Samstag der 30. Woche im Jahreskreis

Phil 1,18b-26; Ps 42,2-3a.3bu. 5; Lk 14,1.7-11

Phil 1
18 Auf jede Weise, ob vorgetäuscht oder in Wahrheit, wird Christus verkündet und darüber freue ich mich. Doch ich werde mich auch weiterhin freuen;

19 denn ich weiß: Das wird zu meiner Rettung führen durch euer Gebet und durch die Hilfe des Geistes Jesu Christi.
20 Denn ich erwarte und hoffe, dass ich in keiner Hinsicht beschämt werde, dass vielmehr Christus in aller Öffentlichkeit – wie immer, so auch jetzt – verherrlicht werden wird in meinem Leibe, ob ich lebe oder sterbe.
21 Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn.
22 Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbares Wirken. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht.
23 Bedrängt werde ich von beiden Seiten: Ich habe das Verlangen, aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das!
24 Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.
25 Im Vertrauen darauf weiß ich, dass ich bleiben und bei euch allen verbleiben werde, um euch im Glauben zu fördern und zu erfreuen,
26 damit ihr euch in Christus Jesus umso mehr meiner rühmen könnt, wenn ich wieder zu euch komme.

In der Lesung hören wir heute wieder aus dem Philipperbrief. Wie gestern erwähnt ist es der persönlichste Brief des Paulus. Direkt im Anschluss an das Proömium, das in lobpreisender Weise geschrieben ist, erfolgt der heutige Abschnitt, in dem es um die Verkündigung des Evangeliums durch Paulus geht, der trotz oder gerade wegen seines Gefängnisaufenthaltes so erfolgreich dabei war und ist. Auf diesen Umwegen möchte Gott seine große Gnade vielen Menschen zuteilwerden. In den vorausgehenden Versen erklärt er zum Beispiel, dass durch seine Gefangennahme viele andere Christen ermutigt worden sind, tapferer und kühner für das Evangelium einzustehen. Er unterscheidet dabei, dass es durchaus auch Verkünder des Evangeliums gibt, die aus unlauterer Absicht verkünden, nämlich aus Neid und Streitsucht (Vers 15), aber eben auch jene, die aus Liebe zu Christus sein Wort in die Welt hinaustragen. Daran schließt der heutige Abschnitt an.
Wie auch immer jemand Christus verkündet – er wird verkündet und das ist ein Grund zur Freude. Und wenn er auch im Gefängnis sitzt, verliert er den inneren Frieden nicht. Er ist davon überzeugt, dass durch die Fürbitte der „Heiligen“ (gemeint sind die getauften Christen in den Gemeinden) und den Geist Gottes er aus der Gefangenschaft gerettet werde.
Paulus lebt in der Erwartung, dass Christus in seinem Leibe verherrlicht werde, tot oder lebendig. Er sitzt im Gefängnis. In seinem Leiden ist er Christus sehr nahe. Gott nahe sind auch wir ganz besonders im Leiden. Denn Christus hat alles durchgemacht, was wir Menschen durchmachen. Er hat alles gesühnt und so können wir unser gesamtes Leiden mit seinem vereinen. So wird er gleichsam verherrlicht in unserem eigenen Leiden.
Christus ist der Jackpot für Paulus. Und selbst wenn er für den Glauben sterben sollte – die Vollstreckung des Urteils in Rom ist ja ungewiss – ist das kein Verlust, sondern Gewinn für ihn. Er weiß, dass ihm der Kranz des ewigen Lebens geschenkt wird, wenn er sein Leben für Christus hingibt. Und wenn er dennoch freigelassen werden sollte, dann würde er weiter fruchtbar wirken. Das hat er in seinem Leben durch die vielen Missionsreisen und die gesamte Heidenmission getan. Er weiß nicht, was passieren wird, aber er überlässt es der Vorsehung Gottes. Seine Einstellung ist: „Ich habe nichts zu verlieren. Wo auch immer ich hinkomme, habe ich Christus und er ist mein Hauptgewinn.“
Er fühlt sich dennoch von beidem bedrängt, das heißt mal hat er die Sehnsucht, weiter zu missionieren, manchmal aber hat er die Sehnsucht, „aufzubrechen und bei Christus zu sein“. Den Gemeinden zuliebe sollte er aber noch weiterleben und missionieren.
Was auch immer mit ihm geschieht: Die Philipper sollen dem Evangelium Jesu Christi gemäß leben.
Paulus zeigt uns, wie es aussieht, das eigene Leben ganz in Gottes Hände zu übergeben. Kommt es so oder anders – alles soll man als den Willen Gottes annehmen.

Ps 42
2 Wie der Hirsch lechzt nach frischem Wasser, so lechzt meine Seele, nach dir, Gott.

3 Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott. Wann darf ich kommen und erscheinen vor Gottes Angesicht?
5 Ich denke daran und schütte vor mir meine Seele aus: Ich will in einer Schar einherziehn. Ich will in ihr zum Haus Gottes schreiten, im Schall von Jubel und Dank in festlich wogender Menge.

Der Psalm reflektiert das lebendige Wasser des Hl. Geistes, der die Liebesglut Gottes ist. Er ist es, den unsere Seele so sehnlichst erwartet und der sie tränkt. Wie ein Hirsch nach frischem Wasser lechzt, so dürstet die Seele des Menschen nach Gott. Wir sind Abbild Gottes und sehnen uns immer nach unserem Schöpfer. Wir sind dazu geschaffen, ganz mit ihm in einer Liebesgemeinschaft zu sein. Und deshalb sucht der Mensch Gott immer bewusst oder unbewusst in seinem Leben. Und auch Gott wirbt lebenslänglich nach dem Menschen, er ruft und er zieht ihn. Paulus hat immer nach dem Geist Gottes in seinem Leben gelechzt wie ein Hirsch. Ohne diesen von Christus versprochenen Beistand hätte er die ganzen Strapazen nie ausgehalten. Ohne diesen Geist Gottes hätte er den inneren Frieden nicht so behalten, den wir in der Lesung bezeugt haben. Wir sind wirklich ganz auf den Hl. Geist, das lebendige Wasser, angewiesen, wenn wir Christus nachfolgen wollen.
„Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott.“ Das ist eine absolute Entsprechung zum lebendigen Wasser, das wir trinken sollen. „Wann darf ich kommen und erscheinen vor Gottes Angesicht?“ – das ist besonders schmerzhaft zu beten bzw. sehr aktuell, wenn wir an die ganze Corona-Zeit denken. Gottes Angesicht schauen zu dürfen, ist eine Sehnsucht, die der Mensch immer hat, auch wenn er es nicht merkt. Es kann moralisch auf den Stand der Gnade bezogen werden. Wir beziehen es auf die Wiederkunft Christi, dessen Angesicht wir angesichts der immer schlimmer werdenden Welt ersehnen. Wir beziehen es auf die Sehnsucht nach der Eucharistie, in der wir das Angesicht Gottes verborgen schauen dürfen durch den Schleier des Sakraments.
Die Seele vor sich auszuschütten, ist ein Ausdruck der Überwältigung. In der früheren Übersetzung hieß es: „Mein Herz geht mir über, wenn ich daran denke“. Es geht um überwältigende Emotionen. Zuvor ist die schmerzliche Sehnsucht nach Gottes Gegenwart thematisiert worden und im heute nicht verlesenen Vers 4 geht es um die Tränen als tägliches Brot. Überwältigend ist also die Sehnsucht, die nicht enden will und deshalb will der Beter seine Seele ganz ausschütten. Denn er denkt an die Zeiten der Pilgerfeste zurück, als dies noch möglich war. Wir können uns zurzeit wirklich gut damit identifizieren, da auch wir an die unbeschwerten Zeiten des kirchlichen Lebens denken, an die großen Feste im Kirchenjahr, die vollen Bänke, den schallenden Gesang. Man muss Vers 5 im Originaltext lesen, da die Übersetzung an der Stelle etwas verwirrend ist. Sie wird hier als Selbstaufforderung übersetzt. Im Hebräischen wird durch Partizipialformen verdeutlicht, dass es eine anhaltende oder wiederkehrende Tätigkeit ist, deren Zeitform aber nicht festgelegt ist. Es kann also entweder im Präsens übersetzt werden oder rückwirkend in der Vergangenheit betrachtet werden.
Wie auch immer es gemeint ist: Die Sehnsucht ist da, wenn es zurzeit nicht möglich ist oder die Zeit nicht gekommen ist. Wir sehen zum Beispiel auch den sehnsuchtsvollen Paulus in Gefangenschaft vor uns. Wie sehr sehnt er sich danach, noch weiter das Evangelium Jesu Christi zu verkünden! Wie sehr sehnt er sich nach den Gottesdiensten in den verschiedenen Gemeinden, nach den Pfingstereignissen, den wunderbaren Bekehrungen und den schönen Gemeinschaften mit Gleichgesinnten. Ihm geht bestimmt das Herz über, wenn er daran zurückdenkt. Und doch weiß er, dass alles so ist, wie Gott es will. Er verliert seinen inneren Frieden nicht.

Lk 14
1 Und es geschah: Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau.
7 Als er bemerkte, wie sich die Gäste die Ehrenplätze aussuchten, erzählte er ihnen ein Gleichnis. Er sagte zu ihnen:

8 Wenn du von jemandem zu einer Hochzeit eingeladen bist, nimm nicht den Ehrenplatz ein! Denn es könnte ein anderer von ihm eingeladen sein, der vornehmer ist als du,
9 und dann würde der Gastgeber, der dich und ihn eingeladen hat, kommen und zu dir sagen: Mach diesem hier Platz! Du aber wärst beschämt und müsstest den untersten Platz einnehmen.
10 Vielmehr, wenn du eingeladen bist, geh hin und nimm den untersten Platz ein, damit dein Gastgeber zu dir kommt und sagt: Mein Freund, rück weiter hinauf! Das wird für dich eine Ehre sein vor allen anderen Gästen.
11 Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Heute hören wir im Evangelium wieder von einer Episode im Haus eines Pharisäers. Jesus ist eingeladen worden und mal wieder wird er ganz genau beobachtet. Man merkt also auch hier wieder, dass die Einladungen anscheinend öfter aus unlauteren Absichten gemacht worden sind…
Jesus fällt auf, wie die eintreffenden Gäste sich die Ehrenplätze aussuchen. Dies nimmt er zum Anlass, ein Gleichnis zu erzählen:
Wenn man zu einer Hochzeit eingeladen wird, sollte man nicht automatisch den Ehrenplatz einnehmen. Denn es kann ja sein, dass ein anderer Gast kommt, der noch vornehmer ist, und man ihm den Platz geben muss. Das wird eine große Demütigung und man muss den untersten Platz einnehmen. Wenn man eingeladen wird, soll man dagegen sofort den untersten Platz einnehmen. Denn dann wird der Gastgeber kommen und ihm einen höheren Platz zuweisen. Das wird dann eine Ehre vor den anderen Gästen darstellen. Jesus erzählt dies, um die Haltung dahinter herauszustellen, mit der er seine Wort auch abschließt: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Es geht um Demut und Hochmut. Die Gäste des Pharisäers kommen mit einer sehr hochmütigen Haltung daher, denn sie gehen davon aus, die verehrtesten Gäste zu sein. Der Pharisäer wird sie vielleicht nicht „degradieren“, aber mit ihrer allgemeinen Haltung wird Gott selbst ihnen irgendwann den richtigen Platz zuweisen. Das wird für sie eine große Demütigung werden. Hochmut kommt vor dem Fall.
Wer dagegen mit einer demütigen Haltung durchs Leben geht, sich nicht besser als die anderen hält, wird von Gott erhöht werden – und das schon in diesem Leben durch unverhoffte Ereignisse, Segen, Gebetserhörungen. Umso mehr wird dieser Mensch dann im Gottesreich erhöht werden! Beim himmlischen Hochzeitsmahl wird dieser Mensch dann sehr weit aufrücken dürfen.
Es geht Jesus also nicht nur um die Platzwahl der eingeladenen Gäste, sondern um ihre allgemeine Haltung. Er spricht diese Worte auch zu uns heute. Halten wir uns für besonders wichtig? Gehen wir in uns und erforschen unser Gewissen, wo in uns noch ein narzisstischer Fleck zu sehen ist. Mithilfe der Gnade Gottes werden wir auch diese Elemente nach und nach ablegen, bis wir demütig werden wie Christus. Er ist ganz erniedrigt worden im Kreuzestod. Aber genau deshalb ist er über alle anderen erhöht worden. Was Jesus hier den Gästen erklärt, hat er selbst ganz umgesetzt.
Paulus ist sehr demütig gewesen, er hat sich stets als den geringsten der Apostel verstanden, weil er die Christen zuerst verfolgt hat. Das hat er nie vergessen und Gott stets um dessen Gnade gebeten. Er hat zeitlebens verstanden, dass er ganz auf ihn angewiesen ist. Auch König David war so ein Mensch. Er hat als König der zwölf Stämme eben jene Haltung eingenommen, die Christus hier erklärt: Er hat sich automatisch auf den letzten Platz gesetzt.

Gebe der Herr uns die Gnade, auch so demütig zu sein, das heißt frei von dem Drang, unbedingt die besten Plätze zu erhalten, möglichst gut dazustehen in unserer Gesellschaft. Mit dieser inneren Freiheit kann auch der Friede Christi einziehen, der Paulus in der römischen Gefangenschaft vor der Verzweiflung bewahrt hat.

Ihre Magstrauss

Freitag der 30. Woche im Jahreskreis

Phil 1,1-11; Ps 111,1-2.3-4.5-6; Lk 14,1-6

Phil 1
1 Paulus und Timotheus, Knechte Christi Jesu, an alle Heiligen in Christus Jesus, die in Philippi sind, mit ihren Vorstehern und Helfern.

2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
3 Ich danke meinem Gott jedes Mal, sooft ich eurer gedenke;

4 immer, wenn ich für euch alle bete, bete ich mit Freude.
5 Ich danke für eure Gemeinschaft im Dienst am Evangelium vom ersten Tag an bis jetzt.
6 Ich vertraue darauf, dass er, der bei euch das gute Werk begonnen hat, es auch vollenden wird bis zum Tag Christi Jesu.
7 Es ist nur recht, dass ich so über euch alle denke, weil ich euch ins Herz geschlossen habe. Denn ihr alle habt Anteil an der Gnade, die mir durch meine Gefangenschaft und die Verteidigung und Bekräftigung des Evangeliums gewährt ist.
8 Denn Gott ist mein Zeuge, wie ich mich nach euch allen sehne im Erbarmen Christi Jesu.
9 Und ich bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und jedem Verständnis wird,
10 damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt. Dann werdet ihr rein und ohne Tadel sein für den Tag Christi,
11 erfüllt mit der Frucht der Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus kommt, zur Ehre und zum Lob Gottes.

Heute beginnt eine Serie von Ausschnitten aus dem Philipperbrief. Es handelt sich dabei um den am persönlichsten geschriebenen Paulusbrief. Paulus schrieb ihn in der Gefangenschaft in Rom, was uns immer wieder durch Anspielungen und Aussagen verdeutlicht wird. Philippi war die erste paulinische Gemeinde auf europäischem Boden, die er im Kontext der zweiten Missionsreise gegründet hat. Sein Aufenthalt wurde jäh unterbrochen, denn er wurde zusammen mit Silas ins Gefängnis geworfen. Dort sind spektakuläre Dinge geschehen, wie uns die Apostelgeschichte in Kapitel 16 berichtet. Auch wenn Paulus sein Wirken nicht auf gewünschte Weise zuende führen konnte, ist aus den Philippern eine lebendige Christengemeinde geworden. Gottes Umwege durch die Verhaftung sind zu Wegen des Heils geworden! Die Philipper haben gleich zu Anfang ihre Bewährungsprobe erhalten und bestanden. Und aus dem Brief an eben jene Christen hören wir heute den Briefanfang. Wie üblich beginnt er mit einem Präskript, in dem Absender und Empfänger sowie ein Gruß genannt werden.
Die Absender sind Paulus und sein Mitarbeiter Timotheus, die den Philippern bereits bekannt sind und sich deshalb nur mit einer Aussage beschreiben, nämlich als Knechte Christi Jesu. Das griechische Wort an der Stelle lautet δοῦλοι douloi. Das drückt aus, dass sie in Jesu Auftrag den Brief schreiben und insgesamt ihre Evangelisierung auf ihn selbst zurückzuführen ist. Daraufhin werden die Adressaten des Briefes genannt, die wie so oft mit dem Begriff der Heiligen bezeichnet werden. Paulus nennt die Christen immer wieder Heilige, weil sie zur Heiligkeit berufen sind, von der Welt ausgesondert sind durch die Neugeburt im Hl. Geist bei der Taufe, das heißt nun nicht mehr zur alten Schöpfung gehören, sondern für Christus leben. Er nennt die Christen von Philippi allgemein, aber auch ihre „Vorsteher und Helfer“, wie es hier übersetzt wird. Im Griechischen stehen die Begriffe ἐπισκόποις καὶ διακόνοις episkopois kai diakonois. Diese Begriffe darf und muss man bereits als Amtstitel verstehen, also als Bischöfe und Diakone. Die Exegese ist eifrig darin, das vehement abzustreiten und zur Zeit des Paulus jegliche Hierarchie zu leugnen. Diese soll so spät wie möglich datiert werden, doch dafür gibt es keinen Grund. Natürlich werden bereits sakramentale Weihen vorgenommen und es gibt als Gemeindevorsteher zunächst Bischöfe. Erst mit Wachsen der Gemeinde werden die Presbyter als Mitarbeiter und Vertreter des Bischofs zu den Gemeindevorstehern.
Vers 2 stellt dann den Gruß dar, der zum Präskript gehört. Wie so oft wird dabei das Begriffspaar „Gnade und Friede“ genannt, das den Philippern gewünscht wird.
Sodann beginnt das Proömium, eine Einleitung des Briefes mit lobpreisenden Aussagen. Ganz typisch beginnt dieser Abschnitt mit der Wendung „ich danke Gott“. Paulus lobt die Gemeinde und beginnt mit dem Positiven, bevor er im Laufe des Briefes kritische Aspekte anschneidet.
Wir erkennen in diesen Worten, dass die Philipper wirklich standhaft sind und sich bei der ersten Bewährungsprobe sofort gut angestellt haben. Paulus ist ihnen ja sehr schnell entrissen worden, doch sie waren von Anfang an bis zu jenem Tag dem Dienst am Evangelium treu.
Paulus erfüllt diese Gemeinde mit Freude, weil er schon die Früchte sehen kann, die seine Evangelisierung gebracht hat.
Wenn sie sich schon in den schweren Anfängen so bewährt haben, so hofft Paulus, werden sie auch standhalten bis zum Ende der Zeiten, was mit „Tag Christi“ gemeint ist. Es ist der Tag, an dem er wiederkommen wird in Herrlichkeit. Die Naherwartung dieser Wiederkunft ist zu jener Zeit sehr stark.
Paulus hat die Philipper zwar nicht sehr lange erlebt, doch ziemlich schnell ins Herz geschlossen. Ihnen hat er auch die überreiche Gnade zu verdanken, die ihm im Gefängnis zuteilgeworden ist. Das Gebet der Philipper hat die großen Zeichen bewirkt, die Paulus und Silas dort erlebt haben.
Er sehnt sich nach ihnen, was uns wirklich viel von der Person des Paulus selbst zeigt. Er ist wirklich sehr persönlich in diesem Brief.
Er betet darum, dass ihre Liebe noch stärker werde und dass sie im Verständnis wachsen, worauf es ankommt. Je näher die Welt dem Ende zugeht, sollen die Christen sich auf das Wesentliche konzentrieren. Der Ballast muss von Bord gehen, denn je näher das Weltende kommt, desto stärker werden die Stürme. Wenn das Schiff vor dem Untergang gerettet werden soll, muss alles Unnötige über Bord geworfen werden.
Das betrifft die Christengemeinde als Ganze, das betrifft aber auch jeden einzelnen Christen und dessen Herz. Das ist der Weg der Vollkommenheit, den Paulus mit den Attributen „rein“ und „ohne Tadel“ umschreibt. Das ist der Weg des Wachsens in Heiligkeit.
Er ermutigt sie also dazu, in Tugenden zu wachsen, an sich zu arbeiten und mit der Frucht der Gerechtigkeit, die von Christus kommt, ihn dann bei seinem Kommen zu begrüßen. Paulus‘ Worte sind sehr aktuell und gelten auch uns. Wir sollen angesichts des nahenden Weltendes und auch mit Blick auf unser eigenes Lebensende schauen, was wir über Bord werfen sollen, den Ballast abstreifen, der uns daran hindert, durch die enge Tür zu treten, die Christus ist. Wir sollen in Heiligkeit wachsen und immer vollkommener werden, damit wir am Ende wahrlich die Braut sind, die sich für ihren Mann geschmückt hat, die die Hochzeit antreten kann in reinem weißen Leinen, das die gerechten Taten der Heiligen bildet (Offb 19,8).

Ps 111
1 Halleluja! Dem HERRN will ich danken mit ganzem Herzen im Kreis der Redlichen, in der Gemeinde.

2 Groß sind die Werke des HERRN, erforschenswert für alle, die sich an ihnen freuen.
3 Hoheit und Pracht ist sein Walten, seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer.
4 Ein Gedächtnis seiner Wunder hat er gestiftet, der HERR ist gnädig und barmherzig.
5 Speise gab er denen, die ihn fürchten, seines Bundes gedenkt er auf ewig.
6 Die Macht seiner Werke hat er seinem Volk kundgetan, um ihm das Erbe der Völker zu geben.

Heute beten wir Psalm 111, einen Lobpreispsalm mit weisheitlichen Anteilen. Er beginnt mit dem Hallelujaruf, der genau genommen ja einen Lobpreisaufruf darstellt, wie er als Einleitung in Psalmen oft ergeht. Denn Halleluja heißt „preist Jahwe“.
„Dem HERRN will ich danken mit ganzem Herzen im Kreis der Redlichen, in der Gemeinde“ ist eine liturgische Aussage. Es handelt sich also um einen Lobpreis in der Gruppe, im Gottesdienst. Man kann sich vorstellen, dass dieser Psalm bei Wallfahrtsfesten gebetet worden ist, denn er besingt die Heilstaten Gottes wie den Exodus. Wir können uns auch gut vorstellen, wie die ersten Christengemeinden diesen Psalm gebetet haben.
„Groß sind die Werke des HERRN“ und deshalb sind sie „erforschenswert“. Wenn man sie bedenkt, wird man sich freuen und über Gott staunen, der so gut zu den Menschen ist.
„Hoheit und Pracht ist sein Walten, seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer.“ Gottes Gerechtigkeit ist wirklich gerecht im Gegensatz zur Illusion einer Werksgerechtigkeit (also der Vorstellung, dass der Mensch sich durch seine Werke selbst erlösen kann). Seine Gerechtigkeit ist eine ewige, die sich im Moment des Weltgerichts am dichtesten zeigen wird. Von seiner Gnade erfüllt werden aber die Getauften befähigt, ebenso gerecht zu sein wie er, heilig zu sein wie er, barmherzig zu sein wie er. Deshalb kann man sich auf Gottes Gnade nicht ausruhen.
Gott ist gnädig und barmherzig. Beides gehört zusammen – seine Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Er hat „ein Gedächtnis seiner Wunder“ gestiftet. Dieses haben wir schriftlich festgehalten in den beiden Testamenten. Sie sind Zeugnisse für Gottes wunderbare Heilstaten.
Gott gab jenen Speise, die gottesfürchtig sind. Wir denken einerseits an den Alten Bund, an die Wüstenzeit, als die Israeliten mit dem Manna gespeist worden sind, sodann mit den Turteltauben. Gott hat sein Volk wirklich gespeist mit der Nahrung vom Himmel! Wir denken auch an einzelne heilsgeschichtliche Gestalten wie Elija, der von Raben ernährt worden ist. Wir denken dann an die Speisungswunder im Neuen Testament, in denen Christus tausenden Menschen Brot und Fisch zu essen gegeben hat. Es sind Vorausbilder, die in der seelischen Speise ihre Erfüllung finden, die die Eucharistie ist. Sie ist die Nahrung der Gottesfürchtigen, die ihnen das ewige Leben ermöglicht.
Zum Schluss kommt ein Satz, der die Ausführungen des Paulus wunderbar bestätigt: Durch das auserwählte Volk hat Gott das Heil für alle Völker bereit. Durch Israel soll das Heil in Person, Jesus Christus, der ganzen Menschheit die Erlösung bringen.
Danken wir dem Herrn jeden Tag für die Erlösung, die uns zuteilgeworden ist. Wir hätten uns nie selbst erlösen können. Sein Gnadenakt für alle Zeiten hat uns das ewige Leben ermöglicht.

Lk 14
1 Und es geschah: Jesus kam an einem Sabbat in das Haus eines führenden Pharisäers zum Essen. Da beobachtete man ihn genau.

2 Und siehe, ein Mann, der an Wassersucht litt, stand vor ihm.
3 Jesus wandte sich an die Gesetzeslehrer und die Pharisäer und fragte: Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen, oder nicht?
4 Sie schwiegen. Da berührte er den Mann, heilte ihn und ließ ihn gehen.
5 Zu ihnen aber sagte er: Wer von euch wird seinen Sohn oder seinen Ochsen, der in den Brunnen fällt, nicht sofort herausziehen, auch am Sabbat?
6 Darauf konnten sie ihm nichts erwidern.

Im Evangelium hören wir heute wieder von einer Heilung am Sabbat. Jesus ist zu jener Zeit bei einem Pharisäer zum Essen eingeladen. Anscheinend geschah diese Einladung nicht ohne Hintergedanken, denn als Jesus nun in Gesellschaft dieser „Überkorrekten“ ist, wird er genau beobachtet. Das entgeht ihm gewiss nicht und er weiß genau, was sie denken. Jesus ist Gott und er schaut in ihre Herzen.
Da ist ein Mann, der an „Wassersucht“ leidet. Was ist damit gemeint? Man muss sich das so vorstellen, dass er unter Ödemen leidet, Wassereinlagerungen, die wahrscheinlich von einem Nierenleiden kommen und die sich vor allem im Gesicht bemerkbar machen.
Es ist also eigentlich keine Krankheit, sondern ein Symptom für eine Nierenkrankheit. Damit ist natürlich nicht zu spaßen, da die Nieren lebensnotwendige Organe darstellen. Jesus heilt diesen Mann jedenfalls, bevor er ihn gehen lässt.
Bevor es aber zu der Heilung kommt, möchte er den Pharisäern und Gesetzeslehrern eine Lektion erteilen und fragt sie deshalb: „Ist es am Sabbat erlaubt zu heilen, oder nicht?“ Diese Frage hat er schon gestellt, als es um eine durch dämonischen Einfluss gekrümmte Frau ging. Auch hier vergleicht er die Heilungsabsicht mit der Sorge um das Vieh am Sabbat. Auch einen Ochsen oder das eigene Kind zieht man aus dem Brunnen, wenn es hineingefallen ist, auch wenn es Sabbat ist. Da stellt man sich gar nicht die Frage, ob die Rettungsaktion als Arbeit zu deuten ist oder nicht. Warum wird das also bei jemandem gemacht, dessen Leben ebenso bedroht ist durch die „Wassersucht“? Er ertrinkt vielleicht nicht im Brunnen, aber sein Körper ist dennoch mindestens derselben Gefahr ausgesetzt. Was Jesus diesen „Überkorrekten“ sagen möchte, ist: Jemanden am Sabbat zu heilen, ist ein Akt der Barmherzigkeit. Der Sabbat ist dafür da, Gott die Ehre geben zu können und auch den Arbeitern, dem Vieh, der Natur eine Pause zu gönnen, also auch hier „barmherzig“ zu sein. Dass man am Sabbat also nicht arbeitet, ist die Voraussetzung, damit man Zeit für den Gottesdienst und die Barmherzigkeit hat. Es ist also über das Ziel hinaus geschossen, wenn man einen Menschen sterben lässt, weil seine Heilung als „Arbeit“ begriffen wird. Dahinter steckt ja die Ansicht, dass Gott so grausam ist, dass er unter allen Umständen und über Leichen gehend die Einhaltung des Sabbats fordert. Dabei ist Gott der Gerechte und der Barmherzige. Wir haben es im Psalm ja bedacht. Seine Gebote verhelfen uns vielmehr zu einem glücklichen Leben. Gott liebt uns und möchte unser Heil. Das steht hinter seinen Geboten.
Deshalb heilt er den Mann und macht die Pharisäer und Schriftgelehrten sprachlos. Wir wissen nicht, wie es ausgegangen ist. Vielleicht handelt es sich bei diesen Gästen um Einsichtige, die durch Jesu Worte zum Nachdenken gekommen sind. Vielleicht aber sind sie Verstockte, die umso mehr entschlossen sind, Jesus umzubringen. Es bleibt offen, damit auch wir darüber nachdenken. Gott spricht auch heute wieder durch die Hl. Schrift zu uns.
Vollkommen zu werden für die Wiederkunft Christi, wie es Paulus im Philipperbrief schreibt, hat also etwas mit richtiger Absicht und mit Liebe zu tun. Wir werden nicht nur dadurch perfekter, dass wir die Gebote noch besser halten, sondern auch durch das zunehmende Maß an Liebe, mit der wir sie halten. Letztendlich steht dahinter die Beziehung zu Gott, an der wir stets arbeiten müssen. Wenn wir schon hier auf Erden eine große Intimität mit Gott erlangt haben, werden wir bereit sein für die himmlische Intimität mit Gott.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 30. Woche im Jahreskreis

Eph 6,10-20; Ps 144,1-2c.9-10; Lk 13,31-35

Eph 6
10 Schließlich: Werdet stark durch die Kraft und Macht des Herrn!

11 Zieht an die Waffenrüstung Gottes, um den listigen Anschlägen des Teufels zu widerstehen!
12 Denn wir haben nicht gegen Menschen aus Fleisch und Blut zu kämpfen, sondern gegen Mächte und Gewalten, gegen die Weltherrscher dieser Finsternis, gegen die bösen Geister in den himmlischen Bereichen.
13 Darum legt die Waffenrüstung Gottes an, damit ihr am Tag des Unheils widerstehen, alles vollbringen und standhalten könnt!
14 Steht also da, eure Hüften umgürtet mit Wahrheit, angetan mit dem Brustpanzer der Gerechtigkeit,
15 die Füße beschuht mit der Bereitschaft für das Evangelium des Friedens.
16 Vor allem greift zum Schild des Glaubens! Mit ihm könnt ihr alle feurigen Geschosse des Bösen auslöschen.
17 Und nehmt den Helm des Heils und das Schwert des Geistes, das ist das Wort Gottes!
18 Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen,
19 auch für mich, dass mir das rechte Wort gegeben werde, sooft ich meinen Mund auftue, mit Freimut das Geheimnis des Evangeliums zu verkünden;
20 als dessen Gesandter bin ich in Ketten, damit ich in ihm freimütig zu reden vermag, wie es meine Pflicht ist.

In der heutigen Lesung wird es militärisch. Dabei muss man die Ebene dieser kriegerischen Bilder richtig einordnen, damit solche Bibelstellen nicht missbraucht werden. Es geht hier um einen geistlichen Krieg, der andauernd ist. Paulus ruft auf zum Kampf gegen den Bösen. Er erklärt den Ephesern dadurch, dass wenn man sich taufen und firmen lässt, ausgerüstet, gleichsam rekrutiert wird für den Kampf gegen den Satan und seine Heerscharen. Man wird zum Kämpfer Gottes. Die Waffenrüstung, die die Epheser anlegen sollen, besteht aus den Gnadengaben des Hl. Geistes, mit denen sie „den listigen Anschlägen des Teufels“ widerstehen können. Sobald der Mensch für Gott gewonnen worden ist, beginnt der Kampf, weil der Böse uns Menschen die innige Gemeinschaft und das Erbe im Reich Gottes nicht gönnt. Was er nicht haben kann, soll kein anderer haben. Nach diesem Motto versucht er alles, um die Menschen von Gott abzubringen. Es ist ein einziger Kampf. Das möchte Paulus mithilfe von solchen Bildern ausdrücken. Also noch einmal zur Betonung und gegen jeden Legitimierungsversuch zu einem „heiligen Krieg“: Die Waffenrüstung Gottes ist eine geistliche Ausrüstung, die aus den Früchten, Gaben und Charismen des Hl. Geistes besteht. Der Schutzmantel ist das kostbare Blut Jesu, das er vergossen hat und durch das der Täufling im Bad der Taufe gegangen ist.
Paulus selbst erklärt, dass der Erzfeind der Menschen nicht „aus Fleisch und Blut“ ist, sondern dass es sich um „die bösen Geister in den himmlischen Bereichen“ handelt. Mit „himmlisch“ ist hier weniger das Himmelreich gemeint, denn dort kommt nichts Böses hinein. Vielmehr geht es um die geistige Welt, die unsichtbar ist. Die Dämonen sind aus dem Himmel verbannt worden, sind aber ursprünglich für den Himmel geschaffen worden. Sie sind Geistwesen und in dieser Hinsicht „himmlisch“.
Die Epheser sollen die Waffenrüstung Gottes anlegen für den „Tag des Unheils“. Damit ist nicht ein einziger Tag in ihrem Leben gemeint, so als ob damit ausschließlich der Jüngste Tag gemeint sei. Vielmehr möchte Paulus sagen: Sorgt schon einmal vor, indem ihr euren Glauben verstärkt, die Früchte, Gaben und Charismen von Gott erbittet und stets in seiner Gemeinschaft lebt. Denn wenn es schwer wird und die Bewährungsproben kommen, wenn die dämonischen Anfechtungen kommen und euch der Boden unter den Füßen entzogen wird, dann werdet ihr durchhalten und hindurchgetragen. Dann bleibt ihr beschützt und werdet nicht verzweifeln. Sehr oft denke ich über die heutige Zeit nach und darüber, warum es heutzutage so viele Selbstmorde gibt. Dann denke ich daran, dass früher die Menschen insgesamt einen viel stärkeren Glauben hatten und wenn es dann hart wurde – und unsere Vorfahren haben wirklich schlimmes erlebt mit den Weltkriegen und Ideologien des 20. Jahrhunderts! – sind sie dennoch nicht verzweifelt. Die Verwurzelung in ihrem Glauben hat sie davor bewahrt, alles aufzugeben und das Leben zu beenden. Gewiss gab es auch früher schon Selbstmorde, aber das scheint mir heutzutage neue Ausmaße angenommen zu haben. Diese Glaubensverwurzelung ist heutzutage nicht mehr flächendeckend. Was Paulus den Ephesern sagt, sagt er also ganz aktuell unserer heutigen Generation. Rüsten wir uns wieder aus, anstatt ungeschützt dem Satan in die Arme zu fallen. Er hat so ein leichtes Spiel heute. Sagen wir ihm endlich den Kampf an und hören wir auf, seine Existenz zu leugnen! Sonst haben wir schon längst verloren. Im Film „Das Ritual“ mit Anthony Hopkins – meines Erachtens der Film, der den Exorzismus am realistischsten darstellt – wird gesagt: „Nicht an den Teufel zu glauben, schützt dich nicht vor ihm.“ Und das ist seine größte Masche in der heutigen Zeit. Die wenigsten Menschen sind sich seiner Existenz und seiner Kriegsführung bewusst. Deshalb gibt es gar keinen Kampf im eigentlichen Sinne. Er hat ja keinen Widerstand zu bekämpfen.
Wir Christen müssen uns endlich wieder bewusst werden, dass wir Kämpfer sind, solange wir leben. Die sichtbare Kirche hier auf Erden wird nicht umsonst „die kämpfende/streitende Kirche“ genannt. Sie ist stets in der Schlacht gegen den Bösen, der sie zerstören will.
Paulus erklärt die „Ausrüstung“ der Kämpfer im Detail: „Eure Hüften umgürtet mit Wahrheit“ – denn der Satan ist der „Vater der Lüge“ (Joh 8,44). Doch die Wahrheit währt am längsten und Lügen haben kurze Beine.
Der „Brustpanzer der Gerechtigkeit“ ist nahe am Herzen, weil der Kern der Gerechtigkeit ein großes Herz für die Menschen sein soll, wie Gott ein großes Herz hat. Das bekämpft die Grausamkeit des Bösen, der herzlos ist.
Die Füße sollen beschuht sein mit der „Bereitschaft für das Evangelium des Friedens.“ Es soll an den Füßen sein, damit sie in die ganze Welt hinausgehen, um diesen Frieden allen Menschen zu bringen. Es ist ein Frieden, den die Welt nicht geben kann und den Scheinfrieden aller Pseudo-Messiasse aufdeckt, die im Grunde die Marionetten des Bösen sind.
Der „Schild des Glaubens“ ist ein Schutz gegen die Häresien. Der Böse kennt die Hl. Schrift besser als jeder Mensch. Die Dämonen glauben an Gott, natürlich! Er hat sie ja geschaffen. Wer fest im Glauben steht und das Evangelium Jesu Christi ins Herz geschrieben hat, wird sofort merken, wenn jemand etwas verfälscht oder mithilfe von ganz unscheinbaren Häresien das Evangelium abschwächen will. Der Satan versucht, die Menschen gerade über diesen Weg von Gott wegzubringen! Dort erwartet man ihn vielleicht am wenigsten, doch das ist zu jener Zeit, der frühen Christenheit, der heimtückischste Weg.
Mit „Helm des Heils“ und „Schwert des Geistes“ schließt Paulus seine Waffen-Erklärung ab. Das Wort Gottes ist die Waffe in den Händen der Christen. Mit ihr sollen sie den Bösen bekämpfen. Jesus hat es in der Wüste wunderbar vorgelebt, als er dreimal in Versuchung geführt wird. Jedes Mal bekämpft er den Bösen mit dem Wort Gottes. Und in der Johannesoffenbarung kommt aus seinem Mund ein zweischneidiges Schwert. Am Ende kommt er sogar mit seinem himmlischen Heer angeritten zum Endkampf gegen das dämonische Heer und hat dieses Schwert des Wortes Gottes bei sich.
Die Epheser sollen also lernen, mit diesem Schwert umzugehen, damit sie es im Kampf richtig einsetzen können. Das gilt auch uns heute. Wer liest denn heutzutage noch die Bibel? Diese verstaubt bei den meisten im Regal, wenn sie denn überhaupt eine besitzen. Dabei ist es das Schwert, mit dem sie ihren Erzfeind besiegen können!
So wie Krieger sollen die Epheser stets beten und wachsam sein. Das gilt auch für uns heute. Wenn wir stets im Gebet sind – das meint mehr als nur das mündliche Gebet, sondern vielmehr das stete Bewusstsein in der Gegenwart Gottes, die gute Meinung bei allen Tätigkeiten, auch die Hl. Messe und die verschiedenen Gebetsformen – wird den Nachstellungen des Bösen nicht auf den Leim gehen. Wer in der Liebe Gottes bleibt, den wird der Böse nicht so schnell von Gott wegziehen können.
Wichtig ist, dass wir auch füreinander beten, wie die Epheser für Paulus und alle „Heiligen“ beten sollen. Mit „Heiliger“ ist bei Paulus der getaufte Christ gemeint. Denn wenn man schlimmen Angriffen ausgesetzt ist, vor allem die Apostel, Missionare, die Geistlichen allgemein, alle, die Verantwortung tragen, dann braucht man Verstärkung von Mitkriegern. Wir kämpfen ja nicht für uns allein, sondern kämpfen als Heer, als Gemeinschaft gegen den Bösen.
Zum Ende hin werden wir noch einmal daran erinnert, dass Paulus in Ketten ist, weil er im Gefängnis sitzt.

Ps 144
1 Von David. Gepriesen sei der HERR, mein Fels, der meine Hände den Kampf lehrt, meine Finger den Krieg!

2 Er, meine Huld und meine Festung, meine Burg und mein Retter, mein Schild, dem ich vertraue,
9 Gott, ein neues Lied will ich dir singen, auf der zehnsaitigen Harfe will ich dir spielen,

10 dir, der den Königen Sieg verleiht, der David, seinen Knecht, vom Schwert des Unheils befreit.

Heute beten wir eine Reflexion dessen, was Gott David Gutes getan hat. Es ist ein Dankespsalm an Gott den „Felsen“. Ich habe schon oft die Typologie zwischen David und Jesus angesprochen. Jesus ist eigentlich der Felsen, auf den wir bauen sollen, doch er bevollmächtigt einen Menschen als seinen irdischen Stellvertreter. Deshalb ist es kein Zufall, dass er das Bild des Felsens in den Evangelien mehrfach aufgreift. In den Psalmen lesen wir Gott als Felsen regelmäßig. Gott ist es, „der meine Hände den Kampf lehrt, meine Finger den Krieg“. Zur Zeit Davids ist es noch nicht so eindeutig, aber wir verstehen spätestens seit der Versuchung Jesu, dass es um einen geistigen Kampf, um geistige Waffen geht. David kämpft noch wörtlich. Gott ist es, der rettet und der ein wirklich vertrauensvolles Schild ist. Wir lesen im ersten Samuelbuch, dass der Riese Goliat einen Waffenträger vor sich herlaufen lässt. Dieser ist nichts im Gegensatz zu Gottes Assistenz im Kampf. Und in der heutigen Lesung haben wir die verschiedenen Elemente der Ausrüstung kennengelernt.
Wir können diese Worte Davids genauso dankbar beten wie David selbst. Auch uns rettet Gott immer wieder aus geistigen Kämpfen und Versuchungen, sodass ihm stets unser Dank gebührt. Ihm haben wir schließlich die wunderbare Kriegsausrüstung zu verdanken. So bleiben wir übrigens auch bescheiden und demütig: Wenn wir den Fall Anderer sehen und schadenfroh mit dem Finger drauf zeigen, weil wir nicht dieselbe Sünde getan haben, fallen wir in Null Komma nichts wegen derselben Sünde. Wenn wir aber dankbar auf uns selbst schauen und sagen: „Danke HERR, dass du mich davor bewahrt hast, dass du mir die Kraft gegeben hast, derselben Versuchung zu widerstehen“, erkennen wir an, dass unser Gutsein durch Gottes Gnade ermöglicht wird. Wir rühmen ihn statt uns selbst.
Die Rede von einem „neuen Lied“ ist für uns Christen immer ein Signal für etwas Messianisches. Ein neues Lied spielen die „Veteranen“ in der Johannesoffenbarung, die sie als Märtyrer für den Glauben gestorben sind. Sie stehen als Sieger vor dem Thron Gottes. Und dort erklingen die Harfen des Himmels zum ewigen Triumphgesang. Gott ist der ultimative Sieger und seine Streiter können mit ihm nur als Sieger davonkommen.
Lernen wir von David und beten wir ihm nach, der Gottes Werk anerkennt, „der den Königen Sieg verleiht“ und der „vom Schwert des Unheils befreit“. Dieses Unheil ist in erster Linie geistiger Art. Es bringt von Gott weg. Wir beten dies im Vaterunser, wenn wir sagen „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“.

Lk 13
31 Zur selben Stunde kamen einige Pharisäer und sagten zu ihm: Geh weg, zieh fort von hier, denn Herodes will dich töten.

32 Er antwortete ihnen: Geht und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen, heute und morgen, und am dritten Tag werde ich vollendet.
33 Doch heute und morgen und am folgenden Tag muss ich weiterwandern; denn ein Prophet darf nicht außerhalb Jerusalems umkommen.
34 Jerusalem, Jerusalem, du tötest die Propheten und steinigst die Boten, die zu dir gesandt sind. Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.
35 Siehe, euer Haus wird euch selbst überlassen. Ich sage euch: Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis die Zeit kommt, in der ihr ruft: Gepriesen sei er, der kommt im Namen des Herrn!

Im Evangelium hören wir erstaunlicherweise, dass einige Pharisäer Jesus vor Herodes‘ Tötungsabsichten warnen. Immer wieder wird uns ja berichtet, dass die Pharisäer sich ja an einem Mordkomplott gegen Jesus beteiligen. Diese hier scheinen aber anders zu sein.
Jesus entgegnet ihnen aber: „Geht und sagt diesem Fuchs: Siehe, ich treibe Dämonen aus und vollbringe Heilungen, heute und morgen, und am dritten Tag werde ich vollendet.“
Jesus sagt nicht nur aus, welche Taten er zuende führen soll (deshalb die Rede von drei Tagen), sondern auch seine Macht über die unsichtbaren Mächte. Der Exorzismus ist schließlich ein Zeichen der gebannten Macht des Bösen, ein Zeichen der Endzeit, denn der Messias kann alle Arten von Dämonen austreiben, auch die Stummen.
Jesus fügt hinzu: „Doch heute und morgen und am folgenden Tag muss ich weiterwandern; denn ein Prophet darf nicht außerhalb Jerusalems umkommen.“ Dieser Grundsatz ist wichtig, weil er damit ausdrückt, dass er umkommen wird und dies wie bei den Propheten des Alten Bundes in Jerusalem sein wird. Der Kreis wird sich schließen und was vor allem die messianischen Verheißungen des Alten Testaments bezeugen, muss sich erfüllen.
Bis dahin hat Jesus aber noch einen Auftrag zu erfüllen, den Willen des Vaters.
Dann beginnt seine Klage über die Stadt Jerusalem, die eigentlich die Heilige Stadt ist. In ihr ist der Tempel errichtet, in dem die Herrlichkeit Gottes wohnt – was durch den Verlust der Bundeslade bereits erschüttert worden ist.
Jerusalem tötet die Propheten und macht Gott selbst damit mundtot. Es möchte nicht auf den Willen Gottes hören. Er spricht hier als Gott, denn er spricht zu Jerusalem in der Ich-Form wie Gott in den Gottessprüchen der Propheten: „Wie oft wollte ich deine Kinder sammeln, so wie eine Henne ihre Küken unter ihre Flügel nimmt; aber ihr habt nicht gewollt.“ Greifen wir Paulus an dieser Stelle wieder auf, könnte man für diese Aussage wieder das Kriegsbild aufgreifen: Gott hat seine Krieger ausgestattet mit der gesamten Ausrüstung, doch sie haben es nicht angelegt. Sie stehen ganz wehrlos und schutzlos vor dem Erzfeind. Ja mehr noch, sie sind zu Deserteuren geworden – übergelaufen ins feindliche Lager. Weil sie ihren Feldherrn zurückgewiesen haben, werden sie sich selbst überlassen. Gottes Schutz ist ihnen nicht mehr sicher, aber nicht weil Gott sie nicht mehr beschützen will, sondern weil sie seine Hilfe nicht wollten. Sie werden die Konsequenz ihres eigenen Leichtsinns tragen, wenn die Römer einige Jahrzehnte später die gesamte Stadt zerstören und den Tempel in Trümmer legen werden. Dann werden die Jerusalemer auf dem eigenen Scherbenhaufen sitzen bleiben.
Jesus sagt noch etwas sehr Entscheidendes: „Ihr werdet mich nicht mehr sehen, bis die Zeit kommt, in der ihr ruft: Gepriesen sei er, der kommt im Namen des Herrn!“ Das ist eine Aussage, die man vierfach begreifen kann. Einerseits bezieht er sich auf sein letztes Kommen in die Stadt, bei dem er auf einer Eselin einreitet. Dann werden die Bewohner diesen Jubelruf ausrufen. Es wird der letzte Jubel sein vor dem „Kreuzige ihn“ wenige Tage später. Jesus wird dann die Stadt nicht mehr verlassen, bis er stirbt und am dritten Tag wieder auferstehen wird. Das ist der Literalsinn dieser Stelle. Doch wir müssen darüber hinaus den geistlichen Sinn betrachten: Die Menschen werden Gott nicht mehr sehen aufgrund der Tempelzerstörung, aber dann wieder erblicken in Jesus Christus, dessen Leib der wieder aufgerichtete Tempel ist. Er hat ja angekündigt, den Tempel wieder aufzubauen. Der Ort der wahren Anbetung wird er selbst sein. Und das erkennen die Christen in der Eucharistie, in der er seinen Leib hingegeben hat. Wir müssen diese Aussage Jesu also durchaus ekklesiologisch als Aufbau der Kirche und sakramental als Eucharistie verstehen. Denn bis heute beten wir vor den Einsetzungsworten diese Worte im „Benediktus“, das heutzutage mit dem Sanctus verbunden ist: „Gesegnet sei, der kommt im Namen des Herrn, Hosanna in der Höhe.“ Wenn wir uns dann mit ihm vereinen, nehmen wir ihn auf in unser Herz, in unsere Seele, die der Tempel des Hl. Geistes ist. Wir verherrlichen ihn in unserem Leben durch unseren christlichen Lebenswandel, durch unsere Entscheidungen, die immer von ihm in unserer Mitte ausgehen sollen. Was die Christen noch verborgen erblicken durch den Schleier des Sakraments, ist ein Vorgeschmack des Himmels. Dort werden wir ihn dann sehen, wie er ist und gemeinsam auf ewig rufen: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn.“ Aber dann werden wir keinen Tempel mehr benötigen, denn Gott lebt in unserer Mitte.

Ihre Magstrauss

Apostel Simon und Judas (Fest)

Eph 2,19-22; Ps 19,2-3.4-5b; Lk 6,12-19

Heute gedenken wir zweier Apostel, die sehr oft zusammen genannt werden: Simon und Judas. Sie sind beide sogenannte „Herrenbrüder“, Verwandte Jesu, aber keine leiblichen Brüder. Sie gehören dem Zwölferkreis an und hatten eine wichtige Stellung in der Jerusalemer Urgemeinde. In der Ikonographie werden sie oft mit den Werkzeugen dargestellt, durch die sie gestorben sind – Säge und Keule. Für beide sind Beinamen belegt. So wird Simon auch Zelotes genannt, weil er wahrscheinlich vor seiner Zeit als Apostel der radikalen Gruppe der Zeloten angehört hat. Judas trägt den Beinamen Thaddäus. Beide werden in der Tradition als Brüder des Herrenbruders Jakobus angesehen, sind also allesamt Kinder der „anderen“ Maria sowie Kleopas.

Eph 2
19 Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.

20 Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Eckstein ist Christus Jesus selbst.
21 In ihm wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn.
22 Durch ihn werdet auch ihr zu einer Wohnung Gottes im Geist miterbaut.

Als Lesung hören wir heute einen Abschnitt aus dem Epheserbrief. Es geht um die Versöhnung von Juden und Heiden in Christus. Dies geschieht in der Taufe, die hier den größeren Argumentationskontext darstellt.
Durch die Taufe sind die Angesprochenen „jetzt nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.“ Das heißt, dass sie nun der Gemeinschaft der Heiligen angehören, die ihren sichtbaren Teil auf Erden besitzt, ein unsichtbarer Teil aber kann sich schon „Hausgenosse Gottes“ nennen. Sie sind schon bei Gott. Sie haben sein Reich geerbt und das Erbe nach dem Tod bezogen. Sie sind Erben, weil sie durch die Taufe zu Kindern Gottes geworden sind und zu seiner Familie gehören. Ihr „Bürgerrecht“ ist kein irdisches mehr, sondern ein viel kostbareres: Es geht schließlich um das Bürgerrecht im Himmel, das nie vergeht. Und dieses erhalten sie schon bei der Taufe auf Erden, auch wenn es erst nach dem Tod zum Einsatz kommt. Die Getauften sind auch keine „Fremden“ im Himmelreich im Sinne von Ausländer. Vielmehr handelt es sich um ihre Heimat, in die sie nach dem Tod zurückkehren. Sakramental und ekklesiologisch wird dieses Heimatgefühl durch das Leben in der Kirche bereits spürbar.
Die Getauften werden dabei nicht ins Vakuum hineingetauft. Sie treffen hier auf das apostolische Fundament. Es ist wie ein Gebäude, dessen Eckstein Christus selbst ist, während die Apostel und Propheten das Fundament darstellen. Das ganze Gebäude wird von Christus zusammengehalten und befindet sich im Wachstum. Das können wir so verstehen, dass immer mehr Menschen der Kirche zugesellt werden. Die „lebendigen Steine“ werden immer zahlreicher, die Stockwerke immer höher. So wächst der Tempel des Herrn und im Herrn. Es ist sein Bau, deshalb „des“ Herrn. Zugleich ist er es, der alles zusammenhält, mit einem anderen Bild ausgedrückt, dessen Leib die Kirche ist. In dieser Hinsicht ist es der Tempel „im“ Herrn.
Christus ist es, der uns „zu einer Wohnung Gottes im Geist miterbaut.“ Das heißt, dass der Mensch „Kirche“ nicht selbst macht. Christus ist der Baumeister und sein Geist ist es, der alles belebt. Wir können uns als Menschen nicht einbilden, dass wir das selbst errichtet haben. Dann ist der Bau zum Einsturz vorprogrammiert.

Ps 19
2 Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände.

3 Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund,
4 ohne Rede und ohne Worte, ungehört bleibt ihre Stimme.
5 Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.

Als Antwort auf die Lesung beten wir Ps 19, in dem König David zunächst die Erkennbarkeit Gottes in der Schöpfung betrachtet. Die Psalmen reflektieren die Torah und hier wird der Schöpfungsbericht aufgegriffen.
Die verschiedenen Elemente der Schöpfung verkünden gleichsam Gott als ihren Schöpfer. Er ist der kreative Ursprung, der die wunderbaren Dinge gemacht hat. So sind es die Himmel mit den Himmelskörpern, die die Herrlichkeit Gottes verkünden. Gott hat die Himmelskörper am vierten Tag an das Himmelsgewölbe gesetzt, den Himmel schuf er aber bereits am zweiten Tag.
Gottes Herrlichkeit wird von Tag zu Tag gepriesen. Die Tage und Nächte selbst sind seine Verkünder. Sie werden durch die verschiedenen Himmelskörper gesteuert, sodass Sonne und Mond bzw. Sterne sich mit der Verkündigung Gottes abwechseln.
Sie tun dies jedoch nicht verbal, sondern durch ihre wunderbare Ordnung und Schönheit. Die Sonne spendet Licht und Wärme. Ohne sie kann die Erde nicht bestehen. Sie ist ein wunderbares Bild für unsere Abhängigkeit von Gott. Seine Gnade erhält uns Tag für Tag am Leben. Ohne ihn gehen wir ganz schnell ein wie eine Pflanze ohne Sonnenlicht. Der Mond und die Sterne erleuchten die dunkle Nacht. Er ist uns Orientierung, denn an seinen Mondphasen erkennen wir die Zeit im Monat. An den Sternbildern können wir uns auch an den Himmelsrichtungen orientieren. Die Schönheit des Sternenhimmels lässt uns Gottes überwältigende Herrlichkeit erahnen. Nichts an Himmelskörpern ist chaotisch. Der Mond verläuft in geordneten Bahnen. Die Erde dreht sich unaufhörlich und so sehen wir die Sonne täglich auf- und untergehen. Diese mächtigen Himmelskörper tun nichts, was Gott ihnen nicht „angeordnet“ hat. Sie offenbaren uns Gottes Ordnung, seinen Logos, der die ganze Schöpfung ordnet, der die gesamten Naturgesetze verleiht hat.
Der Himmel spricht kein einziges Wort, doch verbreitet sich diese Art von Verkündigung weltweit, was mit den „Enden der Erde“ ausgedrückt wird.
Verkündigung geschieht nicht einfach nur verbal. Es geht nicht darum, dass wir das Evangelium Christi nur mit Worten in die Welt hinaussagen, auch wenn das elementar ist. So ist auch Gottes gesprochenes Wort es, das die Schöpfung erwirkt und systematisiert hat. Wir haben es am Beispiel der Himmelskörper gesehen. Aber das Wort Gottes hat es auch konkret getan. So sollen auch wir den Menschen vor allem ein gutes Beispiel sein, die Gebote Gottes aus brennender Liebe halten und uns ganz den Menschen hingeben. Das wird unsere verbale Verkündigung authentisch machen und so werden wir viele Herzen anrühren. Das überzeugt Menschen, nicht nur leeres Gerede. Die beiden Apostel, die wir heute feiern, haben das wirklich beispielhaft vorgelebt. Sie haben nicht nur mit Worten versucht, zu überzeugen, sondern haben im Namen Gottes unzählige Heilstaten vollbracht. Sie haben schließlich ihr Leben für Christus hingegeben und damit die überzeugendste Tat vollbracht, die man als Liebesbeweis tun kann. Dadurch sind gewiss viele Menschen zum Glauben gekommen.

Lk 6
12 Es geschah aber in diesen Tagen, dass er auf einen Berg ging, um zu beten. Und er verbrachte die ganze Nacht im Gebet zu Gott.

13 Als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich und wählte aus ihnen zwölf aus; sie nannte er auch Apostel:
14 Simon, den er auch Petrus nannte, und dessen Bruder Andreas, Jakobus, Johannes, Philippus, Bartholomäus,
15 Matthäus, Thomas, Jakobus, den Sohn des Alphäus, Simon, genannt der Zelot,
16 Judas, den Sohn des Jakobus, und Judas Iskariot, der zum Verräter wurde.
17 Jesus stieg mit ihnen den Berg hinab. In der Ebene blieb er mit einer großen Schar seiner Jünger stehen und viele Menschen aus ganz Judäa und Jerusalem und dem Küstengebiet von Tyrus und Sidon

18 waren gekommen, um ihn zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden. Und die von unreinen Geistern Geplagten wurden geheilt.
19 Alle Leute versuchten, ihn zu berühren; denn es ging eine Kraft von ihm aus, die alle heilte.

Im Evangelium hören wir heute von der Berufung der Apostel, zu denen auch Judas und Simon gehören. Bevor Jesus dies vornimmt, verbringt er die ganze Nacht im Gebet zu Gott. Er steigt dafür wie so oft auf einen Berg, der Ort der besonderen Gottesnähe. Dort ist er ganz vereint mit dem Vater. Das ist eine wichtige zeichenhafte Handlung für uns alle. Wenn uns etwas Wichtiges und Entscheidendes bevorsteht, wenn wir vor allem viel Gnade und Segen bei einem Ereignis erwarten, müssen wir vorher um Gottes Beistand, um seinen Hl. Geist, bitten. Von nichts kommt nichts. Wie können wir die Ausgießung des Hl. Geistes auf uns automatisch annehmen, reiche Früchte von Gott erwarten, wenn wir im Vorfeld nicht richtig darum gebeten haben? Hören wir, was geistbegabte Menschen heutzutage sagen, werden wir genau diese Haltung erkennen, die Jesus heute einnimmt. Sie beten nächtelang hindurch, um die Gnadengaben Gottes zu erbitten. Bevor Wunder und Heilungen auch heute noch geschehen, müssen diese von Herzen erbeten werden. Wer reiche Frucht bringen will, muss mit dem wahren Weinstock verbunden sein, der Christus ist.
Und dann ist es soweit. Jesus ruft die Jüngerschar um sich, um die zwölf auszuwählen, die von nun an zum engsten Kreis gehören würden und als Apostel – Gesandte – bezeichnet werden würden: Simon Petrus wird als erstes genannt, weil er der Anführer der Apostel ist, sodann sein Bruder Andreas, die Geschwister Jakobus und Johannes, die beiden oft zusammen genannten Freunde Philippus und Bartholomäus (das ist eigentlich sein Beiname, denn er heißt Natanael), dann der Zöllner Matthäus, der Zweifler Thomas, Jakobus, Simon und Judas, die der Tradition nach Geschwister sein sollen, wobei hier unterschiedliche Väter genannt werden, nämlich Alphäus und Jakobus. Man muss dazu sagen, dass Alphäus als Beiname des Kleopas angesehen wird. Schließlich wird Judas Iskariot genannt, der Jesus später verraten würde und den Zwölferkreis verlassen wird.
Das alles spielt sich noch auf dem Berg ab, wobei wir also erkennen, dass die Erwählung in besonderer Gegenwart Gottes stattgefunden hat. Dann steigen sie gemeinsam den Berg hinab, was nie als einfache Information registriert werden sollte. Vielmehr ist es über den Wortsinn hinaus als Rückkehr in den Alltag zu verstehen. Nach dem Verweilen bei Gott muss der Mensch den Weg zurück in die Welt finden, um mit neuer Kraft und ausgestattet mit Geistesgaben in der Welt zu wirken. Und so lässt die Arbeit nicht lange auf sich warten. Eine Menschenmenge schart sich um Jesus und seine Jünger. Sie kommen voller Glauben und Hoffnung, von Jesus geheilt zu werden. Sie kommen mit der Bereitschaft und dem geöffneten Herzen für die Botschaft Jesu Christi. Die Menschen waren sogar bereit, nur sein Gewand zu berühren, um von der Gnade Gottes berührt zu werden. Es heißt am Ende, dass von ihm eine Kraft ausging, die alle heilte. Gottes überreiche Gnade ist nicht auf Menschen beschränkt. Er bindet seine heilende Gnade oft an Gegenstände wie Kleidungsstücke. Wir wissen auch von einer Episode, bei der man die Schweißtücher des Paulus in seiner Abwesenheit Kranken aufgelegt hat und diese geheilt worden sind. Das ist der Kern von Reliquienverehrung. Es sind nicht die Gegenstände, die heilen, sondern Gott, der sich freiwillig mit Materie verbindet und so Heilsmittel für die Menschen bereithält. Diese Verbindung besteht darin, dass er seine Gnade auf materielle Güter legt, wenn vor allem der Priester besagte Gegenstände segnet. Die Berührung, der Gebrauch, das Beten mit solchen Gegenständen führt zu einer besonderen Berührung der Gnade Gottes. So ist das Gewand Jesu an sich nichts Besonderes, nur ein Stück Stoff. Doch weil Christus es trägt, wird es zur „Reliquie“ schlechthin. Es zeugt nicht von Hysterie, sondern von großem Glauben, allein dieses Gewand berühren zu müssen, um geheilt zu werden.
Und wenn die Apostel mit dem Hl. Geist erfüllt werden, werden auch sie voll der Gnade Gottes erfüllt sein. Dann werden auch ihre Gegenstände sowie die von ihnen gesegneten Gegenstände zu besonderen Berührungspunkten mit der Gnade Gottes. Dann werden sie die Zeichen tun, die Christus getan hat, denn er hat ihnen die Vollmacht dazu gegeben.
Sie sind eingesetzt zu Erben in seinem Reich. Die beiden Apostel, derer wir heute gedenken, sind als Märtyrer gestorben. So sind sie sofort eingegangen in das Reich Gottes, wo sie nun zusammen mit Christus herrschen. Johannes sieht in der Offenbarung 24 Throne, auf denen 24 Älteste Platz genommen haben um den Thron Gottes. Die Kirche glaubt, dass es sich dabei um die zwölf Stämme Israels sowie die zwölf Apostel handelt. Was Christus versprochen hat, das glauben wir, hat sich bewahrheitet. Die Apostel dürfen ganz bei Christus sein. Und wenn wir ihm treu nachfolgen, ersehnen auch wir einen Platz ganz in der Gegenwart Gottes.

Heilige Apostel Judas und Simon, bittet für uns!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 30. Woche im Jahreskreis

Eph 5,21-33; Ps 128,1-2.3.4-5; Lk 13,18-21

Eph 5
21 Einer ordne sich dem andern unter in der gemeinsamen Furcht Christi!

22 Ihr Frauen euren Männern wie dem Herrn;
23 denn der Mann ist das Haupt der Frau wie auch Christus das Haupt der Kirche ist. Er selbst ist der Retter des Leibes.
24 Wie aber die Kirche sich Christus unterordnet, so sollen sich auch die Frauen in allem den Männern unterordnen.
25 Ihr Männer, liebt eure Frauen, wie auch Christus die Kirche geliebt und sich für sie hingegeben hat,
26 um sie zu heiligen, da er sie gereinigt hat durch das Wasserbad im Wort!
27 So will er die Kirche herrlich vor sich hinstellen, ohne Flecken oder Falten oder andere Fehler; heilig soll sie sein und makellos.
28 Darum sind die Männer verpflichtet, ihre Frauen so zu lieben wie ihren eigenen Leib. Wer seine Frau liebt, liebt sich selbst.
29 Keiner hat je seinen eigenen Leib gehasst, sondern er nährt und pflegt ihn, wie auch Christus die Kirche.
30 Denn wir sind Glieder seines Leibes.
31 Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein.
32 Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche.
33 Indessen sollt auch ihr, jeder Einzelne, seine Frau lieben wie sich selbst, die Frau aber ehre ihren Mann.

Die heutigen Lesungen haben das Thema „Familie“. Selbst im Evangelium geht es im Grunde um die wahre Familie, nämlich die Familie Gottes, die das Reich Gottes ist.
In der Lesung aus dem Epheserbrief hören wir heute den Anfang einer sogenannten Haustafel, eine hierarchische Gliederung mit ethischen Unterweisungen, wie die Familie also strukturiert sein und wie man sich innerhalb dieser Struktur verhalten soll. Es geht dabei nicht einfach um die persönlichen Vorstellungen des Paulus, sondern darum, wie Gott Hierarchien gewollt hat. Daran erkennen wir schon viele wichtige Hinweise darauf, was uns Jesus dann im Evangelium erklären möchte.
Das, was alle Menschen vereinen soll, ist die „gemeinsame Furcht Christi“. Gemeint ist, dass man gemeinsam an Christus glaubt und ihn als Herrn in seinem Leben an die erste Stelle setzt. Er ist nicht nur der gemeinschaftsstiftende Faktor, sondern auch der gemeinsame Antrieb für das Verhalten. Es geht nicht um eine pathologische Angst, sondern um die Angst, ihn zu verletzen, eine Sorge um ein gutes Verhältnis zu ihm. Es geht also um dasselbe Beziehungsideal aller Christgläubigen.
Von dieser Unterordnung Christi abgeleitet sollen die Frauen sich ihren Männern unterordnen. Paulus stellt eine Analogie zwischen dem Haupt der Kirche Christus und dem Haupt der Familie den Familienvater heraus. Die Frauen erleiden keinen Nachteil, wenn sie sich unterordnen, wenn der Mann wirklich analog zu Christus die Frau von Herzen liebt und sich ihr hingibt, wenn er bereit ist, ihr ganz zu dienen und sogar sein Leben für sie hinzugeben. Dann weiß die Frau, dass er ihre Unterordnung nicht missbrauchen und über sie herrschen wird.
Christus hat seine Braut, die Kirche „durch das Wasserbad im Wort“ gereinigt und geheiligt. Die Frau wird durch den Mann heilig. Es ist aber auch umgekehrt, wie Paulus im ersten Korintherbrief schreibt. Die Ehepartner werden durch den jeweils anderen heilig. Hier geht es aber um Hierarchie, weshalb die „Mann heiligt die Frau“-Seite so stark beleuchtet wird. Der Mann soll seine Frau lieben wie seinen eigenen Leib. Wir merken, dass die Hierarchie, von der Paulus hier spricht, mitnichten ein Machtgefälle darstellt, sondern eine Hierarchie der Liebe, Hingabe und des Dienstes. Wer über dem anderen steht, muss mehr lieben und sich verschenken. Der Mann soll die Frau lieben, wie seinen Leib, weil das eine bewusste Analogie zu Christus schafft, dessen Leib die Kirche ist. Er liebt die Kirche zuerst wie seinen eigenen Leib.
Die Leib-Analogie auf die Ehe bezogen ist keine Erfindung des Paulus, sondern hat Gott selbst schon im Schöpfungsbericht so vorgegeben. Denn hier wird Genesis 2,24 zitiert, wo es heißt, dass der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden wird, sodass sie ein Fleisch werden. Ihre Einheit betrifft nicht nur die körperliche Ebene, sondern ihre gesamte Existenz. Aus zwei Einzelpersonen wird ein Leib. Und so wie Mann und Frau einen Organismus darstellen, so ist es mit der Kirche, die ein einziger Leib ist. Das ist ein tiefes Geheimnis, wir benutzen das Fremdwort Mysterium an dieser Stelle.
Paulus schließt mit der wiederholten Forderung, dass alle Männer ihre Frauen lieben sollen, wie sich selbst, die Frauen ihre Männer aber ehren sollen.
Bei allem müssen wir sehr viel zusammen beten. Denn die Folgen der Erbsünde erschweren uns die Umsetzung dieser gottgewollten Hierarchie. Gott hat nach dem Sündenfall schon angekündigt, dass die Frauen nach ihren Männern verlangen werden, doch diese über die Frauen herrschen werden. Die gottgewollte Liebeshierarchie ist pervertiert und verzerrt worden. Der Mensch missbraucht Macht, die Entfremdung zwischen den Geschlechtern ist geschehen. So sehr stehen wir immer wieder in der Gefahr, die göttliche Ordnung zu verlassen. Deshalb müssen wir sehr viel füreinander beten und wachsam sein gegenüber jeder Versuchung, den Leib, der die Familie ist, in ein krankes und nekrotisches Gebilde zu verunstalten. Doch das ist nicht das Ende. Gott hat uns durch die Taufe einen Ausweg aus dieser Misere geschenkt. Wir sind durch die Taufe eine neue Bundesbeziehung mit Gott eingegangen und er hat stattet uns mit der nötigen Gnade aus, sodass wir den Versuchungen und Nachstellungen des Teufels widerstehen können. Er befähigt uns, zwar nicht aus Natur, dafür aus Gnade die gottgewollte Ordnung einzuhalten, die er von Anfang an für uns vorgesehen hat. Und wo das geschieht, da erleben wir einen Vorgeschmack des Reiches Gottes! Letztendlich ist jede irdische Familie ein Abbild der Familie Gottes. Die Analogie ist evident.

Ps 128
1 Ein Wallfahrtslied. Selig jeder, der den HERRN fürchtet, der auf seinen Wegen geht!

2 Was deine Hände erarbeitet haben, wirst du genießen; selig bist du – es wird dir gut ergehn.
3 Deine Frau ist wie ein fruchtbarer Weinstock im Innern deines Hauses. Wie Schösslinge von Ölbäumen sind deine Kinder rings um deinen Tisch herum.
4 Siehe, so wird der Mann gesegnet, der den HERRN fürchtet.
5 Es segne dich der HERR vom Zion her. Du sollst schauen das Glück Jerusalems alle Tage deines Lebens.

Als Antwort auf die Lesung beten wir Ps 128, der zum psalmübergreifenden Wallfahrtslied 120-134 gehört. Er stellt einen Haussegen dar, passt also ideal auf die Lesung, in der es ebenfalls um die häusliche Familiengemeinschaft geht. Selig sind wir, wenn wir Gottes Gebote halten. Dieses Verhalten zeigt unsere Gottesfurcht und ein geordnetes Leben, wie Paulus erklärt hat. Wir werden Segen haben, wenn wir „auf seinen Wegen“ gehen. Dieser Segen wird sich z.B. am Erntereichtum zeigen. Das ist ein gängiges Bild und Beispiel für Gottes Segen.
Das greift Gen 3 auf, wo als Folge des ersten Sündenfalls die mühevolle Arbeit angekündigt wird, um das tägliche Brot essen zu können. Erntereichtum ist umso mehr ein Zeichen der Gnade Gottes. Wir sehen also auch hier im Psalm die Diskrepanz zwischen Gottes inniger Gemeinschaft mit seinen Geschöpfen und der Korruption durch den Sündenfall.
Auch Vers 4 drückt aus, dass der gottesfürchtige Mann gesegnet sein wird. Wer Gott aber fürchtet, wird sein Leben nicht einfach schleifen lassen. Die Gottesfurcht ist auch in der Lesung zur Sprache gekommen. Dort ist es die Christusfurcht, doch beides meint dasselbe – die Angst, Gott zu beleidigen und dadurch die Beziehung zu ihm zu beeinträchtigen. Wer also an der Beziehung zum Herrn arbeitet, wird Segen haben.
Ein weiteres Zeichen des Segens wird hier mithilfe der Bilder „Weinstock“ und „Ölbaum“ gegeben. Wenn die Frau als fruchtbarer Weinstock bezeichnet wird, ist das ein Zeichen des Segens Gottes. Kinderreichtum wird immer zum Indikator vor allem für die Frau, dass sie den Segen Gottes auf sich hat. Die Kinder als Ölbäume deuten auf deren Langlebigkeit und Fruchtbarkeit hin. Der Ölbaum ist deshalb ein Bild, das häufig zusammen mit dem Weinstock genannt wird.
Wenn es dann zum Ende hin heißt „Es segne dich der HERR vom Zion her“, dann ist das ein besonderer Segen. Für die Israeliten war das die maximale Form von Segen, denn „vom Zion“ meint „vom Tempel“. Und dort wohnte die Herrlichkeit Gottes. Wir Christen sehen darin eine typologische Verbindung zum eucharistischen Segen. „Zion“ ist nun die Kirche, in der das Allerheiligste nicht mehr die Bundeslade, sondern der Tabernakel mit den konsekrierten Hostien ist – das fleischgewordene Wort Gottes.
Das ewige Schauen des Glücks Jerusalems ist dann auch mehr als nur wörtlich zu verstehen: Es bezieht sich auf die Glückseligkeit des himmlischen Jerusalems. Dann werden wir mit der himmlischen Familie, also in Gemeinschaft der Heiligsten Dreifaltigkeit leben. Dann kommen wir von der Abbildhaftigkeit zur Vollendung. Das dürfen wir sakramental schon jetzt erfahren in der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Wir sind eine einzige Familie, bei der der Priester unser Vater ist. Er sorgt für die Sakramente und Sakramentalien. Die Kirche gebärt uns, zieht uns auf und nährt uns mit den Heilsmitteln seelisch. Alle Gläubigen sind Geschwister im Glauben und bilden so die geistliche Familie, von der Jesus gesprochen hat (Mt 12,50; Mk 3,35). Also hat er selbst die Analogie von Familie, Reich Gottes und Gottes Dreifaltigkeit grundgelegt. Und auch in der Familie Gottes als Kirche ist das verbindende und gliedernde Prinzip die Liebe, Hingabe und der Dienst. Nicht umsonst hat Jesus am selben Abend, als er das Weihesakrament stiftete – mit allen seinen Vollmachten! – den Aposteln die Füße gewaschen als Beispiel für sie. Er wollte verdeutlichen, dass wer in der Hierarchie ganz oben steht, der Diener aller sein soll. Deshalb ausgerechnet die Fußwaschung, denn sie ist der Sklavendienst schlechthin.

Lk 13
18 Er aber sagte: Wem ist das Reich Gottes ähnlich, womit soll ich es vergleichen?

19 Es ist wie ein Senfkorn, das ein Mann nahm und in seinen Garten säte; es wuchs und wurde zu einem Baum und die Vögel des Himmels nisteten in seinen Zweigen.
20 Noch einmal sagte er: Womit soll ich das Reich Gottes vergleichen?
21 Es ist wie der Sauerteig, den eine Frau nahm und unter drei Sea Mehl verbarg, bis das Ganze durchsäuert war.

Im Evangelium erklärt Jesus das Reich Gottes anhand von verschiedenen Gleichnissen. Das Reich Gottes ist wie ein Senfkorn. Sie werden ein solches vielleicht schon einmal in Händen gehalten haben. Es ist wirklich sehr klein und steht im Gegensatz zu der imposanten Größe der ausgewachsenen Staude, das anderen Lebewesen noch Schatten bietet. Mit diesem Bild möchte Jesus verdeutlichen, dass seine Verkündigung alles andere als imposant beginnt. Er ist zunächst allein, die ersten Jünger sind seine Eltern. Dann kommen nach und nach Menschen hinzu. Die Art und Weise, wie Jesus verkündet, ist schlicht und unkompliziert. Sein Kommen in diese Welt ist schon so unscheinbar gewesen, dass Herodes bei der Erwähnung seiner Geburt aus allen Wolken gefallen ist. Jesus wurde in einem armen Stall geboren. Der große Gott hat sich so klein gemacht, dass er als bedürftiges Baby den Menschen erschienen ist! Wenn das keine Senfkorn-Mentalität ist, was dann? Jesus ist nicht mit Pomp gekommen, er hat seine Verkündigung auch nicht spektakulär betrieben. Er kam einfach zum Jordan und stellte sich zu den anderen Menschen. Johannes sagte sogar: „Unter euch steht einer, den ihr nicht kennt.“ Er ging zu einzelnen Menschen und sagte „komm und folge mir nach“. Wer ihn ansprach, den nahm er kurzerhand mit nach Hause. Mit dieser Schlichtheit und Demut sollen auch seine Jünger evangelisieren. Auch hier sehen wir, wie die Familie Gottes gebildet wird, deren Hierarchie wir in den bisherigen Lesungen bedacht haben. Im Reich Gottes läuft alles anders, als wir es von der Welt gewohnt sind. Dort gibt es kein von oben herab. Da gibt es nur die Macht der sich verzehrenden und hingebenden Liebe. Jesus der König lebte wie ein Sklave. Er herrschte wie ein Diener. Er siegte wie ein Verlierer am Kreuz. Alles an ihm ist so unspektakulär, dass es für viele stolze Seelen unerträglich ist. Die Hl. Schrift, die seine Kronzeugin ist, ist so voller Demut, dass stolze Seelen sie nicht lesen konnten – bis zu ihrer Bekehrung. Als Beispiel sei der Hl. Augustinus genannt. Das sind die Maßstäbe, das ist die Mentalität des Reiches Gottes. Diese Demut wird am Ende siegen, den besiegen, der sich hochmütig gegen Gott aufgelehnt hat!
So ist auch das Christentum im ganzen Römischen Reich verbreitet worden. Es war ein Erzählen von Jesus Christus zwischen Tür und Angel, oft waren es Soldaten, Kaufmänner, Sklaven. Es war eine Weitergabe von Mensch zu Mensch, ganz unscheinbar. Und es ist so herangewachsen, dass es im 4. Jh. zur Staatsreligion im Römischen Reich geworden ist! Bis heute ist es die weltweit größte Religion der Welt mit den meisten Mitgliedern. Es ist wirklich zu einer riesigen Senfpflanze geworden. Was mit ein paar Jüngern begann, ist jetzt zur Weltreligion geworden. Das Evangelium von Jesus Christus ist wirklich bis an die Enden der Welt gekommen. So wie es verbreitet worden ist, so soll es innerhalb der Familie Gottes auch zugehen. Wir haben es in den heutigen Lesungen gehört. Verstehen wir ein für alle Mal, dass es bei Gott ganz anders ist als bei uns Menschen. Hochmut und Ungehorsam gegenüber Gott sind der Kern der Sünde. Durch sie ist die Sünde in die Welt gekommen und die erste Schöpfung gefallen. Durch die Demut und den Gehorsam des zweiten Menschen ist die Welt mit Gott versöhnt worden. Leben wir in seiner Mentalität, damit wir am Ende in das Herz der Familie Gottes aufgenommen werden, nämlich in das Himmelreich.

Ihre Magstrauss

Montag der 30. Woche im Jahreskreis

Eph 4,32 – 5,8; Ps 1,1-2.3.4 u. 6; Lk 13,10-17

Eph 4
32 Seid gütig zueinander, seid barmherzig, vergebt einander, wie auch Gott euch in Christus vergeben hat.
1 Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder

2 und führt euer Leben in Liebe, wie auch Christus uns geliebt und sich für uns hingegeben hat als Gabe und Opfer, das Gott gefällt!
3 Von Unzucht aber und Unreinheit jeder Art oder von Habgier soll bei euch, wie es sich für Heilige gehört, nicht einmal die Rede sein.
4 Auch Sittenlosigkeit und albernes oder zweideutiges Geschwätz schicken sich nicht für euch, sondern vielmehr Dankbarkeit.
5 Denn das sollt ihr wissen: Kein unzüchtiger, schamloser oder habgieriger Mensch – das heißt kein Götzendiener – erhält ein Erbteil im Reich Christi und Gottes.
6 Niemand täusche euch mit leeren Worten: All das nämlich zieht auf die Ungehorsamen den Zorn Gottes herab.
7 Habt darum mit ihnen nichts gemein!
8 Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Lebt als Kinder des Lichts!

Die heutige Lesung ist eine Ansammlung von paränetischen Aussagen, also Ermahnungen zu einem bestimmten Lebenswandel. Er nimmt diese Ausführungen im Kontext vor, dass die Epheser als Getaufte und Bündnispartner Gottes nicht mehr so leben können wie vorher. Sie sollen nun an ihrem Lebenswandel die Konsequenzen ihrer Entscheidung für Gott zeigen. Da sie nun in einem ganz anderen Dasein leben als vor ihrer Taufe, müssen sie alles meiden, was der gefallenen Natur und dem gottlosen Leben anhaftet. Stattdessen sollen sie Christi Verhalten nachahmen, das er ganz deutlich vorgelebt hat: Sie sollen einander voller Barmherzigkeit und Güte begegnen und stets vergebungsbereit sein. Denn Gott hat ihnen zuerst die ganze Schuld vergeben, als sie die Taufe empfangen haben. Ihre Vergebungsbereitschaft soll die Konsequenz und Antwort dieses überreichen Gnadenaktes sein. Sie sind neugeboren zu einer neuen geistigen Schöpfung, eingetaucht in das Meer der Gnade Gottes und somit befähigt, das zu tun, zu dem Paulus sie in Vers 1 auffordert: „Ahmt Gott nach als seine geliebten Kinder.“ Kinder schauen sich das Verhalten ihrer Bezugspersonen ab, vor allem der Eltern als primäre Bezugspersonen. So sollen die Getauften, die Kinder Gottes sind, ihm nachahmen. Schließlich sind sie Gottes Abbilder und durch die Taufgnade nun fähig, dies umzusetzen. Das soll ganz konkret dadurch geschehen, dass sie die Liebe umsetzen, die sich aus der Gottes- und Nächstenliebe zusammensetzt und das wichtigste Gebot darstellt. Wir haben es gestern gehört. Liebe hat sehr viel mit Hingabe zu tun, mit dem Verschenken des eigenen Lebens. Die Epheser und wir zusammen mit ihnen sollen Christus nachahmen, indem wir uns unseren Mitmenschen ganz hingeben, ihnen dienen und alles als Liebesopfer Gott darbringen. Alles, was wir tun, sollen wir als Liebesopfer betrachten. Schon im Alten Testament sagt Gott den Menschen durch die Propheten, dass das größte ihm gefällige Opfer ein gutes ethisches Verhalten darstellt. Ihm sind Opfer zuwider, die dargebracht werden bei zugleich schlechtem zwischenmenschlichem Verhalten. Das stellt für ihn Heuchelei dar, fehlende Wahrhaftigkeit und Aufrichtigkeit.
Wenn man sich den Menschen und Gott verschenkt, soll man bestimmte sündhafte Verhaltensweisen vermeiden: „Von Unzucht aber und Unreinheit jeder Art oder von Habgier soll bei euch, wie es sich für Heilige gehört, nicht einmal die Rede sein.“ Es ist kein Zufall, dass Paulus die Unzucht und Unreinheit zuerst nennt. Sie sind deshalb besonders heimtückisch, weil sie den ganzen Leib des Menschen mit einbeziehen, der doch heilig sein soll als Tempel des Heiligen Geistes, wie er im ersten Korintherbrief erklärt. Wenn der Leib Gott verherrlichen soll, kann er nicht zugleich zur Verbindung mit den Dämonen verwendet werden. Die Habgier wird sodann genannt, weil durch sie das Herz nicht mehr ungeteilt Gott gehört. Das Haben-Wollen verhindert, dass man sich von Gott alles schenken lässt wie ein Kind, das sich alles von den Eltern geben lässt. Aber wer nicht wird, wie die Kinder, kann nicht ins Reich Gottes eingehen. Diese sündhaftigen Dinge sollen nicht einmal gesprochen werden. Warum? Wir kennen von Christus her den Weg oder Prozess der Sünde: Sie kommt aus dem Herzen und zeigt sich zuerst an bösen Gedanken. Wovon aber das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Und was zur Sprache gebracht wird, wird irgendwann in die Tat umgesetzt. Paulus möchte, dass dieser Prozess im Keim erstickt wird, damit es nicht erst dazu kommt, dass die Epheser diese bösen Dinge tun.
„Auch Sittenlosigkeit und albernes oder zweideutiges Geschwätz schicken sich nicht für euch, sondern vielmehr Dankbarkeit.“ Auch dies ist dazu zu zählen, was wir oben bedacht haben. Selbst die Andeutungen zeigen, dass in den Herzen der Menschen Unreinheit herrscht. Da muss man aufräumen. Wir merken auch, was die Konsequenz einer Entscheidung für Gott ist: Christsein spiegelt sich nicht nur erst in einem Verhalten wider, sondern schon in einer Sprache, die sich von der Welt unterscheidet. Christen können nicht schamlos daherreden, unkeusche Andeutungen vornehmen, eine vulgäre Sprache pflegen. Wenn sie ihre Herzen ganz dem Herrn geschenkt haben, soll er sie ganz beherrschen. Dann werden sie auch ganz anders sprechen. Vom Hl. Josemaria Escriva sagen viele, dass wenn man mit ihm ein Pläuschen hielt, es sich früher oder später immer in ein Gespräch über Gott entwickelte. Das liegt daran, weil sein Herz voll von Christus war. Er konnte nicht anders, als immer wieder über ihn zu sprechen zu kommen, vor allem über die Hl. Schrift. Ich wiederhole: Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Und wenn etwas Schamloses über die Lippen kommt, ist das Herz noch nicht ganz voll vom Herrn, sondern da ist noch etwas, das aufgeräumt werden muss.
Paulus betont ganz klar: Kein unzüchtiger, schamloser oder habgieriger Mensch erhält ein Erbteil im Reich Gottes. Wir müssen es uns auf der Zunge zergehen lassen: Er spricht hier zu den Ephesern, die alle getauft sind! Sie sind alle zu Erben des Reiches Gottes eingesetzt! Sie können sich aber nicht darauf ausruhen. Wenn sie nicht ein entsprechendes Leben führen und ihr Herz ganz Gott schenken, wird ihnen dieses Erbe wieder weggenommen. Es gibt genug Irrlehren bis heute, die behaupten, dass die Taufgnade nicht abhanden kommen kann. Das stimmt aber nicht mit dem überein, was wir vor allem in der Briefliteratur und darüber hinaus im ganzen Neuen Testament lesen. Wer nach der Taufe die Gnade verliert durch Wiederaufnahme eines sündhaften Lebens, weist das ewige Heil und das Erbe selbst zurück.
Wer aber so ist, unterscheidet sich nicht von denen, die nicht getauft sind. Mit beiden Menschengruppen sollen die Epheser nichts zu tun haben. Sie sollen sich nicht beeinflussen und dadurch zur Sünde verführen lassen. Lieber sollen sie die Gelegenheiten zur Sünde meiden. Als Kinder des Lichts können sie nicht in der Finsternis leben oder sich nach ihr zurücksehnen. Wer möchte auch zurück zur Finsternis, wer das Licht erhalten hat? Vernünftig ist das nicht.

Ps 1
1 Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt,
2 sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.
3 Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen.
4 Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.
6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.

Heute beten wir den allerersten Psalm des Psalters. David schreibt hier eine Seligpreisung an den, der sich für Gott entschieden hat. Da hören wir eine wunderbare Betrachtung dessen, wie gut es einem geht, wenn man Gott gewählt hat. Wer „Gefallen an der Weisung des HERRN“ hat und Gottes Gebote nicht nur hält, sondern darüber auch nachdenkt, ist wie ein Baum am Wasser. Er wächst und gedeiht direkt an der Quelle und ist absolut fruchtbar. Diese Fruchtbarkeit wird biologisch gesehen von den Juden als Zeichen des Segens betrachtet, aber wir gehen über das Wörtliche hinaus und denken an Jesu Worte: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt (Joh 15,16).“ Es ist eine geistige Fruchtbarkeit, die andere Menschen zu Kindern Gottes macht und so das Volk Gottes immer größer werden lässt. Jesus sagt sogar, dass die Entscheidung für Gott nicht der erste Schritt ist, sondern die Reaktion auf die Erwählung Gottes. Das ist, was Paulus den Ephesern ebenfalls zu erklären versucht.
Gottes Segen zeigt sich bei dem, der Gott gewählt hat, daran, dass ihm alles gelingt und die Gebete erhört werden. Die nie verwelkenden Blätter werden zum eschatologischen Zeichen, zum Symbol für das ewige Leben für Gott, das auch beim nie verwelkenden Siegeskranz aufgegriffen wird, einer Metapher des NT.
Dagegen sind die Frevler, die Gott ablehnen, wie vom Wind verwehte Spreu. Sie sind nicht unvergänglich, sondern absolut kurzlebig. Kommt ein Windstoß, sind sie dahin. Versucht man einen Weg ohne Gott, verläuft man sich in eine ganz böse Sackgasse. Es ist ein Holzweg, der ins Nirgendwo führt – beziehungsweise in die ewige Gottesferne, in die Hölle!
Dies stellt dann den ewigen Tod dar, nicht mehr das ewige Leben. Wenn man vernünftig ist, wählt man also Gott, denn damit wählt man zugleich das Leben. Es geht um Entscheidung – jeden Tag aufs Neue. Es reicht nicht, sich einmal in der Taufe zu entscheiden. Man tut es mit jeder Handlung des Tages. Und mit jeder Sünde entscheidet man sich gegen Gott. Das ist eine große Herausforderung in einer Welt, in der die Entscheidungsfreudigkeit sehr gering ist und man lieber unverbindlich lebt.

Lk 13
10 Am Sabbat lehrte Jesus in einer Synagoge.

11 Und siehe, da war eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Geist geplagt wurde; sie war ganz verkrümmt und konnte nicht mehr aufrecht gehen.
12 Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst.
13 Und er legte ihr die Hände auf. Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott.
14 Der Synagogenvorsteher aber war empört darüber, dass Jesus am Sabbat heilte, und sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat!
15 Der Herr erwiderte ihm: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke?
16 Diese Frau aber, die eine Tochter Abrahams ist und die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen?
17 Durch diese Worte wurden alle seine Gegner beschämt; das ganze Volk aber freute sich über all die großen Taten, die er vollbrachte.

Im Evangelium geht es heute um eine Krankenheilung am Sabbat – wieder ein Anlass für die Pharisäer und Schriftgelehrten, Anstoß an Jesu Verhalten zu nehmen. Jesus lehrt in der Synagoge an einem Sabbat. Dort ist eine ganz verkrümmte Frau, deren Leiden von einem Dämon kommt. Was Jesus also vornimmt, ist nicht in erster Linie eine Krankenheilung, sondern zunächst ein Exorzismus. Er packt das Problem bei der Wurzel. Gott geht es immer in erster Linie um unser Seelenheil, um die Heilung unserer unsterblichen Seele. Als Bonus kommt es erst im Anschluss manchmal zu einer körperlichen Heilung, vor allem wenn das körperliche Leiden Konsequenz der seelischen Not ist. So ruft Jesus also die Frau zu sich und sagt ihr die Heilung zu. Er legt ihr die Hände auf, wodurch der Dämon offensichtlich von ihr ablässt. Es geht aus dem Text nicht hervor, ob die Frau unter einer richtigen Besessenheit oder einer Umsessenheit litt. Wenn es eine tatsächliche Besessenheit war, wird es sich womöglich um einen stummen Dämon gehandelt haben, denn sie bzw. der Dämon schreit nicht durch sie. Jedenfalls sehen wir, was das Entscheidende dieser Heilung ist: Sie wird wieder zum Lobpreis befähigt. Dadurch dass sie nicht mehr verkrümmt ist, kann sie die Hände zum Lobpreis erheben, sie kann wieder tanzen im Reigen, wie es die Juden gerne tun. Sie kann wieder voller Freude zum Herrn Halleluja rufen. Ihr ist ein Stückchen Himmel geschenkt worden, denn der Lobpreis Gottes ist die ewige Handlung der Menschen in der Ewigkeit!
Statt sich also für die Frau zu freuen, dass sie wieder fähig zum Gotteslob geworden ist, echauffiert sich der Synagogenvorsteher. Er hat das Wesentliche nicht vor Augen und sieht nur den vermeintlich inkorrekten Rahmen. Was Jesus der Frau erwiesen hat, ist absolute Barmherzigkeit und Liebe. Doch der Synagogenvorsteher deutet Jesu Handlung als Arbeit, die am Sabbat verboten ist. Es ist genau der Missstand, den Jesus gestern schon beklagt hat: Die Juden seiner Zeit haben die Liebe vergessen, die der Kern der gesamten Torah ist. Stattdessen schießen sie über das Ziel hinaus und verdunkeln den Sinn des Sabbats. Dieser ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Sabbat. Was Jesus getan hat, ist die Hilfe zu einem Lobpreis, dem Gott vor allem am Sabbat gebührt. Deshalb soll man ja an diesem Tag nicht arbeiten: Man soll genug Zeit und Kraft haben, um Gott zu danken. Jesus hat also nicht gearbeitet, sondern der Unfähigen dazu verholfen, den Sabbat zu heiligen. Er tat es nicht als Mensch, sondern als Gott. Und Gott ist ja wohl Herr über die Gebote. Das Problem ist, dass viele Juden jener Zeit Jesus als Messias nicht erkennen. Deshalb erntet Jesus auch heute wieder Widerstand.
Jesus entlarvt die Worte des Synagogenvorstehers als Heuchlerei. Denn selbst den Tieren gibt man etwas zu Trinken, aber dieser leidenden Frau gibt man nicht, was sie benötigt, so als ob sie weniger wert wäre als ein Ochse.
Jesu Worte treffen genau ins Schwarze. Seine Gegner sind beschämt, denn sie fühlen sich entlarvt. Er hat sie zum Schweigen gebracht, doch der Rest freut sich für die Frau. Das ist ein Zeichen der angebrochenen messianischen Heilszeit. Die Kranken werden geheilt. Gott ist barmherzig und möchte allen Menschen guten Willens das ewige Heil ermöglichen.

Was wir dafür tun müssen?

Ja sagen und das Ja konsequent durchhalten, auch wenn es schwierig wird.

Ihre Magstrauss

30. Sonntag im Jahreskreis

Ex 22,20-26; Ps 18,2-3.4 u. 47.51 u. 50; 1 Thess 1,5c-10; Mt 22,34-40

Ex 22
20 Einen Fremden sollst du nicht ausnützen oder ausbeuten, denn ihr selbst seid im Land Ägypten Fremde gewesen.
21 Ihr sollt keine Witwe oder Waise ausnützen.
22 Wenn du sie ausnützt und sie zu mir schreit, werde ich auf ihren Klageschrei hören.
23 Mein Zorn wird entbrennen und ich werde euch mit dem Schwert umbringen, sodass eure Frauen zu Witwen und eure Söhne zu Waisen werden.
24 Leihst du einem aus meinem Volk, einem Armen, der neben dir wohnt, Geld, dann sollst du dich gegen ihn nicht wie ein Gläubiger benehmen. Ihr sollt von ihm keinen Zins fordern.
25 Nimmst du von einem Mitbürger den Mantel zum Pfand, dann sollst du ihn bis Sonnenuntergang zurückgeben;
26 denn es ist seine einzige Decke, der Mantel, mit dem er seinen bloßen Leib bedeckt. Worin soll er sonst schlafen? Wenn er zu mir schreit, höre ich es, denn ich habe Mitleid.

Die erste Lesung ist dem sogenannten Bundesbuch entnommen, einer Sammlung von Gesetzestexten für das Volk Israel. Der konkrete Abschnitt, den wir heute hören, ist eine Sammlung von Verboten:
Die Israeliten sollen keinen Fremden ausnutzen oder ausbeuten. Mit „Fremder“ ist der Ausländer gemeint, der nicht zum Volk Israel, also den zwölf Stämmen, gehört. Die Israeliten sollen nie vergessen, dass sie selbst mal Fremde waren, als sie in Ägypten wie Sklaven behandelt worden sind. So sollen sie anders handeln als die Ägypter und die Fremden in ihrer Mitte mit Respekt behandeln.
Sie sollen auch die Witwen und Waisen nicht ausnutzen, denn diese sind die Schwächsten der Gesellschaft. Es ist zutiefst schändlich, jene zu unterdrücken, die schwächer sind als man selbst. Vielmehr sollen die Israeliten die Schwächsten der Gesellschaft unterstützen, denn Gott liegen die „Armen“ in jeglichem Sinne besonders am Herzen. Er wird ihre Klage hören und es jenen heimzahlen, die sie ungerecht behandelt haben, nicht weil Gott rachsüchtig und sadistisch ist, sondern weil er auf das Unrecht reagiert. Er ist schließlich der vollkommen Barmherzige UND Gerechte.
Wenn man jemandem etwas leiht, soll man keine Zinsen verlangen. Der Mitmensch ist doch eigen Fleisch und Blut, worauf die Juden ja so viel Wert legen, wie kann man da so tun, als ob man einander fremd ist? Das Weglassen von Zinsen ist Ausdruck der Barmherzigkeit.
Wenn man von einem Anderen etwas als Pfand nimmt, soll man es ihm oder ihr noch am selben Tag zurückgeben. Gerade der Mantel, der hier genannt wird, ist ja lebensnotwendig für jene, die nicht viel besitzen. „Es ist seine einzige Decke (…), mit dem er seinen bloßen Leib bedenkt. Worin soll er sonst schlafen?“ Man soll also Mitleid haben und sich hineinversetzen in die Not des Anderen. Warum? Weil Gott so ist und die Israeliten seine Mentalität übernehmen sollen – das Mitleid. Das hebräische Wort bedeutet zugleich „Mitleid“ und „Barmherzigkeit“. Jesus wird das Hauptanliegen des Bundesbuches wiederum aufgreifen, indem er sagt: „Seid barmherzig, wie euer Vater im Himmel barmherzig ist.“ Das ist eine tiefe Wahrheit. Gott hat Mitleid mit dem armen Menschen, der sich nachts nicht einmal zudecken kann, weil ihm dieses Lebensnotwendige entrissen worden ist. Gott hat ein Herz für seine Kinder. Deshalb erhört er ihre Klagen und schreitet ein.
Was im Bundesbuch an Gesetzen zusammengestellt wird, ist absolut fortschrittlich für seine Entstehungszeit. Es ist nicht üblich, solidarisch mit den eigenen Stammesgenossen zu sein, wie es hier verlangt wird. Man raubte sich gegenseitig aus, verzehrte sich komplett in Rachsucht, indem man für ein verletztes Tier die ganze Sippe des Schuldigen ausrottete. Es hieß „fressen oder gefressen werden“, von wegen die Schwächsten der Gesellschaft unterstützen…die Witwen und Waisen waren in allen Völkern rechtlos. Und hier wird mit diesem Buch Gottes „Option für die Armen“, wie sein Herz für alle Benachteiligten in welcher Situation auch immer genannt wird, zum Kern für ein entsprechendes Verhalten zwischen den eigenen Stammesgenossen. Es wird nun „Auge für Auge und Zahn für Zahn“ heißen, eine absolute Eingrenzung der grenzenlosen Rachgier. Es wird nun heißen, die eigenen Menschen zu beschützen und die Benachteiligten zu unterstützen. Es soll nun so sein, dass man Mitleid hat und die Hartherzigkeit ablegt. Denn dieses Volk ist Eigentum Gottes. Es kann nicht mehr so sein wie die umliegenden Völker. Gottes Herz an seinem Volk soll sich im Verhalten des Volkes widerspiegeln.

Ps 18
2 Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke,
3 HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht.
4 Ich rufe: Der HERR sei hoch gelobt! und ich werde vor meinen Feinden gerettet.
47 Es lebt der HERR, gepriesen sei mein Fels. Der Gott meiner Rettung sei hoch erhoben.
51 Seinem König verleiht er große Hilfe, Huld erweist er seinem Gesalbten, David und seinem Stamm auf ewig.
50 Darum will ich dir danken, HERR, inmitten der Nationen, ich will deinem Namen singen und spielen.

Der Psalm stellt einen Lobpreis dar, den wir beten für das Geschenk des Bundesbuches und für das Herz, dass Gott für seine geliebten Kinder hat.
„Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke“ ist ein typischer Psalmenbeginn. Nicht nur die Selbstaufforderung zum Lob ist oft am Anfang zu lesen, sondern auch eine Liebesbekundung oder eine Willenszusage. Gott ist Davids Stärke, dem wir diesen Lobpreis verdanken. All die Siege hat er durch die Stärke des HERRN zustande gebracht. Er hat sich auch nie angemaßt, dass es von ihm selbst komme. Er hat seine Macht und Stärke immer von Gottes Allmacht her gesehen. So können auch wir alles, was wir zustande bringen, auf Gott verweisen, der uns die Kraft gegeben hat. So werden wir nie überheblich und sind Gott immer dankbar für den Beistand, den er uns tagtäglich sendet. Und so dürfen wir Gott danken für das große Herz, das er uns schenkt, damit wir barmherzig handeln können wie er. Das haben wir nicht von uns selbst, sondern es ist uns geschenkt worden.
Gott ist der Fels, die Burg und der Retter. Er ist also auch die Zuflucht, die wir suchen sollen. Wenn wir uns auf Menschen verlassen und erwarten, dass diese uns glücklich machen, werden wir immer unglücklich und unzufrieden sein. Nur Gott kann uns wirklich dauerhaft trösten und beschützen. Er ist wirklich der Verlässliche, der uns entlasten will. Und wir müssen immer bedenken, dass auch unsere Mitmenschen Gott als ihren Zufluchtsort in Anspruch nehmen. Und manchmal benutzt uns Gott als seine Hände, seinen Mund und sein Herz, um diesen Menschen Zuflucht zu bieten durch konkrete Akte der Barmherzigkeit.
Es gibt keinen unangemessenen Zeitpunkt, Gott zu loben und zu preisen, denn ihm steht es immer zu. „Und ich werde vor meinen Feinden gerettet.“ Gott rettet seine geliebten Geschöpfe wirklich immer aus allen Gefahren. Diese betreffen den ganzen Menschen, nicht nur sein irdisches Dasein. Gott rettet nämlich auch unsere Seele vor dem ewigen Tod, er rettet uns aus dem Zustand der Todsünde, er rettet uns Menschen durch die Taufe.
Gott hat David, seinem Gesalbten, stets geholfen und seine schützende Hand auf sein Volk gelegt. Solange dieses die Hand Gottes nicht von sich geschlagen hat, ist dieser Schutz ihm auch gewährt worden. Doch mit der Absage Gottes kam die Konsequenz. Und das wird Gott das Herz immer wieder gebrochen haben. Welcher Vater schaut gerne zu, wie sein Kind sich selbst verletzt und schadet? Und welcher Vater wird dann nicht alles tun, damit das Kind zur Besinnung kommt?
Aber König David hat festgehalten an Gottes Segen, er hat sich immer um ein gutes Verhältnis zu Gott bemüht und die Beziehung gepflegt, ganz vertrauensvoll wie ein Kind. Deshalb hat er so viele gute Früchte davongetragen und ist voller Dankbarkeit und Lobpreis für Gott. Diesen lässt er erschallen inmitten der Nationen, inmitten der nichtjüdischen Völker! Sie sollen sein Glaubenszeugnis hören und sehen, sie sollen das große Herz des Vaters bezeugen, damit es sie berühre und sie den einzig wahren Gott erkennen.

1 Thess 1
5 Ihr wisst selbst, wie wir bei euch aufgetreten sind, um euch zu gewinnen.
6 Und ihr seid unserem Beispiel gefolgt und dem des Herrn; ihr habt das Wort trotz großer Bedrängnis mit der Freude aufgenommen, die der Heilige Geist gibt.
7 So wurdet ihr ein Vorbild für alle Glaubenden in Mazedonien und in Achaia.
8 Von euch aus ist das Wort des Herrn aber nicht nur nach Mazedonien und Achaia gedrungen, sondern überall ist euer Glaube an Gott bekannt geworden, sodass wir darüber nichts zu sagen brauchen.
9 Denn man erzählt sich überall, welche Aufnahme wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen
10 und seinen Sohn vom Himmel her zu erwarten, Jesus, den er von den Toten auferweckt hat und der uns dem kommenden Zorn entreißt.

In der zweiten Lesung hören wir aus dem Briefproömium des ersten Thessalonicherbriefes. Es ist ein Lobpreis an Gott voller Dank für die Adressaten. Wie so oft beginnt Paulus mit dem Positiven, ich sagte es bereits in der letzten Woche.
So lässt er zu Anfang durchblicken, wie die Mission in der Stadt funktioniert hat. Die Thessalonicher sind dem Beispiel Pauli und seiner Mitarbeiter gefolgt. Sie haben deren Botschaft angenommen und trotz der Widerstände mit Freude akzeptiert. Paulus sagt an dieser Stelle, dass die Freude eine Frucht des Geistes ist.
Die erste Christengeneration der Stadt ist selbst zum Vorbild geworden, wohl vor allem wegen der Standhaftigkeit in der Bedrängnissituation, die es gegen die Christen schon sehr früh gab. Ihre Vorbildlichkeit verbreitet sich in Mazedonien und Achaia und schließlich überall. Wir sehen also, dass die Thessalonicher richtige Prominente geworden sind, da man von ihnen herumerzählt! Konkret spricht man über ihre Abkehr vom Götzendienst und von ihrer Gastfreundschaft für Paulus und seine Begleiter.
Die Thessalonicher leben nun wirklich in der Naherwartung und im Vertrauen auf den wiederkommenden Christus.
Wollen wir auf die vorherigen Lesungen verweisen, kann man sagen: Die Thessalonicher sind dafür bekannt, dass sie ihr Herz ganz Christus verschrieben haben, es ihm gleichsam ganz geschenkt haben. Zugleich haben sie alles verbannt, was ihr Herz geteilt hat, all die Götzen, die die Liebe zu Gott verunreinigt hätten. Es kann nur einen Herren geben und dieser möchte ihre ganze Liebe. Das haben sie erkannt und umgesetzt.

Mt 22
34 Als die Pharisäer hörten, dass Jesus die Sadduzäer zum Schweigen gebracht hatte, kamen sie am selben Ort zusammen.

35 Einer von ihnen, ein Gesetzeslehrer, wollte ihn versuchen und fragte ihn:
36 Meister, welches Gebot im Gesetz ist das wichtigste?
37 Er antwortete ihm: Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit deinem ganzen Denken.
38 Das ist das wichtigste und erste Gebot.
39 Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
40 An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.

Im Evangelium hören wir davon, wie die Pharisäer nun die Sadduzäer ablösen in dem Versuch, Jesus zu versuchen. Der Satan lässt nicht locker und will den Menschensohn von seiner Erlösungstat abbringen. Er bedient sich dabei der verschiedenen religiösen Gruppen jener Zeit. Nun sind es also die Pharisäer, die Jesus auf die Probe stellen wollen mit einer typischen Herangehensweise: Welches Gebot ist das wichtigste? Denn schließlich haben es sich die Pharisäer zur Aufgabe gemacht, den Menschen peinlich genau auf die Finger zu schauen, auf dass sie ja alle über 600 Gebote am Tag einhalten. Und nun also die schwierige Frage, welches der 600 Gebote wohl zu nennen ist. Sie denken, ihn damit ins Stolpern zu versetzen. Doch sie haben die Rechnung ohne den gemacht, der die Weisheit in Person ist:
So antwortet Jesus, wie eigentlich jeder Jude antworten sollte, auch die Pharisäer: mit dem Sch’ma Israel Dtn 6,4-9. Das ist das wichtigste und erste Gebot. Nicht umsonst ist es das erste der Zehn Gebote bzw. betreffen die ersten drei Gebote des Dekalogs die Gottesliebe. Wir sollen Gott lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit unserem Denken. Diese Trias bedeutet, dass wir ihn mit allen Facetten unseres Menschseins lieben sollen, uns ihm ganz schenken sollen, unser ganzes Leben, ohne etwas zurückzuhalten, ohne ihm einen Lebensbereich vorzuenthalten.
„Ebenso wichtig ist das zweite: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Es stammt aus Lev 19,18. Dadurch dass Jesus diese beiden Gebote zusammenführt, zeigt er ein tiefes Schriftverständnis und erklärt dadurch auch den Kern der Gebote 4-10 des Dekalogs als Nächstenliebe.
Jesus hat das Doppelgebot der Liebe ganz explizit als das wichtigste Gebot „im Gesetz“ genannt. Damit ist die Torah gemeint. Jesus sagt das deshalb mit aller Deutlichkeit, weil die Pharisäer und Schriftgelehrten vor lauter Erweiterungen und Einzelbestimmungen den Fokus verloren haben. Das Wichtigste ist ihnen abhanden gekommen und ihre verderbliche Absicht hier ist der beste Beweis: Sie verstehen die Liebe als den Kern nicht mehr. Stattdessen wollen sie die Torah instrumentalisieren, um Jesus auf die Probe zu stellen. Das ist eigentlich eine ganz schlimme Blasphemie aus jüdischer Sicht!
Jesus möchte die Menschen seiner Zeit wieder auf den Kern fokussieren, ohne die Torah aufzuheben. Deshalb antwortet er mit dem Doppelgebot der Liebe und schließt mit den Worten: „An diesen beiden Geboten hängt das ganze Gesetz und die Propheten.“ Das Begriffspaar „Gesetz und Propheten“ ist die Zusammenfassung des Alten Testaments, das die jüdische Bibel darstellt. „Gesetz“ fasst die fünf Bücher Mose zusammen, während „Propheten“ die prophetischen Bücher meint.
Alles, was man in der jüdischen Bibel liest, hat mit Liebe zu tun. Was die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Sadduzäer, die religiöse Elite damit macht, hat nichts mehr mit Liebe zu tun. Und deshalb ist ihre Gerechtigkeit auch nicht vollkommen. Wenn die Juden die Gebote halten, sollen sie sie aus Liebe halten. Wenn wir die Zehn Gebote halten, sollen wir sie aus Liebe halten. Diese Absicht ist ausschlaggebend und das macht den christlichen Glauben auch so anspruchsvoll. Es geht nicht einfach darum, Pflichten zu erfüllen und ein entsprechendes Verhalten an den Tag zu legen. Es geht um Beziehung, an der man arbeiten soll. Wer jemanden liebt, wird alles tun, um ihn nicht zu verletzen. Das soll bei allem der Antrieb sein und darauf kam es Gott im Laufe der gesamten Heilsgeschichte an, bis heute und auch in Zukunft.
König David hat das vorgelebt, indem ihm die Liebesbeziehung zum Vater immer das Wichtigste war. Was im Bundesbuch vor allem betont worden ist, ist ja die Nächstenliebe. Aber diese kommt ja nicht von ungefähr, sondern speist sich aus dem großen Herzen, das Gott für seine Kinder hat. Im Gegensatz zum Bundesbuch geht Jesus in seiner Verkündigung nun aber weiter: Er erklärt anhand zahlreicher Gleichnisse und Reden, dass der Nächste nicht mehr nur der Stammesgenosse ist, sondern jeder einzelne Mensch, der in Not ist. Er macht das ganz besonders am Gleichnis vom barmherzigen Samariter fest. Die Kinder Gottes, die mit ihm in einer Bundesbeziehung leben, sind nun nicht mehr nur die Menschen aus den zwölf Stämmen: Christus macht sich bereit, für die ganze Menschheit gestern, heute und morgen zu sterben, um allen den Neuen Bund anzubieten. Wir alle dürfen den Glauben an Jesus Christus annehmen und uns taufen lassen und uns von diesem Moment an Gottes Kinder nennen! Umso weiter muss unser Herz sein, unsere Bereitschaft zur Barmherzigkeit wie beim Vater. Er hat uns so viel Barmherzigkeit erwiesen, nun ist es an uns Getauften, mit Barmherzigkeit zu antworten. Das ist leichter gesagt als getan, doch er gibt uns dafür seine reiche Gnade.

Ihre Magstrauss

Samstag der 29. Woche im Jahreskreis

Eph 4,7-16; Ps 122,1-3.4-5; Lk 13,1-9

Eph 4
7 Aber jeder von uns empfing die Gnade in dem Maß, wie Christus sie ihm geschenkt hat.

8 Deshalb heißt es: Er stieg hinauf zur Höhe und erbeutete Gefangene, er gab den Menschen Geschenke.
9 Wenn es heißt: Er stieg aber hinauf, was bedeutet dies anderes, als dass er auch zur Erde herabstieg?
10 Derselbe, der herabstieg, ist auch hinaufgestiegen über alle Himmel, um das All zu erfüllen.
11 Und er setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer,
12 um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zuzurüsten, für den Aufbau des Leibes Christi,
13 bis wir alle zur Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum vollkommenen Menschen, zur vollen Größe, die der Fülle Christi entspricht.
14 Wir sollen nicht mehr unmündige Kinder sein, ein Spiel der Wellen, geschaukelt und getrieben von jedem Widerstreit der Lehrmeinungen, im Würfelspiel der Menschen, in Verschlagenheit, die in die Irre führt.
15 Wir aber wollen, von der Liebe geleitet, die Wahrheit bezeugen und in allem auf ihn hin wachsen. Er, Christus, ist das Haupt.
16 Von ihm her wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt durch jedes Gelenk. Jedes versorgt ihn mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Leib und baut sich selbst in Liebe auf.

In der Lesung hören wir heute wieder aus dem Epheserbrief. Gestern ging es um die Einheit der Christen, die in der Einheit des gemeinsamen Gottes und Vaters gründet. Dieser ist es nun in der Familie Gottes, die der Neue Bund ist. Wir sind alle seine Kinder und Erben in seinem Reich.
Gott hat den Menschen unterschiedliche Begabungen und Berufungen geschenkt. Sie werden hier als „Geschenke“ bezeichnet.
Christus ist dabei derselbe, der vom Himmel hinabgestiegen ist und dann in den Himmel hinaufgestiegen ist. Er ist verherrlicht und sein Aufstieg ist Ausdruck dieser Verherrlichung, durch die er über die ganze Schöpfung gesetzt ist, „um das All zu erfüllen“. Das heißt nicht, dass er vor seiner Menschwerdung diese Herrlichkeit nicht hatte, sondern dass er während seines irdischen Daseins auf diese Herrlichkeit verzichtet hat und sie nun wieder fortsetzt.
Die Einheit der Christen in der Gemeinde bedeutet aber nicht, dass alle dasselbe können und dieselbe Berufung haben. Während die einen als Apostel eingesetzt worden sind, sind die anderen zu Evangelisten geworden, Hirten und Lehrer (das Hirtenamt ist der sakramentale Weihegrad des Bischofs, der der Nachfolger der Apostel ist). Wiederum andere sind mit dem Charisma der Prophetie ausgestattet worden. Paulus nennt hier Ämter sakramentaler und nichtsakramentaler Art. Was auch immer der Mensch für Begabungen und Berufungen von Gott geschenkt bekommt – sie dienen stets dem Aufbau der Gemeinde. Das erklärt Paulus auch sehr ausführlich im ersten Korintherbrief. Und diese Gaben von Gott helfen den Ephesern sowie uns, immer mehr in die gottgewollte Einheit zu kommen, zu der wir alle berufen sind. Diese Gaben sollen auch helfen, mündig zu sein, „nicht mehr unmündige Kinder“, die getrieben werden von den menschlichen Intrigen und dem sich stets wandelnden Zeitgeist. Wir sollen fest gegründet sein in der Wahrheit, die Christus ist, dann werden wir nicht zum Spielball der Welt.
Diese Wahrheit sollen die Christen auch bezeugen. Das macht ihr missionarisches Wesen aus. Wichtig ist dabei, von der Liebe geleitet zu werden. Der Hl. Thomas von Aquin hat die richtige Austarierung von Wahrheit und Liebe wie folgt zusammengefasst: „Gerechtigkeit ohne Barmherzigkeit ist Grausamkeit, Barmherzigkeit ohne Gerechtigkeit ist die Mutter der Auflösung.“ Beides gehört zusammen.
Von Christus her wird der ganze Leib zusammengefügt. Er stiftet Gemeinschaft, weshalb die Hl. Eucharistie so entscheidend ist. Wo das Kreuzesopfer stets vergegenwärtigt wird, schlägt das Herz der Kirche mit Kraft und in gesundem Rhythmus. So wird der ganze Leib versorgt. Wo sein Hl. Wort verkündet und treu gelebt wird, da herrscht Einheit. Wo sein Hl. Geist weht, da ist Einheit.

Ps 122
1 Ein Wallfahrtslied. Von David. Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des HERRN wollen wir gehen.

2 Schon stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem:
3 Jerusalem, als Stadt erbaut, die fest in sich gefügt ist.
4 Dorthin zogen die Stämme hinauf, die Stämme des HERRN, wie es Gebot ist für Israel, den Namen des HERRN zu preisen.
5 Denn dort standen Throne für das Gericht, die Throne des Hauses David.

Als Antwort beten wir heute Psalm 122, eines der bekanntesten Wallfahrtslieder des Psalters. Er passt sehr gut zur Lesung, weil es an ihr Ende anknüpft. Es ging ja darum, dass wo Eucharistie gefeiert wird, wir in der Einheit immer mehr zusammenwachsen. Dieses Wallfahrtslied kann vor diesem Hintergrund vor allem sakramental ausgelegt werden.
Nach Jerusalem zu ziehen, stellt immer einen Grund zur Freude dar. Es ist der Ort der Gegenwart Gottes. Dort wohnt seine Herrlichkeit im Tempel. Es ist die Heilige Stadt, die auch über den wörtlichen Sinn hinaus heilig und erstrebenswert ist. Auch als Ort der Erlösung ist es ein einziger Grund zur Freude, dort hinzukommen. Die Kirche ist das neue Jerusalem hier auf Erden. Der Tempel ist zerstört, doch in der Eucharistie wohnt Christus inmitten der Familie Gottes. Zu ihr zu ziehen als Prozess bis hin zur Taufe, ist eine Freude für den betroffenen Menschen, aber auch für die Kirche, die um ein Kind Gottes erweitert wird. Ziehen zum Haus des HERRN tut jeder getaufte Christ durch das Gehen in sich. Denn Gott hat durch die Taufe Wohnung in unserer Seele genommen. Die umfassende und vollkommene Freude erfahren wir, wenn wir zum himmlischen Jerusalem ziehen dürfen am Ende unseres Lebens und am Ende der Zeiten.
Die Füße stehen schon in den Toren Jerusalems. Es ist einerseits messianisch zu deuten: Bald beginnt die messianische Endzeit und somit die eschatologische Völkerwallfahrt, die uns sowohl Jesaja als auch die Johannesoffenbarung überliefert.
Jerusalem ist eine starke Stadt, die fest gefügt ist. Sowohl als Heilige Stadt im wörtlichen Sinn kann man das sagen aufgrund der Wohnung Gottes im Tempel. Er ist das größte Fundament, das eine Stadt haben kann. Auch im geistigen Sinn müssen wir das bestätigen: Christus ist das Fundament der Kirche. Sie ist fest gefügt und stark erbaut, sodass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen. Wenn ein Mensch sein Leben ganz auf Gott baut, indem er nach dessen Willen lebt und im Stand der Gnade ist, dann kommt er nicht zu Fall, zumindest nicht endgültig. Nichts kann ihn erschüttern, wenn er ganz in Gott ist und Gott ganz in ihm. Deshalb darf die Kirche nie aufhören, die Eucharistie zu feiern! Sie ist gemeinschafts- und fundamentstiftend. Und das himmlische Jerusalem ist so stark und fest gebaut, dass es ewig halten wird. Es wird zudem keine Feinde geben, die die Stadt bedrohen werden.
In Vers 4 ist die Rede von den Stämmen des Herrn. Mit שֵׁבֶט schevet sind im Wortsinn zunächst die zwölf Stämme Israels gemeint, die zur Wallfahrt nach Jerusalem ziehen. Das hebräische Wort ist sehr offen, sodass es schon darüber hinaus auch für die Heiden angewandt werden kann, die gemeinsam mit den Juden als Stämme des Herrn im Neuen Bund nach Jerusalem ziehen, der Kirche Jesu Christi! Das ist wichtig im Hinblick auf die Gemeinde in Ephesus, die sich ja aus Juden- und Heidenchristen zusammensetzt und die Paulus‘ Ausführungen über die Einheit besonders benötigt. Und am Ende der Zeiten sind es alle standhaft gebliebenen Menschen, die zum himmlischen Jerusalem ziehen werden. Die unterschiedlich zusammengesetzte Gemeinde in Ephesus und alle Gemeinden heute sind ein Anfang dessen, was am Ende der Zeiten erfüllt wird – die universale Wallfahrt aller Menschen zu Gott.
Im selben Vers wird das hebräische Wort עֵד֣וּת edut mit „Gebot“ wiedergegeben. Die Elberfelder Übersetzung verwendet das Wort „Mahnzeichen“. Die primären Bedeutungen des Wortes sind „Zeugnis, Verordnung, Gesetz“. Dass die erste Bedeutung vorausgesetzt werden muss, also „Zeugnis“, zeigt sich an der griechischen Übersetzung des AT, der Septuaginta. Dort wird das griechische Wort μαρτύριον martyrion verwendet! Dies lässt den kundigen christlichen Bibelleser an den Kreuzestod Christi denken, der der treue Zeuge ist (Offb 1,5).
In Vers 5 werden Gerichtsthrone des Hauses David beschrieben. Dies ist im Zusammenhang mit Jesaja zu lesen, wo vom Zion aus Rechtsprechung vollzogen wird (Jes 2,4). Dabei handelt es sich um messianische Rede, denn später wird es über den Messias heißen, dass er mit eisernem Zepter über die Stämme regieren wird. Gemeinsam mit ihm werden die 24 Ältesten auf 24 Thronen regieren (die Zahl ist bildhafter Code für die Verbindung von Altem und Neuem Bund, also nicht wörtlich zu nehmen). Diese sieht der Seher Johannes auf 24 Thronen um den Gottesthron herum. Dann sind es nicht mehr nur die Throne des Hauses David, sondern die Throne der geistigen Familie Gottes. Dann spielt die Biologie keine Rolle mehr, die Abstammung von den zwölf Stämmen, sondern die Zugehörigkeit zur neuen Schöpfung durch die geistige Neugeburt der Taufe.

Lk 13
1 Zur gleichen Zeit kamen einige Leute und berichteten Jesus von den Galiläern, deren Blut Pilatus mit dem ihrer Opfertiere vermischt hatte.

2 Und er antwortete ihnen: Meint ihr, dass diese Galiläer größere Sünder waren als alle anderen Galiläer, weil das mit ihnen geschehen ist?
3 Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle genauso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt.
4 Oder jene achtzehn Menschen, die beim Einsturz des Turms am Schiloach erschlagen wurden – meint ihr, dass sie größere Schuld auf sich geladen hatten als alle anderen Einwohner von Jerusalem?
5 Nein, sage ich euch, vielmehr werdet ihr alle ebenso umkommen, wenn ihr nicht umkehrt.
6 Und er erzählte ihnen dieses Gleichnis: Ein Mann hatte in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt; und als er kam und nachsah, ob er Früchte trug, fand er keine.
7 Da sagte er zu seinem Winzer: Siehe, jetzt komme ich schon drei Jahre und sehe nach, ob dieser Feigenbaum Früchte trägt, und finde nichts. Hau ihn um! Was soll er weiter dem Boden seine Kraft nehmen?
8 Der Winzer erwiderte: Herr, lass ihn dieses Jahr noch stehen; ich will den Boden um ihn herum aufgraben und düngen.
9 Vielleicht trägt er in Zukunft Früchte; wenn nicht, dann lass ihn umhauen!

Im Evangelium hören wir heute sehr wichtige Ausführungen zur Theodizee-Frage, die ja zu allen Zeiten gestellt und nie abschließend und zufriedenstellend beantwortet werden kann. Es geht um das Leid der Menschen.
Pilatus hat traditionsbewusste, fromme Jerusalempilger aus Galiläer umbringen lassen, als sie Opfertiere dargebracht haben zur Sühne ihrer Sünden (wie es eben üblich ist). Dabei hat sich ihr Blut mit dem Blut ihrer Opfertiere vermischt. Das ist ein verstörendes Ereignis, das die Bosheit des widergöttlichen Römischen Reichs zeigt, aber vor allem im Kontext der Worte Jesu in Lk 12 als apokalyptisches Zeichen gedeutet wird. Was passiert ist, ist ein Hinweis auf die Endzeit, weshalb der Umkehrruf Jesu umso drängender ist. Er nimmt dieses Ereignis zum Anlass, den Menschen anzukündigen, dasselbe zu erleben, wenn sie sich nicht bekehren.
Er nennt noch ein anderes Ereignis, nämlich den Einsturz des Turmes von Schiloach, bei dem achtzehn Menschen gestorben sind. Auch dies soll die Menschen dazu führen, sich an die eigene Brust zu schlagen und Gott um Vergebung der eigenen Sünden zu bitten. Es ist wie das erste Ereignis ein apokalyptisches Zeichen.
Das Problem ist, dass die Menschen in ihrem Tun-Ergehen-Zusammenhang eine perfekte Ausrede gefunden haben, die Ereignisse ganz von sich zu weisen und unverändert weiter zu leben – in ihren Sünden, in ihrer Verstocktheit und Bußunfertigkeit. Jesus stellt dagegen klar: „Meint ihr, dass diese Galiläer größere Sünder waren als alle anderen Galiläer, weil das mit ihnen geschehen ist?“ Der Tod ist wirklich die Folge der Sünde, aber es ist zu einfach zu sagen: Das haben sie jetzt verdient und ich habe nichts damit zu tun. Die Auswirkungen der Sünde sind immer verheerend, gehen über die Schuldigen weit hinaus und laufen komplett aus dem Ruder. Die Folgen von Sünde ziehen immer Unschuldige mit hinein. Wer kann hier sagen, wer genau an was schuld ist? Das ist ein Geheimnis, das wir nicht begreifen. Und wenn so etwas passiert, soll jeder Mensch betroffen sein. Wer weiß denn, ob es nicht an der eigenen Sünde liegt, dass Gott so etwas zugelassen hat?
Es stimmt auch nicht, dass jene, die beim Turmbau gestorben sind, selbst daran schuld sind. Wie können die Überlebenden das denn so genau sagen? Ist das nicht zu einfach geantwortet, um sich herauszureden?
Jesus geht es nicht darum, zu erklären, ob die Gestorbenen es verdient haben oder nicht, sondern um Umkehrbereitschaft zu wecken. Jeder soll davon betroffen sein und sein eigenes Leben ändern, damit es nicht mit einem selbst passiert. Die Endzeit ist angebrochen! Es ist nicht mehr viel Zeit geblieben, um sich zu ändern.
Deshalb bringt er noch ein Gleichnis an, dass dies betonen soll: Ein Mann hat in seinem Weinberg einen Feigenbaum gepflanzt, der einfach keine Früchte trägt. Drei Jahre lang geht es so und nun ordnet er dem angestellten Winzer an, den Baum abzuhauen. Es rentiert sich nicht. Der Baum zieht die ganzen Nährstoffe aus dem Boden, macht nur unnötigen Schatten, ist einfach nicht wirtschaftlich. Doch der Winzer denkt anders. Er schaut nicht, was Gewinn einbringt, sondern will dem Feigenbaum noch eine Chance geben. Das ist menschlich gesehen, wirtschaftlich gesehen unvernünftig. Er möchte sogar die Arbeit auf sich nehmen, den Boden um den Baum herum umzugraben und zu düngen! Das ist „Affenarbeit“ würde man heute sagen. Doch genau das ist die Denkweise Gottes. Er könnte die Menschen, die keine guten Früchte bringen (gemeint sind gute Taten, denn das Bild wird immer ethisch verwendet), einfach verwerfen. Doch Gott ist nicht nur gerecht. Er ist beides – gerecht und barmherzig. Das ist es, was Paulus ja im Epheserbrief erklärt hat und was Thomas von Aquin mit seinem berühmten Zitat zusammenfasst. Gott ist barmherzig und gibt dem Menschen noch bis zum letzten Augenblick die Chance zur Umkehr. Aber der Gutsherr ist schon da. Johannes der Täufer sagte, die Axt ist schon angelegt. Es ist kurz vor zwölf! Die Endzeit ist schon angebrochen, deshalb ist es höchste Zeit, umzukehren! Was Jesus uns auch heute sagen möchte, ist ganz klar: Keiner kann sich herausreden, wenn Katastrophen und Leid passieren. Wir alle müssen umkehren und Gott um Verzeihung bitten. Wir sollen nicht grübeln, wer jetzt welche Schuld trägt, dass er oder sie sterben muss, und am besten noch ins Hadern mit Gott kommen. Das ist alles nicht hilfreich und gar nicht unsere Kompetenz. Natürlich tragen wir die Konsequenzen unserer eigenen Sünde, aber wer von uns kann schon das gesamte Bild sehen und die wirren Auswirkungen der Sünde auseinanderpfriemeln? Stattdessen sollen wir bei uns selbst schauen, Gewissenserforschung betreiben, Gott um Verzeihung bitten und unser Leben ändern. Es ist höchste Zeit!

Ihre Magstrauss

Freitag der 29. Woche im Jahreskreis

Eph 4,1-6; Ps 24,1-2.3-4.5-6; Lk 12,54-59

Eph 4
1 Ich, der Gefangene im Herrn, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging.

2 Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe
3 und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!
4 Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung:
5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,
6 ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.

In der heutigen Lesung ruft Paulus die Epheser zur Einheit auf. Er hat in den bisherigen Kapiteln ausführlich über die gemeinsame Berufung zur Heiligkeit durch die Taufe gesprochen, über die Gnade, die allen Menschen gleichermaßen zuteilwerden sollte.
Er sagt über sich zu Anfang, er sei „der Gefangene im Herrn“, was auf seinen momentanen Gefängnisaufenthalt zu beziehen ist. Er ist oft inhaftiert worden, bevor er den Märtyrertod gestorben ist. Von diesem Zustand her konnte er immer gut die Analogie zu seiner Abhängigkeit von Christus herstellen, dem er ganz „verfallen“ ist. Diese „Sklaverei“ ist in Wirklichkeit die wahre Freiheit, die auch von den irdischen Ketten eines menschlichen Gefängnisses nicht beeinträchtigt werden kann.
Er ermahnt die Epheser zu einem Leben, „das des Rufes würdig ist“. Sie sollen so leben, dass es Christus gerecht wird, der sein Leben hingegeben hat für sie. Es handelt sich um den Ruf zur Heiligkeit. Sie sollen sich stets fragen: Ist mein jetziger Lebenswandel angemessen dafür, dass Christus sein Alles gegeben hat? Sollte ich nicht auch mein Alles geben? Oder halte ich noch etwas zurück?
Paulus erklärt auch ganz konkret, wie so ein Leben aussieht: Sie sollen „demütig, friedfertig und geduldig“ sein und einander in Liebe ertragen. Sie sollen sich um Einheit bemühen „durch das Band des Friedens“. Demut ist ein Begriff, den man so oft missversteht. Es heißt nicht, dass man sich bespuckt und wertlos fühlen muss, sondern im Gegenteil: Man soll den eigenen Wert vor Gott erkennen und in Gottes Licht sich selbst realistisch anschauen – mit allen Schwächen und Stärken. Der realistische Selbstblick soll dazu führen, dass man seine eigene Armut und Erlösungsbedürftigkeit sieht und sich ganz von Gott abhängig versteht. Wenn man den eigenen Wert in Gottes Angesicht erkennt, wird man unabhängig sein vom Lob und Tadel der Mitmenschen, weil man weiß, was man ist (so auch Mutter Teresa).
Friedfertig zu sein, bedeutet die stete Bereitschaft zur Versöhnung, auch dann den ersten Schritt zu unternehmen, wenn man gar nicht schuld ist. Das heißt aber nicht, dass man zugunsten einer falschen Harmonie alle Konflikte unter den Teppich kehrt. Konfrontation und Austragen eines Konflikts ist notwendig, damit der wahre Frieden einziehen kann. Aber es soll einem immer darum gehen, alles dafür zu tun, dass dieser wahre Frieden einkehren kann.
Geduldig zu sein und den anderen zu ertragen, benötigt ein gutes Maß an Selbstbeherrschung und Langmut. Diese muss man von Gott erbitten, der im Herzen der Getauften Wohnung genommen hat. Wenn die Epheser sich von Herzen bemühen, wird Gott dazu geben, was noch fehlt. Einander zu ertragen, ist nicht immer leicht, denn die charakterlichen Differenzen, die Schwächen reiben aneinander, die Unvollkommenheit und Sünde des einen zieht den anderen immer mit hinein. Doch die Epheser sind eine einzige Familie und sollen deshalb das Kreuz einander tragen helfen. Jeder sei der Simon von Zyrene des anderen.
Die Einheit zu wahren, bedeutet genauso wie die Friedfertigkeit nicht, ihr zuliebe alles Spalterische unter den Teppich zu kehren. Diese Verdrängung wird irgendwann hochkochen und alles noch verschlimmern. Diese Dinge müssen zur Sprache gebracht und ausgemerzt werden. Konfrontation ist unvermeidbar. Es muss in Liebe geschehen, aber es muss thematisiert werden. Und wenn das Sagen der Wahrheit zur Spaltung führt, muss diese eben sein, damit jene, die an der Lüge festhalten wollen, sich verabschieden. Das klingt brutal, aber jeder Mensch muss letztendlich seine Entscheidung treffen. Man kann als Gemeinde alles nur Erdenkliche unternehmen, um den Irrigen umzustimmen, aber wenn es nicht funktioniert, muss man die Person gehen lassen. Das ist schmerzhaft, aber es bringt nichts. Die Einheit in der Gemeinde wird garantiert durch den Heiligen Geist. Er ist auch das „Band des Friedens“ um die Gemeinde. Wir erkennen an den Worten des Paulus, dass die entscheidenden Dinge die Menschen nicht selbst machen. Frieden und Einheit sind Früchte des Geistes. Diese kann der Mensch anstreben, doch vollkommen kann nur Gott selbst Frieden spenden. Das ist ein Frieden, den die Welt nicht geben kann, wie der Auferstandene zu seinen Aposteln gesagt hat. Also: Einheit und Frieden muss die Gemeinde erbitten und das tut die Kirche bis heute in der Messe, nämlich nach dem Vaterunser.
Die Kirche als mystischer Leib Christi ist EIN Leib und EIN Geist. Es ist kein gespaltenes Gebilde. Sie ist ein gemeinsamer Leib durch Jesus Christus, der sich hingegeben hat, was in jeder Hl. Messe vergegenwärtigt wird und die Kirche so immerwährend ihre eigene Leibwerdung vornimmt. Deshalb ist die Eucharistie absolut entscheidend und grundlegend. Die Kirche ist ein Geist durch den Hl. Geist, der am Pfingsttag die Apostel erfüllt hat sowie die Heiden im Hause des Kornelius. Alles ist eins: Die Hoffnung ist eine gemeinsame aller Christen. Wir alle hoffen auf das ewige Leben und die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten. Wir glauben an den einen Herrn. Es ist ein gemeinsamer Glaube, den wir im Glaubensbekenntnis zusammengefasst haben, für das so viele Menschen ihr Leben geopfert haben.
Es ist eine gemeinsame Taufe, die alle Getauften empfangen haben, nämlich die Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Alles ist zusammengefasst in dem einen Gott, den Vater, der alles ins Dasein gerufen hat und der das letzte Wort hat.
Einheit in der Gemeinde zu leben – gerade über die heidnische oder jüdische Vergangenheit ihrer Christen hinaus – ist Abbild der Einheit, die Gott in sich ist.

Ps 24
1 Ein Psalm Davids. Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.

2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.
3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
4 Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat.
5 Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, die dein Angesicht suchen, Jakob.

Als Antwort beten wir den liturgischen Psalm 24, der im Wechselgesang zwischen Gläubigen und Priestern im Tempel von Jerusalem gebetet worden ist. In den ersten Versen wird die Universalherrschaft Gottes thematisiert: „Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.“ Es setzt an, wo die Lesung endete. Nicht nur der Planet ist Gottes Eigentum, sondern auch die Lebewesen auf der Erde. Alles gehört ihm, weil er alles geschaffen hat, „denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.“ Wir müssen bei diesen Worten bedenken, wie das Weltbild der Menschen damals aussah: Man glaubte, dass die Erde von Wasser umschlossen war, sodass unter der Erde sowie über dem Himmel Wasser vermutet worden ist. Man glaubte, dass die Erde auf Pfeilern über dem Urmeer errichtet worden sei. Das steckt hinter der Formulierung, dass der Erdkreis auf Meere gegründet sei.
„Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?“ ist eine Frage der Gläubigen, die sie an die Priester richten.
Daraufhin antworten die Priester: „Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt“. Das ist eine sehr fortgeschrittene Antwort, da die Herzensreinheit zu jener Zeit oft ignoriert oder einfach noch nicht begriffen worden ist. Viele Propheten sprechen das Thema an und kritisieren die unreinen Opfer der Menschen aufgrund der fehlenden Aufrichtigkeit. Sie beuten die Schwachen aus und führen ein unmoralisches Leben, bringen aber zugleich Opfer dar in der Erwartung, dass Gott sie erhört. König David, der diesen Psalm gedichtet hat, versteht diesen Aspekt sehr gut und möchte deshalb, dass die Gläubigen die Herzensreinheit in der Liturgie ansprechen. Im zweiten Satzteil geht es um die Unabhängigkeit von Nichtigkeiten. Gemeint sind Güter, die vergänglich sind und die einen nicht näher zu Gott bringen. Götzen werden oft als Nichtigkeiten bezeichnet, doch das hebräische Wort ist an der Stelle nicht wie hier שָׁוְא shaw sondern אֱלִיל elil. Auch das Schwören eines Meineids macht den Menschen kultunfähig. Wer sich dagegen von alledem fernhält, „wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.“ Wer also die Gebote Gottes hält, ist gerecht.
Und zum Ende hin sprechen die Priester im Grunde Gott selbst an mit verheißungsvollen Worten für die Gläubigen: Jakob trifft darauf zu. Es ist wahrlich ein Geschlecht, dass nach Gott fragt und somit würdig ist, zu seinem heiligen Tempel zu kommen. Wir müssen uns das hebräische Verb genauer anschauen: Das Verb an dieser Stelle ist דֹּרְשֹׁו darschu, was wir als ein sehnsuchtsvolles Fragen verstehen. Es kann auch mit „verlangen“ übersetzt werden. Es ist eine Sehnsucht nach Gott, die nur jener Mensch besitzen kann, dessen Herz an Gott hängt. Auch die zweite Verbform ist in diesem Duktus zu betrachten: מְבַקְשֵׁ֨י m’waqschej ist eine Suche nach dem Angesicht Gottes aus Sehnsucht nach ihm.
Blicken wir zurück auf die Lesung, muss man den Psalm so verstehen: Wer von Herzen Gottes Angesicht anstrebt und wie Paulus ihm ganz verfallen ist, wird in Gemeinschaft mit vielen so leidenschaftlich Gottliebenden eine Einheit bilden. Die gemeinsame Liebe zu Gott verbindet.

Lk 12
54 Außerdem sagte Jesus zu der Volksmenge: Wenn ihr im Westen eine Wolke aufsteigen seht, sagt ihr sofort: Es gibt Regen. Und so geschieht es.

55 Und wenn der Südwind weht, sagt ihr: Es wird heiß. Und es geschieht.
56 Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu deuten. Warum könnt ihr dann diese Zeit der Entscheidung nicht deuten?
57 Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?
58 Denn wenn du mit deinem Gegner zum Gericht gehst, bemüh dich noch auf dem Weg, dich mit ihm zu einigen! Sonst wird er dich vor den Richter schleppen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und der Gerichtsdiener wird dich ins Gefängnis werfen.
59 Ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du auch die letzte Münze bezahlt hast.

Im Evangelium hören wir weitere Worte Jesu aus seiner endzeitlichen Rede, in der Jesus die letzten Tage zur Wachsamkeit aufgerufen hatte.
Heute bringt er Beispiele aus der Natur, was eine typisch weisheitliche Herangehensweise darstellt. In der weisheitlichen Literatur des Alten Testaments finden wir immer wieder Vergleiche mit der Fauna und Flora. Jesus bezieht sich auf den Regen, dessen Vorbote aufsteigende Wolken darstellen. Sieht man diese, weiß man schon, dass es regnen wird.
Und wenn der Südwind aufkommt, weiß man, dass das Wetter heiß wird. Der Mensch braucht also kein Hellseher zu sein, um diese Dinge zu erkennen. Das sagt Jesus, um der Volksmenge zu verdeutlichen, dass die Zeichen der Zeit ebenso deutbar sind, wenn man nur die Augen richtig aufmacht. Deshalb ruft er auch aus: „Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu deuten. Warum könnt ihr dann diese Zeit der Entscheidung nicht deuten?“ Die Zeit der Entscheidung zeigt, wie wichtig diese Phase nun ist. Christus ist unter ihnen und wirkt solch offensichtliche Zeichen, die jeder fromme Jude eigentlich erkennen müsste. Und doch sind sie blind dafür, indem sie seine Botschaft nicht annehmen und die Erfüllung der Verheißungen an ihm nicht erkennen. Diese Blindheit im Gegensatz zur Schöpfung macht sie zu Heuchlern.
Dann bringt Jesus ein weiteres Bild, das für uns alle sehr entscheidend ist: Wenn man mit einem Mitmenschen unterwegs zum Gericht ist, soll man diesen letzten Weg noch nutzen, um schon zuvor eine Einigung zu erzielen. Sonst wird man nämlich dem Gericht übergeben und am Ende im Gefängnis landen. Es ist besser, noch vorher Versöhnung zu schaffen. Was Jesus hier im Kontext der Endzeitrede damit meint, ist natürlich das Endgericht. Die Menschen sollen sich mit Gott versöhnen, noch bevor das Endgericht kommt. Denn dann ist es zu spät und man wird in das ewige Gefängnis geworfen werden, das die Hölle ist. Diese Versöhnung bedeutet Umkehr. Das ist nicht nur universal zu verstehen, sondern auch für jeden einzelnen Menschen, der noch Zeit zur Umkehr hat bis zu seinem Tod. Denn wenn man dann stirbt und vor Gott tritt, wird es zu spät sein, noch umzukehren. Bei diesem Individualgericht, wird man dann mit allem Unversöhnten schonungslos konfrontiert. Es ist für einen selbst besser, schon vor dem Tod Versöhnung zu schaffen. Das ist für uns eine wichtige Aussage. Anhand des letzten Verses erkennen wir, dass man nach dem Tod auch sühnen kann, ohne dass es auf ewig ist. Jesus bringt ja einen Vergleich und da ist es ja so, dass wenn Menschen Schulden nicht bezahlen konnten, im Gefängnis verbleiben mussten, bis alles beglichen ist. So haben auch wir nach dem Tod die Möglichkeit, noch zu sühnen, bevor wir die ewige Gemeinschaft mit Gott genießen dürfen. Das nennt die Kirche das Fegefeuer. Gewiss sind Bilder und Vergleiche immer begrenzt und können etwas nicht zu hundert Prozent vergleichen, aber hier bringt Jesus wirklich ein Bild an, das sich mit anderen Schriftverweisen deckt. Es gibt nicht nur die ewige Hölle, sondern auch eine Phase der Sühnung, die nicht ewig ist.
Und doch ist es angenehmer, wenn man vorher schon die Versöhnung geschaffen hat. Besser, man „sühnt“ die eigenen Vergehen noch in diesem Leben. Nach dem Tod wird es schmerzhaft.

Schauen wir zurück auf Paulus und die Epheser: Der Völkerapostel hat die Epheser zur Einheit und zum Frieden aufgerufen. Wenn die Epheser untereinander in Frieden sind, dann haben sie schon einen ganz großen Schritt in die Ewigkeit unternommen. Unfriede und Unversöhntheit kann bestehen zwischen Gott und Mensch, Mensch und Mitmensch oder Mensch mit sich selbst. All diese Dimensionen müssen versöhnt werden, damit wir den Frieden des Himmels empfangen können. Vergebung ist der Kern und die Voraussetzung zum ewigen Heil.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 29. Woche im Jahreskreis

Eph 3,14-21; Ps 33,1-2.4-5.11-12.18-19; Lk 12,49-53

Eph 3
14 Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater,

15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde seinen Namen hat.
16 Er gebe euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit, dass ihr in Bezug auf den inneren Menschen durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt.
17 Durch den Glauben wohne Christus in euren Herzen, in der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet.
18 So sollt ihr mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen
19 und die Liebe Christi zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr erfüllt werden in die ganze Fülle Gottes hinein.
20 Dem aber, der gemäß der Macht, die in uns wirkt, unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder erdenken,
21 ihm sei die Herrlichkeit in der Kirche und in Christus Jesus bis in alle Generationen für ewige Zeiten. Amen.

In der heutigen Lesung hören wir ein Fürbittgebet, in dem Paulus für alle Christen betet. Er beugt seine Knie vor dem Vater als Geste der Anbetung und der Demütigung vor dem Allmächtigen. Er richtet seine Fürbitten an den Schöpfer, „von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde seinen Namen hat“. Das betrifft nicht die geographischen Angaben von Himmel und Erde in dem Sinne, dass Vögel und Landtiere gemeint sind. Vielmehr ist damit die Unterscheidung in die sichtbare und unsichtbare Schöpfung ausgesagt, also alle sichtbaren Geschöpfe von Pflanze bis zum Menschen und die unsichtbaren Geschöpfe wie die Engel. Diese Unterscheidung meinen wir übrigens auch, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, denn im großen, „nizänokonstantinopolitanischen“ Glaubensbekenntnis gibt es die Formulierung „die sichtbare und die unsichtbare Welt“ im Anschluss an die Schöpferaussagen Gottes.
Gott gebe den Ephesern und darüber hinaus allen Christen eine Zunahme an Kraft und Stärke durch seinen Hl. Geist. Er möchte, dass alle Christen, die im Bund mit Gott leben, immer heiliger, immer treuer, immer profilierter werden. Es kostet auch viel Kraft, gegen den Strom einer zunehmend antichristlichen Gesellschaft zu schwimmen. Das schaffen wir mitnichten aus eigener Kraft! Dafür brauchen wir die Kraft, die Gott uns verleihen will. Er schenkt uns alle Gnaden, die wir zum Überleben brauchen, vor allem den Mut zu einem steten Rückgrat.
Paulus erbittet auch das Wohnen Christi in ihren Herzen. Das ist es ja, was passiert ist bei der Taufe: Gott hat Wohnung genommen im inneren Tempel des Menschen, indem er sein Zelt aufgeschlagen hat in dessen „Herz“, gemeint ist die Seele. Diesen kann man aber auch wieder hinauswerfen, indem man sündigt und den Weg Gottes verlässt. Der Tempel kann verunreinigt und geschändet werden. Deshalb bittet Paulus auch darum, dass es mit den Ephesern nicht passiert. Das wird dadurch ausgeschlossen, dass die Epheser ihren Glauben nicht verlieren, der „in der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet“ ist. Jesus hat bereits zu seinen Aposteln gesagt: „Bleibt in meiner Liebe.“ Das fasst die Worte des Paulus zusammen. Und einige Jahrzehnte später wird es leider wirklich anders aussehen in Ephesus. Es ist, als ob der Völkerapostel prophetisch gehandelt hat, als er dieses Fürbittgebet gesprochen hat. Vielleicht hat er vorausgesehen, was passieren würde: Die Epheser haben ihre erste Liebe verloren. Zwar haben sie ihr Rückgrat behalten, dafür aber wurzelt ihr Glaube nicht mehr in der Liebe und der inneren Begeisterung wie am Anfang. Johannes wird in den sieben Sendschreiben deshalb die Worte des Menschensohns aufschreiben: „Kehr zurück zu deinen ersten Taten!“ (Offb 2,5).
Was unbegreiflich ist mit menschlichem Verstand, die überragende und ewige Liebe Gottes, werden die Christen begreifen, wenn sie vom Hl. Geist erfüllt sind. Dann werden sie ihre Maße erkennen, was hier natürlich bildhaft zu verstehen ist. Liebe ist zunächst ein abstraktes Wort, das keine Gestalt besitzt und deshalb gar keine Maße besitzen kann. Doch zugleich hat sie ganz konkrete Maße – die des Kreuzes, an das der Herr sich festnageln ließ aus Liebe zu uns. Wenn man das Kreuz versteht – und in 1 Kor hat er darüber gesprochen, wie es mit weltlicher Weisheit unbegreiflich ist, für die Griechen Torheit, für die Juden Anstoß – dann hat man die Liebe Gottes verstanden. Und wer sich von diesem verdichteten Ort der Liebe Gottes berühren lässt, wird „in die ganze Fülle Gottes hinein“ erfüllt werden. Was bedeutet das? Das griechische Wort πλήρωμα pleroma für „Fülle“ ist entweder als Reichtum zu verstehen oder in diesem Kontext als Er-Füllung im Sinne einer Vervollkommnung und dem Eintreffen einer Verheißung. Der Mensch wird versöhnt zum Menschen, wie Gott ihn ursprünglich geschaffen hat, wenn er die Realität des Kreuzes Christi gläubig annimmt. Wer das Kreuz umarmt, wird zum Menschen und wird von der Barmherzigkeit Gottes umarmt. Sakramental heißt das für uns: Wer die Erlösung Jesu Christi gläubig annimmt und sich taufen lässt, wird neugeboren zur neuen Schöpfung, wird versöhnt und wiederhergestellt zum Original, wie Gott von Anfang an für die Menschen vorgesehen hat. Die Fülle der Gnade wird ihm geschenkt, die die Taufgnade verleiht. Der Mensch wird versöhnt und in den Stand der Gnade erhoben!
Gott wirkt in diesem Menschen und schenkt viel mehr Gnade, als der Mensch erbitten kann. Manchmal wissen wir Menschen ja gar nicht so recht, um was wir eigentlich bitten müssen, weil wir unsere Not nicht richtig diagnostizieren können. Dann müssen wir Gott um seine Gnade bitten in den Punkten, die allein er sieht.
Paulus beendet sein Fürbittgebet mit einer lobpreisenden Formel, die mit einer sogenannten Ewigkeitsformel abgeschlossen wird. Das ist der einzig angemessene Modus, den man als Christ im Anschluss an die geschenkte Taufgnade einnehmen kann. Das ist es auch, was wir ewig tun werden in der Ewigkeit.

Ps 33
1 Jubelt im HERRN, ihr Gerechten, den Redlichen ziemt der Lobgesang.

2 Preist den HERRN auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe spielt ihm!
4 Denn das Wort des HERRN ist redlich, all sein Tun ist verlässlich.

5 Er liebt Gerechtigkeit und Recht, erfüllt von der Huld des HERRN ist die Erde.
11 Der Ratschluss des HERRN bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens durch alle Geschlechter.

12 Selig die Nation, deren Gott der HERR ist, das Volk, das er sich zum Erbteil erwählt hat.
18 Siehe, das Auge des HERRN ruht auf denen, die ihn fürchten, die seine Huld erwarten,

19 dass er ihre Seele dem Tod entreiße und, wenn sie hungern, sie am Leben erhalte.

Der Psalm, den wir als Antwort auf den Epheserbrief beten, reflektiert Gottes Heilstaten. Wie so oft erfolgt zu Anfang eine Aufforderung zum Lob („Jubelt im HERRN“). Die Aufforderung umfasst sogar die Begleitung des Lobgesangs mit Instrumenten („auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe“). Dies beteten wir gestern bereits in einem anderen Psalm.
Das Wort und die Tat Gottes sind verlässlich. Gott ist treu und hält sich an seine Versprechen, auch wenn wir ihm untreu werden. Jesus hat seinen Aposteln angekündigt, dass sein Heil die ganze Welt erreichen wird. Es beginnt in Jerusalem und das Wachsen der Gemeinde bestätigt ihnen, dass Gott wirklich treu an ihnen handelt. Deshalb sendet der Vater den Hl. Geist jenen, die sich in seinem Namen taufen lassen. Dieser ist der Garant dafür, dass Gottes Worte wahr sind und er treu sein Versprechen hält. Um die Taufe und um das Erlösungswerk Jesu Christi geht es ja in der Lesung.
Gott liebt die Gerechtigkeit und das Recht. Das ist für uns keine Drohbotschaft im Sinne eines strengen Richterbildes. Gott sorgt für Gerechtigkeit, wo wir Unrecht erleiden. Sein Recht setzt sich durch, auch wenn es in unserem Leben aktuell nicht so erscheinen mag. Das ist eine totale Trostbotschaft, gerade in Zeiten der Bedrängnis und Christenverfolgung, die noch nie so schlimm war wie heute.
Gottes Pläne ändern sich auch nicht einfach. Sein Ratschluss „bleibt ewig bestehen“. Was die Propheten im AT angekündigt haben, erfüllt sich nach und nach. Von Anfang an stand für Gott fest, dass er die Menschheit erlösen würde, seinen einzigen Sohn dahingeben würde, damit sie gerettet werde. Gott hat sein „Herz“, seine innersten Absichten offenbart. Das ist das Besondere an unserem Glauben: Gott bleibt unterm Strich zwar immer noch Geheimnis, aber er hat seine Pläne stets mit den Menschen geteilt. Er ist ein sich offenbarender Gott, der stets den Dialog sucht. Er ist sogar Mensch geworden, um seinen Heilsplan zu verkünden. Und durch seine Apostel sollte dieser Plan allen Menschen zu allen Zeiten weitergesagt werden.
„Selig die Nation, deren Gott der HERR ist, das Volk, das er sich zum Erbteil erwählt hat.“ Wir können voller Glauben sagen, was die Israeliten zur Zeit der Abfassung noch gar nicht geahnt haben bzw. erst einmal lernen mussten: Gottes Volk ist nicht mehr verbunden durch eine biologische Abstammung. Sein Volk ist nicht mehr beschränkt auf die zwölf Stämme Israels, sondern es ist ein Volk, das durch den Hl. Geist „verwandt“ ist, eine geistliche Familie! Diese übernatürliche Nation ist zusammengesetzt aus Gläubigen jeder Sprache, jeden Volkes, jeder irdischen Nation. Und diese übernatürliche Familie tritt das Erbe an. Und wie geschieht das? Durch die Taufe! Das steckt ja hinter den Worten in der Lesung.
Gottes „Auge“ ruht auf den Gottesfürchtigen. Das ist wiederum bildhaft, da Gott Geist ist und keine Augen besitzt wie seine Geschöpfe. Aber er sieht viel besser als jedes Geschöpf. Er sieht alles, aber das ist nicht als Bedrohung und Voyeurismus zu verstehen. Gott sieht alles, auch das Verborgene unseres Herzens, das nicht einmal wir selbst sehen. Er kennt unsere Nöte und weiß, wie er uns helfen muss. Das ist doch tröstlich!
Aber sein Auge ruht vor allem auf den Gottesfürchtigen. Warum? Weil diese sich ansehen lassen und nicht vor ihm davonlaufen. Sie gehen auf seinem Weg und entscheiden sich für ihn. Deshalb schaut Gott sie auch an. Sich gegenseitig anzuschauen, zeugt von Beziehung. Wer mit Gott in einer Bundesbeziehung lebt, der schaut Gott an und Gott schaut ihn an. Das betrifft auch den Neuen Bund – und dort auf besonders intensive Weise! Wenn wir ihn anbeten im ausgesetzten Allerheiligsten, dann schauen wir ihn an in der Hl. Eucharistie und spüren seinen Blick auf uns. Dann setzen wir das um, was Jesus meinte mit den Worten „bleibt in meiner Liebe“. In dieser Situation lassen wir uns ganz von ihr erfüllen, um sie in den Alltag hineinzutragen und aus Gottes Liebesquelle heraus andere unseren Nächsten zu lieben.
In seiner Liebe zu bleiben, bedeutet auch die Nahrung, die die Eucharistie für uns darstellt. Wir empfangen ihn, der unser Himmelsbrot ist, der die Seele nährt und uns stärkt auf dem langen Pilgerweg ins himmlische Jerusalem. Stets in Gottes Liebe zu bleiben, heißt auch, im Stand der Gnade zu bleiben im moralischen Sinn. Und wenn wir doch gefallen sind und gesündigt haben, die Vergebung Gottes in Anspruch nehmen durch das Beichtsakrament. Es verhilft uns zurück zum Stand der Gnade. So bleiben wir am Leben, denn die Todsünde führt zum Tod.

Lk 12
49 Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!

50 Ich muss mit einer Taufe getauft werden und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist.
51 Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung.
52 Denn von nun an werden fünf Menschen im gleichen Haus in Zwietracht leben: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei;
53 der Vater wird gegen den Sohn stehen und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.

Im Evangelium hören wir heute eine sehr drastische Passage. Jesus sagt ganz unverblümt, dass er gekommen ist, um Feuer zu bringen, nicht Frieden. Das muss man richtig verstehen, denn natürlich ist es im Gesamt doch so, dass Jesus Frieden bringt, nämlich als übernatürliche Gabe des Hl. Geistes. Aber Christus stellt die Menschen damals und auch heutzutage uns vor die Wahl. Bei Ihm gibt es kein Jein, entweder Ja oder Nein. Und das ist das „Spalterische“, was er meint. Die Einen werden Christus und seine Botschaft annehmen, die Anderen nicht. Deshalb kommt es zu Uneinigkeiten in den Familien. Jesus kündigt diese Probleme schon für die erste Christengeneration an. Es ist wirklich ein Kreuz, das man mit dem Glauben an Christus auf sich nimmt. Aber die Bereitschaft zu diesem Opfer macht den wahren Jünger Jesu Christi aus.
Jesus sagt, dass wer sein irdisches Leben krampfhaft festhält, das ewige Leben verlieren wird. Und wer um seinetwillen das irdische Leben verliert, dafür das ewige Leben gewinnen wird. Dazu zählen auch die Abstriche trotz Behalten des irdischen Lebens. Wer also Uneinigkeit in der Familie in Kauf nimmt und dadurch bereit zu vielen Leiden ist, wird mit dem ewigen Leben belohnt werden.
Gott muss an allererster Stelle stehen. Wer nämlich die Eltern oder Kinder über Gott stellt, kann nicht Jünger Jesu sein. Das würde nämlich bedeuten, dass Eltern oder Kinder zum Götzen werden. Vielmehr besteht die richtige Priorisierung in der Ableitung der Eltern- und Kinderliebe aus der Gottesliebe. So ist es ein Liebesdienst, der sich aus der ersten Liebe speist und übernatürlich ist. Das Doppelgebot der Liebe ist aber der Kern des Evangeliums, die Zusammenfassung des Gesetzes und der Propheten sowie das Gütesiegel der Jüngerschaft. Das heißt nicht, dass man seine Eltern als Christ nicht mehr lieben darf, ebenso wenig, dass man die Kinder lieben darf. Es geht darum, dass Gott trotz dieser Liebe immer wichtiger sein soll. Erstens soll es uns immer zuerst um das Reich Gottes gehen und in erster Linie sind wir als Christen Kinder Gottes. Er ist unser erster und eigentlicher Vater und unsere erste Mutter. Im zweiten Schritt sind wir Menschen in einer irdischen Familie, die physisch zusammenhängt. Nicht umsonst bestehen die ersten drei Gebote des Dekalogs aus Gottesliebe-Geboten. Das vierte bis zehnte Gebot fußt sodann auf der Nächstenliebe. Zweitens können wir nur aus der Gottesliebe heraus so richtig unsere Eltern und Kinder lieben. Alles andere ist auf menschliche Kapazitäten beschränkt. Wir sollen aber so weit gehen, sogar für sie zu sterben. Können wir das aus rein menschlicher Kraft? Würden Sie für Ihren Vater Ihr Leben hingeben, wenn er die Familie verlassen hat? Würden Sie für ihren Ehepartner sterben, wenn er fremdgegangen ist? Da merken wir dann, wie schnell wir mit unseren menschlichen Kapazitäten an unsere Grenzen kommen. Deshalb muss zuerst die Gottesliebe gegeben sein. Alles andere wird dann den richtigen Platz und das richtige Maß erhalten.
Jesus kommt nicht, um Friede, Freude, Eierkuchen zu bringen. Er möchte keinen faulen Frieden, bei dem die Uneinigkeit und Spaltung, die ja schon längst da ist, einfach unter den Teppich gekehrt werden. Er möchte den wahren Frieden bringen und dazu benötigt es manchmal das Aufkochen des Konflikts, die Konfrontation und Hochspülen des verdrängten Drecks. Das gilt auch für die Missstände in der Kirche von heute. Hier geht es aber zunächst um die Entscheidung für oder gegen ihn. Das ist ja schon das Thema in der Lesung gewesen und mit Blick auf die Taufe auch in der Lesung. Wir müssen aktiv Ja sagen zu ihm, denn es geht beim Bund mit Gott um Liebesbeziehung. Liebe kann aber nicht unter Zwang funktionieren und der Mensch muss Gott freiwillig annehmen. Wenn es die anderen Familienmitglieder aber nicht so sehen, kommt es zu Konflikten.
Das Besondere an Jesu Verkündigung ist: Er hat das Reich Gottes immer unverblümt und zutiefst realistisch verkündet. Er hat nie etwas beschönigt oder verharmlost. Er hat ganz klar gesagt, was die Christen erwartet – die Verfolgung, Beschimpfung in seinem Namen, ein Hindurchzwängen durch die enge Tür, ein Weg der Entsagung – aber auch des langfristigen Segens und ewigen Heils im Himmelreich.
Der Höhepunkt dieser schonungslosen Realität besteht im Kreuzestod. Was gibt es Unattraktiveres als das Kreuz! Und doch ist genau dies der Ort der Liebe, wie Paulus erklärt. Wer dieses Kreuz umarmt und sich berühren lässt von der unbegreiflichen Liebestat Gottes, der wird von der Fülle seiner Liebe überwältigt. Wer diesen Weg dennoch einschlägt, der wird wahren Frieden empfangen.
Wir merken: Jesus geht einen ganz anderen Weg als die Welt. Er bewirbt sich nicht mit den Strategien, die die Welt aufgreift. Und doch hat seine Heilstat die ganze Welt verändert. Gebe er uns, dass wir uns nie von der Logik Gottes abwenden und aus seiner Kraft und Gnade heraus den Weg in die Ewigkeit bestreiten. Dabei sind wir ja nie allein.

Ihre Magstrauss