Samstag nach Aschermittwoch

Jes 58,9b-14; Ps 86,1-2.3-4.5-6; Lk 5,27-32

Jes 58
9 Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, 

10 den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. 
11 Der HERR wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser nicht trügt. 
12 Die Deinen bauen uralte Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich Maurer, der Risse schließt, der Pfade zum Bleiben wiederherstellt. 
13 Wenn du am Sabbat deinen Fuß zurückhältst, deine Geschäfte an meinem heiligen Tag zu machen, wenn du den Sabbat eine Wonne nennst, heilig für den HERRN, hochgeehrt, wenn du ihn ehrst, ohne Gänge zu machen und ohne dich Geschäften zu widmen und viele Worte zu machen, 
14 dann wirst du am HERRN deine Wonne haben. Dann lasse ich dich über die Höhen der Erde dahinfahren und das Erbe deines Vaters Jakob genießen. Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen.

Heute hören wir in der Lesung die Fortsetzung der gestrigen. Es ging um das Volk Israel, das sich schwer verschuldigt, ein unmoralisches Leben geführt und sich dann über die ausgebliebene Gebetserhörung Gottes gewundert hat. Jesaja soll dem Volk den Grund ausrichten und dazu auffordern, Werke der Barmherzigkeit zu tun, damit ihre dargebrachten Opfer aufrichtig vor Gott sind. Die Worte, die Jesaja dem Volk ausrichten soll, setzen sich heute fort.
„Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst“ bezieht sich auf Unterdrückung der Ärmeren und Schwächeren einer Gesellschaft durch Reiche und Mächtige.
Die Israeliten sollen nicht mehr lästern und niemanden verurteilen (mit dem Finger auf sie zeigen).
Sie sollen denen etwas zu essen geben, die hungern, damit das passiert, was ich gestern schon angedeutet habe: damit ihr Licht aufgeht in der Finsternis. Dieses Licht ist moralisch zu sehen – es wird hell aufgrund der Tugenden der Israeliten, wo vorher Finsternis war, nämlich die Dunkelheit ihrer bösen Taten. Zugleich können wir das Licht mit der Gnade Gottes verbinden, die hell leuchtet an einem Ort, wo aufgrund der Sünde die Gnade nicht hinkam. Der Stand der Gnade wird wieder erlangt und von diesem aus wird „der HERR (…) dich immer führen“. Man lebt wieder in Gemeinschaft mit ihm und er zeigt einem den Weg. Gott wird einen nähren und die Glieder stärken. Das ist bemerkenswert, weil es den barmherzigen Taten ähnelt, die man zuvor an anderen Menschen getan hat. Gott gibt einem Gutes zurück, und zwar auch in unmöglichen Situationen wie der Dürre.
Es geht um den Stand der Gnade, in dem die Israeliten zuvor nicht waren wegen ihrer Vergehen. Das sehen wir nun auch an dem Bild des bewässerten Gartens. Wasser ist ein Symbol für den Hl. Geist – auch schon im Alten Testament. Gott erfüllt uns mit seinem Hl. Geist und deshalb sind wir wie ein bewässerter Garten. Wir wachsen durch ihn prächtig heran und bringen schöne Blüten und köstliche Früchte hervor.
In Vers 12 wird verheißen, dass die Israeliten „uralte Trümmer“ wieder aufbauen. Das ist ein Hinweis einerseits auf die Ruinen der Stadt und des Tempels, der von den Babyloniern zerstört werden wird. Andererseits sind die Ruinen geistig zu verstehen – als Symbol der Auferstehung Jesu, der „uralt“ ist und dessen Trümmer des Todes am dritten Tag wieder zum Leben erweckt werden, ebenso auf die Kirche bezogen, deren Trümmer durch die Krisenzeiten hervorgegangen sind und die durch den Hl. Geist eine Erneuerung erfahren hat. Wir denken an jeden einzelnen Menschen, der sein Leben durch die Sünde zu einem Trümmerhaufen gemacht hat, den der Hl. Geist aber wieder aufbauen kann. Und so ist es auch mit der ganzen gefallenen Welt. Durch den Hl. Geist werden die Trümmer der alten Schöpfung am Ende der Zeiten wieder aufgebaut zu einer neuen Schöpfung!
In den letzten zwei Versen wird noch einmal ein konkretes Verhalten angeführt, durch das man gerecht vor Gott wird: wenn man den Sabbat hält. Gott hat den Israeliten vorgeworfen, am Sabbat oder am Fastentag Geschäfte zu machen. Gott ist nicht an erster Stelle bei ihnen und sie vertrauen nicht darauf, dass er sie mit allem versorgen wird, auch wenn sie einen Tag nicht arbeiten. So war es doch damals bei den Vätern in der Wüste. Sie haben am sechsten Tag doppelt so viel bekommen (Manna oder Tauben), damit sie am Sabbat nicht arbeiten müssen und auch dann noch versorgt sind. Wer sich dem widersetzte und dennoch heimlich etwas angesammelt hat, bei dem verdarb das Vorrätige. Am Sabbat Geschäfte zu machen, ist ein Ausdruck von Misstrauen gegenüber der göttlichen Vorsehung. Das Ironische ist dabei, dass der Mensch alles verspielt, was er so krampfhaft für sich haben wollte. Wenn man dagegen am Sabbat Gott die Ehre gibt, der den ersten Platz im Leben des Menschen hat, dann wird er einen versorgen und man wird „das Erbe deines Vaters Jakob genießen“. Dann werden sie das verheißene Land ganz und gar haben. Und auch dies ist mehr als nur wörtlich zu verstehen. Das betrifft vor allem auch die moralische und anagogische Bedeutung: Wer das dritte Gebot hält, wird im Stand der Gnade sein, der Gemeinschaft mit Gott, der den Menschen dann mit Gnaden überschüttet. Und am Ende des Lebens wird man dann auf ewig das verheißene Land, das Erbe Jakobs, den Himmel genießen.
„Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen“ signalisiert das Ende der Botschaft, die Jesaja dem Volk Gottes ausrichten soll.
Es sind insgesamt sehr eindrückliche Worte, die auch für uns jetzt in der Fastenzeit hochaktuell sind bzw. generell in heutiger Zeit. Gerade der letzte Teil sollte uns zu denken geben. Halten wir den Sonntag heilig? Danken wir an diesem Tag dem Herrn für die ganze Woche und tun dies in der Eucharistie – der Danksagung? Wie viele Katholiken gehen nicht mal jeden Sonntag zur Kirche. Das ist ein schweres Vergehen ohne einen gerechtfertigten Grund. Dann können wir kein gewässerter Garten sein, dann können wir nicht mit allem gesegnet sein, denn wir schneiden von uns aus den Gnadenstrom ab! Dann kann Gott unsere Gebete nicht erhören.
So ist es mit allen Geboten. Wir können keinen Segen erwarten, wenn wir Gottes Gebote nicht halten. Die Fastenzeit ist eine ideale Gelegenheit, das eigene Verhalten zu überdenken, die uralten Trümmer wieder aufzubauen und die Beziehung zu Gott wieder zu erneuern.

Ps 86
1 Ein Bittgebet Davids. Neige dein Ohr, HERR, und gib mir Antwort, denn elend und arm bin ich! 

2 Beschütze mich, denn ich bin dir ergeben! Rette, du mein Gott, deinen Knecht, der auf dich vertraut! 
3 Mein Herr, sei mir gnädig, denn zu dir rufe ich den ganzen Tag! 
4 Erfreue die Seele deines Knechts, denn zu dir, mein Herr, erhebe ich meine Seele! 
5 Denn du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben, reich an Liebe für alle, die zu dir rufen. 
6 Vernimm, HERR, mein Bittgebet, achte auf mein lautes Flehen! 

Heute beten wir einen Bittpsalm passend zur Lesung. Wir können uns vorstellen, wie es das Volk Israel betet, nachdem es die Botschaft Gottes durch den Propheten Jesaja erhalten hat. Wir können es auch selbst beten als Kinder Gottes, die sich durch ein sündiges Verhalten von Gott entfremdet haben. Gott soll sein Ohr neigen, das heißt, die Bitten des Volkes erhören. „Elend und arm“ ist der Beter, weil er mit Gott im Streit liegt. Deshalb beten die Israeliten auch „beschütze mich, denn ich bin dir ergeben!“ Das hebräische Wort für „ergeben“ ist חָסִ֪יד chasid. Es heißt wörtlich „ich bin ein Jünger“. Die Israeliten bitten um Schutz, weil sie Gottes Jünger sind, weil sie ihm nachfolgen.
Sie rufen Gott „den ganzen Tag“. Das hat Jesaja ja bereits thematisiert. Die hebräische Verbform אֶ֝קְרָ֗א ekra ist dabei eine sogenannte PK-Form. Diese ist entweder präsentisch oder futurisch zu übersetzen. Einerseits besagt der Satz hier also, dass sie den ganzen Tag Gott anrufen, andererseits, dass sie es zukünftig tun werden. Es wird so zum Versprechen des Volkes, von nun an anders zu handeln. Ebenso ist es mit dem nachfolgenden Vers, da auch dort als Argumentation für die Bitte eine Handlung als PK-Form ausgedrückt wird („denn zu dir (…) erhebe ich meine Seele!“). Das Verb für „erheben“ ist אֶשָּֽׂא esa. Das Volk sagt also, dass es dies jetzt schon tut, es aber in Zukunft auch tun wird. Das Wort für Seele ist נַפְשִׁ֥י nafschi. Es ist eigentlich zu übersetzen mit „mein Leben“. Es meint die gesamte Existenz und nicht nur einen bestimmten Teil im Menschen. David erhebt also sein ganzes Leben zu Gott in dem Sinne, dass er sein ganzes Dasein auf Gott ausrichtet, ohne etwas für sich zu behalten. Und so tut es das Volk Israel immer wieder im AT, nachdem Gott ihm die Leviten gelesen hat. Gott soll die נֶ֣פֶשׁ nefesch, also das ganze Leben des Volkes erfreuen, weil es sein Leben Gott ganz widmet. Das ist für uns ein gutes Beispiel. Auch wir müssen Gott unser ganzes Leben hinhalten, wenn wir möchten, dass er es verwandelt. Dies tut er nur, wenn wir es ihm freiwillig überlassen. Und er tut es gern. Das bedeutet auch, dass er uns das ewige Leben schenken möchte.
„Denn du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben, reich an Liebe für alle, die zu dir rufen“ – das Volk hat Gottes Vergebung immer wieder erfahren und kann mit Vertrauen diese Worte beten.
Gott ist wirklich ein barmherziger Gott und bereit, unsere Schuld zu vergeben. Wir müssen seine Barmherzigkeit aber auch annehmen. So tut es David immer wieder, so tut es später auch Petrus, so tut es der verlorene Sohn im Gleichnis Jesu. So tun es die Gläubigen, die zur Beichte kommen. Dann umarmt Gott die Menschen bereitwillig mit seiner vergebenden Liebe und verändert das Leben jedes Reumütigen. Nutzen wir dafür die Fastenzeit, denn jetzt hat Gott ganz besondere Gnaden für uns bereit.

Lk 5
27 Danach ging Jesus hinaus und sah einen Zöllner namens Levi am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! 

28 Da verließ Levi alles, stand auf und folgte ihm nach. 
29 Und Levi gab für Jesus in seinem Haus ein großes Gastmahl. Viele Zöllner und andere waren mit ihnen zu Tisch. 
30 Da murrten die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten und sagten zu seinen Jüngern: Wie könnt ihr zusammen mit Zöllnern und Sündern essen und trinken? 
31 Jesus antwortete ihnen: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 
32 Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen.

Auch das Evangelium thematisiert heute die Barmherzigkeit. Jesus beruft Levi/Matthäus zu seinem Apostel, der von Beruf Zöllner ist. Er sitzt gerade am Zoll, als Jesus ihn ruft. Er macht einen unbeliebten Job, bei dem es oft um kleinere und größere Betrügereien geht, also nichts Aufrichtiges. Und doch ist dieser Mensch herzensoffen. Als Jesus ihn ruft, lässt er alles stehen und liegen und folgt Jesus nach. Er hat die optimale Herzenshaltung, denn er lässt sich von Jesus etwas sagen.
Wie es oft bei Jesus der Fall ist, hält er mit den jeweiligen Menschen Mahl. Er ist bei Levis großem Gastmahl eingeladen und weil Levi ein Zöllner ist und diese seine einzigen Freunde sind (wer will sonst schon mit einem Betrüger und Lügner befreundet sein? Alle sind misstrauisch.), besteht Jesu Tischgemeinschaft aus sündigen Menschen.
Offensichtlich ist Jesus nicht alleine bei Levi, sondern auch die Jünger Jesu sind eingeladen. Dies wird daran deutlich, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten die Jünger so ansprechen, dass sie mit dabei sind. Ihre Kritik besteht dabei darin, dass Jesus und seine Jünger mit Zöllnern und Sündern Tischgemeinschaft haben. Entweder ist diese aus moralischer oder aus ritueller Sicht verwerflich: Die genannten Personengruppen sind Sünder vor Gott und das Essen mit ihnen impliziert für einen Juden dann, dass man ihr Verhalten gutheißt. Die genannten Personengruppen als rituell Unreine können am Kult nicht teilnehmen und übertragen die eigene Unreinheit noch auf den Reinen, der mit ihnen am Tisch ist. Diese beiden Möglichkeiten müssen wir in Betracht ziehen, zugleich zeigen sie, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten Jesus als Messias nicht erkannt haben. Diese Dinge mögen vielleicht für einen normalen Juden gelten, aber nicht für den Sohn Gottes, der im Gegenteil noch Menschen in den Stand der Gnade (moralischer Begriff) zurückversetzen kann durch Sündenvergebung und der nicht kultisch unrein wird, sondern seine Heiligkeit auf die Menschen um sich herum abfärbt!
Jesus möchte durch sein Verhalten eben nicht gutheißen, dass die Sünder und Zöllner gegen die Gebote Gottes verstoßen. Er möchte sie in seiner entgegenkommenden Barmherzigkeit berühren, deren Herzen er ganz weit geöffnet sieht. Er erkennt, dass man mit ihnen „arbeiten“ kann, und verwandelt ihre Herzen in diesem ganzen Prozess. So ist es auch schon mit Zachäus, der dann umkehrt und seine ganze Schuld vielfach zurückzahlen möchte. Das ist der springende Punkt: Wenn Jesus mit ihnen fertig ist, sind sie keine Sünder mehr, sondern brennende Jünger für Gott.
Und was Jesus durch die Antwort auf die Kritik der Pharisäer und Schriftgelehrten verdeutlicht, ist ein therapeutisches Verständnis von Sünde im Gegensatz zu einem juristischen. Sünde ist wie eine Krankheit, die man heilen muss. Jesus ist der Arzt, der die Seele der Menschen wieder gesund macht. Sie sind dabei wie Patienten, die sich bereitwillig behandeln lassen. Sie sind nicht verstockt wie die Pharisäer und Schriftgelehrten, die sich einbilden, keinen Arzt zu benötigen. Dabei ist jeder Mensch krank durch die Erbsünde. Keiner kann von sich behaupten, sündlos und perfekt zu sein. Jeder und jede muss auf die je eigene Weise zum Arzt kommen.
Wenn Jesus zum Schluss sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen“, dann heißt das nicht, dass die echten Gerechten Pech gehabt haben. Er meint diejenigen, die sich für gerecht halten. Er ist gekommen, um die zur Umkehr zu rufen, die erkennen, dass sie Sünder sind und der Umkehr auch wirklich bedürfen. Wer selbstgerecht ist, ist versteinert, sein Herz ist geschlossen und blockiert die Gnade Gottes. Dabei muss sich jeder seiner Sündigkeit und Umkehrbedürftigkeit bewusst werden.

Wir befinden uns jetzt in der österlichen Bußzeit, in der wir uns unsere eigene Schuldhaftigkeit auf besondere Weise bewusst machen. Gott möchte in dieser Zeit besondere Gnaden schenken, um auch den besonders harten Fällen die Herzen zu erweichen. Dann kommt Jesus auch in unser Leben und möchte mit uns Gemeinschaft haben. Dann arbeitet er in uns, bis wir unser eigenes Schlechtes erkennen, bereuen und umkehren. Er verwandelt uns, sodass wir immer mehr zu den ursprünglichen Menschen werden, die Gott geschaffen hat – Menschen wie er.

Ihre Magstrauss

Freitag nach Aschermittwoch

Jes 58,1-9a; Ps 51,3-4.5-6b.18-19; Mt 9,14-15

Jes 58
1 Rufe aus voller Kehle, halte dich nicht zurück! Erhebe deine Stimme wie ein Widderhorn! Halt meinem Volk seine Vergehen vor und dem Haus Jakob seine Sünden! 

2 Sie suchen mich Tag für Tag und haben daran Gefallen, meine Wege zu erkennen. Wie eine Nation, die Gerechtigkeit übt und vom Recht ihres Gottes nicht ablässt, so fordern sie von mir gerechte Entscheide und haben an Gottes Nähe Gefallen. 
3 Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum haben wir uns gedemütigt und du weißt es nicht? Seht, an euren Fasttagen macht ihr Geschäfte und alle eure Arbeiter treibt ihr an. 
4 Seht, ihr fastet und es gibt Streit und Zank und ihr schlagt zu mit roher Gewalt. So wie ihr jetzt fastet, verschafft ihr eurer Stimme droben kein Gehör. 
5 Ist das ein Fasten, wie ich es wünsche, ein Tag, an dem sich der Mensch demütigt: wenn man den Kopf hängen lässt wie eine Binse, wenn man sich mit Sack und Asche bedeckt? Nennst du das ein Fasten und einen Tag, der dem HERRN gefällt? 
6 Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? 
7 Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen? 
8 Dann wird dein Licht hervorbrechen wie das Morgenrot und deine Heilung wird schnell gedeihen. Deine Gerechtigkeit geht dir voran, die Herrlichkeit des HERRN folgt dir nach. 
9 Wenn du dann rufst, wird der HERR dir Antwort geben, und wenn du um Hilfe schreist, wird er sagen: Hier bin ich.

Was wir heute in der Lesung aus dem Buch Jesaja hören, ist ein Aufruf zur Buße. Solche Texte werden wir die ganze Fastenzeit über hören, denn das ist der Kern dieser besonderen Gnadenzeit: Die Umkehr und Buße. Im Kapitel vor unserem heutigen Abschnitt klagt Gott die Frevel seines auserwählten Volkes an, das sich anderen Göttern zugewandt hat und viele schwere Sünden begeht. Und nun erfolgt im heutigen Abschnitt ein Aufruf zur Umkehr, zum gerechten Fasten und zum Halten des Sabbats.
„Rufe aus voller Kehle“ und „erhebe deine Stimme“ ist Gottes Aufruf an Jesaja, dem Volk die Sünden vorzuhalten. Ein großes Problem ist, dass das Volk trotz der vielen Vergehen Opfer darbringt, fastet und Gottes Nähe sucht durch Gebete und Bitten. Gleichzeitig merken die Israeliten, dass er ihre Gebete nicht erhört („Warum fasten wir und du siehst es nicht? Warum haben wir uns gedemütigt und du weißt es nicht?“).
Jesaja als Prophet soll Gottes Gründe dem Volk erklären: Sie bringen zwar die Opfer dar, sie fasten und tun, was man so tun soll, aber sie tun es mit einem verdorbenen Herzen. Ihr Leben außerhalb des Opfers ist unmoralisch. Sie halten nicht die Gebote Gottes, bringen aber Opfer dar, damit Gott ihnen gibt, was sie wollen. Auf solche Opfer kann Gott verzichten. An Fasttagen machen die Israeliten z.B. Geschäfte, nutzen diesen Tag also nicht zur Buße. Sie selbst nehmen keine Bußhaltung ein und halten noch ihre Bediensteten davon ab, indem sie sie antreiben.
Beim Fasten gibt es zudem Streit. Dabei sollte eine Fastenzeit auch davon geprägt sein, dass man die Beziehungen zum Nächsten wieder erneuert, überdenkt und verbessert. Was bringt es, nichts zu essen, wenn man doch „mit roher Gewalt“ zuschlägt? So ein Fasten braucht Gott nicht!
Dann werden Sack und Asche genannt, das Hängenlassen des Kopfes, insgesamt ein demütiges Erscheinungsbild. Wenn es dann heißt: „Ist nicht das ein Fasten, wie ich es wünsche: die Fesseln des Unrechts zu lösen…“, dann meint das nicht, dass Sack und Asche überflüssig sind. Das heißt, dass das Äußere nicht genug ist. Neben diesem muss es auch eine innere Dimension des Fastens geben! Und diese muss sich auf moralischer Ebene zeigen – im Verhalten des Menschen.
Fasten bedeutet, sich selbst ein Minus vorzunehmen, um sich selbst weniger zu machen und das entstehende Potenzial in Werke der Barmherzigkeit zu investieren: „(…) die Fesseln des Unrechts zu lösen, die Stricke des Jochs zu entfernen, Unterdrückte freizulassen, jedes Joch zu zerbrechen? Bedeutet es nicht, dem Hungrigen dein Brot zu brechen, obdachlose Arme ins Haus aufzunehmen, wenn du einen Nackten siehst, ihn zu bekleiden und dich deiner Verwandtschaft nicht zu entziehen?“
Auf diese Weise wird das eigene Licht „hervorbrechen“, das heißt die eigene innere Gerechtigkeit nach außen strahlen. Dann wird auch Gott die Gebete des Volkes erhören, weil sie einem reinen Herzen entsprungen sind. Die eigene Gerechtigkeit „geht voran“ und Gottes Herrlichkeit „folgt nach“. Wörtlich heißt es hier, dass die Gerechtigkeit „gegangen ist“, also in der Vergangenheitsform. Das Vorangehen ist dabei nicht zeitlich zu verstehen, sondern örtlich. Die Gerechtigkeit ist zum Orientierungspunkt geworden, dem man nachgeht. Aus diesem Grund wird auch die Herrlichkeit geerntet (hier nun eine Zukunftsform). Wer sein Handeln an der Gerechtigkeit orientiert, die die Gebote Gottes vorgeben, wird die Herrlichkeit Gottes ernten. Das ist eine Verheißung und ein Versprechen.
Und mit dieser Aufrichtigkeit und Gerechtigkeit, die wir moralisch den Stand der Gnade nennen, können wir Gott dann um etwas bitten. Er wird es erhören.
Gott stellt keine Bedingungen, wenn es um seine Gnade geht. Diese ist unendlich und unerschöpflich, doch der Mensch erzeugt für sich selbst Bedingungen, indem er Gott ablehnt mit einem unmoralischen Verhalten. Er geht von der Quelle weg und muss sich dann nicht wundern, dass er nicht daraus schöpfen kann. Gott ruft das Volk heute auf, zur Quelle zurückzukommen, wieder so zu handeln, wie er gesagt hat, und so ein neues Leben zu gewinnen.
Das gilt nicht nur für das Volk Israel, sondern auch für uns, die wir zum neuen Volk Gottes gehören. Nutzen wir die Fastenzeit, um nicht nur weniger zu essen, sondern uns selbst insgesamt zurückzunehmen, damit wir die gewonnene Kraft und Zeit in Werke der Barmherzigkeit investieren können! Das ist ein gerechtes Fasten.

Ps 51
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! 
4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde! 
5 Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen. 
6 Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was böse ist in deinen Augen.
18 Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen. 
19 Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen. 

Im heutigen Psalm bittet König David um Gottes Barmherzigkeit. Das ist das perfekte Vorbild für das Volk Israel, das im Buch Jesaja eben nicht so handelt. Es bittet um Gottes Barmherzigkeit, lebt aber selbst unbarmherzig. So geht das nicht.
Es ist auch ein passender Psalm für uns heute, die wir jetzt in der Fastenzeit stehen. Es ist perfekt für jeden Einzelnen von uns, die wir uns vornehmen, in diesen Tagen in Vorbereitung auf Ostern anders zu leben.
„Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde“, ist ein Vers, den die Priester bei der Gabenbereitung zum Schluss beten, während der Messdiener ihnen Wasser über die Hände gießt. Auch wir müssen dies immer wieder erbitten, die wir nicht perfekt sind. Wir sündigen jeden Tag und in dieser Fastenzeit wollen wir auf besondere Weise umkehren.
König David bittet Gott um sein Erbarmen und um die Vergebung der Schuld, wobei er gleichzeitig seine Sünden bekennt. So tut es auch der verlorene Sohn im Gleichnis vom barmherzigen Vater, so möchte Jesus auch, dass wir tun. Gott kennt unsere Sünden schon längst, aber er möchte uns sprechen lassen, er gibt uns Gelegenheit, die eigene Schuld laut auszusprechen und somit einzugestehen. Gott kennt auch die Schuld der Israeliten heute im Buch Jesaja. Er möchte, dass das Volk diese Sünden von sich aus bekennt und umkehrt.
Er braucht keine Schlachtopfer und Brandopfer, wenn man sie tut, um Gott zu besänftigen, gleichzeitig aber ganz viele Leichen im Keller hat. Gerade König David hat schwere Sünden begangen und versteht, dass er die Beziehung zu Gott zerstört hat. Er konzentriert sich darauf, diese Beziehung wieder zu kitten, nicht einfach nur paar Opfer darzubringen und dann passt das schon. Das heißt nicht, dass wir das jetzt wortwörtlich nehmen müssen und David keine Opfer mehr darbringen soll. Wir sind hier in einem Psalm, einer poetischen Textgattung, die mit solchen rhetorischen Stilmitteln bestückt ist. Wir sehen an Davids Verhalten und an dem seines Sohnes Salomo, dass er diese Verse rhetorisch meint. Er hat den Festkalender mit all den Opfern ja noch ausgebaut und Salomo hat den Tempel gebaut, in dem weiterhin viele Opfer dargebracht wurden!
Es heißt vielmehr, dass Gott keine solchen Opfer braucht, wenn die Menschen ihr Leben nicht ändern wollen, wenn ihr Herz nicht umkehrbereit und reuevoll ist. Das ist sehr aktuell, denn auch heute locken viele Angebote aus der Esoterik damit, dass man Heil, Glück, Erfolg etc. haben kann ohne Umkehr: ob es Meditationen und körperliche Übungen sind (Yoga, Qigong etc), die Umstellung der Möbel im Haus für Glück im Leben (Fengshui) oder sogar Diäten für besseres Karma…
Vielmehr wünscht sich Gott einen zerbrochenen Geist und ein zerschlagenes Herz, das heißt eine innere Bußhaltung und Bereitschaft zur Umkehr. Das ist ihm viel wertvoller. David hat das wirklich vorgelebt und ist deshalb bis heute ein Vorbild im Prozess der Umkehr sowie im Gebet, auch wenn er schlimme Sünden begangen hat.
Für uns heißt das heute nicht, dass wir keine Messen besuchen sollen, dem einzigen Opfer, das wir als Christen noch haben, das alle anderen Opfer der Juden abgelöst hat. Das heißt vielmehr, dass hinter dem knienden Menschen in der Kirchenbank, dem Gläubigen, der sich ein Aschekreuz abholt und gesenkten Kopfes die Messe mitmacht, auch ein reuiges Herz stecken muss, ein zerschlagener Geist, der bereit zur Umkehr ist und dies auch durch Taten im Alltag zeigt. Wir alle sollen uns nicht einfach nur zurücknehmen – und schon gar nicht für eitle Gründe wie im säkularen Kontext für die Fastenzeit angepriesen wird! -, sondern dieses Minus auch durch ein Plus barmherziger Taten zu kompensieren! In der Fastenzeit muss man uns anmerken, dass wir uns darum bemühen, den anderen Menschen gegenüber netter zu sein, ihnen zu helfen, besonders das zu verschenken, das heutzutage zu den Wertvollsten Gütern zählt – unsere Zeit. Wenn wir schlechte Charakterzüge haben, unter denen die Mitmenschen leiden, sollen wir in dieser besonderen Gnadenzeit daran arbeiten. Gott gibt uns doch die Gnade dazu! Und wenn wir Not sehen, sollen wir tun, was in unserer Macht steht – vom Einkaufen für den Anderen bis hin zum Babysitting. Wenn jemand einsam ist, leisten wir ihm doch mal Gesellschaft! Zeit haben wir ja, wenn wir auf Beautysalon oder Nagelstudio verzichten, auf Kino oder Disco. Dann können wir auch mal den entlasten, der überlastet ist. Dann haben wir Geld übrig, mit dem wir jene unterstützen können, die sich nicht mal das Lebensnotwendige leisten können. Tun wir das alles aus Liebe zu Gott, weil wir ihm zuliebe ein besserer Mensch werden möchten, dann wird er uns segnen und verwandeln. Und wenn wir alt, krank, ans Bett gefesselt sind, dann besteht unsere barmherzige Tat aus einem Lächeln oder einem Dankeswort an den Pfleger, an den Arzt, an die Mitarbeiter um uns herum. Dann sind unsere Schmerzen, unsere fehlende Bewegungsfreiheit etc. das größte und edelste Opfer, das wir darbringen können.

Mt 9
14 Da kamen die Jünger des Johannes zu ihm und sagten: Warum fasten deine Jünger nicht, während wir und die Pharisäer fasten? 

15 Jesus antwortete ihnen: Können denn die Hochzeitsgäste trauern, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen sein; dann werden sie fasten.

Das Evangelium ist sehr überraschend, wenn wir an all die bisherigen Texte denken. Hier geht es nämlich nun darum, dass nicht gefastet wird.
Die Jünger des Johannes – gemeint ist Johannes der Täufer – kommen zu Jesus und fragen ihn, warum seine Jünger im Gegensatz zu ihnen und den Pharisäern nicht fasten. Bei den Pharisäern ist es so, dass sie mehr als das Volk Israel fasten, nämlich an zwei Wochentagen. Das Volk fastet regulär ansonsten nur an einem Tag im Jahr. Die Frage ist nicht als Vorwurf zu verstehen, dafür sind die Johannesjünger auch nicht bekannt. Sie fragen eher aus Neugier. Johannes der Täufer hatte ja schon bei der ersten Begegnung mit Jesus deutlich gemacht, wer er ist. Die Jünger haben nur noch nicht verstanden, dass das Fasten als Vorbereitung auf den Messias nun vorbei ist, weil er da ist.
Jesus antwortet ihnen mit einem ganz wichtigen Stichwort: mit der Hochzeit. Jesus ist der Bräutigam, wie er immer und immer wieder in seiner Verkündigung durchblicken lässt. Er ist der Bräutigam, weil er Gott ist und Gott im gesamten AT immer wieder als Bräutigam um seine Braut Israel geworben hat. Er ist nun einen Schritt weitergegangen und Mensch geworden, um ganz in ihrer Nähe um sie zu werben. Er lebt unter den Menschen, um ganz in ihrer Nähe zu sein. In dieser Szene geht er auf diese tiefe Wahrheit ein: Er ist der Bräutigam und mitten unter den Menschen. Die Hochzeit hat schon begonnen, wie kann man da fasten? Wenn die Pharisäer weiterhin fasten, dann zeigt es, dass sie ihn als Messias nicht erkannt haben. Sie leben weiterhin so, als ob der Messias noch nicht da ist. Sie haben den Zeitpunkt verpasst.
Wir wissen nicht, wie die Johannesjünger reagiert haben. Womöglich haben sie sich zu ihm bekehrt, denn er hat in absolut messianischem Code gesprochen. Die Johannesjünger, die vielleicht wie Johannes selbst mit der Qumrantradition vertraut gewesen waren, die eine ganz besonders intensive Messiaserwartung aufweist, werden diese Codesprache begriffen haben.
Jesus sagt noch etwas Wichtiges, nämlich deutet er seinen Tod an: „Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen sein; dann werden sie fasten.“ Jetzt ist die Zeit der Hochzeit – wir müssen bedenken, dass diese im jüdischen Kontext aus mehreren Etappen bestand und hier noch nicht die letzte Etappe gemeint ist, sondern eher die Verlobung – und später wird es eine Fastenzeit geben. Es wird sein, wenn Jesus leiden und sterben wird in Jerusalem. Die Apostel werden sich wegschließen und vor lauter Trauer wohl kaum einen Bissen hinunterkriegen. Alles hat seine Zeit und wie die Zeiten sein sollten, das entscheidet Gott, nicht die Pharisäer. Ihr Fasten wird dabei nicht nur ein Fasten auf Essen sein, sondern wie wir heute in den anderen Lesungen hörten, eine Buße des Herzens, ein zerschlagener Geist und ein zerrissenes Herz. Insbesondere Petrus wird sein Herz in tausend Stücke zerrissen haben, so sehr wird ihn sein Verrat geschmerzt haben.

Die heutigen Texte verdeutlichen uns heute ganz eindringlich, dass wir neben dieser ganzen „auf Süßigkeiten verzichten etc.“-Aktion die innere Dimension des Fastens, das zerrissene Herz, die Demütigung des Geistes und auch die moralische Dimension, die Werke der Barmherzigkeit nicht vergessen dürfen. Sonst ist es nur ein Minus, das uns ganz schnell zum Murren bringt. Fasten dient dabei immer der inneren Umkehr und Verbesserung der Beziehung zu Gott. Christentum ist anspruchsvoll, weil es eine Beziehungsreligion ist. Fastenzeit ist also harte Arbeit, aber mindestens genauso viel Gnadengabe! Und so gehen wir als Kätzchen in die Fastenzeit hinein und als mächtige Löwen am Ende hinaus!

Ihre Magstrauss

Donnerstag nach Aschermittwoch

Dtn 30,15-20; Ps 1,1-2.3.4 u. 6; Lk 9,22-25

Dtn 30
15 Siehe, hiermit lege ich dir heute das Leben und das Glück, den Tod und das Unglück vor, nämlich so: 

16 Ich selbst verpflichte dich heute, den HERRN, deinen Gott, zu lieben, auf seinen Wegen zu gehen und seine Gebote, Satzungen und Rechtsentscheide zu bewahren, du aber lebst und wirst zahlreich und der HERR, dein Gott, segnet dich in dem Land, in das du hineinziehst, um es in Besitz zu nehmen. 
17 Wenn sich aber dein Herz abwendet und nicht hört, wenn du dich verführen lässt, dich vor anderen Göttern niederwirfst und ihnen dienst – 
18 heute erkläre ich euch: Dann werdet ihr ausgetilgt werden; ihr werdet nicht lange in dem Land leben, in das du jetzt über den Jordan hinüberziehst, um hineinzuziehen und es in Besitz zu nehmen. 
19 Den Himmel und die Erde rufe ich heute als Zeugen gegen euch an. Leben und Tod lege ich dir vor, Segen und Fluch. Wähle also das Leben, damit du lebst, du und deine Nachkommen. 
20 Liebe den HERRN, deinen Gott, hör auf seine Stimme und halte dich an ihm fest; denn er ist dein Leben. Er ist die Länge deines Lebens, das du in dem Land verbringen darfst, von dem du weißt: Der HERR hat deinen Vätern Abraham, Isaak und Jakob geschworen, es ihnen zu geben.

Heute ist der erste Donnerstag der Fastenzeit. Die Bahnlesung aus dem Jakobusbrief wird nun nicht mehr weitergeführt, sondern wir hören ganz andere Texte in dieser besonderen Gnadenzeit. Heute hören wir einen Text, dessen Thema vor ein paar Tagen bereits thematisiert worden ist. Es handelte sich um einen Ausschnitt aus dem Buch Jesus Sirach. In beiden Texten geht es darum, dass Gott uns vor die Wahl stellt und für eine richtige Entscheidung die Gnade verleiht. Deuteronomium nennt die beiden Dinge, zwischen denen man wählen kann, Segen und Fluch, aber auch Leben und Tod wie im Buch Jesus Sirach.
Es wird ferner erklärt, was mit Leben und Glück (hebr. הַטֹּ֑וב hatov „das Gute“), Tod und Unglück gemeint ist: In Vers 16 heißt es, dass man das Leben und das Glück wählt, wenn man Gott von ganzem Herzen liebt und „auf seinen Wegen“ geht, das heißt seine Gebote hält. Dies wird auch im Folgenden näher ausgedrückt, wenn es heißt: „und seine Gebote, Satzungen und Rechtsentscheide zu bewahren.“ Wenn wir Gottes Willen tun, wird es uns gut gehen und wir werden den Segen Gottes in allem haben. Gott wird die Israeliten in dem Land segnen, das er ihnen verheißen hat. Dieses „Land“ bezieht sich aber nicht nur auf die Israeliten damals, sondern auch auf den Hl. Boden der Kirche, die das neue Volk Gottes ist. Es bezieht sich vor allem aber auf das verheißene Land der Ewigkeit, auf das Himmelreich! Dies erwartet uns, wenn wir Gottes Willen in diesem Leben gelebt haben. In dieser Richtung verstehen wir die Verheißung des Lebens und der Fruchtbarkeit ebenfalls nicht nur wörtlich (für die Juden ist Nachkommenschaft und Weiterleben in den Nachkommen ein Zeichen des göttlichen Segens), sondern eben auch eschatologisch: Wenn wir Gottes Willen tun, werden wir auf geistiger Ebene fruchtbar, denn unsere Frucht, die wir bringen und die bleibt, sind Seelen, die wir für Christus gewinnen. Und das Leben bezieht sich dann auf das ewige Leben bei Gott.
In Vers 17 beginnt dann die Kehrseite mit Erklärungen dessen, was der Tod und das Unglück sind: Das Herz wendet sich von Gott ab und hört nicht – hier ist es, was Jesus immer wieder meint! Ohren zum Hören haben, aber nicht hören (mit dem Herzen!). Wenn das Herz nicht an Gott hängt, verliert man es an anderen Göttern und lässt sich zur Sünde verführen. Dies führt dazu, dass man ausgetilgt wird und aus dem verheißenen Land vertrieben wird. Das klingt für uns nach einem Déjà vu! So kam es schon mit dem ersten Menschenpaar, das aus dem Paradies vertrieben wurde aufgrund des Sündenfalls. Und so ist es nun mit dem ganzen Volk Israel, das in Sünde verfällt. Das betrifft auch uns heute: Wenn wir uns als Kirche von Gott absagen, werden wir ganz schnell den Bach hinuntergehen, denn wir entfernen uns dann aus dem verheißenen Land, aus dem Segensradius Gottes, aus der Gnade und dem Geist Gottes. Dies sehen wir an den vielen Schismatikern unserer heutigen Zeit. Sie haben ihre eigene Lehre entwickelt und so nicht mehr den Felsen Christi zur Grundlage. Mit einem einzigen Sturm bricht das ganze menschlich konstruierte Haus in sich zusammen oder erfährt weitere Spaltung. Dies ist auch auf den moralischen Zustand des Menschen zu beziehen: Wenn wir Gottes Willen nicht tun, werden wir ausgetilgt, nämlich verlieren wir den Stand der Gnade. Das Reich Gottes, zu dem wir eigentlich schon hier auf Erden gehören, kann also abhanden kommen. Und schließlich ist es anagogisch auszulegen: Wir verlieren das Himmelreich, wenn wir in unserer Lebenszeit den Stand der Gnade verlassen.
Beides steht einem offen und es liegt nun am Volk Israel, heute an uns, die richtige Entscheidung zu treffen. Gott hat uns dabei einen freien Willen geschenkt, damit wird uns für ihn entscheiden, nämlich aus Liebe, die nicht ohne freien Willen geht.
Wir müssen an dieser Stelle betonen, dass nicht Gott Bedingungen setzt im Sinne einer Erpressung: „Du hast zwar die freie Wahl, aber ich gebe dir nur dann Gutes, wenn du dich für mich entscheidest. Also hast du doch keine freie Wahl.“ Es ist vielmehr so, dass jede Entscheidung ihre Konsequenz hat und wenn wir uns gegen Gott entscheiden, uns von ihm entfernen. Wir selbst schneiden uns vom Segen ab, den Gott bereitwillig schenken würde, aber er schätzt unseren freien Willen und muss die Ablehnung akzeptieren. Er macht also keine Bedingungen, sondern wir selbst schneiden uns vom Segen ab.
Nochmals fordert Mose das Volk in dieser letzten Ansprache vor seinem Tod auf (dies ist nämlich das Buch Deuteronomium), das Leben zu wählen, denn Gott ist die Länge des Lebens. Von ihm hängt ab, ob und wie lange man im verheißenen Land leben darf. Wir beziehen dies absolut auf das Himmelreich, denn Gott ist die Länge unseres ewigen Lebens, also die Ewigkeit!
Entscheiden wir uns für Gott, damit wir auf ewig sein Heil schauen dürfen!

Ps 1
1 Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, 

2 sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt. 
3 Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen. 
4 Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht. 
6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.

Heute beten wir den allerersten Psalm des Psalters. David schreibt hier eine Seligpreisung an den, der sich für Gott entschieden hat. Da hören wir eine wunderbare Betrachtung dessen, wie gut es einem geht, wenn man Gott gewählt hat. Wer „Gefallen an der Weisung des HERRN“ hat und Gottes Gebote nicht nur hält, sondern darüber auch nachdenkt, dann ist dieser Mensch wie ein Baum am Wasser. Er wächst und gedeiht direkt an der Quelle und ist absolut fruchtbar. Diese Fruchtbarkeit wird biologisch gesehen von den Juden als Zeichen des Segens betrachtet, aber wir gehen über das Wörtliche hinaus und denken an Jesu Worte: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt (Joh 15,16).“ Es ist eine geistige Fruchtbarkeit, die andere Menschen zu Kindern Gottes macht und so das Volk Gottes immer größer werden lässt. Jesus sagt sogar, dass die Entscheidung für Gott nicht der erste Schritt ist, sondern die Reaktion auf die Erwählung Gottes.
Gottes Segen zeigt sich bei dem, der Gott gewählt hat, daran, dass ihm alles gelingt und die Gebete erhört werden. Die nie verwelkenden Blätter werden zum eschatologischen Zeichen, zum Symbol für das ewige Leben für Gott, das auch beim nie verwelkenden Siegeskranz aufgegriffen wird, einer Metapher des NT.
Dagegen sind die Frevler, die Gott ablehnen, wie vom Wind verwehte Spreu. Sie sind nicht unvergänglich, sondern absolut kurzlebig. Kommt ein Windstoß, sind sie dahin. Versucht man einen Weg ohne Gott, verläuft man sich in eine ganz böse Sackgasse. Es ist ein Holzweg, der ins Nirgendwo führt – beziehungsweise in die ewige Gottesferne, in die Hölle!
Dies stellt dann den ewigen Tod dar, nicht mehr das ewige Leben.

Lk 9
22 Und er sagte: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet und am dritten Tage auferweckt werden.

23 Zu allen sagte er: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme täglich sein Kreuz auf sich und folge mir nach.
24 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen verliert, der wird es retten. 
25 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sich selbst verliert und Schaden nimmt?

Heute macht Jesus eine Leidensankündigung, die uns schon auf das Ende der Fastenzeit hinweist – auf die Passion Christi, die sich vom Donnerstagabend bis zum Freitagmittag hinziehen wird: „Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden.“ Was Jesus dadurch den Aposteln erklärt, ist die Notwendigkeit der Ereignisse. Es muss so passieren, weil sonst die ganze Menschheit nicht erlöst werden kann. Er kündigt aber auch gleichzeitig an, dass er von den Toten auferstehen wird.
Dies alles bezieht er aber nicht nur auf sein eigenes Lebensende, sondern auch auf die, die ihm nachfolgen. Auch sie müssen leiden, wenn sie seine Jünger sein wollen. Auch sie werden ihr Leben gering achten oder sogar verlieren, aber dafür ihr ewiges Leben retten. Was hier durch die Leidensankündigung Jesu deutlich wird, ist noch etwas Anderes: Der Mensch, der durch die Sünde Gott ablehnt, zieht auch Unschuldige mit in seinen Sumpf. Jesus kann wirklich von sich behaupten, dass er ohne Sünde war. Und doch musste er sterben aufgrund der Ablehnung Gottes durch die Hohenpriester, Ältesten und Schriftgelehrten. Wenn wir als seine Jünger in dieser Welt leben, werden auch wir leiden müssen, weil die Menschen Gott nicht nur annehmen, sondern auch ablehnen. Durch die Sünde des Anderen werden auch wir in das Leiden hineingezogen. Davor bleibt auch der Unschuldige nicht bewahrt.
Und wenn wir versuchen, uns vor dem Leiden zu drücken, verlieren wir dafür das ewige Leben. Das ist ja unvernünftig, denn was ist dieses zeitlich begrenzte Leben im Gegensatz zum ewigen Leben?

Jesu Jünger zu werden entspricht der Entscheidung für Gott laut Deuteronomium und Psalm 1. Es zeigt uns zugleich, dass wir nicht nur ein schönes Leben haben werden, nur weil wir uns für Gott entschieden haben. Im Gegenteil. Uns wird sogar sehr viel Leiden erwarten, obwohl wir im Stand der Gnade sind! Jesus rüttelt sehr stark an dem Tun-Ergehen-Zusammenhang, aber nicht deshalb, weil Gott ein Sadist ist, der seine Kinder leiden lassen will. Es liegt an der Ablehnung der Anderen, die hohe Wellen bis zu uns schlägt. Auch wir müssen deshalb unschuldig leiden. Das ist die Ungerechtigkeit der Sünde und der gefallenen Schöpfung. Und doch muss es so kommen, weil nur so diese Menschen gerettet werden können. Wir sühnen für sie mit, die in Sünde sind. Wir sind wie Simon von Cyrene, der das Kreuz Jesu mitgetragen hat. Wir tragen die anderen mit, auf dass sie sich bekehren und gerettet werden. Warum aber werden wir im Namen Jesu so viel leiden müssen? Weil Jesus ein zweischneidiges Schwert ist, an dem sich die Geister scheiden. Bei Jesus wird jeder vor eine Entscheidung gestellt. Und so entscheiden sich bei ihm sehr viele dagegen.

Was wir in dieser Fastenzeit nun tun müssen, ist wieder neu eine Entscheidung zu treffen. Für Gott. Erneuern wir unser Liebesbündnis mit ihm, der uns das Leben geschenkt hat (das irdische Leben, aber vielmehr auch das ewige Leben!). Sagen wir ihm aufs Neue unser Ja und kehren wir neu um, ändern wir unser Leben, sodass wir mit einem neuen Herzen auf Ostern zugehen können. Die Beichte ist deshalb ein ganz wichtiger Schritt dahin.

Ihre Magstrauss

Aschermittwoch

Joel 2,12-18; Ps 51,3-4.5-6b.l2-13.14 u. 17; 2 Kor 5,20 – 6,2; Mt 6,1-6.16-18

Joel 2
12 Auch jetzt noch – Spruch des HERRN: Kehrt um zu mir von ganzem Herzen mit Fasten, Weinen und Klagen! 

13 Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider, und kehrt um zum HERRN, eurem Gott! Denn er ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld und es reut ihn das Unheil. 
14 Wer weiß, vielleicht kehrt er um und es reut ihn und er lässt Segen zurück, sodass ihr Speise- und Trankopfer darbringen könnt für den HERRN, euren Gott. 
15 Auf dem Zion stoßt in das Horn, ordnet ein heiliges Fasten an, ruft einen Gottesdienst aus! 
16 Versammelt das Volk, heiligt die Gemeinde! Versammelt die Alten, holt die Kinder zusammen, auch die Säuglinge! Der Bräutigam verlasse seine Kammer und die Braut ihr Gemach. 
17 Zwischen Vorhalle und Altar sollen die Priester klagen, die Diener des HERRN sollen sprechen: Hab Mitleid, HERR, mit deinem Volk und überlass dein Erbe nicht der Schande, damit die Völker nicht über uns spotten! Warum soll man bei den Völkern sagen: Wo ist denn ihr Gott?
18 Da erwachte im HERRN die Leidenschaft für sein Land und er hatte Erbarmen mit seinem Volk.

Der Prophet Joel sieht im zweiten Kapitel zunächst eine erschreckende Vision mit den Ereignissen, die sich am Tag des Herrn zutragen werden. Es ist ein Tag der Rache und Vergeltung und seine Worte dazu schließen mit der rhetorischen Frage: „Wer kann ihn ertragen?“
Und auch jetzt ist es noch nicht zu spät, so Joel. Er ruft zur Umkehr auf „von ganzem Herzen“. Das ist der springende Punkt. Was umgedreht werden muss, ist das Herz, der Kern des ganzen Menschen. Er beschreibt auch, wie man umkehren soll – „mit Fasten, Weinen und Klagen!“ Weinen und Klagen soll man dabei über sich selbst, über die eigene Sündhaftigkeit.
„Zerreißt eure Herzen, nicht eure Kleider“ betont die innere Umkehr. Als Zeichen der Buße haben die Juden ihre Gewänder zerrissen. Joel möchte hier herausstellen, dass dieses äußere Zeichen keinen Ersatz für eine echte innere Bußhaltung sein soll.
Gott „ist gnädig und barmherzig“ und das heißt, dass er bei echter Reue (zerrissenen Herzen) dem Menschen gerne vergibt. Wenn es hier gesagt wird, dass Gott „das Unheil reut“, ist das eine sehr menschliche Aussage. Gott sündigt nicht und muss deshalb auch nichts bereuen. Das ist die Interpretation damaliger Menschen, wenn sie sehen, dass Gott ein Gerichtsurteil nicht wahrmacht.
Ebenso ist der darauffolgende Vers zu verstehen, denn Gott muss nicht umkehren. Es bezieht sich aber auf ihn, wenn es heißt: „Vielleicht kehrt er um und es reut ihn und er lässt Segen zurück.“ Gemeint ist, dass Gott seine Barmherzigkeit walten lässt und die Bestrafung nicht ausführt, weil er echte Reue beim Menschen gesehen hat. Reue ist nämlich ein Zeichen von Liebe und „die Liebe deckt viele Sünden zu (Spr 10,12; 1 Petr 4,8).“
Joel fordert zu einem Fasten und Bußgottesdienst auf. Dass es dabei auf dem Zion ausgerufen werden soll, verdeutlicht, dass es vom religiösen Zentrum her geschehen soll. Wir als Christen lesen das schon weiter und verstehen es allegorisch als Ausruf zum Fasten für die ganze katholische Kirche. „Vom Zion her“ ist dann sinnbildlich zu verstehen und meint nun das religiöse Zentrum Rom.
Wir verstehen es aber auch auf den einzelnen Menschen bezogen, der von seinem Herzen, dem inneren Zion her, ein Fasten für sein Leben ausruft – das tun wir heute wieder, wenn wir mit dem Aschermittwoch die österliche Bußzeit beginnen. Und die ausgerufene moralische Buße hat ein bestimmtes Verhalten zur Folge, das man in der Vorbereitung auf Ostern übernimmt. Schließlich verstehen wir es anagogisch, auf die Ewigkeit hin: Jesus hat vom Zion her – zeitlich gesehen auf der Höhe der Zeit, zur Umkehr aufgerufen, damit wir am Ende der Zeiten gerettet werden, ebenso am Ende unseres persönlichen Lebens, wenn wir dann vor Gott stehen. Wenn wir eine bußfertige Haltung in unserem Leben eingenommen haben, indem wir immer darauf geachtet haben, wo wir Gott beleidigt haben, wo wir ihn also geliebt haben, da wird er unsere Liebe auch sehen und dementsprechend barmherzig sein.
„Versammelt das Volk, heiligt die Gemeinde“ – das tut die Kirche heute, wenn sie alle Gläubigen zur Liturgie ruft und den Beginn der Fastenzeit feiert. Dabei sollen alle Menschen zu dieser Liturgie kommen, von jung bis alt. Auch jene, die in Flitterwochenstimmung sind, sollen aus ihrer rosaroten Welt heraustreten und Buße tun („Der Bräutigam verlasse seine Kammer und die Braut ihr Gemacht“).
Die Geistlichen sollen voll Bußhaltung für das Volk einstehen und Gott um Vergebung bitten. So soll es auch heute mit den Geistlichen der Kirche sein. Diese sollen auf Knien stehen und für ihre Gemeinden beten.
„Damit die Völker nicht spotten“ bezieht sich auf die heidnischen Völker um Israel herum. Diese sollen keinen Grund haben, um zu fragen „wo ist denn ihr Gott?“ Bisher haben die Völker die großen Heilstaten Gottes, vor allem den Exodus, anerkannt und die besondere Erwählung Israels gewürdigt.
Weil Gott diese aufrichtige Bußhaltung gesehen hat, setzte er sein Gerichtsurteil am Volk nicht um.
Gottes Gericht hängt von unseren Entscheidungen und Herzensregungen ab. Wo wir bis zum Schluss ein hartes Herz behalten und uns nicht bekehren, wo wir bis zum Schluss stur Gott ablehnen, da muss er diese Entscheidung akzeptieren und ein entsprechende Urteil fällen/vornehmen. Wo wir aber auch nur ein Fünkchen Reue haben, wo wir uns bekehren, wo wir uns doch für ihn entscheiden, lässt er seine Barmherzigkeit walten. So groß ist seine Liebe zu uns.

Ps 51
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! 
4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde! 
5 Denn ich erkenne meine bösen Taten, meine Sünde steht mir immer vor Augen. 
6 Gegen dich allein habe ich gesündigt, ich habe getan, was böse ist in deinen Augen. 
12 Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und einen festen Geist erneuere in meinem Innern! 
13 Verwirf mich nicht vor deinem Angesicht, deinen heiligen Geist nimm nicht von mir! 
14 Gib mir wieder die Freude deines Heils, rüste mich aus mit dem Geist der Großmut!
17 Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde! 

Im heutigen Psalm bittet König David um Gottes Barmherzigkeit. Wir können uns richtig gut vorstellen, wie die Gemeinde im Buch Joel diesen Psalm voller Reue im Tempel gebetet hat.
Es ist auch ein passender Psalm für uns heute, die wir in die österliche Bußzeit starten. Es ist perfekt für jeden Einzelnen von uns, die wir uns vornehmen, in den kommenden 40 Tagen in Vorbereitung auf Ostern anders zu leben.
„Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde“, ist ein Vers, den die Priester bei der Gabenbereitung zum Schluss beten, während der Messdiener ihnen Wasser über die Hände gießt. Er ist derjenige, der der Messe vorsteht und in persona Christi das Kreuzesopfer vergegenwärtigen soll. Deshalb ist er derjenige, der am tiefsten herabsinken muss, der am lautesten Gott um Vergebung bitten muss. Wenn wir ein Aschekreuz aufgezeichnet bekommen, muss er eigentlich den ganzen Kopf eingeäschert kriegen. Er muss noch viel mehr Buße tun als alle anderen.
Aber auch wir beten diesen Vers, jedesmal wenn wir das kostbare Blut Jesu auf uns herabrufen, mehrfach in der Hl. Messe, ganz besonders intensiv in der Beichte und jedesmal, wenn wir uns mit Weihwasser bekreuzigen.
König David bittet Gott um sein Erbarmen und um die Vergebung der Schuld, wobei er gleichzeitig seine Sünden bekennt. So tut es auch der verlorene Sohn im Gleichnis vom barmherzigen Vater, so möchte Jesus auch, dass wir tun. Gott kennt unsere Sünden schon längst, aber er möchte uns sprechen lassen, er gibt uns Gelegenheit, die eigene Schuld laut auszusprechen und somit einzugestehen.
So wie David sich nach einem reinen Herzen und einem festen Geist sehnt, so sehnen sich die Israeliten zur Zeit des Propheten Joel eine Erneuerung ihrer Selbst durch Gott. Auch wir sehnen uns nach einem Neuanfang und dürfen beten: Herr, schenke mir ein neues Herz, ein neues Leben in deinem Segen. Und wenn wir mit derselben Haltung zu ihm kommen wie König David hier im Psalm durchblicken lässt, dann wird Gott auch nicht zögern, unser Leben zu erneuern.
David bittet Gott darum, die Freundschaft mit ihm nicht zu kündigen („verwirf mich nicht von deinem Angesicht“). Er bittet ihn darum, die Salbung nicht zurückzunehmen, seinen gesamten Heilsplan mit David („nimm deinen Hl. Geist nicht von mir“, denn Salbung bedeutet Geistgabe). Er bittet Gott insgesamt darum, den Bund mit ihm nicht zu kündigen wegen dem, was er ihm angetan hat. Gott hat ihm aber zugesagt, dass er treu ist und einen Bund nicht zurücknimmt. Und so bitten auch wir Gott darum, dass er den Bund mit uns nicht kündigt, aber nun den neuen Bund. Gott ist treu. Er bleibt bei uns, aber es hängt von uns ab, ob wir uns selbst durch die Ablehnung Gottes aus dem Stand der Gnade verabschieden oder nicht. Mit diesem Stand der Gnade ist der Hl. Geist verbunden. Dieser kann in einem nur dann wirken, wenn die Leitung nicht verstopft oder sogar abgeschnitten ist.
Davids Sünde hat ihn unglücklich gemacht. Das wird uns deutlich aufgrund der Bitte hier im Psalm „mach mich wieder froh mit deinem Heil“. Die Sünde macht uns immer unglücklich, weil sie uns in einen Streit mit Gott bringt. Wenn wir uns aber von Gott entfernen, entfernen wir uns von der Lebensquelle. Dann kann es uns seelisch nur schlecht gehen. Wir werden innerlich einsam und unzufrieden. Wir werden traurig, weil Freude eine Frucht des Hl. Geistes ist. Diese verlieren wir aber durch die Sünde. David möchte wieder zur glücklichen Beziehung zu Gott, zu seiner ersten Liebe zurückkehren. Er bittet Gott um die Frucht der Freude, die nur der Hl. Geist wieder verleihen kann. Er kann sich nicht selbst glücklich machen. Es ist ein Geschenk, das von Gott kommt. Das hat David verstanden. Und auch wir müssen einsehen, dass nur Gott uns wirklich glücklich machen kann, kein Mensch, auch nicht wir selbst uns, ebenso keine materiellen Dinge oder Ruhm und Ansehen.
Gott möge ihm die Lippen öffnen, damit er wieder Lobpreis machen kann. Dies kann er zurzeit nicht, denn sein Herz ist nicht bereit dafür. Dieses muss Gott erst verwandeln. Für David kommt kein oberflächliches Loben in Frage. Schließlich möchte er mit dem Herzen immer dabei sein und es ist für David ein Ausdruck der innigen Beziehung zu Gott. Diese ist jetzt aber gestört. Auch wir Menschen können Gott wieder loben und preisen, wenn alles Störende ausgeräumt ist. Wenn wir wieder im Stand der Gnade sind, können wir wieder feiern. Dann ist die Gemeinschaft mit Gott wiederhergestellt. Wir denken da besonders an die Eucharistie. Bei dieser antizipierten Hochzeit des Lammes können wir den Leib Christi erst empfangen, wenn die Gemeinschaft intakt ist. Wie traurig man sich fühlt, wenn man nicht nach vorne gehen kann, weil man sich schwer versündigt hat! Dann beten auch wir „verschaffe mir Gott ein reines Herz! Mach mich wieder froh mit deinem Heil, mit deinem Jesus!“ Auch uns möchte Gott die Schuld vergeben und hat deshalb das Sakrament der Versöhnung gestiftet. Wie wohltuend ist es für die Seele, dieses Heilmittel in Anspruch zu nehmen! Umso trauriger ist es, dass so wenige Menschen diese Chance in Anspruch nehmen möchten. So werden sie aber auch zeitlebens unglücklich sein. Dabei ist gerade die Fastenzeit eine gute Gelegenheit, diese besonderen Heilmittel zu nutzen!

2 Kor 5
20 Wir sind also Gesandte an Christi statt und Gott ist es, der durch uns mahnt. Wir bitten an Christi statt: Lasst euch mit Gott versöhnen! 

21 Er hat den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm Gerechtigkeit Gottes würden.
1 Als Mitarbeiter Gottes ermahnen wir euch, dass ihr seine Gnade nicht vergebens empfangt. 
2 Denn es heißt: Zur Zeit der Gnade habe ich dich erhört, am Tag der Rettung habe ich dir geholfen. Siehe, jetzt ist sie da, die Zeit der Gnade; siehe, jetzt ist er da, der Tag der Rettung.

In der heutigen zweiten Lesung aus dem zweiten Korintherbuch erfahren wir etwas über den Dienst der Versöhnung.
„Wir sind also Gesandte an Christi statt“ – er hat seine Jünger vor der Himmelfahrt ausgesandt, deren Nachfolger auch wir heute sind. Die kirchliche Mission ist nichts Anderes als die Mahnung Gottes durch andere Menschen. Dies erklärt Paulus, um seine eigene Mission auf Christus zurückzuführen und um mit den Worten Christi den Adressaten zu sagen: „Lass euch mit Gott versöhnen!“ Es ist nicht Paulus Wille, wenn er das sagt, sondern Christi Wille.
Gott hat für diese Versöhnung schon alles getan, was er tun konnte. Nun hängt es vom Einzelnen ab, seinen Part zu tun. Gott hat „den, der keine Sünde kannte, für uns zur Sünde gemacht“ ist dabei die Umschreibung, dass Gott seinen einzigen Sohn für uns hingegeben hat und dieser auf schändlichste Weise gestorben ist, um die Versöhnung zu erwirken. Und in ihm, der zur Sünde geworden ist am Kreuz (denn so wurde er von allen angesehen, Deuteronomium sagt, ein Gehenkter sei ein von Gott Verfluchter), sind wir Gerechtigkeit geworden, also vor Gott gerecht gemacht worden.
Paulus uns seine Begleiter sind die „Mitarbeiter Gottes“, von denen er hier spricht. Sie ermahnen die Korinther, dass sie nicht umsonst die Gnade empfangen haben, das heißt getauft worden sind und Christus für sie gestorben ist. Das bedeutet, sie sollen als Befähigte nun auch ein bestimmtes Leben führen aus Dank für die Erlösung.
Und nun ist die Zeit der Gnade da, in der sie gut sind, nach Gottes Geboten leben und mit Gottes Gnade ein heiliges Leben führen sollen. Auch für uns hat heute eine Zeit der Gnade begonnen, die österliche Bußzeit. Nun können auch wir Gott zeigen, was wir aus seine Gnade machen. Wo wir noch fehlen, können wir unsere Sünden bekennen und wieder zurück in den Stand der Gnade. Durch das Fasten auf bestimmte Dinge werden wir wieder hellhöriger für die Stimme Gottes in unserem Leben.

Mt 6
1 Hütet euch, eure Gerechtigkeit vor den Menschen zu tun, um von ihnen gesehen zu werden; sonst habt ihr keinen Lohn von eurem Vater im Himmel zu erwarten. 

2 Wenn du Almosen gibst, posaune es nicht vor dir her, wie es die Heuchler in den Synagogen und auf den Gassen tun, um von den Leuten gelobt zu werden! Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. 
3 Wenn du Almosen gibst, soll deine linke Hand nicht wissen, was deine rechte tut, 
4 damit dein Almosen im Verborgenen bleibt; und dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.
5 Wenn ihr betet, macht es nicht wie die Heuchler! Sie stellen sich beim Gebet gern in die Synagogen und an die Straßenecken, damit sie von den Leuten gesehen werden. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. 
6 Du aber, wenn du betest, geh in deine Kammer, schließ die Tür zu; dann bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist! Dein Vater, der auch das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.
16 Wenn ihr fastet, macht kein finsteres Gesicht wie die Heuchler! Sie geben sich ein trübseliges Aussehen, damit die Leute merken, dass sie fasten. Amen, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn bereits erhalten. 
17 Du aber, wenn du fastest, salbe dein Haupt und wasche dein Gesicht, 
18 damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der das Verborgene sieht, wird es dir vergelten.

Im heutigen Evangelium hören wir einen Ausschnitt aus der Bergpredigt, in der Jesus erklärt, wie man fasten und beten soll – mit dem offenen Herzen und nicht mit der Offensichtlichkeit gegenüber anderen Menschen. Es geht auch hier um die rechte Absicht. Viel zu fasten und zu beten ist nicht alles. Es muss auch mit der richtigen Herzenshaltung geschehen, denn Gott entgeht nichts.
Zunächst geht es um gute Taten wie das Spenden von Geld. Wenn man wohltätig ist, muss man sich selbst hinterfragen, warum man das eigentlich tut. Jesus sagt, die linke Hand soll nicht wissen, was die rechte tut. Hände können nichts wissen. Das ist ein Bild dafür, dass man in Stille spenden soll, ohne es vor den anderen herumzuposaunen. Das heißt wiederum nicht, dass man es unter allen Umständen geheimhalten soll und sobald es jemand mitbekommen hat, die gesamte Gnade verloren ist! Es geht um die Absicht – spende ich um des Empfängers willen oder damit andere mich loben? Es gibt Formen von Wohltätigkeit, die man nicht geheimhalten kann. Erhält man von Gott deshalb keine Gnade mehr? Wie gesagt, so ist es nicht gemeint.
Das Entscheidende ist nämlich – Gott sieht das Verborgene. Er sieht unser Herz und danach wird er uns beurteilen.
Auch beim Beten soll man sich auf den konzentrieren, mit dem man beim Beten spricht. Wer schon darauf achtet, dass er dabei gesehen wird, der kommuniziert beim Beten schon gar nicht mehr mit Gott. Mit dem Herzen ist er schon gar nicht dabei.
Man soll „in die Kammer“ gehen beim Beten, wo man ganz allein mit Gott ist. Die Kammer ist auch über den Wortsinn hinaus auf die Kammer des Herzens zu beziehen, denn was Jesus sagt, bedeutet nicht, dass man nicht mehr in der Öffentlichkeit beten darf. Auch hier spitzt Jesus etwas bewusst zu und benutzt Bilder, um den Menschen seinen Punkt zu verdeutlichen: Es kommt auf die Absicht an, warum man sich ausgerechnet in die Straßenecken stellt, an menschenvolle Orte geht. Manchmal geht es nicht anders und man betet vor allen Leuten, dass alle es sehen! Und ist das jetzt verwerflich und ein Verlust jeglicher Gnade? Im Gegenteil: Wer in der Öffentlichkeit vor dem Essen ein Kreuzzeichen macht, tut es aus Treue zu Gott, nicht um von irgendwem gelobt zu werden. Und zur Zeit Jesu gab es auch schon Situationen, in denen die Menschen nicht anders konnten, als öffentlich zu beten – Jesus selbst hatte selten eine Kammer, in die er sich zurückziehen konnte. Er suchte dann einen Berg oder eine andere verlassene Gegend auf, aber mitten in der Stadt Jerusalem war das natürlich nicht möglich…Wenn man sich in die Kammer des Herzens zurückzieht, achtet man gar nicht auf die Menschen um einen herum. Wenn man in der Kammer des Herzens durch und durch mit Gott verbunden ist, dann bleibt man unberührt von Lob und Tadel zugleich – nicht im Sinne einer Gleichgültigkeit, sondern einer Unabhängigkeit gegenüber der Meinung anderer.
Und dann geht es um das Fasten. Man soll sich selbst kein „trübseliges Aussehen“ geben, es also offensichtlich machen, dass man fastet.
Jesus sagt sogar, man soll das Haupt salben und das Gesicht waschen, damit es keiner merkt. Auch hier geht es nicht um die eigentliche äußere Tat, denn man sieht einem das Fasten unterschiedlich stark an (liegt am Menschen). Wenn es dann jemand merkt, weil man selbst blass ist oder sonstige Anzeichen zeigt, dann ist nicht die ganze Gnade verschwunden. Für das Salben des Haars und das Waschen des Gesichtes sind allerlei Pflegeroutinen einzufügen, die wir so ausüben. Das heißt aber nicht, dass Jesus wirklich will, dass wir uns während des Fastens immer dick schminken und auftakeln, damit ja keiner auf die Idee kommt, wir üben uns zurzeit in Askese. Das ist nicht der Punkt, sondern es geht wieder um die Absicht. Faste ich nicht aus Liebe zu Gott? Warum sollte ich mich dann extra ungepflegt unter die Menschen begeben, damit es für sie offensichtlich ist und sie mich dann loben? Es geht auch hier darum, dass es eine Sache zwischen mir/meinem Herzen und Gott ist. Ob ich gepflegt oder ungepflegt aussehe, ist dabei Nebensache. Was Jesus mit diesen zugespitzten Worten erreichen möchte, ist der Aufruf zu einem aufrichtigen Leben vor Gott und einer Besserung der Beziehung zu ihm. Darum soll es gehen. Dabei soll man nicht nach links oder rechts schauen. Es geht um einen selbst vor Gott. Was interessiert einen dann der Spendenbetrag des Nachbarn? Ich pflege doch meine Beziehung zu Gott, indem ich mit ihm spreche. Was interessiert mich dann, wer mich beim Beten sieht oder nicht? Es geht doch um eine Sensibilisierung für Gott und um einen Hunger nach ihm durch das Fasten. Was interessiert uns dann, ob jemand mein Fasten sieht oder nicht? Wir sollen also nicht extra gepflegt herumlaufen, uns vor dem Beten immer Zuhause einschließen oder die Geheimhaltung unserer Spende immer mit dem eigenen Leben beschützen. Es geht um die Haltung bei allem, was wir tun. Und das Stichwort ist dabei die Demut. David hat es vorgelebt und mit dem Psalm in Gebetsform verdeutlicht. Die Israeliten zur Zeit des Propheten Joel haben waren von Herzen erschüttert und haben wie David und auch wie Paulus mit seinen Begleitern erkannt, warum man das alles macht – es geht um die Versöhnung mit Gott. Was interessiert uns dann der Andere? Auch er oder sie wird diesen Prozess selbst durchmachen müssen. Aber wenn wir eines Tages vor Gott stehen, wird dieser uns nach unserem Leben fragen, nicht nach dem des Anderen.

In diesem Sinne wünsche ich Ihnen allen eine gesegnete Fastenzeit! Auf das wir alle die Zeit der Gnade nutzen, um unsere Beziehung mit Gott zu verbessern und mit reinem und bereitem Herzen dem Erlösungsgeschehen unseres Herrn Jesus Christus entgegen gehen zu können!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 7. Woche im Jahreskreis

Jak 4,1-10; Ps 55,7-8.9-10.17 u. 23; Mk 9,30-37

Jak 4
1 Woher kommen Kriege bei euch, woher Streitigkeiten? Etwa nicht von den Leidenschaften, die in euren Gliedern streiten? 
2 Ihr begehrt und erhaltet doch nichts. Ihr mordet und seid eifersüchtig und könnt dennoch nichts erreichen. Ihr streitet und führt Krieg. Ihr erhaltet nichts, weil ihr nicht bittet. 
3 Ihr bittet und empfangt doch nichts, weil ihr in böser Absicht bittet, um es in euren Leidenschaften zu verschwenden. 
4 Ihr Ehebrecher, wisst ihr nicht, dass Freundschaft mit der Welt Feindschaft mit Gott ist? Wer also ein Freund der Welt sein will, der wird zum Feind Gottes. 
5 Oder meint ihr, die Schrift sage ohne Grund: Eifersüchtig verlangt er nach dem Geist, den er in uns wohnen ließ?  
6 Doch er gibt noch größere Gnade; darum heißt es auch: Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er Gnade. 
7 Ordnet euch also Gott unter, leistet dem Teufel Widerstand und er wird vor euch fliehen. 
8 Naht euch Gott, dann wird er sich euch nahen! Reinigt die Hände, ihr Sünder, läutert eure Herzen, ihr Menschen mit zwei Seelen! 
9 Klagt, trauert und weint! Euer Lachen verwandle sich in Trauer und eure Freude in Betrübnis. 
10 Demütigt euch vor dem Herrn und er wird euch erhöhen!

Heute hören wir vor dem Beginn der österlichen Bußzeit noch einmal aus dem Jakobusbrief. In dem ausgelassenen dritten Kapitel ging es um die Macht der Zunge. Im Gegensatz zum Wort Gottes Christus, durch das die Welt erschaffen worden ist, können die Worte des Menschen vieles zerstören. In dem vorherigen Kapitel ist auch die göttliche Weisheit zur Sprache gekommen, über die Paulus im ersten Korintherbrief auch schreibt. Eifersucht und Streit sind dagegen Zeichen der weltlichen Weisheit, die mit Gottes Weisheit nichts zu tun haben. So geht es im heutigen Abschnitt aus dem vierten Kapitel um diese Missstände bei den Menschen, die aber das Gegenteil von göttlichem Segen erreichen.
Das Kapitel beginnt mit zwei rhetorischen Fragen. Jakobus fragt nach dem Ursprung der Streitigkeiten und gibt mit der zweiten Frage die Antwort vor: Der Mensch streitet mit anderen Menschen, weil er in sich selbst zerrissen ist (Streit zwischen Leidenschaften und eigenen Gliedern). Es ist letztendlich die Begierde, die den Menschen treibt und doch nichts erreicht („Ihr begehrt und erhaltet doch nichts“). Dieses Habenwollen führt ins Leere, denn nicht dies verleiht uns Gottes Segen. Wenn wir von Gott beschenkt werden wollen, können wir es nicht an uns reißen und damit über Leichen gehen/sündigen („Ihr mordet und seid eifersüchtig“). Wir müssen darum bitten.
Und die Art und Weise des Bittens, die richtige Absicht muss auch gegeben sein, weil Gott uns sonst nicht gibt. Wer mit böser Absicht von Gott etwas erbittet, um damit wiederum sündigen zu können, bekommt es nicht. Und weil Gott das Herz des Menschen durch und durch kennt, lässt er sich darin auch nicht täuschen.
Wenn Jakobus die Adressaten des Briefes „Ehebrecher“ nennt, kann es zweierlei heißen: Erstens benennt er den Ehebruch als eine Form ausgeführter Begierde, um die es die Verse zuvor ja schon ging. Zweitens meint er damit den Ehebruch gegen Gott, also das Liebäugeln mit der Welt, obwohl man Braut Gottes ist. Das lässt sich daraus schließen, dass von der Freundschaft mit der Welt die Rede ist. Im Vers darauf wird zudem Gottes Eifersucht angedeutet, von der schon im AT geschrieben wird. Er möchte unsere ganze Liebe und möchte nicht, dass wir gleichzeitig mit der Welt befreundet sind (auch hier heißt „Welt“ wieder die gefallene Schöpfung). Man kann nicht beides gleichzeitig haben oder mit beiden befreundet sein – Gott und Welt. Das hat auch Jesus in den Evangelien immer wieder gesagt (Man kann nicht zwei Herren dienen). Und weil die Adressaten des Briefes getaufte Christen sind, ruft Jakobus sie durch diese Worte auf, die Freundschaft mit Gott nicht zu verraten, die sie ja in der Taufe geschlossen haben.
Diese Freundschaft als Metapher wird auf das Herren-Dienen-Schema übertragen, das auch Jesus schon gebracht hat: Wem ordne ich mich unter – Gott oder dem Teufel? Jakobus sagt, dass der Gehorsam gegenüber Gott und der Widerstand gegen den Teufel vertreibt diesen. Warum Teufel? Weil er hinter der „Welt“ steckt, also der gefallenen Natur. Gott zu gehorchen hat etwas mit Demut zu tun und den Demütigen schenkt Gott die Gnade. Wenn man von sich aus Bereitschaft zeigt, dann kommt Gott einem entgegen.
Jakobus ruft erneut dazu auf, nicht mehr „zweiseelig“ zu sein, nicht mehr gespalten, sondern entschieden für einen Herren. Er ruft die Menschen dazu auf, eine Bußhaltung einzunehmen, um Gott zu verdeutlichen, dass man es mit der Umkehr ernst meint.
Diese Worte sind für uns absolut aktuell. Es ist, als ob Jakobus es uns zuruft, die wir ab morgen in die österliche Bußzeit gehen. Auch wir sollen uns prüfen, wo unsere Seele gespalten ist und sich einbildet, zwei Herren dienen zu können. Auf dass auch wir in eine Bußhaltung gehen und Gott unsere Bereitschaft zur Umkehr signalisieren. Er wird uns dann die nötige Gnade geben und wir werden gemeinsam mit Gott im Teamwork zu besseren Menschen.

Ps 55
7 Da dachte ich: Hätte ich doch Flügel wie eine Taube, dann flöge ich davon und käme zur Ruhe. 
8 Siehe, weit fort möchte ich fliehen, die Nacht verbringen in der Wüste.
9 An einen sicheren Ort möchte ich eilen vor dem Wetter, vor dem tobenden Sturm. 
10 Entzweie sie, Herr, verwirr ihre Sprache! Denn in der Stadt habe ich Gewalttat und Hader gesehen.
17 Ich aber, zu Gott will ich rufen und der HERR wird mich retten.
23 Wirf deine Sorge auf den HERRN, er wird dich erhalten! Niemals lässt er den Gerechten wanken. 

Der Psalm lässt uns eine bedrängte Seele erkennen. König David schrieb diesen Psalm offensichtlich in einer Lebensphase, in der er sich innerlich gedrängt und bedrängt gefühlt hat. Wir sehen es vor uns, wie dieser Mensch durch die ehebrecherische Verfehlung innerlich zerrissen ist. Sein Inneres ist nicht mehr ungespalten ganz bei Gott, sondern ist unruhig. Deshalb wünscht er sich Ruhe, möchte davonfliegen und in die Wüste – dem Ort der Einsamkeit. Er möchte an einen sicheren Ort als Zuflucht vor dem Unwetter, welches in seinem Inneren tobt. Der zweite Teil des Psalms lässt noch eine andere Stoßrichtung erkennen. Vielleicht betrifft es schon die Konsequenzen der Sünde Davids. Womöglich wird hier die politische Verfolgung durch Saul oder durch seinen eigenen Sohn Abschalom vorausgesetzt, dann sind die Stürme und das Unwetter politischer Art. So oder so erkennen wir, dass die Sünde und die Begierde viele Probleme nach sich zieht. Der Mensch erreicht nichts von dem, was er begehrt hat. Nun hat David den Ehebruch begangen und muss nun dafür so schrecklich büßen.
Er gibt sich aber nicht auf, was auch immer hier für ein Ereignis vorausgesetzt wird. Er ruft zum Herrn, er hält den Kontakt zu seinem Gott. Er bittet ihn um die Verwirrung der Sprache. Das ist eine Andeutung an den Turmbau zu Babel, bei dem die Verwirrung der Sprache die Menschheit gegenüber Gott geschwächt hat. Diese Schwächung eines vereinten Feindes hat König David im Sinn, wenn er Gott um so etwas bittet. Er vertraut darauf, dass Gott ihn nicht im Stich lassen wird („der HERR wird mich retten“).
Und so fordert er sich selbst/seine Seele sowie alle Beter des Psalms auf, die eigene Sorge auf den Herrn zu werfen. „Niemals lässt er den Gerechten wanken“. Gerecht vor Gott kann der Mensch aber nur sein, wenn er zuallererst seine eigene Armseligkeit vor Gott eingesteht, die Illusion ablegt, perfekt und ohne Schuld zu sein. Erst wer sich demütigt, kann von Gott begnadet werden. David hat es vorgelebt, wir können es ihm darin nur gleichtun. Denn keiner von uns ist ohne Sünde.

Mk 9
30 Sie gingen von dort weg und zogen durch Galiläa. Er wollte aber nicht, dass jemand davon erfuhr; 
31 denn er belehrte seine Jünger und sagte zu ihnen: Der Menschensohn wird in die Hände von Menschen ausgeliefert und sie werden ihn töten; doch drei Tage nach seinem Tod wird er auferstehen. 
32 Aber sie verstanden das Wort nicht, fürchteten sich jedoch, ihn zu fragen.
33 Sie kamen nach Kafarnaum. Als er dann im Haus war, fragte er sie: Worüber habt ihr auf dem Weg gesprochen? 
34 Sie schwiegen, denn sie hatten auf dem Weg miteinander darüber gesprochen, wer der Größte sei. 
35 Da setzte er sich, rief die Zwölf und sagte zu ihnen: Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein. 
36 Und er stellte ein Kind in ihre Mitte, nahm es in seine Arme und sagte zu ihnen: 
37 Wer ein solches Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt nicht nur mich auf, sondern den, der mich gesandt hat.

Heute hören wir von einer weiteren Leidensankündigung Jesu. Im Kapitel zuvor hat Jesus im Anschluss an das Messiasbekenntnis des Petrus sein Leiden erstmals angekündigt und von Petrus Vorwürfe zu hören bekommen. Daraufhin wies Jesus ihn mit harschen Worten zurecht bzw. sprach er den eigentlichen Feind in dieser Episode an – den Satan, der durch den frisch berufenen Felsen (das lesen wir dann ausführlich in Mt 16) Jesus versucht.
In der heutigen Episode sind sie unterwegs durch Galiläa und Jesus belehrt sie beim Wandern.
Jesus ist Gott. Er weiß, dass die Jünger ihn nicht verstehen, als er von der Auferstehung etc. spricht. Und doch sagt er es ihnen, damit sie im Nachhinein verstehen, was er gemeint hat. Die Jünger trauen sich nicht, Jesus zu fragen. Sie werden gemerkt haben, dass er ihnen etwas zum wiederholten Mal erklärt. Ihnen wird es peinlich sein, dass sie es zum wiederholten Mal nicht verstehen. Es gehört alles zum Lernprozess und so lässt Jesus es stehen.
Sie kommen nach Kafarnaum, wo sie bereits früher waren. Es wirkt so, als ob Kafarnaum eine Art Basis bei der galiläischen Mission Jesu darstellt.
Jesus ist Gott. Er weiß genau, worüber seine Jünger unterwegs gesprochen haben und fragt sie dennoch, als sie im Haus sind, worüber sie geredet haben. Es ist wie mit Gott im Garten Eden, als er „Adam wo bist du?“ fragt. Er weiß genau, wo dieser sich versteckt hält. Gott fragt den Menschen und rührt so an seinem Gewissen. Er möchte dem Menschen Chance geben, für sich selbst zu sprechen – nicht um sich herauszureden, sondern um zu bekennen – dies zu tun, wovon wir in der Lesung gehört haben.
Jesus fängt nicht an, mit ihnen zu schimpfen, obwohl sie darüber diskutiert haben, wer unter ihnen der Größte sei. Er setzt sich, was immer eine Geste des Lehrens ist. Er erklärt ihnen, wie es stattdessen sein soll. Er erklärt den Aposteln, dass der Erste der Letzte sein soll, der Diener aller. Jesus teilt mit ihnen göttliche Weisheit, bei der ein Anführer kein despotischer Herrscher sein soll, sondern ein Versorger und Bediener. Dann lenkt er die Aufmerksamkeit auf ein Kind, denn dieses ist rechtlich gesehen ganz gering angesehen. Wer Kinder annimmt (das griechische Wort δέχομαι heißt nicht nur empfangen im Sinne von Kinder bekommen, sondern auch jemandem Gehör schenken und achten), nimmt Christus auf. Denn das Annehmen der Kinder ist ein Ausdruck von Demut. Es ist vergleichbar mit den Worten des Jakobusbriefes, als es um das Schauen auf die unterschiedliche Kleidung der Gemeindemitglieder und die Bevorzugung der Reichen ging. Wer die Geringsten mit Würde behandelt, d.h. sie bedient, der achtet Jesus und schließlich den Vater. Die Aposteln sind also die Größten, wenn sie Gott fürchten durch den Dienst an den Geringsten. Wer also demütig eingestellt ist – mit einem Blick und Ohr für die Geringsten, der ist von allen der Größte. Das gilt auch uns. Ist unser Denken von Schlichtheit geprägt? Sehen wir auf das Schön Anzusehende? Auf die reichen Gemeindemitglieder, auf die Beliebten der Gesellschaft? Dann übersehen wir, wem wir eigentlich dienen sollten – den Außenseitern, den sozial Schwachen und Unbeliebten. Dann gehen wir nämlich am tiefsten in die Knie. Von dort aus wird uns Gott aber am höchsten erhöhen.

Ihre Magstrauss

Apostel Matthias (Fest)

Apg 1,15-17.20ac-26; Ps 113,1-2.3-4.5au. 6-7; Joh 15,9-17

Heute feiern wir ein Fest wie jedesmal, wenn der Gedenktag eines Apostels ist. Heute feiern wir dabei einen Nachzügler, den Plan B Gottes, als einer der zwölf Apostel sich gegen Gott entschieden hat. Es ist Matthias, auf den das Los fiel. Wie es dazu kam, lesen wir heute in der ersten Lesung:

Apg 1
15 In diesen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder – etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen – und sagte: 

16 Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im Voraus über Judas gesprochen hat. Judas wurde zum Anführer derer, die Jesus gefangen nahmen. 
17 Er wurde zu uns gezählt und hatte Anteil am gleichen Dienst. 
20 Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Amt soll ein anderer erhalten!
21 Es ist also nötig, dass einer von den Männern, die mit uns die ganze Zeit zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, 
22 angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und in den Himmel aufgenommen wurde – einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. 
23 Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. 
24 Dann beteten sie: Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, 
25 diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen! Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. 
26 Sie warfen das Los über sie; das Los fiel auf Matthias und er wurde den elf Aposteln zugezählt.

Petrus spricht vor dem ganzen „Kreis der Brüder“, es ist die Versammlung der Jünger, also nicht nur der Zwölferkreis. Wir lesen in den Versen vor unserem Ausschnitt auch davon, dass Maria, die Mutter Jesu, und die anderen Frauen anwesend sind. Petrus ist der Apostel, den Jesus auf besondere Weise berufen hat – wir hörten davon am Samstag. Und deshalb ist er es, der die ganze Prozedur nun in die Hand nimmt:
Er beginnt seine Worte mit dem Hinweis auf ein erfülltes Schriftwort, man muss genauer sagen, zweier Psalmworte: Ps 69,26 „Ihr Lagerplatz soll veröden, in ihren Zelten soll niemand mehr wohnen“ (Dieses Schriftwort wird in der heutigen Lesung jedoch ausgelassen). Zudem erfüllt sich Ps 109,8 „Nur gering noch sei die Zahl seiner Tage, sein Amt erhalte ein anderer.“ Das ist ganz typisch und ein Spiegel des Verständnisses auch der neutestamentlichen Autoren. Sie haben ebenso das ganze Leben Jesu und ihre kirchliche Situation von den Verheißungen der Hl. Schrift (damals war es noch das AT!) her betrachtet. Sie haben immer wieder Erfüllungen dieser Verheißungen erkannt. Petrus tut es deshalb an der Stelle mit den beiden Psalmworten. Es ist auch typisch und absolut im Sinne Jesu, unterschiedliche Schriftstellen des AT miteinander zu kombinieren. So tat es Jesus bei dem Doppelgebot der Liebe (er verband Levitikus und Deuteronomium) und so ist es auch bei den Lobgesängen wie dem Magnificat Mariens (eine Zusammenstellung verschiedenster Schriftstellen, v.a. aus den Psalmen).
Der Zwölferkreis ist der innerste Kreis um Jesus. Er bestand aus Männern, die ununterbrochen und von Anfang an mit Jesus zusammen waren. Da durch den Verrat und Selbstmord des Judas Iskariot nun ein Platz frei geworden ist, aber belegt sein soll, erklärt Petrus die Bedingungen für den Nachfolger: Die Person muss aus dem Jüngerkreis Jesu kommen und von Anfang an mit dabei, immer bei Jesus gewesen sein. Das hat auch einen ganz bestimmten Grund: Die Aposteln sind in erster Linie Augenzeugen. Sie werden nach dem Pfingstereignis in die ganze Welt hinausziehen, um alle Worte und Taten Jesu mit ihrem eigenen Augen- und Ohrenzeugnis zu verbreiten. Dabei muss der Nachfolger alles bezeugt haben, auch die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu. Gerade das Osterereignis ist ja entscheidend für den christlichen Glauben und somit absolut existenziell für die Evangelisierung.
Dass auch der dreizehnte Apostel ein Mann sein soll, ist selbstverständlich und kein Ausdruck von Diskriminierung. Die Aposteln sind nämlich nicht nur Augenzeugen, sondern die umfassenden Nachfolger Christi, die so wie er mit ihrem Leben und ihrer ganzen Natur die Bräutigamhaftigkeit Christi nachahmen sollen, um so den Partner der Braut abzubilden.
Wir erfahren nichts davon, warum ausgerechnet Josef Barsabbas und Matthias in die engere Auswahl kommen. Was wir aber sagen können: Gottes Finger sind im Spiel. Er wird diese Versammlung schon wie ein erstes Konklave mit seinem Geist erfüllt haben, sodass die Anwesenden von seinem Geist geleitet eine Entscheidung getroffen haben.
Dass sie sich für diesen Geist auch schon geöffnet haben, sehen wir an ihrem Gebet: „Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen!“ Die Versammlung überlässt die Entscheidung also Gott. So sollte es sein. Es ist seine Kirche, seine Braut. Er soll sie gestalten und nach seinem Willen formen. Das gilt auch bis heute. Wer welche Aufgabe in der Kirche erfüllt, sollte Gott entscheiden, der den Menschen seinen Willen durch den Hl. Geist kundtut. Für diesen muss die Kirche sich aber öffnen, sonst hat er keinen Raum. Auch hier gilt wie für die Seele des Menschen der freie Wille und die Entscheidung für Gott. Der Geist Gottes erfüllt den Menschen, wo dieser ihn einlädt. Umgekehrt sehen wir aber auch, dass Gottes Geist nicht automatisch dort hinkommt, wo wir ihn einladen: Der Stiftungswille Christi ist entscheidend. Wenn wir jetzt z.B. den Geist Gottes bei einer Frauenweihe herabrufen würden (also unseren freien Willen damit kundtun), dann kommt er nicht. Frauenweihen sind nicht Christi Stiftungswille für seine Braut, die Kirche.
Sie werfen das Los, denn bei dieser Methode kann man als Mensch nichts beeinflussen. So soll Gott das Los dem zuteilen, der für ihn als der geeignete Kandidat angesehen wird. Matthias wird auserwählt und so zum Nachfolger des Judas.
Wenn die Aposteln vor der Wahl beten und in einem Nebensatz das weitere Geschick des Judas erwähnen, müssen wir das richtig verstehen: „Er ist jetzt an dem Ort, der ihm bestimmt war.“ Diese Übersetzung ist ganz irreführend, denn kein Mensch ist für einen Ort schon bestimmt im Sinne einer Prädestination. Diese widerspricht dem freien Willen des Menschen. Protestanten vertreten eine Prädestination, sogar im doppelten Sinne (so die Calvinisten). Der Mensch kann also nicht nur für den Himmel vorherbestimmt sein, sondern sogar für die Hölle bzw. von Anfang an von Gott verworfen sein!
Das soll hier aber nicht ausgesagt werden und geht sprachlich aus dem Text auch nicht hervor: Es meint, dass Judas „an den eigenen Ort“ gegangen ist (εἰς τὸν τόπον τὸν ἴδιον eis ton topon ton idion). Es wird an dieser Stelle in der Apostelgeschichte also offen gelassen. Er ist an den Ort gekommen, zu dem er gehört.
Gottes Vorsehung ist es, die einen Nachfolger für Judas Iskariot ausgewählt hat. Und dieser Mensch hat in seinem Leben so viel Gutes bewirkt. Auch unser eigenes Leben wird maximal fruchtbar da, wo wir nicht selbst alles mit unserem engstirnigen, begrenzten Blick entscheiden. Wenn wir auf Gottes Vorsehung vertrauen und nach dieser in unserem Alltag Ausschau halten, werden wir immer wieder geleitet und bei Fehltritten eines Besseren belehrt. Mit Gottes Geist im Teamwork werden wir ein glückliches und erfülltes Leben haben. Und am Sonntag wurden wir ja daran erinnert, dass unsere Seelen die Tempel des Hl. Geistes sind. Es ist also kein weiter Weg, den wir zum Geist Gottes zurücklegen. Wir müssen nur in uns gehen und auf ihn hören. Er wird uns alles eingeben, was wir zu den richtigen Entscheidungen brauchen.

Ps 113
1 Halleluja! Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN! 

2 Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit. 
3 Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang sei gelobt der Name des HERRN. 
4 Erhaben ist der HERR über alle Völker, über den Himmeln ist seine Herrlichkeit. 
5 Wer ist wie der HERR, unser Gott, der wohnt in der Höhe, 
6 der hinabschaut in die Tiefe, auf Himmel und Erde? 
7 Den Geringen richtet er auf aus dem Staub, aus dem Schmutz erhebt er den Armen,

Wir beten heute wieder aus dem Psalm 113, einem Lobpreispsalm. Er ist eine wunderbare Antwort auf das Ereignis der Lesung. Wir können uns wunderbar vorstellen, wie die versammelten Jünger zusammen Gott mit diesem Psalm lobpreisen, nachdem sie Matthias zum Nachfolger eingesetzt haben.
„Halleluja“ ist dabei die kürzeste Aufforderung zum Lobpreis („Preist Jahwe“). Und direkt im Anschluss erfolgt eine weitere Lobpreisaufforderung („Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN!“). Denken wir an die Lesung, können wir uns richtig gut vorstellen, dass mit „Knechte des HERRN“ die versammelte Jüngerschar gemeint ist. Es klingt sehr liturgisch und passt in den Kontext des heutigen Festes. Das heißt auch wir haben Grund zum Lobpreis und werden als „Knechte des HERRN“ aufgefordert als Dank für die wunderbare Vorsehung Gottes. Hätte Gott uns nicht den Apostel Matthias geschenkt, wären wir um einen gnadenhaften Ort weniger beschenkt – Trier. Wie viele Pilgerströme sind schon damals im Mittelalter zu seinem Grab nach Trier geströmt, auch heute reißen die Ströme nicht ab. Mit ihm haben wir einen großen Heiligen und Fürsprecher in vielen Lebenslagen.
„Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit“ ist eine Wendung, die die Kirche übernommen hat, nämlich als Teil des sogenannten apostolischen Segens (der Herr sei mit euch…der Name des Herrn sei gepriesen….unsere Hilfe ist im Namen des Herrn….). Diesen dürfen die Nachfolger der Apostel beten und auf besondere Weise der Papst als Nachfolger Petri. Mit diesem apostolischen Segen sind unter anderem Ablässe verbunden. Es ist ein schönes Zeichen, dass wir ausgerechnet heute, wo der Zwölferkreis der Apostel sich wieder schließt, diesen Vers beten.
„Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang“ bezieht sich einerseits auf die Zeit: Vom Morgen bis zum Abend, also den ganzen Tag, soll der Lobpreis Gottes erfolgen. Vor Tagen reflektierten wir die Haltung im gesamten Leben, alles als Gebet/Lobpreis zu sehen, damit man die guten Taten Gottes nie vergisst. Dies wird auch durch diese Wendung herausgestellt. Sie kann aber auch geographisch verstanden werden, denn mit Aufgang und Untergang werden die Himmelsrichtungen des Ostens und Westens umschrieben. So soll also der ganze Erdkreis Gott loben und preisen. Dadurch, dass man „sei gelobt“ als Partizip übersetzen kann, ist es zeitlos. Gottes Name soll dauerhaft gepriesen werden und zu allen Zeiten. Das sehen wir konkret jetzt an unserer Situation. Es wurde zu Davids Zeiten schon gebetet, es wurde von den Aposteln und Jüngern Jesu gebetet, von Jesus selbst! Und nun ist es Teil unserer heutigen Liturgie 2000 Jahre später! Und auch die zukünftigen Generationen werden den Namen Gottes loben und preisen. Es ist, als ob die grammatikalische Zeitlosigkeit des Verbs und des Verses so zur Andeutung der Ewigkeit wird. Denn dann wird es einen ewigen und umfassenden Lobpreis ohne Ende geben.
Gott ist erhaben über alle Völker, dies sehen wir an Jesus, der der König der Könige ist. Gott ist stärker als alle weltlichen Herrscher zusammen. Er muss nur einmal „schnipsen“ und die Herrschaft aller fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Gott ist auch höher als wir, die wir die Herrscher über unser eigenes Leben sind. Er ist der eigentliche Herr über unser Leben und weiß, was wir brauchen. Er bestimmt den Anfang und das Ende. Er beschenkt uns und begnadet uns. Er sieht das ganze Leben im Überblick, was wir nicht können. Und er sieht unsere Potenziale, die wir nicht einmal erahnen.
„Über den Himmeln ist seine Herrlichkeit“ bezieht sich auf die Himmel, die wir sehen können. Gottes Reich ist noch „über den Himmeln“ und somit ganz anders. Er ist der Transzendente. Gott ist Geist. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist nicht greifbar.
Er steht über der gesamten Schöpfung, zu der Himmel und Erde zugleich gehören (Gen 1,1). Deshalb schaut er sogar auf den Himmel herab, der für uns so hoch oben ist. Gott ist so unvergleichlich, dass hier im Psalm die rhetorische Frage gestellt wird „wer ist wie der Herr?“ Keiner ist wie er. Er ist als Schöpfer ganz anders als alles, was wir in dieser Welt erfahren. Und doch erahnen wir ihn, wenn wir den Menschen ansehen – in seinen guten Eigenschaften. Denn schon die Genesis mit ihrem ersten Schöpfungsbericht bezeugt uns den Menschen als Abbild Gottes.
Und doch ist er kein weit entfernter Gott, der sich nicht um seine Schöpfung kümmert. Das ist das Missverständnis eines deistischen Gottesbildes, das die Aufklärer vertreten haben und bis heute freimaurerisches Gedankengut ist. Gott, der am höchsten von allen steht, schaut auf die, die am tiefsten Boden liegen. Er richtet sie auf und erhebt sie aus dem Staub. So groß ist Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Seine Allmacht schließt nicht das Interesse für den Kleinsten der Kleinen aus. Im Gegenteil. Gottes Option ist immer eine Option für die Armen jeglicher Form – arm im Geiste, finanziell arm, sozial arm.

Joh 15
9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! 

10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 
11 Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. 
12 Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. 
13 Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. 
14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. 
15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. 
16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 
17 Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt. 

Den heutigen Abschnitt aus dem Johannesevangelium entnehmen wir der langen Abschiedsrede Jesu. Diese ist insofern heute passend, als Jesus seinen Jüngern wichtige Gedanken als Testament mitgibt.
„Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.“ Es geht immer um das zuerst Geliebtsein. Jesus ist zuerst vom Vater geliebt und liebt aus dieser Liebe heraus seine Apostel. Diese sollen aus dem zuerst Geliebtsein durch Christus wiederum lieben, einander und die Menschen, zu denen sie dann später gesandt werden. Jesus hat ihnen gezeigt, wie Liebe funktioniert – wie das maßlose Maß an Hingabe konkret aussieht. Jesus weiß, dass er bald von ihnen gehen muss. Deshalb ruft er sie dazu auf, in seiner Liebe zu bleiben.
Dann erklärt er, was das konkret heißt: Es geht darum, den Willen Gottes zu tun. So wie Jesus den Aposteln seinen Gehorsam gegenüber den Vater vorgelebt hat, so sollen die Aposteln im Gehorsam gegenüber Jesus Christus leben. Die Gebote Gottes zu halten ist dabei der Ausdruck ihrer Liebe. Und wenn man die Gebote Gottes hält, bleibt man in seiner Liebe. Wir denken an die moralische Bedeutung dieser Worte: In Gottes Liebe bleiben ist dann das Bleiben im Stand der Gnade.
Das Bleiben in Gottes Liebe/im Stand der Gnade ist es, was den Menschen mit Freude erfüllt. Freude wiederum ist eine Frucht des Hl. Geistes. Wer also in seinem Leben froh sein möchte, muss alles tun, um in der Liebe Gottes zu bleiben. Sie ist wie Licht und Wasser für die Pflanze. Ohne beides geht sie ein.
Jesus gebietet seinen Jüngern, einander zu lieben. So bleiben sie in Gottes Liebe. Das Doppelgebot der Liebe ist der rote Faden aller Gebote Gottes, die sie zu halten haben.
Jesus erklärt auch genauer, wie die gegenseitige Liebe konkret aussieht: Es geht um die gegenseitige Hingabe bis hin zum eigenen Leben. Wir sollen füreinander sterben, so wie die Jünger damals. Wenn wir den anderen retten können durch unseren eigenen Tod, sterben wir füreinander, aber auch wenn wir immer mehr ein Stück selbst absterben, das heißt unser Ego, unsere Lebenszeit, unsere Kraft und unser eigener Wille. Wenn wir all diese Güter für den anderen hingeben, dann ist das unser Ausdruck von Liebe. Es geht um das Verschenken des eigenen Lebens.
Auch dies hat Jesus absolut vorgelebt, indem er für uns alle Menschen, die er zu seinen Freunden machen möchte, am Kreuz gestorben ist. Er hat unser aller Leben gerettet, denn durch seine Erlösung haben wir wieder eine Chance auf den Himmel.
Freunde Gottes werden wir dadurch, dass wir Gottes Gebote halten. Mit der Taufe sind wir zu seiner Familie geworden, aber dies zieht auch ein Leben nach den Geboten Gottes nach sich.
Freunde haben es an sich, dass sie keine Geheimnisse voreinander haben. Jesus hat seine Jünger nicht im Dunkeln gelassen, sondern alles offenbart, auch wenn sie noch nicht alles verstanden haben. Für den Rest kündigte Jesus ihnen den Hl. Geist an, der sie in alle Wahrheit einführen würde – nichts Neues, sondern das bessere Verständnis seiner vollständigen Offenbarung.
Wir sind Erwählte durch die Taufe. Erwählt heißt aber nicht vorherbestimmt im Sinne einer Prädestination, die man von der Lesung her missverstehen könnte (die Übersetzung ist einfach ungünstig). Wir sind zur Liebe berufen, weil wir zuerst geliebt sind. Dies drückt Jesus nun mit dem Begriff der Erwählung aus. Das sagt er auch uns heute: Nicht wir haben uns für ihn entschieden (doch, aber nicht zuerst). Er hat sich zuerst für uns entschieden und alles, was wir tun und lassen, ist eine Reaktion darauf.
Gott hat uns dazu berufen, fruchtbar zu sein. So wie er bei der ersten Schöpfung einen Bund mit Adam und Eva geschlossen und sie zur Fruchtbarkeit berufen hat, so werden auch wir, die wir Teil der neuen Schöpfung sind und mit Gott den neuen Bund schließen, zur Fruchtbarkeit berufen. Diese ist nun nicht mehr nur biologisch zu verstehen, sondern vom neuen Bund her geistig. Die Aposteln haben sich biologisch freiwillig zur Unfruchtbarkeit entschieden, als sie Jesus nachgefolgt sind. Sie haben ihre Familien zurückgelassen und keine Kinder mehr gezeugt, weil sie ihre Fruchtbarkeit auf die geistige Ebene verlagert haben. Dies meint Jesus hier. Die Fruchtbarkeit ist mit der Mission zu verbinden, die die Aposteln weltweit vorgenommen haben. Auch der Apostel Matthias hat missionarisch gewirkt und viele Kinder für Gott „gezeugt“, Kinder des neuen Bundes, der neuen geistigen Schöpfung!
Fruchtbar sein ist auch auf die moralische Ebene zu beziehen: Wir sollen fruchtbar sein durch das Halten der Gebote. So können wir verbunden mit Gott wie die Rebe am Weinstock alles vollbringen. Wenn wir die Gebote halten, dann sind wir im Stand der Gnade und können in diesem Zustand alles von Gott erbitten. Wenn es sein Wille ist, wird er unsere Bitten erfüllen.
Jesus schließt das heutige Evangelium mit der wiederholten Aufforderung zur Nächstenliebe. Diese werden sie nicht nur untereinander ausüben, sondern auch an all den Menschen, denen sie ihre Lebenszeit, Kraft und jegliche andere Ressourcen schenken werden bei all den Missionsreisen. Sie haben sich wahrhaft verschenkt – außer Johannes der Evangelist haben alle den Märtyrertod erlitten und so ihr Leben ganz verschenkt. Deshalb preisen wir sie heute selig, die sie bei Gott am Thron sein dürfen. Dies schaut der Seher Johannes in der großen Thronsaalvision in der Johannesoffenbarung (Offb 4-5).

Bleiben auch wir in Gottes Liebe und haben wir keine Angst, unser Leben an andere zu verschenken. Wie die Apostel schenken wir damit nämlich unser Leben Gott. Wir werden es in unendlich großem Maße zurückbekommen, wenn Gott uns am Ende unseres Lebens mit dem Siegeskranz ausstatten wird.
Heiliger Matthias, bitte für uns!

Ihre Magstrauss

7. Sonntag im Jahreskreis

Lev 19,1-2.17-18; Ps 103,1-2.3-4.9-10.12-13; 1 Kor 3,16-23; Mt 5,38-48

Lev 19
1 Der HERR sprach zu Mose: 
2 Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten und sag zu ihnen: Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.
17 Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Mitbürger zurecht, so wirst du seinetwegen keine Sünde auf dich laden. 
18 An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.

Die heutigen Lesungen gehen da weiter, wo sie letzten Sonntag aufgehört haben. Das Thema ist weiterhin die Erfüllung des Gesetzes. Und aus dem Grund hören wir heute auch aus dem 19. Kapitel des Levitikusbuches.
Mose soll zu der Gemeinde der Israeliten sagen: „Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.“ Die Israeliten sind Gottes auserwähltes Volk. Sie sind von Gott geheiligt worden, auf dass sie selbst diese Heiligkeit beibehalten. Dies erlangen sie unter anderem dadurch, dass sie ein bestimmtes ethisches Verhalten an den Tag legen, nicht nur durch kultische Reinheitsvorschriften. Das ist sehr wichtig, weil Levitikus eigentlich als rituelles Buch des Pentateuch gilt. Wenn als weitere Ebene das ethische Verhalten hier angeführt wird, kann man dem AT keine Äußerlichkeit vorwerfen. Dies kann Jesus tun, wenn die Pharisäer die äußere Seite weiterhin tradiert, die ethische Seite aber ausgeblendet haben.
Die Heiligkeit der Israeliten soll dadurch gewährleistet werden, dass sie in ihrem Herzen ohne Hass gegenüber dem Bruder sind. Sie sollen die Sünde des Mitbürgers klar benennen, damit sie sich nicht mitschuldig machen. Sie sollen auch an den Israeliten keine Rache ausüben und nicht nachträglich sein. Und dann kommt das Gebot der Nächstenliebe, das auch Jesus als Kern des Gesetzes in die Mitte stellen wird: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Halten wir fest: In Levitikus gibt es schon ein Racheverbot, aber dies wird auf die eigenen Landsleute bezogen. Es gibt schon die Nächstenliebe, bezieht sich aber auf den Bruder, ist also auf die Israeliten beschränkt. Jesus wird die Erfüllung dieser Nächstenliebe vornehmen, wobei er „Bruder“ und „Nächster“ radikalisieren wird.

Ps 103
1 Von David. Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! 

2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 
3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, 
4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt,
9 Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach. 
10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.
12 So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel. 
13 Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten. 

Heute beten wir einen Lobpreispsalm, bei dem der heilige Name Gottes gepriesen werden soll. Der Psalmist fordert die eigene Seele auf, was typischer Psalmenstil ist. Dabei müssen wir berücksichtigen, was mit „Seele“ gemeint ist. Vor einigen Tagen sprach ich bereits an, dass es sich dabei um das hebräische Wort נַפְשִׁי nafschi handelt, was mehr als nur einen begrenzten Teil des Menschen umfasst. Es meint vielmehr den ganzen Menschen in seiner Existenz, sein ganzes Leben. Der Herr soll das ganze Leben über gepriesen werden und deshalb soll es auch keinen Moment geben, in dem man die guten Taten Gottes vergisst. Wenn das ganze Leben einen einzigen Lobpreis darstellt, dann ist es auch unmöglich, Gottes Güte zu vergessen.
Beziehen wir das auf die Kirche, gilt dasselbe: Würde die Kirche aufhören, den Lobpreis Gottes durchgängig zu praktizieren, würde sie sehr schnell seine Güte vergessen und sich anderem zuwenden. Dann würde sie aber auch aufhören, Sakrament der Liebe Gottes zu sein, das die Ewigkeit in dieser Welt vorwegnimmt. Deshalb steht die Eucharistie an erster Stelle im kirchlichen Leben sowie im geistlichen Leben des Einzelnen. Für Geistliche gilt sodann an zweiter Stelle das Stundengebet, denn diese sind es, die den Lobpreis auf besondere Weise als Berufung leben. Sie sind ungeteilt dazu fähig, weil sie keine Familie haben, um die sie sich kümmern müssen.
Der Psalm zählt einige dieser guten Taten auf, die Gott uns Menschen erweist: Er heilt die Gebrechen – ob physisch, psychisch oder seelisch. Er rettet unser Leben vor dem Untergang, denn er hat uns erlöst und uns zu Erben in seinem Reich eingesetzt. Hier ist das Verb für „retten“ ein Partizip, das heißt Gott rettet nicht nur einmalig durch die Taufe, sondern immer wieder, dauerhaft, das ganze Leben hindurch. Er ist es, der uns immer wieder vor dem moralischen Abfall rettet und uns zurückholt, wenn wir vom Weg abgekommen sind. Er ist barmherzig mit seinen Kindern, die von Herzen bereuen, wenn sie von Gottes Geboten abgerückt sind. Er vergibt ihnen die Schuld.
Diese Barmherzigkeit Gottes wird vor allem ab Vers 9 thematisiert: Gott richtet als gerechter Richter, aber es ist bei ihm mehr als nur ein Kausalschluss wie bei der Karmalehre („du kriegst, was du verdient hast“). Gott ist keine Rechenmaschine, sondern er schaut auf das Herz und dessen Reue. Deshalb wird er „nicht immer rechten“ und auch „nicht ewig nachtragen“. Dieser Psalm ist ein wunderbares Zeugnis dafür, dass auch schon das Alte Testament einen barmherzigen und vergebenden Gott kennt.
Dass Gott nicht mathematisch richtet, sehen wir an Vers 10: Er handelt am Menschen nicht nach seinen Sünden im Sinne von „er rächt sich an ihm für alles, was er ihm angetan hat.“ So ist Gott nicht. Wir müssen für unsere Sünden Rechenschaft ablegen und den entstandenen Schaden wieder gut machen. Wir müssen auch die Konsequenzen unserer Vergehen tragen, aber das hat nichts mit Rache zu tun. Nur so können wir zur Einsicht kommen und das gehört zur Verantwortung dazu, die einem von Gott verliehen worden ist.
Was in Vers 10 ausgedrückt wird, ist also nicht: „Es ist egal, wie du lebst, da Gott dich nicht nach deinen Sünden richten wird.“ Es heißt, dass Gott mehr als nur deine Handlungen selbst betrachten wird. Und wenn du deine Sünden von Herzen bereust, sie bekennst und dir vornimmst, sie nicht mehr zu tun, dann vergibt er sie dir. Die Vergebung ist ein Geschenk Gottes und Geschenke bekommt man unabhängig davon, ob man sie verdient hat oder nicht. Was wir für diese unverdiente Vergebung tun können, ist aufrichtig zu sein, ehrlich zu uns selbst und demütig im Licht seines Angesichts. Und mit dieser Einstellung öffnen wir uns für die Gnade Gottes so sehr, dass er auch aus einem großen Sünder einen Heiligen machen kann, solange er sich bekehrt. Dies zeigt uns Vers 12, der mit einem sehr romantisch-poetischen Ausdruck diese Verwandlung Gottes umschreibt: Gott entfernt unsere Sündhaftigkeit so weit von uns, wie es nur geht – eben „so weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang“.
Gott ist ein barmherziger Vater, kann dies aber nur dann sein, wenn wir seine Kinder sein wollen und auf seinen Schoß kommen. Deshalb sagt Jesus auch: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Reich Gottes gelangen.“ Es liegt nicht an Gott, denn seine Tür steht immer offen. Es liegt an uns, ob wir zu ihm kommen oder nicht. Das nennen wir Umkehr. Und das ist auch gemeint, wenn hier die Rede von der Gottesfurcht ist. Gott kann uns nur dann vergeben, wenn wir Gott fürchten, ihn respektieren und deshalb merken, dass wir ihn respektlos behandelt haben.

1 Kor 3
16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? 

17 Wer den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören. Denn Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr.
18 Keiner täusche sich selbst. Wenn einer unter euch meint, er sei weise in dieser Welt, dann werde er töricht, um weise zu werden. 
19 Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. In der Schrift steht nämlich: Er fängt die Weisen in ihrer eigenen List. 
20 Und an einer anderen Stelle: Der Herr kennt die Gedanken der Weisen; er weiß, sie sind nichtig. 
21 Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. Denn alles gehört euch; 
22 Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: Alles gehört euch; 
23 ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott.

In der letzten Woche hörten wir aus dem Abschnitt des ersten Korintherbriefes, wie die Weisheit Gottes sich nicht mit der Weisheit der Welt verträgt. Weltlich eingestellte Menschen verlachen das Evangelium Christi, weil es für sie töricht ist, dumm, einfach nicht attraktiv oder erstrebenswert. Im Absatz darauf, den wir heute nicht hören, geht es dann um eine andere Art von Unfähigkeit – aufgrund von fehlender Reife. Als Paulus die Gemeinde in Korinth erst gründete, waren ihre Mitglieder noch wie Neugeborene, eben Babys der neuen Schöpfung! Sie vertrugen noch keine schwere Kost, deshalb musste Paulus ihnen Milch zu trinken geben, das heißt mit der Katechese ganz von vorne beginnen. Er konnte noch keine hochkomplizierten theologischen Zusammenhänge erklären. Das heißt er konnte von der göttlichen Weisheit nur einen ganz kleinen Teil zu essen geben. Er sagt auch, dass die Korinther immer noch nicht gereift sind, denn sie sind immer noch sehr voll der weltlichen Weisheit aufgrund der Eifersucht und Streitereien, von denen wir schon in der Einleitung des Briefes gehört hatten. Paulus erklärt noch einmal, dass nicht er oder Apollos oder Kephas die Agierenden der Gemeinde sind, sondern Christus selbst. Sie sind nur unterschiedliche Werkzeuge, die Gott in unterschiedlichen Prozessen anwendet. Dafür verwendet er mehrere Bilder aus den Bereichen des Anbaus und des Hausbaus. Im heutigen Abschnitt der Lesung hören wir nun einen Teil aus diesem Argumentationsgang und dabei eine weitere Metapher:
„Wisst ihr nicht, dass ihr Tempel Gottes seid“ ist eine wichtige anthropologische Aussage: Der Mensch ist so gemacht, dass er in sich einen Tempel hat. Dieser ist nie leer. Dort wohnt immer jemand. Durch die Taufe sind die Korinther zu inneren Tempeln Gottes geworden. Er hat dort Wohnung genommen. Paulus erinnert sie daran, um ihnen ihr widersprüchliches Verhalten aufzuzeigen. Sie sind ja Getaufte und somit zur Heiligkeit berufen, in paulinischen Worten zu einem Leben in der göttlichen Weisheit. Der Widerspruch entsteht durch die immer noch vorhandene weltliche Weisheit, die in ihrem Tempel wohnt.
Wer also nach der Taufe weiterhin so lebt wie ein Ungetaufter, wer also den Geist Gottes aus dem Tempel verbannt, der dort durch die Taufe Wohnung genommen hat, wird dafür Rechenschaft ablegen. Gott wird so jemanden zerstören, denn der Tempel ist heilig. Dies verstehen wir vor dem Hintergrund des Alten Testaments. Wer unbefugt zum Allerheiligsten vordrang oder die Bundeslade sowie den Hl. Berg Sinai berührt hat, wurde mit dem Tod bestraft. So streng wird Gott auch mit den Tempelschändern des eigenen Seelentempels verfahren, da mit der Taufe die Seele Gott übergeben worden ist. Es ist nicht mehr der eigene Tempel, sondern er gehört Gott. Er ist genauso heilig wie damals die Bundeslade und wie der Berg Sinai.
Wenn man sich der Weisheit der Welt anschließt, dann ist es nichts Rühmliches, sondern Tempelschändung. Deshalb sagt Paulus: „Keiner täusche sich selbst.“ Man braucht sich nicht einzubilden, dass es vor Gott tatsächlich auch weise ist, was weise in dieser Welt bedeutet. Und deshalb sagt Paulus dagegen, dass man töricht werden muss, um weise zu sein – nämlich vor Gott! Man ist nur dann wirklich weise, wenn die Menschen die eigene christliche Denkweise für dumm halten.
Gott und „Welt“ (das meint immer die gefallene sündige Schöpfung, nicht die Schöpfung an sich, wie Gott sie gewollt hat) stehen sich diametral gegenüber, aber nicht als ebenbürtige Feinde. Es ist eher so, dass Gott die weltlich Weisen in ihrer Eitelkeit (wörtlich Vergänglichkeit) entlarvt.
Und keiner hat das Recht, eine bestimmte Person für sich zu beanspruchen im Sinne eines eigenen Besitzes. Keiner kann sagen, dass Apollos oder Kephas oder Paulus ihm gehört, sondern es sind Werkzeuge Gottes, die für jeden gleichermaßen zur Verfügung stehen. Sie geben sich hin für den Herrn, um für alle hingegeben zu werden. Alle aber, die Missionare und die Gemeindemitglieder, die Zeiten gestern, heute und morgen, gehören Christus. Er ist die Mitte, auf die hin alles überhaupt existiert. Und er wiederum gehört Gott, dem Vater, der alles ins Dasein gerufen hat und der auch seinen einzigen Sohn vor aller Zeit gezeugt hat.
Heute hören wir in der zweiten Lesung, dass Gott nicht der Kuschelgott ist, der immer beide Augen zudrückt. Er verlangt Rechenschaft für das Verhalten des Menschen und verfährt auch streng mit denen, die aus seinem Tempel eine Räuberhöhle gemacht haben. Jesus hat dies schon zeichenhaft angedeutet, als er ganz bewusst (nicht aus einem Wutanfall heraus) die Händler aus dem Jerusalemer Tempel hinausgejagt hat. Auch hier wird ein Vorurteil entkräftet: Im NT ist nicht nur die Rede vom barmherzigen Gott. Auch dort herrscht das Gottesbild eines strengen Richters vor. Gott ist nicht geteilt zwischen den Testamenten. Es handelt sich um ein und denselben damals wie auch zur Zeiten Jesu.

Mt 5
38 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. 

39 Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin! 
40 Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel! 
41 Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm! 
42 Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab! 
43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 
44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, 
45 damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 
46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? 
47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? 
48 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!

Letzte Woche hörten wir als Evangelium einen Teil aus der Bergpredigt, in dem Jesus erklärt, was mit Erfüllung des Gesetzes gemeint ist. Er nimmt verschiedene Gebote aus dem Dekalog und beginnt immer mit „Ihr habt gehört“. Dies ist auch heute der Fall, wo Jesus die Torah anhand von weiteren Beispielen erfüllt: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.“ Jesus zitiert hier einen Vers aus dem Bundesbuch (Ex 21,23-25). Für seine Zeit war dieses Gesetz damals sehr fortschrittlich. Es war nämlich verbreitet, für ein einziges verletztes Schaf gleich die ganze Herde des anderen zu töten, wenn nicht sogar die Familie des anderen. Mit dem Gesetz aus dem Bundesbuch „Auge für Auge“ wurde diese maßlose Rache auf genau dasselbe Maß an Schuld eingedämmt, das man dem anderen angetan hat. Es war also eine gute Sache zu jener Zeit. Aber Jesus verdeutlicht nun auf der Höhe der Zeit, als die Juden nun schon mehr verstehen, dass es nicht die Endstation ist. Man soll nicht nur nicht maßlos Rache ausüben, sondern überhaupt keine Rache.
Das verlangt Jesus jetzt nicht einfach als übertriebene und unzumutbare Forderung, sondern er tut uns Menschen damit einen Gefallen. Wir können endlich frei sein von dieser ständigen Sorge um Gerechtigkeit. Dabei sollen wir keinen Widerstand leisten und alles mit uns machen lassen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir nichts wert sind und deshalb mit Füßen zertreten werden sollen. Das heißt, dass wir aus der Spirale der Rache und der Gewalt heraustreten. Menschen, die merken, dass wir sie nicht zurückschlagen, sondern ihnen noch unsere andere Wange hinhalten, werden überrascht sein. Sie werden sich schämen, weil sie sich dann ihrer eigenen Schlechtigkeit bewusst werden.
Dasselbe gilt auch für die Situation, in der man von jemandem angeklagt und ausgebeutet wird. Wenn man dem anderen dann noch den Rest gibt, wird er merken, was er eigentlich tut. Das alles gilt natürlich nur, wenn der Mensch auch nur das kleinste Bisschen an Gewissen hat.
Jesus nennt noch weitere Bilder, um diese entlarvende Ohnmacht der Liebe herauszustellen (nicht nur eine Meile mitgehen, sondern noch eine weitere; dem anderen borgen und geben). Aber auch bei dieser Haltung muss man genau hinschauen und diese vor dem Hintergrund des Nächstenliebegebots betrachten, das wir heute auch in der ersten Lesung aus dem Buch Levitikus gehört haben: Das Maß an Nächstenliebe wird davon bestimmt, was ich mir selbst Gutes tun würde. Das ist nichts Anderes als die goldene Regel. Das bedeutet, dass wir bereitwillig die andere Wange hinhalten sollen, wenn es so weit kommt. Und wenn jemand uns für unseren Glauben töten will, sollen wir es zulassen. Das heißt nicht, dass wir das Martyrium suchen sollen, sondern auf zuerst an uns geschehenes Unrecht reagieren sollen. Wenn wir nicht alleine sind, sondern für andere Menschen Sorge tragen, ist das auch ein Faktor, der zu berücksichtigen ist: Dann können wir vielleicht unsere Wange hinhalten, aber nicht die der uns Anvertrauten. Wen jemand also unsere eigenen Kinder oder Familienangehörigen angreift, dürfen und sollen wir sie beschützen. Denn auch Jesus sagt im Johannesevangelium: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Umso mehr gilt dies für die eigene Familie.
Was wir bisher im Evangelium gehört haben, greift vieles aus der Levitikuslesung auf: Die Rache soll nun ganz aufhören.
Auch was wir als nächstes hören, greift Levitikus auf: Wir sollen unsere Feinde lieben und für jene beten, die uns hassen. Es ist nicht nur so, dass wir unseren Nächsten lieben sollen, wie uns selbst und damit ist nicht mehr nur der Israelit gemeint. Es betrifft jetzt alle Menschen, egal welcher Nationalität oder Religiosität. Es ist sogar noch so – egal ob gutgesinnt oder feindlich.
Jeden Menschen zu lieben, ist Ausdruck für Barmherzigkeit (Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten“).
Den zurückzulieben, der mich auch liebt, ist keine große Leistung. Das ist, was alle tun. Dann ist es aber keine Liebe mehr, sondern eine Win-Win-Situation. Die Liebe als Gabe Gottes, die Agape, ist dagegen dann wirksam, wenn man gehasst wird, wenn es schwierig wird, wenn man liebt, obwohl man keine Gegenliebe erwarten kann.
Wer gibt, weil er weiß, dass ihm zurückgegeben wird, hat seinen Lohn schon bekommen. Er braucht vom Vater im Himmel nichts mehr erwarten.
Jesu Worte dringen direkt ins Herz und sind eine Herausforderung. Man wird dazu aufgefordert, zu lieben, wo es einem gegen den eigenen Strich geht, gegen das eigene Ego. Aber genau diese Art von Liebe, von Ohnmacht, von Gewaltlosigkeit ist die göttliche Weisheit, von der Paulus spricht. Die Menschen verhöhnen einen noch in der heroischen Tat des Wangehinhaltens. Wir werden dann nichts Anderes erwarten können, denn Jesus selbst ist noch am Kreuz ausgelacht worden, weil er als Messias sich nicht vom Kreuz herabgeholt hat. Und jene, die ein bisschen Wärme in ihren Herzen haben, werden von dieser entlarvenden Liebe berührt. Und wenn sie nach außen hin auch noch nichts zeigen werden, beginnt schon ein Prozess der Verwandlung in ihnen. Gott ist barmherzig und wir sollen durch unsere Hingabe und Vergebungsbereitschaft zu den verlängerten Armen der göttlichen Barmherzigkeit werden. Unser Lohn im Himmel wird groß sein, denn so wie der Vater den Sohn über alle anderen erhöht hat (Phil 2), so wird er auch uns erhöhen. Was ist im Gegensatz zur ewigen Erhöhung durch Gott der vorübergehende Spott derer, die voll der weltlichen Weisheit sind?

Ihre Magstrauss

Kathedra Petri (Fest)

1 Petr 5,1-4; Ps 23,1-3.4.5.6; Mt 16,13-19

Heute feiern wir das Fest „Kathedra Petri“ und gedenken dabei des Lehrstuhls des Petrus, also dem Bischof von Rom. Benedikt XVI. sagte einmal über dieses Fest, dass es ganz sicher seit 450, vielleicht schon seit 300 n. Chr. gibt: „Die Kathedra des Petrus symbolisiert die Autorität des Bischofs von Rom, der innerhalb des ganzen Gottesvolkes zu einem besonderen Dienst berufen ist. Gleich nach dem Martyrium der heiligen Petrus und Paulus wurde der Kirche von Rom ein Primat in der ganzen katholischen Gemeinschaft zuerkannt – eine Rolle, die schon zu Anfang des zweiten Jahrhunderts vom heiligen Ignatius von Antiochien und vom heiligen Irenäus von Lyon bezeugt wird.“

1 Petr 5
1 Eure Ältesten ermahne ich, als Mitältester und Zeuge der Leiden Christi, der auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird: 
2 Weidet die euch anvertraute Herde Gottes, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern mit Hingabe; 
3 seid nicht Beherrscher der Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde! 
4 Wenn dann der oberste Hirt erscheint, werdet ihr den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen.

Weil es beim heutigen Fest um Petrus geht, hören wir in der Lesung aus dem ersten Petrusbrief. Alles, was wir daraus hören, müssen wir heute ganz besonders aus der Perspektive der von Christus verliehenen Autorität des Petrus her betrachten:
Er ermahnt die Ältesten. Dabei müssen wir beachten, dass die Petrusbriefe sich an Diasporagemeinden Kleinasiens richten (die Provinzen, die in 1 Petr 1 genannt werden, sind Pontus, Galatien, Kappadokien, Asia und Bithynien). Was auch immer Petrus ihnen zu sagen hat, schreibt er kraft seiner Autorität als Bischof mit lehramtlicher Gewalt. Er nennt sich in Vers 1 hier „Mitältester und Zeuge der Leiden Christi“. Er ist συμπρεσβύτερος sympresbyteros in dem Sinne, dass auch er priesterliche Aufgaben in einer Gemeinde übernimmt im Sinne des Vorstehers einer Gemeinde. Er ist „Zeuge der Leiden Christi“ ist insofern richtig, als er die Verhaftung und Anhörung vor dem Hohen Rat bezeugt hat. Bei der Kreuzigung war er nicht dabei, sondern versteckte sich irgendwo. Im Nachhinein ist er aber zu einem ganz großen Zeugen geworden im ursprünglichen Sinn des Wortes μάρτυς martys und erlitt das Martyrium selbst am Kreuz. Wenn Petrus sich dann selbst so beschreibt, dass er an der Herrlichkeit teilhaben soll, dann hängt das mit seiner Zugehörigkeit zum Reich Gottes zusammen, da Jesus ihn als Apostel auserwählt hat und am Pfingsttag mit dem Hl. Geist ausgestattet hat.
Die Ermahnungen, die nun folgen, sind absolut aktuell und sollten jeden Priester in unserer Zeit ins Herz treffen: „Weidet die euch anvertraute Herde“, nicht „beherrscht die Herde“. Die Gemeindevorsteher sollen sich um die Gemeinden kümmern, sie mit allem versorgen wie ein Hirte die Herde. Sie sollen es freiwillig und nicht gezwungen tun. Das Wort ἀναγκαστός anangkastos kann man auch übersetzen mit „aus Pflicht“. Es soll also nicht einfach eine Pflichterfüllung sein, sondern wie er daraufhin schreibt, aus Hingabe. Das Wort dafür ist προθύμως prothymos und wörtlich heißt es „das Herz für etwas/jemanden (geben)“. Man soll nicht aus Pflicht Gemeindevorsteher sein, sondern mit Herz. Auch die Gewinnsucht soll nicht Antrieb für den priesterlichen Dienst sein. Es geht beim geistlichen Beruf nicht darum, den eigenen Vorteil zu suchen und sich nach dem zu richten, was man selbst daraus gewinnt, sondern ums Verschenken. Der Blick ist stets auf die Gemeinde gerichtet und weg von einem selbst.
Die Gemeinde soll nicht beherrscht werden. Das Wort an dieser Stelle ist κατακυριεύω katakyrieuo, was auch in der Septuaginta, dem Alten Testament in Psalmen verwendet wird. Es meint nicht nur „beherrschen“, es meint vor allem auch, über etwas Besitz zu ergreifen. Dem Ältesten (die griechische Übersetzung Presbyteros ist der Ursprung des Wortes „Priester“) gehört die Gemeinde nicht, sie ist vielmehr Gottes Eigentum. Er trägt Sorge für sie und wenn er hervorsticht als Vorsteher, dann nicht als Tyrann, sondern als Vorbild, als τύπος typos.
Das ist ihre Berufung in der Zeit bis zur Wiederkunft Christi. Das sollten wir nicht überlesen. Es bedeutet konkret, dass bis heute die Priester dieselbe Aufgabe innehaben und die hier aufgezählten Ermahnungen auch heute gelten. Wie weit sind wir manchmal von diesen Ermahnungen weg! Und doch gibt es glühende Vorbilder, wenn wir auch manchmal länger suchen müssen.
Wenn dann Jesus wiederkommt (der oberste Hirt), werden die Ältesten ihren Lohn erhalten. Und diesmal keinen verwelkenden Kranz wie bei den irdischen Agonen, von denen es gerade in Kleinasien viele gibt, und deren Lorbeerblätter oder Blüten mit der Zeit verblühen. Vielmehr erhalten sie dann den ewigen Preis, eine Siegerehrung mit Gaben, die nie vergehen. Sie werden dann zu Teilhabenden an der Herrlichkeit Gottes.

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. 

2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. 
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen. 
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich. 
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher. 
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir aus gegebenem Anlass den wunderbaren und bekannten Psalm 23. Er zeigt uns, warum die Ältesten aus der Lesung Hirten sein sollen – weil Gott der oberste Hirte ist.
Der „HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen“. Er versorgt den Menschen, sodass er keinen Mangel leiden muss. Diese Versorgung ist auch Aufgabe der Ältesten in Gemeinden. Sie sollen mit geistigen Gaben ausstatten, mit den Sakramenten und Sakramentalien, mit der Verkündigung des Wortes Gottes. So müssen die Gemeindemitglieder keinen Mangel leiden.
„Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.“ Das Lagern auf grünen Auen ist ein Gegenbild zur trockenen Wüste. Gott führt uns auf Weiden, an denen wir uns sättigen können. Das Sättigen ermöglichen uns die Ältesten auch, indem sie uns täglich die Eucharistie ermöglichen, das tägliche Brot, das uns ernährt. Sie ermöglichen auch die Versorgung mit dem Wort Gottes durch die Erklärung und Vorlesung. Auch dies nährt den Menschen und vor allem den Glauben (denn Paulus sagt „Der Glaube kommt vom Hören“ Röm 10,17). Der Herr führt auch zum Ruheplatz am Wasser. Das ist ekklesiologisch gesehen ein Bild für den Hl. Geist, den Gott uns schenkt. Die Ruhe ist dabei eine Frucht des Hl. Geistes. Die Ältesten einer Gemeinde rufen den Hl. Geist in jeder Eucharistiefeier auf die Gaben von Brot und Wein herab und auch durch die anderen Sakramente spenden sie den Gläubigen den Hl. Geist. Dieser ruht auf den Ältesten selbst, die durch ihn zu ihrer Weihe gekommen sind.
Gott bringt die Lebenskraft zurück, die נֶפֶשׁ nefesch. Das ist umfassend zu verstehen, denn er bringt den ganzen Menschen zurück. Man kann es moralisch auffassen: Gott verhilft dem Menschen zur Umkehr, der sich von ihm entfernt hat und aus dem Stand der Gnade gefallen ist. Er holt dann das Leben, nämlich diesen Stand der Gnade zurück. Gott hat den ganzen Menschen wiederhergestellt, indem er seinen einzigen Sohn als neuen Adam in diese Welt gebracht hat. Er hat ihm nach dem Tod die Lebenskraft wieder zurückgegeben, indem er ihn von den Toten hat auferstehen lassen. Es ist auch auf Jesus selbst zu beziehen, der das Leben so vieler Menschen zurückgegeben hat – ob damit die Lebensqualität nach einer Krankenheilung oder nach einem Exorzismus gemeint ist oder ob es die Sündenvergebungen oder sogar die Totenerweckungen sind. Und schließlich hat Jesus seine Apostel bevollmächtigt, es ihm gleichzutun. Sie sind bevollmächtigt, die Sünden zu vergeben. So ist diese Aussage auch auf die Kirche zu beziehen: Die Ältesten vergeben den Gemeindemitgliedern die Sünden und bringen so deren Lebenskraft zurück. Schließlich können wir es anagogisch auslegen: Gott gibt uns das Leben zurück, wenn wir von den Toten auferstehen. Wir werden in das ewige Leben auferstehen und am Ende der Zeiten sogar mit unseren Leibern wieder vereint. Dann können wir maximal sagen, Gott hat uns unsere Lebenskraft zurückgegeben.
So wie Gott die Menschen „auf Pfaden der Gerechtigkeit“ führt, soll der Älteste die Gemeindemitglieder den von Gott gebotenen moralischen Lebenswandel aufzeigen. Er soll ihnen erklären und zugleich vorleben (als Vorbild der Gemeinde!), wie dieser Pfad der Gerechtigkeit auszusehen hat.
So wie Gott immer bei den Menschen ist (Jahwe „ich bin“, Jesus der Immanuel, „Gott mit uns“), so soll der Älteste immer für die Gemeindemitglieder da sein. Wenn sie in der Finsternis wandeln, weil sie eine schwere Zeit durchmachen, z.B. durch Krankheit, sollen die Ältesten als Seelsorger diese Belasteten tragen und sie trösten. Wir denken hier z.B. auch an das Sakrament der Krankensalbung, das den Gespendeten Trost gibt, sie innerlich aufrichtet und Hoffnung verleiht.
Der Älteste deckt den Gemeindemitgliedern den Tisch, nämlich zum eucharistischen Mahl, und tut dies wegen Gottes Tischdecken. Gott segnet uns mit allen Gaben vor den Augen unserer Feinde. Das heißt, dass er das letzte Wort hat und auch unsere Feinde das erkennen müssen. Obwohl sie uns so viel Böses wollten und unser Leben zerstören wollten, konnten sie unseren Glauben nicht antasten. Gott kompensiert die Leiden, die wir vor allem in seinem Namen erlitten haben, indem er uns überreich segnet. Er ist immer stärker als der Satan, unser eigentlicher Feind hinter all den bösen Menschen.
Wir sind gesalbt mit Öl, was in diesem Kontext zunächst eine Geste des Wohlstands ist. Gott sorgt dafür, dass es uns gut ergeht. Wir denken aber schon viel weiter und sehen in der Salbung eine liturgische Geste. Jesus ist der Messias, der Gesalbte, in dessen Nachfolge auch die Ältesten Gesalbte sind. Und auch bei anderen Sakramenten werden die Gläubigen gesalbt – bei Taufe und Firmung.
Die Ältesten salben ihre Gemeindemitglieder und erheben diese zu einem königlichen und priesterlichen Geschlecht.
Ein übervoller Becher ist Zeichen der ewigen Freude des Himmelreichs. Gott schenkt uns überreiche Freude, was wiederum eine Frucht des Hl. Geistes ist. Diese Freude wird uns schon ansatzweise in den Sakramenten geschenkt, besonders in der Eucharistie als antizipiertes Hochzeitsmahl des Lammes.
Weil Gott uns so sehr beschenkt und weil er treu ist, sind wir ein Leben lang mit diesem Segen ausgestattet. Seine Güte und Huld sind unendlich groß und deshalb setzt er keine Grenzen oder Bedingungen. Es liegt an uns, ob wir diesen Segen auch bekommen oder nicht – je nach unserer Entscheidung für oder gegen ihn.
Und wenn wir in Gemeinschaft mit Gott gelebt haben, werden wir heimkehren in sein Reich, den Himmel. Das ist unsere eigentliche Heimat, deshalb kehren wir zurück (nicht im Sinne, dass wir dort schon waren, höchstens im Sinne von „die Menschheit kehrt zurück, nachdem sie von dort verbannt worden ist, nämlich aus der Gemeinschaft mit Gott“). Diese Welt und dieses irdische Leben sind vorübergehend. Wir sind zu Gast und in Vorbereitung auf das eigentliche Leben in der Ewigkeit. Heimkehren in das Haus des HERRN muss aber nicht erst anagogisch verstanden werden – es kann auch den Tempel in Jerusalem meinen (so haben es auch schon die Juden verstanden). In typologischer Weiterführung ist mit dem Haus des HERRN seit der Stiftung Christi die Kirche gemeint. Ebenso kann es den Stand der Gnade meinen, indem wir heimkehren nach einer Umkehr zu Gott.
Insgesamt haben wir heute den Psalm einmal anders gelesen als sonst. Vor dem Hintergrund des vierfachen Schriftsinns und gerade als ekklesiologische Antwort auf die Lesung birgt er eine ganz andere Stoßrichtung. Das eine schließt das andere nicht aus, sondern es offenbart uns den unendlichen Schatz der Hl. Schrift.

Mt 16
13 Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger und sprach: Für wen halten die Menschen den Menschensohn? 

14 Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. 
15 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? 
16 Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! 
17 Jesus antwortete und sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 
18 Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. 
19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.

Das heutige Evangelium berichtet von dem Ereignis, das wir am Donnerstag nach Markus gehört haben. Hier ist es viel ausführlicher, denn wir hören eine längere Antwort Jesu auf das Messiasbekenntnis Petri.
Jesus und seine Jünger kommen nach Cäsarea Philippi, einem Ort mit deutlichen kaiserkultischen Ansätzen (so der politische Rahmen). Und ausgerechnet dort fragt Jesus seine Jünger nun, für wen die Leute ihn halten. Das Ganze läuft darauf hinaus, dass Jesus zum Gegenbild des römischen Kaisers wird, nämlich als der eigentlich Gesalbte, der König eines übernatürlichen Königkreichs.
Der Ort ist noch für eine andere Sache bezeichnend: In der Nähe der Stadt befindet sich eine ganz bekannte Grotte zu Ehren des Gottes Pan, dem ursprünglichen Hirtengott. Das ist ein weiteres Stichwort. Jesus wird sich als der eigentliche Hirte, der gute Hirte charakterisieren, demgegenüber so eine pagane Gottheit verblasst.
Die Jünger fassen die Gerüchteküche um Jesu Identität zusammen: Er sei Johannes der Täufer, Elija, Jeremia oder ein sonstiger Prophet.
Das ist teilweise sehr sinnlos und unlogisch, denn Johannes der Täufer war ja zusammen mit Jesus zu sehen. Wie kann Jesus also zugleich der Täufer sein? Die Elija-Frage ergibt als logische Konsequenz der Täufer-Aussage Sinn, denn Johannes ist als wiedergekommener Elija vermutet worden. Jesu Heilstaten lassen dies vermuten, denn er tut einige der von Elija bekannten Heilstaten. Wir merken hier, wie Gerüchte funktionieren: Ob sie überhaupt Sinn ergeben, wie hoch der Wahrheitsgehalt ist, spielt eine untergeordnete Rolle. Das Sensationelle daran erhält das Gerücht am Leben.
Dass Jesus ihnen die Frage überhaupt gestellt hat, ist eine Hinführung zu seiner eigentlichen Frage: Für wen haltet IHR mich?
Petrus ist wie so oft der erste, der sich zu Wort meldet. Dass er so schnell die treffende Antwort gibt, zeigt sein geisterfülltes Sprechen: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Das ist keine Schlussfolgerung aufgrund von logischem Nachdenken. Dies hätte mehr Zeit beansprucht. Es handelt sich um etwas, wofür ihm der Hl. Geist die Augen des Herzens geöffnet hat. Und nicht umsonst heißt es ja in 1 Kor 2,10 „Uns aber hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.“ Wie sonst kann ein ungebildeter Fischer aus Galiläa eine solch tiefe Wahrheit erkennen, wenn nicht aus dem Geist Gottes heraus?
Und aus dem Grund entgegnet Jesus auch diesem Messiasbekenntnis: „Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ Mit Fleisch und Blut ist die menschliche Natur gemeint, zu der alles gehört, auch die kognitiven Fähigkeiten. Der Vater im Himmel hat es ihm offenbart, nämlich durch seinen Geist. Diesen werden sie in vollem Umfang an Pfingsten empfangen, was nicht heißt, dass sie nicht jetzt schon von ihm erfüllt werden. „Barjona“ ist übrigens kein zweiter Vorname oder Nachname, sondern der Beiname, mit dem Menschen spezifiziert worden sind: Es heißt wörtlich „Sohn des Jona“, was der Name seines Vaters ist.
Aufgrund seines Bekenntnisses verleiht Jesus ihm nun den Namen, unter dem wir ihn auch kennen und verehren – Petrus, der Fels. Er erhält diesen neuen Namen aufgrund der besonderen Berufung. Er soll zum Fundament der Braut Christi werden („und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“).
Die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen, was auf diesen besonderen Felsen zurückzuführen ist. Das macht den Unterschied zu all den Denominationen aus, die später entstanden sind. Sie gründen nicht auf diesem Felsen und sind deshalb nicht ewig.
Jesus verleiht Petrus so eine große Macht, dass sogar der Himmel sich nach seinen Entscheidungen richten wird: „19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ Diese Vollmacht hat nur er in seinem obersten Hirtenamt stellvertretend für Jesus, der zum Vater heimgekehrt und deshalb einen Stellvertreter auf Erden einsetzt. Diese Vollmacht überträgt sich jeweils auf den Nachfolger, denn dass Jesus dies nur für Petrus gesagt hat, ergibt keinen Sinn. Die Mächte der Finsternis werden die Kirche bestimmt nicht nur für die Lebenszeit des Petrus überwältigen. Das würde nicht zum Wesen Gottes passen, dessen Güte und Huld ewig sind.
Petrus ist mit einem unvergleichlichen Amt ausgestattet worden, das Jesus nur ihm verliehen hat. Diese Schlüsselgewalt gibt es nur in der katholischen Kirche, denn nur dort, wo der Gehorsam gegenüber dem Papst gelebt wird, gründen wir als Gläubige auf dem von Christus selbst gelegten Fundament. Diese Schlüsselgewalt wurde keinem Martin Luther, Joseph Smith, Charles T. Russell, Johannes Calvin, Ulrich Zwingli oder wie sie alle heißen, verliehen. Das macht den entscheidenden Unterschied aus. Das Haus, das auf Felsen gebaut ist, wird bei einem Sturm und bei Regengüssen nicht in sich zusammenfallen. Das ist für uns ein großer Trost, die wir heutzutage große Erschütterungen erleben. Diese werden die Kirche nicht zerstören, weil Jesus es uns versprochen hat.

Ihre Magstrauss

Freitag der 6. Woche im Jahreskreis

Jak 2,14-24.26; Ps 112,1-2.3-4.5-6; Mk 8,34-9,1

Jak 2
14 Was nützt es, meine Brüder und Schwestern, wenn einer sagt, er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten? 

15 Wenn ein Bruder oder eine Schwester ohne Kleidung sind und ohne das tägliche Brot 
16 und einer von euch zu ihnen sagt: Geht in Frieden, wärmt und sättigt euch!, ihr gebt ihnen aber nicht, was sie zum Leben brauchen – was nützt das? 
17 So ist auch der Glaube für sich allein tot, wenn er nicht Werke vorzuweisen hat. 
18 Aber es könnte einer sagen: Du hast Glauben und ich kann Werke vorweisen; zeige mir deinen Glauben ohne die Werke und ich zeige dir aus meinen Werken den Glauben. 
19 Du glaubst: Es gibt nur einen Gott. Damit hast du Recht; das glauben auch die Dämonen und sie zittern. 
20 Willst du also einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist? 
21 Abraham, unser Vater, wurde er nicht aus den Werken als gerecht anerkannt, als er seinen Sohn Isaak auf den Opferaltar legte? 
22 Du siehst, dass der Glaube mit seinen Werken zusammenwirkte und dass der Glaube aus den Werken zur Vollendung kam. 
23 So hat sich das Wort der Schrift erfüllt: Abraham glaubte Gott und das wurde ihm als Gerechtigkeit angerechnet und er wurde Freund Gottes genannt. 
24 Ihr seht, dass der Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein. 
26 Denn wie der Körper ohne den Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.

Heute hören wir nun den Abschnitt aus dem Jakobusbrief, der Luther dazu veranlasste, sie als „stroherne Epistel“ zu bezeichnen und grundsätzlich eine Werksgerechtigkeit zu unterstellen.
Es geht um das Verhältnis zwischen Glauben und Werken. Jakobus stellt die rhetorischen Fragen: „Was nützt es, (…) er habe Glauben, aber es fehlen die Werke? Kann etwa der Glaube ihn retten?“ Wenn Jakobus das hier schreibt, dann ist das so zu verstehen, dass ein theoretischer Glaube ohne Werke den Menschen nicht retten kann. Dafür bringt er das Beispiel von Brüdern oder Schwestern ohne Kleidung und Nahrung. Wenn man große Worte macht, aber ihnen selbst nicht das Nötige gibt, bringen die großen Worte nichts. Gott wird dann wie in Mt 25 fragen, was wir getan haben, damit sie das Nötige zum Leben haben. Das hat aber nichts mit Werksgerechtigkeit zu tun, sondern mit einer Kombination von Glauben und Werken. Ein rein theoretischer Glaube ist tot, das heißt wirkungslos. Er ist nicht echt, er ist nicht authentisch, sondern unglaubwürdig.
Eine Trennung von beidem ist töricht, deshalb nennt Jakobus den Adressaten auch „du törichter Mensch“. Er stellt anhand eines drastischen Vergleichs heraus, wie gefährlich die Trennung von Glauben und Werken ist: Die Dämonen glauben auch an Gott und dass es nur einen gibt. Und doch sind sie eine gefallene Schöpfung! Also dies allein macht sie noch nicht gerecht vor Gott. Das Bekenntnis an sich ist ja nicht schlecht, muss sich aber durch ein bestimmtes Verhalten zeigen.
Dafür bringt Jakobus das Beispiel Abrahams: Er glaubte Gott im Sinne von „vertrauen“, was eine andere Übersetzung des griechischen Wortes πιστεύω pisteuo ist. Er vertraute darauf, dass Gott gut ist und nur das beste will. Und dies hat er nicht einfach nur behauptet, sondern durch sein Verhalten bewiesen. Er legte seinen Sohn auf den Opferaltar und zückte schon den Dolch. So sehr hat er Gott vertraut. Was die Werke also tun, ist die „Vollendung“ des Glaubens, wie es in Vers 22 heißt. In diesem Sinne ist es der Glaube, der Abraham gerecht gemacht hat (Vers 23).
Vers 24 schlussfolgert daraufhin, dass der Mensch NICHT aus Glauben allein gerechtfertigt wird, sondern aus Werken, nämlich solchen, die den unerschütterlichen Glauben beweisen.
Und ein rein theoretischer verbal ausgedrückter Glaube ist tot wie ein Körper ohne Seele.
Das alles sind wichtige Worte und diese widersprechen keinesfalls den Paulusbriefen, vor allem nicht dem Römerbrief, wo der Glaubensgehorsam so betont wird. Man muss die Texte richtig verstehen und darf sie nicht gegeneinander ausspielen. Das ist nicht der Wille Gottes, der beide Texte gleichermaßen als Hl. Schrift wollte.

Ps 112
1 Halleluja! Selig der Mann, der den HERRN fürchtet und sich herzlich freut an seinen Geboten. 

2 Seine Nachkommen werden mächtig im Land, das Geschlecht der Redlichen wird gesegnet. 
3 Wohlstand und Reichtum füllen sein Haus, seine Gerechtigkeit hat Bestand für immer. 
4 Im Finstern erstrahlt er als Licht den Redlichen: Gnädig und barmherzig ist der Gerechte. 
5 Glücklich ein Mann, der gnädig ist und leiht ohne Zinsen, der nach dem Recht das Seine ordnet. 
6 Niemals gerät er ins Wanken; ewig denkt man an den Gerechten. 

Heute beten wir einen Makarismus, eine Seligpreisung des Gottesfürchtigen im Psalm.
Selig zu preisen ist jener, der gottesfürchtig ist und an Gottes Geboten Gefallen hat. Im Hebräischen steht dort wörtlich „und die Gebote sehr wünscht“. Das Wünschen steht hier im Partizip und betont die anhaltende Sehnsucht nach Gottes Geboten, also ein Leben lang.
Wer so eingestellt ist, hat Segen von Gott. Dies wird anhand der typischen Segensindizien ausgedrückt: zahlreiche Nachkommen (Vers 2), Wohlstand und Reichtum (Vers 3), bestehende Gerechtigkeit (Vers 3).
Für die Gerechten, also für die anderen Gottesfürchtigen, strahlt er als Licht in der Finsternis, denn es ist ein Hoffnungsschimmer in der dunklen Nacht. Die anderen realisieren, dass sie mit ihrer Nachfolge Gottes nicht allein sind (das ist, was hier mit „Redlichen“ gemeint ist). Ein gemeinschaftlich erlebter Glaube hat es viel einfacher als ein einsam gelebter Glaube.
Und der nächste Satz ist nicht widersprüchlich, sondern beschreibt, wie auch Gott vom Wesen her ist: „Gnädig und barmherzig ist der Gerechte.“ Der Mensch muss so sein, weil er Abbild Gottes ist, der zugleich der Gerechte und der Barmherzige ist.
Diese Barmherzigkeit zeigt sich konkret z.B. an dem Verleih ohne Zinsen (Vers 5). So zu sein macht glücklich, weil man dann der Habgier nicht so schnell verfällt, die einen beherrschen und einschränken kann. Vor Gott ist so ein Mensch gut (dort steht טֹֽוב tov, „gut“), also gerecht.
Der Psalm ist ein Zeugnis dafür, wie jemand gottesfürchtig ist – nicht nur durch „Herr, Herr“-Bekenntnis, sondern gerade auch durch barmherziges Handeln.
Wenn es dann im letzten Vers heißt „ewig denkt man an den Gerechten“, ist das auch ein Ausdruck von Segen. Das Vergessen des Namens durch die nachfolgenden Generationen ist nämlich ein Fluch und Zeichen des Todes. Dass man dagegen im Namen weiterbesteht, ist Zeichen des Wohlwollens Gottes.

Mk 8
34 Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte: Wenn einer hinter mir hergehen will, verleugne er sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. 

35 Denn wer sein Leben retten will, wird es verlieren; wer aber sein Leben um meinetwillen und um des Evangeliums willen verliert, wird es retten. 
36 Was nützt es einem Menschen, wenn er die ganze Welt gewinnt, dabei aber sein Leben einbüßt? 
37 Um welchen Preis könnte ein Mensch sein Leben zurückkaufen? 
38 Denn wer sich vor dieser treulosen und sündigen Generation meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er mit den heiligen Engeln in der Herrlichkeit seines Vaters kommt.
1 Und er sagte zu ihnen: Amen, ich sage euch: Von denen, die hier stehen, werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in Macht gekommen ist.

Das heutige Evangelium schließt sich an die harsche Kritik an Petrus an, der Jesus für seine Leidensankündigung Vorwürfe gemacht hat. Jesus möchte die Notwendigkeit des Leidens verdeutlichen und ruft dafür die ganze Volksmenge zusammen, nicht nur die Jünger.
Er erklärt nun, dass die Jüngerschaft und Nachfolge Christi nur mit Kreuztragen möglich ist. Zu jener Zeit ist das für die Zuhörer womöglich unklar, denn dass er sein Kreuz tragen wird, ist zu jenem Zeit nicht jedem bekannt. Und doch ist es ein vertrautes Bild: Das Kreuztragen war Bestandteil der schändlichen Hinrichtung in Form von Kreuzigung. Es glich einem Spießrutenlauf und durch die Stadt hindurchlaufend gab man den Bewohnern die Gelegenheit, einen zu beschimpfen und zu bespucken. Wenn Jesus nun das Kreuztragen als notwendige Bedingung für seine Nachfolge herausstellt, heißt es, dass in seinem Namen man viel Spott und Hohn ertragen muss. Auch die Schmerzen und die Last des Kreuzes ist ein wichtiger Bestandteil: Als Jünger Jesu muss man eine Last tragen und sich diese freiwillig auferlegen. Weil es eine höchst schändliche Sache ist, verleugnet man sich selbst dabei. Das heißt man gibt das eigene Ansehen freiwillig auf für ein viel höheres Gut.
Wer krampfhaft versucht ist, immer gut dazustehen, ein möglichst bequemes Leben zu haben und in allem immer den eigenen Vorteil zu suchen, der wird das Leben verlieren. Dies dürfen wir moralisch verstehen – der wird den Stand der Gnade und somit das Leben verlieren. Dies dürfen wir aber vor allem anagogisch auslegen – der wird das ewige Leben verlieren, den Himmel.
Umgekehrt heißt es, dass wer sein irdisches Leben verliert – also Gott zuliebe auf Ansehen und guten Ruf verzichtet, der wird von Gott belohnt werden – moralisch gesehen mit dem Stand der Gnade und anagogisch gesehen mit dem ewigen Leben. Im äußersten Fall kann der Verlust des irdischen Lebens wortwörtlich gemeint sein, also Martyrium. Deshalb glaubt die Kirche, dass die Märtyrer sofort zu Gott kommen. Sie haben ihm zuliebe nämlich am radikalsten ihr Leben verloren. Deshalb werden sie auch sofort dafür belohnt.
Jesus stellt die Absurdität heraus, sein vorübergehendes, auf wenige Jahre beschränktes irdisches Leben retten zu wollen um den Preis des Verlustes des ewigen Lebens (Vers 36). Dieser Verlust ist irreversibel, man kann das ewige Leben nicht zurückkaufen, wenn es erstmal zu spät ist. Gewiss haben wir Menschen die Chance zur Umkehr, solange wir leben, aber unser Ende ist ja unbekannt, weshalb es ein unvernünftiges Risiko darstellt, dies auf die leichte Schulter zu nehmen.
Jesus wird noch deutlicher. Wer sich seiner schämt, für den wird Jesus sich dann beim Gericht vor dem Vater schämen. Das können wir nicht verharmlosen und zugleich betonen, dass Jesus nicht der einzige sein wird, der sich schämt. Wir selbst werden uns für unseren Hochverrat schämen, weil wir dann sehen werden, was wir Gott angetan haben.
Wie wir uns in unserem irdischen Leben verhalten, wird Auswirkungen im ewigen Leben haben. Gott ist barmherzig und bereit, zu vergeben. Aber er ist auch der Gerechte und wird von uns Rechenschaft verlangen.
Am Schluss hören wir einen Vers, den man richtig verstehen muss: Von den Anwesenden werden einige den Tod nicht schmecken, bis sie gesehen haben, dass das Reich Gottes in Macht gekommen ist. Wie muss man das verstehen?
„Den Tod nicht schmecken“ meint sterben – sie werden zu ihren Lebzeiten noch etwas erleben. Wir können das Kommen des Reiches Gottes in Macht auf zweierlei Weise verstehen: einerseits als die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten, andererseits als Auferstehung Jesu Christi. So oder so ist das Kommen des Reiches mit der Person Jesu Christi verknüpft und an anderer Stelle sagt Jesus nicht nur, dass das Reich angebrochen ist, sondern schon mitten unter den Menschen ist. Im Grunde gibt es noch weitere Auslegungen dessen: Einige werden noch die Geburt der Kirche erleben, in der das Reich Gottes auf Erden schon etabliert ist. Einige werden das Reich Gottes gekommen sehen durch die vielen messianischen Heilstaten Jesu noch vor seinem Tod. Die erste Möglichkeit – also das Kommen des Menschensohnes am Ende der Zeiten, kann weniger gemeint sein, denn die Generationen von damals sind bereits gestorben. Dann müsste der Begriff des Sterbens noch anders gemeint sein.

Was Jakobus beschreibt und was der Psalm als tätige Barmherzigkeit schildert, fasst Jesus mit dem Kreuztragen zusammen: Wer wirklich glaubt und deshalb Jesu Jünger sein möchte, kann dies nicht nur theoretisch sein. Die Jüngerschaft hat Konsequenzen und diese reichen weit über die Komfortzone hinaus bis hin zum Verlust des Lebens. Nur so können wir seine Jünger sein und nur so können wir unseren Glauben an Gott beweisen. Wir nehmen die Liebeserklärung eines Menschen ja auch nur dann für voll, wenn er diese Liebe durch Taten sprechen lässt. Und wir nehmen dem Anderen nur dann ab, dass er uns vertraut, wenn er dies nicht nur dahinsagt, sondern sich auch in unsere Arme fallen lässt (Schauspielübung).

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 6. Woche im Jahreskreis

Jak 2,1-9; Ps 34,2-3.4-5.6-7; Mk 8,27-33

Jak 2
1 Meine Brüder und Schwestern, haltet den Glauben an unseren Herrn Jesus Christus, den Herrn der Herrlichkeit, frei von jedem Ansehen der Person! 
2 Wenn in eure Versammlung ein Mann mit goldenen Ringen und prächtiger Kleidung kommt und zugleich kommt ein Armer in schmutziger Kleidung 
3 und ihr blickt auf den Mann in der prächtigen Kleidung und sagt: Setz du dich hier auf den guten Platz! und zu dem Armen sagt ihr: Du stell dich oder setz dich dort zu meinen Füßen! – 
4 macht ihr dann nicht untereinander Unterschiede und seid Richter mit bösen Gedanken? 
5 Hört, meine geliebten Brüder und Schwestern! Hat nicht Gott die Armen in der Welt zu Reichen im Glauben und Erben des Reiches erwählt, das er denen verheißen hat, die ihn lieben? 
6 Ihr aber habt den Armen entehrt. Sind es nicht die Reichen, die euch unterdrücken und euch vor die Gerichte schleppen? 
7 Sind nicht sie es, die den guten Namen lästern, der über euch ausgerufen worden ist? 
8 Wenn ihr jedoch das königliche Gesetz gemäß der Schrift erfüllt: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst!, dann handelt ihr recht. 
9 Wenn ihr aber nach dem Ansehen der Person handelt, begeht ihr eine Sünde und werdet vom Gesetz überführt, dass ihr es übertreten habt.

Im heutigen Abschnitt aus dem Jakobusbrief geht es um den Umgang mit Armen und Reichen. Jeder Mensch soll gleich behandelt werden unabhängig von seinem Ansehen (μὴ ἐν προσωπολημψίαις me en prosopolempsiais). Er bringt ein Beispiel, was auf tatsächliche Standesunterschiede selbst in den Gemeinden hinweist: Wenn ein Reicher in den Gottesdienst kommt, bekommt er einen guten Platz, Arme müssen stehen oder den anderen zu Füßen sitzen. Dadurch handeln jene Gemeindemitglieder aber nicht wie Jesus, der die Armen erhöht und die Reichen erniedrigt hat. Die Wertung ist weltlich, so wie man es von der Welt kennt, nicht vom Reich Gottes.
Jakobus sagt sogar, dass es unlogisch sei, die Reichen so zu bevorzugen, da diese die Christen ja so schlecht behandeln und vor die Gerichte bringen. Sie sind es, die Gottes Namen beschmutzen.
Das Problem ist nicht, dass die Gemeinden die Reichen gut behandeln, sondern dass sie diese bevorzugen. Denn das „königliche Gesetz“, wie es hier heißt, die Nächstenliebe ist. Auch die Reichen sind die Nächsten. Würde Jakobus nun wegen der schlechten Behandlung der Reichen das gleiche Verhalten von den Gemeinden zurück erwarten, dann würde es sich um Rache handeln, die aber nicht im Sinne Jesu ist. Er hat die Feindesliebe gepredigt. Auch die Reichen sollen also laut Jakobus aufgenommen werden, aber keine Sonderbehandlung bekommen.
Wer nämlich nach dem Ansehen der Person handelt, übertritt das Gesetz, denn dieses zusammengefasst im Doppelgebot der Liebe kennt keine Abstriche bei den Armen. Der Nächste ist der Nächste.
Solche Probleme bezeugt uns aus Paulus im ersten Korintherbrief, wo es um die Missstände bei der Liturgie und der Agapefeier geht. Die Reichen sind sogar betrunken, bevor die Sklaven überhaupt zur Hausgemeinde kommen können, da sie länger arbeiten. Dann müssen sie hungern, weil sie nichts mitbringen können, während die Reichen ein Festmahl zu sich nehmen. Die Standesunterschiede der Gesellschaft setzen sich in der Gemeinde fort. So soll es aber nicht sein, denn hier findet ein Stück Himmel statt. Das ist der Ort, wo das Reich Gottes angebrochen ist und die Menschen einander so behandeln sollen, wie Jesus es erklärt hat. Es soll schon nach Himmel „riechen“, die Ewigkeit soll antizipiert werden.
Wie ist es bei uns? Behandeln wir in unseren Kirchengemeinden alle gleich? Achten wir darauf, wie viel Geld die Person auf dem Konto hat, mit welchem Auto sie auf den Parkplatz der Kirche vorgefahren kommt? Wer hat in unserer Kirche Ehrenämter inne? Sind es die Reichen, die mitreden dürfen oder sind wir neutral? Werden die gesellschaftlich Randständigen integriert oder ausgeschlossen? Was tun wir persönlich dafür, damit jeder Mensch in der Gemeinde unabhängig von seinem gesellschaftlichen Status gleich behandelt wird? Schließlich werden wir eines Tages dafür zur Rechenschaft gezogen. Dann wird Jesus für uns hoffentlich das positive Urteil haben: „Was du einem meiner geringsten Brüder getan hast, das hast du mir getan.“

Ps 34
2 Ich will den HERRN allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund. 

3 Meine Seele rühme sich des HERRN; die Armen sollen es hören und sich freuen. 
4 Preist mit mir die Größe des HERRN, lasst uns gemeinsam seinen Namen erheben! 
5 Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort, er hat mich all meinen Ängsten entrissen. 
6 Die auf ihn blickten, werden strahlen, nie soll ihr Angesicht vor Scham erröten. 
7 Da rief ein Armer und der HERR erhörte ihn und half ihm aus all seinen Nöten.

Heute beten wir einen Lobpreispsalm, der unter anderem das Thema der Lesung aufgreift:
„Ich will preisen“ ist ein typischer Psalmenbeginn – die Selbstaufforderung zum Lob. David bekundet sein „Jawort“ gegenüber Gott durch einen andauernden Lobpreis.
Mit „meine Seele“ wird das hebräische Wort נַפְשִׁ֑י nafschi übersetzt, was eigentlich viel mehr als nur die Seele meint. Das biblische Menschenbild ist nicht geteilt, sodass man sagen kann, er hat einen Körper und eine Seele. Vielmehr ist der Mensch ein Körper und eine Seele. Das hebräische Wort ist also umfassender zu übersetzen im Sinne von „mein Leben“. Es meint die gesamte Existenz des Menschen, die sich des HERRN rühmen soll. David möchte Gott in allen Lebenslagen, mit seinem ganzen Sein preisen. Er möchte das tun, was wir Menschen in der Ewigkeit dauerhaft vornehmen werden – den Lobpreis Gottes.
„Die Armen sollen es hören und sich freuen“ erinnert uns an die Lesung. Aber warum haben die Armen einen Grund zur Freude? Wenn ein Mensch Gott mit allem preist, was er ist und hat, dann tut er dies auch durch die gelebte Nächstenliebe. Und deshalb können die Armen aufatmen, das heißt die Randständigen, Rechtlosen, die Witwen und Waisen, die Fremden und Kranken. Hier geht es um das Doppelgebot der Liebe. Je mehr jemand in Gott lebt, desto mehr gibt er sich auch für den Nächsten hin.
Auch die Lobaufforderung in Vers 4 ist typischer Psalmenstil. Oft ist diese auch so formuliert, dass der Psalmist die ganze Schöpfung oder Bereiche der Schöpfung zum Lob auffordert.
„Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort“ ist, was Jesus in seiner Verkündigung aufgreift, wenn er sagt: „Wer sucht, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.“ Hier könnte man die Verform דָּרַ֣שְׁתִּי daraschti mit „ich habe aufgesucht“ übersetzen, denn Gott antwortet dem Suchenden. Gott ist es, der auch unsere Ängste von uns nimmt. Angst ist nicht vom Hl. Geist und deshalb ist der Mut/die Tapferkeit auch eine Frucht des Hl. Geistes.
Vers 6 ist eine wunderbare Reflektion dessen, wen man eigentlich anschauen soll – nämlich Gott. Wenn man auf ihn schaut und von ihm aus dann auf die Menschen, dann ist es die richtige Haltung. Dann wird man nicht auf das Ansehen der Person achten und sich vom Strahlen des Reichen beeinflussen lassen. Denn Gottes Licht übertönt alles Andere. Es wird auch auf das eigene Gesicht zurückfallen, sodass das einzige Ansehen der Person, auf die wir bei unseren Mitmenschen beachten sollen, die Reflektion des Lichtes Gottes ist. Und da ist es dann egal, ob es das Gesicht eines Armen oder Reichen ist. Und wenn sie die Ärmsten sind, so werden sie keinen Grund zur Scham haben. Gottes Gnade zeichnet sich in ihrem Gesicht ab, was gibt es Höheres?
So lesen wir in Vers 7, dass Gott die Gebete eines Armen erhört und ihn aus seinen Nöten erlöst.
Bei Gott gibt es kein „Nein“, nur ein „Ja“, „Anders“ oder „Später“.
Wie verhalten wir uns? Achten wir auf das Gesicht eines „Gott-Reflektors“? Erkennen wir seine Spuren auf dem Antlitz unserer Gemeindemitglieder oder achten wir auf das weltliche Strahlen teurer Markenklamotten und dicker Autos? Wie sind wir selbst? Polieren wir uns und unseren Besitz lieber selbst, anstatt uns mit der Gnade Gottes auszustatten, die anderen Menschen als Licht leuchten soll? Wählen wir selbst. Diese Fähigkeit hat uns Gott geschenkt.

Mk 8
27 Jesus ging mit seinen Jüngern in die Dörfer bei Cäsarea Philippi. Auf dem Weg fragte er die Jünger: Für wen halten mich die Menschen? 

28 Sie sagten zu ihm: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für sonst einen von den Propheten. 
29 Da fragte er sie: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Simon Petrus antwortete ihm: Du bist der Christus! 
30 Doch er gebot ihnen, niemandem etwas über ihn zu sagen. 
31 Dann begann er, sie darüber zu belehren: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet werden und nach drei Tagen auferstehen. 
32 Und er redete mit Freimut darüber. Da nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen. 
33 Jesus aber wandte sich um, sah seine Jünger an und wies Petrus mit den Worten zurecht: Tritt hinter mich, du Satan! Denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.

Heute sind Jesus und seine Jünger im Gebiet von Cäsarea Philippi unterwegs, einem Ort, der zu Ehren des Kaisers Augustus in „Cäsarea“ umbenannt worden ist. Der Ort liegt am Fuße des Hermonberges und weist eine ganz bekannte Grotto zu Ehren des Gottes Pan auf.
Jesus fragt seine Jünger heute, für wen er gehalten wird. Er tut dies, um darauf zu sprechen zu kommen, für wen seine Jünger selbst ihn halten.
Die Menschen haben unterschiedliche Theorien für die Identität Jesu, z.B. Johannes den Täufer oder Elija sowie andere Propheten. Das ist typisch für Gerüchte und Gerede, es ist total unlogisch und ergibt keinen Sinn. Wie kann Jesus Johannes der Täufer sein, wenn beide gleichzeitig gesehen worden sind bei Jesu Taufe? Dass einige Jesus als den wiedergekommenen Elija halten, ist wenigstens ein wenig nachvollziehbar wegen der vielen Heilstaten, die Jesus erwirkt.
Und nun stellt Jesus die entscheidende Frage: „Für wen haltet ihr mich?“
Derjenige spricht zuerst, der immer zuerst das Wort ergreift, Petrus: „Du bist der Christus.“ Er bekennt heute, dass Jesus der Messias ist. Er spricht Jesu wahre Identität aus, die aber noch nicht öffentlich verkündet werden soll. Jesus gebietet den Jüngern deshalb, darüber zu schweigen. Wir erinnern uns daran, was Jesus gestern vor seinen Jüngern erwirkt hat, nämlich eine Blindenheilung. Er tat es im Anschluss an die Kritik an seine Jünger, dass sie blind und taub sind. Bei der Blindenheilung in Betsaida sind Petrus auch die Augen aufgegangen, aber nicht die physischen, sondern die Augen des Glaubens. Deshalb sagt er hier voller Überzeugung „du bist der Christus.“ Dass er das nicht aus eigener Erkenntnisfähigkeit herausgefunden hat, erfahren wir in Mt 16,17. Dort erwidert Jesus Petrus nämlich: „Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ So ist es mit unserer Gotteserkenntnis. Die Tiefen Gottes können wir erforschen mithilfe der Gnade Gottes. Er öffnet uns den Verstand und den Glauben so, dass wir ein wenig mehr von ihm erkennen können.
Petrus hat Jesu Identität auf den Punkt gebracht, doch was mit dieser Identität als Messias verbunden ist, darüber muss Jesus seine Jünger im Folgenden belehren.
Er offenbart ihnen, dass er leiden und sterben müsse, dass ausgerechnet die religiöse Elite ihn an die Römer ausliefern würde. Das müsse geschehen, aber dann werde er am dritten Tage von den Toten auferstehen. Jesus offenbart ihnen seinen Erlösungsplan, doch sie sind noch nicht soweit, es zu verstehen. Erneut ergreift Petrus als erster das Wort und meint, Jesus unter die Arme greifen zu müssen. Er macht ihm Vorwürfe. Es erinnert uns an Saul, der es auch mehrfach besser wusste als Gott selbst.
Petrus hat Jesu Messianität mithilfe der Gnade Gottes zwar erkannt, sich darunter jedoch etwas Anderes vorgestellt. Eine messianische Erwartung war zu jener Zeit gar nicht mal so selten, wie wir auch an den jüngsten alttestamentlichen Schriften erkennen können. Doch was genau man unter dem Messias verstand, war ganz unterschiedlich. Ganz prominent ist die Vorstellung eines politischen Freiheitskämpfers, der Israel von der Fremdherrschaft der Römer befreien wird.
Ganz egal, wie Petrus sich Jesus auch vorgestellt hat, für ihn ist ein hingerichteter Messias ein Nogo. Und wir können das absolut nachvollziehen aus menschlicher Sicht: Petrus ist ein frommer Jude. Er wird aufgrund von Dtn 21,23 so reagiert haben. Für ihn ist unvorstellbar, dass der Messias hingerichtet wird, denn dann ist er nicht mehr eine Erlösergestalt. Gott wird ihn dann verlassen. Das ist für ihn ein Zeichen der Niederlage. Jesus kündigt sein Leiden mehrfach an, um seine Jünger dafür zu sensibilisieren, dass es eben nicht das Ende sein wird und dass Jesus diese absolute Schande durchmachen muss zur Erlösung der ganzen Menschheit.
Petrus wird von Jesu Hinrichtungsworten so getriggert, dass er auf den Rest gar nicht mehr genau hinhört: Jesus wird von den Toten auferstehen! Stattdessen beginnt er, seinem Rabbi die Leviten zu lesen (oder vielmehr das Deuteronomium…). Jesu Reaktion ist heftig und doch notwendig. Er wendet sich ganz bewusst seinen Jüngern zu, dass sie das mitbekommen. Petrus nahm Jesus ja etwas beiseite, um auf ihn einzureden: „Weg mit dir, Satan!“
Das sagt uns schon alles: Wo Gottes Gnade fließt, da ist der Teufel nicht weit. Nicht nur Gott kann uns Dinge eingeben, auch der Böse kann uns zu Werkzeugen gebrauchen, andere zu verführen. So merken wir an ein und demselben Menschen, wie sehr die menschliche Seele diesem geistigen Kampf ausgesetzt ist. Es ist nicht Petrus, sondern im Kern der Böse, der Jesus versuchen will, damit er die Erlösung nicht erwirkt. Deshalb ist Jesus so streng und befiehlt dem Bösen, zu gehen. Er möchte nicht, was Gott will. Er ist der Kern allen Ungehorsams. Es ist Gottes Plan, dass Jesus leiden und sterben müsse. Doch der Satan widersetzt sich Gott, denn wenn Jesus gehorsam bis zum Kreuz ist, dann wird die Macht des Teufels gebrochen.
Es ist ein Prozess des Lernens. Petrus ist einen Schritt näher zum Messias gekommen und dann wieder zurückgefallen. Es ist wie mit dem Blinden von gestern: Zuerst sieht der Blinde nur ein wenig, erst schrittweise kehrt er zur vollen Sehkraft zurück. So ist es auch mit Petrus‘ innere Blindheit. Er erkennt Jesus ein wenig, aber anhand seiner Reaktion auf die Leidensankündigung erkennen wir, dass er noch nicht vollständig sieht. Wir kennen aber auch den weiteren Verlauf der Geschichte. Petrus wird noch so einiges falsch machen, aber dann wird er Jesus immer besser erkennen, bis er schließlich so vom Hl. Geist erfüllt wird, dass er eine brennende Pfingstpredigt halten wird mit anschließender Massentaufe!
Wie ist es mit uns? Erkennen wir den Messias, wie er wirklich ist? Akzeptieren wir die unattraktive, aber erlösende Botschaft des Gekreuzigten? Akzeptieren wir, dass das Evangelium kein Wohlstandsevangelium ist und dass auch wir in Christi Nachfolge mindestens durch den Dreck gezogen werden? Oder wollen auch wir das Leiden vermeiden, aus welchen Gründen auch immer?
Es geht nicht ohne Kreuz und ohne Schande. Denn Gott hat das Unmündige gewählt, dass Arme. Es ist wie mit dem Ansehen der Person aus Jakobus und dem Psalm. Wie oft schauen wir Menschen ungern auf das Arme und Bescheidene und lassen uns vom Reichen blenden? Und dabei strahlt Gottes Gnade auf dem Antlitz des Armen auf! Gott ist nicht bei dem zu finden, der mit seinem weltlichen Reichtum alle Blicke auf sich zieht, sondern bei dem Unscheinbaren, der für die meisten Menschen uninteressant ist.

Das Evangelium Jesu Christi ist keine spektakuläre Hochzeitstorte, sondern ein Laib Brot. Auf den ersten Blick scheint die Torte attraktiver und alle stellen sich an, ein Stück von ihr zu erhalten. Doch auf lange Sicht wird sie den Menschen nicht sättigen, sondern krank machen. Das Brot ist es, das auf lange Sicht sättigt und kräftigt. Und das Evangelium betrachten wir auf sehr lange Sicht, nämlich auf die Ewigkeit hin. Weiten wir in allem unseren Blick auf die Langfristigkeit hin aus und legen wir unsere Kurzsichtigkeit ab. Dann werden wir fähig, auf kurze Sicht eine Unannehmlichkeit auf uns zu nehmen, um auf lange Sicht selig zu sein.

Ihre Magstrauss