Freitag der zweiten Adventswoche (A)

Jes 48,17-19; Ps 1,1-4.6; Mt 11,16-19

Jes 48
17 So spricht der HERR, dein Erlöser, der Heilige Israels: Ich bin der HERR, dein Gott, der dich lehrt, was Nutzen bringt, und der dich auf den Weg führt, den du gehen sollst. 
18 Hättest du doch auf meine Gebote geachtet! Dein Heil wäre wie ein Strom und deine Gerechtigkeit wie die Wogen des Meeres.
19 Deine Nachkommen wären wie der Sand und die Sprösslinge deines Leibes wie seine Körner. Ihr Name wäre in meinen Augen nicht getilgt und gelöscht.

Die heutige Jesajalesung ist ein wenig drastischer als die Texte zuvor. Sie ist in den Kontext eines längeren Tadels Gottes eingebettet. Gott erklärt durch Jesaja den Israeliten, dass ihre eigene Halsstarrigkeit sie ins Exil gebracht habe und er sie ja im Vorfeld vorgewarnt habe.
Gott kritisiert das Volk nicht, um es niederzumachen. Er erklärt ihnen im Nachhinein, welchen Fehler es begangen hat, um es in Zukunft zu vermeiden. Er lässt aber auch jetzt das Volk nicht allein, sondern nennt sich selbst „dein Erlöser“ ( גֹּאַלְךָ֖  go’alcha, dasselbe Wort wie gestern). Gott erlöst sein Volk in erster Linie von der babylonischen Gefangenschaft und erklärt zugleich, dass es die Folge ihrer Sünde sei (Vers 18). Damit verweist er auf Christi Erlösung: Er hat die ganze Menschheit von der Sünde erlöst. Freilich nehmen nicht alle diese Erlösung an und die Neigung zur Sünde ist immer noch da. Aber wir haben die Chance, durch seine Gnade dennoch das Himmelreich zu erlangen. Der Fluch der Erbsünde ist von uns genommen. In Christi Nachfolge tut die Kirche das immer noch, wenn sie Menschen tauft und zu Erben des Reiches Gottes einsetzt. Die Kirche vergibt in der Vollmacht Christi die Sünden in der Beichte und spendet in der Vollmacht Christi die Heilsmittel auf dem Weg zur Heiligkeit.
Gott erklärt hier durch Jesaja, dass er den richtigen Weg erklärt hat. Er hat die Gebote vorgegeben und das Heil in Aussicht gestellt. In erster Linie leidet der Mensch deshalb, weil er die Konsequenzen für seine Sünden tragen muss – oder die der anderen! Das verpasste Heil wird wie in der gestrigen Jesajaperikope mit Wassermetaphern umschrieben. Das ist kein Zufall. Moralisch nennen wir den heilsamen Zustand, den wir durch das Halten der Gebote durchleben, Stand der Gnade. In diesem Stand kann Gottes Geist in/durch uns wirken. Und eine ganz prominente Metapher für den Hl. Geist stellt das lebendige Wasser dar! Hätten die Israeliten auf die Gebote Gottes gehört (in den Versen vor diesem Abschnitt wird z.B. Götzendienst genannt), hätte das Volk Segen gehabt. Es wäre nicht in die babylonische Gefangenschaft gekommen. Dies betrifft uns als Kirche heute auch noch. Wo wir uns von Gottes Geboten verabschieden, haben wir keinen Segen. Wenn wir nicht mehr verkündigen, keine Katechese mehr anbieten, die Predigten eher an Parteireden erinnern und die Geistlichen die zehn Gebote für nicht mehr gültig erachten, dann laufen ihnen die Gläubigen weg. Dann schrumpft die Kirche und wird angreifbar für ideologische, atheistische oder andersgläubige Angriffe. Wenn Kirche die Zügel selbst in die Hand nehmen will, bleibt kein Raum mehr für den Hl. Geist, der ihr „Wogen des Meeres“ und „Ströme“ des Heils hätte geben können.
Für die Israeliten war es entscheidend, den eigenen Namen durch Nachkommenschaft weiter zu geben. Fruchtbarkeit und viele Nachkommen waren deshalb Ausdruck des Segens Gottes. Diese hat sich das Volk durch die eigenen Sünden selbst verwehrt, so erklärt Gott. Dies betrifft auch die Kirche. Sie ist die Mutter der Gläubigen, die durch die Taufe neues Leben ins Dasein ruft. Wo in ihr aber Menschen gegen Gottes Willen leben, wird sie unfruchtbar, weil sie nicht mehr missionarisch wirkt. Es kommen immer weniger Menschen, um sich taufen zu lassen. Diese sind die Nachkommenschaft der Kirche, die ausbleibt. Und auch wir sollen Frucht bringen. Nicht nur biologisch, sondern auch in den Menschen. Wir sollen dies in Christi Nachfolge, der sagte, dass wir nur in Verbindung mit ihm, dem wahren Weinstock, Frucht bringen können (Joh 15). Es geht über das Biologische hinaus, weil Jesus hier von der neuen Schöpfung redet. Er ist die erste Frucht dieser neuen Schöpfung. Fruchtbarkeit im geistigen Sinne ist auch für uns heute ein Zeichen des Segens Gottes. Am Ende unseres Lebens werden wir das ganze Ausmaß sehen. Wenn wir uns in unserem Leben von der Quelle entfernt haben, werden wir jetzt voller Schmerz und Reue sehen, was wir verpasst haben und wo wir jetzt sein könnten. Stattdessen werden wir von der Quelle abgeschnitten sein. Kehren wir noch heute um, damit es erst gar nicht so weit kommt.

Ps 1
1 Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, 
2 sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt. 
3 Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen. 
4 Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht. 
6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.

Der Psalm führt diesen Gedanken des Segens Gottes weiter. Wer nach Gottes Geboten lebt, ist ganz an der Quelle und gedeiht. Er bringt Frucht! Es bezieht sich hier im Text auf die Torah und ist als Paränese für die Juden gedacht. Doch darüber hinaus werden auch wir damit angesprochen. Wir haben Segen in unserem Leben, wenn wir die Gebote halten. Denn dann sind wir mit dem Weinstock verbunden, der Jesus ist. Wir sind dann im Stand der Gnade und können darin Frucht bringen. Das bezieht sich auch auf unser Gebet. Wo wir im Stand der Gnade um etwas bitten, wird es uns gegeben (, wenn es Gottes Wille entspricht). Jesus sagt in Joh 15: „Getrennt von mir könnt ihr nichts tun“. Auch die Kirche muss mit dem Weinstock verbunden sein, wenn sie Frucht bringen will. Würde jemand ein Sakrament nicht gemäß Jesu Stiftungswillen spenden, wäre es ungültig. Wenn wir auch als Kirche nach Gottes Willen suchen, wird sie Bestand haben. Christi Kirche werden die Mächte der Finsternis dann nicht überwältigen.
Ganz nach dem zwei-Wege-Schema werden dann die Frevler beschrieben, die nicht nach den Geboten Gottes leben. Sie werden als „Spreu“ bezeichnet, „die der Wind verweht“. Das erinnert sehr stark an die Zerstreuung des Volkes Israel. Durch die babylonische Gefangenschaft wurden die Israeliten wie Spreu vom Wind verweht. Gott ist barmherzig und hat sie wieder gesammelt. So ist es auch mit der Kirche. Ihre Schafe zerstreuen sich in alle Richtungen, wenn sie keinen guten Hirten haben. Dieser ist Jesus, auf den sie hören sollen. Er hat Stellvertreter eingesetzt, doch diese werden ihrem Amt oft nicht gerecht. Wir Menschen kommen vom rechten Weg ab, wenn wir Gottes Gebote nicht halten. Dieser Weg hätte uns aber zum Himmelreich geführt. Gott ist so groß, dass er uns auch auf Abwegen immer wieder zurück auf den richtigen Weg navigiert, aber irgendwann ist es zu spät. Dann werden wir am Ende unseres Lebens an einem anderen Ziel ankommen, als uns lieb ist. Hören wir auf das Navigationssystem Gottes und wenden wir!

Mt 11
16 Mit wem soll ich diese Generation vergleichen? Sie gleicht Kindern, die auf den Marktplätzen sitzen und anderen zurufen: 
17 Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen. 
18 Denn Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er hat einen Dämon. 
19 Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen.

Auch im Evangelium geht es heute drastisch zu. Jesus wirft „dieser Generation“ vor, dass man es ihm nicht recht machen könne. Das Verhalten dieser Generation ist kindisch, deshalb wird auch der Vergleich mit Kindern auf dem Marktplatz verwendet. Gott liebt und wirbt immer noch um sein Volk, versucht verschiedene Methoden, es zu erweichen, doch es funktioniert nicht. Er schickt ihnen Johannes und versucht es, seine Braut mithilfe von Bußpredigt und Askese zur Umkehr zu bewegen. Stattdessen wirft man Johannes Besessenheit vor. Dann kommt Gott selbst und wird Mensch. Er kommt als Bräutigam, der Hochzeit feiert, damit die Braut endlich versteht, dass sie seine Braut ist! Doch Christus wird als Fresser und Säufer beschimpft. Die Braut hat die Zeit der Gnade nicht erkannt.
Es heißt zum Schluss, dass die Weisheit Recht bekommen habe. Gemeint ist, dass Gottes Vorsehung hinter beiden steht, Johannes und Jesus. Sie legitimiert beide Verhaltensweisen, unabhängig davon, ob die Menschen es annehmen oder nicht. Dies deutet schon an, dass diese göttliche Weisheit sich durchsetzen und sich offenbaren wird. Dies wird schon mit der Auferstehung Jesu der Fall sein, dies wird umso mehr offenbar am Ende der Zeiten, wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit wiederkommen wird. Dann werden es alle sehen und sich an die Brust schlagen. Auch wenn Jesus sehr drastische Bilder verwendet, ist es für uns eine Trostbotschaft: Auch wenn in unserer heutigen Zeit so viel Unrecht, Gottlosigkeit und Grausamkeit die Oberhand ergreift, wird sich am Ende die göttliche Weisheit sich durchsetzen. Alles ist eingebettet in den Heilsplan Gottes für die ganze Menschheit. Und auch so in der Kirche: Auch wenn wir jetzt so viele schwarze Schafe sehen, auch gerade unter den Geistlichen, auch wenn wir so viel liturgischen Missbrauch, Ignoranz gegenüber der Gebote Gottes, so wenig Liebe und Barmherzigkeit sehen, dürfen wir uns sicher sein: Gott ist größer als das alles und er wird die Kirche erneuern. Die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen.

Was hat das alles mit Advent zu tun und warum müssen auch wir uns angesprochen fühlen? Wie sind in der Zeit vor dem Kommen des Herrn. Jetzt ist fünf vor zwölf. Jetzt wirbt Gott besonders stark um uns, seine Braut. Legen wir in dieser Zeit unsere Starallüren ab, lassen wir das Divagehabe und hören wir auf, uns über alles zu beklagen, was Gott schenkt oder zulässt. Nehmen wir alles als seinen Willen an oder als Umweg hin zu ihm, der das Ziel ist. Schauen wir auf uns selbst und fragen wir uns stattdessen, ob wir nicht einen Anteil an unserem eigenen Leiden haben. Auch da kann man nicht mathematisch vorgehen und längst nicht jedes Leid ist selbstverschuldet! Natürlich nicht. Aber wenn wir jetzt in diesem Advent vermehrt in eine Gewissenserforschung gehen, werden uns gewiss viele Dinge einfallen, die wir von uns aus ändern können. Dann werden wir uns wieder näher an die Quelle verpflanzen. Dann werden wir wieder Frucht bringen. Schauen wir auf Maria, die so sehr an der Quelle verpflanzt war, dass Gott in ihr sogar biologisch Frucht gebracht hat, nicht nur geistig. Lernen wir von ihr und werden wir ganz offen für seine Gnade. Dann wird Jesus auch in uns Frucht werden, in unserer Seele. Dann werden wir zu einem inneren Ort der Weihnacht.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der zweiten Adventswoche (A)

Jes 41,13-20; Ps 145,1.9-13; Mt 11,7.11-15

Jes 41
13 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und der zu dir sagt: Fürchte dich nicht, ich habe dir geholfen. 
14 Fürchte dich nicht, du armer Wurm Jakob, du kleines Israel! Ich habe dir geholfen – Spruch des HERRN. Und dein Erlöser ist der Heilige Israels. 
15 Siehe, zu einem Dreschschlitten mache ich dich, zu einem neuen Schlitten mit vielen Schneiden. Berge wirst du dreschen und sie zermalmen und Hügel machst du zu Spreu. 
16 Du worfelst sie und es verweht sie der Wind, es zerstreut sie der Sturm. Du aber jubelst über den HERRN, du rühmst dich des Heiligen Israels.
17 Die Elenden und Armen suchen Wasser, doch es ist keines da; ihre Zunge vertrocknet vor Durst. Ich, der HERR, will sie erhören, ich, der Gott Israels, verlasse sie nicht. 
18 Auf den kahlen Hügeln lasse ich Ströme hervorbrechen und Quellen inmitten der Täler. Ich mache die Wüste zum Wasserteich und das ausgetrocknete Land zu sprudelnden Wassern. 
19 In der Wüste pflanze ich Zedern, Akazien, Ölbäume und Myrten. In der Steppe setze ich Zypressen, Platanen und auch Eschen, 
20 damit alle sehen und erkennen, begreifen und verstehen, dass die Hand des HERRN dies gemacht hat, dass der Heilige Israels es erschaffen hat.

Der Jesajatext heute ist ein großer Trost und eine einzige Verheißung Gottes. In dem Kapitel geht es um den gnädigen Perserkönig Kyros, der den Israeliten viele Freiheiten und vor allem den Bau eines neuen Tempels erlaubt. Sein Kommen wird als Gebetserhörung gedeutet, so vermittelt Jesaja Gottes Worte: „Ich habe dir geholfen“. Gott erhört die Gebete und nach einer vermeintlichen Krise werden auch wir beschenkt, wenn wir durchhalten und an Gott festhalten. Es ist auffällig, dass hier das Wortfeld „Erlöser“ genannt wird (hebr. גאל ga’al). Im Kontext des Kapitels und der Geschichte Israels bezieht es sich auf Kyros. Er erlöst das Volk aus der Fremdherrschaft und ist somit ein politischer Erlöser. Zugleich fragen wir uns, warum der Perserkönig „Heiliger Israels“ sein soll. Schon an dieser Stelle merkt man, dass der Text über sich selbst hinausweist. Der Titel ist im AT ein typischer Gottestitel. Somit wird die Erlösergestalt als göttlich gekennzeichnet. Hier wird eindeutig schon der Messias angekündigt!
Die vielen Erntemetaphern, die sich anschließen, sind wiederum gängige Bilder im messianischen und endzeitlichen Kontext. Israel wird zur Exekutivgewalt göttlichen Gerichts, zum Ausführungsorgan des Arms Gottes. Im NT wird das Motiv erneut aufgegriffen, vor allem in der Offb, wo die Stämme Israels an dem Gericht teilnehmen werden. Neben dieser anagogischen Auslegung ist „Israel“ auch schon allegorisch und moralisch als die Kirche bzw. das Gewissen im Menschen zu verstehen. Gott ist der Richter und wir selbst werden zu unserem eigenen „Staatsanwalt“, wenn wir ein schlechtes Gewissen bekommen, uns selbst anklagen. Die Kirche „richtet“ durch die Verkündigung und hat selbst auch ein eigenes Rechtssystem, das vorläufig ist. Gott wird nämlich derjenige sein, der am Ende des Lebens und am Ende der Zeiten das letzte Wort haben wird. Johannes der Täufer war so ein mächtiger Dreschschlitten, der kein Blatt vor den Mund genommen und alles daran getan hat, die Menschen zur Umkehr zu bewegen. Auch Jesus hat in seiner Reich-Gottes-Verkündigung gerichtet, in dem er seinen Finger z.B. in die Wunde der Tempellobby gelegt hat.
Die Ankündigung des Gerichts wird aber keinesfalls als Bedrohung empfunden, sondern das Volk Israel jubelt über das Eingreifen Gottes, des Heiligen Israels.
Neben dieser Gerichtsankündigung ist Jesajas Prophetie deshalb so tröstlich, weil Gott seine Gebetserhörung ankündigt. Es ist sein Wille, die Menschen zu erhören und nicht zu verlassen. Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang die Rede vom Vertrocknen und vom Tränken, von Bächen und Quellen. Die Verwendung von Wassermetaphern führt über den wörtlichen Sinn hinaus: Gott will nicht nur echte Wasserquellen für die Israeliten schaffen, damit sie und ihr Vieh, ihr Lebensraum getränkt werden. Er will ihnen auch den Hl. Geist geben, der erneuert. Dies ist für die Israeliten zunächst ein Hinweis darauf, dass er den Kult wieder neu aufblühen lassen will. Auch bei Ezechiel wird mit diesem Bild die Herrlichkeit Gottes in einem neuen Tempel verheißen. Gott wird in einem neuen Tempel wieder unter ihnen wohnen! Aber darüber hinaus wird der Geist Gottes auch eine bestimmte Person als exemplarisches Israel mit dem Geist Gottes tränken, so sehr, dass auch in ihr Gott wohnen wird – Maria. Mitten in die Wüste der Fremdherrschaft der Römer wird der Messias durch eine fromme Jüdin aus dem Stamm Juda geboren! Sie ist nicht nur Exemplum Israels, sondern auch der Kirche. Maria ist ein Scharnier, ein Verbindungsglied zwischen den beiden Bünden. Mit Jesus kommt der Geist Gottes in die Hoffnungslosigkeit und die Spannungen des Volkes Israel um die Zeitenwende. Er tränkt die Menschen mit dem Geist, wo er die messianischen Heilstaten vollbringt, die im AT immer wieder angekündigt worden waren. In seiner Nachfolge spendet die Kirche den Geist Gottes, durch den sie selbst entstanden ist, den Menschen in der Wüste. Gott lässt in den Wüsten unseres Lebens neues Leben entstehen und tränkt es mit Wasser – mit dem lebendigen Wasser des Hl. Geistes. Dies geschieht vor allem dort, wo wir aus der Wüste der Sündhaftigkeit zurückkehren in den Stand der Gnade. Dort ist Oase, weil dort Gott ist.
Gott vollbringt auch im AT schon deshalb Wunder, damit die Menschen seine Herrlichkeit erkennen und zum Glauben an den kommen, der alles geschaffen hat. Auch im NT wird sich dies fortsetzen, wenn Jesus Wunder tut. Dann heißt es über das erste Wunder in Joh 2, dem Weinwunder von Kana: „So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.“ Jesu Herrlichkeit ist dieselbe, die Gott im AT den Israeliten offenbart. Er und der Vater sind eins (Joh 10,30). Auch in der Kirche geschehen so viele Wunder und das größte ist die Eucharistie. Der Herr macht sich so klein, dass er als eine kleine Hostie zu uns kommen möchte. Er tut es, damit wir zum Glauben kommen. Ich persönlich kenne so einige Konvertiten, die durch die Eucharistie zum katholischen Glauben gekommen sind, entweder weil sie bei Nightfever in die Kirche zum ausgesetzten Allerheiligsten kamen oder weil sie eine Fronleichnamsprozession erlebt haben. Der Herr tut all diese Wundertaten, um unser Herz zu gewinnen. Er brennt so sehr für uns und wirbt auf diese Weise wie ein Bräutigam um seine Braut.

Ps 145
1 Ein Loblied Davids. Ich will dich erheben, meinen Gott und König, ich will deinen Namen preisen auf immer und ewig.
9 Der HERR ist gut zu allen, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken. 
10 Danken sollen dir, HERR, all deine Werke, deine Frommen sollen dich preisen. 
11 Von der Herrlichkeit deines Königtums sollen sie reden, von deiner Macht sollen sie sprechen,
12 um den Menschen bekannt zu machen seine machtvollen Taten und die glanzvolle Herrlichkeit seines Königtums. 
13 Dein Königtum ist ein Königtum aller Zeiten, von Geschlecht zu Geschlecht währt deine Herrschaft.

Auch der Psalm greift diesen Gedanken auf. Es ist wiederum ein Lobespsalm. Wir Menschen, so auch schon die Israeliten, haben jeden Grund, Gott zu preisen. Denn „sein Erbarmen waltet über all seinen Werken“. Alles, was Gott tut, tut er zu unserem Heil. So ist es mit der Schöpfung, so ist es auch mit der Neuschöpfung. Er wird aus diesem Grund Mensch und vollbringt all die Wundertaten. Er stiftet aus diesem Grund die Kirche und die Sakramente. Gott hat durch die Erlösungstat Christi einen Bund mit allen Menschen geschlossen, deshalb ist dieses Psalmwort wirklich wörtlich zu verstehen, wenn es heißt: „Der HERR ist gut zu allen.“ Er will das Heil jedes Menschen und bietet es deshalb jedem an.
Es ist auch bemerkenswert, dass die Rede vom Königtum Gottes ist. Gott ist ein Herrscher und seine Königswürde ist Herrlichkeit. Das hebräische Wort כָּבוֹד kavod ist auch dasselbe, das für die Gegenwart Gottes im Tempel verwendet wird und das zum Gottesprädikat δόξα doxa wird – sowohl im griechischen AT als auch im NT. Die Herrlichkeit des Reiches Gottes macht auch Jesus zum Kern seine Verkündigung. Und am Ende seines Wirkens, bevor er nämlich zum Vater zurückkehrt, trägt er seinen Jüngern auf, diese Herrlichkeit des Gottesreiches allen Menschen zu verkünden. Somit wird das umgesetzt, was hier im Psalm schon gesagt wird: „Von der Herrlichkeit deines Königtums sollen sie reden…um den Menschen bekannt zu machen“. Die Kirche tut dies in ihren Vollzügen: Sie verkündet das Reich Gottes (martyria), sie feiert das Reich Gottes (leiturgia), sie lebt das Reich Gottes (diakonia). Und wir Menschen ersehnen das Reich Gottes jedes Mal, wenn wir im Vaterunser beten „dein Reich komme“. Das Reich Gottes ist ewig, so sagt es schon der Psalm. Es ist das Himmelreich, das unter anderem auch mit dem Begriff „himmlisches Jerusalem“ bezeichnet wird.

Mt 11
7 Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?
11 Amen, ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er. 
12 Seit den Tagen Johannes’ des Täufers bis heute wird dem Himmelreich Gewalt angetan und Gewalttätige reißen es an sich. 
13 Denn alle Propheten und das Gesetz bis zu Johannes haben prophetisch geredet. 
14 Und wenn ihr es annehmen wollt: Er ist Elija, der wiederkommen soll. 
15 Wer Ohren hat, der höre! 

Es ist sehr faszinierend, wie Jesus nun über Johannes den Täufer spricht, der genau diese großen Taten Gottes verkündet hat – in der Wüste! So wird Johannes zur Quelle, die Gott aufkommen lässt inmitten der Trockenheit und Dürre. Man könnte ihn auch als den Stock bezeichnen, der die Wasserquelle erst aufschlägt. Denn er ist es nicht, der kommen soll, sondern er kündet den Messias an.
Das Wort vom Größten und Kleinsten scheint auf den ersten Blick rätselhaft und viele Experten zerbrechen sich darüber den Kopf. Johannes ist der Größte unter denen, die von einer Frau geboren worden sind, also der größte Prophet unter den Menschen, die es jemals gab. Er ist es deshalb, weil er Jesus als einziger aller Propheten des Alten Bundes mit eigenen Augen sehen, ihn berühren durfte – und auch mit ihm verwandt war! Er durfte ihm sogar schon begegnen, bevor er überhaupt geboren wurde, als nämlich die schwangere Maria die schwangere Elisabeth besuchte. Johannes war der unmittelbare Vorläufer Jesu und stand wie Maria als Scharnier zwischen den Bünden. Einerseits muss man ihn in die Reihe der alttestamentlichen Propheten einordnen (er wurde sogar mit dem Code des wiedergekommenen Elija umschrieben), andererseits ist er schon der Vorläufer des Neuen Bundes, zu dem er einen großen Beitrag geleistet hat. Das Entscheidende wird er aber nicht mehr miterleben – den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Deshalb wird er als der Kleinste unter denen im Himmel bezeichnet: Der Himmel – so haben wir durch die Texte des AT heute kennengelernt – ist das Königtum Gottes. Durch den Neuen Bund bricht es an, am Ende der Zeiten wird es vollendet (bzw. offenbar für alle). Johannes ist der Kleinste derer, die zum Neuen Bund gehören, weil der Neue Bund zu seiner Zeit noch nicht geschlossen ist. Er stirbt, noch bevor Jesus den Bund am Kreuz besiegeln kann. Johannes hat noch nicht das Privileg der Erlösung erhalten. In dieser heilsgeschichtlichen Erklärung ist Johannes der Kleinste im Himmelreich. Darin ist jeder erlöste Mensch des Königtums Gottes ihm voraus.
Jesus deutet an, wie sehr dem Himmelreich bisher Gewalt angetan worden ist. Dies ist auf verschiedenen Ebenen zu sehen: Erstens ist dem Volk Israel viel Gewalt angetan worden, das das auserwählte Volk und die Braut Gottes ist. Israel selbst hat „von innen“ das Reich angegriffen jedesmal, wenn es anderen Göttern hinterhergelaufen ist. „Von außen“ haben genug Völker um Israel herum Gottes Reich Gewalt angetan durch Unterdrückung und vor allem Götzendienst. Überall, wo Sünden begangen wurden, ist dem Gottesreich Gewalt angetan worden. Dies gilt zu allen Zeiten und besonders da, wo Gottes auserwählte Propheten umgebracht und nicht gehört werden. Die allerschlimmste Gewalt wird dem Reich jedoch angetan mit der Tötung seines einzigen Sohnes, den er ihnen gesandt hat, um ihnen das Reich Gottes in Person zu zeigen.
Zum Ende des Evangeliums hin verwendet Jesus den Code des wiedergekommenen Elija, um den Schriftkundigen, den Juden in Messiaserwartung, die heilsgeschichtliche Bedeutung des Johannes zu verdeutlichen. Er spricht in ihrer Sprache, um ihnen die Erfüllung der messianischen Verheißung klarzumachen.

Wenn Jesus sagt, dass dem Himmelreich viel Gewalt angetan wird, müssen auch wir uns angesprochen fühlen. Die Gewalt endet nicht mit Jesu Erlösungswirken. Jedesmal, wenn wir sündigen, tun wir dem Himmelreich Gewalt an. Gott ist aber so barmherzig, dass er uns vergibt. Nehmen wir seine Vergebung an und tun wir alles, was in unserer Macht steht, um die Gewalt zu beenden. Den Schlussstrich wird aber Jesus selbst ziehen, wenn er am Ende der Zeiten in seiner Herrlichkeit wiederkommen wird.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der zweiten Adventswoche (A)

Jes 40,25-31; Ps 103,1-4.8.10; Mt 11,28-30

Liebe Freunde, die heutigen Schrifttexte sind einerseits ein Zeugnis gegen pantheistische und anthropomorphe Gottesvorstellungen. Andererseits wird deutlich, dass Gott jedes einzelne Leben so unendlich wichtig ist, als wäre es das einzige. Der Grundduktus von gestern wird heute fortgesetzt und nicht zufällig so: Gott ist unser Leben schließlich so wichtig, dass er seinen einzigen Sohn für uns an Weihnachten Mensch werden lässt!

Jes 40
25 Mit wem wollt ihr mich vergleichen, dass ich ihm gleich wäre, spricht der Heilige. 
26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat diese Gestirne erschaffen? Der vollzählig herausführt ihr Heer, er ruft sie alle beim Namen. Wegen seiner Fülle an Kraft und mächtiger Stärke fehlt kein einziges. 
27 Warum sagst du, Jakob, warum sprichst du, Israel: Verborgen ist mein Weg vor dem HERRN, meinem Gott entgeht mein Recht? 
28 Weißt du es nicht, hörst du es nicht? Der HERR ist ein ewiger Gott, der die Enden der Erde erschuf. Er wird nicht müde und matt, unergründlich ist seine Einsicht. 
29 Er gibt dem Müden Kraft, dem Kraftlosen verleiht er große Stärke. 
30 Die Jungen werden müde und matt, junge Männer stolpern und stürzen. 
31 Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.

Die heutige Passage aus dem Buch Jesaja beginnt mit einer rhetorischen Frage. Gott erwartet keine Antwort darauf, denn es ist klar – er ist unvergleichlich. Jesaja vermittelt weitere rhetorische Fragen Gottes, die dessen Andersartigkeit gegenüber der Schöpfung verdeutlichen: ER hat alles geschaffen, die Enden der Erde und die Gestirne. Dass er ausgerechnet den Sternenhimmel thematisiert, hat einen wichtigen Grund. Die Babylonier, unter deren Fremdherrschaft die Juden kamen, besaßen eine komplexe Astrallehre. Auch die Assyrer, die zuvor zu Fremdherrschern Israels wurden, betrieben Astronomie und Astrologie – sie machten die Gestirne verantwortlich für das ganze Leben. Gott spricht durch Jesaja nun zu seinem Volk und ordnet diese Gestirne ihm selbst unter! ER hat das Sagen, nicht die Sterne.
Gott erinnert das Volk, das die Hoffnung aufgeben will, an die vergangenen Heilstaten wie den Auszug aus Ägypten (Vers 26). Gott weiß alles, sieht alles und interessiert sich für alles (Vers 28). Auch wenn das Volk jetzt kurzzeitig in die Knie gezwungen wird, gibt Gott ihm wieder neue Kraft. Bei Gott gibt es im Schenken auch keine Grenzen („sie laufen und werden nicht müde…“). Das erinnert sehr stark an Jesu Verheißung am Jakobsbrunnen: Das Wasser, das er geben wird, tränkt, ohne dass man danach wieder Durst bekommt (Joh 4,14). Was Gott gibt, ist immer im maximalen Überfluss!
Jesajas Prophetie gibt den Hoffnungslosen wieder eine neue Perspektive in trostlosen Zeiten. Wir lesen die Verheißung vor allem christologisch: Der Messias wird zu einer Zeit kommen, in der die Römer das Volk unterdrücken. Er wird den Hoffnungslosen wieder Hoffnung machen, aber nicht politischer Art, sondern geistiger. Er wird die Menschen aus der Hoffnungslosigkeit ihres sündhaften Lebens befreien. Er tat es bereits und tut es auch heute noch durch die Kirche. Jesus spendet durch die Priester Versöhnung in der Beichte und stärkt das pilgernde Gottesvolk auf dem Weg in die Ewigkeit durch die Eucharistie. Der Geist, den wir durch die Heilsmittel geschenkt bekommen, verleiht jedem Einzelnen Flügel, sodass wir über uns selbst hinauswachsen. Unsere Laster werden wir Hand in Hand mit dem Hl. Geist zu Tugenden umwandeln und die Sünder werden immer mehr zu Heiligen gemäß ihrer Berufung. Gott versagt seine Gnade keinem Menschen, doch die Menschen öffnen sich nicht immer dafür. Wir Katholiken haben die Chance, die „Leitung“ wieder reparieren zu lassen, die durch die Sünde zerschnitten worden ist. Wenn wir wieder im Stand der Gnade sind, kann der Geist Gottes uns wieder ganz durchdringen. Am Ende der Zeiten wird Gott uns ganz und gar durchdringen, denn wir werden ganz in ihm sein und er in uns – ungleich viel mehr als jetzt.
Kennen auch wir nicht diese Versuchung, dass wenn im Leben vieles schief geht und wir Gottes Anwesenheit nicht spüren, wir zu murren beginnen? Sagen wir nicht auch so schnell „Gott sieht mich gar nicht, er hat mich vergessen, ich bin ganz allein, er hilft mir NIE“? Gott will durch Jesaja auch uns zusagen, dass wir ihm nicht egal sind. Er sieht unser ganzes Leben und will auch uns stärken, damit wir unser Kreuz tragen können. Er erinnert uns an all die Gnaden, die er uns in unserem Leben bereits geschenkt hat. Wie schnell werden wir vergesslich in dem, was wir Gutes erhalten haben! Auch als Kirche sind wir schnell darin, uns zu beschweren, wenn wir von innen und außen Bedrängnis erfahren. Mit der zunehmenden Gottlosigkeit resigniert so manche Gemeinde mehr und mehr. Das ist nicht der richtige Weg. Gott ist doch in ihrer Mitte durch die Eucharistie. Er handelt, auch wenn wir die Früchte gerade nicht sehen. Auch diese Zeit – oder gerade diese Zeit! – ist eine Gnadenzeit. Wir müssen nicht resignieren, sondern dürfen bei ihm Kraft holen. Und durchhalten. Es wird alles gut.

Ps 103
1 Von David. Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! 
2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 
3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt,
4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt.
8 Der HERR ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld. 
10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.

Auch der Psalm greift die allzu menschliche Versuchung auf, schnell zu meckern über das, was man nicht hat und zu vergessen, was man schon alles erhalten hat. Wir haben immer Grund zum Lobpreis, weil Gott uns so viel Gutes getan hat. Er vergibt uns jeden Tag, wirklich JEDEN TAG, jeden Moment unseres Lebens unsere Sünden, wo wir umkehren! Wie unendlich viel Geduld hat Gott mit uns! Schon das Volk Israel kann viele Geschichten darüber erzählen…Wie oft ist es anderen Göttern nachgelaufen, wie oft hat es undankbar gehandelt. Und doch ist Gott seinem auserwählten Volk treu geblieben, hielt sein Versprechen, seinen Bund! Wie oft hat er es zurückgeholt, in dem er eine Fremdherrschaft nach der anderen zugelassen hat! Würden wir die Kraft haben, unserem Partner zu vergeben, wenn er/sie mir fremdgegangen ist? Nichts anderes tat und tut Gott mit uns, mit seiner geliebten Braut. Auch die Kirche als Volk Gottes schaut anderen hinterher und wird untreu, wo auch immer sie der Welt gefällt, sich von Gottes Willen entfernt. Und doch bleibt Christus seiner Braut treu und hält sein Versprechen, bei ihr zu sein alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt 28). Er kommt trotzdem in der Eucharistie zu uns und spendet auch die anderen Sakramente. Gott vergibt uns immer und immer wieder die Schuld in der Beichte, auch wenn wir immer dieselben Sünden begehen. So geduldig ist er mit uns! Er gibt uns jedes Mal auch noch die Kraft durch das Beichtsakrament, das nächste Mal der Sünde zu widerstehen. Seine Gnade kennt keine Grenzen. Seine Barmherzigkeit ist auch noch so unendlich, dass er uns sogar die Chance auf das Himmelreich gibt, wenn wir noch nicht alles gesühnt haben. Das, was wir Fegefeuer nennen, mit Blick auf die Ewigkeit DER Beweis seiner vergebenden Barmherzigkeit!
Gott heilt all unsere Gebrechen. Ja, er heilt in erster Linie unsere Seele, das ewige Leben. Er heilte die Beziehung zwischen seinem Volk und ihm. Er heilte auch damals schon körperliche Gebrechen und soziale Ausgrenzung. Er heilte die Seele derer, die keine Hoffnung mehr hatten und er stärkte die Ängstlichen mit dem Geist des Mutes. Gott heilte ganz besonders durch Jesus Christus. Dieser heilte in erster Linie auch die Seele und die Beziehung der Menschen zu Gott durch die Sündenvergebung. Der Gelähmte, der über das Dach auf einer Trage hinabgelassen wurde, wurde zunächst seelisch geheilt, bevor Jesus ihm als Bonus auch die körperliche Heilung schenkte. Jesus sagte: „Euch soll es zunächst um das Reich Gottes gehen, alles Andere wird euch dazu gegeben.“ Jesus heilte auch die vielen Ausgegrenzten von ihren sozialen Gebrechen, in dem er sie körperlich heilte – sei es die blutflüssige Frau, die Blinden oder die vielen Aussätzigen. Vor allem trieb er auch Dämonen aus, die den Geplagten seelische Folter bescherten.
Jesus heilt auch heute noch durch die Sakramente. Wenn Sie sich mit dem Heilungs- und Befreiungsdienst der Kirche befassen, werden Sie oft zu hören bekommen: Das größte Heilungsgebet – auch gerade um körperliche Heilung – sind die Beichte und die Eucharistie. Wenn die Beziehung zu Gott wieder versöhnt ist, kann Gottes Kraft im Menschen wirken. Gott wird auch am Ende der Zeiten alles heil machen, sodass es nicht mal mehr den Tod geben wird.
Alles, was Gott an uns Menschen tat, tut und tun wird, hat das Ziel, uns das ewige Leben zu ermöglichen. Er will uns vor dem Untergang retten. Das ist für das Volk Israel zunächst das Ende des Fortbestehens, der Generationenabfolge und des Kultes. Es betrifft später auch das Leben nach dem Tod, als die Israeliten nach und nach eschatologische Zusammenhänge begriffen. Dies betrifft den Fortgang der Kirche als Leib Christi. Jesus hat Petrus zugesagt, dass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen werden. Es meint im Hinblick auf jeden Einzelnen den moralischen Untergang, der nach dem Tod dann den Untergang der Seele zur Folge hat. Er rettet uns vor dem seelischen Tod, der Hölle, in dem er uns immer wieder Anlass zur Umkehr schenkt und wir noch bis zum Moment des Todes bereuen können. Gott ist wirklich langmütig, das heißt unendlich geduldig mit uns. Sein Gericht ist kein Berechnen im Sinne von: „Dies und das hast du getan, das ergibt so und so viel Strafe.“ Er richtet vor allem nach unserem Herzen, nach unserer Absicht und diese gibt Aufschluss über die Konsequenz. Und darüber hinaus währt seine Barmherzigkeit nach dem Maß unserer aufrichtigen Reue. Es ist wirklich ein entlarvender Psalm, der nämlich das Vorurteil entkräftet, im Alten Testament komme nur der strenge Richtergott vor. Schon hier lesen wir von Gottes unendlicher Barmherzigkeit.

Mt 11
28 Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. 
29 Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. 
30 Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

In Jesus verdichtet und personifiziert sich nun alles, was wir in den Texten des AT gelesen haben. Er ist die Güte und Barmherzigkeit in Person. Er will Ruhe verschaffen. Wenn wir zu leiden haben, müssen wir es nicht alleine tragen, sondern er lädt uns ein, damit zu ihm zu kommen. Wir müssen nicht resignieren wie die Israeliten im babylonischen Exil oder die Juden zurzeit der Römerherrschaft. Wir müssen es gar nicht so weit kommen lassen, dass wir zu hadern beginnen und verbittern. Auch diese Einladung Jesu ist Zeichen der großen Barmherzigkeit Gottes.
Von ihm lernen wir heute noch etwas Anderes: Eine Last zu tragen, ist notwendig. Wir alle müssen ein Joch tragen, aber es kommt darauf an, welches! Gottes Kreuz, das er uns auferlegt, ist auf uns abgestimmt. Wir haben bei Jesaja gelesen, dass Gott uns durch und durch kennt. Er hat uns schließlich geschaffen und kennt so auch unsere Grenzen. Sein auferlegtes Kreuz, das „Joch“, ist leicht und drückt nicht. An anderer Stelle sagt Jesus, dass wer sein Jünger sein will, sein Kreuz auf sich nehmen und tragen muss. Wenn wir Gottes Kreuz tragen, werden wir inneren Frieden haben und vor allem gibt er uns Kraft. Wir werden über uns hinauswachsen. Dies betrifft einerseits den einzelnen Christen, der die Gebote Gottes auf sich nimmt. Gottes Willen zu leben, ist nicht schwer und gibt uns inneren Frieden. Wir erhalten die Kraft und die Gnade, seinen Willen zu tun. Wo wir an unsere Grenzen stoßen, wachsen wir über uns hinaus durch seine helfende Gnade. Auch als ganze Kirche dürfen wir und müssen wir zu ihm kommen. Wir leben in einer Glaubenskrise. Immer mehr Menschen sind dem Namen nach Mitglied der Katholischen Kirche, leben aber nicht mehr nach den Geboten und nehmen die Heilsmittel nicht in Anspruch. Immer weniger Menschen glauben an Christus und daran, dass er in der Kirche lebt und wirkt. Auch diese Last müssen wir zum Herrn bringen und um Bekehrung und Erneuerung der Kirche beten! Wie oft werden stattdessen Sitzungen und Gespräche abgehalten, menschliche Krisenbewältigung und Anstrengungen unternommen, als ob diese Dinge das eigentliche Problem lösen könnten! Dabei müssen wir zuerst zu Christus zurückkehren. In erster Linie muss der Klerus wieder geistlich werden und auf Knien um Vergebung bitten. Und auch wir, jedes einzelne Glied des Leibes, muss bei sich anfangen und umkehren. Eine im Glauben erneuerte Kirche wird wieder authentisch und missionarisch sein. Auch als Kirche das Joch Christi auf sich zu nehmen, wird fruchtbar sein, nicht das Ablegen des Jochs durch die Angleichung an den Zeitgeist.

Kommen wir in diesen adventlichen Wochen zu ihm, der uns Ruhe verschaffen will. Schauen wir nicht auf den Stress, den Menschen sich im Advent jetzt freiwillig antun, in dem sie den Konsumrausch, die Oberflächlichkeit und die Gereiztheit der Welt mitmachen. In diesen Wochen geht es um die Vorbereitung auf das Kommen des Herrn. Er wird uns innerlich vorbereiten durch die Sakramente, auf die wir uns jetzt vermehrt vorbereiten sollten. Lernen wir von ihm, der von Herzen sanftmütig und demütig ist.

Ihre Magstrauss

Dienstag der zweiten Adventswoche (A)

Jes 40,1-11; Ps 96,1-3.10-13; Mt 18,12-14

Jes 40
1 Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. 

2 Redet Jerusalem zu Herzen und ruft ihr zu, dass sie vollendet hat ihren Frondienst, dass gesühnt ist ihre Schuld, dass sie empfangen hat aus der Hand des HERRN Doppeltes für all ihre Sünden! 
3 Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt den Weg des HERRN, ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott! 
4 Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. 
5 Dann offenbart sich die Herrlichkeit des HERRN, alles Fleisch wird sie sehen. Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen. 
6 Eine Stimme sagt: Rufe! Und jemand sagt: Was soll ich rufen? Alles Fleisch ist wie das Gras und all seine Treue ist wie die Blume auf dem Feld. 
7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Atem des HERRN darüber weht. Wahrhaftig, Gras ist das Volk. 
8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit. 
9 Steig auf einen hohen Berg, Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! Sag den Städten in Juda: Siehe, da ist euer Gott. 
10 Siehe, GOTT, der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm. Siehe, sein Lohn ist mit ihm und sein Ertrag geht vor ihm her. 
11 Wie ein Hirt weidet er seine Herde, auf seinem Arm sammelt er die Lämmer, an seiner Brust trägt er sie, die Mutterschafe führt er behutsam.

Der heutige Jesajatext kündigt die babylonische Gefangenschaft an, mit der eine große Bedrängnis für die Juden kommen wird. Ihr Tempel wird ihnen weggenommen werden und sie werden Gott nicht mehr opfern können. Wenn es heißt: „Redet zum Herzen Jerusalems“, dann meint es wohl zu den Herzen der Menschen, ihnen ins Gewissen zu reden. Denn das, was genannt wird, betrifft ihr Verhalten: Jesajas Worte deutet Jerusalems Zustand als Folge ihrer Sünde. Die Sühne ist mit dem Abschluss des Exils jedoch abgeschlossen, sodass sie dafür doppelt so viel erhalten. Ihr Frondient ist zuende. Diese Übersetzung ist nicht die Primäre, aber passt sehr gut für den Literalsinn in diesem Kontext: Die Juden sind von den Babyloniern gefangen genommen worden und mussten ihnen gewiss dienen. Jesaja kündigt in dem Kapitel zuvor König Hiskija an, dass dessen Söhne als Eunuchen im babylonischen Palast dienen würden. Das hebräische Wortצְבָאָ֔הּ  zwa’ah bedeutet primär „Drangsal, Not“. Das griechische AT sagt an der Stelle tapeinosis, in der Offb wird stattdessen tlipsis geschrieben. Es umschreibt eine Bedrängnis, die mit dem leidvollen Dasein dieser Welt zu tun hat. Es ist ein eschatologischer Begriff und deshalb eschatologisch auszulegen. Die Zeit der Bedrängnis ist auch allegorisch gelesen vorbei, denn bald kommt der Messias. Das perspektivlose Volk hat wieder Grund zur Hoffnung. Heilsgeschichtlich gesehen kommt mit dem Messias die Wende. Vom Sündenfall bis zu Gottes Menschwerdung war der Himmel verschlossen. Kein Mensch hatte Zugang. Dies ändert sich mit der messianischen Heilszeit. Jesus ist gekommen und hat uns erlöst. Durch die Kirche bringt er auch heute noch Hoffnung in eine Zeit der Perspektivlosigkeit und Verzweiflung. Der Frondienst der Sünde hat ein Ende, wo die Menschen Jesus als Herrn und Erlöser akzeptieren und umkehren. Dies zeigen sie durch die Sakramente, in denen sie sich taufen lassen und ein christliches Leben mit regelmäßiger Beichte und Eucharistie führen. So werden sie immer wieder von der Bedrängnis befreit. Das Wort zwa’ah kann auch mit Kampf, Heer, Kriegsdienst übersetzt werden. Die Menschen stehen untereinander und in sich selbst im Zwiespalt. Von diesem werden sie durch Christus befreit. Wir bekommen inneren Frieden und können von dort aus auch mit anderen Menschen in Frieden leben. Wir kämpfen auch nicht mehr gegen Gott durch die Sünde, sondern versöhnen uns mit ihm in der Beichte. Schließlich ist die Zeit des Kampfes am Ende der Zeiten ganz vorbei, wenn Jesus wiederkommt. Dann werden wir nicht mehr die streitende Kirche, sondern die triumphierende oder leidende Kirche sein (mit Aussicht auf die triumphierende Kirche). Diese endgültige Befreiung der gesamten Weltgeschichte vom Bösen am Ende der Zeiten sowie das Kommen des Messias als Mensch werden durch eine Stimme angekündigt, die in der Wüste ruft. Dieser ist ein Ruf zur Umkehr und Vorbereitung auf den Messias. Nach dem Literalsinn könnte man meinen, dass es sich auf Jesaja und die Propheten nach ihm bezieht. Das Rufen aus der Wüste bezieht sich dann auf die judäische Wüste, die später dann auch zum Schauplatz des Täufers wird. Dieser ist dann typologisch auf Jesaja zu beziehen. Er ruft nämlich gerade zu Umkehr und Vorbereitung auf den Messias. Ekklesiologisch weitergedacht wird die Kirche immer wieder zur Stimme, die in der Wüste die Menschen ruft, damit sie an die Quelle lebendigen Wassers kommen, die eine Oase mitten in der Dürre der Wüste sind. Hier handelt es sich um geistige Dimensionen. Schauen wir auf unsere Welt, die seelisch vertrocknet. Die Kirche ruft die Menschen konkret zu den Sakramenten, insbesondere der Beichte als Umkehr und der Eucharistie als Begegnung mit dem fleischgewordenen Wort Gottes. Gott ruft jeden Menschen durch die eigene innere Stimme des Gewissens zu sich, sodass er umkehrt und wieder in den Stand der Gnade kommt.

Wenn es dann heißt „die Welt wird ihn sehen“, meint es zunächst den Messias, der Mensch geworden ist und unter den Menschen gelebt hat. Es mein aber auch sakramental das Sehen in der Eucharistie. Die Welt sieht ihn auch im liebenden Mitmenschen, im Nächsten. Diese moralische Perspektive hat er ihnen selbst durch seine Rede eröffnet, dier er mit den Worten beschließt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan (Mt 25).“ Schließlich meint es am Ende der Zeiten das Kommen des verherrlichten Menschensohns. Es heißt bei der Ankündigung, dass jedes Auge ihn sehen werde (Offb 1). Interessant ist der Nachsatz: Denn der Mund des Herrn hat geredet. Das Wort, das Gott spricht, ist ja der Sohn, der Mensch geworden ist. Das bezieht sich wiederum auf Christus. Durch die Vergleiche mit der vergehenden Schöpfung wird dieses Wort Gottes als ewig gekennzeichnet, wodurch Jesu Existenz als ewig mitgesagt wird. Jesus selbst sagt an einer Stelle dann: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Wort werden nicht vergehen (Mt 24).“
Weiter heißt es, dass der Messias mit Kraft kommt und sein Arm seine Herrschaft ausübt. Das ist nicht nur wörtlich zu verstehen im Sinne einer politischen Befreiungsaktion. Sonst könnte man auch an Kyros denken, der das Volk ja kurzzeitig befreit und den Bau eines neuen Tempels ermöglicht. Es muss sich um eine umfassende Befreiung handeln und bezieht sich deshalb auf einen Messias mit übermenschlicher, eschatologischer Macht. Er wird nicht innerpolitisch (im Sinne von „innerhalb der Welt“) herrschen. Er wird auch nicht mit Gewalt herrschen, wie wir es von weltlichen Regenten gewohnt sind, sondern mit einer Liebeskraft, die in der Ohnmacht und Schwachheit zutage tritt. Dass wir solch einen Messias erwarten und eben nicht so einen Kyros, zeigt sich an der Aussage, dass er wie ein Hirte sein und weiden wird. Dies wird sich mit Jesus erfüllen, der selbst sagen wird: „Ich bin der gute Hirte (Joh 10).“ In seiner Nachfolge wird er Petrus dazu aufrufen, wie ein Hirte zu sein: „Weide meine Lämmer (Joh 21).“

Ps 96
1 Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Lande, 

2 singt dem HERRN, preist seinen Namen! Verkündet sein Heil von Tag zu Tag!
3 Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit, bei allen Völkern von seinen Wundern! 10 Verkündet bei den Nationen: Der HERR ist König! Fest ist der Erdkreis gegründet, er wird nicht wanken. Er richtet die Völker so, wie es recht ist. 
11 Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke, es brause das Meer und seine Fülle. 
12 Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst. Jubeln sollen alle Bäume des Waldes 
13 vor dem HERRN, denn er kommt, denn er kommt, um die Erde zu richten. Er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit und die Völker nach seiner Treue.

Auch der heutige Psalm beginnt mit den signalhaften Worten „neues Lied“. Dadurch wissen wir, dass es messianische Aussagen geben wird: „Verkündet sein Heil“ wird dann für uns Christen auffällig christologisch, weil in den Worten „sein Heil“ hier wieder der Name Jesus enthalten ist. Während hier wörtlich das Heil Gottes als messianische Verheißung verkündet werden soll, sind wir Christen dadurch aufgerufen, Jesus Christus zu verkünden, der das Heil ist (Nomen est omen). Das ist einer der drei Hauptvollzüge der Kirche – die Verkündigung (martyria). Jeder einzelne Christ bezeugt dieses Heil durch sein Handeln. Wo wir einander lieben und die Gebote Gottes halten, kommt das Heil in die Welt, das Reich Gottes wird dann schon jetzt spürbar. Am Ende der Zeiten werden wir das Heil verkünden – aber als ewigen Lobpreis in Gottes Gegenwart, mit allen Engeln und Heiligen.
Der Psalm verrät auch mehr darüber, das in Jesaja noch zwischen den Zeilen steht: Gott ist der König, der Herrscher. Die messianische Erwartung geht über eine menschliche Figur hinaus. Ganz in typischem Psalmenstil ruft der Psalmist die ganze Schöpfung dazu auf, den Herrn zu lobpreisen, denn der Messias kommt, der universales Heil bringt.
Was auffällig ist und auch in der Offb so formuliert wird: Gott wird nicht sein, sondern er kommt. Gleich zweimal wird dies hier ausgesagt. Gott ist schon unterwegs zu uns, statt in unbestimmter Zukunft erwartet zu werden. Das ist der Kern adventlicher Erwartung, sowohl auf Weihnachten hin als auch auf das Ende der Zeiten hin. Schließlich befinden wir uns momentan in einem doppelten Advent – dem des Kirchenjahres und dem zweiten Advent bis zur Wiederkunft Christi. Wir leben auch in adventlicher Erwartung auf die Eucharistie. Jesus Kommt sakramental immer wieder zu uns und wir leben in eucharistischer Mentalität. Meine Oma hat dies sehr intensiv gelebt. Für sie war nach der Eucharistie vor der Eucharistie. Sie bereitete sich nach der Messe schon auf die nächste Messe vor, was für sie sehr beschwerlich war. Sie war sehr krank und schwach, dennoch sammelte sie jeden Tag von neuem ihre ganze Kraft, um das Highlight des Tages, die Heilige Messe, miterleben zu können. Gott kommt auch immer wieder in unser alltägliches Leben. Wir müssen nur genau hinschauen. Wie viele Wunder geschehen von Tag zu Tag, an denen man Gottes Eingreifen erkennen kann. Wir empfangen den Herrn in der Kommunion und wenn wir es zulassen, dann bleibt er bei uns. Er bestimmt unser Leben und stärkt uns in den täglichen Kämpfen.
Im Psalm fällt auch auf, dass das Gericht Gottes sehr positiv gesehen wird. Gottes Gerichtshandeln ist absolut gerecht und dadurch eine Erlösung von der Ungerechtigkeit, unter der das Volk Israel leidet. Auch wir haben nichts zu befürchten, wenn wir uns aufrichtig um unsere Beziehung zu Gott bemühen. Konkret zeigt sich dies durch unsere Früchte – aus Liebe seine Gebote zu halten und die Heilsmittel dafür in Anspruch zu nehmen.

Mt 18
12 Was meint ihr? Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen sich verirrt, lässt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück, geht hin und sucht das verirrte? 
13 Und wenn er es findet – Amen, ich sage euch: Er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. 
14 So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht.

Das heutige Evangelium ist kurz, aber sehr inhaltsreich. Es handelt sich um das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Jesus greift damit eine Metapher auf, die wir bereits bei Jesaja gelesen haben. Gottes Liebe brennt für jeden einzelnen und ist so groß, dass er ein einziges verlorenes Schaf so lange sucht, bis er es findet. Es handelt sich um ein Gleichnis und solche hinken immer etwas. Gott ist ja allmächtig im Gegensatz zu einem menschlichen Hirten. Er kann auch hinter jedem verlorenen Schaf herlaufen, ohne neunundneunzig Schafe zurückzulassen. Das ist dem Bild geschuldet. Das Entscheidende, das Jesus sagen will, ist: Gott liebt jeden einzelnen Menschen so sehr, als wäre er der einzige auf der ganzen Welt! Gott unternimmt alles, einfach alles, um die Liebe dieses Schafes zu gewinnen. Er wird so weit gehen, am Kreuz zu sterben, damit dieses Schaf nicht verloren geht. Und seien wir ehrlich. Wir sind nie nur eines der neunundneunzig Schafe. Weil wir Sünder sind, werden wir immer wieder zum verlorenen Schaf. Jesus erfüllt mit dieser ganzen Rede vom Hirten und der Schafe das Schriftwort aus Jesaja und die Leute werden es erkannt haben. Im Gegensatz zu den meisten Menschen heutzutage kannten sie ihre Hl. Schrift durch und durch. Jesus hat in seine Nachfolge Hirten berufen, die mit derselben Weise Menschen für Gott gewinnen sollen. Wie oben erwähnt hat er Petrus explizit zum Weiden berufen (Joh 21). Die Kirche sucht nach jedem verlorenen Schaf und bietet ihm die Versöhnung an in der Beichte, in den Sakramenten, durch ihre Pastoral. Auch jeden einzelnen Menschen ruft Gott zu sich zurück durch das Gewissen. Er geht jedem Menschen in seinem Leben nach und ruft ihn unermüdlich bis zur letzten Sekunde seines Lebens. Er versucht alles, damit der Mensch sich selbst noch im Augenblick seines Todes bekehrt. Am Ende der Zeiten wird Gott die Versprengten Schafe zum himmlischen Jerusalem sammeln wie ein eschatologischer Hirte. Dann wird die Herde versammelt sein und das ewige Heil schauen. Und dann wird ewige Freude über jeden Bekehrten herrschen.

Zweiter Adventssonntag (A)

Jes 11,1-10; Ps 72,1-2.7-8.12-13.17; Röm 15,4-9; Mt 3,1-12

Jes 11
1 Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. 
2 Der Geist des HERRN ruht auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. 
3 Und er hat sein Wohlgefallen an der Furcht des HERRN. Er richtet nicht nach dem Augenschein und nach dem Hörensagen entscheidet er nicht, 
4 sondern er richtet die Geringen in Gerechtigkeit und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt das Land mit dem Stock seines Mundes und tötet den Frevler mit dem Hauch seiner Lippen. 
5 Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften und die Treue der Gürtel um seine Lenden. 
6 Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie. 
7 Kuh und Bärin nähren sich zusammen, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. 
8 Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus. 
9 Man tut nichts Böses und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des HERRN, so wie die Wasser das Meer bedecken.
10 An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein, der dasteht als Feldzeichen für die Völker; die Nationen werden nach ihm fragen und seine Ruhe wird herrlich sein.

Diese Jesajalesung ist uns in der letzten Woche bereits begegnet (Lesen Sie gerne die Ausführungen vom Dienstag der ersten Adventswoche!). Jesaja sieht eine Friedensvision, die zunächst auf eine konkrete historische Situation zu beziehen ist/war: Gerade der erste Teil der Vision lässt auf eine Figur hoffen, die das Volk aus der Fremdherrschaft, der Unterdrückung und später aus dem Exil befreit. Viele Andeutungen wie der Nachkommenschaft Isais und der politischen Funktion lassen auf König David schließen, der aber schon 300 Jahre zuvor gelebt hat. Im Hebräischen sind die Verbformen jedoch zukünftig formuliert und weisen auf ein noch ausstehendes Ereignis hin. Wir denken als Christen an den Messias, der aus dem Stamm Juda kommt und als Sohn Davids bezeichnet worden ist. Es kann also in Jesaja schon vom Text selbst her nicht bei der Erwartung einer politischen Figur bleiben. Der Text gibt bereits her, dass es sich nicht um einen einfachen Menschen handeln kann: Kein Mensch kann bewirken, dass die uns bekannte Nahrungskette und das gegenseitige Fressen der Tiere verändert wird. Kein Mensch kann die Sünde der Welt ausmerzen. Das kann nur Gott. Jesajas Text ist durch und durch messianisch. Besonders interessant ist der oft überlesene Satz „ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“. Auch hier heißt es wörtlich „wird Frucht bringen“. Im Kontext des Kommens des Messias wird das Fruchtbringen noch nicht seinen Tod und seine Auferstehung, sein Erlösungswirken meinen. Was kann es also sonst heißen? Gott konnte die Verheißung, als Davidide Mensch zu werden, nur erfüllen, wenn er durch eine Davididin zur Welt kommen würde. Und das führt uns zur Lösung: Maria war Davididin! Sie war der Schößling aus den davidischen Wurzeln, wie es wörtlich heißt. Und wird Frucht bringen. Dieser Text ist also nicht nur eine Verheißung des Messias, sondern auch der Frau, durch die er in die Welt kommt! Interessant ist, dass der Wortstamm des hebräischen Wortes נֵצֶר nezer derselbe wie im Namen der Stadt Nazaret ist! Es fällt also eine Mehrdeutigkeit in dem Text auf, der sowohl auf den Messias als auch auf die Davididin hinweist, die ihn gebären wird.
Dann wird angekündigt, dass die kommende Heilsgestalt geistbegabt sein werde (Vers 2). Es werden die Gaben des Hl. Geistes genannt, die auch uns vertraut sind. Dabei fehlt die Frömmigkeit. Das hängt damit zusammen, dass wir die Gottesfurcht zweiteilen und die Frömmigkeit als andere Seite der Gottesfurcht verstehen. Später wird es in der Offb heißen, dass das Lamm sieben Augen besitzt und diese die Geister Gottes seien (Offb 5). Wir verstehen die Geistbegabung des Messias in diesem Bild in der Tiefe erst, wenn wir Jesaja kennen. Es ist wieder die Rede vom Gericht. Wie die letzten Tage auch schon genannt sind die Maßstäbe anders als diejenigen hier auf Erden. Man liest die Verse weniger als Bedrohung, sondern als tröstende Verheißung, weil es bei dem Gericht um die Abrechnung mit den Ungerechten geht. Bemerkenswert ist auch, dass diese angekündigte Figur mit dem Stab ihres Mundes richten werde – das erinnert uns an Hebr und Offb, wo der Stab zum zweischneidigen Schwert wird und das Wort Gottes umschreibt. Auch dieses Bild wird im NT zum messianischen Code, wenn man Jesaja als Hintergrundfolie kennt. Unerwartet ist zudem das Richten mit dem „Hauch seiner Lippen“. Das hat ebenfalls eine messianische Dimension. Wir denken an die Auferstehungsberichte der Evangelien, in denen der Auferstandene den Aposteln erscheint und sie anhaucht mit den Worten: „Empfangt den Hl. Geist!“ Diesen hat er zuvor am Kreuz ausgehaucht (Mk 15,37 ἐξέπνευσεν exepneusen, darin steckt pneuma, der Geist). Dies macht auch Sinn, weil auf dem angekündigten Messias ja der Geist Gottes ruht. Im Anschluss werden dem Messias die Eigenschaften der Gerechtigkeit und Treue zugeschrieben – zwei absolut göttliche Kennzeichen. Sie werden bildhaft als dessen Gürtel bezeichnet, der Träger ist also vorbereitet oder gerüstet (für den Kampf oder den Kult). 
Die wunderbare Friedensvision ist eine Beschreibung der neuen Schöpfung. Dabei erfährt man einiges darüber, wie die Schöpfung vor dem Sündenfall war. Dies ist unerlässlich im Kontext des messianischen Friedensreichs: Der Messias stellt den Anfang der neuen Schöpfung dar und deshalb wird auch der Rest der Schöpfung paradiesisch sein. Die Auswirkungen des Messias sind mehrdimensional: Einerseits deutet diese Verheißung hinaus auf den Messias, mit dem der Frieden schon spürbar gekommen ist. Jede Hl. Messe, in der der Messias sakramental kommt, ist ein Moment des Friedens und der Ordnung. Nehmen Sie der Kirche die Sakramente weg, es wird nur noch Chaos und Zerstörung herrschen. Die Eucharistie ist die Mitte des gesamten kirchlichen Lebens, das alles andere an seinen richtigen Platz stellt. Wo Gott die Mitte des Lebens eines Christen ist, da ist Ordnung. Der Mensch wird heil an Leib und Seele, wenn er nach den Geboten Gottes lebt. Und wenn auch von außen Angriffe kommen sollten, verliert er den inneren Frieden nicht. Am Ende der Zeiten wird der Messias als verherrlichter Menschensohn wiederkommen und Gott wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen (Offb 21). Bei der Friedensvision hier bei Jesaja ist bemerkenswert, dass die Tiere sich nicht mehr gegenseitig fressen werden. Dies deutet darauf hin, dass die uns bekannte Nahrungskette ein Phänomen nach dem Sündenfall ist und ursprünglich anders vorgesehen war. Es zeigt eine umfassende Versöhnung – zwischen den Tieren untereinander und zwischen Mensch und Tier. Es ist kein Zufall, dass die Rede von einem Kind ist, das friedlich mit einer Schlange spielen kann. Das ist ein Verweis auf Gen 3,15, wo Gott nach dem Sündenfall die Feindschaft zwischen der Schlange und dem Nachkommen Evas angekündigt hat. Mit dem Christuskind, so erkennen wir Christen dieses Bild, wird diese sündige Natur überwunden. Das ist wieder ein Zeichen der neuen Schöpfung.
Wenn es dann heißt: „Man wird nichts Böses mehr tun auf meinem Hl. Berg“, dann spielt dies anagogisch natürlich auf den Himmel an, in dem nichts Böses Platz finden wird. Dann ist der Hl. Berg ein Bild für das Himmelreich. Dies erfüllt sich allegorisch gesehen schon anfangshaft mit der Kirche, die die Gemeinschaft der Heiligen ist, die zur Heiligkeit berufen sind. Diese sündigen trotz Berufung weiter und beleidigen dadurch nicht nur Gott, sondern auch die Gemeinschaft. Deshalb ist es so großartig, dass sie das Sakrament der Beichte in Anspruch nehmen und zurück zum Stand der Gnade kommen können. Ich persönlich kann stets umkehren und die Gemeinschaft mit Gott ist nur solange intakt, wie ich nicht etwas dagegen tue durch meine Sünde. Und wenn ich die Eucharistie empfange, um mich mit Gott zu vereinen, kann auch nur Gemeinschaft (communio) sein, wenn ich frei vom Bösen bin. Dann ist die Kommunion ein himmlischer Moment in meinem Herzen.
„Das Land ist erfüllt von der Erkenntnis“ – dieser ausstehende Zustand erfüllt dann dies, was 1 Joh 3,2 ankündigt: Wir werden ihn, also Gott, sehen, wie er ist. Sünde bedeutet johanneisch ja immer, dass man Gott nicht erkannt hat. Diese Erkenntnis-Aussage in Jesaja ist also zusammen mit dem vorherigen Vers zu lesen, der die Nichtexistenz von bösen Taten auf dem Hl. Berg prophezeit.
Der letzte Vers ist erneut mehrdeutig. Entweder ist er auf den Spross Christus oder auf den Spross Maria zu beziehen: Zum Zeichen für die Völker (das hebräische Wort hat die primäre Bedeutung „Wunder, Zeichen“) wird der Messias insofern, als er selbst auf wundersame Weise Teil dieser Welt wird und im Laufe seines Lebens Wunder vollbringen wird. Zum Zeichen wird aber auch seine Mutter, da sie ihn als Jungfrau vom Hl. Geist empfängt. Spätestens in Offb 12 wird dies deutlich, wo sie zum Archetypen der Kirche wird. Zum Feldzeichen wird der Messias durch den Kampf mit dem Wort Gottes (seinem zweischneidigen Schwert) und dem Hl. Geist, dem Hauch seiner Lippen. In Offb 19 wird dieses Kämpfen mit spirituellen Waffen deutlich, wo der Feldherr der himmlischen Heerscharen bei der Endschlacht als das Wort Gottes bezeichnet wird und mit dem zweischneidigen Schwert kämpft.
Wenn es am Ende heißt „Seine Ruhe wird herrlich sein“, kann man das hebräische Wort und dessen Stamm נחת nachat auch mit „Ruhestätte“ übersetzen (das Verb dazu ist „herabfahren“), so z.B. die Elberfelder Bibel. Dies wiederum lässt eine christologische Deutung des Verses zu: Die Ruhestätte auf dem Zion erinnert an den Todesort und die Begräbnisstätte Christi in Jerusalem. Dieser ist zum Ort der Herrlichkeit geworden aufgrund der Auferstehung!

Ps 72
1 Für Salomo. Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten. 
2 Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden durch rechtes Urteil.
7 In seinen Tagen sprosse der Gerechte und Fülle des Friedens, bis der Mond nicht mehr da ist. 
8 Er herrsche von Meer zu Meer, vom Strom bis an die Enden der Erde.
12 Ja, er befreie den Armen, der um Hilfe schreit, den Elenden und den, der keinen Helfer hat. 
13 Er habe Mitleid mit dem Geringen und Armen, er rette das Leben der Armen.
17 Sein Name soll ewig bestehen, solange die Sonne bleibt, sprosse sein Name. Mit ihm wird man sich segnen, ihn werden seligpreisen alle Völker. 

Auch Psalm 72 begegnete uns schon letzten Dienstag. Salomo bittet um Gottes Gerechtigkeit und Rechtssprüche. Sowohl der König als auch der Königssohn (David und Salomo) bitten zunächst um konkrete irdische Dinge. Darüber hinaus lassen sich die Bitten aber auch messianisch deuten: Rechtssprüche im NT (da heißen sie dann δικαιώματα dikaiomata) werden für Gott verwendet im Kontext des göttlichen Gerichts. Allegorisch-typologisch muss man Salomo dann analog zu Christus verstehen, der der göttliche Königssohn und der neue Salomo ist. Liest man in dieser geistlichen Lesart weiter, findet das Richten des Volkes Israel durch den irdischen König eine antitypische Entsprechung bei Gott und Christus, die das Volk Gottes richten. Dies ist jetzt schon mit der Kirche gegeben, die als Leib Christi eine eigene Rechtsprechung besitzt. In jeder menschlichen Seele richtet Gott bereits bei jeder Tat, weshalb wir den Begriff des Gewissens dafür verwenden. Schließlich wird Gott am Ende der Zeiten richten, und zwar jeden Menschen. Der Wunsch nach der Befreiung der Armen und Elenden, nach Hilfe und Rettung ist zunächst konkret irdisch zu verstehen. Es geht um den Wunsch eines gerechten Herrschers, der ein gutes Leben ermöglichen soll. Dies denken wir als Christen jedoch weiter und schauen auf Christus, der befreit, geholfen, gerettet hat – in erster Linie aus der Sünde und mit Blick auf das ewige Leben. Wenn dann geäußert wird, dass der Name des Königs ewig bestehe, kann eine gewisse übermenschliche Andeutung ausgemacht werden. Kein normaler König kann ewig leben. Auch der Wunsch nach einer Herrschaft von Meer zu Meer gilt nicht für die Könige Israels. Hier sind messianisch zu deutende Verse im Psalm enthalten, die vieles aus Jesaja aufgreifen, z.B. das Gericht und die vollkommene Herrschaft.

Röm 15
4 Denn alles, was einst geschrieben worden ist, ist zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch Geduld und durch den Trost der Schriften Hoffnung haben.
5 Der Gott der Geduld und des Trostes aber schenke euch, eines Sinnes untereinander zu sein, Christus Jesus gemäß, 
6 damit ihr Gott, den Vater unseres Herrn Jesus Christus, einmütig und mit einem Munde preist.
7 Darum nehmt einander an, wie auch Christus uns angenommen hat, zur Ehre Gottes! 
8 Denn, das sage ich, Christus ist um der Wahrhaftigkeit Gottes willen Diener der Beschnittenen geworden, um die Verheißungen an die Väter zu bestätigen; 
9 die Heiden aber sollen Gott rühmen um seines Erbarmens willen, wie geschrieben steht: Darum will ich dich bekennen unter den Heiden und deinem Namen lobsingen.

Paulus erklärt den Römern in dem Briefausschnitt von heute etwas Wichtiges, nämlich wie man mit den Hl. Schriften (das heutige AT) umgehen muss und wie man dies im Kontext des Heidenchristentums tut. Er selbst ist von der Ausbildung her ein Pharisäer und weiß deshalb sehr genau darum, wie wichtig die Schriften auch für Christen sind. Er fordert die Römer dazu auf, einander mit derselben Integrität zu begegnen wie Jesus: Dieser hat sich dem jüdischen Gesetz unterworfen, um die Verheißungen zu erfüllen (Vers 8). Dadurch kamen die Juden zum Glauben und wurden Judenchristen. Er hat aber auch die Barmherzigkeit verkündet, die etwas Neues und Entscheidendes für die Heiden war, die dadurch zum Glauben kamen und Heidenchristen wurden. Das griechische Wort ἔθνη ethne „Nation“ wird immer für die Heidenvölker verwendet im Gegensatz zu den Juden. Das alles ist eingebettet in das Verständnis, dass man jetzt in einer Zeit des Ausharrens lebt (Vers 4, was hier mit „Geduld“ wiedergegeben wird und im Griechischen ὑπομονή hypomone „Standhaftigkeit“ heißt). Wir leben als Christen in der Erwartung der Wiederkunft Christi. Aus diesem Zustand heraus sind die Schriften wie die Friedensvision aus Jesaja 11 so tröstlich und erbauend. Sie erfüllen uns mit Optimismus trotz Negativentwicklung der Welt. Diese Zeit ist aber nicht dazu da, die Hände in den Schoß zu legen, sondern um das vorwegzunehmen, was z.B. Jesaja verheißt – Frieden zu leben, in dem man sich gegenseitig annimmt. Im Grunde legt Paulus somit Jesaja und auch den Psalm allegorisch aus: So wird das Friedensreich schon in der Gemeinde Christi Realität, von der es dann auch in der Apg heißt, sie sei ein Herz und eine Seele. Sie tut dies wiederum in der Nachfolge Christi, der Jesaja antitypisch schon erfüllt hat.

Mt 3
1 In jenen Tagen trat Johannes der Täufer auf und verkündete in der Wüste von Judäa: 
2 Kehrt um! Denn das Himmelreich ist nahe. 
3 Er war es, von dem der Prophet Jesaja gesagt hat: Stimme eines Rufers in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn! Macht gerade seine Straßen! 
4 Johannes trug ein Gewand aus Kamelhaaren und einen ledernen Gürtel um seine Hüften; Heuschrecken und wilder Honig waren seine Nahrung. 
5 Die Leute von Jerusalem und ganz Judäa und aus der ganzen Jordangegend zogen zu ihm hinaus; 
6 sie bekannten ihre Sünden und ließen sich im Jordan von ihm taufen. 
7 Als Johannes sah, dass viele Pharisäer und Sadduzäer zur Taufe kamen, sagte er zu ihnen: Ihr Schlangenbrut, wer hat euch denn gelehrt, dass ihr dem kommenden Zorngericht entrinnen könnt? 
8 Bringt Frucht hervor, die eure Umkehr zeigt, 
9 und meint nicht, ihr könntet sagen: Wir haben Abraham zum Vater. Denn ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen dem Abraham Kinder erwecken. 
10 Schon ist die Axt an die Wurzel der Bäume gelegt; jeder Baum, der keine gute Frucht hervorbringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen. 
11 Ich taufe euch mit Wasser zur Umkehr. Der aber, der nach mir kommt, ist stärker als ich und ich bin es nicht wert, ihm die Sandalen auszuziehen. Er wird euch mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen.
12 Schon hält er die Schaufel in der Hand; und er wird seine Tenne reinigen und den Weizen in seine Scheune sammeln; die Spreu aber wird er in nie erlöschendem Feuer verbrennen.

Im heutigen Evangelium wird der letzte und zugleich bedeutendste Prophet eingeführt, der den Messias ankündigt – Johannes der Täufer. Sein ganzes Dasein besteht in der Buße und Bußpredigt. Er ist heilsgeschichtlich von sehr großer Bedeutung, sodass die Erfüllung eines Schriftwortes hier zum Tragen kommt (die konkrete Jesajastelle kommt heute in der Lesung jedoch nicht vor: Jes 40,3). Johannes‘ Botschaft lautet: Wer zum „heiligen Berg“ der heutigen Jesajalesung gehören will, muss Buße tun. Denn es heißt ja in Jesaja, dass man nichts Böses dort tun wird. Es besteht noch die Chance, diese zu vollziehen, aber es ist kurz vor 12. Johannes schildert dies durch ganz drastische Bilder wie der Axt, die an den Baum angelegt ist, oder der Schaufel in der Hand. Warum verwendet er ausgerechnet so ein Bild? Dafür müssen wir noch einmal bei Jesaja schauen: Unser heutiges Kapitel Jes 11 schließt sich an Kapitel 10 an, das mehrere Wehrufe beinhaltet. Dort heißt es unter anderem: „Prahlt denn die Axt gegenüber dem, der mit ihr hackt…“ (15) und einige Verse weiter dann: „und die Herrlichkeit seines Waldes und seines Baumgartens vernichtet er…“ (18) Schließlich heißt es: „Siehe, Gott, der HERR der Heerscharen, schlägt mit schrecklicher Gewalt die Zweige ab. Die Hochgewachsenen werden gefällt und die Emporragenden sinken nieder. Er rodet das Dickicht des Waldes mit dem Eisen und der Libanon fällt durch einen Mächtigen.“ (33-34). Es handelt sich um dieselbe Metaphorik, die Johannes aufgreift und an die Jes 11 mit dem Baumstumpf anschließt! Gott muss zuerst etwas platt machen, bevor etwas Neues entstehen kann. Diese Anspielung von Jesaja wird den Menschen bekannt gewesen sein. Sie werden den messianischen Code begriffen haben. In seiner Verkündigung verdeutlicht Johannes ja auch, dass derjenige, den er ankündigt, viel größer ist als er (nicht mal die Sandalen zu lösen ist er würdig). Die Menschen, die sich herausreden wollen und sich auf ihrer jüdischen Abstammung ausruhen, verurteilt Johannes scharf. Er nennt die Pharisäer und Sadduzäer sogar „Schlangenbrut“. Das ist typisch für ihn – er nimmt kein Blatt vor dem Mund und möchte zugleich damit aufrütteln. Nicht ihr Pharisäer und Sadduzäerdasein ist die Ursache für diese Wortwahl, sondern ihr Verhalten. Von den Sadduzäern wissen wir z.B., dass sie weder an Engel noch an die Auferstehung geglaubt haben. Und doch wollen sie auf „Nummer sicher gehen“ und sich mit der Johannestaufe taufen lassen. Diese ist aber ein Zeichen der Umkehr, die bei ihnen ganz fehlt. Jesus wird später sagen: „An den Früchten wird man sie erkennen“ und Johannes erkennt die schlechten Früchte, also das böse Verhalten der Pharisäer und Sadduzäer. Vom Römerbrief haben wir heute erfahren, dass Jesus alle Menschen ruft, Kinder Gottes zu werden, sowohl Juden als auch Heiden. Im Evangelium wird nun ein Verhalten deutlich, dass man sich auf seiner jüdischen Identität ausruht, ohne ein gottgefälliges Leben zu führen. Lesen wir das allegorisch/moralisch, können auch wir sagen: Keiner kann sich auf dem Getauftsein ausruhen. Nicht jeder Getaufte kommt automatisch in den Himmel. Wir sollen in Liebe zu Gott und dem Nächsten die zehn Gebote halten, also ein bestimmtes Leben führen. Am Ende wird Gott von uns für die Dinge in Rechenschaft ziehen, die wir getan und die wir unterlassen haben. Wir Katholiken dürfen zudem nicht vergessen, dass wir keinen Vorteil haben, katholisch zu sein, sondern mehr Verantwortung. Weil wir das Privileg der Fülle der Wahrheit haben, werden wir strenger gerichtet als die, die noch nie etwas von Jesus gehört haben.
Sowohl Paulus als auch Johannes der Täufer bereiten die Menschen auf das Kommen des Messias vor – der eine auf das erste Kommen bei der Menschwerdung Christi, der andere auf das zweite Kommen am Ende der Zeiten als verherrlichten Menschensohn. Es ist eine Zeit des Tuns – nämlich der tätigen Liebe. Nehmen wir auch heute einander an und ertragen einander in Liebe, denn der Herr kommt bald. Tun wir dies auf längere Sicht, tun wir dies aber auch ganz besonders jetzt in der Zeit des Advents. Wie auch in der Fastenzeit ist dies jetzt eine Zeit der Gnade, in der wir vermehrt Liebesdienste erweisen und unsere Beziehung zu Gott vertiefen können. Erkennen wir die Zeit der Gnade!

Ihre Magstrauss

Samstag der ersten Adventswoche (A)

Jes 30,19-21.23-26; Ps 147,1-2.3-4.5-6; Mt 9,35-10,1.6-8

Liebe Freunde, die heutigen Texte zeigen erneut, wie Gottes Herz ist – unendlich weit und groß. Er möchte sich um uns kümmern – ganz wie ein Hirte.

Jes 30
19 Ja, du Volk auf dem Zion, das in Jerusalem wohnt, ganz sicher wirst du nicht mehr weinen. Ganz sicher wird er dir gnädig sein auf die Stimme deines Hilfegeschreis hin; sobald er es hört, antwortet er dir. 
20 Der Herr wird euch Brot der Not und Wasser der Bedrängnis geben und deine Lehrer werden sich nicht mehr verbergen, sondern deine Augen werden stets deine Lehrer sehen. 
21 Deine Ohren werden ein Wort hinter dir hören: Dies ist der Weg, geht ihn, auch wenn ihr nach rechts oder links abbiegen wolltet!
23 Dann wird er Regen geben deiner Saat, die du auf den Acker gesät hast, und das Brotkorn, der Ertrag des Ackers, wird üppig und fett sein. Deine Herden werden an jenem Tag auf weiten Wiesen weiden. 
24 Die Rinder und Esel, die den Acker bearbeiten, fressen Futter mit Sauerampfer, das man mit Schaufel und Gabel ausstreut. 
25 Auf jedem hohen Berg und auf jedem aufragenden Hügel werden Bäche, Wasserläufe sein am Tag des großen Mordens, wenn Türme einstürzen.
26 Dann wird das Licht des weißen Mondes wie das Licht der heißen Sonne und das Licht der heißen Sonne wird siebenfach hell sein wie das Licht von sieben Tagen, an dem Tag, an dem der HERR den Bruch seines Volkes verbindet und die Wunde seines Schlages heilt.

Das Volk auf dem Zion bzw. in Jerusalem bezieht sich historisch gesehen entweder auf das gesamte Volk Israel oder auf den Stamm Juda, zu dem Jerusalem gehört (das hebräische Wort עַם am kann beides meinen). Darüber hinaus ist es allegorisch zu betrachten und meint dann das Volk Gottes, die Kirche. Moralisch gesehen meint es den einzelnen getauften Christen, in dessen Herz, dass der Zion ist, Gott wohnt. Schließlich ist es auf das himmlische Zion bzw. Jerusalem zu beziehen. Mit diesem vierdimensionalen Blick macht das Ende des Weinens einen vierfachen Sinn: Das Volk muss nicht mehr weinen, weil es von den sich ablösenden Fremdherrschaften befreit sein wird. Das Volk Gottes muss nicht mehr Verfolgung und Hass erleiden. Der Mensch muss nicht mehr wegen Versuchung und Sünde weinen. Die Welt wird nicht mehr über den Bösen weinen am Ende der Zeiten. Der Hilfeschrei in jeder dieser Situationen wird erhört werden.
Auch wenn Gott Situationen der Prüfung zugelassen hat (Brot der Not und Wasser der Bedrängnis, übrigens steht im Hebräischen die Vergangenheit), überlässt er die zu Prüfenden seinem Schicksal nicht. Er schickt ihnen Lehrer ( מוֹרֶה more), die sie anweisen. Das ist die Signatur Gottes – nicht das Leid wegzunehmen, sondern Kraft zu schenken, das Leid tragen zu können. Wenn man seinen Willen tut, wird man Segen haben (Regen, üppiger Ertrag etc., gesundes Vieh, Wasser). Auch wenn für „Lehrer“ nicht das Wort „rabbi“ steht, denken wir diese Verheißung, die noch aussteht messianisch (die hebräischen Verben sind erneut Zukunftsformen). In dieser Lesart ist es eine tröstliche Zusage, dass die Menschen ihren Lehrer mit den eigenen Augen sehen werden. Der Messias wird nicht einfach in der Welt wirken, sondern für alle sichtbar umher wandeln. Dann wird der greise Simeon bei der Opferung im Tempel sagen: „Denn meine Augen haben das Heil gesehen, dass du vor allen Völkern bereitet hast.“ Wenn dann Beispiele für Gottes Segen aufgezählt werden, fällt die Paarung Rinder-Esel auf. Hier geht es ja um einen landwirtschaftlichen Kontext, der später ja zur Metapher für die Evangelisierung wird. Wir denken auch an den Stall, in dem diese beiden Tiere vertreten sein werden. Auffällig ist auch die Rede von den Himmelskörpern und dem Licht, das heller sein wird als üblich (siebenfach ist wiederum der Zahlencode für die maximale Leuchtkraft). Mit dem Messias kommt eine umfassende kosmische Veränderung. Wir denken vielleicht an den Stern von Bethlehem, den die Weisen aus dem Morgenland haben aufgehen sehen. Die Menschen, die damals diesen Stern gesehen haben, müssen an Jesajas Verheißung gedacht und das Kommen des Messias mit Freude erwartet haben. Dies wird vor allem für jüdische Gruppierungen wie die Essener gegolten haben. Sie haben den Messias ganz besonders erwartet. Warum aber verbindet sich eine kosmische Katastrophe mit dem Kommen des Messias? Und strahlt der Stern von Bethlehem siebenmal heller? Hier ist doch die Rede vom Mond? Das hat damit zu tun, dass wir weitergehen müssen. Es meint nicht nur das erste Kommen des Messias als kleines Kind in Bethlehem. Es meint vor allem das zweite Kommen, die Wiederkunft des verherrlichten Menschensohns am Ende der Zeiten! Dann wird der Kosmos zusammenbrechen und weltweit Chaos herrschen (ethisch und zivilisatorisch, denn es wird ein Tag des Mordens und Türme stürzen ein). Das alles muss geschehen, weil die Schöpfung und die Weltgeschichte auf Null gesetzt werden. Erst dann kann die neue Schöpfung kommen – und der Anfang dieser Neuschöpfung ist der Messias! Er wird den Bruch des Volkes heilen, die Wunde versorgen. Er wird den neuen Bund zwischen Gott und der ganzen Menschheit schließen. Die Juden haben den Messias zunächst so verstanden, dass er eine Art politische Figur, gleichsam ein Befreiungskämpfer sei, der das Volk aus der Fremdherrschaft befreien wird, der einen politischen Frieden erwirken wird. Deshalb ist die Erfüllung der Verheißung durch Jesus Christus im NT eine einzige Lektion für sie. Jesus zeigt ihnen dann, dass er ganz anders ist, als sie erwarten. Er zeigt ihnen auch auf, wie der messianische Frieden wirklich ist.

Ps 147
1 Halleluja! Ja, gut ist es, unserem Gott zu singen und zu spielen, ja, schön und geziemend ist Lobgesang. 
2 Der HERR baut Jerusalem auf, er sammelt die Versprengten Israels. 
3 Er heilt, die gebrochenen Herzens sind, er verbindet ihre Wunden. 
4 Er bestimmt die Zahl der Sterne und ruft sie alle mit Namen.
5 Groß ist unser Herr und gewaltig an Kraft, seine Einsicht ist ohne Grenzen.
6 Der HERR hilft auf den Gebeugten, er drückt die Frevler zu Boden
.

Der Psalm ist ein einziger Lobpreis an Gott. Auch heute besagt der Psalm, dass das Lob Gottes angemessen ist – unabhängig davon, wie es dem Preisenden geht. Die Gründe für das Lob werden aufgezählt. Gott baut Jerusalem auf und sammelt die Versprengten Israels. Das meint historisch-wörtlich zunächst den Aufbau der Stadt nach dem Exil und die Rückkehr derer, die vertrieben worden sind. Dies meint aber auch die Kirche, die Christus aufbaut. Lesen wir diesen Psalm allegorisch, geht uns neu auf, dass die Kirche Werk Gottes ist. Wir machen unsere Kirche nicht selbst, sondern Christus baut sie auf nach seinem Willen (Mt 16 nämlich auf jenem Felsen, den er dafür ausgesucht hat). Er sammelt die Versprengten – das bezieht sich nicht mehr aus das Volk Israel im wörtlichen Sinn, sondern auf jene, die ihn annehmen – Juden und Heiden gleichermaßen! Er sammelt sie durch seine Verkündigung und die Kirche führt dies weiter in seiner Nachfolge. Er baut auch moralisch betrachtet den Tempel des Hl. Geistes im Menschen und zieht ihn zu sich zurück, wenn er sich durch ein gottloses Leben von IHM entfernt. Er tut dies durch das Gewissen und durch Situationen, in denen er dem Menschen die Chance zur Umkehr gibt. Und wie kommt der Sünder, der durch die Sünde im Exil gelandet ist, zurück? Durch das Sakrament der Beichte. Am Ende der Zeiten – und diese anagogische Sicht hat den stärksten Bezug zum Jesajatext heute – wird Gott die Versprengten zu sich ins himmlische Jerusalem holen, nachdem er einen neuen Himmel und eine neue Erde geschaffen hat, nachdem das himmlische Jerusalem sich in ihrer Mitte etabliert hat. Dann werden die Rückkehrer keinen neuen Tempel bauen müssen, denn Gott selbst wird in ihrer Mitte wohnen.
Wir haben diese ausstehende Verheißung schon ansatzhaft mit Jesu Kommen auf die Erde erfahren und feiern sie sakramental in der Kirche weiter. Jesus hat geheilt, körperlich und seelisch. Er hat so viele Menschen getröstet und ihre vielfältigen Wunden geheilt. Denken wir nur an die blutflüssige Frau. Er hat nicht nur ihre Krankheit geheilt, sondern dafür gesorgt, dass sie auch in der Gemeinschaft nicht mehr ausgeschlossen wird. Ebenso verhält es sich mit den Aussätzigen, die ausgegrenzt worden sind. Er ist nicht zu den Mächtigen gegangen und diente diesen, sondern er widmete sich den Verpönten, Ausgegrenzten, Elenden und Armen. Er nahm auch kein Blatt vor dem Mund, wenn er den Mächtigen begegnete, insbesondere der Tempelelite. Die Menschen haben seine Taten verstanden und deshalb Gott die Ehre gegeben. Wir feiern die Sakramente und sehen dieselben Heilstaten auch heute: Menschen erfahren innere Heilung in der Beichte und der Eucharistie. Sie erfahren auch noch körperliche Heilung! Wie viel habe ich schon gesehen…Die Menschen kehren um und ihr chaotisches Leben ordnet sich wieder nach und nach. Ihnen wird ein ganz neues Leben geschenkt. Gott ist so gut und verdient unser ewiges Lob!

Mt 9-10
35 Jesus zog durch alle Städte und Dörfer, lehrte in ihren Synagogen, verkündete das Evangelium vom Reich und heilte alle Krankheiten und Leiden. 
36 Als er die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen; denn sie waren müde und erschöpft wie Schafe, die keinen Hirten haben. 
37 Da sagte er zu seinen Jüngern: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. 
38 Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden!
1 Dann rief er seine zwölf Jünger zu sich und gab ihnen die Vollmacht, die unreinen Geister auszutreiben und alle Krankheiten und Leiden zu heilen.
6 sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel! 
7 Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe! 
8 Heilt Kranke, weckt Tote auf, macht Aussätzige rein, treibt Dämonen aus! Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.

Was insbesondere im Psalm angeklingt, wird im heutigen Evangelium berichtet. Jesus verkündete und heilte alle Krankheiten und Leiden. Jesus ist der Messias und ließ es durch seine Heilstaten die Menschen wissen. Jesus zeigt das Herz Gottes, denn er hat Mitleid mit den Menschen. Dann greift das Evangelium etwas Entscheidendes aus Jesaja auf: Hier in der Einheitsübersetzung heißt es „müde und erschöpft“. Das zweite Wort ἐρριμμένοι errimenoi bedeutet wörtlich eigentlich „hingeworfen“ bzw. „verbannt, ausgesetzt“. Es wird auch verwendet, wenn man kurz vorm Verdursten ist. So interpretiert es z.B. auch die Elberfelder Übersetzung (da steht „verschmachtet“). Das führt uns wiederum zu Jesaja: Jesus sieht die „Versprengten Israels“ – seinerzeit sind es die Aussätzigen, die Witwen, die Waisen, die Sünder, die Armen etc. Es handelt sich um gesellschaftlich Versprengte, die Jesus sammelt als seine Jüngerschar. Aus ihnen baut er die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen. Zugleich sieht er ihren Durst und ihre Erschöpfung. Einerseits liegt das an ihrer Perspektivlosigkeit durch die gesellschaftlichen Missstände. Dies ist aber nicht der entscheidende Punkt. Jesus geht es nie, ich wiederhole NIE, nur um weltliche Dinge, um unser irdisches Wohlbefinden. Alles, was er tut, zielt auf das ewige Leben, die innere Heilung, den seelischen Trost, den Glauben an Gott ab. Jesus will die Menschen innerlich aufrichten und ihnen Wasser gegen das Verschmachten und Brot gegen die Erschöpfung geben – nun die göttliche Gabe, nicht mehr das Wasser und Brot der Bedrängnis aus Jesaja! Das ist aber nicht nur leiblich gemeint, sondern eben mit Blick auf das ewige Leben – die Eucharistie und das lebendige Wasser, den Hl. Geist! Auch uns persönlich möchte Jesus immer wieder neu stärken und tränken, damit wir gestärkt ihm nachfolgen können. Und Gott hat Mitleid mit jedem Menschen. Er leidet wegen jedem Einzelnen, der sich von ihm entfernt und dann verkümmert ganz ohne Essen und Trinken (der Seele!). Er möchte unser Hirte sein, der sich um uns kümmert. Und doch lässt er uns die Freiheit, von ihm wegzugehen. Jesus führt die Menschen im heutigen Evangelium wieder auf die Eucharistie zu, aber vor seinem Opfertod nährt er sie mit dem Wort Gottes. Er hat es zu dem Zeitpunkt im Evangelium ja noch nicht vollendet. Er verkündigt also zunächst die frohe Botschaft vom Reich Gottes in den vielen Städten. Er möchte Hirte sein und merkt doch, wie viel zu tun ist. Deshalb spricht er vom Weinberg und den wenigen Arbeitern. Jesus möchte, dass wir um Arbeiter beten. Letzten Donnerstag taten wir es auf besondere Weise, wie Jesus es uns auftrug – wie jeden ersten Donnerstag im Monat (oder zumindest vor dem Herz-Jesu-Freitag) beten wir um geistliche Berufe, insbesondere um heilige Priester. Wir beten um Arbeiter im Weinberg des Herrn, insbesondere für jene, die uns mit dem Brot des Lebens versorgen wie Jesus damals die Menschenmenge. Wir beten für jene, die uns auf besondere Weise mit dem Hl. Geist begaben durch die Firmung. Kein Laie hat die Vollmacht, uns die Eucharistie zu bringen. Deshalb brauchen wir die Priester, die das in persona Christi tun. Wir können alle Arbeiter im Weinberg des Herrn sein und den Hl. Geist auf uns herabrufen. Doch gibt es einzelne Berufene, die den besonderen Auftrag dazu bekommen haben, so wie der Zwölferkreis, den Jesus berufen hat. Nur sie können uns die von Christus gestifteten Heilsmittel, die Sakramente geben. Was Jesus ihnen aufträgt, ist die Weiterführung der messianischen Taten bis in unsere heutige Zeit hinein: Heilung und Befreiung. Er stattet sie umsonst mit den Geistesgaben aus und umsonst sollen sie sie für die Menschen einsetzen.

Der Weinberg des Herrn kommt zur Reife. Bis Weihnachten können auch wir schauen, wie wir uns in ihm nützlich machen können. Bilden wir uns dafür aus und halten wir uns bereit. Bald kommt Immanuel.

Ihre Magstrauss

Freitag der ersten Adventswoche (A)

Jes 29,17-24; Ps 27,1.4.13-14; Mt 9,27-31

Liebe Freunde, heute ist der Nikolaustag! Die hier besprochenen Lesungen sind jedoch die des Tages. Bitten wir dennoch den Hl. Nikolaus um seine Fürsprache, vor allem barmherzig zu sein und die Not der anderen zu erkennen.

Jes 29
17 Ist es nicht nur noch eine kurze Zeit, dann wandelt sich der Libanon in einen Baumgarten und der Baumgarten wird als Wald gelten? 
18 Die Tauben werden an jenem Tag die Worte des Buches hören und aus Dunkel und Finsternis werden die Augen der Blinden sehen. 
19 Die Gedemütigten freuen sich wieder am HERRN und die Armen unter den Menschen jubeln über den Heiligen Israels. 
20 Denn der Unterdrücker ist nicht mehr da, der Spötter ist am Ende, ausgerottet sind alle, die auf Böses bedacht sind, 
21 die durch ein Wort Menschen zur Sünde verleiten, die dem, der im Stadttor entscheidet, Fallen stellen und den Gerechten mit haltlosen Gründen wegdrängen.
22 Darum – so spricht der HERR zum Haus Jakob, der HERR, der Abraham losgekauft hat: Nun braucht sich Jakob nicht mehr zu schämen, sein Gesicht muss nicht mehr erbleichen. 
23 Denn wenn er seine Kinder, das Werk meiner Hände, in seiner Mitte sieht, werden sie meinen Namen heilig halten. Sie werden den Heiligen Jakobs heilig halten und den Gott Israels werden sie fürchten. 
24 Dann werden, die verwirrten Geistes waren, Einsicht erkennen, und die murrten, nehmen Belehrung an.

Der sehr bildreiche Beginn der heutigen Jesajalesung ähnelt der in den letzten Tagen häufiger vorgekommenen Rede vom Aufblühen der Wüste, vom Wasser in der Dürre. Es handelt sich wie so oft um eine messianische Verheißung. Das besonders Hoffnungsvolle daran ist die Rede von einer kurzen Zeit. Der Messias steht nah bevor! Was sich daran anschließt, sind die typischen messinischen Heilstaten, die schon zuvor zur Sprache gekommen sind: Die Heilung von Blinden und Tauben. Es bleibt aber nicht bei einer körperlichen Heilung, sondern geht darüber hinaus: Wenn der Messias kommt, hören Taube und sehen Blinde Signale, die Jesus erfüllen wird. ER ist das fleischgewordene Wort Gottes. Auf ihn zu hören, ist der Hauptgrund, weshalb Jesus überhaupt heilt. Er will die Menschen zum Glauben führen, dazu, dass sie ihm ZUhören. Jesus möchte aus Verzweiflung in die Hoffnung führen (aus der Dunkelheit ins Licht). Dies verstehen wir im Nachgang des NT auf die Kirche bezogen, insbesondere missionarisch und pastoral: Die Kirche verkündet das Evangelium in der Nachfolge Christi, sie gewinnt Menschen für Christus, dass sie ihm zuhören. Menschen erkennen ihn als den Weg, die Wahrheit und das Leben. Die Kirche fängt Menschen auf, die nicht weiterwissen. Sie ist da für die, die Gott suchen und in ihrem Leben überfordert sind. Jesus spricht auch zu uns persönlich und wir können ihn hören, wenn wir ZUhören. Wir müssen ihn dafür bitten, dass er unsere tauben Ohren – taub für ihn und sein ewiges Wort – öffne. Er möchte uns auch trösten in den Zeiten unserer Dunkelheit. Wir müssen zu ihm kommen und uns ihm anvertrauen, z.B. in der Anbetung, im Gebet und auch durch Seelsorger, auch gerade in der Beichte. Dann können wir gewiss sein, dass er unsere Dunkelheit in Licht verwandelt. Am Ende der Zeiten werden wir hören, was wir bisher nicht gehört haben. Den Himmel. Wir werden das Licht schauen, das heller ist als alles uns Bekannte. Es wird die pure Liebe Gottes sein. Dann wird es nur noch Licht geben, aber keinen Schatten mehr. Das heißt auch, dass es nichts Böses und kein Leid mehr geben wird. „Denn der Unterdrücker ist nicht mehr da“ (Vers 29). Es erinnert daran, was wir vor Tagen gelesen haben: „Man wird nichts Böses mehr tun auf meinem Hl. Berg“.
In dem Kontext ist bemerkenswert, dass die Söhne Jakobs hier genannt werden, die nun nichts Unrechtes mehr tun und den Gott Jakobs fürchten. Dieser Satz lässt uns darüber nachdenken, dass auch jene dort sein werden, die auf Erden durchaus noch Böses getan haben. Die Stammväter selbst, darunter Ruben und Simeon z.B., haben teilweise schwere Schuld auf sich geladen. Der eine wollte den eigenen Bruder Josef umbringen und konnte nur mit Mühe davon abgehalten werden. Der andere beging Ehebruch mit der Nebenfrau seines eigenen Vaters. Wir denken darüber nach, dass Gott die Menschen sühnen lässt, wenn sie bereuen. Und das taten beide wirklich sehr. Danach lässt er sie teilhaben an der Heiligkeit des Himmels, weil sie durch die Sühne heilig geworden sind. Das ist das Prinzip des Fegefeuers. Der letzte Vers bringt zum Ausdruck, was mit der körperlichen Heilung von Blinden und Tauben wirklich entscheidend ist: „Einsicht erkennen“ durch das Öffnen der Augen und „Belehrung annehmen“ durch das Öffnen der Ohren.

Ps 27
1 Von David. Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?
4 Eines habe ich vom HERRN erfragt, dieses erbitte ich: im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens; die Freundlichkeit des HERRN zu schauen und nachzusinnen in seinem Tempel.
13 Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden. 
14 Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den HERRN!

Auch der Psalm verarbeitet den Gedanken, dass Gott Licht ist. Es gibt auch hier messianische Hinweise bzw. erkennen wir Christus im Psalm: Der HERR, Jahwe, ist mein Heil. Das hebräische Wort weist denselben Stamm auf wie der Name Jesu. Das ist kein Zufall. Der Psalm ist ganz und gar von Vertrauen geprägt („vor wem sollte mir bangen“, „Zuflucht“, „Hoffe auf den HERRN“). Zugleich wird die Sehnsucht nach dem ewigen Leben deutlich: „im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens“; die Freundlichkeit des HERRN zu schauen“. Hier wird zudem eine weitere Ebene der messianischen Heilungen deutlich, die im Jesajatext schon angeklungen sind: Anagogisch wird nun weitergeführt, dass das Neue, was man schaut, die „Güte des HERRN“ ist. Auch der Gedanke des Übergangs von der Dunkelheit ins Licht wird hier im Psalm aufgegriffen, denn er beinhaltet die Einladung zur Hoffnung auf den HERRN.

Mt 9
27 Als Jesus weiterging, folgten ihm zwei Blinde und schrien: Hab Erbarmen mit uns, Sohn Davids! 
28 Nachdem er ins Haus gegangen war, kamen die Blinden zu ihm. Und Jesus sagte zu ihnen: Glaubt ihr, dass ich dies tun kann? Sie antworteten: Ja, Herr. 
29 Darauf berührte er ihre Augen und sagte: Wie ihr geglaubt habt, so soll euch geschehen. 
30 Da wurden ihre Augen geöffnet. Jesus aber wies sie streng an: Nehmt euch in Acht! Niemand darf es erfahren.
31 Doch sie gingen weg und erzählten von ihm in der ganzen Gegend.

Was wir in den Texten des AT bisher betrachtet haben, verdichtet und personifiziert sich nun im Evangelium. Dort wird von genau solchen Blinden berichtet, deren Heilung in Jesaja angekündigt worden ist. Aus dem Grund kommen sie auch auf die Idee, Jesus die Bitte um Heilung hinterher zu schreien. Es muss sich um gläubige Juden handeln, da sie den Titel „Jesus Sohn Davids“ verwenden. Sie glauben und erkennen Jesus als Messias an. Das müssen wir jetzt einmal genau bedenken. Da sind zwei Blinde. Sie können biologisch betrachtet nichts sehen. Und doch haben sie Jesus als Messias erkannt, der aus dem Baumstumpf Isais hervorgegangen ist (aus dem Stamm Juda und genauer noch Davidide). Sie sehen mehr als der Rest. Sie sehen auch ihre eigene Armut gegenüber Gott, denn sie bitten Jesus um Erbarmen. Sie haben diese reumütige Einstellung, mit der Gott Sünder zu Heiligen macht. Weil Jesus ihren Glauben („glaubt ihr…ja, Herr“) und vor allem ihre Hoffnung sieht (die Hoffnung, zu der der Psalm 27 einlädt), weitet er ihren inneren Zustand auf ihren Körper aus. Er öffnet ihnen auch biologisch die Augen.
Jesus verbietet ihnen, davon zu erzählen, doch sie können es nicht für sich behalten. So ist der Mensch. Er möchte seine Freude teilen. Warum macht Jesus das eigentlich? Man könnte zunächst ganz pragmatisch argumentieren und sagen: Jesus verrät seine Messianität nie explizit, damit er nicht direkt verhaftet und hingerichtet wird. Er möchte zunächst drei Jahre wirken, bevor es soweit ist. Es hat aber auch den Sinn, die Menschen mit höchstem pädagogischen Feingefühl nach und nach erkennen zu lassen, wer er ist. Er tut nichts, was der Vater nicht möchte und verhält sich immer so, dass sich immer mehr Schriftworte erfüllen. Es ist eine einzige Lektion für die Menschen.

Denken wir heute darüber nach, wie sehend oder blind, wie hellhörig oder taub wir eigentlich wirklich sind. Nutzen wir die Adventszeit, unsere Augen und Ohren des Glaubens wieder zu reinigen, damit wir Gottes Licht schauen und Gottes Wort hören können.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der ersten Adventswoche (A)

Jes 25,6-10a; Ps 23,1-6; Mt 15,29-37

Liebe Freunde, heute gratuliere ich allen Barbaras zu ihrem Namenstag! Die Hl. Barbara ist meine Begleiterin schon von klein auf. Als Kinder haben wir schon das wunderbare Gebet gelernt: Sankt Barbara, du edle Braut, mein Sterben sei dir anvertraut, o steh mir bei, dass ich an meinem End‘, empfange das hochheilige Sakrament.

Jes 25
6 Der HERR der Heerscharen wird auf diesem Berg für alle Völker ein Festmahl geben mit den feinsten Speisen, ein Gelage mit erlesenen Weinen, mit den feinsten, fetten Speisen, mit erlesenen, reinen Weinen. 
7 Er verschlingt auf diesem Berg die Hülle, die alle Völker verhüllt, und die Decke, die alle Nationen bedeckt. 
8 Er hat den Tod für immer verschlungen und GOTT, der Herr, wird die Tränen von jedem Gesicht abwischen und die Schande seines Volkes entfernt er von der ganzen Erde, denn der HERR hat gesprochen.
9 An jenem Tag wird man sagen: Siehe, das ist unser Gott, auf ihn haben wir gehofft, dass er uns rettet. Das ist der HERR, auf ihn haben wir gehofft. Wir wollen jubeln und uns freuen über seine rettende Tat. 
10 Denn die Hand des HERRN ruht auf diesem Berg. 

Jesaja verheißt auch im heutigen Abschnitt viele Dinge, die sich spätestens in der Offb erfüllen oder zumindest ihre Entsprechung finden. Insbesondere Offb 7 greift mehrere Aspekte auf wie die Freude der Sieger über die Rettung des Lammes. Auch in diesem Abschnitt stellt der Hl. Berg, d.h. Jerusalem, das Zentrum dar. Die Stadt ist deshalb so heilig und entscheidend, weil in ihr der Tempel Gottes errichtet ist, in dem laut jüdischem Verständnis Gottes Herrlichkeit wohnt. Dort wird ein Festmahl mit Speisen und Weinen angekündigt, was vierfach zu bedenken ist: Einerseits wird damit die Freude über die Befreiung des Volkes Israel aus der Fremdherrschaft ausgedrückt. Andererseits kündigt es die ewige Freude des Himmels an, die noch aussteht. Diese wird sakramental in jeder Hl. Messe vorweggenommen, die ein Freudenfest ist. Gott wohnt in unserer Mitte und wir sind ganz eins mit ihm, wenn wir ihn empfangen. Und wie Jesus durch viele Gleichnisse herausgestellt hat, wird diese Freude schon jedes Mal spürbar, wenn ein Sünder umkehrt. Der barmherzige Vater feiert ein Fest für seinen zurückgekehrten Sohn im Gleichnis vom verlorenen Sohn (Lk 15).
Es heißt sodann, dass dieser Berg enthüllt werden wird (Vers 7), und zwar von Gott selbst. Dies ist, was wir Offenbarung nennen. Er wird alles aufdecken: Seinen Plan mit den Israeliten – er wird ihnen wiederum Propheten senden, die ihnen aufzeigen, was sie tun sollen. Er wird ihnen schließlich seinen eigenen Sohn senden, der ihnen den Vater offenbaren wird. Er wird auch seinen Sohn in jeder Messe offenbaren in Gestalt von Brot und Wein – deshalb lesen wir hier die Rede von Speisen und Weinen eucharistisch! – er wird das Herz jedes Menschen aufdecken (keine Tat bleibt verborgen) und er wird am Ende der Zeiten alles aufdecken, sodass jeder Mensch die Fülle der Erkenntnis erlangen wird, vor allem werden alle Gott schauen, wie er ist.
Die sich anschließenden Verheißungen sind sehr tröstlich und finden wiederum eine Entsprechung in der Offb: Gott wird alles vernichten, sogar den Tod. Er wird alle Tränen abwischen. Diese Dinge geschehen dann tatsächlich am Ende der Offb (20-21). Und wenn es dann bei Jesaja heißt, dass die Hand des Herrn auf dem Berg ruht (תָנ֥וּחַ tanuach, eigentlich Zukunftsform „sie (die Hand) wird ruhen“, aber auch präsentisch übersetzbar), dann ist das ein Beleg für Gottes Gegenwart an diesem Ort. Er ist schon durch den Tempel gegenwärtig. Seine Herrlichkeit zeigt sich im AT ja schon durch Zeichen wie Rauch, Wolke und Feuersäule. Da es aber gerade auch zukünftig zu verstehen ist, geht es um eine andere Art von Gegenwart, die hier angekündigt wird – eine noch vollkommenere. Wir Christen sehen darin zunächst die Ankündigung des Messias an dem Ort. Er wird leibhaftig an diesem Ort wandeln. Wir sagen aber auch, dass seine leibhaftige Gegenwart in der Gemeinschaft der Gläubigen bleibt durch die Eucharistie. Darüber hinaus ist er durch den Empfang der Kommunion leibhaftig im Menschen. Und am Ende der Zeiten wird Gott ganz in der Mitte der Menschen wohnen, sodass es nicht mal mehr einen Tempel brauchen wird (Offb 21,22).

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. 

2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen. 
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich. 
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher. 
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Der uns allen bekannte Psalm 23 greift einiges aus Jesaja auf. Es geht auch hier um tröstliche Verheißungen, die dann in Offb 7 aufgegriffen werden: Während hier noch der HERR zu den Auen und zum Wasser führt, handelt es sich in der Offb um das Lamm. Dies ist eine Tatsache, die wirklich nachdenklich macht. Ein Lamm, das ja selbst geweidet wird, wird zum Hirten! Jesus, das Lamm Gottes, ist Mensch wie wir geworden, hat gelitten und ist gestorben wie wir. In dieser Hinsicht ist er selbst Teil der Herde. Und doch ist er Gott, ist er der HERR aus Ps 23, also der Hirte. Er sagt dies auch im Johannesevangelium (Joh 10,14). Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch.
Während es im Psalm noch „Ruheplatz am Wasser“ heißt, wird es sich in der Offb steigern und zur Quelle des lebendigen Wassers – einem Sinnbild für den Hl. Geist! Hier im Psalm ist noch die Rede vom Todesschatten (was die Einheitsübersetzung mit „finsterem Tal“ übersetzt). Bei Jesaja klingt jedoch bereits an, dass dieser zerstört werde. Wenn der Psalm dann mit dem Haus des HERRN abschließt, dann ist das eine Umschreibung des Tempels von Jerusalem. Wörtlich-historisch ist dies also zunächst eine Zusage für die Juden, die im babylonischen Exil leben müssen und sich danach sehnen, in ihre Heimat zurück zu kehren, den Tempel wieder aufbauen zu können. Es geht noch darüber hinaus, sonst würden wir als Christen den Psalm heute nicht mehr beachten. Betrachten wir den Gesamtkontext der Heilsgeschichte: Mit dem Sündenfall sind wir in eine noch viel gravierendere Gefangenschaft, in ein schmerzhafteres Exil gekommen – wir Menschen sind aus dem Paradies verbannt worden und hatten keine Aussicht auf den Himmel. Umso glücklicher atmete die Welt auf, als der Messias geboren worden war. Die Chance auf den Himmel wurde wieder freigegeben. Wir sehnen uns auch heute danach, in diesen Himmel zu kommen, der das himmlische Jerusalem, das ewige Haus des HERRN ist. Auch jetzt schon sehnen sich Menschen, ohne dass sie es merken. Sie suchen als Abbild Gottes immer nach IHM, der sie zu sich ruft. Am Ende kommen sie zu ihm, der die Mitte der Kirche ist. Sie lassen sich taufen und gehen den Weg mit IHM, um am Ende vollendet zu werden im himmlischen Haus des HERRN.

Mt 15
29 Jesus zog von dort weiter und kam an den See von Galiläa. Er stieg auf einen Berg und setzte sich. 
30 Da kamen viele Menschen zu ihm und brachten Lahme, Blinde, Krüppel, Stumme und viele andere Kranke; sie legten sie ihm zu Füßen und er heilte sie, 
31 sodass die Menschen staunten, als sie sahen, dass Stumme redeten, Krüppel gesund wurden, Lahme gehen und Blinde sehen konnten. Und sie priesen den Gott Israels.
32 Jesus rief seine Jünger zu sich und sagte: Ich habe Mitleid mit diesen Menschen; sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen. Ich will sie nicht hungrig wegschicken, sonst brechen sie auf dem Weg zusammen. 
33 Da sagten die Jünger zu ihm: Wo sollen wir in dieser Wüste so viel Brot hernehmen, um so viele Menschen satt zu machen? 
34 Jesus sagte zu ihnen: Wie viele Brote habt ihr? Sie antworteten: Sieben – und ein paar Fische. 
35 Da forderte er die Leute auf, sich auf den Boden zu setzen. 
36 Und er nahm die sieben Brote und die Fische, sprach das Dankgebet, brach sie und gab sie den Jüngern und die Jünger gaben sie den Menschen. 
37 Und alle aßen und wurden satt. Und sie sammelten die übrig gebliebenen Stücke ein, sieben Körbe voll.

Alles, was bisher nur verheißen wurde und in den Menschen Sehnsucht geweckt hat, erfüllt sich nun im Evangelium: Jesus steigt interessanterweise auch auf einen Berg, wo die Handlung nun spielt. Da fragt man sich vielleicht, warum er ausgerechnet so einen Ort aufsucht. Schließlich müssen die vielen Menschen ihm folgen, die dort mit Beschwerden zu ihm kommen. Der springende Punkt ist: Jesus tat nie etwas ohne tieferen Sinn. Schauen wir auf den Hl. Berg, dem Zion, auf dem das Haus des HERRN errichtet war, können wir nicht umhin – und so die frommen Juden auch – mit Jesus eine Erfüllung der Verheißung zu erkennen. Er unterweist die Menschen wie ein Rabbi (denn er setzte sich als Geste des Lehrens). Dies erinnert an die Bergpredigt und an das, was wir die letzten Tage bei Jesaja bereits gelesen haben: Die Weisung (Torah) wird vom Berg ausgehen. Jesus ist die Personifikation der Torah und erfüllt dieses Wort. Jesus erfüllt noch mehr. Es heißt, dass er heilt – genau die Gruppen, genau die Heilstaten, die Jesaja über den Messias ankündigt. Er heilt Lahme, Blinde, Krüppel, Stumme usw. Die Menschen sehen dies und staunen. Sie preisen den Gott Israels, was auf ihren Aha-Effekt hinweist. Sie haben verstanden, woher diese Taten kommen. Das ganze geht drei Tage so weiter und Jesus sagt zu seinen Jüngern, er habe Mitleid („ich erbarme mich“), was wiederum einen Hinweis darauf gibt, dass er der barmherzige Gott ist, von dem wir in den Jesaja-Lesungen der letzten Tage gehört haben. Er tut dann etwas Ungewöhnliches mitten auf einem Berg in der Wüste: Er sättigt die Anwesenden mit nur sieben Broten und wenig Fischchen, anstatt sie wegzuschicken. Auch dies ist nicht nur ein Akt der leiblichen Stärkung („sonst brechen sie auf dem Weg zusammen“). Jesus möchte uns auf dem Lebensweg nähren durch sein Wort und seine Sakramente, damit wir auch seelisch nicht zusammenbrechen. Er möchte uns die Kraft geben, nach dem Willen Gottes leben zu können. Den Menschen, die ihm bis in die Wüste gefolgt sind, ging es zuerst um das Reich Gottes, deshalb gab Jesus ihnen alles Andere dazu! Auch uns möchte er mit Überfülle beschenken, wenn wir zuerst ihn suchen. Und die Kirche ist ja auch Volk Gottes auf dem Weg, die Wegzehrung braucht. Deshalb ist es so überlebenswichtig für sie, die Eucharistie jeden Tag zu feiern. Diese ist das Brot, mit dem die Kirche genährt wird, um alles zu überstehen, auch jedes Schisma, jede Anschuldigung, jede Attacke. Schließlich haben wir ja auch bei Jesaja vom Festmahl gehört, bei dem wir am Ende der Zeiten genährt werden.
Jesus bittet die Menge, sich hinzusetzen. Eigentlich steht da wörtlich das Verb ἀναπίπτω anapipto, was unter anderem die Bedeutung „sich zu Tisch legen“ aufweist und verwendet wird, wenn man sich zu Tisch begibt. In dem Kulturkreis lag man am Tisch, anstatt zu sitzen. Sich niederlegen in der Wüste auf einem Berg scheint absurd? Nicht für den Messias, der in seiner pädagogischen Feinfühligkeit den Juden zu verstehen geben will, dass sich nun ein weiteres Schriftwort erfüllt, nämlich Jesaja, den wir vorhin gelesen haben! Jesus lädt zum Festmahl ein und bittet seine Gäste sozusagen „zu Tisch“. Hier ist die Endstation der Erfüllung noch nicht erreicht. Sie endet im Abendmahlssaal mit den zwölf Aposteln. Und doch werden die Menschen dafür schon vorbereitet, wenn Jesus neben den Fischchen ausgerechnet Brot nimmt und dem Vater dafür dankt (die Danksagung heißt im Griechischen εὐχαριστία eucharistia!). Interessant ist, dass er die Brote nicht selbst an die Menschen verteilt, sondern seine Jünger die Verteilung vornehmen lässt. Dies ist auch auf ekklesiologischer Ebene eine Vorbereitung ganz bestimmter liturgischer Dienste. In der Urkirche wurde die Austeilung der Eucharistie deshalb von Diakonen unterstützt. Bemerkenswert und wiederum ein göttliches Wunder ist, dass ganze zwölf Körbe von den sieben Broten übrig bleiben. Auch dies ist den Menschen ein Zeichen: Wenn Gott gibt, dann gibt er im Überfluss. Die Zahlen Sieben und Zwölf sind biblisch immer Zahlen der Fülle, Vollkommenheit und Vollständigkeit. Dies verdeutlicht das in dem Kontext stehende Verb ἐχορτάσθησαν echortasthesan „sie wurden gemästet“, was die Einheitsübersetzung in Vers 37 mit „sie wurden satt“ übersetzt. Die dort Anwesenden werden begriffen haben, dass die Verheißung der „fetten Speisen“ aus Jesaja sich nun vor ihren Augen erfüllt hat. Die frommen Juden werden vielleicht auch an das Manna in der Wüste gedacht haben. Dies erklärt auch, warum Jesus diese Speisung ausgerechnet in der Wüste vorgenommen hat. Auch damals war es zunächst eine Sättigung der Leiber und doch ging es damals schon darüber hinaus. Das alte Israel ist darauf vorbereitet worden, was nun mit Jesus geschah. Die Menschen mit ihm sind nicht nur körperlich, sondern auch im Glauben gesättigt worden – durch die Unterweisung, die Heilungen und die Speisung. Ein letzter Impuls, den dieses Evangelium gibt und den ich Ihnen heute besonders ans Herz legen möchte: In jeder Hl. Messe ist zunächst ein Wortgottesdienst vorgesehen, bei dem das Wort Gottes verkündigt wird. Es wird auch ausgelegt, die Menschen sozusagen unterwiesen. Und im Anschluss werden die Gaben bereitet und ein eucharistisches Festmahl gefeiert! Jesus bereitet im heutigen Evangelium auf das vor, was die Kirche nun sakramental nachempfindet!

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen, dass Sie die Eucharistie als Speisung der Seele heute besonders für sich entdecken, auch besonders auf dem Weg auf Weihnachten zu. Der Weg des Advents ist wie ein Gang durch die Wüste, durch die Einsamkeit hin zum Licht von Bethlehem.

Ihre Magstrauss

Dienstag der ersten Adventswoche (A)

Jes 11,1-10; Ps 72,1-2.7-8.12-13.17; Lk 10,21-24

Liebe Freunde,
heute ist der Gedenktag eines großen Heiligen und Namenspatrons meines Bischofs: Franz Xaver. Allen Lesern mit diesem Namen einen herzlichen Glückwunsch!

Jes 11
1 Doch aus dem Baumstumpf Isais wächst ein Reis hervor, ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht. 

2 Der Geist des HERRN ruht auf ihm: der Geist der Weisheit und der Einsicht, der Geist des Rates und der Stärke, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des HERRN. 
3 Und er hat sein Wohlgefallen an der Furcht des HERRN. Er richtet nicht nach dem Augenschein und nach dem Hörensagen entscheidet er nicht, 
4 sondern er richtet die Geringen in Gerechtigkeit und entscheidet für die Armen des Landes, wie es recht ist. Er schlägt das Land mit dem Stock seines Mundes und tötet den Frevler mit dem Hauch seiner Lippen. 
5 Gerechtigkeit ist der Gürtel um seine Hüften und die Treue der Gürtel um seine Lenden. 
6 Der Wolf findet Schutz beim Lamm, der Panther liegt beim Böcklein. Kalb und Löwe weiden zusammen, ein kleiner Junge leitet sie. 
7 Kuh und Bärin nähren sich zusammen, ihre Jungen liegen beieinander. Der Löwe frisst Stroh wie das Rind. 
8 Der Säugling spielt vor dem Schlupfloch der Natter und zur Höhle der Schlange streckt das Kind seine Hand aus. 
9 Man tut nichts Böses und begeht kein Verbrechen auf meinem ganzen heiligen Berg; denn das Land ist erfüllt von der Erkenntnis des HERRN, so wie die Wasser das Meer bedecken.
10 An jenem Tag wird es der Spross aus der Wurzel Isais sein, der dasteht als Feldzeichen für die Völker; die Nationen werden nach ihm fragen und seine Ruhe wird herrlich sein.

Jesaja sieht eine Friedensvision. Diese ist zunächst wörtlich-historisch zu betrachten. Was er dort sieht, hatte für die ersten Adressaten zunächst die Funktion einer Hoffnungsbotschaft, aus der Fremdherrschaft bald herauszukommen. Konkret geht es zu jener Zeit um die Assyrer. Dann ist der Reis, der hervorgeht, eine politische Figur davidischen Ursprungs (aus dem Baumstumpf Isais), die die Befreiung des Volkes bewirken wird. Gerade zum Schluss wird angedeutet, dass sie eine militärische Macht besitzen wird (als Feldzeichen für die Völker). Aufgrund der genealogischen Information denkt man unwillkürlich an König David. Dieser ist jedoch schon um die dreihundert Jahre früher erschienen. Im Hebräischen sind die Verbformen jedoch zukünftig formuliert und weisen auf ein noch ausstehendes Ereignis hin. Wir denken als Christen an den Messias, der aus dem Stamm Juda kommt und als Sohn Davids bezeichnet worden ist. Es kann also in Jesaja schon vom Text selbst her nicht bei der Erwartung einer politischen Figur bleiben. Der Text gibt bereits her, dass es sich nicht um einen einfachen Menschen handeln kann: Kein Mensch kann bewirken, dass die uns bekannte Nahrungskette und das gegenseitige Fressen der Tiere verändert wird. Kein Mensch kann die Sünde der Welt ausmerzen. Das kann nur Gott. Jesajas Text ist durch und durch messianisch. Besonders interessant ist der oft überlesene Satz „ein junger Trieb aus seinen Wurzeln bringt Frucht“. Auch hier heißt es wörtlich „wird Frucht bringen“. Im Kontext des Kommens des Messias wird das Fruchtbringen noch nicht seinen Tod und seine Auferstehung, sein Erlösungswirken meinen. Was kann es also sonst heißen? Gott konnte die Verheißung, als Davidide Mensch zu werden, nur erfüllen, wenn er durch eine Davididin zur Welt kommen würde. Und das führt uns zur Lösung: Maria war Davididin! Sie war der Schößling aus den davidischen Wurzeln, wie es wörtlich heißt. Und wird Frucht bringen. Dieser Text ist also nicht nur eine Verheißung des Messias, sondern auch der Frau, durch die er in die Welt kommt! Interessant ist, dass der Wortstamm des hebräischen Wortes נֵצֶר nezer derselbe wie im Namen der Stadt Nazaret ist! Es fällt also eine Mehrdeutigkeit in dem Text auf, der sowohl auf den Messias als auch auf die Davididin hinweist, die ihn gebären wird.
Dann wird angekündigt, dass die kommende Heilsgestalt geistbegabt sein werde (Vers 2). Es werden die Gaben des Hl. Geistes genannt, die auch uns vertraut sind. Dabei fehlt die Frömmigkeit. Das hängt damit zusammen, dass wir die Gottesfurcht zweiteilen und die Frömmigkeit als andere Seite der Gottesfurcht verstehen. Später wird es in der Offb heißen, dass das Lamm sieben Augen besitzt und diese die Geister Gottes seien (Offb 5). Wir verstehen die Geistbegabung des Messias in diesem Bild in der Tiefe erst, wenn wir Jesaja kennen. Es ist wieder die Rede vom Gericht. Wie die letzten Tage auch schon genannt sind die Maßstäbe anders als diejenigen hier auf Erden. Man liest die Verse weniger als Bedrohung, sondern als tröstende Verheißung, weil es bei dem Gericht um die Abrechnung mit den Ungerechten geht. Bemerkenswert ist auch, dass diese angekündigte Figur mit dem Stab ihres Mundes richten werde – das erinnert uns an Hebr und Offb, wo der Stab zum zweischneidigen Schwert wird und das Wort Gottes umschreibt. Auch dieses Bild wird im NT zum messianischen Code, wenn man Jesaja als Hintergrundfolie kennt. Unerwartet ist zudem das Richten mit dem „Hauch seiner Lippen“. Das hat ebenfalls eine messianische Dimension. Wir denken an die Auferstehungsberichte der Evangelien, in denen der Auferstandene den Aposteln erscheint und sie anhaucht mit den Worten: „Empfangt den Hl. Geist!“ Diesen hat er zuvor am Kreuz ausgehaucht (Mk 15,37 ἐξέπνευσεν exepneusen, darin steckt pneuma, der Geist). Dies macht auch Sinn, weil auf dem angekündigten Messias ja der Geist Gottes ruht. Im Anschluss werden dem Messias die Eigenschaften der Gerechtigkeit und Treue zugeschrieben – zwei absolut göttliche Kennzeichen. Sie werden bildhaft als dessen Gürtel bezeichnet, der Träger ist also vorbereitet oder gerüstet (für den Kampf oder den Kult).
Die wunderbare Friedensvision ist eine Beschreibung der neuen Schöpfung. Dabei erfährt man einiges darüber, wie die Schöpfung vor dem Sündenfall war. Dies ist unerlässlich im Kontext des messianischen Friedensreichs: Der Messias stellt den Anfang der neuen Schöpfung dar und deshalb wird auch der Rest der Schöpfung paradiesisch sein. Die Auswirkungen des Messias sind mehrdimensional: Einerseits deutet diese Verheißung hinaus auf den Messias, mit dem der Frieden schon spürbar gekommen ist. Jede Hl. Messe, in der der Messias sakramental kommt, ist ein Moment des Friedens und der Ordnung. Nehmen Sie der Kirche die Sakramente weg, es wird nur noch Chaos und Zerstörung herrschen. Die Eucharistie ist die Mitte des gesamten kirchlichen Lebens, das alles andere an seinen richtigen Platz stellt. Wo Gott die Mitte des Lebens eines Christen ist, da ist Ordnung. Der Mensch wird heil an Leib und Seele, wenn er nach den Geboten Gottes lebt. Und wenn auch von außen Angriffe kommen sollten, verliert er den inneren Frieden nicht. Am Ende der Zeiten wird der Messias als verherrlichter Menschensohn wiederkommen und Gott wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen (Offb 21). Bei der Friedensvision hier bei Jesaja ist bemerkenswert, dass die Tiere sich nicht mehr gegenseitig fressen werden. Dies deutet darauf hin, dass die uns bekannte Nahrungskette ein Phänomen nach dem Sündenfall ist und ursprünglich anders vorgesehen war.
Wenn es dann heißt: „Man wird nichts Böses mehr tun auf meinem Hl. Berg“, dann spielt dies anagogisch natürlich auf den Himmel an, in dem nichts Böses Platz finden wird. Dann ist der Hl. Berg ein Bild für das Himmelreich. Dies erfüllt sich allegorisch gesehen schon anfangshaft mit der Kirche, die die Gemeinschaft der Heiligen ist, die zur Heiligkeit berufen sind. Diese sündigen trotz Berufung weiter und beleidigen dadurch nicht nur Gott, sondern auch die Gemeinschaft. Deshalb ist es so großartig, dass sie das Sakrament der Beichte in Anspruch nehmen und zurück zum Stand der Gnade kommen können. Ich persönlich kann stets umkehren und die Gemeinschaft mit Gott ist nur solange intakt, wie ich nicht etwas dagegen tue durch meine Sünde. Und wenn ich die Eucharistie empfange, um mich mit Gott zu vereinen, kann auch nur Gemeinschaft (communio) sein, wenn ich frei vom Bösen bin. Dann ist die Kommunion ein himmlischer Moment in meinem Herzen.
„Das Land ist erfüllt von der Erkenntnis“ – dieser ausstehende Zustand erfüllt dann dies, was 1 Joh 3,2 ankündigt: Wir werden ihn, also Gott, sehen, wie er ist. Sünde bedeutet johanneisch ja immer, dass man Gott nicht erkannt hat. Diese Erkenntnis-Aussage in Jesaja ist also zusammen mit dem vorherigen Vers zu lesen, der die Nichtexistenz von bösen Taten auf dem Hl. Berg prophezeit.
Der letzte Vers ist erneut mehrdeutig. Entweder ist er auf den Spross Christus oder auf den Spross Maria zu beziehen: Zum Zeichen für die Völker (das hebräische Wort hat die primäre Bedeutung „Wunder, Zeichen“) wird der Messias insofern, als er selbst auf wundersame Weise Teil dieser Welt wird und im Laufe seines Lebens Wunder vollbringen wird. Zum Zeichen wird aber auch seine Mutter, da sie ihn als Jungfrau vom Hl. Geist empfängt. Spätestens in Offb 12 wird dies deutlich, wo sie zum Archetypen der Kirche wird. Zum Feldzeichen wird der Messias durch den Kampf mit dem Wort Gottes (seinem zweischneidigen Schwert) und dem Hl. Geist, dem Hauch seiner Lippen. In Offb 19 wird dieses Kämpfen mit spirituellen Waffen deutlich, wo der Feldherr der himmlischen Heerscharen bei der Endschlacht als das Wort Gottes bezeichnet wird und mit dem zweischneidigen Schwert kämpft.
Wenn es am Ende heißt „Seine Ruhe wird herrlich sein“, kann man das hebräische Wort und dessen Stamm נחת nachat auch mit „Ruhestätte“ übersetzen (das Verb dazu ist „herabfahren“), so z.B. die Elberfelder Bibel. Dies wiederum lässt eine christologische Deutung des Verses zu: Die Ruhestätte auf dem Zion erinnert an den Todesort und die Begräbnisstätte Christi in Jerusalem. Dieser ist zum Ort der Herrlichkeit geworden aufgrund der Auferstehung!

Ps 72
1 Für Salomo. Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten. 
2 Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden durch rechtes Urteil.
7 In seinen Tagen sprosse der Gerechte und Fülle des Friedens, bis der Mond nicht mehr da ist. 
8 Er herrsche von Meer zu Meer, vom Strom bis an die Enden der Erde.
12 Ja, er befreie den Armen, der um Hilfe schreit, den Elenden und den, der keinen Helfer hat. 
13 Er habe Mitleid mit dem Geringen und Armen, er rette das Leben der Armen.
17 Sein Name soll ewig bestehen, solange die Sonne bleibt, sprosse sein Name. Mit ihm wird man sich segnen, ihn werden seligpreisen alle Völker. 

Im Psalm 72 bittet Salomo um Gottes Gerechtigkeit und Rechtssprüche. Sowohl der König als auch der Königssohn (David und Salomo) bitten zunächst um konkrete irdische Dinge. Darüber hinaus lassen sich die Bitten aber auch messianisch deuten: Rechtssprüche im NT (da heißen sie dann δικαιώματα dikaiomata) werden für Gott verwendet im Kontext des göttlichen Gerichts. Allegorisch-typologisch muss man Salomo dann analog zu Christus verstehen, der der göttliche Königssohn und der neue Salomo ist. Liest man in dieser geistlichen Lesart weiter, findet das Richten des Volkes Israel durch den irdischen König eine antitypische Entsprechung bei Gott und Christus, die das Volk Gottes richten. Dies ist jetzt schon mit der Kirche gegeben, die als Leib Christi eine eigene Rechtsprechung besitzt. In jeder menschlichen Seele richtet Gott bereits bei jeder Tat, weshalb wir den Begriff des Gewissens dafür verwenden. Schließlich wird Gott am Ende der Zeiten richten, und zwar jeden Menschen. Der Wunsch nach der Befreiung der Armen und Elenden, nach Hilfe und Rettung ist zunächst konkret irdisch zu verstehen. Es geht um den Wunsch eines gerechten Herrschers, der ein gutes Leben ermöglichen soll. Dies denken wir als Christen jedoch weiter und schauen auf Christus, der befreit, geholfen, gerettet hat – in erster Linie aus der Sünde und mit Blick auf das ewige Leben. Wenn dann geäußert wird, dass der Name des Königs ewig bestehe, kann eine gewisse übermenschliche Andeutung ausgemacht werden. Kein normaler König kann ewig leben. Auch der Wunsch nach einer Herrschaft von Meer zu Meer gilt nicht für die Könige Israels. Hier sind messianisch zu deutende Verse im Psalm enthalten, die vieles aus Jesaja aufgreifen, z.B. das Gericht und die vollkommene Herrschaft.

Lk 10
21 In dieser Stunde rief Jesus, vom Heiligen Geist erfüllt, voll Freude aus: Ich preise dich, Vater, Herr des Himmels und der Erde, weil du das vor den Weisen und Klugen verborgen und es den Unmündigen offenbart hast. Ja, Vater, so hat es dir gefallen. 
22 Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden; niemand erkennt, wer der Sohn ist, nur der Vater, und niemand erkennt, wer der Vater ist, nur der Sohn und der, dem es der Sohn offenbaren will. 
23 Jesus wandte sich an die Jünger und sagte zu ihnen allein: Selig sind die Augen, die sehen, was ihr seht. 
24 Denn ich sage euch: Viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr seht, und haben es nicht gesehen, und wollten hören, was ihr hört, und haben es nicht gehört.

In den Versen aus dem Lukasevangelium ruft Jesus nicht nur, sondern er jauchzt/freut sich im Hl. Geist (ἠγαλλιάσατο). Das ist eine Frucht des Hl. Geistes, von dem er ja erfüllt ist. Was in Jesaja über den angekündigten Messias gesagt worden ist – dass der Geist Gottes auf ihm ruhen werde – zeigt sich hier in Aktion. „Den Unmündigen offenbart“ weist auf Aspekte hin, die wir in Jesaja und im Psalm bereits gelesen haben: Gott ergreift die Initiative für die Armen, die Elenden, die an den Rand Gedrängten. Jesus erfüllt die tausendjährige Sehnsucht derer, die sich Gerechtigkeit gewünscht haben, die nur Gott geben kann. Er versucht es, seinen Jüngern begreiflich zu machen, welches Privileg sie eigentlich genießen dürfen – Gott mit eigenen Augen schauen zu dürfen! Wie viele Propheten wie Jesaja, wie viele Könige wie David und Salomo heute in Ps 72 haben sich das gewünscht. Aber nicht diese großen Gestalten erhalten die Gnade, Jesus zu erleben, sondern ganz einfache Menschen wie sein Jüngerkreis! Sie sind die Unmündigen, von denen Jesus im Gebet an seinen Vater spricht. Zu diesem Jüngerkreis gehört jeder getaufte Christ, der sich dadurch angesprochen fühlen darf. Sie und ich, wir alle haben ein unvergleichliches Privileg. Denn auch wenn Jesus jetzt nicht mehr unter uns als Mensch wandelt, ist er genauso leibhaftig im Leib und Blut Christi bei uns! Dieses Privileg können nicht alle haben und doch nehmen wir es allzu oft für selbstverständlich! Wir Katholiken müssen es uns mal auf der Zunge zergehen lassen. Jesus kommt physisch in uns hinein, um ein Teil von uns zu werden – in jeder Hl. Kommunion, die wir empfangen! Das ist so unfassbar und so ein großes unverdientes Geschenk, das nicht alle haben. Nehmen wir das dankbar an? Wir können ihn sehen mit unseren Augen, schmecken mit unserem Geschmackssinn, riechen, fühlen, nicht nur hören durch sein Wort. Damit ist uns noch unvergleichlich viel mehr geschenkt als den Königen und Propheten des AT. Ihnen gegenüber haben wir zudem das Privileg, die jesuanische Auslegung der Torah erhalten zu haben. Sie sind „die Alten“, die es nur so weit verstehen konnten, wie es ihnen gegeben war. Wir haben die Erfüllung des Gesetzes erfahren dürfen und können entsprechend anders leben. Unser Leben nach den Geboten Gottes ist eine größere Gerechtigkeit als die der Pharisäer und Schriftgelehrten, wenn wir sie in der Absicht befolgen, die Jesus uns erklärt hat! Am Ende der Zeiten werden wir Gott schließlich schauen, wie er ist (1 Joh 3,2). Ganz. Unverschleiert. Dann wird das Land voll von Erkenntnis sein, wie es in Jesaja angekündigt worden ist.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen die Sehnsucht, Gott schauen zu wollen, wie er ist. Streben wir gemeinsam darauf zu, zunächst den Herrn Jesus Christus zu sehen und in ihm Gott zu erkennen, der sich für uns klein macht. Als kleines Kind in der Krippe. Als Leib und Blut Christi in der Eucharistie. Als bedürftiger Mensch und mein Nächster. Überdenken wir heute besonders unsere eigene Einstellung: Bin ich mir immer bewusst, was für ein Privileg mir zuteil wird? Bin ich dankbar genug oder überwiegt mein Murren und meine Unzufriedenheit über das, was ich nicht habe? Gott hat mir schon das Größte geschenkt, was ich haben kann, sich selbst, sein Herz! Weiß ich das zu schätzen?

Gottes Segen!

Ihre Magstrauss

Montag der ersten Adventswoche (A)

Jes 2,1-5 oder Jes 4,2-6; Ps 122, 1-3.4-5.6-7.8-9; Mt 8,5-11

Liebe Freunde,

es beginnt die erste Adventswoche. Sie werden ab und zu merken, dass sich manchmal Lesungen wiederholen. Das liegt daran, dass die Sonn- und Feiertage sowie die Werktage zwei eigene Leseordnungen haben. Deshalb kommt es zu Überschneidungen.

Jes 2
1 Das Wort, das Jesaja, der Sohn des Amoz, über Juda und Jerusalem geschaut hat. 
2 Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen alle Nationen. 
3 Viele Völker gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn vom Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem. 
4 Er wird Recht schaffen zwischen den Nationen und viele Völker zurechtweisen. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg. 
5 Haus Jakob, auf, wir wollen gehen im Licht des HERRN.

Wie im gestrigen Post behandelt geht es in diesem Jesajatext sowie im unten stehenden Ps 122 um die Wallfahrt nach Jerusalem, zum Tempel auf dem Zionsberg. Dieser ist höher als alle anderen Berge, weil auf ihm das Haus des HERRN errichtet ist, d.h. der Tempel. „Am Ende der Tage“ deutet schon an, dass es um mehr geht als um eine herkömmliche Wallfahrt, nämlich um eine endzeitliche (Offb 15). In dieser Hinsicht sind auch die Querverweise Joel 4,10 und Mi 4,1-3 zu verstehen. Bei Micha heißt es: „Am Ende der Tage wird es geschehen: Der Berg des Hauses des HERRN steht fest gegründet als höchster der Berge; er überragt alle Hügel. Zu ihm strömen Völker. Viele Nationen gehen und sagen: Auf, wir ziehen hinauf zum Berg des HERRN und zum Haus des Gottes Jakobs. Er unterweise uns in seinen Wegen, auf seinen Pfaden wollen wir gehen. Denn von Zion zieht Weisung aus und das Wort des HERRN von Jerusalem. Er wird Recht schaffen zwischen vielen Völkern und mächtige Nationen zurechtweisen bis in die Ferne. Dann werden sie ihre Schwerter zu Pflugscharen umschmieden und ihre Lanzen zu Winzermessern. Sie erheben nicht mehr das Schwert, Nation gegen Nation, und sie erlernen nicht mehr den Krieg.“ Die Begründung für diese endzeitliche Wallfahrt besteht darin, dass die Weisung (hebr. Torah), also das Wort Gottes, vom Berg ausgehen wird. Es erinnert zunächst an den Berg Sinai, von dem aus das mosaische Gesetz, die Torah ausgegangen ist. Der entscheidende Unterschied: Es geht nicht um den Berg Sinai, sondern um Zion! Also deutet Jesaja hier nicht mehr das an Israel ergangene mosaische Gesetz an, sondern das andere, nämlich das fleischgewordene Wort Gottes, das von Jerusalem ausgeht, d.h. den Kreuzestod erlitten hat. Zur Zeit des Propheten Jesaja steht dieses Ereignis noch aus und deshalb sagt Jesaja diese Verheißung in der Zukunftsform (תֵּצֵא teze „sie – die Torah – wird ausgehen“). Wenn Jesaja dann ankündigt, dass die Waffen zu Pflugscharen und Winzermessern umgeschmiedet werden, dann sind das einerseits Bilder von Umkehr, andererseits Evangelisierungsmetaphern. Aus den Evangelien sind uns diese Bilder von den Gleichnissen Jesu wie dem der Arbeiter im Weinberg oder dem Feigenbaum im Weinberg bekannt. Schließlich handelt es sich um Erntemotive, die auch neutestamentlich im Kontext der Endzeit verwendet werden. Am Ende der Tage wird auch Frieden sein, da laut Jesaja die Schwerter nicht mehr gegeneinander erhoben und kein Krieg mehr geführt wird. Dieser Frieden wird mit dem Ausgehen der Weisung Gottes vom Zion einhergehen.

Jes 4,2-6
2 An jenem Tag wird der Spross des HERRN zur Zierde und zur Herrlichkeit sein und die Frucht des Landes zum Stolz und zum Schmuck für die Entronnenen Israels. 
3 Dann wird der Rest in Zion, und wer in Jerusalem noch übrig ist, heilig genannt werden, jeder, der zum Leben eingeschrieben ist in Jerusalem. 
4 Wenn der Herr den Kot der Töchter Zions abgewaschen und die Bluttaten Jerusalems aus ihrer Mitte durch den Sturm des Gerichts und den Sturm der Verwüstung weggespült hat, 
5 dann erschafft der HERR über der ganzen Stätte des Berges Zion und über ihren Versammlungen eine Wolke bei Tag und Rauch und eine strahlende Feuerflamme bei Nacht. Denn über der ganzen Herrlichkeit ist eine Decke. 
6 Und eine Hütte wird bei Tag Schatten spenden vor der Hitze und sie dient als Zuflucht und Versteck vor Unwetter und Regen.

Zu der Jesaja-Passage, die bereits am ersten Adventssonntag verlesen worden ist, tritt alternativ ein Abschnitt aus dem vierten Kapitel. Dieses ist nochmal sehr lehrreich im Kontext der eschatologischen Wallfahrt zum Zionsberg, der somit den Himmel meint: „An jenem Tag“ bezieht sich erneut auf das kommende Ende der Zeiten. Die „Entronnenen Israels“ ist dabei zunächst einmal wörtlich auf die zu beziehen, die die Fremdherrschaften der Assyrer, der Babylonier etc. überlebt haben und nach dem Exil nach Jerusalem zurückkehren können. Dann ist auch „an jenem Tag“ zunächst auf das Ende der politischen Katastrophe zu beziehen. Darüber hinaus sind die Entronnenen des neuen Israel gemeint, die sich um Christus, den Spross des HERRN sammeln und durch die Taufe zu ihm gehören werden, also die Kirche. Im moralischen Schriftsinn denken wir an die Sünder, die von ihren Sünden umkehren, ihnen gleichsam „entrinnen“ und zum Spross des HERRN ziehen. Dieser wird zur Mitte ihres Lebens und Handelns. Der anagogische Schriftsinn ist hier eindeutig der schwerwiegendste: Die Entronnenen Israels sind diejenigen, die bis zum Ende standhaft geblieben sind und nun zum himmlischen Jerusalem ziehen dürfen, dem Himmel, wo das Lamm auf sie wartet, um mit ihnen zu feiern. Vor diesem Hintergrund wird auch verständlich, warum die Entronnenen Israels dann heilig genannt werden. Dies lässt sich durch die herkömmliche Wallfahrt oder die Rückkehr aus dem Exil logisch nicht erklären. „Die zum Leben eingeschrieben sind“ bezieht sich auf eine Tradition, die sowohl im AT als auch im NT verbreitet ist: Wer bei Gott sein darf, was wir Himmel nennen, steht im Buch des Lebens (Dan 12; Offb 3; 20). Wenn dann die Rede von Kot und Blutschuld ist, dann sind das Bilder für die Sünden der Menschen, die von Gott getilgt werden. Gott muss erst alles auf Null setzen, bevor er, wie es dann in Offb 21 heißt, einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen kann. Deshalb wird am Ende der Tage das Gericht Gottes vollzogen. Es geht dem ewigen Heil voraus. Die Stätte des Berges Zion und die Versammlungen beziehen sich wörtlich-historisch zunächst auf den Jerusalemer Tempel. Allegorisch gesehen bezieht es sich überdies auf die Kirche, deren griechische Bezeichnung ἐκκλησία ekklesia mit „Versammlung“ zu übersetzen ist. Moralisch betrachtet ist die Stätte des Berges Zion als Bild für die Seele des Menschen zu verstehen. Dies ist bemerkenswert insbesondere bezüglich der Theophaniezeichen „Wolke“ und „Rauch“ bzw. „Feuer“. Gottes Anwesenheit im Tempel der Seele ist der Heilige Geist. Deshalb nennt Paulus sie auch den Tempel des Heiligen Geistes (1 Kor 6,19). Und wenn wir die Stätte des Zionsbergs anagogisch betrachten, wird es eben nicht mehr ein irdischer Tempel sein, sondern das himmlische Jerusalem, in dem Gott selbst wohnen wird, also der Himmel. Interessant ist bei diesem Vers auch, dass dort das Verb בָרָא bara für „erschaffen“ verwendet wird. Es ist ausschließlich der schöpferischen Tätigkeit Gottes vorbehalten und zeigt umso mehr, dass alles auf dessen Neuschöpfung hinausläuft. Lässt man sich diesen Aspekt vierfach auf der Zunge zergehen, merkt man, dass alle anderen Dimensionen ebenso Gotteswerk und nicht Menschenwerk sind: Die Kirche ist von Christus gestiftet und durch den Hl. Geist zum Leben erweckt worden am Pfingsttag. Der Mensch und seine ewige Seele ist von Gott erschaffen. Der Tempel von Jerusalem ist nach Gottes Design entstanden.
Daraufhin ist die Rede von einer Hütte, die Schatten, Zuflucht und Versteck sein wird. Das hebräische Wort סֻכָּה sukkah, das hier mit „Hütte“ übersetzt wird, kann auch mit „Zelt“ übersetzt werden. Das wiederum ist ein Stichwort, das erstens auf das Offenbarungszelt hindeutet, das dann zum festen Tempel wurde und allegorisch gesehen die Kirche Jesu Christi, moralisch gesehen die innere Seele und anagogisch gesehen das Himmelreich ist. Es stellt ein weiteres Bild für dasselbe dar, das einen Vers zuvor thematisiert worden ist. Einen Querverweis erhalten wir in Offb 7.

Ps 122
1 Ein Wallfahrtslied. Von David. Ich freute mich, als man mir sagte: Zum Haus des HERRN wollen wir gehen. 
2 Schon stehen unsere Füße in deinen Toren, Jerusalem: 
3 Jerusalem, als Stadt erbaut, die fest in sich gefügt ist. 
4 Dorthin zogen die Stämme hinauf, die Stämme des HERRN, wie es Gebot ist für Israel, den Namen des HERRN zu preisen. 
5 Denn dort standen Throne für das Gericht, die Throne des Hauses David. 
6 Erbittet Frieden für Jerusalem! Geborgen seien, die dich lieben. 
7 Friede sei in deinen Mauern, Geborgenheit in deinen Häusern! 
8 Wegen meiner Brüder und meiner Freunde will ich sagen: In dir sei Friede. 
9 Wegen des Hauses des HERRN, unseres Gottes, will ich dir Glück erflehen.

Dieser Psalm begegnete uns bereits gestern und doch ist er so passend zu dem neuen Textausschnitt aus Jes 4. Schon gestern haben wir bedacht, dass es um mehr geht als um die herkömmliche Wallfahrt nach Jerusalem: nämlich um eine messianische und eschatologische Wallfahrt sowie eine Umkehr zu Gott in der Seele. Ein neuer Aspekt tut sich auf, wenn wir diesen Psalm mit Jes 4 zusammen lesen: Was die Einheitsübersetzung mit „geborgen“ übersetzt, ist wörtlich mit „Ruhe“ oder „Sicherheit“ zu übersetzen. Dies erinnert an die Hütte oder das Zelt aus Jes 4. Der Hl. Augustinus hat diese Ruhe moralisch ausgelegt und auf sein eigenes Leben bezogen, als er sagte: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir.“ Den inneren Frieden haben wir, wenn wir Gott gefunden haben. Und diese Ruhe ist christlich gedeutet eine Gabe des Hl. Geistes. Ruhen werden wir in Frieden, wenn wir nach dem Tod bei Gott sind. So beten wir auch für unsere Verstorbenen: „Herr, gib ihnen die ewige Ruhe.“

Mt 8
5 Als er nach Kafarnaum kam, trat ein Hauptmann an ihn heran und bat ihn:
6 Herr, mein Diener liegt gelähmt zu Hause und hat große Schmerzen. 
7 Jesus sagte zu ihm: Ich will kommen und ihn heilen. 
8 Und der Hauptmann antwortete: Herr, ich bin es nicht wert, dass du unter mein Dach einkehrst; aber sprich nur ein Wort, dann wird mein Diener gesund! 
9 Denn auch ich muss Befehlen gehorchen und ich habe selbst Soldaten unter mir; sage ich nun zu einem: Geh!, so geht er, und zu einem andern: Komm!, so kommt er, und zu meinem Diener: Tu das!, so tut er es. 
10 Jesus war erstaunt, als er das hörte, und sagte zu denen, die ihm nachfolgten: Amen, ich sage euch: Einen solchen Glauben habe ich in Israel noch bei niemandem gefunden. 
11 Ich sage euch: Viele werden von Osten und Westen kommen und mit Abraham, Isaak und Jakob im Himmelreich zu Tisch sitzen; 

In den bisherigen Lesungen ging es um das Kommen. Es ging vor allem darum, dass Menschen zu Gott kommen. Auch im Evangelium ist dies der Fall: Ein Hauptmann, ein Centurio, tritt an Jesus heran mit einem Anliegen. Vor dem Hintergrund der bisherigen Lesungen wird deutlich, dass Jesus nun die Personifikation der „Stätte des Berges Zion“ (Jes 4) und der „Geborgenheit in den Häusern“ (Ps 122) ist. Der Hauptmann ist ein Heide, der zu diesem personifizierten Zion kommt – so wie es die Erweiterung des Psalms 122 in Offb 15 dann ausdrücken wird: Alle Nationen werden kommen – auch die Nichtjuden! Der Centurio kommt voll Glauben, um das Heil, die Schalom zu erhalten, wie es wörtlich in Ps 122,6-7 heißt. In diesem Zusammenhang ist auch bemerkenswert, was Jesus am Ende dieses Abschnitts sagt: Er bestätigt dieses universale Kommen und erklärt zudem, was die vielen dann tun werden: feiern, zusammen mit Abraham, Isaak und Jakob, den Erzvätern der Juden!
Nun kommt die entgegengesetzte Richtung zum Tragen. Gott kommt zu den Menschen! Jesus antwortet dem Hauptmann auf die Bitte um Heilung seines Dieners wörtlich: „Kommend werde ich ihn heilen.“  Jesus ist bereit, in ein heidnisches Haus zu gehen, obwohl er Jude ist. Er kann das auch, weil er Gott ist und über den jüdischen Reinheitsvorschriften steht. Er kommt immer wieder mit Unreinheit in Verbindung, ob mit dem Tod, mit Blut, mit Aussatz oder mit Todsündern. So begann schon sein Leben – in einem Stall mit Tieren, die ihren Kot dort hinterließen. Jesus ist auch im moralischen Sinne stets bereit in ein unreines Leben zu kommen, wie sündhaft es auch gewesen ist. Ist nicht jede Seele ein armseliger, dreckiger Stall, der für Gottes Anwesenheit eigentlich immer zu unwürdig sein wird? Gott ist aber größer als der Dreck und kann aus jedem Sünder einen Heiligen machen, wenn dieser bereit ist. Allegorisch weitergedacht kommt Jesus in der Eucharistie immer wieder zu den Menschen. Sein Kommen macht er nicht davon abhängig, wie sündhaft oder sündlos der Priester ist, der die Messe feiert. Jesus wird sogar dann Leib Christi, wenn der Priester oder die Gläubigen nicht einmal an seine Gegenwart glauben. Er ist bereit, sich zu zeigen in der kleinen Hostie und im Kelch, damit wir wie Thomas mit unseren eigenen Sinnen ihn erkennen und sagen: Mein Herr und mein Gott! Anagogisch gesehen nähern wir uns jetzt dem eigentlichen Anlass der heutigen Lesungen an: Jesus ist im Kommen. Wir befinden uns in einem zweiten Advent. Wir warten auf seine Wiederkunft am Ende der Zeiten. Er heilt uns jetzt schon durch die Heilsmittel, die Sakramente und am Ende wird er alles vollkommen heilen.
Es ist bemerkenswert, wie der Centurio sich verhält. Er weiß, dass Jesus als frommer Jude sich durch das Kommen in sein Haus kultisch verunreinigen würde. Deshalb sagt er: „Sprich nur ein Wort“. Dass er mit diesen Dingen vertraut war, zeigt sich in der parallelen Erzählung in Lukas 7,10, die deutlicher hervorhebt, dass er ein Gottesfürchtiger war. Damit bezeichnete man zur Zeit Jesu Heiden, die dem Judentum nahestanden, vor allem der jüdischen Ethik, doch den letzten Schritt der Beschneidung nicht wagten. Der Hauptmann zeigt durch seine Worte auch, dass er großes Vertrauen in Jesus besitzt. Dies wird dadurch deutlich, dass er Jesus eine Fernheilung ohne viele Worte zutraut. Er bekundet Jesus gegenüber zudem seine Demut: Er erkennt in Jesu Gegenwart seine eigene Armut und dass er es eigentlich nicht verdient hat, Gott bei sich Zuhause aufzunehmen. Er vertraut aber auf Gottes Barmherzigkeit, die durch ein einziges Wort alles bewirken kann. Genau diese Einstellung führt die Kirche moralisch weiter, wenn in der Hl. Messe vor dem Kommunionempfang die Gläubigen beten: „Herr, ich bin nicht würdig, dass du eingehst unter mein Dach, aber sprich nur ein Wort und meine Seele wird gesund.“ Jesus geht durch die Kommunion in die eigene Seele ein und in seinem Angesicht erkennt der Mensch ganz realistisch sein eigenes Ich. Dass Jesus dennoch kommt, erkennt man durch diesen Ausspruch als unverdientes Geschenk, als Gnade an. Auch allegorisch-ekklesiologisch hat es diese Leserichtung: Jesus hat seine Kirche auf einem sündigen Menschen wie Petrus gebaut. Das ist ebenfalls Gnade. Denn welcher Mensch hat es verdient, Werkzeug Gottes zu sein? Wer ist wirklich perfekt genug? So ist alles, was von Gott kommt, Gnade. Das betrifft auch die Sakramente und die Kirche als Ganze. Sie ist Gotteswerk und Geschenk. Wir machen Kirche nicht. Wir können nur jedes Mal demütig beten: „Jesus, komm in unsere Mitte, obwohl wir es nicht verdient haben.“ Und jeder kirchlicher Vollzug, alles Bestreben, jede Reform kann nur von Gott ausgehen, dem die Kirche gehört. Wir können diese Dinge nie aus uns selbst heraus. Anagogisch gesehen können wir auch nur sagen: Das Kommen des Reiches Gottes, das Ende der Welt, den Himmel können wir nicht herbeiholen. Wir können den Zeitpunkt des Weltendes nicht beeinflussen, beschleunigen oder hinauszögern. Beten wir demütig um das Kommen Gottes, der ebenfalls nur ein Wort sagen muss: Das fleischgewordene Wort Gottes Jesus Christus. Das tut die Kirche immer wieder, wenn sie betet: Oh komm, oh komm, Immanuel.

Dass ein Heide Jesus als Messias anerkennt und Glauben hat, ist eigentlich ein Zeichen für die angebrochene Endzeit. Das, was Jesaja, was Ps 122 etc. schon damals angekündigt haben, die Anbetung durch alle Nationen und Stämme, wird hier nun am Beispiel eines Hauptmanns deutlich. Beten wir darum, dass Gott dieses eine Wort in unsere Welt hinein sagt, auf dessen Fleischwerdung wir im Advent warten.

Ihre Magstrauss