Dienstag der 4. Osterwoche

Apg 11,19-26; Ps 87,2-3.4.5 u. 7; Joh 10,22-30

Apg 11
19 Bei der Verfolgung, die wegen Stephanus entstanden war, kamen die Versprengten bis nach Phönizien, Zypern und Antiochia; doch verkündeten sie das Wort nur den Juden.
20 Einige aber von ihnen, die aus Zypern und Kyrene stammten, verkündeten, als sie nach Antiochia kamen, auch den Griechen das Evangelium von Jesus, dem Herrn.
21 Die Hand des Herrn war mit ihnen und viele wurden gläubig und bekehrten sich zum Herrn.
22 Die Nachricht davon kam der Gemeinde von Jerusalem zu Ohren und sie schickten Barnabas nach Antiochia.
23 Als er ankam und die Gnade Gottes sah, freute er sich und ermahnte alle, dem Herrn treu zu bleiben, wie sie es sich im Herzen vorgenommen hatten.
24 Denn er war ein trefflicher Mann, erfüllt vom Heiligen Geist und von Glauben. So wurde für den Herrn viel Volk hinzugewonnen.
25 Barnabas aber zog nach Tarsus, um Saulus aufzusuchen.
26 Er fand ihn und nahm ihn nach Antiochia mit. Dort wirkten sie miteinander ein volles Jahr in der Gemeinde und lehrten eine große Zahl von Menschen. In Antiochia nannte man die Jünger zum ersten Mal Christen.

Wir hörten die letzte Woche ja vom ersten Märtyrer Stephanus und die mit seinem Martyrium einsetzende Jerusalemer Christenverfolgung. Durch diese kommen viele Christen in andere Orte, wo sie sich niederlassen. Unter anderem hören wir von Antiochia, was zum Basislager des Paulus bei seinen Missionsreisen wird. Auch dorthin kommen nun also Christen und verkünden das Evangelium Jesu Christi. Die Apostelgeschichte berichtet uns davon, dass die Evangelisierung zunächst bei den Juden geschieht. Es gibt aber auch schon erste Heidenmissionen in dieser Gegend.
„Die Hand der Herrn“ auf Menschen ist schon im Alten Testament eine Wendung für den Segen und Beistand Gottes. Es zeigt, dass die Christen vom Heiligen Geist geleitet werden und dass die Evangelisierung gottgewollt ist.
Antiochia entwickelt sich zu einer besonders großen und lebendigen Gemeinde, was bis nach Jerusalem vordringt. Von dort wird nun Barnabas nach Antiochia geschickt. Wir merken, dass die Jerusalemer Urgemeinde eine Vorrangstellung besitzt. Sie ist die erste Zentrale des Christentums, von wo aus die anderen Gemeinden verwaltet werden. Auch wird zu Paulus‘ Missionszeiten immer wieder eine Kollekte für jene Zentralgemeinde gesammelt.
Barnabas kommt nach Antiochia und freut sich über die Gnade Gottes. Das heißt, er freut sich über die Früchte, die er dort sieht und die er auf die Gnade Gottes zurückführt. Es bezieht sich auf den lebendigen Glauben und wohl auch auf die Menge an gläubiggewordenen Menschen. Wo sich Massen zu Christus bekennen, besteht die Gefahr eines oberflächlichen Glaubens. Der Geistliche kann dem einzelnen Christen nicht mehr so viel Aufmerksamkeit entgegenbringen, wie es bei einer kleineren Zahl möglich ist. So ermahnt Barnabas die Christen dazu, an dem versprochenen Bekenntnis der Taufe festzuhalten und nach der ersten Begeisterung nicht zu erkalten.
Barnabas ist ein sehr begnadeter Mensch, den Gott wirklich zum Werkzeug seines Heilsplans macht. Durch ihn kommen viele Menschen zum Glauben und die Gemeinde wächst noch weiter.
Doch er bleibt dabei nicht stehen. Er reist nach Tarsus, in die Heimatstadt des Paulus, wo dieser sich zurzeit aufhält. Barnabas holt ihn nach Antiochia, damit sie gemeinsam in der Gemeinde wirken können. Dort bleiben sie ein Jahr und evangelisieren. Antiochia ist der Ort, an dem man die Christusgläubigen das erste Mal Christen nennt.
Gestern hörten wir davon, dass zunehmend auch Heiden zum Glauben an Christus kommen und ihnen dieselben Gaben des Geistes zuteil werden wie den Juden. Die Apostel realisieren immer mehr, dass der Neue Bund Jesu Christi wirklich universal ist. Heute wird uns deutlich, dass trotz der zunehmenden Heidenmission die ersten Versuche in einer Gemeinde immer zuerst den Juden gelten. So wird auch Paulus bei seinen Missionsreisen immer zuerst zu den Synagogen gehen und erst bei Ablehnung den Heiden predigen. Es ist ein Vorgehen, der an Jesu Worte angelehnt ist: „Das Heil kommt von den Juden.“ Und dennoch ist es ein längerer Prozess, über das jüdische Denken, die bisherigen Horizonte und Vorannahmen hinauszugehen. Gerade die Frage der rituellen Reinheitsvorschriften wird die ersten Christen noch sehr beschäftigen und auch für Konflikte sorgen. Es wird vor allem beim Apostelkonzil von 48/49 ein Thema werden und auch die beiden Missionspartner Barnabas und Paulus zu einer heftigen Auseinandersetzung veranlassen (wenn es denn um das gemeinsame Essen geht und nicht um ein Problem mit Johannes Markus). Es ist alles im Werden und wir verfolgen mit Spannung diesen Prozess, der ganz vom Heiligen Geist begleitet wird. Auch wenn es Konflikte gibt und unterschiedliche Meinungen vorherrschen, setzt sich am Ende doch die Wahrheit durch. Das ist auf den Geist zurückzuführen, der in der Kirche lebt und wirkt.

Ps 87
1 Der HERR liebt seine Gründung auf heiligen Bergen,
2 die Tore Zions mehr als alle Stätten Jakobs.

3 Herrliches sagt man von dir, du Stadt unseres Gottes:
4 Ich zähle Rahab und Babel zu denen, die mich erkennen, auch das Philisterland, Tyrus und Kusch: Diese sind dort geboren.
5 Ja, über Zion wird man sagen: Ein jeder ist in ihr geboren. Er, der Höchste, gibt ihr Bestand!
7 Und sie werden beim Reigentanz singen: All meine Quellen entspringen in dir.

Heute beten wir einen der sogenannten Korachpsalmen, der Zion besingt. Das, was den Zionsberg so heilig macht, ist natürlich der darauf errichtete Tempel, in dem Gottes Herrlichkeit wohnt.
Insofern verstehen wir auch den Ausdruck „seine Gründung auf heiligen Bergen“. Gottes Haus selbst wird hier gegründet und er selbst hat Anteil an dessen Einwohnung. Wie diese konkret ausgesehen hat, wird uns bei der Einweihung des Offenbarungszeltes und nachher bei der festen Erbauung des Tempels in Jerusalem durch die Wolke deutlich, die sich auf den Ort legt. Der Mensch kann viel bauen und konstruieren. Erst wenn Gott sich dafür entscheidet, seine Herrlichkeit darauf zu legen, wird der Ort zu einem heiligen Ort.
Weil hier seine Wohnstatt ist, liebt Gott die Tore Zions auch mehr als alle anderen Stätten Israels. Zion ist ein Begriff, den wir nicht nur wörtlich begreifen wollen. Er ist für uns vor allem nicht mehr durch den Tempel als Wohnstatt Gottes wichtig. Vielmehr ist es der Ort des Osterereignisses. Christus hat hier die Erlösung für die ganze Welt erwirkt, indem er sich auf Golgota hingegeben hat bis auf den letzten Blutstropfen und am dritten Tag den Tod besiegt hat – in einem Garten aufersteht, dem Ort, der in der Genesis zum Ort des ewigen Todes geworden war (beim ersten Sündenfall). All das ist in Jerusalem passiert. Die Apostel, der engste Jüngerkreis Jesu, sowie die weiteren Jünger – all die Augenzeugen sind in der ersten Zeit dort versammelt. Der Zionsberg ist der Ort des Pfingstereignisses, von dem aus die Kirche mit Leben erfüllt wird. Es ist der Ort der ersten Gemeinde, die zentral ist für all jene Gemeinden, die danach entstehen (so wie Antiochia, von dem wir heute in der Lesung gehört haben). Jerusalem bleibt auch für die Christen wirklich die heilige Stadt, auch wenn nach der Zerstörung des Tempels die Bedeutung eine neue Dimension erhält. Schließlich wird aber auch zunehmend deutlich, dass mit Zion nicht mehr der irdische Ort gemeint ist, sondern jeder Altar, auf dem die Eucharistie gefeiert wird, stellt das neue Zion des Gottesreiches dar. Wo Jesus Wohnung nimmt in den eucharistischen Gaben, da ist Zion! Und das ultimative Zion erwartet uns in der Ewigkeit nach unserem Tod. Am Ende der Zeiten werden wirklich die Menschen von überall her zu diesem Zion kommen und Gott anbeten, der in ihrer Mitte wohnen wird im himmlischen Jerusalem.
In diesem mehrfachen Sinn dürfen wir auch die folgenden Verse betrachten. „Herrliches sagt man von dir, du Stadt unseres Gottes“ ist somit erst einmal wörtlich zu verstehen als Heilige Stadt wegen des Tempels, aber auch schon für die Juden der Ort der Endzeit. Schon Jesaja sieht die eschatologische Völkerwallfahrt zum Zion, die der Seher in der Johannesoffenbarung noch einmal sehen wird.
Wenn dann die Rede von Rahab und Babel ist, dann meint es zwei Orte. Rahab ist ja eigentlich der Name einer Frau, die zwei Kundschafter Josuas bei sich versteckt und somit rettet. Oft lesen wir in der Bibel, dass durch solche Namen eigentlich Codes ausgesagt werden, vor allem als Chiffren für Orte. Mit Rahab wird an dieser Stelle Ägypten umschrieben.
Es sagt aus, dass die anderen Orte Israel und den Zion und den Gott Israels anerkennen. Die Ägypter haben mit eigenen Augen spektakuläre Zeichen gesehen, durch die sie nicht anders können, als die Macht Gottes anzuerkennen, der auf dem Zion wohnt. Auch gerade die Philister haben große Wunder gesehen. Sie haben den Israeliten sogar die Bundeslade gestohlen, weil sie wegen ihr in den Schlachten gegen die Israeliten verloren haben.
Wenn wir über die Aussage nachdenken, dass man sagen wird: „Ein jeder ist in ihr geboren“, müssen wir wieder über den wörtlichen Sinn hinausgehen. Dahinter steht zunächst einmal die Vorstellung in der jüdischen Tradition, dass Jerusalem als Frau und Mutter betrachtet worden ist. Es ist die Mutter aller Völker und insofern ist die Wendung zu verstehen, dass alle in ihr geboren werden. Vor dem Hintergrund der Lesung erkennen wir die Mutterschaft Jerusalems noch viel tiefer. Sie ist Mutter des Christentums, denn hier ist die Kirche zum Leben erweckt worden an Pfingsten. Hier entsteht deshalb die erste Gemeinde, die in der weiteren Entwicklung eine Vorrangstellung erhält. Sie wird im ganzen römischen Reich von den verstreuten Gemeinden eine Kollekte einholen und von ihr aus werden die Apostel in die ganze Welt hinausgesandt. Die Kirche ist wirklich eine Mutter, denn in ihr werden die Menschen zu einer neuen Schöpfung wiedergeboren im Heiligen Geist. Dies geschieht in der Taufe. Und durch die vielen Heilsmittel nährt und tränkt die Kirche ihre Gläubigen, hegt und pflegt sie, erzieht sie, tröstet sie etc.
Bemerkenswert ist noch ein anderer Vers: „Der Höchste gibt ihr Bestand.“ Wir wissen ja, dass Jerusalem 70 n.Chr. von den Römern zerstört und vor allem vom Tempel nur noch eine Mauer übrigbleiben wird, die wir bis heute erhalten haben – die Klagemauer. Der Höchste, also Gott, gibt Jerusalem dennoch Bestand, nur auf eine ganz andere Weise, wie die Juden mit diesem Psalm angenommen haben. Es geht nun um die Kirche Jesu Christi, das neue Jerusalem. Dieses hat Bestand bis in die Ewigkeit, denn Jesus sagt in Mt 16: „Und die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen.“
Der Reigentanz deutet eine festliche Stimmung an und die Quellen, die in Zion entspringen, führen uns zurück zum Pfingstereignis. Dort ist der Ursprung von allem. Das neue Zion ist auch bis heute die Kraftquelle von allem. Wir können als Kirche nicht überleben, wenn wir nicht immer wieder zu dieser Quelle zurückkehren und aus ihr schöpfen. Die Eucharistie ist der Kern des ganzen kirchlichen Lebens. Wir brauchen den Leib Christi, denn wir sind der Leib Christi!

Joh 10
22 Um diese Zeit fand in Jerusalem das Tempelweihfest statt. Es war Winter

23 und Jesus ging im Tempel in der Halle Salomos auf und ab.
24 Da umringten ihn die Juden und fragten ihn: Wie lange hältst du uns noch hin? Wenn du der Christus bist, sag es uns offen!
25 Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich im Namen meines Vaters vollbringe, legen Zeugnis für mich ab;
26 ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört.
27 Meine Schafe hören auf meine Stimme; ich kenne sie und sie folgen mir.
28 Ich gebe ihnen ewiges Leben. Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.
29 Mein Vater, der sie mir gab, ist größer als alle und niemand kann sie der Hand meines Vaters entreißen.
30 Ich und der Vater sind eins.

Auch im Evangelium sickert diese Zionzentriertheit hindurch, wenn wir lesen, dass die heutige Rede Jesu, in der er das Hirtenthema wieder aufgreift, zur Zeit des Tempelweihfests stattfindet. Bei diesem Fest im Winter, das wir auch unter dem Begriff Chanukka kennen, gedenken die Juden der Wiedereinweihung des zweiten Tempels in Jerusalem.
Jesus ist wieder dort, denn er ist ein frommer Jude. Zu den Wallfahrtsfesten kann man ihn mit seinen Jüngern immer wieder in Jerusalem antreffen. So ist Jesus nun in der Halle Salomos, wo später dann Petrus eine Bekenntnisrede halten wird aufgrund der Heilung eines Gelähmten. Diese Halle ist wichtig, denn sie ist nach König Salomo benannt, der den ersten Tempel errichtet hat.
Die Juden stellen Jesus mal wieder auf die Probe, indem sie von ihm ein öffentliches Selbstbekenntnis fordern. Sie verstehen nicht, dass Jesus sie durch seine Taten, Worte und vor allem prophetischen Zeichenhandlungen darauf führt. Sie sollen von sich aus seine Messianität erkennen.
Und es ist nicht so, als ob er es nicht im Grunde schon längst offenbart hat. Deshalb sagt Jesus auch: „Ich habe es euch gesagt, aber ihr glaubt nicht.“ Taten sprechen mehr als tausend Worte. Jesu Verhalten schreit in jedem Moment danach: „Ich bin der Messias!“ Es macht Sinn, dass Jesus auf diese Weise seine Messianität offenbart. Hätte er sich hingestellt und einfach gerade heraus gesagt: „Ich bin der Messias“, hätte ihm erstens keiner geglaubt oder sich davon überzeugen lassen, zweitens wäre Jesus direkt festgenommen worden. Sein Weg ist die Erfüllung der Heiligen Schriften. Sie sind Zeugnis über ihn. Und gerade die Heilszeichen, die er im Namen seines Vaters vollbringt, bezeugen ihn.
Jesus greift hier noch einmal das Hirtenthema auf, denn er sagt: „Ihr aber glaubt nicht, weil ihr nicht zu meinen Schafen gehört.“ Das ist hier nicht so gemeint, dass Jesus sie ausschließen will. Es ist eher so, dass sie seine Schafe nicht sein wollen. Er bietet ihnen durch sein gesamtes öffentliches Wirken immer wieder einen Platz im Stall an, doch sie lehnen es ab durch ihre Verstocktheit.
Seine Schafe dagegen hören auf seine Stimme und folgen ihm. Es sind jene, die seine Jünger geworden sind. Jesus kennt seine Schafe. Die Zuhörer werden daraus geschlossen haben, dass er ihre Namen kennt oder woher sie kommen. Doch Jesus meint noch so viel mehr. Es schließt sich mit seinen Worten der Kreis zu den vielen prophetischen Worten des Alten Testaments, die Gottes absolute Kenntnis unserer Herzen umschreiben. So denken wir z.B. an Jes 44,24, wo es heißt: „So spricht der HERR, dein Erlöser, der dich von Mutterleib an geformt hat.“ Solcherlei Sätze gibt es viele bei Jesaja, Jeremia etc. Der Menschensohn kennt die Menschen durch und durch, weil er Gott ist.
Jesus gibt seinen Schafen das ewige Leben. Er kümmert sich nicht nur um das leibliche Wohl, sondern es geht vor allem um das Himmelreich. Dieses ermöglicht er den Menschen durch seine Hingabe am Kreuz. Das kündigt er mit solchen Worten schon an.
„Sie werden niemals zugrunde gehen und niemand wird sie meiner Hand entreißen.“ Das spricht Jesus über den Einzelnen, aber auch von der Kirche als Gemeinschaft der Gläubigen. Er tut es, wenn er Petrus sagt, dass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen werden. Wir haben diesen Gedanken vorhin schon bedacht.
Gott ist der Allmächtige und er siegt über die bösen Mächte. Er wird seine geliebten Kinder vor dem Bösen retten, die gerettet werden wollen. Wenn wir Gott sagen, wenn Jesus Gott sagt, meint er die Einheit von sich und dem Vater. Deshalb sagt er hier auch am Ende „ich und der Vater sind eins.“ Sie sind beide Gott. Wenn er von der Macht des Vaters spricht, ist es kein Widerspruch dazu, dass die Schafe SEINER Hand nicht entrissen werden.

Wie müssen wir das Evangelium zu den restlichen Texten in Beziehung setzen? Da, wo Jesus ist, da ist Zion. Ein anderes Bild für Zion ist hier im Evangelium das bereits am Sonntag und am Montag verwendete Hirtenbild. Zion ist der Schaftstall Gottes, der Zufluchtsort aller Schafe. Und dieser ist überall dort, wo Christus durch die Tür der Ewigkeit hindurch in diese Welt kommt bei der Wandlung von Brot und Wein in seinen Leib und sein Blut. Dort besiegelt sein kostbares Blut uns Menschen und richtet uns auf gegen die Angriffe des Widersachers. Jesus kommt auch in den Schafstall und in das Zion unseres Herzens, wo er sich um uns kümmern möchte. Dies geschieht, wenn wir ihn in der Eucharistie empfangen. Dann tränkt und nährt er uns, stärkt uns, sodass wir den Lebensweg mit neuer Kraft beschreiten können. So erhalten wir auch die Kraft, die Gebote Gottes zu halten, was mit dem Geführtwerden durch den Hirten umschrieben wird. Es ist unser moralischer Weg und zugleich der Lebensweg durch den Tod hindurch in die Ewigkeit.
Der Tempel des Leibes Jesu selbst wird durch seine Worte geweiht, aber erst mit dem Tod und der Auferstehung Christi.
Diese Tempelweihe, dieses Zion, dieses Jerusalem hängt nicht mehr von einem realen irdischen Ort ab, sondern ist überall da, wo der Leib Christi ist. In der Apostelgeschichte sind wir Zeugen von dieser Universalität auch in der Geographie christlicher Gemeinden geworden. Jerusalem ist immer noch der wichtigste Ort wegen der Auferstehung und dem Pfingstereignis. Und doch wird Christi Gegenwart nicht ausschließlich dort angenommen. Christengemeinden entstehen in der ganzen Welt. Danken wir den Herrn für den Zion – des Leibes Christi, unseres Herzens, unserer Kirche und für das endgültige Zion der Ewigkeit!

Ihre Magstrauss

Katharina von Siena (Fest)

1 Joh 1,5 – 2,2; Ps 103,1-2.3-4.8-9.13-14.17-18a; Mt 11,25-30

Heute feiern wir eine der größten Frauen der Kirche, Katherina von Siena. Sie lebte im 14. Jh., war Ordensfrau, ist 1939 zur Kirchenlehrerin erhoben worden und zudem Schutzpatronin Europas. Mit so einem hohen Rang ist es verständlich, warum wir heute Lesungen hören, die ganz zu ihr passen. Warum ist sie Schutzpatronin und so eine große Heilige? Ihr haben wir zu verdanken, dass damals beim großen abendländischen Schisma Papst Gregor XI von Avignon nach Rom zurückkehrte. Sie hat einen großen Anteil daran, dass das schreckliche Schisma überwunden und die Kirche nicht untergegangen ist. Unermüdlich setzte sie sich für die Einheit der Kirche ein, was auch wirklich Früchte getragen hat. Beten wir auf ihre Fürsprache, dass sie an Gottes Thron fleht um den Schutz der Kirche heute, die von schismatischen Kräften auch heute hin und hergerissen wird.

1 Joh 1-2
5 Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm.
6 Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben und doch in der Finsternis wandeln, lügen wir und tun nicht die Wahrheit.
7 Wenn wir im Licht wandeln, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander und das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde.
8 Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns.
9 Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht.
10 Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner und sein Wort ist nicht in uns.
1 Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten.
2 Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.

In der Lesung hören wir aus dem ersten Johannesbrief.
Johannes verwendet im Kontext von Gott oft die Lichtmetaphorik. Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm. Mit dem Gegensatz „Licht“ – „Finsternis“ drückt Johannes aus, dass Gott nur Liebe ist. Nichts Böses ist in ihm.
Die Konsequenz davon ist auch auf uns Menschen zu beziehen: Wir können nicht Gemeinschaft mit dem Licht haben und selber in uns Finsternis haben. Das heißt, dass wir nicht zugleich in Todsünde leben (Finsternis) und im Stand der Gnade sein können (Gemeinschaft mit ihm). Wer das behauptet, belügt sich selbst.
Wir können nur Gemeinschaft haben, wenn wir „im Licht wandeln“ wie Gott. Das Wandeln ist ein Ausdruck für den Lebenswandel und somit ein moralischer Begriff. Wenn wir uns mit ganzer Kraft bemühen, auf dem Weg Gottes zu bleiben, d.h. seine Gebote zu halten, dann wandeln wir im Licht und Jesus reinigt uns von unseren Sünden. Dass überhaupt von Sünde die Rede ist, macht die ganze Rede so realistisch. Niemand sagt, dass wir ohne Sünde sind, nur weil wir uns bemühen, im Licht zu wandeln. Wir fallen trotzdem. Wenn wir aber aufstehen, d.h. umkehren und weitergehen, dann zeigen wir unsere Aufrichtigkeit und Gott vergibt uns unsere Sünden.
Diese Aufrichtigkeit zeigen wir vor allem daran, dass wir unsere Sünden bekennen (ὁμολογέω homologeo). Wir sollen das nicht einfach nur bereuen, was Gott sowieso schon von uns weiß, er sieht ja alles. Gott möchte auch, dass wir die Dinge beim Namen nennen. Das sollen wir nicht deshalb, weil er es unbedingt braucht, sondern weil wir es unbedingt brauchen.
Wer behauptet, ohne Sünde zu sein, lügt. Jeder Mensch ist gefährdet, zu fallen. Wir sind zwar von der Erbsünde erlöst, aber die Folgen der Erbsünde sind noch da. Wir haben immer noch die Neigung dazu, Böses zu tun. Wir sündigen weiter. Gottes Wort (also Jesus) ist nicht in uns, wenn wir behaupten, ohne Sünde zu sein.
Johannes schreibt diese Worte, um zur Ablegung der Sünde aufzurufen. Aber auch für jene, die es dennoch tun, hat er eine zuversichtliche Botschaft: Wir haben einen Beistand beim Vater, Jesus Christus. Er ist es ja, der durch sein Kreuzesopfer die Vergebung der Sünden ermöglicht hat. Er ist gestorben zur Sühne für unsere Sünden und die der ganzen Welt, wie wir auch im Barmherzigkeitsrosenkranz beten. Interessant ist dabei, dass der Begriff παράκλητος parakletos verwendet wird. Diese Umschreibung wird ja sonst für den Hl. Geist gebraucht. Aber auch im wortwörtlichen Sinn ist Jesus unser Beistand, gerade wo wir schuldig geworden sind.
Diese Worte sind sehr tröstlich, weil wir selbst in Schuld und Sünde nicht verzweifeln müssen. Wenn es uns von Herzen leidtut und wir umkehren, dann wird uns Gott die Sünden vergeben. Es ist bemerkenswert, wie die Worte des Johannes das Sakrament der Beichte erklären: Wir sollen unsere Sünden bereuen, wir sollen sie bekennen, unsere Schuld muss gesühnt werden, wofür Jesus ja gestorben ist. Unsere Aufrichtigkeit soll sich dadurch zeigen, dass wir uns bemühen, nicht mehr zu sündigen. Und wir sollen in uns gehen, um zu erkennen, wo wir uns selbst belügen. Die heutige Lesung ist eine richtige Beichtparänese, die Johannes mit Deutlichkeit formuliert, aber auch mit Liebe.

Ps 103
1 Von David. Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen!
2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!
3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt,
4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt,
8 Der HERR ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld.
9 Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach.
13 Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten.
14 Denn er weiß, was wir für Gebilde sind, er bedenkt, dass wir Staub sind.
17 Doch die Huld des HERRN währt immer und ewig für alle, die ihn fürchten. Seine Gerechtigkeit erfahren noch Kinder und Enkel,
18 alle, die seinen Bund bewahren
.

Der Psalm, den wir David zu verdanken haben, ist ein sehr bekannter Lobpreispsalm. Wir haben immer Grund zum Lobpreis, weil Gott uns so viel Gutes getan hat. Er vergibt uns jeden Tag, wirklich JEDEN TAG, jeden Moment unseres Lebens unsere Sünden, wo wir umkehren! Wie unendlich viel Geduld hat Gott mit uns! Schon das Volk Israel kann viele Geschichten darüber erzählen…Wie oft ist es anderen Göttern nachgelaufen, wie oft hat es undankbar gehandelt. Und doch ist Gott seinem auserwählten Volk treu geblieben, hielt sein Versprechen, seinen Bund! Wie oft hat er es zurückgeholt, in dem er eine Fremdherrschaft nach der anderen zugelassen hat! Würden wir die Kraft haben, unserem Partner zu vergeben, wenn er/sie mir fremdgegangen ist? Nichts anderes tat und tut Gott mit uns, mit seiner geliebten Braut. Auch die Kirche als Volk Gottes schaut anderen hinterher und wird untreu, wo auch immer sie der Welt gefällt, sich von Gottes Willen entfernt. Und doch bleibt Christus seiner Braut treu und hält sein Versprechen, bei ihr zu sein alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt 28). Er kommt trotzdem in der Eucharistie zu uns und spendet auch die anderen Sakramente. Gott vergibt uns immer und immer wieder die Schuld in der Beichte, auch wenn wir immer dieselben Sünden begehen. So geduldig ist er mit uns! Er gibt uns jedes Mal auch noch die Kraft durch das Beichtsakrament, das nächste Mal der Sünde zu widerstehen. Seine Gnade kennt keine Grenzen. Seine Barmherzigkeit ist auch noch so unendlich, dass er uns sogar die Chance auf das Himmelreich gibt, wenn wir noch nicht alles gesühnt haben. Das, was wir Fegefeuer nennen, ist mit Blick auf die Ewigkeit DER Beweis seiner vergebenden Barmherzigkeit!
Gott heilt all unsere Gebrechen. Ja, er heilt in erster Linie unsere Seele, das ewige Leben. Er heilte die Beziehung zwischen seinem Volk und ihm. Er heilte auch damals schon körperliche Gebrechen und soziale Ausgrenzung. Er heilte die Seele derer, die keine Hoffnung mehr hatten und er stärkte die Ängstlichen mit dem Geist des Mutes. Gott heilte ganz besonders durch Jesus Christus. Dieser heilte in erster Linie auch die Seele und die Beziehung der Menschen zu Gott durch die Sündenvergebung. Der Gelähmte, der über das Dach auf einer Trage hinabgelassen wurde, wurde zunächst seelisch geheilt, bevor Jesus ihm als Bonus auch die körperliche Heilung schenkte. Jesus sagte: „Euch soll es zunächst um das Reich Gottes gehen, alles Andere wird euch dazu gegeben.“ Jesus heilte auch die vielen Ausgegrenzten von ihren sozialen Gebrechen, in dem er sie körperlich heilte – sei es die blutflüssige Frau, die Blinden oder die vielen Aussätzigen. Vor allem trieb er auch Dämonen aus, die den Geplagten seelische Folter bescherten.
Jesus heilt auch heute noch durch die Sakramente. Wenn Sie sich mit dem Heilungs- und Befreiungsdienst der Kirche befassen, werden Sie oft zu hören bekommen: Das größte Heilungsgebet – auch gerade um körperliche Heilung – sind die Beichte und die Eucharistie. Wenn die Beziehung zu Gott wieder versöhnt ist, kann Gottes Kraft im Menschen wirken. Gott wird auch am Ende der Zeiten alles heil machen, sodass es nicht mal mehr den Tod geben wird.
Alles, was Gott an uns Menschen tat, tut und tun wird, hat das Ziel, uns das ewige Leben zu ermöglichen. Er will uns vor dem Untergang retten. Das ist für das Volk Israel zunächst das Ende des Fortbestehens, der Generationenabfolge und des Kultes. Es betrifft später auch das Leben nach dem Tod, als die Israeliten nach und nach eschatologische Zusammenhänge begriffen. Dies betrifft den Fortgang der Kirche als Leib Christi. Jesus hat Petrus zugesagt, dass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen werden. Es meint im Hinblick auf jeden Einzelnen den moralischen Untergang, der nach dem Tod dann den Untergang der Seele zur Folge hat. Er rettet uns vor dem seelischen Tod, der Hölle, in dem er uns immer wieder Anlass zur Umkehr schenkt und wir noch bis zum Moment des Todes bereuen können. Gott ist wirklich langmütig, das heißt unendlich geduldig mit uns. Sein Gericht ist kein Berechnen im Sinne von: „Dies und das hast du getan, das ergibt so und so viel Strafe.“ Er richtet vor allem nach unserem Herzen, nach unserer Absicht und diese gibt Aufschluss über die Konsequenz. Und darüber hinaus währt seine Barmherzigkeit nach dem Maß unserer aufrichtigen Reue. Es ist wirklich ein entlarvender Psalm, der nämlich das Vorurteil entkräftet, im Alten Testament komme nur der strenge Richtergott vor. Schon hier lesen wir von Gottes unendlicher Barmherzigkeit.
Auch hier wird schon deutlich, dass Gott ein barmherziger Vater ist. Er weiß um unsere Schwachheit und erwartet nichts Übermenschliches von uns. Das Kreuz, das er seinen Kindern auferlegt, die täglichen Pflichten, die Berufung, die Umsetzung ihrer Talente, entspricht ganz den Möglichkeiten des Menschen. Gott überfordert uns nicht. Er möchte, dass wir mit den Lasten zu ihm kommen, damit er mit anpacken kann. Und wenn wir mit ihm kooperieren, dann werden wir überreichen Segen empfangen, nicht nur wir, sondern auch noch unsere Nachfahren! Es ist ein nicht zu unterschätzendes Wort. Segen und Fluch betreffen nie nur uns selbst. Sie gehen auch auf unsere Familien, unsere Kinder und Enkel über. Entweder profitieren sie von unserer Gottesfurcht oder müssen an den Konsequenzen unserer Sünden mitleiden. Bedenken wir das stets, wenn wir vor der Entscheidung für oder gegen Gott stehen. Wir haben eine Verantwortung.

Mt 11
25 In jener Zeit sprach Jesus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast.
26 Ja, Vater, so hat es dir gefallen.
27 Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand kennt den Sohn, nur der Vater, und niemand kennt den Vater, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will.
28 Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken.
29 Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele.
30 Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

In Jesus verdichtet und personifiziert sich das, was wir in den bisherigen Texten gehört haben. Er ist die Güte und Barmherzigkeit in Person.
Er setzt heute im Evangelium an mit einem Lobpreis an den Vater. Es ist ein Beispiel, wie wir selbst beten sollen, die wir als Getaufte Gott ebenfalls unseren Vater nennen dürfen.
Gott ist wirklich „Herr des Himmels und der Erde“. Er hat sie nicht nur geschaffen und erhält sie, sondern er hat auch die Macht über alles. Das ist eine tröstliche Erkenntnis, denn auch wenn wir jetzt sehen, dass die Mächtigen dieser Welt böse sind, steht über ihnen dennoch der eine und wahre Gott. Sie haben jetzt vielleicht noch einen Handlungsspielraum, aber wenn Gott kommt, wird er sie alle in einem Moment entmachten – sie, die eigentlich nur Marionetten des Bösen sind.
Die „Unmündigen“ dieser Welt sind die Empfänger der entscheidenden Botschaft. An sie ist die Offenbarung ergangen, nicht an die Reichen, Weisen und Klugen, die ganz in der Weisheit der Welt wandeln. Paulus nennt eben diese Menschen töricht, die der weltlichen Weisheit verhaftet sind. Die „Unmündigen“ sind dagegen die eigentlichen Weisen, denn sie wandeln in der göttlichen Weisheit. Von den Hirten auf den Feldern von Betlehem bis zu den Fischern am See von Tiberias sind es immer die einfachen Menschen, die eine große Aufgabe im Reich Gottes erhalten.
Alles ist vom Vater dem Sohn übergeben worden. Nicht nur der Sohn hat sich durch sein Leiden und seinen Tod ganz dem Vater hingegeben, sondern auch der Vater ganz dem Sohn. Dieser vollbringt das Werk des Vaters, ganz in dessen Willen. Ihre ganz innige Beziehung ist es, die uns den Vater sehen lässt, wenn wir Jesus sehen. Wenn wir die Offenbarung des Vaters erhalten möchten, müssen wir uns ganz an den Sohn Jesus Christus halten. Niemand kennt den Vater nämlich besser als er. Gott ist Geist und er ist Geheimnis. Wenn wir ihn kennenlernen möchten, muss er sich uns offenbaren. Dies hat er ganz in Christus getan.
Jesus will Ruhe verschaffen. Wenn wir zu leiden haben, müssen wir es nicht alleine tragen, sondern er lädt uns ein, damit zu ihm zu kommen. Wir müssen nicht resignieren wie die Israeliten im babylonischen Exil oder die Juden zurzeit der Römerherrschaft. Wir müssen es gar nicht so weit kommen lassen, dass wir zu hadern beginnen und verbittern. Auch diese Einladung Jesu ist Zeichen der großen Barmherzigkeit Gottes.
Von ihm lernen wir heute noch etwas Anderes: Eine Last zu tragen, ist notwendig. Wir alle müssen ein Joch tragen, aber es kommt darauf an, welches! Gottes Kreuz, das er uns auferlegt, ist auf uns abgestimmt. Wir haben bei Jesaja gelesen, dass Gott uns durch und durch kennt. Er hat uns schließlich geschaffen und kennt so auch unsere Grenzen. Sein auferlegtes Kreuz, das „Joch“, ist leicht und drückt nicht. An anderer Stelle sagt Jesus, dass wer sein Jünger sein will, sein Kreuz auf sich nehmen und tragen muss. Wenn wir Gottes Kreuz tragen, werden wir inneren Frieden haben und vor allem gibt er uns Kraft. Wir werden über uns hinauswachsen. Dies betrifft einerseits den einzelnen Christen, der die Gebote Gottes auf sich nimmt. Gottes Willen zu leben, ist nicht schwer und gibt uns inneren Frieden. Wir erhalten die Kraft und die Gnade, seinen Willen zu tun. Wo wir an unsere Grenzen stoßen, wachsen wir über uns hinaus durch seine helfende Gnade. Auch als ganze Kirche dürfen wir und müssen wir zu ihm kommen. Wir leben in einer Glaubenskrise. Immer mehr Menschen sind dem Namen nach Mitglied der Katholischen Kirche, leben aber nicht mehr nach den Geboten und nehmen die Heilsmittel nicht in Anspruch. Immer weniger Menschen glauben an Christus und daran, dass er in der Kirche lebt und wirkt. Auch diese Last müssen wir zum Herrn bringen und um Bekehrung und Erneuerung der Kirche beten! Wie oft werden stattdessen Sitzungen und Gespräche abgehalten, menschliche Krisenbewältigung und Anstrengungen unternommen, als ob diese Dinge das eigentliche Problem lösen könnten! Dabei müssen wir zuerst zu Christus zurückkehren. In erster Linie muss der Klerus wieder geistlich werden und auf Knien um Vergebung bitten. Und auch wir, jedes einzelne Glied des Leibes, muss bei sich anfangen und umkehren. Eine im Glauben erneuerte Kirche wird wieder authentisch und missionarisch sein. Auch als Kirche das Joch Christi auf sich zu nehmen, wird fruchtbar sein, nicht das Ablegen des Jochs durch die Angleichung an den Zeitgeist.

Katharina hat dies immer mit deutlichen Worten gesagt. Sie hat nie ein Blatt vor den Mund genommen und zahlreiche Briefe an die Einflussreichen ihrer Zeit geschrieben. Sie hat den weltlichen Herrschern sowie dem Klerus unermüdlich die Leviten gelesen, dass sie umkehren und die Kirche wieder zu ihrer ersten Liebe zurückkehre. Sie war nicht gebildet, lernte erst sehr spät Lesen und Schreiben. Sie ist wahrlich eine Unmündige, die aus einer verarmten Adelsfamilie stammte. Und doch hat sie von der Offenbarung Gottes, von seiner Weisheit mehr verstanden als die Gebildeten, aber Gottfernen. Sie ist ausgestattet worden mit vielen Gaben und Charismen, durch die sie die ganze Kirche vor der größten Katastrophe aller Zeiten bewahrt hat. Sie hing ganz am Herrn, so sehr, dass ihr sogar die Wundmale Jesu Christi geschenkt worden sind. Sie hat ihre ganze Sorge dem Herrn anvertraut und er hat sie erhört. So eine große Frau – wer wagt da noch zu sagen, dass Frauen in der Katholischen Kirche keine Rolle spielen? Der Papst hat auf sie gehört! Sie hat sich erlaubt, ganz harte Worte all jenen mächtigen Männern ihrer Zeit in Briefen zu schreiben. Eine wahre Powerfrau!

Herr, wir danken dir für die heilige Katharina. Schenke uns auf ihre Fürsprache auch heute den Schutz und die Einheit durch die Krisenzeit hindurch. Dies erbitten wir durch Christus unseren Herrn. Amen.

Ihre Magstrauss

Markus Evangelist (Fest)

1 Petr 5,5b-14; Ps 89,2-3.6-7.16-17; Mk 16,15-20

1 Petr 5
5 Ordnet euch den Ältesten unter! Alle aber begegnet einander in Demut! Denn Gott tritt Stolzen entgegen, Demütigen aber schenkt er seine Gnade.
6 Beugt euch also in Demut unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöht, wenn die Zeit gekommen ist!
7 Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch!
8 Seid nüchtern, seid wachsam! Euer Widersacher, der Teufel, geht wie ein brüllender Löwe umher und sucht, wen er verschlingen kann.
9 Leistet ihm Widerstand in der Kraft des Glaubens! Wisst, dass eure Brüder und Schwestern in der Welt die gleichen Leiden ertragen.
10 Der Gott aller Gnade aber, der euch in Christus zu seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat, wird euch, die ihr kurze Zeit leiden müsst, wieder aufrichten, stärken, kräftigen und auf festen Grund stellen.
11 Sein ist die Macht in Ewigkeit. Amen.
12 Durch Silvanus, den ich für einen treuen Bruder halte, habe ich euch kurz geschrieben: Ich habe euch ermahnt und habe bezeugt, dass dies die wahre Gnade Gottes ist, in der ihr stehen sollt.
13 Es grüßt euch die mitauserwählte Gemeinde in Babylon und Markus, mein Sohn.
14 Grüßt einander mit dem Kuss der Liebe! Friede sei mit euch allen, die ihr in Christus seid!

Heute feiern wir das Fest des Evangelisten Markus. Der Überlieferung nach handelt es sich bei Markus um den Petrus- und Paulusbegleiter Johannes Markus, der die Informationen für sein Evangelium von Petrus selbst hat. Deshalb hören wir heute sowohl aus eben jenem Evangelium als auch aus dem ersten Petrusbrief. Am Ende des Briefes wird unter anderem Markus erwähnt, den Petrus als seinen Sohn bezeichnet.
Der Brief behandelt unter anderem das Thema Hierarchie, vor allem die Einordnung der Getauften in das staatliche System. Sie gehören als Getaufte schon der Ewigkeit an, müssen aber in der Welt leben, in der Fremde, wie Petrus gerne zur Welt sagt.
Es geht um verschiedene Ebenen von Unterordnung. So behandelt er auch das Leben in der Familie oder wie hier zu Anfang des Abschnitts in der Gemeinde.
Er betont zunächst, dass die Christen sich ihren Ältesten unterordnen sollen (das griechische Wort ist presbyteros, wovon das Wort „Priester“ sich ableitet). Zugleich sollen die Gemeindemitglieder einander in Demut begegnen, das heißt unabhängig von ihrem Amt oder ihrer Weihe, ihrem Status einander dienen. Die dienende Hingabe ist gottgefällig und „Gott tritt Stolzen entgegen.“ Die Gnade fließt, wo der Mensch demütig ist. Das kann Petrus absolut von sich selbst sagen. Als er hochmütig und in totaler Selbstüberschätzung lebte, konnte Gott ihn noch nicht zum Felsen seiner Kirche machen. Erst als er gedemütigt wurde, seine eigene Armut sah und voller Reue über seine Verleugnung Christi diesem seine Liebe zusagte (Herr, du weißt, dass ich dich liebe), konnte Christus zu ihm sagen: „Weide meine Schafe“.
Wenn wir uns beugen unter die Hand Gottes, die die einzig wahre Macht ist, werden wir erhöht. Das ist mit Christus geschehen, den der Vater erhöht hat über alle anderen, weil er freiwillig in die tiefste Schande gegangen ist. Dies ist der Fall bei allen Aposteln, die ihr Leben hingegeben haben für Christus und für ihn den Märtyrertod gestorben sind (außer Johannes). All die Christen, die verspottet worden sind aufgrund ihres Glaubens, die gesellschaftliche Nachteile erlitten haben und erleiden, die verfolgt werden. Aber auch jene, die ihren Glauben frei leben können und sich ganz aufgeopfert haben für den Nächsten, die sich ganz klein gemacht haben, obwohl sie vor der Welt ganz groß waren (Franziskus, Ignatius von Loyola, Edit Stein, Mutter Teresa etc.). Sie haben sich ganz unter die Hand Gottes begeben und nun wähnt die Kirche sie bei Gott.
„Werft alle eure Sorge auf ihn, denn er kümmert sich um euch!“ Das ist ein tröstliches Wort, das auf Jesus zurückverweist, der den Menschen gesagt hat: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich werde euch Ruhe verschaffen!“ Gott kümmert sich wirklich um jedes seiner Kinder – und zwar so, als ob es das einzige Kind wäre. Er richtet seine ganze Aufmerksamkeit auf jeden Einzelnen. Keines seiner Kinder wird vernachlässigt. Wir müssen seine Aufmerksamkeit, seine Fürsorge, seine Hilfe aber auch von uns aus suchen und beanspruchen. Das fällt vielen Menschen schwer. Menschen möchten gerne alles selbst machen und sind zu stolz, die Hilfe Gottes in Anspruch zu nehmen. Es wird dann Autonomie genannt, Mündigkeit und Reife. Dabei ist es Torheit, weil die menschliche Natur von Schwäche geprägt ist und eben nicht alles unter Kontrolle haben kann.
„Seid nüchtern, seid wachsam!“ Wir leben in der Endzeit und die Zustände werden immer schlimmer und gottloser. Es ist wichtig, aufmerksam zu beobachten, was um uns geschieht. Wir müssen die Entwicklungen zur Kenntnis nehmen, damit wir ihnen nicht anheimfallen. Wenn wir im Rausch der Welt verbleiben, merken wir nicht, wie wir mit der Masse von Gott weggezogen werden und der Taktik des Bösen auf den Leim gehen. Wachsamkeit und Nüchternheit haben beide nichts mit Angst und Panik zu tun. Wir müssen alles beobachten und richtig einordnen, aber wir brauchen uns nicht zu fürchten. Was kann uns schon passieren? Selbst wenn unser Leben genommen wird, ist es doch nur das irdische Dasein. Unseren Glauben kann man uns nicht nehmen, auch nicht das ewige Leben bei Gott!
Der Böse ist sehr aggressiv in dieser Zeit – das heißt in der angebrochenen Endzeit. Ihm bleibt nicht mehr viel Zeit und er versucht alles, um uns Menschen von Gott wegzuführen. Das wird hier bildhaft mit dem Verschlingen ausgedrückt. Der Satan ist wie ein brüllender Löwe, er ist angsteinflößend und kommt majestätisch daher. Dabei ist er im Vergleich zu Gott nicht mehr als ein jaulendes Kätzchen. Sobald der Mensch die Angst vor ihm verliert, ist er schon größtenteils entmachtet. Geben wir ihm keine Chance!
Alle kämpfen den gleichen Kampf. Alle müssen leiden wegen dem Bösen, der die Menschen von Gott wegzieht. Und alle müssen denselben Widerstand leisten. Die Absage gegen den Bösen und die Waffen gegen ihn sind mächtig. Sie bestehen im Wesentlichen in den Heilsmitteln der Kirche, die ausrüsten gegen den Satan.
Das Leiden wegen der satanischen Angriffe ist zeitlich streng umrissen. Das tröstet, weil der Leidende Licht am Ende der Tunnels erhoffen darf. Und in dieser Zeit rüstet Gott mit allen Gnadenmitteln aus, mit den Sakramenten und Sakramentalien, die der Christ benötigt. („Der Gott aller Gnade aber, der euch in Christus zu seiner ewigen Herrlichkeit berufen hat, wird euch (…) wieder aufrichten, stärken, kräftigen und auf festen Grund stellen.“).
Diese Zusage schließt er ab mit einer Gebetsformel („Sein ist die Macht in Ewigkeit. Amen“).
Zum Ende hin erwähnt Petrus, dass Silvanus (das ist ein anderer Name für Silas, den wir auch von Paulus kennen) den Brief für ihn abgefasst hat. Durch ihn hat Petrus sich an die Adressaten gerichtet.
Er fasst nochmal zusammen, wozu er die Gemeinden ermahnt hat („dass dies die wahre Gnade ist, in der ihr stehen sollt“).
Dann kommen noch abschließende Grüße und hier kommt nun der Name des Markus ins Spiel.
„Es grüßt euch die mitauserwählte Gemeinde in Babylon und Markus, mein Sohn.“ Die „mitauserwählte Gemeinde“ sagt aus, dass auch die Gemeinde des Petrus zu den Erwählten zählt (für ihn ein Begriff der Berufenen durch die Taufe, ein Begriff für die Erben im Reich Gottes). Mit Babylon wird eine Chiffre ausgesagt, die in der Bibel oft für Rom verwendet wird. So ist es auch in der Johannesoffenbarung. Petrus ist in Rom, er leitet dort die Gemeinde. Es grüßt auch Markus, der wohl bei Petrus in Rom ist. Wenn Petrus ihn seinen Sohn nennt, ist das nicht biologisch gemeint, sondern geistlich. Die Kirche ist Familie Gottes und die Jünger, die die Apostel begleiten, neu zum Glauben kommen oder einfach jünger sind als ihre Mentoren, werden oft als Kinder bezeichnet. Es ist eine liebenswürdige Bezeichnung, schon fast ein Kosename.
Es endet mit einer üblichen Formel: „Grüßt einander mit dem Kuss der Liebe!“ bezieht sich dabei auf ein gutes Verhältnis der Gemeindemitglieder zueinander. Sie sollen friedlich miteinander reden und keinen Streit haben. Der Kuss der Liebe, der auch oft als heiliger Kuss bezeichnet wird (so bei Paulus), meint die Geste des Friedensgrußes in der Liturgie. Die Mitglieder sollen sich gut vertragen. Dazu passt dann auch der letzte Satz „Friede sei mit euch allen, die ihr in Christus seid!“ Es soll Friede bei den Christen sein, der Friede Gottes, die übernatürliche Gabe, die der Heilige Geist spendet. Er schenkt einen Frieden, den die Welt nicht geben kann und der durch die Versöhnung wirksam wird.

Ps 89
2 Von der Huld des HERRN will ich ewig singen, von Geschlecht zu Geschlecht mit meinem Mund deine Treue verkünden.
3 Denn ich bekenne: Auf ewig ist Huld gegründet, im Himmel deine Treue gefestigt.
6 Die Himmel preisen deine Wunder, HERR, und die Versammlung der Heiligen deine Treue.
7 Denn wer im Gewölk gleicht dem HERRN, ist dem HERRN ähnlich unter den Söhnen der Götter?
16 Selig das Volk, das den Jubelruf kennt, HERR, sie gehen im Licht deines Angesichts.
17 Sie freuen sich allezeit über deinen Namen und sie jubeln über deine Gerechtigkeit.

Der Psalm des heutigen Festtags ist ein Lobpreis Gottes. Er beginnt wie üblich mit einer Selbstaufforderung zum Lob, das in dem ewigen Gesang von der Huld Gottes besteht. „Von Geschlecht zu Geschlecht“ zeigt, dass es über den Psalmisten hinausgeht. Er lebt ja nur ein Leben und bekommt ja nicht mehrere Geschlechter, also Generationen, mit.
Es ist ein Gebet des Volkes Israel zu jeder Zeit, in jeder Etappe der Heilsgeschichte. Gott hat zu jeder Zeit Pläne des Heils und hilft seinem Volk aus allem heraus.
Seine Huld ist Anlass zu dem Bekenntnis, dass Gott der ewig Treue ist.
Die ganze Schöpfung preist Gott, auch die Natur. „Die Himmel“ bezieht sich überdies auf die unsichtbare Welt, die ebenfalls Schöpfung Gottes ist, bestehend aus den Engeln. Auch die Heiligen preisen ihn. Es ist ein einziger Lobpreis im Himmel und auf der Erde, ein gemeinsames Besingen der Güte Gottes.
Keiner kann sich mit Gott messen, auch die mächtigen Engel sind viel niedriger als Gott. Keiner kann sich mit ihm vergleichen, sondern kann ihn nur lobpreisen.
Wir beten, dass das auserwählte Volk (הָ֭עָם ha’am) sich freuen kann, das den Jubelruf kennt (תְרוּעָה teru’ah heißt auch „Kriegsgeschrei“). „Im Licht deines Angesichts“ ist eine Umschreibung für den Stand der Gnade. Das auserwählte Volk hat den Segen Gottes, wenn es ihn stets lobt und preist, in seinem Namen jauchzt und Gottes Gerechtigkeit anerkennt. Dann geht es im „Licht seines Angesichts“. Dann ist es im Stand der Gnade und auch wir.
Verbunden mit Gottes Namen ist die Freude und der Jubel. Gott kann nur glücklich machen. Wir können nur jubeln, wenn wir erkannt haben, was Gott auch bis heute Gutes tut. Seine Pläne sind wirklich stets Heilspläne.

Mk 16
15 Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!
16 Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet; wer aber nicht glaubt, wird verurteilt werden.
17 Und durch die, die zum Glauben gekommen sind, werden folgende Zeichen geschehen: In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden;
18 wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.
19 Nachdem Jesus, der Herr, dies zu ihnen gesagt hatte, wurde er in den Himmel aufgenommen und setzte sich zur Rechten Gottes.
20 Sie aber zogen aus und verkündeten überall. Der Herr stand ihnen bei und bekräftigte das Wort durch die Zeichen, die es begleiteten.

Im Evangelium hören wir den Abschluss des Markusevangeliums. Er lässt sich einbetten in die Osterzeit, denn wir hören von Jesu letzten Worten, bevor er in den Himmel auffährt.
Es ist der Auftrag an die Jünger, in die ganze Welt hinauszugehen und das Evangelium zu verkünden. Das meint nicht nur die Apostel, sondern auch den weiteren Jüngerkreis. Es wird so kommen, dass jeder Christusgläubige von seiner Liebe sprechen wird und das Christentum sich durch die römische Infrastruktur rasch verbreiten wird.
„Wer glaubt und sich taufen lässt, wird gerettet“ – die Taufe ist das äußere Zeichen des Glaubens an Christus. Deshalb wird beides getrennt an dieser Stelle genannt. Es ist logisch, dass wer zum Glauben gekommen ist, sich auch taufen lassen will. Die Rettung besteht in einem Leben in Ewigkeit, im Himmelreich. „Wer nicht glaubt, wird verurteilt werden.“ Das bedeutet, dass die Ungläubigen das ewige Leben nicht haben werden. Sie bleiben ewig von Gott abgeschnitten, was wir Hölle nennen. Jesus spricht hier eindeutige Worte. Die Taufe ist heilsnotwendig, weil der Glaube an Gott es ist. Deshalb sollen alle mit der Botschaft des Evangeliums in Kontakt kommen, damit sie dieses ewige Leben haben. Alle sollen gerettet werden, denn Christus ist für alle Menschen gestorben. Der Neue Bund ist besiegelt worden für jeden einzelnen Menschen.
Die Getauften werden folgende Zeichen im Namen Gottes tun: Exorzismus, Zungenrede, Unversehrtheit in Gefahr, Krankenheilung. Diese Dinge sind nicht an eine sakramentale Weihe gebunden, sondern hängen mit der Taufe zusammen (Taufe und Firmung, denn in der ersten Zeit werden beide Sakramente als ein gemeinsames angesehen). Wer den Heiligen Geist empfängt, der wird mit seinen Charismen beschenkt. Zu diesen gehören die aufgezählten Zeichen. Der Befreiungsdienst erfährt in heutiger Zeit eine immer größere Dimension und wird zunehmend professionalisiert. Befreiungsgebete darf jeder sprechen, aber für die Aposteln hat Jesus an anderer Stelle den expliziten Auftrag, Exorzismen durchzuführen. Solche dürfen dann nur von Bischöfen oder bischöflich Beauftragten Priestern durchgeführt werden. Das ist ein Unterschied (diese Exorzismen müssen nach einem festgelegten Ritus geschehen, einfache Befreiungsgebete darf jeder Getaufte beten und gestalten, wie er möchte).
Dann geht Jesus heim zum Vater, um sich zu dessen Rechten niederzulassen. So beten wir es im Glaubensbekenntnis.
Die Jünger setzen gehorsam um, was Jesus ihnen aufgetragen hat. Sie verkünden überall (gewiss geschieht das erst nach dem Pfingstereignis, das hier nicht erwähnt wird).
Und so wie Jesus seine Verkündigung durch Heilstaten unterstrich, wodurch die meisten Menschen überhaupt erst gläubig geworden sind, so ist es mit der Verkündigung seiner Jünger, die von Heilstaten im Namen Jesu begleitet werden. Der Herr steht ihnen bei allem bei, weil er ihnen versprochen hat, immer bei ihnen zu sein. Dies wird uns im Matthäusevangelium zum Schluss explizit gesagt.

Petrus und Markus, sein „Sohn“ haben diesen Auftrag Jesu Christi gewissenhaft umgesetzt. Sie sind bis nach Rom gegangen, um dort das Evangelium Jesu Christi zu predigen und die Gemeinde aufzubauen. Markus hat die Augenzeugenberichte des Petrus aufmerksam gehört und in sein Evangelium geschrieben, um die vielen Heilstaten und Worte Jesu Christi schriftlich festzuhalten. Es musste für die Nachwelt gesichert werden. Man merkt am Evangelium, dass Markus unsortiert mitgeschrieben hat – ganz so, wie Petrus mündlich erzählt und dabei natürlich von Thema zu Thema springt, je nach Situation. Man spürt förmlich, wie der Evangelist es so ungeändert wie möglich belässt, damit dieser Stil beibehalten wird.

Danken wir Gott für diesen Menschen, der Petrus und Paulus zugleich nahestand, der vieles von der frühchristlichen Mission mitbekommen hat und für uns so wichtige Worte schriftlich festgehalten hat. Danken wir Gott dafür, dass die Jünger Jesu Christi dessen Auftrag so ernst genommen und weltweit das Evangelium verkündet haben. Sonst wäre das Christentum nicht zu uns gekommen.

Ihre Magstrauss

Samstag der 4. Woche der Fastenzeit

Jer 11,18-20; Ps 7,2-3.9-10.11-12; Joh 7,40-53

Jer 11
18 Der HERR ließ es mich wissen und so wusste ich es; damals ließest du mich ihr Treiben durchschauen.
19 Ich aber war wie ein zutrauliches Lamm, das zum Schlachten geführt wird, und ahnte nicht, dass sie gegen mich Böses planten: Wir wollen den Baum im Saft verderben; wir wollen ihn ausrotten aus dem Land der Lebenden, sodass seines Namens nicht mehr gedacht wird.
20 Aber der HERR der Heerscharen richtet gerecht, er prüft Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen, denn dir habe ich meine Sache anvertraut.

Heute hören wir aus dem Propheten Jeremia, der im Kapitel 11 zuvor Gerichtsworte an Israel formuliert hat. Der heutige Ausschnitt ist sodann eine Unheilsbotschaft für die Bewohner von Anatot, einer benjaminitischen Stadt nordöstlich von Jerusalem. Er tut dies im Dialog mit Gott, den er mal direkt anspricht, mal in dritter Person über ihn spricht.
„Der HERR ließ es mich wissen“ – Gott ließ den Propheten über die Missetaten des auserwählten Volkes wissen, damit er zu ihnen gehe und sie wieder zur Vernunft bringe.
Er spricht Gott direkt an, wenn er sagt: „Damals ließest du mich ihr Treiben durchschauen.“ Gott hat ihm aufgezeigt, was sein Wille ist und wo die Menschen sich von diesem entfernt haben. Zu allen Zeiten hat Gott dies durch die Propheten getan und so den Menschen geholfen, seinen Willen zu tun. Er hätte die Menschen auch einfach ins offene Messer laufen lassen können, aber weil er seine Kinder liebt, tut er alles, damit sie umkehren können. So ist er auf dem Höhepunkt der Zeiten sogar selbst gekommen, um den Menschen seinen Willen zu offenbaren, damit sie umkehren und seine Gebote halten, dem Bund wieder treu werden, den er mit ihnen geschlossen hat. Auch heute noch sendet er den Menschen seine Propheten, öffentliche Gestalten, die den Willen Gottes in die heutige Zeit hinein verkündigen, damit die Menschen zur Einsicht kommen und umkehren.
Jeremia bezeichnet sich selbst als „zutrauliches Lamm, das zum Schlachten geführt wird.“ Er ahnte nicht, dass die Israeliten etwas Böses gegen ihn planten. Als Prophet ist er ihnen ein Dorn im Auge, denn allein seine Gegenwart drängt sie dazu, ihr Leben zu ändern. Dies wollen sie aber nicht. So wollen sie ihn loswerden. Er ist somit ein Typos Christi, der das ultimative Opferlamm ist, das zum Schlachten geführt wird. Dieser überbietet das Jeremia-Lamm jedoch bei weitem, denn er weiß ganz genau, was passieren wird. Er sieht alles in der Nacht vor seinem Tod und durchleidet deshalb im Garten Getsemani schlimme Todesangst. Er schwitzt sogar Blut.
Jeremia formuliert die Verschwörung der Israeliten mithilfe einer Metapher: „Wir wollen den Baum im Saft verderben.“ Das ist ein Bild, das oft für das Leben des Menschen gebraucht wird. In der Weisheitsliteratur wird der Mensch vermehrt als Baum bezeichnet, ebenso in Schriftstellen, die sehr paränetisch sind (also ein ethisches Verhalten vorschreiben). Den Baum im Saft verderben heißt dabei, ihn vom Ursprung her beschädigen.
Den Baum aus dem Land der Lebenden auszurotten, dass seines Namens nicht mehr gedacht werde, ist ein weiterer Hinweis darauf, dass mit dem Baum die Person Jeremias gemeint ist. Sie wollen ihn aus dem Land der Lebenden verbannen, was aber Menschen nicht tun können. Gott entscheidet schließlich, wer im Land der Lebenden sein darf – wenn damit das Himmelreich gemeint ist. Irdisch verstanden ist damit das gelobte Land gemeint, in das Gott das Volk Israel geführt hat. Das Ironische ist, dass das Volk selbst dieses Land nur wenige Jahrzehnte später verlassen wird, wenn Nebukadnezzar II. von Babylon es ins Exil verbannt und den Tempel und die Stadt Jerusalem zerstören wird. Jeremia versucht alles, um das Unheil vom auserwählten Volk abzuwenden.
Es ist ein Bild des Fluchs, wenn der eigene Name vergessen wird, insbesondere wenn die Nachkommen sich nicht mehr an den Verstorbenen erinnern. Seine Gegner wollen also Fluch über ihn bringen. Doch da er ein Mann Gottes ist, wird dieser Fluch auf sie zurückfallen.
„Aber der HERR der Heerscharen richtet gerecht, er prüft Nieren und Herz.“ Er sieht alles und bringt Gerechtigkeit. Er setzt sich gegenüber allem Bösen durch. Gott wird für Jeremia einstehen. Er hofft ganz auf Gottes Rückendeckung und vertraut auf ihn („Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen, denn dir habe ich meine Sache anvertraut“). Er vertraut ganz darauf, dass wenn Gott ihn auf so besondere Weise beruft, ihn auch jetzt in Zeiten der Bedrängnis nicht im Stich lässt. So dürfen auch wir hoffen, dass wenn Gott seinen Bund mit uns geschlossen hat, diesen auch bis zum Schluss hält. Er ist wie ein perfekter Bräutigam, der wirklich immer treu ist, auch in den schlechten Tagen. Er wird uns aber auch zur Rechenschaft ziehen, wenn wir als seine Braut, die mit ihm einen Bund eingegangen sind, ihm untreu sind. Wir haben ihm ja auch unsere ganze Liebe versprochen. Das ist ja keine Einbahnstraße. Ein Bundesschluss heißt ja: „Ich gehöre ganz dir und du gehörst ganz mir.“ Nicht nur Gott schenkt sich uns ganz, sondern erwartet auch von uns, dass wir als seine Bündnispartner ihm uns ganz schenken.
Nicht nur Jeremia, sondern auch Israel ist Gottes Braut. Es benimmt sich aber zur Zeit des Jeremia ganz untreu (sie räuchern dem Baal, wie es im Abschnitt vor dem heute gehörten heißt). Das gefällt Gott nicht und er ruft seine Frau zu sich zurück. So ruft Gott auch uns in dieser Fastenzeit auf besondere Weise zu sich zurück, die wir durch die Taufe im neuen Bund mit ihm vereint sind.

Ps 7
2 HERR, mein Gott, ich flüchte mich zu dir; hilf mir vor allen Verfolgern und rette mich,
3 damit niemand wie ein Löwe mein Leben zerreißt, mich packt und keiner ist da, der rettet!
9 Der HERR richtet die Völker. Verschaffe mir Recht, HERR, nach meiner Gerechtigkeit, nach meiner Unschuld, die mich umgibt!
10 Die Bosheit der Frevler finde ein Ende, doch dem Gerechten gib Bestand, der du Herzen und Nieren prüfst, gerechter Gott!
11 Mein Schutz ist Sache Gottes, er ist Retter derer, die redlichen Herzens sind.
12 Gott ist ein gerechter Richter, ein Gott, der an jedem Tag zürnt.

Im Psalm betet König David ganz im Vertrauen auf Gott um Zuflucht. Auch er hat in seinem Leben mehrfach Bedrängnis erfahren. Diese hat er nicht immer selbst verschuldet. Er fiel zum Beispiel der Eifersucht Sauls zum Opfer. So betet David und wir gemeinsam mit ihm heute: „HERR, mein Gott, ich flüchte mich zu dir; hilf mir vor allen Verfolgern und rette mich“. David selbst wurde zuerst von Saul verfolgt, später sogar von seinem eigenen Sohn Abschalom. Wir denken an Jeremia, der später diese Worte wohl ganz auf sich bezogen und gebetet hat. Wir stellen uns auch vor, dass Jesus zu seinem Vater oft so gebetet hat, ebenso seine Familie auf der Flucht nach Ägypten. Auch wir dürfen so beten, denn Gott ist unsere einzige Zuflucht, die wirklich sicher ist. Er bewahrt uns nicht immer vor irdischen Gefahren, doch eines können wir uns sicher sein – seine Treue und das ewige Leben, wenn wir glauben und standhaft bleiben.
„Damit niemand wie ein Löwe mein Leben zerreißt“ – ja, sowohl David als auch Jeremia haben existenzielle Gefahren erlebt und auch Jesus hat im Garten Getsemani die Gefahr des Löwen gesehen, der umhergeht und schaut, wen er verschlingen kann, wie Petrus es in seinen Briefen schreibt. Das ist die eigentliche Gefahr – der Satan, der die Seelen von Gott wegführen will. Er ist der brüllende Löwe auch in unserer heutigen Zeit.
„Der HERR richtet die Völker“ – das Wort an der Stelle ist עַ֫מִּ֥ים ammim. Gott richtet unabhängig davon, ob die Stämme Israels gemeint sind oder andere Völker. Gott richtet jeden Menschen. Er sorgt überall für Gerechtigkeit, weil jeder Mensch ein Geschöpf Gottes ist. So bittet König David hier im Psalm um Gottes Gerechtigkeit. Das Gericht Gottes ist hier also etwas Positives, weil die ungerecht Behandelten endlich zu ihrem Recht kommen. Es ist also wie eine Erlösung. So dürfen auch wir Gott darum bitten, dass er für Gerechtigkeit sorgt. Das darf uns nicht als etwas Banales vorkommen. Wir müssen es zu Herzen nehmen: GOTT soll richten, nicht WIR. ER ist es, der Gerechtigkeit bringen kann. Kein Mensch kann ein wirklich gerechter Richter sein. Wir sehen schließlich nicht in die Herzen der Menschen, Gott aber schon. Wir haben schon bei Jeremia gehört, dass Gott auf Herz und Nieren prüft. Das kann nur er. Überlassen wir ihm also das Gericht und entlasten wir uns dadurch selbst! Das wird uns eine so überwältigende Freiheit schenken. Wir geschieht das? Indem wir den Menschen, die uns Unrecht tun, von Herzen vergeben. Das heißt nicht, dass wir ihre Untaten gut heißen. Das bedeutet vielmehr, dass wir nicht daran festhalten, es uns innerlich dann nicht vergiften und krank machen kann, wir vorankommen und das Richten Gott überlassen. Er wird schon alles vergelten.
Auch David sagt hier im Psalm, dass Gott nach Herz und Nieren prüft. Er soll das Herz des Unschuldigen anschauen und ihm Segen verleihen, was hier mit „Bestand“ ausgedrückt wird. Diejenigen, die aber böse sind, werden keinen Bestand haben. Sie werden nicht weit kommen, weil Gott ein gerechter Gott ist. So dürfen auch wir hoffen, dass die Bösen unserer Zeit nicht lange an der Macht sein werden. Ihr Weg führt in die Sackgasse und auf lange Sicht werden wir überleben.
Gottes Sache ist, seine geliebten Kinder zu beschützen. Das meint vor allem das Herz der Menschen, die ewige Seele. Er zürnt jeden Tag, das bedeutet, er reagiert immer auf die Ungerechtigkeit, die seinen Geliebten widerfährt. „Zürnen“ hat im Kontext Gottes weniger etwas Pathologisches im Sinne eines irrationalen, unkontrollierten und affekthaften Ausbruchs wie die Wut des Menschen. Der Zorn Gottes ist (bildhaft gesprochen) seine stete, absolut kontrollierte und absolut gerechte Reaktion auf die Ungerechtigkeit der Menschen. Er ist immer solidarisch mit uns. Das ist ein absoluter Trost und so dürfen wir vertrauensvoll beten, dass nicht eine Ungerechtigkeit, die an uns geschieht, bei Gott ungesehen bleibt.

Joh 7
40 Einige aus dem Volk sagten, als sie diese Worte hörten: Dieser ist wahrhaftig der Prophet.
41 Andere sagten: Dieser ist der Christus. Wieder andere sagten: Kommt denn der Christus aus Galiläa?
42 Sagt nicht die Schrift: Der Christus kommt aus dem Geschlecht Davids und aus dem Dorf Betlehem, wo David lebte?
43 So entstand seinetwegen eine Spaltung in der Menge.
44 Einige von ihnen wollten ihn festnehmen; doch keiner legte Hand an ihn.
45 Als die Gerichtsdiener zu den Hohepriestern und den Pharisäern zurückkamen, fragten diese: Warum habt ihr ihn nicht hergebracht?
46 Die Gerichtsdiener antworteten: Noch nie hat ein Mensch so gesprochen.
47 Da entgegneten ihnen die Pharisäer: Habt auch ihr euch in die Irre führen lassen?
48 Ist etwa einer von den Oberen oder von den Pharisäern zum Glauben an ihn gekommen?
49 Dieses Volk jedoch, das vom Gesetz nichts versteht, verflucht ist es.
50 Nikodemus aber, einer aus ihren eigenen Reihen, der früher einmal Jesus aufgesucht hatte, sagte zu ihnen:
51 Verurteilt etwa unser Gesetz einen Menschen, bevor man ihn verhört und festgestellt hat, was er tut?
52 Sie erwiderten ihm: Bist du vielleicht auch aus Galiläa? Lies doch nach und siehe, aus Galiläa kommt kein Prophet.
53 Dann gingen alle nach Hause.

Im Evangelium hören wir heute die Fortsetzung der gestrigen Episode. Jesus ist zur Wallfahrt nach Jerusalem im Verborgenen nach Jerusalem gekommen, obwohl die Juden dort gar nicht gut auf ihn zu sprechen sind. Sie haben ihn auch erkannt und er hat ja sogar öffentlich gesprochen. Sie haben ihn nicht festgenommen, weil Gott das nicht zugelassen hat. Jesu Stunde ist noch nicht gekommen.
Heute gehen die Gespräche weiter. Einige sagen über Jesu Worte bezüglich seines Verhältnisses zum Vater und seiner Berufung, er sei wirklich ein Prophet. Sie nehmen seine Worte an. So fühlen sich einige an die Propheten des Alten Testaments erinnert, denn Jesus hat unter anderem über Sendung gesprochen. Andere wiederum erkennen in ihm den Messias, da sie wohl die Messianität seiner Heilstaten verstanden haben. Ein großes Problem haben die Menschen aber mit Jesu Herkunft. Sie gehen davon aus, dass Jesus aus Galiläa stamme (, wo er ja auch aufgewachsen ist). Sie betrachten die messianischen Verheißungen und sagen, dass der Messias ja aus dem Stamm Davids erwartet werde und aus Betlehem komme. Das ist interessant, weil die Menschen Jesus anscheinend gar nicht gut genug kennen. Sonst würden sie wissen, dass Jesus sehr wohl Davidide und in Betlehem geboren ist.
Auch jetzt wollen einige ihn festnehmen, nämlich die Gerichtsdiener der Tempellobby, denn seine Worte sind für sie blasphemisch. Sie kehren aber ohne Jesus zu den Hohepriestern und Schriftgelehrten zurück. Diese wundern sich, denn es war wohl ihr Befehl, Jesus festnehmen zu lassen. Sie geben zur Antwort, dass Jesu Worte so einmalig sind, dass sie davon offensichtlich berührt worden sind. Die Pharisäer befürchten, dass die Gerichtsdiener von ihm manipuliert worden seien. Sie reagieren arrogant, indem sie sich besser darstellen als das Volk, das nicht so vertraut mit den Hl. Schriften seien wie sie. Das ist sehr ironisch, denn sie sind es, die in Wirklichkeit am wenigsten verstanden haben. Sie sehen stets nur die einzelnen Bäume, können sie aber nicht als Wald identifizieren. Das einfache Volk, das sie hier so schlecht reden, hat das, was sie von den Hl. Schriften kennen, korrekterweise auf Jesus als den Messias bezogen (sie machen sich wenigstens Gedanken, auch wenn sie noch oberflächlich denken). Die exegetische Ausbildung vereinfacht vielleicht das Verständnis auf gewisse Weise, doch das Entscheidende ist das offene Herz, dass die Lektionen Gottes annimmt. Darin sind die einfachen Juden in Jerusalem den Pharisäern heute vielfach voraus.
Nikodemus gehört zum Hohen Rat. Er ist ja Jünger Jesu und nimmt ihn beim Sanhedrin in Schutz. Er gibt den anderen zu verstehen, dass sie doch niemanden ohne Anhörung verurteilen können. Sie argumentieren mit der Hl. Schrift: Aus Galiläa komme kein Prophet. Dagegen ist aber zu sagen, dass die Hl. Schrift sehr wohl Propheten aus der nördlichen Provinz belegt. So kommt laut 2 Kön 14,25 Jona aus Gat-Hefer, einem Ort, der wohl um die 5 km nordöstlich von Nazaret lag! Die Hohepriester und Schriftgelehrten blamieren sich also durch ihre Besserwisserei bis auf die Knochen, weil sie so dermaßen falsch liegen…

Heute hören wir von vielen Bedrängnissen. Wer für Gott einsteht, damals wie heute, muss mit Anfeindungen rechnen. Dies musste Jeremia durchmachen, so musste auch David leiden. Und Jesus als Sohn Gottes hat am meisten dafür gelitten, dass er den Menschen den Willen des Vater kundgetan hat. Wenn wir heutzutage also für das Evangelium Jesu Christi einstehen, können wir nichts andere erwarten. Auch wir werden leiden. Aber auch da beschützt der Herr unser Herz davor, von ihm je getrennt zu werden. So dürfen auch wir Zuflucht bei ihm suchen und darauf vertrauen, dass er uns durch Leidenssituationen hindurch trägt.

Ihre Magstrauss

Verkündigung des Herrn

Jes 7,10-14; Ps 40,7-8.9-10.11; Hebr 10,4-10; Lk 1,26-38

Jes 7
10 Der HERR sprach weiter zu Ahas und sagte:
11 Erbitte dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, tief zur Unterwelt oder hoch nach oben hin!
12 Ahas antwortete: Ich werde um nichts bitten und den HERRN nicht versuchen.
13 Da sagte er: Hört doch, Haus Davids! Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet?
14 Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.

Heute ist das Hochfest „Verkündigung des Herrn“. Es ist neun Monate vor der Geburt Jesu Christi, denn heute empfängt Maria nach ihrem Jawort den Messias in ihrem Leib, der vom Hl. Geist gezeugt wird. Es ist ein großes Fest und wir danken heute Maria so sehr, dass sie zugestimmt hat. So konnte der Messias in die Welt kommen und uns alle erlösen! Danke, unsere Mutter Maria!
In der ersten Lesung hören wir von König Ahas und Jesaja, der dem ängstlichen und an Gottvertrauen mangelndem König eine große Verheißung macht.
Lesen wir diese Verheißung zunächst einmal historisch und betrachten auch den Kontext dieses Ausschnitts. König Ahas von Juda sieht sich von seinen Feinden bedroht, die gegen ihn Krieg führen wollen. Jesaja übermittelt ihm die Zusage Gottes, dass er sich nicht fürchten muss. Die geplante Bekämpfung Judas und Ersetzung des Königs durch den Sohn Tabeals wird nicht zustande kommen, so lässt Gott Aram sagen. In der sukzessiven Eroberung des Nordreichs und der wachsenden Bedrohung Judas wendet Gott die Gefahr ab, doch Ahas lässt es kalt. Er glaubt Gott nicht und ist immer noch ängstlich. Gott fordert ihn dann auf, um ein Zeichen zu bitten. Gott ist bereit, dem König von Juda seine Pläne zu offenbaren. Dieser lehnt das Angebot zunächst ab, was Gott dennoch nicht davon abhält, ihm durch Jesaja die Botschaft zu vermitteln. Und nun kommt dieser Vers, den wir absolut messianisch weiterdenken und auf Jesu Menschwerdung beziehen: Die Jungfrau wird ein Kind empfangen, in der neuen Einheitsübersetzung „hat empfangen“ und wird ihm den Namen Immanuel geben. Dieses Kind wird es verstehen, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. So heißt es im weiteren Verlauf, den wir heute nicht mehr hören. Historisch gesehen könnten die Juden im Nachhinein die Ankündigung König Hiskijas, den Sohn des Ahas, erkannt haben. Er war ein frommer König, der es wirklich verstand, das Richtige zu tun im Gegensatz zu seinem Vater. Und doch können wir bei dieser Leserichtung nicht stehen bleiben. Schon allein die Prophezeiung einer Jungfrau lässt weiterdenken: Hier steht im Hebräischen das Wort הָעַלְמָ֗ה  ha’alma „die Jungfrau“, was ein junges Mädchen im heiratsfähigen Alter meint. Natürlich ist eine alma biologisch gesehen dann auch eine Jungfrau! Dies wird im griechischen AT deshalb mit ἡ παρθένος übersetzt, was ganz eindeutig „Jungfrau“ heißt. Hier wird ein übernatürlicher Zeugungsvorgang angekündigt, von dem wir bei Hiskija noch nicht lesen. Hier handelt es sich um einen Typos, der in Jesus Christus einen Antitypos erhält! So wie durch die Geburt Hiskijas die davidische Dynastie am Leben erhalten wurde, wird durch Jesus, dem Sohn Davids, die Genealogie der neuen Schöpfung eingeleitet, der wir durch die Taufe angehören! Und das Zeichen der Menschwerdung Christi wird zum größten Zeichen Gottes aller Zeiten. Er wird wahrlich der Immanuel sein, Gott, der mit uns ist. Dies hat er bereits im Dornbusch durch den Namen Jahwe verheißen und nun mit dem Messias noch einmal bestätigt. Jesus wird auch am Ende seines Wirkens vor der Himmelfahrt noch einmal bekräftigen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ So ist Gott. Dies ist nicht nur eine heilsgeschichtliche Entwicklung für die ganze Menschheit, sondern auch für das alltägliche Leben jedes Einzelnen. Gott ist mit uns, auch da, wo wir von allen Seiten bedrängt werden wie Juda in der heutigen Lesung. Er gibt uns viele Zeichen, die wir im Rausch des Alltags manchmal gar nicht wahrnehmen. Je mehr wir aber aus seinem Geist heraus leben, erkennen wir Gottes Handschrift in allem, was uns widerfährt. Seien wir dankbar und vertrauen wir auf seine wunderbare Vorsehung. Seien wir nicht wie König Ahas und bleiben skeptisch, obwohl Gottes Verheißung so offensichtlich vor uns ist.

Ps 40
7 An Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen, doch Ohren hast du mir gegraben, Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert.
8 Da habe ich gesagt: Siehe, ich komme. In der Buchrolle steht es über mich geschrieben.
9 Deinen Willen zu tun, mein Gott, war mein Gefallen und deine Weisung ist in meinem Innern.
10 Gerechtigkeit habe ich in großer Versammlung verkündet, meine Lippen verschließe ich nicht; HERR, du weißt es.
11 Deine Gerechtigkeit habe ich nicht in meinem Herzen verborgen. Ich habe gesprochen von deinem Heil und deiner Treue, nicht verschwiegen deine Huld und deine Treue vor großer Versammlung.

Im heutigen Psalm drückt König David seine Dankbarkeit über die Gebetserhörung Gottes aus. Der HERR „neigte sich zu“ und „hörte das Schreien“. So eine Formulierung lesen wir auch bei dem unterdrückten Volk Israel in Ägypten. Gott selbst spricht zu Mose im Dornbusch: „Ich habe das Schreien meines Volkes gehört.“ (Ex 3,7).
Die Aussage „an Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen…“ ist darauf zu beziehen, was dann in Vers 9 geschrieben steht: „deinen Willen zu tun“, also den Willen Gottes zu befolgen, ist das Entscheidende, ohne dass die Opfertätigkeit überflüssig wird. Dies müssen wir als rhetorische Wendung verstehen. Uns geht dies vor allem auf, wenn wir an das heutige Hochfest und den Gehorsam Mariens denken. Sie ist eine fromme Jüdin und begeht die ganzen Wallfahrten und Opfer. Und doch ist nicht dies entscheidend für den Herrn, sondern ihr Ja, als der Erzengel Gabriel ihr die wunderbare Botschaft überbringt, als geweihte Jungfrau die Mutter des Messias zu werden.
Gott hat uns „Ohren gegraben“ (Vers 7), damit wir nämlich seinen Willen hören und ge-hor-sam sein können. Es geht vor allem um die Ohren unseres Glaubens. Jesus wird immer wieder sagen: „Wer Ohren hat, der höre“. Er meint damit weniger die organischen Ohren, sondern vielmehr die Fähigkeit, gehorsam zu sein. So steht es auch bei den sieben Sendschreiben in der Johannesoffenbarung. Wenn Jesus diese Wendung immer wieder aufgreift, werden die frommen Juden eine Anspielung auf diesen Psalm erkannt haben. Diese Ohren haben zum Hören hat Maria vollkommen gelebt. Sie hat auf den Willen Gottes gehört, nicht nur hingehört, sondern auch auf ihn gehört.
„Siehe ich komme“ und „in der Buchrolle steht es über mich geschrieben“ klingt ebenfalls wie die Johannesoffenbarung. Dort sagt der Menschensohn in Offb 22,17 „siehe ich komme bald“. Und die Buchrolle ist ein Leitmotiv gerade in der himmlischen Thronsaalvision der Kapitel 4-5. So kann es sich auf den Messias beziehen, besonders heute an diesem sehr adventlichen Fest. Denn von jetzt an erwarten wir auf besondere Weise den Messias und tatsächlich haben wir durch Jesaja ein Beispiel dafür erhalten, dass in der Schrift von Jesus geschrieben ist. Er ist es, von dem in der Buchrolle geschrieben ist, nämlich in der gesamten Torah wird er schon bezeugt. Deshalb kann er bei seiner „Antrittspredigt“ in Nazaret über die Jesajarolle sagen: „Das Schriftwort, das ihr gerade gehört habt, hat sich heute erfüllt.“ Und Jesus ist es auch, der „in großer Versammlung verkündet.“ Er lehrt in den Synagogen das Reich Gottes und wie der Vater ist. König David hat auch öffentlich gesprochen, auch er ist angekündigt worden als ersehnter König für das gesamte Volk Israel.
Aber nicht nur Christus wird bei Jesaja angekündigt, sondern auch die Jungfrau. Und so können wir diese Aussage auch auf die Muttergottes beziehen!
Auch wir sollen unseren Mund auftun und den HERRN vor allen bekennen. Auch wir sollen das Wort Gottes in unserem Herzen tragen („in meinem Innern“). Dann werden auch wir Gottes Willen stets erkennen und möchten ihn auch immer erfüllen. Dann haben wir „gegrabene Ohren“, sodass wir im Stand der Gnade bleiben können. Das Wort Gottes haben wir nicht nur in geschriebener Form im Herzen, sondern wir haben das Privileg, das fleischgewordene Wort zu empfangen. Wenn wir die Kommunion empfangen, kommt Jesus in unser Herz. Er bleibt dort, wenn wir es ihm erlauben, wenn wir Gottes Willen tun und nicht den Bösen in unser Herz lassen. Die Kirche hat das Wort Gottes in ihrem Innern, nämlich die Eucharistie. Sie ist ihr Herzschlag, die sie am Leben erhält. Jesus ist das größte und endgültige Opfer, sodass wir jetzt keine Brand- und Schlachtopfer mehr bringen müssen wie das Alte Israel. Jesu Opfer wird in jeder Messe vergegenwärtigt, er stirbt nicht immer wieder, sondern sein einmaliger Tod wird in die jeweilige Gegenwart geholt. Von diesem Heilsereignis her sollen wir ein entsprechendes Leben führen und Gottes Willen erfüllen. Wir sollen von seiner Gerechtigkeit auch vor anderen bezeugen. Was David hier betet, sind die drei kirchlichen Grundvollzüge: Wir feiern Gottes Herrlichkeit, was Leiturgia genannt wird („ein neues Lied“, „einen Lobgesang“). Dies hat Jesus schon getan, wenn er gebetet hat, wenn er vor allem die Eucharistie eingesetzt hat am Abend vor seinem Tod und in seiner Kreuzigung. Wir setzen Gottes Willen um in der tätigen Liebe, was Diakonia heißt („deinen Willen zu tun war mein Gefallen“). Jesus hat immer wieder Menschen seelisch, psychisch und körperlich geheilt. Er hat sie in die Gemeinschaft zurückgeführt und dabei den heiligen Sabbat übergangen. So sehr hatte er Mitleid mit den Menschen. Schließlich verkünden wir als Kirche die Weisung Gottes, was Martyria genannt wird („in großer Versammlung verkündet“). Diese große Versammlung ist in erster Linie die Eucharistiefeier, zu der die Gläubigen sich am Sonntag versammeln. Deshalb gibt es gerade dann eine Predigt. Genau dies hat Jesus in den Synagogen getan und überall, wo er das Reich Gottes verkündet hat. Die Kirche tut, was Jesus getan hat, was er von Davids Psalm erfüllt hat. Die Kirche folgt Jesus in den drei Grundvollzügen nach! Und jetzt kommt der springende Punkt: All das hat Maria schon getan! Sie ist deshalb der Archetyp, das heißt das Urbild der Kirche: Sie hat die Leiturgia gelebt durch ihr intensives Gebetsleben, das bis in ihr Herz hineingeht (denn sie bewahrt alles im Herzen und denkt darüber nach). Sie betet das Magnificat, das eine Kompilation verschiedenster Schritstellen des Alten Testaments ist. Maria vollzieht die tätige Liebe, die Diakonia, weil sie sich um ihre schwangere Verwandte Elisabet kümmert. Sie verkündet auch das Wort Gottes, am Anfang sogar ganz ohne Worte, sondern einfach durch ihr Tragen des fleischgewordenen Wortes in die Welt hinaus! Sie verkündet als lebendiger Tabernakel, was man in Worte gar nicht fassen kann. Und ein ungeborenes Kind, nämlich der kleine Johannes der Täufer, empfängt als erstes diese Botschaft. Er reagiert mit Freude über diese Verkündigung und hüpft im Leib seiner Mutter Elisabet. Maria ist wahrlich das Urbild der Kirche und uns ein großes Vorbild! Insgesamt können wir wirklich sagen: Davids Psalm zeugt mal wieder durch und durch vom Hl. Geist. Danken wir Gott für dieses Gebet!

Hebr 10
4 denn das Blut von Stieren und Böcken kann unmöglich Sünden wegnehmen.
5 Darum spricht er bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir bereitet;
6 an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen.
7 Da sagte ich: Siehe, ich komme – so steht es über mich in der Schriftrolle – , um deinen Willen, Gott, zu tun.
8 Zunächst sagt er: Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer forderst du nicht, du hast daran kein Gefallen, obgleich sie doch nach dem Gesetz dargebracht werden;
9 dann aber hat er gesagt: Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun. Er hebt das Erste auf, um das Zweite in Kraft zu setzen.
10 Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi geheiligt – ein für alle Mal.

In der zweiten Lesung hören wir erneut davon, dass nicht das Blut von Opfertieren die Sühnung unserer Sünden erwirkt hat. Für die Juden war es das Maximum an Sühne, die sie erlangen konnten. Das war auch eine lange Zeit die einzige Möglichkeit. Doch dann hat Gott in die Menschheitsgeschichte eingegriffen, indem er seinen einzigen Sohn hingegeben hat. Der Hebräerbrief greift die Worte des Psalms auf, über die wir bereits intensiv nachgedacht haben: „Siehe, ich komme – so steht es über mich in der Schriftrolle – , um deinen Willen, Gott, zu tun.“
Das ist das Entscheidende: den Willen Gottes zu tun.
In diesem Brief wird reflektiert, dass das erste (nämlich die ganze Opfertätigkeit Israels) aufgehoben wird für das zweite (nämlich das Kommen des Messias). Der Messias ist gehorsam gewesen und hat bis zum Schluss den Willen des Vaters umgesetzt. Weil er gehorsam war bis zum Tod am Kreuz, „sind wir (…) geheiligt – ein für alle Mal.“ DAS hat unsere Sühne erwirkt, nicht die Opfer Israels. Dies wird im Hebräerbrief deshalb so reflektiert, weil es auch nach dem Erlösungswirken Jesu Christi, nach der Gründung der Kirche und während des missionarischen Wirkens der ersten Christen Bestrebungen gab, die Opfertätigkeit, die Torah, alles Jüdische weiterzuführen wie bisher. Die ersten Christen sind ja auch noch in den Tempel zum Beten gegangen, haben den Sabbat gehalten und zugleich am ersten Tag der Woche „das Brot gebrochen“. Was der Hebräerbrief aber ausdrücken möchte, ist: Wir können nicht mehr so tun, als ob wir heilsgeschichtlich dort stehen, wo die Juden vor dem Kommen des Messias standen. Das bedeutet die Leugnung des Erlösungswirkens Jesu Christi. Wir Christen sind nun Erlöste und Nachösterliche. Wir können nicht mehr so tun, als ob Brand- und Schlachtopfer heilsnotwendig sind und unsere Sünden hinwegnehmen können. Dann würden wir Gott nicht zutrauen, dass er dies durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi bereits ein für alle Mal erwirkt habe.
All das konnte erst durch Marias Jawort in die Tat umgesetzt werden. Sie war zuerst gehorsam, damit ihr Sohn gehorsam sein konnte bis zum Tod am Kreuz. Herr, wir danken dir für unsere himmlische Mutter!

Lk 1
26 Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret
27 zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria.
28 Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
29 Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.
30 Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.
31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben.
32 Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.
33 Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben. 34 Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
35 Der Engel antwortete ihr: Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.
36 Siehe, auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar gilt, ist sie schon im sechsten Monat.
37 Denn für Gott ist nichts unmöglich.
38 Da sagte Maria: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

Im Evangelium hören wir nun von diesem wunderbaren Ereignis, von dieser Weichenstellung der Heilsgeschichte:
Der Engel des Herrn, der Bote Gabriel, kommt zu einer geweihten Jungfrau nach Nazaret. Ihre Eltern haben ihre Tochter aus Dank für die Gebetserhörung Gottes nach langer Kinderlosigkeit dem Tempel geweiht. Sie ist dort aufgewachsen, erhielt eine intensive Ausbildung in der Hl. Schrift und arbeitete an dem Tempelvorhang bis zu ihrem zwölften Lebensjahr. Aus kultischen Gründen musste sie dann ihre Aufgaben von außerhalb weiterführen. Dazu bedurfte es einen Vormund und so wurde das Mädchen einem Mann aus derselben Sippe, einem Sohn Davids namens Josef versprochen. Er wird gemäß Num 30 ihrer Jungfrauenweihe zugestimmt haben, sodass sie eine enthaltsame Ehe führen würden. Womöglich war er selbst ein geweihter Mann.
Der Engel des Herrn kommt zu einer Jungfrau nach Nazaret. Für den schriftkundigen Hörer erklingt schon mit dem ersten Satz ein Signal: Von Jesaja haben hören wir von einem nezer, einer Wurzel, die nun im Namen des Ortes Nazaret wieder auftaucht. Eine Jungfrau – wir dürfen dieses Wort wörtlich nehmen. Das griechische Wort παρθένος, ist mit „Jungfrau“, also auch dem biologischen Zustand der Unberührtheit, zu übersetzen. Es ist schon in der Verheißung aus Jesaja zu lesen („die Jungfrau hat ein Kind empfangen“). Das griechische AT, die Septuaginta verwendet an dieser Stelle bei Jesaja dasselbe Wort παρθένος. Im Hebräischen steht הָעַלְמָ֗ה ha-almah „die Jungfrau“. Interessant auch, dass eine bestimmte Jungfrau gemeint ist. Das zeigt der bestimmte Artikel. Das Wort wird von heutigen Exegeten gerne bagatellisiert und in der Einheitsübersetzung steht bei Jes 7 deshalb auch eine Fußnote, in der behauptet wird, man müsse das hebräische Wort mit „junge Frau“ übersetzen. Ich kritisiere die Fußnote, weil sie irreführend ist. Sie wird nämlich gerne zum Anlass genommen, die biologische Jungfräulichkeit abzulehnen. Eine junges Mädchen im heiratsfähigen Alter (was mit almah gemeint ist), schließt den jungfräulichen Zustand selbstverständlich ein. Alles Andere wäre undenkbar (für heutige Zustände ja leider nicht mehr…).
Dass Maria verlobt ist, wird nicht gesagt, um ihren Zustand der Jungfräulichkeit zu erklären, sondern die Wunderhaftigkeit der Empfängnis. Deshalb war ihre Schwangerschaft so drastisch für die Gesellschaft, nicht in erster Linie, dass es ein uneheliches Kind war (das auch). Es ging darum, dass sie als geweihte Jungfrau überhaupt ein Kind erwartete.
Es ist auch kein Füllsatz, wenn es heißt „der Name der Jungfrau war Maria“. Zwar ist die Herleitung des Namens nicht ganz eindeutig, aber zwei Möglichkeiten sind „die Wohlgenährte“ und „die Geliebte“. Gerade die erste Übersetzungsmöglichkeit stellt einen Bezug zur Mutter der Lebenden her, wie Eva, die erste Frau bezeichnet worden ist. Damit wird schon durch den Namen Mariens ein typologischer Bezug hergestellt.
Der Engel spricht Maria an mit den Worten χαῖρε, κεχαριτωμένη chaire, kecharitomene „freue dich, du Begnadete/die, der Gnade erwiesen worden ist“. Auch Christen haben die Begrüßung χαῖρε von Anfang an verwendet, so auch Paulus in den Briefanfängen. Die Bezeichnung κεχαριτωμένη ist, was uns theoretisch allen geschenkt ist, die volle Ausstattung mit der Gnade Gottes, also die Berufung aller Getauften. Dass der Engel sie jetzt so anspricht (das ist neu), macht für uns deutlich, dass sie nicht nur theoretisch, sondern im vollen, gleichsam paradiesischen Sinne, Begnadete ist. Die Kirche liest diese Anrede als Hinweis auf ihre Bewahrung vor der Erbsünde. Dass es sich um eine unübliche Aussage handelt, sehen wir an Marias Reaktion – sie erschrickt nicht vor dem Engel selbst, sondern vor der Anrede. Man kennt es von anderen Engelserscheinungen, dass die jeweiligen Personen auf ihr Gesicht fallen und eine heftige Reaktion zeigen. Maria dagegen fällt nicht auf ihr Gesicht, sondern fragt sich, was die Anrede zu bedeuten habe. Und dass sie keine Angst vor dem Engel hat, der ja voll der Herrlichkeit Gottes leuchtet, zeigt einen weiteren Hinweis auf ihre paradiesische, sündlose Natur. Wir wissen von Gen 3, dass Angst ein nachsündlicher Zustand ist, der mit dem Sündenfall in den Menschen gekommen ist. In diesem Kontext ist die Aussage „fürchte dich nicht, Maria“ auf die Anrede zu beziehen. Das ist ja eine Aufforderung, die Engel den Menschen für gewöhnlich machen. Hier erhält sie eine neue Dimension.
Der Engel sagt ihr dann: „Der Herr (ist) mit dir.“ Im Griechischen handelt es sich um einen Nominalsatz, bei dem das Verb fehlt und deshalb steht das „ist“ in Klammern. Es ist sinngemäß hinzuzufügen und lässt eine Überzeitlichkeit zu: Es könnte sowohl eine Vergangenheitsform sowie eine Präsens- oder Zukunftsform eingesetzt werden. Gott war schon mit ihr, da er seinen Heilsplan für sie schon von Anbeginn der Zeit bereitet hat und ist jetzt mit ihr – auf so eine intensive Weise, dass er in ihr Fleisch annimmt. Er wird auch mit ihr sein, wenn Jesus dann von ihr geht und vorausgeht zum himmlischen Vater und Gott wird auch mit ihr sein am Ende der Zeiten, wenn sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wird. Auch mit uns ist der Herr, in unserem Herzen, in der Eucharistie, sogar physisch beim Kommunionempfang! Und auch wir werden am Ende der Zeiten ganz bei Gott sein. Wir glauben an eine leibliche Auferstehung, die der neuen Schöpfung verheißen wird und deren erste Exemplare Jesus und Maria sind.
Der Engel erklärt ihr, welchen Plan Gott mit ihr hat. Bemerkenswert ist wiederum ihre Reaktion. Sie stellt diese wunderbare Verheißung nicht infrage und zweifelt nicht daran. Im Gegenteil, sie versucht, es zu verstehen (Anselm von Canterbury hätte sich gefreut!) und fragt nach dem Wie. Bei ihrer Nachfrage wird das deutlich, was ich vorhin angeschnitten habe: Maria ist eine geweihte Jungfrau. Deshalb heißt es auch: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann ERKENNE“. Es steht eindeutig ein dauerhaftes Verb in der Gegenwart (οὐ γινώσκω u ginosko „nicht erkenne“). Da steht nicht „noch nicht“. Die außerbiblischen Schriften bezeugen, dass Marias Familie den Essenern nahestand, die den Messias am stärksten erwartet haben und bei denen die Enthaltsamkeit einen hohen Stellenwert hatte. Die Essener lebten eine mönchische Askese und standen der hasmonäischen Tempellobby kritisch gegenüber. Sie hielten fest an dem mosaisch eingesetzten Priestertum. Auch Johannes der Täufer sowie seine Familie, die ja mit Maria verwandt war, stand den Essenern nahe. Selbst wenn wir außerbiblische Quellen nicht berücksichtigen, wird es uns über den Bibeltext verständlich: Warum sollte Maria nach dem Wie fragen, wenn sie in absehbarer Zeit heiraten würde und eine baldige Schwangerschaft erwarten konnte? Das würde ja nichts Wundersames bedeuten, sondern den natürlichen Lauf der Dinge.
Die Erklärung des Engels ist voll von alttestamentlichen Anspielungen. Maria hat als fromme und schriftkundige Jüdin (ich erinnere nochmal an das Magnificat) diese erkannt und verstanden, dass es um den Messias geht.
Dadurch dass der Engel auf Elisabet verweist, wird Maria die übernatürliche Weise des Handelns Gottes verdeutlicht. Dieser kann über die von ihm selbst geschaffenen Naturgesetze hinweggehen und Wunder vollbringen. Für ihn ist alles möglich. Als wiederum fromme Jüdin kennt sie diese Art von Wunder bei heilsgeschichtlich bedeutenden Personen (so wie bei Isaak, Simson oder Samuel). Deshalb gibt sie voller Glauben ihr Ja. Und mit dieser schlichten Zusage „mir geschehe, wie du es gesagt hast“ wird der Vernichtungsplan des Teufels zunichte gemacht. Was der Böse mit dem ersten Menschenpaar erreicht hatte, ist mit einem einzigen Satz zerfallen. Der Ungehorsam und das Nein der ersten Frau, die auf die Schlange gehört hat, ist mit dem Ja dieser neuen Eva wieder gutgemacht worden. Während die erste Frau von der verbotenen Frucht aß und dadurch das ewige Leben verloren hat, empfing die zweite Frau die ewige Frucht, Jesus, der das ewige Leben wiederherstellen sollte.
Es ist so wunderbar, dass dieses große Hochfest, das Marias Ja und die Weichenstellung unserer Erlösung zum Thema hat, ausgerechnet in die Fastenzeit fällt. Gottes Timing ist nie willkürlich und auch die Kirche, die vom Hl. Geist geleitet wird, hat nicht zufällig die liturgischen Feste so gelegt. Jesus wird geboren, um zu sterben. Weihnachten und Ostern liegen so nah beieinander, dass Johann Sebastian Bach in seinem Weihnachtsoratorium die Melodie von „O Haupt voll Blut und Wunden“ eingebaut hat. Ich könnte Ihnen jetzt nochmal einen langen Vortrag über die Verbindungen zwischen Weihnachten und Ostern, zwischen Krippe und Grab, zwischen Windeln und Grabtuch halten. Das wird zu einer anderen Zeit erfolgen.
Wir dürfen diese heilsgeschichtlichen Knotenpunkte miteinander verbinden und so noch einmal bewusster dem Herrn danken für alles, was er uns geschenkt hat. Danken können wir heute auch besonders unserer lieben Mutter Maria, dass sie Ja gesagt hat, die wie eine Braut am Traualtar ihr Jawort gegeben hat – in guten wie in schlechten Zeiten – und gewiss waren ihre schlechten Zeiten die schmerzhaftesten, die eine Mutter unter dem Kreuz ihres Sohnes erleiden musste!

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Hochfest und lade Sie heute besonders dazu ein, den Engel des Herrn ganz aufmerksam zu beten – und lassen wir dabei den Teufel erzittern, der so große Angst vor der Frau hat, vor ihr, die seinen ganzen Plan zerstört hat!

Ihre Magstrauss

Apostel Matthias (Fest)

Apg 1,15-17.20ac-26; Ps 113,1-2.3-4.5au. 6-7; Joh 15,9-17

Heute feiern wir ein Fest wie jedesmal, wenn der Gedenktag eines Apostels ist. Heute feiern wir dabei einen Nachzügler, den Plan B Gottes, als einer der zwölf Apostel sich gegen Gott entschieden hat. Es ist Matthias, auf den das Los fiel. Wie es dazu kam, lesen wir heute in der ersten Lesung:

Apg 1
15 In diesen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder – etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen – und sagte: 

16 Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im Voraus über Judas gesprochen hat. Judas wurde zum Anführer derer, die Jesus gefangen nahmen. 
17 Er wurde zu uns gezählt und hatte Anteil am gleichen Dienst. 
20 Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Amt soll ein anderer erhalten!
21 Es ist also nötig, dass einer von den Männern, die mit uns die ganze Zeit zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, 
22 angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und in den Himmel aufgenommen wurde – einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. 
23 Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. 
24 Dann beteten sie: Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, 
25 diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen! Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. 
26 Sie warfen das Los über sie; das Los fiel auf Matthias und er wurde den elf Aposteln zugezählt.

Petrus spricht vor dem ganzen „Kreis der Brüder“, es ist die Versammlung der Jünger, also nicht nur der Zwölferkreis. Wir lesen in den Versen vor unserem Ausschnitt auch davon, dass Maria, die Mutter Jesu, und die anderen Frauen anwesend sind. Petrus ist der Apostel, den Jesus auf besondere Weise berufen hat – wir hörten davon am Samstag. Und deshalb ist er es, der die ganze Prozedur nun in die Hand nimmt:
Er beginnt seine Worte mit dem Hinweis auf ein erfülltes Schriftwort, man muss genauer sagen, zweier Psalmworte: Ps 69,26 „Ihr Lagerplatz soll veröden, in ihren Zelten soll niemand mehr wohnen“ (Dieses Schriftwort wird in der heutigen Lesung jedoch ausgelassen). Zudem erfüllt sich Ps 109,8 „Nur gering noch sei die Zahl seiner Tage, sein Amt erhalte ein anderer.“ Das ist ganz typisch und ein Spiegel des Verständnisses auch der neutestamentlichen Autoren. Sie haben ebenso das ganze Leben Jesu und ihre kirchliche Situation von den Verheißungen der Hl. Schrift (damals war es noch das AT!) her betrachtet. Sie haben immer wieder Erfüllungen dieser Verheißungen erkannt. Petrus tut es deshalb an der Stelle mit den beiden Psalmworten. Es ist auch typisch und absolut im Sinne Jesu, unterschiedliche Schriftstellen des AT miteinander zu kombinieren. So tat es Jesus bei dem Doppelgebot der Liebe (er verband Levitikus und Deuteronomium) und so ist es auch bei den Lobgesängen wie dem Magnificat Mariens (eine Zusammenstellung verschiedenster Schriftstellen, v.a. aus den Psalmen).
Der Zwölferkreis ist der innerste Kreis um Jesus. Er bestand aus Männern, die ununterbrochen und von Anfang an mit Jesus zusammen waren. Da durch den Verrat und Selbstmord des Judas Iskariot nun ein Platz frei geworden ist, aber belegt sein soll, erklärt Petrus die Bedingungen für den Nachfolger: Die Person muss aus dem Jüngerkreis Jesu kommen und von Anfang an mit dabei, immer bei Jesus gewesen sein. Das hat auch einen ganz bestimmten Grund: Die Aposteln sind in erster Linie Augenzeugen. Sie werden nach dem Pfingstereignis in die ganze Welt hinausziehen, um alle Worte und Taten Jesu mit ihrem eigenen Augen- und Ohrenzeugnis zu verbreiten. Dabei muss der Nachfolger alles bezeugt haben, auch die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu. Gerade das Osterereignis ist ja entscheidend für den christlichen Glauben und somit absolut existenziell für die Evangelisierung.
Dass auch der dreizehnte Apostel ein Mann sein soll, ist selbstverständlich und kein Ausdruck von Diskriminierung. Die Aposteln sind nämlich nicht nur Augenzeugen, sondern die umfassenden Nachfolger Christi, die so wie er mit ihrem Leben und ihrer ganzen Natur die Bräutigamhaftigkeit Christi nachahmen sollen, um so den Partner der Braut abzubilden.
Wir erfahren nichts davon, warum ausgerechnet Josef Barsabbas und Matthias in die engere Auswahl kommen. Was wir aber sagen können: Gottes Finger sind im Spiel. Er wird diese Versammlung schon wie ein erstes Konklave mit seinem Geist erfüllt haben, sodass die Anwesenden von seinem Geist geleitet eine Entscheidung getroffen haben.
Dass sie sich für diesen Geist auch schon geöffnet haben, sehen wir an ihrem Gebet: „Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen!“ Die Versammlung überlässt die Entscheidung also Gott. So sollte es sein. Es ist seine Kirche, seine Braut. Er soll sie gestalten und nach seinem Willen formen. Das gilt auch bis heute. Wer welche Aufgabe in der Kirche erfüllt, sollte Gott entscheiden, der den Menschen seinen Willen durch den Hl. Geist kundtut. Für diesen muss die Kirche sich aber öffnen, sonst hat er keinen Raum. Auch hier gilt wie für die Seele des Menschen der freie Wille und die Entscheidung für Gott. Der Geist Gottes erfüllt den Menschen, wo dieser ihn einlädt. Umgekehrt sehen wir aber auch, dass Gottes Geist nicht automatisch dort hinkommt, wo wir ihn einladen: Der Stiftungswille Christi ist entscheidend. Wenn wir jetzt z.B. den Geist Gottes bei einer Frauenweihe herabrufen würden (also unseren freien Willen damit kundtun), dann kommt er nicht. Frauenweihen sind nicht Christi Stiftungswille für seine Braut, die Kirche.
Sie werfen das Los, denn bei dieser Methode kann man als Mensch nichts beeinflussen. So soll Gott das Los dem zuteilen, der für ihn als der geeignete Kandidat angesehen wird. Matthias wird auserwählt und so zum Nachfolger des Judas.
Wenn die Aposteln vor der Wahl beten und in einem Nebensatz das weitere Geschick des Judas erwähnen, müssen wir das richtig verstehen: „Er ist jetzt an dem Ort, der ihm bestimmt war.“ Diese Übersetzung ist ganz irreführend, denn kein Mensch ist für einen Ort schon bestimmt im Sinne einer Prädestination. Diese widerspricht dem freien Willen des Menschen. Protestanten vertreten eine Prädestination, sogar im doppelten Sinne (so die Calvinisten). Der Mensch kann also nicht nur für den Himmel vorherbestimmt sein, sondern sogar für die Hölle bzw. von Anfang an von Gott verworfen sein!
Das soll hier aber nicht ausgesagt werden und geht sprachlich aus dem Text auch nicht hervor: Es meint, dass Judas „an den eigenen Ort“ gegangen ist (εἰς τὸν τόπον τὸν ἴδιον eis ton topon ton idion). Es wird an dieser Stelle in der Apostelgeschichte also offen gelassen. Er ist an den Ort gekommen, zu dem er gehört.
Gottes Vorsehung ist es, die einen Nachfolger für Judas Iskariot ausgewählt hat. Und dieser Mensch hat in seinem Leben so viel Gutes bewirkt. Auch unser eigenes Leben wird maximal fruchtbar da, wo wir nicht selbst alles mit unserem engstirnigen, begrenzten Blick entscheiden. Wenn wir auf Gottes Vorsehung vertrauen und nach dieser in unserem Alltag Ausschau halten, werden wir immer wieder geleitet und bei Fehltritten eines Besseren belehrt. Mit Gottes Geist im Teamwork werden wir ein glückliches und erfülltes Leben haben. Und am Sonntag wurden wir ja daran erinnert, dass unsere Seelen die Tempel des Hl. Geistes sind. Es ist also kein weiter Weg, den wir zum Geist Gottes zurücklegen. Wir müssen nur in uns gehen und auf ihn hören. Er wird uns alles eingeben, was wir zu den richtigen Entscheidungen brauchen.

Ps 113
1 Halleluja! Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN! 

2 Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit. 
3 Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang sei gelobt der Name des HERRN. 
4 Erhaben ist der HERR über alle Völker, über den Himmeln ist seine Herrlichkeit. 
5 Wer ist wie der HERR, unser Gott, der wohnt in der Höhe, 
6 der hinabschaut in die Tiefe, auf Himmel und Erde? 
7 Den Geringen richtet er auf aus dem Staub, aus dem Schmutz erhebt er den Armen,

Wir beten heute wieder aus dem Psalm 113, einem Lobpreispsalm. Er ist eine wunderbare Antwort auf das Ereignis der Lesung. Wir können uns wunderbar vorstellen, wie die versammelten Jünger zusammen Gott mit diesem Psalm lobpreisen, nachdem sie Matthias zum Nachfolger eingesetzt haben.
„Halleluja“ ist dabei die kürzeste Aufforderung zum Lobpreis („Preist Jahwe“). Und direkt im Anschluss erfolgt eine weitere Lobpreisaufforderung („Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN!“). Denken wir an die Lesung, können wir uns richtig gut vorstellen, dass mit „Knechte des HERRN“ die versammelte Jüngerschar gemeint ist. Es klingt sehr liturgisch und passt in den Kontext des heutigen Festes. Das heißt auch wir haben Grund zum Lobpreis und werden als „Knechte des HERRN“ aufgefordert als Dank für die wunderbare Vorsehung Gottes. Hätte Gott uns nicht den Apostel Matthias geschenkt, wären wir um einen gnadenhaften Ort weniger beschenkt – Trier. Wie viele Pilgerströme sind schon damals im Mittelalter zu seinem Grab nach Trier geströmt, auch heute reißen die Ströme nicht ab. Mit ihm haben wir einen großen Heiligen und Fürsprecher in vielen Lebenslagen.
„Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit“ ist eine Wendung, die die Kirche übernommen hat, nämlich als Teil des sogenannten apostolischen Segens (der Herr sei mit euch…der Name des Herrn sei gepriesen….unsere Hilfe ist im Namen des Herrn….). Diesen dürfen die Nachfolger der Apostel beten und auf besondere Weise der Papst als Nachfolger Petri. Mit diesem apostolischen Segen sind unter anderem Ablässe verbunden. Es ist ein schönes Zeichen, dass wir ausgerechnet heute, wo der Zwölferkreis der Apostel sich wieder schließt, diesen Vers beten.
„Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang“ bezieht sich einerseits auf die Zeit: Vom Morgen bis zum Abend, also den ganzen Tag, soll der Lobpreis Gottes erfolgen. Vor Tagen reflektierten wir die Haltung im gesamten Leben, alles als Gebet/Lobpreis zu sehen, damit man die guten Taten Gottes nie vergisst. Dies wird auch durch diese Wendung herausgestellt. Sie kann aber auch geographisch verstanden werden, denn mit Aufgang und Untergang werden die Himmelsrichtungen des Ostens und Westens umschrieben. So soll also der ganze Erdkreis Gott loben und preisen. Dadurch, dass man „sei gelobt“ als Partizip übersetzen kann, ist es zeitlos. Gottes Name soll dauerhaft gepriesen werden und zu allen Zeiten. Das sehen wir konkret jetzt an unserer Situation. Es wurde zu Davids Zeiten schon gebetet, es wurde von den Aposteln und Jüngern Jesu gebetet, von Jesus selbst! Und nun ist es Teil unserer heutigen Liturgie 2000 Jahre später! Und auch die zukünftigen Generationen werden den Namen Gottes loben und preisen. Es ist, als ob die grammatikalische Zeitlosigkeit des Verbs und des Verses so zur Andeutung der Ewigkeit wird. Denn dann wird es einen ewigen und umfassenden Lobpreis ohne Ende geben.
Gott ist erhaben über alle Völker, dies sehen wir an Jesus, der der König der Könige ist. Gott ist stärker als alle weltlichen Herrscher zusammen. Er muss nur einmal „schnipsen“ und die Herrschaft aller fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Gott ist auch höher als wir, die wir die Herrscher über unser eigenes Leben sind. Er ist der eigentliche Herr über unser Leben und weiß, was wir brauchen. Er bestimmt den Anfang und das Ende. Er beschenkt uns und begnadet uns. Er sieht das ganze Leben im Überblick, was wir nicht können. Und er sieht unsere Potenziale, die wir nicht einmal erahnen.
„Über den Himmeln ist seine Herrlichkeit“ bezieht sich auf die Himmel, die wir sehen können. Gottes Reich ist noch „über den Himmeln“ und somit ganz anders. Er ist der Transzendente. Gott ist Geist. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist nicht greifbar.
Er steht über der gesamten Schöpfung, zu der Himmel und Erde zugleich gehören (Gen 1,1). Deshalb schaut er sogar auf den Himmel herab, der für uns so hoch oben ist. Gott ist so unvergleichlich, dass hier im Psalm die rhetorische Frage gestellt wird „wer ist wie der Herr?“ Keiner ist wie er. Er ist als Schöpfer ganz anders als alles, was wir in dieser Welt erfahren. Und doch erahnen wir ihn, wenn wir den Menschen ansehen – in seinen guten Eigenschaften. Denn schon die Genesis mit ihrem ersten Schöpfungsbericht bezeugt uns den Menschen als Abbild Gottes.
Und doch ist er kein weit entfernter Gott, der sich nicht um seine Schöpfung kümmert. Das ist das Missverständnis eines deistischen Gottesbildes, das die Aufklärer vertreten haben und bis heute freimaurerisches Gedankengut ist. Gott, der am höchsten von allen steht, schaut auf die, die am tiefsten Boden liegen. Er richtet sie auf und erhebt sie aus dem Staub. So groß ist Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Seine Allmacht schließt nicht das Interesse für den Kleinsten der Kleinen aus. Im Gegenteil. Gottes Option ist immer eine Option für die Armen jeglicher Form – arm im Geiste, finanziell arm, sozial arm.

Joh 15
9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! 

10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 
11 Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. 
12 Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. 
13 Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. 
14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. 
15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. 
16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 
17 Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt. 

Den heutigen Abschnitt aus dem Johannesevangelium entnehmen wir der langen Abschiedsrede Jesu. Diese ist insofern heute passend, als Jesus seinen Jüngern wichtige Gedanken als Testament mitgibt.
„Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.“ Es geht immer um das zuerst Geliebtsein. Jesus ist zuerst vom Vater geliebt und liebt aus dieser Liebe heraus seine Apostel. Diese sollen aus dem zuerst Geliebtsein durch Christus wiederum lieben, einander und die Menschen, zu denen sie dann später gesandt werden. Jesus hat ihnen gezeigt, wie Liebe funktioniert – wie das maßlose Maß an Hingabe konkret aussieht. Jesus weiß, dass er bald von ihnen gehen muss. Deshalb ruft er sie dazu auf, in seiner Liebe zu bleiben.
Dann erklärt er, was das konkret heißt: Es geht darum, den Willen Gottes zu tun. So wie Jesus den Aposteln seinen Gehorsam gegenüber den Vater vorgelebt hat, so sollen die Aposteln im Gehorsam gegenüber Jesus Christus leben. Die Gebote Gottes zu halten ist dabei der Ausdruck ihrer Liebe. Und wenn man die Gebote Gottes hält, bleibt man in seiner Liebe. Wir denken an die moralische Bedeutung dieser Worte: In Gottes Liebe bleiben ist dann das Bleiben im Stand der Gnade.
Das Bleiben in Gottes Liebe/im Stand der Gnade ist es, was den Menschen mit Freude erfüllt. Freude wiederum ist eine Frucht des Hl. Geistes. Wer also in seinem Leben froh sein möchte, muss alles tun, um in der Liebe Gottes zu bleiben. Sie ist wie Licht und Wasser für die Pflanze. Ohne beides geht sie ein.
Jesus gebietet seinen Jüngern, einander zu lieben. So bleiben sie in Gottes Liebe. Das Doppelgebot der Liebe ist der rote Faden aller Gebote Gottes, die sie zu halten haben.
Jesus erklärt auch genauer, wie die gegenseitige Liebe konkret aussieht: Es geht um die gegenseitige Hingabe bis hin zum eigenen Leben. Wir sollen füreinander sterben, so wie die Jünger damals. Wenn wir den anderen retten können durch unseren eigenen Tod, sterben wir füreinander, aber auch wenn wir immer mehr ein Stück selbst absterben, das heißt unser Ego, unsere Lebenszeit, unsere Kraft und unser eigener Wille. Wenn wir all diese Güter für den anderen hingeben, dann ist das unser Ausdruck von Liebe. Es geht um das Verschenken des eigenen Lebens.
Auch dies hat Jesus absolut vorgelebt, indem er für uns alle Menschen, die er zu seinen Freunden machen möchte, am Kreuz gestorben ist. Er hat unser aller Leben gerettet, denn durch seine Erlösung haben wir wieder eine Chance auf den Himmel.
Freunde Gottes werden wir dadurch, dass wir Gottes Gebote halten. Mit der Taufe sind wir zu seiner Familie geworden, aber dies zieht auch ein Leben nach den Geboten Gottes nach sich.
Freunde haben es an sich, dass sie keine Geheimnisse voreinander haben. Jesus hat seine Jünger nicht im Dunkeln gelassen, sondern alles offenbart, auch wenn sie noch nicht alles verstanden haben. Für den Rest kündigte Jesus ihnen den Hl. Geist an, der sie in alle Wahrheit einführen würde – nichts Neues, sondern das bessere Verständnis seiner vollständigen Offenbarung.
Wir sind Erwählte durch die Taufe. Erwählt heißt aber nicht vorherbestimmt im Sinne einer Prädestination, die man von der Lesung her missverstehen könnte (die Übersetzung ist einfach ungünstig). Wir sind zur Liebe berufen, weil wir zuerst geliebt sind. Dies drückt Jesus nun mit dem Begriff der Erwählung aus. Das sagt er auch uns heute: Nicht wir haben uns für ihn entschieden (doch, aber nicht zuerst). Er hat sich zuerst für uns entschieden und alles, was wir tun und lassen, ist eine Reaktion darauf.
Gott hat uns dazu berufen, fruchtbar zu sein. So wie er bei der ersten Schöpfung einen Bund mit Adam und Eva geschlossen und sie zur Fruchtbarkeit berufen hat, so werden auch wir, die wir Teil der neuen Schöpfung sind und mit Gott den neuen Bund schließen, zur Fruchtbarkeit berufen. Diese ist nun nicht mehr nur biologisch zu verstehen, sondern vom neuen Bund her geistig. Die Aposteln haben sich biologisch freiwillig zur Unfruchtbarkeit entschieden, als sie Jesus nachgefolgt sind. Sie haben ihre Familien zurückgelassen und keine Kinder mehr gezeugt, weil sie ihre Fruchtbarkeit auf die geistige Ebene verlagert haben. Dies meint Jesus hier. Die Fruchtbarkeit ist mit der Mission zu verbinden, die die Aposteln weltweit vorgenommen haben. Auch der Apostel Matthias hat missionarisch gewirkt und viele Kinder für Gott „gezeugt“, Kinder des neuen Bundes, der neuen geistigen Schöpfung!
Fruchtbar sein ist auch auf die moralische Ebene zu beziehen: Wir sollen fruchtbar sein durch das Halten der Gebote. So können wir verbunden mit Gott wie die Rebe am Weinstock alles vollbringen. Wenn wir die Gebote halten, dann sind wir im Stand der Gnade und können in diesem Zustand alles von Gott erbitten. Wenn es sein Wille ist, wird er unsere Bitten erfüllen.
Jesus schließt das heutige Evangelium mit der wiederholten Aufforderung zur Nächstenliebe. Diese werden sie nicht nur untereinander ausüben, sondern auch an all den Menschen, denen sie ihre Lebenszeit, Kraft und jegliche andere Ressourcen schenken werden bei all den Missionsreisen. Sie haben sich wahrhaft verschenkt – außer Johannes der Evangelist haben alle den Märtyrertod erlitten und so ihr Leben ganz verschenkt. Deshalb preisen wir sie heute selig, die sie bei Gott am Thron sein dürfen. Dies schaut der Seher Johannes in der großen Thronsaalvision in der Johannesoffenbarung (Offb 4-5).

Bleiben auch wir in Gottes Liebe und haben wir keine Angst, unser Leben an andere zu verschenken. Wie die Apostel schenken wir damit nämlich unser Leben Gott. Wir werden es in unendlich großem Maße zurückbekommen, wenn Gott uns am Ende unseres Lebens mit dem Siegeskranz ausstatten wird.
Heiliger Matthias, bitte für uns!

Ihre Magstrauss

Fest der Heiligen Familie

Sir 3,2-6.12-14 (oder 3,3-7.14-17a); Ps 128,1-5; Kol 3,12-21; Mt 2,13-15.19-23

Liebe Freunde,
heute ist das Fest der Heiligen Familie. Das bezieht sich auf Josef, Maria und Jesus. Dieses Fest feiern wir immer am Sonntag nach Weihnachten (früher am Sonntag nach Erscheinung des Herrn). Wir betrachten diese Familie als unser Vorbild. Alles, was schon im AT über das ideale Familienleben geschrieben steht, können wir auf besonders eindrückliche Weise an der Heiligen Familie erfüllt sehen. Dabei ist sie wiederum nur Abbild der göttlichen Familie: der heiligsten Dreifaltigkeit. Zwar glauben wir, dass Jesus und Maria ohne Sünde sind, Josef aber von der Erbsünde nicht bewahrt ist. Die Eltern Jesu sind zudem nicht allwissend und müssen deshalb so einiges mit einem Fragezeichen hinnehmen. Und dennoch kann uns diese Familie gerade darin ein Vorbild sein: Wie halten wir in Krisen zusammen?

Sir 3
2 Denn der Herr hat dem Vater Ehre verliehen bei den Kindern und das Recht der Mutter bei den Söhnen bestätigt. 
3 Wer den Vater ehrt, sühnt Sünden,
4 und wer seine Mutter ehrt, sammelt Schätze. 
5 Wer den Vater ehrt, wird Freude haben an den Kindern und am Tag seines Gebets wird er erhört. 
6 Wer den Vater ehrt, wird lange leben, und seiner Mutter verschafft Ruhe, wer auf den Herrn hört. 
7 Wer den Herrn fürchtet, ehrt den Vater. So wie Herren dient er seinen Eltern.
12 Kind, nimm dich deines Vaters im Alter an und kränke ihn nicht, solange er lebt! 
13 Wenn er an Verstand nachlässt, übe Nachsicht und verachte ihn nicht in deiner ganzen Kraft! 
14 Denn die dem Vater erwiesene Liebestat wird nicht vergessen; und statt der Sünden wird sie dir zur Erbauung dienen. 
15 Am Tag deiner Bedrängnis wird man sich deiner erinnern; wie heiteres Wetter auf Frost folgt, so werden sich deine Sünden auflösen. 
16 Wie ein Gotteslästerer ist, wer den Vater im Stich lässt, und ein vom Herrn Verfluchter ist, wer seine Mutter erzürnt.
17 Kind, bei all deinem Tun bleibe bescheiden und du wirst geliebt werden von anerkannten Menschen!

Das Buch Jesus Sirach ist eine weisheitliche Schrift und liefert uns sehr sehr wichtige Aspekte, die zum vierten Gebot auch im Katechismus zusammengefasst werden: Wir sollen Vater und Mutter ehren. Das ist nicht einfach nur eine Floskel, sondern führt uns zum Heil!
Es ist sogar so, dass wir unsere eigenen Sünden sühnen, wenn wir gehorsam sind! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wer den Eltern gehorsam ist, sammelt sich zudem Schätze – himmlische Schätze, gemeint ist die Gnade. Warum eigentlich? Unsere Eltern haben uns das Leben geschenkt. Dass wir da sind, haben wir ihnen zu verdanken. Ganz unabhängig davon, wie sie uns behandeln, was sie uns geben und was nicht, sie verdienen unsere Ehre einfach schon dadurch, dass wir dank ihnen existieren.
Wenn wir unsere Eltern behandeln, wie es Gott gefällt, werden wir Segen haben und im Stand der Gnade sein: Dann wird Gott unsere Gebete erhören und wir werden selbst Kinderreichtum genießen. Viele Kinder sind im AT immer ein Zeichen des Segens Gottes. Wenn es im AT zudem heißt, dass man lange leben wird, meint es zu Beginn noch das irdische Leben oder das Weiterleben in den Nachfahren. Mit der Zeit werden die Juden es aber als ein Weiterleben nach dem Tod verstehen, wenn sie nach und nach die Auferstehung begreifen. Hier im Buch Jesus Sirach darf man Jenseitsvorstellungen schon voraussetzen! Wir gewinnen das Himmelreich, wenn wir unseren Eltern gehorsam sind und ihnen die Ehre geben, die ihnen zusteht. Das hat Jesus getan, wie wir nachher noch lesen werden. Er als Gott (!) hat sich seinen irdischen Eltern unterworfen und den Beruf seines Ziehvaters Josef erlernt. Er wird sich nach dem Tod Josefs um seine Mutter kümmern und noch am Kreuz dafür sorgen, dass nach seinem eigenen Tod der Apostel Johannes Maria zu sich nehmen wird. Für uns sind das ganz wichtige Aussagen in einer Zeit, in der Kinder immer weniger Respekt vor ihren Eltern haben. In einer Zeit, in der Eltern sogar Angst vor ihren Kindern haben müssen. In einer Zeit, in der die Kinder die „Herren“ (Vers 7) sind und nicht die Eltern. Am Ende der Zeiten ist es unser Ziel, dem himmlischen Vater, dem Herrn, auf ewig die Ehre zu geben, in dem wir mit allen Engeln und Heiligen ihn loben und preisen. Dann werden wir das nicht mehr abbildhaft tun wie bei unseren irdischen Eltern, sondern vollkommen.
Es schließen sich an die bisher grundsätzlichen Überlegungen ganz konkrete Anweisungen an: Wir sollen uns um unsere Eltern im Alter kümmern. Warum? Als wir klein und hilflos waren, waren sie es, die sich um uns gekümmert haben. Sie haben auf so vieles verzichtet, um uns großzuziehen: auf Schlaf, auf eigenen Luxus, auf eigene Pläne, auf Selbstverwirklichung, auf den eigenen Willen. Wenn sie mit dem Alter nun immer hilfloser werden, wendet sich das Blatt. Nun liegt es an uns, ganz für sie da zu sein, bis sie aus diesem Leben scheiden. Das ist der Lauf der Dinge.
Als wir kleine Kinder waren und herumgenörgelt haben, als wir noch nicht sprechen konnten und unseren eigenen Kopf durchs laute Schreien und Weinen kundgetan haben, nahmen unsere Eltern alles geduldig hin. Sie gaben uns zu essen, wechselten unsere Windeln und sangen uns stundenlang in den Schlaf. Haben unsere Eltern es nicht verdient, dass wir nachsichtig und geduldig mit ihnen umgehen, wenn ihr Verstand nachlässt und sie uns immer schlechter hören? Haben sie es nicht verdient, dass wir ihre mit dem Alter wachsende Sturheit ertragen? Unsere Eltern verachteten uns doch auch nicht, als wir kleine schwache Babys waren. So steht es uns auch nicht zu, in der Fülle unseres Lebens verachtend auf unsere alternden Eltern zu schauen.
Unser respektvoller Umgang als erwachsene Kinder wird nicht unerkannt bleiben. Gott wird sich dies merken und uns dafür reich beschenken.
Wer die Eltern im Stich lässt, wird als Gotteslästerer angesehen. Das ist wichtig: Die Gottesfurcht wird nämlich durch die Elternfurcht umgesetzt, die Abbild Gottes in unserer Familie sind. Furcht meint in diesem Fall nicht Angst, also etwas Pathologisches, sondern den Respekt und das Bemühen, den Anderen nicht zu verletzen. Gott hat uns unsere Eltern geschenkt. Dieses sollen wir dankbar annehmen und gut damit umgehen, sonst beleidigen wir den, der uns das Geschenk gemacht hat. Unsere Eltern sind Gottes Hände und Füße in unserer Familie. Sie sind sein Ausführungsorgan. Er liebt uns durch unsere Eltern. Und wir lieben ihn durch unsere Eltern. Das ist der Wille Gottes für die Familien.
Diese Elternliebe soll schlicht sein und kein Grund zur Angeberei. Das ist nicht etwas, womit man angeben kann, sondern das Mindeste, das wir unseren Eltern schulden. Wie können wir da Lob erwarten?

Ps 128
1 Ein Wallfahrtslied. Selig jeder, der den HERRN fürchtet, der auf seinen Wegen geht! 
2 Was deine Hände erarbeitet haben, wirst du genießen; selig bist du – es wird dir gut ergehn. 
3 Deine Frau ist wie ein fruchtbarer Weinstock im Innern deines Hauses. Wie Schösslinge von Ölbäumen sind deine Kinder rings um deinen Tisch herum. 
4 Siehe, so wird der Mann gesegnet, der den HERRN fürchtet. 
5 Es segne dich der HERR vom Zion her. Du sollst schauen das Glück Jerusalems alle Tage deines Lebens.

Der Psalm betont das, was den Kern der Elternliebe aus dem Buch Jesus Sirach darstellt: Es geht letztendlich um Gottesfurcht. Selig sind wir, wenn wir Gottes Gebote halten. Das ist die konkrete Umsetzung der Gottesfurcht. Wir werden Segen haben, wenn wir „auf seinen Wegen“ gehen. Dieser Segen wird sich z.B. am Erntereichtum zeigen. Vielleicht erinnern Sie sich an die Worte Gottes in Gen 3 nach dem Sündenfall? Eine Folge der Erbsünde ist die mühevolle Arbeit, um das tägliche Brot essen zu können. Erntereichtum ist dagegen ein Zeichen der Gnade Gottes.
Wenn die Frau als fruchtbarer Weinstock bezeichnet wird, ist das ebenfalls ein Zeichen des Segens Gottes. Kinderreichtum wird immer zum Indikator vor allem für die Frau, dass sie den Segen Gottes auf sich hat. Die Kinder als Ölbäume deuten auf deren Langlebigkeit und Fruchtbarkeit hin. Der Ölbaum ist deshalb ein Bild, das häufig zusammen mit dem Weinstock genannt wird.
Was nach jüdischem Verständnis Ausdruck des Segens Gottes war, ist christologisch erfüllt worden, jedoch auf eine neue und unerwartete Weise: Maria und Josef, zwei gottesfürchtige Menschen, erlangen eine Fruchtbarkeit, die ungleich größer ist als die biologische. Ein Ehepaar, das lebenslange Enthaltsamkeit lebt, zieht Gott selbst auf, Jesus Christus. Maria, die gottgeweiht ist und von allen Menschen die größte Gottesfurcht gehabt hat, ist zur Mutter aller und zum Urbild der Kirche geworden, die Menschen durch die Taufe zum neuen Leben gebiert. Diese geistige Fruchtbarkeit, wie man das Führen von Menschen zu Jesus nennen kann, übertrifft die biologische Fruchtbarkeit als Segen, wie er in diesem Psalm zum Ausdruck kommt.
Wenn es dann zum Ende hin heißt „Es segne dich der HERR vom Zion her“, dann ist das ein besonderer Segen. Für die Israeliten war das die maximale Form von Segen, denn „vom Zion“ meint „vom Tempel“. Und dort wohnte die Herrlichkeit Gottes. Wir Christen sehen darin eine typologische Verbindung zum eucharistischen Segen. „Zion“ ist nun die Kirche, in der das Allerheiligste nicht mehr die Bundeslade, sondern der Tabernakel mit den konsekrierten Hostien ist – das fleischgewordene Wort Gottes. Und zuvor müssen wir auf eine entscheidende Typologie hinweisen, die das ganze heutige Fest erklärt! Nämlich die Muttergottes selbst als Zion! Sie trägt den Sohn Gottes, das fleischgewordene Wort Gottes. Gottes Segen geht von ihrem Leib aus! Sie ist die neue Bundeslade, in der nicht mehr die Torah in Steintafelform, sondern als Mensch geborgen ist, nicht mehr die Schaubrote, sondern das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Von diesem Zion geht Segen aus, weil der HERR selbst mit ihr ist. Schauen wir auf dieses Vorbild, verstehen wir die besondere Bedeutung des mütterlichen Segens, auch den Segen unserer irdischen Mutter. Sie hat uns geboren, die wir Abbild Gottes sind, wenn auch nicht Gottes Sohn wie Jesus. Wenn wir Gottes Willen tun, in diesem Fall das Ehren der Eltern, dann geht von diesen Eltern der Segen Gottes auf uns über!
Das ewige Schauen des Glücks Jerusalems ist dann auch mehr als nur wörtlich zu verstehen: Es bezieht sich auf die Glückseligkeit des himmlischen Jerusalems. Dann werden wir mit der himmlischen Familie, also in Gemeinschaft der Heiligsten Dreifaltigkeit leben. Dann kommen wir von der Abbildhaftigkeit zur Vollendung. Das dürfen wir sakramental schon jetzt erfahren in der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Wir sind eine einzige Familie, bei der der Priester unser Vater ist. Er sorgt für die Sakramente und Sakramentalien. Die Kirche gebärt uns, zieht uns auf und nährt uns mit den Heilsmitteln seelisch. Alle Gläubigen sind Geschwister im Glauben und bilden so die geistliche Familie, von der Jesus gesprochen hat (Mt 12,50; Mk 3,35).

Kol 3
12 Bekleidet euch also, als Erwählte Gottes, Heilige und Geliebte, mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld! 
13 Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat! Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 
14 Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist! 
15 Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar! 
16 Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. In aller Weisheit belehrt und ermahnt einander! Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in euren Herzen! 
17 Alles, was ihr in Wort oder Werk tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Dankt Gott, dem Vater, durch ihn!
18 Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt!
19 Ihr Männer, liebt die Frauen und seid nicht erbittert gegen sie! 
20 Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem, denn das ist dem Herrn wohlgefällig!
21 Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden!

Auch der Paulusbrief gibt uns heute konkrete Anweisungen, wie wir als Familie zusammenleben sollen. Er sagt auch aus, warum wir wie beschrieben leben sollen: „als Erwählte Gottes, Heilige“. Durch die Taufe sind wir zur Heiligkeit berufen und dies soll sich an unserem Lebensstil bemerkbar machen.
Wir sollen einander ertragen. Wir können uns die Familienmitglieder nicht aussuchen und es kommt manchmal zu Spannungen. Charaktere treffen aufeinander, die nicht immer kompatibel sind. Wir sollen das aber aushalten.
Ein entscheidender Aspekt ist die Vergebung. Wir sollen einander immer verzeihen, jeden Tag aufs Neue. Wir sollen das bedingungslos tun, weil wir in der Nachfolge Christi stehen. Er hat immer und überall vergeben. Er hat noch seinen Henkern am Kreuz vergeben und für sie gebetet. Das soll unser Vorbild auch im Familienleben sein.
Zu dieser Voraussetzung tritt das Band, das alles zusammenhält – die Liebe. Diese ist nicht immer nur ein schönes Gefühl. Spätestens da, wo wir einander vergeben müssen, obwohl wir uns gegenseitig am liebsten auf den Mond schießen würden. Liebe ist manchmal harte Arbeit, und stets die Entscheidung füreinander, auch wo unsere momentanen Gefühle dagegen sprechen.
Der Wunsch einer friedlichen Familie kann nur in Erfüllung gehen, wo Gott Einzug in sie hält. Wo Gott das Zentrum der Familie ist, kann auch sein Frieden, der vollkommen ist, in ihr wirken.
Wir sollen dankbar sein. Das ist nicht zu unterschätzen. Das hat nämlich zur Folge, dass wir nichts, ich wiederhole, NICHTS für selbstverständlich nehmen sollen. Das zeigen wir im Alltag dadurch, dass wir uns für die Dinge bedanken, die uns der andere gibt und tut.
„Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch“ heißt, dass das Evangelium ganz und gar Realität in unseren Familien sein soll. Es soll davon geredet werden, aber vor allem soll es gelebt werden.
Wir sollen uns gegenseitig belehren (natürlich mit Liebe) und Gott loben mit Liedern und Gebeten. Das alles klingt, als ob hier nicht die Rede von Familie, sondern Kirche ist. Beides stimmt. Die Familie ist nämlich eine Hauskirche, eine Zelle des Leibes Christi. Diese geistige Dimension von Familie dürfen wir nicht vergessen. Deshalb ist das gemeinsame Gebet analog zur Leiturgia zu betrachten, die gegenseitige Ermahnung analog zur Martyria und das gegenseitige Lieben und Verzeihen analog zur Diakonia. Diese drei wiederum sind die kirchlichen Grundvollzüge. Und so wie alles in der Kirche im Namen Jesu geschehen soll, gilt es für das Familienleben.
Es schließt sich dann eine „Haustafel“ an, das heißt eine Erklärung, wie die Mitglieder des Hauses zueinander stehen sollen. Auch dies ist analog zur Hierarchie der Kirche zu verstehen: Frauen sollen sich ihren Männern unterordnen, die Männer sollen das aber nicht missbrauchen, sondern ihre Frauen lieben. Sie sollen auch die Kinder nicht einschüchtern, obwohl die Kinder den Eltern gehorchen sollen. Das ist die christliche Ordnung der Familie. Leben wir so, haben wir Segen und den Frieden Christi. Das Haupt der Kirche ist Christus, der vor seinem Heimgehen zum Vater Apostel bevollmächtigt hat, an seiner Statt die Rolle des Hauptes einzunehmen. Die Frau ist die Kirche, die Kinder gebärt, sie erzieht und nährt. Der Priester soll seine Frau, die Kirche lieben und nicht über sie herrschen. Die Kirche soll sich dem Mann, dem Priester in persona Christi unterordnen. Die Kinder, die geboren werden, die Täuflinge, diejenigen, die noch im Begriff sind, in die volle Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen zu werden, sollen der Kirche gehorchen, das heißt die Gebote Gottes und Voraussetzungen für den sakramentalen Empfang erfüllen. Sie sollen auch dem Priester gehorsam sein und auf ihn hören. Das hat aber nichts mit Machtgefüge zu tun, weil diese Art von Unterordnung und Hauptsein Christus zum Zentrum hat. Wo dieser aus der Mitte entfernt wird – sowohl in der Kirche als auch in der Familie – gerät diese Hierarchie aus den Fugen. Dann kommt Missbrauch, Hass und Gewalt hinein. Und diejenigen, die am meisten darunter leiden, sind die Kinder – sowohl in der Familie als auch in der Kirche.

Mt 2
13 Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, siehe, da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. 
14 Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. 
15 Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
19 Als Herodes gestorben war, siehe, da erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum 
20 und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot. 
21 Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel. 
22 Als er aber hörte, dass in Judäa Archelaus anstelle seines Vaters Herodes regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa 
23 und ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.

Im Evangelium hören wir heute davon, dass die Hl. Familie von Anfang an bedroht wird. Herodes sieht mit der Geburt Jesu Christi sein Königtum in Gefahr und trachtet deshalb nach dem Leben des Kindes. Gott lässt die Familie aber auch in dieser schweren Stunde nicht im Stich, sondern gibt dem Gerechten erneut einen Traum. Er wird gewarnt und flieht deshalb mit dem Kind und „dessen Mutter“ nach Ägypten. Hier haben wir übrigens wieder eine Formulierung, die zeigt, dass er nicht der Vater des Kindes ist. Erst nach dem Tod des Königs ist die Lage wieder sicher, sodass er mit seiner Familie nach Nazaret zurückkehren kann. Hier heißt es sogar, dass die Familie anscheinend darüber nachgedacht hatte, nach Judäa zu gehen. Das verwundert vielleicht, weil wir bisher gehört haben, dass Josef und Maria in Nazaret gelebt hatten. Verstehen können wir dies erst, wenn wir die messianischen Verheißungen wieder berücksichtigen. Die Eltern Jesu wussten, dass ihr Sohn der Messias ist, von dem es heißt, dass er als Sohn Davids nach Jerusalem gehört. Dies wird sich erst im Erwachsenenalter realisieren, wenn er auf einer Eselin nach Jerusalem hinein geritten kommen wird und die Menschen ihn mit Hosannarufen begrüßen werden. Bis dahin wird er als Spross (nezer) in Nazaret aufwachsen. Deshalb wird man ihn auch Jesus von Nazaret oder den Nazoräer nennen – Jesus, den Spross!
Die ganzen Umstände werden hier im Matthäusevangelium aus heilsgeschichtlicher Sicht betrachtet und gedeutet. Die Schrift erfüllt sich auch hier.
Wie wir in den letzten Wochen schon öfter gehört haben, betont das Matthäusevangelium die Ereignisse aus der Sicht Josefs und aus der Sicht der alttestamentlichen Verheißungen. Wir sehen hier, wie ein Vater sein soll. Er soll beschützen. Insofern soll er das Haupt der Familie sein. Ein Vater soll zudem gehorsam sein – nämlich Gott. So wie Josef ohne Zögern den Willen Gottes direkt umsetzt, so soll der Vater sein eigenes „Herrschen“ der Herrschaft Gottes unterstellen. So wird er seine „Macht“ nie missbrauchen, sondern mit seinem ganzen Sein dienen. Dann wird sich die Frau ihrem Mann auch gerne unterordnen. Maria hat nie Einwände gezeigt (so wird es jedenfalls nie berichtet). Sie macht alles mit, weil sie weiß, dass ihr Mann nach dem Willen Gottes Entscheidungen trifft.
Was Paulus im Kolosserbrief schildert, sehen wir anhand der Hl. Familie vorgelebt. Sie ist uns wirklich ein Vorbild, dem wir nacheifern können. Gewiss werden wir das Ideal nie ganz erfüllen, weil wir sündige Menschen sind. Väter missbrauchen ihre Macht leider doch manchmal und schüchtern ihre Kinder ein. Mütter ordnen sich alles andere als unter, sondern tragen einen regelrechten Konkurrenzkampf mit dem Vater aus. Kinder gehorchen ihren Eltern nicht und haben auch keinen Respekt vor ihnen. Die Ordnung der Familie, die Frieden bringen würde, ist oft nicht gegeben. Und doch ist die Hl. Familie unser Maßstab, unser Ziel, unser Wunsch. Wir dürfen trotz der Missstände unser Ideal nicht aufgeben, sonst sind wir verloren! So wie Josef, Maria und Jesus müssen wir wieder lernen, Gott in unsere Mitte zu stellen, dann wird er nach und nach die Ordnung in unser Familienleben bringen, die uns Frieden bringt.

Ihre Magstrauss

Tabor. Vorfreude auf die Herrlichkeit Gottes.

Tabor. Vorfreude auf die Herrlichkeit Gottes.

Heute ist das Fest der Verklärung des Herrn. Dieses Fest ist so tief mit dem Osterfest verbunden, dass wir zusammen mit den drei Aposteln Petrus, Johannes und Jakobus einen Moment lang auf den verherrlichten Jesus schauen dürfen, auf den, der seine Gottheit nicht mehr verbirgt. Den Dreien ist damit ein unvergleichliches Privileg geschenkt worden: Sie erhaschen einen Blick nicht „nur“ auf den Auferstandenen, sondern sogar mehr – auf den Jesus, wie er nach der Himmelfahrt ist und den der Rest der Menschheit erst am Ende der Zeiten sehen wird. Dann wird er in seiner Herrlichkeit auf einer Wolke zu uns herabfahren.
Was dort auf dem Tabor geschehen ist, schließt einen Kreis, den Gott im Laufe der Heilsgeschichte zu zeichnen begonnen hat: Bereits im AT hat er sich in seiner Herrlichkeit gezeigt. Damals stieg Mose zusammen mit Aaron, Nadab, Abihu und den siebzig von den Ältesten Israels auf den Berg Sinai (Ex 24), um die Herrlichkeit zu schauen. Bis ganz nach oben durften sie aber nicht, sondern hielten einen Abstand ein. Nur Mose durfte ganz zu Gott vordringen, um die Gesetze des HERRN zu erhalten. Und doch konnte er Gottes Herrlichkeit nicht ganz schauen. Etwas später erfahren wir von der Gunst, die Gott dem Mose zuteil werden ließ: Er ließ Mose beim Vorbeiziehen seinen Rücken sehen (Ex 33).

Auch im ersten Buch der Könige war der Sinai Ort der Gottesbegegnung. Elija flüchtete dort hin, als man ihm nach dem Leben trachten wollte – zum Dank für sein Bemühen um das Gesetz Gottes. Und auch hier forderte Gott auf: „Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn!“ Als Elija sich nach dem Vorüberziehen von Sturm, Erdbeben und Feuer beim leisen Säuseln bereit machte, verhüllte er sein Gesicht. Auch er sah Gottes Herrlichkeit nicht ganz.

Was diesen beiden Großen verwehrt blieb, dürfen nun die Apostel schauen: die Herrlichkeit Gottes. Lassen wir es uns auf der Zunge zergehen. Welche Gnade ist diesen drei einfachen Männern geschenkt worden, dass sie nicht auf der Stelle gestorben sind, als sie diese geballte Liebe schauen durften! Und das ist nicht alles. Plötzlich sehen sie zwei Gestalten bei Jesus. Und es sind ausgerechnet Mose und Elija! Die zwei, die das Gesetz und die Propheten repräsentieren, die den Messias so sehnlichst angekündigt haben, deren Lebensende so besonders war. Ausgerechnet sie beide stehen bei Jesus und unterhalten sich mit ihm. Die drei Apostel kannten die Hl. Schrift. Sie haben den Code verstanden. Der Kreis hat sich geschlossen. Oder er wird weiter gezeichnet:

Jesus zeigt jenen drei Aposteln seine Herrlichkeit, die wenig später mit ihm im Garten Gethsemani ausharren würden. Er zeigt sich jenen drei Aposteln, die feste Säulen der Jerusalemer Urgemeinde und darüber hinaus werden würden. Es ist eine Stärkung vor der großen Versuchung – und ein Vorgeschmack auf das Ostergeheimnis.

Betrachten wir das Ereignis weiter. Das Privileg der Apostel erhalten wir zwar nicht auf jene Art und Weise, doch ist jede Hl. Messe ein wenn auch verborgener Blick auf die Herrlichkeit Gottes. Wenn der Priester die Hostie erhebt, werden wir zu Petrus, Jakobus und Johannes, die angestrahlt werden von der Liebesglut Gottes. Natürlich ist dieser Moment vor allem ein Golgota-Moment. Für Johannes, der als einziger unter dem Kreuz stand, wird sich auch dieser Zusammenhang gezeigt haben. Der Verklärte ist zugleich der, der sich ganz für uns verschenkt hat. Und doch ist es auch Tabor. Die Eucharistie ist vorläufig. Sie ist Sakrament, Geheimnis des Glaubens, das wir feiern, bis er wiederkommt. Wie das Passahlamm in Exodus essen wir es in Aufbruchstimmung. Wir empfangen Jesus als Gottesvolk auf dem Weg. Nicht nur in der Gemeinschaft erfahren wir diesen Tabormoment. Auch ganz individuell haben wir diese Tabormomente, in denen wir gestärkt, berührt, erfüllt werden von der Liebe Gottes. Und kurz darauf folgt die schmerzliche Phase, die Versuchung oder einfach der trockene Alltag. Dann ist es Zeit, von dem Tabormoment zu zehren und durchzuhalten. Es kann nicht immer Tabor sein. Zu gern sind wir versucht, wie Petrus Hütten bauen zu wollen, den wunderbaren Moment festhalten zu wollen. Jesus schickt uns aber bewusst wieder zurück in den Alltag, ins tägliche Leben. Ob wir nun in unserem eigenen Leben oder im sakramentalen Leben der Kirche Tabor erfahren – wir bewegen uns in Richtung Ewigkeit. Und wenn wir sterben, werden wir Gott schauen, wie er ist (1 Joh 3,2). Wir werden unser Gesicht in keinen Mantel hüllen, wir brauchen auch keine Hütten bauen. Denn dieses Tabor wird ein ewiges sein.

Wir dürfen uns jetzt schon darauf freuen und wachsam sein, immer in seiner Liebe bleiben und alles tun, was wir von uns aus tun können – aus Liebe seine Gebote halten.

Ihre Magstrauss

Fronleichnam – nachgeholtes Hochfest

Fronleichnam – nachgeholtes Hochfest

Heute ist Fronleichnam. Was ist das eigentlich für ein Fest und was bedeutet das Wort „Fronleichnam“?

Der Begriff kommt von dem mittelhochdeutschen vrône lîcham und heißt „des Herren Leib“. Eigentlich heißt der Feiertag im liturgischen Kalender „Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi“ (Sollemnitas Sanctissimi Corporis et Sanguinis Christi). Daran erkennen wir schon, was wir feiern – die Eucharistie. Vielleicht denken Sie direkt an Gründonnerstag, an dem wir ja bereits die Einsetzung der Eucharistie gefeiert haben. Das stimmt auch, nur können wir in der Karwoche so kurz vor dem Tod Christi nicht richtig in Feststimmung verfallen. Deshalb holen wir dies an Fronleichnam nach.


Es ist ein Hochfest, das heißt, alle Katholiken sind verpflichtet, an diesem Tag zur Hl. Messe zu gehen. Es gehört zum dritten Gebot, also zur Heiligung des Sonntags, zu dem auch alle anderen Hochfeste zählen. Bei Verletzung dieses göttlichen Gebotes begehen wir eine schwere Sünde. Schließlich feiern wir den Leib Christi, der der Herzschlag unserer Kirche ist.

An Fronleichnam wird der Leib Christi, für uns sichtbar als kleine unscheinbare Oblate, in einer kostbaren Monstranz durch die Straßen unserer Orte getragen. Wir gehen hinter dem Herrn her, beten und singen. Wir preisen ihn, dem wir alles zu verdanken haben und der es wert ist, unser Lob und unsere Anbetung zu empfangen.

Warum tun Katholiken das auf diese Weise? Könnte man nicht auch anders den Leib Christi anbeten?

Gehen wir doch einmal zurück zur Hl. Schrift. Wir lesen davon, dass als Maria Jesus empfing, als Gott sich mit Materie verband, Maria nicht zuhause blieb. Sie machte sich auf den Weg ins Bergland von Judäa und brachte den Herrn zu Elisabeth, zu Johannes den Täufer, zum Hause derer, die als erstes den physisch gegenwärtigen Gott anbeteten. Maria war sozusagen der erste Tabernakel. Sie war die erste Monstranz.

Wenn wir von dieser wörtlichen Ebene weitergehen und diese Erzählung allegorisch betrachten, sehen wir darin einen Typos der Kirche. Die Kirche ahmt diesen Gang Mariens mit Jesus unter ihrem Herzen nach, in dem sie den Herrn nicht in der Kirche, dem Haus Gottes lässt, sondern ihn in die Welt hinausträgt, damit auch wir wie Elisabeth sagen können: “ Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ (Lk 1,42). Der Antitypos der „Frau“, wie es in dem Ausruf Elisabeths heißt, ist die Kirche. Sie ist nun die Frau, die Braut Christi und sie „gebärt“ mit jeder Eucharistiefeier den Herrn, der „Fleisch annimmt“ (Joh 1,14). Diese Geburt ist natürlich nicht wörtlich, dennoch physisch zu verstehen.


Betrachten wir die Episode des Besuches Mariens bei Elisabeth noch weiter, nämlich moralisch: Wir bleiben nicht in der Rolle der Elisabeth stehen. Als Katholiken haben wir diese überwältigende Ehre, den Herrn selbst zu empfangen! Wie sehr muss der Herr uns lieben, dass er auch in uns Fleisch annehmen will? Nach jeder Hl. Messe gehen wir als Tabernakel und Monstranz hinaus in die Welt und tragen den Herrn zu den Menschen. Ist uns das bewusst? Wir bringen Jesus zu allen Menschen, denen wir begegnen. Wenn wir uns durch die Eucharistie verwandeln lassen und durch unser Verhalten immer mehr zum Resonanzkörper Gottes werden, dann werden die Menschen, zu denen wir den Herrn bringen, wie Elisabeth vom Hl. Geist erfüllt werden und Gott die Ehre geben. Unser Glaube wird sie anstecken.


Schließlich ergibt sich für uns noch eine weitere Perspektive, nämlich die anagogische: Der Herr ist uns vorausgegangen in die Ewigkeit, hat uns aber vom Vater den Hl. Geist gesandt, durch den die Kirche lebt und wirkt. Wir leben in der Endzeit und warten auf die Wiederkunft Christi. Und wenn wir wachsam und bereit leben im Bewusstsein, dass das eigentliche Leben in der Ewigkeit beginnt, werden wir – jeder einzelne nach dem Tod und die ganze Menschheit am Ende der Zeiten – voller Begeisterung über die Gegenwart Gottes wie Elisabeth vom Hl. Geist erfüllt dem Herrn die Ehre geben – bis in alle Ewigkeit. Das wird unsere „Tätigkeit“ im Himmel sein. Der Hl. Geist, die Liebesglut Gottes, wird für den ein oder anderen gewiss so überwältigend sein, dass es wehtut. Schon Elisabeth hat gesagt: „Wer bin ich, dass die Mutter des Herrn zu mir kommt (Lk 1,43)?“Aber durchs Feuer geläutert (1 Kor 3,13-15) werden wir bereitet, vor Gott bestehen zu können und den Elisabeth-Maria-Moment ewig auskosten zu können. Dann werden wir Gott nicht mehr sakramental sehen, nicht mehr als ungeborenes Kind, sondern so wie er ist (1 Joh 3,2).


Um nun also auf Fronleichnam zurückzukommen: Wenn wir mit dem Leib Christi durch die Straßen ziehen, nehmen wir sakramental vorweg, was wir im Himmel ewig erfahren werden – die Wohnung Gottes unter den Menschen (Offb 21,3). In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Fronleichnamsfest.

Ihre Magstrauss