Mittwoch der 28. Woche im Jahreskreis

Gal 5,18-25; Ps 1,1-2.3.4 u. 6; Lk 11,42-46

Gal 5
18 Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz.

19 Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung,
20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen,
21 Neid, maßloses Trinken und Essen und Ähnliches mehr. Ich sage euch voraus, wie ich es früher vorausgesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben.
22 Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue,
23 Sanftmut und Enthaltsamkeit; gegen all das ist das Gesetz nicht.
24 Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.
25 Wenn wir im Geist leben, lasst uns auch im Geist wandeln!

Im heutigen Abschnitt aus dem Galaterbrief geht der Argumentationsgang weiter, der Torah und Taufe gegenüberstellt bzw. Fleisch und Geist. So sagt Paulus, dass wer sich vom Geist führen lässt, den man bei der Taufe empfangen hat, nicht unter dem Gesetz steht. Der getaufte Mensch ist in der Heilsgeschichte einen Schritt vorangeschritten. Er muss sich nicht mehr einbilden, aus eigener Kraft die Erlösung und Rechtfertigung fertigbringen zu müssen. Auch nach der Taufe ist die Torah in dem Sinne zu halten, wie Christus sie erfüllt hat. Es geht also nicht mehr darum, alle 600 Gebote und Verbote peinlichst genau einzuhalten, sondern um die Erfüllung der göttlichen Gebote. Das ist nicht weniger anspruchsvoll, sondern erstens eine Konzentration auf das Wesentliche, das zwischenzeitlich abhanden gekommen ist, zweitens sehr anspruchsvoll, weil Gott sogar die Intention des Menschen beurteilt. Mit Christus ist die Torah nicht nur auf das Wesentliche konzentriert, sondern auch verinnerlicht worden.
Der Mensch kann aus eigener Kraft nicht gut sein – er kann sich weder erlösen, noch den Zustand der Rechtfertigung von sich aus aufrecht erhalten. Das Problem ist die Neigung zur Sünde, die die Folge der Erbsünde ist. Deshalb brauchen wir die Taufgnade. Deshalb sagt Paulus auch, dass die „Werke des Fleisches“ aus Unzucht, Unreinheit und Ausschweifung bestehen. Das bezieht sich nicht auf das Fleisch als Körper. Das müssen wir richtig verstehen. Bei Paulus ist mit „Fleisch“ vielmehr diese vergängliche Natur gemeint, die aber alles betrifft, nicht nur den Körper. Die Sünde kommt ja vom Herzen her und die ausgeführte Tat ist ja das Ergebnis eines umfassenden Prozesses. Bis es dazu kommt, dass man sündigt, geht es ja vom Herzen in die Gedanken und von dort in die Worte, bevor es umgesetzt wird. Weitere Werke des Fleisches werden ab Vers 20 aufgezählt. Wir haben hier einen Sünden- bzw. Lasterkatalog: Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid, maßloses Trinken und Essen und Ähnliches mehr. Er zählt hier die Hauptsünden auf. Diese sind es, die den Menschen in Beschlag nehmen und die früher oder später sein Verhalten beeinflussen. Jeder Mensch sündigt auf die ein oder andere Weise. Und sobald der Mensch sündigt, hat er die Torah ja nicht mehr vollständig gehalten, deshalb ist sie die ständige Anklägerin des Sünders.
Was der Geist Gottes aber gibt durch die Gnade, die der Mensch tagtäglich geschenkt bekommt, sind die Früchte des Hl. Geistes: Liebe, Freude, Friede, Langmut (Geduld), Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit (Selbstbeherrschung). Die Früchte sind eine Synthese von menschlichem Bemühen und helfender Gnade. Die genannten Früchte sind nämlich einerseits als menschliche Tugenden, andererseits als Früchte des Hl. Geistes bekannt. Es ist also ein Teamwork, bei dem beide Teampartner hundert Prozent geben.
Paulus bringt eine entscheidende Sache zum Ausdruck: „Gegen all das ist das Gesetz nicht.“ Er meint die Früchte des Hl. Geistes. Es ist keine Konkurrenz zwischen Torah und Hl. Geist. Schließlich ist ja auch die Torah eine Gabe Gottes. Aber sie selbst kann aus sich heraus diese Früchte nicht geben. Sie kann nur vermitteln, dass es erstrebenswerte Tugenden für den Gläubigen sind. Deshalb ist die Torah „fleischlich“.
Wer nun zu Christus gehört, also die Getauften, die nun im Neuen Bund mit Gott leben, haben die gefallene Natur gekreuzigt, was mit „Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden“ gemeint ist. Die Sünde wird weiterhin begangen, weil die Folgen der Erbsünde bleiben. Aber der Mensch überwindet diese gefallene Natur durch die Gnade. Diese ist stärker als die Natur. Weil dem so ist, muss der Getaufte sich auch vom Geist leiten lassen, sich vollkommen anstrengen und vollkommen die helfende Gnade Gottes beanspruchen. Dann wird der Mensch in Heiligkeit wachsen.

Ps 1
1 Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt,

2 sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.
3 Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen.
4 Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.
6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.

Heute beten wir den allerersten Psalm des Psalters. David schreibt hier eine Seligpreisung an den, der sich für Gott entschieden hat. Da hören wir eine wunderbare Betrachtung dessen, wie gut es einem geht, wenn man Gott gewählt hat. Mit Paulus müsste man sagen: wer sich vom Geist leiten lässt und nicht vom Fleisch. Wir können nur glücklich sein, wenn wir uns für den Weg Gottes entschieden haben, ja, wir sind dann selig zu preisen.
Wer „Gefallen an der Weisung des HERRN“ hat und Gottes Gebote nicht nur hält, sondern darüber auch nachdenkt, dann ist dieser Mensch wie ein Baum am Wasser. Er wächst und gedeiht direkt an der Quelle und ist absolut fruchtbar. Diese Fruchtbarkeit wird biologisch gesehen von den Juden als Zeichen des Segens betrachtet, aber wir gehen über das Wörtliche hinaus und denken an Jesu Worte: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt (Joh 15,16).“ Es ist eine geistige Fruchtbarkeit, die andere Menschen zu Kindern Gottes macht und so das Volk Gottes immer größer werden lässt. Jesus sagt sogar, dass die Entscheidung für Gott nicht der erste Schritt ist, sondern die Reaktion auf die Erwählung Gottes.
Gottes Segen zeigt sich bei dem, der Gott gewählt hat, daran, dass ihm alles gelingt und die Gebete erhört werden. Die nie verwelkenden Blätter werden zum eschatologischen Zeichen, zum Symbol für das ewige Leben für Gott, das auch beim nie verwelkenden Siegeskranz aufgegriffen wird, einer Metapher des NT.
Dagegen sind die Frevler, die Gott ablehnen, wie vom Wind verwehte Spreu. Sie sind nicht unvergänglich, sondern absolut kurzlebig. Kommt ein Windstoß, sind sie dahin. Versucht man einen Weg ohne Gott, verläuft man sich in eine ganz böse Sackgasse. Es ist ein Holzweg, der ins Nirgendwo führt – beziehungsweise in die ewige Gottesferne, in die Hölle!
Dies stellt dann den ewigen Tod dar, nicht mehr das ewige Leben. Auch hier müssen wir auf Paulus zurückverweisen: Er weist darauf hin, dass man sich vom Geist leiten lassen soll, damit man wie ein Baum am Wasser mit nie verwelkenden Blättern ist. Man brennt nämlich nicht aus, da man die Kraft für das Gutsein, für den Lebenswandel nach dem Willen Gottes von Gott selbst holt, statt aus eigener Kraft. Aus eigener Kraft bringt man nicht viel zustande oder nur für kurze Zeit. Dann kommt die Sünde, die wir jeden Tag begehen. Was der Mensch aus eigener Kraft zustande bringt, ist von der gefallenen Natur geprägt. Es können keine Früchte des ewigen Lebens dabei herauskommen.
Die Torah ist ein erster Schritt, aber wir begreifen in unserer heilsgeschichtlichen Etappe, dass der Geist Gottes unbedingt notwendig ist, um selbst die Torah zu halten.

Lk 11
42 Doch weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse und geht am Recht und an der Liebe Gottes vorbei. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen.

43 Weh euch Pharisäern! Ihr liebt den Ehrenplatz in den Synagogen und wollt auf den Straßen und Plätzen gegrüßt werden.
44 Weh euch: Ihr seid wie Gräber, die man nicht mehr sieht; die Leute gehen darüber, ohne es zu merken.
45 Darauf erwiderte ihm ein Gesetzeslehrer: Meister, mit diesen Worten beleidigst du auch uns.
46 Er antwortete: Weh auch euch Gesetzeslehrern! Ihr ladet den Menschen unerträgliche Lasten auf, selbst aber rührt ihr die Lasten mit keinem Finger an.

Heute werden die Wehrufe gegen die Pharisäer fortgesetzt, die gestern bereits eine scharfe Kritik von Jesus erfahren haben. Heute geht es nicht mehr um das saubere Geschirr, dafür aber um ihre Ruhmsucht.
Ein Zehntel an Kräutern geben diese zwar ab, doch den „Zehnten“ des ethischen Verhaltens ignorieren sie. Jesus bezieht sich hier auf Lev 27,30, wo der Zehnte des Ernteertrags Gott gehört. Er soll ihm sozusagen zurückgegeben werden als Zeichen der Dankbarkeit. Das ist ja auch richtig, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten das also tun. Das Problem ist die Doppelmoral, denn sie ignorieren zugleich die andere Seite der Medaille. Gott etwas vom Ertrag zurückzugeben, gründet ja auf der Gottesliebe. Diese ist aber zutiefst mit der Nächstenliebe verbunden. Wie kann man die Gottesliebe also im Falle der Pharisäer und Schriftgelehrten aufrichtig nennen, wenn sie zugleich die Nächstenliebe ignorieren? Jesus fasst deshalb zusammen: „Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.“
Wie in der Bergpredigt in Mt kritisiert Jesus hier in Lk 11 die Ruhmsucht der Pharisäer. Sie lassen sich gerne in der Öffentlichkeit grüßen und nehmen in den Synagogen die Ehrenplätze ein. Das Problem ist nicht, dass sie gegrüßt werden oder diese Plätze einnehmen. Das Problem ist, dass sie das auch unbedingt wollen und darauf sehr viel Wert legen. Sie zeigen sich nach außen hin als religiöse Autoritäten, dabei haben sie die Basics ihres Glaubens noch gar nicht verstanden – die Liebe. Sie tun nach außen hin so vorbildlich, dabei sind sie innerlich tot. Deshalb gebraucht Jesus an dieser Stelle auch das Bild des Grabes. Die Menschen erkennen von außen nicht, dass es Gräber sind.
Jesus lehnt sich mit dieser harschen Kritik sehr weit aus dem Fenster, aber anders erreicht er diese verstockten Menschen nicht. Er möchte, dass auch sie betroffen sind und umkehren. Schließlich liebt Gott alle Menschen und möchte, dass wir alle gerettet werden.
So hinterlassen Jesu Worte auch ihre Spuren. Die Pharisäer beklagen sich über die Beleidigung, wie sie die Worte Jesu auffassen. Doch Jesus rudert nicht zurück nach dem Motto: „Oh, entschuldigung! Das war wohl zu hart von mir!“ Vielmehr legt er noch einen drauf und sagt nun auch zu den Gesetzeslehrer: „Ihr ladet den Menschen unerträgliche Lasten auf, selbst aber rührt ihr die Lasten mit keinem Finger an.“ Das ist nicht der Sinn der Torah und das hat mit Gottes Gabe nichts mehr zu tun. Vielmehr ist ein so kompliziertes Gerüst um die gottgegebene Torah entstanden, ein tonnenschweres selbstgebasteltes Kreuz, dass die Menschen gar nicht anders können, als unter seiner Last zusammenzubrechen. Wer kann da noch gerettet werden?
Und das führt uns zurück zu Paulus. Jesus ist nicht gekommen, die Torah aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen. Er möchte den Blick auf das Wesentliche und Ursprüngliche zurücklenken und vor allem wieder auf den Kern zu sprechen kommen, den die Pharisäer und Schriftgelehrten komplett vergessen haben – die Liebe.

Die erfüllte Torah, das ist seine Person. Er ist das fleischgewordene Wort Gottes, das die Sünde auf sich nahm und uns den Geist gesandt hat. Zusammen mit der Gnade Gottes können wir nun die gefallene Natur überwinden und die Torah halten, wie er sie ausgelegt hat. Und wenn wir gefallen sind, weil die Folgen der Erbsünde noch da sind, dann dürfen wir Gott um Verzeihung bitten und von vorne anfangen. Das ist der Weg der Heiligkeit. Der Hl. Josemaria Escriva sagte treffend: „Ein Heiliger ist ein Sünder, der es immer wieder versucht.“ Das Entscheidende ist, dass wir es nicht aus eigener Kraft, sondern zusammen mit der Gnade Gottes tun.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 28. Woche im Jahreskreis

Gal 5,1-6; Ps 119,41 u. 43.44-45.47-48; Lk 11,37-41

Gal 5
1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!
2 Siehe, ich, Paulus, sage euch: Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen.
3 Ich bezeuge wiederum jedem Menschen, der sich beschneiden lässt: Er ist verpflichtet, das ganze Gesetz zu halten.
4 Ihr, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, seid von Christus getrennt; ihr seid aus der Gnade herausgefallen.
5 Denn wir erwarten im Geist aus dem Glauben die Hoffnung der Gerechtigkeit.
6 Denn in Christus Jesus vermag weder die Beschneidung noch die Unbeschnittenheit etwas, sondern der Glaube, der durch die Liebe wirkt.

In der heutigen Lesung hören wir aus dem fünften Kapitel des Galaterbriefes. Auch hier geht es wie bereits gestern um den Gegensatz zwischen Freiheit und Knechtschaft – Torah und Glaube an Christus als Weg zur Erlösung.
Die gestrige Lesung endete mit der Ermahnung Pauli, die wir heute am Anfang hören: „Lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!“ Die Christen sind in die Freiheit geführt und entlastet worden durch das Erlösungswirken Christi. Zuvor bestand die Bürde, die Erlösung durch das Halten der Torah zu erlangen. Das kann aber kein Mensch perfekt umsetzen! Und so ist es eine absolute Entlastung, dass Christus für uns diese schwere Bürde getragen hat, damit uns durch die gläubige Annahme die Erlösung zuteilwird. Nachdem uns dieser größte Gnadenakt Gottes aller Zeiten geschenkt worden ist, wie können wir da freiwillig zu der alten Bürde zurückkehren! Gestern sagte ich deshalb, dass es fahrlässig und undankbar von uns wäre, so zu tun, als ob Jesus nie am Kreuz gestorben und am dritten Tag auferstanden wäre.
Paulus fährt heute fort: „Wenn ihr euch beschneiden lasst, wird Christus euch nichts nützen.“ Was meint er damit? Wenn man sich beschneiden lässt – gemeint ist zusätzlich zur Taufe, weil man meint, dass die Taufe nicht erlösend genug ist – dann wird die Erlösung Jesu Christi umsonst sein. Denn man misstraut Gott und überhebt sich über ihn. Der Mensch glaubt ja, dass Gottes Erlösung nicht stark genug war, und er ihm unter die Arme greifen muss mit seiner eigenen Gesetzestreue. WIR Gott unter die Arme greifen? Das ist das Höchstmaß an Anmaßung und Hochmut, das der Mensch einnehmen kann! Was hat es denn gebracht, dass Christus für diesen Menschen gestorben ist, wenn er meint, der größere Heiland zu sein! Die Taufgnade ist weg, der Mensch versündigt sich schwer, denn das ist eine Sünde gegen den Hl. Geist. Man glaubt nicht an die erlösende Allmacht Gottes.
Damit die Galater Paulus nicht missverstehen, stellt er sodann klar: „Ich bezeuge wiederum jedem Menschen, der sich beschneiden lässt: Er ist verpflichtet, das ganze Gesetz zu halten.“ Denn der Alte Bund läuft weiter und wer sich für die Torah entscheidet, muss sie auch aus Ehrfurcht vor Gott halten! Schließlich hat dieser den Menschen die Torah gegeben! Paulus möchte nicht den Eindruck erwecken, dass die Torah schlecht sei. Aber sie ist heilsgeschichtlich niedriger einzuschätzen als die Erlösung Jesu Christi. Wer durch die Beschneidung den Alten Bund eingeht, muss die Konsequenzen tragen, denn ein Bund ist auf Treue, Ewigkeit und Unauflöslichkeit ausgelegt. Wir geben durch den Bundesschluss ein Versprechen Gott gegenüber ein!
„Ihr, die ihr durch das Gesetz gerecht werden wollt, seid von Christus getrennt; ihr seid aus der Gnade herausgefallen.“ Das darf auf keinen Fall als antisemitische Aussage missverstanden werden. Paulus bezieht sich ja nicht auf alle, die im Alten Bund leben, sondern auf jene, die getauft worden sind, sich aber danach noch zusätzlich beschneiden lassen. Das ist sauber zu unterscheiden von jenen, die schon beschnitten worden sind, bevor sie zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind, also von jenen, die zuerst Juden waren, später aber Christen wurden. Hier geht es um radikale Judenchristen, die sich einbilden, dass die Beschneidung sie vor Gott gerecht macht, nicht die Taufe, und die nun auch von Heiden erwarten, sich zusätzlich zur Taufe beschneiden zu lassen. Wer die Taufgnade empfangen hat – die die vollständige Vergebung und Sühnung der bisherigen Sünden und der Erbsünde bewirkt – kann sich eigentlich glücklich schätzen. Wer dann aber im Nachhinein leugnet, diese vollkommene Vergebung empfangen zu haben, leugnet den Hl. Geist. Das ist eine Sünde gegen den Hl. Geist und somit verliert der Mensch die Taufgnade. Es ist die schlimmste Todsünde. Jesus erklärte ja bereits, dass die Sünde gegen den Hl. Geist nicht vergeben wird. Warum nicht? Weil der Hl. Geist es ist, durch den die Vergebung geschieht. Wer ihn leugnet, der schiebt die Vergebung von sich. Wie fahrlässig ist das! Und genau dies geschieht durch jene, die die vollkommene Vergebung durch den Hl. Geist in der Taufe leugnen und „nachhelfen“.
Dieser Hl. Geist ist es, der den Menschen vor Gott rechtfertigt. Deshalb sagt Paulus auch, dass die Getauften durch ihn „die Hoffnung der Gerechtigkeit“ erlangen. Welche Kraft kann menschliche Anstrengung schon haben im Gegensatz zum Geist Gottes? Deshalb spielt es keine Rolle mehr, ob beschnitten oder unbeschnitten. Es ist „der Glaube, der durch die Liebe wirkt“. Er bewirkt wirklich etwas, denn er ist eine Gabe Gottes.

Ps 119
41  Es komme zu mir, HERR, deine Liebe, nach deinem Spruch die Rettung durch dich.
43 Entziehe niemals meinem Mund das Wort der Treue, denn auf deine Entscheide warte ich!
44 Ich will deine Weisung beständig beachten, auf immer und ewig.
45 Ich schreite hinaus ins Weite, denn deine Befehle suche ich.
47 Ich ergötze mich an deinen Geboten, die ich liebe.
48 Ich erhebe meine Hände zu deinen Geboten, die ich liebe, ich will nachsinnen über deine Gesetze.

Als Antwort auf die Lesung beten wir einen Auschnitt aus dem längsten Psalm des Psalters. Dort geht es ja um den lebenslangen Wandel auf dem Weg der Gebote Gottes. Dieser Psalm betrachtet die Gebote Gottes als unbedingt zu haltende Weisung. Natürlich ist die Torah nicht entkräftet worden und wir sollen sie weiterhin halten. Jesus sagte, kein einziges Iota (der kleinste Buchstabe des griechischen Alphabets) darf geändert werden – von den Geboten Gottes, nicht vom menschlichen Konstrukt, dass drumherum gebaut worden ist. Wie muss man das zu Paulus‘ Worten in Beziehung setzen? Bei Paulus geht es die ganze Zeit um den Weg zur Erlösung, nicht um den Lebenswandel danach. Auch Paulus sagt, dass der Mensch sich bewähren muss und die Taufgnade auch wieder verlieren kann, wenn er sündigt. Er selbst sagt ja, dass er sich stets bemüht hat, aber nicht er allein, sondern die Gnade zusammen mit ihm (1 Kor 15,10). Der entscheidende Unterschied zur Einstellung der Juden: Das geschieht nicht mehr aus eigener Kraft allein, sondern durch die Gnade, die den Menschen dazu befähigt. Die Gnade geht voraus und erlöst den Menschen. Die Gnade begleitet den Menschen aber auch bei dem Leben als Getaufter. Wir Christen beten diesen Psalm also mit den Augen des Getauftseins (und Gefirmtseins). Und doch gibt der Psalm selbst keine Werksgerechtigkeit vor, denn in Vers 41 wird der Wunsch formuliert: „Es kommt zu mir, HERR, deine Liebe, nach deinem Spruch die Rettung durch dich.“ Gottes Liebe ist entscheidend beim Halten der Gebote. Wenn wir von seiner Liebe nicht durchdrungen werden, können wir ihn nicht richtig zurücklieben. Wir sind innerlich erschüttert und durch die Erbsünde nicht mehr vollkommen liebesfähig. Und beim Halten der Gebote geht es um Liebe und Beziehung. Das ist der entscheidende Kern.
Wir möchten in einer Partnerschaft eine gute Kommunikation, denn daran hängt sehr viel. Und so möchte auch der Psalmist stets ein Wort Gottes aus dessen Mund hören. Er wartet auf Gottes Entscheide und ersehnt immerzu „das Wort der Treue“.
Wie so oft erfolgt sodann ein Selbstversprechen, das einem Gelübde gleichkommt: „Ich will deine Weisung beständig beachten, auf immer und ewig.“ Wer beschnitten ist und im Alten Bund lebt, muss dies tagtäglich versprechen. Aber auch jene im Neuen Bund tun dies, indem sie die Torah halten mithilfe der Gnade Gottes und in dem Verständnis, das Christus die Menschen gelehrt hat. Denn die Auslegung der Gebote Gottes hat sich in eine falsche Richtung entwickelt. Deshalb war Jesu Predigt notwendig, in der er immer wieder sagt: „Ihr habt gehört….“ und „Ich aber sage euch“. Er hat die Torah erfüllt und deshalb sollen wir sie in dieser erfüllten Form halten.
„Ich schreite hinaus ins Weite, denn deine Befehle such ich.“ Wir sollen in allem stets den Willen Gottes suchen und in Bewegung sein. Wir können uns nicht ausruhen, denn dann fallen wir auf dem Weg zurück. Es ist ein stetes Wachsamsein, damit wir den täglichen Versuchungen und Nachstellungen des Bösen nicht erliegen.
Dann beten wir wieder den einen Vers, der uns schon öfter begegnet ist und der sehr unglücklich übersetzt ist: „Ich ergötze mich an deinen Geboten, die ich liebe.“ Das Wort „ergötzen“ passt in dem Kontext überhaupt nicht, denn was von Gott kommt, kann nicht mit dem Wortfeld des Götzen ausgesagt werden. Statt „Ergötzen“ sollte man mit Freude oder Wonne übersetzen. Man ergötzt sich an etwas Negativem, nicht an Gott. Was dadurch ausgesagt werden soll: Die Gebote (das hebräische Wort für „Zeugnisse“ kann auch mit „Gebote“ übersetzt werden, was in diesem Kontext besser passt) sind keine Bürde, sondern vielmehr eine Erleichterung. Sie verhelfen dem Menschen zu einem gelungenen und glücklichen Leben. Sie sind also erstrebenswert und keine Pflichtübung. Wenn wir hier sehen „ich liebe deine Gebote“, dann darf das nicht missverstanden werden wie bei jüdischen Gruppen zur Zeit Jesu. Diese haben vergessen, dass sie in erster Linie Gott lieben sollen und deshalb auch die Gabe, die er gibt. Stattdessen haben sie vor lauter Liebe der Gesetze Gott als personales Gegenüber vergessen, so als ob sie nicht an Gott glauben, sondern an die Torah. Diese ist eine Gabe Gottes und nicht Gott selbst. So kann die Torah schnell zum „Götzen“ werden, Gebote um der Gebote willen. Das ist aber am Ziel vorbeigeschossen. So dürfen wir den Psalm natürlich nicht verstehen. „Ich liebe deine Gesetze“ muss immer deshalb gesagt werden, weil sie eine Gabe Gottes sind und dem Menschen zu einem glücklichen Leben verhelfen. Aber die Gesetze wären nichts ohne ihren Geber.
Die Hände zu erheben, ist eine Geste des Lobpreises und Gebets. Das Nachsinnen der Gebote Gottes ist zudem die Bestätigung dessen, was im Sch’ma Israel (Dtn 6,4-9) ausgesagt wird. Wir sollen Gott lieben von ganzem Herzen, mit ganzer Seele und Kraft. Über die Gebote Gottes soll der Mensch Tag und Nacht nachsinnen. Wir können dazu sagen, dass wir es ganz durch unser Herz gehen lassen müssen, sie beherzigen müssen. Denn von dort geht alles aus und wir eignen uns nach und nach die Denkweise, ja die Mentalität Gottes an. Wir werden ihm immer mehr gleichgestaltet, was wir von Anfang an sein sollten – Abbilder Gottes.

Lk 11
37 Nach dieser Rede lud ein Pharisäer Jesus ein, bei ihm zu essen. Jesus ging zu ihm und begab sich zu Tisch.
38 Als der Pharisäer sah, dass er sich vor dem Essen nicht die Hände wusch, war er verwundert.
39 Da sagte der Herr zu ihm: O ihr Pharisäer! Ihr haltet zwar Becher und Teller außen sauber, innen aber seid ihr voll Raffsucht und Bosheit.
40 Ihr Unverständigen! Hat nicht der, der das Äußere schuf, auch das Innere geschaffen?
41 Gebt lieber als Almosen, was ihr habt; und siehe, alles ist für euch rein.

Und die im Psalm zuletzt betrachtete Verinnerlichung der Gebote Gottes ist, was Christus heute im Evangelium lehren möchte. Er kritisiert nun jene religiöse Gruppe, die das verlernt hat: die Pharisäer. Diese tun nach außen hin so und lehren sogar die Gebote, aber sie halten sie nicht selbst.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten schauen den anderen Menschen aufs Peinlichste genau auf die Finger, dass die Gebote umgesetzt werden, nicht nur die Gebote Gottes, sondern auch das menschliche Konstrukt, das sie selbst darum gebaut haben! So ist es auch heute in der Kirche: Wie viele etliche Priester stehen am Ambo und predigen Wasser, trinken aber selbst Wein. Sie stehen überhaupt nicht hinter dem, was sie predigen und deshalb hören die Gläubigen gar nicht hin, geschweige denn fehlt die Umsetzung. Bei jenen Priestern aber, die es selbst leben, die absolut hinter dem Gesagten stehen, die überhaupt auch die Gebote Gottes noch thematisieren (die Mehrheit der Priester spricht eben nicht mehr über die Gebote Gottes…), deren Kirchen sind übervoll. Die Menschen kommen in Scharen und hängen ihnen an den Lippen, weil sie spüren, dass es authentisch ist. So war es schon mit Jesus. Er hat alles, was er gelehrt hat, auch vollkommen vorgelebt. Die Menschen konnten seine Predigt an seinem Tun genauestens ablesen und so noch tiefer verstehen. Das hat Menschen aus dem ganzen Hl. Land angezogen, die weite Reisen für seine Predigten unternommen haben.
Der Anlass für die Weherufe gegen die Pharisäer stellt folgende Situation dar: Jesus ist zu Gast bei einem Pharisäer. Als sie sich zu Tisch begeben, wäscht Jesus seine Hände nicht vor dem Essen. Das verwundert ihn.
Kennt Jesus keine Tischmanieren oder warum wäscht er sich die Hände nicht? Alles, was Jesus tut oder nicht tut, stellt eine prophetische Zeichenhandlung dar. Er wäscht sich also ganz bewusst nicht die Hände, weil es zeichenhaft vorwegnimmt, was er im Anschluss an die verwunderte Reaktion seines Gastgebers zu sagen hat: „O ihr Pharisäer! Ihr haltet zwar Becher und Teller außen sauber, innen aber seid ihr voll Raffsucht und Bosheit.“ Was bringt es, irgendwelche Reinheitsgebote einzuhalten, die das Äußere reinhalten, das Innere dabei aber verdreckt bleibt. Zum Äußeren gehört zum Beispiel das Geschirr, auf dem man das Essen serviert, oder die Hände, mit denen man das Essen zu sich nimmt. Das Innere betrifft die Absichten, das Herz, von dem alles Denken, Sprechen und Tun ausgehen. Was bringen also saubere Hände, wenn an ihnen gleichzeitig das Blut der Verhungerten klebt, die diese Menschen zum Beispiel finanziell ausgenommen haben in ihrer „Raffsucht“, wie es Jesus hier sagt. Reinheit ist in Gottes Augen zunächst eine Herzensreinheit, von der ein entsprechendes ethisches Verhalten ausgeht. Rein sind die Pharisäer also nicht, wenn sie ihre Schüsseln und Hände abwaschen, sondern umkehren und ein entsprechendes Leben führen. Jesus gibt ihnen sogar ein Beispiel, womit sie einen Anfang machen könnten: Almosen geben. Das baut ihre Raffsucht ab, das in erster Linie eine Gier im Innersten ist. Diese muss ausgemerzt werden, damit das Herz rein werden kann. Dann ist alles für sie rein, wie Jesus zum Ende hin sagt. Wenn das Innere des Menschen rein ist, wird alles Äußere auch rein. Das ist nichts Neues, sondern der Kern der Gebote Gottes. Die Pharisäer haben es nur zwischenzeitlich vergessen. Jesus hat in göttlicher Vollmacht gelehrt und auch viel Neues erklärt, was die Menschen bis dahin noch nicht fassen konnten. Aber das, was er hier erklärt und was er immer wieder zum Thema Torah predigt, ist vielmehr eine Gedächtnisstütze. Er erinnert an die Anfänge. Ebenso ist es ja beim Thema Ehescheidung. Auch dort ist der Anfang das Stichwort.

Wir sehen am Beispiel des Evangeliums, dass die höchste Autorität unseres Lebens Jesus Christus ist. Wie schnell kann man vor lauter Torahgläubigkeit den Glauben an Gott vergessen und das ursprüngliche Verständnis verlassen! Das geschieht ja nicht aus Boswillen, sondern oft unbemerkt. Wie wichtig ist es deshalb, sich an die höchste Autorität zu wenden. Jesus Christus hat den Menschen die Torah ausgelegt und ihr Verständnis korrigiert, wo es vom ursprünglichen Sinn abgewichen ist. Gott selbst hat die Menschen daran erinnert, wie er seine Gebote meinte. Wie kann man sich also als galatischer Christ über Christus erheben und zurück zur Torah zurückkehren – gemeint ist zur Torahgläubigkeit, zum falschen Verständnis und vor allem zur falschen Soteriologie. Christus hat uns erlöst und auch erklärt, wie wir als Getaufte mithilfe der Gnade die Torah leben sollen – die erfüllte Torah durch die fleischgewordene Torah, die er selbst ist!

Ihre Magstrauss

Montag der 28. Woche im Jahreskreis

Gal 4,22-24.26-27.31 – 5,1; Ps 113,1-2.3-4.5au. 6-7; Lk 11,29-32

Gal 4
22 Es steht doch geschrieben, dass Abraham zwei Söhne hatte, einen von der Sklavin, den andern von der Freien.

23 Der von der Sklavin wurde gemäß dem Fleisch gezeugt, der von der Freien aufgrund der Verheißung.
24 Das ist bildlich gesprochen: Diese Frauen bedeuten zwei Bundesschlüsse. Der eine stammt vom Berg Sinai und gebiert zur Sklaverei; das ist Hagar,
26 Aber das Jerusalem oben ist frei; und dieses ist unsre Mutter.

27 Denn geschrieben steht: Freu dich, du Unfruchtbare, die nie geboren hat, brich in Jubel aus und jauchze, die du nie in Wehen lagst! Denn viele Kinder hat die Einsame, mehr als die den Mann hat.
31 Daraus folgt also, meine Brüder und Schwestern, dass wir nicht Kinder der Sklavin sind, sondern Kinder der Freien.
1 Zur Freiheit hat uns Christus befreit. Steht daher fest und lasst euch nicht wieder ein Joch der Knechtschaft auflegen!

In der heutigen Lesung aus dem Galaterbrief ist das Hauptthema erneut die Rejudaisierung der Christen in Galatien, die eine Art „Rückschritt“ bedeutet.
Er greift dafür ein Beispiel aus dem Alten Testament auf, das er allegorisch auslegt und auf die Situation der Christen bezieht: Abraham hatte ja zwei Söhne, die von zwei verschiedenen Frauen geboren wurden – Ismael ist von der Sklavin Hagar geboren worden, Isaak von Sarah, der Frau des Abraham (hier im Text die „Freie“). Die beiden Kinder wertet Paulus ganz wie in der Genesis aus heilsgeschichtlicher Perspektive. So ist Ismael „gemäß dem Fleisch“ gezeugt, während Isaak „aufgrund der Verheißung“ auf die Welt kommt. „Gemäß dem Fleisch“ meint nicht im Gegensatz zum zweiten Fall eine körperliche Zeugung, sodass man die zweite als geistige missverstehen könnte. Vielmehr meint es die menschliche Denkweise, das Zeugen des Kindes auf eigene Faust, ohne die Geduld für den Plan Gottes aufzubringen. Abraham ist ungeduldig geworden und wollte es nicht mehr Gott überlassen. Deshalb ist er eigenhändig auf die Idee gekommen, ein Kind mit einer Nebenfrau zu zeugen. Deshalb schweigt ihn Gott sogar lange an. Dieser ist nicht zufrieden mit der Haltung Abrahams. Isaak ist dagegen das verheißene Kind, das nach Gottes Plan auf die Welt kommt.
Und nun legt Paulus es geistlich aus, indem er sagt: „Diese Frauen bedeuten zwei Bundesschlüsse. Der eine stammt vom Berg Sinai und gebiert zur Sklaverei; das ist Hagar, aber das Jerusalem oben ist frei; und dieses ist unsre Mutter.“ Zwei Frauen stehen für zwei Berge. Sinai und Zion. Paulus vergleicht Hagar mit dem Sinai, auf dem Gott den Israeliten die Torah übergeben hat. Von diesem Moment an begann eine Bürde, denn das Halten der Torah ist eine große Aufgabe, der der Mensch aufgrund seiner Neigung zur Sünde nie perfekt nachkommen kann. Sarah ist dagegen der Zion, auf dem Jerusalem erbaut ist. In Jerusalem hat Gott mit den Menschen den Neuen Bund geschlossen durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Wer ihn gläubig annimmt, hat das ewige Leben. Damit ist eine Befreiung errungen worden – nicht nur von der Sünde, sondern auch von der Bürde der Torah. Wir müssen auch hier genau verstehen, wie das gemeint ist: Paulus meint nicht, dass die Torah nun abgeschafft ist, weil Christus den Neuen Bund besiegelt hat. Paulus meint, dass Christus uns erlöst hat, was wir durch das Halten der Torah nie erreicht hätten. Darum geht es! Wir sind nicht erlöst, weil wir jeden Tag die über 600 Gebote und Verbote einhalten, sondern weil wir die Erlösung Jesu Christi gläubig angenommen haben. Was Paulus mit dem Vergleich zwischen Hagar und Sara in diesem Argumentationsgang verdeutlichen möchte, ist nicht nur der Gegensatz von Sklaverei und Freiheit, sondern auch von Fleisch und Verheißung: Immer wieder ist uns in den vergangenen Abschnitten des Galaterbriefs begegnet, dass Paulus das Judentum „fleischlich“ bezeichnet, weil es die Soteriologie aus eigener Kraft propagiert hat, das heißt die Erlösung aus menschlicher Anstrengung angenommen wird. Dabei ist es Gottes Verheißung, die uns die Erlösung gebracht hat, Jesus Christus.
Paulus sagt, dass Sarah „unsere Mutter“ ist. Sie ist es aus heilsgeschichtlicher Sicht. Denn die Christen stammen ja nicht alle biologisch von den jüdischen Vorfahren ab. Es handelt sich um eine geistliche Abstammung durch die Taufe. Sie ist unsere Ahnin und wir müssen sie typologisch verstehen als Vorausbild Mariens. Nicht umsonst wird Maria immer wieder als Tochter Zion oder sogar als der Berg Zion umschrieben. Und auch auf sie wird die alttestamentliche Verheißung aus Jes 54 immer wieder angewandt. Sie ist nicht unfruchtbar aus biologischer Sicht, sondern aufgrund ihres Gelübdes. Und doch hat sie geboren, nämlich den Retter der Welt.
Sie hat wirklich jeden Grund zur Freude, denn durch ihr Ja ist der Welt die Erlösung zuteilgeworden. Maria preist die Größe des Herrn im Magnificat. Auch wenn Maria in einem Jungfräulichkeitsgelübde lebt und dann auf wundersame Weise ein einziges Kind geboren hat – Jesus Christus – ist sie doch viel fruchtbarer als alle Frauen auf der Welt. Denn wir alle sind ihre geistlichen Kinder. Sie ist die himmlische Mutter für alle Menschen. Dies alles gilt auch schon für Sarah, die biologisch gesehen unfruchtbar ist, aber die Mutter vieler Kinder ist. Aus ihr und Abraham ersteht ein ganzes Volk, und nicht nur irgendeins, sondern das auserwählte Volk Gottes, mit dem dieser einen Bund schließt für die Ewigkeit. Und aus diesem Volk wird der Erlöser erstehen, der den Bund auf die ganze Welt ausweiten wird. Die Verheißung kommt von diesem Volk mit der Stammmutter Sarah, nicht von Hagar. Deshalb möchte Paulus herausstellen, dass die Christen alle zur Freiheit berufen sind. Sie sollen sich also nicht im Nachhinein wieder das „Joch der Knechtschaft“ auferlegen. Das ist ja auch unvernünftig, werden wir sagen. Wie sollte man als Befreiter freiwillig in die Sklaverei zurückkehren wollen? Wenn wir schon die Erlösung empfangen haben, wie können wir zu der Zeit zurückkehren, als wir noch nicht erlöst waren? Das zeugt von Fahrlässigkeit und vor allem Undankbarkeit gegenüber dem, der uns in die Freiheit der Kinder Gottes geführt hat.

Ps 113
1 Halleluja! Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN!
2 Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit.
3 Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang sei gelobt der Name des HERRN.
4 Erhaben ist der HERR über alle Völker, über den Himmeln ist seine Herrlichkeit.
5 Wer ist wie der HERR, unser Gott,
6 der hinabschaut in die Tiefe, auf Himmel und Erde?
7 Den Geringen richtet er auf aus dem Staub, aus dem Schmutz erhebt er den Armen
.

Wir beten heute aus dem Psalm 113, einem Lobpreispsalm. Er ist eine passende Antwort auf den Argumentationsgang der Lesung.
„Halleluja“ ist die kürzeste Aufforderung zum Lobpreis („Preist Jahwe“). Und direkt im Anschluss erfolgt eine weitere Lobpreisaufforderung („Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN!“). Denken wir an die Lesung, können wir uns richtig gut vorstellen, dass mit „Knechte des HERRN“ die versammelte Jüngerschar gemeint ist. Es klingt sehr liturgisch und passt in den Kontext des heutigen Festes. Das heißt auch wir haben Grund zum Lobpreis und werden als „Knechte des HERRN“ aufgefordert als Dank für die wunderbare Vorsehung Gottes. Wir sind nicht mehr Knechte der Torah, sondern Knechte Gottes, was die wahre Freiheit bedeutet.
„Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit“ ist eine Wendung, die die Kirche übernommen hat, nämlich als Teil des sogenannten apostolischen Segens (der Herr sei mit euch…der Name des Herrn sei gepriesen….unsere Hilfe ist im Namen des Herrn….). Diesen dürfen die Nachfolger der Apostel beten und auf besondere Weise der Papst als Nachfolger Petri. Mit diesem apostolischen Segen sind unter anderem Ablässe verbunden.
„Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang“ bezieht sich einerseits auf die Zeit: Vom Morgen bis zum Abend, also den ganzen Tag, soll der Lobpreis Gottes erfolgen. Immer wieder wird uns die Haltung im gesamten Leben ans Herz gelegt, alles als Gebet/Lobpreis zu sehen, damit man die guten Taten Gottes nie vergisst. Dies wird auch durch diese Wendung herausgestellt. Sie kann aber auch geographisch verstanden werden, denn mit Aufgang und Untergang werden die Himmelsrichtungen des Ostens und Westens umschrieben. So soll also der ganze Erdkreis Gott loben und preisen. Dadurch, dass man „sei gelobt“ als Partizip übersetzen kann, ist es zeitlos. Gottes Name soll dauerhaft gepriesen werden und zu allen Zeiten. Das sehen wir konkret jetzt an unserer Situation. Es wurde zu Davids Zeiten schon gebetet, es wurde von den Aposteln und Jüngern Jesu gebetet, von Jesus selbst! Und nun ist es Teil unserer heutigen Liturgie 2000 Jahre später! Und auch die zukünftigen Generationen werden den Namen Gottes loben und preisen. Es ist, als ob die grammatikalische Zeitlosigkeit des Verbs und des Verses so zur Andeutung der Ewigkeit wird. Denn dann wird es einen ewigen und umfassenden Lobpreis ohne Ende geben. Wir können diese Universalität gut auf den Neuen Bund beziehen, den Gott mit allen Menschen guten Willens eingeht, die nämlich Jesus Christus gläubig angenommen haben. Dieser ist für die ganze Menschheit gestorben, damit jeder die Chance auf das ewige Heil erhält.
Gott ist erhaben über alle Völker, dies sehen wir an Jesus, der der König der Könige ist. Gott ist stärker als alle weltlichen Herrscher zusammen. Er muss nur einmal seinen Willen ausführen und die Herrschaft aller fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Gott ist auch höher als wir, die wir die Herrscher über unser eigenes Leben sind. Er ist der eigentliche Herr über unser Leben und weiß, was wir brauchen. Er bestimmt den Anfang und das Ende. Er beschenkt uns und begnadet uns. Er sieht das ganze Leben im Überblick, was wir nicht können. Und er sieht unsere Potenziale, die wir nicht einmal erahnen.
„Über den Himmeln ist seine Herrlichkeit“ bezieht sich auf die Himmel, die wir sehen können. Gottes Reich ist noch „über den Himmeln“ und somit ganz anders. Er ist der Transzendente. Gott ist Geist. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist nicht greifbar.
Er steht über der gesamten Schöpfung, zu der Himmel und Erde zugleich gehören (Gen 1,1). Deshalb schaut er sogar auf den Himmel herab, der für uns so hoch oben ist. Gott ist so unvergleichlich, dass hier im Psalm die rhetorische Frage gestellt wird „wer ist wie der Herr?“ Keiner ist wie er. Er ist als Schöpfer ganz anders als alles, was wir in dieser Welt erfahren. Und doch erahnen wir ihn, wenn wir den Menschen ansehen – in seinen guten Eigenschaften. Denn schon die Genesis mit ihrem ersten Schöpfungsbericht bezeugt uns den Menschen als Abbild Gottes.
Und doch ist er kein weit entfernter Gott, der sich nicht um seine Schöpfung kümmert. Das ist das Missverständnis eines deistischen Gottesbildes, das die Aufklärer vertreten haben und bis heute freimaurerisches Gedankengut ist. Gott, der am höchsten von allen steht, schaut auf die, die am tiefsten Boden liegen. Er richtet sie auf und erhebt sie aus dem Staub. So groß ist Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Seine Allmacht schließt nicht das Interesse für den Kleinsten der Kleinen aus. Im Gegenteil. Gottes Option ist immer eine Option für die Armen jeglicher Form – arm im Geiste, finanziell arm, sozial arm.

Lk 11
29 Als immer mehr Menschen zusammenkamen, begann er zu sprechen: Diese Generation ist eine böse Generation. Sie fordert ein Zeichen; aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden außer das Zeichen des Jona.
30 Denn wie Jona für die Einwohner von Ninive ein Zeichen war, so wird es auch der Menschensohn für diese Generation sein.
31 Die Königin des Südens wird beim Gericht mit den Männern dieser Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo.
32 Die Männer von Ninive werden beim Gericht mit dieser Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie sind auf die Botschaft des Jona hin umgekehrt. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

Im Evangelium fordern heute die Menschen ein Zeichen von Jesus. Sie tun das, weil sie ihm nicht glauben. Jesus sieht ihren Unglauben und ihre Provokation. Er erkennt, dass hinter ihnen eigentlich der Satan steht, der wie damals in der Wüste seine Göttlichkeit aus ihm herauskitzeln will. Gott ist Mensch geworden in Jesus Christus und nimmt seine Göttlichkeit nicht in Anspruch, um das Erlösungswerk zu vollbringen. Wenn Jesus nun gegen den Willen des Vaters diese Göttlichkeit zur Schau stellt, ist alles vorbei. Es ist also ein Stellen Gottes auf die Probe. Deshalb nennt er die Menschen seiner Zeit böse. Sie möchten erst glauben, wenn Jesus sich als Gott offenbart. Das wird immer wieder passieren, auch noch am Kreuz, wenn die Hohepriester zu Jesus höhnisch sagen werden: „Wenn du der Messias bist, steig herab vom Kreuz und hilf dir selbst!“ So ist die Generation wahrlich böse, denn sie entscheidet sich eher dafür, sich vom Bösen leiten zu lassen, als ihr Herz für das Heil Gottes zu öffnen.
Das Zeichen des Jona, dass Jesus hier andeutet, ist das Zeichen der Gerichtsankündigung. Die Menschen werden es erkannt haben, denn sie kannten den Propheten Jona. Das Zeichen des Jona heißt also Ankündigung von Unheil, aber es bedeutet auch zugleich – „kehrt um! Noch ist die Zeit dazu da!“ Das ist ja der Kern der gesamten Verkündigung Jesu. Die Umkehr und der Glaube an das Evangelium.
Die Männer von Ninive werden als Zeugen gegen die Generation Jesu aussagen, denn sie haben sich bei den Worten eines Menschen und Propheten namens Jona ganz bekehrt, die zu verurteilende Generation hatte mehr als nur einen Propheten – Gott selbst ist Mensch geworden, um die Menschen zur Umkehr aufzurufen, doch sie haben sich nicht bekehrt. Die Generation hat die Zeit der Gnade nicht erkannt.
Bemerkenswert ist auch, dass Jesus sich als Antitypos und Steigerung Salomos betrachtet, wenn er nun über die Umsetzung des Gerichts spricht. Als Zeugin sagt die Königin von Saba aus, die von weit hergekommen ist, die Weisheit Salomos zu sehen. Die zu verurteilende Generation ist Nachfolgerin der Stämme Israels zur Zeit des Salomo und Jesus kritisiert nun, was aus dieser Weisheit geworden ist, ja noch viel mehr: Er selbst ist mehr als Salomo, denn er hat die göttliche Weisheit in Fülle! Er hat den Menschen wie ein Sämann diese Weisheit ausgestreut, doch was ist von dieser Weisheit fruchtbar geworden? Die Königin von Saba wird mit ihrem Finger auf die fehlenden Früchte zeigen!
Und wie könnte unser Gerichtsprozess aussehen? Welche Zeugen werden gegen uns aussagen? Werden es unsere Eltern sein, die uns immer und immer wieder davor gewarnt haben, bestimmte Sünden zu begehen? Werden es Geistliche sein, die deutlich gepredigt, die bei der Katechese nichts ausgelassen, die uns alles genauestens erklärt und die wir ignoriert haben? Freunde, die uns gewarnt haben? Dann werden auch wir uns nicht verstecken können, denn Gott hat uns durch so viele Menschen, Ereignisse etc. zur Umkehr aufgerufen. All das sagt Jesus auch uns heute. Er möchte, dass wir noch heute umkehren, dass wir mit derselben Haltung Buße tun wie die Bewohner Ninives und wie König David. Die Entscheidung liegt bei uns: Wollen wir wie die Bewohner von Ninive sein oder wie die böse Generation Jesu?

Dann sind wir aber nicht besser als jene kritisierten Christen im Galaterbrief, die durch die Taufe zu Kindern Gottes geworden sind, doch durch das Sündigen nach der Taufe wieder zurück zur Sklaverei zurückkehren, sich gleichsam das Joch der Knechtschaft erneut anlegen lassen, das durch die Sünde entsteht. Und selbst dann ist es noch nicht zu spät. Der Herr möchte uns immer wieder befreien im Sakrament der Versöhnung. Kehren wir immer wieder um und bemühen wir uns von Neuem. Im Gegensatz zu jenen Gesetzestreuen des Alten Bundes dürfen wir zusammen mit der Gnade Gottes daran arbeiten, immer heiliger zu werden und immer weniger zu sündigen – und immer freier zu werden.

Ihre Magstrauss

28. Sonntag im Jahreskreis

Jes 25,6-10a; Ps 23,1-3.4.5.6; Phil 4,12-14.19-20; Mt 22,1-14

Jes 25
6 Der HERR der Heerscharen wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den feinsten, fetten Speisen, mit erlesenen, reinen Weinen.

7 Er verschlingt auf diesem Berg die Hülle, die alle Völker verhüllt, und die Decke, die alle Nationen bedeckt.
8 Er hat den Tod für immer verschlungen und GOTT, der Herr, wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen und die Schande seines Volkes entfernt er von der ganzen Erde, denn der HERR hat gesprochen.
9 An jenem Tag wird man sagen: Siehe, das ist unser Gott, auf ihn haben wir gehofft, dass er uns rettet. Das ist der HERR, auf ihn haben wir gehofft. Wir wollen jubeln und uns freuen über seine rettende Tat.

10 Denn die Hand des HERRN ruht auf diesem Berg.

Jesaja verheißt in der ersten Lesung etwas, das sich spätestens in der Offb erfüllen oder zumindest ihre Entsprechung finden wird. Insbesondere Offb 7 greift mehrere Aspekte auf wie die Freude der Sieger über die Rettung des Lammes. Auch in diesem Abschnitt stellt der Hl. Berg, d.h. Jerusalem, das Zentrum dar. Die Stadt ist deshalb so heilig und entscheidend, weil in ihr der Tempel Gottes errichtet ist, in dem laut jüdischem Verständnis Gottes Herrlichkeit wohnt. Dort wird ein Festmahl mit Speisen und Weinen angekündigt, was vierfach zu bedenken ist: Einerseits wird damit die Freude über die Befreiung des Volkes Israel aus der Fremdherrschaft ausgedrückt. Andererseits kündigt es die ewige Freude des Himmels an, die noch aussteht. Diese wird sakramental in jeder Hl. Messe vorweggenommen, die ein Freudenfest ist. Gott wohnt in unserer Mitte und wir sind ganz eins mit ihm, wenn wir ihn empfangen. Und wie Jesus durch viele Gleichnisse herausgestellt hat, wird diese Freude schon jedes Mal spürbar, wenn ein Sünder umkehrt. Der barmherzige Vater feiert ein Fest für seinen zurückgekehrten Sohn im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15).
Es heißt sodann, dass dieser Berg enthüllt werden wird (Vers 7), und zwar von Gott selbst. Dies ist, was wir Offenbarung nennen. Er wird alles aufdecken: Seinen Plan mit den Israeliten – er wird ihnen wiederum Propheten senden, die ihnen aufzeigen, was sie tun sollen. Er wird ihnen schließlich seinen eigenen Sohn senden, der ihnen den Vater offenbaren wird. Er wird auch seinen Sohn in jeder Messe offenbaren in Gestalt von Brot und Wein – deshalb lesen wir hier die Rede von Speisen und Weinen eucharistisch! – er wird das Herz jedes Menschen aufdecken (keine Tat bleibt verborgen) und er wird am Ende der Zeiten alles aufdecken, sodass jeder Mensch die Fülle der Erkenntnis erlangen wird, vor allem werden alle Gott schauen, wie er ist.
Die sich anschließenden Verheißungen sind sehr tröstlich und finden wiederum eine Entsprechung in der Offb: Gott wird alles vernichten, sogar den Tod. Er wird alle Tränen abwischen. Diese Dinge geschehen dann tatsächlich am Ende der Offb (20-21). Und wenn es dann bei Jesaja heißt, dass die Hand des Herrn auf dem Berg ruht (תָנ֥וּחַ tanuach, eigentlich Zukunftsform „sie (die Hand) wird ruhen“, aber auch präsentisch übersetzbar), dann ist das ein Beleg für Gottes Gegenwart an diesem Ort. Er ist schon durch den Tempel gegenwärtig. Seine Herrlichkeit zeigt sich im AT ja schon durch Zeichen wie Rauch, Wolke und Feuersäule. Da es aber gerade auch zukünftig zu verstehen ist, geht es um eine andere Art von Gegenwart, die hier angekündigt wird – eine noch vollkommenere. Wir Christen sehen darin zunächst die Ankündigung des Messias an dem Ort. Er wird leibhaftig an diesem Ort wandeln. Wir sagen aber auch, dass seine leibhaftige Gegenwart in der Gemeinschaft der Gläubigen bleibt durch die Eucharistie. Darüber hinaus ist er durch den Empfang der Kommunion leibhaftig im Menschen. Und am Ende der Zeiten wird Gott ganz in der Mitte der Menschen wohnen, sodass es nicht mal mehr einen Tempel brauchen wird (Offb 21,22).

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.
2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher.
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir aus gegebenem Anlass den wunderbaren und bekannten Psalm 23. Er zeigt uns, wie Gott als Hirte für die Herde sorgt.
Der „HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen“. Er versorgt den Menschen, sodass er keinen Mangel leiden muss. Diese Versorgung ist auch Aufgabe der Ältesten in Gemeinden. Sie sollen mit geistigen Gaben ausstatten, mit den Sakramenten und Sakramentalien, mit der Verkündigung des Wortes Gottes. So müssen die Gemeindemitglieder keinen Mangel leiden.
„Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.“ Das Lagern auf grünen Auen ist ein Gegenbild zur trockenen Wüste. Gott führt uns auf Weiden, an denen wir uns sättigen können. Das Sättigen ermöglichen uns die Ältesten auch, indem sie uns täglich die Eucharistie ermöglichen, das tägliche Brot, das uns ernährt. Wir beten den Psalm besonders heute eucharistisch mit Blick auf die feierliche Vision in Jesaja. Die Ernährung ist nicht nur mit der Eucharistie gegeben, sondern auch mit dem Wort Gottes. Auch dieses nährt den Menschen und vor allem den Glauben (denn Paulus sagt „Der Glaube kommt vom Hören“ Röm 10,17). Der Herr führt auch zum Ruheplatz am Wasser. Das ist ekklesiologisch gesehen ein Bild für den Hl. Geist, den Gott uns schenkt. Die Ruhe ist dabei eine Frucht des Hl. Geistes. Die Ältesten einer Gemeinde rufen den Hl. Geist in jeder Eucharistiefeier auf die Gaben von Brot und Wein herab und auch durch die anderen Sakramente spenden sie den Gläubigen den Hl. Geist. Dieser ruht auf den Ältesten selbst, die durch ihn zu ihrer Weihe gekommen sind.
Gott bringt die Lebenskraft zurück, die נֶפֶשׁ nefesch. Das ist umfassend zu verstehen, denn er bringt den ganzen Menschen zurück. Man kann es moralisch auffassen: Gott verhilft dem Menschen zur Umkehr, der sich von ihm entfernt hat und aus dem Stand der Gnade gefallen ist. Er holt dann das Leben, nämlich diesen Stand der Gnade zurück. Gott hat den ganzen Menschen wiederhergestellt, indem er seinen einzigen Sohn als neuen Adam in diese Welt gebracht hat. Er hat ihm nach dem Tod die Lebenskraft wieder zurückgegeben, indem er ihn von den Toten hat auferstehen lassen. Es ist auch auf Jesus selbst zu beziehen, der das Leben so vieler Menschen zurückgegeben hat – ob damit die Lebensqualität nach einer Krankenheilung oder nach einem Exorzismus gemeint ist oder ob es die Sündenvergebungen oder sogar die Totenerweckungen sind. Und schließlich hat Jesus seine Apostel bevollmächtigt, es ihm gleichzutun. Sie sind bevollmächtigt, die Sünden zu vergeben. So ist diese Aussage auch auf die Kirche zu beziehen: Die Ältesten vergeben den Gemeindemitgliedern die Sünden und bringen so deren Lebenskraft zurück. Schließlich können wir es anagogisch auslegen: Gott gibt uns das Leben zurück, wenn wir von den Toten auferstehen. Wir werden in das ewige Leben auferstehen und am Ende der Zeiten sogar mit unseren Leibern wieder vereint. Dann können wir maximal sagen, Gott hat uns unsere Lebenskraft zurückgegeben. Und dann haben wir im himmlischen Jerusalem beim prophezeiten Festmahl allen Grund zur Freude!
So wie Gott die Menschen „auf Pfaden der Gerechtigkeit“ führt, soll der Älteste die Gemeindemitglieder den von Gott gebotenen moralischen Lebenswandel aufzeigen. Er soll ihnen erklären und zugleich vorleben (als Vorbild der Gemeinde!), wie dieser Pfad der Gerechtigkeit auszusehen hat. Dies hat schon König David in Form des Psalters in poetische Worte gefasst. Wie viele moralische Unterweisungen lesen wir darin!
So wie Gott immer bei den Menschen ist (Jahwe „ich bin“, Jesus der Immanuel, „Gott mit uns“), so soll der Älteste immer für die Gemeindemitglieder da sein. Wenn sie in der Finsternis wandeln, weil sie eine schwere Zeit durchmachen, z.B. durch Krankheit, sollen die Ältesten als Seelsorger diese Belasteten tragen und sie trösten. Wir denken hier z.B. auch an das Sakrament der Krankensalbung, das den Gespendeten Trost gibt, sie innerlich aufrichtet und Hoffnung verleiht.
Gott deckt den Gemeindemitgliedern bis heute den Tisch, nämlich beim eucharistischen Mahl. Er segnet uns mit allen Gaben vor den Augen unserer Feinde. Das heißt, dass er das letzte Wort hat und auch unsere Feinde das erkennen müssen. Obwohl sie uns so viel Böses wollten und unser Leben zerstören wollten, konnten sie unseren Glauben nicht antasten. Gott kompensiert die Leiden, die wir vor allem in seinem Namen erlitten haben, indem er uns überreich segnet. Er ist immer stärker als der Satan, unser eigentlicher Feind hinter all den bösen Menschen.
Wir sind gesalbt mit Öl, was in diesem Kontext zunächst eine Geste des Wohlstands ist. Gott sorgt dafür, dass es uns gut ergeht. Wir denken aber schon viel weiter und sehen in der Salbung eine liturgische Geste. Jesus ist der Messias, der Gesalbte, in dessen Nachfolge auch die Ältesten Gesalbte sind. Und auch bei anderen Sakramenten werden die Gläubigen gesalbt – bei Taufe und Firmung.
Die Ältesten salben ihre Gemeindemitglieder und erheben diese zu einem königlichen und priesterlichen Geschlecht.
Ein übervoller Becher ist Zeichen der ewigen Freude des Himmelreichs. Gott schenkt uns überreiche Freude, was wiederum eine Frucht des Hl. Geistes ist. Diese Freude wird uns schon ansatzweise in den Sakramenten geschenkt, besonders in der Eucharistie als antizipiertes Hochzeitsmahl des Lammes und himmlisches Festmahl, wie es Jesaja gesehen hat.
Weil Gott uns so sehr beschenkt und weil er treu ist, sind wir ein Leben lang mit diesem Segen ausgestattet. Seine Güte und Huld sind unendlich groß und deshalb setzt er keine Grenzen oder Bedingungen. Es liegt an uns, ob wir diesen Segen auch bekommen oder nicht – je nach unserer Entscheidung für oder gegen ihn.
Und wenn wir in Gemeinschaft mit Gott gelebt haben, werden wir heimkehren in sein Reich, den Himmel. Das ist unsere eigentliche Heimat, deshalb kehren wir zurück (nicht im Sinne, dass wir dort schon waren, höchstens im Sinne von „die Menschheit kehrt zurück, nachdem sie von dort verbannt worden ist, nämlich aus der Gemeinschaft mit Gott“). Diese Welt und dieses irdische Leben sind vorübergehend. Wir sind zu Gast und in Vorbereitung auf das eigentliche Leben in der Ewigkeit. Heimkehren in das Haus des HERRN muss aber nicht erst anagogisch verstanden werden – es kann auch den Tempel in Jerusalem meinen (so haben es auch schon die Juden verstanden). In typologischer Weiterführung ist mit dem Haus des HERRN seit der Stiftung Christi die Kirche gemeint. Ebenso kann es den Stand der Gnade meinen, indem wir heimkehren nach einer Umkehr zu Gott.

Phil 4
12 Ich weiß Entbehrungen zu ertragen, ich kann im Überfluss leben. In jedes und alles bin ich eingeweiht: in Sattsein und Hungern, Überfluss und Entbehrung.

13 Alles vermag ich durch den, der mich stärkt.
14 Doch ihr habt recht daran getan, an meiner Bedrängnis Anteil zu nehmen.
19 Mein Gott aber wird euch durch Christus Jesus alles, was ihr nötig habt, aus dem Reichtum seiner Herrlichkeit schenken.

20 Unserem Gott und Vater aber sei die Ehre in alle Ewigkeit! Amen.

In der zweiten Lesung hören wir wieder aus dem letzten Kapitel des Philipperbriefes letzte Ermahnungen des Apostels. Paulus spricht wieder sehr persönlich, denn er bringt seine eigene Situation ein: „Ich weiß Entbehrungen zu ertragen“ – ja, er sitzt zu jener Zeit im Gefängnis und dies nicht zum ersten Mal. Immer wieder wurde er festgenommen und erlitt dort natürlich einen großen Mangel – in erster Linie an Freiheit. Auch die vielen Reisen sind zu nennen, in denen er vieles entbehrt hat und krank wurde, fasten musste und viele Kilometer zurückgelegt hat. Oft hatte er nicht genug, aber er behielt seine innere Freude bei allem. Das ist der entscheidende Punkt, den er hier herausstellen möchte. Er findet sich in jeder Lage zurecht, weil er den Herrn im Herzen trägt. Deshalb ist es „egal“, ob er satt ist oder hungrig, in Überfluss hat oder im Mangel. Er weiß, dass er nicht allein ist und Christus ihn nie im Stich lässt. Dieser gibt ihm Kraft. Wohl verdeutlicht er dies, weil die Philipper ihm gegenüber großes Mitleid gezeigt haben. Vielleicht ist dem Philipperbrief ein Gemeindebrief vorausgegangen, in dem die Philipper ihm gegenüber Trauer über seinen Gefängnisaufenthalt gezeigt haben. Er scheint sie zu trösten damit, dass er trotz Gefangenschaft froh ist. Dennoch schätzt er es, dass die Gemeinde sich mit ihm verbunden fühlt.
In Vers 19 erklärt Paulus, dass auch sie in jeglicher Lebenslage den „Reichtum seiner Herrlichkeit“ empfangen werden und Gott ihnen alles Nötige verleihen wird. Der heutige Abschnitt endet sodann mit einem Lobpreis an Gott: „Unserem Gott und Vater aber sei die Ehre in alle Ewigkeit! Amen.“ Damit setzt er um, was er im selben Kapitel zuvor geschrieben hat: „Freut euch zu jeder Zeit“. Der Herr hat stets den Lobpreis verdient, weil er Gott ist. Unabhängig wie unsere Situation ist, sollen wir ihn loben und preisen. Dann werden wir am Ende der Zeiten in den ewigen Lobpreis des Himmels gelangen.

Mt 22
1 Jesus antwortete und erzählte ihnen ein anderes Gleichnis:

2 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der seinem Sohn die Hochzeit ausrichtete.
3 Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen.
4 Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Siehe, mein Mahl ist fertig, meine Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit!
5 Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden,
6 wieder andere fielen über seine Diener her, misshandelten sie und brachten sie um.
7 Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen.
8 Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren nicht würdig.
9 Geht also an die Kreuzungen der Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein!
10 Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen.
11 Als der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Menschen, der kein Hochzeitsgewand anhatte.
12 Er sagte zu ihm: Freund, wie bist du hier ohne Hochzeitsgewand hereingekommen? Der aber blieb stumm.
13 Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.
14 Denn viele sind gerufen, wenige aber auserwählt.

Im Evangelium erzählt Jesus ein wichtiges Gleichnis, das den Kreis der heutigen Lesungen schließt. Denn er spricht von einem Hochzeitsfest, das ein gängiges Bild für die Ewigkeit darstellt. Er versucht das Himmelreich begreiflich zu machen, und erklärt:
Ein König möchte für seinen Sohn eine Hochzeit ausrichten. Wir verstehen, dass er den Vater und den Sohn Jesus Christus meint. Er spricht hier über seine eigene endzeitliche Hochzeit des Lammes, bei der er seine Braut, die Kirche, heiratet.
Dieses Reich ist ja mit seinem ersten Kommen auf die Erde angebrochen. Schon die Propheten des Alten Testaments haben auf die Hochzeit hingewiesen und die Menschen dazu eingeladen. Einigen hat Gott sogar aufgetragen, zölibatär zu leben, um die Brautschaft des Gottesvolkes anhand ihres Lebens sichtbar zu machen. Alles ist vorbereitet, doch die Menschen interessiert die Einladung nicht. Sie arbeiten und gehen ihrem Alltag nach, als ob nichts gewesen wäre. Manche töten sogar die Diener, die zum Hochzeitsmahl einladen. Die vielen Propheten, die den Herrn angekündigt haben, mussten wirklich schlimmes erleiden und wurden oft umgebracht.
Das bleibt nicht ohne Konsequenzen, denn die Hochzeit soll stattfinden, jedoch nicht mit jenen, die sich als unwürdig erwiesen haben. So weitet der König seine Einladung auf alle Gewillten aus und die Diener gehen auf die Straße. Sie holen „Böse und Gute“ zusammen, bis der Festsaal gefüllt ist. Wir verstehen dieses Bild für den neuen Bund, der mit allen Menschen guten Willens eingegangen wird, egal aus welchem Volk, welcher Sprache, Region oder Nation. Wir haben von dieser universalen Sammlung in der Lesung gehört. Die Diener sind nun die Apostel und Jünger Jesu, jene, die das Evangelium auch nach dem Heimgang Jesu zum Vater weiter verbreiten. „Das Reich Gottes ist nahe“ wird in dem Gleichnis ausgedrückt durch die Worte „Siehe, mein Mahl ist fertig“ und „Kommt zur Hochzeit!“ Viele Menschen kommen zum Glauben und werden Christen. Das heißt aber nicht, dass sie alle gut sind. In der Kirche wird es auch Menschen geben, die nicht aus Glauben oder Berufung hier sind, die vielleicht anfangs gut sind und später vom Glauben abfallen etc. Es ist eine Mischung von Unkraut und Weizen.
Als der König in den Saal kommt, schaut er sich die Gäste genau an. Wir sehen hier ein endzeitliches Bild, das das Gericht Gottes umschreibt. Er prüft die Menschen und schaut sie sich an.
Der König entdeckt einen Menschen ohne Hochzeitsgewand. Das gilt als absoluter Affront. Ich las einmal, dass zu jener Zeit üblich war, dass den Eingeladenen zu einer Hochzeit vor Ort die Gewänder ausgeteilt worden sind. Dieser Mensch ist also zur Hochzeit gekommen und hat das Gewand, das ihm angeboten worden ist, einfach abgelehnt. Wir verstehen die Hochzeitskleidung sakramental als Taufe. Schon Paulus erklärt, dass wir bei der Taufe Christus „anziehen“, weshalb der Täufling ja ein weißes Taufkleid trägt. Die Taufe aber ist heilsnotwendig, also kann der Mensch ohne dieses neue Gewand an der Hochzeit nicht teilnehmen. Aber was ist, wenn die Taufe schon durch die Sammlung des Gottesvolkes bzw. der Hochzeitsgesellschaft ausgedrückt wird? Der Mensch kann die Taufgnade wieder verlieren, wenn er nach der Taufe nicht ein entsprechendes Leben führt. Der Mensch muss also im Stand der Gnade geblieben sein. Es ist also zu präzisieren: Wer nicht aufrichtig umgekehrt ist und nach Gottes Geboten gelebt hat, kann an der Hochzeit nicht teilnehmen. Es wird im Gleichnis ja gesagt, dass Gute und Böse gerufen sind. Wenn der König kommt und prüft, wird er die Bösen aussortieren.
Dieser Mensch ohne Hochzeitsgewand wird hinausgeworfen „in die äußerste Finsternis“, wo es „Heulen“ und „Zähneknirschen“ gibt. Das sind Signalwörter für die Hölle. Was Jesus durch das Gleichnis ausdrücken will, ist nicht nur die heilsgeschichtliche Situation seiner Zeit (das nahe bevorstehende Reich Gottes, zu dem alle gerufen sind), sondern auch die Unterscheidung von Berufung und Auserwählung. Nur weil man gerufen ist, ist man noch nicht automatisch gerettet. Man muss schon noch ein bestimmtes Leben führen. Das kritisiert die Juden seiner Zeit, die sich auf ihre Beschneidung verlassen, aber die Zehn Gebote nicht so genau nehmen. Sie glauben, als Nachkommen Abrahams, Isaaks und Jakobs schon automatisch einen Platz im Himmel zu haben. Das Himmelreich erreicht aber nur, wer den Willen Gottes befolgt, egal welchen Volkes. Und wer aus eigener Kraft das Himmelreich zu erlangen versucht, meint: „Ich brauche dieses Hochzeitsgewand nicht, mein eigenes Gewand, das ist es.“ Das beschreibt die Haltung der Pharisäer. Sie meinen, ihre strikte Einhaltung der Torah macht sie gerecht vor Gott. Sie meinen, dass sie sich erlösen können, wenn sie perfekt alles befolgen, die Rettung also von ihrem eigenen Handeln ausgeht. Keiner kann sich selbst erlösen. Das konnte nur Jesus Christus für uns tun. Die Pharisäer und Schriftgelehrten zur Zeit Jesu müssen wieder lernen, wie König David zu werden und das Hochzeitsgewand anzunehmen. Sie müssen sich wieder an die Worte erinnern: „Erschaffe mir Gott ein reines Herz.“ Nur er kann den Menschen mit der Gnade ausrüsten, durch die er geheiligt wird. Zugleich geht es darum, diese in Anspruch zu nehmen und ein entsprechendes Leben zu führen. Das strahlende Hochzeitsgewand der Braut des Lammes besteht schließlich aus den gerechten Taten der Heiligen (Offb 19).

Ihre Magstrauss

Samstag der 27. Woche im Jahreskreis

Gal 3,22-29; Ps 105,2-3.4-5.6-7; Lk 11,27-28

Gal 3
22 aber die Schrift hat alles unter der Sünde eingeschlossen, damit die Verheißung aus dem Glauben an Jesus Christus denen gegeben wird, die glauben.

23 Ehe der Glaube kam, waren wir vom Gesetz behütet, verwahrt, bis der Glaube offenbar werden sollte.
24 So ist das Gesetz unser Erzieher auf Christus hin geworden, damit wir aus dem Glauben gerecht gemacht werden.
25 Nachdem aber der Glaube gekommen ist, stehen wir nicht mehr unter dem Erzieher.
26 Denn alle seid ihr durch den Glauben Söhne Gottes in Christus Jesus.
27 Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus angezogen.
28 Es gibt nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus.
29 Wenn ihr aber Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben gemäß der Verheißung.

Paulus erklärt den Galatern und auch uns heute im Abschnitt aus dem Galaterbrief, warum die Torah trotz ihrer nicht vorhandenen Erlösungskraft notwendig ist. Denn „ehe der Glaube kam“, damit ist der Neue Bund gemeint, behütete die Torah die Menschen. Das Problem ist, dass aufgrund der Sünde die Torah nicht nur im positiven Sinne behütet, sondern im negativen Sinne anklagen musste. Sie ist wie eine Anwältin, die dem Juden stets vorhielt, dass er einer Werksgerechtigkeit nicht perfekt nachgekommen ist. Denn es gibt keinen Menschen, der all diese Gebote und Verbote täglich halten konnte.
Und doch war sie in ihrer Funktion ein Wegweiser auf Christus hin, der den Menschen aufgrund des Glaubens rettet. Und dieser Glaube an Jesus Christus hat die Erzieherin namens Torah abgelöst. Wir müssen uns bei den Worten des Paulus immer bewusst sein, dass er kein sola gratia oder sola fides meint, wie es die Reformatoren falsch verstanden haben, nach dem Motto „Paulus sagt, nur der Glaube rettet, also müssen wir nichts tun.“ Denn hier geht es einzig und allein um die Erlösung und den Weg dorthin. Was danach geschieht, ist eine andere Geschichte. Es geht darum, wodurch wir erlöst werden – durch das Halten der Torah oder durch die gläubige Annahme des Erlösungswerkes Christi in der Taufe.
Die Getauften sind durch den Glauben an Christus zur Gotteskindschaft gelangt, nicht aufgrund der perfekten Einhaltung der Torah.
Paulus entfaltet zum Ende hin seine wunderbare Tauftheologie, in der er erklärt, dass der Mensch bei der Taufe Christus anzieht. Deshalb trägt der Täufling ja bis heute ein weißes Kleid.
Paulus sagt auch, dass die Taufe alle Menschen in Christus eint. Die erlangte Gotteskindschaft erhebt alle Getauften zur gleichen Würde und Daseinsberechtigung, ja zur selben Berufung zur Heiligkeit. Deshalb gibt es „nicht mehr Juden und Griechen, nicht Sklaven und Freie, nicht männlich und weiblich“. Natürlich behalten die Menschen aus menschlicher Sicht ihre Identität. Wäre dem nicht so, würde es die Konflikte zwischen Heiden- und Judenchristen ja nicht geben. Aber sie alle haben nun dieselbe Identität aus der Perspektive des Himmels erlangt, die ihnen die gleiche Würde verleiht. So darf es in den Christengemeinden keine Unterschiede geben. Alle müssen gleich behandelt werden unabhängig vom Geschlecht, von der sozialen Stellung und religiösen Vergangenheit. Das möchte Paulus sagen insbesondere im Hinblick auf die Unterscheidung zwischen Juden und Griechen. Das ist ja der Anlass des Galaterbriefes. Hier werden nämlich weiterhin Unterschiede gemacht, als ob die Judenchristen besser dran wären als die Heidenchristen. Sie sind beide Christen. Und darauf kommt es an.
Paulus geht sogar noch weiter und versetzt den Judenchristen einen regelrechten Schlag, indem er sagt: „Wenn ihr aber Christus gehört, dann seid ihr Abrahams Nachkommen, Erben gemäß der Verheißung.“ Das ist ein Affront für jene, denen die Biologie alles bedeutet! Die Juden legten immer sehr viel Wert darauf, dass sie biologisch von Abraham, Isaak und Jakob abstammen. Doch Paulus sagt nun etwas Entscheidendes: Nicht mehr die biologische Abstammung von den Vätern ist vor Gott bedeutsam, sondern die geistliche Verbundenheit mit Christus, der von diesen Vätern abstammt. Wasser ist dicker als Blut! Der Hl. Geist schweißt die Christen enger zusammen, als es das Blut je könnte! Erbschaft ist in Gottes Augen geistlicher Natur. So sind wir ja alle seine Erben, die wir getauft sind. Aber wir stammen biologisch nicht von Gott ab. Paulus lädt die radikal denkenden Judenchristen dazu ein, über ihren jüdischen Tellerrand bezüglich Blutsverwandtschaft hinauszublicken.

Ps 105
2 Singt ihm und spielt ihm, sinnt nach über all seine Wunder!

3 Rühmt euch seines heiligen Namens! Die den HERRN suchen, sollen sich von Herzen freuen.
4 Fragt nach dem HERRN und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit!
5 Gedenkt der Wunder, die er getan hat, seiner Zeichen und der Beschlüsse seines Munds!
6 Ihr Nachkommen seines Knechts Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat.
7 Er, der HERR, ist unser Gott. Auf der ganzen Erde gelten seine Entscheide.

Der Psalm beginnt wie so oft mit einer Selbstaufforderung zum Lob, gerichtet an eine Gruppe. Die Israeliten sollen Gott singen und spielen, also Lobpreislieder vortragen, die König David gedichtet hat. Sie sollen immerzu über Gottes Wunder nachdenken. Das wirkt der undankbaren „Amnesie“ entgegen, der Vergesslichkeit gegenüber Gottes guten Taten an seinem Volk.
Gott ist so heilig, sein Name ist der größte Schmuck, mit dem man sich umhüllen kann. Und durch die Bundesbeziehung dürfen die Israeliten das auch tun! Sie dürfen sich seines Namens rühmen als Gottes besonderes Eigentum. Und wenn sie in allem immer ihn suchen, sollen sie sich von Herzen freuen. Denn ihre guten Absichten werden gute Konsequenzen nach sich ziehen. Das nennen wir Segen. Dieser Psalm ist auch für Christen wunderbar zu betrachten, die durch die Taufe ebenfalls eine Bundesbeziehung mit Gott eingegangen sind. Auch sie können sich des Namens Gottes rühmen, denn er ist es, der ihnen die unvergleichliche Würde als Kind Gottes verleiht. Er ist es, der durch den Hl. Geist die Frucht der Freude ins Herz hineinlegt, sodass eine wichtige Eigenschaft der Christen der österliche Optimismus darstellt.
„Fragt nach dem HERRN und seiner Macht“ – die hebräische Verbform דִּרְשׁ֣וּ dirschu ist eigentlich mit „suchet, forscht“ zu übersetzen. Es geht also darum, in allem immer den Herrn zu suchen.
„Sucht sein Angesicht allezeit!“- auch בַּקְּשׁ֖וּ baqschu kann mit „suchen“ übersetzt werden, aber auch mit „wollen, begehren, bitten“. Beide Sätze sagen etwas Ähnliches aus und sind ähnlich strukturiert, was wir Parallelismus nennen. Dem Menschen soll es immer nach dem Angesicht Gottes verlangen. Es umschreibt, was mit dem Sch’ma Israel zusammengefasst wird (Dtn 6,4ff.), die absolute Gottesliebe und deshalb das stete Interesse daran, ihn besser zu verstehen. Es geht daran, das Herz an ihn zu hängen. Wenn man dies tut, wird das Herz immer wieder Heilung erfahren.
So wie wir schon oft gebetet haben, ergeht auch hier die Aufforderung an uns, Gottes Heilstaten nie zu vergessen („Gedenkt der Wunder, die er getan hat…“). So werden wir nie undankbar und auch nie etwas für selbstverständlich nehmen, was Gott uns schenkt. Deshalb ist die Eucharistie für uns so wichtig. Sie ist unser höchster Ausdruck des Dankes gegenüber Gott. Wir gedenken darin ja der großen Taten Gottes mit dankbarem Herzen. Wir beten darüber hinaus jeden Tag die Psalmen und loben Gott mit Hymnen und anderen Lobliedern.
Gott ist der Herrscher des Alls und deshalb gilt, was er entscheidet. Alles ist seinem universalen Heilswillen unterworfen, was auch für uns sehr tröstlich ist! Das bedeutet nämlich, dass auch der Böse nur so viel anrichten kann, wie Gott zulässt. Sobald das Ende der Zeiten erreicht ist, wird Gott ihm sofort und ganz ohne Mühe Einhalt gebieten. Er wird den Bösen für immer zerstören und wir werden nie wieder leiden müssen.
Wir müssen vor dem Hintergrund der Lesung Vers 6 besonders in den Blick nehmen: Die Nachkommen Abrahams und Jakobs sind erwählt. Wir haben über die Nachkommenschaft nachgedacht und bei der Lesung zusammen mit Paulus festgestellt, dass die geistliche Nachkommenschaft, die Familie Gottes, eine viel intensivere Bindung darstellt als die biologische. Wie oft bemerken wir, dass unsere leiblichen Geschwister uns so fremd sein können, obwohl wir biologisch ganz miteinander verbunden sind! Und wie oft ist uns ein Freund oder eine Freundin so viel näher, weil sie unseren Glauben teilen und dasselbe Ziel im Leben verfolgen – die Heiligkeit. Wie ideal wäre es doch, wenn beides zusammenkommen würde! Wenn unsere leiblichen Verwandten und wir gemeinsam nach Heiligkeit streben, dann schmecken wir schon etwas vom Reich Gottes hier auf Erden.

Lk 11
27 Es geschah aber: Als er das sagte, da erhob eine Frau aus der Menge ihre Stimme und rief ihm zu: Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat!

28 Er aber erwiderte: Ja, selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.

Auch im Evangelium geht es um Nachkommenschaft biologischer und geistlicher Art. Dieser kurze Abschnitt wird so oft missverstanden und als Beleg dafür genommen, dass Jesus seine Mutter missachtet hätte. Das ist mitnichten der Fall und wir müssen Jesus richtig verstehen.
Die Situation ist folgende: Jesus verkündet das Reich Gottes und wie so oft sind die Menschen erstaunt von der Fülle der Weisheit, die durch ihn spricht. Und so sagt eine Frau aus der zuhörenden Menschenmenge voller Ergriffenheit: „Selig der Schoß, der dich getragen, und die Brust, die dich gestillt hat!“ Das ist die ganz typische jüdische bzw. grundsätzlich menschliche Denkweise. Die biologischen Eltern Christi müssen stolz auf ihn sein, weil er mit so viel Weisheit begabt ist. Er bringt seiner Familie Segen. Jesus sagt nicht „nein, nein!“, sondern „Ja.“ Zuallererst stimmt er dem zu, fügt dann aber das Entscheidende hinzu: „Selig sind vielmehr, die das Wort Gottes hören und es befolgen.“ An anderer Stelle möchte die Familie Jesu zu ihm und da sagt er aus dem Anlass zu den Menschen, dass jene seine Familie sind, die den Willen des Vaters befolgen. Es geht um die Familie Gottes. Er sagt damit nicht, dass ihm die biologische Familie nichts bedeute, sondern betont einfach, wie eng der Hl. Geist die Menschen zusammenschweißt. Das Besondere an Jesus und Maria ist, dass sie über die biologische Verwandtschaft hinaus geistlich gesehen ganz eins sind, ein Herz und eine Seele. Sie leben vor, wie unser Verhältnis als royal family zueinander sein soll. Jesus missachtet seine Mutter also nicht, sondern betont, dass das gemeinsame Befolgen des Willens Gottes uns selig preisen lässt.
Und das führt uns zurück zu Paulus. Dieser möchte die radikalen judenchristlichen Bestrebungen in Galatien ja davon wegführen, die Biologie zum Ziel- und Angelpunkt der Erlösung zu machen. Diese ist schon längst überwunden. Christus selbst hat die Menschen schon in seiner Verkündigung versucht, davon wegzubringen. Wir sind eine Familie Gottes, aber nicht durch die Biologie, sondern durch den gemeinsamen Glauben an ihn, durch die gemeinsame Taufe, durch den Hl. Geist, der unsere Seele zur engsten Verwandtschaft zusammenführt, die existiert.

Ein ganz konkretes Beispiel dieser übernatürlichen Verwandtschaft sollen wir in diesem Leben bereits umsetzen: Nicht nur die geschwisterliche Liebe unter Gemeindemitgliedern ist Ausdruck dafür, sondern auch, wie wir mit dem Ehepartner unseres Familienmitglieds umgehen. Wenn unser Bruder, unsere Schwester, unser Kind heiratet, dann wird durch das Sakrament der Ehe dieser Mensch zu unserem neuen Familienmitglied. Die übernatürliche Verbindung der beiden Ehepartner ist dabei so stark, dass wir keinen Unterschied machen sollen zwischen biologischen Verwandten und angeheirateten Menschen. Deshalb ist es ein schöner Ausdruck dieser engen Verbindung, wenn der angeheiratete Part die Schwiegereltern genauso Mama und Papa nennt wie das eigene biologische Kind. Wir sollen unseren Schwager und unsere Schwägerin behandeln wie den eigenen Bruder und die eigene Schwester. Bei Christen soll es keinen Unterschied geben, der von der Biologie abhängt. Denn hier geht es um ein Sakrament und der Geist Gottes schweißt enger zusammen als die Blutsverwandtschaft. Wenn wir so leben, üben wir uns ein in der Gotteskindschaft, die zu einem ewigen Familienfest im Himmelreich überleiten wird.

Ihre Magstrauss

Freitag der 27. Woche im Jahreskreis

Gal 3,6-14; Ps 111,1-2.3-4.5-6; Lk 11,14-26

Gal 3
6 So auch bei Abraham: Er glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet.

7 Erkennt also: Die aus dem Glauben leben, sind Söhne Abrahams.
8 Und da die Schrift vorhersah, dass Gott die Völker aufgrund des Glaubens gerecht macht, hat sie dem Abraham im Voraus verkündet: In dir sollen alle Völker gesegnet werden.
9 Also werden sie, die glauben, gesegnet mit dem glaubenden Abraham.
10 Diejenigen aber, die aus den Werken des Gesetzes leben, stehen unter einem Fluch. Denn geschrieben steht: Verflucht ist jeder, der sich nicht an alles hält, was das Buch des Gesetzes zu tun vorschreibt.
11 Dass aber durch das Gesetz niemand vor Gott gerecht gemacht wird, ist offenkundig; denn: Der aus Glauben Gerechte wird leben.
12 Für das Gesetz aber gilt nicht: aus Glauben, sondern es gilt: Wer die Gebote erfüllt, wird durch sie leben.
13 Christus hat uns vom Fluch des Gesetzes freigekauft, indem er für uns zum Fluch geworden ist; denn es steht geschrieben: Verflucht ist jeder, der am Holz hängt.
14 Jesus Christus hat uns freigekauft, damit den Völkern durch ihn der Segen Abrahams zuteilwird und wir so durch den Glauben den verheißenen Geist empfangen.

In der Lesung hören wir heute ein Beispiel, das Paulus anbringt, um die entscheidende Bedeutung des Glaubens im Gegensatz zur Gesetzestreue darzustellen. Dabei greift er dasselbe Beispiel auf, das er auch im Römerbrief genannt hat und das das Beispiel schlechthin darstellt: Abraham.
Dieser ist ja der Stammvater Israels und gilt allgemein als großes Vorbild. Paulus fasst seine Gerechtigkeit zusammen, als Glaube an Gott. Er ist nicht aufgrund des Haltens der Torah gerecht geworden, sondern aufgrund des Glaubens an Gott. Es gab zu seiner Zeit ja auch noch keine Torah, die er halten konnte.
Durch ihn sollten alle Völker gesegnet werden, was Paulus mit dem Neuen Bund erfüllt sieht, da er ja zwischen Gott und allen Menschen geschlossen wurde. Jesus hat ja darauf hingewiesen, dass das Heil von den Juden kommt bzw. aus den Juden. Abraham ist also wichtig zunächst als Stammvater der Juden, doch von diesem Volk aus ist allen Völkern das Heil zuteilgeworden.
Der Segen hat aber nur dann Wirkung, wenn der Mensch sich dafür öffnet. Der Gnadenstrom ist unaufhörlich und unbegrenzt, doch der Mensch muss ihn auch empfangen. Dies geschieht dann, wenn der Mensch welchen Volkes auch immer zum Glauben kommt, das heißt Christus gläubig annimmt, für wahr hält, dass dieser der Herr und Erlöser der ganzen Welt ist. Wer glaubt, macht es Abraham gleich. Deshalb wird er mit ihm zusammen gesegnet.
Dagegen haben es jene schwer, die „aus den Werken des Gesetzes leben“, ja sie leben gleichsam „unter einem Fluch“. Diese Wortwahl ist sehr heikel, aber Paulus ist für seine provokative und furchtlose Rhetorik bekannt, insbesondere in Momenten der starken Kritik.
Wir müssen berücksichtigen, dass es ein rhetorischer Schachzug ist und keine antisemitische Einstellung. Denn natürlich hält Paulus die Torah nicht für einen Fluch. Er selbst steht zu seiner jüdischen Vergangenheit und spricht im Römerbrief sehr positiv über die Torah in dem Sinne, dass sie dank des Erlösungswirkens Jesu Christi ihre ursprünglich positive Funktion zurückerhalten hat: ihn zu bezeugen als das vorausverkündigte Evangelium. Was er mit Fluch meint, ist die unbedingte Verpflichtung, die Torah zu halten, sobald man beschnitten worden ist. Und wer sich nicht an alles hält, der wird verflucht. Dies ist Dtn 27,26 entlehnt, wo es heißt: „Verflucht, wer nicht die Worte dieser Weisung stützt, indem er sie hält.“ Die Rede vom Fluch hängt also mit einem Schriftwort zusammen, das dies selbst von sich aus sagt. Es ist keine Beleidigung des Paulus.
Paulus sagt, dass die Torah aber nicht die Macht hat, den Menschen zu erlösen und ihm das ewige Leben zu schenken. Dies erlangt nur jemand, der glaubt. Die Aussage „er wird leben“ bezieht sich für einen gläubigen Juden zunächst auf ein Leben in Fülle im Diesseits, auf den Segen Gottes. Doch es meint zur Zeit Jesu auch schon das ewige Leben, denn Jenseitsvorstellungen werden immer lauter.
Für die Torah gilt dagegen, dass wer die Gebote hält, leben wird. Im Grunde hat die Torah sich selbst zur Anklägerin des Menschen gemacht, denn es gibt keinen einzigen Menschen, der der Torah immer und überall gerecht wird. Es ist wirklich ein Fluch, den es zu durchbrechen galt, eine übermenschliche Bürde, die nur durch Gott selbst überwunden werden konnte.
Christus hat eingegriffen, indem er sich selbst zum Fluch gemacht hat. So wurde der Fluch der Torah überwunden und sie hat ihre positive Funktion als Zeugin für den Messias zurückgewonnen. Er ist deshalb zum Fluch geworden, weil es ja in Dtn heißt, dass ein Gehenkter ein von Gott Verfluchter ist.
Christus hat bewirkt, dass der verheißene Segen über Abraham allen Menschen zuteilwerden konnte. Zu Abrahams Zeiten war die Torah noch nicht gegeben worden, ihr Dilemma war noch nicht wirksam. Christus hat erwirkt, dass der Mensch wie ursprünglich gedacht, durch den Glauben zum Heil kommt und dass der Hl. Geist gegeben werden konnte. Dies geschieht durch Taufe und Firmung.

Ps 111
1 Halleluja! Dem HERRN will ich danken mit ganzem Herzen im Kreis der Redlichen, in der Gemeinde.
2 Groß sind die Werke des HERRN, erforschenswert für alle, die sich an ihnen freuen.
3 Hoheit und Pracht ist sein Walten, seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer.
4 Ein Gedächtnis seiner Wunder hat er gestiftet, der HERR ist gnädig und barmherzig.
5 Speise gab er denen, die ihn fürchten, seines Bundes gedenkt er auf ewig.
6 Die Macht seiner Werke hat er seinem Volk kundgetan, um ihm das Erbe der Völker zu geben.

Heute beten wir Psalm 111, einen Lobpreispsalm mit weisheitlichen Anteilen. Er beginnt mit dem Hallelujaruf, der genau genommen ja einen Lobpreisaufruf darstellt, wie er als Einleitung in Psalmen oft ergeht. Denn Halleluja heißt „preist Jahwe“.
„Dem HERRN will ich danken mit ganzem Herzen im Kreis der Redlichen, in der Gemeinde“ ist eine liturgische Aussage. Es handelt sich also um einen Lobpreis in der Gruppe, im Gottesdienst. Man kann sich vorstellen, dass dieser Psalm bei Wallfahrtsfesten gebetet worden ist, denn er besingt die Heilstaten Gottes wie den Exodus.
„Groß sind die Werke des HERRN“ und deshalb sind sie „erforschenswert“. Wenn man sie bedenkt, wird man sich freuen und über Gott staunen, der so gut zu den Menschen ist.
„Hoheit und Pracht ist sein Walten, seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer.“ Gottes Gerechtigkeit ist wirklich gerecht im Gegensatz zur Illusion einer Werksgerechtigkeit (also der Vorstellung, dass der Mensch sich durch seine Werke selbst erlösen kann). Seine Gerechtigkeit ist eine ewige, die sich im Moment des Weltgerichts am dichtesten zeigen wird.
Gott ist aber auch gnädig und barmherzig. Beides gehört zusammen – seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Er hat „ein Gedächtnis seiner Wunder“ gestiftet. Dieses haben wir schriftlich festgehalten in den beiden Testamenten. Sie sind Zeugnisse für Gottes wunderbare Heilstaten.
Gott gab jenen Speise, die gottesfürchtig sind. Wir denken einerseits an den Alten Bund, an die Wüstenzeit, als die Israeliten mit dem Manna gespeist worden sind, sodann mit den Turteltauben. Gott hat sein Volk wirklich gespeist mit der Nahrung vom Himmel! Wir denken auch an einzelne heilsgeschichtliche Gestalten wie Elija, der von Raben ernährt worden ist. Wir denken dann an die Speisungswunder im Neuen Testament, in denen Christus tausenden Menschen Brot und Fisch zu essen gegeben hat. Es sind Vorausbilder, die in der seelischen Speise ihre Erfüllung finden, die die Eucharistie ist. Sie ist die Nahrung der Gottesfürchtigen, die ihnen das ewige Leben ermöglicht.
Zum Schluss kommt ein Satz, der die Ausführungen des Paulus wunderbar bestätigt: Durch das auserwählte Volk hat Gott das Heil für alle Völker bereit. Durch Israel soll das Heil in Person, Jesus Christus, der ganzen Menschheit die Erlösung bringen.
Danken wir dem Herrn jeden Tag für die Erlösung, die uns zuteilgeworden ist. Wir hätte uns nie selbst erlösen können. Sein Gnadenakt für alle Zeiten hat uns das ewige Leben ermöglicht.

Lk 11
14 Jesus trieb einen Dämon aus, der stumm war. Es geschah aber: Als der Dämon ausgefahren war, da konnte der Mann reden. Alle Leute staunten.
15 Einige von ihnen aber sagten: Mit Hilfe von Beelzebul, dem Herrscher der Dämonen, treibt er die Dämonen aus.
16 Andere wollten ihn auf die Probe stellen und forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel.
17 Doch er wusste, was sie dachten, und sagte zu ihnen: Jedes Reich, das in sich selbst gespalten ist, wird veröden und ein Haus ums andere stürzt ein.
18 Wenn also der Satan in sich selbst gespalten ist, wie kann sein Reich dann Bestand haben? Ihr sagt doch, dass ich die Dämonen mit Hilfe von Beelzebul austreibe.
19 Wenn ich aber die Dämonen durch Beelzebul austreibe, durch wen treiben dann eure Söhne sie aus? Deswegen werden sie eure Richter sein.
20 Wenn ich aber die Dämonen durch den Finger Gottes austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen.
21 Solange ein bewaffneter starker Mann seinen Hof bewacht, ist sein Besitz sicher;
22 wenn ihn aber ein Stärkerer angreift und besiegt, dann nimmt ihm der Stärkere seine ganze Rüstung, auf die er sich verlassen hat, und verteilt seine Beute.
23 Wer nicht mit mir ist, der ist gegen mich; wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.
24 Wenn ein unreiner Geist aus dem Menschen ausfährt, durchwandert er wasserlose Gegenden, um eine Ruhestätte zu suchen, findet aber keine. Dann sagt er: Ich will in mein Haus zurückkehren, das ich verlassen habe.
25 Und er kommt und findet es sauber und geschmückt.
26 Dann geht er und holt sieben andere Geister, die noch schlimmer sind als er selbst. Sie ziehen dort ein und lassen sich nieder. Und die letzten Dinge jenes Menschen werden schlimmer sein als die ersten.

Heute hören wir etwas sehr Wichtiges im Evangelium. Denn auch hier stiftet Gott ein Zeugnis für seine wunderbaren Heilstaten. Durch Christi Handeln wird er überall als Messias erkannt/erahnt. Doch das gilt nicht für alle Menschen. Einige Menschen kommen durch diese eindeutigen Erweise der Macht Gottes nicht zum Glauben, sondern unterstellen Jesus okkulte Kräfte. Sie erkennen die Gottheit Jesu nicht. Stattdessen begehen sie die Sünde gegen den Hl. Geist. Sie verteufeln die Macht Gottes. Jesus treibe mithilfe okkulter Kräfte Dämonen aus. Warum sagen sie so etwas Unlogisches, das sie doch selbst nicht glauben können? Vielleicht aus Missgunst, denn Jesus treibt auch stumme Dämonen aus und diese kann laut jüdischer Tradition nur der Messias austreiben. Alle anderen Dämonen werden ansonsten auch von den Pharisäern exorziert. Die Stummheit eines Dämons ist insofern ein Hinderungsgrund für den jüdischen Exorzismus, weil die Erfahrung des dämonischen Namens ihn erst binden kann. Spricht der Dämon nicht, kann dies also nicht gelingen.
Wir kennen diese Situation leider auch heute. Ganz besonders die katholische Kirche muss sich immer wieder anhören, dass die Sakramente, die Sakramentalien, die Charismen, also alles, was der Hl. Geist bewirkt, okkult sei. Das wird von Nichtkatholiken behauptet, die die Analogien zu den Freimaurern entdecken, die viele okkulte Manifestationen kennen. Analogien liegen durchaus vor, aber die Schlussfolgerung ist falsch: Die Freimaurer sowie jegliche esoterische/okkulte Gruppen greifen urchristliche Symbolik, die Lehre der Kirche, selbst den Ablauf der Liturgie auf und pervertieren diese Dinge ins Dämonische. Die Manifestationen des Hl. Geistes werden teuflisch nachgeahmt. Aber zuerst ist Gott da. Die Freimaurer sind erst später entstanden. Zuerst ist das Pentagramm da, zuerst das Dreieck mit dem Auge, dann ist dies alles erst zweckentfremdet worden. Zuerst ist die Zungenrede, dann das dämonische Geplapper. Die Kraft des Hl. Geistes ist immer zuerst da.
Es ist sehr schmerzhaft, wenn man einerseits die wunderbaren Heilstaten Gottes in der Kirche erfährt – und gerade in der charismatischen Erneuerung wird man Zeuge von vielen vielen Krankenheilungen, von Exorzismen, von Charismen – andererseits diese Dinge dann von außen verteufelt werden. Die Verurteiler haben die Zeit der Gnade nicht erkannt. Wie kann etwas vom Teufel sein, wenn der Glaube wieder neu auflebt, wenn die Menschen nach vielen Jahrzehnten wieder beichten gehen und zu brennenden Christen werden? Der Satan kann Menschen in die Irre führen, indem er körperliche Heilungen imitieren kann. Aber die Seele kann kein Dämon heilen. Das ist das ausschlaggebende Indiz.
Jesus nimmt sich dieser Skeptiker an. Er könnte sie öffentlich bloßstellen und sagen: „Ihr solltet meine ganzen Anspielungen doch verstehen. Ihr habt doch die Torah?“ Aber er tut es nicht. Stattdessen legt er ihnen die unlogische Schlussfolgerung dar: Ein in sich gespaltenes Reich hat keinen Bestand. Nur die Einheit ist beständig. Doch wenn er „durch den Finger Gottes“ diese Tat vollzieht, ist es doch ein eindeutiges Signal für das gekommene Reich Gottes. Dies wird in den Hl. Schriften doch angekündigt! Das Bild des Fingers Gottes ist sehr trefflich, weil es die Mühelosigkeit der Tat schön verbildlicht. Gott fällt es ganz leicht, einen Dämon auszutreiben. Dieser muss ihm ja gehorchen. Im Gegensatz dazu ist alles menschliche Bemühen ein einziger Krampf. Wie viel Kraft investiert der Mensch in eine Sache, die für Gott ein Klacks sind! Was Jesus den menschlich denkenden Juden hier also sagen möchte: Nehmt doch die Gnade Gottes in Anspruch! Warum wollt ihr alles alleine machen? Könnt ihr vielleicht die Welt erlösen?
Wenn die Skeptiker behaupten, dass Jesu Kraft dämonischen Ursprungs ist, werden die Dämonen die Richter der Skeptiker sein. Denn sie unterstehen dem allmächtigen Vater, der sie zu Zeugen gegen die Ungläubigen aufrufen wird.
Jesus nennt ein Beispiel, bei dem die Gespaltenheit den Untergang vorprogrammiert: Exorzismen sind Kämpfe, geistliche Schlachten innerhalb eines Hauses. Deshalb bringt Jesus den Vergleich mit einem Kampf eines Stärkeren mit dem Hausherrn. Das Haus ist die menschliche Seele, der Hausherr sind wir. Der Satan dringt wie ein Dieb in unser Haus ein, nicht gepflegt durch die Tür so wie Jesus, der höflich anklopft (Offb 3,20). Er muss zuerst uns selbst überwältigen. Was er besiegen muss, ist unseren freien Willen. Dann kann er mit uns treiben, was er will. Jesus bringt diesen Vergleich, um die Absurdität der Behauptung der Schriftgelehrten herauszustellen. Wie kann ein durch die Gespaltenheit geschwächter Dämon den Wächter überwältigen? Er muss zunächst dessen Rüstung zerstreuen, wodurch er entmachtet wird. Die Strategie des Bösen ist also die Zerstreuung, ein anderes Bild für die Gespaltenheit.
Zum Ende hin erklärt Jesus noch eine weitere wichtige Sache: Wenn wir unser Haus nach dem Sieg über den Feind nicht absichern, kann es dazu kommen, dass der Feind zurückkommt und noch Verstärkung mitbringt. Jesus meint einen Rückfall. Wenn der Mensch nicht sein Leben ändert und eine lebendige Gottesbeziehung hat, wird einen Rückfall erleiden, der schlimmer ist als zuvor.
Das betrifft nicht nur echte Besessenheiten. Es kann auch die Sünde betreffen. Wenn wir in eine Sünde zurückfallen, kann es sein, dass sie uns schlimmer in Beschlag nimmt, als zuvor. Wenn wir nicht daran arbeiten, eine Sünde zu überwinden, ebenso die Neigung zu einer bestimmten Sünde, die zu einer Angewohnheit geworden ist, wird sie immer schlimmer in uns. So werden auch in diesem Fall die letzten Dinge schlimmer sein als die ersten. Wie wichtig ist es, die Sünde im frühen Stadium auszumerzen, dass sie erst gar nicht zur Gewohnheit wird! Das führt uns zurück zu Paulus: Wie unfähig ist doch der Mensch, sich selbst zu erlösen, sich selbst zu befreien, sich selbst glücklich zu machen. Wir bedürfen der Gnade Gottes, weil unsere Natur zerbrochen ist. Wir neigen zum Bösen und können deshalb oft nicht das tun, was wir wollen. Oft tun wir stattdessen, was wir gar nicht wollen. Unsere Natur ist gefallen, doch die Gnade befähigt uns dazu, dennoch heilig zu werden. Machen wir etwas aus dieser Gnade!

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 27. Woche im Jahreskreis

Gal 3,1-5; Ps 1,68-69.70-71.72-73.74-75; Lk 11,5-13

Gal 3
1 Ihr unvernünftigen Galater, wer hat euch verblendet? Ist euch Jesus Christus nicht deutlich als der Gekreuzigte vor Augen gestellt worden?

2 Dies eine möchte ich von euch erfahren: Habt ihr den Geist durch die Werke des Gesetzes oder durch das Hören der Glaubensbotschaft empfangen?
3 Seid ihr so unvernünftig? Im Geist habt ihr angefangen und jetzt wollt ihr im Fleisch enden?
4 Habt ihr denn so Großes vergeblich erfahren? Wenn es denn vergeblich war!
5 Warum gibt euch denn Gott den Geist und bewirkt Machttaten unter euch?

In der heutigen Lesung geht die deutliche Kritik des Paulus weiter. Er versucht mit aller Kraft, die Galater von ihrer Fehlentwicklung wegzuholen, sodass sie sich dem ursprünglichen Evangelium Jesu Christi wieder zuwenden. Und dieses besagt, dass durch den Bundesschluss der Taufe die „Vergangenheit“ als Jude oder Heide keine Rolle mehr spielt. Die Taufe ist genug zur Erlösung und Vergebung der Sünden. Eine vorausgehende Buchstabentreue der Torah ist keine Bedingung, dass Jesus für uns gestorben ist. Vielmehr befähigt er dazu, nach der Taufe die Gebote Gottes zu erfüllen.
Die Galater sind verblendet. Sie sehen nicht, was so offensichtlich ist. Paulus vermutet zurecht, dass die Galater von jemandem verblendet worden sind, also manipuliert sind. Weil sie so blind sind, sehen sie den Gekreuzigten nicht mehr vor Augen. Paulus versucht, ihnen das Wesentliche wieder zu verdeutlichen, weshalb sie eigentlich Christen geworden sind. Auch bei uns ist es so, dass wenn wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen, dass wir zum Anfang zurückkehren müssen und die grundsätzlichsten Dinge wieder bewusst wahrnehmen müssen.
Zurück zur ersten Liebe.
Er stellt ihnen eine rhetorische Frage, damit sie zum Nachdenken kommen. Das heißt, er erwartet keine wirkliche Antwort von ihnen, da diese so offensichtlich ist, dass sie nicht ausgesprochen werden muss: „Habt ihr den Geist durch die Werke des Gesetzes oder durch das Hören der Glaubensbotschaft empfangen?“ Nicht das Tun von Gesetzeswerken hat sie erlöst, das ist ja das jüdische Denken, was Jesus schon als unzureichend erklärt hat. Der Mensch kann sich nicht selbst erlösen, auch nicht durch Gesetzestreue (wie immer hier der Hinweis, dass „Gesetz“ die Übersetzung des Wortes Torah darstellt). Der Geist Gottes ist ihnen nicht durch die Gesetzestreue zuteilgeworden. Das Pfingstereignis ist ein Gnadenakt Gottes, der sich frei dazu entschieden hat, der Kirche seinen Odem einzugeben. Es ging von Gott aus und die Menschen empfingen den Geist, weil sie sich bereitwillig und gläubigen Herzens dafür geöffnet haben. Das Stichwort ist „empfangen“. Das ist deutlich zu unterscheiden von „herbeigeführt“.
Paulus kritisiert zudem, dass die Galater im Geist angefangen haben, doch im Fleisch enden wollen. Das bezieht sich auf die jüdische Denkweise, die sehr menschlich oder fleischlich ist. Es ist ein stetes Tun aus eigener Kraft. Aber der Christ ist eine vergeistlichte Kreatur, eine neue Schöpfung durch den Hl. Geist, der nicht mehr aus sich selbst heraus alles tut, sondern aus der Kraft des Hl. Geistes heraus. Dieser ist es, der die Sünde vergibt. Und dies geschieht am radikalsten in der Taufe zur Vergebung der Sünden. Er ist es, der uns ganz rein macht, nicht der Mensch durch sein gerechtes Tun. Das Leben nach den Geboten Gottes hat sich damit nicht erübrigt, wird aber zur postbaptismalen Berufung!
Hier geht es aber die ganze Zeit um die Voraussetzungen zur Taufe.
Paulus spricht sehr drastisch, denn es geht ja auch um die existenzielle Sache – die Rechtfertigung vor Gott und das ewige Leben! Deshalb muss er so sprechen, um die Galater aufzurütteln. Soll es wirklich umsonst gewesen sein, dass Christus das Reich Gottes verkündet hat und die Sünde aller Menschen auf sich genommen hat am Kreuz? Soll dieser Neue Bund wirklich überflüssig sein, die Erlösung der Menschheit, die sich nicht selbst aus dem Exil der Sünde wieder ins Paradies führen konnte?
Wenn der Mensch laut Galatern die Erlösung doch selbst herbeiführen kann, wofür hat Gott ihnen dann überhaupt den Hl. Geist gesandt und bewirkt so viele Wunder? Das ist ja alles umsonst, wenn man davon ausgeht, dass der Mensch alleine zurechtkommt.
Wie sehr besteht auch heute noch die Versuchung, dass wir alles aus eigener Kraft tun möchten! Und doch ist dies nichts anderes als eine einzige Illusion, eine utopische Bewertung des Menschen, eine maßlose Überschätzung. Je eher wir realisieren, dass wir Gottes Gnade brauchen, desto besser. Paulus hat in seinem Leben erfahren, wie armselig er ohne die Gnade Gottes ist. Auch König David hat dies stets vor Augen. Lernen wir von Menschen wie ihnen!

Lk 1
68 Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels! Denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen;

69 er hat uns einen starken Retter erweckt im Hause seines Knechtes David.
70 So hat er verheißen von alters her durch den Mund seiner heiligen Propheten.
71 Er hat uns errettet vor unseren Feinden und aus der Hand aller, die uns hassen;
72 er hat das Erbarmen mit den Vätern an uns vollendet und an seinen heiligen Bund gedacht,
73 an den Eid, den er unserm Vater Abraham geschworen hat;
74 er hat uns geschenkt, dass wir, aus Feindeshand befreit, ihm furchtlos dienen
75 in Heiligkeit und Gerechtigkeit vor seinem Angesicht all unsre Tage.

Als Antwort beten wir heute keinen Psalm, sondern den Lobpreis des Zacharias, als sein Sohn geboren wird und er vom Moment der Namensverkündigung „Johannes“ wieder sprechen kann.
„Gespriesen sei der Herr, der Gott Israels“ ist ein typischer jüdischer Gebetsausruf. Gott ist zu preisen für seine Heilstaten, an die wir mit Zacharias wieder erinnert werden – und so sollten sich auch die Galater daran erinnern, um zu erkennen, wer hier der Erlöser ist. Gott „hat sein Volk besucht und ihm Erlösung geschaffen“ – er ist es! Er hat seinen Heilsplan fortgesetzt, indem den Israeliten „einen starken Retter erweckt“ hat „im Hause seines Knechtes David.“ Das ist auf die messianische Verheißung zu beziehen, dass aus dem Stamm Judah eine Heilsgestalt hervorgehen wird. Wir dürfen daraus nicht schließen, dass Zacharias damit seinen eigenen Sohn meint. Schließlich ist er auch nicht aus dem Stamm Judah, sondern Levi. Doch in seiner Verwandtschaft wird der Messias tatsächlich hervorgehen, gar nicht mal so viel später.
Gott ist zu preisen, weil er sein Volk erlösen wird, weil er es immer wieder „erlöst“ hat von den Feinden. Wie viele Kriege hat Israel gewonnen, wie oft ist es aus einer Fremdherrschaft befreit worden, sogar aus dem Exil und aus Ägypten ins verheißene Land zurückgekehrt! Gott hat wirklich stets „an seinen heiligen Bund gedacht“, weil er treu ist.
Er ist der wahre Beschützer seines Volkes, denn er hat es stets „aus Feindeshand befreit“. Schon allein wegen all der Heilstaten, die Gott bereits am Volk Israel erwirkt hat, kann man nicht umhin, ihn lebenslang zu loben und zu preisen, voller Dank über die Gnade, die einem zuteilgeworden ist.
Gott ist es, der gerettet hat, wo der Mensch sich nicht selbst retten konnte. Das müssen auch die Galater wieder realisieren, die auf eine falsche Fährte gelockt worden sind. Das müssen auch wir realisieren, die nun im Neuen Bund mit Gott stehen. Wir hätten tausend Leben leben müssen oder sogar mehr, um all die bösen Taten wiedergutzumachen, die wir auf unserem Schuldenkonto haben! Wir könnten uns nie selbst erlösen, sonst wäre dies schon längst geschehen und Gott hätte seinen einzigen Sohn nicht gesandt. Dass wir Menschen heute etwas zustande bringen, ist Gottes großer Gnade zu verdanken. Dass wir morgens aufwachen und gesund sind, haben wir uns nicht selbst gemacht. Unsere Gesundheit liegt in Gottes Hand, der der Herr über Leben und Tod ist. So viele Dinge in unserem Leben können wir nicht kontrollieren. Er ist es, der alles beherrscht und kontrolliert. Und das ist gut so, weil er der ewig Treue ist, die Liebe. Auch als Kirche machen wir uns die Gnade nicht selbst. Gott ist es, dessen heiliger Wille die Regeln vorgibt, der weiht, den er will, der Sünde vergibt jenen, denen er vergeben will. Wir Menschen führen diesen Willen nur aus. Lernen wir wieder neu, ganz auf seine Gnade zu vertrauen und ihn um seine Kraft zu bitten, um seinen Hl. Geist.

Lk 11
5 Dann sagte er zu ihnen: Wenn einer von euch einen Freund hat und um Mitternacht zu ihm geht und sagt: Freund, leih mir drei Brote;

6 denn einer meiner Freunde, der auf Reisen ist, ist zu mir gekommen und ich habe ihm nichts anzubieten!,
7 wird dann der Mann drinnen antworten: Lass mich in Ruhe, die Tür ist schon verschlossen und meine Kinder schlafen bei mir; ich kann nicht aufstehen und dir etwas geben?
8 Ich sage euch: Wenn er schon nicht deswegen aufsteht und ihm etwas gibt, weil er sein Freund ist, so wird er doch wegen seiner Zudringlichkeit aufstehen und ihm geben, was er braucht.
9 Darum sage ich euch: Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet.
10 Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet.
11 Oder welcher Vater unter euch, den der Sohn um einen Fisch bittet, gibt ihm statt eines Fisches eine Schlange
12 oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet?
13 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird der Vater im Himmel den Heiligen Geist denen geben, die ihn bitten.

 Zuletzt hörten wir, wie Jesus seinen Jüngern das Vaterunser beigebracht hat. Nun gibt Jesus Anweisungen zu einem vertrauensvollen Bitten, denn das ist ja der Kern des Gebets.
„Bittet und es wird euch gegeben“ – er ist bereit, alles zu geben, nur müssen wir das auch in Anspruch nehmen! Er ist großzügig, aber wir müssen ihm auch vertrauen.
„Sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet“ – Wie viele Personen aus der Bibel und auch viele Heilige haben ihr Leben lang Gott gesucht und ihn gefunden, weil er sie gefunden hat. Besonders eindrücklich sehen wir das am Leben des Augustinus, der verschiedene Stationen durchlaufen hat und jedesmal gemerkt hat, dass es noch nicht das Ende war (von verschiedenen philosophischen Schulen bis hin zur Sekte der Manichäer).
Jesus möchte, dass seine Jünger Gott wirklich vertrauensvoll bitten und nicht meinen, dass es sowieso nichts bringt, Bittgebete an ihn zu richten.
Er vergleicht Gottes Großzügigkeit beim Geben mit den Menschen: Sogar unvollkommene Menschen („ihr, die ihr böse seid“) geben dem Anderen etwas, wenn er darum bittet. Dies verdeutlicht er durch rhetorische Fragen: „Oder welcher Vater unter euch, den der Sohn um einen Fisch bittet, gibt ihm statt eines Fisches eine Schlange oder einen Skorpion, wenn er um ein Ei bittet?“ Man gibt vor allem den eigenen Kindern, was sie brauchen. Jesus verwendet das Beispiel der Vater-Kind-Beziehung, weil er den Menschen seinen Vater nahebringen will. Auch sie dürfen ihn Vater nennen, so hat es Jesus sie ja durch das Vaterunser gelehrt.
Der Vater im Himmel ist nur gut und gibt umso mehr Gaben, wenn man ihn darum bittet, als ein unvollkommener Mensch, dessen Großzügigkeit begrenzt ist.
Jesus erklärt die entscheidenden Dinge immer mithilfe von Bildern, Vergleichen, Metaphern etc. Und so schildert er zu Beginn des Evangeliums die Szenerie, dass man um Mitternacht zu einem Freund geht, also jemand, dem man wohlgesinnt ist, und um drei Brote bittet. Dieser wird einem öffnen und das Erbetene geben, wenn schon nicht wegen der Freundschaft, dann wegen der Zudringlichkeit. Umso mehr gibt Gott, wenn wir ihn eindringlich bitten. Er ist absolut gut, gerecht und liebevoll. Er ist bereit, „sein letztes Hemd“ für uns zu geben, wenn er eins hätte. Aber er hat es auch tatsächlich hergegeben – seinen einzigen Sohn! Wenn er schon bereit war, sein Allerliebstes für uns dahinzugeben, wie sehr wird er uns dann mit dem täglichen Brot, mit allem, was wir brauchen, beschenken! Nehmen wir seine Großzügigkeit in Anspruch mit reinem Herzen und guter Absicht. Bitten wir ihn vertrauensvoll darum, was wir brauchen! Wir dürfen nicht zu stolz sein, Gott zu bitten. Darin sollen wir sein wie Kinder. Sie grübeln nicht lange darüber, ob und wie sie etwas ansprechen, sondern fragen ganz unverblümt ihre Eltern um das, was sie brauchen. Wenn sie Hunger haben, sagen sie direkt „ich habe Hunger, gib mir etwas zu essen.“ So sollen wir auch mit dieser kindlichen Demut die Hände aufhalten und uns von Gott geben lassen, was wir nicht selbst herbeiführen können. Dafür müssen wir realisieren, was wir auch schon bei den anderen Lesungen bedacht haben: Wir haben unser Leben nicht unter Kontrolle. Wir machen uns die Gesundheit nicht selbst, ebenso wenig den Beruf, den Frieden, die Fruchtbarkeit, den Erfolg etc. Wir können unser Bestes geben, was in unserer Macht steht, aber wir haben es im Letzten nicht in der Hand. Es ist nicht automatisch so, dass wir eine Arbeitsstelle bekommen, nur weil wir uns anstrengen bei der Bewerbung. Es ist nicht automatisch so, dass man ein Kind bekommt, nur weil man alle Umstände berücksichtigt und zur rechten Zeit miteinander zusammenkommt. Man bleibt nicht automatisch gesund, nur weil man sich gut ernährt, Sport treibt, viel an der frischen Luft ist. Guter Dünger auf den Pflanzen garantiert keine gute Ernte. Was ist mit den Konkurrenten bei der Bewerbung, der körperlichen Beeinträchtigung, der möglichen Unfruchtbarkeit, der Prädisposition zu einer schlimmen Krankheit oder schlechtes Wetter? Wir Menschen haben unser Leben nicht unter Kontrolle. Wir sind auf Gottes Gnade und Segen angewiesen. Je schneller wir uns dessen bewusst werden, desto weniger Leid erfahren wir in unserem Leben. Kommen wir noch heute zu ihm, vertrauensvoll wie ein Kind auf den Schoß seiner Mutter oder seines Vaters. Bergen wir uns beim himmlischen Vater und bitten wir ihn um seine Gnade!

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 27. Woche im Jahreskreis

Gal 2,1-2.7-14; Ps 117,1.2; Lk 11,1-4

Gal 2
1 Vierzehn Jahre später ging ich wieder nach Jerusalem hinauf, zusammen mit Barnabas; ich nahm auch Titus mit.

2 Ich ging hinauf aufgrund einer Offenbarung, legte der Gemeinde und im Besonderen den Angesehenen das Evangelium vor, das ich unter den Völkern verkünde; ich wollte sicher sein, dass ich nicht ins Leere laufe oder gelaufen bin.
7 Im Gegenteil, sie sahen, dass mir das Evangelium für die Unbeschnittenen anvertraut ist wie dem Petrus für die Beschnittenen –

8 denn Gott, der Petrus die Kraft zum Aposteldienst unter den Beschnittenen gegeben hat, gab sie mir zum Dienst unter den Völkern –
9 und sie erkannten die Gnade, die mir verliehen ist. Deshalb gaben Jakobus, Kephas und Johannes, die als die Säulen Ansehen genießen, mir und Barnabas die Hand zum Zeichen der Gemeinschaft: Wir sollten zu den Heiden gehen, sie zu den Beschnittenen.
10 Nur sollten wir an die Armen denken; und das zu tun, habe ich mich eifrig bemüht.
11 Als Kephas aber nach Antiochia gekommen war, habe ich ihm ins Angesicht widerstanden, weil er sich ins Unrecht gesetzt hatte.

12 Bevor nämlich einige von Jakobus eintrafen, hatte er mit den Heiden zusammen gegessen. Nach ihrer Ankunft aber zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete.
13 Und mit ihm heuchelten die anderen Juden, sodass auch Barnabas durch ihre Heuchelei mitgerissen wurde.
14 Als ich aber sah, dass sie nicht geradlinig auf die Wahrheit des Evangeliums zugingen, sagte ich zu Kephas in Gegenwart aller: Wenn du als Jude nach Art der Heiden und nicht nach Art der Juden lebst, wie kannst du dann die Heiden zwingen, wie Juden zu leben?

In der heutigen Lesung aus dem Galaterbrief berichtet Paulus noch von einem weiteren Konfliktpunkt, der die Spannungen zwischen Juden- und Heidenchristen betrifft: die Speisegebote. Das ist neben der Beschneidung ein weiterer großer Konfliktpunkt, der für einen großen Streit gesorgt hat, von dem Paulus hier erzählt:
Als er nach vierzehn Jahren zusammen mit Barnabas und Titus nach Jerusalem kommt, legte er der Urgemeinde von Jerusalem die Inhalte seiner Heidenmission vor. Den Zuhörern wird klar, dass Paulus wirklich kein selbsternannter Apostel ist, sondern aus dem Hl. Geist heraus spricht. Seine reichen Früchte zeigen, dass er wirklich eine Berufung von Jesus Christus lebt und diese gut umsetzt.
Paulus erzählt den Galatern, wie die Jerusalemer die Gnade erkennen und dementsprechend Paulus und seinen Begleitern die Hand zum Zeichen der Gemeinschaft gebe. Mit dem Segen der Jerusalemer soll Paulus so weitermachen, aber „an die Armen denken“. Gemeint ist, dass er in den heidenchristlichen Gemeinden eine Kollekte für die Armen der Jerusalemer Urgemeinde halten soll.
Dann kommt es nun zu dem großen Streit, als Petrus nach Antiochia, der „Zentrale“ des Paulus, kommt. Er isst dort nämlich zusammen mit den Heiden. Als dann aber Jakobus und die übrigen der Urgemeinde nachgereist kommt, sondert er sich von den Heiden ab und isst getrennt von ihnen. Paulus wirft ihm daraufhin ein mangelndes Rückgrat vor, denn diese Inkonsequenz kann nicht vom Hl. Geist kommen. Schließlich hat er sich deshalb anders benommen, als die übrigen nachgereist waren, weil er sie fürchtete. Er wollte bei ihnen keinen Anstoß erregen. Was Paulus so sehr kritisiert, ist einerseits Petrus‘ Hin- und Hergerissenheit, andererseits die radikal judenchristliche Einstellung der übrigen. Wenn alle getauft sind, Juden wie Heiden, warum soll man dann noch Speise- und Ritualgebote halten bzw. warum werden die Heiden so behandelt, als seien sie immer noch Heiden? Sie sind doch nun Christen!
Paulus nimmt kein Blatt vor den Mund und sagt zu Petrus: „Wenn du als Jude nach Art der Heiden und nicht nach Art der Juden lebst, wie kannst du dann die Heiden zwingen, wie Juden zu leben?“
Wir müssen das einmal genau anschauen. Petrus lebt „nach Art der Heiden“ und „nicht nach Art der Juden“ in dem Sinne, dass er sich nicht an die Torah hält. Denn er ist inkonsistent. Abgesehen davon hält er sich nicht an die Torah, wie sie Christus selbst erklärt hat – alle Menschen, die an ihn glauben, sind in Christus vereint. Es benötigt also bei Getauften keine Unterscheidung mehr von Jude und Heide, keine Distanzierung beim Essen, sondern eine Mahlgemeinschaft ist erlaubt.
Petrus ist selbst inkonsistent in seinem Verhalten, wie kann er also zugleich von den Heiden erwarten, dass sie sich jüdisch verhalten? Paulus sagt diese Worte bewusst so hart zu Petrus, um ihn aufzurütteln. Er macht ihm persönlich Vorwürfe, keinem Begleiter oder den übrigen Judenchristen, die nachgereist sind. Warum? Weil es hier um Petrus geht, dem Felsen, der in der Kirche eine repräsentative Rolle spielt. Wenn er selbst konsistent ist, dann ist in der oikumene, in der Weltgemeinschaft der Kirche, alles gut. Doch wenn der oberste Apostel einknickt, wie soll das Evangelium Jesu Christi konsistent gelebt werden?
Dieser antiochenische Zwischenfall wird zum Anlass, das Verhältnis von Juden- und Heidenchristen ein für alle Mal zu klären. Auch wenn es in dem Moment also unangenehm für die beiden Männer Petrus und Paulus war, ist der Konflikt doch heilsam geworden für die ganze Kirche. Es ist auch interessant, wie Petrus die Kritik nicht von sich weist, sondern ernst genommen hat. Er ist so demütig, die Kritik anzunehmen und sie zum Anlass für eine Klärung in der gesamten Kirche zu nehmen.

Ps 117
1 Lobt den HERRN, alle Völker, rühmt ihn, alle Nationen!
2 Denn mächtig waltet über uns seine Huld, die Treue des HERRN währt in Ewigkeit. Halleluja!

Als Antwort auf die Lesung beten wir den kürzesten Psalm im gesamten Psalter. Er ist betitelt mit „Aufruf an alle Völker zum Lob Gottes“. Wir, die wir im Grunde zu den sogenannten „Heidenchristen“ gehören, die also nicht zuvor Juden waren, haben allen Grund, Gott zu loben. Während der Alte Bund zwischen Gott und den Stämmen Israels geschlossen worden ist, eint der Neue Bund nun Juden und Heiden zugleich. Das stellt besonders für jene ein Gnadenakt Gottes dar, die zuvor in keinem Bund mit ihm standen, deshalb die besondere Freude der Heidenchristen! Gemeinsam besingen wir den, dessen Huld und Treue allen Menschen gilt. Wie die Propheten angekündigt haben, werden wirklich Menschen aus allen Sprachen, Stämmen, Nationen und Völkern zum heiligen Tempel Gottes kommen – und nicht mehr als heterogene Pilgergruppe, die im Tempel schön getrennte Bereiche einhalten muss, sondern als ein gemeinsames Volk Gottes, als eine einzige Familie gemeinsam an einem Tisch. Gott möchte alle Menschen mit sich in einem Bund vereinen und deshalb sendet er seinen Geist nicht nur auf die Juden von Jerusalem herab. Er ist wirklich ein guter Vater, der alle Durstigen mit seinem lebendigen Wasser versorgt. Dies ist ein Hallelujaruf wert, mit dem dieser kurze Psalm endet.

Lk 11
1 Und es geschah: Jesus betete einmal an einem Ort; als er das Gebet beendet hatte, sagte einer seiner Jünger zu ihm: Herr, lehre uns beten, wie auch Johannes seine Jünger beten gelehrt hat!
2 Da sagte er zu ihnen: Wenn ihr betet, so sprecht: Vater, geheiligt werde dein Name. Dein Reich komme.
3 Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen!
4 Und erlass uns unsere Sünden; denn auch wir erlassen jedem, was er uns schuldig ist. Und führe uns nicht in Versuchung!

Heute hören wir einen Abschnitt aus dem Lukasevangelium, in dem Jesus den Jüngern das Vaterunser beibringt. Es ist so, dass die Jünger Jesus beten sehen. Sie bitten ihn darum, dass er ihnen die Gebetsweise beibringe, die auch der Täufer seinen Jüngern beigebracht hat. Und so erklärt Jesus zunächst einmal die ersten Bitten, die im Grunde Wünsche darstellen, die sich auf Gott beziehen. Erst dann kommen Bitten für die Beter selbst. So soll es sein. Wir sollen nicht selbstzentriert beten, sondern zuerst auf den schauen, zu dem wir beten. Wir sollen ihn preisen und ihm die Ehre geben, bevor wir irgendetwas erbitten. Wir sagen Gott zu, dass sein Name geheiligt werden soll, deshalb der Konjunktiv „geheiligt werde“. Zudem soll sein Reich kommen. Was Jesus grundgelegt hat, soll sich ausweiten (in der Matthäusversion heißt es deshalb auch „wie im Himmel so auf Erden“), sodass das angebrochene Reich Gottes sich überall durchsetzt und offenbar wird. Gottes Wille soll überall geschehen. Im Himmel und auf der Erde, in der unsichtbaren Welt sowie in der sichtbaren Welt. Die Durchsetzung des Willens Gottes ist bereits in der unsichtbaren Welt erfolgt. Der Satan und seine gefallenen Engel sind aus dem Himmel verbannt, sodass hier Gottes Reich schon ganz und gar durchgesetzt ist. So wie es schon im Himmel ist, so soll es auch auf der Erde sein: Der Böse und seine Heerscharen sollen besiegt und von der Erde verbannt werden. Gottes Reich und sein Wille sollen ganz und gar auf Erden herrschen.
Dann beginnt der zweite Teil des Gebetes, der nun Bitten für die Menschen beinhaltet: „Gib uns täglich das Brot, das wir brauchen“ drückt die Haltung aus, die schon die Väter in der Wüste gelernt haben: Gott gab jeden Tag Manna vom Himmel und nur so viel, dass es für den jeweiligen Tag reichte. So lernten die Menschen, Tag für Tag auf Gottes Vorsehung zu vertrauen. Wir bitten also von Tag zu Tag um die Güter, die wir für den jeweiligen Tag brauchen. So ist unsere Bitte frei von Habgier. Die Gabe von Manna ist zudem typologisch zum Himmelsbrot Christi zu betrachten, der von sich aus sagt: „Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. (Joh 6,49-51).“ Es geht also nicht mehr nur um das tägliche Brot zur Nährung des Leibes! Wir bitten also mit dieser Vaterunserbitte auch gerade um die tägliche Eucharistie! Sie nährt unsere Seele, auf dass auch wir nicht sterben werden, sondern das ewige Leben haben!
Gott soll uns ferner unsere Schuld vergeben, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben. Gott soll uns in dem Maß vergeben, wie wir unseren Mitmenschen vergeben. Wenn wir möchten, dass Gott uns vergibt, können wir also nicht gleichzeitig im unversöhnten Zustand mit unseren Mitmenschen sein. Wir setzen also die Bedingung, ob Gott uns vergibt, weil durch unser freiwillig verhärtetes Herz die vergebende Gnade nicht hineinkommt. Jesus sagt, wir sollen unsere Feinde lieben und für jene beten, die uns hassen. Das heißt aber nicht, dass wenn wir ihnen vergeben, wir ihre Taten gutheißen. Wir sagen uns nur von dem Zorn und den Rachegefühlen, dem Gift dieser schlechten Beziehung los. Wir überlassen Gott das Richten und sind plötzlich frei. Wir hängen nicht mehr an diesen schlechten Gefühlen, die uns von innen komplett vergiften. Ich habe selbst viele Menschen kennengelernt, die aufgrund von unversöhntem Zustand viele Jahrzehnte gelitten haben, die so verbittert wurden, dass sie auch körperlich schwer zu leiden hatten. Als sie endlich dieses Gift der Unversöhntheit losgelassen haben, wurden sie endlich frei, glücklich und sogar körperlich geheilt. Was ihnen angetan worden ist, ist nicht einfach verschwunden, aber sie haben das Richten Gott überlassen. Und ich versichere Ihnen: Gott wird auch aktiv. Wie viele Missetäter, denen ich von Herzen vergeben und deren Untat ich einfach Gott überlassen habe, haben ihre Lektion von ihm bekommen – auf eine Art und Weise, die ich ihnen nie gewünscht hätte….Gott regelt das schon. Wir sind zu kostbar, als dass wir an den Rachegefühlen unser Leben zerstören lassen!
„Und führe uns nicht in Versuchung“ heißt nicht, dass Gott selbst uns in Versuchung führt. Der Versucher ist immer nur der Böse. Gott ist nur gut. Gott kann uns aber erproben und das ist das Missverständliche an der Doppeldeutigkeit des griechischen Begriffs πειρασμός peirasmos: Es kann Versuchung (zur Sünde) meinen, aber eben auch Probe, Prüfung. Dabei bitten wir nicht darum, dass Gott uns nicht erproben soll, sondern dass wir dabei vor Verzweiflung bewahrt werden. Wir können nicht vor allem bewahrt bleiben, solange der Böse auf Erde einen Spielraum hat. Der Kampf hat erst ein Ende, wenn das Reich Gottes auch auf Erden etabliert ist und der Böse endgültig vernichtet worden ist.

Das Gebet, das Jesus seinen Jüngern beigebracht hat, beten wir bis heute. Es ist die Essenz unseres Betens. Wir können es aber nur dann aufrichtig beten, wenn wir unser Leben wirklich der Vorsehung Gottes überlassen, mit Vertrauen zum Vater beten und Vergebungsbereitschaft gegenüber unseren Schuldnern aufweisen. Sonst ist das Vaterunser auf unseren Lippen ein Schauspiel, eine Heuchelei. Dann sind wir wie Petrus in der Lesung, nicht konsequent. Wollen wir aber den Segen Gottes, müssen wir echt sein und zu unseren Worten stehen. Heute ist der Gedenktag unserer Lieben Frau vom Rosenkranz. Schade, dass dieser große Tag kein Fest ist! Denn im Rosenkranz wiederholen wir das Vaterunser zusammen mit dem Ave Maria immer wieder. Wir betrachten das Leben Jesu durch die Augen seiner Mutter. Auf ihre Fürsprache können wir um jede Gnade bitten. Christus schlägt seiner Mutter keinen Wunsch ab. Mit dem Rosenkranz sind ganze Kriege gestoppt worden. Gott gibt uns wirklich alles, wenn wir vertrauensvoll und voller Glauben bitten. Nehmen wir dieses Heilsangebot ganz in Anspruch!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 27. Woche im Jahreskreis

Gal 1,13-24; Ps 139,1-3.13-14.15-16b; Lk 10,38-42

Gal 1
13 Ihr habt doch von meinem früheren Lebenswandel im Judentum gehört und wisst, wie maßlos ich die Kirche Gottes verfolgte und zu vernichten suchte.

14 Im Judentum machte ich größere Fortschritte als die meisten Altersgenossen in meinem Volk und mit dem größten Eifer setzte ich mich für die Überlieferungen meiner Väter ein.
15 Als es aber Gott gefiel, der mich schon im Mutterleib auserwählt und durch seine Gnade berufen hat,
16 in mir seinen Sohn zu offenbaren, damit ich ihn unter den Völkern verkünde, da zog ich nicht Fleisch und Blut zu Rate;
17 ich ging auch nicht sogleich nach Jerusalem hinauf zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern zog nach Arabien und kehrte dann wieder nach Damaskus zurück.
18 Drei Jahre später ging ich nach Jerusalem hinauf, um Kephas kennenzulernen, und blieb fünfzehn Tage bei ihm.
19 Von den anderen Aposteln sah ich keinen, nur Jakobus, den Bruder des Herrn.
20 Was ich euch hier schreibe – siehe, bei Gott, ich lüge nicht.
21 Danach ging ich in das Gebiet von Syrien und Kilikien.
22 Den Gemeinden Christi in Judäa aber blieb ich persönlich unbekannt,
23 sie hörten nur: Er, der uns einst verfolgte, verkündet jetzt den Glauben, den er früher vernichten wollte.
24 Und sie lobten Gott um meinetwillen.

In der heutigen Lesung aus dem Galaterbrief erklärt Paulus, dass seine Verkündigung nicht von Menschen ist. Bereits gestern ging es darum, dass das Evangelium göttliche Offenbarung ist. Wenn er es verkündet, hat es höchste Autorität, aber nicht von sich aus, sondern durch Jesus Christus. Dieser hat sich Paulus offenbart und ihn zum Apostel beauftragt. Dies geschah vor den Toren von Damaskus, als er sein einschneidendes Bekehrungserlebnis hatte. Dort wurde er zugleich entsandt.
Paulus verdeutlicht den übernatürlichen Ursprung seiner Botschaft anhand seiner eigenen Biographie. Dabei erinnert er die Adressaten daran, wie radikal seine Kehrtwende vom aggressiven Christenverfolger zum Christusverkündiger war. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, was uns sehr viel lehrt: Trotz seiner gegenwärtigen Heiligkeit und seines Fortschritts im Glauben, trotz der reichen Früchte seiner Evangelisierung vergisst er nie, wo er herkommt. Dadurch wird er nie überheblich, sondern bleibt demütig. Sein ganzes restliches Leben betrachtet er vielmehr als Wiedergutmachung seiner schlimmen Verfolgungsaktionen. So müssen auch wir eingestellt sein. Je heiliger wir schon geworden sind und je mehr Erkenntnis wir schon erlangt haben, desto mehr müssen wir uns unserer schlimmsten Momente bewusst sein. Dann bleiben wir auf dem Boden und erkennen Gottes Gnadenwirken an uns Sündern an. Er ist es, der uns dazu verholfen hat, diesen Fortschritt zu machen. Das hätten wir aus eigener Kraft nicht so hinbekommen. Und an Paulus sieht man das besonders eindrücklich, weil der alte und der neue Paulus so heftig im Kontrast zueinander stehen. Da hat die Gnade Gottes besonders Großes bewirkt!
Er berichtet in vielen Details, wie eifrig er als Pharisäer die Christen verfolgt hat, wie gut er dabei war, dass die anderen Juden sich von ihm eine Scheibe abgeschnitten haben.
Aber Gott wollte ihn zu seinem besonderen Werkzeug machen und hat deshalb so sehr an ihm seine Gnade erwiesen. Er hat ihn schon im Mutterleib zu dieser besonderen Aufgabe berufen. Das ist keine Angeberei, wenn Paulus das hier so unverblümt schreibt. Im Gegenteil. Das ist wahre Demut, weil er dies ja nicht als eigene Tat, sondern als Gottes Werk ansieht. Wir müssen Gottes große Taten anerkennen und sie preisen, auch gerade an uns selbst! Deshalb dürfen wir das Licht auch nicht unter den Scheffel stellen und bei offensichtlichen Talenten falsche Bescheidenheit an den Tag legen. Wenn wir ein Talent haben, müssen wir mit aller Deutlichkeit zeigen und sagen. Denn es ist ein Geschenk Gottes. Wir sollen es nicht tun, um uns mit fremden Federn zu schmücken, sondern um Gottes Gnade zu preisen. Alles Andere ist versteckter Hochmut. Wir machen uns klein und geben unser Talent nicht zu, weil wir insgeheim doch davon ausgehen, dass wir es selbst verdient haben und deshalb nicht damit angeben wollen. Stattdessen sollen wir das Licht auf den Leuchter stellen, damit es allen im Haus leuchte. Wir sollen schließlich Reflektoren Gottes sein, dafür hat er uns die Talente geschenkt!
Als Gottes Berufung Paulus mit aller Wucht trifft, dass er zu Boden stürzt, zieht Paulus nun nicht „Fleisch und Blut zu Rate“. Damit ist gemeint, dass er sich von diesem Zeitpunkt an vom Geist Gottes führen lässt. Bis dahin hat er als Jude sehr menschlich gedacht. Es ging ihm darum, die Torah vollkommen und konsequent zu halten. Diese Sache an sich ist nicht schlecht, aber die Juden seiner Zeit gingen davon aus, dass diese Buchstabentreue den Menschen vor Gott gerecht machten. Wäre dem aber so, hätte Gott nicht Mensch werden und die Sünde der Welt auf sich nehmen müssen. Er ist es, der durch das Kreuzesopfer den Menschen vor Gott gerecht macht. In der Taufe nehmen wir die Erlösung an. Und das ist der Kern der Argumentation im Römer- und Galaterbrief.
Paulus berichtet davon, dass er sich nicht sofort in die neue Aufgabe gestürzt hat, sondern jahrelang erst einmal in Arabien verbracht hat. Er hat sich zwar bekehrt, muss aber erst einmal das Evangelium Jesu Christi kennenlernen, er muss in dem Glauben erst einmal reifen. Das lehrt uns heute auch sehr viel: Wir können nicht Hals über Kopf starten und meinen, die ganze Welt von heute auf morgen bekehren zu können. Vielmehr muss die entbrannte Feuerflamme der Bekehrung in ein beständiges Feuer gewandelt werden, damit man wirklich mit Augustinus sagen kann: „In dir muss brennen, was du in anderen entzünden willst.“ Paulus lernt erst einige Jahre später den Kephas kennen, was das hebräische Wort für Petrus ist. Er verbringt einige Tage Zeit mit ihm, als er in Jerusalem ist. Ansonsten lernt er noch den Herrenbruder Jakobus kennen, der nach der Abreise des Petrus dann die Urgemeinde in Jerusalem übernehmen wird. So hat er die zwei wichtigsten Personen in Jerusalem kennengelernt. Leider wird uns hier nicht berichtet, was er so mit Petrus besprochen hat und wie es sonst so war. Wir können uns aber vorstellen, dass sie eines Geistes waren und deshalb gegenseitige Anerkennung bekundet haben.
Paulus schreibt das den Galatern, weil es einen großen Konflikt gibt. Seine apostolische Autorität wird massiv angezweifelt und angegriffen. Deshalb betont er hier auch, dass er Petrus kennt, dass sie gemeinsam für das Evangelium Jesu Christi einstehen, dass er selbst genauso wie die anderen Apostel vom auferstandenen Christus in die Welt hinausgesandt worden ist, um das Evangelium zu verkünden.
Deshalb verspricht er sogar hoch und heilig zum Ende hin, dass er nicht lügt, sondern die Wahrheit spricht.
Paulus ist so wie Petrus nach seinem „Fall“ sehr demütig und verkündet mit der richtigen Einstellung. Ganz zum Ende wird noch erwähnt, dass er nach Judäa nicht persönlich hinkam, aber die Kunde von seiner Bekehrung und für seinen jetzigen Einsatz für Christus sich dort verbreitet hat. Wir können uns vorstellen, warum er dort nicht persönlich hingekommen ist. Früher war er ein berüchtigter Christenverfolger und möchte so keinen Anstoß bei den ehemals Verfolgten erregen. Zudem befinden sich dort seine ehemaligen Auftraggeber. Umso schöner ist es, dass die Christen in Judäa Gott loben und preisen für die Bekehrung des Paulus. Das ist es, was unser demütiges Zugeben von Talenten zur Folge haben soll – den Lobpreis Gottes! Wenn Menschen an uns das Gnadenwirken des Herrn erkennen, sind wir mit unseren Talenten richtig umgegangen!

Ps 139
1 Für den Chormeister. Von David. Ein Psalm. HERR, du hast mich erforscht und kennst mich.

2 Ob ich sitze oder stehe, du kennst es. Du durchschaust meine Gedanken von fern.
3 Ob ich gehe oder ruhe, du hast es gemessen. Du bist vertraut mit all meinen Wegen.
13 Du selbst hast mein Innerstes geschaffen, hast mich gewoben im Schoß meiner Mutter.

14 Ich danke dir, dass ich so staunenswert und wunderbar gestaltet bin. Ich weiß es genau: Wunderbar sind deine Werke.
15 Dir waren meine Glieder nicht verborgen,/ als ich gemacht wurde im Verborgenen, gewirkt in den Tiefen der Erde.
16 Als ich noch gestaltlos war, sahen mich bereits deine Augen. In deinem Buch sind sie alle verzeichnet.

Als Antwort auf die Lesung beten wir Psalm 139, einen wunderbar weisheitlichen Text, in dem Gottes Schöpfermacht betrachtet wird, auf den man sich ganz als Geschöpf verlassen kann. Gott ist es, der an uns wunderbar wirkt.
Er hat jedes seiner Geschöpfe erforscht und kennt es. Diese Erforschung bedeutet vom hebräischen Wort her eine Prüfung des Menschen auf Herz und Nieren, also inklusive Erprobung. Es ist eine Prüfung des Menschen wie Gold im Feuer mit einhergehender Reinigung. Letzte Woche hörten wir von der Erprobung Ijobs, diese Woche steht Paulus im Blick. Er wird wie Gold im Feuer erprobt, als er in Galatien sehr stark angefeindet wird.
Gott weiß um alles, was den Menschen im Innersten bewegt. Er weiß, ob der Mensch sitzt oder steht, ob er aktiv ist oder sich ausruht. Er weiß um jeden Gedanken und um jede Absicht. Er sah auch Paulus bei seinen Bestrebungen, die Christen auszurotten. Und doch ließ er ihn nicht los, verfolgte ihn bis zu den Toren von Damaskus, um ihn dort zu konfrontieren mit der Frage „Warum verfolgst du mich?“
Der Mensch kann sich vor Gott nicht verstecken. Er kann nicht vor ihm fliehen, weil er um alles weiß. Dass der Mensch sich aber vor Gott verstecken möchte, liegt an der Sünde. Bis zum ersten Sündenfall hatte der Mensch gar nicht das Bedürfnis, vor Gott in Deckung zu gehen. Erst nach der Sünde kam die Scham und das schlechte Gewissen, sodass sich das Menschenpaar vor Gott versteckte. Auch Paulus kann vor Gott nicht in Deckung gehen, als er ihm begegnet. Dieses Ereignis wirft ihn aus der Bahn, im wahrsten Sinne des Wortes! Doch danach ist nichts mehr, wie es war und dieser Mann hat eine 180°-Wende durchgemacht!
König David, der Psalmenbeter, preist die Intimität, die Gott ihm schenkt dadurch, dass er sein „Innerstes geschaffen“ hat und ihn „gewoben“ hat im Mutterschoß. Auch Paulus weiß um diese Beziehung und fügt noch hinzu, dass er im Mutterleib bereits erwählt worden ist zu dem Dienst, den er dann als Heidenmissionar ausgeübt hat. Für beide Männer stellt dies ein Anlass dar zur absoluten Geborgenheit im Schöpfer. Und wenn David Gottes immerwährende Gegenwart bis ins Innerste seines Herzens betrachtet, dann erfüllt es ihn mit Dankbarkeit. Gottes überwältigende Kreativität hat den König gemacht und jeden Einzelnen von uns geschaffen. Jeder von uns ist ein staunenswertes Werk Gottes. Deshalb können wir nicht sagen: „Ich bin wertlos“ oder „Ich bin hässlich“. Gott hat das Höchstmaß an Liebe und Kreativität, Detailtreue und Komplexität in jedes einzelne Geschöpf hineingesteckt und alles, was er geschaffen hat, ist wunderschön! Wenn wir uns selbst als seine Geschöpfe mal eingehend betrachten, werden wir aus dem Staunen nicht mehr herauskommen! Gott kennt um jedes noch so komplexe Detail unseres Leibes, denn es ist von ihm so erdacht. Deshalb können wir uns so geborgen in ihm fühlen.
Unsere Namen sind im Buch verzeichnet. Der Name des Menschen definiert ihn. Unser Wesen ist von Gott festgelegt, deshalb kennt er unsere Namen bereits. Das ist ein schöner Gedanke, der uns ganz in die Hände des Vaters fallen lässt, zu dem wir immer kommen können mit all unseren Befindlichkeiten, Dank und Bitte.

Lk 10
38 Als sie weiterzogen, kam er in ein Dorf. Eine Frau namens Marta nahm ihn gastlich auf.
39 Sie hatte eine Schwester, die Maria hieß. Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seinen Worten zu.
40 Marta aber war ganz davon in Anspruch genommen zu dienen. Sie kam zu ihm und sagte: Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbeit mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!
41 Der Herr antwortete: Marta, Marta, du machst dir viele Sorgen und Mühen.
42 Aber nur eines ist notwendig. Maria hat den guten Teil gewählt, der wird ihr nicht genommen werden.

Als Evangelium hören wir heute eine Episode, die oft nicht richtig verstanden wird. Wir hören davon, wie Jesus nach Betanien kommt. Der Name der Stadt wird uns hier nicht gesagt, aber wir wissen es aus dem Johannesevangelium. Es geht nämlich um eine Familie, bei der Jesus unterkommt, die aus den Schwestern Marta und Maria besteht sowie den hier nicht erwähnten Bruder Lazarus, den Jesus später von den Toten auferwecken wird.
Jesus kehrt bei den Schwestern ein und es ist offensichtlich so, dass Jesus wichtige Dinge erklärt. Währenddessen sitzt Maria ihm zu Füßen und hört ihm aufmerksam zu. Marta dagegen ist sehr damit beschäftigt, Jesus zu bewirten. Dann kommt es, dass Marta zu Jesus geht und ihm sagt: „Herr, kümmert es dich nicht, dass meine Schwester die Arbei mir allein überlässt? Sag ihr doch, sie soll mir helfen!“ Das ist interessant, weil Maria mit im Raum ist. Warum sagt sie ihrer Schwester nicht direkt „komm und hilf mir?“ Sie möchte, dass Jesus mit seiner Autorität Maria zum Mithelfen bewegt. Vermutlich ist es ein indirekter Appell an Jesus, mit dem Reden aufzuhören, damit Maria aufsteht und ihrer Schwester hilft.
Marta hat nicht verstanden, was hier passiert. Sie sieht nur die Oberfläche wie wir Zuhörer auch, wenn wir den Eindruck haben, dass Marta im Folgenden ungerecht behandelt wird. Denn Jesus sagt, dass Maria den guten Teil gewählt hat, der ihr nicht genommen werden soll. Er sagt nicht: „Maria, so geh und hilf zuerst deiner Schwester, dann reden wir weiter.“ Denn hier ist keine einfache Situation von Gastfreundlichkeit im Gange, sondern wir müssen tiefer schauen:
Jesus kehrt bei den Schwestern ein. Gott selbst hat sich ein Zuhause ausgesucht, um dort Gast zu sein! Was ist die richtige Einstellung, wenn Gott höchstpersönlich zu uns nach Hause kommt? Sollen wir ihm dann nicht begegnen, ihm aufmerksam lauschen, was er uns zu sagen hat? Es ist die absolute Gnadenzeit angebrochen, ist denn das leibliche Wohl, sind denn dann die weltlichen Belange so wichtig? Maria hat deshalb den guten Teil gewählt, weil sie Jesus nicht als gewöhnlichen Menschen und Gast behandelt, sondern Gottes Einkehr in ihr Haus erkannt hat. Es geht nicht um Hilfsbereitschaft und Fleiß. Es geht darum, wer hier der Gastgeber ist! Jesus ist zwar in das Haus der Geschwister eingekehrt, aber er ist der Gastgeber, denn er lädt ein zur Begegnung mit ihm! Maria hat das in ihrer kontemplativen Haltung erkannt, Marta nicht.
Dieses Ereignis lässt sich auf verschiedenen Ebenen begreifen. So sehen wir auch das Kommen Jesu in jeder Hl. Messe vor Augen. Wenn er in unsere Gemeinschaft einkehrt in den eucharistischen Gestalten von Brot und Wein, was tun wir dann? Können wir dann innehalten und ihn anschauen, uns von ihm beeindrucken lassen und auf seine Worte hören, die er uns sagen möchte? Oder „gestalten“ wir die Eucharistie bis zum Abwinken, füllen sie mit unseren menschlichen Worten, sodass wir Gott selbst das Schweigen gebieten? Was ist denn wichtig, wenn Gott selbst zu uns kommt? Das wir ihn vollquatschen oder dass er uns sein göttliches Wort sagt? Natürlich dürfen wir Gott alles sagen und sollen ja z.B. mit unseren Bitten zu ihm kommen! Aber zu allererst sollen wir ihm lauschen, ihm das Wort überlassen. Dann wird er unsere Probleme, die er schon längst kennt, lösen, bevor wir uns versehen!
Und wie steht es um unser persönliches Gebet, unsere persönliche Begegnung mit Christus? Wie beten wir? Halten wir lange Monologe oder lassen wir ihn auch einmal zu Wort kommen? Wie ist es, wenn wir den Herrn in der Eucharistie empfangen? Wenn er zu Gast in unsere Seele einkehrt, können wir dann wie Maria zu seinen Füßen Platz nehmen und ihm zuhören? Wie gestalten wir unser Leben? Können wir zuerst Maria sein, bevor wir Marta sind? Können wir zuerst die Kontemplation anstreben, uns ganz in Gott vertiefen und aus seiner Liebesquelle schöpfen, damit wir gestärkt in den Alltag gehen und die Ärmel hochkrempeln können wie Marta? Jesus sagt nicht, dass es falsch ist, gastfreundlich und fleißig zu sein. Er möchte, dass wir uns von ganzem Herzen einsetzen, wo wir gebraucht werden! Aber was kommt wann? Es geht um die rechte Zeit, wie es Kohelet sagen würde. Wenn Gottesbeziehung stattfindet, geht es um Kontemplation. Und aus dieser Begegnung heraus können wir viel fruchtbarer aktiv werden. Schließlich erliegen wir sonst sehr schnell der Versuchung, alles im Alltag aus eigener Kraft heraus zu tun. Zuerst Maria (Kontemplation, Hinhören auf den Herrn), dann Marta (fleißig sein und alles zur Ehre Gottes tun). Dann werden wir Frucht bringen und die Menschen werden Gott loben und preisen, weil sie an uns die Gnade Gottes sehen.
Hätte Paulus wie Marta gehandelt, hätte er nicht die Früchte gebracht, ja hätte er die Bekehrung so nicht erlebt. In der Gottesbegegnung vor den Toren von Damaskus hat er sein Herz geöffnet und sich verändern lassen. Von da an hat er die Gnade Gottes an den Menschen stets verkündet. Zuvor hat er sehr menschlich gedacht und die Einstellung vertreten, dass der Mensch aus eigener Kraft die Rechtfertigung vor Gott anstreben könne. Er ist von einer „Marta-Lastigkeit“ in eine gesunde Mischung von Marta und Maria gekommen – so sagt er zwar, dass der Mensch aus Gnade vor Gott gerecht gemacht wird Röm 3,28 im Hinblick auf die Taufgnade, aber diese befähigt zum wunderbaren Teamwork von Gnade und Tugend. In 1 Kor 15 sagt Paulus es selbst in Vers 10: „Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir.“
Wir dürfen bei all dem Aktivismus unseres Lebens die Contemplatio nicht vergessen. Schließlich kommt irgendwann das Ende der Zeiten. Das beständige Marta-Dasein der Menschheit bricht dann abrupt ab und ein ewiges Maria-Dasein in der Anschauung Gottes bricht an. Wir kommen von der steten Arbeit in die ewige Kontemplation. Das sollten wir schon in diesem Leben einüben und auch die Gelegenheiten nutzen, die Gott uns schenkt. Seien wir nicht wie Marta und übersehen diese Gnadenzeit vor lauter Aktivismus. Ganz konkret: Nutzen wir die Zeiten der Anbetung, vor allem vor dem ausgesetzten Allerheiligsten. Legen wir mal Schweigezeiten ein, vielleicht richtige Exerzitien. Suchen wir die Stille und Einsamkeit, um mit Gott allein zu sein. Jesus hat es ja vorgemacht. Wie oft hat er Zeit mit seinem Vater allein verbracht, nachdem oder bevor er große Menschenmassen begegnet ist.

Wählen wir den guten Teil – je nach Zeitpunkt! Und wenn die Zeit der Gottesbegegnung gekommen ist, heißt der gute Teil „Maria“, nicht „Marta“!

Ihre Magstrauss

Montag der 27. Woche im Jahreskreis

Gal 1,6-12; Ps 111,1-2.7-8.9 u. 10c; Lk 10,25-37

Gal 1
6 Ich bin erstaunt, dass ihr euch so schnell von dem abwendet, der euch durch die Gnade Christi berufen hat, und dass ihr euch einem anderen Evangelium zuwendet.
7 Es gibt kein anderes Evangelium, es gibt nur einige Leute, die euch verwirren und die das Evangelium Christi verfälschen wollen.
8 Jedoch, auch wenn wir selbst oder ein Engel vom Himmel euch ein anderes Evangelium verkündeten als das, das wir verkündet haben – er sei verflucht.
9 Was ich gesagt habe, das sage ich noch einmal: Wer euch ein anderes Evangelium verkündet im Widerspruch zu dem, das wir verkündet haben – er sei verflucht.
10 Geht es mir denn um die Zustimmung der Menschen oder geht es mir um Gott? Suche ich etwa Menschen zu gefallen? Wollte ich noch den Menschen gefallen, dann wäre ich kein Knecht Christi.
11 Ich erkläre euch, Brüder und Schwestern: Das Evangelium, das ich verkündet habe, stammt nicht von Menschen;
12 ich habe es ja nicht von einem Menschen übernommen oder gelernt, sondern durch eine Offenbarung Jesu Christi empfangen.

Heute beginnt eine Serie von Lesungen aus dem Galaterbrief. Paulus ist in diesem Schreiben sehr streng und polemisch gegenüber rejudaisierenden Strömungen: Es kommen radikale judenchristliche Missionare in die Gemeinden Galatiens, die meinen, dass die Taufe zur Vergebung der Sünden nicht genug ist, um vor Gott gerechtfertigt zu werden. Sie meinen, dass die heidenchristlichen Galater zuvor beschnitten werden und die Torah halten müssen. Dagegen setzt sich Paulus in der Heidenmission dafür ein, dass die Heiden, die Christen werden, vorher nicht beschnitten werden müssen und die über 600 Gebote und Verbote nicht alle einhalten müssen wie die Juden. Dadurch werden die Galater verwirrt und viele übernehmen diese Ansichten. Deshalb sind die Worte des Paulus in diesem Schreiben besonders eindringlich. Es geht nicht darum, wie viele Nichtkatholiken aufgrund der reformatorischen Parole sola gratia meinen, dass die Taufgnade genug ist, um gerecht vor Gott zu sein in dem Sinne, dass man nach der Taufe keine guten Taten vollbringen muss und durch schlechte Taten die Gnade nicht verlieren kann. Das ist ein ganz anderes Thema und sauber zu trennen von der hier vorliegenden Frage, ob die Torah, die Paulus immer wieder „Gesetz“ nennt, als Voraussetzung der Erlösung gilt oder nicht. Muss der Mensch sich die Gnade der Erlösung und damit Rechtfertigung erst einmal verdienen durch das Halten der Torah oder nicht? Diese radikalen Missionare bejahen es, Paulus dagegen verneint es. Wie soll der Mensch sich die Erlösung verdienen? Dass Gott Mensch geworden ist und durch sein Kreuz, den Tod und die Auferstehung die ganze Menschheit vom Stachel der Sünde befreit hat, ist ganz und gar ein Gnadenakt Gottes. Wir müssen diesem Erlösungswirken nicht unter die Arme greifen. Wenn wir dann aber erlöst sind, sind wir zugleich befähigt, aus der Taufgnade heraus gut zu sein, das heißt seine Gebote zu halten. Und dies führt auch die Verantwortung mit sich, dass wir die Gnade beanspruchen. Wenn wir uns auf der Taufe ausruhen und dagegen ein schlechtes Leben führen, verlieren wir die Gnade wieder! So viel als Vorlauf zu der Galaterserie, die heute beginnt:
Paulus schreibt gleich zu Beginn des Briefes, dass er die Zustände in Galatien bedauert. So schnell haben sie sich vom Evangelium abgewendet, indem sie glauben, dass der Mensch selbst für Erlösung zu sorgen hat. Das entspricht nicht mehr dem Evangelium Jesu Christi, der sagte „ohne mich könnt ihr nichts tun“. Es ist ein anderes Evangelium, was aber tatsächlich gar keines ist. Es ist eine Fälschung und Verwirrung durch andere Menschen. Wer aber das originale Evangelium Jesu Christi abändert – und selbst wenn es ein Engel wäre! – der sei verflucht. Was hat es mit dem Fluch auf sich? Eigentlich dürfen wir doch niemanden verfluchen, sondern für jene, die uns verfluchen, sogar noch beten! Das griechische Wort an dieser Stelle ist ἀνάθεμα  anathema. Damit ist der Kirchenbann gemeint und es ist eine lehramtliche Bezeichnung für jene, die der Lehre Jesu Christi untreu werden. Wir müssen die Aussage also in dem Sinne verstehen wie die Worte in 1 Kor 5, wo die uneinsichtigen Sünder dem Satan übergeben werden sollen.
Die Treue zum Evangelium Jesu Christi ist so entscheidend, dass Paulus die Aussage wiederholt. Und Paulus würde das Wort Gottes nicht umändern, um den Menschen zu gefallen. Er möchte als gläubiger Christ und Knecht Jesu Christi Gott gefallen. Das ist für uns eine wichtige Aussage: Das betrifft nämlich jede Zeit und auch heute dürfen wir nicht die Lehre Jesu abändern, nur um den Menschen zu gefallen. Es wird so gerne davon geredet, dass die Kirche sich endlich der Realität anpassen soll. Dabei ist nicht entscheidend, was in der Realität ist, sondern was Jesus Christus wollte, sein heiliger Stifterwille ist ausschlaggebend. Und wenn die jeweilige Realität davon diametral verschieden ist, spricht das für die gottlose Zeit, nicht für die weltfremde Lehre Jesu. Was wäre denn passiert, wenn die Kirche vor siebzig Jahren sich der Realität angepasst hätte und keinen Widerstand geleistet hätte? Dazu muss man glaube ich nichts mehr sagen….
Paulus erklärt den Galatern und auch uns heute genau das: Jesus Christus selbst hat das Evangelium verkündet, es ist göttliche Offenbarung. Es ist keine menschengemachte Religion, die sich dem jeweiligen Zeitgeist anpassen kann. Jesus hat sich auch nicht um die Konventionen seiner Zeit gekümmert, als er das Reich Gottes verkündet hat. Warum sollte es heute anders sein? Gott und sein Reich ist dasselbe, gestern, heute und in Ewigkeit.

Ps 111
1 Halleluja! Dem HERRN will ich danken mit ganzem Herzen im Kreis der Redlichen, in der Gemeinde.
2 Groß sind die Werke des HERRN, erforschenswert für alle, die sich an ihnen freuen.
7 Die Werke seiner Hände sind Treue und Recht, verlässlich sind alle seine Gebote.
8 Sie stehen fest für immer und ewig, geschaffen in Treue und Redlichkeit.
9 Erlösung hat er seinem Volk gesandt, seinen Bund bestimmt für ewige Zeiten. Heilig und Furcht gebietend ist sein Name.
10 Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Weisheit. Gute Einsicht ist sie allen, die danach handeln. Sein Lob hat Bestand für immer.

Heute beten wir Psalm 111, einen Lobpreispsalm mit weisheitlichen Anteilen. Er beginnt mit dem Hallelujaruf, der genau genommen ja einen Lobpreisaufruf darstellt, wie er als Einleitung in Psalmen oft ergeht. Denn Halleluja heißt „preist Jahwe“.
„Dem HERRN will ich danken mit ganzem Herzen im Kreis der Redlichen, in der Gemeinde“ ist eine liturgische Aussage. Es handelt sich also um einen Lobpreis in der Gruppe, im Gottesdienst. Man kann sich vorstellen, dass dieser Psalm bei Wallfahrtsfesten gebetet worden ist, denn er besingt die Heilstaten Gottes wie den Exodus.
„Groß sind die Werke des HERRN“ und deshalb sind sie „erforschenswert“. Wenn man sie bedenkt, wird man sich freuen und über Gott staunen, der so gut zu den Menschen ist.
„Die Werke seiner Hände sind Treue und Recht, verlässlich sind alle seine Gebote“ führt uns zur Lesung zurück. Gott selbst offenbart seine Herrlichkeit und hält stets, was er verspricht. Auf ihn kann man sich wirklich voll und ganz verlassen im Gegensatz zu Menschen, die längst nicht so verlässlich und treu sind. Gott ist auch ganz gerecht. Seine Gebote offenbaren, dass er jedem Menschen zum Recht verhelfen kann und möchte.
Das Entscheidende ist: Gott ist deshalb so verlässlich, weil er seine Offenbarung nicht einfach so ändert. Seine Gebote stehen fest „für immer und ewig“. Und wenn auch eine andere Zeit und Gesellschaft kommen, ändert es doch nichts an der göttlichen Offenbarung.
Seine ewige Treue zeigt Gott auch daran, dass er den Bund für immer aufrecht erhält, den er mit den Israeliten geschlossen hat – und wir Christen dürfen auch sagen, dass Gott ebenso den neuen Bund ewig hält. Wenn es zum Bundesbruch kommt, dann aufgrund des Menschen, der ihn bricht. Gott aber bleibt treu und hält auch dann am Menschen fest, versucht ihn zur Umkehr zu bewegen und gibt ihm immer wieder eine neue Chance.
Wenn wir von der Erlösung hier hören, dann denken wir nicht an politische Erlösung im Sinne der Befreiung aus Fremdherrschaft, wie die Israeliten es vor allem verstanden haben, sondern wir denken an die umfassende Erlösung und das ewige Leben, das Jesus uns geschenkt hat. Es ist eine Erlösung von der Sünde und des Exils außerhalb des Paradieses.
Schließlich kommt am Ende des Psalmenabschnitts ein wichtiges Wort, das wichtig ist beim Verständnis der Geistesgaben: Der Beginn ist durch die Gottesfurcht gekennzeichnet. Wer Gott fürchtet, wird nicht so leben, dass er Gottes Willen übertritt. Und wer die Gebote Gottes hält, der ist im Stand der Gnade. In diesem Zustand kann er die Gaben des Hl. Geistes empfangen, angefangen bei der Weisheit.
„Sein Lob hat Bestand für immer“ bezieht sich auf das Lob, das von den Israeliten ausgeht, nicht von Gott. Die Genitivform ist also nicht auctoris zu verstehen. Es ist eher zu verstehen, dass der Lobpreis, der an Gott ergeht, ein ewiger ist. Das schauen schon die Propheten in den Himmelsvisionen. Dort erfolgt ein ewiger Lobpreis Gottes, dessen Abbild die irdische Liturgie darstellt. Der Kult der Israeliten ist Schatten dieser himmlischen Liturgie.

Lk 10
25 Und siehe, ein Gesetzeslehrer stand auf, um Jesus auf die Probe zu stellen, und fragte ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?

26 Jesus sagte zu ihm: Was steht im Gesetz geschrieben? Was liest du?
27 Er antwortete: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und deiner ganzen Seele, mit deiner ganzen Kraft und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst.
28 Jesus sagte zu ihm: Du hast richtig geantwortet. Handle danach und du wirst leben!
29 Der Gesetzeslehrer wollte sich rechtfertigen und sagte zu Jesus: Und wer ist mein Nächster?
30 Darauf antwortete ihm Jesus: Ein Mann ging von Jerusalem nach Jericho hinab und wurde von Räubern überfallen. Sie plünderten ihn aus und schlugen ihn nieder; dann gingen sie weg und ließen ihn halbtot liegen.
31 Zufällig kam ein Priester denselben Weg herab; er sah ihn und ging vorüber.
32 Ebenso kam auch ein Levit zu der Stelle; er sah ihn und ging vorüber.
33 Ein Samariter aber, der auf der Reise war, kam zu ihm; er sah ihn und hatte Mitleid,
34 ging zu ihm hin, goss Öl und Wein auf seine Wunden und verband sie. Dann hob er ihn auf sein eigenes Reittier, brachte ihn zu einer Herberge und sorgte für ihn.
35 Und am nächsten Tag holte er zwei Denare hervor, gab sie dem Wirt und sagte: Sorge für ihn, und wenn du mehr für ihn brauchst, werde ich es dir bezahlen, wenn ich wiederkomme.
36 Wer von diesen dreien meinst du, ist dem der Nächste geworden, der von den Räubern überfallen wurde?
37 Der Gesetzeslehrer antwortete: Der barmherzig an ihm gehandelt hat. Da sagte Jesus zu ihm: Dann geh und handle du genauso!

Heute hören wir das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Die Vorgeschichte ist folgende: Ein Gesetzeslehrer stellt Jesus die Frage: „Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu erben?“ Das ist eine entscheidende Frage und fasst alles zusammen, was Paulus den Galatern und auch der Psalm uns heute kommuniziert haben. Wie erhalten wir Menschen das ewige Leben? Dass ein Gesetzeslehrer diese Frage stellt, ist nicht selbstverständlich. Nicht alle religiösen Gruppen zur Zeit Jesu glauben an ein Leben nach dem Tod, so lehnen es die Sadduzäer ab, die ja die religionspolitische Elite jener Zeit darstellen.
Jesus möchte diesem Mann mit seiner eigenen Mentalität zur Antwort verhelfen – indem er das Gesetz befragt. Hier meint das Gesetz wieder die Torah. Der Gesetzeslehrer arbeitet tagtäglich mit den Hl. Schriften der Juden und so geht Jesus auf diese ein. Der Mann antwortet wahrheitsgemäß mit dem Doppelgebot der Liebe – zunächst mit Dtn 6,4-9, dem Sch’ma Israel, dann mit Lev 19,18, dem Aufruf zur Nächstenliebe.
Weil er richtig geantwortet hat, lobt Jesus ihn und sagt ihm zu, dass wenn er danach handelt, das ewige Leben erlangen wird.
Der Gesetzeslehrer lässt das aber nicht so stehen und fragt nach: Wer ist mein Nächster? Und so beginnt Jesus das Gleichnis vom barmherzigen Samariter. Es ist eine Erzählung, die zu den bekanntesten Schriftworten zählt. Und doch wird die Geschichte oft falsch verstanden. Umso aufmerksamer müssen wir sie nun hören, um sie richtig zu verstehen:
Ein Mann geht von Jerusalem nach Jericho hinab und wird unterwegs von Räubern überfallen. Schon allein diese Aussage muss genau verstanden werden, damit es nicht zu einer Fehlinterpretation kommt. Es handelt sich um einen Mann, dessen Nationalität uns unbekannt sind. Und dennoch können wir vermuten, dass es ein Jude ist. Warum? Er ist unterwegs von Jerusalem nach Jericho, was vielleicht darauf hindeutet, dass er bei einem Wallfahrtsfest oder allgemein beim Tempel war und nun auf der Rückreise ist. Wenn wir auch bedenken, dass gleich noch weitere Personen diesen Weg wählen werden – von Jerusalem nach Jericho – handelt es sich vielleicht um die Wallfahrtssaison. Man weiß nichts von dem Mann und er liegt halbtot und ausgeraubt danieder.
Dann kommt ein Priester denselben Weg hinab. Wir betonen: Er kommt von Jerusalem und ist unterwegs nach Jericho. Er lässt den Mann dort liegen, obwohl er ihn sieht. Es wird nun immer wieder interpretiert, dass er aufgrund der kultischen Verunreinigung beim Kontakt mit Blut oder Tod nicht eingreift. Er kann von weitem ja nicht erkennen, ob der Mann wirklich tot ist oder noch lebt. Ausgehend davon wird auf das Priestertum des Alten Bundes sowie auf die Priester des Christentums geschimpft, dass ihnen der Gottesdienst wichtiger ist als die Nächstenliebe. Wir hören dann oft Predigten, in denen zur tätigen Nächstenliebe aufgerufen wird und Gottesdienst, Liturgie schlecht gemacht werden, so als ob die Diakonia vor der Leiturgia komme. Darum geht es hier aber nicht. Der Priester im Gleichnis kommt von der Opferung im Jerusalemer Tempel. Er hat dies schon getan und ist auf dem Heimweg! Was hier also kritisiert werden muss, ist nicht der Jerusalemer Tempelkult, sondern dass sich die Gnade, die der Priester durch die Opferung erhalten hat, nicht im Alltag bewährt. Er hat nun die Chance, die Liebe, die er von Gott selbst empfangen hat, an den Nächsten weiterzugeben. Stattdessen lässt er ihn liegen. Selbst wenn er in dem Moment kultunfähig werden würde, wäre das doch unwichtig! Er hat das Opfer ja schon dargebracht. Dennoch geht er an dem Halbtoten vorbei.
Ebenso kommt nun ein Levit an ihm vorbei und hilft genauso wenig wie der Priester. Auch er hat seinen Dienst im Tempel bereits vollzogen. Warum hilft er dem Mann nun nicht? Gottes- und Nächstenliebe gehören zusammen. Wenn Gott uns mit seiner Liebe überschüttet und uns segnet, dann möchte er, dass wir das auch unserem Nächsten weitergeben. Wir sollen doch barmherzig wie der Vater im Himmel sein. Und das Wort für die Barmherzigkeit ist im Griechischen dasselbe Wort für Mitleid. Diese beiden haben die Zeit der Gnade nicht erkannt, die empfangene Liebe Gottes an den Nächsten weiterzugeben.
Doch dann kommt ein Samariter. Ausgerechnet ein Erzfeind der Juden! Mit diesen sprechen die Juden nicht. Doch dieser hat Mitleid mit dem Halbtoten. Er weiß ja nicht, was das für ein Mensch ist. Doch er hilft ihm, verbindet seine Wunden, bringt ihn auf seinem Esel zu einer Herberge und bezahlt seinen Aufenthalt.
Dieser Mann ist dem Halbtoten der Nächste geworden, weil er Mitleid hatte. So sollen wir alle Mitleid haben, wenn wir Not sehen. Und Liebe kennt keine Grenzen. Es spielt keine Rolle, welche Nationalität, Religion, welches Geschlecht etc. der Leidende hat.
Warum hat Jesus ausgerechnet einen Priester und einen Leviten zum Negativbeispiel gemacht, wenn er den Kult an sich nicht kritisiert? Hier spricht Jesus ja mit einem Gesetzeslehrer, einem angesehenen Juden. Er provoziert hier ganz bewusst mit der vermeintlichen Elite, damit gerade jene mit religiöser Verantwortung sich an die eigene Nase fassen und ihr Verhalten überdenken. Viele dieser Menschen seiner Zeit nutzen ihre Position aus, um geachtet zu werden, besondere Privilegien zu genießen, aber nicht als besonders enge Beziehung zum Herrn. Ihnen fehlt oft die Liebe und der persönliche Bezug zu Gott. Deshalb nennt Jesus gerade jene. Er möchte, dass auch sie zur Besinnung kommen und umkehren.
Jesus schließt das Gespräch mit den Worten: Dann geh und handle genauso!“ Das ist ein Aufruf nicht nur an den Gesetzeslehrer im Evangelium. Das ist auch ein Appell an uns, genauso zu handeln. Nehmen wir Jesu Worte ernst und seien wir den anderen Menschen der oder die Nächste. Der Hl. Franz von Assisi, dessen Gedenktag gestern war, hat das Gebet formuliert „Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens.“ Und in diesem Gebet heißt es unter anderem: „Nicht dass ich geliebt werde, sondern dass ich liebe.“ Darum geht es. Wir sollen nicht erwarten, dass andere uns Gutes tun, sondern selbst zu denen werden, die andere Menschen gut behandeln. Schließlich überschüttet Gott uns tagtäglich mit seinem Segen. Die Liebe Gottes ist immer überfließend und so ist es an uns, die Gottesliebe anderen Menschen weiterzugeben.

Ihre Magstrauss