Freitag der 5. Osterwoche

Apg 15,22-31; Ps 57,8-9.10-11; Joh 15,12-17

Apg 15
22 Da beschlossen die Apostel und die Ältesten zusammen mit der ganzen Gemeinde, Männer aus ihrer Mitte auszuwählen und sie zusammen mit Paulus und Barnabas nach Antiochia zu senden, nämlich Judas, genannt Barsabbas, und Silas, führende Männer unter den Brüdern.
23 Sie gaben ihnen folgendes Schreiben mit: Die Apostel und die Ältesten, eure Brüder, grüßen die Brüder aus dem Heidentum in Antiochia, in Syrien und Kilikien.
24 Wir haben gehört, dass einige von uns, denen wir keinen Auftrag erteilt haben, euch mit ihren Reden beunruhigt und eure Gemüter erregt haben.
25 Deshalb haben wir einmütig beschlossen, Männer auszuwählen und zusammen mit unseren geliebten Brüdern Barnabas und Paulus zu euch zu schicken,
26 die beide für den Namen Jesu Christi, unseres Herrn, ihr Leben eingesetzt haben.
27 Wir haben Judas und Silas abgesandt, die euch das Gleiche auch mündlich mitteilen sollen.

28 Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge:
29 Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig. Lebt wohl!
30 Man verabschiedete die Abgesandten und sie zogen hinab nach Antiochia, riefen die Gemeinde zusammen und übergaben ihr den Brief.
31 Sie lasen ihn und freuten sich über den Zuspruch.

Gestern hörten wir in der Lesung von hitzigen Auseinandersetzungen auf dem Apostelkonzil in Jerusalem. Es wurde über die Heilsnotwendigkeit der Beschneidung diskutiert sowie über die Haltung der gesamten Torah durch die Heiden. Petrus hat entschärfend eingewirkt, Paulus und Barnabas die Chance gehabt, Zeugnis von der heidnischen Bekehrungswelle auf der ersten Missionsreise zu berichten und Jakobus sodann das entscheidende Wort gesprochen: So wie im levitischen Heiligkeitsgesetz notiert sollen die Heiden aus Rücksicht vor den Judenchristen ein Mindestmaß an Ritualgeboten einhalten, ansonsten aber weder beschnitten werden noch der Torah unterworfen werden. Sie sollen nicht mit der pharisäischen Strenge belastet werden wie die Juden.
Damit können sich die meisten wohl anfreunden, denn heute hören wir davon, dass zusammen mit Paulus und Barnabas eine Gesandtschaft von zwei jerusalemer Brüdern nach Antiochia, der heidenchristlichen Basisgemeinde, zurückkehren und die Beschlüsse verlesen. Dies hätten Paulus und Barnabas auch hinbekommen, doch geht es hier um die Bedeutung der Vertreter. Dies macht die Angelegenheit hochoffiziell und autoritär.
Judas Barsabbas und Silas werden ausgewählt, diese Aufgabe zu übernehmen. Wir erfahren auch den Wortlaut des Schreibens:
Es handelt sich von der Form um einen Brief, der klassisch mit einem Präskript beginnt. Dort wird der Autor und der Absender formuliert sowie ein Gruß an den Adressaten gerichtet. Die Absender sind die Aposteln und die Ältesten (das heißt die Presbyter der Urgemeinde). Wie auch sonst in antiken Briefen wird der Absender grammatikalisch im Nominativ formuliert, der Empfänger aber im Dativ: Es handelt sich um die Heidenchristen („Brüder aus dem Heidentum“) in Antiochia, Syrien und Kilikien. Ein ganz knapper Gruß folgt der Nennung der Adressaten mithilfe des Wortes χαίρειν chairein (hier: „zum Gruß“).
Dann erfahren wir weitere Details von der Vorgeschichte, aufgrund welcher das Apostelkonzil überhaupt einberufen worden ist: Es gab Brüder der Urgemeinde, die ohne Beauftragung in Antiochia gepredigt und mit der Beschneidungsforderung für Unruhe gesorgt haben. Ihre eigenmächtige Verkündigung ohne offizielle Beauftragung ist uns neu.
Aus diesem Anlass hat die Urgemeinde beschlossen, mit Barnabas und Paulus die Männer Silas und Judas zu ihnen zu senden, die auch mündlich für den Inhalt des Schreibens einstehen. Es sind wirklich bewährte Männer, die „ihr Leben eingesetzt haben“ für Christus. Es könnte durchaus auf Bedrängung von Seiten der jüdischen Elite in Jerusalem hindeuten, die immer wieder versuchten, die aufkommende „Christus-Sekte“ auszumerzen.
Und dann kommt dieser wunderbare Satz: „Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen.“ Das muss man wirklich betonen. Es ist ein Teamwork von Gott und Mensch. Trotz hitziger Auseinandersetzungen war der Prozess des Apostelkonzils geistgetragen und dieser hat ihnen die richtigen Impulse, Erinnerungen und Beschwichtigungen eingegeben, sodass die Kirche zusammengehalten werde. Wir müssen hier ganz klar unterstreichen, dass es von Anfang an Spannungen in der Kirche gibt. Wo unterschiedliche Menschen zusammenleben, belasten ihre menschlichen Schwächen irgendwann die Gemeinschaft. Und es ist auch normal, dass es unterschiedliche Akzente und Mentalitäten gibt. Von Anfang an, ich betone das gerne, von Anfang an war katholische Problemlösung immer darauf bedacht, diese Schwerpunkte in ihrer Vielfalt zu erhalten. Wo nur ein Akzent zugelassen worden ist, entstanden Sekten, die irgendwann nichts mehr mit dem Christentum zu tun hatten (z.B. Markion mit seinem Antijudaismus). Katholisch heißt „allumfassend“, auch in der Weite der Lehre. Dies gilt bis heute. Katholisch ist Gregorianik und Alte Messe, katholisch ist aber auch die katholische charismatische Erneuerung.
Was auf dem Apostelkonzil entschieden worden ist, wurde unter dem Einfluss des Heiligen Geistes beschlossen. Eine höhere Autorität gibt es nicht. So signalisiert das Schreiben nun etwas Entscheidendes, an das man sich unbedingt halten muss:
Die Heidenchristen müssen die „Last“ der Juden nicht tragen (Beschneidung, Torah), jedoch Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht meiden. Sie verhalten sich richtig, wenn sie wenigstens dies halten.
Der Brief endet mit der gängigen Abschlussformel ἔρρωσθε errosthe, was so viel wie „Lebet wohl“ oder „Gehabt euch wohl“ heißt.
So ziehen die vier Männer nach Antiochia und der Brief wird dort verlesen. Die Gemeinde in Antiochia freut sich über den Zuspruch. Das griechische Wort ist an dieser Stelle παράκλησις paraklesis, was auch mit „Ermahnung, Ermunterung, Aufforderung“ übersetzt werden kann. Es ist in dieser sehr autoritativen Situation (die Jerusalemer haben zusammen mit dem Heiligen Geist beschlossen) am besten mit „Ermahnung“ zu übersetzen. Dies ist deshalb ein Grund zur Freude, weil in dieser Streitfrage endlich ein Machtwort gesprochen und Gewissheit eingekehrt ist. Die Verunsicherung in einer ganz ungeklärten Situation hat die Heidenchristen sehr verunsichert.
Wir lernen aus der heutigen Perikope, dass eine Autorität innerhalb einer Gemeinschaft wirklich wichtig ist. In so einem System kann Klarheit herrschen und eine deutliche Linie vorgegeben werden, die wiederum mit dem Willen Gottes übereinstimmen muss. Wenn jeder macht, was er will und keine Einigkeit bei allen Christen herrscht, ist es keine Weltgemeinschaft mehr. Es zerfällt in ein einziges Schollenmeer, das keine Einheit mehr hat.

Ps 57
8 Mein Herz ist bereit, Gott, mein Herz ist bereit, ich will singen und spielen.
9 Wach auf, meine Herrlichkeit! Wacht auf, Harfe und Leier! Ich will das Morgenrot wecken.
10 Ich will dich preisen, Herr, unter den Völkern, dir vor den Nationen spielen.
11 Denn deine Liebe reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue, so weit die Wolken ziehn.
12 Erhebe dich über den Himmel, Gott! Deine Herrlichkeit sei über der ganzen Erde!

Als Antwort beten wir den wundervollen Ps 57. Der Beginn wird auch heute wieder von einer Selbstaufforderung zum Lob gekennzeichnet. Das Herz ist bereit. Das ist entscheidend. Wenn auch unsere Lippen Gott loben und preisen, mit Instrumenten wie die Harfe und Leier aus Vers 9 begleiten, so laut singen, dass wir das Morgenrot wecken – all das ist nutzlos, wenn unser Herz nicht bei der Sache ist. Darauf kommt es Gott aber an, sodass seine Propheten oft die Herzensferne der Israeliten kritisieren (Jes 29,13f.). Wenn das Herz sich auf Gott ausrichtet und ihn aufrichtig preist, wird es zu einem würdigen Opfer für den Herrn.
Vers 9 ist sehr poetisch und als Morgenlob zu deuten, hat aber auch einen tieferen geistlichen Sinn: Die Herrlichkeit Gottes und das Morgenrot sollen aufwachen. Das ist zutiefst messianisch: Jesus Christus ist der Messias, dessen Kommen mit dem Morgenrot (von Osten) in Verbindung gebracht wird. Die Herrlichkeit Gottes soll aufwachen und den Retter senden, das Heil für das auserwählte Volk Israel.
Das Gotteslob soll nicht nur bei den Stämmen Israels erklingen, sondern auch „vor den Nationen“. Für die Völker wird hier in Vers 10 ammim gebraucht, was in der Einzahl zwar mehr auf das Volk Israel bezogen wird, in der Mehrzahl aber durchaus allgemein Völker meinen kann. Für die Nationen wird ummim gebraucht, was noch allgemeiner ist und ebenfalls auf alle Völker, also auch die nichtjüdischen Völker einbezieht. Vor dem Hintergrund der Lesung wird es zu einem Lobpreis der Antiochener, die Gottes Eingreifen in die ganze Streitsituation preisen.
„Denn deine Liebe reicht, so weit der Himmel ist“. Gottes Liebe ist unendlich, sie ist weltumspannend und gilt jedem Geschöpf. Gottes Liebe gilt somit auch den Heiden und muss auch ihnen verkündet werden. Auch die Treue Gottes ist unendlich. Er hält seine Versprechen und bricht den Bund mit seinem auserwählten Volk nie, selbst wenn das Volk dem Bund untreu wird. Gott verheißt das Heil nicht nur dem auserwählten Volk, sondern schon Jesaja schaut die Völkerwallfahrt zum Zion. Gott wird einen Bund schließen mit allen Menschen, auch mit den Heiden. Und in der Apostelgeschichte ist dies nun Realität geworden. Dort müssen nun pragmatische Probleme geklärt werden, die mit der Einbeziehung von Heiden entstehen.
Am Ende erfolgt die Bitte an Gott, sich über den ganzen Himmel zu erheben und seine Herrlichkeit über der ganzen Erde erstrahlen zu lassen. Dies ersehnen auch wir bis heute, wenn wir die Wiederkunft Christi erwarten. Wir ersehnen das Ende der Zeiten, wenn Gott in seiner ganzen Herrlichkeit allen Menschen offenbar wird. Dann wird der verherrlichte Menschensohn die Lebenden und die Toten richten und die Gottesherrschaft sich endgültig durchsetzen.

Joh 15
12 Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe.
13 Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.
14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage.
15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe.
16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet.
17 Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt.

Heute hören wir die Fortsetzung der zweiten Abschiedsrede. Es ging bereits gestern um die Liebe. Dort war es vor allem das Sein in der Liebe Gottes, was wir als Stand der Gnade bezeichnen. Diese wird dadurch aufrecht erhalten, dass der Mensch die Gebote Gottes hält.
Heute hören wir nun die zweite Seite der Liebesmedaille – die Nächstenliebe.
Es ist Gottes Wille, dass die Menschen einander so lieben, dass sie ihr Leben füreinander hingeben. Jesus sagt dies mit seinem bevorstehenden Kreuzestod im Sinn. Er wird es ihnen in vollkommener Weise vormachen, wenn er für die Erlösung der gesamten Menschheit ans Kreuz geschlagen wird.
Jesus erklärt den Aposteln auch, was er mit Freundschaft meint, denn er sieht die Lebenshingabe als größte Liebe gegenüber den Freunden. Er meint in erster Linie sich selbst, wie er sein Leben für seine Freunde hingibt, das heißt für seine Jünger. Darüber hinaus spricht er natürlich alle an, die in seiner Nachfolge leben und sich für ihre Freunde hingeben.
Freundschaft mit Christus ist ein anderes Bild für das Sein in Gottes Liebe. So sind auch die Gebote Gottes gleichzusetzen mit dem, was Christus seinen Jüngern aufträgt. Der Vater und der Sohn sind eins. Christus ist die Erfüllung der Gebote Gottes in Person. Auf ihn zu hören kommt der Erfüllung der Gottesgebote gleich. Freundschaft mit Christus haben wir, wenn wir auf ihn hören – wir sind in seiner Liebe durch die Haltung der Gebote Gottes.
Dann erklärt Jesus die Gegenbegrifflichkeit von Freund und Knecht. Wenn man bei einem Herrn als Knecht eingestellt ist, tut man einfach gehorsam, was einem aufgetragen wird. Doch der Herr wird nicht alle seine Pläne und Belange mit dem Knecht teilen. Das geht ihn nichts an. Anders sieht es unter Freunden aus. Diese erzählen sich alles auf einer sehr hohen Vertrauensbasis. Davon ausgehend erklärt Jesus seinen Aposteln, dass er und sie ein solches Freundschaftsverhältnis zueinander haben. Er hat ihnen alles erzählt (Stichwort Offenbarung), was er vom Vater gehört hat. Das ist ein sehr großer Vertrauenserweis, denn Jesus hat ihnen das Herz des Schöpfers von Himmel und Erde, des Herrschers über die Könige der Welt und des universalen Richters gezeigt. Diese größte Intimität hat Christus ihnen in Beziehung zum Vater ermöglicht!
Es geht noch weiter: Dass sie diese Freundschaft und somit den ultimativen Vertrauenserweis genießen dürfen, kommt nicht von ihrer eigenen Initiative, sondern Christus hat sie dazu erwählt! Wir wissen von den Evangelien, dass Jesus zu ihnen hinging und sie zu seinen Jüngern machte. Er rief sie dazu auf, ihm nachzufolgen und sie ließen alles stehen und liegen. So ist es auch mit uns: Gott hat uns erwählt, seine Freunde, seine Kinder, seine Familie zu sein. Er hat uns aus Liebe ins Dasein gerufen und alles, was wir ihm gegenüber anstreben – Liebe, Dankbarkeit, Glaube etc. – ist immer Antwort auf seine zuerst vorausgegangene Liebe.
Die Jünger sind dazu aufgerufen, Frucht zu bringen, die dauerhaft ist. Dieser Aufruf zur Fruchtbarkeit ist mehr als nur biologisch gemeint wie in der Genesis. Es geht um geistige Fruchtbarkeit, die eine viel größere ist. Die Jünger sollen das Wort Gottes ausstreuen und viele Kinder für die Familie Gottes streuen. Das ist also ein missionarisches Wort. Wer aber auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes getauft wird, bleibt in Ewigkeit ein Kind Gottes. Das Siegel, das bei der Taufe dem Täufling in die Seele eingeprägt wird, ist unauslöschlich, egal, was passiert. Deshalb ist es eine bleibende Frucht. So wird die Familie Gottes, die Kirche immer größer. Fruchtbar können die Apostel aber nur dann sein, wenn sie in der Liebe Gottes bleiben, also im Stand der Gnade. Und so ist es auch bis heute mit der Kirche als Leib Christi und mit jedem einzelnen Christen bezogen auf den Stand der Gnade. Was wir im Namen Jesu Christi erbitten, wird uns der Vater geben, wenn wir im Stand der Gnade bitten (und natürlich, wenn es seinem heiligen Willen entspricht!).
Jesus endet den heutigen Abschnitt mit einem wiederholten Aufruf zur Nächstenliebe. Sie ist mehr als nur ein gegenseitiges Gutsein. Sie übersteigt die Komfortzone bis hin zum Sterben füreinander. Das hat also nichts mit romantischen Vorstellungen zu tun, sondern damit, dass Liebe immer aufs Ganze geht. Jesus stirbt für die ganze Menschheit. Wer ihm nachfolgt und so lebt wie er, wird ebenfalls aufs Ganze gehen, wenn es sein muss. Dieses Sterben füreinander ist der äußerste Fall, doch auch das langsame Absterben des eigenen Willens und Egoismus, der eigenen Wünsche und Bequemlichkeiten um des Wohls des Anderen willen ist bei dieser Aussage mitgemeint. Wir sehen es besonders eindrücklich bei unseren Eltern. Sie geben sich so sehr für uns Kinder hin, opfern ihre Gesundheit, ihre Lebenszeit, ihre Finanzen, ihre eigenen Pläne, auch gerade beruflicher Art, um uns großzuziehen und zu erwachsenen Menschen und brennenden Christen zu machen. Es ist keine berechnende Liebe, die eine Gegenleistung erwartet, sondern eine ganz zweckfreie und selbstlose Hingabe und Ermöglichung optimaler Entfaltung des Anderen.

Diese absolute Selbstverschenkung an den Nächsten speist sich aus der Liebe Gottes und ist somit eine übernatürliche Liebe. Hier ist nicht mehr das Stichwort die φιλία philia „Freundschaft“, sondern die ἀγάπη agape. Sie fordert vom Menschen alles und weil dieser beschränkt ist, leitet sie sich von der übernatürlichen Gnade Gottes ab. Wenn wir in der Liebe Gottes sind, können wir diese übermenschliche Liebe auch dem Nächsten erweisen.

Ihre Magstrauss

Montag der 1. Woche der Fastenzeit

Lev 19,1-2.11-18; Ps 19,8.9.10.11 u. 15; Mt 25,31-46

Lev 19
1 Der HERR sprach zu Mose: 

2 Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten und sag zu ihnen: Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.
11 Ihr sollt nicht stehlen, nicht täuschen und einander nicht betrügen. 

12 Ihr sollt nicht falsch bei meinem Namen schwören; du würdest sonst den Namen deines Gottes entweihen. Ich bin der HERR. 
13 Du sollst deinen Nächsten nicht ausbeuten und ihn nicht um das Seine bringen. Der Lohn des Tagelöhners soll nicht über Nacht bis zum Morgen bei dir bleiben. 
14 Du sollst einen Tauben nicht verfluchen und einem Blinden kein Hindernis in den Weg stellen; vielmehr sollst du deinen Gott fürchten. Ich bin der HERR. 
15 Ihr sollt beim Rechtsentscheid kein Unrecht begehen. Du sollst weder für einen Geringen noch für einen Großen Partei nehmen; gerecht sollst du deinen Mitbürger richten. 
16 Du sollst deinen Mitbürger nicht verleumden und dich nicht hinstellen und das Blut deines Nächsten fordern. Ich bin der HERR. 
17 Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Mitbürger zurecht, so wirst du seinetwegen keine Sünde auf dich laden. 
18 An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.

Wir haben am Samstag davon gehört, welche Art von Fasten Gott gefällt – nämlich ein Fasten verbunden mit einem bestimmten moralischen Verhalten.
Heute hören wir aus dem Buch Levitikus, welche Worte Gott dem Mose für das Volk aufträgt. Dabei werden viele konkrete Verhaltensweisen aufgezählt, die auch in der Fastenzeit die korrekte Haltung beschreiben.
„Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig“ ist die Einleitung zu allem, was darauf folgt. Die Heiligkeit soll sich durch folgende Verhaltensweisen zeigen:
„Ihr sollt nicht stehlen, nicht täuschen und einander nicht betrügen“ – dies entspricht dem siebten und achten Gebot des Dekalogs. Geschäfte sollen aufrichtig geführt werden. Niemand soll den anderen ausbeuten oder mehr von ihm fordern als nötig. Das Eigentum des anderen ist sein Eigentum.
„Ihr sollt nicht falsch bei meinem Namen schwören; du würdest sonst den Namen deines Gottes entweihen“ – Schwüre müssen korrekt ausgeführt werden, denn Gottes Name ist heilig. Zur Zeit des Mose sind Schwüre noch zulässig, aber streng umgrenzt. Jesus wird in der Bergpredigt sagen: „Schwört gar nicht“ und damit meinen, dass diese nicht zur Untermauerung von Lügen gedacht sind. Außerdem soll man beim Namen Gottes überhaupt nicht schwören, wenn er so heilig ist.
Daraufhin wird nochmal explizit das Verbot der Ausbeutung des anderen genannt, das einem Diebstahl gleichkommt.
„Der Lohn des Tagelöhners soll nicht über Nacht bis zum Morgen bei dir bleiben.“ – Es bezieht sich auf den Lohn jener Menschen, die von Tag zu Tag überleben, deren Einkommen immer für den jeweiligen Tag gesichert werden muss, die also um ihr Existenzminimum gebracht werden, wenn man ihnen den Tageslohn erst am nächsten Tag übergibt. Die es am schwersten haben, sollen am meisten gestützt werden. Das ist, was in der Theologie oft als „Option für die Armen“ bezeichnet wird.
In Vers 14 heißt es dann: „Du sollst einen Tauben nicht verfluchen und einem Blinden kein Hindernis in den Weg stellen; vielmehr sollst du deinen Gott fürchten.“ Aus Gottesfurcht, aus Respekt vor dem, der alles sieht, sollen wir den Schwächeren und Beeinträchtigten nicht schikanieren.
In Vers 15 wird ausgedrückt, dass die Rechtsprechung neutral sein soll, frei von Parteilichkeit und gerecht. Wir müssen dabei berücksichtigen, dass Menschen nie zu hundert Prozent gerechtes Gericht halten können, das kann nur Gott.
Gott verbietet auch die Verleumdung von Mitbürgern und ihre Blutrache. Das ist ein wichtiger Punkt, denn er bezieht sich zunächst auf den Israeliten, nicht auf alle Menschen.
Die Heiligkeit der Israeliten soll dadurch gewährleistet werden, dass sie in ihrem Herzen ohne Hass gegenüber dem Bruder sind. Sie sollen die Sünde des Mitbürgers klar benennen, damit sie sich nicht mitschuldig machen. Sie sollen auch an den Israeliten keine Rache ausüben und nicht nachträglich sein. Und dann kommt das Gebot der Nächstenliebe, das auch Jesus als Kern des Gesetzes in die Mitte stellen wird: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

Ps 19
8 Die Weisung des HERRN ist vollkommen, sie erquickt den Menschen. Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich, den Unwissenden macht es weise. 

9 Die Befehle des HERRN sind gerade, sie erfüllen das Herz mit Freude. Das Gebot des HERRN ist rein, es erleuchtet die Augen. 
10 Die Furcht des HERRN ist lauter, sie besteht für immer. Die Urteile des HERRN sind wahrhaftig, gerecht sind sie alle. 
11 Sie sind kostbarer als Gold, als Feingold in Menge. Sie sind süßer als Honig, als Honig aus Waben.
15 Die Worte meines Munds mögen dir gefallen; was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, HERR, mein Fels und mein Erlöser.

Wir beten heute einen Lobpsalm auf die Schöpfung Gottes und auf seine Weisung.
In Vers 8 wird die Vollkommenheit der Weisung gepriesen, das heißt der Torah. Sie „erquickt den Menschen“. Gott gibt keine Gebote auf, die den Menschen einschränken, belasten und unglücklich machen sollen. Es geht immer darum, dass er nur das Beste für den Menschen bereithält und genau weiß, was er braucht. Die Torah macht vielmehr frei und bringt dem Menschen Heil.
„Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich“ bezieht sich ebenfalls auf die Torah, denn das hebräische Wort עֵד֥וּת edut, das hier mit „Zeugnis“ übersetzt wird, kann auch mit „Gebot“ übersetzt werden. Es macht den Unwissenden weise, denn es ist die Schule Gottes.
Gottes Befehle sind „gerade“ und „erfüllen das Herz mit Freude“. Gott erwartet nichts Unmögliches, bei dem man ganz überfordert ist. Die Geradlinigkeit steht für die Nachvollziehbarkeit und Machbarkeit. Sie erfüllen mit Freude, weil Gott den Menschen glücklich machen möchte.
Gottes Weisung ist rein und erleuchtet die Augen. Sie ist ganz frei von bösen Absichten und Hinterhältigkeit. Sie ist so, dass sie den Weg vor dem Menschen erkennbar macht und er erkennt, wie er sich verhalten soll. Auch in Vers 10 wird mit ähnlichen Ausdrücken wiederholt, dass Gottes Weisung wahr und gerecht ist. Dort ist aber auch die Rede von der Gottesfurcht, die lauter ist. Dieses uns kaum noch geläufige Wort ist ein Synonym für „rein“ und soll verdeutlichen, dass die Gottesfurcht bei der Befolgung der Torah essenziell ist.
Gottes Torah ist wertvoller als Gold, weil sie uns zum ewigen Leben verhilft. Sie ist köstlicher als Honig, was als der Süßstoff schlechthin galt. Sie schmeckt süß, weil sie den Menschen erquickt (siehe oben).
„Die Worte meines Munds mögen die gefallen“ bezieht sich auf den Lobpreis, den König David hier für Gottes Torah und seine Schöpfung formuliert. Er hofft, dass sein Preislied Gott gefalle.
Dass es aber nicht nur um schöne Worte geht, sondern auch um die Erwägung seines Herzens, wird durch den zweiten Teilsatz deutlich: „was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen“. Er bringt singend also zum Ausdruck, was sein Herz erwägt. So soll auch unser Lobpreis sein, damit Gott uns nicht vorwerfen kann: „Sie preisen mit mit ihren Lippen, doch ihr Herz ist weit weg von mir“ (Jes 29,13).
David nennt Gott zum Schluss seinen Felsen und seinen Erlöser. Beides sind Bilder, die Jesus aufgreifen wird bzw. die auf ihn angewandt werden.
Der Lobpreis an die Torah Gottes ist auf die Dinge zurückzubeziehen, die wir im Buch Levitikus gehört haben: Die Weisung Gottes ist dafür da, den Menschen glücklich zu machen und der Kern aller Gebote und Gesetze ist die Liebe. Das geht schon aus dem AT selbst hervor. Wenn Jesus dies noch einmal betonen wird, ist es im Grunde nichts Neues, sondern eine Erinnerung daran, wie es ursprünglich gedacht war. Die Juden werden sich mit der Zeit so sehr an die vielen Bäume gewöhnen, dass sie den Wald nicht mehr erkennen. Wenn wir Levitikus hören, sehen wir konkret, was König David mit „Erquickung der Seele“, „Erfüllung des Herzens mit Freude“ oder „kostbarer als Gold“ meint. Alles, was Gott den Israeliten vorschreibt, kommt ihnen zugute. Es fördert ein gutes Zusammenleben. Gott erwartet auch nichts Unrealistisches, wenn er z.B. vorschreibt, dem Tagelöhner den Tageslohn noch am selben Tag zu übergeben.
Danken auch wir dem Herrn für seine Gebote, denn sie machen auch uns heute glücklich!

Mt 25
31 Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. 
32 Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. 
33 Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. 
34 Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! 
35 Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; 
36 ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. 
37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? 
38 Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? 
39 Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 
40 Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. 
41 Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! 
42 Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; 
43 ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. 
44 Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? 
45 Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. 
46 Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.

Im Evangelium hören wir heute die Konsequenzen oder das Ende des Lebenswandels. Wir hören davon, wie es ausgehen wird je nachdem, ob wir die Gebote Gottes gehalten haben oder nach unseren eigenen Regeln das Leben gestaltet haben.
Jesus berichtet nicht vom Ende des individuellen Lebens, sondern kündigt das Ende der Zeiten an, wenn er als verherrlichter Menschensohn wiederkommen wird.
Er schildert also das Weltgericht, bei dem jeder nach seinen Taten gerichtet wird.
Dabei wird Jesus zunächst die Schafe von den Böcken scheiden. Dieser Schritt ist den Juden, die Jesu Worten lauschen, aus dem Buch Ezechiel bereits bekannt (Ez 34). Jesus greift bewusst bekannte Bilder für das Endgericht auf (die Menschen sind ja nicht wörtlich Schafe und Böcke…).
Die Schafe zur Rechten (die Gerechten) werden als Erben im Reich Gottes eingesetzt werden, die er auch umschreibt mit den Worten „die ihr von meinem Vater gesegnet seid“. Auch diese Geste ist den Juden bekannt. Dieser Segen des eigenen biologischen Vaters ist entscheidend und insbesondere das Erstgeburtsrecht wird mit einem väterlichen Segen übertragen. Die Gnade, die durch den väterlichen Segen dem Sohn übertragen wird, ist existenziell. Nun sind es aber alle auf der rechten Seite, die mit einem solchen Segen ausgestattet werden und dieser ist viel größer als der bisherige väterliche Segen! Hier geht es um die Ewigkeit!
Das Reich Gottes ist seit der Erschaffung der Welt der Plan Gottes für den Menschen. Dafür ist er geschaffen worden – um in Gemeinschaft mit Gott leben zu können. Der Mensch hat alles verspielt (wir hörten gestern davon), doch Gott kann auch auf krummen Seiten gerade schreiben. Er hat die Menschheit erlöst durch die Hingabe seines einzigen Sohnes, damit auf Umwegen der Heilsplan Gottes dann doch am Ende siegen würde.
Dann zählt Jesus viele barmherzigen Taten auf, die wir in ähnlicher Form neulich aus dem Buch Jesaja gehört haben, als es um ein gerechtes Fasten ging (Jes 58).
Seine Pointe bei all den barmherzigen Taten, die die Schafe auf der rechten Seite getan haben, ist: All dies haben sie nicht einfach nur ihrem Nächsten getan, sondern Jesus selbst. Das ist die anagogische Konsequenz des Doppelgebots der Liebe. Man liebt Gott durch den Nächsten. Dafür wird man am Ende belohnt.
Dann wird sich Jesus den Böcken auf der Linken Seite zuwenden und ihnen sagen: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.“ Aufgrund dieser Aussage kann man nun wirklich nicht leugnen, dass die Bibel eine Hölle kennt. Diese ist der „Ort“ der absoluten Gottesferne (in der Ewigkeit gibt es weder Zeit noch Raum). Sie sind dabei verflucht, weil sie es sich selbst ausgesucht haben. Sie haben sich im Grunde selbst verflucht und deshalb muss Jesus sagen „geht weg von mir“. Wenn wir uns vorstellen, wie Jesus sich dabei fühlen wird, können wir nur absoluten Schmerz empfinden. Was wird Gottes Herz doch zerreißen bei der Verurteilung derer, die ihn bis zur letzten Sekunde abgelehnt haben!
Auch hier zählt Jesus dann auf, warum sie dieses Urteil erwartet. Sie haben all die barmherzigen Taten wie das Nähren des Hungrigen, das Tränken des Durstigen, das Kleiden des Nackten etc. nicht getan. Somit haben sie Jesus all das nicht getan. Sie haben das Doppelgebot der Liebe, das den Kern der gesamten Torah darstellt, nicht gelebt.
Jesus schildert absolut drastisch, was die Menschen erwarten wird, aber nicht, um ihnen Angst einzujagen, sondern um sie wachzurütteln. Seine gesamte Botschaft ist ja in dem Vers zusammengefasst: „Das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Er möchte mit dieser apokalyptischen Rede den Zuhörern, so auch uns, verdeutlichen: Kehrt noch heute um, entscheidet euch für mich und tut diese barmherzigen Taten an eurem Nächsten! Dann werdet ihr am Ende zu jenen gehören, die auf der rechten Seite stehen werden und das ewige Leben erben werden.

Wir befinden uns jetzt in einer besonderen Gnadenzeit. Gott möchte uns mit vielen Gnaden überschütten, wenn wir von Herzen unsere Bereitschaft zur Umkehr zeigen. Wenn wir uns wirklich mit ganzer Kraft bemühen, wird er uns seine helfende Gnade schenken, mit der wir zu barmherzigeren und gottesfürchtigeren Menschen werden können. So gehen wir dann als neue Menschen mit einer innigeren Beziehung zu Gott auf Ostern zu.

Ihre Magstrauss