7. Sonntag im Jahreskreis

Lev 19,1-2.17-18; Ps 103,1-2.3-4.9-10.12-13; 1 Kor 3,16-23; Mt 5,38-48

Lev 19
1 Der HERR sprach zu Mose: 
2 Rede zur ganzen Gemeinde der Israeliten und sag zu ihnen: Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.
17 Du sollst in deinem Herzen keinen Hass gegen deinen Bruder tragen. Weise deinen Mitbürger zurecht, so wirst du seinetwegen keine Sünde auf dich laden. 
18 An den Kindern deines Volkes sollst du dich nicht rächen und ihnen nichts nachtragen. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Ich bin der HERR.

Die heutigen Lesungen gehen da weiter, wo sie letzten Sonntag aufgehört haben. Das Thema ist weiterhin die Erfüllung des Gesetzes. Und aus dem Grund hören wir heute auch aus dem 19. Kapitel des Levitikusbuches.
Mose soll zu der Gemeinde der Israeliten sagen: „Seid heilig, denn ich, der HERR, euer Gott, bin heilig.“ Die Israeliten sind Gottes auserwähltes Volk. Sie sind von Gott geheiligt worden, auf dass sie selbst diese Heiligkeit beibehalten. Dies erlangen sie unter anderem dadurch, dass sie ein bestimmtes ethisches Verhalten an den Tag legen, nicht nur durch kultische Reinheitsvorschriften. Das ist sehr wichtig, weil Levitikus eigentlich als rituelles Buch des Pentateuch gilt. Wenn als weitere Ebene das ethische Verhalten hier angeführt wird, kann man dem AT keine Äußerlichkeit vorwerfen. Dies kann Jesus tun, wenn die Pharisäer die äußere Seite weiterhin tradiert, die ethische Seite aber ausgeblendet haben.
Die Heiligkeit der Israeliten soll dadurch gewährleistet werden, dass sie in ihrem Herzen ohne Hass gegenüber dem Bruder sind. Sie sollen die Sünde des Mitbürgers klar benennen, damit sie sich nicht mitschuldig machen. Sie sollen auch an den Israeliten keine Rache ausüben und nicht nachträglich sein. Und dann kommt das Gebot der Nächstenliebe, das auch Jesus als Kern des Gesetzes in die Mitte stellen wird: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“
Halten wir fest: In Levitikus gibt es schon ein Racheverbot, aber dies wird auf die eigenen Landsleute bezogen. Es gibt schon die Nächstenliebe, bezieht sich aber auf den Bruder, ist also auf die Israeliten beschränkt. Jesus wird die Erfüllung dieser Nächstenliebe vornehmen, wobei er „Bruder“ und „Nächster“ radikalisieren wird.

Ps 103
1 Von David. Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! 

2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 
3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, 
4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt,
9 Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach. 
10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.
12 So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel. 
13 Wie ein Vater sich seiner Kinder erbarmt, so erbarmt sich der HERR über alle, die ihn fürchten. 

Heute beten wir einen Lobpreispsalm, bei dem der heilige Name Gottes gepriesen werden soll. Der Psalmist fordert die eigene Seele auf, was typischer Psalmenstil ist. Dabei müssen wir berücksichtigen, was mit „Seele“ gemeint ist. Vor einigen Tagen sprach ich bereits an, dass es sich dabei um das hebräische Wort נַפְשִׁי nafschi handelt, was mehr als nur einen begrenzten Teil des Menschen umfasst. Es meint vielmehr den ganzen Menschen in seiner Existenz, sein ganzes Leben. Der Herr soll das ganze Leben über gepriesen werden und deshalb soll es auch keinen Moment geben, in dem man die guten Taten Gottes vergisst. Wenn das ganze Leben einen einzigen Lobpreis darstellt, dann ist es auch unmöglich, Gottes Güte zu vergessen.
Beziehen wir das auf die Kirche, gilt dasselbe: Würde die Kirche aufhören, den Lobpreis Gottes durchgängig zu praktizieren, würde sie sehr schnell seine Güte vergessen und sich anderem zuwenden. Dann würde sie aber auch aufhören, Sakrament der Liebe Gottes zu sein, das die Ewigkeit in dieser Welt vorwegnimmt. Deshalb steht die Eucharistie an erster Stelle im kirchlichen Leben sowie im geistlichen Leben des Einzelnen. Für Geistliche gilt sodann an zweiter Stelle das Stundengebet, denn diese sind es, die den Lobpreis auf besondere Weise als Berufung leben. Sie sind ungeteilt dazu fähig, weil sie keine Familie haben, um die sie sich kümmern müssen.
Der Psalm zählt einige dieser guten Taten auf, die Gott uns Menschen erweist: Er heilt die Gebrechen – ob physisch, psychisch oder seelisch. Er rettet unser Leben vor dem Untergang, denn er hat uns erlöst und uns zu Erben in seinem Reich eingesetzt. Hier ist das Verb für „retten“ ein Partizip, das heißt Gott rettet nicht nur einmalig durch die Taufe, sondern immer wieder, dauerhaft, das ganze Leben hindurch. Er ist es, der uns immer wieder vor dem moralischen Abfall rettet und uns zurückholt, wenn wir vom Weg abgekommen sind. Er ist barmherzig mit seinen Kindern, die von Herzen bereuen, wenn sie von Gottes Geboten abgerückt sind. Er vergibt ihnen die Schuld.
Diese Barmherzigkeit Gottes wird vor allem ab Vers 9 thematisiert: Gott richtet als gerechter Richter, aber es ist bei ihm mehr als nur ein Kausalschluss wie bei der Karmalehre („du kriegst, was du verdient hast“). Gott ist keine Rechenmaschine, sondern er schaut auf das Herz und dessen Reue. Deshalb wird er „nicht immer rechten“ und auch „nicht ewig nachtragen“. Dieser Psalm ist ein wunderbares Zeugnis dafür, dass auch schon das Alte Testament einen barmherzigen und vergebenden Gott kennt.
Dass Gott nicht mathematisch richtet, sehen wir an Vers 10: Er handelt am Menschen nicht nach seinen Sünden im Sinne von „er rächt sich an ihm für alles, was er ihm angetan hat.“ So ist Gott nicht. Wir müssen für unsere Sünden Rechenschaft ablegen und den entstandenen Schaden wieder gut machen. Wir müssen auch die Konsequenzen unserer Vergehen tragen, aber das hat nichts mit Rache zu tun. Nur so können wir zur Einsicht kommen und das gehört zur Verantwortung dazu, die einem von Gott verliehen worden ist.
Was in Vers 10 ausgedrückt wird, ist also nicht: „Es ist egal, wie du lebst, da Gott dich nicht nach deinen Sünden richten wird.“ Es heißt, dass Gott mehr als nur deine Handlungen selbst betrachten wird. Und wenn du deine Sünden von Herzen bereust, sie bekennst und dir vornimmst, sie nicht mehr zu tun, dann vergibt er sie dir. Die Vergebung ist ein Geschenk Gottes und Geschenke bekommt man unabhängig davon, ob man sie verdient hat oder nicht. Was wir für diese unverdiente Vergebung tun können, ist aufrichtig zu sein, ehrlich zu uns selbst und demütig im Licht seines Angesichts. Und mit dieser Einstellung öffnen wir uns für die Gnade Gottes so sehr, dass er auch aus einem großen Sünder einen Heiligen machen kann, solange er sich bekehrt. Dies zeigt uns Vers 12, der mit einem sehr romantisch-poetischen Ausdruck diese Verwandlung Gottes umschreibt: Gott entfernt unsere Sündhaftigkeit so weit von uns, wie es nur geht – eben „so weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang“.
Gott ist ein barmherziger Vater, kann dies aber nur dann sein, wenn wir seine Kinder sein wollen und auf seinen Schoß kommen. Deshalb sagt Jesus auch: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, könnt ihr nicht in das Reich Gottes gelangen.“ Es liegt nicht an Gott, denn seine Tür steht immer offen. Es liegt an uns, ob wir zu ihm kommen oder nicht. Das nennen wir Umkehr. Und das ist auch gemeint, wenn hier die Rede von der Gottesfurcht ist. Gott kann uns nur dann vergeben, wenn wir Gott fürchten, ihn respektieren und deshalb merken, dass wir ihn respektlos behandelt haben.

1 Kor 3
16 Wisst ihr nicht, dass ihr Gottes Tempel seid und der Geist Gottes in euch wohnt? 

17 Wer den Tempel Gottes zerstört, den wird Gott zerstören. Denn Gottes Tempel ist heilig und der seid ihr.
18 Keiner täusche sich selbst. Wenn einer unter euch meint, er sei weise in dieser Welt, dann werde er töricht, um weise zu werden. 
19 Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. In der Schrift steht nämlich: Er fängt die Weisen in ihrer eigenen List. 
20 Und an einer anderen Stelle: Der Herr kennt die Gedanken der Weisen; er weiß, sie sind nichtig. 
21 Daher soll sich niemand eines Menschen rühmen. Denn alles gehört euch; 
22 Paulus, Apollos, Kephas, Welt, Leben, Tod, Gegenwart und Zukunft: Alles gehört euch; 
23 ihr aber gehört Christus und Christus gehört Gott.

In der letzten Woche hörten wir aus dem Abschnitt des ersten Korintherbriefes, wie die Weisheit Gottes sich nicht mit der Weisheit der Welt verträgt. Weltlich eingestellte Menschen verlachen das Evangelium Christi, weil es für sie töricht ist, dumm, einfach nicht attraktiv oder erstrebenswert. Im Absatz darauf, den wir heute nicht hören, geht es dann um eine andere Art von Unfähigkeit – aufgrund von fehlender Reife. Als Paulus die Gemeinde in Korinth erst gründete, waren ihre Mitglieder noch wie Neugeborene, eben Babys der neuen Schöpfung! Sie vertrugen noch keine schwere Kost, deshalb musste Paulus ihnen Milch zu trinken geben, das heißt mit der Katechese ganz von vorne beginnen. Er konnte noch keine hochkomplizierten theologischen Zusammenhänge erklären. Das heißt er konnte von der göttlichen Weisheit nur einen ganz kleinen Teil zu essen geben. Er sagt auch, dass die Korinther immer noch nicht gereift sind, denn sie sind immer noch sehr voll der weltlichen Weisheit aufgrund der Eifersucht und Streitereien, von denen wir schon in der Einleitung des Briefes gehört hatten. Paulus erklärt noch einmal, dass nicht er oder Apollos oder Kephas die Agierenden der Gemeinde sind, sondern Christus selbst. Sie sind nur unterschiedliche Werkzeuge, die Gott in unterschiedlichen Prozessen anwendet. Dafür verwendet er mehrere Bilder aus den Bereichen des Anbaus und des Hausbaus. Im heutigen Abschnitt der Lesung hören wir nun einen Teil aus diesem Argumentationsgang und dabei eine weitere Metapher:
„Wisst ihr nicht, dass ihr Tempel Gottes seid“ ist eine wichtige anthropologische Aussage: Der Mensch ist so gemacht, dass er in sich einen Tempel hat. Dieser ist nie leer. Dort wohnt immer jemand. Durch die Taufe sind die Korinther zu inneren Tempeln Gottes geworden. Er hat dort Wohnung genommen. Paulus erinnert sie daran, um ihnen ihr widersprüchliches Verhalten aufzuzeigen. Sie sind ja Getaufte und somit zur Heiligkeit berufen, in paulinischen Worten zu einem Leben in der göttlichen Weisheit. Der Widerspruch entsteht durch die immer noch vorhandene weltliche Weisheit, die in ihrem Tempel wohnt.
Wer also nach der Taufe weiterhin so lebt wie ein Ungetaufter, wer also den Geist Gottes aus dem Tempel verbannt, der dort durch die Taufe Wohnung genommen hat, wird dafür Rechenschaft ablegen. Gott wird so jemanden zerstören, denn der Tempel ist heilig. Dies verstehen wir vor dem Hintergrund des Alten Testaments. Wer unbefugt zum Allerheiligsten vordrang oder die Bundeslade sowie den Hl. Berg Sinai berührt hat, wurde mit dem Tod bestraft. So streng wird Gott auch mit den Tempelschändern des eigenen Seelentempels verfahren, da mit der Taufe die Seele Gott übergeben worden ist. Es ist nicht mehr der eigene Tempel, sondern er gehört Gott. Er ist genauso heilig wie damals die Bundeslade und wie der Berg Sinai.
Wenn man sich der Weisheit der Welt anschließt, dann ist es nichts Rühmliches, sondern Tempelschändung. Deshalb sagt Paulus: „Keiner täusche sich selbst.“ Man braucht sich nicht einzubilden, dass es vor Gott tatsächlich auch weise ist, was weise in dieser Welt bedeutet. Und deshalb sagt Paulus dagegen, dass man töricht werden muss, um weise zu sein – nämlich vor Gott! Man ist nur dann wirklich weise, wenn die Menschen die eigene christliche Denkweise für dumm halten.
Gott und „Welt“ (das meint immer die gefallene sündige Schöpfung, nicht die Schöpfung an sich, wie Gott sie gewollt hat) stehen sich diametral gegenüber, aber nicht als ebenbürtige Feinde. Es ist eher so, dass Gott die weltlich Weisen in ihrer Eitelkeit (wörtlich Vergänglichkeit) entlarvt.
Und keiner hat das Recht, eine bestimmte Person für sich zu beanspruchen im Sinne eines eigenen Besitzes. Keiner kann sagen, dass Apollos oder Kephas oder Paulus ihm gehört, sondern es sind Werkzeuge Gottes, die für jeden gleichermaßen zur Verfügung stehen. Sie geben sich hin für den Herrn, um für alle hingegeben zu werden. Alle aber, die Missionare und die Gemeindemitglieder, die Zeiten gestern, heute und morgen, gehören Christus. Er ist die Mitte, auf die hin alles überhaupt existiert. Und er wiederum gehört Gott, dem Vater, der alles ins Dasein gerufen hat und der auch seinen einzigen Sohn vor aller Zeit gezeugt hat.
Heute hören wir in der zweiten Lesung, dass Gott nicht der Kuschelgott ist, der immer beide Augen zudrückt. Er verlangt Rechenschaft für das Verhalten des Menschen und verfährt auch streng mit denen, die aus seinem Tempel eine Räuberhöhle gemacht haben. Jesus hat dies schon zeichenhaft angedeutet, als er ganz bewusst (nicht aus einem Wutanfall heraus) die Händler aus dem Jerusalemer Tempel hinausgejagt hat. Auch hier wird ein Vorurteil entkräftet: Im NT ist nicht nur die Rede vom barmherzigen Gott. Auch dort herrscht das Gottesbild eines strengen Richters vor. Gott ist nicht geteilt zwischen den Testamenten. Es handelt sich um ein und denselben damals wie auch zur Zeiten Jesu.

Mt 5
38 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn. 

39 Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin! 
40 Und wenn dich einer vor Gericht bringen will, um dir das Hemd wegzunehmen, dann lass ihm auch den Mantel! 
41 Und wenn dich einer zwingen will, eine Meile mit ihm zu gehen, dann geh zwei mit ihm! 
42 Wer dich bittet, dem gib, und wer von dir borgen will, den weise nicht ab! 
43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 
44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, 
45 damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 
46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? 
47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? 
48 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!

Letzte Woche hörten wir als Evangelium einen Teil aus der Bergpredigt, in dem Jesus erklärt, was mit Erfüllung des Gesetzes gemeint ist. Er nimmt verschiedene Gebote aus dem Dekalog und beginnt immer mit „Ihr habt gehört“. Dies ist auch heute der Fall, wo Jesus die Torah anhand von weiteren Beispielen erfüllt: „Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Auge für Auge und Zahn für Zahn.“ Jesus zitiert hier einen Vers aus dem Bundesbuch (Ex 21,23-25). Für seine Zeit war dieses Gesetz damals sehr fortschrittlich. Es war nämlich verbreitet, für ein einziges verletztes Schaf gleich die ganze Herde des anderen zu töten, wenn nicht sogar die Familie des anderen. Mit dem Gesetz aus dem Bundesbuch „Auge für Auge“ wurde diese maßlose Rache auf genau dasselbe Maß an Schuld eingedämmt, das man dem anderen angetan hat. Es war also eine gute Sache zu jener Zeit. Aber Jesus verdeutlicht nun auf der Höhe der Zeit, als die Juden nun schon mehr verstehen, dass es nicht die Endstation ist. Man soll nicht nur nicht maßlos Rache ausüben, sondern überhaupt keine Rache.
Das verlangt Jesus jetzt nicht einfach als übertriebene und unzumutbare Forderung, sondern er tut uns Menschen damit einen Gefallen. Wir können endlich frei sein von dieser ständigen Sorge um Gerechtigkeit. Dabei sollen wir keinen Widerstand leisten und alles mit uns machen lassen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir nichts wert sind und deshalb mit Füßen zertreten werden sollen. Das heißt, dass wir aus der Spirale der Rache und der Gewalt heraustreten. Menschen, die merken, dass wir sie nicht zurückschlagen, sondern ihnen noch unsere andere Wange hinhalten, werden überrascht sein. Sie werden sich schämen, weil sie sich dann ihrer eigenen Schlechtigkeit bewusst werden.
Dasselbe gilt auch für die Situation, in der man von jemandem angeklagt und ausgebeutet wird. Wenn man dem anderen dann noch den Rest gibt, wird er merken, was er eigentlich tut. Das alles gilt natürlich nur, wenn der Mensch auch nur das kleinste Bisschen an Gewissen hat.
Jesus nennt noch weitere Bilder, um diese entlarvende Ohnmacht der Liebe herauszustellen (nicht nur eine Meile mitgehen, sondern noch eine weitere; dem anderen borgen und geben). Aber auch bei dieser Haltung muss man genau hinschauen und diese vor dem Hintergrund des Nächstenliebegebots betrachten, das wir heute auch in der ersten Lesung aus dem Buch Levitikus gehört haben: Das Maß an Nächstenliebe wird davon bestimmt, was ich mir selbst Gutes tun würde. Das ist nichts Anderes als die goldene Regel. Das bedeutet, dass wir bereitwillig die andere Wange hinhalten sollen, wenn es so weit kommt. Und wenn jemand uns für unseren Glauben töten will, sollen wir es zulassen. Das heißt nicht, dass wir das Martyrium suchen sollen, sondern auf zuerst an uns geschehenes Unrecht reagieren sollen. Wenn wir nicht alleine sind, sondern für andere Menschen Sorge tragen, ist das auch ein Faktor, der zu berücksichtigen ist: Dann können wir vielleicht unsere Wange hinhalten, aber nicht die der uns Anvertrauten. Wen jemand also unsere eigenen Kinder oder Familienangehörigen angreift, dürfen und sollen wir sie beschützen. Denn auch Jesus sagt im Johannesevangelium: „Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt.“ Umso mehr gilt dies für die eigene Familie.
Was wir bisher im Evangelium gehört haben, greift vieles aus der Levitikuslesung auf: Die Rache soll nun ganz aufhören.
Auch was wir als nächstes hören, greift Levitikus auf: Wir sollen unsere Feinde lieben und für jene beten, die uns hassen. Es ist nicht nur so, dass wir unseren Nächsten lieben sollen, wie uns selbst und damit ist nicht mehr nur der Israelit gemeint. Es betrifft jetzt alle Menschen, egal welcher Nationalität oder Religiosität. Es ist sogar noch so – egal ob gutgesinnt oder feindlich.
Jeden Menschen zu lieben, ist Ausdruck für Barmherzigkeit (Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten“).
Den zurückzulieben, der mich auch liebt, ist keine große Leistung. Das ist, was alle tun. Dann ist es aber keine Liebe mehr, sondern eine Win-Win-Situation. Die Liebe als Gabe Gottes, die Agape, ist dagegen dann wirksam, wenn man gehasst wird, wenn es schwierig wird, wenn man liebt, obwohl man keine Gegenliebe erwarten kann.
Wer gibt, weil er weiß, dass ihm zurückgegeben wird, hat seinen Lohn schon bekommen. Er braucht vom Vater im Himmel nichts mehr erwarten.
Jesu Worte dringen direkt ins Herz und sind eine Herausforderung. Man wird dazu aufgefordert, zu lieben, wo es einem gegen den eigenen Strich geht, gegen das eigene Ego. Aber genau diese Art von Liebe, von Ohnmacht, von Gewaltlosigkeit ist die göttliche Weisheit, von der Paulus spricht. Die Menschen verhöhnen einen noch in der heroischen Tat des Wangehinhaltens. Wir werden dann nichts Anderes erwarten können, denn Jesus selbst ist noch am Kreuz ausgelacht worden, weil er als Messias sich nicht vom Kreuz herabgeholt hat. Und jene, die ein bisschen Wärme in ihren Herzen haben, werden von dieser entlarvenden Liebe berührt. Und wenn sie nach außen hin auch noch nichts zeigen werden, beginnt schon ein Prozess der Verwandlung in ihnen. Gott ist barmherzig und wir sollen durch unsere Hingabe und Vergebungsbereitschaft zu den verlängerten Armen der göttlichen Barmherzigkeit werden. Unser Lohn im Himmel wird groß sein, denn so wie der Vater den Sohn über alle anderen erhöht hat (Phil 2), so wird er auch uns erhöhen. Was ist im Gegensatz zur ewigen Erhöhung durch Gott der vorübergehende Spott derer, die voll der weltlichen Weisheit sind?

Ihre Magstrauss

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