18. Sonntag im Jahreskreis (B)

Ex 16,2-4.12-15; Ps 78,3-4b.23-24.25 u. 54; Eph 4,17.20-24; Joh 6,24-35

Ex 16
1 Die ganze Gemeinde der Israeliten brach von Elim auf und kam in die Wüste Sin, die zwischen Elim und dem Sinai liegt. Es war der fünfzehnte Tag des zweiten Monats nach ihrem Auszug aus Ägypten.
2 Die ganze Gemeinde der Israeliten murrte in der Wüste gegen Mose und Aaron.
3 Die Israeliten sagten zu ihnen: Wären wir doch im Land Ägypten durch die Hand des HERRN gestorben, als wir an den Fleischtöpfen saßen und Brot genug zu essen hatten. Ihr habt uns nur deshalb in diese Wüste geführt, um alle, die hier versammelt sind, an Hunger sterben zu lassen.
4 Da sprach der HERR zu Mose: Ich will euch Brot vom Himmel regnen lassen. Das Volk soll hinausgehen, um seinen täglichen Bedarf zu sammeln. Ich will es prüfen, ob es nach meiner Weisung lebt oder nicht.
5 Wenn sie am sechsten Tag feststellen, was sie zusammengebracht haben, wird es doppelt so viel sein, wie sie sonst täglich gesammelt haben.
9 Dann sagte Mose zu Aaron: Sag der ganzen Gemeinde der Israeliten: Tretet hin vor den HERRN; denn er hat euer Murren gehört!
10 Während Aaron zur ganzen Gemeinde der Israeliten sprach, wandten sie sich zur Wüste hin. Da erschien plötzlich in der Wolke die Herrlichkeit des HERRN.
11 Der HERR sprach zu Mose:

12 Ich habe das Murren der Israeliten gehört. Sag ihnen: In der Abenddämmerung werdet ihr Fleisch zu essen haben, am Morgen werdet ihr satt werden von Brot und ihr werdet erkennen, dass ich der HERR, euer Gott, bin.
13 Am Abend kamen die Wachteln und bedeckten das Lager. Am Morgen lag eine Schicht von Tau rings um das Lager.
14 Als sich die Tauschicht gehoben hatte, lag auf dem Wüstenboden etwas Feines, Knuspriges, fein wie Reif, auf der Erde.
15 Als das die Israeliten sahen, sagten sie zueinander: Was ist das? Denn sie wussten nicht, was es war. Da sagte Mose zu ihnen: Das ist das Brot, das der HERR euch zu essen gibt.

In der ersten Lesung hören wir davon, wie die Israeliten murren und unzufrieden sind nach allem, was Gott getan hat. Er hat das Volk Israel trockenen Fußes durch das Rote Meer geführt und die Ägypter in die Flucht geschlagen, die ihnen hinterhergejagt waren. Diese Rettung geschah am fünfzehnten Tag des zweiten Monats seit ihrem Auszug.
Die Rettung ist geschehen, doch die Israeliten sind alles andere als dankbar. Schon wieder murren sie gegen Mose und seinen Bruder, weil sie nun in der Wüste lagern und hungern. Wieder sehnen sie sich nach Ägypten zurück, wo sie vielleicht als Sklaven leben mussten, aber genug zu essen hatten dank der Fleischtöpfe der Ägypter. Das ist eine Versuchung, der wir alle immer wieder ausgesetzt sind: Wir sehen das Leiden und die Opfer, die ein Leben in der Nachfolge Christi mit sich bringen. Zugleich realisieren wir, dass viele, die nicht nach Gottes Geboten leben, ein gutes Leben haben. Dann sehnen wir uns danach, ebenfalls diesen Weg mit dem Strom zu gehen, um die gegenwärtigen Leiden nicht zu erfahren. Oft bevorzugen wir das leibliche Wohl, das kurzfristige Luststreben und die Unlustvermeidung, weil wir vergessen, dass es auf die lange Sicht ankommt und darauf, das ewige Leben zu gewinnen. All dies müssen auch die Israeliten lernen. Sie reagieren in Leidsituationen immer wieder prompt mit einem Hadern gegen Gott und seine Propheten. Sie stellen seine Güte infrage und vergessen all das Gute, was Gott bereits gewirkt hat. Sie haben zehn Plagen gegen die Ägypter gesehen, sie haben die Spaltung des Roten Meeres gesehen, und doch zweifeln sie an seinem Heilsplan. Ja, sie unterstellen ihm sogar, dass er Böses im Schilde führt, nämlich das Volk in der Wüste verhungern zu lassen. Wie geduldig ist aber unser Gott! Er reagiert nicht damit, das Volk auszulöschen, was ihm ja möglich wäre. Vielmehr nimmt er ihr Murren geduldig auf sich und sättigt das Volk in der Wüste mit dem Manna, das er vom Himmel regnen lässt.
Doch Gott verbindet diese Gabe mit einer Prüfung bzw. Lektion: Er lässt stets den täglichen Bedarf herabregnen, nicht mehr. Anders gesagt sollen die Israeliten sich den täglichen Bedarf von dem Manna sammeln, nicht mehr. Nur am sechsten Tag werden die Israeliten die doppelte Menge an Manna sammeln, denn am Sabbat sollen sie ja ruhen. So wird ihnen am Tag zuvor die Ration des Sabbats mitgegeben. Die Prüfung besteht darin, zu sehen, ob die Israeliten sich darum bemühen, mehr als eine Tagesportion zu sammeln. Das würde ihm nämlich beweisen, dass sie ihm nicht vertrauen. Die Lektion besteht ja darin, auf Gottes gute Vorsehung zu vertrauen, der ihnen Tag für Tag aufs Neue das Lebensnotwendige gibt. Wer sich mehr sammelt, misstraut seiner Güte und Großzügigkeit. Wir lernen ebenfalls sehr viel aus dieser Erzählung, denn nicht umsonst beten wir im Vaterunser: Unser tägliches Brot gib uns heute. In dem Gebet ist eine deutliche Manna-Typologie zu erkennen.
Es ist eine Gabe für den heutigen Tag. Jesus sagt an anderer Stelle, dass wir uns nur um den heutigen Tag sorgen sollen, denn der nächste Tag werde für sich selbst sorgen. Gott gibt jeden Tag alles, was wir brauchen und wir sollen lernen, uns alles von ihm schenken zu lassen. Die übertriebene Sorge und auch das Misstrauen gegenüber Gott zerstört uns und reibt uns auf. Umso mehr ist das auf die Kirche und ihre Heilsmittel zu beziehen. Wir können nicht anders, als uns diese vom Herrn schenken zu lassen. Wir können die Eucharistie nicht selber machen. Es ist ein Geschenk Gottes, dass er zu uns kommt durch die Wandlungsworte des Priesters, dass er seine Gnade wirkt in allen Sakramenten und Sakramentalien. Der Versuch, sich Gnade irgendwie selbst zusammenzubasteln, wird scheitern.
Aaron überbringt den Israeliten die Gottesworte und das Volk wendet sich gen Wüste. Da erscheint erneut die Wolke als Manifestation Gottes, dessen Herrlichkeit beim Gottesvolk ist. In dieser Theophanie offenbart Gott dem Mose, dass abends die Wachteln das Lager aufsuchen werden, sodass die Israeliten Fleisch zu essen haben, und am Morgen mit dem Tau das Manna kommt.
Es kommt so, wie Gott es angekündigt hat, sodass die Israeliten Brot und Fleisch in Fülle geschenkt bekommen. Wenn Gott gibt, dann immer in Fülle. Wir werden am meisten beschenkt, wenn wir nicht begehren, sondern dankbar auf Gott vertrauen. Das betrifft auch unser Leben heute: Wenn wir alles tun, um noch mehr zu haben, und noch mehr raffen, noch mehr anstreben, noch mehr begehren, dann wird uns all das genommen. Wenn wir all das gar nicht anstreben, sondern auf Gott vertrauen, mit einer gesunden Haltung unser Geld verdienen, Altersvorsorge etc. vornehmen und vor allem zuerst das Reich Gottes suchen, dann wird uns alles in Fülle gegeben. Denn Gott vertraut uns Reichtum an, wenn wir arm im Geiste sind. Er weiß nämlich, dass wir all diese Gaben nicht missbrauchen werden, sondern verantwortungsvoll verwalten werden. Wenn wir aber reich im Geiste sind (was ich mit dem Habenwollen und Begehren beschrieben habe), dann weiß der Herr, dass er uns diese Reichtümer nicht anvertrauen kann. Er möchte ja, dass alle das Reich Gottes erlangen können. Und ein Reicher kann nicht in das Reich Gottes – kein Reicher im Geiste. Wenn wir also zuerst Gottes Willen suchen wie Mose und Aaron, dann wird er uns reich beschenken wie die Israeliten in der Wüste.
Zugleich dürfen wir auf seine Barmherzigkeit und Geduld vertrauen. Die Israeliten benehmen sich undankbar und murren sofort, wenn etwas nicht passt. Doch Gott reagiert mit sehr viel Geduld und Erbarmen. Wenn es uns nicht immer gelingt, das volle Gottvertrauen zu leben, dürfen wir ihn um Verzeihung bitten und von Neuem beginnen.

Ps 78
3 Was wir hörten und erfuhren, was uns die Väter erzählten,
4 die ruhmreichen Taten des HERRN und seine Stärke, die Wunder, die er getan hat.

23 Da gebot er den Wolken droben und öffnete die Tore des Himmels.
24 Er ließ Manna auf sie regnen als Speise, er gab ihnen Korn vom Himmel.
25 Jeder aß vom Brot der Starken; er sandte Nahrung, sie zu sättigen.

54 Er brachte sie in sein heiliges Gebiet, zum Berg, den seine Rechte erworben hat.

Als Antwort auf die Lesung beten wir Ps 78, einen Psalm des Leviten Asaf, der für den Lobpreis am Heiligtum zuständig war. In Ps 78 wird eine geschichtliche Rückschau vorgenommen, wobei es darum geht, die vergangene Geschichte als Lektion zu sehen. Es werden also durchaus negative Erfahrungen und Fehler thematisiert, die nicht wiederholt werden sollen. Asaf erklärt zu Beginn des Psalms auch den Anlass und Zweck seines Liedes: Gott hat die Väter beauftragt, alles ihren Kindern zu erzählen, damit die Geschichte nicht vergessen wird. Nicht nur die Fehler sollen erzählt werden, sondern vor allem die ruhmreichen Taten des Herrn, die vielen Wunder und Heilstaten. Wenn die nachfolgenden Generationen diese nicht aus dem Blick verlieren, werden sie auch nicht so schnell undankbar werden.
Sie sollen dadurch auch in ihrem Vertrauen auf Gott gestärkt werden, damit sie gehorsam und vertrauensvoll seine Gebote halten. Das ist ein wichtiger Aspekt, der uns auf die Wundertaten Christi führt: Immer wieder lesen wir in den Evangelien, vor allem im Johannesevangelium, dass er die Taten vollbringt, damit die Menschen zum Glauben an ihn kommen. Er tut z.B. sein erstes Wunder in Kana, um seine Herrlichkeit zu offenbaren und seine Jünger glauben an ihn (Joh 2,11). Gott möchte mit seinen Heilstaten also den Glauben seines Volkes stärken.
Gott hat auf das Murren der Israeliten mit Barmherzigkeit reagiert und das Himmelsbrot auf sie herabregnen lassen. Gottes Gaben ergehen an den Menschen immer in Überfülle. Er hat für das leibliche Wohl gesorgt, um die Menschen darauf vorzubereiten, dass er vor allem seine Gnade in Überfülle geben möchte, ja das ewige Leben, das kein Ende hat. All diese Ereignisse sind Vorbereitung auf noch größere Heilstaten. Er wird sich selbst auf die Erde herabregnen, das wahre Manna, das Himmelsbrot, von dem wir ewig leben werden, wenn wir es empfangen. Es wird sein eigenes Fleisch sein, nicht mehr das Fleisch von Vögeln, wie es an anderer Stelle im Psalm heißt. Doch seine Gabe wird nicht mehr nur für das Volk Israel sein, sondern er wird sich hingeben für die ganze Menschheit. Er wird alle zum Zion führen, am Ende der Zeiten zum himmlischen Zion des Himmelreichs, zuvor aber schon zum Zion, das seine Kirche ist.
Das heilige Gebiet und der Berg, von dem hier die Rede ist, erinnert uns mit Blick auf die Lesung zunächst an den Sinai, denn schon Mose sollte beim Anblick des brennenden Dornbuschs seine Schuhe ausziehen. Der Ort ist heilig. Darüber hinaus würde Gott das Volk Israel aber vor allem auf das heilige Tempelareal vorbereiten, vorübergehend mit dem Offenbarungszelt errichtet, später als fester Bau auf dem Zionsberg. Heiligkeit hat hier weniger mit einer geographischen Lage, sondern vielmehr mit der Gegenwart Gottes zu tun. Dies ist schon Vorbereitung auf die Heiligkeit des Leibes Christi, der für uns zum wahren Ort der Anbetung geworden ist. Überall auf der Welt, wo er in eucharistischer Gestalt anwesend ist, ist das „heilige Gebiet“ und der „heilige Berg“, wie es hier im Psalm heißt. Was ist das doch für ein großes Privileg! Wir müssen nicht um die halbe Welt reisen, um seine Gegenwart zu erfahren.
Auch im moralischen Sinne dürfen wir diese Worte erfassen, so wie es die Israeliten schon tun durften: Das heilige Gebiet und der heilige Berg sind unsere Seele, in der Gott Wohnung nehmen möchte. Wenn wir nach seinen Geboten leben, heiligen wir uns und pflegen das innere Heiligtum. Die Gebote, die wir halten sollen, gab der Herr schon dem Mose am Sinai, damit die Israeliten sich heiligen konnten.

Eph 4
17 Das also sage ich und beschwöre euch im Herrn: Lebt nicht mehr wie die Heiden in ihrem nichtigen Denken!
20 Ihr aber habt Christus nicht so kennengelernt.
21 Ihr habt doch von ihm gehört und seid unterrichtet worden, wie es Wahrheit ist in Jesus.
22 Legt den alten Menschen des früheren Lebenswandels ab, der sich in den Begierden des Trugs zugrunde richtet,
23 und lasst euch erneuern durch den Geist in eurem Denken!
24 Zieht den neuen Menschen an, der nach dem Bild Gottes geschaffen ist in wahrer Gerechtigkeit und Heiligkeit!

In der zweiten Lesung geht es Paulus um den Lebenswandel von Getauften. Wir können nach der Taufe nicht mehr so leben wie zuvor. Es ist wie mit dem Bundesvolk Israel im Alten Bund. Nachdem sie die Gebote Gottes empfangen haben und nachdem er so viele Heilstaten an ihnen gewirkt hat, können sie eigentlich nicht mehr so leben wie zuvor. Dass Paulus dieses Thema hier anschneiden muss, lässt uns erahnen, dass die uralte Versuchung, von der wir in der ersten Lesung gehört haben, auch noch die Epheser im 1. Jh. n.Chr. befällt: die Sehnsucht nach dem alten Leben, wenn das neue Leben schwer ist.
Paulus sagt, dass die Epheser nicht wie die Heiden nichtig denken dürfen: Alles, was sie anstreben, muss auf das ewige Leben gerichtet sein. Die Heiden haben dieses ewige Leben nicht im Blick und leben deshalb für den Moment, für das Diesseits. Auch längst nicht alle Juden glaubten an eine Auferstehung und ein Leben nach dem Tod. Auch sie sind auf das Diesseits ausgerichtet, so z.B. die Sadduzäer. Dabei hat Jesus einen ganz anderen Weg aufgezeigt, der die Wahrheit ist.
Mit der Taufe haben die Epheser den alten Menschen abgelegt, was sich vor allem auf den Lebenswandel bezieht. Sie können den Begierden des Fleisches nicht mehr erliegen, also nicht mehr das anstreben, was die Gottlosen anstreben. Vielmehr streben sie nun das ewige Leben an und alles, was sie näher hinbringt. Fleisch und Geist meint weniger Körper und Seele, sondern die gefallene Schöpfung, die weltlich denkt, sowie die geistliche Schöpfung, die ewig ist.
Als Getaufte sind wir alle zur Heiligkeit berufen und diese zeigt sich vor allem im Denken, in der Einstellung des Menschen und seiner Lebensführung. Anscheinend muss Paulus die Epheser „beschwören“, wie es hier heißt, und sie zu einer Erneuerung des Denkens auffordern, weil sie sich doch nach dem alten Leben sehnen, vielleicht den weltlichen Einstellungen wieder zugeneigt sind, falsche Kompromisse eingehen möchten. Das ist aber nicht möglich, wenn sie sich Christen nennen möchten. Im ersten Korintherbrief und an vielen weiteren Stellen erklärt er, dass wir als Getaufte das alte Leben nicht mehr zurückhaben können, weil unser alter Mensch gestorben ist. So sollen die Epheser als Getaufte den neuen Menschen anziehen. Was ist damit gemeint? Der neue Mensch, wörtlich der neue Adam, ist Christus. Wenn wir getauft werden, ziehen wir Christus an, unser neues Gewand. Er ist der Erstgeborene dieser neuen Schöpfung. Wenn wir ganz von ihm erfüllt sind, ihn verinnerlichen, ihn anziehen, seine Schablone an unser Leben anlegen, dann werden wir ihm immer mehr gleichgestaltet und so wie er am Ende der Zeiten mit Leib und Seele ins Himmelreich eingehen. Er ist Ebenbild des Vaters wie kein anderer Mensch, weil er so ist, wie Gott den Menschen gedacht hat. Der erste Mensch hat sich gegen Gott entschieden und wurde entmenschlicht. Keiner ist menschlicher als Christus in seiner vollen Menschheit. Zu dieser Gottebenbildlichkeit gehören auch die Gerechtigkeit und Heiligkeit. Christus ist unser Vorbild, unsere Quelle, aus der wir immer wieder die Gnade schöpfen beim Wachstum in Heiligkeit. Heilig sein, heißt ganz anders sein, ausgelöst aus dem Rest. Wir können nicht wie die anderen leben. Das heißt nicht, dass wir uns für etwas Besseres halten, sondern dass wir für etwas Größeres leben. Das ist der springende Punkt.

Joh 6
22 Am nächsten Tag stand die Menge am anderen Ufer des Sees; sie hatten gesehen, dass nur ein Boot dort gewesen war und dass Jesus nicht mit seinen Jüngern ins Boot gestiegen war, sondern dass seine Jünger allein abgefahren waren.
23 Von Tiberias her kamen andere Boote in die Nähe des Ortes, wo sie nach dem Dankgebet des Herrn das Brot gegessen hatten.
24 Als die Leute sahen, dass weder Jesus noch seine Jünger dort waren, stiegen sie in die Boote, fuhren nach Kafarnaum und suchten Jesus.
25 Als sie ihn am anderen Ufer des Sees fanden, fragten sie ihn: Rabbi, wann bist du hierhergekommen?
26 Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ihr sucht mich nicht, weil ihr Zeichen gesehen habt, sondern weil ihr von den Broten gegessen habt und satt geworden seid.
27 Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird! Denn ihn hat Gott, der Vater, mit seinem Siegel beglaubigt.
28 Da fragten sie ihn: Was müssen wir tun, um die Werke Gottes zu vollbringen?
29 Jesus antwortete ihnen: Das ist das Werk Gottes, dass ihr an den glaubt, den er gesandt hat.
30 Sie sagten zu ihm: Welches Zeichen tust du denn, damit wir es sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?
31 Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.
32 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.
34 Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot!
35 Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

Im Evangelium hören wir heute einen Ausschnitt aus der Himmelsbrotrede Christi. Sie ist ein Zeugnis für die Eucharistie. Schon letzte Woche hörten wir aus dem 6. Kapitel des Johannesevangeliums. Da hat Jesus die Brotvermehrung erwirkt und die Menschen schon für die Eucharistie sensibilisiert, die er im Abendmahlssaal und auf dem Golgota etablieren würde.
Dann fahren die Aposteln mit dem Boot ans andere Ufer des Sees auf Kafarnaum zu, als ihnen der bis dahin auf einem Berg verbliebene Jesus ihnen auf dem See zugelaufen kommt. Das hören wir heute alles nicht, sondern erst die Nachgeschichte einen Tag später. Die Menschenmassen verfolgen die Apostel und Jesus, kommen sogar mit Booten angereist, nur um Jesus wiederzusehen.
Sie suchen regelrecht nach ihm und finden ihn schließlich am anderen Ufer des Sees in Kafarnaum. Zunächst waren sie an den Ort der Brotvermehrung zurückgekehrt. In Kafarnaum fragen sie ihn, wann er dort hingekommen sei (sie haben nicht mitbekommen, dass Jesus plötzlich über den See gewandelt ist).
Jesus antwortet sehr entlarvend: Sie haben sich nicht die ganze Mühe gemacht, ihn zu finden, weil er Zeichen getan hat, sondern wegen der Brote, die sie gesättigt haben. Er spricht hier eine allzu menschliche Haltung an: Wo es etwas zu essen und vor allem etwas umsonst gibt, kommen die Menschen in Scharen. Gerade Nahrung ist etwas Lebensnotwendiges, das man Tag für Tag neu verdienen muss. Gerade jene, die in nicht so guten Verhältnissen leben, müssen umso mehr Mühe aufwenden, das tägliche Brot zu erhalten und so für sich und ihre Familie zu sorgen. Das ist an sich ja nichts Schlechtes und Jesus sagt es nicht, um die Menschen zu entwürdigen, die etwas ganz Natürliches getan haben. Wir müssen bedenken, dass sie einmal weniger hart arbeiten mussten, um sich zu sättigen. Sie durften wenigstens an jenem Tag den Folgen der Erbsünde entgehen, über die es heißt: „Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen (Gen 3,19).“ Einmal ernten, was man nicht gesät hat! Das gönnt Jesus den Menschen durchaus, aber worauf er hinaus möchte, ist etwas ganz anderes: Er möchte die Menschen auf die übernatürliche Speise vorbereiten. Das war der Zweck seiner wunderbaren Brotvermehrung. Stattdessen haben die Menschen nur das Brot an sich gesehen, nicht die Zeichenhaftigkeit, die auf etwas Größeres hinweist.
Ihre mangelnde Erkenntnis, nicht das Essen von geschenktem Brot, kritisiert Jesus.
Die Speise, die für das ewige Leben bleibt, ist die Eucharistie. Sie ist es, die auch uns nährt auf dem Weg in die Herrlichkeit Gottes. Sie zu erhalten, sollte das höhere Gut sein, denn sie dient dem ewigen Leben. Dieses ist viel erstrebenswerter als das vorübergehende irdische Leben und deshalb jede Mühe wert.
Jesus ist der Menschensohn, der den Menschen diese Speise geben wird. Es ist zukünftig formuliert, weil es noch aussteht. Er verweist mit dieser Aussage auf die Einsetzung der Eucharistie im Abendmahlssaal, auf die Besiegelung des Neuen Bundes am Kreuz von Golgota einen Tag später, auf die Eucharistie, die die Christen damals und wir bis heute feiern. Er ist es bis heute, der dieses größte Heilsmittel aller Zeiten spendet. Der Priester tut es „in persona Christi“. Seine Hände, seine Stimme, seine Person sind Werkzeug Christi, durch die er selbst die Eucharistie schenkt.
Das Bild des Siegels, das Jesus hier verwendet, ist im antiken Verständnis wichtig im Kontext von Herrschaft (jeder König hat ein Siegel, mit dem er offizielle Dokumente besiegelt). Es ist auch wichtig im Kontext von Gericht und Testamenten (so werden Aussagen und Testamente von Zeugen beglaubigt, wofür auch Siegel eingesetzt werden). Schließlich sind Siegel in der Antike entscheidend bei der Markierung von Eigentum. Was ein bestimmtes Siegel besitzt, gehört dem Siegelträger. Jesus ist beglaubigt vom Vater mit seinem ganzen Sein, mit seinem Tun, mit seinem Auftreten. Das Siegel des Allmächtigen selbst ist ihm aufgedrückt – er hat die höchste Autorität und auch die größte Glaubwürdigkeit. Er gehört ganz dem Vater, denn sie sind ganz eins. Und auch wir, die wir durch die Taufe das Siegel des allmächtigen Gottes in unsere Seele eingeprägt bekommen, gehören ganz ihm als seine geliebten Kinder und Erben im Reich Gottes.
Die Menschen haben aufmerksam seinen Worten gelauscht. Nun fragen sie, was sie tun müssen, um die Werke Gottes zu vollbringen. Sie möchten Gott gefallen und seinen Willen tun. Sie sind nicht beleidigt und ziehen ab, weil Jesus ihr Essen des Brotes irgendwie kritisiert hat. Sie möchten aus Jesu Worten Konsequenzen für ihr Leben ziehen. Und so antwortet Jesus ihnen, dass sie an ihn glauben sollen. Er ist es, den der Vater gesandt hat. Wer an Jesus Christus glaubt, lässt sich auf seinen Namen hin taufen. Das wird das äußere Zeichen für den Glauben an ihn darstellen. All dies wird erst geschehen, nachdem Jesus den Neuen Bund besiegelt hat am Kreuz und nachdem er von den Toten auferstanden, in den Himmel aufgefahren ist und den Heiligen Geist gesandt hat. Der Glaube an Jesus Christus ist den Anwesenden aber schon jetzt möglich.
Die Menschen sind noch unschlüssig, ob sie Jesu Worte, die er in göttlicher Vollmacht spricht, glauben sollen. Und so beginnt unser heutiger Abschnitt mit der Frage: „Welches Zeichen tust du denn, damit wir es sehen und dir glauben?“
Sie denken noch ganz in den Kategorien der jüdischen Überlieferung. Sie denken an das Manna, das die Väter in der Wüste gegessen haben. Das ist für sie die höchste Form von „übernatürlichem“ Brot: eines, dessen „Übernatürlichkeit“ in dem Ursprung besteht, weil es vom Himmel herabgeregnet ist. Es ist aber weiterhin eine Speise für den Leib. Sie denken also immer noch in irdischen Kategorien.
Daraufhin reagiert Jesus mit den Worten: „Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.“ Schon das Manna kommt von Gott dem Vater. Nicht Mose kann das Brot spenden, ihre höchste menschliche Autorität, auf die sie sich aufgrund der Torah berufen. Gott selbst nährt den Menschen, aber auch hier meint Jesus im zweiten Teil seines Satzes das „wahre Brot vom Himmel“ im Gegensatz zum Manna. Wir erkennen dies an dem nächsten Satz, in dem es heißt, dass Gott das Leben gibt. Und das wahre Leben besteht ja in dem ewigen Leben, das nie endet.
Das Gespräch hier in Kafarnaum ist analog zum Dialog am Jakobsbrunnen in Joh 4 zu sehen. Jesus greift irdisches und bekanntes auf, um die Menschen dort abzuholen, wo sie sind (am Jakobsbrunnen beginnt es mit Jesu Bitte um Wasser aus dem Brunnen, hier in Joh 6 beginnt es mit der wunderbaren Speisung mit Brot für den Leib). Davon ausgehend möchte er aber auf etwas Übernatürliches zu sprechen kommen, doch die Menschen missverstehen es und bleiben weiterhin dem Natürlichen verhaftet. So spricht auch die samaritische Frau in Joh 4 die ganze Zeit von üblichem Wasser aus dem Brunnen, obwohl Jesus schon längst das lebendige Wasser meint. Sie beruft sich am Jakobsbrunnen auf eine menschliche Autorität (nicht Mose wie hier, dafür aber Jakob). Auch sie begreift nach und nach ein wenig mehr von Jesu Worten und kommt schließlich zu dem Wunsch: „Herr, gib mir von diesem lebendigen Wasser.“ Es ist analog zu jenem Wunsch der Anwesenden hier zu lesen, die sagen: „Herr, gib uns immer dieses Brot!“ Sie erkennen, dass es ein Brot ist, das qualitativ besser ist als das irdische Brot.
Und so wie bei der Frau offenbart sich Jesus hier direkt als jenes Brot, das vom Himmel herabkommt. Es meint zunächst ihn als fleischgewordenes Wort Gottes unter den Menschen. Nun verstehen wir es sakramental, denn in der Eucharistie ist er wirklich das Brot, das vom Himmel herabkommt – durch den Geist, der in der Epiklese auf die Gaben herabgerufen wird, werden sie in den Leib und das Blut Jesu Christi verwandelt. Er nimmt wie bei seiner Geburt in dem Moment „Fleisch“ an, also Materie, um ganz bei uns zu sein und vor allem, um das umzusetzen, was er versprochen hat – uns zu ernähren und zu bereiten für das ewige Leben!
Und wie es mit den Gaben Gottes im Gegensatz zu natürlichen Gütern so ist, nährt uns das Brot des Lebens vollkommen. Wir müssen nicht mehr hungern – es meint nicht den leeren Magen, sondern den Hunger des Lebens, den Hunger nach Liebe und Angenommensein, den Hunger nach der Gnade Gottes, nach seinem Frieden. Analog dazu hat Jesus die Frau am Jakobsbrunnen in ihrem Lebensdurst betrachtet, die durch die vielen Männergeschichten eigentlich eine ganz andere Sehnsucht offenbart – die Sehnsucht nach Sinn und nach einer Erfüllung des Lebens. Diese kann nicht gestillt werden durch Kompensationen wie Liebesbeziehungen, in denen der Partner den Menschen glücklich machen soll. Nur Gott kann dies tun. Und auch dort sagt Jesus, dass das lebendige Wasser umfassend tränkt, sodass man keinen Durst mehr bekommt.
Und am Ende dieses heutigen Abschnitts werden wir an seine Worte aus Joh 4 wieder erinnert, weil er auch hier sagt, dass der Mensch, der an ihn glaubt, keinen Durst mehr haben wird.
Die Beziehung zu Gott ist es, die uns nährt und tränkt – unsere Sehnsucht stillt. Sie ist es, die uns das ewige Leben schenkt. Wenn wir in diesem Leben schon Ja zu ihm sagen, wird er gleichermaßen antworten am Ende unseres Lebens. Der Weg ist lang und beschwerlich. Wenn wir jedoch durch das Brot und das Wasser des Lebens gestärkt werden, können wir diesen Weg bis zum Schluss gehen. Dann werden auch wir das ewige Leben haben. Für die Kirche heißt das, dass die Eucharistie entscheidend ist. Sie ist das Allerwichtigste! Ohne sie lässt die Kirche, die Mutter der Neugeborenen im Heiligen Geist, ihre Kinder verhungern und verdursten. Wie können die Gläubigen den Weg gehen ohne das lebendige Brot? Für unseren persönlichen Lebenswandel heißt das, dass wir ganz und gar diese übernatürlichen Güter anstreben sollen. Darin sollen wir unsere ganze Kraft und Zeit investieren. Das Maß der natürlichen Güter sollen wir dem anpassen, denn sie sind für uns insofern erstrebenswert, als sie diese übernatürlichen Gaben begünstigen oder zumindest diesen nicht entgegen stehen. Das ist keine Spaßverderberei, sondern Jesus selbst hat es den Menschen damals in Kafarnaum und auch uns Christen heute gesagt.

Heute geht es sehr viel um das natürliche und übernatürliche Leben, die Güter dieser Welt und die Güter des ewigen Lebens. Die Prioritätensetzung ist klar: Wir sind in der Taufe zum ewigen Leben berufen und sollen deshalb die übernatürlichen Güter anstreben, die Gott uns geben möchte. Alles andere wird dann seinen rechtmäßigen Platz in unserem Leben einnehmen und geordnet sein. Lassen wir uns auf dem Weg in die Ewigkeit von Christus selbst anziehen, nähren, und stärken, damit wir unterwegs nicht vor Erschöpfung zusammenbrechen. Der Weg ist nicht immer leicht, doch wir dürfen nie der Versuchung erliegen wie damals die Israeliten – das langfristige ewige Glück gegen die kurzfristige Befriedigung auszutauschen, die uns aber das ewige Leben versagt.

Ihre Magstrauss

Freitag der 17. Woche im Jahreskreis

Lev 23,1.4-11.15-16.27.34b-37 oder Jer 26,1-9; Ps 81,3-4.5-6b.6c-8b.10-11 oder Ps 69,5.8-9.10 u. 13.14; Mt 13,54-58

Jer 26
1 Im Anfang der Regierung Jojakims, des Sohnes Joschijas, des Königs von Juda, erging vom HERRN dieses Wort:

2 So spricht der HERR: Stell dich in den Vorhof des Hauses des HERRN und sag zu den Leuten, die aus allen Städten Judas kommen, um sich im Haus des HERRN niederzuwerfen, alles, was ich dir ihnen zu verkünden aufgetragen habe; kein Wort sollst du weglassen.
3 Vielleicht hören sie und kehren um, jeder von seinem bösen Weg, sodass mich das Unheil reut, das ich ihnen wegen der Bosheit ihrer Taten zugedacht habe.
4 Sag also zu ihnen: So spricht der HERR: Wenn ihr nicht auf mein Wort hört und meiner Weisung nicht folgt, die ich euch gegeben habe,
5 wenn ihr nicht auf die Worte meiner Knechte, der Propheten, hört, die ich zu euch sende, unermüdlich sende, obwohl ihr nicht hört,
6 dann verfahre ich mit diesem Haus wie mit Schilo und mache diese Stadt zu einem Fluch bei allen Völkern der Erde.
7 Die Priester, die Propheten und das ganze Volk hörten, wie Jeremia diese Worte vor dem Haus des HERRN vortrug.
8 Als Jeremia alles gesagt hatte, was er im Auftrag des HERRN vor dem ganzen Volk zu verkünden hatte, ergriffen ihn die Priester, die Propheten und alles Volk und schrien: Du musst sterben!
9 Warum prophezeist du im Namen des HERRN: Wie Schilo wird es diesem Haus gehen und diese Stadt wird verwüstet und entvölkert werden? Das ganze Volk rottete sich beim Haus des HERRN um Jeremia zusammen.

In der Lesung hören wir heute einen Ausschnitt aus dem Propheten Jeremia. Es geht um ein Gotteswort, das zur Zeit des Königs Jojakim an den Propheten ergeht. Dieser König, der Propheten hinrichten ließ und grundsätzlich wenig auf die Worte des Herrn hörte, wird am Ende seines Lebens den Einfall der Babylonier mit eigenen Augen sehen. Das wird einen großen Schock vor seinem Tod darstellen.
Jeremia soll die folgenden Worte Gottes vollständig den Pilgern wiedergeben, die zum Tempel kommen. Er soll sich dabei in den Vorhof stellen. Es ist eine der letzten Umkehrchancen, bevor die Babylonier Juda belagern werden.
Er soll verkünden: „Wenn ihr nicht auf mein Wort hört und meiner Weisung nicht folgt, die ich euch gegeben habe“ – mit der Weisung ist die Torah gemeint. Wenn die Israeliten, die ja in einer Bundesbeziehung mit Gott stehen, ihre Aufgabe nicht erfüllen, ihr Versprechen nicht halten, wird etwas Schlimmes passieren.
„Wenn ihr nicht auf die Worte meiner Knechte, der Propheten, hört, die ich zu euch sende, unermüdlich sende, obwohl ihr nicht hört“ – Gott hat seinen Willen klar und deutlich benannt und seine auserwählten Werkzeuge sind stets auf Widerstand gestoßen. Ja, sie wurden sogar umgebracht dafür, dass sie den heiligen Willen Gottes den Menschen vermittelt haben.
Wenn sie auch jetzt kurz vor zwölf nicht auf ihn hören, wird Gott verfahren „wie mit Schilo“ und Jerusalem „zu einem Fluch bei allen Völkern der Erde“ machen. Das heißt, dass die anderen Völker nicht mehr gut und voller Bewunderung über Juda sprechen werden. Es wird zur Schande, weil sich ihr Gott als scheinbar ohnmächtig gegenüber den feindlichen Mächten erwiesen hat. Was aber ist mit Schilo passiert? Die Stadt ist 1050 v. Chr. von den Philistern zerstört worden. Auch dies war die Konsequenz des Ungehorsams gegenüber Gott.
Jeremia sprach diese Worte laut und deutlich, vollständig und mit Nachdruck. Alle Anwesenden konnten es hören. Doch anstatt sich die Worte zu Herzen zu nehmen, betroffen zu sein, das Bußgewand anzulegen und zu sühnen wie die Bewohner von Ninive, ergreifen die Menschen den Propheten, um ihn umzubringen. Sie hören überhaupt nicht auf ihn, sondern wollen ihn mundtot machen. Was sie eigentlich möchten, ist ihr Gewissen zum Schweigen zu bringen. Das meldet sich bei Jeremias Worten. Doch sie möchten sich nicht ändern und so muss er beseitigt werden.
Sie empören sich vor allem darüber, dass er sagte, dass Gott mit der Stadt so verfahren werde wie mit Schilo. Wir hören heute nicht, wie es ausgeht, aber liest man das 26. Kapitel weiter, erfährt man, dass er zunächst vor dem Tod bewahrt wird. Es ist so, wie Gott es ihm immer wieder verheißt: Sie zwingen dich in die Knie, aber sie werden dich nicht beseitigen. Denn ich bin mit dir, um dir zu helfen.

Ps 69
5 Zahlreicher als auf meinem Kopf die Haare sind die, die mich grundlos hassen. Mächtig sind, die mich verderben, meine verlogenen Feinde. Was ich nicht geraubt, das soll ich erstatten.
8 Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.
9 Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.
10 Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.
13 Es reden über mich, die am Stadttor sitzen, Spottlieder singen die Zecher beim Wein.

14 Ich aber komme zu dir mit meinem Bittgebet, HERR, zur Zeit der Gnade. Gott, in deiner großen Huld erhöre mich, mit deiner rettenden Treue!

Als Psalm wird heute ein Klagepsalm gebetet, in dem zunächst das Leiden detailliert geklagt wird. Dann kommen mehrere Bittrufe, die in unserem heutigen Abschnitt nicht zu lesen sind außer ganz am Ende.
„Zahlreicher als auf meinem Kopf die Haare sind die, die mich grundlos hassen.“ Der einzige Grund, den wir für das Hassen der Knechte Gottes nennen können – der gerechten Könige wie König David hier im Klagepsalm sowie der Propheten, die Gottes Willen verkünden – ist die Weigerung der Menschen, Gottes Wort anzunehmen. Jeremia hat den Menschen in Jerusalem ja z.B. gar nichts Unrechtes getan und doch hassen sie ihn – weil sie Gott hassen. Das ist ein wichtiger Gedanke, den wir auch heutzutage beherzigen müssen. Wenn uns die Welt hasst, liegt es nicht an uns, sondern daran, dass sie zuerst Gott gehasst hat. Jesus wird genau dies zu seinen Jüngern sagen. Die Welt hat zuerst ihn gehasst, deshalb werden alle, die in seinem Namen auftreten, auch gehasst werden. Es geht ja um denselben Geist, um dieselbe Sache, für die man einsteht. Der eigentliche Kampf ist ein geistiger Kampf zwischen Gott und seinem Widersacher. Was zwischen Jeremia und seinen Mitmenschen geschieht, was zwischen Saul und David geschieht, das sind alles nur die Spitzen des Eisbergs.
Die Feinde sind mächtig – aber nur so mächtig, wie Gott es zulässt. Er gewährt ihnen einen gewissen Spielraum, aber wo dieser an seine Grenzen gerät, ist es ganz schnell vorbei mit diesen feindlichen Mächten.
„Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.“ Jesus ist dafür ausgeliefert und elendig getötet worden, dass er den Menschen gezeigt hat, wie der Vater ist. Er hat das Reich Gottes verkündigt mit göttlicher Vollmacht. Dafür ist er so schandvoll wie nur möglich gestorben. Schon die Propheten zuvor mussten dafür in den Tod gehen. Wie gesagt – der Mensch, der Gott ablehnt, lehnt auch dessen Knechte ab.
„Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.“ Wir wissen von den Evangelien her, dass Jesu Großfamilie ihn von der Verkündigung abhalten wollte und sogar sagte: „Er ist von Sinnen.“ Seine biologischen Verwandten haben ihn nicht verstanden. Vielmehr hat Jesus gesagt, dass jene, die den Willen seines Vaters tun, seine wahre Familie sind. Maria, seine biologische Mutter, war die allererste Jüngerin und so lag der Idealfall vor: Biologie und geistige Gesinnung waren eins! Doch wie sehr muss Jesus gelitten haben wegen derer, die so eine große Gnade erhalten haben, mit dem Fleisch gewordenen Wort Gottes verwandt zu sein! Manche haben die Zeit Gnade nicht erkannt, andere spät.
„Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.“ Das ist ein besonderer Vers, denn dies zitiert der Evangelist Johannes für Jesu Tempelreinigung. Es hat sich mit Jesus erfüllt. Aus Eifer für das Haus Gottes hat er die Händler aus dem Tempel vertrieben, die es zur Räuberhöhle gemacht haben. Dieser Eifer ist uns schon durch die Episode verdeutlicht worden, in der Jesus als Zwölfjähriger im Tempel zurückbleibt und mit den Ältesten und Schriftgelehrten debattiert. Als seine Eltern ihn voller Sorge im Tempel wiederfinden und ihn auf diese Aktion ansprechen, antwortet er ihnen: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Der Eifer für das Haus Gottes ist nicht nur auf einen irdischen Bau beschränkt. Vielmehr geht es ihm schließlich um das Reich Gottes, um das Himmelreich, dass des Vaters eigentliches Haus ist! Und für eben jene Botschaft vom Reich Gottes ist er verhöhnt worden. Damit haben die Spötter auch den Vater im Himmel verspottet, denn Jesus und der Vater sind eins.
„Es reden über mich, die am Stadttor sitzen, Spottlieder singen die Zecher beim Wein.“ Spott und Mangel an Respekt sind typische Verhaltensweisen derer, die sich über Gott erheben. Deshalb achten sie auch jene nicht, die für Gott einstehen. Jesus selbst ist so sehr verspottet worden, selbst noch am Kreuz. Sogar einer der Mitgekreuzigten macht sich über Jesus lustig, obwohl ihn dasselbe Schicksal ereilt.
König David kommt vertrauensvoll mit seinem Bittgebet zu Gott und formuliert deshalb in Vers 14: „Gott, in deiner großen Huld erhöre mich, mit deiner rettenden Treue!“ Gott ist treu. Das ist entscheidend. Er hat König David den Beistand zugesagt, er hat auch Jeremia seine Hilfe versprochen. Er lässt auch seinen einzigen Sohn nicht im Tod. Er ist auch uns gegenüber treu, die wir den Taufbund mit ihm schließen. Er rettet auch uns aus aller Not und am Ende unseres Lebens vor dem Verderben. Gott ist der Retter und der Treue. Das müssen wir uns immer vor Augen halten, vor allem in schweren Zeiten.

Mt 13
54 Jesus kam in seine Heimatstadt und lehrte die Menschen in ihrer Synagoge, sodass sie außer sich gerieten vor Staunen und sagten: Woher hat er diese Weisheit und die Machttaten?
55 Ist das nicht der Sohn des Zimmermanns? Heißt nicht seine Mutter Maria und sind nicht Jakobus, Josef, Simon und Judas seine Brüder?

56 Leben nicht auch alle seine Schwestern unter uns? Woher also hat er das alles?
57 Und sie nahmen Anstoß an ihm. Da sagte Jesus zu ihnen: Nirgends ist ein Prophet ohne Ansehen außer in seiner Heimat und in seiner Familie.

58 Und er wirkte dort nicht viele Machttaten wegen ihres Unglaubens.

Heute hören wir im Evangelium noch einmal den Grundsatz, den wir selbst gut nachvollziehen können: „Ein Prophet wird in seiner Heimat nicht anerkannt.“
Jesus und seine Jünger kommen nach Nazaret, das Jesu Heimatstadt darstellt. Am Sabbat lehrt er in der Synagoge und die Anwesenden wundern sich sehr über seine Weisheit und die Wunder („Machttaten“). Dieses Staunen ist aber kein positives oder konstruktives, das eine Dankbarkeit über Gott nach sich zieht. Es ist vielmehr ein sich Wundern, das die Weigerung nach sich zieht, Gottes Gnade in einem ihnen von früher bekannten Menschen anzuerkennen. Menschen haben die Eigenart, andere abzustempeln und nicht für möglich zu halten, dass diese Abgestempelten sich ändern können. Jesus hat längst den Stempel „Sohn des Zimmermanns“ aufgedrückt bekommen. Dass er Rabbi und Wundertäter, ja sogar Sohn Gottes sein könnte, lassen sie nicht zu. Sie öffnen sich nicht für das Wirken des Hl. Geistes. Dieser wirkt nur dort, wo Menschen ihn zulassen. Diese Menschen nehmen aber Anstoß an Jesus, da sie ihn von klein auf kennen. Seine ganze Verwandtschaft wohnt in Nazaret. Die gesamte Großfamilie hat ein festes Image vor den Bewohnern Nazarets, aus dem sie nicht herausbrechen kann. Die hier namentlich aufgeführten „Brüder“ Jesu, sind nicht seine direkten Brüder, also weitere Kinder der Maria. Sie sind vielmehr seine Cousins, mindestens zweiten Grades, da an anderer Stelle als Eltern eine andere Maria und Kleopas genannt werden (Mk 15,47 die Mutter, Joh 19,25 wird sie als Frau des Kleopas bezeichnet). Maria wird keine Schwester mit demselben Namen gehabt haben. Keiner benennt seine beiden Töchter gleich.
Jesus kann kaum Heilungen vollbringen, weil die Menschen sich ihm verschließen. Gott zwängt niemandem eine Heilung auf. Wo wir ihm das Herz öffnen, da verwandelt er es, als Bonus auch den Körper. Aber wenn das Herz verhärtet ist (Herz ist hier natürlich sinnbildlich gemeint, eigentlich ist es die Seele), dann hält er sich zurück.
Jesus wundert sich über ihren Unglauben. Er kann nicht verstehen, warum sie sich ihm verschließen. Gerade sie sehen am besten den „Vorher-Nachher-Effekt“. Sie sollten die Gnade Gottes am besten anerkennen, da sie Jesus ja gesamtbiographisch bezeugen können. Aber so ist der Mensch, der sich von einem anderen ein festes Bild macht. Dieses Bild will er von Gott nicht übermalen lassen. Er hat ein anderes Menschenbild als Gott. Im Gegensatz zu Gott, der uns Menschen als weiche Tonmasse sieht, die er nach seinem Bild formt, sieht der Mensch den Menschen als Siegelmasse, die mit einem Stempeldruck ihre endgültige Prägung erhält. Oder der Mensch sieht den Menschen als Stein, der ein Relief eingemeißelt bekommt und dieses lässt sich nicht mehr verändern. Und so werden die Nazarener selbst zu Felsen, die sich weigern, von Gott umgemeißelt zu werden.

Die Nazarener sind steinhart, weshalb Gott nichts tun kann. So sind es auch die Judäer zur Zeit Jeremias, weshalb sie das Trauma des Babylonischen Exils auf sich herabrufen. Lernen wir aus den Episoden, auf Gottes Stimme zu hören! Nehmen wir stets eine Haltung voller Umkehrbereitschaft ein und lassen wir uns immer wieder eines Besseren belehren. Wie sollen wir denn sonst näher zum Reich Gottes kommen? Das ist manchmal schwer, weil wir unseren Stolz überwinden müssen, doch dies wird uns Segen bringen.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 17. Woche im Jahreskreis

Ex 40,16-21.34-38; Ps 84,3.4.5-6au. 8a.11; Joh 11,19-27

Ex 40
16 Mose machte alles so, wie es der HERR ihm geboten hatte. So machte er es.

17 Im zweiten Jahr, am ersten Tag des ersten Monats, stellte man die Wohnung auf.
18 Mose stellte die Wohnung auf, legte ihre Sockel hin, setzte ihre Bretter darauf, brachte ihre Querlatten an und stellte ihre Säulen auf.
19 Dann spannte er das Zelt über die Wohnung und legte die Decke des Zeltes darüber, wie es der HERR dem Mose befohlen hatte.
20 Dann nahm er das Bundeszeugnis, legte es in die Lade, brachte die Stangen an der Lade an und setzte die Sühneplatte oben auf die Lade.
21 Er brachte die Lade in die Wohnung, spannte den verhüllenden Vorhang auf und verdeckte so die Lade des Bundeszeugnisses, wie es der HERR dem Mose geboten hatte.
34 Dann bedeckte die Wolke das Offenbarungszelt und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung.

35 Mose konnte das Offenbarungszelt nicht betreten, denn die Wolke wohnte darauf und die Herrlichkeit des HERRN erfüllte die Wohnung.
36 Immer, wenn die Wolke sich von der Wohnung erhob, brachen die Israeliten auf zu all ihren Wanderungen.
37 Wenn sich aber die Wolke nicht erhob, brachen sie nicht auf, bis zu dem Tag, an dem sie sich erhob.
38 Bei Tag schwebte die Wolke des HERRN über der Wohnung, bei Nacht aber war Feuer in ihr vor den Augen des ganzen Hauses Israel auf all ihren Wanderungen.

In der Lesung hören wir heute davon, dass Mose nach Gottes Vorgaben den Tempel und alles Dazugehörige anfertigen lässt. Es heißt, dass man den Tempel im zweiten Jahr, am ersten Tag des ersten Monats aufstellt. Dabei handelt es sich um das Offenbarungszelt, das schnell wieder zusammengebaut werden kann und bei der Wüstenwanderung mitgeführt wird.
Worauf aber bezieht sich die Zeitangabe? Es geht um die Zählung seit dem Auszug aus Ägypten. Im zweiten Jahr des Geschehenen wurde das Offenbarungszelt mit allen kultischen Gegenständen gebaut. Der erste Monat ist der Monat, in dem der Auszug aus Ägypten geschah und in dem die Israeliten seitdem Pessach feierten.
Dann wird ganz detailliert beschrieben, wie Mose alles ganz genau nach den Vorgaben Gottes bauen lässt. Dadurch wird uns verdeutlicht, dass Mose gehorsam ist. Gott entscheidet, wie der Kult der Israeliten aussehen soll. Er gibt alles vor.
Besonders wichtig ist die Bundeslade als Kern des Heiligtums. Sie soll durch einen verhüllenden Vorhang vom Rest abgeschirmt werden. Schon von Anfang an ist sie das Allerheiligste des Tempels, zu dem keiner einfach so vordringen kann.
Mose setzt gehorsam alles um und als Zeichen der Bestätigung kommt die Wolke Gottes auf den Ort nieder. Gottes Schechina, seine Herrlichkeit nimmt Wohnung im Offenbarungszelt. Das Theophaniezeichen der Wolke ist den Israeliten mittlerweile vertraut und wird sie viele Jahre begleiten. Gott gibt nicht nur die Art und Weise des Kultes vor, sondern auch das Timing. Wenn sich die Wolke vom Offenbarungszelt erhebt, wissen die Israeliten, dass sie weiterziehen sollen. Wenn sie auf dem Tempel liegenbleibt, wissen sie, dass sie an dem Tag lagern sollen. Es ist aber nicht rund um die Uhr eine Wolke zu sehen, sondern in der Nacht zeigt sich Gott im Feuer ganz wie am Anfang des Exodus. Gott ist stets bei seinem Volk. Er verhält sich ganz, wie er dem Mose im brennenden Dornbusch offenbart hat: Er ist Jahwe, Gott, der bei seinem Volk ist und immer bei seinem Volk sein wird.

Ps 84
3 Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach den Höfen des HERRN. Mein Herz und mein Fleisch, sie jubeln dem lebendigen Gott entgegen.
4 Auch der Sperling fand ein Haus und die Schwalbe ein Nest, wohin sie ihre Jungen gelegt hat – deine Altäre, HERR der Heerscharen, mein Gott und mein König.
5 Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben.
6 Selig die Menschen, die Kraft finden in dir,
8 sie schreiten dahin mit wachsender Kraft.

11 Ja, besser ist ein einziger Tag in deinen Höfen als tausend andere. Lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als wohnen in den Zelten der Frevler.

Der heutige Psalm ist dem Tempel in Jerusalem gewidmet. Gleich zu Beginn wird uns dies durch die „Höfe des Herrn“ verdeutlicht. Es meint die verschiedenen Bereiche des Tempelgeländes. Der ganze Beter verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel. Er jubelt mit seiner ganzen Existenz („mein Herz und mein Fleisch“). Der Psalm passt sehr gut zur Lesung, in der wir von Gottes Gegenwart im Offenbarungszelt gehört haben. Über diesen Wortsinn hinaus erkennen wir aber die geistliche Reichweite dieser Sehnsucht und auch der gesamten Widmung des Psalms: Es geht um Gottes Gegenwart auch in Jesus Christus, also um die messianische Sehnsucht, sowie um die Gegenwart Gottes im Allerheiligsten Sakrament. Moralisch gesehen geht es um die Sehnsucht nach Gottes Wohnung im Herzen des Menschen und den Stand der Gnade. Die Sehnsucht nach Gottes Gegenwart nimmt in unserer Zeit zu, die immer gottloser wird. Dadurch steigt die Sehnsucht nach der Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten, der alles gut machen wird. Wir haben also auch diese anagogische Lesart vor Augen.
Der Beter vergleicht seine Freude über den Tempel und seine damit verbundenen Heimatgefühle mit Sperling und Schwalbe, die ein Nest gebaut und ihre Jungen hineingelegt haben. Dabei ist die Anrede HERR der Heerscharen (Jahwe Zebaot) eine kultische Bezeichnung für Gott. Auch wir bezeichnen ihn so, wenn wir das Sanctus singen. Es ist ein liturgischer Titel auch bei den Christen. Die wahre Heimat des Christen ist das Himmelreich, das himmlische Jerusalem, in dem Gott inmitten seiner Kinder gegenwärtig ist und wo es keinen Tempel im ursprünglichen Sinne mehr benötigt.
„Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben“ führt uns ebenfalls über den Buchstabensinn hinaus. Wir preisen jene selig, die ewig das Sanctus im Himmel singen. Nicht umsonst kündigt der Priester in der Präfation das Sanctus z.B. mit den Worten an: „Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit.“ Jene sind es, die wirklich selig sind und im Hause Gottes wohnen und ihn allezeit preisen. Neben dieser anagogischen Lesart können wir es schon allegorisch-ekklesiologisch verstehen, also auf die Kirche beziehen. Sie ist das Haus Gottes auf Erden, der Antitypos des Tempels. Hier wohnt Christus in eucharistischer Gestalt. Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Gott allezeit preist. Hier wird ein Funke der eschatologischen Freude schon sakramental vorweggenommen.
Der Beter des Psalms bevorzugt diese Zeit im Tempel gegenüber vielen Tagen vom Tempel entfernt. Die Wallfahrtszeiten sind sein Höhepunkt. Er freut sich schon darüber, wenn er „an der Schwelle“ stehen darf, solange er nicht in den „Zelten der Frevler“ verbringen muss. Es ist wiederum anagogisch weiterzudenken: Selbst wenn wir an der Schwelle zum Himmelreich stehen, ist es besser, als in der ewigen Verdammnis zu verbringen. Selbst wenn wir noch geläutert werden müssen, aber schon mit einem Fuß im Himmelreich sind, haben wir Trost. Denn wir sind uns sicher, dass wir danach bei Gott sein dürfen. Es ist wie mit den Höfen des Tempels. Es muss zunächst die Reinigung erfolgen, damit wir weiter vordringen können. Der irdische Tempel ist wirklich nach dem Vorbild der Ewigkeit gebaut worden!
„Sie schreiten dahin mit wachsender Kraft“. Wer von Gottes Liebe berührt wird, wer ganz mit ihr erfüllt ist, geht nicht mehr als alter Mensch zurück. Wenn wir Gott begegnen, verwandelt er uns in seiner Gegenwart. Das gilt schon für die Juden, die bei ihren Wallfahrtsfesten neu gestärkt und im Glauben vertieft vom Tempel in Jerusalem nach Hause zurückkehren. Das gilt umso mehr für jene, die neugeboren werden im Hl. Geist bei der Taufe! Denn sie werden zu neuen Menschen, die das ewige Leben erlangen. Und wenn sie auf Gottes Wegen gehen, erhalten sie diesen neuen Zustand aufrecht. Und wenn sie den Herrn in der Kommunion empfangen, dann werden sie nach und nach ihm gleichgestaltet. Die Kirche wird immer mehr zum Leib Christi, je mehr sie Eucharistie feiert. Der einzelne Gläubige wird immer mehr zum Leib Christi, je öfter er ihn empfängt. Und mithilfe der Sakramente und Sakramentalien wird er innerlich gekräftigt und ausgerüstet mit allem, was er für den Weg des Lebens bis in die Ewigkeit benötigt. Sie wachsen in der Kraft, in der Gnade und in der Heiligkeit.

Joh 11
19 Viele Juden waren zu Marta und Maria gekommen, um sie wegen ihres Bruders zu trösten.
20 Als Marta hörte, dass Jesus komme, ging sie ihm entgegen, Maria aber blieb im Haus sitzen.
21 Marta sagte zu Jesus: Herr, wärst du hier gewesen, dann wäre mein Bruder nicht gestorben.
22 Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.
23 Jesus sagte zu ihr: Dein Bruder wird auferstehen.
24 Marta sagte zu ihm: Ich weiß, dass er auferstehen wird bei der Auferstehung am Jüngsten Tag.
25 Jesus sagte zu ihr: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, wird leben, auch wenn er stirbt,
26 und jeder, der lebt und an mich glaubt, wird auf ewig nicht sterben. Glaubst du das?
27 Marta sagte zu ihm: Ja, Herr, ich glaube, dass du der Christus bist, der Sohn Gottes, der in die Welt kommen soll.

Weil heute der Gedenktag der Hl. Marta ist, hören wir einen Ausschnitt aus der Episode der Auferweckung des Lazarus. Als Jesus mit seinen Jüngern unterwegs nach Betanien ist, kommt Marta ihm entgegen, während Maria im Haus bleibt. Die beiden Frauen trauern sehr um ihren Bruder, der an einer Krankheit verstorben ist. Sie sind zunächst beide im Haus, wo viele Menschen zu ihnen kommen und sie trösten. Als Marta von Jesu Kommen hört, ist sie sofort unterwegs zu ihm. Das ist bezeichnend, denn Marta ist der aktive Part der Familie. Sie ist voller Tatendrang und führt viele Liebestaten aus. Aus dem Lukasevangelium ist uns ja die Episode überliefert, in der Marta Jesus bewirtet und Maria seinen Worten lauscht. Marta ist wirklich eine Frau der Tat! Maria dagegen ist der kontemplative Part der Familie, die Ruhende und Hörende, die sich auf Jesus einlässt und gut in sich gehen kann. Deshalb verwundert es auch nicht, dass Maria im Haus zurückbleibt. Und auch wenn Jesus den beiden Schwestern im Lukasevangelium erklärt, dass Maria den besseren Teil ausgewählt hat, als sie ihrer Schwester nicht geholfen hat, können die Schwestern ihren Charakter bzw. ihr Charisma nicht einfach verändern. Es wird ein wenig immer so bleiben, auch wenn Marta sich mehr um Kontemplation bemüht haben wird.
Warum aber geht Marta Jesus entgegen? Sie tut es nicht nur, weil sie ihn so ersehnt und so schnell wie möglich bei ihm sein möchte. Womöglich tut sie es, um Jesus nicht bis zum Haus kommen zu lassen, in dem Lazarus gestorben ist und wo deshalb für sieben Tage kultische Unreinheit herrscht. Vielleicht möchte sie nicht, dass Jesus danach isoliert sein muss. Andererseits: Sie selbst ist ja auch kultisch verunreinigt und dürfte somit gar nicht auf ihn zugehen. Also bezeugt sie durch dieses Verhalten vielmehr ihren starken Glauben, der stärker als die Furcht vor kultischer Unreinheit ist.
Sie ist voller Trauer und doch glaubt sie, dass Jesus vom Vater alles erbitten kann. Sie hadert nicht mit Jesus, auch wenn sie ihm sagt: „Wärst du hier gewesen, wäre er nicht gestorben.“ Ihr Gottvertrauen ist größer als ihre Trauer. Deshalb sagt sie: „Aber auch jetzt weiß ich: Alles, worum du Gott bittest, wird Gott dir geben.“
Jesus erklärt ihr, dass der Bruder nicht sterben wird. Sie versteht es so, dass Jesus die Auferstehung am letzten Tag meint. Jesus möchte aber sagen, dass es eine Auferstehung von den Toten auch schon vor dem Ende der Zeiten geben wird, nämlich eine Auferstehung der Seele, selbst beim Sterben des Leibes. Damit nimmt er vorweg, was uns allen geschenkt wird, wenn Jesus die ganze Welt erlöst. Er selbst ist die Auferstehung, weil mit seiner Person das ewige Leben dem Menschen ermöglicht wird, der an ihn glaubt.
In diesem Sinne verstehen wir es, wenn Jesus sagt, dass der Mensch leben wird, auch wenn er stirbt, ja sogar auf ewig nicht sterben wird. Dies bezieht sich dann auf das ewige Leben bei Gott, das wir zunächst seelisch haben bis zum Weltende, wo wir mit unseren Leibern wieder vereint werden.
Marta hat ihren geliebten Bruder verloren und doch vertraut sie auf den Herrn. Sie bekennt, dass Jesus der Messias ist. Das ist sehr erstaunlich, denn so ein Messiasbekenntnis ist sonst sehr selten überliefert. Wir wissen z.B. von Petrus, dass er Jesus als Messias offen bekennt. An diesem Gespräch zeigt sich uns, was für ein glaubensstarker Mensch Marta ist.

Heute geht es um das Heiligtum Gottes und um das ewige Leben. Wir alle dringen immer weiter vor bis zum Allerheiligsten, zum himmlischen Jerusalem und Gottes unverhüllter Schau. Noch sehen wir den Herrn verhüllt durch den Tempelvorhang der Ewigkeit. Deshalb sind wir Gläubige. Doch am Ende der Zeiten werden wir Schauende sein, denn dann wird der Schleier hinweggenommen, der schon zerrissen ist mit der Erlösung Jesu Christi. Wir müssen uns bewusst sein, dass uns ein ganz großes Privileg zuteilwird: Wir dürfen jederzeit zum Allerheiligsten kommen, um den Herrn anzubeten! Das war den Israeliten versagt, nur einmal im Jahr dem Hohepriester an Jom Kippur erlaubt. Nehmen wir dies dankbar in Anspruch und bitten wir die Hl. Marta um ihre Fürsprache, dass auch wir einen so starken Glauben wie sie bekommen, der auch der tiefsten Trauersituation standhält.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 17. Woche im Jahreskreis

Ex 34,29-35; Ps 99,2 u. 5.6-7.8-9; Mt 13,44-46

Ex 34
29 Als Mose vom Sinai herunterstieg, hatte er die beiden Tafeln des Bundeszeugnisses in der Hand. Während Mose vom Berg herunterstieg, wusste er nicht, dass die Haut seines Gesichtes strahlte, weil er mit ihm geredet hatte.
30 Aaron und alle Israeliten sahen Mose und siehe: Die Haut seines Gesichtes strahlte und sie fürchteten sich, in seine Nähe zu kommen.
31 Erst als Mose sie rief, kamen Aaron und alle Sippenhäupter der Gemeinde zu ihm zurück und Mose redete mit ihnen.
32 Dann kamen alle Israeliten herbei und er trug ihnen alles auf, was der HERR zu ihm auf dem Berg Sinai gesprochen hatte.
33 Als Mose aufhörte, mit ihnen zu reden, legte er über sein Gesicht einen Schleier.
34 Wenn Mose zum HERRN hineinging, um mit ihm zu reden, nahm er den Schleier ab, bis er wieder herauskam. Wenn er herauskam, trug er den Israeliten alles vor, was ihm aufgetragen worden war.
35 Wenn die Israeliten das Gesicht des Mose sahen, wie die Haut seines Gesichtes strahlte, legte er den Schleier über sein Gesicht, bis er wieder hineinging, um mit ihm zu reden.

Wir hörten zuletzt davon, dass Gott bei seinem Bundesversprechen bleibt, obwohl Israel ihm mit dem Tanz um das Goldene Kalb einen „Schlag ins Gesicht“ versetzt hatte. Mose hatte beim Anblick des Götzendienstes voller Zorn die Bundestafeln am Fuß des Berges zerschmettert. Nun empfängt er von Gott ein neues Paar.
Er steigt vom Berg herab und kehrt zum Volk Israel zurück. Nun geschieht allerdings etwas, das die Menschen nicht einordnen können: Moses Gesicht strahlt hell! Die Zwiesprache mit Gott in dessen Gegenwart färbt gleichsam auf den Gottesmann ab. Es ist kein Zufall, dass es ausgerechnet das Gesicht ist. Das Volk Israel wird vorbereitet und darüber hinaus auch wir: Je mehr wir uns in der Gegenwart Gottes befinden, desto mehr wandelt er uns nach seinem Bild. Sein eigenes Antlitz prägt sich auf unserem Gesicht ein, ganz wie ein Veronikon wie beim Schweißtuch auf dem Kreuzweg Jesu. Er prägt sich zwar vor allem in unsere Seele ein, doch nicht umsonst besagt das Sprichwort: Augen sind die Fenster zur Seele. Auf dem Gesicht spiegelt sich wider, was in uns vorgeht. Wo ist die Gegenwart Gottes besonders ausgeprägt? In der heiligen Eucharistie! Wenn wir den Herrn empfangen, wird er immer mehr ein Teil von uns. Je mehr wir die Anbetung halten, er sich uns aussetzt im Allerheiligsten und wir uns seiner wandelnden Liebe aussetzen, sodass wir gereinigt werden, desto mehr werden wir ihm gleichgestaltet. Zwar ist es im Normalfall nicht sichtbar, dass unser Gesicht so leuchtet wie das des Mose, doch die Gnade Gottes hinterlässt auch bei uns ihre Spuren.
Das Ereignis erinnert uns zudem an Christus, der diese eigentlich unsichtbare Wirklichkeit drei Aposteln für einen Augenblick offenbart: Er wird auf dem Tabor verklärt und sie sehen die strahlendweiße Herrlichkeit Gottes auf Christi Gesicht und Kleidung. Er leuchtet wie die Sonne.
Wenn wir auch auf moralischer Ebene ganz bei Gott sind, das heißt seine Gebote halten, dann strahlt unser Lebenswandel hell, was auch anderen nicht verborgen bleibt. Jesus sagt, wir sind das Licht der Welt und eine Stadt auf dem Berg kann nicht verborgen bleiben. Das ist die größte missionarische Kraft, die wir besitzen – die gelebte Liebe, die alle Erwartungen übersteigt.
Am Ende der Zeiten werden wir ganz in Gottes Gegenwart sein, sodass nicht nur unser Gesicht strahlt, und auch nicht nur für einen Moment, sondern ewig!
Mose legt einen Schleier über sein Gesicht, wenn er mit den Israeliten spricht, denn das Leuchten überfordert die Menschen. Zugleich ist es etwas, das nicht von dem zu Sagenden ablenken soll – Gottes Willen. Die Israeliten sollen bloß nicht in eine Sensationsgier verfallen, sondern Gott gehorsam sein. Mose möchte zudem keinem Angst einjagen.
Lassen wir uns von seinem leuchtenden Gesicht ermutigen: Auch wir werden angestrahlt von der Gnade Gottes in dessen Gegenwart. Gehen wir zur Anbetung, damit wir Christus immer mehr gleichgestaltet werden.

Ps 99
2 Groß ist der HERR auf Zion, erhaben ist er über alle Völker.
5 Erhebt den HERRN, unsern Gott, werft euch nieder am Schemel seiner Füße! Er ist heilig!
6 Mose und Aaron sind unter seinen Priestern, Samuel unter denen, die seinen Namen anrufen. Sie riefen zum HERRN und er gab ihnen Antwort.
7 Aus der Wolkensäule sprach er zu ihnen, sie hielten seine Gebote und die Satzung, die er ihnen gegeben.
8 HERR, unser Gott, du gabst ihnen Antwort./ Du warst ihnen ein vergebender Gott, doch ihre Vergehen hast du vergolten.
9 Erhebt den HERRN, unsern Gott, werft euch nieder an seinem heiligen Berg! Denn der HERR, unser Gott, ist heilig!

Als Antwort preisen wir Gott mit dem Psalm, der überschrieben ist mit „Der heilige Gott auf dem Zion“. Ja, seine Gegenwart ist auf dem Zion, wo nämlich der Tempel in Jerusalem erbaut ist. Dort bei der Bundeslade ist Gott gegenwärtig. Seine Schechina wohnt im Tempel. Und doch lässt er sich ja nicht vollständig dort nieder. Es ist eine andere Art von Gegenwart wie bei der Realpräsenz Christi in der Eucharistie. In dieser nimmt Gottes Gegenwart neue Dimensionen an. Seine Herrlichkeit ist dennoch so überwältigend, dass er erhaben ist „über alle Völker“. Das ist eine sehr tröstliche Aussage, die vor allem dann besonderes Gewicht erhält, wenn Israel von den Feinden besonders unterdrückt wird. Es ist die Gewissheit, dass Gott über allen Völkern steht und das letzte Wort hat. Insbesondere der Exodus, von dem wir in den letzten Wochen gehört haben, ist ein wunderbarer Beweis für Gottes Souveränität im Gegensatz zu allen Fremdvölkern.
Gottes Herrlichkeit kommt vielleicht nieder auf den Tempel, zuvor schon auf den Berg Sinai, weshalb Mose ja leuchtet, doch Gottes Wohnung wird auch in den Psalmen im Himmel verortet. Es herrscht die Vorstellung vor, dass die Erde bzw. das irdische Heiligtum den Schemel seiner Füße darstellt. An diesem treten die Diener des Alten Bundes heran. Sie bringen Opfer dar zu seinen Füßen, was natürlich bildlich zu verstehen ist. Gott ist Geist und nicht als Menschengestalt zu verstehen. Er ist der ganz Andere, was auch durch den Begriff der Heiligkeit umschrieben wird. Im Alten Bund ist es das Maximum an Gottesnähe, in das Allerheiligste zu treten, um Opfer darzubringen und im Gebet Gott zu loben und zu preisen, Bitten an ihn zu richten, ihm alles anzuvertrauen. Die vertraute Beziehung zwischen Gott und Mensch wird am Beispiel wichtiger Heilsgestalten ausgefaltet: Mose und Aaron, Samuel, sie alle haben mit Gott Zwiesprache gehalten. Sie haben stellvertretend für das Volk Anliegen zu Gott gebracht und sind erhört worden. Gott hat sich vor dem Bau des Tempels, ja noch vor dem Bau des Offenbarungszeltes manifestiert in der Wolkensäule, auch schon zuvor im brennenden Dornbusch und auf dem Berg kam er herab mit einem lauten Gewitter, dass die Menschen es mit der Angst zu tun bekamen. Was wir hier verstehen, ist: Gott offenbart sich den Menschen. Inmitten der Begegnung gibt er Gebote und Satzungen, nicht unbeteiligt und unpersönlich, sondern mitten in der innigen Gottesbegegnung. So ist es umso mehr mit Christus. Aus der innigen Gemeinschaft mit ihm heraus halten wir seine Gebote, die wiederum keine neuen sind, sondern die Erfüllung der alten Gebote! Mit Christus ist all dies, was im Alten Bund geschah, nicht hinfällig geworden, sondern intensiviert sowie zum Abschluss gekommen: Die Vertrautheit einzelner Heilsgestalten im Alten Bund ist nun ausgeweitet auf uns alle. Wir dürfen zum Vater kommen und vertrauensvoll bitten. Jesus hat uns das Vaterunser beigebracht. Gottes Vergebung ist schon einzelnen Menschen im Alten Bund zuteilgeworden, doch sie nimmt mit der Taufe ganz neue Dimensionen an. Wir werden ganz rein gewaschen von unserer Schuld wie zuvor kein anderer Mensch! Uns ist der Zugang zum Vater wiederhergestellt worden – wiederum durch die Kraft des Hl. Geistes, nicht mehr durch Buchstabentreue. Diese konnte noch nie einen Menschen vor Gott rechtfertigen. Wäre dem so, wären die Gerechten des Alten Bundes direkt dorthin gekommen und Jesus hätte es nicht benötigt. Gottes Gegenwart ist ganz real und fassbar in jeder katholischen Kirche auf der Erde. Es ist nicht mehr „nur“ Gottes Schechina, seine Herrlichkeit, die auf unsere Kirchen herabkommt, sondern Gott selbst ist leibhaftig da. Er ist nicht mehr nur auf dem Hl. Zionsberg anwesend, dort nicht einmal mehr wegen des zerstörten Tempels, sondern seine Gegenwart ist weltweit ausgeweitet. Überall wo Christus in der Eucharistie angebetet wird, ist Gottes heilige Wohnung! Überall wo das Messopfer dargebracht wird, ist Zion! Und in der Ewigkeit werden wir das himmlische Zion betreten, das bleibt. Es ist die heilige Stadt, die schon in der Johannesoffenbarung beschrieben wird.

Mt 13
44 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Schatz, der in einem Acker vergraben war. Ein Mann entdeckte ihn und grub ihn wieder ein. Und in seiner Freude ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte den Acker.
45 Auch ist es mit dem Himmelreich wie mit einem Kaufmann, der schöne Perlen suchte.
46 Als er eine besonders wertvolle Perle fand, ging er hin, verkaufte alles, was er besaß, und kaufte sie.

Als Evangelium hören wir heute Gleichnisse, die die Kostbarkeit des Reiches Gottes umschreiben.
Das Reich Gottes ist wie ein Schatz, der in einem Acker vergraben ist. Das sagt uns erstens, dass es verborgen ist. Zweitens muss es entdeckt werden. Wenn es entdeckt wird, erfüllt es den Finder mit Freude. Der Finder verkauft alles, um sich den Acker mit dem vergrabenen Schatz leisten zu können.

Auf das Reich Gottes angewandt bedeutet es, dass der Mensch, der es gefunden hat, den ganzen Besitz, alles Irdische, alles Vorübergehende abgibt, nur um dieses höhere Gut zu erhalten. Jesus erklärt es den Menschen immer wieder: Wer reich ist, hat es schwer, in das Reich Gottes zu gelangen. Das Problem ist nicht der Reichtum an sich, sondern die Bindung daran. Wer aber alles verkauft oder verschenkt, wird frei für den himmlischen Reichtum. Auch das zweite Gleichnis umschreibt das Reich Gottes als Kostbarkeit – eine Perle, für die ein Kaufmann alles verkauft. Uns sagt dieses erste Gleichnis bereits, dass wer das Reich Gottes gefunden hat, eine Lebenswende durchmacht. Für den kehren sich die Prioritäten komplett um. Die irdischen Güter verlieren mit einem Mal an Bedeutung.
Das heißt nicht, dass die irdischen Güter hinfällig geworden sind, aber wenn Gott an die erste Stelle tritt, dann erhalten alle anderen Güter den richtigen Stellenwert. Dann ordnet sich alles Andere im Leben des Menschen. Wir müssen zudem keinen Mangel leiden, weil Gott sich wirklich um uns kümmert. Jesus ermutigt uns dazu, zuerst das Reich Gottes zu suchen, weil Gott uns alles Andere, wirklich alles, dazugeben wird. Wir müssen dafür nur Gott den ersten Platz geben, alles uns Mögliche tun, damit er die Nummer eins in unserem Leben ist, von Herzen seinen Willen suchen und uns bemühen, ihn immer zu tun.

In den heutigen Lesungen hören wir von der Innigkeit mit Gott, von seiner Gegenwart, die uns nicht nur erfüllt, sondern auf uns abfärbt. Wir hören auch davon, dass wir seine Nähe und sein Reich stets suchen sollen und zu einem Leben nach seinen Geboten berufen sind. Das ist der Weg in die ewige Glückseligkeit. Dann werden wir zu den Kindern des Reiches, die im Himmelreich ewig strahlen werden wie die Sonne, so wie Jesus es im gestrigen Evangelium erklärt hat.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 17. Woche im Jahreskreis

Ex 33,7-11; 34, 4b.5-9.28; Ps 103,6-7.8-9.10-11.12-13; Mt 13,36-43

Ex 33
7 Mose nahm jeweils das Zelt und schlug es für sich außerhalb des Lagers auf, in einiger Entfernung vom Lager. Er nannte es Offenbarungszelt. Wenn einer den HERRN aufsuchen wollte, ging er zum Offenbarungszelt vor das Lager hinaus.

8 Wenn Mose zum Zelt hinausging, erhob sich das ganze Volk. Jeder trat vor sein Zelt und sie schauten Mose nach, bis er in das Zelt eintrat.
9 Sobald Mose das Zelt betrat, ließ sich die Wolkensäule herab und blieb am Zelteingang stehen. Dann redete der HERR mit Mose.
10 Wenn das ganze Volk die Wolkensäule am Zelteingang stehen sah, erhoben sich alle und warfen sich vor ihren Zelten zu Boden, jeder am Eingang seines Zeltes.
11 Der HERR und Mose redeten miteinander von Angesicht zu Angesicht, wie einer mit seinem Freund spricht. Mose ging ins Lager zurück, während sein Diener Josua, der Sohn Nuns, ein junger Mann, nicht vom Zelt wich.
4 Früh am Morgen stand er auf und ging auf den Sinai hinauf, wie es ihm der HERR aufgetragen hatte. Die beiden steinernen Tafeln nahm er mit.

5 Der HERR aber stieg in der Wolke herab und stellte sich dort neben ihn hin. Er rief den Namen des HERRN aus.
6 Der HERR ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Der HERR ist der HERR, ein barmherziger und gnädiger Gott, langmütig und reich an Huld und Treue:
7 Er bewahrt tausend Generationen Huld, nimmt Schuld, Frevel und Sünde weg, aber er spricht nicht einfach frei, er sucht die Schuld der Väter bei den Söhnen und Enkeln heim, bis zur dritten und vierten Generation.
8 Sofort verneigte sich Mose bis zur Erde und warf sich zu Boden.
9 Er sagte: Wenn ich Gnade in deinen Augen gefunden habe, mein Herr, dann ziehe doch, mein Herr, in unserer Mitte! Weil es ein hartnäckiges Volk ist, musst du uns unsere Schuld und Sünde vergeben und uns dein Eigentum sein lassen!
28 Mose blieb dort beim HERRN vierzig Tage und vierzig Nächte. Er aß kein Brot und trank kein Wasser. Er schrieb auf die Tafeln die Worte des Bundes, die zehn Worte.

Gestern hörten wir davon, wie sich das Volk Israel gegen Gott durch die Anbetung eines goldenen Kalbs schwer versündigte. Mose stieg daraufhin auf den Berg, um bei Gott für das Volk Fürsprache einzulegen. Gott vernichtet das Volk nicht auf der Stelle, lässt es zwar die Konsequenzen der Sünde spüren, aber bekräftigt auch jetzt den Bund. Er wird das Volk in das Verheißene Land führen, wie er es schon lange zuvor verheißen hat. Dann steigt Mose wieder herab und errichtet das Offenbarungszelt. Jedesmal, wenn Gottes Herrlichkeit darauf hinabsteigt, sehen die Israeliten die Wolke Gottes auf den Ort hinabkommen. Dies geschieht immer wieder, wenn Mose in das Zelt hineingeht. Dann spricht er mit Gott. Die Israeliten werfen sich jedesmal nieder, wenn dies geschieht, weil sie verstehen, dass Gottes Gegenwart sie nun erfüllt. Es ist sehr bemerkenswert, wie die Zwiesprache Moses mit Gott beschrieben wird: „wie einer mit seinem Freund spricht.“ Gott ist bereit, sich auf Augenhöhe mit den Menschen zu begeben, um ihnen seinen Heilsplan kundzutun. So ist unser Gott!
Gott möchte Mose erneut die Bundestafeln übergeben und deshalb steigt Mose am frühen Morgen auf den Sinai. Er nimmt zwei steinerne Tafeln mit hinauf, die er zuvor zurechtgehauen hat. Und Gott steigt in einer Wolke auf den Berg herab. Das ist ein Theophaniezeichen, wie es sich sogar bis ins Neue Testament zieht, wenn wir an die Taufe und die Verklärung Jesu denken. Gott ist Geist und so müssen wir die Worte in Vers 5 bildlich verstehen. Er kann sich nicht neben Mose stellen. Im Alten Testament gibt es unter anderem angelomorphe Vorstellungen, denen nach Gott sich in seinen Engeln zeigt. So ist es eigentlich Gott selbst, der in den drei Engeln Abraham in Mamre aufgesucht hat. Diese Begebenheit ist später sogar als Dreifaltigkeitserscheinung gedeutet worden. Es ist an dieser Stelle wichtig, dass die Gottesbegegnung auf dem Sinai ein Geheimnis bleibt. Denn es wird keine konkrete Manifestation oder Gestalt Gottes hier beschrieben. So ist auch das Vorübergehen Gottes vor Moses Angesicht eine geheimnisvolle Aussage. Wie zieht er denn vorüber? Heißt das, dass Gott einen Körper hat und sich deshalb von einem Ort zum anderen bewegen kann? Darauf kommt es nicht an. Seine Gegenwart ist für Mose jedenfalls erkennbar und so verneigt er sich so tief, wie er nur kann. Er wirft sich zu Boden, was mit dem hebräischen Wort וַיִּשְׁתָּֽחוּ wajischtachu ausgedrückt wird. Das heißt auf Deutsch, dass Mose mit dieser Geste Gott anbetet.
Mose betet zugleich einen Lobpreis an Gott, der vielen Psalmen sehr ähnlich ist, im Grunde kann man sagen, dass er hier ein ähnliches Gebet formuliert wie in Ps 86 und vor allem Ps 103, weshalb wir diesen gleich auch als Antwort beten. In diesem Gebet formuliert er auch, dass die Sünde des Menschen auf ihn und seine Nachkommen zurückfällt, auch wenn Gott barmherzig ist. Sünde hat immer eine Konsequenz.
Wenn er dann im Folgenden die Wendung formuliert: „Wenn ich Gnade in einen Augen gefunden habe“, kann man diese mit der conditio jacobaea, der jakobinischen Devotionsformel „wenn Gott will“ (Jak 4,15) vergleichen. Unter der Bedingung des Willens Gottes bittet Mose ihn also nun um seine Gegenwart inmitten des Volkes. Das hebräische Wort für „Gnade“ ist an dieser Stelle חֵ֤ן chen. Die Wortfamilie wird auch für die Vergebung verwendet, was uns Vers 9 besser verstehen lässt: Das Volk Israel ist hartnäckig. Wir sagen auch manchmal „verstockt“ dazu. Es ist so stur, dass es nicht auf Gottes Stimme hört und aus den Fehlern oft nicht lernt. Gott muss Schuld und Sünde erlassen und wird an seine Bundestreue erinnert, weil zuvor Mose schon einmal die Zehn Gebote erhalten hat, dann aber bei seiner Rückkehr beim Volk die götzendienerische Eskalation um das goldene Kalb gesehen und die Tafeln zerstört hat. Gott gibt dem Menschen in seiner unendlichen Güte eine neue Chance. Er kündigt seinen Bund nie auf, obwohl seine Bündnispartnerin Israel ihm immer wieder untreu wird.
In der Lesung wird Gott geheimnisvoll in seiner Andersheit dargestellt und doch als ein Gott, der in seiner personalen Natur mit Menschen spricht.

Ps 103
6 Der HERR vollbringt Taten des Heils, Recht verschafft er allen Bedrängten.

7 Er hat Mose seine Wege kundgetan, den Kindern Israels seine Werke.
8 Der HERR ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld.
9 Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach.
10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.
11 Denn so hoch der Himmel über der Erde ist, so mächtig ist seine Huld über denen, die ihn fürchten.
12 So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel.
13 Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten.

Als Antwort darauf beten wir Psalm 103, der Gottes Güte an dem einzelnen Menschen preist.
Der Psalm zählt einige der guten Taten auf, die Gott uns Menschen erweist. Seine Taten sind stets Heilstaten, die uns also zum ewigen Heil dienen. Er sorgt für Gerechtigkeit, wo die Menschen keine Gerechtigkeit erfahren. Im Alten Israel betrifft das vor allem die rechtlosen Personengruppen der Witwen, Waisen und Fremden.
Gott ist barmherzig mit seinem Volk und hat sehr viel Geduld. Als der ganz Andere, der Heilige und Transzendente ist er doch bereit, seinen Plan mit Mose zu teilen. Er ist ein sich offenbarender Gott, sodass wir wissen, was er vorhat. Das müsste er nicht tun, aber er tut es!
Obwohl Israel so oft seine Sturheit bewiesen hat, hat Gott es nicht aufgegeben. Auch wenn wir im Neuen Bund Gott untreu werden, kündigt er uns den Bund nicht auf. Er ist treu.
Die Barmherzigkeit Gottes wird auch in Vers 9 thematisiert: Gott richtet als gerechter Richter, aber es ist bei ihm mehr als nur ein Kausalschluss wie bei der Karmalehre („du kriegst, was du verdient hast“). Gott ist keine Rechenmaschine, sondern er schaut auf das Herz und dessen Reue. Deshalb wird er „nicht immer rechten“ und auch „nicht ewig nachtragen“. Dieser Psalm ist ein wunderbares Zeugnis dafür, dass auch schon das Alte Testament einen barmherzigen und vergebenden Gott kennt. Wenn Gott aber im Herzen Rache, Zorn und Groll erblickt, an denen der Mensch krampfhaft festhält, kann er ihm keine Vergebung schenken. Dort ist kein Platz mehr darin.
Dass Gott nicht mathematisch richtet, sehen wir auch an Vers 10: Er handelt am Menschen nicht nach seinen Sünden im Sinne von „er rächt sich an ihm für alles, was er ihm angetan hat.“ So ist Gott nicht. Wir müssen für unsere Sünden Rechenschaft ablegen und den entstandenen Schaden wieder gut machen. Wir müssen auch die Konsequenzen unserer Vergehen tragen, aber das hat nichts mit Rache zu tun. Nur so können wir zur Einsicht kommen und das gehört zur Verantwortung dazu, die einem von Gott verliehen worden ist. So soll es auch zwischen den Menschen sein. Wir sollen keine Rachegefühle dem anderen gegenüber haben, was nicht heißt, dass die Sünde nicht wieder gut gemacht werden muss.
Was in Vers 10 ausgedrückt wird, ist also nicht: „Es ist egal, wie du lebst, da Gott dich nicht nach deinen Sünden richten wird.“ Es heißt, dass Gott mehr als nur deine Handlungen selbst betrachten wird. Und wenn du deine Sünden von Herzen bereust, sie bekennst und dir vornimmst, sie nicht mehr zu tun, dann vergibt er sie dir. Die Vergebung ist ein Geschenk Gottes und Geschenke bekommt man unabhängig davon, ob man sie verdient hat oder nicht. Was wir für diese unverdiente Vergebung tun können, ist aufrichtig zu sein, ehrlich zu uns selbst und demütig im Licht seines Angesichts. Und mit dieser Einstellung öffnen wir uns für die Gnade Gottes so sehr, dass er auch aus einem großen Sünder einen Heiligen machen kann, solange er sich bekehrt.
In einem wunderbar poetischen Bild umschreibt der Psalm Gottes Huld über jenen, die sich wirklich von Herzen bemühen – so hoch der Himmel über der Erde ist! Ein weiterer romantisch-poetischer Ausdruck begegnet uns in Vers 12: Gott entfernt unsere Sündhaftigkeit so weit von uns, wie es nur geht – eben „so weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang“.
Gott ist ein barmherziger Vater, kann dies aber nur dann sein, wenn wir seine Kinder sein wollen und auf seinen Schoß kommen. Deshalb sagt Jesus auch: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Reich Gottes gelangen.“ Es liegt nicht an Gott, denn seine Tür steht immer offen. Es liegt an uns, ob wir zu ihm kommen oder nicht. Das nennen wir Umkehr. Und das ist auch gemeint, wenn hier die Rede von der Gottesfurcht ist. Gott kann uns nur dann vergeben, wenn wir Gott fürchten, ihn respektieren und deshalb merken, dass wir ihn respektlos behandelt haben. Das gilt schon damals für das Volk Israel, das um das goldene Kalb herumgetanzt ist. Das gilt uns, die wir Gott unseren Vater nennen dürfen.

Mt 13
36 Dann verließ er die Menge und ging in das Haus. Und seine Jünger kamen zu ihm und sagten: Erkläre uns das Gleichnis vom Unkraut auf dem Acker!
37 Er antwortete: Der den guten Samen sät, ist der Menschensohn;
38 der Acker ist die Welt; der gute Samen, das sind die Kinder des Reiches; das Unkraut sind die Kinder des Bösen;
39 der Feind, der es gesät hat, ist der Teufel; die Ernte ist das Ende der Welt; die Schnitter sind die Engel.
40 Wie nun das Unkraut aufgesammelt und im Feuer verbrannt wird, so wird es auch bei dem Ende der Welt sein:
41 Der Menschensohn wird seine Engel aussenden und sie werden aus seinem Reich alle zusammenholen, die andere verführt und Gesetzloses getan haben,
42 und werden sie in den Feuerofen werfen. Dort wird Heulen und Zähneknirschen sein.
43 Dann werden die Gerechten im Reich ihres Vaters wie die Sonne leuchten. Wer Ohren hat, der höre!

Im Evangelium hören wir, wie Jesus seinen Jüngern ein wichtiges Gleichnis deutet – das Gleichnis vom Weizen und Unkraut. Zuvor hat er eine längere Gleichnisrede gehalten, in der er das Reich Gottes mit verschiedenen Bildern umschrieben hat. Als Jesus und seine Jünger allein sind, fragen sie nach der Deutung des Gleichnisses vom Weizen und Unkraut. Dabei geht es um folgende Episode: Ein Bauer streut guten Samen auf seinen Acker, doch in der Nacht kommt sein Feind und sät ein Unkraut darauf. Das fällt aber erst auf, als die Saat zu wachsen beginnt. Das Problem ist, dass man das Unkraut nicht ausreißen kann, ohne den Weizen mit auszureißen. So trägt der Bauer seinen Knechten auf, bis zur Ernte zu warten und dann beides abzuernten und voneinander zu trennen. Der Weizen soll in die Scheune gebracht, das Unkraut aber im Feuer verbrannt werden.
Jesus deutet das Gleichnis christologisch: Er selbst ist der Gutsherr des Ackers, der den Samen ausstreut, also das Wort Gottes. Er ist mit diesem so innigst verbunden, dass man schon sagen kann: Er streut sich selbst aus, weil er ja das fleischgewordene Wort Gottes ist. Weizen und Unkraut meint die Kinder des Reiches und die Kinder des Bösen. Am Ende der Zeiten wird Jesus wiederkommen, das heißt zur Ernte. Und seine Schnitter, die die Ernte vornehmen werden, sind die Engel, die er aussenden wird. Das ist eine eschatologische Vorstellung aus dem Judentum, die wir in den apokalyptischen Texten des Alten Testaments sowie des Neuen Testaments nachlesen können. Der Teufel ist der Unkraut säende Feind und das Feuer die Hölle.
Dieses Gleichnis könnte man nach dem vierfachen Schriftsinn auch noch vertiefen. Der Gutsherr ist Gott selbst, der die Welt erschafft. Der Acker ist die Welt. Der Same sind die Geschöpfe. Der Feind ist der Satan und das Unkraut ist die Sünde. Er möchte Gottes gute Schöpfung sabotieren, damit das ganze Getreide am Ende nicht in die Scheune kommt, die das Himmelreich ist, sondern verbrannt wird, was die Hölle meint. Gott könnte nun alles ausreißen, das heißt alles zunichte machen, damit die Sünde nicht mehr in der Welt ist. Doch stattdessen zeigt er seine unendliche Barmherzigkeit. Und nun realisieren wir die Beschränktheit von Bildern: Gott ist so langmütig und geduldig, dass er uns bis zur Ernte, das heißt bis zur Endzeit noch wachsen lässt und auch wenn das mit echtem Getreide und Unkraut nicht möglich ist: Wir können von Unkraut zu Getreide werden. Oder anders gesagt: Wir können unser Unkraut selbst herausreißen mit der Gnade Gottes. Dieses Ausreißen vor der Ernte ist ein Bild für die persönliche Umkehr. Gott möchte uns bis zum Schluss noch die Chance geben, zu ihm zurückzukehren und die Sünden abzulegen. Gott ist unendlich barmherzig und möchte kein Geschöpf verlieren. Wir könnten das gesamte Gleichnis auch auf moralischer Ebene deuten, dann ist es unsere eigene Seele, die weder ganz gut noch ganz böse ist. Es ist eben eine Mischung aus Weizen und Unkraut, die Gott in seiner Langmut an uns aushält und die auch wir bei uns selbst sowie an unserem Mitmenschen geduldig aushalten sollen.
Jesus sagt zum Ende seiner Deutung: „Wer Ohren hat, der höre“. Das ist immer ein Aufruf zum Hinhören, statt verstockt zu sein.
Auch wenn es hier eine drastische Gerichtsrede ist, zeugt sie von Gottes unendlicher Barmherzigkeit. Jesus spricht diese Worte ja nicht, um Angst einzujagen, sondern um die Menschen zur Umkehr zu bewegen, bevor es zu spät ist. Wäre Gott herzlos, könnte er die Menschen einfach ins offene Messer laufen lassen, ohne sie vorzuwarnen. Aber das möchte er ja nicht, denn alle seine Kinder hat er liebevoll gesät, sie sind seine Früchte. Er möchte sie alle am Ende in seiner Scheune haben.

So ist es schon im Alten Israel, als das Volk sich schwer gegen Gott versündigt. Er gibt den Israeliten eine neue Chance und kündigt den Bund nicht auf. Zugleich verschweigt er den Israeliten nicht, dass sie für ihre Sünde büßen müssen, was aber seiner Barmherzigkeit nicht widerspricht. Die verschiedenen Texte lehren uns, wie wir mit unserer eigenen Schuld umgehen sollen und ermutigen uns zur Umkehr – hin zu einer Versöhnung mit Gott!

Ihre Magstrauss

Montag der 17. Woche im Jahreskreis

Ex 32,15-24.30-34; Ps 106,19-20.21-22.23-24; Mt 13,31-35

Ex 32
15 Mose kehrte um und stieg den Berg hinab, die zwei Tafeln des Bundeszeugnisses in der Hand, die Tafeln, die auf beiden Seiten beschrieben waren. Auf der einen wie auf der andern Seite waren sie beschrieben.

16 Die Tafeln hatte Gott selbst gemacht und die Schrift, die auf den Tafeln eingegraben war, war Gottes Schrift.
17 Josua hörte das Lärmen und die Schreie des Volkes und sagte zu Mose: Horch, Kriegslärm ist im Lager.
18 Mose antwortete: Nicht Geschrei der Starken, nicht Geschrei der Schwachen, Geschrei höre ich!
19 Als er dem Lager näher kam und das Kalb und die Tänze sah, entbrannte der Zorn des Mose. Er schleuderte die Tafeln fort und zerschmetterte sie am Fuß des Berges.
20 Dann packte er das Kalb, das sie gemacht hatten, verbrannte es im Feuer und zerstampfte es zu Staub. Den Staub streute er in Wasser und gab es den Israeliten zu trinken.
21 Zu Aaron sagte Mose: Was hat dir dieses Volk getan, dass du ihm eine so große Schuld aufgeladen hast?
22 Aaron erwiderte: Mein Herr möge sich doch nicht vom Zorn hinreißen lassen. Du kennst das Volk, es ist böse.
23 Sie haben zu mir gesagt: Mach uns Götter, die uns vorangehen! Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat – wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist.
24 Da habe ich zu ihnen gesagt: Wer Goldschmuck trägt, soll ihn ablegen. Sie haben es mir übergeben, ich habe es ins Feuer geworfen und herausgekommen ist dieses Kalb.
30 Am folgenden Morgen sprach Mose zum Volk: Ihr habt eine große Sünde begangen. Jetzt will ich zum HERRN hinaufsteigen; vielleicht kann ich für eure Sünde Sühne erwirken.

31 Mose kehrte zum HERRN zurück und sagte: Ach, dieses Volk hat eine große Sünde begangen. Götter aus Gold haben sie sich gemacht.
32 Jetzt nimm ihre Sünde von ihnen! Wenn nicht, dann streich mich aus dem Buch, das du geschrieben hast.
33 Der HERR antwortete Mose: Nur wer gegen mich gesündigt hat, den streiche ich aus meinem Buch.
34 Aber jetzt geh, führe das Volk, wohin ich dir gesagt habe! Siehe, mein Engel wird vor dir hergehen. Am Tag meiner Heimsuchung werde ich ihre Sünde an ihnen heimsuchen.

Heute hören wir aus dem Buch Exodus die große Sünde des Volkes Israel, das noch nicht einmal vom Sinai weggezogen, jedoch schon untreu geworden ist. Mose verbringt lange Tage auf dem Berg, um von Gott die Zehn Gebote zu erhalten. In seiner Abwesenheit wird das Volk unruhig und fordert Moses Bruder Aaron dazu auf, ein Kultbild zu gießen, das sie als Gott anbeten können. Warum aber gießen sie ein Kalb? Dies hängt mit dem in Ägypten importierten Baalskult zusammen, wo eine Verschmelzung mit dem ägyptischen Gott Seth stattgefunden hat. So wird der Stier zum Symbol des Fruchtbarkeits- und Wettergottes Baal, der mit Stierhörnern dargestellt worden ist. Die Israeliten haben viele Jahrhunderte in Ägypten verbracht und so ist der Baalskult für sie etwas Vertrautes.
Gott hat Mose bereits vorgewarnt, dass das Volk ins Verderben läuft. Innerhalb kürzester Zeit haben sie all das Gute vergessen, dass Gott ihnen getan hat. Sie haben sich ein Kultbild gemacht und Opfer dargebracht. Sie sagen sogar: „Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben.“ Sie tun so, als ob dieser Götze der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs sei. Warum heißt es eigentlich „Götter“ und nicht „Gott“, wenn es nur ein Kultbild ist? Warum erklärt Aaron dem Mose, dass die Israeliten von ihm Götter verlangt haben? Im Hebräischen wird hier das Wort אֱלוֹהִים elohim verwendet. Grammatikalisch handelt es sich um einen Plural. Das Wort für Gott gibt es dabei nur als Pluralform, sodass man in der Übersetzung entscheiden muss, ob es wörtlich mit „Götter“ zu übersetzen ist (bei Religionen mit Polytheismus macht das Sinn) oder mit „Gott“ (und dann auf den Monotheismus der Juden bezogen). Hier hat die Einheitsübersetzung sich entschieden, die wörtliche Übersetzung zu verwenden, um den Vielgötterglauben der Ägypter zu betonen.
Mose und Josua kehren vom Berg zurück und hören schon von Weitem Geschrei. Zuerst denken sie, dass es sich um Kriegsgeschrei handele, doch dann wird klar, dass es das Geschrei eines ekstatischen Gebets ist. Voller Zorn zerschmettert Mose die Gesetzestafeln, ergreift das Kalb und verbrennt es, bevor er die Asche den Israeliten zu trinken gibt. Dies ist wichtig, weil Gott ihm anordnen wird, ein sogenanntes Reinigungswasser herzustellen für jene, die sich kultisch verunreinigt haben, vor allem durch den Kontakt mit einem Toten (Num 19). Dies betrachten wir als typologische Handlung, die uns hinführt zum kostbaren Blut Christi, das wir im Juli ja besonders verehren. Dieses reinigt uns und schützt uns. Es ist auch ein Typos für das Weihwasser, mit dem wir uns besprengen und das ebenfalls reinigende und schützende Wirkung hat, ein viel zu unterschätztes Sakramentale!
Mose stellt seinen Bruder zur Rede und er erklärt, wie es zu dieser Eskalation kam: Weil die Abwesenheit des Mose sich so in die Länge zog und man nicht wusste, ob er lebendig zurückkehren würde, bat man Aaron, ein Götterbild zu erstellen. Der Mensch ist von seiner Natur her so, dass er sich in Situationen der Ungewissheit an etwas oder jemanden klammert. Bisher war Mose die wichtigste Bezugsperson, die zugleich ein Verbindungsglied zwischen dem Volk Israel und Gott darstellte. Da nun Mose nicht mehr da war, war auch der Kontakt zu Gott nicht mehr so unmittelbar gegeben. Nach dieser Logik erscheint es gar nicht mehr so abwegig, dass die Israeliten Gott auf andere Weise fassbar machen möchten und dabei auf etwas zurückgreifen, was sie von den Ägyptern kennen.
Mose kehrt zum Berg zurück. Erstens hat er die Steintafeln zerstört, in die Gott seine Gebote hineingeschrieben hat. Zweitens muss er vor Gott für das Volk Israel um Vergebung bitten.
Mose wird zum Fürsprecher Israels. Er legt für das Volk beim Herrn ein gutes Wort ein wie es die Heiligen am himmlischen Thron für uns alle tun! Christus ist noch weitergegangen und hat beim Bundesschluss des Neuen Bund sein eigenes Blut vergossen, damit wir alle gerettet würden.
Gott ist barmherzig und ist bereit, das Volk weiterhin zu führen. Die Sünde wird aber nicht ungesühnt bleiben, denn wir müssen für alles aufkommen, was wir tun. Der Tag der Heimsuchung, von dem wir am Ende hören, kann einerseits auf das Lebensende der Israeliten bezogen werden bzw. auf das Ende der Zeiten. Diese Deutung bezieht sich auf Gottes Gericht, bei dem Gott alles aufdeckt und ein Gerichtsurteil verhängt. Dies ist aber auch zu beziehen auf das Gerichtshandeln Gottes schon in diesem Leben. Die Israeliten werden viele Jahrzehnte in der Wüste leben, bevor sie ins Verheißene Land dürfen. Die Israeliten, die das Kalb angebetet haben, werden zudem einer Katastrophe anheimfallen. Der Tag der Heimsuchung kommt also schon in diesem Leben, nicht erst in der Ewigkeit.
Gott ist unendlich geduldig und barmherzig mit uns Menschen. Er weiß, dass wir im nächsten Moment das Goldene Kalb unseres Lebens anbeten werden, ja noch während seines Bundesschlusses mit uns! Und doch ist er bereit, alles zu geben. Und doch war er bereit, sein kostbares Blut für uns zu vergießen.

Ps 106
19 Sie machten am Horeb ein Kalb und warfen sich nieder vor dem Gussbild.

20 Die Herrlichkeit Gottes tauschten sie ein gegen das Abbild eines Stieres, der Gras frisst.
21 Sie vergaßen Gott, ihren Retter, der einst in Ägypten Großes vollbrachte,
22 Wunder im Land Hams, Furcht erregende Taten am Roten Meer.
23 Da sann er darauf, sie zu vertilgen, wäre nicht Mose gewesen, sein Erwählter.
Der trat vor ihn in die Bresche, seinen Grimm abzuwenden vom Vernichten.
24 Sie verschmähten das köstliche Land, sie glaubten nicht seinem Wort.

Der Psalm reflektiert, was damals am Sinai passiert ist. Es war eigentlich eine ganz wunderbare Hochzeit zwischen Gott und seinem Volk (denn der Bundesschluss ist wie ein Ehebund). Doch noch gar nicht vom Traualtar des Berges weggegangen wird die Braut dem Bräutigam schon untreu, indem sie sich „vor dem Gussbild“ niederwirft. Die Bezeichnung „Horeb“ ist ein alternativer Name für den Berg Sinai.
Der Psalm betrachtet die Degradierung der Gottesverehrung: Die Herrlichkeit Gottes wird durch ein Gras fressendes Tier ausgetauscht. Das hebräische Wort für Herrlichkeit ist כָּבוֹד kavod, auf Griechisch immer die δόξα doxa, die Glorie, das ihn umhüllende Licht der überströmenden Gnade. Wie kann dieses aufgegeben werden für einen Stier, der auf der Weide steht und Gras frisst? Der Psalm betont, wie unvernünftig das ist und wie leichtfertig das Aufgeben der Gnade Gottes ist. Dies können wir wiederum auf die Zeitgenossen Jesu beziehen, die die Gnade, die seine Menschwerdung in ihr Leben gebracht hat, leichtfertig aufgeben für das Festhalten an dem geschriebenen Wort Gottes. Was ist größer? Der Buchstabe oder das fleischgewordene Wort Gottes? Das eine schafft das andere nicht ab, so wie ein Stier an sich nicht schlecht ist (schließlich ist er Geschöpf Gottes), aber wie kann man zurückkehren zu der Zeit vor der großen Gnade, wenn man die große Gnade schon erhalten hat? Das hat mit ganz großem Unglauben zu tun. Man glaubt nicht an den großen Gott der Herrlichkeit, der ein ganzes Volk aus dem Sklavenhaus Ägyptens befreit hat und der einen Bund mit ihm geschlossen hat. Man glaubt Jesus Christus nicht, der der Messias ist, der Retter der Welt, die Erfüllung der Torah, ihre Personifizierung! Und auch heute sehen wir diese Haltung bei so vielen etlichen Menschen. Sie sind getauft und so zu Erben im Reiche Gottes eingesetzt worden, doch sie leben so, als wären sie nie getauft worden. Sie gehen zurück zum Zustand vor der großen Gnade, die ihnen im Sakrament erwiesen worden ist. So wie die Israeliten am Sinai und so wie die Zeitgenossen Jesu, die ihn mit eigenen Augen gesehen haben, werden wir Menschen heute Rechenschaft ablegen müssen dafür, dass wir die Gnade Gottes mit Füßen zertreten haben. So wie die Menschen damals vergessen die Menschen heute all die Heilstaten, die Gott in ihrem Leben gewirkt hat.
Und so wie Gott damals Mose berufen hat, für das Volk einzustehen, es aus Ägypten zu führen, ihm die Zehn Gebote zu vermitteln, vor allem aber für das Volk „in die Bresche“ zu springen, so hat er zu allen Zeiten der Heilsgeschichte Propheten zu seinem auserwählten Volk gesandt, dass es zur Vernunft komme und umkehre. Wie viele Menschen sind schon für das Volk Gottes in die Bresche gesprungen! Wie viele haben auch mit dem Beginn der Kirche ihr Leben gelassen, damit die Menschen umkehren! Gott sendet uns so viele Chancen, umzukehren und in der Kirche aufzuräumen. Wie viele Chancen hat die streitende Kirche auf Erden aber genutzt? Wie viel musste Gott schon zulassen, bis es endlich zu einer inneren Reinigung kam?
Wenn es am Ende heißt: „Sie verschmähten das köstliche Land, sie glaubten nicht seinem Wort“, dann ist es auf mehrfache Weise zu verstehen. Wörtlich-historisch heißt es zunächst, dass das Volk Israel die Verheißung Gottes ignoriert hat, der ihnen das Gelobte Land versprochen hat, in dem Milch und Honig fließen. Sie haben seinem Wort, dem Wort der Verheißung nicht geglaubt, das er bereits Abraham zugesagt hat. Dies müssen wir über den wörtlichen Sinn hinaus allegorisch lesen: Das Volk hat auch das Gelobte Land, das Paradies ignoriert, aus dem es durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares verbannt worden ist. Dabei hat Gott ihnen durch Abraham auch die Rückkehr in dieses Gelobte Land versprochen. So hat Israel viele Jahrhunderte und Jahrtausende den Messias erwartet, der die Tür zum Paradies wieder öffnen sollte. Er ist das fleischgewordene Wort Gottes, dem die Juden nicht geglaubt haben. Sie haben dieses Heil ignoriert, indem sie Jesus als den Messias ignoriert haben. Stattdessen haben sie ihn den Römern ausgeliefert und ans Kreuz schlagen lassen. In dieser Leserichtung sprechen wir hier nicht mehr von den Vätern zur Zeit des Mose, sondern von der religiösen Elite zur Zeit Jesu: von den Sadduzäern, Pharisäern und Schriftgelehrten.
Wir müssen es auch moralisch deuten: Mit jeder Sünde, die wir Menschen begehen, ignorieren wir das Verheißene Land, das den reinen moralischen Zustand meint, den Stand der Gnade. Durch die Taufe hat Gott uns einen ganz reinen seelischen Zustand geschenkt. Er hat in unserer Seele Wohnung genommen, die der Tempel des Hl. Geistes ist. Mit jeder Sünde ignorieren wir es und entweihen den Tempel Gottes. Wir verlieren das Gelobte Land unseres Herzens. Wir glauben dem Wort nicht, das in uns wohnt, Jesus Christus.
Und schließlich müssen wir es anagogisch deuten: Der Herr verheißt uns nach unserem Tod und am Ende der Zeiten das Gelobte Land, in dem wir ganz und gar mit ihm in Gemeinschaft leben werden, das Himmelreich. Wir ignorieren dieses ewige Leben, indem wir seinem Wort nicht glauben, indem wir die Gebote nicht halten und fern von ihm leben. So gehen wir ins Verderben und werden auf ewig von ihm abgeschnitten sein. Gott tut alles, damit wir nicht verloren gehen. Er geht uns auf unseren Irrwegen nach, damit wir zu ihm zurückkehren. Eines Tages wird es aber zu spät sein, wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit zurückkehren wird. Kehren wir noch heute um und lassen ab von den Goldenen Kälbern unserer heutigen Zeit!

Mt 13
31 Er legte ihnen ein weiteres Gleichnis vor und sagte: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Senfkorn, das ein Mann auf seinen Acker säte. 32 Es ist das kleinste von allen Samenkörnern; sobald es aber hochgewachsen ist, ist es größer als die anderen Gewächse und wird zu einem Baum, sodass die Vögel des Himmels kommen und in seinen Zweigen nisten.
33 Er sagte ihnen ein weiteres Gleichnis: Mit dem Himmelreich ist es wie mit dem Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war.
34 Dies alles sagte Jesus der Menschenmenge in Gleichnissen und ohne Gleichnisse redete er nicht zu ihnen,
35 damit sich erfülle, was durch den Propheten gesagt worden ist: Ich öffne meinen Mund in Gleichnissen, ich spreche aus, was seit der Schöpfung der Welt verborgen war.

Im Evangelium hören wir heute von einigen Reich-Gottes-Gleichnissen. Ab Vers 31 geht es um das Gleichnis vom Senfkorn, das das Wachsen des Reiches Gottes umschreibt. Es scheint ganz unscheinbar und beginnt mit einer Hand voll Menschen. Doch es wächst rasant, indem immer mehr Menschen sich taufen lassen. Und am Ende ist es viel größer als alle anderen Pflanzen. Wir können dies auf die Kirchengeschichte beziehen – innerhalb von drei Jahrhunderten ist das Christentum zur Staatsreligion im Römischen Reich geworden! Das Senfkorngleichnis ist für uns heute sehr relevant. Wir sehen mit Bedauern, dass immer weniger Menschen wirklich noch praktizierende Katholiken sind, die Lehre ernst nehmen und sich wirklich um die Zehn Gebote bemühen. Und wenn auch nur eine Hand voll echter Katholiken übrigbleibt, ist das nicht zu unterschätzen! Aus einer Handvoll kann eine Masse brennender Christen werden!
Auch das Gleichnis vom Sauerteig ist sehr anschaulich, diesmal hebt Jesus damit hervor, wie das Reich Gottes in die Welt kommt: Der Sauerteig wird unter das Mehl gemischt, bis alles durchsäuert ist. Gott ist Mensch geworden und das Reich Gottes, das mit der Person Jesu Christi zuinnigst verbunden ist, mitten unter die Menschen gekommen. Er hat seinen Sauerteig in Form von Verkündigung und Heilstaten sowie gutem Beispiel in der Welt verteilt und nach seiner Heimkehr zum Vater durch seine Jünger weiter verteilen lassen, bis alles durchsäuert worden ist. Und dieser Prozess ist immerwährend, bis er wiederkommt am Ende der Zeiten.
Wie so oft im Matthäusevangelium wird die Gleichnisrede Jesu vor dem Hintergrund alttestamentlicher Verheißungen als Erfüllung gedeutet. Hier wird Ps 78,2 zitiert: „Ich öffne meinen Mund in Gleichnissen, ich spreche aus, was seit der Schöpfung der Welt verborgen war.“ Jesus offenbart den Menschen durch Gleichnisse, was bis dahin verborgen war. Gott ist ein perfekter Pädagoge. Er weiß, wann er was zu seinem Volk sagen kann, sodass es das Geoffenbarte verstehen kann. Warum Jesus es ausgerechnet in Gleichnisform tut, hat er zuvor schon erklärt: Er möchte das Wort Gottes nicht zum Konsumgut verkommen lassen. Vielmehr soll es zum Indikator werden, zum Entscheidungsfaktor: Will ich mich mit dieser Botschaft eingehender beschäftigen und dafür etwas tun oder ist mir das zu anstrengend und ich lasse mich erst gar nicht darauf ein? Jesus stellt den Menschen vor die Entscheidung, das Reich Gottes anzunehmen oder nicht.

Ihre Magstrauss

Samstag der 16. Woche im Jahreskreis

Ex 24,3-8; Ps 50,1-2.5-6.14-15; Mt 13,24-30

Ex 24
3 Mose kam und übermittelte dem Volk alle Worte und Rechtssatzungen des HERRN. Das ganze Volk antwortete einstimmig und sagte: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun.

4 Mose schrieb alle Worte des HERRN auf. Am frühen Morgen stand er auf und errichtete am Fuß des Berges einen Altar und zwölf Steinmale für die zwölf Stämme Israels.
5 Er schickte die jungen Männer der Israeliten aus und sie brachten Brandopfer dar und schlachteten junge Stiere als Heilsopfer für den HERRN.
6 Mose nahm die Hälfte des Blutes und goss es in eine Schüssel, mit der anderen Hälfte besprengte er den Altar.
7 Darauf nahm er das Buch des Bundes und verlas es vor dem Volk. Sie antworteten: Alles, was der HERR gesagt hat, wollen wir tun; und wir wollen es hören.
8 Da nahm Mose das Blut, besprengte damit das Volk und sagte: Das ist das Blut des Bundes, den der HERR aufgrund all dieser Worte mit euch schließt.

In der Lesung hören wir heute vom Bundesschluss des Volkes Israel mit Gott am Sinai. Bei jedem Bundesschluss, der in der Bibel berichtet wird, bringen die Bündnispartner anlässlich des Bundesschlusses ein Opfer dar, es gibt eine Gesetzgebung und ein Zeichen des Bundesschlusses. Bevor Mose die Zehn Gebote auf den Steintafeln von Gott empfängt, erhält er bereits Anweisungen, die in dem sogenannten Bundesbuch verzeichnet sind. Als Gott mit dem Volk Israel am Sinai den Bund schließt, wird für alle Stämme ein Opfer dargebracht. Es werden zwölf Steinmale errichtet für jeden Stamm. Dann werden junge Stiere geopfert. Das Blut der Tiere wird verwendet, um damit den Altar zu besprengen. Das ist ein wichtiger Gestus, den wir als Typos betrachten, der in Christus und der Besprengung seines kostbaren Blutes seine Erfüllung findet. Dies betrifft die Besprengung des Altars sowie der Menschen.
Daraufhin werden alle Gebote des Bundesbuches verlesen, die Gott dem Mose aufgegeben hat. Die Anwesenden hören aufmerksam zu und versprechen, die Gebote Gottes vollständig zu halten. Die andere Hälfte des Opferblutes wird verwendet, um nun das Volk zu besprengen. Insbesondere die dazu gesprochenen Worte sind uns signalhaft: „Das ist das Blut des Bundes, den der HERR aufgrund all dieser Worte mit euch schließt.“ So betet auch Jesus beim letzten Abendmahl und in jeder Hl. Messe, wenn der Wein dargebracht und zum Blut Christi gewandelt wird. Bei Bundesschlüssen gehört eine gewisse Gesetzgebung dazu, auf die Gott den Bündnispartner verpflichtet. Dies geschieht nicht um des Gesetzes willen, sondern Gott, dem begegneten Gegenüber zuliebe. Aus dem Grund beginnen auch die Zehn Gebote mit der Rede von Gottes Auszug der Israeliten aus Ägypten. Deshalb erklärt Mose den Menschen auch, dass Gott sie dem Volk gab, als dieser von Angesicht zu Angesicht mit Mose gesprochen hat. Gottes Gebote kommen aus seiner Begegnung heraus. Von diesem Verständnis her sind die Gebote auch zu halten – aus dem Beziehungsaspekt her.
Mit diesem Bundesschluss wird der Kult Israels begründet. Gott beruft Aaron zum Priester dieses Bundes. Von ihm soll sich das Priestertum Israels ableiten. Die Leviten sollen der priesterliche Stamm sein, geheiligt für Gott.
Ein drittes Element bei Bundesschlüssen ist immer ein Zeichen. Bei diesem Bundesschluss am Sinai sind die Steintafeln zu nennen, in die Gott selbst seine Gebote hineingeschrieben hat und die zum Ort seiner Gegenwart werden. In die Bundeslade hineingelegt und in das Allerheiligste des Offenbarungszelts gestellt kommt Gottes Schechina auf diesen Ort. Er wird also zum zentralen Ort der Anbetung für die Israeliten. All dies führen wir weiter und erkennen, dass alles in den Neuen Bund mündet und sich in Jesus Christus erfüllt. Nicht mehr das Wort in Steintafeln ist uns Zeichen und Gegenwart Gottes, sondern sein Leib und sein Blut. Er wird zum Ort der Anbetung überall dort, wo er auf der Welt gegenwärtig ist. Wir müssen nicht nach Jerusalem pilgern, um seine Gegenwart zu erfahren. In jeder Hl. Messe und in jedem Tabernakel auf der Welt ist der Herr anwesend.

Ps 50
1 Ein Psalm Asafs. Gott, ja Gott, der HERR, hat gesprochen, er rief die Erde vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang.
2 Vom Zion her, der Krone der Schönheit, ging Gott auf in strahlendem Glanz.
5 Versammelt mir all meine Frommen, die den Bund mit mir schließen beim Opfer!
6 Da taten die Himmel seine Gerechtigkeit kund; weil Gott selbst der Richter ist.
14 Bring Gott ein Opfer des Dankes und erfülle dem Höchsten deine Gelübde!
15 Ruf mich am Tage der Not; dann rette ich dich und du wirst mich ehren.

Als Antwort beten wir Ps 50, der ein Asafpsalm ist. Das Ereignis der Lesung wird nicht nur in diesem Psalm reflektiert, sondern weitergeführt, weshalb wir ja das Ereignis weiterdenken und auf den Messias anwenden: Gott hat gesprochen und seine Gnade geht aus vom Zion, nicht mehr nur vom Sinai. Die Frommen versammeln sich zur Liturgie. Wie diese auszusehen hat, ist dem Mose von Gott selbst erklärt worden. Warum ruft Gott die Menschen vom Aufgang bis zum Untergang zum Zion? Der Tempel als Ort der Anbetung Gottes und des Kultes ist auf dem Zion errichtet worden, nämlich in Jerusalem. Die Wendung „vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang“ ist einerseits geographisch zu verstehen: Für die Himmelsrichtungen des Ostens und Westens wird diese Umschreibung gewählt, weil es nur ein Wort für beides gibt. So sollen die Menschen von Osten bis Westen nach Jerusalem kommen, um dem Herrn ein Opfer darzubringen. Zu den Wallfahrtsfesten geschieht dies tatsächlich, denn es leben viele Juden in der Diaspora oder eben nicht in unmittelbarer Nähe. Sie kommen von überall her zum Ort der Schechina Gottes, seiner Herrlichkeit im Tempel. Die Wendung von Auf- und Untergang der Sonne ist aber auch zeitlich zu verstehen: Gott soll rund um die Uhr gepriesen werden, es soll immer geopfert werden und der Lobpreis nie verstummen. Das ist die einzig angemessene Haltung des Menschen gegenüber Gott, der das Volk Israel mit so viel Heil und Segen überschüttet hat. Wir können diese Gedanken im vierfachen Schriftsinn weiterdenken und auf Christus sowie den Neuen Bund anwenden: Von überall her, das heißt aus allen möglichen Lebenslagen und Umständen, kommen Menschen zu Christus, zum Glauben an den einen wahren Gott, und lassen sich taufen. Von überall her kommen die Getauften, um das eine Opfer aller Zeiten darzubringen in der Eucharistie. Von überall her, das heißt von jeden Lebenslagen und Umständen, bekehren sich Menschen und kommen zurück in den Stand der Gnade, um den Herrn wieder in den inneren Tempel einzuladen. Von überall her werden die Menschen zum himmlischen Zion pilgern, um den Herrn zu schauen, wie er ist, und den ewigen Lobpreis des Himmels anzustimmen.
Schon jetzt richtet Gott den Menschen und reagiert auf das Unrecht der Welt. Doch am Ende der Zeiten wird das umfassend geschehen. Er richtet schon die Ägypter, weil sie sein auserwähltes Volk versklavt haben. Das wurde uns in den vergangenen Tagen berichtet.
Die Israeliten können derweil jubeln und aufatmen, weil Gott sie in die Freiheit geführt hat. Deshalb sind sie aufgerufen, ihr Leben voller Dank und Lobpreis zu verbringen. Ja, es soll ein einziges Dankopfer sein. So sollen auch wir Dankopfer bringen – das tun wir mit der Eucharistie und mit einem entsprechenden Leben nach den Geboten Gottes. Die Erfüllung der Gelübde betrifft uns als Getaufte, weil wir in einer Bundesbeziehung mit Gott leben. Mit der Taufe ist die Berufung zur Heiligkeit verknüpft.
„Ruf mich am Tage der Not; dann rette ich dich und du wirst mich ehren.“ Das bestätigt Jesus mit den Worten in Mt 7,7: „Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet!“ Wir dürfen ganz vertrauensvoll zu unserem Vater kommen, denn wer hilft in einer Familie nicht dem anderen! Gott ist ein barmherziger Vater, der gerne gibt, wenn wir ihm alles zutrauen.

Mt 13
24 Jesus legte ihnen ein anderes Gleichnis vor: Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Mann, der guten Samen auf seinen Acker säte.
25 Während nun die Menschen schliefen, kam sein Feind, säte Unkraut unter den Weizen und ging weg.
26 Als die Saat aufging und sich die Ähren bildeten, kam auch das Unkraut zum Vorschein.
27 Da gingen die Knechte zu dem Gutsherrn und sagten: Herr, hast du nicht guten Samen auf deinen Acker gesät? Woher kommt dann das Unkraut?
28 Er antwortete: Das hat ein Feind getan. Da sagten die Knechte zu ihm: Sollen wir gehen und es ausreißen?

29 Er entgegnete: Nein, damit ihr nicht zusammen mit dem Unkraut den Weizen ausreißt.
30 Lasst beides wachsen bis zur Ernte und zur Zeit der Ernte werde ich den Schnittern sagen: Sammelt zuerst das Unkraut und bindet es in Bündel, um es zu verbrennen; den Weizen aber bringt in meine Scheune!

Im Evangelium hören wir heute ein Gleichnis, das das Reich Gottes umschreibt. Wie so oft wird es aus dem landwirtschaftlichen Kontext herausgegriffen. Wir hören hier von einem Mann, dessen Aussaat von einem Feind sabotiert wird. Dieser streut Unkraut darunter, um die Ernte zu verderben. Doch anstatt das Unkraut sofort herauszureißen, soll beides bis zur Ernte stehen bleiben. Das Getreide soll dann in die Scheune gebracht, das Unkraut aber verbrannt werden. Dieses Gleichnis könnte man nach dem vierfachen Schriftsinn deuten. Der Gutsherr ist Gott selbst, der die Welt erschafft. Der Acker ist die Welt. Der Same sind die Geschöpfe. Der Feind ist der Satan und das Unkraut ist die Sünde. Er möchte Gottes gute Schöpfung sabotieren, damit das ganze Getreide am Ende nicht in die Scheune kommt, die das Himmelreich ist, sondern verbrannt wird, was die Hölle meint. Er selbst hat den Himmel verloren durch seinen Ungehorsam und Stolz. Was er nicht haben kann, soll kein anderer bekommen. Er ist neidisch auf den Menschen, für den Gott so einen wunderbaren Heilsplan bereit hat. Gott könnte nun alles ausreißen, das heißt alles zunichte machen, damit die Sünde nicht mehr in der Welt ist. Dazu wäre er in der Lage und viele meinen, dass genau so ein Verhalten der Allmacht Gottes entspreche. Doch stattdessen zeigt er seine unendliche Barmherzigkeit. Gott ist allmächtig, dass er imstande wäre, alles zu vernichten, doch er hat die Freiheit, so zu handeln, wie er möchte. Er muss nicht zwanghaft seine Macht ausspielen, wie der Mensch es idealisiert. Gott ist Liebe und diese umfasst auch den Mut zur Ohnmacht. Gott ist autonom und in seinem autonomen Willen entscheidet er, nicht alles auszureißen. Und nun realisieren wir die Beschränktheit von Bildern: Gott ist so langmütig und geduldig, dass er uns bis zur Ernte, das heißt bis zur Endzeit noch wachsen lässt und auch wenn das mit echtem Getreide und Unkraut nicht möglich ist: Wir können von Unkraut zu Getreide werden. Oder anders gesagt: Wir können unser Unkraut selbst herausreißen mit der Gnade Gottes. Dieses Ausreißen vor der Ernte ist ein Bild für die persönliche Umkehr. Gott möchte uns bis zum Schluss noch die Chance geben, zu ihm zurückzukehren und die Sünden abzulegen. Mit diesem Gleichnis erklärt Jesus: Gott ist unendlich barmherzig und möchte kein Geschöpf verlieren. Man könnte all das auch christologisch deuten, dann ist der Gutsherr Christus, der das Wort Gottes als Same auf den Acker streut. Wir könnten das gesamte Gleichnis auch auf moralischer Ebene deuten, dann ist es unsere eigene Seele, die weder ganz gut noch ganz böse ist. Es ist eben eine Mischung aus Weizen und Unkraut, die Gott in seiner Langmut an uns aushält. Er wirkt an uns, wir bemühen uns von uns aus. Was wir schon zuvor bedacht haben, wird mit diesem Bild zusammengefasst: das Wachsen in Heiligkeit. Unsere Motivation ist es schließlich, zum Weizen zu gehören, das am Ende in die Scheune gebracht wird. Weil wir in unserer Bundesbeziehung mit Gott so innig mit ihm verbunden sind, haben wir auf diesem Weg die größte Rückendeckung, die es gibt. Bitten wir also und es wird uns gegeben. Klopfen wir immer wieder beim Herrn an, damit er uns die helfende Gnade gibt, und vertrauen wir uns immer wieder der Barmherzigkeit Gottes an. Er hatte schon so viel Geduld mit seiner untreuen und immer wieder fallenden Braut Israel, er wird auch mit uns fallenden Menschen des Neuen Bundes Geduld haben.

Ihre Magstrauss

17. Sonntag im Jahreskreis (B)

2 Kön 4,42-44; Ps 145,8-9.15-16.17-18; Eph 4,1-6; Joh 6,1-15

2 Kön 4
42 Einmal kam ein Mann von Baal-Schalischa und brachte dem Gottesmann Brot von Erstlingsfrüchten, zwanzig Gerstenbrote und frische Körner in einem Beutel. Elischa sagte: Gib es den Leuten zu essen!
43 Doch sein Diener sagte: Wie soll ich das hundert Männern vorsetzen? Elischa aber sagte: Gib es den Leuten zu essen! Denn so spricht der HERR: Man wird essen und noch übrig lassen.
44 Nun setzte er es ihnen vor; und sie aßen und ließen noch übrig, wie der HERR gesagt hatte.

In der ersten Lesung hören wir heute von einem Wunder, das der Prophet Elischa wirkt. Die Episode stellt ein einziges typologisches Ereignis dar, das auf die Entsprechung im Evangelium hinweist.
Elischa wirkt unmittelbar vor dem gehörten Abschnitt ein anderes Wunder und wir erfahren davon, dass in Gilgal, wo er sich aufhält, eine große Hungersnot herrscht. Die Menschen leiden große Not und so kommt aus Baal-Schalischa ein Mann mit zwanzig Gerstenbroten und frischen Körnern zu Elischa. Das ist angesichts der Hungersnot eine sehr wertvolle Gabe. In diesem Mann sehen wir das Vertrauen auf Gottes gute Vorsehung und die Hoffnung, dass er durch seinen Diener Elischa die Menschen retten wird. Was der Mann bringt ist eine Opfergabe. Wir erkennen es daran, dass er nicht einfach Früchte der Ernte bringt, sondern Erstlingsfrüchte. Trotz der Notlage vergisst er nicht, Gott voller Dankbarkeit die besten Früchte zurückzugeben, der die Menschen nährt und durch die Ernte seinen Segen zum Ausdruck bringt.
Elischa reagiert darauf mit einer für die Menschen irritierenden Aussage: Der Diener Elischas soll diese zwanzig Brote hundert Männern zu essen geben. Dabei reicht das rein logisch gedacht nie aus. Doch Elischa bleibt dabei: Der Diener soll es den Männern vorsetzen und Gott selbst sagt zu: „Man wird essen und noch übrig lassen.“ Wie oft kommt die Situation auf, dass Gott etwas von uns verlangt, was wir mit unserem menschlichen Verstand nicht nachvollziehen können. Oft müssen wir uns überwinden, im liebenden Gehorsam auch in Kauf zu nehmen, uns zum Affen zu machen. Doch diese Demütigung wandelt Gott um in seinem wunderbaren Heilswirken. Hier sollen die Menschen ebenfalls etwas tun, das ihrem rationalen Verständnis widerspricht, aber sehr oft sagt uns Gott allen in dieser Situation zu: Warte ab. Ich werde etwas tun, das nicht irrational sondern überrational ist! Und du wirst noch staunen!
So befolgt Elischas Diener dessen Auftrag. Alle wurden mit den zwanzig Gerstenbroten satt und es blieb sogar noch etwas übrig. Das ist ein wichtiger Ausdruck der überreichen Gnade Gottes. Er gibt nicht so, dass man gerade so seinen Magen füllt. Er gibt in Überfülle, dass sogar noch etwas übrigbleibt. Wir könnten hier schon darauf zu sprechen kommen, welche typologische Bedeutung diese Episode besitzt, doch warten wir bis zum Evangelium damit. Sonst nehmen wir zu viel vorweg.

Ps 145
8 Der HERR ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld.
9 Der HERR ist gut zu allen, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken.
15 Aller Augen warten auf dich und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
16 Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen.
17 Gerecht ist der HERR auf all seinen Wegen und getreu in all seinen Werken.
18 Nahe ist der HERR allen, die ihn rufen, allen, die ihn aufrichtig rufen.

Als Antwort beten wir den Davidpsalm 145, der die letzte Psalmengruppe vor dem Kleinen Hallel abschließt. Er thematisiert die Barmherzigkeit Gottes. Immer wieder erfährt König David selbst, aber auch das gesamte Volk Gottes die Barmherzigkeit Gottes. Immer wieder rettet dieser seine Bündnispartnerin Israel aus allen Gefahren, die sie sich teilweise selbst aufgebürdet hat. Gott ist wirklich langmütig, das heißt geduldig. Er hat David weiterhin als König über die zwölf Stämme regieren lassen, obwohl dieser schwer gesündigt hat. Gott ist langmütig gegenüber seiner Braut Israel, die so oft anderen Göttern nachläuft. Er bricht den Bund mit ihr zu keinem Zeitpunkt.
Gott vergibt jedem Menschen seine Schuld, wie groß sie auch ist, wenn er aufrichtig bereut. Das hat er nicht nur David gegenüber gezeigt, sondern allen Menschen. Er ist „gut zu allen“. Und was auch immer Gott erwirkt, es ist letztendlich Ausdruck seines Erbarmens. Wenn der Mensch leiden muss, dann ist das kein Widerspruch zu diesem grenzenlosen Erbarmen Gottes. Er möchte unsere Liebesbeziehung, aber wenn wir sie ablehnen und deswegen dann leiden, kann er nichts tun. Zu sehr schätzt er unseren freien Willen. Und wenn andere Menschen sündigen und uns unschuldig mit hineinziehen, ist das kein Ausdruck der Ungerechtigkeit Gottes, sondern das Wesen der Sünde.
Die Sehnsucht nach Gott ist jedem Menschen ins Herz gelegt. Deshalb warten „aller Augen“ auf Gott. Und er nährt unsere Sehnsucht, wenn wir zu ihm kommen, eben „zur rechten Zeit“. Bei Gott muss keine Seele verhungern. Er tut es in der Zeit der Kirche vor allem durch die Eucharistie, das Himmelsbrot, das die Seelen nährt auf dem Weg in die Ewigkeit. Er tut es durch sein heiliges Wort, die Bibel. Er tut es auch durch die vielen anderen Sakramente und Sakramentalien. Er tut es auch durch die leiblichen Gaben wie in der Lesung und bis heute in unserem Leben durch alles, was wir zum Leben hier auf Erden benötigen.
Gott tut wirklich seine Hand auf und sättigt. Er ist großzügig mit allen Geschöpfen. Er gibt im Übermaß, seine Gnade kennt keine Grenzen. Dies ist uns durch die Sättigung in der Lesung ja auch klargeworden.
Gott ist gerecht und lässt niemanden ins offene Messer laufen. Er erzieht seine Geschöpfe auf ihrem Lebensweg und hilft ihnen dabei, ihre Schwächen zu Stärken zu machen. Durch seine helfende Gnade hilft er jedem Menschen dabei, heilig zu werden.
Gott ist nicht taub für seine geliebten Kinder, sondern hört ihre Gebete. Wichtig ist, dass sie ihn aufrichtig rufen und keine niederträchtigen Absichten dabei haben. Gott ist wirklich ein barmherziger Vater und der Retter aller Seelen.

Eph 4
1 Ich, der Gefangene im Herrn, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging.
2 Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe
3 und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!
4 Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung:
5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,
6 ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.

In der zweiten Lesung hören wir einige paränetische Aussagen, das heißt ethische Unterweisungen. Mit der Taufe ist nicht das Ziel des Christen erreicht, sondern erst der Anfang. Nun ist es am Getauften, durch die Befähigung des Heiligen Geistes ein gottgefälliges Leben zu führen. So sagt der „Gefangene im Herrn“ Paulus, dass es ein Leben sein soll, „das des Rufes würdig ist, der an euch erging.“ Er meint die Berufung zur Heiligkeit, die mit der Taufe verknüpft ist. Er zählt einige konkrete Verhaltensweisen auf, die der getaufte Mensch aufweisen sollte: Demut, Friedfertigkeit, Geduld, Langmut und Liebe. Das sind alles Punkte, die durch maximale menschliche Bemühungen angestrebt werden sollen (menschliche Tugenden aufgrund der Befähigung durch die Taufe). Zugleich wird Gott dem so eifrigen Menschen die maximale Gnade dafür schenken, was den Weg des Getauften zu einer Kooperation mit dem Geist Gottes führt (wir sagen auch Früchte des Heiligen Geistes). Wir realisieren an der Zusammenstellung der Lesungen, dass Gottes Eigenschaften zu unseren Eigenschaften werden sollen. So wie Gott uns nährt mit irdischen und überirdischen Gaben, so sollen wir einander nähren mit irdischen und überirdischen Gaben.
Paulus ermahnt die Epheser, die er so lieb gewonnen hat, zur Einheit des Geistes und zum Band des Friedens. Der erste Begriff erinnert uns an die Bitte Jesu im hohepriesterlichen Gebet: „Lass sie eins sein, wie wir eins sind.“ Diese spendet der Geist Gottes, der Menschen an einen gemeinsamen Ort bringt. Das meint nicht mehr nur die lokale Versammlung, sondern die gemeinsame Gesinnung und Ausrichtung.
Die Christen sollen ein Leib und ein Geist sein. Ein Leib sind sie durch Christus, der die Kirche gestiftet hat und sie durch die Eucharistie immer mehr zu seinem Leib werden lässt. Ein Geist ist die Kirche durch die Einhauchung des Gottesgeistes. Dadurch sind die Christen nun eine gemeinsame neue Schöpfung, die sich moralisch gesehen nun an der göttlichen Weisheit orientieren, nicht mehr an der Weisheit der Welt.
Sowohl Juden- als auch Heidenchristen haben nun eine gemeinsame Hoffnung – sie eint der Glaube an die Auferstehung von den Toten.
Die Einheit der Christen gründet in der Einheit des gemeinsamen Gottes und Vaters. Dieser ist es nun in der Familie Gottes, die der Neue Bund ist. Wir sind alle seine Kinder und Erben in seinem Reich. Das Thema der Einheit ist sehr entscheidend, weil es zum Gesamtthema der Sonntagslesungen gehört: Die Eucharistie. Sie ist Ausdruck der Gemeinschaft der Gläubigen, gemeinschaftsstiftendes Element. Deshalb nennen wir sie auch Kommunion, von lat. communio, Gemeinschaft. Es ist Gemeinschaft mit Christus und untereinander. Taufe und Eucharistie gehören also eng zusammen und dies führt uns nun zum Evangelium, dem Höhepunkt des Themas.

Joh 6
1 Danach ging Jesus an das andere Ufer des Sees von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt.

2 Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
3 Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder.
4 Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe.
5 Als Jesus aufblickte und sah, dass so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?
6 Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen; denn er selbst wusste, was er tun wollte.
7 Philippus antwortete ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll.
8 Einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm:
9 Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele?
10 Jesus sagte: Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras. Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer.
11 Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen.
12 Als die Menge satt geworden war, sagte er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Brocken, damit nichts verdirbt!
13 Sie sammelten und füllten zwölf Körbe mit den Brocken, die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren.
14 Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
15 Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.

Im Evangelium wird uns heute von der wunderbaren Brotvermehrung berichtet, wie sie Johannes schildert. Sie ist die Vorgeschichte der sogenannten Himmelsbrotrede, in der Jesus zutiefst eucharistische Dinge erklärt, was aber nicht jeder Zuhörer ertragen kann.
Jesus geht an das andere Ufer des Sees Gennesaret. Er zieht weiter nördlich, dorthin, wo die Menschen seine Botschaft annehmen. Zuvor war er nämlich in Jerusalem und hat ein Streitgespräch mit der religiösen Elite geführt. Oft zieht er nach solchen ablehnenden Situationen in Gegenden, wo er angenommen wird – vor allem nach Galiläa.
Er ist nun am See und viele Menschen folgen ihm dorthin wegen der Heilstaten, die er vor allem an den Kranken tut. Nun ist für Jesus wieder die Zeit für prophetische Zeichenhandlungen gekommen, weshalb er so kurz vor dem Paschafest auf einen Berg steigt und sich mit seinen Jüngern dort niederlässt. Da fragt man sich vielleicht, warum er ausgerechnet so einen Ort aufsucht. Schließlich müssen die vielen Menschen ihm folgen, die dort mit Beschwerden zu ihm kommen. Der springende Punkt ist: Jesus tut nie etwas ohne tieferen Sinn. Es gibt so viele Verheißungen des Messias und auch der Gabe der Torah vom Zion aus (statt vom Sinai). Es ist eine Verheißung, die mit dem Tempel zu tun hat. Und nun unterweist Jesus vom Berg aus die Menschen (er setzt sich, was die Geste des Lehrers bei der Unterweisung ist!). Wir erkennen auch eine typologische Verbindung zum Volk Israel am Sinai, das von Mose gelehrt wird. Die Anwesenden werden über diese Dinge nachgedacht haben und den Ort sowie das Verhalten Jesu viel signalhafter wahrgenommen haben als wir.
Dann stellt Jesus irgendwann Philippus die Frage, woher sie genug Brot für die Anwesenden hernehmen sollen. Dies fragt er aber, um Philippus zu testen. Dieser rechnet den Preis für die Verpflegung aus und realisiert, dass es unmöglich sei. Andreas macht daraufhin auf den Proviant eines kleinen Jungen aufmerksam, der aber auch viel zu wenig für die Menschenmasse ist: fünf Gerstenbrote und zwei Fische.
Dann tut Jesus aber etwas Unerwartetes in der Wüste: Jesus bittet die Menge, sich hinzusetzen. Eigentlich steht da wörtlich das Verb ἀναπίπτω anapipto, was unter anderem die Bedeutung „sich zu Tisch legen“ aufweist und verwendet wird, wenn man sich zu Tisch begibt. In dem Kulturkreis lag man am Tisch, anstatt zu sitzen. Sich niederlegen auf einem Berg scheint absurd? Nicht für den Messias, der in seiner pädagogischen Feinfühligkeit den Juden zu verstehen geben will, dass sich nun ein weiteres Schriftwort erfüllt, nämlich Jesajas Schriftworte zum endzeitlichen Festmahl (z.B. Jes 25)! Jesus lädt zum Festmahl ein und bittet seine Gäste sozusagen „zu Tisch“. Hier ist die Endstation der Erfüllung noch nicht erreicht. Sie endet im Abendmahlssaal mit den zwölf Aposteln. Und doch werden die Menschen dafür schon vorbereitet, wenn Jesus neben den Fischen ausgerechnet Brot nimmt und dem Vater dafür dankt (die Danksagung heißt im Griechischen εὐχαριστία eucharistia!). Daraufhin lässt er die Jünger die übrigen Stücke wieder einsammeln. Bemerkenswert und wiederum ein göttliches Wunder ist, dass ganze zwölf Körbe voll von den Brotstücken übrig bleiben! Auch dies ist den Menschen ein Zeichen: Wenn Gott gibt, dann gibt er im Überfluss. Die Zahl Zwölf ist biblisch und immer eine Zahl der Fülle, Vollkommenheit und Vollständigkeit. Dies verdeutlicht das in dem Kontext stehende Verb ἐνεπλήσθησαν eneplesthesan „sie wurden gefüllt“. Die dort Anwesenden werden begriffen haben, dass die Verheißung der „fetten Speisen“ aus Jesaja sich nun vor ihren Augen erfüllt hat. Wir sehen die Entsprechung zur ersten Lesung. Dort sind es ebenfalls Gerstenbrote und auch dort kommen die Menschen aus großem Hunger zu Elischa. Hier im Evangelium haben wir einen noch krasseren Mangel an Proviant, nur fünf Brote und zwei Fische statt zwanzig Broten. Während die Menschen damals in einer Hungersnot stehen, ist der eigentliche Hunger der Menschen zur Zeit Jesu ein geistiger Hunger, eine Erschöpfung wie bei einer Herde ohne Hirten, wie wir letzte Woche hörten. Die Menschen mit ihm sind nicht nur körperlich, sondern auch im Glauben gesättigt worden – durch die Unterweisung, die Heilungen und die Speisung Jesu. Das Déjà vu erkennen nicht nur wir, sondern primär die Menschenmenge im Evangelium. Sie erkennen, dass Jesus der Christus ist. Sie kommen wirklich zum Glauben und das ist die entscheidende Sättigung des Wunders im Evangelium.
Jesus entzieht sich am Ende der Menschenmenge und sucht die Einsamkeit auf. Warum? Wir sehen immer wieder, dass die Menschen Jesus in ihre Schablone zwängen möchten. Es herrscht die Vorstellung vor, dass ein Messias kommen werde, der auf menschliche Weise, mit menschlichen Mitteln, mit Gewalt und politischen Methoden das Reich Gottes etablieren wird, die Befreiung aus der Fremdherrschaft der Römer erlangen und ein menschlicher Herrscher sein wird. Doch Jesus ist unpolitisch. Seine Waffe ist das Wort Gottes. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist anders, als die Menschen es erwarten. Deshalb entzieht er sich den Menschen und geht wieder ins Gebet mit dem Vater. Immer wieder, wenn er große Wunder wirkt, tut er dies. So sollen auch wir nach einer großen Verausgabung im Sinne einer großen Liebesleistung in die Kontemplation gehen, um unseren Liebestank neu aufzufüllen. So werden wir nicht ausbrennen und vergessen nie, dass Gott uns diese übernatürliche Liebe schenkt, mit der wir andere Menschen auf eine Weise lieben können, die die menschlichen Kapazitäten übersteigt.

Ihre Magstrauss

Birgitta von Schweden (Fest)

Gal 2
19 Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe. Ich bin mit Christus gekreuzigt worden.

20 Nicht mehr ich lebe, sondern Christus lebt in mir. Was ich nun im Fleische lebe, lebe ich im Glauben an den Sohn Gottes, der mich geliebt und sich für mich hingegeben hat.

In der heutigen kurzen Lesung hören wir zwei Verse aus dem Galaterbrief, in dem Paulus das Verhältnis von Jesus und Torah herausstellt. Diese wird hier mit „Gesetz“ wiedergegeben. Paulus ist in diesem Brief sehr polemisch, weil im Hintergrund eine Auseinandersetzung mit Judenchristen steht, die seine Apostolizität infrage stellen. Sie kritisieren auch, dass Heidenchristen sich nicht zusätzlich beschneiden lassen und die Torah halten. Für sie muss auch dies noch weitergeführt werden. Dagegen argumentiert Paulus im Galater- sowie im Römerbrief.
Der direkte Kontext dieser Verse ist ein Streitgespräch mit Petrus, das Paulus führt, als dieser inkonsequent mal mit den Heiden zusammen isst, mal nicht.
„Denn ich bin durch das Gesetz dem Gesetz gestorben, damit ich für Gott lebe.“ Wir müssen eines klarstellen: Christus hat die Torah nicht abgeschafft, sondern erklärt, wie die Torah wirklich zu verstehen ist. Er hat die Verkomplizierungen, die die Menschen selbst herbeigeführt haben, ausgeblendet, auf das Wesentliche zurückgeführt, nämlich auf die göttlichen Gebote, und ihre Auslegung radikalisiert. Aber darum geht es hier nicht. Wenn Paulus über die Torah spricht, geht es um ihre Heilsnotwendigkeit: Muss der Mensch die Torah halten als Bedingung für die Erlösung zusätzlich zum Erlösungswirken Christi, das der Mensch in der Taufe annimmt? Paulus sagt ganz klar Nein. Der Mensch konnte von sich aus nicht gerecht werden aufgrund der gefallenen Natur. Christus hat dies erwirkt durch sein eigenes Blut. „Durch das Gesetz“ ist der Mensch „dem Gesetz gestorben“, das heißt durch die menschgewordene Torah. Das geschriebene Wort, das Gesetz und die Propheten, bezeugen den Messias, der nun gekommen ist und die Welt gerettet hat. Er hat die Torah radikalisiert und aufgerichtet, um ihre vernichtende Funktion als Anklägerin des Sünders zu entkräften, der gegen die Gebote verstößt. Die Torah ist nun nicht mehr Anklägerin in dem Sinne, dass wer sie nicht hält, nicht erlöst wird. Jesus ist gekommen, um jene zu retten, die aus eigener Kraft vor Gott nicht gerecht werden können – nämlich uns alle. Keiner von uns kann aus eigener Kraft erlöst werden, denn wir alle neigen zur Sünde. Wir alle sind von Natur aus eine gefallene Schöpfung. Nur wenn wir neugeboren werden im Hl. Geist können wir gerecht vor Gott werden. Das geschieht in der Taufe. Durch das fleischgewordene Gesetz ist nun also das Buchstabengesetz abgelöst worden bei der Frage der Rechtfertigung. Doch das heißt nicht, dass der Mensch die Gebote Gottes nicht mehr halten muss. Er ist durch die Taufgnade ja nun dazu befähigt, Gottes Gebote zu halten. Deshalb wird er am Ende seines Lebens auch dafür Rechenschaft ablegen müssen.
Dem Gesetz gestorben ist der Mensch also in dem Sinne, dass die Einhaltung der Torah ihm nicht die Erlösung schenkt, sondern Gott. Und für diesen lebt man nun, der dem Menschen das ewige Leben ermöglicht hat.
Durch die Taufe wird der Mensch zusammen mit Christus gekreuzigt, gemeint ist der alte, sündige Mensch. Er lebt nun, gemeint ist der neue Mensch, der zur neuen Schöpfung gehört. Weil der Mensch Christus bei der Taufe gleichsam anzieht und dieser in seiner Seele Wohnung nimmt, lebt Christus in dem Getauften.
„Im Fleische leben“ meint in diesem Kontext nun das irdische Leben, nicht den Körper des Getauften getrennt von seiner Seele. Was der Mensch nun im irdischen Leben lebt, ist ein Leben mit Blick auf die Ewigkeit. Da er diese noch nicht sehen kann, ist es ein Leben in Glauben. Wenn der Mensch dann gestorben ist und vor Gott tritt, kommt er vom Glauben zum Schauen. Das Leben des Getauften ist nun ein anderes als zuvor, weil er ja im Glauben an Christus lebt, der sein Leben für ihn gegeben hat. Es ist ein neues Bewusstsein in absoluter Dankbarkeit und Vertrauen, ja in Vorfreude.

Ps 34
2 Ich will den HERRN allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund.

3 Meine Seele rühme sich des HERRN; die Armen sollen es hören und sich freuen.
4 Preist mit mir die Größe des HERRN, lasst uns gemeinsam seinen Namen erheben!
5 Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort, er hat mich all meinen Ängsten entrissen.
6 Die auf ihn blickten, werden strahlen, nie soll ihr Angesicht vor Scham erröten.
7 Da rief ein Armer und der HERR erhörte ihn und half ihm aus all seinen Nöten.
8 Der Engel des HERRN umschirmt, die ihn fürchten, und er befreit sie.
9 Kostet und seht, wie gut der HERR ist! Selig der Mensch, der zu ihm sich flüchtet!
10 Fürchtet den HERRN, ihr seine Heiligen; denn die ihn fürchten, leiden keinen Mangel.
11 Junglöwen darbten und hungerten; aber die den HERRN suchen, leiden keinen Mangel an allem Guten.

Heute beten wir einen wunderbaren Lobpreispsalm, mit dem wir Gottes große Taten rühmen.
„Ich will preisen“ ist ein typischer Psalmenbeginn – die Selbstaufforderung zum Lob. David bekundet sein „Jawort“ gegenüber Gott durch einen andauernden Lobpreis.
Mit „meine Seele“ wird das hebräische Wort נַפְשִׁ֑י nafschi übersetzt, was eigentlich viel mehr als nur die Seele meint. Der Mensch ist laut biblischen Verständnis eine Leib-Seele-Einheit. Das hebräische Wort ist also umfassender zu übersetzen im Sinne von „mein Leben“. Es meint die gesamte Existenz des Menschen, die sich des HERRN rühmen soll. David möchte Gott in allen Lebenslagen, mit seinem ganzen Sein preisen. Er möchte das tun, was wir Menschen in der Ewigkeit dauerhaft vornehmen werden – den Lobpreis Gottes.
„Die Armen sollen es hören und sich freuen“ – warum haben die Armen einen Grund zur Freude? Wenn ein Mensch Gott mit allem preist, was er ist und hat, dann tut er dies auch durch die gelebte Nächstenliebe. Und deshalb können die Armen aufatmen, das heißt die Randständigen, Rechtlosen, die Witwen und Waisen, die Fremden und Kranken. Hier geht es um das Doppelgebot der Liebe. Je mehr jemand in Gott lebt, desto mehr gibt er sich auch für den Nächsten hin. Die Hl. Birgitta von Schweden, derer wir heute gedenken, hat das in vorbildlicher Weise gelebt.
Auch die Lobaufforderung in Vers 4 ist typischer Psalmenstil. Oft ist diese auch so formuliert, dass der Psalmist die ganze Schöpfung oder Bereiche der Schöpfung zum Lob auffordert.
„Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort“ ist, was Jesus in seiner Verkündigung aufgreift, wenn er sagt: „Wer sucht, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.“ Hier könnte man die Verbform דָּרַ֣שְׁתִּי daraschti mit „ich habe aufgesucht“ übersetzen, denn Gott antwortet dem Suchenden. Gott ist es, der auch unsere Ängste von uns nimmt. Angst ist nicht vom Hl. Geist und deshalb ist der Mut/die Tapferkeit auch eine Frucht des Hl. Geistes.
Vers 6 ist eine wunderbare Reflektion dessen, wen man eigentlich anschauen soll – nämlich Gott. Wenn man auf ihn schaut und von ihm aus dann auf die Menschen, dann ist es die richtige Haltung. Dann wird man nicht auf das Ansehen der Person achten und sich vom Strahlen des Reichen beeinflussen lassen. Denn Gottes Licht übertönt alles Andere. Es wird auch auf das eigene Gesicht zurückfallen, sodass das einzige Ansehen der Person, auf die wir bei unseren Mitmenschen beachten sollen, die Reflektion des Lichtes Gottes ist. Und da ist es dann egal, ob es das Gesicht eines Armen oder Reichen ist. Und wenn sie die Ärmsten sind, so werden sie keinen Grund zur Scham haben. Gottes Gnade zeichnet sich in ihrem Gesicht ab, was gibt es Höheres? Diese Gnade wird dem Menschen bei der Taufe geschenkt. Und die Getauften sind alle gleich vor Gott in ihrer Würde. Da spielen der Reichtum, die gesellschaftliche Stellung etc. keine Rolle.
So lesen wir in Vers 7, dass Gott die Gebete eines Armen erhört und ihn aus seinen Nöten erlöst.
Bei Gott gibt es kein „Nein“, nur ein „Ja“, „Anders“ oder „Später“.
„Der Engel des HERRN umschirmt, die ihn fürchten, und er befreit sie.“ Er hat die Apostel befreit und beschützt, davon lesen wir sehr oft in der Apostelgeschichte. Er tut dies mit allen Getauften und er hat dies auch mit seiner heiligen Tochter Birgitta getan. Weil die Apostel, die Heiligen, alle gottesfürchtigen Christen Gott fürchten und sich ganz seinem Willen unterstellen, stehen sie unter dem besonderen Schutz Gottes.
„Kostet und seht, wie gut der HERR ist! Selig der Mensch, der zu ihm sich flüchtet!“ Dieses Schriftwort wird vom Priester sehr oft direkt vor dem Kommunionempfang gebetet, also eucharistisch ausgelegt. Ja, wir können kosten, wie gut der HERR ist, wenn wir ihn in uns aufnehmen und uns mit ihm vereinen. Er ist wie Balsam für unsere Seele und umhüllt uns ganz mit seiner Liebe und Barmherzigkeit. Dann ist es wirklich ein Zufluchtnehmen im Meer seiner Barmherzigkeit, ein Eintauchen in den tiefsten Grund seines für uns durchbohrten Herzens.
Wer Gott fürchtet, erleidet keinen Mangel. Das ist im Grunde, was Jesus den Menschen durch das Wort erklärt: Suchet zuerst das Reich Gottes, alles andere wird euch dazugegeben. Das Reich Gottes, Gott selbst, zu suchen, ist genau so eine gottesfürchtige Haltung. Wer Gott zu seiner Nummer eins macht, dem wird Gott alles in Überfülle schenken.
Gott gibt dem Menschen dann alles Gute, was er braucht. Das nennen wir auch Segen.

Joh 15
1 Ich bin der wahre Weinstock und mein Vater ist der Winzer.

2 Jede Rebe an mir, die keine Frucht bringt, schneidet er ab und jede Rebe, die Frucht bringt, reinigt er, damit sie mehr Frucht bringt.
3 Ihr seid schon rein kraft des Wortes, das ich zu euch gesagt habe.
4 Bleibt in mir und ich bleibe in euch. Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so auch ihr, wenn ihr nicht in mir bleibt.
5 Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht; denn getrennt von mir könnt ihr nichts vollbringen.
6 Wer nicht in mir bleibt, wird wie die Rebe weggeworfen und er verdorrt. Man sammelt die Reben, wirft sie ins Feuer und sie verbrennen.
7 Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten.
8 Mein Vater wird dadurch verherrlicht, dass ihr reiche Frucht bringt und meine Jünger werdet.

Im Evangelium wird uns heute der Anfang der zweiten Abschiedsrede vorgelesen.
Dort spricht Jesus eines der zahlreichen „Ich-bin-Worte“ des Johannesevangeliums. Er sagt, dass er der Weinstock ist und der Vater der Winzer. An diesem Weinstock hängen Reben und der Vater schaut sie durch. Er pflegt den Weinstock und schneidet faule Reben ab. Die guten Reben werden gereinigt, um noch besser zu wachsen. Dieses Bildwort bringt Jesus an, um zu verdeutlichen, dass die Apostel solche Reben sind. Der Vater reinigt auch sie, damit sie wachsen. Er schneidet sie ab, wenn sie verfault sind oder keine Frucht bringen. Wir denken an Judas Iskariot, wobei Gott ihm bis zum Schluss noch die Chance zur Umkehr gegeben hat.
Die Apostel sind schon rein kraft des Wortes Jesu. Er hat sie berufen zu seinem engsten Jüngerkreis und sie sind mitgegangen. Sie haben sich für ihn entschieden und sind zum Glauben gekommen. So ist ihre Reinigung durch sein göttliches Wort erwirkt worden. Nun liegt es an ihnen, in diesem Zustand zu bleiben, indem sie in ihm bleiben und er in ihnen. Das ist eine typisch johanneische Wendung, die den Stand der Gnade umschreibt. Das sind Inhalte, die jeden Getauften gleichermaßen betreffen. Auch wir sind durch die Gnade Gottes rein geworden in der Taufe. An uns liegt es nun, diesen Zustand zu behalten, indem wir in seiner Liebe bleiben, konkret: seine Gebote halten.
Jesus wird nun expliziter und sagt direkt, dass er der Weinstock und die Apostel die Reben sind. Wenn sie in ihm bleiben und er in ihnen, sind sie fruchtbare Reben am Weinstock. Fruchtbar können sie jedoch nur in Verbindung mit dem Weinstock sein, sonst faulen und verdorren sie. Das ist ein kraftvolles Bild, das das Leben der Kirche und das des einzelnen Christen zusammenfasst: Wenn wir als Kirche nicht die Gemeinschaft von Reben am Weinstock Jesu Christi sind, hören wir auf, Kirche zu sein. Dann geht es ganz schnell bergab. Diese innige Verbundenheit mit Christus hält die Kirche dadurch am Laufen, dass sie die Eucharistie feiert. So ist Christus inmitten seiner Kirche, die seine Braut ist.
Und auch in unserem ganz persönlichen Lebenswandel versuchen wir, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen, wenn wir getrennt von Gott etwas zustande bringen wollen. Ohne seinen Segen wird uns gar nichts gelingen oder nur für kurze Zeit bis zum Burnout. Ohne seinen Segen haben wir weder Kraft, noch Gesundheit, noch Erfolg noch finanzielle Mittel, irgendetwas zu erreichen, das Bestand hat. Gottes Gnade befähigt uns da, wo unsere menschliche Schwäche an ihre Grenzen gerät. Jesus sagt nicht, dass wir nur ein wenig erreichen, er sagt, dass wir gar nichts tun können ohne ihn. Das sind deutliche Worte und wir, die wir zur Familie Gottes gehören, der in unserer Seele Wohnung genommen hat, müssen dies auch nicht. Im Gegenteil: Hand in Hand mit Gottes Gnade werden wir überwältigende Dinge sehen, die wir nie für möglich gehalten hätten! Dann werden wir über uns selbst hinaus wachsen. Versuchen wir aber, aus eigener Kraft etwas zu tun, nehmen wir die Haltung ein, die Paulus in der Lesung kritisiert: Wir greifen Gott unter die Arme und tun so, als ob seine Gnade nicht stark genug wäre. Das ist eine ganz schlimme Form von menschlichem Hochmut.
Jesus sagt, dass wer nicht in ihm bleibt, abgeschnitten wird, verdorrt und ins Feuer geworfen wird. Das ist ein deutlich eschatologisches Bild – ein Gerichtswort. Wenn wir nach unserem Tod vor Gott stehen und nicht im Stand der Gnade sind, wird er unseren Entschluss gegen ihn ernst nehmen. Wir selbst haben uns nämlich freiwillig vom Weinstock abgetrennt. Da bleibt dem Winzer dann nichts anderes übrig, als uns in das ewige Feuer der Hölle zu werfen, so leid es ihm für die Rebe auch tut. Zu Lebzeiten ist es aber noch nicht zu spät, von der Abgetrenntheit zurückzukehren. Im Gegensatz zum echten Weinstock können wir beim Weinstock Christi umkehren und Gott kann uns wieder mit dem Weinstock verbinden, sodass wir wieder neue Nährstoffe erhalten und wieder Frucht bringen können. Wie barmherzig ist Gott! Wir müssen das mit aller Nachdrücklichkeit sagen: Wir selbst können uns nicht wieder an den Weinstock anknüpfen. Was abgeschnitten ist, ist abgeschnitten. Die Gegner des Paulus in der Lesung haben aber genau diese Illusion, weshalb sie die Torah für heilsnotwendig halten. Sie meinen, dass der Mensch sich durch die eigene Tugend vor Gott gerecht machen kann. Aber es ist Gott selbst, der dem Menschen diese Einheit ermöglicht.
Wenn wir immerzu verbunden sind mit dem Weinstock, werden auch unsere Gebete Frucht bringen, Wirkung haben. Jesus spricht diese Worte zwar zu seinen Aposteln, doch sie gelten im selben Maße auch uns. Der Zugang zum Weinstock ist ja nicht abgeschnitten, so kann Gott unsere Gebete erhören.
Wenn wir Gott die Ehre geben möchten, dann tun wir das durch unsere Nachfolge. Der Vater wird dadurch verherrlicht, so Jesus, wenn die Apostel seine Jünger werden. Dies bedeutet zugleich, seine Gebote zu halten und ihm treu nachzufolgen, wenn es sein muss bis in den Tod.
Dass Jesus im Kontext des letzten Abendmahls ausgerechnet den Weinstock als Bild nimmt, der durch und durch eucharistisch ist, ist natürlich kein Zufall. Die Apostel verstehen es in der Tiefe noch nicht so ganz, doch es wird ihnen bald aufgehen, wenn der Geist Gottes am Pfingstfest ihnen die Augen öffnet.

Heute geht es sehr viel um Gerechtigkeit vor Gott. Bitten wir die Hl. Birgitta von Schweden um die Demut und Einsicht, dass wir uns selbst nicht gerecht machen können. Wir brauchen Gott nicht unter die Arme zu greifen, damit er uns erlöst. Unser aktives Zutun ist die Annahme dieser Erlösung. Und wenn wir dann Erlöste sind, müssen wir diese Demut beibehalten: Die helfende Gnade sei unser ständiger Begleiter auf dem Weg in die Ewigkeit. Aus uns selbst heraus können wir nicht heilig werden, aber mithilfe der Gnade Gottes schon.

Ihre Magstrauss

Maria Magdalena (Fest)

Hld 3,1-4a; Ps 63,2.3-4.5-6.7-8; Joh 20,1-2.11-18

Hld 3
1 Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht.
2 Aufstehen will ich, die Stadt durchstreifen, die Gassen und Plätze, ihn suchen, den meine Seele liebt. Ich suchte ihn und fand ihn nicht.
3 Mich fanden die Wächter bei ihrer Runde durch die Stadt. Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt?
4 Kaum war ich an ihnen vorüber, fand ich ihn, den meine Seele liebt.

In der Lesung hören wir einen Ausschnitt aus dem sehr mystischen Hohelied. Darin wird in sehr romantischen und teilweise erotischen Bildern die Liebe zwischen Gott und seiner Braut Israel umschrieben. Dies passt sehr gut zu Maria Magdalena, weil sie den Herrn mit der innigen Liebe geliebt hat, die Gott sich von seiner Braut Israel bereits im Alten Testament gewünscht hat.
„Des Nachts auf meinem Lager suchte ich ihn, den meine Seele liebt.“ Es stellt gleichsam die Antwort Israels auf Dtn 6,4ff. dar. Das Schema Israel soll von Israel täglich gebetet und betrachtet werden. Es geht um die Liebe Gottes „mit ganzen Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft.“ Israel soll über Gott stets nachdenken, auch auf nächtlichem Lager. Und hier im Hohelied setzt die Braut das nun um. Sie sucht ihn und findet ihn nicht. Das ist die Sehnsucht des Menschen, der Gott in seinem Leben sucht, der noch im Prozess der Umkehr ist oder dessen Sehnsucht einfach noch nicht gestillt ist. Die Seele kann Gott dabei schon lieben, auch wenn der Mensch Gott intellektuell noch nicht erkannt hat. Als Abbild Gottes sehnt sich der Mensch stets nach seinem Schöpfer, auch wenn es ihm noch nicht bewusst ist. Er sucht in seinem ganzen Leben nach ihm, ohne es zu wissen. Er wird getrieben und streift durch „die Gassen und Plätze“. Er sucht Gott vielleicht in der Esoterik, in anderen Religionen, in der zwischenmenschlichen Liebe, versucht die innere Sehnsucht mit Drogen oder anderen Süchten zu stillen, und kommt doch nicht zum Ziel. Letztendlich ist das, was der Mensch sucht, die Liebe Gottes, von der er ganz angenommen werden kann. Der Hl. Augustinus schreibt zu Beginn seiner Bekenntnisse: „Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir, oh Gott.“ Das fasst es zusammen. Der Mensch ist auf der Suche nach Gott und findet erst zum Ziel in ihm.
Die Braut Gottes hier im Hohelied, Israel selbst, ist auf der Suche nach Gott und findet ihn nicht. Schauen wir zurück auf das Verhalten des Volkes Gottes, erkennen wir auch den Grund: Es sucht an ganz falscher Stelle, nämlich bei den Göttern der umliegenden Völker. Die Baale und Kultpfähle, die Kultbilder und vielen Opfer ziehen Israel meilenweit von Gott weg. Dort wird es ihn nicht finden. Erst wenn es umkehrt, den Götzendienst bereut und das Herz ganz allein Gott schenkt, wird es ihn wieder finden. Denn dann ist es wieder ganz in seiner Liebe. Und damit dies geschieht, sendet Gott seine Wächter aus, dass sie der Braut bei der Suche des Geliebten helfen. In dieser Leserichtung handelt es sich um die vielen Propheten, die als Sprachrohr Gottes zur Umkehr aufrufen.
Maria Magdalena ist es, die in ihrem sehr bewegten Leben nach der Liebe Gottes gesucht hat, ohne es zu merken. Sie hat sich in alle möglichen sündhaften Dinge gestürzt, um geliebt zu werden. Sie hat an der falschen Stelle gesucht, doch dann hat sie den gefunden, den ihre Seele liebt. Als Jesus gestorben ist, ist die Nacht für sie angebrochen. Wie tief muss für eine so brennende Jüngerin wie sie der Schmerz gesessen haben! Und dann wird sie keine Ruhe gefunden haben, bis sie nicht zu seinem Grab gegangen ist. Sie findetihn dort aber nicht, weil er von den Toten auferstanden ist! Und dann sucht sie ihn überall und fragt die Wächter am Grab. Und dann findet sie ihn. Davon werden wir im Evangelium hören.
Sie ist als Sinnbild für alle liebenden Christen zu verstehen, die mit brennender Liebe nach ihrem Rabbi suchen, auch gerade in Situationen, in denen für sie die Nacht eingekehrt ist. Wenn es schwer wird und Gott nicht zu finden ist, wissen auch wir, dass er dennoch da ist. Und in dieser Zeit der Kirche nach der Heimkehr Christi zum Vater suchen wir ihn stets in unserer Zeit und warten darauf, dass wir ihn finden – wenn er wiederkommt am Ende der Zeiten. Dann werden wir ihn „finden“, den unsere Seele liebt.

Ps 63
2 Gott, mein Gott bist du, dich suche ich, es dürstet nach dir meine Seele. Nach dir schmachtet mein Fleisch wie dürres, lechzendes Land ohne Wasser.
3 Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum, zu sehen deine Macht und Herrlichkeit.
4 Denn deine Huld ist besser als das Leben. Meine Lippen werden dich rühmen.
5 So preise ich dich in meinem Leben, in deinem Namen erhebe ich meine Hände.
6 Wie an Fett und Mark wird satt meine Seele, mein Mund lobt dich mit jubelnden Lippen.
7 Ich gedenke deiner auf meinem Lager und sinne über dich nach, wenn ich wache.
8 Ja, du wurdest meine Hilfe, ich juble im Schatten deiner Flügel.

Auch im Psalm betrachten wir die Sehnsucht des Menschen nach Gott. Es ist ein Vertrauenspsalm Davids, der sich stets nach Gottes Gegenwart gesehnt hat.
In Vers 2 wird diese Sehnsucht als seelisches Durstgefühl umschrieben. Wie ein Lebewesen und eine Landschaft ohne Wasser verschmachten, so verdorrt der Mensch ohne Gott. Hier ist das Wasser mehr als nur ein irdisches Element. Es wird hier das lebendige Wasser geschildert, das der Heilige Geist ist. Er ist es, der uns belebt.
König David versteht, dass die Gegenwart Gottes in seiner Zeit im Tempel zu finden ist: „Darum halte ich Ausschau nach dir im Heiligtum, zu sehen deine Macht und Herrlichkeit.“
Die Macht und Herrlichkeit Gottes durfte die Heilige Maria Magdalena mit eigenen Augen sehen, wenn Jesus die vielen Heilstaten vollbracht und dann von den Toten wieder auferstanden ist. Das ist das größte Zeichen aller Zeiten. Sie stand unter dem Kreuz und sah mit eigenen Augen den Lanzenstich mitten in sein Herz. Sie sah mit eigenen Augen das herausfließende Blut und Wasser, deren Getrenntsein seinen Tod bezeugte. Sie sah mit eigenen Augen die Grablegung und den später zurückgerollten Grabstein. Sie sah mit eigenen Augen und hörte mit eigenen Ohren, wie der Auferstandene sie anschaute und ihren Namen nannte.
Wir alle dürfen die Gegenwart Gottes in der Eucharistie schauen. Dort erahnen wir seine Macht und Herrlichkeit. Und wenn wir am Ende der Zeiten vor ihn treten, werden wir sie ganz unverhüllt schauen. Auf ewig.
„Denn deine Huld ist besser als das Leben“ kann König David wirklich mit Überzeugung sagen. Was ist das irdische Leben denn auch wert, wenn es nicht von Gott gesegnet ist! Wie sehr musste er leiden, weil er sich schwer gegen Gott versündigt hat! Ein Leben in Fülle ist das ewige Leben bei Gott. Besser für ihn sterben, aber dafür ewig bei ihm sein im Himmelreich. Dann werden die Lippen eines jeden Gerechten ihn ewig preisen. Das wird die ewige Tätigkeit im Himmel sein.
Es ist wichtig, damit schon in diesem Leben zu beginnen, ja das ganze Leben selbst zum Lobpreis zu machen. David hat dies wirklich umgesetzt, indem er Gottes Willen stets befolgt und ihm ganz vertraut hat. Er hat mit seiner gesamten Tätigkeit als König, zuvor schon als Hirte Gott ganz gepriesen.
„Wie an Fett und Mark wird satt meine Seele“ – mit Gott in Beziehung zu treten, ihn zu loben und zu preisen, erfüllt die schmachtende Seele. Das stillt ihre Sehnsucht, denn sie ernährt sich von der Liebesbeziehung zu Gott. Auch unsere Seele wird „satt“, wenn sie in Kontakt mit Gott ist. Wir sind dazu geschaffen, mit Gott in Beziehung zu stehen und ihm mit unserer Gegenliebe zu antworten. Die ewige Gemeinschaft mit Gott macht uns zu Menschen, wie er sie gedacht hat.
Auch König David hat Gott innig geliebt und ist mit Maria Magdalena in diesem Punkt zu vergleichen. Auch er nimmt das Schema Israel ernst, das vom frommen Juden das stete Nachsinnen über Gott gebietet. Auch er denkt über Gott nach auf nächtlichem Lager. Somit wird er zum Vorbild für das ganze Volk Israel.
Gott hat ihm stets geholfen und David konnte sich im Schatten der Flügel Gottes bergen. Er war in Gottes Liebe und Gottes Liebe war in ihm. Wer im Stand der Gnade ist, entscheidet sich für Gottes Schutz und Beistand.

Joh 20
1 Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.
2 Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.
11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein.
12 Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten.
13 Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.
14 Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war.
15 Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen.
16 Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister.
17 Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.
18 Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.

Im Evangelium hören wir nun das, was im Hohelied mystisch-romantisch vorweggenommen worden ist: Das Suchen und Finden Christi am Ostertag. Es ist noch dunkel, als Maria am ersten Tag der Woche zum Grab kommt. Die Sonne ist wie im Ausschnitt des Hoheliedes noch nicht aufgegangen, die Stimmung Mariens noch voller Kummer und Trennungsschmerz. Die Hoffnung der Osterbotschaft kommt aber rasant auf sie zu. Denn sie sieht dort angekommen, dass der Grabstein weggerollt und der Leichnam Jesu weg ist. So rennt sie zu den Aposteln und meldet ihnen die Abwesenheit Jesu, kommt aber noch nicht dahinter, dass er auferstanden ist.
Sie geht irgendwann zurück zum Grab. Sie hat Jesus sehr geliebt und so weint sie an der Graböffnung. Noch hat sie die Auferstehung nicht begriffen. Als sie irgendwann hineinsieht, erblickt sie zwei Engel, die sie nach ihren Tränen fragen. Sie erklärt daraufhin, dass sie ratlos ist, weil der Leichnam Jesu irgendwo hingebracht worden ist.
Nun tritt Jesus selbst an sie heran. Sie hat die Ehre, ihm zuerst zu begegnen. Ihr wird diese große Gnade zuteil, weil sie ihn mit so inniger Liebe geliebt hat. Nun erfüllt sich das Schriftwort aus Hld 3,4. Nun findet sie, den ihre Seele liebt. Ja, noch viel mehr muss man sagen: Sie wird von ihm gefunden!
Auch er fragt sie, warum sie weint. Sie erkennt den Auferstandenen zunächst nicht, denn sein Auferstehungsleib ist anders als vor seinem Tod. Sie denkt, es sei der Gärtner. Deshalb fragt sie ihn, wohin er den Leichnam Jesu gelegt habe. Erst als Jesus sie beim Namen nennt (ein unbekannter Gärtner wird schwerlich ihren Namen gekannt haben!), erkennt sie den auferstandenen Jesus.
Wir lesen zwar nicht davon, aber offensichtlich möchte sie Jesus voller Freude festhalten. Er ist noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Das heißt, dass sie Jesus ganz festhalten darf und soll, wenn er zum Vater in den Himmel aufgefahren ist. Dann ist Jesus nämlich verherrlicht und nicht mehr entäußert.
Jesus hat eine wichtige Aufgabe für sie. Sie soll seinen Aposteln, dem engsten Jüngerkreis, die Osterbotschaft bringen, dass er lebt und vor allem, dass er heimgehen muss „zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“. Das ist ein wichtiger Hinweis. Als Jesus vor den Aposteln das Mahl des Neuen Bundes etabliert hat, hat er schon angedeutet, dass dadurch ein neuer Bund geschlossen werde. Sie sind nun Erlöste, sie sind zu Kindern Gottes geworden. Jesus hat ihnen das Vaterunser beigebracht und somit schon sensibilisiert, was durch seine Erlösungstat nun Realität geworden ist: Sie sind Kinder Gottes und dürfen Gott ihren Vater nennen! Sie gehören nun zur Familie Gottes, sodass nicht mehr nur Jesus Gott seinen Vater nennt, sondern auch die Apostel es tun dürfen. Das ist absolute Bundessprache und betrifft alle, die den Glauben an Jesus Christus angenommen haben und sich haben taufen lassen. Wir sind nun Teil der Familie Gottes und wir dürfen Gott unseren Vater nennen. Jesus ist nicht nur unser Herr und König, er ist auch unser Bruder.
Maria von Magdala eilt nun zu den Jüngern und berichtet, dass sie den Herrn gesehen habe. Sie übergibt den Aposteln die Botschaft und wird so zur Apostolin der Apostel.

Bitten wir den Herrn auf die Fürsprache Maria Magdalenas um dieselbe innige und brennende Liebe. Mögen auch wir uns mit dem Bewusstsein unserer Fehlbarkeit ganz vertrauensvoll an Gott festklammern und seine Barmherzigkeit annehmen, wenn wir gesündigt haben. Lassen auch wir uns von ihm so verwandeln wie sie, damit auch wir von Sündern zu Heiligen werden.

Ihre Magstrauss