Montag der vierten Adventswoche (A)

Mal 3,1-4.23-24; Ps 25,4-5.8-10.14; Lk 1,57-66

Mal 3
1 Seht, ich sende meinen Boten; er soll den Weg für mich bahnen. Dann kommt plötzlich zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Bote des Bundes, den ihr herbeiwünscht. Seht, er kommt!, spricht der HERR der Heerscharen. 
2 Doch wer erträgt den Tag, an dem er kommt? Wer kann bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer des Schmelzers und wie die Lauge der Walker. 
3 Er setzt sich, um das Silber zu schmelzen und zu reinigen: Er reinigt die Söhne Levis, er läutert sie wie Gold und Silber. Dann werden sie dem HERRN die richtigen Opfer darbringen. 
4 Und dem HERRN wird das Opfer Judas und Jerusalems angenehm sein wie in den Tagen der Vorzeit, wie in längst vergangenen Jahren.
23 Bevor aber der Tag des HERRN kommt, der große und furchtbare Tag, seht, da sende ich zu euch den Propheten Elija. 
24 Er wird das Herz der Väter wieder den Söhnen zuwenden und das Herz der Söhne ihren Vätern, damit ich nicht komme und das Land schlage mit Bann.

Die Verheißung des Propheten Maleachi (auf deutsch „mein Bote“), das den Abschluss des AT bildet, weist auf den unmittelbaren Vorläufer Jesu hin – Johannes den Täufer. Er ist es, der den Weg für den Messias bahnt.
Wenn wir lesen „dann kommt plötzlich“, ist das für uns mehrdeutig zu verstehen und legt zugrunde, was Jesus später sagen wird: Sein Kommen ist unerwartet – auch gerade zeitlich. Keiner weiß, wann er wirklich kommt. Und dies beziehen wir nicht nur auf das erste Kommen des Messias bei seiner Menschwerdung. Wir lesen hier besonders das zweite Kommen Jesu, über das er selbst sagte, dass wir den Zeitpunkt nicht kennen. Aus diesem Grund müssen wir jederzeit dafür bereit sein.
Interessant ist auch die Rede vom plötzlichen Kommen in den Tempel. Dies lesen wir mehrdimensional: Gott kommt in seinen Tempel, d.h. seine Herrlichkeit wohnt wieder im Tempel, der nach der Zerstörung durch die Babylonier wieder aufgebaut wird unter Aufsicht des Statthalters Serubabbel, der Enkel Jojachins von Juda. Wir denken aber auch einen Tag vor Heiligabend an das Kommen Gottes in den Tempel durch seine Menschwerdung im Mutterleib Mariens. Sie ist somit der Tempel, in dem Gott Wohnung nimmt! Wir lesen es weiter als eucharistischen Einzug Gottes in jeder Hl. Messe und im Allerheiligsten in jeder Kirche. Gott wird auch Wohnung nehmen am Ende der Zeiten, wenn das himmlische Jerusalem von oben her auf die neue Schöpfung herabkommt. Dann wird Gott „in ihrer Mitte wohnen“ (Offb 21,3).
Der „Bote des Bundes“ könnte einerseits auf Johannes den Täufer verweisen, der sozusagen zwischen den Bünden steht. Andererseits denken wir ganz im wörtlichen Sinn des Wortes מַלְאַךְ mal’ach an einen Engel, der als Bote fungiert. Uns geht auf, dass hier der Erzengel Gabriel angedeutet wird! Dieser Engel eröffnet dem Tempel des Messias, der Jungfrau von Nazaret, den Heilsplan Gottes, dem sie voller Glauben zustimmt. Daraufhin kann Gottes Herrlichkeit in ihr Wohnung nehmen.
Wenn Gott vor allem zum zweiten Mal kommt, d.h. bei der Wiederkunft Christi, wird es ein universales Gericht geben. Er wird in seiner ganzen Herrlichkeit, in dem Feuer seiner Liebe kommen und überall, wo an uns „brennbares Material“ ist, wird es verbrennen. Deshalb wird hier die rhetorische Frage gestellt: „Wer kann bestehen, wenn er erscheint?“
Sein brennendes Feuer wird mit vertrauten Bildern verglichen, mit denen die ersten Adressaten dieser Prophetie etwas anfangen konnten: Mit dem Walken und Schmelzen. Diese Bilder verdeutlichen, dass Gott mit seinem Feuer nicht zerstören will, sondern einen anderen Zustand des Ausgangsmaterials erreichen will. Deshalb heißt es auch im Anschluss, dass Gott die Stämme reinigen und läutern will. Hätte das Gold oder Silber, mit dem die Stämme verglichen werden, Gefühle, würde es in dem Prozess Schmerzen erleiden. Aber am Ende ist es edel und rein. Das ist auch die Funktion der Gerichtsrede des Täufers und später des Messias. Sie sagen Dinge, die nicht allen passen. Es tut weh, aber es ist ein seelischer Reinigungsprozess. Gott möchte aus uns reines Gold oder um ein anderes Bild zu nennen – geschliffene Diamanten aus einem Stück Kohle machen. Bis dahin ist es manchmal ein schmerzhafter Prozess. Das betrifft auch unser eigenes Leben. Gott lässt manchmal Dinge zu, die wir nicht verstehen und unter denen wir leiden. Aber wenn wir sie durchgehalten haben, werden wir gestärkt und gereinigt daraus hervorgehen. Dasselbe muss die Kirche als die Braut Christi immer wieder durchlaufen. Als mystischer Leib ist sie heilig und doch gibt es in ihr immer wieder schwarze Schafe. Die Braut muss bereit für ihren Mann geschmückt sein, wenn die Hochzeit des Lammes kommt. Deshalb lässt Gott auch hier zu, dass es immer wieder zu schmerzhaften Situationen kommt. Diese haben aber ihre Reinigung und Läuterung zum Ziel, weshalb wir nicht verzweifeln müssen. Am Ende unseres Lebens und am Ende der Zeiten werden wir vor Gottes Angesicht stehen. Wir werden diesem brennenden Feuer ausgeliefert sein, das in uns dort Feuer fängt, was noch nicht reines Gold ist. Das wird uns dann schmerzen und das nennt die Kirche Fegefeuer. Im himmlischen Jerusalem kann nur reines Gold bestehen, weil Gott, der wie brennendes Feuer ist, nämlich die Liebe, hier wohnt. Deshalb werden wir auch hier noch leiden, bis wir ganz in seiner Liebe leben können. Aber auch dort können wir gewiss sein, dass wir bei ihm sein werden.
Und wenn wir gereinigt sind wie hier durch den Stamm Levi ausgesagt, dann werden wir Gott die richtigen Opfer darbringen. Das ist wiederum mehrfach zu verstehen: Der Stamm Levi, der Priesterstamm, muss kultisch rein sein, um Gott Opfer darbringen zu können. Die Kirche sieht das Sakrament der Versöhnung vor, damit wir moralisch rein sind für das Messopfer und den Empfang der Kommunion. Wir müssen rein sein auch am Ende unseres Lebens, damit wir an der himmlischen Liturgie teilnehmen können, also im Himmel sein können. Dann wird Gott dieses Opfer gefallen – interessant, wie hier nun der Stamm Juda genannt wird. Aus diesem geht nämlich Jesus hervor, der das endgültige Opfer für alle Zeiten vollbringen wird!
Wenn dann die Rede von Elija unmittelbar vor dem großen und furchtbaren Tag ist, haben wir hier erneut einen Code, der auf Johannes den Täufer verweist. Er ist der wiederkehrende Elija. Gemein ist, dass er in derselben Kraft auftritt wie der Prophet des AT.
Johannes hat wirklich die Menschen zur Versöhnung gebracht („das Herz der Väter wieder den Söhnen“ zugewandt und umgekehrt). Er hat die Menschen zur Buße und Umkehr aufgerufen, damit sie gereinigt würden in ihrem Herzen und dem Kommen des Herrn entgegen gehen konnten. Er hat viele vor dem Bann Gottes bewahrt – das heißt vor der Hölle.

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade! 
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg. 
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg. 
10 Alle Pfade des HERRN sind Huld und Treue denen, die seinen Bund und seine Zeugnisse wahren.

Der kurze Ausschnitt aus dem Psalm heute ist eine Bitte um die rechte (moralische) Unterweisung und um Erkenntnis des Heilsplans Gottes.
Die Bitten des Psalms sind für uns alle eine wunderbare Vorlage: Wenn wir von unserer Seite aus unsere eigene Läuterung unterstützen und weitere Verunreinigungen vermeiden möchten, dann müssen wir aktiv darum bitten, dass Gott uns seinen Willen zeigt. Denn das Tun seines Willens ist der richtige Weg zu unserem möglichst unverfälschten „Goldmaterial.“
Gott zeigt uns seinen Willen und führt die vom Weg abgekommenen Sünder wieder zurück. Er möchte, dass keines seiner Kinder verloren geht. Uns geht es gut, wenn wir auf seinem Weg bleiben.
„Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist wiederum eine Andeutung messianischer Hoffnung, ebenso die Bemerkung „Gott meines Heils“ (אֱלֹהֵי יִשְׁעִי elohej jisch’i). Für das Heil Gottes wird wie immer dieselbe hebräische Wurzel gewählt wie im Namen Jesu.
Auf Gott hofft das unterdrückte Volk Israel insbesondere in Zeiten der Bedrängnis. Je schlimmer die Zeiten, desto stärker ist die messianische Hoffnung. Auf Gott hoffen auch wir den ganzen Tag und vor allem in Zeiten der Versuchung. Die Kirche hofft auf den Herrn den ganzen Tag insbesondere heutzutage, da die Christenverfolgungen einen Höhepunkt erreichen. Die ganze Welt hofft auf Erlösung von all den Leiden, dem Unrecht, dem Bösen.

Lk 1
57 Für Elisabet aber erfüllte sich die Zeit, dass sie gebären sollte, und sie brachte einen Sohn zur Welt. 
58 Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, welch großes Erbarmen der Herr ihr erwiesen hatte, und freuten sich mit ihr.
59 Und es geschah: Am achten Tag kamen sie zur Beschneidung des Kindes und sie wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben. 
60 Seine Mutter aber widersprach und sagte: Nein, sondern er soll Johannes heißen.
61 Sie antworteten ihr: Es gibt doch niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt. 
62 Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle. 
63 Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb darauf: Johannes ist sein Name. Und alle staunten. 
64 Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen und er redete und pries Gott. 
65 Und alle ihre Nachbarn gerieten in Furcht und man sprach von all diesen Dingen im ganzen Bergland von Judäa. 
66 Alle, die davon hörten, nahmen es sich zu Herzen und sagten: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm.

Wir haben in den letzten Wochen die Vorgeschichten der Geburten Johannes‘ des Täufers und Jesu gehört. Heute ist es soweit. Johannes wird geboren. Wie vom Erzengel Gabriel angekündigt bringt der Sohn insbesondere Elisabet große Freude und viele freuen sich zusammen mit ihr. Dies wird so explizit genannt, weil sie lange keine Kinder bekommen konnte. Im Judentum war mit Kinderreichtum der Segen Gottes verbunden. Kinderlosigkeit wurde dagegen als Fluch und Gottesferne verstanden. Dass Elisabet so unerwartet Mutter geworden und auch noch einen Sohn geboren hat (durch den das Blut der Familie weitergegeben wird), wird als Erbarmen Gottes interpretiert.
Nach jüdischem Gesetz wird das Kind am achten Tag beschnitten und benannt. Es wird wie so oft erwartet, dass das Kind nach dem Vater benannt wird, doch dieser setzt den Willen Gottes um, der ihm einen anderen Namen sagen ließ: Der Junge soll Johannes heißen, obwohl kein anderer in der Verwandtschaft so heißt. Warum soll das Kind so heißen? Der Name bedeutet „Gott ist gnädig“. Gott hat sich Zacharias und Elisabet barmherzig angenommen und diese Aussage wird auch zum Programm der Bußpredigt des Täufers. Weil Gott eben barmherzig ist, gibt er uns die Chance, umzukehren. Und diese Umkehr bildet den Kern seiner Verkündigung.
Zacharias kann in dem Moment wieder sprechen, als er Gottes Willen gehorsam annimmt. Während Maria beim Engelsbesuch von Anfang an den Willen angenommen hat, wird dies in Zacharias‘ Fall verspätet nachgeholt. Dass er zuvor mit Stummheit geschlagen worden war, ist nicht einfach eine sadistische Strafe Gottes, der von ihm Kadavergehorsam gefordert hatte. Gott wollte an diesem Priester seine Herrlichkeit erweisen und dies als Zeichen für die Umstehenden erwirken lassen. Wir lesen, dass sein Zeichenhandeln eine nachhaltige Wirkung erzielt hat. Die Menschen reden im ganzen Bergland von Judäa davon.
Gott hat die Menschen auch schon auf den Täufer vorbereitet. Sie sind schon Zeugen des wundersamen Anfangs des Kindes geworden. Umso besser werden sie seine Verkündigung einige Jahrzehnte später verstehen.

Was Maleachi mit der Läuterung der Söhne Levis angedeutet hat, ist uns durch das Evangelium deutlich geworden: An Zacharias war nicht alles gold, sodass Gott ihn läutern musste. Er schlug den Mann mit Stummheit, damit er seine Lektion lernte.

Nutzen wir die letzten Stunden vor Weihnachten, um von uns aus zu tun, was wir zur Reinigung unserer Seele tun können. Richten wir uns aus auf das Kommen des Jesuskindes, damit es in unseren Herzen Platz findet.

Ihre Magstrauss

Vierter Adventssonntag (A)

Jes 7,10-14; Ps 24,1-6; Röm 1,1-7; Mt 1,18-24

Jes 7
10 Der HERR sprach weiter zu Ahas und sagte: 
11 Erbitte dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, tief zur Unterwelt oder hoch nach oben hin! 
12 Ahas antwortete: Ich werde um nichts bitten und den HERRN nicht versuchen. 
13 Da sagte er: Hört doch, Haus Davids! Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet? 
14 Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.

Lesen wir die heutige Jesajalesung zunächst einmal historisch und betrachten auch den Kontext dieses Ausschnitts. Wir haben ihn in der vergangenen Woche schon gehört. König Ahas von Juda sieht sich von seinen Feinden bedroht, die gegen ihn Krieg führen wollen. Jesaja übermittelt ihm die Zusage Gottes, dass er sich nicht fürchten muss. Die geplante Bekämpfung Judas und Ersetzung des Königs durch den Sohn Tabeals wird nicht zustande kommen, so lässt Gott Aram sagen. In der sukzessiven Eroberung des Nordreichs und der wachsenden Bedrohung Judas wendet Gott die Gefahr ab, doch Ahas lässt es kalt. Er glaubt Gott nicht und ist immer noch ängstlich. Gott fordert ihn dann auf, um ein Zeichen zu bitten. Gott ist bereit, dem König von Juda seine Pläne zu offenbaren. Dieser lehnt das Angebot zunächst ab, was Gott dennoch nicht davon abhält, ihm durch Jesaja die Botschaft zu vermitteln. Und nun kommt dieser Vers, den wir absolut messianisch weiterdenken und auf Jesu Menschwerdung beziehen: Die Jungfrau wird ein Kind empfangen, in der neuen Einheitsübersetzung „hat empfangen“ und wird ihm den Namen Immanuel geben. Dieses Kind wird es verstehen, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. So heißt es im weiteren Verlauf, den wir heute nicht mehr hören. Historisch gesehen könnten die Juden im Nachhinein die Ankündigung König Hiskijas, den Sohn von Ahas, erkannt haben. Er war ein frommer König, der es wirklich verstand, das Richtige zu tun im Gegensatz zu seinem Vater. Und doch können wir bei dieser Leserichtung nicht stehen bleiben. Schon allein die Prophezeiung einer Jungfrau lässt weiterdenken: Hier steht im Hebräischen das Wort הָעַלְמָ֗ה  ha’alma „die Jungfrau“, was ein junges Mädchen im heiratsfähigen Alter meint. Natürlich ist eine alma biologisch gesehen dann auch eine Jungfrau! Dies wird im griechischen AT deshalb mit ἡ παρθένος übersetzt, was ganz eindeutig „Jungfrau“ heißt. Hier wird ein übernatürlicher Zeugungsvorgang angekündigt, von dem wir bei Hiskija noch nicht lesen. Hier handelt es sich um einen Typos, der in Jesus Christus einen Antitypos erhält! So wie durch die Geburt Hiskijas die davidische Dynastie am Leben erhalten wurde, wird durch Jesus, dem Sohn Davids, die Genealogie der neuen Schöpfung eingeleitet, der wir durch die Taufe angehören! Und das Zeichen der Menschwerdung Christi wird zum größten Zeichen Gottes aller Zeiten. Er wird wahrlich der Immanuel sein, Gott, der mit uns ist. Dies hat er bereits im Dornbusch durch den Namen Jahwe verheißen und nun mit dem Messias noch einmal bestätigt. Jesus wird auch am Ende seines Wirkens vor der Himmelfahrt noch einmal bekräftigen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ So ist Gott. Dies ist nicht nur eine heilsgeschichtliche Entwicklung für die ganze Menschheit, sondern auch für das alltägliche Leben jedes Einzelnen. Gott ist mit uns, auch da, wo wir von allen Seiten bedrängt werden wie Juda in der heutigen Lesung. Er gibt uns viele Zeichen, die wir im Rausch des Alltags manchmal gar nicht wahrnehmen. Je mehr wir aber aus seinem Geist heraus leben, erkennen wir Gottes Handschrift in allem, was uns widerfährt. Seien wir dankbar und vertrauen wir auf seine wunderbare Vorsehung. Seien wir nicht wie König Ahas und bleiben skeptisch, obwohl Gottes Verheißung so offensichtlich vor uns ist.

Ps 24
1 Ein Psalm Davids. Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner. 
2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt. 
3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte? 
4 Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat. 
5 Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils. 
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, die dein Angesicht suchen, Jakob.

Der heutige Davidpsalm ist ein Lobpreis der Macht Gottes, dem die ganze Welt gehört. Auch wir Menschen gehören ganz ihm, der alles geschaffen hat. Das ist sehr bemerkenswert. König David war ein sehr mächtiger Herrscher und doch unterstellte er Gott seine eigene Macht. Diese Gottesfurcht hat ihm so einen Segen beschert, der auch auf seinen Sohn überging. Die salomonische Herrschaft war überragend, sodass sogar die umstehenden Herrscher sie anerkannten. David zeigt uns, wie unsere Haltung sein sollte: Gott ist größer als der größte König. Dies ist durchaus mit der Lesung von heute in Verbindung zu bringen: Es wird ein Immanuel angekündigt, den die Juden zunächst politisch verstanden, nämlich Hiskija. Und doch ist die Rettung Judas Gottes Werk. Er steht über dem König Judas. Rettung kommt von Gott, nicht von einer politischen Figur.
David fährt fort, über das Kommen zur heiligen Stätte zu reden. Er bezieht sich auf die Stiftshütte (der Tempel wird ja erst unter Salomo gebaut und bis dahin als Zelt gehalten). Mit dem Berg des HERRN ist Zion gemeint, auf dem die Stadt Jerusalem errichtet ist. David erklärt, dass nur die reinen Herzens zum „Tempel“ Gottes treten dürfen. Das ist interessant und fortschrittlich. Es geht nicht nur um kultische Reinheit, wie wir vor allem die ganzen ausführlichen mosaischen Gesetze zusammenfassen können, sondern um moralische Reinheit. „Unschuldige Hände“ bezieht sich nicht auf das Nichtberühren unreiner Dinge, sondern auf das Ausbleiben von Blut Ermorderter an den Händen. Die Seele an Nichtiges zu hängen und Gott falsche Versprechen zu machen, sind ebenfalls Aspekte, die moralisch zu bewerten sind – meine Beziehung zu Gott muss einwandfrei sein, damit ich in sein Heiligtum kommen kann. Das, was David hier beschreibt, ist eine Art Gewissenserforschung und führt uns weiter zu dem, was wir über den wörtlichen Sinn hinaus hier verstehen: Zunächst denken wir an den momentanen liturgischen Kontext: Verbinden wir die heilige Stätte mit der Person Jesu Christi (er bezeichnet später den Tempel als Tempel seines Leibes!), dann müssen wir unser Gewissen erforschen, bevor der Herr kommt und wir ihm begegnen. Dasselbe gilt für die Kirche als sein Leib. Wer sich taufen lassen will, um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, muss einen Katechumenat durchlaufen und das alte sündige Leben abstreifen. Wenn wir Jesus in der Eucharistie begegnen, müssen wir auch reinen Herzens sein, weil wir ihn sonst nicht empfangen können. Er kann nur in unser Herz eingehen, wenn es rein ist. Am Ende der Zeiten wird es so sein, dass auch nur jene ins himmlische Jerusalem eingehen werden, die im Buch des Lebens verzeichnet sind. Und das werden jene sein, die ein gutes Leben geführt haben, also reinen Herzens gestorben sind.
All diese Situationen und Dimensionen werden Segen nach sich ziehen: Die Kirche wird wachsen und Bestand haben, die Seelen der Menschen, die ihn empfangen, werden Segen haben. Paulus sagt in 1 Kor 11, dass wir uns ansonsten das Gericht essen, also alles andere als Segen…und ewigen Segen werden wir am Ende unseres Lebens und der Zeiten erlangen, wenn wir im Angesicht Gottes leben dürfen.

Röm 1
1 Paulus, Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert, das Evangelium Gottes zu verkünden, 
2 das er durch seine Propheten im Voraus verheißen hat in heiligen Schriften: 
3 das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, 
4 der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn. 
5 Durch ihn haben wir Gnade und Apostelamt empfangen, um unter allen Heiden Glaubensgehorsam aufzurichten um seines Namens willen; 
6 unter ihnen lebt auch ihr, die ihr von Jesus Christus berufen seid. 
7 An alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Wir hören heute den Beginn des Römerbriefs, dem theologischen Traktat des Paulus, also der Zusammenfassung seiner gesamten Theologie. Das Briefpräskript, das wir heute lesen, enthält bereits das Programm und die Berufung des Völkerapostels.
Paulus, der sich berufen sieht, das Evangelium zu verkünden, knüpft dieses an die Verheißungen des Alten Testaments an. Wir dürfen den Römerbrief heute also vor dem Hintergrund des Jesaja-Abschnitts und des Psalms lesen.
Paulus sagt selbst, dass das Verheißene sich in Jesus Christus erfüllt hat. Er reflektiert auch das, was wir in der letzten Woche intensiv betrachtet haben: Die davidische Abstammung Jesu „dem Fleische nach“. Während dieser von seiner Menschlichkeit her Sohn Davids ist, ist er von seiner Göttlichkeit her Sohn Gottes, der seit seiner Auferstehung eingesetzt ist in Macht. Er ist jetzt beim Vater. Wir beten im Glaubensbekenntnis, dass Jesus nun als Auferstandener zur Rechten des Vaters sitzt und von dort aus wiederkommen wird als Weltenrichter.
Paulus macht klar, dass die Vollmacht, mit der er den Römern durch den Brief das Evangelium verkündet, von Christus selbst kommt. Er sagt auch, dass er sich berufen sieht, die Heiden zu evangelisieren, die das unmittelbare Umfeld der römischen Gemeinde bilden.
Wenn Paulus von den Heiligen als Adressaten spricht, meint er immer die Getauften. Dies tut er aber nicht, weil er davon ausgeht, dass die Taufe sie schon automatisch heilig macht, sondern, weil sie a) dadurch von der Welt ausgesondert sind wie er (Vers 1), b) durch die Taufe dazu berufen sind, heilig zu leben.
Paulus war es in seiner Verkündigung wichtig, die Heiden zu Christus zu bekehren und zu betonen, dass nicht das Halten der Torah (bei ihm immer „das Gesetz“) die Christen gerecht macht, sondern der Glaube an Gott. Damit grenzte er sich von jenen Aposteln ab, die auch von den Heiden die Beschneidung und Befolgung der gesamten Torah forderten. Das hat nichts mit Abgrenzung zwischen theoretischem Glauben („Glaube allein“, was nirgendwo in der Bibel steht) und Taten zu tun (angebliche Werksgerechtigkeit). Was Paulus hier nämlich beschreibt, werden wir im Anschluss im Evangelium hören: Ein absoluter Glaube beim Ziehvater Jesu: Er sagt nicht einfach nur „ich glaube an dich, mein Gott“. Er sagt überhaupt nichts. Nicht ein einziges Wort von ihm ist in der Bibel enthalten. Und doch lässt er Taten sprechen. Diese machen ihn zum gerechten Mann. Josef zeigt uns heute, was der Glaubensgehorsam ist, den Paulus hier anspricht: Gottes Willen gehorsam tun und darauf vertrauen, dass wenn Gott etwas von uns verlangt, es immer zu unserem Heil ist. Dadurch, dass Josef Gottes Willen GETAN hat und nichts Trügerisches im Sinne hatte, ist er von Gott reichlich gesegnet worden, wie David in dem obigen Psalm beschreibt. Josef war sogar bereit, sich gegen das mosaische Gesetz zu stellen, um seine Verlobte zu beschützen. Lesen Sie selbst:

Mt 1
18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. 
19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. 
20 Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. 
21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. 
22 Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: 
23 Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns. 
24 Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Das heutige Evangelium ist die Fortsetzung des Stammbaums. Wir hören jetzt von der Geburt des Messias. Das Matthäusevangelium berichtet sie vor allem aus der Sicht Josefs. Dies macht absolut Sinn, wenn wir uns an den Stammbaum erinnern. Juden denken bei der Weitergabe des Lebens und des eigenen Blutes patrilinear, also väterorientiert. Wenn es also um die Geburt eines Kindes geht, macht es Sinn, dass das Matthäusevangelium die Vaterperspektive betont. Wir lesen heute auch wieder solche Formulierungen, die die biologische Vaterschaft Josefs ausschließen: „Maria, seine Mutter“ ist eine Andeutung solcher Art, die im Stammbaum durch das Auslassen des Satzes „Josef zeugte den Jesus“ und den Verweis auf seine Frau Maria ausgedrückt worden ist. Dies wird noch viel eindeutiger im weiteren Verlauf des Evangeliums, wo immer wieder „das Kind und seine Mutter“ gesagt wird, nicht „Josefs Sohn“ (z.B. in Mt 2,13-14) – in einem Evangelium, das eigentlich sehr patrilinear orientiert ist! Das fällt auf.
Josef ist ein gerechter Mann. Gott hat sich etwas dabei gedacht, ausgerechnet diesen Menschen als Ziehvater seines Sohnes vorzubereiten. Josef wollte seine Frau nicht bloßstellen – denn erstens war Maria vor der Ehe schwanger geworden und zweitens als geweihte Jungfrau! Um ihre Ehre zu bewahren, möchte er sich von ihr trennen. Wir verstehen seine noble Tat erst, wenn wir die jüdischen Gesetze kennen:
Wenn ein unberührtes Mädchen, das einem Mann versprochen ist, von einem anderen Mann schwanger wird, sollen der andere Mann sowie die Frau gesteinigt werden (Dtn 22,23f.). Dem Betrogenen wird keine Schuld zugeschrieben. Warum will sich Josef dann von ihr trennen? Josefs Gerechtigkeit ist eine größere als die der buchstabentreuen Juden seiner Zeit. Er denkt keinen Moment daran, das mosaische Gesetz auszuführen, sondern er überlegt, die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Indem er sich nämlich in aller Stille von ihr getrennt hätte, hätte es nach außen hin so ausgesehen, als hätte er sie verlassen, nachdem er mit ihr ein Kind gezeugt hatte. So hätte sie als „Verführte“ und „Verlassene“ keine Schuld getroffen. Er wäre bestraft, Marias Leben und das des Kindes aber gerettet worden. DAS meine Lieben, ist ein würdiger Ziehvater, den sich Gott auserwählt hat. Er hat seine Gerechtigkeit schon vor der Geburt des Gotteskindes unter Beweis gestellt und das alles, noch bevor er von Gottes Plan gehört hat! Josef hat wirklich so ein reines Herz, das David im Psalm beschreibt.
Josef führt seine Überlegungen nicht aus, weil ihm im Traum ein Engel des Herrn den Heilsplan Gottes offenbart hat. Bei den Worten des Engels ist sehr auffällig, dass er Josef „Sohn Davids“ nennt. Die jüdischen Hörer dieses Evangeliums werden eins und eins zusammengezählt haben. Das Kind, das in die Welt kommen soll, erhält auf Erden einen davidischen Vater. Somit erfüllen sich die messianischen Verheißungen der Hl. Schriften. Dieser Messias wird von einem davidischen Vater erzogen werden, der selbst ein gerechter Mann ist. So wird der Messias selbst gerecht sein, als Gott durch die göttliche Eigenschaft der Gerechtigkeit, als Mensch dank Josef und seiner Tugend der Gerechtigkeit. Diese Zweidimensionalität reflektiert Paulus am Anfang seines Römerbriefs. Josef handelt nach Gottes Willen ohne Widerrede und Skepsis. Er hat diesen Glaubensgehorsam, von dem Paulus spricht. Dieser macht ihn gerecht. Die Steinigung seiner schwangeren Verlobten als Ausführung des mosaischen Gesetzes hätte ihn nicht gerecht gemacht.
Das Kind ist vom Hl. Geist, aber Josef soll es benennen. Damit wird deutlich, dass er es als sein Kind adoptieren soll.
Der Engel gibt ihm auch den Namen vor und erklärt dessen Bedeutung: Dieses Kind wird das Volk von seinen Sünden erlösen. Das ist eine Verheißung, die immer und immer wieder im AT genannt wird. Damit wird dem frommen Juden Josef klar: Das Kind ist der Messias und muss deshalb Jesus heißen.
Daraufhin wird die Erfüllung der Verheißung durch das heute gehörte Jesajazitat unterstrichen: Die Jungfrau wird ein Kind empfangen…Die frommen Juden, die dieses Evangelium gehört haben, verstanden spätestens jetzt, was für ein Kind hier geboren wird.

Lassen wir uns heute berühren von Gottes großen Heilstaten. Er hat das lange jahrhundertelange Schreien seines auserwählten Volkes erhört und ist wie verheißen als davidisches Kind in dieser Welt Mensch geworden. Er hat für die Umsetzung seines Heilsplans sowohl die Jungfrau bereitet als auch den gerechten Mann, der sie mit allen Mitteln beschützt. Diese Familie ist besonders. Sie ist eine geistige Familie, da alles Biologische, was im Judentum sonst üblich ist, hier komplett entfällt. Das Kind hat keinen menschlichen Vater, es wird nicht auf natürliche Weise gezeugt, es wird nicht auf natürliche Weise geboren. Die Eltern führen keine natürliche, sondern übernatürliche Ehe.
Danken wir heute besonders dem Hl. Josef, der so wunderbar gehandelt hat. Sonst wäre Jesus nicht in diese Welt gekommen, dessen Leben schon von Anfang an bedroht gewesen ist. Wir können wirklich viel von ihm lernen, besonders für unsere eigenen Familien. Sein Glaubensgehorsam, der Taten sprechen lässt, hat uns die Erlösung ermöglicht. Bitten auch wir um diesen Glaubensgehorsam, durch den auch wir zu Werkzeugen des Heils Gottes werden. Es ist bald soweit. In einigen Tagen wird Gott Mensch. Befolgen auch wir seinen Willen, der uns immer nur Heil beschert, und tun wir unser bestes, damit der Herr auch in diesem Jahr in den Herzen unserer Mitmenschen geboren werden kann.

Ihre Magstrauss

Samstag der dritten Adventswoche (A)

Hld 2,8-14 oder Zef 3,14-17 (14-18a); Ps 33,2-3.11-12.20.21; Lk 1,39-45

Liebe Freunde,
heute gibt es zwei Möglichkeiten für die alttestamentliche Lesung: Hohelied oder Zefanja. Wir werden einen Blick in beide Texte werfen, weil sie beide sehr interessant sind.

Hld 2
8 Horch! Mein Geliebter! Sieh da, er kommt. Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel. 
9 Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch. Sieh da, er steht hinter unserer Mauer, er blickt durch die Fenster, späht durch die Gitter. 
10 Mein Geliebter hebt an und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! 
11 Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. 
12 Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land.
13 Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte, die blühenden Reben duften. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! 
14 Meine Taube in den Felsklüften, im Versteck der Klippe, dein Gesicht lass mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.

Der Ausschnitt aus dem Hohelied ist wie das ganze Buch voll von bräutlicher Sprache. Dies ist eine bewusst verwendete Metaphorik, die das Verhältnis der Braut Israel zu ihrem Bräutigam Gott verbildlicht. Was wir in diesen vielen blumigen Aussagen erkennen können, ist das Kommen des Messias:
Der „Geliebte“ kommt, und zwar schnell. Er hüpft und rennt wie eine Gazelle bzw. ein junger Hirsch. Er blickt schon durchs Fenster und durchs Gitter. Das erinnert uns an Jesus, wie er in Offb 3,20 sagt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Es ist dasselbe Bild und meint das Kommen des Messias, das unmittelbare bevorsteht. Dort wird es sich aber auf das zweite Kommen beziehen. Hier geht es noch um das erste Kommen, das das Volk Israel erwartet hat.
Der Herr fordert Israel auf, aufzustehen, da der Winter vorbei und die Anzeichen der Natur eindeutig sind. Das hebräische Verb קום kann unterschiedlich übersetzt werden und später verwendet es Jesus, als er das verstorbene Mädchen wieder zum Leben erweckt: Es kann „aufstehen“ im Sinne von „aufwachen“ und „sich erheben“ meinen, aber auch „durchhalten“, „errichtet werden“, „ins Dasein gerufen werden“. Durch diese schillernde Vielfalt kann man diese Aufforderung Gottes mehrfach verstehen: Erstens ruft Gott sein Volk ins Dasein durch die Schöpfung und den Bundesschluss , den er immer wieder erneuert. Dann ruft Gott zur Errichtung der zwölf Stämme und zum Tempelbau auf. Gott möchte immer wieder schon im AT, dass das Volk endlich aus der Trance des Götzendienstes aufwacht. Er ruft sein Volk auch immer wieder auf, durchzuhalten in Zeiten der Bedrängnis, besonders im Exil. Er wird diese verschiedenen Rufe auch an uns richten, die wir das Volk Gottes im Neuen Bund sind. So wie in der Offb wird er uns zum Ausharren aufrufen, die wir auf seine Wiederkunft warten.
Was das Hohelied uns immer wieder vermittelt, ist nicht nur die Sehnsucht des Volkes Israel nach Gott, sondern auch Gottes Liebe zu seinem Volk. Er möchte das Gesicht seiner Braut sehen. Gott brennt vor Liebe zu uns und möchte uns sehen. Er sehnt sich nach uns und unserer Gegenliebe. Er ist eifersüchtig, wenn wir Götzen schöne Augen machen. Er möchte unsere ganze Liebe für sich allein. Und er ist bald da. Ja, der Messias wird Mensch in wenigen Tagen!
Ich möchte noch etwas zur Geliebten sagen: Gewiss ist sie ein Bild für Israel. Dieses verdichtet sich aber in einer einzelnen Person, die zur Stellvertreterin des Volkes, des Alten Bundes wird – Maria. Sie ist wahrlich eine Braut Gottes, da sie dem Tempel geweiht worden ist. In diesen Tagen denken wir sehr viel an sie, weil sie kurz vor ihrer Niederkunft steht. Sie trägt Gott unter ihrem Herzen und ersehnt ihn. Sie ruft „Horch! Mein Geliebter!“ Sie hat die Bräutlichkeit des Volkes Israel mit ihrem ganzen Wesen ausgedrückt.

Zef 3
4 Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! 
15 Der HERR hat das Urteil gegen dich aufgehoben und deine Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der HERR, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten. 
16 An jenem Tag wird man zu Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! 
17 Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er schweigt in seiner Liebe, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.

Zefanja gehört zu den „kleinen Propheten“, deren Botschaft aber mindestens genauso bedeutsam ist wie die der großen Propheten: Es ist fast schon ein Freudengesang, den wir bei ihm lesen. Die Tochter Zion wird zum Lobpreis aufgefordert, weil der Tag der Freude gekommen ist. Historisch gelesen erkennen wir das Ende der assyrischen Fremdherrschaft. Zefanja wirkt in Jerusalem um das Jahr 630 v.Chr. Wie viele Propheten vor und nach ihm hat er das Leiden des Volkes durch die Assyrer als Urteil Gottes gedeutet, das Israel durch die eigenen Sünden verdient hat. Er sagt in diesem heutigen Abschnitt nun, dass Gott das Urteil aufgehoben hat. Die Zeit der Bedrängnis ist vorbei. Stattdessen wohnt der König Israels nun in ihrer Mitte. Es ist bemerkenswert, dass Gott nun als König bezeichnet wird. Das ist eine Metapher, die wir mit Jesus, dem Messias wiedererkennen werden. Er, der sogar ans Kreuz geschlagen wird als König der Juden. Gott ist der Herrscher der Welt und er ist es, der Israel leitet.
Gott wird auch als Held bezeichnet, der Rettung bringt. Bei solchen messianischen Aussagen wird stets das hebräische Wortfeld um יֹושִׁיעַ joschia „Rettung“ verwendet. Gott bringt uns Jesus, den Heiland.
Wenn es dann heißt: „Er freut sich und jubelt über dich“, ist das vergleichbar mit dem Ausschnitt aus dem Hohelied. Gott freut sich und sehnt sich nach seiner Braut. Er freut sich besonders, wenn sie umkehrt von den Götzen und ihren Blick wieder Gott zuwendet. Womöglich kann man diesen letzten Vers schon als Hochzeit deuten, die der Anlass der größten Freude darstellt. Dann klingt hier prophetisch schon die Hochzeit des Lammes an.
Auch hier ist der Hinweis zu machen, dass die Tochter Zion auf eine reale Person bezogen werden kann – Maria. Sie ist eine Tochter Zion als Zugehörige zum Volk Israel, vielmehr aber durch ihre Zugehörigkeit zum Stamm Juda und zur Dynastie König Davids. Sie verkörpert das Volk Israel auf eine ganz besondere Weise. Denn sie macht keinen Götzen schöne Augen. Sie schaut nur auf den HERRN und tut in allem nur seinen Willen.

Ps 33
2 Preist den HERRN auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe spielt ihm!
3 Singt ihm ein neues Lied, spielt kunstvoll mit Jubelschall!
11 Der Ratschluss des HERRN bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens durch alle Geschlechter. 
12 Selig die Nation, deren Gott der HERR ist, das Volk, das er sich zum Erbteil erwählt hat. 20 Unsre Seele hofft auf den HERRN; er ist unsere Hilfe und unser Schild. 
21 Ja, an ihm freut sich unser Herz, wir haben vertraut auf seinen heiligen Namen.

Je näher wir dem Weihnachtsfest kommen, desto mehr Lobgesang hören wir in den Psalmen und Lesungen des Tages. Im heutigen Lobpsalm werden wir aufgefordert, Gott zu loben mit Gesang und Instrumenten. Das Besondere hier: Wir sollen ein neues Lied singen. Das ist immer ein Hinweis auf den Messias.
Der ewige Ratschluss des HERRN, also sein Wille, ist ein wunderbar tröstliches Wort, denn es besagt, dass Gottes HEIL ewig bestehen bleibt. Er hat immer nur Pläne des Heils, nicht des Unheils (Jer 29,11). Dies können wir wirklich bestätigen: Der Höhepunkt der Heilsgeschichte kam mit der Menschwerdung Gottes, was wir in wenigen Tagen feiern werden. Er hat einen Bund zwischen allen Menschen und Gott geschlossen, der auf ewig Bestand haben wird.
„Selig die Nation, deren Gott der HERR ist“ – alle Menschen können theoretisch selig sein, weil Jesus für sie alle gestorben ist. Sie müssen diese Erlösung aber annehmen, wenn sie sein Erbe antreten wollen.
„Unsere Seele hofft auf den HERRN“ ist ein typisches Psalmwort und ist zeitlos. Sowohl die Israeliten haben auf den Herrn gehofft, insbesondere in Zeiten der Bedrängnis durch feindliche Völker. Die Kirche betet dies heute in der Zeit der größten Christenverfolgung aller Zeiten. Jeder einzelne Mensch betet dies in Zeiten der ganz persönlichen Bedrängnis, insbesondere in Versuchungssituationen. Wir beten es auch mit Blick auf das Ende der Zeiten, wenn Jesus zum zweiten Mal wiederkommen wird.
Und wenn wir bis zum Schluss auf seinen heiligen Namen vertraut haben, wenn wir standhaft geblieben sind, werden wir am Ende wirklich Grund zum ewigen Jubel haben. Dann werden wir Gottes Angesicht schauen und ihn loben bis in alle Ewigkeit.

Lk 1
39 In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. 
40 Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. 
41 Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt 
42 und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. 
43 Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 
44 Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. 
45 Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

Alles, was wir bisher gehört haben, läuft auf das heutige Evangelium hinaus: Maria besucht ihre Verwandte Elisabet, die ja im sechsten Monat schwanger mit Johannes dem Täufer ist.
Als Maria ins Haus kommt und Elisabet begrüßt, hüpft das Kind in ihrem Leib. Elisabet wird vom Heiligen Geist erfüllt und tut das, zu dem der Psalm auffordert: Sie unternimmt einen Lobpreis. Dabei segnet sie Maria, die sie als die Muttergottes erkennt. Es ist bemerkenswert, dass sie sich selbst niedriger einstuft als Maria („Wer bin ich…“). Das ist insofern besonders, als sie nach jüdischer Vorstellung eigentlich höhersteht. Sie ist ja älter als Maria. Elisabet beginnt den Lobpreis, nachdem sie gemerkt hat, dass ihr ungeborenes Kind den Messias preist.
Vergleichen wir diese Begegnung zwischen dem Täufer und Jesus sowie Elisabet und Maria mit den Lesungen des Alten Testaments, geht uns einiges auf. Im Hohelied wurde schon verheißen, dass Gott an der Schwelle steht und durchs Gitter schaut. Er ist unmittelbar vor der Ankunft. Und dies erfüllt sich nun mit Maria und dem ungeborenen Jesuskind an der Schwelle des Hauses des Zacharias! Jesus kehrt ein, auch wenn er noch nicht geboren ist. Das erkennt schon das andere ungeborene Kind. Es kommt noch besser. Im Hohelied heißt es, der Geliebte „springt über die Berge und hüpft über die Hügel“. Maria geht ins Bergland von Judäa, um ihre Verwandte zu besuchen. Sie bringt den „Geliebten“ tatsächlich in die Berge und Hügel!
Auch die Verheißungen aus Zefanja realisieren sich in dieser Situation: Freuen und jubeln kann sich heute Elisabet, denn der HERR ist in ihrer Mitte. Maria hat ihn zu ihr gebracht. Nicht nur Maria wird so zur Tochter Zion, in deren Mitte, nämlich in ihrem Leib, der Messias heranwächst, sondern auch ihre Verwandte und auch Johannes der Täufer.
Elisabet erkennt, dass die Personifikation der Tochter Zion ihre Verwandte Maria ist. Sie ist ganz anders als alle anderen Frauen. Sie trägt kein normales Kind unter ihrem Herzen, sondern den Messias, Gott den HERRN. Sie erkennt Marias Glauben an die gute Vorsehung Gottes. Sie erkennt, dass Maria wirklich darauf vertraut hat, dass Gottes Ratschluss immer auf das Heil hinausgeht und dass Gott sein Versprechen hält.
Was wir heute nicht mehr hören, was sich aber an Elisabets Worte anschließt, ist das Magnificat. Maria, die Tochter Zion, preist Gott mit Worten der Heiligen Schrift für die großen Taten, die er seinem ganzen Volk erwiesen hat. Sie betet stellvertretend für das ganze Volk, wodurch ihre Identität als Tochter Zion ganz und gar offenbar wird.

Heute ist es wirklich nur noch einen Katzensprung von der Menschwerdung Gottes entfernt. Freuen wir uns und jubeln zusammen mit Johannes dem Täufer, Elisabet, Maria und David. Jubeln wir und glauben auch wir, dass Gottes Ratschluss immer nur das Heil für uns bereithält. Er hält sein Versprechen. Er tat es damals und er wird es auch in unserem Leben tun.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der dritten Adventswoche (A)

Ri 13,2-7.24-25a; Ps 71,3-6.16-17; Lk 1,5-25

Ri 13
2 Es war ein Mann aus Zora, aus der Sippe der Daniter, namens Manoach; seine Frau war unfruchtbar und hatte nicht geboren. 
3 Der Engel des HERRN erschien der Frau und sagte zu ihr: Siehe, du bist unfruchtbar und hast nicht geboren; aber du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. 
4 Und jetzt nimm dich in Acht und trink weder Wein noch Bier und iss nichts Unreines! 
5 Denn siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Es darf kein Schermesser an seinen Kopf kommen; denn der Knabe wird vom Mutterleib an ein Gott geweihter Nasiräer sein. Er wird damit beginnen, Israel aus der Hand der Philister zu retten. 
6 Die Frau ging und sagte zu ihrem Mann: Der Gottesmann ist zu mir gekommen; er sah aus, wie der Engel Gottes aussieht, überaus Furcht erregend. Ich habe ihn nicht gefragt, woher er kam, und er hat mir auch seinen Namen nicht genannt. 
7 Er sagte zu mir: Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Und von jetzt an trink keinen Wein und kein Bier und iss nichts Unreines; denn der Knabe wird vom Mutterleib an ein Gott geweihter Nasiräer sein, bis zum Tag seines Todes.
24 Die Frau gebar einen Sohn und nannte ihn Simson; der Knabe wuchs heran und der HERR segnete ihn.
25 Dann aber begann der Geist des HERRN, ihn umherzutreiben im Lager Dans zwischen Zora und Eschtaol.

In der heutigen Lesung hören wir von einem Ehepaar, das keine Kinder geboren hat. Dies passiert oft bei auserwählten Familien, an denen Gott seine Heilstaten zeigen will. Kinderreichtum bedeutete im Alten Israel Segen, weshalb die Kinderlosigkeit zum Indikator der Gottverlassenheit und des Fluchs wurde. Um Manoach und seine Frau vom Gegenteil zu überzeugen, sendet Gott seinen Engel zu ihnen, um seinen Heilsplan bekannt zu machen: Wozu die beiden biologisch nicht imstande waren, wollte Gott auf übernatürliche Weise realisieren – ein Kind. Es ist auserwählt, weshalb es auf übernatürliche Weise entsteht. So ist es bei vielen auserwählten Menschen im AT und umso mehr im NT, wie wir noch sehen werden. Es soll im Nasiräat leben. Dabei handelt es sich um ein lebenslanges Gelübde. In späterer Zeit wird man ein Nasiräergelübde auch zeitweise ablegen können, hier ist es ein dauerhaftes. Die genauen Bestimmungen sind in Num 6 grundgelegt und werden auch hier zur Sprache gebracht: In diesem Gelübde soll man sich weder die Haare noch den Bart abschneiden, sich des Alkohols sowie Traubenprodukten enthalten und jeglichen Toten fernbleiben, selbst bei angehörigen Verstorbenen.
Gott hat einen besonderen Plan mit diesem verheißenen Kind. Es soll Israel von den Philistern befreien.
Das dann tatsächlich geborene Kind wird Simson genannt (hebr. שִׁמְשׁוֹן, im Griechischen jedoch Σαμψων Samson). Die Übersetzung des Namens ist die Verniedlichung des Wortes für Sonne שֶׁמֶשׁׁ schemesch. Er ist ein Sönnchen für die Eltern, die nach langer Zeit der Kinderlosigkeit einen Sohn bekommen. Ein Sönnchen ist dieser Simson aber auch für den HERRN, der ihn segnet und ihm seinen Geist verleiht. Dieser treibt ihn umher und wird ihm auch im weiteren Verlauf der Geschichte eingeben, was er tun und sagen soll.
Wir erkennen viele Aspekte an dieser Erzählung bei anderen auserwählten Personen des AT wie Samuel, Isaak und den Söhnen Jakobs. Gott möchte durch sie dem Volk Israel Heil gewähren. In diesem Fall geht es um die Befreiung aus der Hand der Philister.
Im NT wird sich dies fortsetzen. Von außerbiblischen Schriften wissen wir, dass die Eltern Mariens zunächst auch keine Kinder bekommen können und dann mit Maria beschenkt werden. Dies ist heilsgeschichtlich entscheidend, da sie auf übernatürliche Weise empfangen werden musste als Verschonte vom Fluch der Erbsünde. Durch sie sollte Gott selbst in die Welt eingehen. Auch Johannes der Täufer, der Jesus direkt vorausgeht, ist überraschend gekommen, da seine Eltern keine Kinder haben konnten. Er soll den Messias ankündigen und der größte aller Propheten werden. Die übernatürliche Zeugung eines Kindes erreicht mit Jesus dann seinen Höhepunkt. Gott greift nicht nur in die Biologie unterstützend ein, wo zwei Menschen sich verbinden, sondern Gott wird selbst zum Zeugenden! Hier wird eine neue übernatürliche Dimension erreicht und zeigt, dass Jesus kategorisch anders ist als Isaak, Samuel, Simson oder Johannes der Täufer. Er ist selbst Gott.

Ps 71
3 Sei mir ein schützender Fels, zu dem ich allzeit kommen darf! Du hast geboten, mich zu retten, denn du bist mein Fels und meine Festung. 
4 Mein Gott, rette mich aus der Hand des Frevlers, aus der Faust des Bedrückers und Schurken! 
5 Denn du bist meine Hoffnung, Herr und GOTT, meine Zuversicht von Jugend auf. 
6 Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt, aus dem Schoß meiner Mutter hast du mich entbunden, dir gilt mein Lobpreis allezeit.
16 Ich komme wegen der Machttaten GOTTES, des Herrn, an deine Gerechtigkeit allein will ich erinnern. 
17 Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf und bis heute verkünde ich deine Wunder.

Der heutige Psalm ist ein Bittpsalm, bei dem Gott um Schutz und Rettung gebeten wird. Das Wortfeld „retten“ wird auch hier wiederum mit der hebräischen Wurzel ישׁע ausgedrückt wie der Name Jesu. Dieser Psalm umfasst die Bitte um die Befreiung des Volkes aus der Hand des Feindes. Das Volk schreit um Erlösung und Gott ist so barmherzig, dass er sein Schreien hört. Obwohl die Propheten erklären, dass die Zeiten der Fremdherrschaft Konsequenz ihrer eigenen Sünden, vor allem ihres Götzendienstes sind. Und doch lässt Gott seine untreue Braut nicht im Stich, sondern sendet ihr Menschen wie Simson, die die Feinde besiegen. Letztendlich sind solch heilsgeschichtliche Gestalten Gottes Antwort auf die Bitten des Volkes. Gott selbst vollbringt hier seine göttlichen Heilstaten.
Für Bittpsalmen ist bezeichnend, dass der Beter die Gründe aufzählt, weshalb Gott helfen soll, besonders auch die vergangenen Heilstaten. „Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt“ zeigt, dass der Beter um Gottes Beistand ruft, weil er seine Gebote befolgt. Wir denken auch hier wieder an Simson, der von Geburt an ein gottgeweihter Mensch war und somit einen besonderen Bezug zu ihm hatte. Wir denken auch an König David, dem wir diesen Psalm zuschreiben und der von Anfang an in der Gunst Gottes stand. Dass wir im Stand der Gnade alles von Gott erbitten dürfen, wird uns später auch Jesus erklären (als Rebe am Weinstock, dem Bild für diesen Stand der Gnade): Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten (Joh 15,7).
Unser Auftrag ist es, Gottes große Taten zu verkünden, wie es der Psalm auch sagt. Er ist es, der uns alles lehrt und dem wir unser Leben lang zurückgeben sollen, nicht aus Zwang, sondern aus Liebe.

Lk 1
5 Es gab in den Tagen des Herodes, des Königs von Judäa, einen Priester namens Zacharias, der zur Abteilung des Abija gehörte. Seine Frau stammte aus dem Geschlecht Aarons; ihr Name war Elisabet. 
6 Beide lebten gerecht vor Gott und wandelten untadelig nach allen Geboten und Vorschriften des Herrn. 
7 Sie hatten keine Kinder, denn Elisabet war unfruchtbar und beide waren schon in vorgerücktem Alter. 
8 Es geschah aber, als seine Abteilung wieder an der Reihe war und er den priesterlichen Dienst vor Gott verrichtete, 
9 da traf ihn, wie nach der Priesterordnung üblich, das Los, in den Tempel des Herrn hineinzugehen und das Rauchopfer darzubringen.
10 Während er nun zur festgelegten Zeit das Rauchopfer darbrachte, stand das ganze Volk draußen und betete. 
11 Da erschien dem Zacharias ein Engel des Herrn; er stand auf der rechten Seite des Rauchopferaltars. 
12 Als Zacharias ihn sah, erschrak er und es befiel ihn Furcht. 
13 Der Engel aber sagte zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias! Dein Gebet ist erhört worden. Deine Frau Elisabet wird dir einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Johannes geben. 
14 Du wirst dich freuen und jubeln und viele werden sich über seine Geburt freuen. 
15 Denn er wird groß sein vor dem Herrn. Wein und berauschende Getränke wird er nicht trinken und schon vom Mutterleib an wird er vom Heiligen Geist erfüllt sein. 
16 Viele Kinder Israels wird er zum Herrn, ihrem Gott, hinwenden. 
17 Er wird ihm mit dem Geist und mit der Kraft des Elija vorangehen, um die Herzen der Väter den Kindern zuzuwenden und die Ungehorsamen zu gerechter Gesinnung zu führen und so das Volk für den Herrn bereit zu machen. 
18 Zacharias sagte zu dem Engel: Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin ein alter Mann und auch meine Frau ist in vorgerücktem Alter. 
19 Der Engel erwiderte ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und ich bin gesandt worden, um mit dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen. 
20 Und siehe, du sollst stumm sein und nicht mehr reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschieht, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die in Erfüllung gehen, wenn die Zeit dafür da ist. 
21 Inzwischen wartete das Volk auf Zacharias und wunderte sich, dass er so lange im Tempel blieb. 
22 Als er dann herauskam, konnte er nicht mit ihnen sprechen. Da merkten sie, dass er im Tempel eine Erscheinung gehabt hatte. Er gab ihnen nur Zeichen und blieb stumm. 
23 Als die Tage seines Dienstes zu Ende waren, kehrte er nach Hause zurück. 
24 Bald darauf wurde seine Frau Elisabet schwanger und lebte fünf Monate lang zurückgezogen. Sie sagte: 
25 Der Herr hat mir geholfen; er hat in diesen Tagen gnädig auf mich geschaut und mich von der Schmach befreit, mit der ich unter den Menschen beladen war.

Wie beim Psalm bereits gesagt: Gott erhört sein auserwähltes Volk. Das Schreien um die Befreiung aus der Hand des Feindes nimmt eine neue Wendung. Wir sind im Begriff, uns liturgisch auf die größte Befreiungsaktion aller Zeiten vorzubereiten – auf die Erlösung Jesu Christi. Im Moment des heutigen Evangeliums steht dies noch aus. Gott erwählt sich wiederum ein Ehepaar und lässt dessen Kinderlosigkeit zu. In diesem Fall ist es so, wie später Jesus immer wieder sagen wird: Menschen leiden nicht nur als Konsequenz ihrer Sünde, sondern manchmal auch, weil sie zu Werkzeugen der Offenbarung Gottes werden. Die heutige Perikope beschreibt, dass sowohl der Priester Zacharias als auch seine Frau Elisabet gerechte Menschen sind, die die Gebote Gottes befolgen.
Als Zacharias seinen priesterlichen Dienst im Tempel ausführt, hat er eine Engelserscheinung, in der ihm die Geburt eines Sohnes offenbart wird. Dieser Sohn ist eine Gebetserhörung Gottes und er soll ihn Johannes nennen. Interessant ist in dem Kontext, dass Zacharias Angst bekommt, als er den Engel sieht. Das ist ein Gegenbeispiel zur Muttergottes, die nicht vor dem Engel erschrickt, sondern vor dessen Anrede. Hier merken wir, dass Zacharias ein gewöhnlicher Mensch ist, wenn auch ein auserwählter.
Johannes‘ Leben und Berufung ist analog bzw. typologisch zu der des Simson zu betrachten. Auch er wird sich des Alkohols enthalten und vom Hl. Geist erfüllt sein. Ob auch er im Nasiräat leben wird, wird hier offen gelassen. Es ist eher von der asketischen Lebensweise der Essener auszugehen, denen er nahestehen wird. Der Alkoholverzicht ist wichtig für sein prophetisches Wirken. Er wird das Kommen des Messias ankündigen und dabei zur Buße und zur Wachsamkeit aufrufen. Alkoholrausch ist das Gegenteil von dem Kern seiner späteren Verkündigung. Wie Gott von seinen Propheten auch schon im AT verlangt er eine Lebensweise von seinen Berufenen, die zu deren Verkündigung kongruent ist und deren Botschaft noch unterstreicht. Wenn Johannes‘ Botschaft die nüchterne Erwartung des Messias ist, muss er selbst nüchtern leben. Und gerade durch diesen Lebensstil wird er die „Kinder Israels“ zu Gott bringen. Aus seiner Verkündigung tritt eine regelrechte Volksbewegung los, die sogar die religiöse Elite kommen lässt.
Schon der Erzengel Gabriel erklärt dem schriftkundigen Priester Zacharias, dass sein Sohn der wiederkommende Elija sein wird, den die Juden erwarteten.
Johannes wird viele Menschen bekehren und so für den Messias bereit machen.
Dann geschieht etwas Verheerendes. Zacharias glaubt dem Engel nicht ganz bzw. will einen Beweis für dessen Worte. Da schickt Gott schon einen seiner größten Engel, die in Gottes Angesicht wohnen, zu diesem einfachen Mann, um ihm diese wunderbare Freudenbotschaft zu überbringen und er braucht noch einen Beweis. Aus dem Grund wird er mit einer Stummheit belegt, bis Johannes geboren wird.
Die Verheißung erfüllt sich bald und seine Frau erwartet ein Kind. Sie preist Gott für diese Schwangerschaft, weil sie von der „Schmach befreit“ wurde, die sie durch die Gesellschaft erlitt. Kinderlosigkeit wurde wie gesagt als Konsequenz der eigenen Sünde, als Fluch und Gottverlassenheit bewertet. Dies war ja keineswegs der Fall, sondern das Ehepaar war gerecht. Umso schmerzvoller muss die Verurteilung durch die Mitmenschen gewesen sein. Damit machen sie nur einen Bruchteil von dem durch, was Jesus in seinem Leiden und Tod erfahren musste: Er war wirklich derjenige, der ganz ohne Schuld war und doch behandelt wurde wie der schlimmste Verbrecher.
Die vermeintliche Krise der beiden hat sich als Vorbereitung auf eine große Gnade erwiesen. So ist es auch mit uns. In unserem Leben erleben auch wir Krisen, bei denen wir uns fragen: „Was habe ich falsch gemacht, dass du das zulässt, oh Herr?“ Und dabei ist das die falsche Frage. Gott lässt manchmal auch schmerzhafte Dinge zu, weil wir entweder die Konsequenzen unserer schlechten Entscheidungen tragen müssen oder weil er uns prüfen will. Und manchmal ist es wie auch in den Lesungen des heutigen Tages die Vorbereitung auf eine ganz große Gnade. So wie eine Frau bei der Geburt die heftigsten Schmerzen aushalten muss, die es gibt und die Freude über das neue Leben umso größer ist, so leidet der Mensch manchmal im Vorfeld eines großen Segens von Gott.
Entscheidend ist dabei, wie wir damit umgehen. Stellen wir Gott infrage wie Zacharias? Oder können wir Gott ganz vertrauen wie die Muttergottes, auch wenn die Umstände aussichtslos erscheinen?

Gott lässt die Kinderlosigkeit und die dann unerwartete Zeugung eines Kindes meistens da zu, wo Menschen ihm geweiht werden sollen. Interessant ist, dass die erlittene Unfruchtbarkeit der Eltern sich in eine überdimensionale Fruchtbarkeit geistiger Art wandelt. Johannes führt so viele Menschen zur Umkehr, dass sie Christus erwarten können und in ihm neugeboren werden können. Er lässt die geistige Familie so unglaublich groß werden. Maria, die in einem lebenslangen Jungfräulichkeitsgelübde lebt und somit biologisch eigentlich nie fruchtbar werden wird, wird zur Mutter aller Menschen. Ihre geistige Mutterschaft übertrifft die Fruchtbarkeit biologischer Mütter um ein unendlich Vielfaches. Das Leiden ihrer Eltern über die Kinderlosigkeit ist zur eschatologischen Freude des Himmels geworden.

Beten wir heute darum, dass auch wir Frucht bringen – nicht nur biologisch, sondern gerade auch geistlich. Schauen wir uns etwas von Johannes dem Täufer ab, der so viele Menschen durch sein beispielhaftes Leben und durch seine brennende Verkündigung zu Jesus geführt hat. Helfen wir mit an der geistigen Fruchtbarkeit der Kirche als eine einzige geistige Familie!

Ihre Magstrauss

Mittwoch der dritten Adventswoche (A)

Jer 23,5-8; Ps 72,1-2.12-13.18-19; Mt 1,18-24

Jer 23
5 Siehe, Tage kommen – Spruch des HERRN – , da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln und Recht und Gerechtigkeit üben im Land. 
6 In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, Israel kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Der HERR ist unsere Gerechtigkeit. 
7 Darum siehe, Tage kommen – Spruch des HERRN – , da sagt man nicht mehr: So wahr der HERR lebt, der die Söhne Israels aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat!, 
8 sondern: So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel aus dem Nordland und aus allen Ländern, in die er sie verstoßen hatte, heraufgeführt und zurückgebracht hat! Dann werden sie auf ihrem eigenen Boden wohnen.

Die heutige Lesung aus dem Buch Jeremia ist eine weitere Prophezeiung eines davidischen Herrschers, der ganz Israel retten wird. Diese schließt sich insbesondere an die gestrigen Lesungen an, in denen bereits der sterbende Jakob ähnliches verheißen hat. Im Hebräischen steht ein Partizip für „kommen“. Das impliziert immer einen anhaltenden Zustand. Gott wird nicht kommen, er ist schon dabei, es zu tun! Partizipien werden immer gebraucht, um eine gewisse Zeitlosigkeit/übergreifende Zeitlichkeit auszudrücken. So wird das Kommen auf die Zukunft ausgeweitet. Was hier also verheißen wird, ist auf die Zukunft bezogen. Gott wird einen Spross erwecken, das heißt einen Nachkommen. Wir denken an dieser Stelle an den Stammbaum Jesu Christi des gestrigen Evangeliums.
Es wird ein König verheißen, der wirklich gerecht sein wird. Bei Jeremia geht es wörtlich-historisch um einen irdischen Herrscher, der Israel aus dem Nordland in die Heimat zurückführen wird, also politisch gerecht handeln wird. Er hat jahrelang den Untergang Jerusalems vorhergesagt, was dann mit der babylonischen Herrschaft eintrat. Umso bemerkenswerter ist es, dass er gleichzeitig zu seiner Untergangsprophetie die Trostbotschaft verbreitete, dass Gott sein Volk mit einem gerechten König retten wird. Das kommt in Vers 6 besonders zum Ausdruck, wo mit dem Verb תִּוָּשַׁ֣ע  tivascha „sie (Jerusalem) wird gerettet werden“ diese Befreiung prophezeit wird. Dabei haben wir wieder dieselbe Wurzel wie im Namen Jesu, also für uns ein messianisches Signal! Es handelt um mehr als nur um die Ankündigung eines gerechten Herrschers. Man denkt vor allem an den Perserkönig Kyros, über den wir in den letzten Wochen öfters gelesen haben. Dass es aber eben nicht auf ihn anspielt, oder zumindest nicht nur, sehen wir an dem Anfang der Lesung: Es soll ja ein Nachkomme Davids sein und nicht ein Perser! Es wird nicht nur ein Israelit, nicht nur jemand aus dem Stamm Juda sein, sondern sogar Davidide! Die Angabe ist schon sehr spezifisch und weist für uns auf den Messias hin. Der Angekündigte wird weise und gerecht handeln, was die Eigenschaften Salomos sind und auch von Jesus werden wir die Weisheit in Person lesen und davon, dass der Menschensohn gerechtes Gericht ausüben wird am Ende der Zeiten. Hier wird Jesus angekündigt! Er wird das Volk befreien – das Volk Gottes aus der Knechtschaft der Sünde. Er ist es, der uns aus unserem sündhaften Zustand in den Stand der Gnade zurückholt und er ist es, der uns aus der Knechtschaft der Welt ins Himmelreich holt.
Der entscheidende Unterschied wird sein: Jesus als Retter, wie sein Name schon verrät, wird nicht politisch retten und das Wohnen in Sicherheit bezieht sich nicht auf das irdische Dasein.
Wörtlich-historisch wird deutlich, dass mit dem befreienden König Gott selbst an den Israeliten handeln wird. Bei Jeremia lesen wir ein wichtiges Verständnis von Geschichte: Sie wiederholt sich und deshalb setzt er den Exodus aus Ägypten typologisch mit dem Auszug des Volkes Israel aus dem babylonischen Exil in Verbindung! Im NT wird eine weitere typologische Brücke dazu gezogen, wenn z.B. Paulus in Röm 6 Jesu Erlösungstat als Befreiung aus der Sklaverei der Sünde bezeichnet und in Joh 8 Jesus selbst so etwas sagt.
Und wie nach dem Auszug aus Ägypten die umstehenden Völker den Gott Israels aufgrund dieser spektakulären Heilstat anerkannten, wird dies auch mit der Befreiung aus dem Exil so sein. Wir erweitern die Typologie bis zu Jesus und können nach 2000 Jahren Kirchengeschichte wirklich bestätigen: Durch Gottes große Heilstaten, die allen Menschen offenbar werden, erkennen immer wieder Menschen der „Völker“ Christus an (das ist der Begriff für die Nichtjuden und in diesem Fall jetzt der Nichtchristen). Sie lassen sich von seiner Liebe berühren und werden durch die Taufe zu Erben seines Reiches. Auch in unserem Leben handelt Gott mit großen Heilstaten, sodass andere Menschen durch uns zum Glauben an ihn kommen. Am Ende der Zeiten werden alle Gott anerkennen, wenn er seine große Macht und Herrlichkeit entschleiern wird.
Es war für die Israeliten ein großer Trost, zu hören, dass sie auf eigenem Boden leben werden. Dieser Boden ist das verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen und auf dem sie Gott opfern können im Tempel. Diese Verheißung ist auch weiter zu lesen als messianische Verheißung: Jesus wird kommen und das Reich Gottes verkündigen. Er wird sagen: „Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.“ Es handelt sich um ein Land, das nicht von dieser Welt ist und doch sakramental, nämlich durch die Kirche schon vorweggenommen wird, der Gemeinschaft der Gläubigen. Dann ist das schon ein eschatologisches Heimatgefühl, das doch vorübergehend ist. In einem Kirchenlied, das oft bei Beerdigungen gesungen wird, heißt es nicht umsonst: „Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh‘ mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.“ Das zu erbende Land ist das himmlische Jerusalem am Ende der Zeiten.
Diese Rettung und das Ziel des Lebens in dieser Heimat beginnt mit der Menschwerdung Gottes. Deshalb können wir uns heute über diese Lesung eine Woche vor Weihnachten ganz besonders freuen! Bald kommt der König, der weiser und gerechter ist als alle irdischen Könige zusammen.

Ps 72
1 Für Salomo. Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten. 
2 Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden durch rechtes Urteil. 
12 Ja, er befreie den Armen, der um Hilfe schreit, den Elenden und den, der keinen Helfer hat. 
13 Er habe Mitleid mit dem Geringen und Armen, er rette das Leben der Armen.  18 Gepriesen sei der HERR, der Gott Israels! Er allein tut Wunder. 
19 Gepriesen sei der Name seiner Herrlichkeit auf ewig! Die ganze Erde sei erfüllt von seiner Herrlichkeit. Amen, ja amen.

Dieser Psalm begegnet uns schon zum dritten Mal in diesem Kirchenjahr, weil er DER Psalm des erwarteten davidischen Messias ist. Zunächst passt er wörtlich-historisch zu der Lesung. Dort wird ein Nachkomme Davids verheißen, der als König das Volk Israel gerecht regieren und aus der Knechtschaft befreien wird. Hier lesen wir nun die Bitte Davids und Salomos um die Fähigkeit des gerechten Waltens. Durch den Psalm lernen wir heute, dass es sich um eine Gottesgabe handelt, wenn ein König gerecht ist.
Die Bitte Davids für seinen Nachfolger Salomo umfasst neben der Gabe, gerecht und solidarisch zu herrschen, in allem die Option für die Armen zu treffen.
Wir erkennen erneut die typologische Brücke zu dem neuen Salomo Jesus. Er ist tatsächlich gerecht. Er ist immer solidarisch mit den Randständigen, sehr zum Unmut der religiösen Elite seiner Zeit. Und das Entscheidende: Er ist es, der das Leben der Armen rettet. Sein Name ist Programm („Jahwe rettet“). Er rettet unser ewiges Leben, in dem er uns alle von der Erbsünde befreit und die ewige Heimat ermöglicht. Die Armut ist in dem Fall dann der Zustand der Sünde. So rettet Jesus das Leben jedes Einzelnen, der in Todsünde lebt. Er wird uns retten von den Leiden dieser Welt, wenn er wiederkommt am Ende der Zeiten.
David preist Gott für seine Wunder. Er hat das Heil für uns alle bereit. Er ist unendlich gut und verdient unser Lob zu aller Zeit.
Interessant ist der Schluss des Psalms: Die ganze Erde soll mit seiner Herrlichkeit erfüllt sein. Diese Sehnsucht ist jüdisch gesehen unerhört. Die Herrlichkeit Gottes wohnt nämlich im Tempel. Der Wunsch der Ausweitung auf die ganze Welt kommt daher, dass der Tempel Gottes ja zerstört werden wird, sodass Gott örtlich nicht mehr fassbar wird. Umso mehr entwickelt sich eine solche Sehnsucht im Exil. Mit Jesus wird dies Realität. Gott ist natürlich omnipräsent und deshalb überall. Aber durch die Eucharistie wird Gottes Herrlichkeit auch physisch und örtlich gebunden – in jedem Tabernakel der Kirche, in jeder Hl. Messe! Nicht mehr nur der Hohepriester einmal im Jahr hat das Privileg, das Allerheiligste aufzusuchen, sondern jeder Christ – zu jeder beliebigen Zeit! Umso trauriger, dass der Herr in vielen Kirchen alleine bleibt. Gott erweist uns so eine große Gnade, so ein Privileg, doch wir nehmen es nicht in Anspruch. Erfüllt ist die ganze Erde mit dem Hl. Geist, den Jesus uns vom Vater gesandt hat am Pfingsttag. Dieser Geist weht, wo er will, nicht nur im Hause Israels. Das ist eine Erfüllung des Wunsches von Ps 72.

Mt 1
18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. 
19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. 
20 Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. 
21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. 
22 Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: 
23 Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns. 
24 Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Das heutige Evangelium ist die Fortsetzung des gestrigen. Im Anschluss an den Stammbaum hören wir jetzt von der Geburt des Messias. Das Matthäusevangelium berichtet sie vor allem aus Sicht des Josef. Dies macht absolut Sinn, wenn wir uns an den Stammbaum erinnern. Juden denken bei der Weitergabe des Lebens und des eigenen Blutes patrilinear, also väterorientiert. Wenn es also um die Geburt eines Kindes geht, macht es Sinn, dass dieses Evangelium die Vaterperspektive betont. Wir lesen in dem heutigen Evangelium auch wieder solche Formulierungen, die die biologische Vaterschaft Josefs ausschließen: „Maria, seine Mutter“ ist eine Andeutung solcher Art, die im Stammbaum durch das Auslassen des Satzes „Josef zeugte den Jesus“ und den Verweis auf seine Frau Maria ausgedrückt worden ist. Dies wird noch viel eindeutiger im weiteren Verlauf des Evangeliums, wo immer wieder „das Kind und seine Mutter“ gesagt wird, nicht „Josefs Sohn“ (z.B. in Mt 2,13-14) – in einem Evangelium, das eigentlich sehr patrilinear orientiert ist! Das fällt auf.
Josef ist ein gerechter Mann. Gott hat sich etwas dabei gedacht, ausgerechnet diesen Menschen als Ziehvater seines Sohnes vorzubereiten. Josef wollte seine Frau nicht bloßstellen – denn erstens war Maria vor der Ehe schwanger geworden und zweitens als geweihte Jungfrau! Um ihre Ehre zu bewahren, möchte er sich von ihr trennen. Wir verstehen seine noble Tat erst, wenn wir die jüdischen Gesetze kennen:
Wenn ein unberührtes Mädchen, das einem Mann versprochen ist, von einem anderen Mann schwanger wird, sollen der andere Mann sowie die Frau gesteinigt werden (Dtn 22,23f.). Dem Betrogenen wird keine Schuld zugeschrieben. Warum will sich Josef dann von ihr trennen? Josefs Gerechtigkeit ist eine größere als die der buchstabentreuen Juden seiner Zeit. Er denkt keinen Moment daran, das mosaische Gesetz auszuführen, sondern er überlegt, die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Indem er sich nämlich in aller Stille von ihr getrennt hätte, hätte es nach außen hin so ausgesehen, als hätte er sie verlassen, nachdem er mit ihr ein Kind gezeugt hatte. So hätte sie als „Verführte“ und „Verlassene“ keine Schuld getroffen. Er wäre bestraft, Marias Leben und das des Kindes aber gerettet worden. DAS meine Lieben, ist ein würdiger Ziehvater, den sich Gott auserwählt hat. Er hat seine Gerechtigkeit schon vor der Geburt des Gotteskindes unter Beweis gestellt und das alles, noch bevor er von Gottes Plan gehört hat!
Er handelt dann doch anders, als ihm im Traum ein Engel des Herrn den Heilsplan Gottes offenbart hat. Bei den Worten des Engels ist sehr auffällig, dass er Josef „Sohn Davids“ nennt. Die jüdischen Hörer dieses Evangeliums werden eins und eins zusammengezählt haben. Das Kind, das in die Welt kommen soll, erhält auf Erden einen davidischen Vater. Somit erfüllen sich die messianischen Verheißungen der Hl. Schriften. Dieser Messias wird von einem davidischen Vater erzogen werden, der selbst ein gerechter Mann ist. So wird der Messias selbst gerecht sein, als Gott durch die göttliche Eigenschaft der Gerechtigkeit, als Mensch dank Josef und seiner Tugend der Gerechtigkeit.
Das Kind ist vom Hl. Geist, aber Josef soll es benennen. Damit wird deutlich, dass er es als sein Kind großziehen soll.
Der Engel gibt ihm auch den Namen vor und erklärt dessen Bedeutung: Dieses Kind wird das Volk von seinen Sünden erlösen. Das ist eine Verheißung, die immer und immer wieder im AT verheißen wird. Damit wird dem frommen Juden Josef klar: Das Kind ist der Messias und muss deshalb Jesus heißen.
Daraufhin wird die Erfüllung der Verheißung noch durch ein Jesajazitat verdeutlicht, das wir in der Adventszeit bereits gehört haben. Die Jungfrau wird ein Kind empfangen…Die frommen Juden, die dieses Evangelium gehört haben, verstanden spätestens jetzt, was für ein Kind hier geboren wird.

Lassen wir uns heute berühren von Gottes großen Heilstaten. Er hat das lange jahrhundertelange Schreien seines auserwählten Volkes erhört und wie verheißen als davidisches Kind in dieser Welt Mensch geworden. Er hat für die Umsetzung seines Heilsplans sowohl die Jungfrau bereitet als auch den gerechten Mann, der sie mit allen Mitteln beschützt. Diese Familie ist besonders. Sie ist eine geistige Familie, da alles Biologische, was im Judentum sonst üblich ist, hier komplett entfällt. Danken wir heute besonders dem Hl. Josef, der so wunderbar gehandelt hat. Sonst wäre Jesus nicht in diese Welt gekommen, dessen Leben schon von Anfang an bedroht gewesen ist. Wir können wirklich viel von ihm lernen, besonders für unsere eigenen Familien. Hl. Josef erbitte du uns die Gnade, so selbstlos wie du in unseren Familien zu leben, mit derselben Hingabe und demselben Gerechtigkeitssinn. Wir bitten dich um deine Fürsprache, dass alle Männer so nobel und respektvoll mit ihrer Frau umgehen wie du es getan hast. Das erbitten wir durch Christus, unseren Herrn, Amen.

Überdenken wir heute besonders unsere Rolle in der Familie und nehmen wir uns in der letzten Woche vor Weihnachten vor, das Familienleben zu erneuern.

Ihre Magstrauss

Dienstag der dritten Adventswoche (A)

Gen 49,2.8-10; Ps 72,1-4.7-8.17; Mt 1,1-17

Gen 49
2 Kommt zusammen und hört, ihr Söhne Jakobs, hört auf Israel, euren Vater!
8 Juda, dir jubeln die Brüder zu, deine Hand hast du am Genick deiner Feinde. Deines Vaters Söhne werfen sich vor dir nieder. 
9 Ein junger Löwe ist Juda. Vom Raub, mein Sohn, stiegst du auf. Er kauert, liegt da wie ein Löwe, wie eine Löwin. Wer bringt sie zum Aufstehen?
10 Nie weicht von Juda das Zepter, der Herrscherstab von seinen Füßen, bis Schilo kommt, dem der Gehorsam der Völker gebührt.

Wir hören heute in der Lesung von dem Segen Jakobs vor seinem Tod. Er richtet sich an jeden Sohn mit einer Botschaft. Heute hören wir die letzten Worte, die er zu seinem Sohn Juda gesprochen hat. Warum? Weil der Messias aus dem Stamm Juda kommen wird und deshalb diese letzten Worte Jakobs prophetisch sind. Juda hat unter den Brüdern eine überragende Bedeutung („dir jubeln die Brüder zu“, „deines Vaters Söhne werfen sich vor dir nieder“). Das Verb יִשְׁתַּחֲוּ֥וּ jischtachavu ist eine Zukunftsform und mit „sie werden niederfallen“ zu übersetzen. Das Bemerkenswerte an dem Wort ist die Doppeldeutigkeit: Es kann ein Niederfallen vor einem Herrscher meinen oder das kultische Niederfallen, die Anbetung! Das lässt schon die verschiedenen Schriftsinne erahnen, die wir in diesem Vers sehen: Jakob spricht nicht von Juda selbst, sondern von seinem Nachkommen. Wörtlich historisch gelesen denkt man an einen Herrscher aus dem Stamm Juda, der Herrscher über alle Stämme sein wird. Er wird alle Feinde besiegen und Israel dadurch beschützen. Es kristallisiert sich ein bestimmter Herrscher heraus, nämlich David. Er ist wahrlich ein junger Löwe, denn er ist in jungen Jahren zum König gesalbt worden (1 Sam 16).
Die nächste Aussage ist vielleicht nicht ganz verständlich, hat aber zunächst mit dem Verhalten von Löwen zu tun, das die Israeliten damals beobachteten: Die Junglöwen gingen in die Berge, um sich dort ihre Beute zu holen. Dort lebten sie eine kurze Zeit, nachdem sie genug erbeutet haben. Dieses Verhalten hat sich mit den Kriegszügen Davids erfüllt, der um sich herum die ganzen Völker besiegte und sein Herrschaftsgebiet zu einem Großreich machte. So konnte er sich zur Ruhe setzen wie die Junglöwen in den Bergen, in seinem Fall im judäischen Bergland. Auch der nächste Satz und die sich anschließende Frage sind erklärbar von Tierbeobachtungen: Löwen zu stören (wer bringt sie zum Aufstehen), die sich zur Ruhe setzen, ist das Gefährlichste, das man tun kann. König David hat sich nach all seinen Siegen zu einem mächtigen Herrscher entwickelt. Besonders eindrücklich ist dies jedoch in der salomonischen Herrschaft. Andere Herrscher erkennen dies an, so z.B. auch die Königin von Saba. Sich mit so einem mächtigen König anzulegen, ist vergleichbar gefährlich wie einen schlafenden Löwen zu wecken. Die Metapher des Löwen ist also für die angekündigte davidische Dynastie sehr angemessen. Wir denken über diese wörtliche Dimension hinaus und sehen hier eine messianische Aussage, die sich mit Jesus erfüllt hat. Jesus ist Sohn Davids, er kommt aus dem Stamm Juda und sein Reich wird das größte aller Zeiten sein. Es ist jetzt schon angebrochen und ist die Kirche. Noch ist es nicht vollendet, denn die Feinde sind noch nicht endgültig besiegt. Dies werden wir erst in Offb 19-20 lesen. Bis dahin tragen wir innerhalb und außerhalb der Kirche noch viele Kämpfe aus. Und doch ist Christus bei uns, um uns zu schützen. Jesus ist der Löwe von Juda, wie er in Offb 5 bezeichnet wird. Er hat durch sein Erlösungswirken die Feinde schon entmachtet und sich auf den Berg zurückgezogen – ein Bild für sein Heimgehen zum Vater. Wenn er wiederkommen wird, dann als verherrlichter Menschensohn in seiner ganzen Macht. Dann Gnade denen, die seine Feinde sind! Er wird dann kommen, um zu herrschen in seinem Reich, das nicht von dieser Welt ist. Diese Welt wird es dann nämlich so nicht mehr geben. Wenn es dann im letzten Vers heißt „nie weicht von Juda das Zepter“, dann erfüllt sich das mit der ewigen Herrschaft Gottes, von dem wir im „großen“ Glaubensbekenntnis bekennen: „Seiner Herrschaft wird kein Ende sein“. Der Löwe von Juda lebt auch in unserem Herzen. Wir empfangen ihn immer wieder in der Kommunion. Wo wir seine Gebote erfüllen, erkennen wir seine Herrschaft an, auch in unserer Seele. Auch wenn wir in unserem Leben seine Gegenwart manchmal nicht so sehr spüren, als ob er schläft, ist er dennoch da. Nach Zeiten der seelischen Trockenheit, die wir geduldig ausgehalten haben, kommen Zeiten, in denen er umso mächtiger und offensichtlicher in unserem Leben Einzug hält. So auch in der Kirche. Es gibt Zeiten, in denen er weit weg zu sein scheint und die Feinde die Überhand nehmen. Dem Himmelreich scheint unendlich viel Gewalt angetan zu werden, wie wir vor Tagen gehört haben. Aber es wird auch jetzt schon auf Erden zur Erneuerung der Kirche kommen. Dann werden wir merken, dass der Herr die ganze Zeit da war und uns nie verlassen hat!

Ps 72
1 Für Salomo. Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten. 

2 Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden durch rechtes Urteil. 
3 Dann tragen die Berge Frieden für das Volk und die Hügel Gerechtigkeit. 
4 Er schaffe Recht den Elenden des Volks, er rette die Kinder der Armen, er zermalme die Unterdrücker.
7 In seinen Tagen sprosse der Gerechte und Fülle des Friedens, bis der Mond nicht mehr da ist. 
8 Er herrsche von Meer zu Meer, vom Strom bis an die Enden der Erde. 
17 Sein Name soll ewig bestehen, solange die Sonne bleibt, sprosse sein Name. Mit ihm wird man sich segnen, ihn werden seligpreisen alle Völker.

In Ps 72 bittet Salomo, der Königssohn, um Gottes Gerechtigkeit und Rechtssprüche. Die davididische Bedeutung der Metapher „Löwe von Juda“ wird hier im Psalm also weitergeführt. König und Königssohn, David und Salomo, zeigen zunächst konkrete irdische Bitten: gerechtes Walten durch rechtes Urteil, die Kinder der Armen retten, die Unterdrücker zermalmen. Darüber hinaus kann man diese aber auch messianisch deuten: „Rechtssprüche“, was die Einheitsübersetzung hier mit“rechtes Urteil“ übersetzt, werden im NT z.B. in Offb (dikaiomata) für Gott verwendet. Es geht also um göttliches Gericht. Dieses ist immer gerecht und verschafft denen Gerechtigkeit, die sonst keine erfahren: Armen, Fremden, Witwen, Waisen. Die Gerechtigkeit ist dann bezüglich dem Königssohn typologisch auf Jesus als den neuen Salomo bezogen. Jesus verschafft in seiner Verkündigungszeit unzähligen „Armen“ Gerechtigkeit und erntet dafür viel Unzufriedenheit derer, die ihr bequemes egoistisches Leben gefährdet sehen. Wenn Jesus an den Rand gedrängte Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft holt wie die blutflüssige Frau, die Aussätzigen, die Blinden, Verkrüppelten etc., dann sind das Zeichen seiner bereits jetzt bestehenden Herrschaft als Königssohn. Und dies ist ekklesiologisch weitergedacht schon jetzt mit der Kirche gegeben. Wo die Kirche in Christi Nachfolge handelt, herrscht Christus auch jetzt in der Welt. Dies betrifft auch jeden einzelnen Christen. Wo ich ihm mein Ruder über mein Leben, meine Entscheidungen und mein Handeln überlasse, herrscht er in meinem Leben. Dies alles wird sich aber erst in der Ewigkeit vollenden. Dann werden alle Feinde besiegt sein und zusammen mit Gott wird es einen ewigen Sabbat, ein ewiges zur Ruhe Setzen geben.
Der Wunsch nach einem langen Leben deutet stark auf den Messias, da ein König ja nicht mehrere Generationen leben kann. Falls hier schon messianische Elemente zu sehen sind, wird der Mensch auf den Messias als ewig lebend vorbereitet.
Mit dem Messias wird die Fülle des Heils, also der Schalom verbunden. Der ewige Sabbat wird ein Zustand der ewigen Schalom sein. So verheißt es Vers 7. Das Herrschen von Meer zu Meer meint die Universalherrschaft des Königs. Auch das ist natürlich zuerst der Wunsch, dass der König ein großes Reich erhält, aber wörtlich ist dies für Israel ja unrealistisch. Das wird erst mit Gottes Königsherrschaft realisierbar.
Besonders messianisch ist dann der letzte Vers: Wir segnen einander mit dem Namen Jesu! Es ist der Segen des allmächtigen Gottes und deshalb angemessen. Dieser Segen bringt Heil und in Jesu Nachfolge wurden damals die messianischen Heilstaten bei den Aposteln weitergeführt und setzen sich bis heute fort. Dieser Segen wird zum ewigen Lobpreis im himmlischen Jerusalem, wo wir in Gottes Angesicht seine Größe preisen werden.

Mt 1
1 Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams:
2 Abraham zeugte den Isaak, Isaak zeugte den Jakob, Jakob zeugte den Juda und seine Brüder. 
3 Juda zeugte den Perez und den Serach mit der Tamar. Perez zeugte den Hezron, Hezron zeugte den Aram, 
4 Aram zeugte den Amminadab, Amminadab zeugte den Nachschon, Nachschon zeugte den Salmon. 
5 Salmon zeugte den Boas mit der Rahab. Boas zeugte den Obed mit der Rut. Obed zeugte den Isai, 
6 Isai zeugte David, den König. David zeugte den Salomo mit der Frau des Urija. 
7 Salomo zeugte den Rehabeam, Rehabeam zeugte den Abija, Abija zeugte den Asa, 
8 Asa zeugte den Joschafat, Joschafat zeugte den Joram, Joram zeugte den Usija. 
9 Usija zeugte den Jotam, Jotam zeugte den Ahas, Ahas zeugte den Hiskija, 
10 Hiskija zeugte den Manasse, Manasse zeugte den Amos, Amos zeugte den Joschija.
11 Joschija zeugte den Jojachin und seine Brüder; das war zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft. 
12 Nach der Babylonischen Gefangenschaft zeugte Jojachin den Schealtiël, Schealtiël zeugte den Serubbabel,
13 Serubbabel zeugte den Abihud, Abihud zeugte den Eljakim, Eljakim zeugte den Azor. 
14 Azor zeugte den Zadok, Zadok zeugte den Achim, Achim zeugte den Eliud, 
15 Eliud zeugte den Eleasar, Eleasar zeugte den Mattan, Mattan zeugte den Jakob. 
16 Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird. 
17 Im Ganzen sind es also von Abraham bis David vierzehn Generationen, von David bis zur Babylonischen Gefangenschaft vierzehn Generationen und von der Babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus vierzehn Generationen.

Man mag sich fragen: Warum kommt denn jetzt so ein Evangelium? Wie sinnlos ist es denn, die ganzen Namen zu hören? Das ist alles andere als sinnlos. Es hängt mit dem zusammen, was wir in der Lesung gelesen haben und was der Psalm aufgegriffen hat. Jesus ist Sohn Davids. Hier wird seine Herkunft aus dem Stamm Juda und der Dynastie Davids herausgestellt. Die genealogische Zuschreibung einer Person ist für das jüdische Verständnis elementar. Aus dem Grund ist der Stammbaum zu Anfang des Matthäusevangeliums gerade für jüdische Ohren ein Zugang zu Jesus Christus. Das gesamte Evangelium ist davon geprägt, dass die messianischen Verheißungen mit Jesus erfüllt werden.
Jesus wird zurückgeführt bis zu Abraham, weil er nicht nur als Sohn Davids, sondern auch Abrahams bezeichnet wird. Daraufhin folgen drei Blöcke mit jeweils vierzehn Generationen. Dies wird am Ende des Evangeliums auch explizit erklärt. Der kundige Jude weiß nämlich, dass die Zahl vierzehn die Zahl des hebräischen Namens David ist. Die hebräische Sprache kennt pro Buchstabe einen Zahlenwert. Addiert man die Buchstaben des Namens דוד David ergibt es die Zahl vierzehn. Der ganze Stammbaum Jesu ist also ein Zeugnis für seine messianische Identität!
Dieser Stammbaum ist ein jüdischer. Das merkt man auch an der Verwendung des Verbs „zeugen“. Die Zeugung und somit biologische Weitergabe der eigenen Identität ist nach jüdischem Verständnis entscheidend. Es geht sogar so weit, dass wenn ein Jude starb, bevor er mit seiner Frau einen Sohn bekam, dessen Bruder mit der Verwitweten „stellvertretend“ für seinen Bruder ein Kind zeugte. So wurde das gleiche Blut weitergegeben. Dies nennt man Leviratsehe. Die Juden erwarteten also auch einen Messias, der davidisches Blut in sich trug. Mit der Menschwerdung Jesu wurde diese Verheißung erfüllt. Über seine Mutter, die nicht nur aus dem Stamm Juda stammte, sondern auch Davididin war, bekam er das verheißene Blut.
Warum wird der Stammbaum aber bis zu seinem Ziehvater Josef gezogen und nicht bis zu Maria, seiner Mutter? Das hat damit zu tun, dass nach jüdischem Verständnis die Genealogie patrilinear ist, also vaterorientiert. Jesu Vater ist aber in diesem Fall nicht menschlich! Josef als Ziehvater konnte hier genannt werden, weil er ebenfalls wie Maria Davidide und der Vormund Jesu war. Dass Josef aber nicht der Vater Jesu ist, sehen wir an der Bemerkung „den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren.“ Gemäß patrilinearem Verständnis hätte man sich diese Bemerkung sparen und wie zuvor in der Aufzählung sagen können: „Josef zeugte den Jesus.“ Es ist eine Besonderheit und vielleicht auch Ungeheuerlichkeit aus jüdischer Sicht.

Was wir durch die heutigen Lesungen lernen, ist die davidische Identität Jesu. Er ist Sohn Davids. Er ist aus dem Stamm Juda und der König der Könige. Vor ihm fallen alle nieder und am Ende der Zeiten wird jedes Auge ihn sehen. Dann wird seine königliche Herrschaft für alle sichtbar, auch für die, die ihn nicht annahmen und hinrichteten. Sein Königreich ist nicht von dieser Welt, deshalb ist in seinem Fall alles anders. Er lässt sich nicht einfügen in die Patrilinearität der Juden, er wird nicht in einem Palast geboren, er lebt nicht in Prunk und Reichtum. Er lässt sich keiner religiösen Gruppe seiner Zeit zuordnen und ganz besonders schlimm für seine Zeitgenossen: Er ist total unpolitisch. Alles, was er über sein Reich und seine Herrschaft sagt, ist unscheinbar, unerwartet und unattraktiv. Aber so wird er auch herrschen: Es wird ein Dienen sein und die Gesetze werden anders als die menschlichen sein. Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten die Ersten. Es wird Gericht geben und die ganze Welt wird erst einmal untergehen. Seine Waffen und seine Armee, die für ihn kämpft, sind geistig. Die Menschen, denen er sein Reich verkündet, sollen geistig sein. Diese Art von Messias ist der Sohn Davids. So ist auch die neue Schöpfung eine geistige.

Bald ist Weihnachten und dann werden wir vom ärmlichen Stall in Bethlehem hören, von den Hirten, die als erste Zeugen der Menschwerdung Gottes sehen (neben der Hl. Familie versteht sich). Das ist übrigens auch kein Zufall. David war Hirte, bevor er zum König gesalbt worden ist! Der Messias wird selber auch zum Hirten und sagt dies auch über sich. Er ist aber zugleich das Lamm, das im Stall geboren wird und am Ende geopfert wird für die Versöhnung der ganzen Welt! Lassen wir uns heute schon und umso mehr zu Weihnachten berühren von seiner davidischen Abstammung und zugleich seiner ganz anderen unerwarteten Königsherrschaft. Wie der König der Könige, der Weltenherrscher sich die Freiheit nimmt, auf all den Prunk zu verzichten und an einem heruntergekommenen Ort, der für Juden auch noch absolut unrein ist, geboren zu werden.

Ihre Magstrauss

Montag der dritten Adventswoche (A)

Num 24,2-7.15-17a; Ps 25,4-9; Mt 21,23-27

Num 24
2 Als Bileam aufblickte, sah er Israel im Lager, nach Stämmen geordnet. Da kam der Geist Gottes über ihn, 
3 er begann mit seinem Orakelspruch und sagte: Spruch Bileams, des Sohnes Beors, Spruch des Mannes mit geöffnetem Auge, 
4 Spruch dessen, der Gottesworte hört, der eine Vision des Allmächtigen sieht, der niedersinkt mit entschleierten Augen: 
5 Jakob, wie schön sind deine Zelte, deine Wohnungen, Israel! 
6 Wie Bachtäler ziehen sie sich hin, wie Gärten an einem Strom, wie Aloebäume, vom HERRN gepflanzt, wie Zedern am Wasser. 
7 Von seinen Schöpfeimern rinnt das Wasser, reichlich Wasser hat seine Saat. Sein König möge Agag überlegen sein und seine Königsherrschaft sich erheben.
15 Und er begann mit seinem Orakelspruch und sagte: Spruch Bileams, des Sohnes Beors, Spruch des Mannes mit geöffnetem Auge, 
16 Spruch dessen, der Gottesworte hört und die Kunde des Höchsten kennt, der eine Vision des Allmächtigen sieht, der niedersinkt mit entschleierten Augen:
17 Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich erblicke ihn, aber nicht in der Nähe: Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel. Er zerschlägt Moab die Schläfen und allen Söhnen Sets den Schädel.

Wir haben in der Lesung gestern gehört, dass Gott seinen Hl. Geist schon im AT ausgegossen hat und in Zukunft auf ganz umfassende Weise ausgießen wird. Dies wird z.B. dort erfahrbar, wo in seinem Namen Propheten auftreten. Heute hören wir ein wunderbares Beispiel dafür: Bileam ist ein nichtisraelitischer Prophet, in Jos 13 allerdings als Wahrsager bezeichnet. Er erkennt Jahwe als seinen persönlichen Gott an und wird deshalb von seinem Geist erfüllt. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass Gottes Geist weht, wo er will und auch im AT schon außerhalb des Volkes Israel wirkt. Bileam wird vom moabitischen König Balak beauftragt, Israel zu verfluchen. Gottes Hand ist aber auf dem Volk. Kein Fluch kann etwas anrichten. Bileam kann es nicht einmal versuchen. Stattdessen wird ihm immer nur Segen von Gott eingegeben. Es heißt, dass der Geist Gottes auf Bileam kommt. Sogar so jemand wie Bileam, der zu etwas Bösem beauftragt wird, wird zum Werkzeug des Heils. Letztendlich läuft alles auf den Heilsplan Gottes hinaus, auch wenn die Gegenspieler es noch so sehr versuchen, zu vereiteln. Wir müssen bedenken, dass hinter dem Auftrag König Balaks eigentlich die alte Schlange, der Satan steckt. Er ist der Gegenspieler Gottes, der zu allen Zeiten versucht, sich gegen Gott aufzulehnen. Er bedient sich verschiedener Menschen, verkleidet sich in immer neuem Gewand und doch ist es immer derselbe Versuch, Gottes Heil zu zerstören. Es ist dieselbe Feindschaft, die in Gen 3 bereits angekündigt wird – die Feinschaft zwischen der Schlange und den Nachkommen der Frau – Israel. Aber es bringt alles nichts. Gott ist immer stärker und wird am Ende siegen. So ist es auch mit der Kirche, dem neuen Israel. Die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen. Denn sie ist von Christus gestiftet worden, der selbst von den Toten auferstanden ist. Der Satan hat gerade in diesem Fall verloren. Jesus blieb nicht im Tod, sondern besiegte ihn. Und wenn jeder einzelne Mensch ständig kämpfen muss, um nicht in Sünde zu fallen, ist das ein vorübergehender Kampf. Am Ende wird Gott siegen, mit dessen Hilfe wir die Sünde überwinden können. Wenn wir wirklich kämpfen und die Waffen Gottes dabei verwenden, wird unsere Seele nicht verloren gehen. Und am Ende der Zeiten wird die Feindschaft den Höhepunkt erreichen. Dann wird es zu einer großen Schlacht kommen, die aber kein Kampf mehr sein wird, sondern ein Abrechnen Gottes mit dem Bösen. Im Nu wird er den Satan mit seinem Heer und sogar den Tod vernichten. Dann wird er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, in der es nichts Böses und deshalb keinen Kampf mehr geben wird.
Bileam versucht, Israel zu verfluchen, aber es klappt nicht. Gott erfüllt ihn und auch dessen Mund kommt stattdessen ein Segen. Dabei ist bemerkenswert, dass das Volk Israel wieder mit Wassermetaphern umschrieben wird. Das ist ein Zeugnis für diejenigen, die es hören. Sie sollen begreifen: Israel sitzt an der Quelle, die Gott ist. Wir denken hier wieder an den Hl. Geist und führen es weiter auf die Kirche. Sie ist der Ort der Quelle, weil in ihrer Mitte Gott Materie annimmt in der Eucharistie, weil Gott leibhaftig da ist und weil der Geist Gottes in ihr lebt und wirkt. Alles begann mit dem Pfingstereignis und es ist ein viel umfassenderes Wirken als im AT. Dort wirkt der Geist an vereinzelten Menschen.Gott gibt Bileam daraufhin einen Orakelspruch ein, der es in sich hat. Er sieht einen aufgehenden Stern in Jakob, ein Zepter in Israel, aber nicht jetzt. Es geht also um etwas, das sich in weiterer Zukunft ereignen wird. Liest man vor allem das Zerschlagen der Schläfen Moabs, kommt einem eine politische Figur in den Sinn, die die Moabiter besiegen wird, ebenso die Söhne Sets. Dies ist eine Verheißung für Israel, in Zukunft politisch stark zu sein und sich gegenüber der Fremdvölker zu behaupten. Zugleich lernen wir aus dieser Erzählung, dass der Fluch, den wir aussenden, auf uns zurückfallen wird (die Schläfe Moabs wird getroffen!). Die Israeliten werden diesen Stern womöglich mit König David erfüllt gesehen haben. Wir lesen es aber über diese irdische Herrschaft hinaus messianisch. Mitten in die Intrige hinein wirkt Gott mit der messianischen Verheißung eines aufgehenden Sterns in Jakob. Dies ist einerseits wörtlich zu verstehen – es geht tatsächlich ein Stern auf bzw. wird am Himmel sichtbar (Sterne sind ja Fixpunkte) und wird zum Wegweiser für die Magoi aus dem Osten, die auf diese Weise zum kleinen Kind nach Bethlehem geführt werden. Es ist aber auch im übertragenen Sinne zu verstehen: Der Messias ist selbst ein Stern, ein Wegweiser ins Reich Gottes. Jesus wird als Erwachsener selbst sagen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich (Joh 14,6). Er wird für uns zum wegweisenden Stern bei der christlichen Lebensführung. Er hat erklärt, wie die Gebote Gottes richtig verstanden werden müssen. Jesus ist auch der Wegweiser für die Kirche. Wenn sie in seinem Namen verkündet, Liturgie feiert und caritativ tätig ist, wird sie nicht untergehen. Wenn sie die Sakramente nach seinem Stiftungswillen feiert, wird sie Frucht bringen und sich vermehren. Und am Ende der Zeiten werden wir duch diesen Stern in das Reich Gottes eingehen, in das himmlische Jerusalem. Die Zerschlagung Moabs ist der Böse, der entmachtet wird am Ende der Zeiten, als Verführer unserer Seelen und als Feind der Kirche.

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade! 
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
6 Gedenke deines Erbarmens, HERR, und der Taten deiner Gnade; denn sie bestehen seit Ewigkeit! 
7 Gedenke nicht meiner Jugendsünden und meiner Frevel! Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR, denn du bist gütig! 
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg. 
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg.

Der Psalm greift die Sternmetapher zwar nicht explizit auf, dafür aber implizit. „Zeige mir, HERR, deine Wege“ ist die Bitte, die Gott durch den aufgehenden Stern in Jakob erfüllen wird. Gott zeigt seine Wege, also seinen Plan durch die Propheten des AT und wird dies zeigen durch Jesus Christus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Gott wird den hellen Stern zum Orientierungspunkt dieses Weges machen. Der Weg ist dann nicht nur sein Heilsplan, sondern auch der moralische Weg, die Weise, wie wir leben sollen. Dies wird Jesus erklären, insbesondere durch die Gleichnisse und die Bergpredigt. Es ist der Weg ins Himmelreich, ins ewige Leben.
Dass auch dieser Psalm messianisch zu lesen ist, sehen wir an der hebräischen Formulierung אֱלֹהֵ֣י יִשְׁעִ֑י elohe, jisch’i. Die Wurzel des Wortes „Heil“ ist dieselbe wie der Name Jesu. „Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist ein besonders intensiver Ausdruck messianischer Erwartung. Wir hoffen auch den ganzen Tag auf den Messias, insbesondere jetzt in diese Adventszeit. Ganz eindrücklich können wir es an den Kindern sehen, die es kaum abwarten können, dass endlich Weihnachten ist. Wir warten liturgisch auf das erste Warten des Messias, aber auch auf das zweite Kommen am Ende der Zeiten. Je drastischer die Weltsituation ist, desto lauter wird der Schrei nach dem Gott des Heils.
Mit der Erwartung Gottes kommt auch hier die Frage nach dem Zustand der Menschen auf: „Gedenke deines Erbarmens“ und „gedenke nicht meiner Jugendsünden“ zeigen das Verständnis auf, dass wenn Gott kommt, die Menschen vor ihm gut dastehen möchten. Das ist, was wir vor allem in dem gestrigen Abschnitt aus dem Jakobusbrief gelesen haben. In diesem fordert Jakobus die Christen auf, ein moralisch gutes Verhalten an den Tag zu legen, um mit reinem Herzen Gott zu begegnen. Auch hier ist der Wunsch spürbar, dass wenn Gott kommt, barmherzig mit den sündigen Menschen umgehen soll. So sollen auch wir beten und das tut die Kirche auch immer nach dem Vaterunser in der Hl. Messe: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke uns nach deinem Willen Einheit und Frieden.“ Das wird vor dem Kommen Jesu in der Kommunion gebetet, also bevor die Menschen ihn in ihr Herz aufnehmen. Es ist dieselbe Haltung wie die Davids in dem Psalm. Leben wir mit dieser Einstellung und tun wir von uns aus das Nötige, damit der HERR Glauben vorfindet, wenn er kommt – sowohl zu Weihnachten als auch am Ende der Zeiten.

Mt 21
23 Als er in den Tempel ging und dort lehrte, kamen die Hohepriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und fragten: In welcher Vollmacht tust du das und wer hat dir diese Vollmacht gegeben? 
24 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch ich will euch eine Frage stellen. Wenn ihr mir darauf antwortet, dann werde ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich das tue. 
25 Woher stammte die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von den Menschen? Da überlegten sie und sagten zueinander: Wenn wir antworten: Vom Himmel!, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? 
26 Wenn wir aber antworten: Von den Menschen!, dann müssen wir uns vor den Leuten fürchten; denn alle halten Johannes für einen Propheten. 
27 Darum antworteten sie Jesus: Wir wissen es nicht. Da erwiderte er: Dann sage auch ich euch nicht, in welcher Vollmacht ich das tue.

Heute hören wir wieder etwas von Johannes dem Täufer. Jesus bezieht sich auf ihn, als er mit der Frage konfrontiert wird, mit welcher Vollmacht er im Tempel lehre. Jesus ist manchmal sehr schlau und antwortet entweder mit Codes, Gleichnissen oder wie hier mit Gegenfragen.
Er würdigt im Nachhinein die Johannestaufe und weist in seinem Gespräch dieselben zurecht wie Johannes am Jordan. Jesus sagt zwar nicht „Schlangenbrut“ zu ihnen, aber liegt dennoch mit seiner Kritik auf einer Linie mit Johannes. Ich betone das an dieser Stelle deshalb, weil die Exegese die beiden gerne gegeneinander ausspielt. Das ist absolut unhaltbar.
Jesus macht einen Deal, der auf den ersten Blick riskant erscheint. Er verrät seine Vollmacht den Pharisäern und Schriftgelehrten nur, wenn sie die richtige Antwort auf seine Frage geben. So riskant ist das nicht, weil Jesus als Gott ihre Antwort erstens schon kennt und zweitens genau weiß, dass sie keine Antwort geben werden. Er verursacht absichtlich ein Dilemma, sodass er auch keine direkte Antwort geben muss. Dies hat unter anderem einen pragmatischen Grund: Würde er inmitten des Tempels sagen, dass er Gott ist, würde es sofort zu einer Verhaftung kommen. Er könnte dann nicht mehr zuende führen, was der Vater ihm aufgetragen hat. Jesu Verhalten dient den Umstehenden und auch uns Bibellesern immer zur Unterweisung. Er will uns dadurch etwas beibringen. In diesem Fall geht es darum, den Hörern der rhetorischen Frage zum Nachdenken zu bringen. Es ist insgesamt bemerkenswert, dass Jesus auf den schon verstorbenen Johannes Bezug nimmt, wenn es eigentlich um seine geht! Damit lehrt uns Jesus, dass sie beide in derselben Vollmacht aufgetreten sind. Dies ergibt deshalb Sinn, weil Jesus in den letzten Tagen schon angekündigt hat, dass ihn dasselbe Schicksal ereilen wird wie dem Täufer.
Das entstehende Dilemma – Johannes‘ Vollmacht anzuerkennen oder nicht, wird auch bei Jesu Tod und Auferstehung aufkommen. Durch Jesu Antwort werden die Menschen schon darauf vorbereitet, was mit ihm passieren wird und wie sie selbst in seine gegenwärtige Situation kommen werden. Man wird auch sie fragen: In welchem Namen tust du das? Wir lesen in der Apg von Heilstaten im Namen Jesu, bei denen die Aposteln sich vor dem Hohen Rat rechtfertigen müssen.
Jesus möchte mit dem Dilemma die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht bloßstellen oder niedermachen. Er will ihnen helfen, dass auch sie zum Glauben an ihn kommen. Er gibt ihnen die Chance, die Sünde zu bereuen, Johannes nicht geglaubt zu haben. Gott liebt jeden Menschen und kämpft um sein Herz. Er weiß, dass sie das in dem Moment nicht tun werden, aber der Same ist gelegt. Einzelne dieser Menschen werden sich zu ihm bekennen und auch im Nachhinein Johannes anerkennen. Wir lesen z.B. davon, dass Jesus bei einem Pharisäer zum Essen eingeladen wird. Wir hören in der Apg dann von der Bekehrung des eifrigsten Pharisäers Paulus, der die Christen verfolgt hatte.

Machen wir uns heute Gedanken darüber, ob wir Gottes Taten auch in unserem Leben anerkennen. Erkennen wir, dass alles Gute von Gott kommt? Trauen wir Jesus zu, dass er auch in unserem Herzen, dem Tempel des Hl. Geistes, lehren kann? Glauben wir, dass er uns verwandeln kann? Halten wir ihm unser Leben an und er wird in unserem Herzen Mensch werden. Dann werden wir in wenigen Tagen auch ein inneres Weihnachtsfest erleben.

Dritter Adventssonntag (A)

Jes 35,1-6.10; Ps 146,6-10; Jak 5,7-10; Mt 11,2-11

Liebe Freunde, wir feiern an diesem Sonntag Gaudete, „Freuet euch!“ Am dritten Adventssonntag sind wir voller Vorfreude auf Weihnachten und das vermitteln auch die Lesungen. Gleichzeitig freuen wir uns über die Barmherzigkeit, die der Herr uns schon erwiesen hat, und auf das zweite Kommen unseres Herrn als erhöhter Menschensohn.

Jes 35
1 Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie. 
2 Sie wird prächtig blühen und sie wird jauchzen, ja jauchzen und frohlocken. Die Herrlichkeit des Libanon wurde ihr gegeben, die Pracht des Karmel und der Ebene Scharon. Sie werden die Herrlichkeit des HERRN sehen, die Pracht unseres Gottes. 
3 Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! 
4 Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten. 
5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. 
6 Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt, denn in der Wüste sind Wasser hervorgebrochen und Flüsse in der Steppe. 
10 Die vom HERRN Befreiten kehren zurück und kommen zum Zion mit Frohlocken. Ewige Freude ist auf ihren Häuptern, Jubel und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen.

Jesajas Worte sind heute wieder sehr tröstlich und lassen das Herz höher schlagen. Es sind auch wieder markante messianische Verheißungen, deren Aussagekraft sich vor allem im Evangelium erfüllen wird. „Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie.“ Was hier umschrieben wird, ist das Hineinkommen von Leben inmitten des Todes. Das ist bereits sehr messianisch und der Inbegriff der Erlösung: aus dem Tod ins Leben kommen. Es ist dabei bemerkenswert, wie immer wieder die Wüste zum Ort der Gottesbegegnung wird. Gottes Methodik, den Menschen seinen Plan zu offenbaren, umfasst selbst die Orte, an denen er sich offenbart. So ist Gottes Schule. Es ist also keinesfalls zufällig, dass dann auch Johannes der Täufer in der Wüste das Kommen des Gottesreiches ankündigt.
Wenn die Rede davon ist, dass es mitten in der Wüste zum Blühen kommt, liegt es daran, dass dort die Begegnung mit Gott stattfindet: weil die Israeliten „die Herrlichkeit des HERRN sehen“ werden.
„Er selbst kommt“ muss man wirklich wörtlich nehmen. Gott ist schon unterwegs. Er wird nicht einfach irgendwann sein – deshalb heißt es auch in der Offb in der Dreizeitenformel auch nicht „er, der war, der ist und der sein wird“, sondern „er war, er ist und er kommt“. Gott ist schon auf dem Weg zu uns! Dieses Kommen verbinden wir mit dem Messias Jesus, der in die Welt gekommen ist und unter uns gelebt hat. Gott kommt auch heute zu uns, wenn wir die Sakramente feiern, v.a. in der Eucharistie. Jesus kommt physisch zu uns, wie er auch damals leibhaftig unter uns war. Wir sehen ihn nur nicht mehr in der Gestalt des Menschen, sondern von Brot und Wein. Solange es die Kirche gibt, kommt Gott physisch zu uns. Deshalb brauchen wir die Priester. Ohne sie kann es keine Eucharistie geben. Gott kommt in unser Herz, wenn wir ihn in der Kommunion empfangen. Er vereinigt sich mit unserer Seele. Gott ist immer bei uns, wie er es Mose im Dornbusch versprochen hat, als er sich selbst als Jahwe „ich bin der ich bin/ich bin der ich werde sein“ vorgestellt hat (das hebräische Wort ist sowohl als Gegenwarts- als auch als Zukunftsform übersetzbar). Es macht deshalb auch absolut Sinn, dass der Messias mit dem Namen „Immanuel“ angekündigt wurde, „Gott mit uns“. Vater und Sohn sind eins. Gott wird auch zu uns kommen am Ende der Zeiten. Der verherrlichte Menschensohn wird so kommen, dass alle es sehen werden. Das wird ein endgültiges Kommen sein, bei dem Gott ewig in unserer Mitte sein wird im himmlischen Jerusalem.
Weil Gott wiederkommen wird – wir nennen das Parusie -, sind wir in einem nachösterlichen Zustand der Erwartung, in einem zweiten Advent. Dies bedenken wir immer mit, wenn wir liturgisch Advent feiern. Wir gehen nicht nur auf das liturgische Weihnachtsfest zu, sondern darüber hinaus auf die endzeitliche Wiederkunft Christi.
Weiter heißt es bei Jesaja, dass Gott uns retten wird. Auch hier haben wir im Hebräischen wieder dieselbe Wurzel wie im Namen Jesu. Umso mehr handelt es sich um einen messianischen Code, wenn Gott selbst kommt, um uns zu retten. Jesus ist Gott selbst und das verstehen wir durch Jesaja!
Diese Rettung wird sich anhand von den markanten messianischen Heilstaten zeigen: Blinde sehen, Taube hören, Stumme reden, Lahme gehen. Diese vier Taten werden uns nachher noch einmal beschäftigen.
Wenn in der Wüste dann Wasser hervorgebrochen sind und Flüsse in der Steppe, dann ist das nicht nur ein Zeichen der Gegenwart Gottes, sondern vor allem des Hl. Geistes. Wir interpretieren dieses Wasser dann nämlich als das lebendige Wasser. Die Wasser in der Wüste sind schon hervorgebrochen. Das hebräische Verb נִבְקְע֤וּ  nivke’u ist als Vergangenheitsform zu übersetzen. Gott hat seinen Hl. Geist auch schon vor dem Kommen des Messias und vor dem Pfingstfest in die Welt gesandt. Vereinzelte Personen wie die Propheten sind mit dem Hl. Geist begabt worden. Mit dem Pfingstereignis kam der Hl. Geist aber noch einmal auf eine viel umfassendere Weise, und dies für jeden, der ihn annimmt.
Wo hier die Einheitsübersetzung „die Befreiten“ übersetzt, muss es eigentlich wörtlich heißen „die Freigekauften“. Dies ist klassische Erlösungsterminologie! Sie erscheint dort, wo es um die Erlösung der Menschheit geht, insbesondere im NT (1 Kor 6; 7; 2 Petr 2; Offb 5). Hier ist der Freikauf zunächst historisch auf das Volk Israel zu beziehen, das nach dem Exil endlich zurückkehren darf und gerade Jerusalem mit dem Tempel wieder aufbauen darf, um dem Herrn zu opfern. Über dieses einmalige historische Ereignis hinaus bezieht es sich auf die Losgekauften durch Jesus Christus. Er hat uns vom Fluch der Erbsünde befreit, indem er für uns gestorben und auferstanden ist. „Zion“ ist dann das Reich Gottes, dass Jesus verkündet hat und dessen Mitte er selbst ist. In seiner Nachfolge ist Zion seine Braut, die Kirche, in der er lebt und wirkt. Die Menschen, die durch die kirchliche Verkündigung zum Glauben an Christus kommen und sich taufen lassen, sind die Losgekauften, die zum Zion zurückkehren. Das betrifft auch jeden einzelnen Menschen, der aus der Knechtschaft der Sünde v.a. durch die Beichte befreit wird und zum Zion, dem Stand der Gnade, zurückkehren darf. Schließlich meint es die Losgekauften von den Leiden der Welt, die das ewige Leben bei Gott haben dürfen. Zion meint in diesem Sinne den Himmel, das offenbar gewordene Reich Gottes.
„Ewige Freude ist auf ihren Häuptern“. Durch den Begriff der Ewigkeit handelt es sich hier um eine v.a. anagogische Aussage. Bleibende Freude ist immer nur bei Gott, irdische Freude ist vorübergehend. Wir dürfen auf Erden jedoch auch schon eine dauerhafte Freude genießen, wo sie vom Hl. Geist als Frucht gegeben wird. Diese wird sich am Ende der Zeiten aber noch vollenden. Historisch gesehen handelt es sich um ein Stilmittel, die Freude der Israeliten über die Rückkehr zum verheißenen Land und in die Hl. Stadt Jerusalem zu verdeutlichen. Für Jesus war es eine große Freude, zu Menschen sagen zu können: „Deine Sünden sind dir vergeben. Geh und sündige nicht mehr!“ Es ist eine große Freude für Gott, wenn jemand zu ihm findet. Jesus hat dies durch unzählige Gleichnisse immer wieder gesagt, vor allem im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der Vater veranstaltet ein großes Fest, weil sein Sohn wieder lebt. Auch die Kirche freut sich über jeden Bekehrten. Sie ist eine einzige Familie, die unter jeder Sünde leidet. Sie leidet, wenn es einem einzigen Mitglied nicht gut geht. Umso mehr ist es ein Grund zur Freude, wenn es zu einer Versöhnung mit Gott in der Beichte kommt – und mit der Gemeinschaft der Heiligen! Das geschieht nämlich beides gleichermaßen durch das Beichtsakrament. Im Anschluss an diese Versöhnung feiert auch sie ein großes Fest, die Eucharistie! Nicht umsonst wird sie mit einem Hochzeitsmahl verglichen. Erstens hat Gott im AT und Jesus Christus im NT immer wieder um seine Braut geworben und sich selbst als Bräutigam bezeichnet. Zweitens ist die Hochzeit der Anlass zur Freude schlechthin! Nicht umsonst steht die Hochzeit zu Kana am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu (Joh 2). Und diese Freude wird sich vollenden und erreicht eine unvergleichlich höhere Qualität am Ende der Zeiten, wenn die Hochzeit des Lammes kommen wird (Offb 19).

Ps 146
6 Er ist es, der Himmel und Erde erschafft, das Meer und alles, was in ihm ist. Er hält die Treue auf ewig. 
7 Recht schafft er den Unterdrückten, Brot gibt er den Hungernden, der HERR befreit die Gefangenen. 
8 Der HERR öffnet die Augen der Blinden, der HERR richtet auf die Gebeugten, der HERR liebt die Gerechten. 
9 Der HERR beschützt die Fremden, er hilft auf den Waisen und Witwen, doch den Weg der Frevler krümmt er. 
10 Der HERR ist König auf ewig, dein Gott, Zion, durch alle Geschlechter. Halleluja!

Der Psalm führt die Gedanken aus Jesaja weiter und reflektiert die Heilstaten noch ausführlicher. Er gibt an, dass all die Heilstaten auf ein und denselben Gott zurückzuführen sind, der auch die Welt geschaffen hat.
Zu diesen Heilstaten gehören unter anderem dieselben Taten, die Jesaja aufzählt: Blinde sehen wieder (Vers 8). Was hier neu ist und mindestens genauso wichtig wie körperliche Heilstaten ist, ist die soziale Heilung: Gott hilft Witwen und Waisen auf, die im Alten Israel nämlich rechtlos waren. Er beschützt die Fremden, die keinen Schutz genossen. Auch wenn nicht eins zu eins dieselben Heilstaten dann im NT aufgegriffen werden, wird den schriftkundigen Juden, die mit den Psalmen ganz vertraut waren, dieser entscheidende Punkt aufgegangen sein: All diese Dinge gehen auf Gott zurück! Jesus ist nicht einfach nur ein Mensch, sondern er ist Gott!
Auch hier ist die Rede von Befreiung. Die befreiten Gefangenen sind wiederum vierfach zu verstehen: Historisch-wörtlich ist es zunächst auf die Israeliten zu beziehen, die aus der babylonischen Gefangenschaft befreit werden. Es ist aber auch allegorisch weiterzudenken. Dann ist es die Befreiung aus dem Exil Adams und Evas außerhalb des Paradieses, also die Befreiung von dem Fluch der Erbsünde dank Jesu Erlösungstat. Es meint auch die Befreiung aus dem Zustand der Sünde zurück in den Stand der Gnade durch das Beichtsakrament und es meint nach dem Tod das Eingehen in das himmlische Jerusalem und die Befreiung von den Leiden des irdischen Daseins. Am Ende der Zeiten sogar die Befreiung vom Tod, wenn Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird.
Wenn es dann heißt: „Der HERR ist König auf ewig“, dann ist das absolut tröstlich. Wir können uns freuen, dass Gottes Gerechtigkeit über alles siegen wird. Gott herrscht schon längst, aber seine Herrschaft wird noch offenbar werden.

Jak 5
7 Darum, Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Siehe, auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig auf sie, bis Frühregen oder Spätregen fällt. 
8 Ebenso geduldig sollt auch ihr sein; macht eure Herzen stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor. 
9 Klagt nicht übereinander, Brüder und Schwestern, damit ihr nicht gerichtet werdet! Seht, der Richter steht schon vor der Tür.
10 Brüder und Schwestern, im Leiden und in der Geduld nehmt euch die Propheten zum Vorbild, die im Namen des Herrn gesprochen haben!

Im Jakobusbrief wird diese Herrschaft Gottes als unmittelbar bevorstehend erwartet. Es ist ein anagogischer Duktus zu lesen und zugleich die moralische Konsequenz dieser absoluten Naherwartung der Wiederkunft Christi: Wir sollen unsere Herzen stark machen. Das ist analog zu Jesaja zu lesen, wo es heißt: Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie. Bei beiden geht es um eine vorbereitende Haltung für das Kommen des Messias. Während Jesaja aber auf das erste Kommen anspielt, bezieht sich die Vorbereitung in Jak auf das zweite Kommen.
Die vorbereitende Haltung kann in beiden Fällen wiederum vierfach betrachtet werden: Die Kirche als Testament und Sakrament Christi muss sich bereithalten für die Wiederkunft Christi, wie das Volk Israel sich auf die Menschwerdung Gottes bereithalten musste. Für die Kirche ergibt sich jedoch der Unterschied, dass Jesus bereits in den Sakramenten immer kommt. Gerade in der Eucharistie kommt er physisch zu uns, genauso wie er als Mensch unter uns gewandelt ist – nur jetzt in der Gestalt von Brot und Wein! Auf dieses sakramentale Kommen muss sich die Kirche immer wieder vorbereiten. Wenn Menschen Sakramente empfangen, müssen sie zuvor einen Katechumenat hinter sich bringen. Sie werden auf das Sakrament vorbereitet, eben weil Jesus zu ihnen kommt! Jeder einzelne Christ bereitet sich auf das Kommen Christi in seine Seele vor, wenn er ihn in der Kommunion empfängt. Deshalb muss man zuvor auch beichten und sich prüfen, ob man wirklich im Stand der Gnade ist. Dazu gehören auch das persönliche Gebet, die Bibellesung, alle anderen Sakramentalien, die einen auf diesem Weg stärken. Und anagogisch gesehen – das wird hier ja besonders betont – müssen wir den Tag immer so leben, als wäre es unser letzter. Wir müssen wachsam sein und immer bereit sein, die Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Wir wissen ja weder, wann das Ende der Welt kommt noch, wann unser Todeszeitpunkt gekommen ist. Das muss uns keine Angst machen, sondern zu einem bewussten Leben in ständiger Bemühung um die Beziehung zu Gott motivieren. Deshalb schreibt Jakobus, dass wir geduldig sein sollen und über unseren Mitmenschen nicht klagen sollen. Er gibt konkrete Anweisungen, wie wir miteinander leben sollen, damit wir als Braut des Lammes vorbereitet sind.
Er nennt zum Ende hin die Propheten, die diese vorbereitende, gleichsam eschatologische Haltung auf vorbildliche Weise gelebt haben. Dazu gehört auch die Enthaltsamkeit als Vorwegnahme unserer Ehelosigkeit im Himmel (Mt 22,30).

Mt 11
2 Johannes hörte im Gefängnis von den Taten des Christus. Da schickte er seine Jünger zu ihm 
3 und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? 
4 Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: 
5 Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet. 
6 Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.
7 Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt? 
8 Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Siehe, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige. 
9 Oder wozu seid ihr hinausgegangen? Um einen Propheten zu sehen? Ja, ich sage euch: sogar mehr als einen Propheten. 
10 Dieser ist es, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bahnen wird. 
11 Amen, ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.

Das Evangelium verdichtet all die Gedanken der bisherigen Lesungen und wendet sie auf den gekommenen Messias an. Wir lesen hier nun von dem größten aller Propheten, die diese vorbereitende Haltung mit seinem ganzen Sein gelebt hat: Johannes der Täufer.
Er hat in seiner gesamten Verkündigung kein Blatt vor den Mund genommen, so auch vor Herodes, den Jesus mit dem schwankenden Schilfrohr angedeutet hat. Weil Johannes sein ehebrecherisches Verhalten angeprangert hatte, ließ dieser den Täufer ins Gefängnis werfen.
Wir lesen im heutigen Abschnitt nun, wie Johannes vom Gefängnis aus von Jesus hört und deshalb seine Jünger ihn nach dessen messianischer Identität fragen lässt. Jesus antwortet aber nicht einfach mit „ja, ich bin es“, sondern mit einem Code – genau dem Code, den wir von Jesaja her kennen! Die Juden kannten die messianischen Heilstaten, die angekündigt wurden: Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Lahme gehen. Warum codiert Jesus seine Antwort, anstatt eine direkte Antwort zu geben? Jesus tut dies für die Menschen – für die Johannesjünger und diejenigen, die das Gespräch mitbekommen. Gottes Pädagogik ist immer so feinfühlig, dass er es uns begreifen lässt: Die Juden kannten die Schriften, sie wussten von dem Messias und konnten sich zudem von Jesu Worten und Taten selbst überzeugen (berichtet, was ihr hört und seht!). Sie sollten von selbst einen Aha-Effekt bekommen, indem sie eins und eins zusammenzählten. Hätte Jesus darüber hinaus „ja, ich bin es“ geantwortet, wäre er sofort zum Zellengenossen des Johannes geworden und hätte nicht noch drei Jahre wirken können. Das war aber nicht der Hauptgrund für Jesu Antwort. Jesu Aufzählung von messianischen Heilstaten beinhaltet über Jesaja hinaus noch weitere neue Taten wie die Totenerweckung. Dies kann nur Gott, wodurch er selbst sich als göttlich kennzeichnet. Jesus erweckt seinen Freund Lazarus zum Leben, wodurch seine Aufzählung wahrlich durch Taten erfüllt wird.
Im zweiten Teil des Evangeliums spricht Jesus über Johannes. Dabei stellt er unter anderem die rhetorische Frage: „Was habt ihr denn sehen wollen? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?“ Auch an dieser Stelle hat Jesus codiert gesprochen und doch haben es alle Umstehenden verstanden: Das Schilfrohr in der Wüste macht nämlich keinen Sinn, da es ja keinen See in der Trockenheit gibt. Es handelte sich vielmehr um das Symbol des Herodes, das er auch auf seinen Münzen hat prägen lassen. Und dass gerade Herodes unbeständig war, kein eigenes Rückgrat besaß und sein Fähnchen nach dem Wind richtete, erfahren wir ja in den Erzählungen über Johannes‘ Enthauptung: Herodes traut sich nicht einmal, ein Versprechen zurückzunehmen, durch das er den Täufer umbringen sollte. Eigentlich mochte er Johannes nämlich. Johannes dagegen war das Gegenteil eines wankenden Schilfrohrs. Er hat gesagt, was er sagen musste. Er traute sich, zu seinem Glauben zu stehen, obwohl er total political incorrect verkündete.
Dann sagt Jesus etwas, über das sich bis heute viele Exegeten den Kopf zerbrechen: Johannes ist der Größte der Geborenen, die jemals aufgetreten sind, doch ist der Kleinste im Himmel größer als er. Der erste Teil bezieht sich auf die Aussage Jesu, dass Johannes mehr als ein Prophet sei. Kein anderer Prophet der gesamten Heilsgeschichte hatte das Privileg, den von ihm Angekündigten persönlich zu erleben. Kein anderer Prophet durfte Gott taufen, kein anderer Prophet war mit ihm verwandt! Und kein Prophet durfte ihm schon begegnen, bevor er überhaupt geboren worden ist! Johannes gehört als Prophet noch zum alten Bund, wenn wir ihn in die Reihe aller anderen Propheten einordnen. Er ist zugleich der Anfang des neuen Bundes, weil er dem Messias unmittelbar vorausgeht. Er ist somit ein Scharnier zwischen den Bünden. Und doch hat er nicht das Privileg, erlöst zu werden durch das Kreuzesopfer Christi. Jesus besiegelt den neuen Bund Gottes mit der ganzen Menschheit erst nach dem Tod des Täufers. Gewiss ist Jesus für alle Menschen gestorben, auch für jene, die vor ihm gelebt haben. Aber diese sind noch nicht Teil der neuen Schöpfung, deren Anfang Jesus und Maria sind! In diese neue Schöpfung werden wir durch die Taufe hineingeboren, die Johannes nicht mehr erhalten hat. Er selbst hat mit Wasser getauft, aber die von ihm selbst angekündigte Taufe mit Feuer und Geist wird er nicht mehr miterleben. Insofern ist auch der Kleinste dieser neuen Schöpfung, des Himmelreiches, größer als er.

Wir dürfen uns heute besonders freuen über Gottes große Heilstaten. Zugleich werden wir heute dazu aufgefordert, dieselbe vorbereitende Haltung einzunehmen wie Jesaja, Jakobus und Johannes. Die Haltung ist weniger ein ängstliches Warten auf den Tod, vielmehr eine hoffnungsvolle und FREUDIGE Erwartung auf die wunderbare Hochzeit! Freuen wir uns heute ganz besonders wie eine Braut sich auf ihren Bräutigam freut. Gaudete, meine Lieben!

Ihre Magstrauss

Samstag der zweiten Adventswoche (A)

Sir 48,1-4.9-11; Ps 80,2-3.15-16.18-19; Mt 17,9.10-13

Sir 48
1 Da stand Elija auf, ein Prophet wie Feuer, sein Wort brannte wie eine Fackel.
2 Er ließ über sie eine Hungersnot hereinbrechen und verringerte sie mit seinem Eifer; 
3 durch das Wort des Herrn verschloss er den Himmel, ebenso ließ er dreimal Feuer herabfallen.
4 Wie wurdest du verherrlicht, Elija, durch deine Wunder! Wer wird sich gleich dir rühmen können?
9 der mit einem Wirbelsturm aus Feuer hinweggenommen wurde in einem Wagen mit feurigen Pferden; 
10 der aufgeschrieben ist für Zurechtweisungen für künftige Zeiten, um den Zorn vor dem Ausbruch zu besänftigen, um das Herz des Vaters dem Sohn zuzuwenden und um die Stämme Jakobs aufzurichten. 
11 Selig, die dich gesehen haben und die in Liebe entschlafen sind; denn auch wir werden gewiss leben
.

Heute hören wir einmal nicht aus dem Buch Jesaja, sondern aus einer weisheitlichen Schrift, dem Buch Jesus Sirach. Sie reflektiert die heilsgeschichtliche Bedeutung Elijas. Knüpfen wir dies an die gestrigen Lesungen an, denken wir sofort an Johannes den Täufer, der als wiedergekommener Elija bezeichnet worden ist. Auch in den heutigen Lesungen geht es weiterhin um diese Verknüpfung, aber warum? Johannes ist der unmittelbare Vorläufer Jesu und bereitet uns auf das Kommen des Messias vor.
In dieser Lesung erfahren wir Eigenschaften des Elija, die auch für Johannes gelten: Sein Wort brannte wie Feuer, weil er für Gott brannte. Feuer hat die Eigenschaft, alles zu verbrennen, das ihm nicht standhält. Nur echtes Gold bleibt bestehen. Wo wir uns an seiner Verkündigung stören, ist noch etwas an uns, das in diesem Feuer geläutert werden muss. Das betraf auch seine Zeitgenossen. Und so war es auch mit Johannes. Seine Verkündigung war ohne Beschönigung und er nannte die Sünde beim Namen. Die Sadduzäer und Pharisäer störten sich an seinen Worten, weil er den Nagel auf den Kopf traf. Besonders störte es auch Herodes, dessen ehebrecherisches Verhalten Johannes ihm wie einen Spiegel vorhielt. Er wollte es sich nicht eingestehen und ließ Johannes ins Gefängnis werfen. Herodias nahm es ihm sogar so übel, dass sie durch eine geschickte Intrige Johannes einen Kopf kürzer machen ließ. Was Johannes tat, ist nicht von Jesus abzugrenzen, was die heutige Forschung gerne vornimmt. Jesus sprach im selben Geist wie sein Vorgänger und nahm auch kein Blatt vor den Mund. Er provozierte mit seiner Verkündigung seine Zeitgenossen auch, bis auch er schließlich hingerichtet worden ist. Es handelte sich um dasselbe Feuer, das der Hl. Geist ist! Die kirchliche Verkündigung soll in der Nachfolge Christi stehen und brennen. Leider geschieht das nicht immer. Wie sollen die Menschen von allem gereinigt werden, was sie vom Reich Gottes abhält, wenn das Feuer nicht mehr lodert? Das Reinigungsmittel schlechthin sind das Wort Gottes und die Heilsmittel der Kirche. Wo das Wort Gottes aber nicht mehr verkündigt wird und v.a. die Beichte nicht mehr zum kirchlichen Leben gehört, gerät dieser heilsame Prozess immer mehr ins Stocken. Beten wir um den Hl. Geist, der die Kirche wieder neu entzünden kann! Gottes Feuer verbrennt Tag für Tag auch in unserer Seele, was dort nicht hineingehört. Er schenkt uns Mitmenschen, deren Worte wie bei Johannes oder Elija brennen. Es tut manchmal richtig weh, sie zu hören, aber wir müssen es zu hören bekommen. Auf diese Weise wird unser Hochmut immer mehr abgebaut und wir werden immer heiliger. Manchmal sind auch wir so ein Johannes oder Elija und werden zu Werkzeugen der Heiligung unserer Mitmenschen. So wie die beiden Heilsgestalten müssen auch wir davon ausgehen, dass Konflikte vorprogrammiert sind und wir unter Umständen einen Kopf kürzer gemacht werden könnten. Sind wir bereit, unseren Kopf um des Himmelreiches willen hinzuhalten?
Elija hat viele Wunder vollbracht, um Gottes Herrlichkeit den Menschen zu vermitteln. Die Vollmacht, die er von Gott erhalten hat, vollbrachte die Hungersnöte, Dürren und Feuer. Dies alles ließ Gott nicht zu, weil er sadistisch ist, sondern weil er die Menschen von sich überzeugen wollte.
Elija erhielt noch ein weiteres, seltenes Privileg. Er starb nicht, sondern wurde entrückt. Wir lesen in 2 Kön 2 von der Entrückungsepisode und erinnern uns an eine weitere Person, die so aus dem Leben schied: Henoch in Gen 4 und 5. Anhand dieser Einzelfälle wurde die Menschheit schon darauf vorbereitet, dass es eine leibliche Auferstehung aller Menschen geben wird.
Jesus Sirach erklärt mithilfe dieser Andeutungen, wofür es aufgeschrieben worden ist: als Zurechtweisung und um den Zorn Gottes zu besänftigen. Wir sollen aus der Lebensgeschichte des Elija lernen, so auch zuvor das Volk Israel. Es sollte zudem aufgerichtet werden. Elijas Geschichte ist eine Hoffnungsgeschichte!
Weil Elija nicht gestorben, sondern entrückt worden ist, glaubten die Juden auch, dass er wiederkommen würde. Deshalb konnte Jesus auch den Elija-Code auf Johannes den Täufer anwenden, um zu erklären, dass dieser mit derselben Kraft und Vollmacht aufgetreten ist.

Ps 80
2 Du Hirte Israels, höre! Der du auf den Kerubim thronst, erscheine!
3 Wecke deine gewaltige Kraft und komm zu unserer Rettung!
15 Gott der Heerscharen, kehre doch zurück,/ blicke vom Himmel herab und sieh, sorge für diesen Weinstock! 
16 Beschütze, was deine Rechte gepflanzt hat, und den Sohn, den du dir stark gemacht!
18 Deine Hand sei über dem Mann zu deiner Rechten, über dem Menschensohn, den du dir stark gemacht. 
19 Wir werden nicht von dir weichen. Belebe uns und wir rufen deinen Namen an.

Psalm 80 ist durch und durch von der Messiassehnsucht durchtränkt. Es ist ein einziger Ruf nach Gottes Kommen. Man sieht es sprachlich anhand der vielen Imperative wie „höre“, „erscheine“, „wecke“, „kehre doch zurück“, „blicke herab“, „sieh“, „sorge“ etc. Die Menschen schreien zu Gott und dieser erhört sie. Er wird seinen Sohn schicken. Er hört, er blickt herab und sieht. Er erscheint als kleines Kind in einem Stall, er sorgt wie ein Hirte für seine Herde und sagt über sich „ich bin der gute Hirte“ und „ich bin der Weinstock“. Wir beten diesen Psalm aus der Perspektive der Gebetserhörung und zugleich mit Blick auf sein zweites Kommen. So beten auch wir „kehre doch zurück“ und „komm zu unserer Rettung“.
Es ist bemerkenswert, wie hier bestimmte Metaphern verwendet werden, die später Jesus aufgreift. Dies zeigt erneut die pädagogische Sensibilität Gottes, denn Jesus greift das auf, was Tradition ist, was bekannt ist. Es verschafft den frommen Juden einen Aha-Effekt nach dem anderen. Wir erkennen diese überwältigenden Querverweise nicht so intensiv wie diejenigen, die ganz mit den Psalmen und dem AT lebten, die die Schriften durch und durch auswendig kannten, die ihnen dachten. Der Weinstock ist ein absolut traditionelles Bild. Ebenso verhält es sich mit dem Bild des Hirten für Gott. Wenn Jesus von sich aus sagt, dass er der gute Hirte sei, deutet er für die Juden verständlich an, dass er Gott ist! Wir lesen Vers 18 mit besonderer Aufmerksamkeit: Dies ist ja zunächst auf keine bestimmte Person zu beziehen, sondern die Hand auf dem Mann zur Rechten bezieht sich auf den Schutz und Beistand Gottes für all jene, die der Weisung folgen. Diese sind „zur Rechten“ Gottes. So ist jeder Mensch dann als Menschensohn zu bezeichnen. Dies ist der Literalsinn, den auch die Zeitgenossen so zunächst verstanden haben. Wir lesen so eine Aussage, aber vor allem christologisch: Die Hand Gottes liegt auf dem, von dem wir glauben, dass er nun zur Rechten Gottes sitzt, Jesus Christus! Er ist der Menschensohn, wie er sich selbst zu Lebzeiten immer bezeichnet hat. Er ist der Sohn des Menschen – der Nachkomme Adams. Wenn Jesus sich so nannte, dann aus der Perspektive seines vollen Menschseins. Auch wir sind Nachkommen Adams und erbitten den Beistand Gottes, seine Hand auf uns, die wir uns darum bemühen, an seiner Rechten zu sein, also seine Gebote zu halten. Am Ende der Zeiten erhoffen wir uns, zur Rechten Gottes auf ewig bestehen zu dürfen – nicht so wie Christus, aber doch in deren Gemeinschaft.
Auch wir versprechen dem Herrn, nicht von ihm zu weichen. Dies ist nicht nur ein Versprechen, das die Israeliten JHWH gemacht haben. Gewiss brechen wir dieses Versprechen mit jeder Sünde, aber doch bemühen wir uns. Gott ist so barmherzig mit uns, dass er uns die Schuld vergibt, wenn wir ihn aufrichtig um Vergebung bitten.
Bemerkenswert ist auch der letzte Satz: Wir bitten um Belebung. Dies lesen wir sehr ekklesiologisch: Wir bitten als Christen um den Hl. Geist, der uns belebt, sodass wir seinen Namen anrufen können. Dies wird in der Apg wieder aufgegriffen, als die Aufforderung an Paulus ergeht: „Was wartest du? Lass dich taufen und deine Sünden abwaschen und rufe seinen Namen an!“ (Apg 22,16). Die Belebung verstehen wir sakramental als die Wiedergeburt im Hl. Geist, die Taufe! Zugleich lässt es uns an die Firmung denken, das ein persönliches Pfingsten in der Seele des Menschen ist. Diese beiden Sakramente waren ursprünglich eines. So verwundert das nicht. Wir bitten auch um Belebung der Kirche. Wir beten um Erneuerung durch den Geist Gottes, der das Feuer neu aufflammen lässt. Diese Erneuerung wird den angemessenen Lobpreis Gottes mit sich bringen. Dieser Satz ist auch auf die persönliche Umkehr jedes Menschen zu beziehen: Durch die (sakramentale) Umkehr erlangt der Mensch den Stand der Gnade, was eine Belebung der Seele ist. Der Zustand der Todsünde wird nicht umsonst in der Bibel Tod der Seele bezeichnet. Und am Ende der Zeiten werden wir belebt zum ewigen Leben, eines Tages sogar mit Leib und Seele! Dann werden wir auf ewig den Namen Gottes anrufen, in dessen Gegenwart wir leben werden.

Mt 17
9 Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemandem von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferweckt ist!
10 Da fragten ihn die Jünger: Warum sagen denn die Schriftgelehrten, zuerst müsse Elija kommen? 
11 Er gab zur Antwort: Ja, Elija kommt und er wird alles wiederherstellen. 
12 Ich sage euch aber: Elija ist schon gekommen, doch sie haben ihn nicht erkannt, sondern mit ihm gemacht, was sie wollten. Ebenso wird auch der Menschensohn durch sie leiden müssen. 
13 Da verstanden die Jünger, dass er zu ihnen von Johannes dem Täufer sprach.

Auch das Evangelium greift die Elija-Johannes-Typologie auf. Der heutige Abschnitt ist einzuordnen im Anschluss an die Verklärung auf dem Berg Tabor. Dort haben die Apostel Petrus, Jakobus und Johannes schon den verherrlichten Menschensohn gesehen, wie wir ihn erst am Ende der Zeiten schauen werden. Mit ihm sahen die drei auch Mose und Elija, ausgerechnet die beiden Menschen, von denen wir eine Entrückung annehmen (bei Mose ist es nochmal besonders, weil nicht klar ist, ob er zuerst tot war und dann lebendig wurde). Das war für die drei frommen Juden von besonderer Aussagekraft, denn Elija sollte ja nach jüdischer Vorstellung wiederkommen.
Auch wenn es den dreien bekannt war, wussten sie nicht um das Warum. Jesus erklärte ihnen, was es mit der Wiederkunft des Elija auf sich hat: Dieser soll alles wiederherstellen. Damit ist gemeint, dass er alles wieder in den richtigen Zustand versetzen soll. Schauen wir auf Johannes als wiedergekommenen Elija, verstehen wir, um welchen Zustand es sich handelt. Die Menschen sollen umkehren und ihren Seelenzustand auf das Kommen Gottes ordnen. In diesem Sinne trat Johannes als Bußprediger auf und predigte das unmittelbar bevorstehende Kommen des Messias.
Jesus erklärte den Jüngern, das Elija wiedergekommen ist. Dabei wird deutlich, dass er nicht von der Verklärungsszene sprach, sondern von Johannes dem Täufer. Dieser ist nicht gehört, sondern mundtot gemacht worden.
Es ist bemerkenswert, dass Jesus den Lebensweg des Johannes zum Anlass nimmt, sich selbst anzuschließen. So wird auch der Menschensohn leiden – das bezieht sich zunächst auf ihn selbst. Das ist ein Gegenbeweis für all jene, die zwischen Jesus und Johannes eine Rivalität erkennen wollen. Dies betrifft im weiteren Sinne all jene, die Menschensohn sind, also die Nachkommen des Adam – jeden Menschen, der im Namen Gottes spricht. Dies betrifft auch die Nachkommen des NEUEN Adam, Jesus Christus. Das ist die Kirche, die im Namen Jesu das Reich Gottes verkündigt. Wir sehen es besonders akut in unserer heutigen Zeit. Noch nie gab es so schlimme Christenverfolgung wie heutzutage. Es wird noch schlimmer kommen und der Satan wird noch sehr heftig wüten. Doch dann wird Gott am Ende siegen. Die Verfolgten werden ein ewiges Siegeslied singen und in ewiger Seligkeit bei Gott sein.

Was wir in den heutigen Lesungen hören, betrifft auch uns in der momentanen Adventszeit: Wir werden vor die Entscheidung gestellt, ob wir zur Rechten Gottes sein wollen und dafür unseren Kopf hinhalten wollen oder nicht. Wir können nicht beten: „Belebe uns!“, wenn wir nicht zugleich das absolute Risiko für ihn eingehen wollen. Vor allem aber kann er uns erst dann beleben, wenn wir uns bereit machen. Zuvor muss es auch mal wehtun, wenn Gott unser Ego Stück für Stück abbaut. Die Früchte werden dies aber alles wettmachen. Die kurzzeitigen Schmerzen sind nichts im Gegensatz zur ewigen Freude des Himmels.

Ihre Magstrauss

Freitag der zweiten Adventswoche (A)

Jes 48,17-19; Ps 1,1-4.6; Mt 11,16-19

Jes 48
17 So spricht der HERR, dein Erlöser, der Heilige Israels: Ich bin der HERR, dein Gott, der dich lehrt, was Nutzen bringt, und der dich auf den Weg führt, den du gehen sollst. 
18 Hättest du doch auf meine Gebote geachtet! Dein Heil wäre wie ein Strom und deine Gerechtigkeit wie die Wogen des Meeres.
19 Deine Nachkommen wären wie der Sand und die Sprösslinge deines Leibes wie seine Körner. Ihr Name wäre in meinen Augen nicht getilgt und gelöscht.

Die heutige Jesajalesung ist ein wenig drastischer als die Texte zuvor. Sie ist in den Kontext eines längeren Tadels Gottes eingebettet. Gott erklärt durch Jesaja den Israeliten, dass ihre eigene Halsstarrigkeit sie ins Exil gebracht habe und er sie ja im Vorfeld vorgewarnt habe.
Gott kritisiert das Volk nicht, um es niederzumachen. Er erklärt ihnen im Nachhinein, welchen Fehler es begangen hat, um es in Zukunft zu vermeiden. Er lässt aber auch jetzt das Volk nicht allein, sondern nennt sich selbst „dein Erlöser“ ( גֹּאַלְךָ֖  go’alcha, dasselbe Wort wie gestern). Gott erlöst sein Volk in erster Linie von der babylonischen Gefangenschaft und erklärt zugleich, dass es die Folge ihrer Sünde sei (Vers 18). Damit verweist er auf Christi Erlösung: Er hat die ganze Menschheit von der Sünde erlöst. Freilich nehmen nicht alle diese Erlösung an und die Neigung zur Sünde ist immer noch da. Aber wir haben die Chance, durch seine Gnade dennoch das Himmelreich zu erlangen. Der Fluch der Erbsünde ist von uns genommen. In Christi Nachfolge tut die Kirche das immer noch, wenn sie Menschen tauft und zu Erben des Reiches Gottes einsetzt. Die Kirche vergibt in der Vollmacht Christi die Sünden in der Beichte und spendet in der Vollmacht Christi die Heilsmittel auf dem Weg zur Heiligkeit.
Gott erklärt hier durch Jesaja, dass er den richtigen Weg erklärt hat. Er hat die Gebote vorgegeben und das Heil in Aussicht gestellt. In erster Linie leidet der Mensch deshalb, weil er die Konsequenzen für seine Sünden tragen muss – oder die der anderen! Das verpasste Heil wird wie in der gestrigen Jesajaperikope mit Wassermetaphern umschrieben. Das ist kein Zufall. Moralisch nennen wir den heilsamen Zustand, den wir durch das Halten der Gebote durchleben, Stand der Gnade. In diesem Stand kann Gottes Geist in/durch uns wirken. Und eine ganz prominente Metapher für den Hl. Geist stellt das lebendige Wasser dar! Hätten die Israeliten auf die Gebote Gottes gehört (in den Versen vor diesem Abschnitt wird z.B. Götzendienst genannt), hätte das Volk Segen gehabt. Es wäre nicht in die babylonische Gefangenschaft gekommen. Dies betrifft uns als Kirche heute auch noch. Wo wir uns von Gottes Geboten verabschieden, haben wir keinen Segen. Wenn wir nicht mehr verkündigen, keine Katechese mehr anbieten, die Predigten eher an Parteireden erinnern und die Geistlichen die zehn Gebote für nicht mehr gültig erachten, dann laufen ihnen die Gläubigen weg. Dann schrumpft die Kirche und wird angreifbar für ideologische, atheistische oder andersgläubige Angriffe. Wenn Kirche die Zügel selbst in die Hand nehmen will, bleibt kein Raum mehr für den Hl. Geist, der ihr „Wogen des Meeres“ und „Ströme“ des Heils hätte geben können.
Für die Israeliten war es entscheidend, den eigenen Namen durch Nachkommenschaft weiter zu geben. Fruchtbarkeit und viele Nachkommen waren deshalb Ausdruck des Segens Gottes. Diese hat sich das Volk durch die eigenen Sünden selbst verwehrt, so erklärt Gott. Dies betrifft auch die Kirche. Sie ist die Mutter der Gläubigen, die durch die Taufe neues Leben ins Dasein ruft. Wo in ihr aber Menschen gegen Gottes Willen leben, wird sie unfruchtbar, weil sie nicht mehr missionarisch wirkt. Es kommen immer weniger Menschen, um sich taufen zu lassen. Diese sind die Nachkommenschaft der Kirche, die ausbleibt. Und auch wir sollen Frucht bringen. Nicht nur biologisch, sondern auch in den Menschen. Wir sollen dies in Christi Nachfolge, der sagte, dass wir nur in Verbindung mit ihm, dem wahren Weinstock, Frucht bringen können (Joh 15). Es geht über das Biologische hinaus, weil Jesus hier von der neuen Schöpfung redet. Er ist die erste Frucht dieser neuen Schöpfung. Fruchtbarkeit im geistigen Sinne ist auch für uns heute ein Zeichen des Segens Gottes. Am Ende unseres Lebens werden wir das ganze Ausmaß sehen. Wenn wir uns in unserem Leben von der Quelle entfernt haben, werden wir jetzt voller Schmerz und Reue sehen, was wir verpasst haben und wo wir jetzt sein könnten. Stattdessen werden wir von der Quelle abgeschnitten sein. Kehren wir noch heute um, damit es erst gar nicht so weit kommt.

Ps 1
1 Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, 
2 sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt. 
3 Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen. 
4 Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht. 
6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.

Der Psalm führt diesen Gedanken des Segens Gottes weiter. Wer nach Gottes Geboten lebt, ist ganz an der Quelle und gedeiht. Er bringt Frucht! Es bezieht sich hier im Text auf die Torah und ist als Paränese für die Juden gedacht. Doch darüber hinaus werden auch wir damit angesprochen. Wir haben Segen in unserem Leben, wenn wir die Gebote halten. Denn dann sind wir mit dem Weinstock verbunden, der Jesus ist. Wir sind dann im Stand der Gnade und können darin Frucht bringen. Das bezieht sich auch auf unser Gebet. Wo wir im Stand der Gnade um etwas bitten, wird es uns gegeben (, wenn es Gottes Wille entspricht). Jesus sagt in Joh 15: „Getrennt von mir könnt ihr nichts tun“. Auch die Kirche muss mit dem Weinstock verbunden sein, wenn sie Frucht bringen will. Würde jemand ein Sakrament nicht gemäß Jesu Stiftungswillen spenden, wäre es ungültig. Wenn wir auch als Kirche nach Gottes Willen suchen, wird sie Bestand haben. Christi Kirche werden die Mächte der Finsternis dann nicht überwältigen.
Ganz nach dem zwei-Wege-Schema werden dann die Frevler beschrieben, die nicht nach den Geboten Gottes leben. Sie werden als „Spreu“ bezeichnet, „die der Wind verweht“. Das erinnert sehr stark an die Zerstreuung des Volkes Israel. Durch die babylonische Gefangenschaft wurden die Israeliten wie Spreu vom Wind verweht. Gott ist barmherzig und hat sie wieder gesammelt. So ist es auch mit der Kirche. Ihre Schafe zerstreuen sich in alle Richtungen, wenn sie keinen guten Hirten haben. Dieser ist Jesus, auf den sie hören sollen. Er hat Stellvertreter eingesetzt, doch diese werden ihrem Amt oft nicht gerecht. Wir Menschen kommen vom rechten Weg ab, wenn wir Gottes Gebote nicht halten. Dieser Weg hätte uns aber zum Himmelreich geführt. Gott ist so groß, dass er uns auch auf Abwegen immer wieder zurück auf den richtigen Weg navigiert, aber irgendwann ist es zu spät. Dann werden wir am Ende unseres Lebens an einem anderen Ziel ankommen, als uns lieb ist. Hören wir auf das Navigationssystem Gottes und wenden wir!

Mt 11
16 Mit wem soll ich diese Generation vergleichen? Sie gleicht Kindern, die auf den Marktplätzen sitzen und anderen zurufen: 
17 Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen. 
18 Denn Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er hat einen Dämon. 
19 Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen.

Auch im Evangelium geht es heute drastisch zu. Jesus wirft „dieser Generation“ vor, dass man es ihm nicht recht machen könne. Das Verhalten dieser Generation ist kindisch, deshalb wird auch der Vergleich mit Kindern auf dem Marktplatz verwendet. Gott liebt und wirbt immer noch um sein Volk, versucht verschiedene Methoden, es zu erweichen, doch es funktioniert nicht. Er schickt ihnen Johannes und versucht es, seine Braut mithilfe von Bußpredigt und Askese zur Umkehr zu bewegen. Stattdessen wirft man Johannes Besessenheit vor. Dann kommt Gott selbst und wird Mensch. Er kommt als Bräutigam, der Hochzeit feiert, damit die Braut endlich versteht, dass sie seine Braut ist! Doch Christus wird als Fresser und Säufer beschimpft. Die Braut hat die Zeit der Gnade nicht erkannt.
Es heißt zum Schluss, dass die Weisheit Recht bekommen habe. Gemeint ist, dass Gottes Vorsehung hinter beiden steht, Johannes und Jesus. Sie legitimiert beide Verhaltensweisen, unabhängig davon, ob die Menschen es annehmen oder nicht. Dies deutet schon an, dass diese göttliche Weisheit sich durchsetzen und sich offenbaren wird. Dies wird schon mit der Auferstehung Jesu der Fall sein, dies wird umso mehr offenbar am Ende der Zeiten, wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit wiederkommen wird. Dann werden es alle sehen und sich an die Brust schlagen. Auch wenn Jesus sehr drastische Bilder verwendet, ist es für uns eine Trostbotschaft: Auch wenn in unserer heutigen Zeit so viel Unrecht, Gottlosigkeit und Grausamkeit die Oberhand ergreift, wird sich am Ende die göttliche Weisheit sich durchsetzen. Alles ist eingebettet in den Heilsplan Gottes für die ganze Menschheit. Und auch so in der Kirche: Auch wenn wir jetzt so viele schwarze Schafe sehen, auch gerade unter den Geistlichen, auch wenn wir so viel liturgischen Missbrauch, Ignoranz gegenüber der Gebote Gottes, so wenig Liebe und Barmherzigkeit sehen, dürfen wir uns sicher sein: Gott ist größer als das alles und er wird die Kirche erneuern. Die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen.

Was hat das alles mit Advent zu tun und warum müssen auch wir uns angesprochen fühlen? Wie sind in der Zeit vor dem Kommen des Herrn. Jetzt ist fünf vor zwölf. Jetzt wirbt Gott besonders stark um uns, seine Braut. Legen wir in dieser Zeit unsere Starallüren ab, lassen wir das Divagehabe und hören wir auf, uns über alles zu beklagen, was Gott schenkt oder zulässt. Nehmen wir alles als seinen Willen an oder als Umweg hin zu ihm, der das Ziel ist. Schauen wir auf uns selbst und fragen wir uns stattdessen, ob wir nicht einen Anteil an unserem eigenen Leiden haben. Auch da kann man nicht mathematisch vorgehen und längst nicht jedes Leid ist selbstverschuldet! Natürlich nicht. Aber wenn wir jetzt in diesem Advent vermehrt in eine Gewissenserforschung gehen, werden uns gewiss viele Dinge einfallen, die wir von uns aus ändern können. Dann werden wir uns wieder näher an die Quelle verpflanzen. Dann werden wir wieder Frucht bringen. Schauen wir auf Maria, die so sehr an der Quelle verpflanzt war, dass Gott in ihr sogar biologisch Frucht gebracht hat, nicht nur geistig. Lernen wir von ihr und werden wir ganz offen für seine Gnade. Dann wird Jesus auch in uns Frucht werden, in unserer Seele. Dann werden wir zu einem inneren Ort der Weihnacht.

Ihre Magstrauss