Samstag der dritten Adventswoche (A)

Hld 2,8-14 oder Zef 3,14-17 (14-18a); Ps 33,2-3.11-12.20.21; Lk 1,39-45

Liebe Freunde,
heute gibt es zwei Möglichkeiten für die alttestamentliche Lesung: Hohelied oder Zefanja. Wir werden einen Blick in beide Texte werfen, weil sie beide sehr interessant sind.

Hld 2
8 Horch! Mein Geliebter! Sieh da, er kommt. Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel. 
9 Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch. Sieh da, er steht hinter unserer Mauer, er blickt durch die Fenster, späht durch die Gitter. 
10 Mein Geliebter hebt an und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! 
11 Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. 
12 Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land.
13 Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte, die blühenden Reben duften. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! 
14 Meine Taube in den Felsklüften, im Versteck der Klippe, dein Gesicht lass mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.

Der Ausschnitt aus dem Hohelied ist wie das ganze Buch voll von bräutlicher Sprache. Dies ist eine bewusst verwendete Metaphorik, die das Verhältnis der Braut Israel zu ihrem Bräutigam Gott verbildlicht. Was wir in diesen vielen blumigen Aussagen erkennen können, ist das Kommen des Messias:
Der „Geliebte“ kommt, und zwar schnell. Er hüpft und rennt wie eine Gazelle bzw. ein junger Hirsch. Er blickt schon durchs Fenster und durchs Gitter. Das erinnert uns an Jesus, wie er in Offb 3,20 sagt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Es ist dasselbe Bild und meint das Kommen des Messias, das unmittelbare bevorsteht. Dort wird es sich aber auf das zweite Kommen beziehen. Hier geht es noch um das erste Kommen, das das Volk Israel erwartet hat.
Der Herr fordert Israel auf, aufzustehen, da der Winter vorbei und die Anzeichen der Natur eindeutig sind. Das hebräische Verb קום kann unterschiedlich übersetzt werden und später verwendet es Jesus, als er das verstorbene Mädchen wieder zum Leben erweckt: Es kann „aufstehen“ im Sinne von „aufwachen“ und „sich erheben“ meinen, aber auch „durchhalten“, „errichtet werden“, „ins Dasein gerufen werden“. Durch diese schillernde Vielfalt kann man diese Aufforderung Gottes mehrfach verstehen: Erstens ruft Gott sein Volk ins Dasein durch die Schöpfung und den Bundesschluss , den er immer wieder erneuert. Dann ruft Gott zur Errichtung der zwölf Stämme und zum Tempelbau auf. Gott möchte immer wieder schon im AT, dass das Volk endlich aus der Trance des Götzendienstes aufwacht. Er ruft sein Volk auch immer wieder auf, durchzuhalten in Zeiten der Bedrängnis, besonders im Exil. Er wird diese verschiedenen Rufe auch an uns richten, die wir das Volk Gottes im Neuen Bund sind. So wie in der Offb wird er uns zum Ausharren aufrufen, die wir auf seine Wiederkunft warten.
Was das Hohelied uns immer wieder vermittelt, ist nicht nur die Sehnsucht des Volkes Israel nach Gott, sondern auch Gottes Liebe zu seinem Volk. Er möchte das Gesicht seiner Braut sehen. Gott brennt vor Liebe zu uns und möchte uns sehen. Er sehnt sich nach uns und unserer Gegenliebe. Er ist eifersüchtig, wenn wir Götzen schöne Augen machen. Er möchte unsere ganze Liebe für sich allein. Und er ist bald da. Ja, der Messias wird Mensch in wenigen Tagen!
Ich möchte noch etwas zur Geliebten sagen: Gewiss ist sie ein Bild für Israel. Dieses verdichtet sich aber in einer einzelnen Person, die zur Stellvertreterin des Volkes, des Alten Bundes wird – Maria. Sie ist wahrlich eine Braut Gottes, da sie dem Tempel geweiht worden ist. In diesen Tagen denken wir sehr viel an sie, weil sie kurz vor ihrer Niederkunft steht. Sie trägt Gott unter ihrem Herzen und ersehnt ihn. Sie ruft „Horch! Mein Geliebter!“ Sie hat die Bräutlichkeit des Volkes Israel mit ihrem ganzen Wesen ausgedrückt.

Zef 3
4 Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! 
15 Der HERR hat das Urteil gegen dich aufgehoben und deine Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der HERR, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten. 
16 An jenem Tag wird man zu Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! 
17 Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er schweigt in seiner Liebe, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.

Zefanja gehört zu den „kleinen Propheten“, deren Botschaft aber mindestens genauso bedeutsam ist wie die der großen Propheten: Es ist fast schon ein Freudengesang, den wir bei ihm lesen. Die Tochter Zion wird zum Lobpreis aufgefordert, weil der Tag der Freude gekommen ist. Historisch gelesen erkennen wir das Ende der assyrischen Fremdherrschaft. Zefanja wirkt in Jerusalem um das Jahr 630 v.Chr. Wie viele Propheten vor und nach ihm hat er das Leiden des Volkes durch die Assyrer als Urteil Gottes gedeutet, das Israel durch die eigenen Sünden verdient hat. Er sagt in diesem heutigen Abschnitt nun, dass Gott das Urteil aufgehoben hat. Die Zeit der Bedrängnis ist vorbei. Stattdessen wohnt der König Israels nun in ihrer Mitte. Es ist bemerkenswert, dass Gott nun als König bezeichnet wird. Das ist eine Metapher, die wir mit Jesus, dem Messias wiedererkennen werden. Er, der sogar ans Kreuz geschlagen wird als König der Juden. Gott ist der Herrscher der Welt und er ist es, der Israel leitet.
Gott wird auch als Held bezeichnet, der Rettung bringt. Bei solchen messianischen Aussagen wird stets das hebräische Wortfeld um יֹושִׁיעַ joschia „Rettung“ verwendet. Gott bringt uns Jesus, den Heiland.
Wenn es dann heißt: „Er freut sich und jubelt über dich“, ist das vergleichbar mit dem Ausschnitt aus dem Hohelied. Gott freut sich und sehnt sich nach seiner Braut. Er freut sich besonders, wenn sie umkehrt von den Götzen und ihren Blick wieder Gott zuwendet. Womöglich kann man diesen letzten Vers schon als Hochzeit deuten, die der Anlass der größten Freude darstellt. Dann klingt hier prophetisch schon die Hochzeit des Lammes an.
Auch hier ist der Hinweis zu machen, dass die Tochter Zion auf eine reale Person bezogen werden kann – Maria. Sie ist eine Tochter Zion als Zugehörige zum Volk Israel, vielmehr aber durch ihre Zugehörigkeit zum Stamm Juda und zur Dynastie König Davids. Sie verkörpert das Volk Israel auf eine ganz besondere Weise. Denn sie macht keinen Götzen schöne Augen. Sie schaut nur auf den HERRN und tut in allem nur seinen Willen.

Ps 33
2 Preist den HERRN auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe spielt ihm!
3 Singt ihm ein neues Lied, spielt kunstvoll mit Jubelschall!
11 Der Ratschluss des HERRN bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens durch alle Geschlechter. 
12 Selig die Nation, deren Gott der HERR ist, das Volk, das er sich zum Erbteil erwählt hat. 20 Unsre Seele hofft auf den HERRN; er ist unsere Hilfe und unser Schild. 
21 Ja, an ihm freut sich unser Herz, wir haben vertraut auf seinen heiligen Namen.

Je näher wir dem Weihnachtsfest kommen, desto mehr Lobgesang hören wir in den Psalmen und Lesungen des Tages. Im heutigen Lobpsalm werden wir aufgefordert, Gott zu loben mit Gesang und Instrumenten. Das Besondere hier: Wir sollen ein neues Lied singen. Das ist immer ein Hinweis auf den Messias.
Der ewige Ratschluss des HERRN, also sein Wille, ist ein wunderbar tröstliches Wort, denn es besagt, dass Gottes HEIL ewig bestehen bleibt. Er hat immer nur Pläne des Heils, nicht des Unheils (Jer 29,11). Dies können wir wirklich bestätigen: Der Höhepunkt der Heilsgeschichte kam mit der Menschwerdung Gottes, was wir in wenigen Tagen feiern werden. Er hat einen Bund zwischen allen Menschen und Gott geschlossen, der auf ewig Bestand haben wird.
„Selig die Nation, deren Gott der HERR ist“ – alle Menschen können theoretisch selig sein, weil Jesus für sie alle gestorben ist. Sie müssen diese Erlösung aber annehmen, wenn sie sein Erbe antreten wollen.
„Unsere Seele hofft auf den HERRN“ ist ein typisches Psalmwort und ist zeitlos. Sowohl die Israeliten haben auf den Herrn gehofft, insbesondere in Zeiten der Bedrängnis durch feindliche Völker. Die Kirche betet dies heute in der Zeit der größten Christenverfolgung aller Zeiten. Jeder einzelne Mensch betet dies in Zeiten der ganz persönlichen Bedrängnis, insbesondere in Versuchungssituationen. Wir beten es auch mit Blick auf das Ende der Zeiten, wenn Jesus zum zweiten Mal wiederkommen wird.
Und wenn wir bis zum Schluss auf seinen heiligen Namen vertraut haben, wenn wir standhaft geblieben sind, werden wir am Ende wirklich Grund zum ewigen Jubel haben. Dann werden wir Gottes Angesicht schauen und ihn loben bis in alle Ewigkeit.

Lk 1
39 In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. 
40 Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. 
41 Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt 
42 und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. 
43 Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 
44 Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. 
45 Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

Alles, was wir bisher gehört haben, läuft auf das heutige Evangelium hinaus: Maria besucht ihre Verwandte Elisabet, die ja im sechsten Monat schwanger mit Johannes dem Täufer ist.
Als Maria ins Haus kommt und Elisabet begrüßt, hüpft das Kind in ihrem Leib. Elisabet wird vom Heiligen Geist erfüllt und tut das, zu dem der Psalm auffordert: Sie unternimmt einen Lobpreis. Dabei segnet sie Maria, die sie als die Muttergottes erkennt. Es ist bemerkenswert, dass sie sich selbst niedriger einstuft als Maria („Wer bin ich…“). Das ist insofern besonders, als sie nach jüdischer Vorstellung eigentlich höhersteht. Sie ist ja älter als Maria. Elisabet beginnt den Lobpreis, nachdem sie gemerkt hat, dass ihr ungeborenes Kind den Messias preist.
Vergleichen wir diese Begegnung zwischen dem Täufer und Jesus sowie Elisabet und Maria mit den Lesungen des Alten Testaments, geht uns einiges auf. Im Hohelied wurde schon verheißen, dass Gott an der Schwelle steht und durchs Gitter schaut. Er ist unmittelbar vor der Ankunft. Und dies erfüllt sich nun mit Maria und dem ungeborenen Jesuskind an der Schwelle des Hauses des Zacharias! Jesus kehrt ein, auch wenn er noch nicht geboren ist. Das erkennt schon das andere ungeborene Kind. Es kommt noch besser. Im Hohelied heißt es, der Geliebte „springt über die Berge und hüpft über die Hügel“. Maria geht ins Bergland von Judäa, um ihre Verwandte zu besuchen. Sie bringt den „Geliebten“ tatsächlich in die Berge und Hügel!
Auch die Verheißungen aus Zefanja realisieren sich in dieser Situation: Freuen und jubeln kann sich heute Elisabet, denn der HERR ist in ihrer Mitte. Maria hat ihn zu ihr gebracht. Nicht nur Maria wird so zur Tochter Zion, in deren Mitte, nämlich in ihrem Leib, der Messias heranwächst, sondern auch ihre Verwandte und auch Johannes der Täufer.
Elisabet erkennt, dass die Personifikation der Tochter Zion ihre Verwandte Maria ist. Sie ist ganz anders als alle anderen Frauen. Sie trägt kein normales Kind unter ihrem Herzen, sondern den Messias, Gott den HERRN. Sie erkennt Marias Glauben an die gute Vorsehung Gottes. Sie erkennt, dass Maria wirklich darauf vertraut hat, dass Gottes Ratschluss immer auf das Heil hinausgeht und dass Gott sein Versprechen hält.
Was wir heute nicht mehr hören, was sich aber an Elisabets Worte anschließt, ist das Magnificat. Maria, die Tochter Zion, preist Gott mit Worten der Heiligen Schrift für die großen Taten, die er seinem ganzen Volk erwiesen hat. Sie betet stellvertretend für das ganze Volk, wodurch ihre Identität als Tochter Zion ganz und gar offenbar wird.

Heute ist es wirklich nur noch einen Katzensprung von der Menschwerdung Gottes entfernt. Freuen wir uns und jubeln zusammen mit Johannes dem Täufer, Elisabet, Maria und David. Jubeln wir und glauben auch wir, dass Gottes Ratschluss immer nur das Heil für uns bereithält. Er hält sein Versprechen. Er tat es damals und er wird es auch in unserem Leben tun.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der dritten Adventswoche (A)

Jer 23,5-8; Ps 72,1-2.12-13.18-19; Mt 1,18-24

Jer 23
5 Siehe, Tage kommen – Spruch des HERRN – , da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln und Recht und Gerechtigkeit üben im Land. 
6 In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, Israel kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Der HERR ist unsere Gerechtigkeit. 
7 Darum siehe, Tage kommen – Spruch des HERRN – , da sagt man nicht mehr: So wahr der HERR lebt, der die Söhne Israels aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat!, 
8 sondern: So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel aus dem Nordland und aus allen Ländern, in die er sie verstoßen hatte, heraufgeführt und zurückgebracht hat! Dann werden sie auf ihrem eigenen Boden wohnen.

Die heutige Lesung aus dem Buch Jeremia ist eine weitere Prophezeiung eines davidischen Herrschers, der ganz Israel retten wird. Diese schließt sich insbesondere an die gestrigen Lesungen an, in denen bereits der sterbende Jakob ähnliches verheißen hat. Im Hebräischen steht ein Partizip für „kommen“. Das impliziert immer einen anhaltenden Zustand. Gott wird nicht kommen, er ist schon dabei, es zu tun! Partizipien werden immer gebraucht, um eine gewisse Zeitlosigkeit/übergreifende Zeitlichkeit auszudrücken. So wird das Kommen auf die Zukunft ausgeweitet. Was hier also verheißen wird, ist auf die Zukunft bezogen. Gott wird einen Spross erwecken, das heißt einen Nachkommen. Wir denken an dieser Stelle an den Stammbaum Jesu Christi des gestrigen Evangeliums.
Es wird ein König verheißen, der wirklich gerecht sein wird. Bei Jeremia geht es wörtlich-historisch um einen irdischen Herrscher, der Israel aus dem Nordland in die Heimat zurückführen wird, also politisch gerecht handeln wird. Er hat jahrelang den Untergang Jerusalems vorhergesagt, was dann mit der babylonischen Herrschaft eintrat. Umso bemerkenswerter ist es, dass er gleichzeitig zu seiner Untergangsprophetie die Trostbotschaft verbreitete, dass Gott sein Volk mit einem gerechten König retten wird. Das kommt in Vers 6 besonders zum Ausdruck, wo mit dem Verb תִּוָּשַׁ֣ע  tivascha „sie (Jerusalem) wird gerettet werden“ diese Befreiung prophezeit wird. Dabei haben wir wieder dieselbe Wurzel wie im Namen Jesu, also für uns ein messianisches Signal! Es handelt um mehr als nur um die Ankündigung eines gerechten Herrschers. Man denkt vor allem an den Perserkönig Kyros, über den wir in den letzten Wochen öfters gelesen haben. Dass es aber eben nicht auf ihn anspielt, oder zumindest nicht nur, sehen wir an dem Anfang der Lesung: Es soll ja ein Nachkomme Davids sein und nicht ein Perser! Es wird nicht nur ein Israelit, nicht nur jemand aus dem Stamm Juda sein, sondern sogar Davidide! Die Angabe ist schon sehr spezifisch und weist für uns auf den Messias hin. Der Angekündigte wird weise und gerecht handeln, was die Eigenschaften Salomos sind und auch von Jesus werden wir die Weisheit in Person lesen und davon, dass der Menschensohn gerechtes Gericht ausüben wird am Ende der Zeiten. Hier wird Jesus angekündigt! Er wird das Volk befreien – das Volk Gottes aus der Knechtschaft der Sünde. Er ist es, der uns aus unserem sündhaften Zustand in den Stand der Gnade zurückholt und er ist es, der uns aus der Knechtschaft der Welt ins Himmelreich holt.
Der entscheidende Unterschied wird sein: Jesus als Retter, wie sein Name schon verrät, wird nicht politisch retten und das Wohnen in Sicherheit bezieht sich nicht auf das irdische Dasein.
Wörtlich-historisch wird deutlich, dass mit dem befreienden König Gott selbst an den Israeliten handeln wird. Bei Jeremia lesen wir ein wichtiges Verständnis von Geschichte: Sie wiederholt sich und deshalb setzt er den Exodus aus Ägypten typologisch mit dem Auszug des Volkes Israel aus dem babylonischen Exil in Verbindung! Im NT wird eine weitere typologische Brücke dazu gezogen, wenn z.B. Paulus in Röm 6 Jesu Erlösungstat als Befreiung aus der Sklaverei der Sünde bezeichnet und in Joh 8 Jesus selbst so etwas sagt.
Und wie nach dem Auszug aus Ägypten die umstehenden Völker den Gott Israels aufgrund dieser spektakulären Heilstat anerkannten, wird dies auch mit der Befreiung aus dem Exil so sein. Wir erweitern die Typologie bis zu Jesus und können nach 2000 Jahren Kirchengeschichte wirklich bestätigen: Durch Gottes große Heilstaten, die allen Menschen offenbar werden, erkennen immer wieder Menschen der „Völker“ Christus an (das ist der Begriff für die Nichtjuden und in diesem Fall jetzt der Nichtchristen). Sie lassen sich von seiner Liebe berühren und werden durch die Taufe zu Erben seines Reiches. Auch in unserem Leben handelt Gott mit großen Heilstaten, sodass andere Menschen durch uns zum Glauben an ihn kommen. Am Ende der Zeiten werden alle Gott anerkennen, wenn er seine große Macht und Herrlichkeit entschleiern wird.
Es war für die Israeliten ein großer Trost, zu hören, dass sie auf eigenem Boden leben werden. Dieser Boden ist das verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen und auf dem sie Gott opfern können im Tempel. Diese Verheißung ist auch weiter zu lesen als messianische Verheißung: Jesus wird kommen und das Reich Gottes verkündigen. Er wird sagen: „Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.“ Es handelt sich um ein Land, das nicht von dieser Welt ist und doch sakramental, nämlich durch die Kirche schon vorweggenommen wird, der Gemeinschaft der Gläubigen. Dann ist das schon ein eschatologisches Heimatgefühl, das doch vorübergehend ist. In einem Kirchenlied, das oft bei Beerdigungen gesungen wird, heißt es nicht umsonst: „Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh‘ mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.“ Das zu erbende Land ist das himmlische Jerusalem am Ende der Zeiten.
Diese Rettung und das Ziel des Lebens in dieser Heimat beginnt mit der Menschwerdung Gottes. Deshalb können wir uns heute über diese Lesung eine Woche vor Weihnachten ganz besonders freuen! Bald kommt der König, der weiser und gerechter ist als alle irdischen Könige zusammen.

Ps 72
1 Für Salomo. Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten. 
2 Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden durch rechtes Urteil. 
12 Ja, er befreie den Armen, der um Hilfe schreit, den Elenden und den, der keinen Helfer hat. 
13 Er habe Mitleid mit dem Geringen und Armen, er rette das Leben der Armen.  18 Gepriesen sei der HERR, der Gott Israels! Er allein tut Wunder. 
19 Gepriesen sei der Name seiner Herrlichkeit auf ewig! Die ganze Erde sei erfüllt von seiner Herrlichkeit. Amen, ja amen.

Dieser Psalm begegnet uns schon zum dritten Mal in diesem Kirchenjahr, weil er DER Psalm des erwarteten davidischen Messias ist. Zunächst passt er wörtlich-historisch zu der Lesung. Dort wird ein Nachkomme Davids verheißen, der als König das Volk Israel gerecht regieren und aus der Knechtschaft befreien wird. Hier lesen wir nun die Bitte Davids und Salomos um die Fähigkeit des gerechten Waltens. Durch den Psalm lernen wir heute, dass es sich um eine Gottesgabe handelt, wenn ein König gerecht ist.
Die Bitte Davids für seinen Nachfolger Salomo umfasst neben der Gabe, gerecht und solidarisch zu herrschen, in allem die Option für die Armen zu treffen.
Wir erkennen erneut die typologische Brücke zu dem neuen Salomo Jesus. Er ist tatsächlich gerecht. Er ist immer solidarisch mit den Randständigen, sehr zum Unmut der religiösen Elite seiner Zeit. Und das Entscheidende: Er ist es, der das Leben der Armen rettet. Sein Name ist Programm („Jahwe rettet“). Er rettet unser ewiges Leben, in dem er uns alle von der Erbsünde befreit und die ewige Heimat ermöglicht. Die Armut ist in dem Fall dann der Zustand der Sünde. So rettet Jesus das Leben jedes Einzelnen, der in Todsünde lebt. Er wird uns retten von den Leiden dieser Welt, wenn er wiederkommt am Ende der Zeiten.
David preist Gott für seine Wunder. Er hat das Heil für uns alle bereit. Er ist unendlich gut und verdient unser Lob zu aller Zeit.
Interessant ist der Schluss des Psalms: Die ganze Erde soll mit seiner Herrlichkeit erfüllt sein. Diese Sehnsucht ist jüdisch gesehen unerhört. Die Herrlichkeit Gottes wohnt nämlich im Tempel. Der Wunsch der Ausweitung auf die ganze Welt kommt daher, dass der Tempel Gottes ja zerstört werden wird, sodass Gott örtlich nicht mehr fassbar wird. Umso mehr entwickelt sich eine solche Sehnsucht im Exil. Mit Jesus wird dies Realität. Gott ist natürlich omnipräsent und deshalb überall. Aber durch die Eucharistie wird Gottes Herrlichkeit auch physisch und örtlich gebunden – in jedem Tabernakel der Kirche, in jeder Hl. Messe! Nicht mehr nur der Hohepriester einmal im Jahr hat das Privileg, das Allerheiligste aufzusuchen, sondern jeder Christ – zu jeder beliebigen Zeit! Umso trauriger, dass der Herr in vielen Kirchen alleine bleibt. Gott erweist uns so eine große Gnade, so ein Privileg, doch wir nehmen es nicht in Anspruch. Erfüllt ist die ganze Erde mit dem Hl. Geist, den Jesus uns vom Vater gesandt hat am Pfingsttag. Dieser Geist weht, wo er will, nicht nur im Hause Israels. Das ist eine Erfüllung des Wunsches von Ps 72.

Mt 1
18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. 
19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. 
20 Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. 
21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. 
22 Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: 
23 Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns. 
24 Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Das heutige Evangelium ist die Fortsetzung des gestrigen. Im Anschluss an den Stammbaum hören wir jetzt von der Geburt des Messias. Das Matthäusevangelium berichtet sie vor allem aus Sicht des Josef. Dies macht absolut Sinn, wenn wir uns an den Stammbaum erinnern. Juden denken bei der Weitergabe des Lebens und des eigenen Blutes patrilinear, also väterorientiert. Wenn es also um die Geburt eines Kindes geht, macht es Sinn, dass dieses Evangelium die Vaterperspektive betont. Wir lesen in dem heutigen Evangelium auch wieder solche Formulierungen, die die biologische Vaterschaft Josefs ausschließen: „Maria, seine Mutter“ ist eine Andeutung solcher Art, die im Stammbaum durch das Auslassen des Satzes „Josef zeugte den Jesus“ und den Verweis auf seine Frau Maria ausgedrückt worden ist. Dies wird noch viel eindeutiger im weiteren Verlauf des Evangeliums, wo immer wieder „das Kind und seine Mutter“ gesagt wird, nicht „Josefs Sohn“ (z.B. in Mt 2,13-14) – in einem Evangelium, das eigentlich sehr patrilinear orientiert ist! Das fällt auf.
Josef ist ein gerechter Mann. Gott hat sich etwas dabei gedacht, ausgerechnet diesen Menschen als Ziehvater seines Sohnes vorzubereiten. Josef wollte seine Frau nicht bloßstellen – denn erstens war Maria vor der Ehe schwanger geworden und zweitens als geweihte Jungfrau! Um ihre Ehre zu bewahren, möchte er sich von ihr trennen. Wir verstehen seine noble Tat erst, wenn wir die jüdischen Gesetze kennen:
Wenn ein unberührtes Mädchen, das einem Mann versprochen ist, von einem anderen Mann schwanger wird, sollen der andere Mann sowie die Frau gesteinigt werden (Dtn 22,23f.). Dem Betrogenen wird keine Schuld zugeschrieben. Warum will sich Josef dann von ihr trennen? Josefs Gerechtigkeit ist eine größere als die der buchstabentreuen Juden seiner Zeit. Er denkt keinen Moment daran, das mosaische Gesetz auszuführen, sondern er überlegt, die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Indem er sich nämlich in aller Stille von ihr getrennt hätte, hätte es nach außen hin so ausgesehen, als hätte er sie verlassen, nachdem er mit ihr ein Kind gezeugt hatte. So hätte sie als „Verführte“ und „Verlassene“ keine Schuld getroffen. Er wäre bestraft, Marias Leben und das des Kindes aber gerettet worden. DAS meine Lieben, ist ein würdiger Ziehvater, den sich Gott auserwählt hat. Er hat seine Gerechtigkeit schon vor der Geburt des Gotteskindes unter Beweis gestellt und das alles, noch bevor er von Gottes Plan gehört hat!
Er handelt dann doch anders, als ihm im Traum ein Engel des Herrn den Heilsplan Gottes offenbart hat. Bei den Worten des Engels ist sehr auffällig, dass er Josef „Sohn Davids“ nennt. Die jüdischen Hörer dieses Evangeliums werden eins und eins zusammengezählt haben. Das Kind, das in die Welt kommen soll, erhält auf Erden einen davidischen Vater. Somit erfüllen sich die messianischen Verheißungen der Hl. Schriften. Dieser Messias wird von einem davidischen Vater erzogen werden, der selbst ein gerechter Mann ist. So wird der Messias selbst gerecht sein, als Gott durch die göttliche Eigenschaft der Gerechtigkeit, als Mensch dank Josef und seiner Tugend der Gerechtigkeit.
Das Kind ist vom Hl. Geist, aber Josef soll es benennen. Damit wird deutlich, dass er es als sein Kind großziehen soll.
Der Engel gibt ihm auch den Namen vor und erklärt dessen Bedeutung: Dieses Kind wird das Volk von seinen Sünden erlösen. Das ist eine Verheißung, die immer und immer wieder im AT verheißen wird. Damit wird dem frommen Juden Josef klar: Das Kind ist der Messias und muss deshalb Jesus heißen.
Daraufhin wird die Erfüllung der Verheißung noch durch ein Jesajazitat verdeutlicht, das wir in der Adventszeit bereits gehört haben. Die Jungfrau wird ein Kind empfangen…Die frommen Juden, die dieses Evangelium gehört haben, verstanden spätestens jetzt, was für ein Kind hier geboren wird.

Lassen wir uns heute berühren von Gottes großen Heilstaten. Er hat das lange jahrhundertelange Schreien seines auserwählten Volkes erhört und wie verheißen als davidisches Kind in dieser Welt Mensch geworden. Er hat für die Umsetzung seines Heilsplans sowohl die Jungfrau bereitet als auch den gerechten Mann, der sie mit allen Mitteln beschützt. Diese Familie ist besonders. Sie ist eine geistige Familie, da alles Biologische, was im Judentum sonst üblich ist, hier komplett entfällt. Danken wir heute besonders dem Hl. Josef, der so wunderbar gehandelt hat. Sonst wäre Jesus nicht in diese Welt gekommen, dessen Leben schon von Anfang an bedroht gewesen ist. Wir können wirklich viel von ihm lernen, besonders für unsere eigenen Familien. Hl. Josef erbitte du uns die Gnade, so selbstlos wie du in unseren Familien zu leben, mit derselben Hingabe und demselben Gerechtigkeitssinn. Wir bitten dich um deine Fürsprache, dass alle Männer so nobel und respektvoll mit ihrer Frau umgehen wie du es getan hast. Das erbitten wir durch Christus, unseren Herrn, Amen.

Überdenken wir heute besonders unsere Rolle in der Familie und nehmen wir uns in der letzten Woche vor Weihnachten vor, das Familienleben zu erneuern.

Ihre Magstrauss

Montag der dritten Adventswoche (A)

Num 24,2-7.15-17a; Ps 25,4-9; Mt 21,23-27

Num 24
2 Als Bileam aufblickte, sah er Israel im Lager, nach Stämmen geordnet. Da kam der Geist Gottes über ihn, 
3 er begann mit seinem Orakelspruch und sagte: Spruch Bileams, des Sohnes Beors, Spruch des Mannes mit geöffnetem Auge, 
4 Spruch dessen, der Gottesworte hört, der eine Vision des Allmächtigen sieht, der niedersinkt mit entschleierten Augen: 
5 Jakob, wie schön sind deine Zelte, deine Wohnungen, Israel! 
6 Wie Bachtäler ziehen sie sich hin, wie Gärten an einem Strom, wie Aloebäume, vom HERRN gepflanzt, wie Zedern am Wasser. 
7 Von seinen Schöpfeimern rinnt das Wasser, reichlich Wasser hat seine Saat. Sein König möge Agag überlegen sein und seine Königsherrschaft sich erheben.
15 Und er begann mit seinem Orakelspruch und sagte: Spruch Bileams, des Sohnes Beors, Spruch des Mannes mit geöffnetem Auge, 
16 Spruch dessen, der Gottesworte hört und die Kunde des Höchsten kennt, der eine Vision des Allmächtigen sieht, der niedersinkt mit entschleierten Augen:
17 Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich erblicke ihn, aber nicht in der Nähe: Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel. Er zerschlägt Moab die Schläfen und allen Söhnen Sets den Schädel.

Wir haben in der Lesung gestern gehört, dass Gott seinen Hl. Geist schon im AT ausgegossen hat und in Zukunft auf ganz umfassende Weise ausgießen wird. Dies wird z.B. dort erfahrbar, wo in seinem Namen Propheten auftreten. Heute hören wir ein wunderbares Beispiel dafür: Bileam ist ein nichtisraelitischer Prophet, in Jos 13 allerdings als Wahrsager bezeichnet. Er erkennt Jahwe als seinen persönlichen Gott an und wird deshalb von seinem Geist erfüllt. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass Gottes Geist weht, wo er will und auch im AT schon außerhalb des Volkes Israel wirkt. Bileam wird vom moabitischen König Balak beauftragt, Israel zu verfluchen. Gottes Hand ist aber auf dem Volk. Kein Fluch kann etwas anrichten. Bileam kann es nicht einmal versuchen. Stattdessen wird ihm immer nur Segen von Gott eingegeben. Es heißt, dass der Geist Gottes auf Bileam kommt. Sogar so jemand wie Bileam, der zu etwas Bösem beauftragt wird, wird zum Werkzeug des Heils. Letztendlich läuft alles auf den Heilsplan Gottes hinaus, auch wenn die Gegenspieler es noch so sehr versuchen, zu vereiteln. Wir müssen bedenken, dass hinter dem Auftrag König Balaks eigentlich die alte Schlange, der Satan steckt. Er ist der Gegenspieler Gottes, der zu allen Zeiten versucht, sich gegen Gott aufzulehnen. Er bedient sich verschiedener Menschen, verkleidet sich in immer neuem Gewand und doch ist es immer derselbe Versuch, Gottes Heil zu zerstören. Es ist dieselbe Feindschaft, die in Gen 3 bereits angekündigt wird – die Feinschaft zwischen der Schlange und den Nachkommen der Frau – Israel. Aber es bringt alles nichts. Gott ist immer stärker und wird am Ende siegen. So ist es auch mit der Kirche, dem neuen Israel. Die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen. Denn sie ist von Christus gestiftet worden, der selbst von den Toten auferstanden ist. Der Satan hat gerade in diesem Fall verloren. Jesus blieb nicht im Tod, sondern besiegte ihn. Und wenn jeder einzelne Mensch ständig kämpfen muss, um nicht in Sünde zu fallen, ist das ein vorübergehender Kampf. Am Ende wird Gott siegen, mit dessen Hilfe wir die Sünde überwinden können. Wenn wir wirklich kämpfen und die Waffen Gottes dabei verwenden, wird unsere Seele nicht verloren gehen. Und am Ende der Zeiten wird die Feindschaft den Höhepunkt erreichen. Dann wird es zu einer großen Schlacht kommen, die aber kein Kampf mehr sein wird, sondern ein Abrechnen Gottes mit dem Bösen. Im Nu wird er den Satan mit seinem Heer und sogar den Tod vernichten. Dann wird er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, in der es nichts Böses und deshalb keinen Kampf mehr geben wird.
Bileam versucht, Israel zu verfluchen, aber es klappt nicht. Gott erfüllt ihn und auch dessen Mund kommt stattdessen ein Segen. Dabei ist bemerkenswert, dass das Volk Israel wieder mit Wassermetaphern umschrieben wird. Das ist ein Zeugnis für diejenigen, die es hören. Sie sollen begreifen: Israel sitzt an der Quelle, die Gott ist. Wir denken hier wieder an den Hl. Geist und führen es weiter auf die Kirche. Sie ist der Ort der Quelle, weil in ihrer Mitte Gott Materie annimmt in der Eucharistie, weil Gott leibhaftig da ist und weil der Geist Gottes in ihr lebt und wirkt. Alles begann mit dem Pfingstereignis und es ist ein viel umfassenderes Wirken als im AT. Dort wirkt der Geist an vereinzelten Menschen.Gott gibt Bileam daraufhin einen Orakelspruch ein, der es in sich hat. Er sieht einen aufgehenden Stern in Jakob, ein Zepter in Israel, aber nicht jetzt. Es geht also um etwas, das sich in weiterer Zukunft ereignen wird. Liest man vor allem das Zerschlagen der Schläfen Moabs, kommt einem eine politische Figur in den Sinn, die die Moabiter besiegen wird, ebenso die Söhne Sets. Dies ist eine Verheißung für Israel, in Zukunft politisch stark zu sein und sich gegenüber der Fremdvölker zu behaupten. Zugleich lernen wir aus dieser Erzählung, dass der Fluch, den wir aussenden, auf uns zurückfallen wird (die Schläfe Moabs wird getroffen!). Die Israeliten werden diesen Stern womöglich mit König David erfüllt gesehen haben. Wir lesen es aber über diese irdische Herrschaft hinaus messianisch. Mitten in die Intrige hinein wirkt Gott mit der messianischen Verheißung eines aufgehenden Sterns in Jakob. Dies ist einerseits wörtlich zu verstehen – es geht tatsächlich ein Stern auf bzw. wird am Himmel sichtbar (Sterne sind ja Fixpunkte) und wird zum Wegweiser für die Magoi aus dem Osten, die auf diese Weise zum kleinen Kind nach Bethlehem geführt werden. Es ist aber auch im übertragenen Sinne zu verstehen: Der Messias ist selbst ein Stern, ein Wegweiser ins Reich Gottes. Jesus wird als Erwachsener selbst sagen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich (Joh 14,6). Er wird für uns zum wegweisenden Stern bei der christlichen Lebensführung. Er hat erklärt, wie die Gebote Gottes richtig verstanden werden müssen. Jesus ist auch der Wegweiser für die Kirche. Wenn sie in seinem Namen verkündet, Liturgie feiert und caritativ tätig ist, wird sie nicht untergehen. Wenn sie die Sakramente nach seinem Stiftungswillen feiert, wird sie Frucht bringen und sich vermehren. Und am Ende der Zeiten werden wir duch diesen Stern in das Reich Gottes eingehen, in das himmlische Jerusalem. Die Zerschlagung Moabs ist der Böse, der entmachtet wird am Ende der Zeiten, als Verführer unserer Seelen und als Feind der Kirche.

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade! 
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
6 Gedenke deines Erbarmens, HERR, und der Taten deiner Gnade; denn sie bestehen seit Ewigkeit! 
7 Gedenke nicht meiner Jugendsünden und meiner Frevel! Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR, denn du bist gütig! 
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg. 
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg.

Der Psalm greift die Sternmetapher zwar nicht explizit auf, dafür aber implizit. „Zeige mir, HERR, deine Wege“ ist die Bitte, die Gott durch den aufgehenden Stern in Jakob erfüllen wird. Gott zeigt seine Wege, also seinen Plan durch die Propheten des AT und wird dies zeigen durch Jesus Christus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Gott wird den hellen Stern zum Orientierungspunkt dieses Weges machen. Der Weg ist dann nicht nur sein Heilsplan, sondern auch der moralische Weg, die Weise, wie wir leben sollen. Dies wird Jesus erklären, insbesondere durch die Gleichnisse und die Bergpredigt. Es ist der Weg ins Himmelreich, ins ewige Leben.
Dass auch dieser Psalm messianisch zu lesen ist, sehen wir an der hebräischen Formulierung אֱלֹהֵ֣י יִשְׁעִ֑י elohe, jisch’i. Die Wurzel des Wortes „Heil“ ist dieselbe wie der Name Jesu. „Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist ein besonders intensiver Ausdruck messianischer Erwartung. Wir hoffen auch den ganzen Tag auf den Messias, insbesondere jetzt in diese Adventszeit. Ganz eindrücklich können wir es an den Kindern sehen, die es kaum abwarten können, dass endlich Weihnachten ist. Wir warten liturgisch auf das erste Warten des Messias, aber auch auf das zweite Kommen am Ende der Zeiten. Je drastischer die Weltsituation ist, desto lauter wird der Schrei nach dem Gott des Heils.
Mit der Erwartung Gottes kommt auch hier die Frage nach dem Zustand der Menschen auf: „Gedenke deines Erbarmens“ und „gedenke nicht meiner Jugendsünden“ zeigen das Verständnis auf, dass wenn Gott kommt, die Menschen vor ihm gut dastehen möchten. Das ist, was wir vor allem in dem gestrigen Abschnitt aus dem Jakobusbrief gelesen haben. In diesem fordert Jakobus die Christen auf, ein moralisch gutes Verhalten an den Tag zu legen, um mit reinem Herzen Gott zu begegnen. Auch hier ist der Wunsch spürbar, dass wenn Gott kommt, barmherzig mit den sündigen Menschen umgehen soll. So sollen auch wir beten und das tut die Kirche auch immer nach dem Vaterunser in der Hl. Messe: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke uns nach deinem Willen Einheit und Frieden.“ Das wird vor dem Kommen Jesu in der Kommunion gebetet, also bevor die Menschen ihn in ihr Herz aufnehmen. Es ist dieselbe Haltung wie die Davids in dem Psalm. Leben wir mit dieser Einstellung und tun wir von uns aus das Nötige, damit der HERR Glauben vorfindet, wenn er kommt – sowohl zu Weihnachten als auch am Ende der Zeiten.

Mt 21
23 Als er in den Tempel ging und dort lehrte, kamen die Hohepriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und fragten: In welcher Vollmacht tust du das und wer hat dir diese Vollmacht gegeben? 
24 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch ich will euch eine Frage stellen. Wenn ihr mir darauf antwortet, dann werde ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich das tue. 
25 Woher stammte die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von den Menschen? Da überlegten sie und sagten zueinander: Wenn wir antworten: Vom Himmel!, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? 
26 Wenn wir aber antworten: Von den Menschen!, dann müssen wir uns vor den Leuten fürchten; denn alle halten Johannes für einen Propheten. 
27 Darum antworteten sie Jesus: Wir wissen es nicht. Da erwiderte er: Dann sage auch ich euch nicht, in welcher Vollmacht ich das tue.

Heute hören wir wieder etwas von Johannes dem Täufer. Jesus bezieht sich auf ihn, als er mit der Frage konfrontiert wird, mit welcher Vollmacht er im Tempel lehre. Jesus ist manchmal sehr schlau und antwortet entweder mit Codes, Gleichnissen oder wie hier mit Gegenfragen.
Er würdigt im Nachhinein die Johannestaufe und weist in seinem Gespräch dieselben zurecht wie Johannes am Jordan. Jesus sagt zwar nicht „Schlangenbrut“ zu ihnen, aber liegt dennoch mit seiner Kritik auf einer Linie mit Johannes. Ich betone das an dieser Stelle deshalb, weil die Exegese die beiden gerne gegeneinander ausspielt. Das ist absolut unhaltbar.
Jesus macht einen Deal, der auf den ersten Blick riskant erscheint. Er verrät seine Vollmacht den Pharisäern und Schriftgelehrten nur, wenn sie die richtige Antwort auf seine Frage geben. So riskant ist das nicht, weil Jesus als Gott ihre Antwort erstens schon kennt und zweitens genau weiß, dass sie keine Antwort geben werden. Er verursacht absichtlich ein Dilemma, sodass er auch keine direkte Antwort geben muss. Dies hat unter anderem einen pragmatischen Grund: Würde er inmitten des Tempels sagen, dass er Gott ist, würde es sofort zu einer Verhaftung kommen. Er könnte dann nicht mehr zuende führen, was der Vater ihm aufgetragen hat. Jesu Verhalten dient den Umstehenden und auch uns Bibellesern immer zur Unterweisung. Er will uns dadurch etwas beibringen. In diesem Fall geht es darum, den Hörern der rhetorischen Frage zum Nachdenken zu bringen. Es ist insgesamt bemerkenswert, dass Jesus auf den schon verstorbenen Johannes Bezug nimmt, wenn es eigentlich um seine geht! Damit lehrt uns Jesus, dass sie beide in derselben Vollmacht aufgetreten sind. Dies ergibt deshalb Sinn, weil Jesus in den letzten Tagen schon angekündigt hat, dass ihn dasselbe Schicksal ereilen wird wie dem Täufer.
Das entstehende Dilemma – Johannes‘ Vollmacht anzuerkennen oder nicht, wird auch bei Jesu Tod und Auferstehung aufkommen. Durch Jesu Antwort werden die Menschen schon darauf vorbereitet, was mit ihm passieren wird und wie sie selbst in seine gegenwärtige Situation kommen werden. Man wird auch sie fragen: In welchem Namen tust du das? Wir lesen in der Apg von Heilstaten im Namen Jesu, bei denen die Aposteln sich vor dem Hohen Rat rechtfertigen müssen.
Jesus möchte mit dem Dilemma die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht bloßstellen oder niedermachen. Er will ihnen helfen, dass auch sie zum Glauben an ihn kommen. Er gibt ihnen die Chance, die Sünde zu bereuen, Johannes nicht geglaubt zu haben. Gott liebt jeden Menschen und kämpft um sein Herz. Er weiß, dass sie das in dem Moment nicht tun werden, aber der Same ist gelegt. Einzelne dieser Menschen werden sich zu ihm bekennen und auch im Nachhinein Johannes anerkennen. Wir lesen z.B. davon, dass Jesus bei einem Pharisäer zum Essen eingeladen wird. Wir hören in der Apg dann von der Bekehrung des eifrigsten Pharisäers Paulus, der die Christen verfolgt hatte.

Machen wir uns heute Gedanken darüber, ob wir Gottes Taten auch in unserem Leben anerkennen. Erkennen wir, dass alles Gute von Gott kommt? Trauen wir Jesus zu, dass er auch in unserem Herzen, dem Tempel des Hl. Geistes, lehren kann? Glauben wir, dass er uns verwandeln kann? Halten wir ihm unser Leben an und er wird in unserem Herzen Mensch werden. Dann werden wir in wenigen Tagen auch ein inneres Weihnachtsfest erleben.

Dritter Adventssonntag (A)

Jes 35,1-6.10; Ps 146,6-10; Jak 5,7-10; Mt 11,2-11

Liebe Freunde, wir feiern an diesem Sonntag Gaudete, „Freuet euch!“ Am dritten Adventssonntag sind wir voller Vorfreude auf Weihnachten und das vermitteln auch die Lesungen. Gleichzeitig freuen wir uns über die Barmherzigkeit, die der Herr uns schon erwiesen hat, und auf das zweite Kommen unseres Herrn als erhöhter Menschensohn.

Jes 35
1 Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie. 
2 Sie wird prächtig blühen und sie wird jauchzen, ja jauchzen und frohlocken. Die Herrlichkeit des Libanon wurde ihr gegeben, die Pracht des Karmel und der Ebene Scharon. Sie werden die Herrlichkeit des HERRN sehen, die Pracht unseres Gottes. 
3 Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! 
4 Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten. 
5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. 
6 Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt, denn in der Wüste sind Wasser hervorgebrochen und Flüsse in der Steppe. 
10 Die vom HERRN Befreiten kehren zurück und kommen zum Zion mit Frohlocken. Ewige Freude ist auf ihren Häuptern, Jubel und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen.

Jesajas Worte sind heute wieder sehr tröstlich und lassen das Herz höher schlagen. Es sind auch wieder markante messianische Verheißungen, deren Aussagekraft sich vor allem im Evangelium erfüllen wird. „Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie.“ Was hier umschrieben wird, ist das Hineinkommen von Leben inmitten des Todes. Das ist bereits sehr messianisch und der Inbegriff der Erlösung: aus dem Tod ins Leben kommen. Es ist dabei bemerkenswert, wie immer wieder die Wüste zum Ort der Gottesbegegnung wird. Gottes Methodik, den Menschen seinen Plan zu offenbaren, umfasst selbst die Orte, an denen er sich offenbart. So ist Gottes Schule. Es ist also keinesfalls zufällig, dass dann auch Johannes der Täufer in der Wüste das Kommen des Gottesreiches ankündigt.
Wenn die Rede davon ist, dass es mitten in der Wüste zum Blühen kommt, liegt es daran, dass dort die Begegnung mit Gott stattfindet: weil die Israeliten „die Herrlichkeit des HERRN sehen“ werden.
„Er selbst kommt“ muss man wirklich wörtlich nehmen. Gott ist schon unterwegs. Er wird nicht einfach irgendwann sein – deshalb heißt es auch in der Offb in der Dreizeitenformel auch nicht „er, der war, der ist und der sein wird“, sondern „er war, er ist und er kommt“. Gott ist schon auf dem Weg zu uns! Dieses Kommen verbinden wir mit dem Messias Jesus, der in die Welt gekommen ist und unter uns gelebt hat. Gott kommt auch heute zu uns, wenn wir die Sakramente feiern, v.a. in der Eucharistie. Jesus kommt physisch zu uns, wie er auch damals leibhaftig unter uns war. Wir sehen ihn nur nicht mehr in der Gestalt des Menschen, sondern von Brot und Wein. Solange es die Kirche gibt, kommt Gott physisch zu uns. Deshalb brauchen wir die Priester. Ohne sie kann es keine Eucharistie geben. Gott kommt in unser Herz, wenn wir ihn in der Kommunion empfangen. Er vereinigt sich mit unserer Seele. Gott ist immer bei uns, wie er es Mose im Dornbusch versprochen hat, als er sich selbst als Jahwe „ich bin der ich bin/ich bin der ich werde sein“ vorgestellt hat (das hebräische Wort ist sowohl als Gegenwarts- als auch als Zukunftsform übersetzbar). Es macht deshalb auch absolut Sinn, dass der Messias mit dem Namen „Immanuel“ angekündigt wurde, „Gott mit uns“. Vater und Sohn sind eins. Gott wird auch zu uns kommen am Ende der Zeiten. Der verherrlichte Menschensohn wird so kommen, dass alle es sehen werden. Das wird ein endgültiges Kommen sein, bei dem Gott ewig in unserer Mitte sein wird im himmlischen Jerusalem.
Weil Gott wiederkommen wird – wir nennen das Parusie -, sind wir in einem nachösterlichen Zustand der Erwartung, in einem zweiten Advent. Dies bedenken wir immer mit, wenn wir liturgisch Advent feiern. Wir gehen nicht nur auf das liturgische Weihnachtsfest zu, sondern darüber hinaus auf die endzeitliche Wiederkunft Christi.
Weiter heißt es bei Jesaja, dass Gott uns retten wird. Auch hier haben wir im Hebräischen wieder dieselbe Wurzel wie im Namen Jesu. Umso mehr handelt es sich um einen messianischen Code, wenn Gott selbst kommt, um uns zu retten. Jesus ist Gott selbst und das verstehen wir durch Jesaja!
Diese Rettung wird sich anhand von den markanten messianischen Heilstaten zeigen: Blinde sehen, Taube hören, Stumme reden, Lahme gehen. Diese vier Taten werden uns nachher noch einmal beschäftigen.
Wenn in der Wüste dann Wasser hervorgebrochen sind und Flüsse in der Steppe, dann ist das nicht nur ein Zeichen der Gegenwart Gottes, sondern vor allem des Hl. Geistes. Wir interpretieren dieses Wasser dann nämlich als das lebendige Wasser. Die Wasser in der Wüste sind schon hervorgebrochen. Das hebräische Verb נִבְקְע֤וּ  nivke’u ist als Vergangenheitsform zu übersetzen. Gott hat seinen Hl. Geist auch schon vor dem Kommen des Messias und vor dem Pfingstfest in die Welt gesandt. Vereinzelte Personen wie die Propheten sind mit dem Hl. Geist begabt worden. Mit dem Pfingstereignis kam der Hl. Geist aber noch einmal auf eine viel umfassendere Weise, und dies für jeden, der ihn annimmt.
Wo hier die Einheitsübersetzung „die Befreiten“ übersetzt, muss es eigentlich wörtlich heißen „die Freigekauften“. Dies ist klassische Erlösungsterminologie! Sie erscheint dort, wo es um die Erlösung der Menschheit geht, insbesondere im NT (1 Kor 6; 7; 2 Petr 2; Offb 5). Hier ist der Freikauf zunächst historisch auf das Volk Israel zu beziehen, das nach dem Exil endlich zurückkehren darf und gerade Jerusalem mit dem Tempel wieder aufbauen darf, um dem Herrn zu opfern. Über dieses einmalige historische Ereignis hinaus bezieht es sich auf die Losgekauften durch Jesus Christus. Er hat uns vom Fluch der Erbsünde befreit, indem er für uns gestorben und auferstanden ist. „Zion“ ist dann das Reich Gottes, dass Jesus verkündet hat und dessen Mitte er selbst ist. In seiner Nachfolge ist Zion seine Braut, die Kirche, in der er lebt und wirkt. Die Menschen, die durch die kirchliche Verkündigung zum Glauben an Christus kommen und sich taufen lassen, sind die Losgekauften, die zum Zion zurückkehren. Das betrifft auch jeden einzelnen Menschen, der aus der Knechtschaft der Sünde v.a. durch die Beichte befreit wird und zum Zion, dem Stand der Gnade, zurückkehren darf. Schließlich meint es die Losgekauften von den Leiden der Welt, die das ewige Leben bei Gott haben dürfen. Zion meint in diesem Sinne den Himmel, das offenbar gewordene Reich Gottes.
„Ewige Freude ist auf ihren Häuptern“. Durch den Begriff der Ewigkeit handelt es sich hier um eine v.a. anagogische Aussage. Bleibende Freude ist immer nur bei Gott, irdische Freude ist vorübergehend. Wir dürfen auf Erden jedoch auch schon eine dauerhafte Freude genießen, wo sie vom Hl. Geist als Frucht gegeben wird. Diese wird sich am Ende der Zeiten aber noch vollenden. Historisch gesehen handelt es sich um ein Stilmittel, die Freude der Israeliten über die Rückkehr zum verheißenen Land und in die Hl. Stadt Jerusalem zu verdeutlichen. Für Jesus war es eine große Freude, zu Menschen sagen zu können: „Deine Sünden sind dir vergeben. Geh und sündige nicht mehr!“ Es ist eine große Freude für Gott, wenn jemand zu ihm findet. Jesus hat dies durch unzählige Gleichnisse immer wieder gesagt, vor allem im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der Vater veranstaltet ein großes Fest, weil sein Sohn wieder lebt. Auch die Kirche freut sich über jeden Bekehrten. Sie ist eine einzige Familie, die unter jeder Sünde leidet. Sie leidet, wenn es einem einzigen Mitglied nicht gut geht. Umso mehr ist es ein Grund zur Freude, wenn es zu einer Versöhnung mit Gott in der Beichte kommt – und mit der Gemeinschaft der Heiligen! Das geschieht nämlich beides gleichermaßen durch das Beichtsakrament. Im Anschluss an diese Versöhnung feiert auch sie ein großes Fest, die Eucharistie! Nicht umsonst wird sie mit einem Hochzeitsmahl verglichen. Erstens hat Gott im AT und Jesus Christus im NT immer wieder um seine Braut geworben und sich selbst als Bräutigam bezeichnet. Zweitens ist die Hochzeit der Anlass zur Freude schlechthin! Nicht umsonst steht die Hochzeit zu Kana am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu (Joh 2). Und diese Freude wird sich vollenden und erreicht eine unvergleichlich höhere Qualität am Ende der Zeiten, wenn die Hochzeit des Lammes kommen wird (Offb 19).

Ps 146
6 Er ist es, der Himmel und Erde erschafft, das Meer und alles, was in ihm ist. Er hält die Treue auf ewig. 
7 Recht schafft er den Unterdrückten, Brot gibt er den Hungernden, der HERR befreit die Gefangenen. 
8 Der HERR öffnet die Augen der Blinden, der HERR richtet auf die Gebeugten, der HERR liebt die Gerechten. 
9 Der HERR beschützt die Fremden, er hilft auf den Waisen und Witwen, doch den Weg der Frevler krümmt er. 
10 Der HERR ist König auf ewig, dein Gott, Zion, durch alle Geschlechter. Halleluja!

Der Psalm führt die Gedanken aus Jesaja weiter und reflektiert die Heilstaten noch ausführlicher. Er gibt an, dass all die Heilstaten auf ein und denselben Gott zurückzuführen sind, der auch die Welt geschaffen hat.
Zu diesen Heilstaten gehören unter anderem dieselben Taten, die Jesaja aufzählt: Blinde sehen wieder (Vers 8). Was hier neu ist und mindestens genauso wichtig wie körperliche Heilstaten ist, ist die soziale Heilung: Gott hilft Witwen und Waisen auf, die im Alten Israel nämlich rechtlos waren. Er beschützt die Fremden, die keinen Schutz genossen. Auch wenn nicht eins zu eins dieselben Heilstaten dann im NT aufgegriffen werden, wird den schriftkundigen Juden, die mit den Psalmen ganz vertraut waren, dieser entscheidende Punkt aufgegangen sein: All diese Dinge gehen auf Gott zurück! Jesus ist nicht einfach nur ein Mensch, sondern er ist Gott!
Auch hier ist die Rede von Befreiung. Die befreiten Gefangenen sind wiederum vierfach zu verstehen: Historisch-wörtlich ist es zunächst auf die Israeliten zu beziehen, die aus der babylonischen Gefangenschaft befreit werden. Es ist aber auch allegorisch weiterzudenken. Dann ist es die Befreiung aus dem Exil Adams und Evas außerhalb des Paradieses, also die Befreiung von dem Fluch der Erbsünde dank Jesu Erlösungstat. Es meint auch die Befreiung aus dem Zustand der Sünde zurück in den Stand der Gnade durch das Beichtsakrament und es meint nach dem Tod das Eingehen in das himmlische Jerusalem und die Befreiung von den Leiden des irdischen Daseins. Am Ende der Zeiten sogar die Befreiung vom Tod, wenn Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird.
Wenn es dann heißt: „Der HERR ist König auf ewig“, dann ist das absolut tröstlich. Wir können uns freuen, dass Gottes Gerechtigkeit über alles siegen wird. Gott herrscht schon längst, aber seine Herrschaft wird noch offenbar werden.

Jak 5
7 Darum, Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Siehe, auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig auf sie, bis Frühregen oder Spätregen fällt. 
8 Ebenso geduldig sollt auch ihr sein; macht eure Herzen stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor. 
9 Klagt nicht übereinander, Brüder und Schwestern, damit ihr nicht gerichtet werdet! Seht, der Richter steht schon vor der Tür.
10 Brüder und Schwestern, im Leiden und in der Geduld nehmt euch die Propheten zum Vorbild, die im Namen des Herrn gesprochen haben!

Im Jakobusbrief wird diese Herrschaft Gottes als unmittelbar bevorstehend erwartet. Es ist ein anagogischer Duktus zu lesen und zugleich die moralische Konsequenz dieser absoluten Naherwartung der Wiederkunft Christi: Wir sollen unsere Herzen stark machen. Das ist analog zu Jesaja zu lesen, wo es heißt: Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie. Bei beiden geht es um eine vorbereitende Haltung für das Kommen des Messias. Während Jesaja aber auf das erste Kommen anspielt, bezieht sich die Vorbereitung in Jak auf das zweite Kommen.
Die vorbereitende Haltung kann in beiden Fällen wiederum vierfach betrachtet werden: Die Kirche als Testament und Sakrament Christi muss sich bereithalten für die Wiederkunft Christi, wie das Volk Israel sich auf die Menschwerdung Gottes bereithalten musste. Für die Kirche ergibt sich jedoch der Unterschied, dass Jesus bereits in den Sakramenten immer kommt. Gerade in der Eucharistie kommt er physisch zu uns, genauso wie er als Mensch unter uns gewandelt ist – nur jetzt in der Gestalt von Brot und Wein! Auf dieses sakramentale Kommen muss sich die Kirche immer wieder vorbereiten. Wenn Menschen Sakramente empfangen, müssen sie zuvor einen Katechumenat hinter sich bringen. Sie werden auf das Sakrament vorbereitet, eben weil Jesus zu ihnen kommt! Jeder einzelne Christ bereitet sich auf das Kommen Christi in seine Seele vor, wenn er ihn in der Kommunion empfängt. Deshalb muss man zuvor auch beichten und sich prüfen, ob man wirklich im Stand der Gnade ist. Dazu gehören auch das persönliche Gebet, die Bibellesung, alle anderen Sakramentalien, die einen auf diesem Weg stärken. Und anagogisch gesehen – das wird hier ja besonders betont – müssen wir den Tag immer so leben, als wäre es unser letzter. Wir müssen wachsam sein und immer bereit sein, die Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Wir wissen ja weder, wann das Ende der Welt kommt noch, wann unser Todeszeitpunkt gekommen ist. Das muss uns keine Angst machen, sondern zu einem bewussten Leben in ständiger Bemühung um die Beziehung zu Gott motivieren. Deshalb schreibt Jakobus, dass wir geduldig sein sollen und über unseren Mitmenschen nicht klagen sollen. Er gibt konkrete Anweisungen, wie wir miteinander leben sollen, damit wir als Braut des Lammes vorbereitet sind.
Er nennt zum Ende hin die Propheten, die diese vorbereitende, gleichsam eschatologische Haltung auf vorbildliche Weise gelebt haben. Dazu gehört auch die Enthaltsamkeit als Vorwegnahme unserer Ehelosigkeit im Himmel (Mt 22,30).

Mt 11
2 Johannes hörte im Gefängnis von den Taten des Christus. Da schickte er seine Jünger zu ihm 
3 und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? 
4 Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: 
5 Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet. 
6 Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.
7 Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt? 
8 Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Siehe, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige. 
9 Oder wozu seid ihr hinausgegangen? Um einen Propheten zu sehen? Ja, ich sage euch: sogar mehr als einen Propheten. 
10 Dieser ist es, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bahnen wird. 
11 Amen, ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.

Das Evangelium verdichtet all die Gedanken der bisherigen Lesungen und wendet sie auf den gekommenen Messias an. Wir lesen hier nun von dem größten aller Propheten, die diese vorbereitende Haltung mit seinem ganzen Sein gelebt hat: Johannes der Täufer.
Er hat in seiner gesamten Verkündigung kein Blatt vor den Mund genommen, so auch vor Herodes, den Jesus mit dem schwankenden Schilfrohr angedeutet hat. Weil Johannes sein ehebrecherisches Verhalten angeprangert hatte, ließ dieser den Täufer ins Gefängnis werfen.
Wir lesen im heutigen Abschnitt nun, wie Johannes vom Gefängnis aus von Jesus hört und deshalb seine Jünger ihn nach dessen messianischer Identität fragen lässt. Jesus antwortet aber nicht einfach mit „ja, ich bin es“, sondern mit einem Code – genau dem Code, den wir von Jesaja her kennen! Die Juden kannten die messianischen Heilstaten, die angekündigt wurden: Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Lahme gehen. Warum codiert Jesus seine Antwort, anstatt eine direkte Antwort zu geben? Jesus tut dies für die Menschen – für die Johannesjünger und diejenigen, die das Gespräch mitbekommen. Gottes Pädagogik ist immer so feinfühlig, dass er es uns begreifen lässt: Die Juden kannten die Schriften, sie wussten von dem Messias und konnten sich zudem von Jesu Worten und Taten selbst überzeugen (berichtet, was ihr hört und seht!). Sie sollten von selbst einen Aha-Effekt bekommen, indem sie eins und eins zusammenzählten. Hätte Jesus darüber hinaus „ja, ich bin es“ geantwortet, wäre er sofort zum Zellengenossen des Johannes geworden und hätte nicht noch drei Jahre wirken können. Das war aber nicht der Hauptgrund für Jesu Antwort. Jesu Aufzählung von messianischen Heilstaten beinhaltet über Jesaja hinaus noch weitere neue Taten wie die Totenerweckung. Dies kann nur Gott, wodurch er selbst sich als göttlich kennzeichnet. Jesus erweckt seinen Freund Lazarus zum Leben, wodurch seine Aufzählung wahrlich durch Taten erfüllt wird.
Im zweiten Teil des Evangeliums spricht Jesus über Johannes. Dabei stellt er unter anderem die rhetorische Frage: „Was habt ihr denn sehen wollen? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?“ Auch an dieser Stelle hat Jesus codiert gesprochen und doch haben es alle Umstehenden verstanden: Das Schilfrohr in der Wüste macht nämlich keinen Sinn, da es ja keinen See in der Trockenheit gibt. Es handelte sich vielmehr um das Symbol des Herodes, das er auch auf seinen Münzen hat prägen lassen. Und dass gerade Herodes unbeständig war, kein eigenes Rückgrat besaß und sein Fähnchen nach dem Wind richtete, erfahren wir ja in den Erzählungen über Johannes‘ Enthauptung: Herodes traut sich nicht einmal, ein Versprechen zurückzunehmen, durch das er den Täufer umbringen sollte. Eigentlich mochte er Johannes nämlich. Johannes dagegen war das Gegenteil eines wankenden Schilfrohrs. Er hat gesagt, was er sagen musste. Er traute sich, zu seinem Glauben zu stehen, obwohl er total political incorrect verkündete.
Dann sagt Jesus etwas, über das sich bis heute viele Exegeten den Kopf zerbrechen: Johannes ist der Größte der Geborenen, die jemals aufgetreten sind, doch ist der Kleinste im Himmel größer als er. Der erste Teil bezieht sich auf die Aussage Jesu, dass Johannes mehr als ein Prophet sei. Kein anderer Prophet der gesamten Heilsgeschichte hatte das Privileg, den von ihm Angekündigten persönlich zu erleben. Kein anderer Prophet durfte Gott taufen, kein anderer Prophet war mit ihm verwandt! Und kein Prophet durfte ihm schon begegnen, bevor er überhaupt geboren worden ist! Johannes gehört als Prophet noch zum alten Bund, wenn wir ihn in die Reihe aller anderen Propheten einordnen. Er ist zugleich der Anfang des neuen Bundes, weil er dem Messias unmittelbar vorausgeht. Er ist somit ein Scharnier zwischen den Bünden. Und doch hat er nicht das Privileg, erlöst zu werden durch das Kreuzesopfer Christi. Jesus besiegelt den neuen Bund Gottes mit der ganzen Menschheit erst nach dem Tod des Täufers. Gewiss ist Jesus für alle Menschen gestorben, auch für jene, die vor ihm gelebt haben. Aber diese sind noch nicht Teil der neuen Schöpfung, deren Anfang Jesus und Maria sind! In diese neue Schöpfung werden wir durch die Taufe hineingeboren, die Johannes nicht mehr erhalten hat. Er selbst hat mit Wasser getauft, aber die von ihm selbst angekündigte Taufe mit Feuer und Geist wird er nicht mehr miterleben. Insofern ist auch der Kleinste dieser neuen Schöpfung, des Himmelreiches, größer als er.

Wir dürfen uns heute besonders freuen über Gottes große Heilstaten. Zugleich werden wir heute dazu aufgefordert, dieselbe vorbereitende Haltung einzunehmen wie Jesaja, Jakobus und Johannes. Die Haltung ist weniger ein ängstliches Warten auf den Tod, vielmehr eine hoffnungsvolle und FREUDIGE Erwartung auf die wunderbare Hochzeit! Freuen wir uns heute ganz besonders wie eine Braut sich auf ihren Bräutigam freut. Gaudete, meine Lieben!

Ihre Magstrauss