. Damit haben die Spötter auch den Vater im Himmel verspottet, denn Jesus und der Vater sind eins.
„Ich legte als Gewand ein Bußkleid an“ – dies müssen wir bildlich verstehen, denn von Jesu Kleidung ist explizit nicht die Rede (nur am Ende, als es um sein durchgewebtes Untergewand geht). Die Buße ist Jesu „Gewand“ im Sinne der Verpackung. Es gehört zum Programm der Verkündigung und ist deren Kern. Bei seinem Antritt sagt Jesus in Mk 1,15: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium. Doch die wirklich Einflussreichen haben sich nicht bekehrt trotz der vielen vielen Chancen, Signale und Zeichen.
„Ich hoffte auf Mitleid“ – Jesus hat sich selbst dahingegeben, damit die harten Herzen der Menschen erweicht werden. Wie viele sind doch hart geblieben, obwohl er für sie gestorben ist!
„Sie gaben mir Gift als Speise“ – das erinnert uns an die verschiedenen Getränke, die sie Jesus angeboten haben. Das Wein-Myrrhe-Gemisch hat er abgelehnt, weil es ein Betäubungsmittel war und Jesus ganz für uns leiden wollte, das zweite sollte seinen Todesprozess verlängern und war Essig. Man kann durchaus von Gift sprechen, denn gesund war es sicherlich nicht….
„Ich will im Lied den Namen Gottes loben, ich will ihn mit Dank erheben.“ Mit dem Stimmungsumschwung wird auch für uns deutlich: Nach dem Leiden kommt das Heil. Nach Karfreitag kommt Ostern. Nach der Dunkelheit des Todes kommt das Licht des Lebens. Es gibt bei Gott immer ein Happy Ending, auch wenn es noch so weit weg erscheint. Gott wendet alles zum Guten, nur müssen wir ihm ganz vertrauen, egal, wie unwahrscheinlich es zu sein scheint.
„Die Gebeugten haben es gesehen und sie freuen sich! Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf!“ Nicht nur Jesus, der am tiefsten Gebeugte, ist Zeuge für dieses Happy Ending. Auch die vielen vielen Märtyrer, die Johannes in der Offenbarung geschaut hat, die Apostel, die Glaubensvorbilder, sie alle sind mit einer unerschütterlichen Hoffnung in den Tod gegangen und wir glauben, dass sie direkt bei Gott sind und in der ewigen Anschauung seiner Herrlichkeit sein dürfen. Dies erwartet auch uns, wenn wir bis zum Schluss standhaft sind.

Mt 26
14 Darauf ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohepriestern

15 und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie boten ihm dreißig Silberstücke.
16 Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, ihn auszuliefern.
17 Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote gingen die Jünger zu Jesus und fragten: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?
18 Er antwortete: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern.
19 Die Jünger taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.
20 Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch.
21 Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.
22 Da wurden sie sehr traurig und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?
23 Er antwortete: Der die Hand mit mir in die Schüssel eintunkt, wird mich ausliefern.
24 Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.
25 Da fragte Judas, der ihn auslieferte: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus antwortete: Du sagst es.

Im heutigen Evangelium wird uns davon berichtet, wie Judas Iskariot Jesus an die Hohepriester verkauft. Der Deal geht von ihm selbst aus, indem er die Hohepriester aufsucht und als erstes einen Preis aushandelt. Darum geht es ihm vor allem. Er ist geblendet von seiner Habgier. Uns ist von den Evangelien bekannt, dass er ein Dieb ist, weil er als Kassenwart die Einkünfte veruntreut. Sein Herz schlägt für Geld. Und dann? Dann wollen die Hohepriester ihm den damaligen Preis für Sklaven auszahlen! Dreißig Silberstücke für den leidenden Gottesknecht….
Dann ist es soweit, dass das große Wallfahrtsfest gekommen ist und die Vorbereitungen für das Paschamahl getroffen werden.
Die Jünger bereiten alles dafür vor und dann wird uns davon berichtet, wie sie zu Tisch liegen.
Jesus sagt den Jüngern nun, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Jesus weiß schon längst, wer es ist. Er könnte noch alles aufhalten, doch er weiß, dass es so geschehen muss. Er spricht es dennoch an, denn er möchte Judas noch eine letzte Chance geben, umzukehren.
Ganz aufgeregt fragen die Apostel Jesus, ob sie es sind. Dann gibt Jesus als Antwort den Code an, über den ich gestern schon gesprochen habe nach der Johannesversion: Er gibt hier einen Code aus Ps 41 wieder, wo es heißt, dass der Verräter vom selben Brot isst wie der Ausgelieferte. So soll den Jüngern nämlich klargemacht werden, dass die Schrift es schon angekündigt hat und dieser Verrat geschehen muss.
Dies erklärt Jesus dann auch, wenn er sagt: „Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt.“ Es muss geschehen, sonst kann Jesus nicht die Welt erlösen. Und als Petrus einige Kapitel zuvor die Leidensankündigung zurückweist (das muss verhütet werden), da vertrieb Jesus sogar den Satan, der hinter solchen Aussagen steckt. Es muss geschehen, nur so kommt das Heil. Das heißt aber nicht, dass es gut ist, der Verräter zu sein. Deshalb spricht Jesus diese sehr harten Worte (es wäre für ihn besser, wenn er nie geboren wäre). Jesus, den Sohn Gottes zu verraten, ist die schlimmste Sünde, die man tun kann. Deshalb spricht Jesus so drastische Worte. Judas soll wachgerüttelt werden und nicht nur er, sondern auch die anderen. Denn Petrus wird Jesus ebenso verraten. Wir sehen ja, dass diesem aber vergeben wird, weil er von Herzen seinen Verrat bereut. Judas wäre auch vergeben worden, wenn er die Vergebung angenommen hätte. Wir sehen also, dass Jesu Worte nicht wirklich bedeuten, dass Judas nie geboren werden sollte.
Judas fühlt sich wohl auch angesprochen und die Worte haben gesessen. Er fragt gerade heraus: „Bin ich es etwa, Rabbi?“ Jesus nimmt kein Blatt vor den Mund und antwortet ihm mit „du sagst es“. Er weiß, was Judas im Schilde führt. Auch Judas weiß nun, dass Jesus alles durchschaut hat. Und doch nutzt Judas diese Chance zur Umkehr nicht. Er zieht seinen Plan durch und so wird Jesus dennoch ausgeliefert.
Es ist eine tragische Geschichte, weil sie tragisch für Judas endet. Hätte er doch so gehandelt wie Petrus! Wie wichtig ist es auch für uns, auf Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen und diese anzunehmen! Wie sehr redet der Satan auch uns ein, dass unsere Sünde ja so schlimm ist, dass Gott uns nie verzeihen würde! Egal wie groß die Sünde auch sein mag: Gottes Vergebung ist immer stärker. Sie wird uns zuteil, wenn wir von Herzen unsere Sünde bereuen, sie bekennen, Gott versprechen, sie nie wieder zu tun, sie wiedergutzumachen. Nutzen wir diese Barmherzigkeit wirklich ganz und bereiten wir uns auf eine gute Beichte vor! Gott ist bereit, uns von Herzen zu vergeben, selbst wenn wir ihn verraten haben!

Ihre Magstrauss

Freitag der 5. Woche der Fastenzeit

Jer 20,10-13; Ps 18,2-3.4-5.6-7b.7cdu. 20; Joh 10,31-42

Jer 20
10 Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihn überwältigen und an ihm Rache nehmen können.

11 Doch der HERR steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und können nicht überwältigen. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergesslicher Schmach.
12 Aber der HERR der Heerscharen prüft den Gerechten, er sieht Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen; denn dir habe ich meinen Rechtsstreit anvertraut.
13 Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.

Heute hören wir aus dem Buch Jeremia einen Abschnitt aus der fünften Konfession. Dort beschreibt er die bösen Absichten seiner Gegner, die darauf warten, dass er stürzt. Sie sind es, die ihn verleumden und somit auch Gott. Sie wollen ihn anzeigen und sich an ihm Rächen, weil er immer wieder eine Botschaft verkündet, die sie nicht hören wollen. Jeremia muss wirklich viel für das Wort Gottes leiden und wird somit zum Typos Christi.
Gott lässt ihn nicht allein, genauso wenig wie er seinen eigenen Sohn am Kreuz allein gelassen hat. Er ist „wie ein gewaltiger Held.“ Zwar erweckt er Jeremia nicht zum Leben, doch er sorgt für Gerechtigkeit. Er wird Jeremias Gegnern keinen Segen verleihen und ihre Missetaten auf sie zurücklenken.
Gott prüft den Gerechten, er schaut auf sein Inneres, was mit „Nieren und Herz“ immer gemeint ist. Gott schaut die innersten Regungen des Menschen. Jeremia versteht sein Leiden somit als Prüfung Gottes.
Er vertraut darauf, dass Gott das Unrecht vergelten wird, das dem Propheten widerfährt. Er begründet es damit dass er Gott seinen „Rechtsstreit anvertraut“. Gott ist ein gerechter Richter. Wenn man das Gericht ihm überlässt, erhält jeder Beteiligte ein absolut angemessenes Urteil. Menschliche Gerichte sind dagegen ungerecht, wie Jeremia am Anfang der Lesung ja herausgestellt hat. Er steht für eine gute Sache ein, nämlich für Gottes Botschaft, doch die Menschen möchten ihn anzeigen, vor die Gerichte bringen.
Er vertraut Gott ganz und fordert sogar zum Lobpreis auf: „Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.“ Ja, er wird auch Jesus aus der Hand seiner Übeltäter befreien und ihn über alle anderen erhöhen. Er wird auch uns immer wieder aus den Klauen des Bösen retten, der unsere Seele von Gott wegführen will. Er rettet uns vom seelischen Tod durch die Heilsmittel und schließt dafür den Taufbund mit uns. Er wird uns schließlich auch am Ende der Zeiten retten, wenn alles zusammenbrechen wird. Dann werden wir ein für allemal aus den Fängen des Bösen befreit. Dann werden wir erst recht Gott loben und preisen in Ewigkeit.

Ps 18
2 Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke,
3 HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht.
4 Ich rufe: Der HERR sei hoch gelobt! und ich werde vor meinen Feinden gerettet.
5 Mich umfingen die Fesseln des Todes und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.
6 Mich umstrickten die Fesseln der Unterwelt, über mich fielen die Schlingen des Todes.
7 In meiner Not rief ich zum HERRN und schrie zu meinem Gott, er hörte aus seinem Tempel meine Stimme, mein Hilfeschrei drang an seine Ohren.

Der Psalm stellt einen schönen Lobpreis dar, sozusagen als Fortsetzung und Vertiefung der Lesung.
„Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke“ ist ein typischer Psalmbeginn. Nicht nur die Selbstaufforderung zum Lob ist oft am Anfang zu lesen, sondern auch eine Liebesbekundung oder eine Willenszusage. Gott ist Davids Stärke, dem wir diesen Lobpreis verdanken. All die Siege hat er durch die Stärke des HERRN zustande gebracht. Er hat sich auch nie angemaßt, dass es von ihm selbst komme. Er hat seine Macht und Stärke immer von Gottes Allmacht her gesehen. So können auch wir alles, was wir zustande bringen, auf Gott verweisen, der uns die Kraft gegeben hat. So werden wir nie überheblich und sind Gott immer dankbar für den Beistand, den er uns tagtäglich sendet.
In diesem Sinne ist auch Vers 3 zu verstehen. Gott ist der Fels, die Burg und der Retter. Er ist also auch die Zuflucht, die wir suchen sollen. Wenn wir uns auf Menschen verlassen und erwarten, dass diese uns glücklich machen, werden wir immer unglücklich und unzufrieden sein. Nur Gott kann uns wirklich dauerhaft trösten und beschützen. Er ist wirklich der Verlässliche, der uns entlasten will.
Es gibt keinen unangemessenen Zeitpunkt, Gott zu loben und zu preisen, denn ihm steht es immer zu. „Und ich werde vor meinen Feinden gerettet.“ Gott rettet seine geliebten Geschöpfe wirklich immer aus allen Gefahren. Diese betreffen den ganzen Menschen, nicht nur sein irdisches Dasein. Gott rettet nämlich auch unsere Seele vor dem ewigen Tod, er rettet uns aus dem Zustand der Todsünde, er rettet uns Menschen durch die Taufe. Diese Gefahren sind alle auf ihre Weise die „Fesseln des Todes“ und „die Fluten des Verderbens“. Wir denken zurück an die Sintflut, die die Folge der Sünde der ganzen Menschheit darstellte. Diese Flut bedeckt auch die Sünde der Menschheit bei der Taufe Jesu, als dieser untertaucht. Durch sein Untertauchen ist das Wasser der Wiedergeburt im Hl. Geist für uns zum Heil geworden und nicht mehr bedrohlich. Der Geist Gottes überflutet uns in jeder Hl. Messe, durch die Heilsmittel der Kirche, jedesmal, wenn wir wieder den Stand der Gnade geschenkt bekommen. Dann wird unser Inneres, die Seele als Gefäß, mit den Fluten jenes Wassers gefüllt, sodass wir nicht verdursten in einer Welt der Wüste. Was David also rückblickend schreibt, können wir auf unser Leben vor der Taufe, vor der Versöhnung mit Gott, auf die Menschen vor der Erlösung durch Jesus Christus beziehen – und schließlich auf die gesamte Menschheit in den Wehen der Endzeit, bevor der wiederkommende verherrlichte Menschensohn sie endgültig aus den Schlingen des Todes errettet.
David rief in seiner Not zum Herrn, der ihn aus dem Tempel her erhörte. Dieser Tempel war noch kein fest erbautes Gebäude, sondern das Offenbarungszelt. Auf Jeremia bezogen können wir schon den fest erbauten ersten Tempel hier identifizieren: Gott erhört auch ihn vom Tempel aus, der ja Gottes Wohnstatt auf Erden darstellt. Dieser salomonische Tempel wird jedoch bald zerstört, weil die Israeliten auf die Warnrufe der Propheten wie Jeremia nicht gehört und weiterhin den Baalen Opfer dargebracht haben. Wir können es auch auf Jesus Christus beziehen, der in seiner Todesnot am Kreuz zum Vater geschrien hat. Dieser hat ihn erhört vom Tempel her, der aber nicht nur den herodianischen Tempel Jerusalems meint, sondern vor allem vom Tempel des Leibes Jesu Christi her. Diesen meint Jesus ja auch bei der Tempelreinigung. Vom Tempel her, der nun jede Kirche mit Tabernakel ist, erhört Gott auch auf besondere Weise unsere Rufe, die wir bei ihm in der Eucharistie Zuflucht suchen. Und am Ende der Zeiten wird Gott das Schreien der leidenden Menschen auf Erden vom himmlischen Tempel aus erhören, wenn er in die Geschichte eingreift, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Gott ist unsere Welt nicht egal. Sie ist seine Schöpfung, die er zum Heil führen will. Deshalb zürnt er und reagiert auf das Unrecht – im Kleinen wie im Großen. Das ist uns ein Trost und so dürfen wir auf das Heil am Ende schauen, auch wenn die derzeitige Situation alles andere als gut ist.

Joh 10
31 Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen.
32 Jesus hielt ihnen entgegen: Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?

33 Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.
34 Jesus erwiderte ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?
35 Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann,
36 dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott – weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?
37 Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt mir nicht!
38 Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt! Dann werdet ihr erkennen und einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin.
39 Wieder suchten sie ihn festzunehmen; er aber entzog sich ihrem Zugriff.
40 Dann ging Jesus wieder weg auf die andere Seite des Jordan, an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte; und dort blieb er.
41 Viele kamen zu ihm. Sie sagten: Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, erwies sich als wahr.
42 Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.

Im heutigen Evangelium ist es wieder so, dass die Worte Jesu, die sich aus seiner göttlichen Autorität speisen, die Juden sehr provozieren. So beginnt die Lesung heute mit einem Steinigungsversuch.
Jesus hält den Juden furchtlos entgegen: „Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?“ Das trifft es auf den Punkt. Jesus hat viel verkündet, er hat aber vor allem durch seine Heilstaten überzeugt. Nun fragt er also ganz ironisch, was der Grund für seine Hinrichtung sein soll.
Die Juden entgegnen ihm, dass sie ihn aber nicht wegen der Taten, sondern der blasphemischen Worte steinigen wollen. Diese bestehe in seinem Anspruch, Gottes Sohn zu sein.
Sie haben durch ihre eigenen Worte etwas erkennen lassen: Sie haben die Einheit zwischen Jesu Worten und Werken nicht erkannt. Hätten sie von den Werken auf seine Worte geschlossen, hätte es bei ihnen Klick machen müssen und sie hätten die Erfüllung all der messianischen Verheißungen ihrer Hl. Schriften erkannt. Stattdessen sehen sie rot bei den Worten Jesu, die er mit göttlicher Autorität gesprochen hat.
Jesus verweist daraufhin auf Psalmworte, die von ihrer Formulierung her noch viel provokativer sind, die sie aber als Gotteswort einstufen und nicht abändern. Es geht um Ps 82,6. Da heißt es sogar „ihr seid Götter.“ Dies ist noch viel radikaler als Jesu Worte der Gottessohnschaft.
Bei Psalm 82 geht es um die abgefallenen Israeliten. Sie hätten „Götter“ sein können im Sinne des ewigen Lebens, doch werden wie Menschen sterben, weil sie gesündigt haben. Hier geht es um die Gegenüberstellung von „Gott“ und „Mensch“. Das Ganze ist eingebettet in einen poetischen Rahmen. Psalmensprache ist voll von rhetorischen Stilmitteln, die natürlich nicht wortwörtlich genommen werden kann. Das verstehen die Juden auch, aber im Falle Jesu zeigen sie nicht einmal den Willen, ihn zu verstehen.
Jesus nennt diese Schriftstelle, um herauszustellen: Wenn die Juden schon das Wort Gottes annehmen, selbst wenn solche Bibelstellen von ihrer Sprache her provokativ sind, umso mehr sollten sie das fleischgeworden Wort Gottes annehmen, das direkt vom Vater kommt! Seine Autorität steht doch über dem Buchstaben! Ihn sollten die Juden noch viel mehr gläubig annehmen, doch sie zeigen nicht einmal den Willen, diese scheinbare Provokation zu verstehen. Jesus will sie lehren, doch sie sind unbelehrbar. Lieber greifen sie zu Steinen und machen das fleischgewordene Wort Gottes mundtot.
Jesus versucht, von ihnen wenigstens ein Mindestmaß an Glauben zu erlangen, nämlich dem Glauben seiner Werke. Denn allein schon jene Heilstaten müssten sie erkennen lassen, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, der alles in Einheit mit dem Vater tut.
Es bringt nichts. Die Juden wollen ihm wieder etwas antun und so muss Jesus das Gebiet verlassen. Er geht auf die andere Seite des Jordan, in das Gebiet der Johannestaufe. Dort wirkt er offensichtlich viele weitere Heilstaten, denn die Menschen dort erkennen, dass alle Vorhersagen des Täufers auf Jesus zutreffen. So werden viele der Johannesjünger in jenem Gebiet Jünger Jesu.
Diese Menschen stellen heute ein Positivbeispiel dar. Sie glauben den Werken Jesu im Gegensatz zu den Juden in Jerusalem (mit „Juden“ ist im Johannesevangelium an solchen Stellen oft die religiöse Elite gemeint, die sich aus den Hohepriestern, Ältesten, Pharisäern und Schriftgelehrten zusammensetzt). Sie empfinden Jesu Wirken nicht als blasphemisch, sondern erkennen die Erfüllung messianischer Verheißungen. Sie verstehen mehr von der Hl. Schrift als die eigentlichen Gelehrten. Das ist eine einzige tragische Ironie.

Wie ist es bei uns?

Nehmen wir das Wort Gottes an, auch wenn es Kritik an uns richtet? Uns herausfordert? Uns zur Umkehr aufruft? Nehmen wir es an, wenn Gott uns durch die Propheten heutiger Zeit anspricht? Oder wollen wir sie lieber mundtot machen, weil sie in der Welt einen Störfaktor darstellen, der unsere Komfortzone bedroht?
Schauen wir immer genau hin, denn Gott spricht auch auf unerwartete Weise zu uns. Und jene, auf die wir uns allzu sehr verlassen, könnten uns in die Irre führen. Es gibt viele falsche Propheten und es werden immer mehr. Beten wir um die Gabe der Unterscheidung der Geister und suchen wir in allem immer Zuflucht bei Gott. Vergessen wir auch in unserer heutigen Zeit nie, das der Kern des Evangeliums in der Umkehr besteht und Gott uns aus unserer Not immer heraus hilft, egal was passiert.

Mit diesem Vertrauen dürfen wir auf die Karwoche zugehen.

Ihre Magstrauss

Heiliger Josef, Bräutigam der Gottesmutter Maria

2 Sam 7,4-5a.12-14a.16; Ps 89,2-3.4-5.27 u. 29; Röm 4,13.16-18.22; Mt 1,16.18-21.24a

Heute feiern wir ein ganz besonderes Hochfest, nämlich zu Ehren des Pflegevaters und Bräutigams Josef. Er ist unter anderem der Schutzpatron der Kirche und somit ein besonders großer Fürsprecher in der momentanen Coronakrise. Heiliger Josef, bitte für uns!

2 Sam 7
4 Aber in jener Nacht erging das Wort des HERRN an Natan:
5 Geh zu meinem Knecht David und sag zu ihm: So spricht der HERR:
12 Wenn deine Tage erfüllt sind und du dich zu deinen Vätern legst, werde ich deinen leiblichen Sohn als deinen Nachfolger einsetzen und seinem Königtum Bestand verleihen.
13 Er wird für meinen Namen ein Haus bauen und ich werde seinem Königsthron ewigen Bestand verleihen.
14 Ich werde für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein.
16 Dein Haus und dein Königtum werden vor dir auf ewig bestehen bleiben; dein Thron wird auf ewig Bestand haben.

In der ersten Lesung hören wir die Worte des Propheten Natan, die ihm im Anschluss an Davids Unterredung mit Gott eingegeben werden. Zuvor hat dieser nämlich Gott zu verstehen gegeben, dass er ihm ein festes Heiligtum bauen möchte, da bis dato der Tempel aus dem Offenbarungszelt bestand. Natan erhält nun die Antwort Gottes auf Davids Vorhaben. Dieser gibt ihm ein:
Nicht er selbst wird der Tempel errichten, sondern sein Sohn. Später werden wir erfahren, dass es sein Sohn Salomo sein wird. In den Chronikbüchern erfahren wir zudem noch weitere Details, warum nicht David selbst den Tempel errichten soll: An seinen Händen klebt zu viel Blut. Er hat so viele Schlachten geführt, zu viel Blut vergossen. Gottes Tempel ist heilig und deshalb muss der König von der Blutschuld verschont sein. Salomo wird zeitlebens keine Kriege führen müssen, weil Gottes wunderbare Vorsehung für eine friedliche Zeit sorgen wird. So wird er sich ganz auf den Tempelbau konzentrieren können.
Natan vermittelt David, dass wenn er sich zu den Vätern legt, das heißt wenn er stirbt, wird Salomo zum König eingesetzt werden und das Königtum Bestand haben. Er wird den Tempel errichten und er wird für Gott Sohn, Gott für ihn Vater sein. Dieser Königsthron wird auf ewig bestehen.
Diese Worte sind zunächst wörtlich zu nehmen und gelten unter der Voraussetzung, dass dieser König im Stand der Gnade ist, also sich an den Bund hält und sich nicht schwer versündigt. Wir wissen allerdings, dass Salomo sich einen riesigen Harem anlegen wird, wobei viele Frauen anderer Religionen angehören, zu denen er dann verführt wird. Er wird Götzen Altäre und Heiligtümer errichten und so die Gnade Gottes verspielen.
Wir lesen diese Botschaft Gottes an David heute noch weiter, nämlich allegorisch. So erkennen wir einen Typos Christi in Salomo! In dieser Leserichtung ist das Sterben Davids mit dem frühen Tod Josefs in Analogie zu setzen, der als Sohn Davids den König des Reiches Gottes als Sohn haben wird. Erst nach seinem Tod wird Jesus sein öffentliches Wirken antreten. Er wird das Reich Gottes verkünden und am Ende als „König der Juden“ hingerichtet werden. Er wird zur Tempellobby sagen: Reißt diesen Tempel nieder und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen. Es wird der Tempel seines Leibes sein und mit der Auferstehung wahr werden. Der Tempel, den er begründen wird, ist die Kirche. Er wird den neuen Bund besiegeln, den alle Christen mit Gott in der Taufe eingehen. So wird Gott auch in uns Wohnung nehmen in dem Tempel unserer Seele. Diese ist ewig, sie hat Bestand, wie Natan Salomo angekündigt hat. Auch die Kirche hat Bestand, denn Jesus verheißt an anderer Stelle, dass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen werden.
Was Natan hier von Gott eingegeben bekommt, ist also mehr als nur die Antwort auf Davids Vorhaben. Es ist eine heilsgeschichtlich weitreichende Verheißung!

Ps 89
2 Von der Huld des HERRN will ich ewig singen, von Geschlecht zu Geschlecht mit meinem Mund deine Treue verkünden.

3 Denn ich bekenne: Auf ewig ist Huld gegründet, im Himmel deine Treue gefestigt.
4 Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Erwählten und David, meinem Knecht, geschworen:
5 Auf ewig gebe ich deinem Haus festen Bestand und von Geschlecht zu Geschlecht gründe ich deinen Thron.
27 Er wird zu mir rufen: Mein Vater bist du, mein Gott, der Fels meiner Rettung.
29 Auf ewig werde ich ihm meine Huld bewahren, mein Bund mit ihm ist verlässlich.

Wir beten aus gegebenem Anlass wieder den sogenannten Königspsalm 89. Die Psalmen reflektieren ja immer die Lesung aus dem AT. So beginnt der Abschnitt heute mit einer für Psalmen typischen Lobaufforderung an sich selbst (will ich ewig singen). Gottes Treue ist ewig, sie ist „im Himmel…gefestigt“. Gott hält seine Versprechen. Er ist es, aus dessen Sicht ab Vers 4 beschrieben wird: „Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Erwählten und David“. Wörtlich steht hier „Ich schnitt einen Bund (im Hebräischen schneidet man, כָּרַ֣תִּֽי karati „ich schnitt“) mit meinem Erwählten, ich schwor meinem Knecht David.“ Es handelt sich also nicht um zwei Personen, sondern bezieht sich beides auf ein und dieselbe Person. Gott hat einen Bund mit diesem besonderen König geschlossen. Es handelt sich um die Bekräftigung und Ausweitung des Alten Bundes zu einer gesamtstämmischen Einheit. Das ganze ist aber auch typologisch zu betrachten – der Erwählte (hier ist wieder das Wort בָּחִיר bachir enthalten, der Jüngling im heiratsfähigen Alter) ist nun auf Jesus zu beziehen, der sich freiwillig zum bachir macht um des Himmelreiches willen. Er bezeichnet sich sogar als Eunuchen, meint dies aber natürlich nicht wörtlich, sondern sinnbildlich. Dieser Bund, den Gott geschlossen hat durch Christus, ist der Neue Bund mit allen Menschen. Im griechischen AT wird sogar mit Plural übersetzt, was linguistisch gesehen auch möglich ist. Dadurch wird nicht Christus in den Blick genommen, DURCH den der Neue Bund besiegelt worden ist, sondern die „Erwählten“, wir Menschen, MIT denen er ja den Bund geschlossen hat. Der griechische Begriff an dieser Stelle ist ἐκλεκτοῖς eklektois und wird auch im NT sowohl für Christus als auch für die Getauften verwendet (Lk 23,35; 1 Petr 1,1).
Auch hier wird die Zusage Gottes aufgegriffen, dem davidischen Königshaus Bestand zu verleihen. Dies wird der Fall sein, aber anders als die Menschen denken: Es wird ewig bestehen durch Christus, den Sohn Davids, der tatsächlich leiblicher „Sohn“ Davids ist. Wir lesen dies ja im Stammbaum nach Matthäus. Er trägt Davids Gene in sich. Und doch ist dies ein anderes Königtum als das des David. Es geht hier um den König des Reiches Gottes. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, wie er selbst vor Pilatus erklärt hat (vgl. Joh 18,36). „Von Geschlecht zu Geschlecht“, d.h. in diesem Fall dann zu allen Zeiten, wird Christus der König derer sein, die an ihn glauben und sich auf seinen Namen taufen lassen. Das „Haus“, das hier erwähnt wird, ist wörtlich gesehen zunächst das Königshaus. Wir müssen es aber tiefer verstehen als Kirche. Sie ist als Gemeinschaft der Gläubigen das Königreich Christi auf Erden, die sakramentale Antizipation der Ewigkeit. Sie wird auf ewig nicht untergehen – solange die Welt besteht, wird der Satan sie nicht überwältigen, das hat der treue Christus uns versprochen – und am Ende der Zeiten wird sie sich durchsetzen und ihren Wohnsitz einnehmen in der neuen Schöpfung Gottes.

Röm 4
13 Denn Abraham und seine Nachkommen erhielten nicht aufgrund des Gesetzes die Verheißung, Erben der Welt zu sein, sondern aufgrund der Glaubensgerechtigkeit.
16 Deshalb gilt: aus Glauben, damit auch gilt: aus Gnade. Nur so bleibt die Verheißung für die ganze Nachkommenschaft gültig, nicht nur für die, welche aus dem Gesetz, sondern auch für die, welche aus dem Glauben Abrahams leben. Er ist unser aller Vater,
17 wie geschrieben steht: Ich habe dich zum Vater vieler Völker bestimmt – im Angesicht des Gottes, dem er geglaubt hat, des Gottes, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft.
18 Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde, nach dem Wort: So zahlreich werden deine Nachkommen sein.
22 Darum wurde es ihm auch als Gerechtigkeit angerechnet.

In der zweiten Lesung des heutigen Hochfestes reflektiert Paulus die Gunst, die uns Menschen durch den alten Bund erwiesen worden ist: Abraham und seinen Nachkommen, mit denen Gott den Bund immer wieder erneuert hat, ist diese besondere Ehre nicht deshalb zuteil geworden, weil sie es sich zuvor verdient hätten. Ebenso können wir Christen sagen, dass wir nicht deshalb durch das Kreuzesopfer Jesu Christi erlöst worden sind, weil wir das zunächst irgendwie verdient hätten. Das wird durch die Wendung „aufgrund des Gesetzes“ ausgedrückt, was meint, dass die Torah gehalten wird. Abraham und seinen Nachkommen wurde die Gnade aufgrund der Glaubensgerechtigkeit verliehen. Zu Abrahams Zeiten gab es die Torah noch gar nicht. Er hat Gott ganz geglaubt und ihm vertraut, deshalb hat Gott mit ihm den Bund geschlossen.
Paulus erklärt, dass Glaube und Gnade zusammenspielen. Abraham erhielt die Gnade wegen seines bedingungslosen Vertrauens auf Gott. So ist es auch mit allen anderen Menschen, die die Gnade Gottes dadurch erhalten, dass sie ihm bedingungslos vertrauen. Dabei müssen sie nicht notwendigerweise beschnitten sein und die Torah halten. Das ist zumindest nicht die Voraussetzung für die Gnade Gottes. Das wäre Werksgerechtigkeit. Auch wir als Christen sagen, dass die Taufe als sichtbares Zeichen unseres inneren Glaubens heilsnotwendig ist. Dass wir erlöst sind, kommt zuerst und der Glaube an Jesus Christus ist die Antwort auf die Erlösung. Diese ist uns geschenkt und deshalb unverdiente Gnade. Das bedeutet aber nicht, dass Paulus das Halten der Gebote für überflüssig erklärt. Es geht darum, was zuerst ist. Und die Gnade Gottes ist immer zuerst – sowohl bei Abraham als auch bei uns.
Es geht in diesem Ausschnitt aus dem Römerbrief um den Glauben Abrahams, der entgegen aller biologischen Voraussetzungen eine unglaubliche Verheißung erhält und dennoch daran glaubt. Trotz ausbleibender Nachkommen wurde ihm nämlich eine unzählbare Nachkommenschaft verheißen. Er ist Vater vieler Völker geworden und wir müssen seinen Glauben heute in Analogie zu Josef setzen, der ebenfalls Gott geglaubt hat in einer unglaublichen Situation. So ist auch er zum Vater vieler Völker geworden, wenn auch nur geistig – nämlich zum Patron des neuen Volkes, zum Schutzpatron der Kirche. Gott hat ihn auserwählt, nicht weil er es sich zuvor verdient hat, sondern weil es die Vorsehung so wollte. Es ist ein absolutes Geschenk Gottes. Auch Josef nennen wir einen gerechten Mann, nicht weil er sich die Gerechtigkeit durch das Halten der Torah verdient hat (die Torah hat er gewissenhaft gehalten!), sondern weil er Gott ganz geglaubt hat. Dies hören wir nun im Evangelium:

Mt 1
16 Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird.
18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes.
19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen.
20 Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.
21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.
24 Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Zu Beginn des Evangeliums hören wir den Abschluss des Stammbaums Jesu Christi. Dieser Stammbaum ist jüdisch und patrilinear orientiert. Das heißt wir hören immer wieder von einem Vater, der einen Sohn zeugt. Dies wird dreimal in vierzehn Generationen strukturiert, sodass für uns deutlich wird – Jesus ist der Sohn Davids. Am Ende des Stammbaums stutzen wir allerdings. Denn da heißt es ausgerechnet an der wichtigsten Stelle nicht mehr „Josef zeugte den Jesus“, sondern es wird gesagt, dass dieser der Mann Mariens ist und von ihr Jesus geboren wurde! Das fällt in einem typisch jüdischen Stammbaum auf. Hier ist also etwas Besonderes geschehen.
Dann hören wir von der Geburt des Messias. Das Matthäusevangelium berichtet sie vor allem aus der Sicht Josefs. Dies macht absolut Sinn, wenn wir an den patrilinearen, also väterorientierten Stammbaum denken. Wenn es also um die Geburt eines Kindes geht, macht es Sinn, dass das Matthäusevangelium die Vaterperspektive betont. Wir lesen heute auch wieder solche Formulierungen, die die biologische Vaterschaft Josefs ausschließen: „Maria, seine Mutter“ ist eine Andeutung solcher Art, die im Stammbaum durch das Auslassen des Satzes „Josef zeugte den Jesus“ und den Verweis auf seine Frau Maria ausgedrückt worden ist. Dies wird noch viel eindeutiger im weiteren Verlauf des Evangeliums, wo immer wieder „das Kind und seine Mutter“ gesagt wird, nicht „Josefs Sohn“ (z.B. in Mt 2,13-14) – in einem Evangelium, das eigentlich sehr patrilinear orientiert ist! Das fällt auf.
Josef ist ein gerechter Mann und somit ist die Verbindung zu Abraham geschaffen. Gott hat sich etwas dabei gedacht, ausgerechnet diesen Menschen als Ziehvater seines Sohnes vorzubereiten. Josef wollte seine Frau nicht bloßstellen – denn erstens war Maria vor der Ehe schwanger geworden und zweitens als geweihte Jungfrau! Um ihre Ehre zu bewahren, möchte er sich von ihr trennen. Wir verstehen seine noble Tat erst, wenn wir die jüdischen Gesetze kennen:
Wenn ein unberührtes Mädchen, das einem Mann versprochen ist, von einem anderen Mann schwanger wird, sollen der andere Mann sowie die Frau gesteinigt werden (Dtn 22,23f.). Dem Betrogenen wird keine Schuld zugeschrieben. Warum will sich Josef dann von ihr trennen? Josefs Gerechtigkeit ist eine größere als die der buchstabentreuen Juden seiner Zeit, die auch Paulus im Römerbrief kritisiert. Er denkt keinen Moment daran, das mosaische Gesetz auszuführen, sondern er überlegt, die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Indem er sich nämlich in aller Stille von Maria getrennt hätte, hätte es nach außen hin so ausgesehen, als hätte er sie verlassen, nachdem er mit ihr ein Kind gezeugt hatte. So hätte sie als „Verführte“ und „Verlassene“ keine Schuld getroffen. Er wäre bestraft, Marias Leben und das des Kindes aber gerettet worden. DAS meine Lieben, ist ein würdiger Ziehvater, den sich Gott auserwählt hat. Er hat seine Gerechtigkeit schon vor der Geburt des Gotteskindes unter Beweis gestellt und das alles, noch bevor er von Gottes Plan gehört hat! Josef hat wirklich ein reines Herz.
Er führt seine Überlegungen nicht aus, weil ihm im Traum ein Engel des Herrn den Heilsplan Gottes offenbart hat. Bei den Worten des Engels ist sehr auffällig, dass er Josef „Sohn Davids“ nennt. Die jüdischen Hörer dieses Evangeliums werden eins und eins zusammengezählt haben. Das Kind, das in die Welt kommen soll, erhält auf Erden einen davidischen Vater. Somit erfüllen sich die messianischen Verheißungen der Hl. Schriften. Dieser Messias wird von einem davidischen Vater erzogen werden, der selbst ein gerechter Mann ist. Josef wird zum Antitypos des alternden David aus der Lesung. So wird der Messias selbst gerecht sein, als Gott durch die göttliche Eigenschaft der Gerechtigkeit, als Mensch dank Josef und seiner Tugend der Gerechtigkeit. Diese Zweidimensionalität reflektiert Paulus am Anfang seines Römerbriefs. Josef handelt nach Gottes Willen ohne Widerrede und Skepsis. Er hat diesen Glaubensgehorsam, von dem Paulus spricht. Dieser macht ihn gerecht. Die Steinigung seiner schwangeren Verlobten als Ausführung des mosaischen Gesetzes hätte ihn nicht gerecht gemacht.
Das Kind ist vom Hl. Geist, aber Josef soll es benennen. Damit wird deutlich, dass er es als sein Kind adoptieren soll.
Der Engel gibt ihm auch den Namen vor und erklärt dessen Bedeutung: Dieses Kind wird das Volk von seinen Sünden erlösen. Das ist eine Verheißung, die immer und immer wieder im AT genannt wird. Damit wird dem frommen Juden Josef klar: Das Kind ist der Messias und muss deshalb Jesus heißen.

Lassen wir uns heute berühren von Gottes großen Heilstaten. Er hat das lange jahrhundertelange Schreien seines auserwählten Volkes erhört und ist wie verheißen als davidisches Kind in dieser Welt Mensch geworden. Er hat für die Umsetzung seines Heilsplans sowohl die Jungfrau bereitet als auch den gerechten Mann, der sie mit allen Mitteln beschützt. Diese Familie ist besonders. Sie ist eine geistige Familie, da alles Biologische, was im Judentum sonst üblich ist, hier komplett entfällt. Das Kind hat keinen menschlichen Vater, es wird nicht auf natürliche Weise gezeugt, es wird nicht auf natürliche Weise geboren. Die Eltern führen keine natürliche, sondern übernatürliche Ehe.
Danken wir heute besonders dem Hl. Josef, der so wunderbar gehandelt hat. Sonst wäre Jesus nicht in diese Welt gekommen, dessen Leben schon von Anfang an bedroht gewesen ist. Wir können wirklich viel von ihm lernen, besonders für unsere eigenen Familien. Sein Glaubensgehorsam, der Taten sprechen lässt, hat uns die Erlösung ermöglicht. Bitten auch wir um diesen Glaubensgehorsam, durch den auch wir zu Werkzeugen des Heils Gottes werden. Danke du heiliger Ziehvater und treuer Bräutigam, beschütze auch uns, die Braut Christi, die Kirche, wie du Maria, deine Braut beschützt hast. Versorge du uns geistig, wie du deine Familie mit allen Mitteln versorgt hast.

Ihre Magstrauss

Montag der 2. Woche der Fastenzeit

Dan 9,4b-10; Ps 79,5 u. 8.9.11 u. 13; Lk 6,36-38

Dan 9
4 Herr, du großer und Furcht erregender Gott, der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren. 

5 Wir haben gesündigt und Unrecht getan, wir sind treulos gewesen und haben uns gegen dich empört; von deinen Geboten und Rechtsentscheiden sind wir abgewichen. 
6 Wir haben nicht auf deine Diener, die Propheten, gehört, die in deinem Namen zu unseren Königen und Vorstehern, zu unseren Vätern und zu allen Bürgern des Landes geredet haben. 
7 Du, Herr, bist im Recht; uns aber steht bis heute die Schamröte im Gesicht, den Leuten von Juda, den Einwohnern Jerusalems und allen Israeliten, seien sie nah oder fern in all den Ländern, wohin du sie verstoßen hast; denn sie haben dir die Treue gebrochen. 
8 Ja, HERR, uns steht die Schamröte im Gesicht, unseren Königen, Fürsten und Vätern; denn wir haben uns gegen dich versündigt. 
9 Beim Herrn, unserem Gott, ist das Erbarmen und die Vergebung, obwohl wir uns gegen ihn empört haben. 
10 Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN, unseres Gottes, nach seinen Weisungen zu wandeln, gehört, die er uns durch seine Diener, die Propheten, gegeben hat. 

Heute hören wir aus dem Buch Daniel einen Abschnitt, der zur Zeit des babylonischen Exils spielt, dem größten Trauma Israels in alttestamentlichen Zeiten. Zu jener Zeit kam Darius, der Sohn des Meders Xerxes an die Macht. Daniel hat in dem Kapitel zuvor eine Vision erhalten, die er noch nicht verstand. Und nachdem er die Schriften des Propheten Jeremia studiert hat, geht ihm nun auf, dass die babylonische Gefangenschaft nicht ewig anhalten soll, sondern siebzig Jahre. Daraufhin nimmt er eine Bußhaltung ein, geht in Sack und Asche, bittet und fleht den Herrn um Erbarmen an und bekennt unmittelbar vor dem heutigen Abschnitt, den wir hören, seine Sünden. Was wir nun hören, ist sein Bittgebet:
„Herr, du großer und furchterregender Gott“ – ja, er hat an den Schlägen auf das Haus Israel durch das babylonische Exil ganz deutlich zu spüren bekommen, dass Gott es ernst meint. Zugleich bekennt er, dass Gott der Treue ist, wenn er sagt: „der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren.“
Er bekennt stellvertretend für das ganze Volk Israel die Schuld, indem er die Untreue Israels bekennt. Er gibt zu, dass das babylonische Trauma selbstverschuldet ist, denn Israel ist von Gottes Geboten abgewichen.
Er bekennt im Namen des Volkes, dass Israel nicht auf die warnenden Propheten gehört hat, die das babylonische Exil vorausgesehen und das Volk zur Umkehr ermahnt haben.
Er sagt gleich zweimal „uns steht die Schamröte im Gesicht“. Das ist bemerkenswert. Scham ist etwas, das mit der Sünde in die Welt gekommen ist. Wir müssen uns schämen, weil wir uns vor Gott versündigen. Und Israel hat Gott die Treue gebrochen, weshalb es gleich mehrfach Scham empfindet: Dem einfachen Fußvolk sowie den Mächtigen des Volkes, „den Königen, Fürsten und Vätern“ treibt es die Schamröte ins Gesicht, dass sie Gottes Warnung immer wieder ignoriert haben und nicht rechtzeitig umgekehrt sind. Daniel bekennt eindeutig, dass das Exil sie getroffen hat, weil es heißt „wer nicht hören will, muss fühlen“. Er hadert nicht mit Gott und schreit ihn an: „Warum hast du das zugelassen? Gibt es dich überhaupt? Ich will die Freundschaft mit dir kündigen!“ So etwas sehen wir heutzutage sehr oft. Menschen kommen vom Glauben ab, wenn etwas Schlimmes in ihrem Leben passiert. Es ist nicht immer automatisch die eigene Schuld, wenn man im Leben leidet, sondern oft genug wird man als Unschuldiger auch mit hineingezogen. Doch viel zu selten nehmen wir die Haltung Daniels ein, gehen in uns und prüfen, ob wir nicht doch etwas damit zu tun haben…
Daniel bekennt dies alles, weil er weiß, dass Gott ein vergebender Gott ist. Er weiß, dass Gott die Schuld vergibt, wenn man sie von Herzen bereut und umkehrt. Das tut er ganz eindeutig ohne Verschönerung, indem er am Ende noch einmal bekennt: „Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN (…) gehört.“ Er selbst ist ja vielleicht nicht einmal betroffen, sondern die Generationen vor ihm, aber er hat ein kollektives Verantwortungsgefühl, das ihn dazu antreibt, stellvertretend für sein ganzes Volk um Verzeihung zu bitten. Das ist ein sehr lobenswertes Verhalten. Wie oft erleben wir das in unserem Umfeld, das jemand offensichtlich schuldig geworden ist, aber unbußfertig, uneinsichtig ist. Und dann dürfen auch wir, vor allem wenn es ein Familienmitglied ist, stellvertretend für diese Person um Verzeihung bitten. Gott möge ihr Herz erweichen und ihr Einsicht schenken, damit sie umkehrt und neu anfängt. Wir können Gott um Verzeihung für ihre Sünden bitten und sagen: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist das Mindeste, was wir als Familienmitglied dieser Person tun sollten, denn wir haben eine Verantwortung füreinander, nicht nur bezüglich des leiblichen Wohls, sondern umso mehr des seelischen Wohls. Es geht schließlich um das ewige Leben!

Ps 79
5 Wie lange noch, HERR? Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?

8 Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an! Mit deinem Erbarmen komm uns eilends entgegen! Denn wir sind sehr erniedrigt. 
9 Hilf uns, Gott unsres Heils, um der Herrlichkeit deines Namens willen! Reiß uns heraus und vergib uns die Sünden um deines Namens willen! 
11 Das Stöhnen des Gefangenen komme vor dein Angesicht! 
13 Wir aber, dein Volk und die Herde deiner Weide, wir wollen dir danken auf ewig, von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden.

Der heutige Psalm ist ebenfalls ein Bittgebet und ein Flehen, das ganz in die Situation des Volkes im babylonischen Exil passt.
„Wie lange noch, HERR?“ Ist ein typischer Ausdruck, den wir vor allem in Klagepsalmen lesen.
„Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?“ Diese Frage können wir als rhetorische Frage bewerten, denn anhand von prophetischen Schriften wie denen des Jeremia ist klar, dass auch die schweren Schicksalsschläge nicht ewig andauern.
Dann wird etwas gesagt, das die Haltung Daniels erklärt, obwohl er nicht mehr zur schuldig gewordenen Generation gehört: „Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an!“ Das ist eine tiefe Wahrheit, die auch heutzutage gerne ignoriert wird. Wir müssen die Konsequenzen der Sünde unserer Vorfahren mittragen. Das hat nichts mit Reinkarnation zu tun, sondern hängt mit der Natur der Sünde zusammen. Diese hat Generationen übergreifende Auswirkungen. Aber so wie wir unter den Vergehen unserer Eltern, Großeltern etc. zu leiden haben, können wir auch als ihre Nachkommen stellvertretend für sie Gott um Verzeihung bitten! Das ist sogar ganz wichtig und notwendig! Wir wissen nicht, ob sie immer noch dafür im Fegefeuer büßen müssen, und können so ihre Zeit im Fegefeuer verkürzen. Ein wenig Ahnenforschung ist dann absolut nützlich, weil wir so ihrer offensichtlichsten und größten Sünden gewahr werden (wenn es zum Beispiel einen Mord gab oder einen großen Streit, der öffentlich bekannt wurde, den man sogar in der Zeitung lesen konnte, der vielleicht bekannt wurde, weil die Personen berühmt sind). So können wir zumindest für diese bewusst um Vergebung bitten.
„Hilf uns, Gott unsres Heils“ – ja, Gott ist ein Gott, der nur das Heil für uns bereithält! Er ist es nicht, der uns dieses Unheil schickt, in dem wir uns befinden. Er ist allein der Gute. Alles Böse kommt vom Bösen und was uns Schlimmes widerfährt, haben wir sehr oft uns selbst zuzuschreiben. Dann sind es die Konsequenzen unserer falschen Entscheidungen. Gott ist aber so groß und barmherzig, dass er uns noch aus diesen selbstgemachten Katastrophen herausholt, obwohl wir sie eigentlich rein rechnerisch gesehen verdient haben. „Reiß uns heraus“ dürfen dann auch wir zu Gott rufen. Aber dann sollen wir ihm zugleich unsere Aufrichtigkeit zeigen, indem wir gleichzeitig sagen: „vergib uns die Sünden“.
Gott ist nicht gleichgültig gegenüber unserem Leiden. Es ist nicht sein Wille, dass wir leiden müssen. Er hat das Schreien seines Volkes in Ägypten gehört und er hört es auch im babylonischen Exil. Er hört auch unser Schreien unser Stöhnen, die wir gefangen sind – im Gefängnis unserer eigenen Sünden.
Gott erhört unser Gebet, vor allem wenn es durch und durch reumütig und aufrichtig ist. So können wir am Ende Gott für seine Rettung danken, wie es hier in Vers 13 geschieht: „Wir wollen dir danken auf ewig.“ Und wenn es dann heißt „von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden“, hat das in diesem Kontext eine besondere Wirkung: Durch die Vergebung unserer Vorfahren können auch diese dann ganz bei Gott sein und ihn auf ewig preisen. Gott ist groß. Er möchte unser Heil und tut alles dafür, dass wir zu ihm umkehren. Denn wir können nur dann glücklich sein, wenn wir bei ihm sind, wenn wir auf seinen Wegen gehen und nach unserem Tod dann ewig bei ihm im Himmel sind.

Lk 6
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! 
37 Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! 
38 Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.

Heute spricht Jesus uns im Evangelium wichtige Ermahnungen zu, die wir besonders jetzt in der Fastenzeit beherzigen sollen.
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ – wenn er uns aus der Katastrophe herausgeholt hat, die wir eigentlich verdient haben, ist das Zeichen seiner überreichen Barmherzigkeit. So hat es Gott ja mit dem Volk Israel immer wieder getan, das ihm ja untreu geworden war und deshalb in das babylonische Exil gekommen ist. Jesus möchte, dass wir aufgrund dieser Erfahrung (uns ist ja durch die Taufe ebenfalls ein riesiger barmherziger Akt geschenkt worden!) an unserem Nächsten ebenfalls so handeln: Wenn er an uns schuldig geworden ist, aber wirklich aufrichtig um Vergebung bittet, sollen auch wir ihm vergeben und keine Vergeltung mehr fordern. Und wenn jemand dann aufgrund der Missetaten uns gegenüber leidet, sollen auch wir ihm noch da heraushelfen. Das ist Ausdruck unserer Barmherzigkeit. Ein Beispiel: Ein Mann nimmt eine ganze Familie finanziell aus, hintergeht sie komplett. Die Familie gerät dadurch in Not, erkennt das Problem und bricht den Kontakt ab, vergibt diesem Mann aber von Herzen. Einige Jahre später ist dieser schuldig gewordene Mann ganz krank, kein Körperteil ist noch heile. Er ist nun total verarmt, hat alles verloren und viele Mitmenschen haben sich von ihm abgewandt. Die damalige Familie bekommt das nun mit und hilft ihm, obwohl er ja rein rechnerisch seine gerechte Strafe erhält. Die Familie unterstützt ihn finanziell, schenkt ihm ein offenes Ohr oder steht ihm auf andere Weise zur Seite. Dann ist das ein Ausdruck ihrer Barmherzigkeit. Gott sieht die Barmherzigkeit dieser Familie, so wie er auch schon ihre Vergebungsbereitschaft gesehen hat. Deshalb entschädigt er sie durch finanzielle Einkünfte aus unerwarteter Richtung. Er segnet sie und gibt ihr, was ihr weggenommen worden ist. Gott ist barmherzig, wenn er sieht, dass auch wir es sind. Dann demonstrieren wir nämlich unsere Aufrichtigkeit. Der Mann sieht die Vergebungsbereitschaft und Barmherzigkeit seines ehemaligen Opfers und schämt sich für seine Vergehen. Er bittet Gott um Verzeihung und erkennt, dass all seine Leiden auf seine eigenen Sünden zurückzuführen sind. Gott hat die Familie gerettet, er hat aber auch den Mann gerettet, der ja auch sein geliebtes Kind ist.
So ist es auch mit dem Richten und Verurteilen: Wir sollen einander nicht richten, denn das ist Gottes Aufgabe. Wir können nicht einmal das Herz des Mitmenschen sehen. Wie wollen wir ein kompetentes Urteil fällen, wenn wir nur die Spitze des Eisbergs, die Worte und Taten einer Person sehen, aber nicht ihre Absicht? Zurück zum Beispiel: Die ausgenutzte Familie hat sich nicht zum Richter über den Mann aufgespielt. Sie hätte ihm auch nie ein kompetentes und gerechtes Urteil verhängen können. Sie weiß ja nicht, warum der Mann damals so gehandelt hat, was er in seinem Leben erlebt hat, dass er so geworden ist. Sie hat dies alles Gott überlassen und so hat er den Mann die Konsequenzen seines Handelns tragen lassen.
Wenn wir unseren Mitmenschen nicht verurteilen und ihn nicht richten, dann wird auch Gott uns nicht richten oder verurteilen. Das muss man richtig verstehen. In gewisser Hinsicht muss man ja sagen, dass jeder Mensch vor Gott stehen und gerichtet wird. Hier muss man es also so verstehen, dass ein negatives Gerichtsurteil Gottes gemeint ist. Wir werden am Ende unseres Lebens das Urteil bekommen, bei Gott sein zu dürfen, nicht in der Gottesferne der Hölle. So wie wir unseren Mitmenschen vergeben haben, wird Gott auch unsere Schuld vergeben, die wir begangen haben.
„Gebt, dann wird auch euch gegeben werden“ – das betrifft auch die Versöhnung. Geben wir unserem Missetäter die Hand, so wird auch Gott uns, die wir alle ausnahmslos Missetäter gegenüber Gott sind mit jeder Sünde, die Hand reichen. All das betrifft nicht erst das Ende unseres Lebens. Schon im irdischen Dasein werden wir merken, dass Gott uns die Vergebung schenkt, dass wir in diesem Leben gesegnet werden. Im erzählten Beispiel hat es die Familie ja auch zu spüren bekommen, indem sie von Gott Segen erhalten hat. Sie wurde reichlich entschädigt.
Wenn wir wollen, dass Gott uns gegenüber großzügig, barmherzig, vergebungsbereit und wohlgesinnt ist, müssen wir all das unserem Mitmenschen gegenüber sein. Das ist nichts Anderes als die Goldene Regel: „Was ihr von Anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ Dies betrifft sowohl die Gottes- als auch die Nächstenliebe.

Jesus führt im heutigen Evangelium fort, was Daniel in der Lesung begonnen hat. Ja, man soll von Herzen bereuen, aber man muss auch dem Nächsten gegenüber dieselbe Vergebungsbereitschaft zeigen, die man von Gott erwartet. Wir können nicht das Vaterunser aufrichtig beten, wenn wir uns noch in einem unversöhnten Zustand mit einem anderen Menschen befinden. Leider kenne ich viele Menschen, die meinen, sie seien die besseren Katholiken, weil sie mehr beten als der Mainstream, doch zugleich sprechen sie kein Wort mit ihrem Vater oder ihrer Mutter. Sie sagen sogar, dass sie niemals mehr mit ihnen reden werden, obwohl besagter Elternteil krank und dem Tode nahe ist. Wie soll so einer Person die Vergebung Gottes zuteil werden, wenn sie nicht bereit ist, so kurz vor 12 diese Sache zu bereinigen? Jesus möchte, dass wir allen Menschen vergeben ohne Ausnahme. Manchmal ist es schon zu spät und die Person ist verstorben oder sie lebt am anderen Ende der Welt. Doch auch dann können wir von Herzen vergeben und der Person im Geiste zusagen:

„Ich vergebe dir alles von ganzem Herzen.
Ich löse mich von allen bösen Gedanken dir gegenüber,
auch wenn ich deine Missetaten nicht gutheiße.
Ich übergebe sie jetzt einfach Gott, der für Gerechtigkeit sorgen wird.
Ich gebe dich ab und löse mich von der Fessel des Nichtvergebens.

Herr, es fällt mir schwer, aber gib mir die Kraft,
von ganzem Herzen dieser Person vergeben zu können.
Gib mir deine vergebende Liebe ins Herz, damit ich es schaffe.“

Dann wird auch Gott uns alles vergeben und in dem Moment, wenn wir unsere ganze Vergebungsbereitschaft zeigen, dann spüren wir, wie Gottes vergebende Liebe unser Herz erfüllt. Wir merken, wie ein riesiger Stein uns vom Herzen fällt. Dann werden wir endlich frei von dem Gift der Unversöhntheit, das uns sogar physisch krank gemacht hat.

Jesus erwartet das im heutigen Evangelium also nicht, weil er Unmögliches von uns verlangt und weil er uns quälen möchte. Er will nur das beste für uns. Er möchte, dass wir endlich frei werden und das Richten, das Verurteilen, die Gerechtigkeit Gott überlassen. Er hat im Gegensatz zu uns die Kompetenz dazu.

Nutzen wir die Fastenzeit dazu, allen Menschen zu vergeben, denen wir noch nicht vergeben haben. Und wenn es schwer ist, mit ihnen ein Gespräch zu führen, können wir das auch im Geiste tun. Dann wird uns in der Beichte die Vergebung auf ganz vollkommene Weise zuteil und wir werden überreich gesegnet werden.
Das gehört zu den in der Fastenzeit gebotenen „Werken der Barmherzigkeit“ dazu. Nehmen wir das ernst.

Ihre Magstrauss

Samstag der 1. Woche der Fastenzeit

Dtn 26,16-19; Ps 119,1-2.4-5.7-8; Mt 5,43-48

Dtn 26
16 Heute, an diesem Tag, verpflichtet dich der HERR, dein Gott, diese Gesetze und die Rechtsentscheide zu halten: Du sollst sie bewahren und sie halten mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. 
17 Heute hast du der Erklärung des HERRN zugestimmt. Er hat dir erklärt: Er will dein Gott werden und du sollst auf seinen Wegen gehen, seine Gesetze, Gebote und Rechtsentscheide bewahren und auf seine Stimme hören. 
18 Und der HERR hat heute deiner Erklärung zugestimmt. Du hast ihm erklärt: Du möchtest das Volk werden, das ihm persönlich gehört, wie er es dir zugesagt hat. Du willst alle seine Gebote bewahren; 
19 er soll dich über alle Völker, die er geschaffen hat, erheben – zum Lob, zum Ruhm, zur Zierde – ; und du möchtest ein Volk werden, das ihm, dem HERRN, deinem Gott, heilig ist, wie er es zugesagt hat.

Die heutige Lesung ist aus dem Buch Deuteronomium, einer langen Abschlussansprache Moses. Er erklärt im heutigen Abschnitt den Grund für das Halten der Gebote.
Er hat das mosaische Gesetz noch einmal erklärt (deshalb der Name Deuteronomium, „zweites Gesetz“) und verpflichtet das Volk noch einmal auf die Einhaltung.
„Du sollst sie bewahren und sie halten mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele.“ Die Aussage ist dem Gebot der Gottesliebe sehr ähnlich, wo es heißt „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“. Das ist kein Zufall. Die Gottesliebe soll der Kern sein und die Absicht hinter dem Halten des mosaischen Gesetzes. So soll alles gehalten werden vom Herzen aus.
Im Vers darauf erinnert Mose das Volk daran, dass es seine Zustimmung gegeben hat, sozusagen sein Jawort. Das ist beim Bundesschluss entscheidend. Die Bedeutung eines Bundes ist, sich gegenseitig zu überantworten, sodass man dem Bündnispartner sagt: „Ich bin dein.“ Und so sagt Mose „Du möchtest das Volk werden, das ihm persönlich gehört, wie er es dir zugesagt hat.“ Von dieser tiefen Erkenntnis aus soll das Volk die Gebote Gottes halten.
Dann wird Gott Israel reichlich segnen (über alle Völker erheben). Dann möchte das Volk wirklich heilig sein, so wie Gott es berufen hat (schon in Lev 19,2).
Diese Worte sind auch an uns gerichtet, die wir durch die Taufe mit Gott einen Bund eingehen und diesen immer wieder erneuern. Auch wir sind dadurch zur Heiligkeit berufen und sollen diesen bestimmten Lebenswandel vom Wissen her führen, dass wir Gott gehören, der uns über alle erheben möchte – spätestens im Himmelreich.
Diese Heiligkeit bedeutet ein grundsätzliches Anderssein als der Mainstream, weil der Mainstream mit seinen Trends, Konventionen und Erwartungen nicht nach dem richtet, was Gott möchte. Das heißt das Anderssein soll nicht um des Anderssein willen geschehen, sondern ist die Folge davon, dass man eine andere Richtschnur hat, Gottes Willen.
Wir gehören Gott, deshalb müssen wir nach seinem Willen leben. Dadurch werden wir aber reich beschenkt und es wird uns immer nur zum besten dienen.

Ps 119
1 Selig, deren Weg ohne Tadel ist, die gehen nach der Weisung des HERRN. 
2 Selig, die seine Zeugnisse bewahren, ihn suchen mit ganzem Herzen,
4 Du hast deine Befehle gegeben, damit man sie genau beachtet. 
5 Wären doch meine Schritte fest darauf gerichtet, deine Gesetze zu beachten.
7 Mit lauterem Herzen will ich dir danken, wenn ich deine gerechten Entscheide lerne. 
8 Deinen Gesetzen will ich folgen. Verlass mich nicht! Niemals! 

Im Psalm werden jene gepriesen, die nach Gottes Willen leben. Jene sind selig zu preisen, die Gottes Gebote halten, was mit „Zeugnisse bewahren“ gemeint ist. Das hebräische Wort עֵדָה edah kann Zeugnis, aber auch das Gebot/Gesetz meinen. Die spezielle Verbform für „bewahren“ נֹצְרֵי nozrej ist ein Partizip. Dadurch wird ausgesagt, dass die Betroffenen die Gebote dauerhaft halten. Es geht um einen gesamten Lebenswandel, der hier in Vers 1 mit „Weg“ umschrieben wird.
Gottes Gebote sind zur genauen Befolgung gegeben worden. Das ändert sich auch mit Jesus nicht, der eben genau das möchte: die Gebote so zu verstehen, wie Gott sie ursprünglich gedacht hat. Greifen wir nochmal auf Deuteronomium zurück, können wir diese genaue Befolgung mit dem Bundesgedanken „ich gehöre dir und du gehörst mir“ erklären: Wenn wir uns für einen Menschen ganz entscheiden, vor allem in der Trauung (auch ein Bund!), dann nehmen wir ihn vollständig an und nicht nur den Teil von ihm, der uns passt. Wenn wir einen Menschen wirklich von Herzen lieben, dann lieben wir alles an ihm und möchten auch alles für ihn tun, um ihm unsere Liebe zu erweisen/beweisen. So ist es auch mit Gott. Es ist eine Beziehung, die wir heute durch den Neuen Bund, die Juden damals durch den Alten Bund mit ihm eingegangen sind. Damit verbunden ist ja das Halten seiner Gebote und diese halten wir vollständig. Es ist analog zur zwischenmenschlichen Beziehung und vor allem Eheschließung zu betrachten.
Berücksichtigen wir dies, werden wir die genaue Befolgung der Gebote mit Liebe in Verbindung bringen und nicht mit Pflichtbewusstsein, Perfektionismus und toter Buchstabentreue.
In Vers 5 wird angedeutet, dass der Mensch nicht perfekt ist und die Gebote hält, wie er sollte: „Wären doch meine Schritte fest darauf gerichtet“ ist der Wunsch des Beters, Gott immer treu zu sein. Es impliziert, dass dies nicht immer gegeben ist. Der Mensch sündigt. Und diese Beobachtung macht er schon sehr früh, nicht erst mit den Psalmen, aber dort durchaus intensiv.
„Mit lauterem Herzen will ich dir danken“ zeigt, dass wir Gott für seine Gebote wirklich nur danken können. Sie sind nicht da, um uns einzuschränken, sondern uns ein Leben in Fülle zu schenken. Wir werden wirklich von Herzen glücklich sein, wenn wir Gottes Weg gehen. Er kennt uns und weiß, was wir brauchen.
„Deinen Gesetzen will ich folgen“ ist eine Willensbekundung, eine Art Ja-Wort. So sollten auch wir jeden Tag beten: Ich möchte heute deinen Willen tun und ja zu dir sagen. Und auch den zweiten Teil möchten auch wir beten: „Verlass mich nicht! Niemals!“ Gott verlässt uns nie. Wir sind es, die ihn verlassen, indem wir ihn ablehnen. Das verstehen wir heute, die wir Gottes Zusage im brennenden Dornbusch mit dem Immanuel (Gott mit uns) und die letzten Worte Jesu vor seiner Himmelfahrt „ich bin bei euch alle Tag bis zum Ende der Welt“ in Verbindung bringen. Gott ist immer derselbe, doch wir gehen weg von ihm wie der verlorene Sohn im Gleichnis Jesu. Und dennoch können auch wir so beten, denn wir zeigen Gott dadurch unseren Willen, immer in seiner Gegenwart sein zu wollen.

Mt 5
43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 

44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, 
45 damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 
46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? 
47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? 
48 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!

Heute hören wir einen Abschnitt aus der Bergpredigt, der vor einigen Wochen auch das Sonntagsevangelium war.
Was Jesus heute erklärt, greift das mosaische Gesetz und die Nächstenliebe aus Levitikus auf: Wir sollen unsere Feinde lieben und für jene beten, die uns hassen. Es ist nicht nur so, dass wir unseren Nächsten lieben sollen, wie uns selbst und damit ist nicht mehr nur der Israelit gemeint. Es betrifft jetzt alle Menschen, egal welcher Nationalität oder Religiosität. Es ist sogar noch so – egal ob gutgesinnt oder feindlich.
Jeden Menschen zu lieben, ist Ausdruck für Barmherzigkeit (Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten“).
Den zurückzulieben, der mich auch liebt, ist keine große Leistung. Das ist, was alle tun. Dann ist es aber keine Liebe mehr, sondern eine Win-Win-Situation. Die Liebe als Gabe Gottes, die Agape, ist dagegen dann wirksam, wenn man gehasst wird, wenn es schwierig wird, wenn man liebt, obwohl man keine Gegenliebe erwarten kann.
Wer gibt, weil er weiß, dass ihm zurückgegeben wird, hat seinen Lohn schon bekommen. Er braucht vom Vater im Himmel nichts mehr erwarten.
Jesu Worte dringen direkt ins Herz und sind eine Herausforderung. Man wird dazu aufgefordert, zu lieben, wo es einem gegen den eigenen Strich geht, gegen das eigene Ego. Die Menschen verhöhnen einen noch in der heroischen Tat des Wangehinhaltens. Wir werden dann nichts Anderes erwarten können, denn Jesus selbst ist noch am Kreuz ausgelacht worden, weil er als Messias sich nicht vom Kreuz herabgeholt hat. Und jene, die ein bisschen Wärme in ihren Herzen haben, werden von dieser entlarvenden Liebe berührt. Und wenn sie nach außen hin auch noch nichts zeigen werden, beginnt schon ein Prozess der Verwandlung in ihnen. Gott ist barmherzig und wir sollen durch unsere Hingabe und Vergebungsbereitschaft zu den verlängerten Armen der göttlichen Barmherzigkeit werden. Unser Lohn im Himmel wird groß sein, denn so wie der Vater den Sohn über alle anderen erhöht hat (Phil 2), so wird er auch uns erhöhen. Was ist im Gegensatz zur ewigen Erhöhung durch Gott der vorübergehende Spott derer, die voll der weltlichen Weisheit sind?

Wir gehören Gott durch den neuen Bund und keiner kann uns dies entreißen. Auch wenn wir angefeindet werden, auch wenn jemand uns verspottet, wenn wir die Feinde lieben und ihnen vergeben, haben wir die tiefe Gewissheit, dass Gott uns über alle anderen erheben wird. Wir wissen, dass es nicht umsonst ist, Gottes Gebote zu halten aus diesem Kern der Liebe heraus. Mit Jesus haben wir auch ein perfektes Vorbild, das diese Liebe gänzlich vorgelebt hat. Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit, diese Liebe vermehrt zu praktizieren und in dem Kontext auch den Bund zu erneuern: „Fest soll mein Taufbund immer stehn. Zum Herrn will ich gehören. Er ruft mich seinen Weg zu gehen und will sein Wort mich lehren.“

Ihre Magstrauss

Freitag der 1. Woche der Fastenzeit

Ez 18,21-28; Ps 130,1-2.3-4.5-6b.6c-7a u. 8; Mt 5,20-26

Ez 18
21 Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, die er getan hat, abwendet, alle meine Satzungen bewahrt und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er bestimmt am Leben bleiben, er wird nicht sterben. 

22 Keines seiner Vergehen, die er begangen hat, wird ihm angerechnet. Wegen seiner Gerechtigkeit, die er geübt hat, wird er am Leben bleiben. 
23 Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch GOTTES, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er umkehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? 
24 Wenn jedoch ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, all die Gräueltat, die auch der Schuldige verübt, sollte er dann etwa am Leben bleiben? Keine seiner gerechten Taten wird ihm angerechnet. Wegen seiner Treulosigkeit, die er verübt, und wegen der Sünde, die er begangen hat, ihretwegen muss er sterben. 
25 Ihr aber sagt: Der Weg des Herrn ist nicht richtig. Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Weg soll nicht richtig sein? Sind es nicht eure Wege, die nicht richtig sind? 
26 Wenn ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. 
27 Wenn ein Schuldiger von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. 
28 Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben.

Heute hören wir aus dem Buch Ezechiel, einer prophetischen Schrift, die durch viele Bilder und Visionen all die Dinge aufgreift, die schon in den fünf Büchern Mose thematisiert worden sind. In diesen Fastentagen hören wir immer wieder Texte, die sich mit dem Thema Umkehr befassen, so auch hier:
„Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, (…) abwendet, (…) wird er bestimmt am Leben bleiben, er wird nicht sterben.“ Das Wort „bestimmt“ ist nicht im Sinne einer unsicheren Aussage wie „wahrscheinlich“ oder „womöglich“ zu verstehen, sondern im Hebräischen wird das Verb für „leben“ gedoppelt durch eine sogenannte Absolutusform. Deshalb übersetzen wir im Deutschen mit einem Wort der Betonung wie „bestimmt“ oder „auf jeden Fall“ oder „sicherlich“.
Diese Aussage greift auf, was schon Mose z.B. in seiner Abschlussrede in Deuteronomium mit Segen und Fluch, Leben und Tod gemeint hat. Wenn wir von unseren Sünden umkehren, werden wir nicht sterben. Das ist eine tiefe Wahrheit, die uns Hoffnung schenkt. Der hier angesprochene Tod ist sowohl moralisch als auch anagogisch zu verstehen: Wir werden wieder zurück in den Stand der Gnade versetzt und erleiden nicht den totalen seelischen Tod in unserem irdischen Leben. Zugleich werden wir nach unserem Tod nicht die ewige Gottferne erfahren, sondern haben eine Aussicht auf das ewige Leben bei Gott (Himmel statt Hölle).
„Keines seiner Vergehen, die er begangen hat, wird ihm angerechnet.“ So ist es auch mit uns heute, die wir das Sakrament der Versöhnung in Anspruch nehmen dürfen. Was wir vor Gott bekannt haben und was er uns vergeben hat, wird er nach unserem Tod nicht mehr thematisieren. Es ist wie aus dem Gedächtnis gestrichen. Die „Gerechtigkeit, die er geübt hat“, bleibt dagegen immer präsent vor Gottes Augen.
Gott wünscht sich von Herzen, dass jeder Mensch gerettet wird. Es hängt vom Willen des einzelnen Menschen ab, zu ihm umzukehren oder nicht. Es ist Gottes Wille, dass dies passiert, aber die Entscheidung kann Gott den Menschen nicht abnehmen.
Wenn dagegen ein Gerechter abfällt und dieselben Sünden begeht wie ein Ungläubiger, wird dagegen sehr streng gerichtet. Schließlich saß er an der Quelle und ist von ganz oben hinabgefallen. Er hat alles gewusst und handelt nun doch so, als hätte er das alles nicht gewusst. Wer aber viel verstanden hat, wird auch für viele Dinge zur Rechenschaft gezogen. Dann nützen ihm die guten Taten von früher auch nichts, denn die Gnade ist abgeschnitten. Es ist ein Judasmoment, denn man war an der Seite Gottes und hat ihm dann einen Dolch in den Rücken gestoßen, ihn verraten.
Wir müssen aber auch bedenken, dass der Verrat nicht das Ende vom Lied sein muss. Denn auch Petrus hat Jesus verraten, doch ist umgekehrt. Auch dann dürfen wir also umkehren. Was hier angesprochen wird, ist jedoch das Verharren in der Situation, die ausbleibende Umkehr.
Die Worte Ezechiels sind für uns heute sehr wichtig: Möge die Sünde noch so groß sein – Gott vergibt uns alles, einfach alles, wenn wir in uns gehen, es von Herzen bereuen, bekennen, uns vornehmen, es nicht mehr zu tun und es büßen. Dann werden wir den seelischen Tod nicht schauen, sondern bei Gott im Himmel sein (auch wenn vielleicht nach einer Zeit der Läuterung).
Diese Worte sollten wir uns in dieser Fastenzeit besonders zu Herzen nehmen. In dieser Gnadenzeit sollten wir in uns gehen und schauen, wo noch unversöhnte Sünden in uns schlummern. Eine echte Versöhnung mit Gott, eine wirklich innige Beziehung ohne Vorbehalte können wir erst dann haben, wenn diese Konfliktpunkte vollständig ausgeräumt sind. Dieser Grundsatz gilt zu allen Zeiten. Das merken wir daran, dass Ezechiel im 6. Jh. v. Chr. für uns heute so aktuell ist.

Ps 130
1 Ein Wallfahrtslied. Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir: 

2 Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade. 
3 Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn? 
4 Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient. 
5 Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort. 
6 Meine Seele wartet auf meinen Herrn mehr als Wächter auf den Morgen, ja, mehr als Wächter auf den Morgen. 
7 Israel, warte auf den HERRN, denn beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle. 
8 Ja, er wird Israel erlösen aus all seinen Sünden.

Wir beten einen Bittpsalm an diesem heutigen Tag, der zu Wallfahrten nach Jerusalem gebetet worden ist. Wir beten diesen Psalm heute unter anderem bei Beerdigungen, also wo es um den Tod geht. Und auch für uns ist er stets angemessen, die wir tagtäglich Gefahren des moralischen Todes ausgesetzt sind.
„Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir“ entspricht der Tiefe des Falls in moralischer Hinsicht, also wenn wir gesündigt haben. Es bezieht sich auf die gesamte Menschheit nach dem Sündenfall, die in die Tiefe gerissen worden ist. Es bezieht sich auf die Menschheit, die nach Erlösung schreit und die Jesus dann gebracht hat. Aus der Tiefe rufen auch wir Menschen nach der Erlösungstat Christi, die weiterhin sündigen und die im Namen Jesu vieles erleiden müssen und das Ende der Zeiten ersehnen.
„Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass dein Ohren achten auf mein Flehen um Gnade.“ Gott hat natürlich keine Ohren, aber es ist bildhaft gemeint für Gottes Gehör. Nichts verklingt vor Gott unerhört. Er hilft allen Menschen aus ihrer Not, aber auf seine Weise und in seinem Timing.
„Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn?“ – bringt es auf den Punkt. Kein Mensch hätte in den Himmel kommen können, wenn Jesus nicht alle Sünden der Welt auf sich genommen hätte. Wäre es ein reiner Kausalzusammenhang ohne diese barmherzige Intervention Gottes, wären alle Menschen ewig von Gott abgeschnitten gewesen. So ist es bei Gott aber nicht, sondern von Anfang an wollte er uns erlösen, weil sein Plan mit uns ist, dass wir alle gerettet werden. Er hat dafür alles vorbereitet, uns alles auf einem edlen Tablett serviert – nun liegt es an uns, die Erlösung, die Barmherzigkeit, die Vergebung Gottes anzunehmen und aufzustehen von unserem Fall.
„Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient“ – beschreibt den Grund unserer Erlösung: Wir sollen alle die Chance auf den Himmel haben, wo wir in ewiger Ehrfurcht Gott dienen. Aber auch jetzt schon in unserem irdischen Dasein vergibt uns Gott durch das Sakrament der Versöhnung immer wieder unsere Schuld, damit wir ihm mit versöhntem Herzen dienen können und er uns mit seinen Gnaden beschenken kann.
„Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort.“ Es ist total messianisch zu lesen: Die Menschen, die sich auf den Weg nach Jerusalem zu den Wallfahrtsfesten im jüdischen Festkalender machen, sind zugleich in einer umfassenden Notsituation, denn sie warten auf den Messias, der sie aus ihrer jeweiligen Fremdherrschaft und politischen Spannung herausholt. Vor allem ist es zurzeit Ezechiels akut, wo das Volk Israel in babylonischer Gefangenschaft ist und der erste Tempel ja zerstört ist. So warten die Juden auf den Messias, der dann aber ganz anders kam und ganz anders erlöste, als sie es erwartet haben. Jesus ist das fleischgewordene Wort Gottes, auf das der Psalmenbeter heute wartet. Auch wir warten auf den Messias, allerdings auf seine Wiederkehr am Ende der Zeiten.
Wir warten wie das Volk Israel dabei mehr als die Wächter auf den Morgen. Es ist ein schönes Bild, denn mit dem Morgen geht die Sonne auf und Christus ist die Sonne der Gerechtigkeit. Es ist auch kein Zufall, dass der Herr im Morgengrauen auferstanden ist – zusammen mit der Sonne.
Israel soll geduldig sein und warten, denn die Erlösung kommt. Ja, das Warten hat mit dem Kommen Christi ein Ende gehabt und der Welt ist wirklich die Erlösung in Fülle geschenkt worden – sie reicht bis in unsere heutige Zeit hinein und wird auch für die kommenden Generationen gelten!
Das Warten auf Gott zahlt sich immer aus. Die Geduld und die Standhaftigkeit bis dahin wird Gott sehen, er wird auch unser Rufen hören und so werden wir am Ende für das Warten überreich entschädigt. Gott wird uns in seine Arme schließen, sodass wir auf ewig mit ihm sein werden.

Mt 5
20 Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 
22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. 
23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 
24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe! 
25 Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist! Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins Gefängnis geworfen. 
26 Amen, ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.

Im Evangelium hören wir erneut aus der Bergpredigt einen wichtigen Ausschnitt. Es geht um Gerechtigkeit, die mit Beziehung zu tun hat und nicht (nur) mit Buchstabentreue.
Wer vor Gott gerecht sein möchte, muss eine weitaus größere Gerechtigkeit als die der Pharisäer und Schriftgelehrten aufweisen. Denn diese halten erstens gar nicht die vollständige Lehre im ursprünglichen Sinne, zweitens bauen sie ein menschliches Konstrukt darum, das sie statt der göttlichen Gebote halten. Das größte Problem aber besteht in der fehlenden Beziehung. Sie halten die Gebote nicht aus Liebe zu Gott, sondern um der Gebote willen. Dies führt zu einer Äußerlichkeit ohne entsprechende innere Herzenshaltung.
Und dann konkretisiert Jesus, was er damit meint, indem er die Gebote so auslegt, wie Gott sie eigentlich gemeint hat:
Er nimmt als erstes Beispiel das fünfte Gebot „du sollst nicht töten“. „Die Alten“ haben es so ausgelegt, dass man niemanden töten soll. Jesus radikalisiert es jetzt aber nach innen und stellt heraus, dass schon die Wut auf den Anderen, der Groll, die Rache, die bösen Wünsche gegenüber dem Anderen ein Verstoß gegen das Gebot sind. Ebenso ist es mit Beleidigungen. Er erklärt sie zum verbalen Mord. Nicht nur auf der Ebene des Handelns sündigt man gegen das fünfte Gebot, sondern auch auf den Ebenen der Gedanken und der Worte. Und diese Dinge reichen schon aus, kultisch unrein zu sein. Bevor man ein Opfer im Tempel darbringt, soll man zuerst Frieden schließen. Dabei soll man Friedensstifter sein selbst da, wo der Andere eigentlich die bösen Gedanken gegen einen selbst hegt.
Wenn Jesus dann das Bild des Wegs zum Gericht erwähnt, meint er damit nicht nur, dass man sich so schnell wie möglich versöhnen soll und es möglichst untereinander regeln soll, sondern auch die anagogische Ebene: Versöhne dich jetzt mit Gott und dem Nächsten, solange du noch lebst. Wenn du es bis zum Gericht Gottes nicht getan hast, wird es eine schmerzhafte Sache. Es ist selbst für die Angehörigen schmerzhaft, die einen unversöhnten Streit ihrer Familienmitglieder bis in den Tod begleiten müssen. So wie es besser ist, untereinander den Streit zu klären, bevor man im Gericht ankommt und dann ins Gefängnis muss, so ist es mit der Sühne eigener Sünden. Besser man sühnt sie noch in diesem Leben, denn danach wird es viel schmerzhafter es im „Gefängnis“ des Fegefeuers abzubezahlen.

Die Dinge, die Jesus hier vor allem konkret als Beispiele anführt, sind für uns wichtig, die wir in der Fastenzeit wirklich in uns gehen und nach ganz vergessenen Leichen im Keller suchen. Er gibt in der Bergpredigt im Grunde Anleitungen, wie eine gründliche Gewissenserforschung aussehen muss. Sie muss dabei vom Grundsatz ausgehen, dass der Mensch eine Beziehung zu Gott hat und jede Sünde ein Streit, ein Konflikt, eine Beleidigung Gottes ist. Er hilft uns, auf unseren moralischen Lebenswandel zu schauen wie Gott. Auch wenn es schmerzhaft ist, sich dann in einem realistischen Bild zu sehen, auch wenn es Überwindung kostet, umzukehren – nur so können wir in eine wirklich innere Beziehung zu Gott kommen, der ja schon an der Schwelle steht und Ausschau nach uns hält – bereit, uns in die Arme zu nehmen, wenn wir zu ihm zurückkehren. Nur so wird es eine echte Versöhnung geben und ein großes Fest wie bei der Rückkehr des verlorenen Sohns.

Ihre Magstrauss