Samstag der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 4,12-16; Ps 19,8.9.10.11 u. 15; Mk 2,13-17

Hebr 4
12 Denn lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenken und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens;

13 vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden.
14 Da wir nun einen erhabenen Hohepriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten.
15 Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unseren Schwächen, sondern einen, der in allem wie wir versucht worden ist, aber nicht gesündigt hat.
16 Lasst uns also voll Zuversicht hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit!

In der Lesung hören wir aus dem Hebräerbrief zunächst einmal von der Wirksamkeit des Wortes Gottes, das wie ein zweischneidiges Schwert die Geister scheidet, alles aufdeckt und zur Entscheidung drängt: für oder gegen Gott. Das Wort deckt die innersten Regungen des Herzens auf, die geheimsten Gedanken, lässt erkennen, was in uns noch nicht gut ist. Das kann eine geschriebene Botschaft tun, aber vor allem geht es hier um das fleischgewordene Wort Gottes. Wenn wir uns darunter Jesus Christus vorstellen, begreifen wir diese Worte in ihrer Tiefe: An seiner ganzen Person, nicht nur an seiner Verkündigung, scheiden sich die Geister. Die einen entscheiden sich für ihn, die anderen lehnen ihn ab. An ihm werden die bösen Gedanken derer offenbar, die nach außen hin so fromm tun – die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Sadduzäer, kurzum: die gesamte religiöse Elite seiner Zeit. Und all diese Dinge sind uns nicht neu, wenn wir den Worten Simeons im Tempel aufmerksam gelauscht haben: Maria ist bei der Aufopferung des Sohnes im Tempel bereits angekündigt worden, dass dieses Kind all dies bewirken wird. In visionärer Schau wird all dies bestätigt durch die Johannesoffenbarung: Der Menschensohn wird beschrieben mit einem zweischneidigen Schwert, das aus seinem Mund kommt. Und wenn die Endschlacht beschrieben wird, wird Christus als Feldheer der himmlischen Armee ebenfalls als Wort Gottes bezeichnet. Das ist seine Waffe – das Wort Gottes, das schärfer ist als jede irdische Waffe, wirksamer und gründlicher in der Ausmerzung des Bösen. Mit dieser Waffe erfolgt nicht nur die Bekämpfung des Bösen in der Versuchung, weshalb wir den Namen des Herrn anrufen sollen und beten sollen insbesondere in Versuchungssituationen. Dieses fleischgewordene Wort Gottes richtet auch: Christus wird wiederkommen als verherrlichter Menschensohn am Ende der Zeiten, um das Weltgericht einzuberufen. Es wird wahrlich jedes Geschöpf nackt und bloß vor seinen Augen stehen, denn keiner kann dem Gericht entrinnen. Alles wird aufgedeckt werden und es wird so einige Überraschungen geben. Leben wir so, dass wir uns vor diesem Moment nicht zu fürchten brauchen! Wenn wir vor Gott nichts zu verbergen haben, können wir gelassen darauf zugehen.
Sodann geht es um die hohepriesterliche Identität Christi, der Ausschnitt, den wir auch an Karfreitag hören. Das Besondere an unserem einen wahren Hohepriester ist, dass er nicht ein fremdes Opfer darbringt, irgendein Tier, sondern sich selbst opfert. Darüber hinaus ist dieser Hohepriester schuldlos im Gegensatz zu den Hohepriestern des israelitischen Opferkults. Sie mussten die Opfer auch für sich selbst darbringen, dieser aber nicht. Zugleich ist dieser sündlose Hohepriester nicht distanziert und weltfremd, sondern wirklich mitfühlend. Christus hat in seiner Selbstentäußerung die Erfahrung menschlicher Zerbrechlichkeit gemacht. Er war uns in allem gleich außer der Sünde. So weiß er ganz genau, was wir durchmachen. Er fühlt mit bei jedem Leiden, das der Mensch erfährt. Das macht ihn wahrlich zum Mittler zwischen Gott und uns Menschen. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Voller Zuversicht können wir uns ihm ganz anvertrauen und zum „Thron der Gnade“ treten. Er steht für uns ein beim Vater. Wenn wir die Hl. Messe feiern, ist das kein Widerspruch zum einen wahren Hohepriester. Dieser ist es, dessen Opfer in jeder Hl. Messe vergegenwärtigt wird – in die jeweilige Gegenwart geholt wird. Das heißt nicht, dass die Priester selbst etwas tun aus ihrer eigenen Kraft. Christus tut dies durch sie hindurch bzw. sie bewirken es in persona Christi. Er ist der eine wahre Hohepriester, während die Geistlichen seine Instrumente sind, gleichsam seine Hände und sein Mund, der die Wandlungsworte spricht wie im Abendmahlssaal in der Nacht vor seinem Tod.

Ps 19
8 Die Weisung des HERRN ist vollkommen, sie erquickt den Menschen. Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich, den Unwissenden macht es weise.
9 Die Befehle des HERRN sind gerade, sie erfüllen das Herz mit Freude. Das Gebot des HERRN ist rein, es erleuchtet die Augen.
10 Die Furcht des HERRN ist lauter, sie besteht für immer. Die Urteile des HERRN sind wahrhaftig, gerecht sind sie alle.
11 Sie sind kostbarer als Gold, als Feingold in Menge. Sie sind süßer als Honig, als Honig aus Waben.
15 Die Worte meines Munds mögen dir gefallen; was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, HERR, mein Fels und mein Erlöser.

Wir beten heute einen Lobpsalm auf die Schöpfung Gottes und auf seine Weisung – wenn wir an die Lesung zurückdenken, begreifen wir diese Weisung bereits als menschgewordene Weisung, Jesus Christus! In Vers 8 wird die Vollkommenheit der Weisung gepriesen, das heißt der Torah. Sie „erquickt den Menschen“. Gott gibt keine Gebote auf, die den Menschen einschränken, belasten und unglücklich machen sollen. Es geht immer darum, dass er nur das Beste für den Menschen bereithält und genau weiß, was er braucht. Die Torah macht vielmehr frei und bringt dem Menschen Heil. Betrachten wir diese Worte von der menschgewordenen Torah aus, erinnern wir uns an die Worte Christi: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken (Mt 11,28).
„Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich“ bezieht sich ebenfalls auf die Torah, denn das hebräische Wort עֵד֥וּת edut, das hier mit „Zeugnis“ übersetzt wird, kann auch mit „Gebot“ übersetzt werden. Es macht den Unwissenden weise, denn es ist die Schule Gottes.
Gottes Befehle sind „gerade“ und „erfüllen das Herz mit Freude“. Gott erwartet nichts Unmögliches, bei dem man ganz überfordert ist und bei dem man keinen Überblick hat. Die Geradlinigkeit steht für die Nachvollziehbarkeit und Machbarkeit. Die Gebote erfüllen mit Freude, weil Gott den Menschen glücklich machen möchte.
Gottes Weisung ist rein und erleuchtet die Augen. Sie ist ganz frei von bösen Absichten und Hinterhältigkeit. Sie ist so, dass sie den Weg vor dem Menschen erkennbar macht und er erkennt, wie er sich verhalten soll. Auch in Vers 10 wird mit ähnlichen Ausdrücken wiederholt, dass Gottes Weisung wahr und gerecht ist. Dort ist aber auch die Rede von der Gottesfurcht, die lauter ist. Dieses uns kaum noch geläufige Wort ist ein Synonym für „rein“ und soll verdeutlichen, dass die Gottesfurcht bei der Befolgung der Torah essenziell ist. Es geht bei der Gottesfurcht um ein Wort der Beziehung, das die rechte Absicht der Befolgung der Gebote ausdrückt: Sie sollen nicht aus Pflichtgefühl gehalten werden, sondern aus der Befürchtung, Gott sonst zu verletzen. Man möchte keinen Streit, sondern eine gute Beziehung zu dem, mit dem man in einem Bund vereint ist.
Gottes Torah ist wertvoller als Gold, weil sie uns zum ewigen Leben verhilft. Sie ist köstlicher als Honig, was als der Süßstoff schlechthin galt. Sie schmeckt süß, weil sie den Menschen erquickt (siehe oben). Und das ewige Leben gibt Christus. Er sagt dies immer wieder, so z.B. zu Marta von Betanien (Joh 11,25-26).
„Die Worte meines Munds mögen dir gefallen“ bezieht sich auf den Lobpreis, den König David hier für Gottes Torah und seine Schöpfung formuliert. Er hofft, dass sein Preislied Gott gefalle.
Dass es aber nicht nur um schöne Worte geht, sondern auch um die Erwägung seines Herzens, wird durch den zweiten Teilsatz deutlich: „was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen“. Er bringt singend also zum Ausdruck, was sein Herz erwägt. So soll auch unser Lobpreis sein, damit Gott uns nicht vorwerfen kann: „Sie preisen mit mit ihren Lippen, doch ihr Herz ist weit weg von mir“ (Jes 29,13).
David nennt Gott zum Schluss seinen Felsen und seinen Erlöser. Beides sind Bilder, die Jesus aufgreifen wird bzw. die auf ihn angewandt werden.
Die Weisung Gottes ist dafür da, den Menschen glücklich zu machen und der Kern aller Gebote und Gesetze ist die Liebe. Das geht schon aus dem AT selbst hervor. Wenn Jesus dies noch einmal betonen wird, ist es im Grunde nichts Neues, sondern eine Erinnerung daran, wie es ursprünglich gedacht war. Die Juden werden sich mit der Zeit so sehr an die vielen Bäume gewöhnen, dass sie den Wald nicht mehr erkennen. Wenn wir Levitikus hören, sehen wir konkret, was König David mit „Erquickung der Seele“, „Erfüllung des Herzens mit Freude“ oder „kostbarer als Gold“ meint. Alles, was Gott den Israeliten vorschreibt, kommt ihnen zugute. Es fördert ein gutes Zusammenleben. Gott erwartet nichts Unrealistisches, wenn er z.B. vorschreibt, dem Tagelöhner den Tageslohn noch am selben Tag zu übergeben oder die Witwe nicht auszunehmen.
Danken auch wir dem Herrn für seine Gebote, denn sie machen auch uns heute glücklich!

Mk 2
13 Jesus ging wieder hinaus an den See. Da kamen Scharen von Menschen zu ihm und er lehrte sie.

14 Als er weiterging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Levi auf und folgte ihm nach.
15 Und als Jesus in dessen Haus zu Tisch war, da waren viele Zöllner und Sünder zusammen mit ihm und seinen Jüngern zu Tisch; es waren nämlich viele, die ihm nachfolgten.
16 Als die Schriftgelehrten der Pharisäer sahen, dass er mit Zöllnern und Sündern aß, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann er zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?
17 Jesus hörte es und sagte zu ihnen: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

Heute lesen wir von einer weiteren Jüngerberufung und von weiteren Heilstaten Jesu. Es geht um Levi, der im Matthäusevangelium Matthäus genannt wird. Es handelt sich um einen Zöllner, dessen Berufsgruppe nicht gut angesehen ist. Das liegt daran, dass Zöllner immer mehr als nötig eintreiben müssen, um das Risiko von Missernten etc. zu berücksichtigen. Sie gelten deshalb als unehrlich, erhalten keine bürgerlichen Ehrenrechte und werden vor Gericht nie als zuverlässige Zeugen einbezogen. Jesus hat im heutigen Evangelium aber einen wunderbaren Plan mit diesem Menschen. Er sieht mehr als nur den unehrlichen Zöllner. Er sieht das Potenzial eines von Gott geliebten Kindes. So ist es auch bei uns Menschen. Wir drücken anderen schnell einen Stempel auf. Wir schreiben andere ab, obwohl wir sie erstens gar nicht richtig kennen können (also nicht in ihr Herz schauen können), zweitens noch so schlimme Menschen jederzeit eine Umkehr erleben, ein besserer Mensch werden können. Jeder hat jederzeit eine neue Chance verdient. Und wie Levi in Wirklichkeit ist, sieht nur Gott. Der sehr bekannte Billy Graham sagte es einmal sinngemäß: Es gibt drei Arten des Ichs – das Ich, das ich selbst kenne, das Ich, das die Menschen kennen und das Ich, das Gott kennt. Jesus sieht in Levi, was sonst keiner bisher gesehen hat – nicht mal er selbst.
Warum eigentlich hat dieser Zöllner, der dann Jesu Jünger wird, zwei verschiedene Namen? Das hängt wohl damit zusammen, dass er beide Namen besaß. Die moderne Exegese bestreitet dies, weil im Gegensatz zu Paulus kein jüdischer und römischer Name vorlag, sondern zwei jüdische. Dem ist entgegen zu halten, dass es auch eine latinisierte Form gibt (nämlich eben Matthäus) und eine doppelte Namensgebung auch mit seiner römischen Bürgerschaft zusammenhängen kann wie bei Paulus. Eine andere Erklärung ist, dass er später von Jesus den Namen Matthäus erhalten hat. Das alles spielt für uns eine untergeordnete Rolle. Für uns ist es lehrreich, dass Jesus so einen Menschen überhaupt beruft.
Wie schon bei den anderen Aposteln steht der Berufene direkt auf und folgt Jesus nach, ohne zu zögern.
Wie auch bei Zachäus hält Jesus gemeinsames Mahl mit Levi und seinen Freunden. Da er bei den meisten Juden nicht beliebt ist, hat er in seinem Umfeld Menschen seines Berufsstandes.
Jesus isst mit Sündern, weil er Gott ist. Dieser ist so allmächtig, dass er höchstpersönlich tief in das sündige Leben von uns Menschen eintauchen kann, ohne dass es ihm irgendwie schadet. Er tut es, um uns Menschen aus der Sünde herauszuholen, nicht weil er die Sünde an sich gutheißt. Sein Verhalten ist also kein Anlass, Sünder zur Kommunion zuzulassen, wie heutzutage gerne instrumentalisiert wird. Jesus hält Mahl als „Rettungsaktion“ für die echten Sünder (die vor Gott Sünder sind, nicht die von den Menschen abgestempelt werden) und als prophetische Zeichenhandlung für die Selbstgerechten (Gott hält Mahl mit allen Menschen guten Willens, beim letzten Abendmahl mit seinem berufenen Zwölferkreis, in der eucharistischen Gemeinschaft mit allen Getauften und zur Eucharistie Gekommenen, am Ende des Lebens beim himmlischen Hochzeitsmahl). Wer daran teilnimmt, wird nicht automatisch nach den Maßstäben der Pharisäer und Schriftgelehrten entschieden, sondern allein nach Gottes Maßstab – mit so einigen Überraschungen. Warum Überraschungen? Weil nur Gott das Herz der Menschen sieht und genau weiß, wer wirklich gerecht ist (nicht nur nach außen so tut).
Sie sind es auch, die auf Jesu Mahlgemeinschaft mit den von ihnen bezeichneten „Sündern“ unzufrieden reagieren. Sie zeigen durch ihre Reaktion, dass sie Jesus als Messias und Gott nicht erkannt haben. Sie sehen Jesus als üblichen Rabbi, der sich an die jüdischen Gesetze halten soll. Sie sehen nicht, dass der Messias Herr über die Torah ist und sie mit seiner Person erfüllt.
Jesus bekommt ihre Reaktion mit und weil er alle Menschen retten will, geht er auch auf diese Menschen zu mit den Worten: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“. Gott ist der Arzt unserer Seelen. Er macht uns wieder heil, wo wir uns von ihm behandeln lassen. Jesu Mahlgemeinschaft ist also nicht nur „Rettungsaktion“ und prophetische Zeichenhandlung, sondern vor allem eine „Therapiesitzung“. Wir könnten uns jetzt fragen: „Heißt das, dass die Zöllner und Sünder bei Jesu Mahlgemeinschaft die Kranken sind und die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht?“ Wir können uns getrost selbst beantworten: Natürlich ist jeder Mensch krank, nämlich durch die Erbsünde. Es gibt niemanden, der ganz gesund ist. Jeder ist nur unterschiedlich „krank“. Das ist eine Sache. Die andere ist aber hier entscheidend: Wer erkennt die eigene Krankheit und lässt sich auf die Therapie Gottes ein? Wer meint, keine Umkehr nötig zu haben, weil er schon gerecht genug ist, wird die eigene Krankheit nicht sehen und deshalb nie therapiert. Jesus verrät uns durch seine Antwort jedoch wirklich, dass er die Sünde der Zöllner nicht bagatellisiert. Es ist Stehlen und Lügen. Das sind ernstzunehmende Sünden. Jesus redet uns unsere Sünden auch nicht weg. Er hält sie uns in Liebe vor, damit wir unser eigenes sündiges Spiegelbild sehen, betroffen sind und uns ändern. Die Zöllner sind in dieser Hinsicht wirklich krank, aber sie lassen sich wenigstens behandeln. Wie ist es mit uns? Reagieren wir auch unwirsch, wenn Gott anderen seine Barmherzigkeit zeigt? Sollten wir nicht froh sein und uns mit diesen Menschen mitfreuen, dass sie zu Gott umkehren? Uns erinnert diese ganze Situation an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Auch dort geht es nicht nur um einen einzigen Sohn, sondern um zwei, die je auf ihre Weise versöhnt werden müssen. Wollen wir zum unbarmherzigen großen Bruder werden, der dem jüngeren die Umkehr nicht gönnt?
Wenn Jesus dann am Ende noch sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder“, müssen wir genau überlegen, was Jesus damit meint. Im griechischen Original steht es genauso: Gerechte und Sünder. Jesus beruft dabei Menschen, nicht ihre Sünde. Wen Jesus ruft, der wird dabei immer verändert. Wir denken z.B. an Zachäus, der am Ende alles, was er zuviel eingenommen hat, sogar noch vierfach zurückgezahlt hat. Wir denken auch an Maria Magdalena, die durch die Begegnung mit Jesus von sieben Dämonen befreit worden ist und von da an Jesu Verkündigung u.a. finanziell unterstützt hat. Die Sünder waren keine Sünder mehr, aber befreit wurden sie erst davon, als sie es einsahen und umkehrten. Deshalb sagt Jesus, dass er Sünder beruft, nicht Gerechte – Sünder ist jeder Mensch, aber nicht jeder erkennt sich als Sünder. Ihm nachfolgen kann nur, wer die Demut besitzt, sich zu sehen, wie man wirklich ist, arm und erlösungsbedürftig. Wer sich selbst aber als Gerechter bezeichnet, der keiner Umkehr bedarf, kann Jesus nicht nachfolgen. Es geht also bei der Aussage Jesu weniger darum, wie viel, wie arg, welche Art von Sünde man auf dem Konto hat, sondern vielmehr darum, wie viel man von den Sünden tatsächlich bereut. Gleichzeitig verharmlost er keine einzige Sünde. Sonst würde er nicht zu den großen Sündern sagen: „Geh und sündige von nun an nicht mehr.“

Christus ist wirklich das Wort Gottes, die Torah in Person. An ihm scheiden sich wirklich die Geister und in dieser Situation werden die bösen Gedanken der Missgönner aufgedeckt. Sie sind gar nicht so heilig, wie sie vorgeben. Sie brauchen auch Heilung und Umkehr, aber sie wollen dies noch nicht so richtig einsehen. Christus möchte alle Menschen retten und zur Umkehr bewegen. An ihm wird jeder Mensch vor die Entscheidung gestellt, bis heute: Sind wir bereit, uns im Lichte Gottes so zu sehen, wie wir sind? Können wir uns überwinden, uns demütig einzugestehen, dass auch bei uns nicht alles Gold ist, was glänzt? Nur so beginnt der Prozess der Heiligung, zu der wir durch die Taufe berufen sind. Nur durch die Umkehr können wir ganz und gar dem Herrn gleichgestaltet werden. Wenn wir auf König David schauen und auch auf Levi, sehen wir diese demütige Haltung, die wir benötigen. Diese Personen erkannten, dass alles Gute, was sie taten, nicht von ihnen selbst kam, sondern von Gott. Sie erkannten zugleich, was sie Schlechtes getan haben. Gottes Herrlichkeit ist es, die durch die guten Taten offenbart wird, nicht unser eigenes Ego. Wenn man sich allerdings für selbstgerecht hält, verwechselt man genau dies. Man denkt, dass das Gute vollkommen eigenes Verdienst ist (gewiss tun wir unser Bestes, aber es ist immer ein Teamwork und nicht unser eigenes Gutsein).

Gott beruft nicht die Selbstgerechten, sondern jene Menschen, die ihr echtes, unvollkommenes Ich sehen. Sie wissen, dass alles Gute von Gott kommt. Seien wir bekennende Sünder – erkennen wir unsere eigene Erlösungsbedürftigkeit. Das heißt nicht, dass wir schön weiter sündigen dürfen, sondern gerade damit aufhören sollen. Wenn wir anfangen, echt zu sein, ehrlich zu uns selbst und vor Gott, dann werden wir zu brauchbarem Material, aus dem Gott schöne Gefäße für sein Werk formen kann.

Ihre Magstrauss

2. Sonntag im Jahreskreis

1 Sam 3,3b-10.19; Ps 40,2 u. 4ab.7-8.9-10; 1 Kor 6,13c-15a.17-20; Joh 1,35-42

1 Sam 3
3 Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen und Samuel schlief im Tempel des HERRN, wo die Lade Gottes stand.

4 Da rief der HERR den Samuel und Samuel antwortete: Hier bin ich.
5 Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen.
6 Der HERR rief noch einmal: Samuel! Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen!
7 Samuel kannte den HERRN noch nicht und das Wort des HERRN war ihm noch nicht offenbart worden.
8 Da rief der HERR den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der HERR den Knaben gerufen hatte.
9 Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich ruft, dann antworte: Rede, HERR; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder.
10 Da kam der HERR, trat heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört.
19 Samuel wuchs heran und der HERR war mit ihm und ließ keines von all seinen Worten zu Boden fallen.

Heute hören wir als erste Lesung von einem besonderen Kind, das von klein auf im Tempel bei Eli aufwächst – Samuel, der Sohn Hannas. Er ist in dieser Hinsicht mit der Mutter Jesu zu vergleichen, die laut Protevangelium des Jakobus ebenfalls im Tempel als geweihtes Kind aufgewachsen ist – ebenfalls von unfruchtbaren Eltern, die die Weihe des Kindes als Versprechen der Gebetserhörung einlösen.
Wir hören heute, wie er zum Propheten berufen wird. Er schläft im Tempel in der Nähe der Bundeslade. Das ewige Licht brennt noch (laut Ex 27,20-21 soll die Lampe von Abend bis zum Morgen brennen), weshalb wir wissen, dass es noch Nacht ist. Samuel sieht außerdem, dass sonst kein anderer im Raum ist, der ihn rufen könnte. Eigentlich könnte und müsste man jetzt einen langen Aufsatz über diesen Leuchter, die Menora, schreiben, weil sie typologisch zum Symbol für Christus wird, dem Licht der Welt. Ihre tiefe Symbolik entfaltet sich Stück für Stück gemäß Psalm 119,105: „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade.“ Die Menora umfasst nämlich in ihren Details die Gesamtheit der Schriften der gesamten Bibel (Jesus, das Wort Gottes!), hat insgesamt die Form eines Baumes mit Mandelblüten (der Baum des Lebens, der zum Holz des Kreuzes wird, an dem der neue Adam hängt!), sie ist das ewige Licht (Jesus, das Licht, das den Völkern gebracht wird, die in der Finsternis wohnen!) und ohne das Öl brennt die Lampe nicht (die Salbung des Hl. Geistes!). Ich höre jetzt aber auf, denn das ist keine Abhandlung über die Menora, sondern eine Auslegung der Schriftstelle.
Gott ruft Samuel und dieser sagt „hier bin ich“. Wir dürfen uns das so vorstellen, dass die Stimme von der Bundeslade kommt. Sie ist analog zur Stimme aus dem brennenden Dornbusch zu betrachten. Verweilen wir kurz bei „hier bin ich“. Im Hebräischen steht הִנֵּנִי hinneni. Diese Antwort hat die Kirche zum terminus technicus auf den Ruf Gottes gemacht – sie hat ihn integriert in den Ritus der Priesterweihe. Der Weihebewerber wird namentlich aufgerufen so wie Samuel in dieser Perikope. Daraufhin antwortet der Bewerber mit „hier bin ich“ oder „adsum“.
Samuel läuft daraufhin zu Eli, dessen Rufen er vermutet. Wiederholt sagt er zu ihm „hier bin ich“, um ihm zu signalisieren, dass er da ist. Eli hat ihn aber nicht gerufen und schickt ihn wieder schlafen. Gott ruft Samuel dann zum zweiten Mal und da bemerkt man schon ein gewisses Zögern. Samuel steht zwar auf, aber er geht nun und rennt nicht zu Eli (וַיֵּ֣לֶךְ wajelech). Er ruft auch nicht sofort „hier bin ich“, sondern erst, als er beim alten Mann angekommen ist. Dieser schickt ihn erneut weg, weil er ihn nicht gerufen hat.
Daraufhin kommt die Bemerkung, dass Samuel den HERRN noch nicht kannte. Man muss dieses „kennen“ als „kennenlernen“ verstehen (die Verbform ist hier יָדַע jada), denn Samuel ist das „Wort des HERRN noch nicht offenbart worden“. Am Anfang der Perikope, den wir heute nicht hören, wird erklärt, dass Gott sich den Menschen in jener Zeit selten durch Eingebungen („Wort des HERRN“) offenbart hat. Samuel hat dergleichen noch kein Mal erfahren, also noch keine Begegnung mit Gott gehabt. Das ist auch der Grund, warum er selbst beim dritten Rufen nicht versteht, wer ihn ruft. Er geht wieder in Ruhe zu Eli und sagt hinneni, „hier bin ich“. Der alte Mann versteht nun, was passiert, und trägt dem Jungen auf, beim nächsten Mal „Rede HERR; denn dein Diener hört“ zu sagen. Eli hat verstanden, dass der Junge sich das Rufen nicht dreimal eingebildet haben kann, und dass es Gott selbst sein muss.
Es kommt nun dazu, dass Gott den Samuel erneut ruft. Dabei wird in Vers 10 gesagt, dass Gott hinzutritt (וַיִּתְיַצַּ֔ב wajitjazaw). Dies ist natürlich ein Anthropomorphismus, denn Gott ist Geist, kann also nicht hinzutreten. Gemeint ist, dass Gott gegenwärtig ist. Samuel tut, was Eli ihm erklärt hat, und sagt nun „rede HERR, denn dein Diener hört“.
Samuel wächst heran und Gott gibt ihm im Laufe seines Älterwerdens Worte ein, die dieser nie „zu Boden fallen“ lässt. Dieser Ausdruck erinnert an Onan, der seinen Samen zu Boden fallen lässt, damit dieser keine Frucht bringt, also kein Kind entsteht. Samuel lässt Gottes Worte immer fruchtbar werden, denn er ignoriert sie nie.

Ps 40
2 Ich hoffte, ja ich hoffte auf den HERRN. Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien. 
4 Er gab mir ein neues Lied in den Mund, einen Lobgesang auf unseren Gott. 
7 An Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen, doch Ohren hast du mir gegraben, Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert. 
8 Da habe ich gesagt: Siehe, ich komme. In der Buchrolle steht es über mich geschrieben.
9 Deinen Willen zu tun, mein Gott, war mein Gefallen und deine Weisung ist in meinem Innern. 
10 Gerechtigkeit habe ich in großer Versammlung verkündet, meine Lippen verschließe ich nicht; HERR, du weißt es.

Der heutige Psalm ist anzulehnen an die Episode des Samuelbuches. Der erste Teil des Psalms, aus dem wir heute einen Abschnitt beten, besitzt die Form eines Dankespsalms. Wir können uns vor dem Hintergrund der Lesung sehr gut vorstellen, wie die Mutter Samuels Hanna diese Worte spricht. Ihr ist ein Sohn geschenkt worden, den sie dem Heiligtum geweiht hat. Gott hat ihre Hoffnung auf den HERRN und ihr Schreien wirklich erhört. Auch Hanna hat einen Lobgesang auf Gott erhalten – dies ist uns in 1 Sam 2 überliefert. So könnte sie die Worte im Psalm sprechen: „er gab mir ein neues Lied in den Mund“, wenn sie denn zu ihrer Zeit bereits komponiert worden wären.
Auch König David selbst kann davon ein Lied singen, wie Gott seine Gebete erhört hat und ihn in jeder Notlage beschützte. Der Hl. Geist erfüllte auch ihn so wie Hanna, sodass er dieses Danklied komponieren konnte. Auf diese Weise sind alle Psalmen entstanden, die im Psalter überliefert sind. Das erkennen wir daran, dass immer wieder messianische und grundsätzlich prophetische Inhalte zu lesen sind. Gottes Geist hat hier gewirkt!
Die Aussage „an Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen…“ ist auch darauf zu beziehen, was dann in Vers 9 geschrieben steht: „deinen Willen zu tun“, also den Willen Gottes zu befolgen, ist das Entscheidende, ohne dass die Opfertätigkeit überflüssig wird. Dies müssen wir als rhetorische Wendung verstehen. Es gab immer wieder Phasen der Geschichte Israels, in denen der Opferkult unaufrichtig praktiziert worden ist. Die Israeliten lebten nicht, wie es Gott gefällt und deshalb brachten die Opfer in ihrem Fall nichts. Diese machen den Menschen nicht gerecht vor Gott, wenn nicht zugleich eine innere Einstellung der Reue und Umkehrbereitschaft vorliegt. Wer nicht bereit ist, auf Gottes Willen zu hören – deshalb die gegrabenen Ohren – der kann Gottes Gunst nicht mit Opfern erkaufen.
Vers 8 ist ein zutiefst messianischer Vers, der genau das bestätigt, was ich vorhin meinte: Das ist ein Satz, den König David in seiner Tiefe gar nicht begreifen konnte. Auf der Oberfläche erkennen wir die Zusage des frommen Königs gegenüber Gott, zum Herrn zu kommen – im Allerheiligsten des Offenbarungszeltes. Die Aussage „in der Buchrolle steht es über mich geschrieben“ zeigt uns jedoch bereits den geistlichen Sinn der Aussage: Der Messias kommt und ist bereits gekommen, über den in der Buchrolle geschrieben steht – nämlich in den Hl. Schriften der Juden, besonders in der prophetischen Literatur wie Jesaja! Diese christologische Auslegung der Bibelstelle ist nicht aus den Fingern gesogen. Bereits der Hebräerbrief nimmt dies vor in 10,9. Vor diesem Hintergrund können wir auch die folgenden Verse verstehen: Die Gehorsamsbekundung spricht Christus selbst als Mensch, der in seiner Entäußerung gehorsam war bis zum Tod. Er hat den Willen des Vaters ganz erfüllt und dabei die Weisung – die Torah – ganz und gar erfüllt. Er ist wahrlich das fleischgewordene Wort Gottes! Er hat seine Lippen nie verschlossen, sodass das Unliebsame die Menschen dazu trieb, ihn fast zu steinigen und am Ende sogar ans Kreuz zu schlagen. So war es auch mit den vielen Propheten zuvor, die den Menschen den Willen Gottes kundgetan haben. Sie sind zumeist den Märtyrertod gestorben, weil man sie mundtot machen wollte, bis zum letzten Propheten, dem Täufer Johannes.

1 Kor 6
13 Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib.

14 Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken.
15 Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind?
17 Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm.

18 Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.
19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst;
20 denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!

Als zweite Lesung hören wir einen Ausschnitt aus dem ersten Korintherbrief. Es geht um die Unzucht, die eine der schwersten Sünden ist. Was ist Unzucht? Das griechische Wort ist porneia. Es meint jede Form von ungeordneter Sexualität, die nicht im geschützten und sakramentalen Rahmen der Ehe geschieht und die nicht der Fortpflanzung dient, also jeden Missbrauch des gottgegebenen Geschlechtstriebs. Paulus spricht das Thema Unzucht vor allem deshalb an, weil es unter den Korinthern eine besonders schlimme Form von Unzucht gab, von der Paulus gehört hat. Er schreibt dies bereits im fünften Kapitel: „1 Allgemein hört man von Unzucht unter euch, und zwar von Unzucht, wie sie nicht einmal unter den Heiden vorkommt, dass nämlich einer mit der Frau seines Vaters lebt.“ Also ist es für die Korinther notwendig, das Thema umfassend zu erklären, vor allem die Schwere dieser Sünde herauszustellen. In heutiger Zeit der absoluten Enttabuisierung in dem Bereich sind die Worte des Paulus aktueller denn je:
Unmittelbar vor diesen heutigen Versen heißt es, dass der Bauch für den Menschen da ist und nicht der Mensch für den Bauch. Der Bauch wird einerseits genannt, weil er zum Ort einer weiteren Sünde gegen das Fleisch wird, zum Ort der Völlerei. Was für die Völlerei gilt, gilt auch für die Unzucht: Die Triebe im Menschen, die an sich gut sind, können und müssen willentlich gesteuert werden und dürfen über den Menschen nicht die Überhand gewinnen. Der Bauch ist für den Menschen da – er muss sein Essverhalten ordnen. Genauso ist es mit der Sexualität, die den zerbrechlichsten Teil des Menschen darstellt als Folge der Erbsünde. Der Mensch muss seinen Geschlechtstrieb willentlich steuern, nicht dass er die Oberhand über den Menschen gewinnt. Als Abbild Gottes haben wir Menschen auch die Fähigkeit, den Geschlechtstrieb zu ordnen und zu kultivieren. Je geordneter und auch geregelter dieser Trieb in einer Gesellschaft ist, desto mehr wird sie zu einer Hochkultur, desto mehr erreicht sie. Sexualität ist kanalisierbar. Es ist nochmal anders als beim Essen und Trinken, denn ohne Nahrungsaufnahme stirbt der Mensch. Ohne Sex kann der Mensch aber leben.
Kanalisierung und Ordnung des Geschlechtstriebs ist nicht einfach ein Minus, eine Entsagung. Vielmehr gelingt es dem Menschen, in sich selbst zu einer Ordnung zu gelangen, wenn er begreift, wofür sein Leib da ist – der Leib ist für den Herrn da. Wir gehören ganz Gott, denn als Getaufte stehen wir ja in einer Bundesbeziehung zu ihm. Bund bedeutet: „Ich gehöre ganz dir und du gehörst ganz mir.“ Es handelt sich dabei um eine Selbstübereignung an Gott. Wir sind eingebunden in den Leib Christi als dessen Glieder. Das betrifft nicht nur unseren Geist, sondern unser ganzes Dasein. Auch unser Leib gehört ihm. Das heißt nicht, dass wir nicht heiraten dürfen, um ein Leib mit einem Ehepartner zu werden. Das heißt aber, dass wir Gott auch mit unserem Leib verherrlichen sollen und nicht mit dem Leib sündigen dürfen. Dieser gehört ja ebenfalls ganz ihm durch den Bund, den wir eingegangen sind. Die Unzucht ist also deshalb gravierend, weil sie den Leib in die Sünde einbezieht. Gott möchte nur das beste für uns und er weiß, dass uns die Unzucht unglücklich macht. Er hat uns das sechste Gebot gegeben, weil er genau weiß, wie sehr die Unordnung der Sexualität den Menschen leiden lässt. Heutzutage ist alles erlaubt und es gibt keine Tabus in dem Bereich mehr. Und doch sind die Menschen viel unglücklicher als früher mit den ganzen Verboten. Davon zeugen die vollen Wartezimmer in den psychiatrischen Praxen. Die meisten Probleme, die man als Therapeut heute zu hören bekommt, sind Probleme des Intimlebens in der Partnerschaft. Gott weiß, warum er uns genau jene Gebote gibt. Er möchte, dass wir glücklich sind und ein Leben in Fülle haben. Das haben wir wahrlich, wenn wir ihm gehorchen. Denn er ist ein wunderbarer Hirte, der nur das beste für seine Herde bereithält.
Er ist soweit gegangen, den teuersten Preis zu bezahlen, damit wir erlöst würden und dieses Leben in Fülle haben können – er hat seinen einzigen Sohn dahingegeben, das Kostbarste, was er hat! Wollen wir als so teuer Erkaufte wirklich zurück in die Misere? Verherrlichen wir Gott mit unserem ganzen Dasein, auch mit unserem Körper, wie Paulus es hier schreibt!

Joh 1
35 Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm.

36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!
37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.
38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister – , wo wohnst du?
39 Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. 40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.
41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden – das heißt übersetzt: Christus.
42 Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels.

Was wir heute im Evangelium lesen, geschieht einen Tag nach der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. Und wir lesen zugleich von den „Früchten“, an denen man den Menschen erkennt:
Johannes der Täufer tauft wie gewohnt im Jordan und zwei seiner Jünger sind bei ihm. Als Jesus vorübergeht, hören die Jünger des Johannes ihren Meister sagen: „Seht das Lamm Gottes!“. Dass sie daraufhin Jesus ansprechen und generell auf ihn aufmerksam werden, könnte man damit erklären, dass Johannes tags zuvor über Jesus heilsgeschichtlich entscheidende Dinge erklärt hat. Da hat er Jesus bereits als Lamm Gottes bezeichnet, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Jetzt, wo dieser besondere Mann wieder auftaucht, wollen sie die Chance nutzen, ihn besser kennenzulernen. Sie werden als Jünger des Johannes in einer intensiven Messiaserwartung gelebt haben und erkennen nun die Gunst der Stunde.
Sie folgen Jesus kurzerhand, ohne zunächst etwas zu sagen. Als dieser merkt, dass er verfolgt wird, wendet er sich um und fragt: „Was sucht ihr?“ Das Verb ζητέω zeteo macht an dieser Stelle weniger Sinn, wenn man es wörtlich übersetzt. Sie suchen ja nichts, sondern folgen Jesus. Man muss die übertragenen Bedeutungen berücksichtigen („untersuchen“ , „vermissen“ und „nach etwas verlangen“). Es kann also heißen, dass Jesus sie danach fragt, was sie möchten. Er ist Gott und weiß die Antwort ja schon. Er wird also auch wissen, dass sie mehr über Jesus herausfinden möchten, also „untersuchen“ wollen.
Diese Situation dürfen wir noch eingehender betrachten und mehrfach auslegen: Jesus fragt auch später, wenn Menschen mit Krankheiten und anderen Anliegen zu ihm kommen, was sie möchten – was sie ersehnen. Er kennt die Antwort immer schon, aber es geht um den freien Willensentschluss, den er den Menschen lässt. Sie sollen von sich aus laut aussprechen, was sie möchten (z.B. der Blinde in Lk 18). Auch ekklesiologisch wird dies weitergeführt. Keinem werden die sakramentalen Handlungen aufgezwungen. Wenn Eltern ihr Kind zur Taufe bringen oder wenn ein Erwachsener sich auf die Taufe vorbereitet, gehört es zum Ritus, dass die betroffenen Personen von sich aus den Wunsch äußern „ich bitte um die Taufe“ oder auch bei der Firmung. Da ist es meist ein Firmling stellvertretend für alle anderen, der dann nach vorne kommt und den Bischof um das Sakrament bittet. Ebenso ist es mit den anderen Sakramenten, auch mit dem Bußsakrament. Gott weiß schon längst, was wir wollen, wenn wir zur Kirche kommen, aber er möchte uns die Chance geben, es frei zu äußern. Er kennt unsere Sünden bereits, aber er möchte, dass wir sie mit eigenen Worten aussprechen.
Das betrifft auch den einzelnen Christen, wenn er ins Gebet geht. Der Herr weiß schon, um was wir bitten möchten, aber er lässt uns dennoch ausreden, damit wir unserer Sehnsucht Worte verleihen. Und wenn wir vor Gott stehen nach dem Tod, dann wird er schon längst alles wissen und uns doch anhören, was wir zu sagen haben.
Interessant ist übrigens auch die Analogie zu Exodus 33. Auch dort geht Gott vorüber, aber Mose darf sein Angesicht nicht sehen. Gott erlaubt ihm, seinen Rücken zu erhaschen. Hier im Evangelium erkennen wir, dass Gott heilsgeschichtlich nun eine neue Phase einleitet. Er wendet sich um und zeigt den Menschen sein Gesicht!
Warum stellen die Johannesjünger Jesus aber ausgerechnet die Frage: „Wo wohnst du?“ Natürlich kann man dies darauf zurückführen, dass man von der Art des Wohnens, des Zusammenlebens, der familiären Umstände auf den Menschen schließen kann. Hier steckt aber noch eine tiefere Wahrheit dahinter. Im selben Kapitel heißt es im Prolog ja: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Wörtlich heißt es sogar „es hat unter uns gezeltet“. Gott hat sein Zelt aufgeschlagen mitten unter den Menschen. Dies hat etwas Vorübergehendes an sich, denn es meint keinen dauerhaften Wohnsitz. Der Sohn Gottes hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann: Er wird in einem Stall geboren, der ihm nicht gehört, er muss nach Ägypten fliehen, weil die Heimat seiner Eltern eine tödliche Bedrohung darstellt, er wird vom Moment seines öffentlichen Wirkens an keinen festen Wohnsitz mehr haben. Nach dem Tod wird er nicht mal in ein eigenes Grab gelegt, sondern in ein geliehenes. Auch wenn hier nicht gesagt wird, wo Jesus wohnt, können wir davon ausgehen, dass er bei Freunden untergekommen ist. Es spielt sich ja bei Betanien ab, wo Maria, Martha und Lazarus wohnten, Freunde Jesu.
Jesus antwortet den Johannesjüngern mit der Aufforderung „Kommt und seht!“ Von Anfang an lebt Jesus sein Evangelium vor und überzeugt so die Menschen. Es ist um die zehnte Stunde, also vier Uhr nachmittags, als sie mit Jesus gehen und sich selbst überzeugen, wo er lebt. Hier müssen wir auch ins Griechische schauen. Sie fragen wortwörtlich nämlich nicht: „Wo wohnst du“, sondern „Wo bleibst du?“ (μένω meno „bleiben“). Im Johannesevangelium ist das Wort „bleiben“ entscheidend. Es ist also mehr als nur eine banale Frage und daraufhin eine informative Aussage, wenn es heißt, dass die beiden Jünger an dem Tag bei Jesus bleiben. Jesus wird in seiner Verkündigung immer davon sprechen, dass wir in Gottes Liebe bleiben sollen. Der Begriff hat etwas mit Gemeinschaft mit Gott zu tun. Wenn die Jünger also mit Jesus gehen und sehen, wo er bleibt, dann werden sie nicht nur Zeuge der Unterkunft Jesu. Sie werden vielmehr Zeugen der Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn. Jesus wird ihnen diese Beziehung gezeigt haben, sodass ihnen aufgegangen ist, wer er ist. Was die beiden mit Jesus an dem Tag erlebt haben, überzeugt sie so sehr, dass sie am nächsten Tag sogar sagen: „Wir haben den Messias gefunden“. Sie haben „gesucht“ und „gefunden“. Dazu lädt Jesus später in der Bergpredigt ein: Suchet und ihr werdet finden (Mt 7,7). Das ist eine Einladung an jeden Menschen. Wer wirklich von Herzen auf der Suche ist – und das ist jeder Mensch, weil er als Abbild Gottes unbewusst immer nach Gott sucht – wird Gott auch finden. Dieser zieht jeden Menschen nämlich zu sich.
Die Ereignisse des Tages schließen sich an den ersten Johannesbrief an, wo wir heute gelesen haben, dass man den Gerechten am Verhalten erkennt. Jesus erzählt ihnen nicht einfach, wer er ist, obwohl er weiß, dass sie das wissen wollen. Er zeigt ihnen vielmehr an seinem Verhalten, wer er ist. Denn das überzeugt Menschen mehr als Worte.
Einer der beiden Johannesjünger ist der Bruder des Petrus, Andreas. Dieser bringt am nächsten Tag seinen Bruder zu Jesus, der den Beinamen Petrus erhält und eigentlich Simon heißt.
Andreas führt seinen Bruder zu Jesus. Das ist ein Kernsatz für jeden Seelsorger. Das ist die Aufgabe, zu der jeder Diakon, Priester und Bischof, jeder Ordensmensch, aber auch jeder Laie berufen ist – Menschen zu Jesus zu führen. Man erkennt den guten Geistlichen daran, dass dieser die Menschen nicht um sich scharrt wie eine Fanbase und diese von sich abhängig macht. Stattdessen führt er Menschen immer Christus zu und zeigt von sich weg. Es geht um Gott, nicht um die Person des Geistlichen.
Petrus begegnet Jesus heute zum ersten Mal und dieser beruft ihn sofort zum Felsen. In Mt 16 wird Jesus ihm sogar sagen, dass er auf ihm seine Kirche bauen wird! So eine große Berufung hat Jesus für ihn bereit. Dass Jesus ihm einen neuen Namen verleiht, muss für ihn etwas Besonderes gewesen sein. Er sagt ihm sogar, wie er heißt, bevor er das wissen kann. Simon bar Jona, „Sohn des Johannes“ wird somit klar, dass Jesus mehr ist als ein gewöhnlicher Mensch.

Heute hören wir Texte über Berufung und Gehorsam, Bund und Gottesliebe. So wie Samuel von Gott beim Namen gerufen wird, so werden die ersten Apostel von Jesus berufen und beim Namen gerufen. Sie erhalten sogar einen neuen Namen, wie wir bei Petrus sehen. Wenn wir ganz mit Gott vereint sind – und das sind wir durch den Bund (den Alten Bund bei König David, den Neuen Bund bei Paulus) -, gehören wir ganz ihm und befolgen seinen Willen. Wir schreiben seine Gebote ganz in unser Herz, das ungeteilt ihm gehört. Das ungeteilte Herz wird auch die Herzensreinheit genannt – das, was wir auch Keuschheit nennen. Wenn Gott unser ganzes Herz erfüllt wie das Herz des Königs David, dann möchten wir auch nichts anderes tun, als seinen Willen zu befolgen. Und von diesem reinen Herzen wird keine Unordnung und Herrschaft der Triebe ausgehen. Dann wird unser ganzes Dasein geordnet sein – vom Essverhalten und Geschlechtstrieb bis hin zu unseren Beziehungen, unserer gesamten Lebensführung. Wir können Gott also ganz vertrauen – er wird unsere Selbstübereignung durch den Bund nicht missbrauchen. Vielmehr werden wir ein Leben in Fülle haben, weil Gott nur das Beste für uns bereithält. Das gilt nicht nur für die Selbstübereignung des auf besondere Weise Berufenen wie Samuel oder die Apostel, das gilt für jeden, der mit Gott in einem Bund lebt.

Ihre Magstrauss

Freitag der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 4,1-5.11; Ps 78,3 u. 4cd.6c-7.8; Mk 2,1-12

Hebr 4
1 Darum lasst uns ernsthaft besorgt sein, dass keiner von euch zurückbleibt, solange die Verheißung, in seine Ruhe zu kommen, noch gilt.
2 Denn auch uns ist das Evangelium verkündet worden wie jenen; doch hat ihnen das Wort, das sie hörten, nichts genützt, weil es sich nicht durch den Glauben mit den Hörern verband.
3 Denn wir, die wir gläubig geworden sind, kommen in seine Ruhe, wie er gesagt hat: Darum habe ich in meinem Zorn geschworen: Sie sollen nicht in meine Ruhe kommen. Und doch waren die Werke seit Erschaffung der Welt getan,
4 denn vom siebten Tag heißt es an einer Stelle: Und Gott ruhte am siebten Tag von all seinen Werken;
5 hier aber heißt es: Sie sollen nicht in meine Ruhe kommen.
11 Bemühen wir uns also, in jene Ruhe einzugehen, damit niemand aufgrund des gleichen Ungehorsams zu Fall kommt!

Heute hören wir in der Lesung aus dem Hebräerbrief die Schlussfolgerung des Argumentationsgangs von gestern. Da hörten wir die Warnung, so zu sein wie die Väter in der Wüste, als sie Gott auf die Probe gestellt und misstraut haben. Diese haben durch ihr Verhalten die Aussicht auf das Land der Ruhe verloren. Dieses verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen, ist auch für uns entscheidend, denn wir gehen über den Wortsinn hinaus: Auch uns Christen steht das Land der Ruhe in Aussicht, das nun aber nicht mehr einen irdischen Ort meint, sondern das Himmelreich. Wenn wir Gott misstrauen und nicht auf Christus hören, verlieren auch wir das Land der Ruhe.
So erfolgt zu Anfang die Ermahnung, alles daran zu setzen, in dieses Land der Ruhe zu kommen. Das ist unsere Berufung hier auf Erden. Und dabei sollen wir uns bemühen, dass keiner zurückbleibt. Was heißt das? Wir übernehmen die Verantwortung auch für andere Menschen, dass auch sie ins Himmelreich gelangen, vor allem für unsere Kinder, für die wir ja Sorge tragen – nicht nur für das leibliche Wohl! Wir sollen füreinander beten, fasten und opfern, damit jeder die Gnade der Umkehr erlangt und noch rechtzeitig zu Gott zurückkommt.
Interessant ist, dass die Verkündigung des Willens Gottes durch Mose als „Evangelium“ bezeichnet wird. Dem Volk Israel ist bereits diese frohe Botschaft verkündet worden, die auch Jesus verkündet. Hier wird eine Kontinuität hergestellt zwischen der Botschaft der jüdischen Schriften und dem Evangelium Jesu Christi. Im Gegensatz zu jenen, die das Wort nicht an sich herangelassen haben („weil es sich nicht durch den Glauben mit den Hörern verband“), haben es doch die Adressaten des Hebräerbriefes, weil sie haben taufen lassen. Die Taufe wird hier umschrieben mit der Wendung „die wir gläubig geworden sind“. Als Zeichen des inneren Glaubens ist die Taufe vorgenommen worden. Die Taufe ist Bestätigung dafür, dass die Getauften Gott wirklich gehorsam geworden sind und deshalb das Land der Ruhe erben.
Dann wird als Argument das Schöpfungswerk herangezogen, in dem nämlich das „Land der Ruhe“ begründet ist: Gott hat in sechs Tagen alles geschaffen und am siebten Tag geruht „von all seinen Werken“. Das ist nicht einfach nur eine Analogie, die hergestellt werden soll in Bezug auf die Christen, die nach den sechs Tagen ihres irdischen Daseins voller Arbeit, Unrast und Mühe in den ewigen Sabbat ihres Lebens treten dürfen, in die ewige Ruhe bei Gott. Mithilfe dieser Argumentation wird den Christen zugesagt, dass dieses ewige Land der Ruhe, das Himmelreich von Erschaffung der Welt an bereits für sie bereitliegt! „Die Werke“ sind „seit Erschaffung der Welt getan“.
Das Land der Ruhe, das Himmelreich, erlangen wir also dann, wenn wir einen gläubigen Gehorsam vorzuweisen haben. Es geht nicht einfach um ein für wahr Halten des Evangeliums theoretischer Art, sondern um ein gehorsames Halten der Gebote Gottes. Wenn wir ihm ganz vertrauen, der nur das Beste für uns will, werden wir dieses Land erben.
Die Väter in der Wüste werden hier nicht deshalb zum Vergleich herangezogen, um pauschal den Alten Bund zu verurteilen im Sinne: „Weil die Israeliten ungehorsam waren, ist der Alte Bund nun endgültig abgeschlossen.“ Vielmehr geht es darum, die Konsequenz des Ungehorsams aufzuzeigen: So wie es jene Generation getan hat, soll es bei den Christen nicht sein. Denn auch sie können das Erbe dieses himmlischen Landes verspielen. Aufgrund des Ungehorsams gegenüber Gott kann man aus dem „Testament“ gestrichen werden.
Die Christen sollen sich also darum bemühen, in das Land der Ruhe zu kommen. Jesus sagt in den Evangelien, dass wir alles daran setzen sollen, durch die enge Tür zu gelangen. Das Himmelreich zu erreichen ist wirklich kein Kinderspiel, sondern ein harter Kampf bis zum Schluss.

Ps 78
3 Was wir hörten und erfuhren, was uns die Väter erzählten,
4 die ruhmreichen Taten des HERRN und seine Stärke, die Wunder, die er getan hat.
6 Sie sollen aufstehen und es ihren Kindern erzählen,
7 damit sie ihr Vertrauen auf Gott setzen, die Taten Gottes nicht vergessen und seine Gebote bewahren
8 und nicht werden wie ihre Väter, ein Geschlecht voll Trotz und Empörung, ein Geschlecht, dessen Herz nicht fest war und dessen Geist nicht treu zu Gott hielt.

Als Antwort auf die Lesung beten wir Ps 78, einen Psalm des Leviten Asaf, der für den Lobpreis am Heiligtum zuständig war. In Ps 78 wird eine geschichtliche Rückschau vorgenommen, wobei es darum geht, die vergangene Geschichte als Lektion zu sehen. Es werden also durchaus negative Erfahrungen und Fehler thematisiert, die nicht wiederholt werden sollen. Asaf erklärt zu Beginn des Psalms auch den Anlass und Zweck seines Liedes: Gott hat die Väter beauftragt, alles ihren Kindern zu erzählen, damit die Geschichte nicht vergessen wird. Nicht nur die Fehler sollen erzählt werden, sondern vor allem die ruhmreichen Taten des Herrn, die vielen Wunder und Heilstaten. Wenn die nachfolgenden Generationen diese nicht aus dem Blick verlieren, werden sie auch nicht so schnell undankbar werden.
Sie sollen dadurch auch in ihrem Vertrauen auf Gott gestärkt werden, damit sie gehorsam und vertrauensvoll seine Gebote halten. Das ist ein wichtiger Aspekt, der uns auf die Wundertaten Christi führt: Immer wieder lesen wir in den Evangelien, vor allem im Johannesevangelium, dass er die Taten vollbringt, damit die Menschen zum Glauben an ihn kommen. Er tut z.B. sein erstes Wunder in Kana, um seine Herrlichkeit zu offenbaren und seine Jünger glauben an ihn (Joh 2,11). Gott möchte mit seinen Heilstaten also den Glauben seines Volkes stärken.
Es soll mit den nachfolgenden Generationen des Volkes Israel nicht so sein wie damals, als die Väter in der Wüste Gott auf die Probe gestellt haben. In diesem Psalm wird dieses Ereignis reflektiert und bewertet. So erfahren wir, warum es überhaupt dazu kam. Die Diagnose: „ein Geschlecht, dessen Herz nicht fest war und dessen Geist nicht treu zu Gott hielt.“ Die zukünftigen Generationen sollen ein festes Herz und einen treuen Geist haben.
Diese Worte des Psalms betreffen auch uns. Wir sollen von den Erfahrungen unserer Vorfahren lernen, die guten Vorbilder nachahmen und die vergangenen Fehler vermeiden. Wenn wir aus den Fehlern der anderen nicht lernen, werden wir dafür zur Rechenschaft gezogen.

Mk 2
1 Als er nach einigen Tagen wieder nach Kafarnaum hineinging, wurde bekannt, dass er im Hause war.

2 Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort.
3 Da brachte man einen Gelähmten zu ihm, von vier Männern getragen.
4 Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen den Gelähmten auf seiner Liege durch die Öffnung hinab.
5 Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!
6 Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten in ihrem Herzen:
7 Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?
8 Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr in euren Herzen?
9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben! oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Liege und geh umher?
10 Damit ihr aber erkennt, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben – sagte er zu dem Gelähmten:
11 Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Liege und geh nach Hause!
12 Er stand sofort auf, nahm seine Liege und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle in Staunen; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen.

Jesus zieht durch ganz Galiläa. Im heutigen Abschnitt hören wir, dass er nach Kafarnaum zurückkehrt. Es scheint eine Art „Basis“ in der Galiläa-Mission zu sein. Die Menschen erfahren davon und versammeln sich erneut um seinen Aufenthaltsort. Dieser bleibt unbestimmt, aber wir können vermuten, dass es wieder das Haus des Petrus ist.
Es sind so viele Menschen anwesend, dass sie gar nicht ins Haus passen. Sie versammeln sich um das Haus, um „das Wort“ zu hören, das Jesus ihnen verkündet. Er selbst ist das fleischgewordene Wort, das vollständig umsetzt, was es verkündet.
Es ist so voll, dass man einen Gelähmten nebst Trage nicht durch die Tür bekommt. „Not macht erfinderisch“ und diese Menschen meinen es sehr ernst. Sie tun alles, um zu Jesus vorzudringen. Kurzerhand entfernen sie einen Teil des Daches, um Jesus zu erreichen. Sie unternehmen wirklich einiges, um zu Jesus kommen zu können. Dieser sieht, dass ihr Glaube groß ist.
Daraufhin sagt Jesus etwas Unerwartetes: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Die Anwesenden werden sehr irritiert reagiert haben. Erstens werden sie sich gewundert haben, warum Jesus einen Gelähmten nicht heilt, sondern über Sündenvergebung spricht, zweitens kann nur Gott die Sünden vergeben. Jesu Aussage ist also sehr provokativ.
Dementsprechend reagieren einige Schriftgelehrte auch mit Unmut und empfinden Jesu Worte als Blasphemie. Sie haben Jesu Gottheit nicht erkannt und reagieren deshalb so ablehnend. Jesus sieht ihr Herz und möchte sie lehren. Er erklärt ihnen, dass die Sündenvergebung schwieriger ist als die körperliche Heilung. Hier geht es um etwas Existenzielleres, nämlich um das ewige Leben.
Jesus möchte den Anwesenden zeigen, dass er der Messias ist, der Sünden vergeben kann. Er hat dazu die Vollmacht vom Vater erhalten. Dies ist wichtiger als alles andere, denn die Sünde schneidet uns von Gott ab, sodass wir das ewige Leben verlieren – das Land der Ruhe, um es einmal mit den Worten des Hebräerbriefes zu sagen. Jesus geht es immer, wirklich immer zuerst um das Reich Gottes (so wie er es uns verkündet, lebt er es vor). Dann erst kommt als „Bonus“ körperliche Heilung – auch gerade dann, wenn diese vom seelischen Zustand des Betreffenden abhängt.
Jesus möchte diese Reihenfolge den Menschen verdeutlichen und heilt deshalb zunächst die Seele, die Gottesbeziehung des Gelähmten, und erst dann die Lähmung selbst.
Diese Heilung ist wirklich wörtlich zu nehmen. Bis heute heilt Jesus Menschen, auch Gelähmte. Ich habe selbst mit eigenen Augen gesehen, wie ein Mann, der einen Motorradunfall hatte und kaum beweglich war – also halb gelähmt – von einem Moment auf den anderen ganz gesund war. Er konnte sich wieder ganz bewegen. Dies geschah erst, nachdem er eine gute Beichte abgelegt hat. Es war genauso wie im heutigen Evangelium. Darüber hinaus können wir die Lähmung des Mannes auf moralischer Ebene betrachten, ohne die wörtliche zu entkräften: Die Sünde legt den Menschen lahm. Er kann nicht mehr gegen den Bösen ankämpfen, sondern ist eigentlich ein Fall für das Lazarett. Der Böse ist aber nicht so fair und verschont ihn, sondern macht den Menschen ja gerade hilflos. Gott richtet uns auf, wenn wir das Sakrament der Versöhnung in Anspruch nehmen. Dann tut er mit unserer Seele genau das, was wir immer wieder von Jesus lesen: Er fasst uns bei der Hand und richtet uns auf. Wenn wir durch die Beichte wieder mit Gott versöhnt sind, sagt er zu uns „geh nach Hause“, das heißt zurück in die Gemeinschaft der Kirche. Und wenn wir im Stand der Gnade sterben, kann Gott auch uns am Ende unseres Lebens sagen: „Geh nach Hause“, nämlich zu ihm in sein himmlisches Reich.
Gerade mit Blick auf die anderen Lesungen des heutigen Tages ist hier noch etwas Wichtiges herauszustellen, nämlich warum die Sündenvergebung Priorität hat: Der Mensch kann nur dann in das Land der Ruhe, wenn er im Stand der Gnade ist. Der Gelähmte und seine Angehörigen beweisen ihren großen Glauben durch ihr Verhalten. Sie haben wirklich die Sehnsucht und trauen Christus zu, dass er den Gelähmten heilen kann. Sie tun deshalb alles für die Begegnung mit Jesus. Erst die Sündenvergebung bringt den Mann wieder in den Stand der Gnade. Erst dann kann seine Bitte, geheilt zu werden, erfüllt werden.

Wenn wir ungehorsam sind, also die Gebote Gottes nicht halten und sündigen, beeinträchtigen wir die Beziehung zu Gott. Christus zeigt uns einen Weg auf, zur Versöhnung zu kommen. Es gibt für uns einen Ausweg aus der Abgeschnittenheit vom Land der Ruhe. Aber auch da ist es irgendwann zu spät, nämlich wenn wir sterben. Nutzen auch wir die Zeit der Gnade, nehmen wir die Heilsmittel in Anspruch, um uns mit Gott zu versöhnen, vor allem die Beichte. Tun wir wirklich alles daran, in dieses Land zu kommen, und helfen wir auch unseren Mitmenschen dabei, dieses Zeil zu erreichen. Vermeiden wir die Fehler derer, die verstockt und ungehorsam waren, und orientieren wir uns an denen, die besonders vorbildlich den Weg ins Land der Ruhe gegangen sind – unsere Heiligen, vor allem unsere liebe Mutter Maria. Sie hat gehorsam ja gesagt. Mit ihr an unserer Seite, genauso in Gemeinschaft mit den vielen anderen Heiligen ist der Weg ins Himmelreich viel einfacher! Wir sind nicht allein auf diesem steinigen Weg, der ein steter Kampf ist.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 3,7-14; Ps 95,6-7b.7c-9.10-11; Mk 1,40-45

Hebr 3
7 Darum beherzigt, was der Heilige Geist sagt: Heute, wenn ihr seine Stimme hört,

8 verhärtet nicht eure Herzen wie beim Aufruhr am Tag der Versuchung in der Wüste!
9 Dort haben eure Väter mich versucht, sie haben mich auf die Probe gestellt und hatten doch meine Taten gesehen,
10 vierzig Jahre lang. Darum war mir diese Generation zuwider und ich sagte: Immer geht ihr Herz in die Irre. Sie erkannten meine Wege nicht.
11 Darum habe ich in meinem Zorn geschworen: Sie sollen nicht in das Land meiner Ruhe kommen.
12 Gebt Acht, Brüder und Schwestern, dass keiner von euch ein böses, ungläubiges Herz hat, dass keiner vom lebendigen Gott abfällt,
13 sondern ermahnt einander jeden Tag, solange es noch heißt: Heute, damit niemand von euch durch den Betrug der Sünde verhärtet wird;
14 denn an Christus haben wir nur Anteil, wenn wir bis zum Ende an der Zuversicht festhalten, die wir am Anfang hatten.

Im heutigen Abschnitt aus dem Hebräerbrief hören wir einen Rückblick auf die Situation des Volkes Israels in der Wüste: Es geht um Massa und Meriba, als das Volk Israel Gott auf die Probe gestellt hat (Ex 17). Bei dieser Rückschau wird ein Rückgriff auf Ps 95,7-9 vorgenommen, denn schon dort wird dieses Ereignis reflektiert mit den Worten, die hier in den Versen 7-11 zitiert werden. Das ist der Kern des Problems: Das Volk Israel ist Zeuge so vieler Wundertaten Gottes geworden und hat so viel Segen erfahren, doch es hat immer noch an Gottes Güte und Allmacht gezweifelt. Es ist undankbar geworden. Diese Dinge werden betrachtet aufgrund dessen, was in den vorausgehenden Versen betrachtet worden ist: Das Hören auf den einen wahren Hohepriester Christus, der größer ist als Mose. So wie das Volk Israel nicht auf Mose hörte und murrte, so soll das Volk des Neuen Bundes nicht denselben Fehler begehen und Christus ungehorsam sein. Es soll nicht das Herz verhärten. Die „Wüste“ ist eine Lebenssituation, die jeder Christ einmal durchmachen muss. Und wenn es dann soweit ist, soll man das Gottvertrauen nicht verlieren. Dann ist es an der Zeit, auf die euphorischen Zeiten zurückzuschauen und sich an bereits ergangene wunderbare Heilstaten Gottes zu erinnern. Wenn Gott abwesend erscheint, soll man an seine lebendige Gegenwart zu anderen Zeiten denken und erkennen – das ist jetzt eine wichtige Phase, die man durchhalten muss.
Gott ist nämlich ein Gott des Lebens und wenn er eine Durststrecke zulässt (in Exodus ging es ja tatsächlich um Durst!), dann hat das einen Sinn. Er lässt nicht zu, dass der Mensch verschmachtet, der sich auf ihn verlässt. Und wenn jemand schwach wird, soll der Nächste ihn ermahnen, ganz wie Jesus es auch in den Evangelien erklärt hat.
Es wird auch erklärt, wie man verhärtet wird – nämlich durch den Betrug der Sünde. Wir müssen dies alles immer vor dem Hintergrund der Beziehung zwischen Gott und Mensch betrachten: Wir sind in einer Liebesbeziehung. Wenn wir aber sündigen – und der Böse trickst uns wirklich aus, indem er uns die Sünde schmackhaft macht -, dann stumpft unser Gewissen ab, unser brennendes Herz erkaltet, die Liebe wird immer mehr ausgelöscht. Unser liebendes Herz wird immer härter, bis es ein Herz aus Stein ist.
Wir sollen aber geschmeidig sein, damit Gott mit uns arbeiten kann wie ein Töpfer, der den Ton formt. Wie soll der Herr aber an uns arbeiten, wenn wir so verhärtet sind? Dafür gibt es noch einen anderen Begriff, den Jesus immer wieder auf die Pharisäer und Schriftgelehrten anwendet – die Verstocktheit. Weil sie so verstockt sind, kann Jesus nicht mit ihnen „arbeiten“. Sie lassen sich nichts sagen und können so nicht umkehren. Wer aber nicht umkehrt, kann nicht gerecht werden vor Gott, denn er beharrt auf seine Sünden.
Diesen Zustand kann man auch erlangen, wenn man mit Gott in Gemeinschaft ist. Wir können unsere Taufgnade verlieren, wenn wir uns schwer versündigen und danach an der Sünde festhalten ohne Umkehr. Dann vergessen wir, was Gott uns Gutes getan hat – in erster Linie unsere Erlösung und das ewige Leben! Dann sind wir absolut undankbar, weil wir so leben, als wären wir nie erlöst worden. Was für ein Schlag ist das mitten ins „Gesicht“ Gottes!
Auf den Hohepriester Christus bezogen ist es die schlimmste Form von Undankbarkeit, denn er hat sich selbst geopfert für alle Menschen aller Zeiten. Wenn wir die Erlösung nun zurückweisen, ist das Undankbarkeit und Ungehorsam. Wenn Gott schon so streng mit dem Volk Israel verfahren hat, das auf Mose nicht gehört hat, umso wie viel mehr müssen wir Christen die Konsequenzen zu spüren bekommen, wenn wir demjenigen ungehorsam werden, der viel mehr ist als Mose, nämlich Gottes Sohn selbst?
Durch die Taufe haben wir Anteil an Christus erlangt. Diesen Anteil verlieren wir aber durch Ungehorsam und Verstocktheit, durch schwere Sünde, von der wir uns nicht bekehren. Zum Ende des Abschnitts wird deutlich gesagt, dass die Getauften sich bewähren müssen. Wer nicht an dieser Taufgnade festhält, an der geschenkten Grundlage, wie manche Übersetzungen auch formulieren, hat diesen Anteil an Christus nicht mehr. „Bis zum Ende“ heißt dabei bis zum Lebensende. Es ist eine Aufgabe, bis wir sterben und vor Gottes Angesicht treten.

Ps 95
6 Kommt, wir wollen uns niederwerfen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem HERRN, unserem Schöpfer!
7 Denn er ist unser Gott, wir sind das Volk seiner Weide, die Herde, von seiner Hand geführt. Würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!
8 Verhärtet euer Herz nicht wie in Meríba, wie in der Wüste am Tag von Massa!
9 Dort haben eure Väter mich versucht, sie stellten mich auf die Probe und hatten doch mein Tun gesehen.
10 Vierzig Jahre war mir dieses Geschlecht zuwider und ich sagte: Sie sind ein Volk, dessen Herz in die Irre geht, sie kennen meine Wege nicht.
11 Darum habe ich in meinem Zorn geschworen: Sie sollen nicht eingehen in meine Ruhe.

Wir beten als Antwortpsalm genau diesen Ps 95, der die Exodus-Episode bei Massa und Meriba reflektiert. Zu Beginn erfolgt eine Lobpreisaufforderung an eine Gruppe („Kommt, wir wollen uns niederwerfen“). Gott ist der Schöpfer und verdient allein schon durch die Erschaffung des Menschen sein immerwährendes Lob. Dass der Mensch existiert, hat er Gott zu verdanken. Er hat sich nicht selbst ins Dasein gebracht, er hat sich nicht selbst geboren. Gott ist ein wunderbarer Hirte, der wirklich für sein Volk sorgt – ja für jeden einzelnen Menschen, als ob dieser der einzige Mensch auf der Welt sei! Was König David in Ps 23 komponiert hat, trifft ganz und gar auf Gott zu. Er ist wirklich ein Hirte, bei dem die Herde nichts mangelt.
Damals hat Gott aus einem Felsen Wasser hervorsprudeln lassen. Das ist kein Zufall, dass Gott das Wasser ausgerechnet aus einem Felsen hervorkommen ließ. Das war eine ganz große Lektion und im Nachhinein erkennen wir Christen diesen Typos: Das Wasser ist ein Zeichen des lebendigen Wassers, des Heiligen Geistes! Dass es ausgerechnet aus einem Felsen kommt, ist für uns ein Hinweis auf Mt 16, wo Jesus zu Petrus sagt: „Du bist Petrus, der Fels. Und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Durch den Hl. Geist nahm die Kirche am Pfingsttag ihren Anfang, die Petrus zum Fels in der Brandung hat, damals bei der Pfingstpredigt wie heute mit dem Papst.
Der Psalm ruft zur Dankbarkeit auf, zum Jauchzen „mit Liedern“. Das ist es, was Gott immer verdient hat, egal, ob es uns gerade gut oder schlecht geht, ob wir in der Oase sitzen oder in der Wüste umherirren. Er hat nur Gutes für uns bereit und tut uns nur Heilsames. Wer sind wir, dass wir unser Lob, das ihm immer zusteht, von unserer eigenen Befindlichkeit abhängig machen? Er ist schließlich unser Schöpfer. Dass wir existieren, dafür allein gebührt ihm auf ewig unser Lob. Das allein ist schon Grund genug, dass der Psalm auffordert: „Wir wollen uns niederwerfen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem HERRN, unserem Schöpfer!“
Gott ist keine undurchschaubare Macht, sondern teilt mit uns immer wieder seinen Heilsplan. Er kümmert sich schon damals um seine Herde, die Israeliten. Er kümmert sich auch heute um uns, indem er uns alles Notwendige in unserem Leben schenkt. Weil er ein guter Hirte ist, so wie Jesus es im Johannesevangelium sagt, dürfen und müssen wir auf seine Stimme hören.
Das Volk Israel soll nicht verstockt und verbittert sein wie die Väter im Exodus, als sie Gott auf die Probe stellten, obwohl sie so große Heilstaten gesehen haben. Auch wir sollen angesichts des temporären Dursts nicht Gottes Güte infragestellen, sondern fragen: „Was hast du mit mir vor? Wofür ist diese Situation gut?“ Wir sollen uns an die Zeiten erinnern, in denen Gott uns überreich getränkt hat, in denen er uns so große Heilszeichen erwiesen hat. Davon sollen wir in Mangelzeiten zehren. Und so wie Jesus sollen wir uns in diesen Zeiten noch mehr an Gott klammern, als er am Kreuz hing und die absolute Gottverlassenheit verspürte. Dann sollen auch wir den Dialog suchen und beten „mein Gott, mein Gott!“ Dann wird dieser unser Vertrauen reich belohnen, indem er uns in das verheißene Land führt, in dem Milch und Honig fließen – auf Erden in den Stand der Gnade und nach dem Tod ins Himmelreich.

Mk 1
40 Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. 

41 Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will – werde rein! 
42 Sogleich verschwand der Aussatz und der Mann war rein.
43 Jesus schickte ihn weg, wies ihn streng an 
44 und sagte zu ihm: Sieh, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für deine Reinigung dar, was Mose festgesetzt hat – ihnen zum Zeugnis. 
45 Der Mann aber ging weg und verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.

Die Heilstaten Jesu gehen weiter. Gestern hörten wir von der Heilung der Schwiegermutter des Petrus und von den vielen Menschen, die nach dem Sabbat das Haus des Petrus „überschwemmen“. Immer wieder gebietet Jesus den Dämonen, seine Identität nicht preiszugeben. Auch heute wird es um das „Messiasgeheimnis“ gehen, wenn ein Aussätziger geheilt wird. Es handelt sich um einen Menschen, der einen starken Glauben hat. Er versteht, dass Gott kein Automat ist, der so handelt, wie er selbst es will. Er versteht, dass seine Heilung von Gottes Willen abhängt. Und deshalb geht er zwar auf Jesus zu und bittet ihn voller Glauben um Hilfe, doch gleichzeitig sagt er „wenn du willst, kannst du mich rein machen.“
Er sagt nicht „wenn du kannst“. Er vertraut auf die Vollmacht des Messias.
Jesus hat Mitleid – hier steht im Griechischen σπλαγχνισθεὶς splangchnistheis. Das heißt auch, er ist barmherzig. So ist Gott, wenn er das Leiden des Menschen sieht. Er sieht es und er leidet mit. Wir liegen ganz falsch, wenn wir meinen, dass Gott gegenüber unserem Leid gleichgültig ist. An Jesus sehen wir, dass das Gegenteil der Fall ist.
Jesus tut dann, was er so oft tut – die Hand ausstrecken und den Menschen berühren. Er ist der Messias und deshalb ist es für ihn kein Problem, etwas kultisch Unreines zu berühren. Aussätzige zu berühren, bedeutete nicht nur eine hohe Ansteckungsgefahr, sondern auch den Ausschluss vom Kult. Da Jesus aber Gott ist, steht er über den jüdischen Gesetzen.
Der Mann wird geheilt, denn es ist der Wille Gottes, dass er nicht mehr leidet.
Dann tut Jesus etwas Entscheidendes: Er sagt dem Geheilten, dass er es erstens geheimhalten soll, zweitens sich gemäß dem mosaischen Gesetz einem Priester zeigen soll, die vorgesehenen Reinigungsopfer darbringen soll. Das alles soll er tun „zum Zeugnis für sie“. 
Zunächst zur Geheimhaltung. Es kann als pragmatische Maßnahme angesehen werden, damit Jesus nicht verurteilt wird, bevor er seine Verkündigungszeit abgeschlossen hat.
Das ganze ist aber vor allem als pädagogische Maßnahme zu betrachten: Jesus möchte den Priestern ein Signal geben, wer er ist. Er ist nie so, dass er einfach herumreist und allen Leuten verkündet „ich bin der Messias“. Er gebietet ja immer wieder den Dämonen, zu schweigen. Wer er ist, zeigt er vielmehr durch sein Verhalten und durch die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung. Jesus möchte also, dass die Priester die wunderbare Heilung des Aussätzigen selbst mit eigenen Augen sehen und davon ausgehend eine messianische Heilstat erkennen. Der Messias, so die Verheißungen des Alten Testaments, heilt alle Krankheiten und Leiden. Dadurch, dass er sich dabei dem mosaischen Gesetz unterstellt, möchte er seine messianische Identität zusätzlich betonen. Als Messias kann er nicht gegen die Juden handeln, sondern ist einer von ihnen. Die Priester sollen auch sehen, dass Jesus sich nicht verschuldet. Er ist gehorsam.
Jesus hat noch eine andere Lektion zu erteilen, nämlich dem Aussätzigen: Gott heilt uns Menschen, damit wir zu ihm zum Glauben kommen (diesen hat der Mann ja schon) und damit wir in unserer Gottesbeziehung gestärkt werden (Jesus ermöglicht dem Aussätzigen wieder den Gottesdienst und den Kult). Der Mann hat gelernt, dass der Messias über dem mosaischen Gesetz steht. Nun unterstellt sich dieser aber freiwillig dem Gesetz. Das ist Gottes Allmacht. Er ist frei darin, seine Allmacht in Anspruch zu nehmen und frei darin, auf sie zu verzichten. So hat der Allmächtige die Schwachheit des Menschen angenommen, weil er frei ist, auf seine Allmacht zu verzichten – das ist die Macht der Liebe.
Jesu Heilstaten bleiben nicht verborgen, sondern verbreiten sich rasch. Viele Menschen suchen ihn auf, um seine Botschaft zu hören und von ihm geheilt zu werden. Das ist auch im Sinne Gottes und das möchte Jesus ja auch – das Reich Gottes verbreiten. Gott möchte die Messianität seines Sohnes nicht durch explizite Worte, sondern durch Taten offenbaren „ihnen zum Zeugnis“. So werden die Menschen zu Gott heimgeführt, nicht durch bloße Rede.

Wir lernen heute etwas über Verstocktheit und Offenheit. Wer sich selbst verhärtet, mit dem kann Gott nicht arbeiten. Wer nicht an die Allmacht und Güte Gottes glaubt, ist sehr undankbar, weil er als existierendes Wesen bereits überreich beschenkt ist. Gott kann mit dem Aussätzigen arbeiten, weil er sich der Allmacht Gottes öffnet. Er unterstellt sich gehorsam dem Willen Gottes und erlangt deshalb so viel Gnade von Christus, der ihm Gesundheit und kultische Gemeinschaft schenkt. Wie steht es mit uns? Glauben wir an die Güte und Allmacht Gottes? Können wir uns ganz fallen lassen in seine Obhut oder misstrauen wir ihm wie die Väter in der Wüste? Werden wir wieder dankbar und drücken wir dies aus in der Eucharistie – der Danksagung.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 2,11-12.13c-18; Ps 105,1-2.3-4.6-7.8-9; Mk 1,29-39

Hebr 2
11 Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; darum schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen

12 und zu sagen: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen,
13 Siehe, ich und die Kinder, die Gott mir geschenkt hat.
14 Da nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise daran Anteil genommen, um durch den Tod den zu entmachten, der die Gewalt über den Tod hat, nämlich den Teufel,
15 und um die zu befreien, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren.
16 Denn er nimmt sich keineswegs der Engel an, sondern der Nachkommen Abrahams nimmt er sich an.
17 Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hohepriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen.
18 Denn da er gelitten hat und selbst in Versuchung geführt wurde, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden.

Heute hören wir wieder einen Ausschnitt aus dem Hebräerbrief. Gestern wurde die Identität Jesu als neuer Adam anhand einer christologischen Psalmenauslegung von Ps 8 betrachtet. Heute hören wir die Fortsetzung: „Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden“ ist auf Christus und die Menschen zu beziehen, die den Bund eingegangen sind. Das erklärte ich gestern bereits mit der Taufe. Dass Christus durch sein Kreuzesopfer die Menschen unter anderem geheiligt hat, lesen wir auch z.B. in Röm 15,16; 1 Kor 1,2; 2 Tim 2,21.
Auch Christus selbst ist zunächst geheiligt worden vom Vater (Joh 10,36). Er ist auch geheiligt worden durch die Johannestaufe (Joh 1) und auch im Tempel, was wir bald wieder hören, wenn wir das Fest der Darstellung des Herrn feiern (Mariä Lichtmess).
Das Stammen „aus Einem“ ist auf Gott zu beziehen, der zum gemeinsamen Vater Christi und der Menschen geworden ist im Neuen Bund. Diese Gotteskindschaft ist dabei eine Geistige für uns Menschen, denn nur Jesus kann von sich sagen, er ist vom Vater gezeugt. Wir sind dies lediglich durch die Gnade, nicht durch die Natur. Deshalb nennt uns Jesus auch Brüder – also Geschwister. Ein Bund ist immer die Zusammenschließung einer familiären Verbindung: Adam und Eva sind ein Ehebund, Noah ist ein Familienbund, Abraham ist ein ganzer Stammbund, David ist ein Zusammenschluss aller Stämme, Christus schließt zu einem weltweiten Familienbund zusammen. Wir lesen an anderer Stelle im Evangelium, dass Jesus sagt: Wer den Willen meines Vaters tut, ist für mich Bruder, Schwester und Mutter.
„Inmitten der Gemeinde“ hat Jesus den Vater immer wieder gepriesen, besonders als er seinen Jüngern das Vaterunser beibrachte oder als er das hohepriesterliche Gebet im Johannesevangelium betete. Darüber haben wir ja gestern bereits nachgedacht.
Jesus wollte uns von allem erlösen. Weil der Satan aber Macht über unsere schwache Natur hatte, nahm Jesus diese Natur an. Er starb wie wir Menschen sterben als Konsequenz des Sündenfalls. Er erstand jedoch von den Toten, damit die Macht des Teufels gebrochen werde. Der Sieg über den Tod ist schon errungen, aber bisher bleibt dem Satan noch gewisse Macht. Wir sterben noch biologisch, doch unsere Seele kann „auferstehen“. Dies meint das Leben bei Gott. Der seelische Tod ist dagegen die Hölle. Die ersten Menschen, die eine leibliche Auferstehung erleben durften, sind Maria und Jesus, die ersten Geschöpfe der neuen Schöpfung. Dass bis heute der Tod besteht und darin sich Körper und Seele voneinander trennen, ist Folge der Erbsünde, von der Jesus und Maria verschont geblieben sind.
Jesus ist wirklich Fleisch geworden. Das wird hier betont, weil der Hebräerbrief sich an Menschen richtete, die der Irrlehre einer lediglich geistigen Natur Jesu ausgesetzt sahen. Jesus kam ja, um Menschen aus Fleisch und Blut zu erlösen. Deshalb musste auch er Fleisch und Blut annehmen. Er musste „in allem seinen Brüdern gleich sein“. Er ist ja nicht gekommen, um Engel zu erlösen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Wenn er das erlöst, was er selbst durchlebt und annimmt, muss er wahrlich Fleisch und Blut geworden sein. Jesus musste alles selbst erfahren und durchmachen, was die Menschen auch erlitten, selbst die Versuchung. So konnte er stellvertretend gutmachen, was die Menschen verschuldet haben. Er wird im Hebräerbrief in seiner hohepriesterlichen Funktion betrachtet, das heißt, er ist derjenige, der das Opfer seines eigenen Leibes darbringt zur Sühne für die Sünden aller Menschen.

Ps 105
1 Dankt dem HERRN! Ruft seinen Namen aus! Macht unter den Völkern seine Taten bekannt!
2 Singt ihm und spielt ihm, sinnt nach über all seine Wunder!
3 Rühmt euch seines heiligen Namens! Die den HERRN suchen, sollen sich von Herzen freuen.
4 Fragt nach dem HERRN und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit!
6 Ihr Nachkommen seines Knechts Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat.
7 Er, der HERR, ist unser Gott. Auf der ganzen Erde gelten seine Entscheide.
8 Auf ewig gedachte er seines Bundes, des Wortes, das er gebot für tausend Geschlechter,
9 des Bundes, den er mit Abraham geschlossen, seines Eides, den er Isaak geschworen hat.

Der Psalm ist eine Antwort auf dieses Opfer, das der einzig wahre Hohepriester Christus dargebracht hat. Es handelt sich dabei um ein Danklied für Gottes Handeln an Israel. Dieses ist nun über Israel hinaus auf die gesamte Welt auszuweiten.
Der Psalm beginnt wie so oft mit einer Selbstaufforderung zum Lob: „Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen!“ Dieser heilige Name ist es, durch den bis heute Heil und Heilung geschieht. Auch heute gibt es viele Wunder, die in Jesu Namen geschehen, denn er ist ganz gegenwärtig unter den Menschen in der Eucharistie.
„Und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Wir denken an die vielen Situationen des Volkes Israel, in denen es vergaß, was Gott ihm Gutes getan hat. Nachdem er das Volk aus Ägypten befreit hat, kam das große Murren in der Wüste. Das ist ein Negativbeispiel und zeigt, dass das Volk Gottes gute Taten vergessen hat. Und so ist es auch mit den zehn Aussätzigen in den Evangelien. Dort ist es nur ein einziger Geheilter, der zurückkehrt, um Jesus zu danken. Der Mensch neigt zur Undankbarkeit, weil es eine Folge der Erbsünde ist.
„Der dir all deine Schuld vergibt und deine Gebrechen heilt“ – es ist genau diese Reihenfolge, die wir bemerken müssen. Zuerst vergibt Gott uns die Schuld. Dies ist nämlich die wichtigste Form von Heilung – die seelische. Wenn wir wieder mit Gott versöhnt sind und zurückversetzt sind in den Radius seiner Gnade, kann diese uns auch umfassend heilen. Die psychischen und körperlichen Auswirkungen unserer im Kern seelischen Probleme, können nun auch geheilt werden, weil der seelische Kern wiederhergestellt ist. Das erinnert uns an den Gelähmten, der durch das Dach in ein Haus hinabgelassen wird, wo Jesus predigt. Jesus vergibt ihm zuerst die Sünden bevor er ihn von seine Lähmung heilt.
„Fragt nach dem HERRN und seiner Macht“ – die hebräische Verbform דִּרְשׁ֣וּ dirschu ist eigentlich mit „suchet, forscht“ zu übersetzen. Es geht also darum, in allem immer den Herrn zu suchen. Diese Suche bezieht sich nicht auf das Suchen einer verlorenen Sache, sondern auf das Auf-Suchen, auf das sehnsuchtsvolle Streben nach dem Herrn und die richtige Prioritätensetzung – ihn immer als Nummer eins zu sehen.
„Sucht sein Angesicht allezeit!“- auch בַּקְּשׁ֖וּ baqschu kann mit „suchen“ übersetzt werden, aber auch mit „wollen, begehren, bitten“. Beide Sätze sagen etwas Ähnliches aus und sind ähnlich strukturiert, was wir Parallelismus nennen. Dem Menschen soll es immer nach dem Angesicht Gottes verlangen. Es umschreibt, was mit dem Sch’ma Israel zusammengefasst wird (Dtn 6,4ff.), die absolute Gottesliebe und deshalb das stete Interesse daran, ihn besser zu verstehen. Es geht darum, das Herz an ihn zu hängen. Wenn man dies tut, wird das Herz immer wieder Heilung erfahren.
So wie wir schon oft gebetet haben, ergeht auch hier die Aufforderung an uns, Gottes Heilstaten nie zu vergessen („Gedenkt der Wunder, die er getan hat…“). So werden wir nie undankbar und auch nie etwas für selbstverständlich nehmen, was Gott uns schenkt. Wir gedenken der großen Taten Gottes mit dankbarem Herzen in jeder Eucharistie. Wir beten jeden Tag die Psalmen und loben Gott darüber hinaus mit Hymnen und anderen Lobliedern. Gerade die tägliche Eucharistie ist für uns eine beständige Gedächtnisstütze, denn sobald der Mensch die Heilstaten Gottes vergisst, wendet er sich anderen zu, wird lau und lieblos in der Beziehung zu Gott und wird ihm untreu.
Gott ist der Herrscher des Alls und deshalb gilt, was er entscheidet. Alles ist seinem universalen Heilswillen unterworfen, was auch für uns sehr tröstlich ist! Das bedeutet nämlich, dass auch der Böse nur so viel anrichten kann, wie Gott zulässt. Sobald das Ende der Zeiten erreicht ist, wird Gott ihm sofort und ganz ohne Mühe Einhalt gebieten. Er wird den Bösen für immer zerstören und wir werden nie wieder leiden müssen.
Gott ist der Treue, der es wirklich ernst meinte, als er den Bund mit Abraham ewig nannte. Die tausend Geschlechter, die hier genannt werden, sind eine symbolische Zahl, sodass wir nicht anfangen müssen, Geschlechter auszurechnen. Es ist ein Code, der eine sehr lange Zeit umschreibt und im poetischen Kontext der Psalmen als Stilmittel fungiert.
Gott hält seine Versprechen und so dürfen wir gläubig ausharren, bis der verherrlichte Menschensohn wiederkommen wird am Ende der Zeiten. Er hat uns ja versprochen, dass er uns reich belohnen werde, wenn wir bis zum Schluss standhaft und wachsam gewesen sind. Und wenn es in unserem Leben schwer wird, trägt er uns hindurch, der vor dem Heimgang zum Vater sagte: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Mk 1
29 Sie verließen sogleich die Synagoge und gingen zusammen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas.
30 Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen sogleich mit Jesus über sie
31 und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr und sie diente ihnen.
32 Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus.
33 Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt
34 und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu sagen, dass sie wussten, wer er war.
35 In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.
36 Simon und seine Begleiter eilten ihm nach,
37 und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich.
38 Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort verkünde; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er zog durch ganz Galiläa, verkündete in ihren Synagogen und trieb die Dämonen aus.

Wir lesen im heutigen Evangelium die Fortsetzung des gestrigen Abschnitts. Direkt im Anschluss an den Exorzismus Jesu geht dieser mit seinen Jüngern zu Petrus und seinem Bruder nach Hause. Das ganze findet ja in Kafarnaum statt.
Dort tut Jesus nun ein weiteres Wunder, denn er heilt die kranke Schwiegermutter des Petrus. Wir stellen uns vor, wie die fünf Männer bei Petrus zuhause erscheinen und die Schwiegermutter sie eigentlich bewirten muss.
Jesus tut etwas, was wir öfter lesen: Er fasst sie bei der Hand und richtet sie auf. Das ist natürlich zunächst aus praktischen Gründen eine notwendige Geste. Jesus heilt sie, sodass sie nicht mehr niederliegen muss. Er hilft ihr also auf. Gleichzeitig lesen wir dahinter etwas viel Tieferes, genauso bei der Erweckung des toten Mädchens an anderer Stelle: Jesus erfüllt Jes 41 durch diese scheinbar banale Geste und jeder fromme Jude müsste es wie Schuppen vor den Augen fallen: „Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und der zu dir sagt: Fürchte dich nicht, ich habe dir geholfen.“ Durch die Erfüllung der jesajanischen Verheißung muss der fromme Jude aber auch anerkennen, dass Jesus „der HERR“ ist, dass sie eins sind! Das Fieber verschwindet und die Schwiegermutter kann die Gäste bedienen. Auch das ist uns eine ganz große Lehre:
Gott heilt nicht, damit wir ein bequemeres Leben führen können. Gott lässt gerade körperliche Heilung zu, damit wir durch die gewonnene Gesundheit IHM besser DIENEN können. Er tut dies, wenn er einen besonderen Auftrag für den Menschen hat. Darum geht es in erster Linie: um die genesene Person zu berufen und um ihren Glauben zu stärken bzw. den Glauben der Umstehenden.
Übrigens findet diese Heilung an einem Sabbat statt. Das ist eigentlich ein Grund zur Anklage, aber erstens steht Jesus als Messias über dem Sabbat, zweitens können wir davon ausgehen, dass die Schwiegermutter des Petrus in Lebensgefahr schwebt, wo die Heilung an einem Sabbat ausnahmsweise erlaubt ist.
Die ganzen Menschenmassen, die nach Sonnenuntergang zum Haus des Petrus und Andreas kommen, halten sich an die jüdischen Gesetze, denn ab dem Sonnenuntergang ist in jüdischer Zählung der neue Tag angebrochen. Jesus heilt die Kranken und treibt die Dämonen aus, als es also nicht mehr Sabbat ist!
Am nächsten Tag tut Jesus, was er immer nach ausführlichen Heilungen und Verkündigungen tut – allein mit seinem Vater sein. Er füllt sich neu mit der Liebe des Vaters auf. Das ist für die Jünger Jesu eine große Lehre. Sie sollen sehen, wie sie es später selbst tun sollen – vielen Menschen die Liebe Gottes schenken, aber dann in der Zweisamkeit mit Gott wieder auftanken – und zwar nicht körperlich, sondern seelisch. Sie müssen das erst einmal lernen. Deshalb reagieren sie hektisch (sie „eilen ihm nach“) und wollen ihn zurück zu den Menschen bringen, die nach ihm suchen.
Jesus sagt ihnen aber deutlich, dass er sich nicht von den Bewohnern Kafarnaums festnageln lässt. Er ist für alle Menschen gekommen, muss überall das Evangelium verkünden und vor allem: Er kann sich nicht von einzelnen Menschen binden lassen. Das ist die Lebensweise von Geistlichen. Sie gehören keinen Einzelpersonen, sondern sie sind ungebunden. Deshalb sind sie ja auch zölibatär, um sich ganz und gar nur an einen zu binden – an Gott. Es ist natürlich gut für einen Geistlichen, bestimmte Bezugspersonen zu haben, die einen stützen und helfen, aber auch an sie soll er sich nicht binden, vor allem nicht emotional. Ein Priester ist der Vater der ganzen Gemeinschaft der Christen, die eine einzige Familie ist. Jesus zeigt ihnen dadurch noch etwas Anderes: In erster Linie muss der Geistliche ganz und gar in Gott sein. Die Zwiesprache im Gebet, das komplette Versunkensein in der Liebe Gottes, die Kontemplation muss der Ausgangspunkt jedes priesterlichen Dienstes sein. Dann ist es wirklich ein gnadenhaftes Tun, das die Menschen näher zu Gott bringt.
Und so zieht Jesus durch ganz Galiläa, lehrt in den Synagogen – d.h. er legt dort vor allem die Schrift neu aus. Es wird auch explizit gesagt, dass er Dämonen austreibt. Das ist ein wichtiger großer Dienst, den Jesus ausübt. Es ist eine messianische Heilstat, die die Herrschaft Gottes gegenüber dem Reich des Teufels signalisiert. Anhand der Exorzismen sieht man zudem am eindrücklichsten, wie Jesu Befreiung aus der Sklaverei zu verstehen ist. Er will in erster Linie unsere Seele retten, deshalb ist der Exorzismus im Markusevangelium auch das erste Wunder, das überliefert wird. Erst danach kommt die erste körperliche Heilung an der Schwiegermutter des Petrus.

Heute hören wir so einiges über die Heilstaten Gottes und die richtige Reaktion darauf – die stete Dankbarkeit. Wenn wir vergessen, was er uns Gutes getan hat, werden wir lieblos und schaden unserer Beziehung zu Gott. Prüfen wir uns heute, ob wir so manches selbstverständlich nehmen, was Gott uns Gutes getan hat. Gewöhnen wir uns an, dem Herrn täglich für das Geschenk des Tages zu danken, damit wir nicht lau und lieblos werden, sondern unser inneres Feuer der Gottesliebe stets brennt.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 2,5-12; Ps 8,2 u. 5.6-7.8-9; Mk 1,21-28

Hebr 2
5 Denn nicht Engeln hat er die zukünftige Welt unterworfen, von der wir reden,

6 vielmehr bezeugt an einer Stelle jemand: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, oder des Menschen Sohn, dass du dich seiner annimmst?
7 Du hast ihn nur ein wenig unter die Engel erniedrigt, mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt,
8 alles hast du ihm unter seine Füße gelegt. Denn indem er ihm alles unterwarf, hat er nichts ausgenommen, was ihm nicht unterworfen wäre. Jetzt aber sehen wir noch nicht, dass ihm alles unterworfen ist,
9 aber den, der ein wenig unter die Engel erniedrigt war, Jesus, ihn sehen wir um seines Todesleidens willen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt; es war nämlich Gottes gnädiger Wille, dass er für alle den Tod erlitt.
10 Denn es war angemessen, dass Gott, für den und durch den das All ist und der viele Söhne zur Herrlichkeit führen wollte, den Urheber ihres Heils durch Leiden vollendete.
11 Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; darum schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen
12 und zu sagen: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen.

Heute hören wir wieder einen Ausschnitt aus dem Hebräerbrief. In diesem betrachtet der Autor Psalm 8 mit christologischen Augen, um die Erniedrigung Christi und seine wahre Macht herauszustellen. „Die zukünftige Welt“, von der hier die Rede ist, meint das Gottesreich, das am Ende der Zeiten offenbar werden und sich endgültig gegen den Bösen durchsetzen wird. Und die Engel werden hier als Vergleichswert angeführt wie im gestrigen Abschnitt gemäß der Argumentation: „Wenn die Engel schon so mächtig sind, wie mächtig ist dann der Herr Jesus Christus erst!“ So werden an dieser Stelle die Verse 5-6 des Psalms 8 aufgegriffen, wo die Macht des Menschen betrachtet wird: Dieser ist so groß, dass er nur wenig geringer als die Engel gemacht worden ist. Dies wird nun auf Christus angewandt, der sich geringer als die Engel machte, der zugleich gekrönt ist mit Herrlichkeit und Ehre, dem alles zu Füßen gelegt worden ist. Das bezieht sich wörtlich ja zunächst auf den Menschen und Ps 8 stellt die Reflexion des Herrschaftsauftrags aus Gen 1 dar. Doch dies wird nun in Hebr auf die zweite Schöpfung bezogen, dessen erster Mensch – dessen neuer Adam Christus ist. Diese Typologie wird im Hebräerbrief immer wieder angewandt!
Der Herr hat diesem neuen Menschen alles unterworfen, auch wenn wir jetzt noch nicht sehen, „dass ihm alles unterworfen ist“.
Herrlichkeit und Ehre Christi sehen wir an seinem Todesleiden. Auch im Johannesevangelium wird die Passion als Weg der Verherrlichung betrachtet, gleichsam als Inthronisation des Königs, dessen Krone aus Dornen besteht. Seine Erhöhung als König besteht in der Erhöhung am Kreuz. Was ihn aber vor allem erhöht hat, ist die sühnende Wirkung seines Leidens und Sterbens. Dieser Weg bis an Kreuz ist Gottes Wille, so stand es schon fest vor aller Zeit.
„Gott, für den und durch den das All ist“ führt uns zurück zu Kol 1,16, wo Paulus diese Aussage explizit auf Christus anwendet. Gott ist der Urheber der Schöpfung und alles läuft auf ihn zu. Er ist der Sinn hinter allem und er ist unser Ziel. Das Ziel ist die ewige Gemeinschaft in seinem Reich. Er hat uns Menschen geschaffen, nicht weil er ohne uns nicht kann, sondern weil er ohne uns nicht sein möchte. Diese ewige Gemeinschaft erlangen wir als Familie Gottes, nämlich wenn wir durch die Taufe zu „Söhnen“ werden – und Töchter.
Christus ist der, der uns heiligt – denn durch sein Erlösungswirken hat er uns die Heiligung erwirkt – und wir sind jene, die geheiligt werden in der Taufe. So werden wir neugeboren im Hl. Geist, aus dem wir nun stammen. Wir erhalten mit der Taufe gleichsam eine geistliche Genealogie und werden zur Familie Gottes. Deshalb nennt uns Christus von da an Brüder (die Schwestern dürfen wir getrost mitdenken). Er wird unser Bruder, weil wir zu Königskindern werden und er der Sohn Gottes ist.
So greift der Hebräerbrief zum Ende hin noch einmal Psalmensprache auf, denn die Wendung „Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen.“ wird in vielen Psalmen verwendet (Miit der Erwähnung der Brüder v.a. Ps 22,22), sehr oft in liturgischen Psalmen. Diese Schlussaussage wird wieder christologisch betrachtet, also auf Christus bezogen, der diese Aussage tätigt! Er preist den Namen seines Vaters vor seinen Brüdern, die nun auch zur Familie Gottes gehören! Dies tut er vor allem in seiner Zeit auf Erden. Wir denken an ganz bekannte Situationen wie damals, als er im Anschluss an die Abschiedsreden das hohepriesterliche Gebet spricht (Joh 17).
Was wir vom Hebräerbrief lernen, sind ganz wichtige Aussagen über die Identität Jesu und seiner heilsgeschichtlichen Rolle, seiner Bedeutung als neuer Adam und dem Herrschaftsauftrag an den neuen Menschen. Was wir aber auch erkennen, ist das biblische Zeugnis für christologische Psalmenauslegung. Denn es wird oft behauptet, dass dies unrechtmäßig, unbiblisch und viel später entstanden sei. Dabei ist diese Art der Bibelauslegung schon im NT grundgelegt, ein Prinzip, das die ersten Christen selbstverständlich vorausgesetzt haben.

Ps 8
2 HERR, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde, der du deine Hoheit gebreitet hast über den Himmel.
5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.
7 Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße:
8 Schafe und Rinder, sie alle und auch die wilden Tiere,
9 die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.

Im Psalm preisen wir nun den Namen Gottes auf der Erde. Es ist genau jener Psalm, den der Hebräerbrief christologisch auslegt. Der Name Gottes liegt auf der Erde wie der Rauch bzw. die Wolke Gottes auf dem Tempel. Gott ist überall und das ist eine Trostbotschaft für uns. Er ist bei uns, die wir seine Schöpfung sind.
Wir betrachten in dem Psalm vor allem die Schöpfung der Menschheit. Die Psalmen reflektieren stets die fünf Bücher Mose. Wie kostbar ist diese für den Herrn, dass er sich ihrer annimmt und eine durchgehende Beziehung zu ihr führt! Die ganze Heilsgeschichte, die wir von der Genesis bis zur Johannesoffenbarung vor uns haben, ist eine einzige Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Er wendet sich seinen Geschöpfen zu und tut alles, um deren (Gegen)Liebe zu erwerben.
Dabei hat der Mensch im Gesamt der Schöpfung eine besondere Stellung. Er ist wahrlich die Krone der Schöpfung, denn „du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.“ Dies wird im Schöpfungsbericht ja dadurch deutlich, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen worden ist. Die ewige Seele ist es, die ihm Herrlichkeit und Pracht verleiht.
„Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße“ – die restliche Schöpfung ist dem Menschen anvertraut, weil dieser befähigt ist, Verantwortung für sie zu übernehmen. Gott legte ihm die Schöpfung aber nicht unter die Füße, damit er sie wie ein Tyrann unterdrücke, sondern wie ein Hirte für sie sorge.
In den letzten zwei Versen werden dann Bereiche der Schöpfung aufgezählt, die dem Menschen anvertraut werden.
All das sind wichtige und gute Ausführungen, werden aber erst dann zur Lesung in Bezug gebracht, wenn der Psalm über den wörtlichen Sinn hinaus in seinem geistlichen Sinn betrachtet wird. Dies hat uns der Hebräerbrief schon vorgemacht:
Der Mensch, den Gott nur wenig geringer als sich geschaffen hat, ist auch mit der neuen Schöpfung gegeben – den Anfang dieser neuen Schöpfung kennzeichnet ebenfalls ein Menschenpaar – Jesus und Maria. Jesus hat diese neue Schöpfung begründet und auch ihm legt der Vater die gesamte Schöpfung unter die Füße – ihm, dem Erhöhten am Kreuz! Er hat ebenfalls einen Herrschaftsauftrag erhalten und wirkt nicht als Tyrann, sondern als guter Hirte, wie er sich auch offenbart hat.
Und diese gesamte Schöpfung ist zusammengefasst in Maria und Johannes, die unter dem Kreuz stehen. Maria ist der Archetyp der Kirche, sie ist das Vorbild der vollkommenen Jüngerschaft und durch die Zuteilung des Johannes zu Maria als Sohn wird Maria zur Mutter aller Glaubenden – sie ist dadurch die neue Eva, die Mutter der Lebenden, nicht mehr der irdisch Lebenden, sondern ewig Lebenden bei Gott.
Jesus Christus ist wahrlich Herrlichkeit und Pracht verliehen worden in einem Maße, den der alte Mensch nicht erfahren hat – schon allein durch den Sündenfall. Wir sprechen hier von Christus in seiner Menschheit, in seiner Gottheit ist er Gott gleich.
Jesus ist der Herrscher über die Schöpfung – die Neugeschaffenen durch den Hl. Geist in der Taufe. Er ist das Haupt und wir die Glieder. Er ist der König des Reiches Gottes.
Und Christus ist dies alles nicht nur für die Menschen: Durch sein Erlösungswirken erlöst er die ganze Welt, auch die Tierwelt, denn diese ist durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares auch ins Chaos gestürzt. Wir lesen bei der Friedensvision des Jesaja davon, wie die Tiere vor dem Sündenfall waren und wie sie mit Neuschöpfung Gottes wieder sein werden.
Es wird eine Versöhnung der gesamten Schöpfung sein!

Mk 1
21 Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte.

22 Und die Menschen waren voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.
23 In ihrer Synagoge war ein Mensch, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien:
24 Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.
25 Da drohte ihm Jesus: Schweig und verlass ihn!
26 Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.
27 Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.
28 Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.

Im heutigen Evangelium hören wir, dass Jesus gleichzeitig verkündet und das Verkündete praktisch umsetzt. Er kommt nach Kafarnaum und geht wie jeder fromme Jude am Sabbat in die Synagoge. Er lehrt dort, aber nicht wie ein gewöhnlicher Rabbi, sondern „wie einer, der Vollmacht hat“. Das Wort ἐξουσία exusia für Vollmacht ist schon im Alten Testament ein Begriff. In Dan 7,14 wird er bereits für den Menschensohn gebraucht (dasselbe Wort in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments), der vom „Hochbetagten“, den Daniel hier sieht, die Vollmacht übertragen bekommt. Auch im Buch Jesus Sirach wird derselbe Begriff schon gewählt, um die Vollmacht ganz auf Gott selbst zurückzuführen. Wir sehen hier den neuen Menschen, den neuen Adam, dessen göttliche Vollmacht analog zum ersten Adam seinen „Herrschaftsauftrag“ darstellt. Wenn die Menschen in Kafarnaum ihn nun in der Synagoge reden hören und hinter seiner Predigt eine Vollmacht erahnen, meint das allerdings eine über menschliche Fähigkeiten hinausgehende Vollmacht – eine von Gott kommende Kraft. Auch wenn Christus als neuer Adam betrachtet wird, sind die beiden nicht ebenbürtig zu verstehen. Christus ist unvergleichlich höher einzustufen!
Die Schriftgelehrten lehren so, wie sie es von ihren Lehrern gelernt haben. Was sie sagen, ist die Tradierung dessen, was schon immer galt. Jesus spricht aber nun ganz neu. Er spricht nicht wie ein Schriftgelehrter, der die Inhalte von seinem eigenen Lehrer übernimmt. Er legt die Hl. Schrift nun ganz neu aus. Die Menschen sind deshalb so erstaunt, weil Jesus vom Hl. Geist erfüllt spricht. Der Geist Gottes ist es, der die Menschen im Innersten der Seele anrührt.
Dann passiert etwas, das die Vermutung der Anwesenden bestätigt. Gott lässt folgende Situation zu, damit die Menschen eine weitere Lektion von ihm erhalten: Sie werden an die Identität Jesu herangeführt und lernen, dass dessen Botschaft und Verhalten absolut deckungsgleich sind. Ein Besessener ist anwesend und der Dämon in ihm konfrontiert Jesus mit seiner Identität. Jesus gebietet ihm zu schweigen. Wir denken zunächst an die ganz pragmatische Begründung, dass Jesus noch nicht direkt festgenommen werden kann, sondern seine Verkündigung erst einmal zuende führen muss. Er tut es auch, damit die Menschen seine Vollmacht ganz konkret sehen, mit der er gepredigt hat. Es ist auch kein Zufall, dass Jesu erstes Wunder hier im Markusevangelium ein Exorzismus ist: Die Dämonenaustreibung ist eine Aufgabe, die die Pharisäer für gewöhnlich vornehmen. Das Procedere ist dasselbe, das bis heute bei Exorzismen gewählt wird: die Kommunikation mit dem Dämon durch den Besessenen erlangen, um den Namen des Dämons zu erfahren. Sobald dieser seinen Namen nämlich verraten hat, ist er entmachtet und die Exorzisten können dem Dämon befehlen, aus dem Besessenen herauszufahren. Bei Jesus ist es jetzt ganz anders. Es ist nicht Jesus, der auf den Besessenen zugeht und den Dämon zum Sprechen auffordert. Der Dämon meldet sich von selbst, was ungewöhnlich ist. Das tun die bösen Geister ja immer nur in der Gegenwart Gottes. Schon dies wird den Anwesenden zu denken gegeben haben. Dann bekennt der Dämon im Mann Jesu Identität – Heiliger Gottes. Das ist ein messianischer Hoheitstitel. Die Dämonen sind als gefallene Engel von Gott geschaffene Geistwesen. Die ganze Schöpfung existiert um Christi willen. Alles ist geschaffen, um ihn anzubeten und ihm die Ehre zu geben. Alles ist „durch ihn und auf ihn hin“ geschaffen. Deshalb kann auch dieser Dämon nicht anders, als ihn zu bekennen, der der Christus ist. Er gehorcht auch seinen Befehlen und fährt aus dem Mann aus. Welche Vollmacht muss dieser Mensch haben, dass sogar die Dämonen ihn bekennen? Das wird den Menschen eine riesige Lehre gewesen sein. So etwas haben sie noch nie gesehen und deshalb verbreitet sich dieses Ereignis in ganz Galiläa. Die Menschen haben ja lange auf den Messias gewartet. Nun kommt einer, der die Verheißungen erfüllt. Das verbreitet sich wie ein Strohfeuer.

Heute lernen wir sehr viel über die Identität Jesu. Er ist der neue Adam, dessen Vollmacht nicht mehr nur die Sorge um die erste Schöpfung umfasst, sondern die Sorge um die zweite Schöpfung! Seine Vollmacht ist eine göttliche. Deshalb vollbringt er große Taten, die den Menschen schon durch die Hl. Schrift angekündigt worden sind. Christus ist Schöpfungsmittler und zugleich das Ziel der ganzen Schöpfung. Wenn wir uns an ihm orientieren, werden wir nicht in die Irre gehen.

Ihre Magstrauss

Montag der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 1,1-6; Ps 97,1-2.6-7.9 u. 12; Mk 1,14-20

Heute beginnt ein neuer Jahreskreis. Zugleich startet die Bahnlesung des Hebräerbriefes, der hochspannend ist!

Hebr 1
1 Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten;

2 am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben von allem eingesetzt, durch den er auch die Welt erschaffen hat;
3 er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt;
4 er ist umso viel erhabener geworden als die Engel, wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt.
5 Denn zu welchem Engel hat er jemals gesagt: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt, und weiter: Ich will für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein?

6 Wenn er aber den Erstgeborenen wieder in die Welt einführt, sagt er: Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.

Wir hören heute den Beginn des Hebräerbriefes, einer interessanten Schrift mit großem Wortschatz, jüdisch-hellenistischem Stil und Auslegungsmethoden, wie sie vor allem in Alexandria gepflegt worden sind – die allegorische Bibelauslegung haben die Alexandriner auf ein ganz hohes Niveau gebracht! Das ist schon ein wichtiges Stichwort, dass wir die Ausführungen richtig verstehen. Es werden nämlich viele alttestamentliche Elemente herangezogen, um sie christologisch auszulegen. Dabei spielt das Prinzip der Typologie eine entscheidende Rolle:
Zunächst wird die bisherige Heilsgeschichte zusammengefasst mit der Aussage: „Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott zu den Vätern gesprochen durch die Propheten.“ Mit den Vätern sind die Autoritäten des Alten Bundes gemeint. Davon zeugt das Alte Testament. Immer wieder wird der Wille Gottes diesen durch die Propheten kundgetan. Was aber auf der Höhe der Zeit geschehen ist, ist qualitativ auf einem ganz anderen Niveau: Gott selbst ist zum offenbarenden Wort für uns geworden! Er hat nicht mehr durch Propheten gesprochen, sondern durch seinen eigenen Sohn! Er ist das fleischgewordene Wort, das den Mund des Vaters verlassen hat. Es ist die authentischste und bildlichste Vermittlung dessen, was Gott ist. Dieser ist der Erbe – er ist gleichsam der Kronprinz des Reiches Gottes! Er war auch bei der Schöpfung dabei, denn durch ihn ist alles geschaffen worden. Er ist der Schöpfungsmittler als Exekutive des Vaters – er ist ja das gesprochene Wort des Vaters, der Logos, durch den die Schöpfungstaten in Gang gesetzt worden sind. Er ist die Logik hinter den Naturgesetzen, er ist die Systematik hinter allen Abläufen in der Schöpfung. Er ist die Ordnung von Fauna und Flora, von Himmelskörpern und Gravitation, von allem!
Wie bereits gesagt ist der Sohn das Bild des Vaters. An ihm erkennen wir Gott am besten, denn er ist „der Abglanz seiner Herrlichkeit“. Das gesprochene Wort erkennen wir auch an dem irdischen Wirken Jesu, denn auch er vollbringt seine Heilstaten durch das gesprochene Wort. Er ruft „talita kum“ der toten Tochter des Synagogenvorstehers zu. Er sagt: „Ich will es. Werde rein“ zu dem Aussätzigen. Er sagt zu dem Gelähmten, der auf einer Bahre von einem Dach aus hinabgelassen wird: „Steh auf, nimm deine Liege und geh nach Hause!“ Jesus heilt durch sein gesprochenes Wort. Der Gelähmte, der vom Dach hinabgelassen wird, lehrt uns den nächsten Aspekt, der im Hebräerbrief thematisiert wird: Christus vergibt die Sünden. Dies tut er bereits zu Lebzeiten, indem er dem Gelähmten zuerst die Schuld vergibt und ihn erst dann von seiner Lähmung heilt. Sünden kann nur Gott vergeben, weshalb viele Anstoß an ihm nehmen, nämlich jene, die nicht an seine Gottheit glauben. Hier wird im Hebräerbrief mit der Reinigung der Sünden aber noch etwas Anderes herausgestellt und an der gesamten Aussage erkennen wir eine Zusammenfassung der Heilstaten Christi: Es geht um die Erlösung, die er durch Leiden, Tod und Auferstehung erwirkt hat. Er ist für uns am Kreuz gestorben, um die Sühnung der Sünden aller Menschen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erlangen! Der Hebräerbrief erklärt den Sühnetod Jesu Christi sehr ausführlich.
Jesus hat diese Sühne erwirkt und alle, die seine Erlösung annehmen und sich als Zeichen des Glaubens an ihn taufen lassen, werden neugeschaffen zu einer neuen Schöpfung. Jesus Christus weilte noch einige Zeit auf Erden nach seiner Auferstehung, bevor er zum Vater heimkehrte. Wir beten deshalb auch im Glaubensbekenntnis: „Er sitzet zur Rechten Gottes, des Vaters.“ Seine Entäußerung ist weggenommen, seine „Nichtinanspruchnahme“ der Göttlichkeit ist zuende. Er hat das Werk der Erlösung vollbracht und ist nun wieder voll der Herrlichkeit. In dieser wird er wiederkommen am Ende der Zeiten und alle werden es sehen.
Seine Herrlichkeit ist unvergleichlich größer als die der Engel. Diese sind zwar stark und ebenfalls verklärt, doch sie sind Geschöpfe. Er ist Gott. Sein Name ist heilig, heiliger als die Namen der Engel.
Kein Engel ist Sohn Gottes wie er. Er ist der einzige Sohn des Vaters und eins mit diesem. Da kann kein Engel, auch nicht der hellste, schönste und mächtigste unter ihnen, mithalten.
Und wenn Gott seinen Sohn wieder in den Erdkreis einführt – gemeint ist am Ende der Zeiten, wenn Christus wiederkommt – dann sollen die Engel ihn anbeten. Dies meint die Geste des Niederwerfens. Diese letzte Aussage ist zwei alttestamentlichen Bibelstellen entnommen, Dtn 32,43 und Ps 97,7 nach der Septuagintaversion (dem griechischen Alten Testament). In der hebräischen Bibel steht in Dtn an der Stelle nicht die Anbetung der Himmel (deshalb hier im Hebräerbrief die Engel, denn diese sind die Lebewesen des Himmels), sondern die Völker. Der Hebräerbrief greift die Verheißungen des Alten Testaments auf, die besagen (ob Himmelswesen oder Lebewesen auf der Erde), dass alle die Ehre dem einen wahren Gott geben werden. Dann werden alle erkennen, dass es nur diesen einen wahren Gott gibt und er der Herrscher des ganzen Universums ist, Herr des Himmels und der Erde, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Psalm 97 wird uns nun auch als Antwortpsalm begegnen, der die Grundlage des Schlussaspekts im Hebräerbrief bildet.

Ps 97
1 Der HERR ist König. Es juble die Erde! Freuen sollen sich die vielen Inseln.

2 Rings um ihn her sind Wolken und Dunkel, Gerechtigkeit und Recht sind die Stützen seines Thrones.
6 Seine Gerechtigkeit verkünden die Himmel, seine Herrlichkeit schauen alle Völker.
7 Alle, die Bildern dienen, werden zuschanden, die sich der Götzen rühmen. Vor ihm werfen sich alle Götter nieder.
9 Denn du, HERR, bist der Höchste über der ganzen Erde, hoch erhaben bist du über alle Götter.
12 Freut euch am HERRN, ihr Gerechten, dankt seinem heiligen Namen!

Als Antwort betet die Kirche einen Lobpsalm. Gott ist König und ist als Mensch gewordener Messias zu uns gekommen. Gottes Königsherrschaft, so wird Jesus als Erwachsener erklären, ist nicht von dieser Welt, wie gesagt ist er der Herr des ganzen Universums, vor allem aber ist er König des Gottesreiches, doch fühlen sich mit Jesu Geburt die irdischen Herrscher bedroht. Herodes lässt sogar alle erstgeborenen Söhne bis zum zweiten Lebensjahr umbringen, damit der Messias ihm den Königsthron nicht streitig macht. Wir glauben, dass Gott über allen Königen steht und der Weltenherrscher ist. Dies bejubeln wir heute als gesamte Menschheit („es juble die Erde“). Auch „die vielen Inseln“ sollen sich freuen. Weltweit soll das Lob Gottes erschallen.
Gottes Thron wird von „Gerechtigkeit und Recht“ gestützt. Das ist sehr bildhaft geschrieben und ist auf Gottes Herrschaft zu beziehen: Diese gründet auf Gerechtigkeit und Recht. Wenn Gott richtet, ist es immer gerecht und berücksichtigt jene, die auf Erden Ungerechtigkeit erfahren haben. Deshalb ist Gottes Gericht auch eine Erlösung für die Menschen. „Wolken“ sind uns als Theophaniezeichen bekannt. Immer dort, wo Gottes Herrlichkeit im AT sowie NT sich auf etwas hinabsenkt, kommt eine Wolke oder Wolkensäule. Manchmal wird es als Rauch beschrieben. Die Nennung von Dunkelheit ist nicht ganz wörtlich. Eigentlich heißt das hebräische Wort עֲרָפֶל arafel nicht Dunkelheit, sondern Nebel. Beides – „Wolke“ und „Nebel“ stellen Theophaniezeichen Gottes dar, also Phänomene, die seine Gegenwart anzeigen.
Gottes Herrlichkeit schauen die Völker. Dabei sind allgemein alle Völker gemeint, nicht nur die Stämme Israels. Das hebr. הָעַמִּ֣ים ha’ammim „die Völker“ ist ein allgemein gehaltenes Wort.
Gott ist der Höchste und der einzige, den die Menschen anbeten dürfen. Alle, die dagegen Kultbilder anbeten, werden schwer bestraft. Götzendienst ist die schlimmste Sünde, die es für Gott gibt, der ein eifersüchtiger Gott ist. Nicht umsonst ist es das erste Gebot des Dekalogs. „Vor ihm werfen sich alle Götter nieder.“ Wir können es rhetorisch oder als poetisches Stilmittel sehen (die Nichtigkeiten, die es gar nicht gibt, verbeugen sich vor dem einzig wahren Gott) oder es ist wirklich wörtlich gemeint. Denn zu einer bestimmten Zeit verstanden die Menschen schon, dass Gott der Höchste ist, doch schlossen die Existenz anderer Götter nicht aus. Erst nach dem Exil kommt die Erkenntnis, dass es eigentlich nur einen einzigen Gott gibt und die Götter der anderen Völker nur Illusionen sind. Je nachdem, was man hier für einen Erkenntnisstand voraussetzt, muss man es verstehen. Für uns Christen ist klar, dass dies sinnbildlich zu verstehen ist: Es gibt nur einen einzigen Gott und alles andere ist Götze. Diese Aussage ist gleichsam als Steigerung zu verstehen, denn Gott ist nicht nur anzubeten von allen Lebewesen auf Erden, sondern sogar von den Göttern des Himmels. Das zeigt, dass er wirklich Herr ist über das ganze Universum, über die sichtbare und die unsichtbare Welt. Dieser siebte Vers liegt der Passage aus dem Hebräerbrief zugrunde. Die „Götter“ beten Gott an, also die Himmelsbewohner. Er ist wahrlich der Höchste.
Zum Schluss erfolgt ein Lobpreisaufruf Gottes. Das ist typisch für Psalmen und auch wir dürfen uns angesprochen fühlen. Der Herr wird seinem Namen immerzu gerecht, er rettet und heilt. Er ist zugleich heilig, weil er der ganz Andere ist.

Mk 1
14 Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes 
15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!
16 Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihre Netze auswarfen; sie waren nämlich Fischer. 
17 Da sagte er zu ihnen: Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. 
18 Und sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach. 
19 Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. 
20 Sogleich rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.

Im Evangelium hören wir von den Anfängen der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu. Er beginnt damit, als Johannes ins Gefängnis geworfen wird. Der Kern seiner Verkündigung von Anfang an besteht aus Umkehr und Glaube, weil das Reich Gottes nahe ist (Vers 15). Ohne beide Elemente können wir nicht Teil des Gottesreiches werden. Es ist zugleich so einfach und doch so schwer in der Umsetzung. Die Umkehr ist so ziemlich das Unattraktivste, das man verkündigen kann. Umkehr ist anstrengend und unbequem. Man muss sein Leben ändern, um die Beziehung zu Gott zu retten.
Warum ist „die Zeit (…) erfüllt“ und „das Reich Gottes (…) nahe“? Es hängt mit der Person Jesu Christi ganz eng zusammen. Er ist nun mitten unter den Menschen, wodurch das Reich Gottes selbst angebrochen ist.
Jesu Existenz führt die Menschen immer zur Entscheidung. So appelliert er an sie „kehrt um und glaubt“. Nun liegt es an ihnen, dies zu befolgen und das Reich Gottes zu gewinnen oder ihn abzulehnen und mit ihm das Himmelreich.
Wie Simeon im Tempel angekündigt hat, wird Jesus zum Maßstab, an dem sich die Geister scheiden. Dies hat sich bis heute nicht geändert. Tag für Tag müssen wir dem Herrn aufs Neue unser Ja schenken, indem wir umkehren und an ihn glauben. Die tägliche Umkehr heißt, den gestrigen Menschen abzulegen und heute alles daran zu setzen, einen weiteren Schritt zur Heiligkeit zu machen: heute die Sünde zu vermeiden, die ich gestern noch getan habe, und die Liebe zu Gott und zu dem Nächsten besser umzusetzen.
In der Kirche geschieht die Umsetzung dessen, was Jesus hier sagt, durch die Taufe, die das sichtbare Zeichen des inneren Glaubens ist. Im Taufritus widersagt man dem Bösen mit seinen Versuchungen und wird daraufhin nach dem Glaubensbekenntnis gefragt. Durch diese Elemente wird die Umkehr (in Form von Abkehr vom Bösen) sowie der Glaube (an den dreifaltigen Gott) umgesetzt. Das angebrochene Reich Gottes wird sakramental durch die Gemeinschaft der Gläubigen (der Kirche) vorweggenommen. Erfüllen wird es sich am Ende der Zeiten, weil es dann für alle offenbar wird.
Gott braucht uns Menschen theoretisch nicht, um Gott zu sein und Liebe zu sein. Er ist ja in sich schon Gemeinschaft. Er möchte uns aber bei sich haben und hat uns zur Liebe geschaffen. Aus dem Grund möchte Jesus auch die Mithilfe von Menschen bei der Verkündigung seiner Reich-Gottes-Botschaft. Deshalb geht er am See entlang (der hier angedeutete See ist der See Gennesaret). Er sieht Simon (den späteren Petrus) und seinen Bruder Andreas sowie die Zebedäusbrüder Johannes und Jakobus bei ihrer Arbeit als Fischer. Es ist kein Zufall, dass er ausgerechnet solche als Jünger auswählt. Fischer sind wie Hirten sehr einfache Berufe, die von Menschen mit geringem Bildungsgrad ausgeübt worden sind. Das schließt jedoch nicht die religiöse Bildung ein, welche in der Regel sorgfältig vonstatten geht. So wie einfache Hirten die ersten Zeugen der Geburt Christi darstellten, so sind es jetzt einfache Fischer, die zur Nachfolge Christi berufen werden. Gottes Pädagogik ist so überragend, dass er auch hier eine ganz bestimmte Berufsgruppe auserwählt hat: In Ezechiel wird der Tempel mit dem lebendigen Wasser verheißen, welches viele Fische und gesundes Meer zur Folge haben wird und die Fischer von „En-Gedi bis En-Eglajim“ viele Fische fangen werden (Ez 47,9-10). Ebenso sollen Simon, Andreas, Johannes und Jakobus sich nun bereit machen, aufgrund des lebendigen Wassers, dem Heiligen Geist, viele „Fische“ zu fangen. Jesus erklärt aber nun, dass er damit Menschen meint. Die auserwählten Jünger sollen von nun an Menschen „fangen“, also gewinnen, die durch das lebendige Wasser in die Fischernetze der Fischer kommen werden.
Womöglich ist den Gerufenen das auch aufgegangen, weil sie sofort alles stehen und liegen lassen (sogar den eigenen Vater Zebedäus), um Jesus nachzufolgen. Es heißt hier im Griechischen εὐθύς euthys, was „sofort“ heißt. Sie zögern nicht. Jesus ruft sie und sagt „kommt und folgt mir nach“. Bis heute beruft er Menschen mit diesen Worten. Er möchte bis heute Menschenfischer für sein Reich haben, denn die „Arbeit“ ist nie abgeschlossen. Das meint zu allererst besondere Einzelpersonen wie Petrus usw. Wir sprechen hier von geistlicher Berufung, in besonderer Weise das übliche Leben zurückzulassen, sogar die biologische Familie zu verlassen, um einer größeren Berufung nachzugehen. Es meint in erster Linie diejenigen, die sich für das Weltpriestertum oder für ein Ordensleben entscheiden.
Darüber hinaus ruft Gott jeden einzelnen Menschen bei seinem Namen. Er ruft nach uns, damit wir zu ihm kommen und ihn zurücklieben, ihn, der uns zuerst geliebt hat. Jeder Mensch, ob er will oder nicht, wird von Gott angezogen und ersehnt ihn in der Tiefe seines Herzens, weil er Abbild Gottes ist. Diese Sehnsucht treibt ihn so lange, bis er das ewige Heil in Christus gefunden hat und sich taufen lässt. Der Geist, das lebendige Wasser, führt die Menschen zu Jesus. Und auch uns ruft der Herr mitten ins Leben hinein, damit wir uns im Hier und Jetzt ändern.

Heute lernen wir etwas darüber, wie Berufung aussieht und wie man auf sie reagieren soll. Diese Berufung erklärt sich mit der heilsgeschichtlichen Zusammenfassung und Besonderheit der Menschwerdung Gottes in Christus, wie es der Hebräerbrief belegt. Die Jünger Jesu sind uns ein großes Vorbild: Könnten wir auch alles stehen- und liegenlassen? Beten wir um geistliche Berufungen in unserer heutigen Zeit! Beten wir auch darum, dass alle Menschen, besonders die Mächtigen dieser Welt, erkennen, wer wirklich das Sagen hat. Beten wir, dass alle Menschen zur Umkehr gelangen und sich niederwerfen vor den Herrn, noch bevor er wiederkommt und die ganze Welt richten wird.

Ihre Magstrauss

9. Januar in der Weihnachtszeit

1 Joh 4,11-18; Ps 72,1-2.10-13; Mk 6,45-52

1 Joh 4
11 Geliebte, wenn Gott uns so geliebt hat, müssen auch wir einander lieben. 
12 Niemand hat Gott je geschaut; wenn wir einander lieben, bleibt Gott in uns und seine Liebe ist in uns vollendet. 
13 Daran erkennen wir, dass wir in ihm bleiben und er in uns bleibt: Er hat uns von seinem Geist gegeben. 
14 Wir haben geschaut und bezeugen, dass der Vater den Sohn gesandt hat als Retter der Welt. 
15 Wer bekennt, dass Jesus der Sohn Gottes ist, in dem bleibt Gott und er bleibt in Gott.
16 Wir haben die Liebe, die Gott zu uns hat, erkannt und gläubig angenommen. Gott ist Liebe, und wer in der Liebe bleibt, bleibt in Gott und Gott bleibt in ihm. 
17 Darin ist unter uns die Liebe vollendet, dass wir am Tag des Gerichts Zuversicht haben. Denn wie er, so sind auch wir in dieser Welt.
18 Furcht gibt es in der Liebe nicht, sondern die vollkommene Liebe vertreibt die Furcht. Denn die Furcht rechnet mit Strafe, wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe
.

Heute hören wir die Fortsetzung des ersten Johannesbriefes. Es geht heute weiterhin um die Konsequenz des Geliebtseins von Gott. Gestern fassten wir als Kern der Lesung zusammen: Unser ganzes Leben soll Antwort darauf sein, dass Gott uns zuerst geliebt hat.
Heute geht es noch weiter: Die Nächstenliebe leitet sich von der Gottesliebe ab.
Es wird sogar noch mehr zugespitzt: Gottes Liebe wird in uns vollendet, wenn wir unseren Nächsten lieben. Das heißt, dass Gott seiner Liebe Ausdruck verleiht durch die Mitmenschen. Dies ist komplementär und ergänzend zu betrachten zu dem, was Jesus z.B. im Matthäusevangelium sagt: Wir tun durch die barmherzigen Taten am Mitmenschen eigentlich Gott einen Dienst (Mt 25, „Was ihr einem meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“). Hier lesen wir jetzt die andere Seite der Medaille: Wenn uns jemand liebt, wenn er uns etwas Gutes tut, ist es eigentlich Gott, der durch diese Person handelt. Das heißt nicht, dass der Mensch keinen Anteil daran hat. Es ist vielmehr ein Teamwork der Liebe, denn Gottes- und Nächstenliebe hängen untrennbar miteinander zusammen. Wir Menschen geben durch die Liebe, die wir unserem Nächsten schenken, unser Ja. Wir entscheiden uns für den anderen, das heißt wir wirken aktiv mit als freiwillige Werkzeuge der Liebe Gottes.
Wenn wir das so tun, sind wir im Stand der Gnade. Dies wird durch diese Wendung ausgesagt, dass Gott in uns ist und wir in ihm. Das macht auch Sinn. Leben wir nach den zehn Geboten, leben wir die Gottes- und Nächstenliebe. Während die ersten drei Gebote die Gottesliebe betreffen, sind die anderen sieben Gebote auf die Nächstenliebe zu beziehen. Gehen Sie mal in Ruhe die zehn Gebote durch…
Ab Vers 13 erfahren wir, woran wir den Stand der Gnade erkennen: Der Geist Gottes wirkt in uns. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass wir im Stand der Sünde den Geist nicht in uns haben. Dabei liegt das nicht daran, dass Gott uns seinen Geist verweigert, sondern dass wir selbst ihn von uns wegschieben.
Ab Vers 14 werden noch einmal die Glaubenswahrheiten angedeutet, die die Kirche bekennt und die von bestimmten häretischen Gruppierungen geleugnet werden: Der Vater hat den Sohn als Retter der Welt gesandt und dieser ist tatsächlich Mensch geworden. Und Jesus ist dieser Sohn, den Gott zur Erlösung hat Mensch werden lassen. Diese Inhalte sind so grundlegend und entscheidend, dass ihre Leugnung zum Verlust des Stands der Gnade führen kann! Das müssen wir wirklich verinnerlichen. Wenn wir die Lehre der Kirche nicht annehmen, die ja nicht einfach gesetzt ist so nach dem Motto „glaub das oder tritt aus!“, sondern die schon geglaubt worden ist vor ihrer verbindlichen Verkündigung als Dogma – geführt durch den Hl. Geist. Jesus ist der Sohn Gottes. Er ist nicht einfach nur ein gewöhnlicher Mensch, wie Arius im 4. Jh. behauptete (das wird hier weniger angedeutet), er ist auch nicht eine „Fata Morgana“ ohne Materie (darum geht es hier vor allem, das ist Doketismus). Die Aposteln und die ganzen Jünger, die seine Augenzeugen waren, haben seinen echten Körper gesehen, sie haben ihn berührt, sie haben ihn essen gesehen. Er ist echt.
Wenn in Vers 16 steht, dass wir die Liebe erkannt und gläubig angenommen haben, deutet das die Taufe an. Wir sind zu seinen Kindern und Erben geworden. Wir haben Gott selbst angenommen und angefangen, ihn zurückzulieben. Gott ist nämlich selbst die Liebe und in der Liebesgemeinschaft mit ihm haben wir den Stand der Gnade geschenkt bekommen.
Das hat Auswirkungen auf unseren Lebensausgang und dadurch auch auf unseren jetzigen Lebensstil: Durch den uns geschenkten Stand der Gnade ist uns die Angst genommen worden (φόβος  fobos). Wir müssen vor dem Gericht Gottes, vor dem Tod und vor dem Ende der Welt keine Angst haben, wenn wir im Stand der Gnade sind. Angst kommt nicht vom Hl. Geist, sondern hängt mit Schuldgefühlen zusammen. Wir haben Angst vor der Strafe, weil wir wissen, dass wir etwas Böses getan haben. Wenn wir uns aber stets um den Stand der Gnade bemühen, haben wir nichts zu befürchten. Dann haben wir Zuversicht, wie es hier in der Einheitsübersetzung heißt. Das griechische Wort ist παρρησία parresia, was eigentlich „Offenheit, Redefreiheit“ bedeutet. Wir werden uns vor Gericht offen und frei rechtfertigen, weil wir auf seine Liebe vertrauen. Das alles ist auch der Grund, warum im Alten Testament das göttliche Gericht so positiv und erleichternd dargestellt wird. Es ist nichts Bedrohliches, sondern eine Erlösung für die ungerecht Behandelten, die aber gerecht vor Gott sind.
Man kann die heutige Lesung mit einem Satz zusammenfassen: Das höchste Ziel im Leben und darüber hinaus ist die Liebesgemeinschaft mit Gott.

Ps 72
1 Für Salomo. Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten. 
2 Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden durch rechtes Urteil.   
10 Die Könige von Tarschisch und von den Inseln bringen Gaben, mit Tribut nahen die Könige von Scheba und Saba. 
11 Alle Könige werfen sich vor ihm nieder, es dienen ihm alle Völker. 
12 Ja, er befreie den Armen, der um Hilfe schreit, den Elenden und den, der keinen Helfer hat. 
13 Er habe Mitleid mit dem Geringen und Armen, er rette das Leben der Armen
.

Diesen Psalm beten wir die Tage besonders oft, weil wir uns erstens noch in der Weihnachtszeit befinden, zweitens weil wir zwischen Epiphanie und Taufe des Herrn stehen.
Gott wird um die Gabe gerechten Richtens gebeten (Vers 1). David bittet auch um die Gabe gerechten Herrschens für Salomo. Es geht aber über seinen Sohn hinaus, wenn wir lesen, dass die Herrschaft von „Meer zu Meer“ und „an die Enden der Erde“ gehen soll. Dies ist für einen israelitischen Herrscher natürlich unrealistisch. Man könnte solche Wendungen hier als rhetorisches Stilmittel erklären, was auch nicht falsch ist. Dennoch lesen wir über den Text hinaus: Hier wird ein übermenschlicher Herrscher erbeten. König David wird sich dessen noch nicht bewusst gewesen sein, was der Hl. Geist ihm im Gebet eingegeben hat, aber hier wird um Jesus Christus gebeten: Nur er ist wirklich ganz gerecht. Das kann ein gewöhnlicher Mensch nicht sein. Er ist wahrlich der Befreier der Armen – und nicht nur materiell, sondern umfassend. Er wird die Randständigen wieder in die Mitte der Gesellschaft setzen wie die blutflüssige Frau oder die Aussätzigen und die Besessenen, die nicht mehr in der Stadt leben durften. Er wird aber vor allem uns alle, die wir durch die Sünde arm sind, befreien von der Knechtschaft der Erbsünde, die uns das Paradies verschlossen hat. Was in den Versen 10 und 11 beschrieben wird, hat sich teilweise bei Salomo erfüllt. Wie oben erwähnt kam die Königin von Saba und bewunderte den Reichtum und die Herrlichkeit des salomonischen Reiches. Sie kam auch mit Gaben. Aber es hat sich mit Salomo nicht erfüllt, dass alle Könige sich ihm unterstellt haben. Das steht auch noch aus, wie wir an der hebräischen Verbform וְיִשְׁתַּחֲווּ w’jischtachavu erkennen. Sie „werden niederfallen“ – und zwar vor dem kleinen Jesuskind in der Grotte von Bethlehem, vor dem Kreuz (der heidnische Hauptmann, der Jesu Gottessohnschaft erkennt), vor dem Leib Christi in der Eucharistie (wir sind aus allen Völkern, Sprachen, Nationen). Die Sterndeuter repräsentieren alle Herrscher dieser Welt sowie die Völker, von denen hier die Rede ist (übrigens wiederum ausgedrückt durch das hebräische Wort gojim).

Mk 6
45 Gleich darauf drängte er seine Jünger, ins Boot zu steigen und ans andere Ufer nach Betsaida vorauszufahren. Er selbst wollte inzwischen die Leute nach Hause schicken. 

46 Nachdem er sich von ihnen verabschiedet hatte, ging er auf einen Berg, um zu beten. 
47 Als es Abend wurde, war das Boot mitten auf dem See, er aber war allein an Land. 
48 Und er sah, wie sie sich beim Rudern abmühten, denn sie hatten Gegenwind. In der vierten Nachtwache kam er zu ihnen; er ging auf dem See, wollte aber an ihnen vorübergehen.
49 Als sie ihn über den See gehen sahen, meinten sie, es sei ein Gespenst, und schrien auf. 
50 Alle sahen ihn und erschraken. Doch er begann mit ihnen zu reden und sagte: Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht! 
51 Dann stieg er zu ihnen ins Boot und der Wind legte sich. Sie aber waren bestürzt und fassungslos. 
52 Denn sie waren nicht zur Einsicht gekommen, als das mit den Broten geschah; ihr Herz war verstockt.

Der heutige Abschnitt aus dem Markusevangelium schließt sich an die wunderbare Speisung von gestern an. Direkt nach diesem Wunder „drängt“ Jesus seine Jünger, mit einem Boot ans andere Ufer nach Betsaida zu fahren. Das Verb ἀναγκάζω anangkazo heißt „zwingen, überzeugen, beweisen“ und muss hier so verstanden werden, dass Jesus sich durchsetzt, obwohl die Jünger davon nicht so begeistert sind. Entweder klingt noch nach, dass Jesus zuvor etwas Absurdes von ihnen verlangt hat („gebt ihr ihnen zu essen“), sodass sie immer noch verwirrt vom Wunder sind, oder es ist etwas ganz anderes, was sehr an das Taborereignis erinnert: Sie wollen nicht weg, weil es so schön ist. Sie haben mit dem Wunder der Speisung von 5000 Männern Gottes Herrlichkeit erahnt und wollen diesen wunderbaren Moment nicht direkt wieder verlassen. Sie sind Augenzeugen geworden, wie wir heute im ersten Johannesbrief gelesen haben.
Die zweite Erklärung macht mehr Sinn. Warum? Jesus tat die ganzen Wunder im Laufe seines irdischen Lebens ja in erster Linie, damit die Menschen zum Glauben an ihn kommen bzw. gestärkt werden. Seine Jünger werden da keine Ausnahme gebildet haben!
Und nun lesen wir auch die Bestätigung dessen, was wir gestern schon vermutet haben: Jesus schickt die Leute nun selbst nach Hause, was die Jünger zuvor ja schon tun wollten. Jesus will von Anfang an niemanden quälen oder das leibliche Wohl vernachlässigen. Das Wunder ist ja nun vollbracht und die Lektion Gottes erteilt worden (die Vorbereitung der Anwesenden auf die Eucharistie und das himmlische Hochzeitsmahl). Jesus wollte die Menschen ja nicht überstrapazieren, indem er sie mitten in die Pampa lockt. Er hat sie genährt – körperlich, aber vor allem seelisch! Nun sollen sie „darüber schlafen“, also alles verarbeiten, was passiert ist.
Dann tut Jesus wieder etwas, das auf den ersten Blick absurd erscheint: Er schickt seine Jünger auf den See, geht selbst aber auf einen Berg. Das muss man richtig verstehen. Jesus zieht sich immer wieder auf einen Berg zurück, um mit seinem Vater zu sein. Jesus könnte es auch anders machen, denn egal, wo er ist, ist er eins mit seinem Vater. Er tut es aber um der Menschen willen. Sie sollen immer wieder die göttlichen Lektionen erteilt bekommen und nach und nach tiefer in das Geheimnis Gottes eintauchen. Seine Jünger sind Juden. Sie wissen aus der Hl. Schrift, dass der Berg der Ort einer besonderen Nähe zu Gott ist. Die wichtigen heilsgeschichtlichen Stationen haben auf einem Berg stattgefunden: Mose erhielt die zehn Gebote auf dem Berg Sinai, Abraham opferte seinen Sohn fast auf einem der Berge im Gebirge Morija. Die Arche Noahs ging auf einem Berg an Land. Elijah hatte ebenfalls eine Gottesbegegnung am Horeb. Man könnte noch ewig so weiter aufzählen. Die Jünger Jesu werden verstanden haben, warum Jesus ausgerechnet nach so spektakulären Wundertaten die Nähe zu seinem Vater sucht. Für uns ist das heute besonders erkenntnisreich: Wir lasen im ersten Johannesbrief davon, dass unser Sinn im Leben genau jene Liebesgemeinschaft mit Gott ist. Wir sehen an Jesu Verhalten heute, wie das konkret aussehen soll. Wir sollen uns im Gebet mit Gott von seiner Liebe umarmen lassen und dabei unseren „Tank“ auffüllen, mit dem wir dann unseren Mitmenschen barmherzig sein sollen. Gestern lasen wir davon, dass Jesus mit den Menschen Mitleid hatte. Er hat diesen Tausenden seine ganze Liebe geschenkt. Und danach geht er wieder zum Vater und tankt neu auf. So sollen auch wir die Liebe, die wir dem Nächsten schenken, immer wieder vom Herrn holen. Sind wir ganz in seiner Gemeinschaft, werden wir selbst zu einer unerschöpflichen Quelle der Liebe. Andernfalls geraten wir sehr schnell an unsere Grenzen.
Jesus schickt seine Jünger alleine auf den See. Auch das ist eine Lektion für die Jünger. Sie sind ja eigentlich gesättigt von der wunderbaren Speise – nicht nur körperlich, sondern auch seelisch. Das war jedenfalls das Ziel der Speisung. Und dann kommt der Gegenwind. Sie nehmen ihre ganze Kraft zusammen, haben aber Probleme, voranzukommen. Gott lässt das zu, nicht weil er sadistisch ist, sondern weil er sie lehren will. Der Unterricht des Tages ist noch nicht zuende. In der vierten Nachtwache, also im Morgengrauen, kommt Jesus auf dem Wasser ihnen entgegen. Ihre Reaktion ist Angst, da sie ihn für ein Gespenst halten. Heute haben wir bereits gelernt, dass Angst nicht vom Hl. Geist ist. Wir brauchen keine Angst zu haben, wenn wir in der Liebe Gottes leben. Deshalb sagt Jesus diesen wichtigen und so oft in der Bibel kommenden Satz „Fürchtet euch nicht!“ Mit Jesu Kommen legt sich der Wind. Das sagt etwas über seine Göttlichkeit aus. Die Schöpfung ist ihm untertan.

Die Jünger haben ihre Lektion nicht gelernt. Es heißt, dass sie verstockt waren. Das griechische Wort πεπωρωμένη peporomene heißt wörtlich „versteinert“ im Sinne von verhärtet. Sie ließen sich nicht formen wie der Töpfer aus Ton etwas Schönes formt. Sie waren nicht bereit, die Lektion Jesu an sich heranzulassen. Die Herzensbildung, um die es Jesus an dem Tag ging, ist gescheitert. Was war denn die Lektion, die Jesus sowohl mit der wunderbaren Speisung und der Bootsepisode erteilen wollte?
Wir fassen noch einmal zusammen: Jesus tut das Speisungswunder, was an die Eucharistie erinnert. Er bereitet seine Jünger auf den Neuen Bund vor, den er beim letzten Abendmahl beginnen und am Kreuz vollenden würde. Dass er dann direkt zum Berg geht und die Jünger alleinlässt, ist demnach die Vorbereitung der Jünger auf die Zeit nach seinem Tod. Er will sie dafür sensibilisieren, dass er sie durch den Kreuzestod für eine kurze Zeit alleine lassen würde, nur um in der „vierten Nachtwache“ von den Toten aufzuerstehen! Er geht auf dem Wasser, um sie darauf vorzubereiten, wie er als Auferstandener die Naturgesetze überwinden und in verschlossenen Räumen erscheinen wird. Er kommt zu ihnen zurück und mit seiner Gegenwart verschwinden ihre Probleme schlagartig. All das hätte sie zur Einsicht oder zumindest zur Erahnung führen sollen, wer Jesus ist.
Jesus will ihnen durch die Lektion noch etwas anderes lehren: Er will sie darauf vorbereiten, was die Eucharistie bedeuten wird. Sie ist seine Gegenwart, auch wenn sie ihn in jetziger Gestalt nicht mehr sehen. Durch diese Gegenwart soll sich ihr Verhalten auch ändern. Sie sollen verstehen, dass er da ist und dass sie ihm genauso vertrauen können, wie als er in Menschengestalt bei ihnen war. Als Jesus zu ihnen ins Boot steigt, vertrauen sie ihm immer noch nicht, sondern sind immer noch bestürzt und fassungslos. Noch sind sie nicht bereit, den Kern der Eucharistie zu verstehen.
Wir lesen die Lektion mehrdimensional. Die Speisung und die sich anschließende Episode erinnert auch an die Fortsetzung: Jesus hinterlässt der Kirche ein Testament, nämlich seinen eigenen Leib. Dann geht er heim zum Vater und beauftragt seine Kirche, in seinem Namen die Verkündigung der frohen Botschaft fortzusetzen. Das Boot/Schiff ist nicht umsonst eine gängige Metapher für die Kirche. Die Gemeinschaft der Gläubigen auf dem Boot müht sich ab in den Stürmen und Gegenwinden der Welt. Sie ist ohne Christus ganz verloren. Vielleicht deutet diese Episode schon die ängstliche Verbarrikadierung der Jünger Jesu an, die erst mit dem Kommen des Hl. Geistes den Mut erhalten, hinauszugehen und das Wort Gottes zu verkündigen. Es lehrt uns heute als Kirche jedenfalls eine deutliche Lektion. Wo wir versuchen, das Boot der Kirche zu steuern, ohne dass Jesus mit im Boot ist, ist unser Schiffbruch vorprogrammiert. Die Gegenwinde sind zu stark, als dass wir aus unserer eigenen Kraft dagegen anrudern könnten. Das betrifft jede Zeit. So war es bei den ersten Christen, so ist es auch gerade heute in den Wirren der Gegenwart. Überlassen wir auch heute als Kirche dem Herrn das Ruder, damit er uns sicher ans andere Ufer bringt, nämlich in das himmlische Jerusalem zum Vater. Die Bootsfahrt der Jünger von einem Ufer ans andere versinnbildlicht somit unsere jetzige Epoche der Kirche von Jesu Bundesschluss bis hin zum Ende der Zeiten. Wir sind in dieser Endzeit und steuern in ganz schlimmen Stürmen auf das andere Ufer zu. Ohne Jesu Gegenwart, das heißt ohne die Eucharistie, sind wir verloren. Falls wir nicht Schiffbruch erleiden, landen wir irgendwo anders, aber nicht im Himmel…Das ist so auch mit jedem einzelnen Menschen, der von einem Ufer ans andere segelt auf dem See seines Lebens. Wir erleiden im Laufe unserer Lebenszeit so viele Stürme und ganz viel Widerstand auf dem Weg zum Himmelreich. Der Böse will uns dort nicht sehen, sondern tut alles daran, dass wir Schiffbruch erleiden. Deshalb versucht er uns immer wieder, damit wir in Sünde fallen. Selbst die „Kleinigkeiten“ bohren winzige Löcher ins Boot, die mit der Zeit immer mehr aufbrechen, Wasser ins Boot laufen lassen und das Schiff zum Sinken bringen können, umso mehr die schweren Sünden. Rudern wir dann aus eigener Kraft wie wild dagegen an, werden wir höchstens aufgerieben und erschöpft. Irgendwann hören wir dann vielleicht sogar auf zu rudern und werden in die entgegengesetzte Richtung getrieben. Sind wir aber in Gemeinschaft mit Gott, wie heute im ersten Johannesbrief beschrieben, steigt Jesus also zu uns ins Boot, dann muss er nur ein Wort sagen und die Stürme legen sich. Laden wir stets Jesus in unser Boot, dann werden wir keinen Schiffbruch erleiden!
Schließlich lesen wir die Bootsepisode anagogisch. Jesus kommt am Ende der Zeiten, also in der letzten Nachtwache, unserem Boot der Kirche bzw. der gesamten Menschheit entgegen. Seine Herrlichkeit wird viele Menschen in Furcht bringen. Wir sollen aber keine Angst haben, sondern unsere Häupter erheben, denn „die Erlösung ist nahe“. Der verherrlichte Menschensohn ist unsere Erlösung, nicht unser Untergang. Wir haben nichts zu befürchten, wenn wir in einer Liebesgemeinschaft sind. Das mussten die Jünger damals noch lernen, das müssen auch wir heutzutage noch lernen. Deshalb steht der schon genannte Satz so oft in der Bibel, nämlich 365 Mal: Hab keine Angst. Er steht für jeden Tag in der Hl. Schrift, damit wir das nie vergessen.

Heute hören wir sehr viel von Gemeinschaft mit Gott. Sie ist das A und O im eigenen Glaubensleben, sie ist es aber auch im Leben der Kirche. Getrennt von Gott können wir nichts tun. Manchmal lässt er uns seine Abwesenheit spüren, damit wir genau daran erinnert werden und ihn wieder ins Boot holen. Er verlässt uns in solchen Phasen aber nicht wirklich, sondern fiebert mit uns mit, dass wir die Lektion verstehen. Sorgen wir dafür, dass unser Herz nicht versteinert ist, sondern sich durch die Lektionen Gottes formen lässt. Dann schwindet unsere Angst und wächst unsere Liebe.
Vertrauen wir Gott, der uns seine ganze Liebe schenkt und unser Boot zum richtigen Ufer bringt.

Ihre Magstrauss

Taufe des Herrn (B)

Jes 42,5a.1-4.6-7 oder Jes 55,1-11; Ps 29,1-2.3ac-4.3bu. 9b-10 oder Jes 12,2.3 u. 4bcd.5-6; Apg 10,34-38 oder 1 Joh 5,1-9; Mk 1,7-11

Jes 55
1 Auf, alle Durstigen, kommt zum Wasser! Die ihr kein Geld habt, kommt, kauft Getreide und esst, kommt und kauft ohne Geld und ohne Bezahlung Wein und Milch!
2 Warum bezahlt ihr mit Geld, was euch nicht nährt, und mit dem Lohn eurer Mühen, was euch nicht satt macht? Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen!
3 Neigt euer Ohr und kommt zu mir, hört und ihr werdet aufleben! Ich schließe mit euch einen ewigen Bund: Die Erweise der Huld für David sind beständig.
4 Siehe, ich habe ihn zum Zeugen für die Völker gemacht, zum Fürsten und Gebieter der Nationen.
5 Siehe, eine Nation, die du nicht kennst, wirst du rufen und eine Nation, die dich nicht kannte, eilt zu dir, um des HERRN, deines Gottes, des Heiligen Israels willen, weil er dich herrlich gemacht hat.
6 Sucht den HERRN, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!
7 Der Frevler soll seinen Weg verlassen, der Übeltäter seine Pläne. Er kehre um zum HERRN, damit er Erbarmen hat mit ihm, und zu unserem Gott; denn er ist groß im Verzeihen.
8 Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des HERRN.
9 So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.

10 Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, 
11 so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.

Am Sonntag nach Epiphanie feiern wir das Fest der Taufe des Herrn. Ganz bewusst wenden wir uns in diesem Jahr den alternativen Lesungen zu, die vorgeschlagen werden. Auch das Evangelium ist in diesem Lesejahr ein anderes: In der ersten Lesung dieses Sonntags geht es um die Einladung Gottes an die Durstigen, bei ihm Erquickung zu finden. Hier geht es um das Leben, nämlich um das ewige Leben. Die Durstigen, die zum Wasser kommen, sind die Menschen, die nach Gott dürsten. Es geht nicht um herkömmliches Wasser, das man zur Durstlöschung des Körpers verwendet, sondern um das lebendige Wasser für die Seele. Jeder Mensch sehnt sich als Gottes Abbild nach ihm, ob bewusst oder unbewusst. Und diese Sehnsucht kann nur Gott wirklich stillen. Wenn wir sie versuchen, woanders zu erfüllen, werden wir sehr unglücklich, denn die irdischen Güter können uns nicht glücklich machen. Die Seele schreit dabei nach Nahrung, denn heutzutage vergisst der Mensch, dass auch diese etwas zu essen braucht. Die Quelle der Seele, die ihren Hunger und ihren Durst stillen kann, ist allein Gott.
Wir verstehen aus christlicher Sicht, was damit gemeint ist: Der Heilige Geist! Dieser ist es, der bei der Schöpfung über der Urflut schwebt. Dieser ist es, der dem Menschen die ewige Seele einhaucht. Dieser ist es, der auch den ersten Menschen der neuen Schöpfung zum Leben erweckt! Das Leben kommt von Gott – nicht nur das biologische Leben, sondern auch das ewige! Auch gerade das Leben in Fülle, das heißt ein gesegnetes Dasein, kann nur Gott garantieren. Was der Mensch alleine versucht, wird ihn nicht glücklich machen. Auf das Volk Israel bezogen ist es die Anbetung irgendwelcher Götzen, die es in die Babylonische Gefangenschaft gebracht hat. Was versucht der Mensch nicht alles, um glücklich zu werden! Wie viel investieren auch wir bis heute in irdische Güter, damit wir uns selbst ein Leben in Fülle beschaffen? Und doch sind die Herzen der Menschen leerer als sonst, weil sie Gott nicht darin haben. Gottes Gnade, die uns glücklich machen kann, die uns das Leben in Fülle schenkt, kostet nichts! Der einzige Preis ist das Hören auf Gott.
„Hört auf mich, dann bekommt ihr das Beste zu essen und könnt euch laben an fetten Speisen! Neigt euer Ohr und kommt zu mir, hört und ihr werdet aufleben!“ Leben wir in Gemeinschaft und Einklang mit dem Willen Gottes, dann werden auch wir ein Leben in Fülle haben! Gott ist ein Gott des Lebens. Jesus hat ihm bis ans Kreuz vertraut. Er hat in allem den Willen seines Vaters getan und so hat dieser ihn von den Toten auferweckt! Dies sei uns ein Beispiel, damit auch wir am Ende leben, auch wenn wir sterben!
Gott ist bereit, einen ewigen Bund zu schließen. Er ist treu und hält, was er verspricht. Dieser Bund, der hier aber angekündigt wird, ist ein universaler Bund, also der neue Bund, der über die zwölf Stämme Israels hinausgeht. Dafür wird er einen Zeugen senden für alle Völker, nämlich seinen eigenen und einzigen Sohn! Dieser wird den neuen Bund besiegeln mit seinem eigenen Bund. Ein neues Gottesvolk wird entstehen, das nicht mehr nur die zwölf Stämme Israels umfassen wird. Dies zeigt uns das hebräische Wort an dieser Stelle: גֹּוי goj, das immer die nichtjüdischen Völker meint. Das Eilen der Nation zu Gott führt uns zurück zum Hochfest Epiphanie, das wir am 6. Januar gefeiert haben. Die Sterndeuter als Repräsentanten der heidnischen Völker eilen zum Jesuskind, um es anzubeten. Am Ende der Zeiten werden alle Völker zum himmlischen Zion kommen, um ihn anzubeten.
Gott ist Geheimnis, teilt sich aber den Menschen mit. Er ist ein sich offenbarender Gott. Das ist es, was Jesaja aussagen möchte, wenn er sagt: „Sucht den HERRN, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!“ Es ist schon zusammengefasst in dem Sch’ma Israel in Dtn 6,4-9. Auch Jesus sagt: Wer sucht, der findet. Gott möchte, dass wir zu ihm kommen, weil er schon längst bei uns ist. Zugleich ist er für die Israeliten jener Zeit auf dem Weg zu ihnen. Der Messias kommt bald und so ist Gott auch von seiner Menschwerdung her nah! Es ist aber auch sakramental und moralisch zu verstehen, die wir nun als Kirche der Ewigkeit entgegen gehen. Auch da ruft uns der Herr dazu auf, ihn von Herzen zu suchen – es meint nicht einfach die Suche nach etwas Verlorenem oder noch nicht Existentem. Es ist vielmehr ein Aufsuchen, eine Sehnsucht und ein Wunsch nach ihm. Es ist das, was Augustinus sein Leben lang getan hat, bis er in der Kirche angekommen ist mit den Worten: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, oh Gott.“ Auch wir Christen sollen Gott in allem suchen und unser Verhalten danach ausrichten, ihm den ersten Platz in unserem Leben zu geben. Die Gottesliebe sowie die Nächstenliebe sollen den Antrieb des Menschen darstellen. Und wenn wir in die Kirche kommen, wo Christus im Allerheiligsten auf uns wartet, sind wir ihm sehr nahe, sogar so nahe, dass wir ihn in uns aufnehmen dürfen in der Kommunion! Dann nimmt er Wohnung im Tempel unseres Herzens, das ist die nächste Nähe, die er einnehmen kann.
Dass Jesajas Worte auch eine moralische Tragweite besitzen, erkennen wir an der Aufforderung: „Der Frevler soll seinen Weg verlassen, der Übeltäter seine Pläne.“ Das Bild des Weges ist eine gängige Metapher für den Lebenswandel des Menschen. Sünder sollen also den Weg der Sünde verlassen und die Gebote Gottes halten. Sie sollen eine Umkehr durchlaufen, damit sie Gottes Barmherzigkeit erfahren können. Dabei lehrt uns Jesaja: Reue und Umkehr sind Voraussetzungen für das Wirken der Barmherzigkeit Gottes in unserem Leben! Wir können nicht davon ausgehen, dass Gott uns schon die Sünden vergibt und beide Augen zudrückt, weil er ja die unendliche Liebe ist. Das wäre ein Missbrauch der Barmherzigkeit Gottes. Gottes Vergebungsbereitschaft ist unendlich, aber wenn wir ihr Schranken setzen, kann er nichts tun. Zu sehr ist ihm unser freier Wille heilig. Und die Barmherzigkeit Gottes muss aktiv angenommen werden durch das Bitten um Vergebung, durch Reue und Umkehr.
Auch wenn Gott sich den Menschen mitteilt und ihnen nahe sein will, wird er nicht zum durchschaubaren Objekt. Er bleibt Geheimnis, der ganz Andere, die absolute Transzendenz. Und seine Vorsehung übersteigt unseren menschlichen Verstand bei weitem. So sagt Jesaja ganz deutlich: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des HERRN.“ Das meint nicht nur die bösen Wege der Sünde, die ganz wesentlich von Gott zu unterscheiden sind. Das meint seinen göttlichen Willen, der autonom ist. Deshalb schließt sich auch der poetische Ausdruck über Himmel und Erde an: Gottes Wege überragen die menschlichen Wege wie der Himmel die Erde. Es heißt auch: Der Mensch denkt, Gott lenkt. Am deutlichsten wird es in unserer eigenen Biographie: Wie viel planen wir und wie oft haben wir unser Leben nicht unter Kontrolle! Dann durchkreuzt eine Krankheit unser Vorhaben, dann stellt sich nicht der erhoffte und erarbeitete Erfolg ein. Vieles läuft anders, als wir es möchten. Und doch wird alles vom universalen Heilswillen Gottes umschlossen.
Das Wirken Gottes wird mit einem meteorologischen Bild verglichen: So wie Regen und Schnee auf die Erde kommen, diese tränken und die Früchte zum Keimen und Wachsen bringen und erst dann wieder in den Himmel zurückkehren, so ist das Wort Gottes ebenso fruchtbar, bringt die gesamte Schöpfung zum Keimen und Wachsen. Durch das gesprochene Wort Gottes geht in der Genesis überhaupt erst alles hervor. Und als das Wort dann Fleisch geworden ist, hat es so viel Frucht gebracht, dass es unzählige Seelen zum Keimen und Wachsen gebracht hat. Erst nachdem er, Jesus Christus, das fleischgewordene Wort, endgültig Frucht gebracht hat am Kreuz und bei der Auferstehung, ist er zum Vater zurückgekehrt. Auch die Kirche ist wie dieses fruchtbringende Wasser, denn sie ist durchtränkt vom Hl. Geist. Sie sendet ihr lebendiges Wasser in alle Himmelsrichtungen hinaus und durchtränkt die ganze Erde. Bis sie zum Vater zurückkehrt am Ende der Zeiten wird sie viele Seelen für ihn gewinnen. Und am Ende der Zeiten wird das lebendige Wasser, der Hl. Geist die ganze zertrümmerte Schöpfung so durchtränken, dass er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird!
Jesus, das fleischgewordene Wort Gottes, hat wahrlich dem Sämann Brot zu essen gegeben. Er hat die Eucharistie gestiftet und nährt seine Sämänner, jeden einzelnen Getauften, aber auf besondere Weise die Geweihten, dadurch dauerhaft. Gott ist so groß, danken wir ihm für sein Wort!

Jes 12
2 Siehe, Gott ist mein Heil; ich vertraue und erschrecke nicht. Denn meine Stärke und mein Lied ist Gott, der HERR. Er wurde mir zum Heil.

3 Ihr werdet Wasser freudig schöpfen aus den Quellen des Heils.
4 Dankt dem HERRN! Ruft seinen Namen an! Macht unter den Völkern seine Taten bekannt, verkündet: Sein Name ist erhaben!
5 Singt dem HERRN, denn Überragendes hat er vollbracht; bekannt gemacht sei dies auf der ganzen Erde.
6 Jauchzt und jubelt, ihr Bewohner Zions; denn groß ist in eurer Mitte der Heilige Israels.

Als Antwort beten wir diesmal keinen Psalm, sondern ein Danklied aus dem Buch Jesaja. Es geht um den Dank der Geretteten vom Zion aus. Es ist kein Danklied, das bereits von jemandem gesungen worden ist, sondern das zukünftig gesungen wird (Vers 1: „An jenem Tag wirst du sagen“). Es hängt zusammen mit der messianischen Verheißung von Jes 11, die vom Spross aus der Wurzel Isais spricht. Was zur Zeit des Jesaja noch aussteht, erfüllt sich mit dem kommenden Messias.
„Siehe, Gott ist mein Heil“. Das kann man wortwörtlich sagen, weil יְשׁוּעָתִי jeschuati „mein Heil“ den Namen Jesu umfasst. Er wird Mensch, um unter uns zu leben! Und weil er so weit geht, nur um uns zu retten, können wir ganz vertrauen. Wir brauchen keine Angst zu haben, so wie Maria ohne Angst alles Gott anvertraut hat. Auch das Volk Israel kann aus Erfahrung sagen, dass Gott es aus der Misere herausgeholt hat, schon aus dem Exil, dann aber auch durch den Messias. Gott war stets Stärke und Lied seiner Braut Israel. Er hat ihr den Rücken gestärkt im Krieg und in der Versuchung. Die Lieder, die David gedichtet hat, sind vom Hl. Geist selbst inspiriert und dadurch eine gesalbte Musik.
Das freudige Schöpfen von Wasser aus den Quellen des Heils wird demnach schon im Buch Jesaja nicht nur wörtlich verstanden. Es handelt sich um das lebendige Wasser, das von Gott kommt und Totes wiederbelebt. Es handelt sich um ein Bild für den Heiligen Geist. Allegorisch verstanden handelt es sich dabei um das Wasser der Taufe, durch das der Mensch zum ewigen Leben wiedergeboren wird. Es ist derselbe Geist, der die Auferstehung Jesu Christi bewirkt hat. Es ist derselbe Geist, durch den wir die Vergebung der Sünden auch nach unserer Taufe erhalten, wenn wir beichten. Und es ist der Geist, der die neue Schöpfung am Ende der Zeiten bewirken wird. Mit ihm ist die Freude verbunden. Sie ist eine Frucht des Heiligen Geistes und deshalb wird die Ewigkeit ein einziges Freudenmahl sein.
Gott hat an den Israeliten schon so viel Gutes bewirkt. Es ist schon jeden Lobpreis wert. In Vers 4 lesen wir einen regelrechten Missionsauftrag. Was Gott an uns Gutes getan hat, muss weitererzählt werden bei den umliegenden Völkern. Freude muss geteilt werden! Und durch die Verkündigung des Namens Gottes werden auch die anderen Völker zum Glauben an diesen Gott des Heils kommen.
Auch Vers 5 ist in dieser Linie zu lesen. Gottes Heilstaten ziehen als einzig angemessene Reaktion den Gesang für Gott nach sich. Die ganze Erde möge von diesem Gott erfahren! Es erinnert uns sehr an die Worte Jesu vor seiner Himmelfahrt. Die Apostel sollen in die ganze Welt hinausgehen und alle Menschen zu seinen Jüngern machen. Dieser Sendungsauftrag hat somit eine lange Vorgeschichte!
Zum Schluss erfolgt ein weiterer Lobpreisaufruf, denn Gott in ihrer Mitte ist groß. Die „Bewohner Zions“ können unterschiedlich ausgelegt werden. Es meint wörtlich zunächst die Bewohner Jerusalems zur Zeit dieser Prophezeiung. Es sind die Verschleppten im Exil, die aus ihrer Misere befreit werden. Zugleich betrachten wir es tiefer und erkennen die Bewohner Zions zur Zeit Jesu. Er ist wahrlich Gott in ihrer Mitte. Wenn er real bei ihnen ist, ist der Bräutigam zur Braut gekommen. Das kann keine Trauerzeit sein, sondern ist Grund zur Freude! Der Tempel ist noch da, aber bald ist er zerstört. Gott ist dann aber in eucharistischer Form in ihrer Mitte – bis heute! „Zion“ ist dann nicht mehr das in Trümmern liegende Jerusalem, das durch die Römer zerstört worden ist, sondern die Kirche. Sie ist der Bau, der aus lebendigen Steinen besteht – die Gemeinschaft der Gläubigen. In ihrer Mitte ist Christus real gegenwärtig in den eucharistischen Gestalten. Wir sehen ihn nicht mehr als Menschen, doch er ist genauso präsent wie damals. Wenn uns dies einmal bewusst wird, können wir nicht mehr anders als in der Heiligen Messe voller Lobpreis im Herzen und auf den Lippen zu verweilen. Eucharistie ist Danksagung. Wir preisen in der Messe Gott für seine Heilstaten auf intensivste Weise. Und wenn wir im Stand der Gnade sind, wohnt Gott mitten in uns. Er nimmt Wohnung in unserer Seele, wenn wir getauft werden. Bemühen wir uns, diesen inneren Tempel nicht zu verunreinigen, und preisen wir den Herrn Tag für Tag! Tun wir dies nicht nur mit unseren Lippen, sondern führen wir ein entsprechendes Leben! Dann sind wir wirklich eine treue und makellose Braut, als die er uns durch den Bundesschluss angenommen hat.

1 Joh 5
1 Jeder, der glaubt, dass Jesus der Christus ist, ist aus Gott gezeugt und jeder, der den Vater liebt, liebt auch den, der aus ihm gezeugt ist.

2 Daran erkennen wir, dass wir die Kinder Gottes lieben: wenn wir Gott lieben und seine Gebote erfüllen.
3 Denn darin besteht die Liebe zu Gott, dass wir seine Gebote halten; und seine Gebote sind nicht schwer.
4 Denn alles, was aus Gott gezeugt ist, besiegt die Welt. Und das ist der Sieg, der die Welt besiegt hat: unser Glaube.
5 Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist?
6 Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist: Jesus Christus. Er ist nicht nur im Wasser gekommen, sondern im Wasser und im Blut. Und der Geist ist es, der Zeugnis ablegt; denn der Geist ist die Wahrheit.
7 Denn drei sind es, die Zeugnis ablegen:
8 der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei sind eins.
9 Wenn wir von Menschen ein Zeugnis annehmen, so ist das Zeugnis Gottes größer; denn das ist das Zeugnis Gottes: Er hat Zeugnis abgelegt von seinem Sohn.

Die zweite Lesung aus dem ersten Johannesbrief reflektiert die Zugehörigkeit zu Gott. Was Christen ausmacht, ist ihr Glaube an Jesus Christus, der eben nicht nur Geist ist und einen Scheinleib hatte (so die Doketisten, gegen die Johannes in diesem Brief die christliche Lehre, vor allem die Christologie klarstellt). Alle falschen christologischen Vorstellungen disqualifizieren den Christen, denn hier heißt es, dass wer an Jesus als den Christus glaubt, aus Gott gezeugt ist. Was heißt aber „aus Gott gezeugt“? In der Taufe sind wir eine neue Schöpfung geworden, neugeboren im Hl. Geist. In diesem Sinne sind wir von Gott gezeugt. Wir hängen nicht mehr der gefallenen Schöpfung an, sondern sind zu Kindern Gottes geworden. Die Liebe zu Christus schließt zugleich die Liebe zum Vater ein, weil Vater und Sohn eins sind. Es gibt viele Irrlehren, die einen Keil zwischen den Vater und den Sohn treiben. Christus sei gemäß Arianern ein Geschöpf, aber nicht selbst Gott. So entfremdet man den Vater und den Sohn voneinander.
Johannes bleibt in der heutigen Lesung aber nicht bei der Gottesliebe stehen, sondern spricht auch die Nächstenliebe an. Beides ist ja miteinander verbunden als Doppelgebot der Liebe. „Wenn wir Gott lieben und seine Gebote erfüllen“, lieben wir die Kinder Gottes, also die Mitchristen. Denn aus der Liebe zu Gott schöpfend, gleichsam trinkend aus der unerschöpflichen Liebesquelle Gottes, können wir auch den Nächsten vollkommen lieben – so sehr, dass wir wie Christus unser Leben für sie hingeben. Die Gebote Gottes halten wir aus Liebe, nicht aus Pflichtgefühl. Das macht die Vollkommenheit und Gerechtigkeit aus, die größer ist als die der Pharisäer und Schriftgelehrten.
Weil Christus selbst die Welt besiegt hat, können wir die Welt besiegen. Dies wird mit einer rhetorischen Frage („Wer sonst…“) formuliert. Die „Welt“ meint in diesem Zusammenhang immer die gefallene Schöpfung, nicht die Welt, wie sie Gott geschaffen hat. Das ist wichtig zu betonen, weil wir Johannes sonst unberechtigterweise einen Welthass oder eine Weltangst unterstellen. Es geht ihm um die gefallene Welt, die vom Bösen infiltriert ist. Diese ist besiegt durch den Glauben an Jesus Christus. Es wird spezifiziert, was mit Glaube gemeint ist: der Glaube an Jesus Christus als Sohn Gottes, also wie er wirklich ist und nicht, wie häretische Bewegungen ihn verzerren. Dieser Glaube ist geknüpft an die Taufe und diese ist heilsnotwendig. Sie ist Zeichen des inneren Glaubens des Menschen. Vers 6 weist dann ein Bild auf, das für uns am Fest der Taufe des Herrn besonders auffällig ist: Jesus kam durch Wasser und Blut. Was ist damit gemeint? Die beiden Stoffe umschreiben die beiden Naturen Jesu. Das Wasser steht für seine Göttlichkeit, da es oft das Bild für den Hl. Geist ist, das Blut für seine Menschlichkeit, weil es für die Genealogie von Menschen steht. Wir können diese Interpretation vor allem dadurch erkennen, dass Johannes das Kommen durch Wasser UND Blut betont und extra sagt, dass Jesus nicht nur durch Wasser gekommen ist. Das behaupten nämlich die Doketisten (Jesus hat keine Materie angenommen). Der Geist Gottes bezeugt diese Wahrheit, weil er selbst Wahrheit ist. Uns ist es vom Geist eingegeben worden, dass Jesu Identität so ist. Und diese Aussage spielt auf die Taufe Jesu an, wo der Geist sich in Gestalt einer Taube auf Jesus hinabsenkt . Damit bezeugt der Geist selbst die Identität Christi.
Alle drei Elemente werden nun ab Vers 7 zu Zeugen: Wasser, Blut und Geist. Das ist interessant, weil wir hier etwas über das Verhältnis Christi zum Hl. Geist erfahren. Sie sind nämlich eins (ἕν εἰσιν). Dies ist analog zu Joh 10,30 zu lesen, wo Jesus die Einheit mit dem Vater ausdrückt (ἕν ἐσμεν).
Johannes möchte zum Ende des Briefes die Adressaten versichern, dass die von der Kirche geglaubte Lehre über Jesu Identität zuverlässig sei, eben weil der Geist Gottes selbst sie bezeugt hat. Stünde es gegen ein menschliches Zeugnis (wie im Fall der Doketisten!), überwiegt das Zeugnis Gottes bei weitem. Gott hat selbst Zeugnis von Jesus abgelegt und wir tragen dieses Zeugnis im Herzen – durch die Taufe. Wir sind ja auf den Vater, den Sohn und den Hl. Geist getauft. Leugnen wir also Jesu wahre Identität, machen wir Gott selbst zum Lügner, der genau diese Identität ja bezeugt hat.
Das Zeugnis besteht im ewigen Leben, das Gott durch seinen Sohn geschenkt hat – die Aussicht auf ein Leben im himmlischen Jerusalem.
„Wer den Sohn hat, hat das ewige Leben“ bedeutet, dass wenn wir Jesus annehmen, wie er ist, in das Reich Gottes eingehen können.
Johannes schließt den Brief also mit der Heilsnotwendigkeit ab, Jesu Identität anzunehmen, die uns Gott selbst offenbart hat: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Schon in den Kapiteln zuvor schreibt Johannes ja, dass wir nur dann im Stand der Gnade sind, wenn wir Jesu Identität annehmen, wie sie die Kirche lehrt. Und diesen Glauben bezeugen wir bei der Taufe!

Mk 1
7 Er verkündete: Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken und ihm die Riemen der Sandalen zu lösen. 8 Ich habe euch mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.
9 Und es geschah in jenen Tagen, da kam Jesus aus Nazaret in Galiläa und ließ sich von Johannes im Jordan taufen.
10 Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel aufriss und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.
11 Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen gefunden.

Im Evangelium hören wir nun von der Taufe Jesu. Oft fragt man sich: Warum muss Jesus sich denn taufen lassen, wenn er selbst doch ohne Sünde ist? Er tut es aus demselben Grund, weshalb er am Kreuz stirbt: Für uns zur Sühne. Dieser Sühneweg beginnt schon mit der Geburt, ja schon mit der Empfängnis im Leib Mariens. Er muss geradestehen für Dinge, die er nicht selbst verschuldet hat, er, der nie etwas verschuldet hat!
Mit der Taufe Jesu werden sein Tod und seine Auferstehung erahnt, denn er taucht unter als alter Mensch – als Leichnam ins Grab gelegt. Er taucht wieder auf als neuer Mensch – als Auferstandener vom Grab erstanden! Nicht umsonst sagt Paulus, dass wir auf Jesu Tod getauft sind. Jesu Taufe ist auch eine Grundlegung dessen, was uns erwartet: die Salbung und die uns zugesagte Gotteskindschaft durch den Vater.
Alles der Reihe nach: Johannes kündigt Jesus an als den Stärkeren. Er ist nicht nur wahrer Mensch, sondern auch und zuallerst wahrer Gott. Das macht ihn unendlich stärker als jeden sterblichen Menschen! Johannes ist ganz und gar in einer demütigen Haltung. Er definiert sich selbst von Christus aus, weshalb er sich nicht einmal würdig findet, einen Sklavendienst an ihm auszuführen: Die Sandalen zu öffnen und auszuziehen. So viel niedriger sieht er sich im Gegensatz zum Messias, den er in seiner Bußpredigt ankündigt!
Jesus kommt von Galiläa an den Jordan zu Johannes. Wir hören davon auch im Johannesevangelium. Johannes weiß, wer Jesus ist und das dieser ohne Sünde ist. Deshalb wundert er sich in der ausführlicheren Version des Matthäusevangeliums auch, als Jesus sich zu den anderen Menschen stellt, um getauft zu werden. Aber es gehört zum Erlösungsplan Gottes, dass dieser sich stellvertretend der Johannestaufe stellt. Warum? Es handelt sich noch nicht um das Sakrament zur Vergebung der Sünden. Das wird es erst mit dem von Jesus gestifteten Sakrament. Hier handelt es sich um einen Bußakt als Vorbereitung auf das Kommen des Messias. Wenn Jesus sich hier also taufen lässt, ist das ein Bußakt stellvertretend für die Menschheit. Jesus entgegnet seinem Verwandten, dem Täufer: „Lass es nur zu.“ Er möchte ihm zu verstehen geben, dass es alles im Plan Gottes ist, auch wenn er es nicht versteht. Johannes lässt es daraufhin zu und tauft Jesus. Bei Markus wird es knapper gefasst. Dort wird einfach berichtet, dass Jesus sich taufen lässt.
Gott offenbart sich nun in dem Moment, als Jesus wieder auftaucht: „Und sogleich, als er aus dem Wasser stieg, sah er, dass der Himmel aufriss und der Geist wie eine Taube auf ihn herabkam.“ Das ist kein Zufall, ebenso wenig wie die Stimme aus dem Himmel, die Jesaja 42 zitiert: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen gefunden habe.“ (das haben wir heute nicht gehört, sondern eine andere erste Lesung. Diese ist aber an Taufe des Herrn auch zur Wahl gestellt). Ein entscheidender Unterschied besteht in dem Wort „Sohn“ statt „Knecht“. Er ist wahrlich der Sohn Gottes. Das Verb für „Wohlgefallen finden“ ist εὐδοκέω eudokeo. Es bedeutet wortwörtlich „zufrieden sein, genehmigen, zustimmen“. Es wird das erste Gottesknechtslied zitiert, wodurch Jesu Messianität begriffen werden sollte. Gott ist wirklich so ein toller Pädagoge, dass er alttestamentliche Verheißungen in den Mund nimmt und so die anwesenden Juden es verstehen können. In Jes 42 wird gesagt, dass Gott seinen Geist auf den Knecht legt. Dies erfüllt sich mit dem Herabsinken des Geistes in Gestalt einer Taufe.
Zugleich passiert etwas Interessantes: Dadurch, dass statt Knecht Sohn gesagt und dann das Verb εὐδοκέω verwendet wird, erinnert das an die Praxis der Beschneidung eines Kindes am achten Tag. Das ist nämlich der Moment, wo der Vater den Namen des Kindes sagt und somit offiziell das Kind als seines annimmt. Der gläubige Jude wird die Taufe Jesu vielleicht schon analog dazu verstanden haben. Durch die Beschneidung wird der Mensch in den Alten Bund hineingenommen, den Gott mit seinem auserwählten Volk geschlossen hat. Was hier passiert, ist analog dazu zu sehen, aber nicht mehr die Beschneidung, sondern die Taufe besiegelt den Bund. Dieser wird erst am Kreuz geschlossen, hier aber schon werden die Menschen darauf vorbereitet, dass es einen neuen Bundesschluss geben wird (dann deutet Jesus mit dem stellvertretenden Bußakt der Johannestaufe schon die sakramentale Taufe an, die seine Apostel später spenden werden).
Exegeten ziehen leider allzu oft den Fehlschluss, dass die Autoren der Evangelien tatsächlich glaubten, dass Jesus erst bei der Taufe zum Sohn Gottes geworden sei. Das ist deshalb falsch, weil sie nicht berücksichtigen, wie Gott pädagogisch vorgeht. Jesus ist schon längst Gottes Sohn, das war er bereits vor der Zeit. Wir müssen den synoptischen Evangelisten den Glauben daran nicht absprechen. Gott offenbart diese heutigen Worte vom Himmel aus um der Menschen willen, um Johannes des Täufers willen. Bei ihnen soll es einen Aha-Effekt geben, indem sie diese Indizien zu einem ganzen Bild zusammenstecken. Hier erfüllt sich die gesamte messianische Verheißung!
Wir haben noch weitere Teilchen, die das Bild vervollständigen. Ich deutete schon vorhin an, dass es kein Zufall sei, dass der Hl. Geist ausgerechnet als Taube auf Jesus hinabsteigt. Hier kommt der Antitypos zu den Wasserfluten in Genesis zum Vorschein: Das Wasser der Taufe Jesu. Jesus taucht stellvertretend für unsere Sünden als Bußakt in den Jordan unter, nicht nur für uns, sondern auch für die Menschen, die bereits in der Sintflut untergetaucht sind. Er ist für alle Menschen gestorben, die jemals geboren wurden, die jetzt leben und die noch kommen werden. Er ist „der Mensch“, der neue Adam, der Stellvertreter der gesamten Menschheit.
Wie die Taube Noah einen Zweig im Schnabel bringt zum Zeichen dafür, dass ein neues Leben möglich ist, so kommt der Geist Gottes als Zeichen des ewigen Lebens auf Jesus hinab. Dieser ist als Aufgetauchter nun gesühnt und bereit für das ewige Leben im Reich Gottes. Das tut er exemplarisch für uns alle. So ist es nämlich mit uns, wenn wir getauft werden in seinem Namen: Unser alter Mensch, der von der Erbsünde belastet ist, stirbt im Wasser und wir tauchen als neue Menschen wieder auf – als Erben im Reiche Gottes. Der Geist kommt auch auf uns herab und auch wir werden mit seinen Gaben gesalbt. Gott nimmt uns offiziell als seine Erben an, an denen er „Wohlgefallen gefunden hat“. Diese Gotteskindschaft ist gewiss eine andere als die Jesu, denn wir bleiben ja Menschen. Es ist eine Kindschaft durch die Gnade Gottes, der uns in seine Liebesgemeinschaft mit hineinziehen möchte.
Auch zum Wasser des Schöpfungsberichts ist eine typologische Brücke zu ziehen: Mit der Taufe werden wir neugeschaffen. Es ist der Beginn der neuen Schöpfung, die am Ende der Zeiten mit dem neuen Himmel und der neuen Erde vollendet wird. Deshalb ist auch bei unserer Taufe der Hl. Geist gegenwärtig, der das neue Leben schafft. Auch bei der Taufe „schwebt er über dem Wasser“ und schafft uns neu.

Erinnern wir uns heute am Fest der Taufe des Herrn an unsere eigene Taufe und danken wir dem Herrn, der er uns bereits neugeschaffen hat im Hl. Geist. So sind wir zu Kindern in seinem Reich geworden, zu Erben, die am Ende dieses irdischen Lebens das Erbe antreten werden, das ewige Leben bei ihm.

Ihre Magstrauss

8. Januar in der Weihnachtszeit

1 Joh 4, 7-10; Ps 72,1-2.3-4b.7-8; Mk 6, 34-44

1 Joh 4
7 Geliebte, wir wollen einander lieben; denn die Liebe ist aus Gott und jeder, der liebt, stammt von Gott und erkennt Gott. 
8 Wer nicht liebt, hat Gott nicht erkannt; denn Gott ist Liebe. 
9 Darin offenbarte sich die Liebe Gottes unter uns, dass Gott seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben. 
10 Darin besteht die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn als Sühne für unsere Sünden gesandt hat.

Gleich der erste Begriff der heutigen Lesung hat es in sich. Ἀγαπητοί agapetoi bezieht sich im Griechischen immer auf die göttliche Liebe. Es impliziert für uns also die „von Gott Geliebten“ und nichts Romantisches. Dafür wird im Griechischen der Begriff des Eros verwendet. Die Konsequenz des Geliebtseins von Gott ist die Nächstenliebe (ἀγαπῶμεν ἀλλήλους agapomen allelous „lasst uns einander lieben“). Wenn wir dies nämlich tun, zeigen wir wiederum die Früchte unserer Herkunft aus Gott. Wir haben gestern schon davon gehört, dass Jesus und sein Evangelium der Maßstab dafür sind, ob jemand von Gott stammt oder vom Bösen/von der „Welt“. Heute fassen wir diesen Maßstab in einem einzigen Wort zusammen: als Liebe. Johannes erklärt uns heute, dass Gott die Liebe ist (ὁ θεὸς ἀγάπη ἐστίν). Die Agape ist also eine übernatürliche Form von Liebe, die wir am Kreuz von Golgota konkret gesehen haben: eine Liebe, die sich ganz verschenkt und verzehrt, eine Liebe, die grenzenlos vergibt. Das hat nichts mehr mit schönen Gefühlen zu tun, sondern ist das lauteste und ewig anhaltende JA Gottes. Wenn wir auch so lieben, dann zeigen wir, dass wir Gott erkannt haben. Das heißt konkret, dass wir auch Ja-Sager sein sollen. Auch wir sollen grenzenlos vergeben („Nicht siebenmal, sondern siebzigmal siebenmal“) und uns ganz hingeben für unsere Freunde. Wir sollen aber vor allem unsere Feinde lieben und für die beten, die uns hassen (Stephanus: „Vater, rechne ihnen diese Sünde nicht an“, Jesus: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Joh 15,13). Das ist Liebe, die von Gott kommt, die Agape.
Johannes erklärt dann, was mit dieser Liebe gemeint ist: Der Vater hat für uns so einen tollen Heilsplan vorbereitet, dass er uns sogar sein Liebstes hingegeben hat, seinen einzigen Sohn. Dass Jesus Mensch geworden ist, vor allem aber, dass er uns erlöst hat, ist der ultimative Liebesbeweis Gottes. Liebe bedeutet also v.a. die Entscheidung für den Anderen, damit dieser leben kann – ich schenke dem Anderen Freiheit durch meine Liebe. Für uns kann das ganz konkret bedeuten, dass wir den Anderen nicht an uns binden und ihn einschränken, sondern dass wir ihm eine freie Entfaltung ermöglichen ohne irgendeinen Eigennutz. Das betrifft die Eltern in der Familie, aber auch die Geistlichen in einer Gemeinde. Als Eltern tut man alles für die Kinder, um ihnen ein gutes Leben zu ermöglichen. Dafür soll man aber nichts im Gegenzug erwarten. Eltern können Kinder mit dieser Hingabe nicht erpressen, indem sie sagen: „Ich habe so viel für dich getan, also sollst du dein Leben so gestalten, wie ich es gerne möchte.“ Als Geistlicher opfert man seine Zeit und seine Kraft ganz auf, damit Menschen zum Glauben kommen oder im Glauben gestärkt werden. Wenn sie zu Jesus gefunden haben, sollen die Geistlichen sie „loslassen“. Sie können jene jetzt nicht an sich binden, als wenn sie ihnen gehören, nur weil sie durch die Geistlichen zum Glauben gekommen sind. Wie sie sich weiterentwickeln, liegt nun nicht mehr in ihrer Hand.
In beiden Beispielen geht es um die echte Liebe gegenüber einer egoistischen Scheinliebe, bei der man um sich selbst kreist.
Jeder Akt der Nächstenliebe, der sich von der echten, göttlichen Liebe ableitet, ist immer nur Antwort oder Echo. Gottes Liebe zu uns ist nämlich zuerst. Er hat uns aus Liebe überhaupt erst geschaffen. Dass wir einander so lieben können, wie er uns zuerst geliebt hat, wurde durch unsere Erlösung erst ermöglicht. Das dürfen wir nie vergessen. Unser ganzes Leben ist Antwort auf die erste Liebe, die Gott uns geschenkt hat. So bleiben wir auch dankbar dafür, dass er uns überhaupt liebesfähig gemacht hat. Wir werden die Liebestaten, die wir in unserem Leben vollbringen, dann nicht voller Stolz auf uns zurückführen, sondern dankbar auf Gott zurück verweisen.

Ps 72
1 Für Salomo. Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten. 
2 Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden durch rechtes Urteil. 
3 Dann tragen die Berge Frieden für das Volk und die Hügel Gerechtigkeit. 
4 Er schaffe Recht den Elenden des Volks, er rette die Kinder der Armen, 
7 In seinen Tagen sprosse der Gerechte und Fülle des Friedens, bis der Mond nicht mehr da ist. 
8 Er herrsche von Meer zu Meer, vom Strom bis an die Enden der Erde.

Den heutigen Psalm haben wir schon mehrmals gebetet, insbesondere in der Weihnachtszeit. Es geht immer noch um den königlichen Messias.
In Ps 72 bittet David für Salomo, den Königssohn, um Gottes Gerechtigkeit und Rechtssprüche. Dabei formuliert er zunächst konkrete irdische Bitten: gerechtes Walten durch rechtes Urteil, die Kinder der Armen retten, die Unterdrücker zermalmen. Darüber hinaus kann man diese aber auch messianisch deuten: „Rechtssprüche“, was die Einheitsübersetzung hier mit“rechtes Urteil“ übersetzt, werden im NT z.B. in Offb (dikaiomata) für Gott verwendet. Es geht also um göttliches Gericht. Dieses ist immer gerecht und verschafft denen Gerechtigkeit, die sonst keine erfahren: Armen, Fremden, Witwen, Waisen. Die Gerechtigkeit ist dann bezüglich des Königssohns typologisch auf Jesus als den neuen Salomo bezogen. Jesus verschafft in seiner Verkündigungszeit unzähligen „Armen“ Gerechtigkeit und erntet dafür viel Unzufriedenheit derer, die ihr bequemes egoistisches Leben gefährdet sehen. Wenn Jesus an den Rand gedrängte Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft holt wie die blutflüssige Frau, die Aussätzigen, die Blinden, Verkrüppelten etc., dann sind das Zeichen seiner bereits jetzt bestehenden Herrschaft als Königssohn. Und dies ist ekklesiologisch weitergedacht schon jetzt mit der Kirche gegeben. Wo die Kirche in Christi Nachfolge handelt, herrscht Christus auch jetzt in der Welt. Dies betrifft auch jeden einzelnen Christen. Wo ich ihm mein Ruder über mein Leben, meine Entscheidungen und mein Handeln überlasse, herrscht er in meinem Leben. Dies alles wird sich aber erst in der Ewigkeit vollenden. Dann werden alle Feinde besiegt sein und zusammen mit Gott wird es einen ewigen Sabbat, ein ewiges zur Ruhe Setzen geben.
Der Wunsch nach einem langen Leben deutet stark auf den Messias, da ein König ja nicht mehrere Generationen leben kann. Falls hier schon messianische Elemente zu sehen sind, wird der Mensch auf den Messias als ewig lebend vorbereitet.
Wenn die Bitte formuliert wird, dass der Gerechte sprossen soll, ist das eine Entsprechung zu Jesaja, wo aus dem Baumstumpf Isais ein Reis hervorgeht. Jesus ist aus dem Stamm Juda und der Sippe Davids. Er ist nicht nur davididisch, sondern königlich. Mit dem Messias, dem Gesalbten, wird die Fülle des Heils, also der Schalom verbunden. Der ewige Sabbat wird ein Zustand des ewigen Schalom sein. So verheißt es Vers 7. Das Herrschen von Meer zu Meer meint die Universalherrschaft des Königs. Auch das ist natürlich zuerst der Wunsch, dass der König ein großes Reich erhält, aber wörtlich ist dies für Israel ja unrealistisch. Das wird erst mit Gottes Königsherrschaft realisierbar.
Alles, was Jesus getan hat, sind Liebestaten Gottes an uns. Sein ganzes Leben war die gelebte Agape, von der wir im ersten Johannesbrief gelesen haben. An ihm sehen wir, wie wir die Liebe leben können. Zugleich ist alles, was wir in dieser Richtung tun, eine Antwort auf Jesu Liebestaten an uns. Hier im Psalm lesen wir einige Beispiele, die sich mit dem Kommen des Messias erfüllt haben: gerechtes Walten, rechtes Urteil, den Elenden und Armen Recht verschaffen und die Fülle des Friedens. Diese Dinge hat Jesus nicht politisch erfüllt, sondern auf die Ewigkeit hin. Das ist noch viel wertvoller und wesentlicher. Politik vergeht, weil die Welt vergeht. Das ewige Leben vergeht aber nicht.

Mk 6
34 Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange. 
35 Gegen Abend kamen seine Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät. 
36 Schick sie weg, damit sie in die umliegenden Gehöfte und Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können! 
37 Er erwiderte: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Sollen wir weggehen, für zweihundert Denare Brot kaufen und es ihnen zu essen geben? 
38 Er sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Geht und seht nach! Sie sahen nach und berichteten: Fünf Brote und außerdem zwei Fische. 
39 Dann befahl er ihnen, sie sollten sich in Mahlgemeinschaften im grünen Gras lagern. 
40 Und sie ließen sich in Gruppen zu hundert und zu fünfzig nieder. 
41 Darauf nahm er die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten. Auch die zwei Fische ließ er unter allen verteilen. 
42 Und alle aßen und wurden satt. 
43 Und sie hoben Brocken auf, zwölf Körbe voll, und Reste von den Fischen. 
44 Es waren fünftausend Männer, die von den Broten gegessen hatten.

Im Evangelium lesen wir heute noch weitere Liebestaten Jesu, die uns zeigen, wie wir aus der Liebe Gottes leben können:
Jesus hat Mitleid. Das ist ein typisches Kennzeichen der göttlichen Agape. Er leidet mit uns Menschen mit. Das Verb, das hier verwendet wird, ist σπλαγχνίζομαι splangchnizomai, was „sich erbarmen, Mitleid haben“ bedeutet. Gott ist barmherzig. Das bedeutet sein Mitleid. Jesus tut es nicht in erster Linie leid, dass die Menschen Hunger haben oder sonstiges. Sein Mitleid bezieht sich auf ihren seelischen Zustand: Sie sind wie Schafe ohne Hirten, d.h. sie leben ohne Perspektive oder Anleitung zum ewigen Leben. Deshalb heißt es dann: „Und er lehrte sie lange.“ Was hier in Vers 34 zitiert wird, ist Num 27,17. Da heißt es, dass die Gemeinde des Herrn nicht wie Schafe sein soll, die keinen Hirten haben. Daraufhin wird Josua von Gott ausgewählt. Dort ist es vor allem noch ein kriegerischer Kontext. Jesus wird nun hier zum „Anführer“, nämlich ihrer Seelen. Er lehrt ihnen das Himmelreich, das ewige Leben. Es ist ein Ausrüsten für den geistigen Kampf, den die Menschen für die Erlangung des ewigen Lebens austragen müssen. Bisher haben sie nicht einmal gekämpft (wie gesagt, Schafe ohne Hirten – das heißt sie gehen zugrunde).
Er lehrt sie so lange, dass der Tag sich neigt und die Menschen ohne Versorgung mitten in der Pampa ein Problem bekommen. Diese „irdischen“ Sorgen erkennen die Jünger Jesu und sprechen ihn darauf an. Jesus könnte ganz leicht ihren Vorschlag annehmen, die Menschen in die umliegenden Dörfer zu schicken, doch er hat noch eine wichtige Lektion zu erteilen. Deshalb sagt er diesen bedeutungsvollen Satz „Gebt ihr ihnen zu essen.“ Das heißt natürlich zuerst wörtlich „versorgt die Hungrigen“. Das ist aber für die Jünger gar nicht machbar, da sie weder die nötige Nahrung noch das Geld haben. Wenn die Jünger Jesus nämlich entgegnen: „Sollen wir (…) für 200 Denare Brot einkaufen“, dann ist das eine rhetorische Frage. Sie antworten ihm mit dieser ironischen Aussage, weil sie Jesu Aufforderung wörtlich aufgefasst haben und ihm zu verstehen geben wollen, dass es unmöglich umsetzbar ist.
Er fragt sie daraufhin nach den Essensvorräten. Es kommen fünf Brote und zwei Fische zusammen. Jesus bittet die Menschen, sich in kleineren Gruppen auf den Boden zu legen. Das Verb ἀνακλίνω anaklino wird dabei verwendet, was u.a. „sich zu Tisch legen“ bedeutet. Hier wird parallel zu Matthäus 15 ein eucharistisches Mahl bereitet. Dass Jesus die Menschenmasse in Kleingruppen zusammenfassen lässt und hier die Rede von „Mahlgemeinschaften“ ist, ist seinen Jüngern eine wichtige Lektion. Das griechische Wort ist hier der Plural συμπόσια symposia. Was hier geschieht ist also ein Symposion. Es ist ein Freudenmahl, das hier stattfinden wird. Jesus führt in seiner göttlichen Pädagogik die Jünger an ekklesiologische Grundlagen heran, die sich mit der Kirche etablieren werden. Dort wird es auch Mahlgemeinschaften als kleinere Einheiten geben – bis heute jede Pfarrei. Diese summiert ergeben ein Bistum und die Summe der Bistümer ergeben die gesamte Kirche. Er führt die Anwesenden auch an das ewige Leben heran, das er sie lange gelehrt hat: Das Freudenmahl, das sie nach dem Tod erwartet – die Hochzeit des Lammes!
Dann geht Jesus so vor, wie er es immer wieder tut, auch gerade beim letzten Abendmahl: Er nimmt das Essen, schaut zum Himmel (Ausrichtung auf den Vater) und dankt ihm dafür. Er sieht das Essen als Gabe Gottes. Er bricht das Brot und gibt es den Jüngern. Das Dankgebet über das Essen ist im Judentum normale Praxis. Was Jesus nun aber tut, ist absolut eucharistisch. Er bereitet die Menschen auf die Eucharistie vor, indem er das Brot seinen Jüngern gibt und diese den Mahlgemeinschaften. Das ist wichtig: Jesus lehrt die Jünger und so wird es mit der Kirche auch sein: Die Jünger sind es, die die Kommunion, den Leib Christi austeilen. Auch das Einsammeln der übriggebliebenen Stücke wird sich in der Kirche etablieren. Was Jesus hier tut und an anderer Stelle wiederholt (Mt 15), ist eine Vorbereitung auf das letzte Abendmahl vor seinem Tod.
Es ist bemerkenswert, dass die Menschen nicht nur irgendwie gesättigt werden, sondern regelrecht gemästet werden. Hier wird nämlich im Griechischen das Verb χορτάζω  chortazo verwendet, was „mästen“ bedeutet. Wenn Gott gibt, dann immer im Überfluss! Diese Episode beweist erneut, dass wir vom Vater „Gnade über Gnade“ bekommen.
Jesus hat diese wunderbare Speise nicht in erster Linie vorgenommen, weil die Menschen Hunger hatten, sondern weil er auf die geistige Speise, auf die Eucharistie vorbereiten will.
Jesus geht es natürlich auch um das leibliche Wohl, aber er möchte die Menschen in erster Linie innerlich stärken. Er möchte, dass wir alle in Ewigkeit leben können. Deshalb lehrt er die Menschen im heutigen Evangelium auch zuerst sehr lange. Die Speisung erfolgt ja erst zum Ende des Tages. Die Menschen sind zu einem abgelegenen Ort gekommen, um Jesus zu hören. Ihnen geht es heute wirklich zuerst um das Reich Gottes. Und ihnen wird auch alles andere dazu gegeben – mehr als genug! So soll es auch bei uns sein. Uns muss es zunächst um das ewige Leben gehen, auch wenn wir das leibliche Wohl nicht vernachlässigen sollen. Gott wird sich darum kümmern, dass dies nicht passiert. Wir sollen auch unsere Kinder so erziehen. Dann sind auch wir gute Hirten: Es geht nicht nur darum, ihnen ein gutes materielles Leben zu bescheren, nicht nur darum, ihre körperliche Gesundheit zu garantieren, eine gute Bildung und ein luxuriöses Leben. Wir sollen uns in erster Linie darum kümmern, dass sie das ewige Leben haben. Bringen wir ihnen bei, wie das gelingen kann, indem wir ihnen das Evangelium vorleben, indem wir ihnen die Liebe vorleben, die Gott uns geschenkt hat. Alles andere ist auch wichtig und Gott wird immer dafür sorgen, dass wir und unsere Familien genug haben, wenn wir uns aufrichtig um sein Reich bemühen.
So muss es auch in der Pastoral sein: Es muss zuerst um Jesus gehen. Es muss um sein Reich und um seine Liebe gehen. Es muss das höchste Ziel sein, die Menschen zu Jesus zu führen und ihnen das ewige Leben zu ermöglichen. Wie? Durch die Ermöglichung der Heilsmittel, der Sakramente und Sakramentalien. Dafür brauchen die Menschen unbedingt die Geistlichen. Sie ermöglichen den Menschen das ewige Leben auch durch die Verkündigung des Evangeliums. Die Menschen müssen schließlich wissen, was die Gebote Gottes sind. Die Menschen müssen die Nächstenliebe aus der Gottesliebe auch vorgelebt bekommen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie das konkret aussieht. Daraus ergeben sich die drei kirchlichen Vollzüge der Leiturgia, Martyria und Diakonia.

Wenn wir als Eltern unsere Kinder wirklich lieben, werden wir alles daran setzen, ihnen gerade das ewige Leben zu ermöglichen. Wenn wir als Gemeinde unsere Mitglieder wirklich lieben, werden wir alles dafür tun, dass sie das ewige Leben haben können. Was ist das irdische Leben im Gegensatz zur Ewigkeit!

Liebe heißt also – den Menschen die ewige Glückseligkeit zu ermöglichen.

Ihre Magstrauss