Freitag der 2. Woche im Jahreskreis

1 Sam 24,3-21; Ps 57,2.3-4.6 u. 11; Mk 3, 13-19

1 Sam 24
3 Da nahm Saul dreitausend Mann, ausgesuchte Leute aus ganz Israel, und zog aus, um David und seine Männer bei den Steinbock-Felsen zu suchen. 
4 Auf seinem Weg kam er zu einigen Schafhürden. Dort war eine Höhle. Saul ging hinein, um seine Notdurft zu verrichten. David aber und seine Männer saßen hinten in der Höhle. 
5 Da sagten die Männer zu David: Das ist der Tag, von dem der HERR zu dir gesagt hat: Sieh her, ich gebe deinen Feind in deine Hand und du kannst mit ihm machen, was dir richtig erscheint. Da stand David auf und schnitt heimlich einen Zipfel von Sauls Mantel ab. 
6 Hinterher aber schlug David das Gewissen, weil er einen Zipfel vom Mantel Sauls abgeschnitten hatte. 

7 Er sagte zu seinen Männern: Der HERR bewahre mich davor, meinem Gebieter, dem Gesalbten des HERRN, so etwas anzutun und Hand an ihn zu legen; denn er ist der Gesalbte des HERRN. 
8 Und David fuhr seine Leute mit scharfen Worten an und ließ nicht zu, dass sie sich an Saul vergriffen. Als Saul die Höhle verlassen hatte und seinen Weg fortsetzte, 
9 stand auch David auf, verließ die Höhle und rief Saul nach: Mein Herr und König! Als Saul sich umblickte, verneigte sich David bis zur Erde und warf sich nieder. 
10 Dann sagte David zu Saul: Warum hörst du auf die Worte von Leuten, die sagen: Gib Acht, David will dein Verderben.
11 Doch heute kannst du mit eigenen Augen sehen, dass der HERR dich heute in der Höhle in meine Hand gegeben hat. Man hat mir gesagt, ich solle dich töten; aber ich habe dich geschont. Ich sagte: Ich will nicht die Hand an meinen Herrn legen; denn er ist der Gesalbte des HERRN. 
12 Sieh her, mein Vater! Hier, der Zipfel deines Mantels ist in meiner Hand. Wenn ich einen Zipfel deines Mantels abgeschnitten und dich nicht getötet habe, dann kannst du erkennen und einsehen, dass ich weder Bosheit noch Aufruhr im Sinn habe und dass ich mich nicht gegen dich versündigt habe; du aber stellst mir nach, um mir das Leben zu nehmen. 
13 Der HERR soll zwischen mir und dir entscheiden. Der HERR soll mich an dir rächen; aber meine Hand wird dich nicht anrühren, 
14 wie das alte Sprichwort sagt: Von den Frevlern geht Frevel aus; aber meine Hand soll dich nicht anrühren. 

15 Hinter wem zieht der König von Israel her? Wem jagst du nach? Einem toten Hund, einem einzigen Floh! 
16 Der HERR soll unser Richter sein und zwischen mir und dir entscheiden. Er blicke her, er soll meinen Rechtsstreit führen und mir dir gegenüber Recht verschaffen. 
17 Als David das zu Saul gesagt hatte, antwortete Saul: Ist das nicht deine Stimme, mein Sohn David? Und Saul begann laut zu weinen 
18 und sagte zu David: Du bist gerechter als ich; denn du hast mir Gutes erwiesen, während ich böse an dir gehandelt habe. 
19 Du hast heute bewiesen, dass du gut an mir gehandelt hast; obwohl der HERR mich in deine Hand gegeben hatte, hast du mich nicht getötet. 
20 Wenn jemand auf seinen Feind trifft, lässt er ihn dann im Guten seinen Weg weiterziehen? Der HERR möge dir mit Gutem vergelten, was du mir heute getan hast! 
21 Jetzt weiß ich, dass du König werden wirst und dass das Königtum in deiner Hand Bestand haben wird.

Gestern hörten wir bereits von der Eifersucht Sauls, der Gottes Hand auf David immer mehr erahnt. Er möchte sogar so weit gehen, David grundlos umbringen zu lassen, doch sein Sohn kann ihn noch davon abbringen. Jonatan ist ein richtiger Freund, wie man ihn sich wünscht. Er bewahrt David vor einer ungerechten Ermordung. Es ist deshalb so ungerecht, weil David sich erstens nichts hat zu Schulden kommen lassen, zweitens Saul sogar einen großen Dienst erwiesen hat. Die Beziehung zwischen Saul und David wird auch heute noch einmal eskalieren und erinnert umso mehr an ein „Königsduell“ aus dem NT, über das wir gleich noch nachdenken werden – bleiben Sie dran!
Der Ausschnitt aus dem heutigen Kapitel erfolgt nach einigen weiteren Ereignissen, in denen z.B. von mehrfachen dämonischen Angriffen oder sogar von einer Besessenheit Sauls berichtet wird. Immer, wenn der Dämon Überhand gewinnt, versucht Saul David zu töten (z.B. mit Speeren oder indem er jemanden zum Mord beauftragt). Davids Frau Michal, die zugleich die Tochter Sauls ist, hilft ihm, zu entkommen. David versteckt sich dann z.B. bei Samuel im Prophetenhaus und gerät zusammen mit den Propheten in Ekstase. Der Geist Gottes kommt auch über die Boten, die Saul hinschickt und sogar über Saul selbst. Dann muss David sich tagelang auf einem Feld verstecken, dann flüchtet er ganz aus der Gegend. Insgesamt verliert er aber kein böses Wort über Saul und stellt diesen niemals bloß. Das spricht sehr für Davids Barmherzigkeit. Saul wird immer paranoider und lässt diejenigen töten, die in Davids Flucht involviert sind, so auch Priester und Propheten. David sammelt um sich mehrere hundert Männer und schafft es immer wieder, Saul zu entkommen. Und dann passiert etwas Skurriles. Es kommt so, dass Saul sich in eine ungeschützte Situation begibt, in der David ihn theoretisch umbringen kann: Er verrichtet seine Notdurft in einer Höhle, in der David sich versteckt hält. Doch er tut dies nicht, sondern schneidet nur einen Zipfel von Sauls Mantel ab. Warum beendet er die Misere nicht einfach? David weiß, dass Saul ein schlechter König ist und dass er für ihn eine große Bedrohung ist. Zugleich ist ihm aber auch bewusst, dass Saul ein von Gott gesalbter Mensch ist, also Gott geweiht. Er versteht, dass unabhängig davon, wie Saul lebt, er Gottes besonderes Eigentum ist, das David nicht antasten darf.
Das ist für uns ein ganz großes Zeugnis. Wie oft reden wir schlecht über Priester, Bischöfe oder den Papst und verhalten uns ihnen gegenüber respektlos. Dabei sind sie Gottes Augapfel, sein Eigentum. Sie sind geweiht, sie sind gesalbt mit dem Hl. Geist. Man muss dringend unterscheiden zwischen der unvergleichlichen Würde, die einem Geistlichen durch die Weihe zukommt, und seinen charakterlichen Schwächen, seinen Sünden und seinem unmoralischen Lebenswandel. Diese darf man und muss man gewiss kritisieren, darf davon ausgehend aber nicht auf seine Würde schließen, darf auch nicht das Verhalten gegenüber dem Geweihten davon abhängig machen. So oder so artet es in einen Klerikalismus aus, wenn wir beide Ebenen nicht sauber voneinander trennen – in einen negativen („Er ist ein Sünder, also sind die Sakramente bei ihm nicht gültig“) oder positiven Klerikalismus („Ich darf ihn nicht kritisieren und alles, was er sagt, ist unfehlbar“).
David ist der Inbegriff der Barmherzigkeit und Demut im Alten Testament. Er selbst ist ein Gesalbter Gottes und doch wirft er sich vor so einem großen Sünder wie Saul nieder. Er zeigt ihm den Zipfel des Mantels, um ihm zu beweisen, dass er keine Meuterei plant, dass er Saul nichts Böses möchte und ihn verschont, obwohl die Männer Davids ihn zum Töten auffordern. Ich habe die letzten Tage immer wieder erwähnt, dass David sehr „fortschrittlich“ ist in seiner Gottesbeziehung und in seiner Gotteserkenntnis. Heute sehen wir absolut typologisch zu Jesus, was Feindesliebe ist und wie sie die Spirale der Gewalt durchbricht. David verschont den, der ihn umbringen will, obwohl er selbst als absolut Unschuldiger verfolgt worden ist. Er wirft sich in den Staub vor seinem Erzfeind und nennt sich selbst einen Floh und einen toten Hund. Das berührt Saul. Das beendet die Fehde. Nur Liebe kann den Hass überwinden. Zorn gegen Zorn ist aber Öl ins Feuer.
In dieser Situation geht Saul sein eigenes Fehlverhalten auf und Davids Barmherzigkeit berührt ihn zutiefst. Er weint, weil er endlich bereut, was er getan hat. Er erkennt auch endlich, dass David im Gegensatz zu ihm ein würdiger Thronanwärter für das gesamtisraelitische Königtum ist.
Jesus wird zu uns sagen: Liebet eure Feinde, betet für die, die euch hassen. Er wird uns sogar auffordern, die andere Wange hinzuhalten usw. Nur so können wir den Hass in unserem Leben vertreiben. Das kostet viel Demut und Überwindung, denn wir sehen bei Jesus selbst, wie sich die Menschen in seinem Leiden und Tod über ihn lustig machen. Aber am Ende hat er die Welt verändert und etliche Herzen für sich gewonnen. Er hat seine Würde auf das himmlische Königtum absolut bewiesen so wie David seine Kompetenz für das irdische Königtum.
Wie geht es weiter? Saul vergisst die barmherzige Tat, die David ihm erwiesen hat, und verfolgt ihn weiterhin. David erhält erneut die Chance, Saul umzubringen, und verschont ihn wieder. Am Ende wird Saul sich in einer Schlacht gegen die Philister selbst umbringen, bevor er von seinen Gegnern besiegt werden kann. Sie schänden seinen Leichnam und treiben schlimmsten Götzendienst. Er findet leider ein schändliches Ende.
Die ganze tragische Geschichte Sauls und seiner Eifersucht gegenüber David erinnert sehr stark an Jesus und Herodes. Auch dort ist ein König an der Macht, der eigentlich „illegal“ ist. Er ist von Haus aus Idumäer und seine Vorfahren zum Judentum zwangsbekehrt worden. Er gehört also weder einem der zwölf Stämme Israels an noch ist er Judäer. Der rechtmäßige König soll aus dem Stamm Juda kommen. Zu seiner Zeit läuft so einiges gehörig schief. Auch das Priestertum ist nicht mehr das traditionelle, gottgewollte aaronitische Priestertum, sondern seit der Makkabäerzeit ein politisches, das in Gottes Augen eigentlich keine Berechtigung hat. Das verstehen so auch die Essener, die deshalb der Tempellobby kritisch gegenüberstehen und für das traditionelle Priestertum plädieren. Nun kommen die Weisen aus dem Morgenland und berichten dem paranoid angehauchten König Herodes von einem aufgehenden Stern und einem neugeborenen König. Dies lässt ihn in seiner ganzen Existenz erzittern. Wenn jetzt ein judäischer König auftaucht, sind seine Tage gezählt. Er tut dann ebenfalls wie Saul alles dafür, diesen Anwärter zu töten. Doch Gottes Hand ist auf seinem geliebten Sohn, sodass Herodes Jesus nicht töten kann.
Der Mensch verkommt zu einer Bestie, wenn er seiner Eifersucht nachgibt. Wir denken an die vielen Familientragödien, in denen Eifersucht ganze Ehen zerstört, Menschenleben gekostet und glückliche Seelen erschüttert hat. Sie ist Antrieb in jeder mittelmäßigen Seifenoper und kein Roman kommt ohne sie aus. Ganze Kriege sind aufgrund von Eifersucht geführt worden.
Lassen wir uns auf diese Versuchung nicht ein. Geben wir jede schlechte Emotion Gott ab und bitten wir ihn, die Wurzel zu heilen – unsere eigene Unsicherheit. Geben wir ihr keinen Raum, unsere eigene Seele zu verderben. Dann retten wir nicht nur uns, sondern auch unser gesamtes Umfeld.

Ps 57
2 Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig, denn ich habe mich bei dir geborgen, im Schatten deiner Flügel will ich mich bergen, bis das Unheil vorübergeht. 
3 Ich rufe zu Gott, dem Höchsten, zu Gott, der mir beisteht. 
4 Er sende vom Himmel und rette mich, es höhnte, der mir nachstellt. Gott sende seine Huld und seine Treue.
6 Erhebe dich über den Himmel, Gott! Deine Herrlichkeit sei über der ganzen Erde! 
11 Denn deine Liebe reicht, so weit der Himmel ist, deine Treue, so weit die Wolken ziehn.

Heute beten wir als Psalm eine Reflexion Davids gegenüber seinem Leben in ständiger Verfolgung. „Sei mir gnädig, Gott, sei mir gnädig“ muss unser tägliches und immerwährendes Gebet sein. Egal in welcher Lage wir uns befinden. Es ist das Stoßgebet, das immer auf unseren Lippen sein muss. Vergessen wir nie, dass in jeder Lebenslage wir auf Gottes Gnade angewiesen sind und er uns seine unendliche Barmherzigkeit immer schenken möchte.
„Ich habe mich bei dir geborgen“ kann David immer wieder sagen. Gott hat seinen Gesalbten „im Schatten [s]einer Flügel“ geborgen, sodass Saul ihm nichts anhaben kann. David hat Gott stets sein Vertrauen bekundet. Er tröstet noch die Menschen um ihn herum, die wegen ihm in Lebensgefahr schweben wie der eine Priester, der Sauls Tötungsauftrag entkommt und zu David flieht. Er weiß, dass Gott ihn beschützt, weil er noch einen Plan mit ihm hat.
Er ist stets im Gebet mit Gott verbunden, der ihm beisteht.
Wenn David betet: „Er sende vom Himmel und rette mich“, klingt dies schon sehr messianisch. Vom Himmel sendet Gott nämlich seinen eingeborenen Sohn Jesus Christus, den Retter, dessen Name „Gott rettet“ bedeutet.
Mit dem Nachsteller ist König Saul gemeint, vor dem David immer wieder flüchten muss. Er betet um Gottes Treue, das heißt darum, dass Gott sein Versprechen hält, ihn zu beschützen.
Gottes Herrlichkeit auf der ganzen Erde ist eine Sehnsucht nach universaler Offenbarung. Diese ist uns mit Jesus schon geschenkt worden, dessen Evangelium sich in der ganzen Welt ausgebreitet hat. Dies wird sich aber vollenden am Ende der Zeiten, wenn Jesus in seiner Herrlichkeit wiederkommt. Dann wird ihn jedes Auge sehen.
Gott ist wirklich treu und seine Liebe ist grenzenlos. Dass David dies betet, bekundet seinen Glauben und seine innige Gottesliebe. Er ist auch in seiner Notsituation ein großes Vorbild für uns, weil er nicht hadert, nicht murrt, sondern innig und vertrauensvoll bittet.
Der gesamte Psalm ist für uns ein wertvoller Schatz. Auch wir dürfen von Herzen glauben, dass Gott uns beisteht bei allem, was wir tun und erleiden. Er lässt uns nicht zugrunde gehen, auch wenn uns so manches ab und zu in die Knie zwingt. Das muss auch manchmal sein, damit wir nicht vergessen, dass wir Gottes Barmherzigkeit bedürfen. Wie wir dann in Notsituationen reagieren, ist unsere Bewährungsprobe. Vertrauen wir ganz auf Gottes Rettung und darauf, dass er treu ist. Wenn er uns verspricht, uns zu segnen und durch alles hindurch zu tragen, wird er das auch in der aktuellen Situation tun.
Darauf können wir auch als Kirche vertrauen. Die heutigen Entwicklungen, Versuchungen und vor allem Verfolgungen sind sehr drastisch und doch dürfen wir nicht das Handtuch werfen. Gott trägt uns auch durch diese Epoche und dann wird es eine Erneuerung der Kirche geben. Sie wird neu aufblühen und von neuem wird es einen brennenden Glauben geben. Wir müssen nur darauf vertrauen, dass Jesus es ernst meinte, als er sagte: „Und die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen.“
Wir dürfen darauf vertrauen, dass am Ende der Zeiten Gottes Herrlichkeit alles überbieten wird, was wir jetzt an Dunkelheit erleben. Gott wird mit dem Bösen abrechnen und es wird dann keine Not und kein Leiden mehr geben. Glauben wir ihm das, auch gerade dann, wenn es angesichts so vieler Missstände irreal erscheint.

Mk 3
13 Jesus stieg auf einen Berg und rief die zu sich, die er selbst wollte, und sie kamen zu ihm. 
14 Und er setzte zwölf ein, damit sie mit ihm seien und damit er sie aussende, zu verkünden 
15 und mit Vollmacht Dämonen auszutreiben.
16 Die Zwölf, die er einsetzte, waren: Petrus – diesen Beinamen gab er dem Simon – , 
17 Jakobus, der Sohn des Zebedäus, und Johannes, der Bruder des Jakobus – ihnen gab er den Beinamen Boanerges, das heißt Donnersöhne – ,
18 dazu Andreas, Philippus, Bartholomäus, Matthäus, Thomas, Jakobus, der Sohn des Alphäus, Thaddäus, Simon Kananäus 
19 und Judas Iskariot, der ihn dann ausgeliefert hat.

Heute lesen wir im Evangelium von der Erwählung des Zwölferkreises, dem innersten Kreis um Jesus herum, deren Mitglieder wir Apostel nennen. Diese Männer, die namentlich aufgezählt werden, erhalten Vollmachten von Jesus, hier explizit genannt wird der Exorzismus. Das Markusevangelium betont Jesu Dämonenaustreibungen ganz besonders. Die Apostel bekommen so eine große Vollmacht, die den Sieg Gottes über die Mächte des Bösen ganz konkretisiert. Es ist die Zeit gekommen, dass der Satan in die Knie gezwungen wird, der so viel auf Erden angerichtet hat. Dass Jesus gekommen ist, um die Tür zum Paradies wieder freizugeben, ist dem Satan nämlich ein riesiger Strich durch die Rechnung. Dieser wollte den Menschen das Heil nehmen, das er selbst verloren hat (nach dem Motto „wenn ich es schon nicht haben kann, sollen sie es auch nicht haben“). Die Exorzismen sind ein ganz großes Zeichen dieser Erlösung, bevor sie am Kreuz besiegelt wird.
Am Ende der Aufzählung wird auch Judas Iskariot genannt, der Jesus später verraten wird. Uns wird heute ganz bewusst, dass Gott jedem Menschen eine Chance gibt. Er beruft unterschiedliche Charaktere, auch solche, von denen er genau weiß, dass sie „anfälliger“ sind: Er beruft Saul, der zur Eifersucht neigt und er beruft Judas Iskariot, obwohl er habgierig und illoyal ist. Er versucht alles, um ihre positiven Eigenschaften zu fördern, doch sie verspielen die Gnade Gottes selbst durch ihre Ablehnung. Judas sowie Saul versuchen, Gott unter die Arme zu greifen und bilden sich ein, sie wüssten es besser.
Bei Judas wird der größte Fehler nicht der Verrat sein, sondern die Ablehnung der Barmherzigkeit Gottes. Er wird nicht glauben können, dass Gott ihm vergibt. Darin ist Saul ihm überlegen, wenn auch nur temporär. Wir lesen davon heute, wie Saul von der Barmherzigkeit Gottes berührt wird, die er durch Davids Gnadenakt erhält. Er nimmt sie an im Gegensatz zu Judas.
Was ist mit uns? Können wir uns selbst vergeben, wenn wir uns vor Gott und den Menschen schwer versündigt haben? Glauben wir daran, dass Gottes „Liebe reicht, so weit der Himmel ist“, wie David im Psalm heute betet? Dass seine Liebe größer ist als unsere schlimmste Sünde? Es gibt nichts, was Gott uns nicht vergeben möchte, solange wir von Herzen bereuen. Wenn wir seine Barmherzigkeit leugnen, nennen wir das die Sünde gegen den Hl. Geist.

Wir lernen heute davon, dass Gott jedem Menschen eine Chance gibt – und zwar Tag für Tag aufs Neue. Immer wieder meldet er sich mit seiner Barmherzigkeit, weil er uns für sich gewinnen möchte. Besonders die Gesalbten, die Geweihten möchte Gott heiligen. Dafür müssen sie sich aber auch heiligen lassen. Saul bekommt immer wieder neue Chancen und nutzt sie kurzweilig, bevor er wieder „rückfällig“ wird. Judas gehört zu den Aposteln, ist also ein besonders Berufener. Und doch ist er ein Sünder. Gott beruft keine perfekten Menschen. Die gibt es nicht. Auch heutzutage sind Priester, Diakone, Bischöfe, selbst der Papst Sünder. Gott versucht Tag für Tag, sie heiliger zu machen und ihnen Lektionen zu erteilen. Er ist dabei besonders streng, weil sie sein Augapfel sind, seine ganz besonderen Kinder. Von ihnen erwartet er am meisten.

Beten wir für alle Gesalbten unserer heutigen Zeit, besonders für die vielen Geistlichen, die charakterliche Schwächen haben, die in schwerer Sünde leben und vor allem für die Geistlichen, die die Barmherzigkeit Gottes nicht annehmen, die sich nicht bekehren wollen und die selbstgerecht sind. Beten wir vor allem für alle Priesterseelen im Fegefeuer, denn viele Menschen meinen fälschlicherweise, dass verstorbene Priester direkt in den Himmel kommen. Sie haben es noch schwerer, dorthin zu kommen, weil Gott von ihnen besonders viel Rechenschaft fordert. Beten wir für sie!

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 2. Woche im Jahreskreis

1 Sam 18,6-9; 19, 1-7; Ps 56,2-3.9-10a.10b-11.12-13; Mk 3,7-12

1 Sam 18
6 Als sie nach Davids Sieg über den Philister heimkehrten, zogen die Frauen aus allen Städten Israels König Saul singend und tanzend mit Handpauken, Freudenrufen und Zimbeln entgegen.
7 Die Frauen spielten und riefen voll Freude: Saul hat Tausend erschlagen, David aber Zehntausend. 
8 Saul wurde darüber sehr zornig. Das Lied missfiel ihm und er sagte: David geben sie Zehntausend, mir aber geben sie nur Tausend. Jetzt fehlt ihm nur noch die Königswürde. 
9 Von diesem Tag an war Saul gegen David voll Argwohn.

Heute hören wir von der Nachgeschichte des Siegs Davids über Goliat. Dabei wird langsam deutlich, in welche Richtung die Ereignisse sich entwickeln. Die Passage, die wir weder gestern noch heute hören, ist die Schilderung des weiterführenden Kriegsdienstes Davids. Er wird aufgrund seines Erfolgs in allen möglichen anderen Schlachten eingesetzt und kehrt nicht mehr ins Haus seines Vaters zurück. Zudem wird erwähnt, dass Sauls Sohn Jonathan David in sein Herz schließt und ihm alles Mögliche schenkt. Sie werden nicht nur beste Freunde, sondern Seelenverwandte.
Wir lesen heute nun über die Rückkehr von der Schlacht gegen die Philister. Der Sieg bereitet den Israeliten besonders große Freude, weil sie den Erzfeind Israels dargestellt haben. Bis zum Sieg sind viele Israeliten gefallen und beängstigende Dinge wie der Raub der Bundeslade passiert.
Wie die Philister letztendlich besiegt worden sind, hat sich schon herumgesprochen. Nicht der von den Israeliten bei Samuel erbetene König Saul, dessen Hauptfunktion das Anführen von Kriegen ist, hat den Erzfeind entmachtet, sondern der junge Hirte aus Bethlehem. Das trifft den König sehr, der offensichtlich in seinem Stolz verletzt ist.
Warum berührt es ihn denn so, dass die Frauen als Freudengesang die Zahl der erschlagenen Feinde Davids mit seinen vergleicht? Wie oben erwähnt war das Hauptanliegen der Israeliten bei dem Wunsch nach einem König der Kriegsdienst. Sie wollten einen gemeinsamen Feldherrn, der erfolgreiche Schlachten anführt. Nun merken die Israeliten, dass David genau das erfüllt. Saul ist zwar auch erfolgreich (Tausend), aber nicht so erfolgreich wie David (Zehntausend). Gott hat beide Männer gesalbt, sodass sie mit den königlichen Gaben ausgestattet worden sind. Doch Saul hat den Segen Gottes einige Kapitel zuvor verspielt, David dagegen ist voll des Segens. Das fällt auch dem Volk Israel auf. Saul scheint also nicht nur in seinem Stolz verletzt, sondern scheint eine aufsteigende Beunruhigung zu verspüren. Ihm ist mehrfach von Samuel angekündigt worden, dass seine Tage als König gezählt seien.
Das wird auch der Grund sein, warum er bei sich denkt: „Jetzt fehlt ihm nur noch die Königswürde.“ Denn damit trifft er den Nagel auf den Kopf. Tief in seinem Innern ahnt er schon längst, was passiert.
Die hebräische Verbform וָהָֽלְאָה wahale’ah, die hier mit „voll Argwohn sein“ übersetzt wird, heißt wörtlich eigentlich „müde sein, nachlassen, sich vergeblich bemühen“ und kann in dieser grammatikalischen Form mit „belästigen, ermüden“ übersetzt werden. Wenn wir die Erzählung fortsetzen, verstehen wir, was das heißt: Saul wird alles tun, um David zu erschöpfen, damit er nicht mehr so siegreich ist. Er wird es darauf ankommen lassen, ihn in die gefährlichsten Schlachten zu schicken, damit dieser stirbt, doch er wird dennoch erfolgreich zurückkehren.
Was wir heute alles hören, ist allzu menschlich. Wie oft vernachlässigen wir unseren Blick auf uns selbst vor Gott, indem wir dem Herrn für alles Gute danken, das er durch uns gewirkt hat. Stattdessen sehen wir, was er durch andere tut. Wir vergleichen uns mit anderen, was irreführend ist. Jeder bekommt den Auftrag und die dazu notwendigen Gaben, die perfekt auf einen abgestimmt sind. Warum sollte man das können und unternehmen, wozu man nicht geeignet ist? Saul hat zudem seine Chance verspielt, den Segen Gottes verloren. Das ist an sich drastisch, aber nicht endgültig. Wir Menschen können IMMER zu Gott zurückkehren. Das bedeutet aber, dass wir von dem umkehren müssen, das zum Verlust des Segens Gottes geführt hat. Wir wollen aber oft unsere eigenen Sünden nicht eingestehen, sondern einen Umweg einschlagen, um Segen ohne Umkehr zu erhalten. Das ist aber unmöglich, eine Illusion. Saul macht den Fehler, seine Sünden nicht zu bereuen. Stattdessen begeht er neue Sünden (Eifersucht und Neid sind Sünden gegen das neunte und zehnte Gebot; jemanden in eine Schlacht schicken, damit er stirbt, also versuchter Mord ist gegen das fünfte Gebot). Er verspielt sein ewiges Heil noch mehr. Tun wir es ihm nicht gleich. Bereuen wir unsere Sünden und lassen wir die negativen Gefühle wie Eifersucht und Neid nicht zu. Bitten wir dem Herrn um einen dankbaren Blick auf unser Leben. Bitten wir ihn um Verzeihung und nehmen wir uns vor, von jetzt an ein neues Leben zu führen. Wenn wir dem Herrn auch unsere negativen Gefühle übergeben und ihn bitten, die Wurzel dieser Gefühle (die Minderwertigkeitskomplexe) zu heilen, dann können wir von Grund auf erneuert Gottes Gnade in unser Leben lassen.

Ps 56
2 Sei mir gnädig, Gott, denn Menschen stellten mir nach, Tag für Tag bedrängen mich meine Feinde. 
3 Den ganzen Tag stellten meine Gegner mir nach, ja, es sind viele, die mich voll Hochmut bekämpften.
9 Die Wege meines Elends hast du gezählt. In deinem Schlauch sammle meine Tränen! Steht nicht alles in deinem Buche? 
10 Dann weichen die Feinde zurück, am Tag, da ich rufe. Ich habe erkannt: Mir steht Gott zur Seite. 
11 Auf Gott, dessen Wort ich lobe, auf den HERRN, dessen Wort ich lobe, 
12 auf Gott setzte ich mein Vertrauen, ich fürchte mich nicht. Was kann ein Mensch mir antun? 
13 Ich schulde dir, Gott, was ich gelobte, Dankopfer will ich dir weihen. 

Heute beten wir einen Bittpsalm, der in Notlage gebetet wird. David greift dabei seine eigene Notlage auf, in die er wegen König Saul gerät.
David bittet um Gottes Beistand, „denn Menschen stellten mir nach, Tag für Tag bedrängen mich meine Feinde“. Dies ist wörtlich-historisch zunächst auf die Kriegsfeinde zu beziehen, gegen die er kämpfen muss. Es meint auch König Saul, der zum Feind Davids wird, weil er ihn loswerden möchte. Er ist es vor allem, den David mit „die mich voll Hochmut bekämpften“ meint. Saul rächt sich an David aufgrund seines verletzten Stolzes. Wir müssen es noch darüber hinaus weiterlesen, denn „es sind viele, die mich voll Hochmut bekämpften“. Von allen Seiten muss man mit Neidern rechnen, sobald man positiv auffällt. So ist die Menschheit. Was wir oben schon bedacht haben, gilt auch hier im Psalm: Der Mensch vergleicht sich ständig mit anderen und wird sofort eifersüchtig und neidisch. Das liegt an einer allen Menschen gemeinsamen Wurzel – dem Minderwertigkeitskomplex. Er ist ein Giftstachel, aus dem alles Leid der Welt entspringt. Wie viele endlose Kriege sind aufgrund dieses Komplexes überhaupt geführt worden! Ich denke da z.B. an die Millionen Opfer aufgrund von Stalins Problemen mit sich selbst, ich denke an Hitlers Taten, der so innerlich verletzt war. Wenn wir diesem Giftstachel eine Chance geben, sein Gift in uns auszubreiten, wird es alles um uns herum vergiften. Wir dürfen ihm aber keine Chance geben! Bitten wir den Herrn darum, uns von unseren Komplexen zu befreien und unsere Wunden zu heilen! Dann werden wir selbst gesund sein und unser Umfeld auch.
Gott zählt die Wege des Elends Davids. Er weiß genau um das Leiden seines Auserwählten und dieses ist streng begrenzt. David zeigt durch sein Gebet hier, dass sein Leiden notwendig ist, aber dass Gott ihn nicht unnötig mehr zappeln lässt. Er vertraut auf Gottes Willen. Er versteht auch, dass Gott jedes Leiden, jede Träne sieht. Er gebraucht dafür das poetische Bild des Tränenschlauchs. In Schläuchen wird z.B. Wein aufbewahrt, das Zeichen der Freude. Hier wird das Freudenbild ins Negative gewendet, um auszudrücken, dass Gott nichts verschwenden lässt. Keine Träne ist umsonst geweint und Gott bewahrt sie sorgsam auf, um sie später in Freude zu verwandeln. Gott entgeht nichts, denn er schreibt alles ins Buch des Lebens. David vertraut Gott sein ganzes Leben an. Anstatt sich in Selbstmitleid zu suhlen und sich resigniert von Gott abzuwenden, geht er mit seinen Sorgen gerade jetzt zu Gott und breitet alles vor ihm aus. Er versteht, dass nur Gott ihn versteht.
„Dann weichen meine Feinde zurück, am Tag, da ich rufe“ zeigt, dass David die Leiden als vorübergehend versteht. Er glaubt fest daran, dass Gott seine Gebete erhört („mir steht Gott zur Seite“). Er hat keine Angst, sondern Vertrauen. Weil Gott bei ihm ist, braucht er keinen Menschen mehr zu fürchten. Darin ist David uns wieder mal ein großes Vorbild. In schwierigen Zeiten hadert er nicht mit Gott, sondern klammert sich mit ganzer Kraft an ihn. Er zeigt ihm alles, er sagt ihm alles, er vertraut ihm alles an. Gott gibt ihm dann die Sicherheit und den Trost ins Herz, damit er versteht, dass er nie allein ist. So sollen auch wir beten. Fangen wir erst gar nicht an, Gott gegenüber unzufriedene Gefühle zu entwickeln, sondern laufen wir sofort zum Herrn mit all unseren Sorgen. Setzen wir uns regelrecht auf den Schoß des Vaters und erzählen wir ihm einfach alles. Er wird uns den väterlichen Trost ins Herz schenken und uns Ruhe verleihen, er wird uns innerlich aufrichten und neue Kraft geben. Dann werden wir mit neuem Mut und mit neuer Perspektive auf die Probleme schauen. Dann werden wir alles meistern, weil Gott mit uns ist.
Und letztendlich können wir Gott nur danken, selbst in Notsituationen gilt ihm unser Lob. Wir können nicht irriger Weise annehmen, dass er unser Lob und Dank erstens irgendwie verdienen muss, zweitens dieses davon abhängt, wie gut es uns geht (Lobpreis hat doch nichts mit uns zu tun, sondern wir schauen ganz auf IHN). Es gibt IMMER Dinge, für die wir danken können, schon allein, dass wir leben. Wer sind wir, dass wir ihm das Lob versagen, wenn es uns schlecht geht?
Vor allem gilt ihm unser Lob, wenn er unsere Bitte erfüllt hat, wenn er uns mit Kraft und Trost gestärkt hat, sodass wir unser Problem überwinden konnten. Seien wir dann nicht wie die neun geheilten Aussätzigen, die direkt weggehen, ohne Gott zu danken. Seien wir der eine Aussätzige, der zurückkommt, um Jesus zu danken! Setzen wir uns auch auf Gottes Schoß, wenn es uns wieder gut geht. Lassen wir in unserem inbrünstigen Gebet nicht nach, wo jetzt alles wieder gut ist.

Mk 3
7 Jesus zog sich mit seinen Jüngern an den See zurück. Viele Menschen aus Galiläa aber folgten ihm nach. Auch aus Judäa, 

8 aus Jerusalem und Idumäa, aus dem Gebiet jenseits des Jordan und aus der Gegend von Tyrus und Sidon kamen Scharen von Menschen zu ihm, als sie hörten, was er tat. 
9 Da sagte er zu seinen Jüngern, sie sollten ein Boot für ihn bereithalten, damit er von der Menge nicht erdrückt werde. 
10 Denn er heilte viele, sodass alle, die ein Leiden hatten, sich an ihn herandrängten, um ihn zu berühren. 
11 Wenn die von unreinen Geistern Besessenen ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und schrien: Du bist der Sohn Gottes! 
12 Er aber gebot ihnen, dass sie ihn nicht bekannt machen sollten.

Bisher hörten wir davon, dass sich Jesu Heilstaten in ganz Galiläa herumgesprochen haben. Nun weitet sich seine Reichweite auf das gesamte Heilige Land aus. Dabei werden mehrheitlich jüdische Gebiete wie Judäa aufgezählt sowie mehrheitlich heidnische wie Tyros und Sidon oder die Dekapolis.
Bemerkenswert ist dabei, dass die meisten nicht von seinen Worten angezogen werden und sich auf die Reise zu ihm begeben, sondern weil sie „hörten, was er TAT.“ So ist der Mensch. Was wirklich ausschlaggebend ist, ist das Verhalten, nicht die vielen Worte. Das heißt nicht, dass seine Verkündigung umsonst ist, sondern dass seine Heilstaten das Gesagte überzeugend untermauern. So soll es auch in der Verkündigung der Kirche sein. Einerseits sind die Predigten sehr wichtig, damit die Menschen überhaupt noch einen Input über die kirchliche Lehre erhalten. Andererseits muss das Gepredigte aber auch vorgelebt werden, damit die Menschen verstehen, dass der Prediger wirklich hinter dem Gesagten steht. Da dies oft nicht mehr gegeben ist, hören die Menschen auch nicht mehr hin. Erstens ist die Predigt oft keine Predigt mehr, sondern eher wie eine politische Ansprache, in der das Wort Jesus oder Glaube nicht mehr vorkommt (neulich sagte eine Religionslehrerin in einer Sakristei zum Priester vor dem Schulgottesdienst „bitte nichts Frommes sagen“…). Zweitens merkt man als Gläubiger einfach total, wenn ein Priester irgendetwas predigt, von dem er selbst nicht überzeugt ist. Diese fehlende Authentizität vertreibt Scharen von Menschen, ganz im Gegensatz zum heutigen Evangelium, wo die Scharen Jesus schon zu erdrücken scheinen.
Es ist natürlich kein Zufall, dass Jesus ausgerechnet in ein Boot steigt, um von den Massen nicht erdrückt zu werden. Man hätte ihn auch auf einen Felsen stellen können oder auf ein selbstgebasteltes Podest. Es ist wieder mal eine geniale pädagogische Maßnahme Gottes. Jesus hat zu Beginn des Evangeliums die ersten vier Jünger berufen, die allesamt von Beruf Fischer sind. Er sagte zu ihnen „ich werde euch zu Menschenfischern machen“. Heute bringt er es ihnen bei: das Menschenfischen. Er ist im Boot und richtet seine Verkündigung auf die Menschenmassen, er wirft gleichsam seine Angel oder sein Fischernetz aus, um nach und nach die Menschen für Gott zu gewinnen. Aber es wird nicht wirklich von seinen Worten berichtet – das Ausschlaggebende sind auch hier wieder seine Heilstaten. Besonders fällt auch hier wieder der Exorzismus auf. Die Dämonen werfen die Menschen, die sie besetzen, zu Boden und bekennen die Identität Christi. Auch die Dämonen gehorchen Gott, denn sie sind seine Geschöpfe, wenn auch gefallene. Auch heute gebietet er ihnen, seine messianische Identität nicht zu verraten. Dies hat wie immer zunächst einen pragmatischen Grund. Er wird im Heiligen Land immer bekannter, sodass das Risiko, von der religiösen Elite festgenommen zu werden, immer höher wird. Davor fürchtet er sich aber nicht. Dann würde er nämlich gar nicht erst öffentlich verkünden und heilen. Er möchte, dass die Menschen seine Identität nicht durch Bekenntnisformeln realisieren, sondern durch seine Taten. Es ist ein einziger Lernprozess, da Jesus alles Messianische tut, was die Heilige Schrift angekündigt hat. Dass die Menschen von dem ausgehend lernen, sehen wir ja an ihrem Kommen aufgrund seiner Wunder.
Jesus „fängt“ Scharen von Menschen, was wir analog zu Davids kriegerischem Erfolg heute betrachten können. Beide sind in ihrer Tätigkeit „fruchtbar“, weil sie mit den Gaben Gottes ausgestattet sind. Sie sind voll der Gnade Gottes, da sie beide gesalbt worden sind. Beide tun ganz und gar, was der Vater von ihnen möchte. Aus dieser ganz intimen Beziehung zum Herrn wird ihr ganzes Leben so effektiv wie nur möglich.
Bei beiden geht es heute zudem darum, dass Außenstehende den Segen Gottes an ihnen aufgrund ihres fruchtbaren Handelns erkennen: Während Saul den Erfolg Davids und dadurch den Beistand Gottes mit „Argwohn“ beäugt, legen die Menschen zur Zeit Jesu lange Strecken zurück, um dessen Heilstaten mit eigenen Augen sehen zu können. Sie werden nicht neidisch, sondern möchten selbst das Heil in ihrem Leben erfahren. Darin tun sie das, was David im Psalm betet: Ganz und gar zum Herrn kommen mit ihrem Leiden. Voller Vertrauen suchen sie Jesus auf, damit er ihr Leben heile. Und er heilt etliche vor allem seelisch. Er befreit viele Menschen von Dämonen, die sie von der Gottesbeziehung abgehalten haben. Jesus möchte, dass alle Menschen die Möglichkeit erhalten, dieselbe innige Beziehung zum Vater aufbauen zu können – wie er selbst, aber auch David. Dann kann auch ihr Leben voller Segen gelingen. DAS ist immer das Hauptanliegen Jesu, nicht ein bequemes leidloses Leben ohne Krankheiten oder anderen Unannehmlichkeiten zu erzielen. Schließlich geht es um das ewige Leben und die Gemeinschaft mit Gott in der Ewigkeit. Damals und heute.

Ihre Magstrauss

Samstag der 1. Woche im Jahreskreis

1 Sam 9,1-4.17-19; 10, 1; Ps 21,2-3.4-5.6-7; Mk 2,13-17

1 Sam 9
1 Damals lebte in Benjamin ein Mann namens Kisch, ein Sohn Abiëls, des Sohnes Zerors, des Sohnes Bechorats, des Sohnes Afiachs, ein wohlhabender Benjaminiter. 
2 Er hatte einen Sohn namens Saul, der jung und schön war; kein anderer unter den Israeliten war so schön wie er; er überragte alle um Haupteslänge. 
3 Eines Tages verliefen sich die Eselinnen von Sauls Vater Kisch. Da sagte Kisch zu seinem Sohn Saul: Nimm einen von den Knechten, mach dich mit ihm auf den Weg und such die Eselinnen! 
4 Sie durchquerten das Gebirge Efraim und durchstreiften das Gebiet von Schalischa, fanden sie aber nicht. Sie zogen durch das Gebiet von Schaalim – ohne Erfolg; dann durchwanderten sie das Land Jemini, fanden sie aber wieder nicht.
17 Als Samuel Saul sah, sagte der HERR zu ihm: Das ist der Mann, von dem ich dir gesagt habe: Der wird über mein Volk herrschen. 
18 Saul trat mitten im Tor zu Samuel und fragte: Sag mir doch, wo das Haus des Sehers ist! 
19 Samuel antwortete Saul: Ich bin der Seher. Geh vor mir her zur Kulthöhe hinauf! Ihr sollt heute mit mir essen. Morgen früh will ich dich dann weiterziehen lassen. Ich werde dir Auskunft über alles geben, was du auf dem Herzen hast.
1 Da nahm Samuel den Ölkrug und goss Saul das Öl auf das Haupt, küsste ihn und sagte: Hiermit hat der HERR dich zum Fürsten über sein Erbe gesalbt.

Heute lesen wir nun, wie die angekündigte Lektion Gottes sich nach und nach bewahrheitet. Es wird der erste König angekündigt, den Gott zwar zulässt, aber nicht gutheißt – König Saul. Wie es für Juden wichtig ist, wird dessen Abstammung verdeutlicht. Er ist aus dem Stamm Benjamin. Er wird auch als sehr schön und groß beschrieben. Das kann einerseits erwähnt werden, um die Schönheit von innen und außen hervorzuheben, das kann andererseits auch auf einen überheblichen Charakter schließen. Wir werden noch sehen, dass vor allem der zweite Aspekt bei Saul zutrifft.
Die Begegnung zwischen Samuel und Saul, die zur Königssalbung führt, wird wie so oft in Gottes Vorsehung durch ein Problem veranlasst: Die Eselinnen Kischs, des Vaters Sauls, verlaufen sich im Gebirge. Saul soll daraufhin die Tiere suchen. Er durchsucht alle möglichen Gebiete (Efraim, Schalischa, Schaalim, Jemini) und wird doch nicht fündig. Durch seine langen Streifzüge begegnet er schließlich Samuel. Als dieser ihn sieht, gibt Gott ihm zu verstehen, dass er der König werden soll.
Dann heißt es, dass Saul mitten im Tor zu Samuel kommt. Dieser sitzt im Tor, weil er Richter ist. Als solcher praktizierte er üblicherweise im Tor die Rechtsprechung.
Warum kommt Saul dort überhaupt hin? Er hat eine Auskunftsfrage und möchte eigentlich den Propheten Samuel sprechen. Dieser entgegnet ihm, dass er es ist. Saul möchte vermutlich durch die prophetische Begabung Samuels erfahren, wo die Tiere sind. Samuel lädt Saul ein, mit ihm zur „Kulthöhe“ hinaufzuziehen. Damit ist wohl das Heiligtum von Schilo gemeint. Was wir heute nicht mehr lesen, sind die Ereignisse auf der Kulthöhe. Saul wird zu einem Gastmahl eingeladen und erhält dort das beste Stück Fleisch. Er übernachtet bei Samuel und am nächsten Tag führen beide eine Unterredung. Dabei erklärt ihm Samuel zunächst, dass die Tiere mittlerweile gefunden worden sind. Dann bereitet Samuel Saul auf dessen Herrschaft vor, woraufhin dieser es aber noch nicht begreift. Schließlich kommt es im nächsten Kapitel zur eigentlichen Salbung mit Öl, als die beiden allein sind und sich am Rande des Stadtgebietes befinden.
Gottes wunderbare Vorsehung ist ein unendliches Geheimnis. Einerseits hat Gott für uns alle das Heil bereitet und einen Plan für jeden einzelnen. Aber zugleich schätzt er unseren freien Willen. Seine Vorsehung ist mit einem Navigationssystem vergleichbar, das eine Route vorgibt. Wenn man sich von der Route entfernt, berechnet Gott den Weg zum Himmelreich neu. Er kann auch auf Umwegen sein Heil für uns umsetzen. Israel entfernt sich vom Willen Gottes und möchte auf eigene Faust einen König. Gott „berechnet“ dies um und so ist die Salbung Sauls Teil des Heilsplans Gottes, wenn auch ein Umweg zum wahren König David.

Ps 21
2 HERR, an deiner Macht freut sich der König; über deine Hilfe, wie jubelt er laut. 
3 Du hast ihm den Wunsch seines Herzens gewährt, ihm nicht versagt, was seine Lippen begehrten.
4 Ja, du kommst ihm entgegen mit Segen und Glück, du setzt auf sein Haupt eine goldene Krone. 
5 Leben erbat er von dir, du gabst es ihm, lange Jahre, immer und ewig. 
6 Groß ist seine Herrlichkeit durch deine rettende Tat, du legst auf ihn Hoheit und Pracht. 
7 Ja, du machst ihn zum Segen für immer; du beglückst ihn mit Freude vor deinem Angesicht.

Ps 21 ist ein Davidpsalm, der die israelitische Königsherrschaft aufgreift. König David betet zum HERRN, der seine Macht und Hilfe ist. Er ordnet seine eigene irdische Macht Gott unter, was ihn zu einem gerechten Herrscher macht. Dadurch, dass er nicht überheblich wird, sondern in Gottes Angesicht seinen Wert sieht – das nennen wir Demut -, ist er im Stand der Gnade. Dies erkennen wir daran, dass Gott seine Gebete erhört („den Wunsch seines Herzens gewährt, ihm nicht versagt…“).
David hat „Segen und Glück“ (בִּרְכֹ֣ות טֹ֑וב birchot tof, für Glück heißt es also wörtlich „Gutes“). Die Geste des Aufsetzens einer goldenen Krone ist zunächst als Krönungszeremonie zu verstehen – Gott ist es, der sich einen Kandidaten aussucht (so haben wir es ja schon in der Lesung gehört) und die Königssalbung gültig macht. Im übertragenen Sinne meint dieser Gestus aber noch viel mehr. Wir lesen in der Johannesoffenbarung, wie die „Sieger“ mit Goldkronen ausgestattet sind als Zeichen ihrer besonderen Würde und ihres Triumphes. Bei der Taufe werden wir ja auch gesalbt und zu Königskindern in Gottes Reich. Diese königliche Würde wird am Ende unseres Lebens offenbar.
David erbittet ein langes Leben und Gott schenkt es ihm. Das ist laut jüdischem Verständnis ein Zeichen für Segen. Es setzt noch keinen Auferstehungsglauben voraus, sondern ist ein Zeichen für die Erinnerung des eigenen Namens durch die Nachkommen, ein erfülltes irdisches Leben und eine Bestattung bei den Vorfahren. Hier hat der Geist Gottes König David aber schon prophetisch eingegeben, dass es wirklich ein ewiges Leben gibt (עֹולָ֥ם וָעֶֽד olam wa’ed „immer und ewig“). David vermittelt uns noch etwas Wichtiges, das Jesus noch viel verdichteter erklären wird: Gott offenbart durch seine Heilstaten seine Herrlichkeit (hebräisch כָּבוֹד kavod, im griechischen AT und NT δόξα doxa). Die Hoheit des israelitischen Königs kommt von Gott und nicht vom König selbst. Deshalb bleibt David „auf dem Boden“. Auch wir, die wir durch die Taufe mit einer königlichen Würde ausgestattet sind, können das von uns sagen: Sie kommt von Gott. Was wir Gutes vollbringen, tun wir aus Gottes Gnade heraus, der uns unsere Fähigkeiten geschenkt hat. Alles, was wir tun, soll deshalb ihm zur Ehre, ihm zur Verherrlichung dienen. Dieses Leben wird so wie David auch uns beglücken, mit Freude erfüllen. Diese Freude wird nicht nur eine vorübergehende, irdische sein, sondern eine ewige, die im Bild des himmlischen Hochzeitsmahls zum Ausdruck kommt.
Davids Art zu beten, die wir vor allem durch die Psalmen bis heute vermittelt bekommen, ist uns ein großes Vorbild. Er ist so ein großer König, der viel erreicht hat. Er hat auch nicht immer alles richtig gemacht, aber dennoch können wir seine Frömmigkeit und Gottesfurcht als gutes Beispiel für unser eigenes Leben übernehmen.

Mk 2
13 Jesus ging wieder hinaus an den See. Da kamen Scharen von Menschen zu ihm und er lehrte sie. 
14 Als er weiterging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Levi auf und folgte ihm nach. 
15 Und als Jesus in dessen Haus zu Tisch war, da waren viele Zöllner und Sünder zusammen mit ihm und seinen Jüngern zu Tisch; es waren nämlich viele, die ihm nachfolgten. 
16 Als die Schriftgelehrten der Pharisäer sahen, dass er mit Zöllnern und Sündern aß, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann er zusammen mit Zöllnern und Sündern essen? 
17 Jesus hörte es und sagte zu ihnen: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

Heute lesen wir von einer weiteren Jüngerberufung und von weiteren Heilstaten Jesu. Es geht um Levi, der im Matthäusevangelium Matthäus genannt wird. Es handelt sich um einen Zöllner, dessen Berufsgruppe nicht gut angesehen ist. Das liegt daran, dass Zöllner immer mehr als nötig eintreiben müssen, um das Risiko von Missernten etc. zu berücksichtigen. Sie gelten deshalb als unehrlich, erhalten keine bürgerlichen Ehrenrechte und werden vor Gericht nie als zuverlässige Zeugen einbezogen. Jesus hat im heutigen Evangelium aber einen wunderbaren Plan mit diesem Menschen. Er sieht mehr als nur den unehrlichen Zöllner. Er sieht das Potenzial eines von Gott geliebten Kindes. So ist es auch bei uns Menschen. Wir drücken anderen schnell einen Stempel auf. Wir schreiben andere ab, obwohl wir sie erstens gar nicht richtig kennen können (also nicht in ihr Herz schauen können), zweitens noch so schlimme Menschen jederzeit eine Umkehr erleben, ein besserer Mensch werden können. Jeder hat jederzeit eine neue Chance verdient. Und wie Levi in Wirklichkeit ist, sieht nur Gott. Der sehr bekannte Billy Graham sagte es einmal sinngemäß: Es gibt drei Arten des Ichs – das Ich, das ich selbst kenne, das Ich, das die Menschen kennen und das Ich, das Gott kennt. Jesus sieht in Levi, was sonst keiner bisher gesehen hat – vielleicht nicht mal er selbst.
Warum eigentlich hat dieser Zöllner, der dann Jesu Jünger wird, zwei verschiedene Namen? Das hängt wohl damit zusammen, dass er beide Namen besaß. Die moderne Exegese bestreitet dies, weil im Gegensatz zu Paulus kein jüdischer und römischer Name vorlag, sondern zwei jüdische. Dem ist entgegen zu halten, dass es auch eine latinisierte Form gibt (nämlich eben Matthäus) und eine doppelte Namensgebung auch mit seiner römischen Bürgerschaft zusammenhängen kann wie bei Paulus. Eine andere Erklärung ist, dass er später von Jesus den Namen Matthäus erhalten hat. Das alles spielt für uns eine untergeordnete Rolle. Für uns ist es lehrreich, dass Jesus so einen Menschen überhaupt beruft.
Wie schon bei den anderen Aposteln steht der Berufene direkt auf und folgt Jesus nach, ohne zu zögern.
Wie auch bei Zachäus hält Jesus gemeinsames Mahl mit Levi und seinen Freunden. Da er bei den meisten Juden nicht beliebt ist, hat er in seinem Umfeld Menschen seines Berufsstandes.
Jesus isst mit Sündern, weil er Gott ist. Dieser ist so allmächtig, dass er höchstpersönlich tief in das sündige Leben von uns Menschen eintauchen kann, ohne dass es ihm irgendwie schadet. Er tut es, um uns Menschen aus der Sünde herauszuholen, nicht weil er die Sünde an sich gutheißt. Sein Verhalten ist also kein Anlass, Sünder zur Kommunion zuzulassen, wie heutzutage gerne instrumentalisiert wird. Jesus hält Mahl als „Rettungsaktion“ für die echten Sünder (die vor Gott Sünder sind, nicht die von den Menschen abgestempelt werden) und als prophetische Zeichenhandlung für die Selbstgerechten (Gott hält Mahl mit allen Menschen guten Willens, beim letzten Abendmahl mit seinem berufenen Zwölferkreis, in der eucharistischen Gemeinschaft mit allen Getauften und zur Eucharistie Gekommenen, am Ende des Lebens beim himmlischen Hochzeitsmahl). Wer daran teilnimmt, wird nicht automatisch nach den Maßstäben der Pharisäer und Schriftgelehrten entschieden, sondern allein nach Gottes Maßstab – mit so einigen Überraschungen. Warum Überraschungen? Weil nur Gott das Herz der Menschen sieht und genau weiß, wer wirklich gerecht ist (nicht nur nach außen so tut).
Sie sind es auch, die auf Jesu Mahlgemeinschaft mit den von ihnen bezeichneten „Sündern“ unzufrieden reagieren. Sie zeigen durch ihre Reaktion, dass sie Jesus als Messias und Gott nicht erkannt haben. Sie sehen Jesus als üblichen Rabbi, der sich an die jüdischen Gesetze halten soll. Sie sehen nicht, dass der Messias Herr über die Torah ist.
Jesus bekommt ihre Reaktion mit und weil er alle Menschen retten will, geht er auch auf diese Menschen zu mit den Worten: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“. Gott ist der Arzt unserer Seelen. Er macht uns wieder heil, wo wir uns von ihm behandeln lassen. Jesu Mahlgemeinschaft ist also nicht nur „Rettungsaktion“ und prophetische Zeichenhandlung, sondern vor allem eine „Therapiesitzung“. Wir könnten uns jetzt fragen: „Heißt das, dass die Zöllner und Sünder bei Jesu Mahlgemeinschaft die Kranken sind und die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht?“ Wir können uns getrost selbst beantworten: Natürlich ist jeder Mensch krank, nämlich durch die Erbsünde. Es gibt niemanden, der ganz gesund ist. Jeder ist nur unterschiedlich „krank“. Das ist eine Sache. Die andere ist aber hier entscheidend: Wer erkennt die eigene Krankheit und lässt sich auf die Therapie Gottes ein? Wer meint, keine Umkehr nötig zu haben, weil er schon gerecht genug ist, wird die eigene Krankheit nicht sehen und deshalb nie therapiert. Jesus verrät uns durch seine Antwort jedoch wirklich, dass er die Sünde der Zöllner nicht bagatellisiert. Es ist Stehlen und Lügen. Das sind ernstzunehmende Sünden. Jesus redet uns unsere Sünden auch nicht weg. Er hält sie uns in Liebe vor, damit wir unser eigenes sündiges Spiegelbild sehen, betroffen sind und uns ändern. Die Zöllner sind in dieser Hinsicht wirklich krank, aber sie lassen sich wenigstens behandeln. Wie ist es mit uns? Reagieren wir auch unwirsch, wenn Gott anderen seine Barmherzigkeit zeigt? Sollten wir nicht froh sein und uns mit diesen Menschen mitfreuen, dass sie zu Gott umkehren? Uns erinnert diese ganze Situation an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Auch dort geht es nicht nur um einen einzigen Sohn, sondern um zwei, die je auf ihre Weise versöhnt werden müssen. Wollen wir zum unbarmherzigen großen Bruder werden, der dem jüngeren die Umkehr nicht gönnt?
Wenn Jesus dann am Ende noch sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder“, müssen wir genau überlegen, was Jesus damit meint. Im griechischen Original steht es tatsächlich so: Gerechte und Sünder. Jesus beruft dabei Menschen, nicht ihre Sünde. Wen Jesus ruft, der wird dabei immer verändert. Wir denken z.B. an Zachäus, der am Ende alles, was er zuviel eingenommen hat, sogar noch vierfach zurückgezahlt hat. Wir denken auch an Maria Magdalena, die durch die Begegnung mit Jesus von sieben Dämonen befreit worden ist und von da an Jesu Verkündigung u.a. finanziell unterstützt hat. Die Sünder waren keine Sünder mehr, aber befreit wurden sie erst davon, als sie es einsahen und umkehrten. Deshalb sagt Jesus, dass er Sünder beruft, nicht Gerechte – Sünder ist jeder Mensch, aber nicht jeder erkennt sich als Sünder. Ihm nachfolgen kann nur, wer die Demut besitzt, sich zu sehen, wie man wirklich ist, arm und erlösungsbedürftig. Wer sich selbst aber als Gerechter bezeichnet, der keiner Umkehr bedarf, kann Jesus nicht nachfolgen. Es geht also bei der Aussage Jesu weniger darum, wie viel, wie arg, welche Art von Sünde man auf dem Konto hat, sondern vielmehr darum, wie viel man von den Sünden tatsächlich bereut. Gleichzeitig verharmlost er keine einzige Sünde. Sonst würde er nicht zu den großen Sündern sagen: „Geh und sündige von nun an nicht mehr.“

Was hat das mit König Saul zu tun oder mit König David, dem frommen Psalm-Komponisten? Denken wir an Saul, sehen wir einen schönen Menschen, der Potenzial hat. Leider werden wir lesen, dass sich sein Potenzial nicht realisieren wird, sondern sich zum Schlechten wendet. Er wird die Chancen nicht nutzen, die Gott ihm schenkt, er wird David sogar nach dem Leben trachten, weil er sich auf dessen Gnade und Macht konzentrieren wird, die er ihm nicht gönnt. Was den Psalm betrifft, sehen wir ebenfalls ein gutes Beispiel für die Berufung von Sündern: David ist ein so gottesfürchtiger und frommer Mann – und dennoch ein gar nicht so kleiner Sünder. Er begeht u.a. eine der gravierendsten Sünden, den Ehebruch. Aber er ist ein reumütiger Mensch. Er bereut die Sünde und bekennt sie sogar. Darin ist er uns ebenfalls ein Vorbild: Kein Mensch ist ohne. Keiner kann von sich sagen: „Ich bin so gerecht, ich brauche nicht umzukehren. Ich muss nicht zur Beichte.“ Sogar Petrus, der von allen Aposteln die größte Aufgabe erhalten hat, tat eine gravierende Sünde, einen Hochverrat an Gott. Das Entscheidende ist aber, dass er es sofort bereut hat und sein ganzes Leben dafür gesühnt hat.
Diese Menschen waren Sünder – und erkannten sich vor allem als Sünder. Sie erkannten, dass alles Gute, was sie taten, nicht von ihnen selbst kam, sondern von Gott. Wir haben darüber schon beim Psalm nachgedacht. Gottes Herrlichkeit ist es, die durch die guten Taten offenbart wird, nicht unser eigenes Ego. Wenn man sich allerdings für selbstgerecht hält, verwechselt man genau dies. Man denkt, dass das Gute vollkommen eigenes Verdienst ist (gewiss tun wir unser Bestes, aber es ist immer ein Teamwork und nicht unser eigenes Gutsein).

Solche Menschen beruft Gott. Menschen, die ihr echtes, unvollkommenes Ich sehen und wissen, dass alles Gute von Gott kommt. Seien wir bekennende Sünder – erkennen wir unsere eigene Erlösungsbedürftigkeit. Das heißt nicht, dass wir schön weiter sündigen, sondern damit aufhören sollen. Wenn wir anfangen, echt zu sein, werden wir zu brauchbarem Material, aus dem Gott schöne Gefäße für sein Werk formen kann.

Ihre Magstrauss