Mittwoch der 4. Woche im Jahreskreis

2 Sam 24,2.9-17; Ps 32,1-2.5.6-7; Mk 6,1b-6

2 Sam 24
2 Der König befahl Joab, dem Obersten des Heeres, der bei ihm war: Durchstreift alle Stämme Israels von Dan bis Beerscheba und mustert das Volk, damit ich die Zahl des Volkes kenne!
9 Und Joab gab dem König das Ergebnis der Volkszählung bekannt: Israel zählte achthunderttausend Krieger, die mit dem Schwert kämpfen konnten, und Juda fünfhunderttausend. 
10 Dann aber schlug David das Gewissen, nachdem er das Volk gezählt hatte, und er sagte zum HERRN: Ich habe schwer gesündigt, weil ich das getan habe. Doch vergib deinem Knecht seine Schuld, HERR; denn ich habe sehr unvernünftig gehandelt. 

11 Als David am Morgen aufstand, war bereits folgendes Wort des HERRN an den Propheten Gad, den Seher Davids, ergangen: 
12 Geh und sag zu David: So spricht der HERR: Dreierlei lege ich dir vor. Wähl dir eines davon! Das werde ich dir antun. 
13 Gad kam zu David, teilte ihm das Wort mit und sagte: Was soll über dich kommen? Sieben Jahre Hungersnot in deinem Land? Oder drei Monate Flucht vor deinen Feinden, die dich verfolgen? Oder drei Tage Pest in deinem Land? Überleg dir sehr genau, was ich dem, der mich gesandt hat, als Antwort überbringen soll! 
14 Da sagte David zu Gad: Ich habe große Angst. Wir wollen lieber in die Hand des HERRN fallen, denn seine Barmherzigkeit ist groß; den Menschen aber möchte ich nicht in die Hand fallen. 
15 Da ließ der HERR über Israel eine Pest kommen; sie dauerte von jenem Morgen an bis zu dem festgesetzten Zeitpunkt und es starben zwischen Dan und Beerscheba siebzigtausend Mann im Volk. 
16 Als der Engel seine Hand gegen Jerusalem ausstreckte, um es ins Verderben zu stürzen, reute den HERRN das Unheil und er sagte zu dem Engel, der das Volk ins Verderben stürzte: Es ist jetzt genug, lass deine Hand sinken! Der Engel war gerade bei der Tenne des Jebusiters Arauna. 
17 Als David den Engel sah, der das Volk schlug, sagte er zum HERRN: Ich bin es doch, der gesündigt hat; ich bin es, der sich vergangen hat. Aber diese, die Herde, was haben denn sie getan? Erheb deine Hand gegen mich und gegen das Haus meines Vaters!

Die heutige Lesung ist etwas schwer zu verstehen und muss deshalb aufmerksam gelesen werden. Was wir heute lesen, ist eine Versuchungsgeschichte. In den vorangegangenen Kapiteln haben wir gelesen, dass David alle seine Feinde besiegt hat. Er könnte sich jetzt eigentlich zur Ruhe setzen. Stattdessen wird er hochmütig. Sein Erfolg steigt ihm zu Kopf und so wird er angreifbar für die Versuchungen des Teufels. So lässt er eine Volkszählung durchführen. So etwas dient vor allem militärischen Zwecken und wir lesen ja, dass diese Zählung eine Musterung kriegstüchtiger Männer ist. Joab durchstreift mit seinen Leuten das gesamte Reich „von Dan bis Beerscheba“, was die gängige Bezeichnung für die Nord-Süd-Ausdehnung Israels darstellt. Als oberster Heerführer versteht Joab, dass diese Aktion in den Augen Gottes nicht gut sein kann. David hat seine Feinde besiegt. Welchem Zweck dient also eine militärische Musterung, wenn nicht der Machtdemonstration und des Selbstlobs? Es wirkt so, als ob David kurzzeitig seine demütige Art verloren hat, die er stets von der Beziehung zu Gott her definiert hat. In diesem Moment des Hochmuts tut er so, was Gott nicht recht ist. Als Joab zurückkehrt und David das Ergebnis mitteilt, bekommt dieser ein schlechtes Gewissen. Er realisiert ganz ohne Hilfe Dritter, dass er sich vor Gott versündigt hat. Auch am nächsten Tag wird seine Tat als Sünde bestätigt, als der Seher Gad ihm die Wortes Gottes mitteilt.
Weil David sich selbstständig seiner Sünde bewusst geworden ist, lässt Gott ihm die Wahl, wie er die Sünde wieder gut machen kann. Dabei sehen wir wieder, dass Sünde immer andere Menschen mit hineinzieht. Die Sünde schlägt Wellen der Ungerechtigkeit.
David sagt: „Ich habe Angst“. Das ist kein Satz, den man im Stand der Gnade sagen kann. David ist es, der sonst immer ein vorbildliches Gottvertrauen besitzt, egal wie brenzlig die Situation erscheint. So sehen wir, dass Angst nicht von Gott kommt. Es ist eine Ur-Emotion, die durch die zerbrochene Beziehung zwischen Gott und Mensch zustande kommt. Doch David tut in der Situation der bereits begangenen Sünde genau das Richtige: Er vertraut sich der Barmherzigkeit Gottes an und entscheidet sich dafür, sich ausschließlich Gott auszuliefern. So soll drei Tage eine Pest in seinem Reich wüten. Es kommen dabei 70000 Männer um.
Die ganze Episode zeigt uns, dass in der Hl. Schrift auch das ganz Menschliche ihrer Autoren einfließt. Gott hat sich so klein gemacht, dass sein göttliches Wort in Menschenworte hineinpasst, in Buchstaben! Und so speisen sich diese Menschenworte aus den Vorstellungen und Interpretationen jener Autoren. Wir merken hier, dass das Gottesbild an dieser Stelle anthropomorph ist, das heißt mit menschlichen Eigenschaften versehen wird. Gott „reut“ etwas. Die Situation wird gedeutet, sodass der Autor hier schreibt: Gottes Zorn entbrannte (dieser Vers wird heute ausgelassen), Gott tut etwas aus dem Affekt heraus, Gott bereut etwas, so als ob er falsch handeln könne. Gott wird mit menschlichen Emotionen ausgestattet, die typisch für den gefallenen Menschen sind. Das heißt nicht, dass Gott wirklich so ist, sondern dass der Mensch von damals ihn so gesehen hat. Gott muss gar nichts bereuen, denn Gott kann nicht sündigen. Wir müssen solche Aussagen wie in Vers 16 also richtig interpretieren.
David trifft dann mit folgender Frage den Nagel auf den Kopf. So ist das Wesen der Sünde: „Ich bin es doch, der gesündigt hat, (…) aber diese, die Herde, was haben denn sie getan?“ Unschuldige müssen immer mitleiden. Das ist die Ungerechtigkeit der Sünde. David bittet um Erbarmen Gottes für seine „Herde“. Dass er dieses Bild wählt, kommt nicht von ungefähr. Schließlich war er zuvor Hirte. So ist auch seine Regentschaft zu charakterisieren. Er ist wirklich ein Hirte, der sich um seine Herde kümmert. Damit ist er Typos Christi, der als der gute Hirte ein Antitypos Davids ist. Als König sind beide keine Tyrannen, sondern Versorger und Beschützer. Sie kümmern sich um ihre Untergebenen, statt sie zu unterdrücken.

Ps 32
1 Von David. Ein Weisheitslied. Selig der, dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist. 
2 Selig der Mensch, dem der HERR die Schuld nicht zur Last legt und in dessen Geist keine Falschheit ist. 
5 Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir. Ich sagte: Meine Frevel will ich dem HERRN bekennen. Und du hast die Schuld meiner Sünde vergeben.
6 Darum soll jeder Fromme zu dir beten; solange du dich finden lässt. Fluten hohe Wasser heran, ihn werden sie nicht erreichen. 
7 Du bist mein Schutz, du bewahrst mich vor Not und rettest mich und hüllst mich in Jubel. 

Der heutige Psalm greift die Lesung sehr treffend auf. David preist selig, die die Barmherzigkeit Gottes erfahren haben („dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist“). Ferner preist er selig, wer im Stand der Gnade ist („in dessen Geist keine Falschheit ist“). Gottes Liebe ist so groß, dass er uns vergibt, was wir vor ihm bekennen. So deutet David seine Sünden an, die er in seinem Leben begangen hat (Vers 5). Gott ist es immer, den man aufsuchen soll, an den man sich klammern soll, auch gerade in Schuldsituationen. So kann man die Beziehung auch im Streit überdauern und festigen. Und wenn dann schlimme Dinge passieren, werden sie einen nicht überwältigen („ihn werden sie nicht erreichen“). Das dürfen wir jetzt aber mit Rückbezug auf die Lesung nicht missverstehen: Das heißt nicht, dass automatisch alle Menschen nicht im Stand der Gnade waren, die durch die Pest umgekommen sind. Dieser sogenannte „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ (das heißt Leid ist immer gleich Folge der Sünde und Leidlosigkeit ist gleich Sündlosigkeit) ist nicht generalisierbar. Wir können die „hohen Wasser“ als Andeutung der Sintflut betrachten. Diese wird hier allegorisch herangezogen, um zu verdeutlichen: Wir werden nicht sterben – und dies wiederum moralisch-anagogisch betrachtet. Wir verlieren das ewige Seelenheil nicht, wenn wir in Freundschaft mit Gott bleiben. Auch der Nebensatz „solange du dich finden lässt“ ist in diese Richtung zu verstehen: Solange wir noch die Chance haben, sollen wir uns bekehren. Wenn der jüngste Tag kommt, ist die Zeit abgelaufen.
„Du bist mein Schutz“ ist wiederum nicht irdisch-existenziell gemeint. David ist ja eben nicht vor Problemen bewahrt worden. Wie oft ist sein biologisches Leben gefährdet! Der Schutz, den Gott auch uns immer bietet, ist nicht der Schutz vor Leiden. Er kann uns davor nicht bewahren, entweder aufgrund der eigenen Sünden oder der Sünden anderer zu leiden. Er kann aber unsere Seele schützen vor der Verderbnis. Er kann unser ewiges Leben beschützen. So rettet er uns zwar auch manchmal in Notsituationen, dass auch die irdischen Leiden zwischenzeitlich aufhören. Doch ist die eigentliche und umfassende Rettung eine seelische. Wirklich jubeln werden wir also in der Ewigkeit, wenn auch jetzt schon ansatzweise Phasen des Jubels uns jetzt gegeben werden.

Mk 6
1 Von dort brach Jesus auf und kam in seine Heimatstadt; seine Jünger folgten ihm nach. 
2 Am Sabbat lehrte er in der Synagoge. Und die vielen Menschen, die ihm zuhörten, gerieten außer sich vor Staunen und sagten: Woher hat er das alles? Was ist das für eine Weisheit, die ihm gegeben ist! Und was sind das für Machttaten, die durch ihn geschehen! 
3 Ist das nicht der Zimmermann, der Sohn der Maria und der Bruder von Jakobus, Joses, Judas und Simon? Leben nicht seine Schwestern hier unter uns? Und sie nahmen Anstoß an ihm. 
4 Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat, bei seinen Verwandten und in seiner Familie. 
5 Und er konnte dort keine Machttat tun; nur einigen Kranken legte er die Hände auf und heilte sie.
6 Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Jesus zog durch die benachbarten Dörfer und lehrte. 

Heute hören wir im Evangelium einen Grundsatz, den wir selbst gut nachvollziehen können: „Ein Prophet wird in seiner Heimat nicht anerkannt.“
Jesus und seine Jünger kommen nach Nazaret, das Jesu Heimatstadt darstellt. Am Sabbat lehrt er in der Synagoge und die Anwesenden wundern sich sehr über seine Weisheit und die Wunder („Machttaten, die durch ihn geschehen“). Dieses Staunen ist aber kein positives oder konstruktives, das eine Dankbarkeit über Gott nach sich zieht. Es ist vielmehr ein sich Wundern, das die Weigerung nach sich zieht, Gottes Gnade in einem ihnen von früher bekannten Menschen anzuerkennen. Menschen haben die Eigenart, andere abzustempeln und nicht für möglich zu halten, dass diese Abgestempelten sich ändern können. Jesus hat längst den Stempel „Sohn des Zimmermanns“ aufgedrückt bekommen. Dass er Rabbi und Wundertäter, ja sogar Sohn Gottes sein könnte, lassen sie nicht zu. Sie öffnen sich nicht für das Wirken des Hl. Geistes. Dieser wirkt nur dort, wo Menschen ihn zulassen. Diese Menschen nehmen aber Anstoß an Jesus, da sie ihn von klein auf kennen. Seine ganze Verwandtschaft wohnt in Nazaret. Die gesamte Großfamilie hat ein festes Image vor den Bewohnern Nazarets, aus dem sie nicht herausbrechen kann. Die hier namentlich aufgeführten „Brüder“ Jesu, sind nicht seine direkten Brüder, also weitere Kinder der Maria. Sie sind vielmehr seine Cousins, mindestens zweiten Grades, da an anderer Stelle als Eltern eine andere Maria und Kleopas genannt werden (Mk 15,47 die Mutter, Joh 19,25 wird sie als Frau des Kleopas bezeichnet). Maria wird keine Schwester mit demselben Namen gehabt haben.
Jesus kann kaum Heilungen vollbringen, weil die Menschen sich ihm verschließen. Gott zwingt niemandem eine Heilung auf. Wo wir ihm das Herz öffnen, da verwandelt er es, als Bonus auch mal den Körper. Aber wenn das Herz verhärtet ist (Herz ist hier natürlich sinnbildlich gemeint, eigentlich ist es die Seele), dann hält er sich zurück.
Jesus wundert sich über ihren Unglauben. Warum wundert er sich? Er kann nicht verstehen, warum sie sich ihm verschließen. Gerade sie sehen am besten den „Vorher-Nachher-Effekt“. Sie sollten die Gnade Gottes am besten anerkennen, da sie Jesus ja gesamtbiographisch bezeugen können. Aber so ist der Mensch, der sich von einem anderen ein festes Bild macht. Dieses Bild will er von Gott nicht übermalen lassen. Er hat ein anderes Menschenbild als Gott. Im Gegensatz zu Gott, der uns Menschen als weiche Tonmasse sieht, die er nach seinem Bild formt, sieht der Mensch den Menschen als Siegelmasse, die mit einem Stempeldruck ihre endgültige Prägung erhält. Oder der Mensch sieht den Menschen als Stein, der ein Relief eingemeißelt bekommt und dieses lässt sich nicht mehr verändern. Und so werden die Nazarener selbst zu Felsen, die sich weigern, von Gott umgemeißelt zu werden.

Beziehen wir es zurück auf David, erkennen wir schon damals eine weiche Tonmasse. David hat keine Angst, seine Schuld einzugestehen und sich so schnell wie möglich mit Gott zu versöhnen. Er hat nur vor einer Sache Angst – Gott zu verlieren. Er repariert umgehend, was er zerstört. Er lässt sich korrigieren wie weicher Ton. Gott kann mit ihm arbeiten. Weil David immer wieder die Versöhnung sucht und so auch im Psalm betet, können die „hohen Wasser“ ihm nichts anhaben. Auch wenn er nicht schuldlos lebt, ist er gerecht vor Gott. Das heißt nicht, dass er uns zur Sünde animieren möchte, sondern zur Umkehr. Egal, wie groß die Sünde, je eher wir Gott aufsuchen und die Versöhnung von uns aus anstreben, desto besser ist es für unser ewiges Seelenheil. David lässt sich immer wieder eines Besseren belehren. Deshalb kann Gott ihn immer mehr zu einem Diamanten schleifen. Er verweigert sich ihm nicht. Das ist der Unterschied zu den Nazarenern des heutigen Evangeliums. Sie lassen kaum mit sich arbeiten. Das schadet ihnen aber letztendlich selbst. Wer sich dem Hl. Geist verweigert, verweigert sich selbst das ewige Heil.

Ihre Magstrauss