Mittwoch der Karwoche

Jes 50,4-9a; Ps 69,8-9.10 u. 12.21b-22.31 u. 33; Mt 26,14-25

Jes 50
4 GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören.
5 GOTT, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.
6 Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.
7 Und GOTT, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate.
8 Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer will mit mir streiten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? Er trete zu mir heran.
9 Siehe, GOTT, der Herr, wird mir helfen.

Heute hören wir aus dem dritten Gottesknechtslied. Es ist bereits an Palmsonntag verlesen worden und sehr intensiv:
„GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort.“ Wir müssen es verstehen vor dem Hintergrund der Menschwerdung Gottes. Jesus ist Gott, ist aber durch seine Menschwerdung entäußert worden, das heißt er verzichtete auf seine Gottheit, um die Sünde der Welt zu sühnen. So hat er alles den Menschen vorgelebt und alles so getan, wie die Menschen es tun. Wenn es hier also heißt, „gab mir die Zunge von Schülern“, müssen wir es nicht so verstehen, dass Jesus etwas Neues lernen könnte oder Dinge zuerst nicht weiß und dann zur Erkenntnis kommt. Er weiß schon alles von Anfang an, weil er trotz Entäußerung immer noch Gott ist. Das hebräische Wort für „Zunge“ kann auch mit „Sprache“ übersetzt werden, was vielleicht passender ist: Der Vater hat dem Sohn die Sprache von Schülern gegeben, damit seine Schüler, das heißt seine Jünger, seine Worte verstehen können. Es heißt also, dass Gott die Sprache der Menschen angenommen hat, um sich ihnen zu offenbaren. Er tut es, um die Müden aufzurichten durch ein aufmunterndes Wort. Diese Müdigkeit hat weniger etwas mit physischer Erschöpfung zu tun als vielmehr mit Hoffnungslosigkeit durch Seelenmüdigkeit. Es geht um das Wecken der Menschen, damit sie wachsam werden, damit sie aus der Müdigkeit ihrer langen Warterei auf den Messias erwachen!
Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören. Jesus selbst hat gehorsam auf den Vater gehört und nichts gesagt oder getan, was nicht im Einklang mit dem Vater ist.
Er hat auf den Willen des Vaters gehört und es auch durchgehalten selbst in den Angriffen der Menschen: „Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.“ – So ist es schon den Propheten des Alten Testaments ergangen. Sie haben auf die Stimme Gottes gehört und den Menschen seinen Willen kundgetan, zumeist um den Preis ihres eigenen Lebens. Umso mehr gilt das für den Sohn Gottes selbst, der der Gehorsamste von allen ist.
Jesus hielt wortwörtlich seinen Rücken hin denen, die ihn schlugen. Wie maßlos haben seine Gegner auf ihn eingeschlagen, statt sich an die gebotene Anzahl von Schlägen zu halten, wie sie das Recht vorsieht – sowohl mit Stöcken als auch mit Geißeln! (Wir wissen vom Grabtuch von Turin, dass er über hundert Mal geschlagen worden ist, statt der gebotenen 39 Schläge. Die Römer haben sich nicht daran gehalten).
„Und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen“ – Ja, er wurde ins Gesicht geschlagen durch den Diener der Hohepriesters. Von Privatoffenbarungen wissen wir, wie sehr sie ihm den Bart ausgerissen haben in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Laut diesen Offenbarungen stachen sie ihm sogar Nägel und Spitzen in die Löcher seines ausgerissenen Bartes. Unvorstellbar, was Jesus durchmachen musste! Es geht bei diesem Akt nicht nur um die Schmerzen, sondern auch um die Erniedrigung, die ihm dadurch widerfahren ist.
„Mein Gesicht verbarg ich nicht durch Schmähungen und Speichel.“ Wie oft Jesus wohl auf seinem Kreuzweg zum Golgota von der gaffenden Menge und von den Soldaten angespuckt und beschimpft worden ist? Er ist wirklich behandelt worden wie der schlimmste Verbrecher. Es blieb ihm nicht ein Funken Ehre. Er ist maximal erniedrigt worden, aber dann vom Vater über alle anderen erhöht worden. Stellen Sie sich vor, dass Sie allmächtig wären, über all jenen Peinigern stehen würden, aber alles mit sich machen lassen würden! Sie könnten jederzeit einmal schnipsen und sie alle in die Hölle hinabwerfen, sich vom Kreuz befreien und die ganzen Wunden augenblicklich heilen, weil Sie so allmächtig sind! Für Jesus gilt das alles tatsächlich, weil er Gott ist und doch greift er nicht ein! Er lässt alles mit sich machen, weil er uns so sehr liebt, dass er all das sühnt. So unbegreiflich groß ist seine Liebe!
„Und GOTT, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden.“ Ja, das ist nicht nur ein absolutes Vertrauensbekenntnis, sondern eine regelrechte Ankündigung. Jesus wird nicht in Schande enden, denn am dritten Tag wird er von den Toten auferstehen! Er wird den schandvollsten Tod sterben, aber er wird nicht in ihm bleiben. Der Vater wird ihn auferstehen lassen und über alle anderen erhöhen. Nun hat er ihn wieder zu sich geholt und er sitzt mit Leib und Seele zur Rechten des Vaters.
„Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer will mit mir streiten?“ Der Vater spricht seinen Sohn sozusagen frei im Kampf gegen den Bösen, indem er ihn am dritten Tag auferstehen lässt. Der Tod wird überwunden. Er kann im Rechtsstreit nichts mehr unternehmen.
„Siehe, GOTT, der Herr, wird mir helfen.“ Das dürfen auch wir mit Gewissheit beten, denn wie er seinen eigenen Sohn aus den Klauen des Todes gerettet hat, so wird er auch uns retten, die wir nicht nur auf den Tod, sondern auch auf die Auferstehung Jesu Christi hin getauft sind.

Ps 69
8 Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.
9 Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.
10 Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.
12 Ich legte als Gewand ein Bußkleid an, ich wurde ihnen zum Spottvers.
21 Ich hoffte auf Mitleid, doch vergebens, auf Tröster, doch fand ich keinen.
22 Sie gaben mir Gift als Speise, für den Durst gaben sie mir Essig zu trinken.
31 Ich will im Lied den Namen Gottes loben, ich will ihn mit Dank erheben.
33 Die Gebeugten haben es gesehen und sie freuen sich! Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf!

Als Psalm wird heute wieder ein Klagepsalm gebetet, in dem zunächst das Leiden detailliert geklagt wird. Dann kommen mehrere Bittrufe, die in unserem heutigen Abschnitt nicht zu lesen sind, bevor es einen typischen Stimmungsumschwung gibt: Gott wird zum Ende des Psalms gepriesen.
„Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.“ Jesus ist dafür ausgeliefert und elendig getötet worden, dass er den Menschen gezeigt hat, wie der Vater ist. Er hat das Reich Gottes verkündigt mit göttlicher Vollmacht. Dafür ist er so schandvoll wie nur möglich gestorben.
„Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.“ Wir wissen von den Evangelien her, dass Jesu Großfamilie ihn von der Verkündigung abhalten wollte und sogar sagte: „Er ist von Sinnen.“ Seine biologischen Verwandten haben ihn nicht verstanden. Vielmehr hat Jesus gesagt, dass jene, die den Willen seines Vaters tun, seine wahre Familie sind. Maria, seine biologische Mutter, war die allererste Jüngerin und so lag der Idealfall vor: Biologie und geistige Gesinnung waren eins!
„Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.“ Das ist ein besonderer Vers, denn dies zitiert Johannes für Jesu Tempelreinigung. Es hat sich mit Jesus erfüllt. Aus Eifer für das Haus Gottes hat er die Händler aus dem Tempel vertrieben, die es zur Räuberhöhle gemacht haben. Dieser Eifer ist uns schon durch die Episode verdeutlicht worden, in der Jesus als Zwölfjähriger im Tempel zurückbleibt und mit den Ältesten und Schriftgelehrten debattiert. Als seine Eltern ihn voller Sorge im Tempel wiederfinden und ihn auf diese Aktion ansprechen, antwortet er ihnen: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Der Eifer für das Haus Gottes ist nicht nur auf einen irdischen Bau beschränkt. Vielmehr geht es ihm schließlich um das Reich Gottes, um das Himmelreich, dass des Vaters eigentliches Haus ist! Und für eben jene Botschaft vom Reich Gottes ist er verhöhnt worden. Damit haben die Spötter auch den Vater im Himmel verspottet, denn Jesus und der Vater sind eins.
„Ich legte als Gewand ein Bußkleid an“ – dies müssen wir bildlich verstehen, denn von Jesu Kleidung ist explizit nicht die Rede (nur am Ende, als es um sein durchgewebtes Untergewand geht). Die Buße ist Jesu „Gewand“ im Sinne der Verpackung. Es gehört zum Programm der Verkündigung und ist deren Kern. Bei seinem Antritt sagt Jesus in Mk 1,15: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium. Doch die wirklich Einflussreichen haben sich nicht bekehrt trotz der vielen vielen Chancen, Signale und Zeichen.
„Ich hoffte auf Mitleid“ – Jesus hat sich selbst dahingegeben, damit die harten Herzen der Menschen erweicht werden. Wie viele sind doch hart geblieben, obwohl er für sie gestorben ist!
„Sie gaben mir Gift als Speise“ – das erinnert uns an die verschiedenen Getränke, die sie Jesus angeboten haben. Das Wein-Myrrhe-Gemisch hat er abgelehnt, weil es ein Betäubungsmittel war und Jesus ganz für uns leiden wollte, das zweite sollte seinen Todesprozess verlängern und war Essig. Man kann durchaus von Gift sprechen, denn gesund war es sicherlich nicht….
„Ich will im Lied den Namen Gottes loben, ich will ihn mit Dank erheben.“ Mit dem Stimmungsumschwung wird auch für uns deutlich: Nach dem Leiden kommt das Heil. Nach Karfreitag kommt Ostern. Nach der Dunkelheit des Todes kommt das Licht des Lebens. Es gibt bei Gott immer ein Happy Ending, auch wenn es noch so weit weg erscheint. Gott wendet alles zum Guten, nur müssen wir ihm ganz vertrauen, egal, wie unwahrscheinlich es zu sein scheint.
„Die Gebeugten haben es gesehen und sie freuen sich! Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf!“ Nicht nur Jesus, der am tiefsten Gebeugte, ist Zeuge für dieses Happy Ending. Auch die vielen vielen Märtyrer, die Johannes in der Offenbarung geschaut hat, die Apostel, die Glaubensvorbilder, sie alle sind mit einer unerschütterlichen Hoffnung in den Tod gegangen und wir glauben, dass sie direkt bei Gott sind und in der ewigen Anschauung seiner Herrlichkeit sein dürfen. Dies erwartet auch uns, wenn wir bis zum Schluss standhaft sind.

Mt 26
14 Darauf ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohepriestern

15 und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie boten ihm dreißig Silberstücke.
16 Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, ihn auszuliefern.
17 Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote gingen die Jünger zu Jesus und fragten: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?
18 Er antwortete: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern.
19 Die Jünger taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.
20 Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch.
21 Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.
22 Da wurden sie sehr traurig und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?
23 Er antwortete: Der die Hand mit mir in die Schüssel eintunkt, wird mich ausliefern.
24 Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.
25 Da fragte Judas, der ihn auslieferte: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus antwortete: Du sagst es.

Im heutigen Evangelium wird uns davon berichtet, wie Judas Iskariot Jesus an die Hohepriester verkauft. Der Deal geht von ihm selbst aus, indem er die Hohepriester aufsucht und als erstes einen Preis aushandelt. Darum geht es ihm vor allem. Er ist geblendet von seiner Habgier. Uns ist von den Evangelien bekannt, dass er ein Dieb ist, weil er als Kassenwart die Einkünfte veruntreut. Sein Herz schlägt für Geld. Und dann? Dann wollen die Hohepriester ihm den damaligen Preis für Sklaven auszahlen! Dreißig Silberstücke für den leidenden Gottesknecht….
Dann ist es soweit, dass das große Wallfahrtsfest gekommen ist und die Vorbereitungen für das Paschamahl getroffen werden.
Die Jünger bereiten alles dafür vor und dann wird uns davon berichtet, wie sie zu Tisch liegen.
Jesus sagt den Jüngern nun, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Jesus weiß schon längst, wer es ist. Er könnte noch alles aufhalten, doch er weiß, dass es so geschehen muss. Er spricht es dennoch an, denn er möchte Judas noch eine letzte Chance geben, umzukehren.
Ganz aufgeregt fragen die Apostel Jesus, ob sie es sind. Dann gibt Jesus als Antwort den Code an, über den ich gestern schon gesprochen habe nach der Johannesversion: Er gibt hier einen Code aus Ps 41 wieder, wo es heißt, dass der Verräter vom selben Brot isst wie der Ausgelieferte. So soll den Jüngern nämlich klargemacht werden, dass die Schrift es schon angekündigt hat und dieser Verrat geschehen muss.
Dies erklärt Jesus dann auch, wenn er sagt: „Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt.“ Es muss geschehen, sonst kann Jesus nicht die Welt erlösen. Und als Petrus einige Kapitel zuvor die Leidensankündigung zurückweist (das muss verhütet werden), da vertrieb Jesus sogar den Satan, der hinter solchen Aussagen steckt. Es muss geschehen, nur so kommt das Heil. Das heißt aber nicht, dass es gut ist, der Verräter zu sein. Deshalb spricht Jesus diese sehr harten Worte (es wäre für ihn besser, wenn er nie geboren wäre). Jesus, den Sohn Gottes zu verraten, ist die schlimmste Sünde, die man tun kann. Deshalb spricht Jesus so drastische Worte. Judas soll wachgerüttelt werden und nicht nur er, sondern auch die anderen. Denn Petrus wird Jesus ebenso verraten. Wir sehen ja, dass diesem aber vergeben wird, weil er von Herzen seinen Verrat bereut. Judas wäre auch vergeben worden, wenn er die Vergebung angenommen hätte. Wir sehen also, dass Jesu Worte nicht wirklich bedeuten, dass Judas nie geboren werden sollte.
Judas fühlt sich wohl auch angesprochen und die Worte haben gesessen. Er fragt gerade heraus: „Bin ich es etwa, Rabbi?“ Jesus nimmt kein Blatt vor den Mund und antwortet ihm mit „du sagst es“. Er weiß, was Judas im Schilde führt. Auch Judas weiß nun, dass Jesus alles durchschaut hat. Und doch nutzt Judas diese Chance zur Umkehr nicht. Er zieht seinen Plan durch und so wird Jesus dennoch ausgeliefert.
Es ist eine tragische Geschichte, weil sie tragisch für Judas endet. Hätte er doch so gehandelt wie Petrus! Wie wichtig ist es auch für uns, auf Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen und diese anzunehmen! Wie sehr redet der Satan auch uns ein, dass unsere Sünde ja so schlimm ist, dass Gott uns nie verzeihen würde! Egal wie groß die Sünde auch sein mag: Gottes Vergebung ist immer stärker. Sie wird uns zuteil, wenn wir von Herzen unsere Sünde bereuen, sie bekennen, Gott versprechen, sie nie wieder zu tun, sie wiedergutzumachen. Nutzen wir diese Barmherzigkeit wirklich ganz und bereiten wir uns auf eine gute Beichte vor! Gott ist bereit, uns von Herzen zu vergeben, selbst wenn wir ihn verraten haben!

Ihre Magstrauss

Samstag der 3. Woche der Fastenzeit

Hos 6,1-6; Ps 51,3-4.18-19.20-21; Lk 18,9-14

Hos 6
1 Auf, lasst uns zum HERRN zurückkehren! Denn er hat gerissen, er wird uns auch heilen; er hat verwundet, er wird uns auch verbinden.
2 Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht.
3 Lasst uns ihn erkennen, ja lasst uns nach der Erkenntnis des HERRN jagen! Er kommt so sicher wie das Morgenrot; er kommt zu uns wie der Regen, wie der Frühjahrsregen, der die Erde tränkt.
4 Was soll ich mit dir tun, Efraim? Was soll ich mit dir tun, Juda? Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht.
5 Darum habe ich durch die Propheten zugeschlagen, habe sie durch die Worte meines Mundes umgebracht. Dann wird mein Recht hervorbrechen wie das Licht.
6 Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.

Heute hören wir noch einmal aus dem Buch Hosea. Auch das heutige Kapitel stellt im Kern einen Aufruf zur Umkehr dar. So ist auch die erste Aussage ein Appell (Auf, lasst uns zum HERRN zurückkehren!“).
Wenn es dann heißt „Denn er hat gerissen“, dann meint das hebräische Wort טָרָ֖ף taraf mit „reißen“ das Reißen von Beute durch Raubtiere (alternative Übersetzung „verschlingen“). Anhand des Parallelismus erkennen wir die Aussage: Sinngemäß heißt es, dass Gott das Leiden zugelassen hat, den Menschen dann aber auch entschädigen wird. Hoseas Gottesbild ist ganz typisch für seine Zeit. Er drückt es so aus, dass Gott selbst dieses Leiden verursacht habe. Das heißt aber nicht, dass wir als Leser einer solchen alten Schrift hier einen tatsächlichen Beleg für Gottes Wirken haben. Gott ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Er ist der Gute, der nichts Böses tut.
Der nächste Vers ist total österlich! „Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht.“ Die beiden Zeitangaben sind identisch, denn „am dritten Tag“ heißt „übermorgen“. So ist es auch im griechischen Kontext, wenn z.B. von der Hochzeit zu Kana berichtet wird. Da heißt „am dritten Tag“ auch „übermorgen“. Auf wörtlich-historischer Ebene möchte Hosea damit sagen, dass Gott nach und nach alles wieder in Ordnung bringen wird und sein Volk mit Segen beschenken wird. Das ist das dieses neue Leben, das den Menschen geschenkt wird. Wir lesen es aber schon weiter, nämlich allegorisch und auf Christus bezogen. Dieser hat Leiden und Auferstehung durchgemacht stellvertretend für uns. Das ist dann aber im wahrsten Sinne des Wortes geschehen und nicht sinnbildlich gemeint wie bei Hosea. Jesus ist der Erstgeborene der Toten, von uns, die wir das Angesicht Gottes schauen werden. Er ist uns zum Vater vorausgegangen. Wir, die wir auf seinen Namen getauft sind, werden auch so wie er nach dem Tod auferstehen. Zunächst wird nur unsere Seele weiterleben, aber am Ende der Zeiten wird sie sich mit ihrem Leib wieder vereinen.
Hosea ruft dazu auf, den HERRN zu erkennen, der Gotteserkenntnis gleichsam nachzujagen. Auch wir sollen ihn von ganzem Herzen suchen, dann wird er sich finden lassen. Jesus sagt es uns zu, wenn er formuliert: „Wer suchet, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.“ Und auch das Hohelied ist voll der Sehnsucht nach Gott, wenn es heißt „Ich suchte, den meine Seele liebt.“
„Er kommt so sicher wie das Morgenrot“ ist ein verbreitetes messianisches Motiv. Man erwartete, dass der Messias aus dem Osten komme, die Sonne der Gerechtigkeit mit dem Sonnenaufgang komme (Mal 4,2). Es ist also nicht nur ein Bild für das ganz sichere Kommen Gottes. Auch das Kommen als Regen ist messianische Motivik. In Ps 72,6 heißt es über ihn: „Er ströme wie Regen herab auf die Felder, wie Regenschauer, die die Erde benetzen.“
Gott spricht die Stämme Juda und Efraim an, deren Bundestreue vergänglich sind wie eine Wolke oder Morgentau (das hebräische Wort חֶסֶד chesed heißt „Treue“). Warum eigentlich werden diese beiden Stichworte genannt? Sie fassen das Nord- und Südreich zusammen, denn Israel ist zu jener Zeit ja zweigeteilt.
Weil Gott die Untreue sieht, hat er durch die Propheten immer wieder zugeschlagen. Dieses Zuschlagen geschieht dabei hauptsächlich durch das Wort Gottes, das wie ein zweischneidiges Schwert die Herzen der Menschen „seziert“. Es ist also in erster Linie eine spirituelle Waffe, mit der Gott durch die Propheten dreinschlägt. Wo sie nicht hörten, mussten sie auch am Leib die Konsequenzen zu spüren bekommen – durch die Fremdherrschaften, Kriege, manchmal auch durch Seuchen.
Das Recht Gottes wird „hervorbrechen wie das Licht“, weil es in der Finsternis aufleuchten wird. Dann werden sich die Menschen danach sehnen, dass endlich Gerechtigkeit kommt. So ist jede Gerichtsankündigung Gottes eine Erlösung für die ungerecht Behandelten damals und in unserer heutigen Zeit. Dieses Recht ist hervorgebrochen wie das Licht, als Gott Mensch geworden ist und sein Recht Person wurde. Jesus hat das wirklich das Recht gebracht, weil er den Menschen die Torah richtig erklärt und vor allem selbst vollkommen vorgelebt hat. Jesus hat dann auch den Beziehungsaspekt als den Kern hinter allen göttlichen Geboten herausgestellt – das Doppelgebot der Liebe. Und diese Liebe ist es, die Gott von uns verlangt, ebenso damals von seinen auserwählten Kindern Israels. Das ist es, was er will, die Rückkehr der Herzen zu ihm, eine persönliche Umkehr statt eine Besänftigung durch Schlachtopfer. Das ist auch für uns heute, die wir in der Fastenzeit stehen, absolut notwendig und heilsam. Das ist umso mehr für die heutige Welt vonnöten, die durch die Pandemie ganz und gar in Not gerät. Jetzt ist es höchste Zeit, zu Gott umzukehren und ihn um Vergebung zu bitten!

Ps 51
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!
4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde!
18 Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen.
19 Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.
20 Nach deinem Wohlgefallen tu Gutes an Zion, erbaue wieder die Mauern Jerusalems!
21 An Schlachtopfern der Gerechtigkeit, an Brandopfern und an Ganzopfern hast du Gefallen, dann wird man auf deinem Altar Stiere opfern.

Im heutigen Psalm bittet König David um Gottes Barmherzigkeit. Er nimmt genau die Haltung hier ein, die Hosea von den Israeliten des Nord- und Südreiches verlangt. Sie ist auch perfekt für jeden Einzelnen von uns, die wir uns vornehmen, in diesen Tagen in Vorbereitung auf Ostern ebenfalls diesen Bußmodus einzunehmen.
„Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde“, ist ein Vers, den die Priester bei der Gabenbereitung zum Schluss beten, während der Messdiener ihnen Wasser über die Hände gießt. Diese Worte sind ganz wichtig für jeden Büßer und wir stellen uns vor, wie die Israeliten angesichts der assyrischen Bedrohung die Hinwendung zum assyrischen Götzendienst vor Gott bereuen. Auch wir beten dies jedesmal, wenn wir uns in der Hl. Messe befinden, denn das kostbare Blut wäscht uns mehrfach rein. Wir beten es auch jedesmal, wenn wir Weihwasser verwenden und uns damit bekreuzigen.
„Erschaffe mir Gott ein reines Herz“ ist die Erkenntnis, dass der Mensch sich selbst nicht gut machen kann. Vor allem wenn man sich schuldig gemacht hat, kann man nicht selbstständig wieder den Zustand der Schuldlosigkeit zurückerlangen. Gott ist es, der uns wieder in den Stand der Gnade zurückversetzen kann, indem er uns die Schuld vergibt, uns reinigt, uns erneuert durch den Hl. Geist. Er kann unser Herz wieder rein machen und uns einen „neuen beständigen Geist“ schenken. Dies sollten auch die Israeliten lernen, die sich von Gott und ihrer Bundestreue entfernt haben.
David bittet Gott darum, die Freundschaft mit ihm nicht zu kündigen („verwirf mich nicht von deinem Angesicht“). Er bittet ihn darum, die Salbung nicht zurückzunehmen, seinen gesamten Heilsplan mit David („nimm deinen Hl. Geist nicht von mir“, denn Salbung bedeutet Geistgabe). Er bittet Gott insgesamt darum, den Bund mit ihm nicht zu kündigen wegen dem, was er ihm angetan hat. Gott hat ihm aber zugesagt, dass er treu ist und einen Bund nicht zurücknimmt. Er braucht keine Schlachtopfer und Brandopfer, wenn man sie tut, um Gott zu besänftigen, gleichzeitig aber ganz viele Leichen im Keller hat. Gerade König David hat schwere Sünden begangen und versteht, dass er die Beziehung zu Gott zerstört hat. Er konzentriert sich darauf, diese Beziehung wieder zu kitten, nicht einfach nur paar Opfer darzubringen und dann passt das schon. Das heißt nicht, dass wir das jetzt wortwörtlich nehmen müssen und David keine Opfer mehr darbringen soll. Wir sind hier in einem Psalm, einer poetischen Textgattung, die mit solchen rhetorischen Stilmitteln bestückt ist. Wir sehen an Davids Verhalten und an dem seines Sohnes Salomo, dass er diese Verse rhetorisch meint. Er hat den Festkalender mit all den Opfern ja noch ausgebaut und Salomo hat den Tempel gebaut, in dem weiterhin viele Opfer dargebracht wurden!
Es heißt vielmehr, dass Gott keine solchen Opfer braucht, wenn die Menschen ihr Leben nicht ändern wollen, wenn ihr Herz nicht umkehrbereit und reuevoll ist. Das ist sehr aktuell, denn auch heute locken viele Angebote aus der Esoterik damit, dass man Heil, Glück, Erfolg etc. haben kann ohne Umkehr: ob es Meditationen und körperliche Übungen sind (Yoga, Qigong etc), die Umstellung der Möbel im Haus für Glück im Leben (Fengshui) oder sogar Diäten für besseres Karma…
Vielmehr wünscht sich Gott einen zerbrochenen Geist und ein zerschlagenes Herz, das heißt eine innere Bußhaltung und Bereitschaft zur Umkehr. Das ist ihm viel wertvoller. David hat das wirklich vorgelebt und ist deshalb bis heute ein Vorbild im Prozess der Umkehr sowie im Gebet, auch wenn er schlimme Sünden begangen hat.
Für uns heißt das heute nicht, dass wir keine Messen besuchen sollen, dem einzigen Opfer, das wir als Christen noch haben, das alle anderen Opfer der Juden abgelöst hat. Das heißt vielmehr, dass hinter dem knienden Menschen in der Kirchenbank (oder momentan dem Knienden vor dem Livestream), dem Gläubigen, der sich ein Aschekreuz abholt und gesenkten Kopfes die Messe mitmacht, auch ein reuiges Herz stecken muss, ein zerschlagener Geist, der bereit zur Umkehr ist und dies auch durch Taten im Alltag zeigt. Wir alle sollen uns nicht einfach nur zurücknehmen – und schon gar nicht für eitle Gründe wie im säkularen Kontext für die Fastenzeit angepriesen wird! -, sondern dieses Minus auch durch ein Plus barmherziger Taten kompensieren! In der Fastenzeit muss man uns anmerken, dass wir uns darum bemühen, den anderen Menschen gegenüber netter zu sein, ihnen zu helfen, besonders das zu verschenken, das heutzutage zu den Wertvollsten Gütern zählt – unsere Zeit. Das tun wir momentan zum Beispiel dadurch, dass wir den Älteren, Angeschlagenen, Bedürftigen bei den Einkäufen helfen, selber auf Hamsterkäufe verzichten und Kleinunternehmen unterstützen. Tun wir alles aus Liebe zu Gott, weil wir ihm zuliebe ein besserer Mensch werden möchten, dann wird er uns segnen und verwandeln.

Lk 18
9 Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Gleichnis:
10 Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.
12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.
13 Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Heute hören wir im Evangelium von zwei Menschen mit ganz unterschiedlichen Haltungen. Jesus führt sie in einem Gleichnis an, um die Rechtfertigung vor Gott zu erklären. Er beobachtet nämlich die Selbstgerechtigkeit einiger Juden, die die anderen verachten.
Es handelt sich im Gleichnis um zwei Männer, die zum Gebet in den Tempel gehen. Er eine ist Pharisäer und betet: „Gott ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.“ Er verweist damit auf den zweiten Mann, der ganz hinten stehen bleibt. Doch zunächst zum Pharisäer. Was er hier zu Anfang betet, ist noch nicht das Falsche. Auch wir dürfen Gott danken, dass wir noch nicht gefallen sind. Aber der entscheidende Unterschied ist dabei, worauf wir diese Gerechtigkeit zurückführen – auf Gott, der uns die Gnade und Kraft geschenkt hat, der Versuchung zu widerstehen, oder auf uns selbst, die wir durch unsere eigenen Taten diese Gerechtigkeit erreicht haben. Und das ist der springende Punkt, weshalb Jesus den Pharisäer als Negativbeispiel anführt: Er zählt nämlich auf: „Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.“ Der Pharisäer zählt vor Gott auf, was er Gutes getan hat, und setzt dabei voraus, dass dies ihn vor Gott gerecht macht. Er gibt mit den guten Seiten an und blendet komplett aus, was er noch nicht gut gemacht hat. Vor allem aber zählt er Dinge auf, die nichts mit der Beziehung zu Gott zu tun haben. In Psalm und Lesung haben wir heute ja bereits gelernt, dass es Gott auf diese Beziehung ankommt. Also noch einmal: Wir dürfen beten: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht in schwere Sünde gefallen bin.“ Aber dann müssen wir anerkennen, dass es nicht allein unser Verdienst ist, sondern eine Kooperation mit der Gnade Gottes. Dabei können wir auch nicht stehenbleiben, sondern wir müssen uns ganz sehen, auch mit unserem Scheitern. Das vermissen wir beim Pharisäer. Er setzt nicht nach und bittet Gott um Verzeihung, wo er nicht nach dessen Willen gehandelt hat, so als ob er perfekt wäre und keiner Umkehr bedürfe.
Und da sehen wir nun den anderen Mann, der von Beruf Zöllner ist. Er kommt mit einer ganz anderen Haltung zu Gott. Er weiß genau, dass er Unrechtes getan hat. Er kommt mit einem absolut reumütigen Herzen. Er schämt sich seiner Sünde so wie Adam und Eva nach dem ersten Sündenfall, als sie sich vor Gott verstecken. Dieser Mann kommt mutig zu Gott, traut sich aber nicht, den Blick zu erheben. Er schlägt sich an die Brust und betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Dies ist eine Haltung, mit der Gott „arbeiten“ kann. Hier kommt jemand zu ihm, weil er sich von Gott verwandeln lassen will. Er kehrt aktiv um, er möchte sein Leben ändern und da kann Gott seine helfende Gnade fließen lassen. Er kann zu einem besseren Menschen werden, weil er sich von Gott helfen lässt.
Der Pharisäer dagegen meint, dass er keine Umkehr nötig hat, deshalb kann Gott ihm keine Gnade erweisen. Er öffnet sich gar nicht dafür und lässt sich nicht helfen, obwohl er ein Mensch ist wie der Zöllner auch. Kein Mensch ist ohne Sünde, nur dass die Sünden unterschiedlich verteilt sind. Der Pharisäer sündigt auch, nur anders als der Zöllner. Er erkennt seine Erlösungsbedürftigkeit nur nicht. Er ist blind und somit verweist das heutige Evangelium auf die Lesungen des morgigen Laetare-Fastensonntags. Dort wird es ebenfalls um biologische und innere Blindheit gehen…
Jesus schließt das Gleichnis damit, dass der Zöllner gerechtfertigt nach Hause geht, der Pharisäer aber nicht. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn einige Kapitel zuvor hat Jesus bereits erklärt, dass dem, der von Herzen bereut und umkehrt, Gott alles vergeben will. Er kann aber nur vergeben, wer um Vergebung bittet.
Und so sagt Jesus zum Schluss: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Erniedrigung heißt aber nicht, dass der Mensch das „Aschenputtel-Syndrom“ bekommen soll, sondern dass der Mensch sich realistisch sieht, mit dem Guten UND vor allem dem Bösen. Erst wenn wir uns so sehen, wie wir wirklich sind – das nennen wir Demut: wissen, was man kann und was man nicht kann; erkennen, wo die Tugenden und die Laster sind – dann können wir Gott das hinhalten und ihn bitten, uns dabei zu helfen, die Schwächen, die Laster, das Schlechte an uns zu überwinden. Nur so können wir ihm immer ähnlicher werden. Wenn wir aber in der Selbstillusion eines unfehlbaren Menschen verharren, wird der Dreck unserer Seele nie zutage kommen, um gereinigt zu werden. Dann gibt es spätestens am Ende unseres Lebens eine böse Überraschung, denn im Angesicht Gottes wird der gesamte angesammelte Dreck auf einmal zutage treten. Dann werden wir selbst uns so sehr schämen und so einen überwältigenden Schmerz verspüren, dann werden wir die ultimative Erniedrigung verspüren. Ändern wir uns jetzt, solange es noch geht! Demütigen wir uns und bitten wir den Herrn um Verzeihung, dann werden wir am Ende unseres Lebens Ehrengäste im himmlischen Hochzeitsmahl sein!

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 3. Woche der Fastenzeit

Dtn 4,1.5-9; Ps 147,12-13.15-16.19-20; Mt 5,17-19

Dtn 4
1 Und nun, Israel, hör auf die Gesetze und Rechtsentscheide, die ich euch zu halten lehre! Hört und ihr werdet leben, ihr werdet in das Land, das der HERR, der Gott eurer Väter, euch gibt, hineinziehen und es in Besitz nehmen.
5 Siehe, hiermit lehre ich euch, wie es mir der HERR, mein Gott, aufgetragen hat, Gesetze und Rechtsentscheide. Ihr sollt sie innerhalb des Landes halten, in das ihr hineinzieht, um es in Besitz zu nehmen.
6 Ihr sollt sie bewahren und sollt sie halten. Denn darin besteht eure Weisheit und eure Bildung in den Augen der Völker. Wenn sie dieses Gesetzeswerk kennenlernen, müssen sie sagen: In der Tat, diese große Nation ist ein weises und gebildetes Volk.
7 Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah sind, wie der HERR, unser Gott, uns nah ist, wo immer wir ihn anrufen?
8 Oder welche große Nation besäße Gesetze und Rechtsentscheide, die so gerecht sind wie alles in dieser Weisung, die ich euch heute vorlege?
9 Jedoch, nimm dich in Acht, achte gut auf dich! Vergiss nicht die Ereignisse, die du mit eigenen Augen gesehen, und die Worte, die du gehört hast! Lass sie dein ganzes Leben lang nicht aus dem Sinn! Präge sie deinen Kindern und Kindeskindern ein!

Heute hören wir aus der großen Rede des Mose, aus dem das Buch Deuteronomium („zweites Gesetz“) besteht. Dort fasst er zum zweiten Mal die Weisung Gottes zusammen. Dabei ermahnt er zu Anfang der Lesung: „Und nun, Israel, hör auf die Gesetze und Rechtsentscheide, die ich euch zu halten lehre!“ Das spricht Mose zwar zum Volk Israel als Ermahnung unmittelbar vor dem Einzug ins verheißene Land, aber es ist darüber hinaus eine Mahnung auch an uns, die Gebote Gottes zu halten, damit auch wir ins verheißene Land einziehen, moralisch gesehen der Stand der Gnade, anagogisch gesehen das Himmelreich am Ende unseres Lebens. Wir stehen unmittelbar vor dem Ende der Zeiten. Jesus hat uns gesagt, dass das Reich Gottes nahe ist. Es ist kurz vor zwölf.
Gott lässt die Menschen nicht allein und so gibt er ihnen mit der Inbesitznahme des Landes Regeln, aber nicht zur Einschränkung und Aufbürdung, sondern für ein friedliches Zusammenleben in optimaler Freiheit. So ist es auch mit uns, die die Gebote Gottes halten sollen. Gott möchte uns nicht einschränken und den Spaß verderben, sondern uns ein möglichst freies, erfülltes und friedliches Leben garantieren. Seine Gebote führen uns nämlich erst in diese Freiheit entgegen aller Vorurteile.
Wenn das Volk die Torah umsetzt, wird es den anderen Völkern zum Vorbild. Warum sie das überhaupt merken? Die Torah beinhaltet Gesetze, die zu jener Zeit absolut neuartig waren. Die Einschränkung der Rache auf das genaue Maß des Schadens (Auge für Auge) stellte zum Beispiel einen riesigen humanen Fortschritt dar. Ebenso die Bruderliebe und Solidarität des gesamten Bundesbuches fällt vor den Nachbarvölkern auf. Dies gilt nicht nur für das Alte Israel, sondern umso mehr für die ersten Christen. Die Heidenvölker, so ist es bei Tertullian belegt, bewunderten die Christen dafür, dass sie die Nächstenliebe auf so intensive Weise gelebt haben („Seht, wie sie einander lieben!“). Die absolute Vergebungsbereitschaft, die Feindesliebe und der Verzicht auf Rache sind vor den umliegenden Heiden aufgefallen. So sind die Christen durch das Halten der Gebote Gottes zu einer Stadt auf dem Berg geworden. Sie konnten nicht verborgen bleiben.
„Denn welche große Nation hätte Götter, die ihr so nah sind, wie der HERR, unser Gott“ ist ein besonders eindrücklicher Satz, der den Kern des ganz anderen Verhaltens Israels im Gegensatz zu den Nachbarvölkern ausdrückt. Die radikale Liebe (für die Israeliten war die Bruderliebe und „Auge für Auge“ das mögliche Maximum) speist sich aus der innigen Beziehung zu Gott. Kein anderes Volk hat in diesem Maße ein barmherziges Gottesbild und insgesamt ein personales Du. Das können wir Christen umso mehr sagen, denen Jesus den barmherzigen Vater beigebracht hat, der uns das Vaterunser lehrte, der uns erlaubte, seinen Vater Abba, Papa zu nennen.
Es gibt in keinem anderen Volk eine derart gerechte Gesetzgebung wie in Israel zu jener Zeit. Das Maß an Solidarität, die Option für die Armen, das heißt vor allem für die Witwen, Waisen, Kranken und Fremden im Land, ist mit keinem anderen Volk vergleichbar. Gott ist wirklich gerecht und hat ein Herz für seine geliebten Kinder. Ebenso können wir Christen das sagen, für die die zehn Gebote nach wie vor gelten und die Ausdruck der absoluten Gerechtigkeit Gottes sind.
Im letzten Vers schärft Mose den Israeliten ein, nie zu vergessen, was Gott ihnen Gutes getan hat. Sie haben mit ihren eigenen Augen spektakuläre Wunder gesehen. Gott ist immer für sie dagewesen. Damit auch die nachfolgenden Generationen das nie vergessen, sollen diese Dinge immer weiter erzählt werden. Gerade der Auszug aus Ägypten wird am Sederabend des Paschafestes erzählt. Der Jüngste der Familie soll rituell die Erzählung einleiten, indem er auch heute noch fragt: „Warum unterscheidet sich diese Nacht von allen anderen Nächten?“ Das Paschamysterium hat sich mit Jesus antitypisch erfüllt und so sagt er beim letzten Abendmahl: „Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ Und so beten wir es in der Hl. Messe. Auch wir sollen nie vergessen, was Gott uns eigentlich für ein Heil geschenkt hat. Wir sind erlöst und haben wieder Aussicht auf das Himmelreich! Gott setzt uns als seine Erben ein! Auch wir sollen deshalb dieses große Geschenk und die Gebote Gottes unseren Nachkommen weitergeben, damit auch sie nicht vergessen, welches große Geschenk ihnen zuteil geworden ist.

Ps 147
12 Jerusalem, rühme den HERRN! Lobe deinen Gott, Zion!
13 Denn er hat die Riegel deiner Tore festgemacht, die Kinder in deiner Mitte gesegnet.
15 Er sendet seinen Spruch zur Erde, in Eile läuft sein Wort dahin.
16 Er gibt Schnee wie Wolle, Reif streut er aus wie Asche.
19 Er verkündet Jakob sein Wort, Israel seine Gesetze und seine Entscheide.
20 An keinem anderen Volk hat er so gehandelt, sie kennen sein Recht nicht. Halleluja!

Heute beten wir einen Psalm aus dem sogenannten Kleinen Hallel, einer Gruppe von Lobpsalmen, die den Psalter abschließen. Jerusalem wird in Vers 12 zum Lobpreis aufgefordert – typischer Psalmenstil. „Lobe deinen Gott, Zion!“ bezieht sich zwar auf Jerusalem, doch ist es rhetorisch gemeint, denn es handelt sich um ein pars pro toto. Das ganze Volk Israel ist gemeint und diese Aufforderung erinnert an die Worte des Mose in Dtn 4. Der Psalm ist viele Jahrhunderte bzw. Jahrtausende älter als das Deuteronomium und vieles ist seitdem geschehen. Gott hat auf Israels Irrwegen immer wieder seinen Segen gespendet. Und so hat Israel trotz seiner Treuebrüche und daraus resultierenden Schicksalsschläge immer wieder Grund zum Lob: „Denn er hat die Riegel deiner Tore festgemacht, die Kinder in deiner Mitte gesegnet.“ Die Sicherheit des Landes oder der Stadt Jerusalem wird als Zeichen des Segens Gottes bewertet.
„Er sendet seinen Spruch zur Erde, in Eile läuft sein Wort dahin“ meint im wörtlichen Sinn zunächst seine Weisung, die Torah. Wo sie nicht gehalten wird, sendet er seinen Spruch zu auserwählten Personen, die als Propheten auftreten und Gottes Spruch den Israeliten übermitteln. Wir lesen diesen Vers aber schon weiter, nämlich als höchst messianische Weisung! Gott sendet sein Gesprochenes zur Erde, das heißt sein Wort! Und dieses Wort ist Jesus Christus, das fleischgewordene Wort. „In Eile läuft sein Wort dahin“, denn er kommt bald. Während es vom Kontext des Psalms her noch das erste Kommen meint, betrachten und ersehnen wir sein baldiges zweites Kommen am Ende der Zeiten.
Der nächste Vers ist rätselhaft, weil von Schnee und Reif, von Wolle und Asche die Rede ist. Es bezieht sich auf das wirkmächtige Wort Gottes, durch das Gott seine Schöpfung nicht nur hervorgebracht hat, sondern auch am Leben erhält. Es ist vergleichbar mit den Worten Jesajas in Kapitel 55, wo es heißt: „Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.“ Gott wirkt durch Jesus Christus große Taten in der Welt, damals wie heute! Auch jetzt erblüht die Welt mit jeder Hl. Messe, die gefeiert wird. Es ist wie ein Regen, der die verdorrte Landschaft wieder tränkt und zum Leben erweckt, insbesondere die Wüstenlandschaft Europa, in der wir leben! Wir brauchen Gottes Wort, das uns am Leben erhält.
„Er verkündet Jakob sein Wort“ – Gott weist den Menschen moralisch einen Weg, damit sie friedlich miteinander leben können. Davon hörten wir ja bereits in der Lesung. Gott verkündet auch heute seine Weisung, nämlich durch sein Sprachrohr, die Kirche. Ein wichtiger Grundvollzug ist die Verkündigung. Wo die Weisung nicht mehr vollständig und authentisch den Menschen übermittelt wird, vergessen sie die Heilstaten Gottes und verirren sich. Dann muss man wirklich sagen: Aufgrund der mangelhaften Verkündigung tragen die Verkündiger eine Mitschuld an der moralischen Verirrung der Menschen. Dann können unsereins wirklich nur noch beten: Herr, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. Ja, die Menschen wissen es nicht besser, weil keiner sie mehr richtig anleitet. So können sie nicht in die Freiheit geführt werden, die die Gebote Gottes aber in Aussicht stellen. Das Wissen um die Gebote Gottes bringt Verantwortung mit sich, denn so wird Gott von den Wissenden mehr Rechenschaft ablegen als von den Unwissenden. Dennoch ist es weniger Bürde als Privileg, Gott kennengelernt zu haben. Wünschen wir nicht jedem Menschen, den wir lieben, nur das Beste? Es ist immer die bessere Wahl, Gottes Liebe im eigenen Leben erfahren zu haben und als sein Erbe eingesetzt worden zu sein!
Während es noch im Psalm heißt „an keinem anderen Volk hat er so gehandelt“, können wir als österliche Menschen sagen: Das Heil wurde allen Völkern geschenkt, Jesus ist für die ganze Menschheit gestorben! Und wer es annimmt, gehört zum neuen Volk Gottes, gleichermaßen bestehend aus Juden und Heiden!

Mt 5
17 Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen.
18 Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist.
19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.

Wir hörten bisher schon viel von der Weisung Gottes und davon, dass Gott uns dadurch in die Freiheit führen möchte. Jesus ist nicht gekommen, um all das über den Haufen zu werfen, sondern um es zu erfüllen. Im heutigen Evangelium hören wir davon, dass die Gebote Gottes unter keinen Umständen abgeschafft werden dürfen. Eine klare Ansage für uns Christen heute, die demokratisch über diese Gebote abstimmen möchten!
Jesus sagt dagegen: „Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein.“ Das Jota ist im griechischen Alphabet der kleinste Buchstabe, deshalb wird er hier genannt. Auch Häkchen sind kleine, aber nicht zu unterschätzende Elemente der griechischen Sprache. Jesus schärft auch uns Christen heute ein, das Gesetz nicht zu verändern. Auch die unscheinbaren Gebote, die scheinbar wenig Gewicht besitzen, sollen ernst genommen werden. Denn wer in kleinen Dingen nicht mal treu sein kann, wie will er oder sie es in den großen Dingen sein? Jesus sagt das nicht, weil er eine Buchstabentreue nach pharisäischer Manier unterstützt. Er tut es, weil das der Kern von Liebe ist – Radikalität als Konsequent sein. Wenn ich jemanden liebe, gehe ich aufs Ganze. Dann stehe ich eines Tages am Traualtar und verspreche die ewige Treue in guten und in schlechten Zeiten, nehme den Ehepartner ganz an mit allen Stärken und Schwächen, ohne wenn und aber. Dabei ist die Ehe ja ein Abbild der Liebe Gottes, die er in sich ist. Er ist das Original und so möchte er unser ganzes Sein, wenn wir seine Liebe erwidern. Er hat uns immer zuerst geliebt, indem er uns aus Liebe ins Dasein gerufen hat. Er möchte unsere ganze Liebe wie der Ehepartner am Traualtar. Deshalb ist es logisch, jedes Gebot Gottes zu halten, mag es noch so klein sein, aber nicht aus juristischem Verständnis, sondern vom Beziehungsaspekt her. Und dieser Liebesaspekt sollte auch der Kern der Verkündigung des Evangeliums sein. Wenn die Kirche die Gebote Gottes den Menschen erklärt, soll dieser Beziehungsaspekt der rote Faden sein. Dann werden die Menschen verstehen, warum die Gebote zu halten sind.
Groß sein im Himmelreich können nur jene, die als Verkündiger des Evangeliums erstens die Gebote selbst halten und zweitens die Gebote vollständig lehren, auch jene, die Anstoß erregen. Und in unserer heutigen Zeit sind das ganz klar die Gebote, die die Keuschheit des Menschen betreffen. Dafür müssen die Verkündiger des Evangeliums diese Keuschheit zunächst wieder selbst leben. Wenn wir hier von Geistlichen sprechen, meint es die Form der Keuschheit für Menschen im geistlichen Stand wie Priester und Ordensleute. Wenn wir von Katecheten sprechen, dann meint es die eheliche Keuschheit (ja, die gibt es!!) oder die voreheliche Keuschheit für die noch nicht Verheirateten. Es geht um die Reinheit des Herzens und die soll in jedem Lebensstand gewährleistet werden. Das ist nämlich der größte Ausdruck von Freiheit und überzeugt die Menschen letztendlich. Das wird anstecken und so möchten auch die Hörer der Verkündigung eine solche Freiheit erlangen. Wäre dem nicht so, würden wir nicht beobachten, dass die zeitgeistig Denkenden leere Kirchenbänke vor sich haben, während die, die vom Evangelium ganz überzeugt sind und sich um die Umsetzung zunächst selbst bemühen, eine fast platzende Kirche haben. Menschen spüren, wo Wasser gepredigt und Wein getrunken wird. Sie merken auch, wo noch authentische Verkündigung ist. Heute lädt Jesus uns wieder ein, zu diesem authentischen Leben zurückzukehren bzw. überhaupt erst umzukehren. Dann wird die Kirche wieder aufblühen. Das ist die einzige Chance. Er ist schließlich das Wort, das wie Regen die Erde tränkt und neue Pflanzen hervorbringen kann. Dies kann kein zeitgeistiger Aktivismus erlangen. Es ist noch nicht zu spät und jetzt in der Fastenzeit fließen besonders viele Gnaden dafür! Beten wir um Umkehr, damit viele jetzt die Zeit der Gnade nutzen und zum lebenspendenden Wort Gottes umkehren!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 3. Woche der Fastenzeit

Dan 3,25.34-43; Ps 25,4-5.6-7.8-9; Mt 18,21-35

Dan 3
25 Asarja blieb stehen, öffnete den Mund und sprach mitten im Feuer folgendes Gebet:
34 Um deines Namens willen verwirf uns nicht für immer; löse deinen Bund nicht auf!
35 Versag uns nicht dein Erbarmen, deinem Freund Abraham zuliebe, deinem Knecht Isaak und Israel, deinem Heiligen,

36 denen du Nachkommen verheißen hast so zahlreich wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres!
37 Ach, HERR, wir sind geringer geworden als alle Völker. In aller Welt sind wir heute wegen unserer Sünden erniedrigt.
38 Wir haben in dieser Zeit weder Vorsteher noch Propheten und keinen, der uns anführt, weder Brandopfer noch Schlachtopfer, weder Speiseopfer noch Räucherwerk, noch einen Ort, um dir die Erstlingsgaben darzubringen und um Erbarmen zu finden bei dir.
39 Du aber nimm uns an! Wir kommen mit zerknirschtem Herzen und demütigem Sinn.
40 Wie Brandopfer von Widdern und Stieren, wie Tausende fetter Lämmer, so gelte heute unser Opfer vor dir und verschaffe uns bei dir Sühne. Denn wer dir vertraut, wird nicht beschämt.
41 Wir folgen dir jetzt von ganzem Herzen, fürchten dich und suchen dein Angesicht.
42 Überlass uns nicht der Schande, sondern handle an uns nach deiner Milde, nach deinem überreichen Erbarmen!
43 Errette uns, deinen wunderbaren Taten entsprechend; verschaff deinem Namen Ruhm, HERR!

Heute hören wir in der Lesung das Gebet eines Mannes der insgesamt vier Männer im Feuerofen. Der babylonische König Nebukadnezzar hatte Asarja, dessen Gebet wir heute hören und der den chaldäischen Namen Abed-Nego erhielt, Schadrach und Meschach in den Feuerofen geworfen. Sie hatten sich geweigert, sich am Herrscherkult zu beteiligen und sich vor dem königlichen Götzenbild niederzuwerfen. Die Männer fielen gleichsam gefesselt ins Feuer, weil der Ofen übermäßig geheizt worden war und die herausragenden Flammen ihre Henker umbrachten. Doch hineingefallen verzehrten die Flammen sie nicht. Heute hören wir nun ein Gebet, das Asarja an Gott richtet, während die Männer im Ofen frei umhergehen.
Es handelt sich um ein Bittgebet, bei dem er Gott darum bittet, den Bundesschluss nicht zurückzunehmen (löse deinen Bund nicht auf). Gott soll sie nicht für immer verwerfen. Das zeigt, dass die babylonische Gefangenschaft mit alle ihren Bedrängnissen als Strafe oder Zeichen der vorübergehenden Verwerfung Gottes empfunden worden ist.
Er erinnert Gott im Gebet an die Verheißung, die er Abraham, Isaak und Jakob gemacht hat. Gott soll auch jetzt sein Versprechen halten. Von dieser Verheißung ausgehend hält er Gott die gegenwärtige Situation hin und klagt ihm, wie gering und schändlich das Volk Israel vor ihm und vor den anderen Völkern dasteht. Er bringt zum Ausdruck, was das eigentlich Schlimme an der Situation ist. Das Volk ist wie eine Herde ohne Hirten und kann Gott durch den ausbleibenden Tempel nicht mit Opfern barmherzig stimmen. So soll Gott die zerknirschten Herzen annehmen wie ein Brandopfer, so soll die Sühne der Israeliten erwirkt werden.
Asarja sagt Gott zu, dass die Bekehrungsbereitschaft da ist. Er nimmt genau die richtige Haltung ein – er nutzt die Chance in der Krisensituation. So sollen auch wir beten. Wir sollen nicht mit Gott hadern, wenn wir Schicksalsschläge erleiden. Wir sollen in uns gehen, unsere Beziehung zu ihm erneuern und unser Gewissen befragen, ob wir nicht durch unsere Sünde dazu beigetragen haben (was nicht automatisch der Fall sein muss!). Auch wir sollen Gott um Vergebung bitten. In unserer heutigen Krisensituation der Pandemie ist es nun höchste Zeit!
Gott sei den Männern barmherzig, so betet Asarja. An sein Gebet schließt sich der kraftvolle Lobpreis der Männer im Feuerofen an. So sollen wir loben und preisen – nicht nur in guten Zeiten! Auch wenn es uns schlecht geht, gibt es dennoch so viele Gründe, Gott zu preisen. Und so wird ihnen nichts passieren, im Gegenteil. Die Männer führen Nebukadnezzar noch zur Anerkennung des Gottes Israels. Auch wir können heute durch die Art und Weise, wie wir mit unserem Leiden umgehen, Menschen entweder zum Glauben führen oder in ihrem Glauben erschüttern. Leiden ist immer eine Chance, die entweder genutzt wird oder eben nicht. Treffen wir die richtige Entscheidung!

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade!
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
6 Gedenke deines Erbarmens, HERR, und der Taten deiner Gnade; denn sie bestehen seit Ewigkeit!
7 Gedenke nicht meiner Jugendsünden und meiner Frevel! Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR, denn du bist gütig!
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg.
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg.

„Zeige mir, HERR, deine Wege“ ist in Krisensituationen die Bitte, in schwierigen Zeiten das richtige Verhalten zu übernehmen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gott zeige uns immer das richtige moralische Verhalten auf, indem er uns seinen Willen aufzeigt. Dies tut er durch sein Heiliges Wort und seine Gebote.
Dieser Psalm ist messianisch zu lesen, denn wir sehen das an der hebräischen Formulierung אֱלֹהֵ֣י יִשְׁעִ֑י elohe, jisch’i, was mit „Gott meines Heils“ übersetzt wird. Die Wurzel des Wortes „Heil“ ist dieselbe wie der Name Jesu. „Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist ein besonders intensiver Ausdruck messianischer Erwartung. Eine solche Sehnsucht sehen wir beim Volk Israel insbesondere in der babylonischen Gefangenschaft. Wir spüren sie ganz deutlich in der heutigen Lesung, in gesamten Buch Daniel. Auch wir hoffen den ganzen Tag auf den Messias, insbesondere jetzt in dieser Fastenzeit und in dieser Extremsituation der Coronakrise. Je drastischer die Weltsituation ist, desto lauter wird der Schrei nach dem Gott des Heils.
Mit der Erwartung Gottes kommt auch hier die Frage nach dem Zustand der Menschen auf: „Gedenke deines Erbarmens“ und „gedenke nicht meiner Jugendsünden“ zeigen das Verständnis auf, dass wenn Gott kommt, die Menschen vor ihm gut dastehen möchten. Auch hier ist der Wunsch spürbar, dass wenn Gott kommt, barmherzig mit den sündigen Menschen umgehen soll. So sollen auch wir beten und das tut die Kirche auch immer nach dem Vaterunser in der Hl. Messe: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke uns nach deinem Willen Einheit und Frieden.“ Das wird vor dem Kommen Jesu in der Kommunion gebetet, also bevor die Menschen ihn in ihr Herz aufnehmen. So sollen wir auch persönlich beten, auch dann, wenn Gottes Gegenwart ganz weit weg zu sein scheint. Er wird uns aus der Hand des Bösen erretten wie Schadrach, Meschach und Abed-Nego.

Mt 18
21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?
22 Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.
23 Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen.
24 Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.
25 Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.
26 Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.

27 Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.
28 Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist!
29 Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.
30 Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.
31 Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.
32 Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast.
33 Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?
34 Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
35 Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.

Auch im Evangelium geht es um Vergebung. Bisher hörten wir Texte, in denen Gott um Vergebung gebeten worden ist. Nun geht es um die Vergebung zwischen Menschen. Petrus fragt Jesus, wie oft man am Tag seinem Nächsten vergeben soll. Dabei schlägt er die Zahl der Vollkommenheit und Fülle vor – sieben. Das ist eigentlich schon die Zahl des Maximums, aber Jesus toppt sie nochmal! Er sagt, dass wir nicht siebenmal, sondern „siebzigmal siebenmal“ vergeben sollen. Er antwortet so, damit Petrus und wir zusammen mit ihm begreifen, dass wir immer und jedem vergeben sollen, von ganzem Herzen.
Er erklärt auch, warum das so sein soll, indem er das Gleichnis vom König und den Sklaven anführt: Der König erlässt einem Sklaven eine große Schuld, weil er ihn so flehentlich darum bittet. Man kann sein Flehen mit dem Gebet Asarjas in der Lesung vergleichen.
Der König hat Mitleid, das griechische Wort ist dasselbe, das auch mit „Erbarmen“ übersetzt werden kann. Wenn Gott barmherzig ist, hat er Mitleid mit seinen Geschöpfen. Das ist wirklich sehr überwältigend. Gott hat Mitleid mit Menschen, die wegen ihrer eigenen Schuld leiden müssen. Und so erlässt er ihnen sogar die Schuld, obwohl sie es rein rechnerisch verdient haben. So groß ist Gottes Liebe!
Der Plottwist kommt aber noch. Vom Sklaven, dem so viel erlassen worden ist, erwarten wir nun ein verändertes Verhalten. Stattdessen sieht man gar nicht von der Barmherzigkeit des Königs in seinem Verhalten: Er bedroht und bedrängt einen Mitsklaven, der ihm etwas schuldet. Dabei ist diese Schuld viel geringer als die, die ihm vom König gerade erst erlassen worden ist. Wir hätten erwartet, dass wenn dem ersten Sklaven so viel erlassen worden ist, er „zur Feier des Tages“ dem Mitsklaven dessen Schuld ebenfalls erlässt. Stattdessen ist er besonders herzlos zu ihm, obwohl dieser so wie er zuvor beim König vor ihm niederfällt und ihn anbettelt.
Sein unbarmherziges Verhalten dringt bis zum König vor und dieser wird zornig mit ihm. Nun wird muss er die ganze Schuld mit seinem Leben zurückzahlen, denn der König übergibt ihn den Peinigern. Der König ist deshalb so streng mit ihm, weil er ihm zuvor so eine Gunst erwiesen hatte, die Barmherzigkeit in seinem Leben jedoch keine Spuren hinterlassen hat. Er lebte einfach so weiter, als wäre dieser Schuldenerlass nicht gewesen. Statt sich eine Scheibe davon abzuschneiden und selbst barmherzig zu werden, blieb er herzlos.
Durch die Taufe ist auch uns die Schuld komplett erlassen worden. Was machen wir aus dieser überragenden Barmherzigkeit, die Gott an uns getan hat? Sind wir barmherzig wie der Vater im Himmel? Immer wieder vergibt er uns die Schuld in der Beichte. Gehen wir verändert ins Leben zurück und vergeben auch unseren Schuldigern? Beten wir das Vaterunser überhaupt aufrichtig, weil wir das tun? Gott wird auch von uns Rechenschaft ablegen, wenn wir unbarmherzig mit den Mitmenschen umgegangen sind. Dem Schuldiger zu vergeben, bedeutet nicht, seine Schuld gutzuheißen. Wir übergeben die Missetaten einfach Gott, der der Richter sein soll. Wir sollen uns von allem Groll, Zorn, von aller Bitterkeit lösen, die uns sonst vergiftet und krank macht. Wir sind es nicht wert, an den Untaten der Mitmenschen zugrunde zu gehen.
Vergeben wir also von ganzem Herzen, auch wenn es nur innerlich geht. Wir müssen nicht zu besten Freunden mit dem Mitmenschen werden, aber haben auch wir Mitleid mit denen, die jetzt wegen ihrer Schuld an uns leiden müssen! Denken wir nicht „das geschieht ihm recht“, sondern haben wir ein Herz. Gott nimmt uns ja auch an und hat Mitleid, wenn wir die Konsequenzen unserer Sünde tragen müssen.
Wenn wir also wollen, dass Gott unser Gebet erhört, das Gebet wie in der Lesung heute durch Asarja, die Bittgebete der Psalmen, unsere eigenen Fürbittgebete, dann müssen wir uns auch mit allen Menschen versöhnen. Das sagt Jesus uns heute im Evangelium. Jetzt in der Fastenzeit gibt uns Gott besonders viel Gnade, dass wir die Kraft dazu haben, einander zu vergeben. Nutzen wir sie und söhnen uns mit allen Menschen ohne Wenn und Aber aus! Gehen wir dann hinein in die Beichte (wenn das in Zeiten von Corona überhaupt möglich ist…) und bitten wir Gott um Verzeihung für unsere Sünden. Dann wird er uns überschütten mit seiner barmherzigen Liebe. Dann wird er uns überreich segnen mit seinen Gaben. Dann werden wir zu glücklichen Menschen.

Ihre Magstrauss

Montag der 2. Woche der Fastenzeit

Dan 9,4b-10; Ps 79,5 u. 8.9.11 u. 13; Lk 6,36-38

Dan 9
4 Herr, du großer und Furcht erregender Gott, der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren. 

5 Wir haben gesündigt und Unrecht getan, wir sind treulos gewesen und haben uns gegen dich empört; von deinen Geboten und Rechtsentscheiden sind wir abgewichen. 
6 Wir haben nicht auf deine Diener, die Propheten, gehört, die in deinem Namen zu unseren Königen und Vorstehern, zu unseren Vätern und zu allen Bürgern des Landes geredet haben. 
7 Du, Herr, bist im Recht; uns aber steht bis heute die Schamröte im Gesicht, den Leuten von Juda, den Einwohnern Jerusalems und allen Israeliten, seien sie nah oder fern in all den Ländern, wohin du sie verstoßen hast; denn sie haben dir die Treue gebrochen. 
8 Ja, HERR, uns steht die Schamröte im Gesicht, unseren Königen, Fürsten und Vätern; denn wir haben uns gegen dich versündigt. 
9 Beim Herrn, unserem Gott, ist das Erbarmen und die Vergebung, obwohl wir uns gegen ihn empört haben. 
10 Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN, unseres Gottes, nach seinen Weisungen zu wandeln, gehört, die er uns durch seine Diener, die Propheten, gegeben hat. 

Heute hören wir aus dem Buch Daniel einen Abschnitt, der zur Zeit des babylonischen Exils spielt, dem größten Trauma Israels in alttestamentlichen Zeiten. Zu jener Zeit kam Darius, der Sohn des Meders Xerxes an die Macht. Daniel hat in dem Kapitel zuvor eine Vision erhalten, die er noch nicht verstand. Und nachdem er die Schriften des Propheten Jeremia studiert hat, geht ihm nun auf, dass die babylonische Gefangenschaft nicht ewig anhalten soll, sondern siebzig Jahre. Daraufhin nimmt er eine Bußhaltung ein, geht in Sack und Asche, bittet und fleht den Herrn um Erbarmen an und bekennt unmittelbar vor dem heutigen Abschnitt, den wir hören, seine Sünden. Was wir nun hören, ist sein Bittgebet:
„Herr, du großer und furchterregender Gott“ – ja, er hat an den Schlägen auf das Haus Israel durch das babylonische Exil ganz deutlich zu spüren bekommen, dass Gott es ernst meint. Zugleich bekennt er, dass Gott der Treue ist, wenn er sagt: „der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren.“
Er bekennt stellvertretend für das ganze Volk Israel die Schuld, indem er die Untreue Israels bekennt. Er gibt zu, dass das babylonische Trauma selbstverschuldet ist, denn Israel ist von Gottes Geboten abgewichen.
Er bekennt im Namen des Volkes, dass Israel nicht auf die warnenden Propheten gehört hat, die das babylonische Exil vorausgesehen und das Volk zur Umkehr ermahnt haben.
Er sagt gleich zweimal „uns steht die Schamröte im Gesicht“. Das ist bemerkenswert. Scham ist etwas, das mit der Sünde in die Welt gekommen ist. Wir müssen uns schämen, weil wir uns vor Gott versündigen. Und Israel hat Gott die Treue gebrochen, weshalb es gleich mehrfach Scham empfindet: Dem einfachen Fußvolk sowie den Mächtigen des Volkes, „den Königen, Fürsten und Vätern“ treibt es die Schamröte ins Gesicht, dass sie Gottes Warnung immer wieder ignoriert haben und nicht rechtzeitig umgekehrt sind. Daniel bekennt eindeutig, dass das Exil sie getroffen hat, weil es heißt „wer nicht hören will, muss fühlen“. Er hadert nicht mit Gott und schreit ihn an: „Warum hast du das zugelassen? Gibt es dich überhaupt? Ich will die Freundschaft mit dir kündigen!“ So etwas sehen wir heutzutage sehr oft. Menschen kommen vom Glauben ab, wenn etwas Schlimmes in ihrem Leben passiert. Es ist nicht immer automatisch die eigene Schuld, wenn man im Leben leidet, sondern oft genug wird man als Unschuldiger auch mit hineingezogen. Doch viel zu selten nehmen wir die Haltung Daniels ein, gehen in uns und prüfen, ob wir nicht doch etwas damit zu tun haben…
Daniel bekennt dies alles, weil er weiß, dass Gott ein vergebender Gott ist. Er weiß, dass Gott die Schuld vergibt, wenn man sie von Herzen bereut und umkehrt. Das tut er ganz eindeutig ohne Verschönerung, indem er am Ende noch einmal bekennt: „Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN (…) gehört.“ Er selbst ist ja vielleicht nicht einmal betroffen, sondern die Generationen vor ihm, aber er hat ein kollektives Verantwortungsgefühl, das ihn dazu antreibt, stellvertretend für sein ganzes Volk um Verzeihung zu bitten. Das ist ein sehr lobenswertes Verhalten. Wie oft erleben wir das in unserem Umfeld, das jemand offensichtlich schuldig geworden ist, aber unbußfertig, uneinsichtig ist. Und dann dürfen auch wir, vor allem wenn es ein Familienmitglied ist, stellvertretend für diese Person um Verzeihung bitten. Gott möge ihr Herz erweichen und ihr Einsicht schenken, damit sie umkehrt und neu anfängt. Wir können Gott um Verzeihung für ihre Sünden bitten und sagen: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist das Mindeste, was wir als Familienmitglied dieser Person tun sollten, denn wir haben eine Verantwortung füreinander, nicht nur bezüglich des leiblichen Wohls, sondern umso mehr des seelischen Wohls. Es geht schließlich um das ewige Leben!

Ps 79
5 Wie lange noch, HERR? Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?

8 Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an! Mit deinem Erbarmen komm uns eilends entgegen! Denn wir sind sehr erniedrigt. 
9 Hilf uns, Gott unsres Heils, um der Herrlichkeit deines Namens willen! Reiß uns heraus und vergib uns die Sünden um deines Namens willen! 
11 Das Stöhnen des Gefangenen komme vor dein Angesicht! 
13 Wir aber, dein Volk und die Herde deiner Weide, wir wollen dir danken auf ewig, von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden.

Der heutige Psalm ist ebenfalls ein Bittgebet und ein Flehen, das ganz in die Situation des Volkes im babylonischen Exil passt.
„Wie lange noch, HERR?“ Ist ein typischer Ausdruck, den wir vor allem in Klagepsalmen lesen.
„Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?“ Diese Frage können wir als rhetorische Frage bewerten, denn anhand von prophetischen Schriften wie denen des Jeremia ist klar, dass auch die schweren Schicksalsschläge nicht ewig andauern.
Dann wird etwas gesagt, das die Haltung Daniels erklärt, obwohl er nicht mehr zur schuldig gewordenen Generation gehört: „Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an!“ Das ist eine tiefe Wahrheit, die auch heutzutage gerne ignoriert wird. Wir müssen die Konsequenzen der Sünde unserer Vorfahren mittragen. Das hat nichts mit Reinkarnation zu tun, sondern hängt mit der Natur der Sünde zusammen. Diese hat Generationen übergreifende Auswirkungen. Aber so wie wir unter den Vergehen unserer Eltern, Großeltern etc. zu leiden haben, können wir auch als ihre Nachkommen stellvertretend für sie Gott um Verzeihung bitten! Das ist sogar ganz wichtig und notwendig! Wir wissen nicht, ob sie immer noch dafür im Fegefeuer büßen müssen, und können so ihre Zeit im Fegefeuer verkürzen. Ein wenig Ahnenforschung ist dann absolut nützlich, weil wir so ihrer offensichtlichsten und größten Sünden gewahr werden (wenn es zum Beispiel einen Mord gab oder einen großen Streit, der öffentlich bekannt wurde, den man sogar in der Zeitung lesen konnte, der vielleicht bekannt wurde, weil die Personen berühmt sind). So können wir zumindest für diese bewusst um Vergebung bitten.
„Hilf uns, Gott unsres Heils“ – ja, Gott ist ein Gott, der nur das Heil für uns bereithält! Er ist es nicht, der uns dieses Unheil schickt, in dem wir uns befinden. Er ist allein der Gute. Alles Böse kommt vom Bösen und was uns Schlimmes widerfährt, haben wir sehr oft uns selbst zuzuschreiben. Dann sind es die Konsequenzen unserer falschen Entscheidungen. Gott ist aber so groß und barmherzig, dass er uns noch aus diesen selbstgemachten Katastrophen herausholt, obwohl wir sie eigentlich rein rechnerisch gesehen verdient haben. „Reiß uns heraus“ dürfen dann auch wir zu Gott rufen. Aber dann sollen wir ihm zugleich unsere Aufrichtigkeit zeigen, indem wir gleichzeitig sagen: „vergib uns die Sünden“.
Gott ist nicht gleichgültig gegenüber unserem Leiden. Es ist nicht sein Wille, dass wir leiden müssen. Er hat das Schreien seines Volkes in Ägypten gehört und er hört es auch im babylonischen Exil. Er hört auch unser Schreien unser Stöhnen, die wir gefangen sind – im Gefängnis unserer eigenen Sünden.
Gott erhört unser Gebet, vor allem wenn es durch und durch reumütig und aufrichtig ist. So können wir am Ende Gott für seine Rettung danken, wie es hier in Vers 13 geschieht: „Wir wollen dir danken auf ewig.“ Und wenn es dann heißt „von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden“, hat das in diesem Kontext eine besondere Wirkung: Durch die Vergebung unserer Vorfahren können auch diese dann ganz bei Gott sein und ihn auf ewig preisen. Gott ist groß. Er möchte unser Heil und tut alles dafür, dass wir zu ihm umkehren. Denn wir können nur dann glücklich sein, wenn wir bei ihm sind, wenn wir auf seinen Wegen gehen und nach unserem Tod dann ewig bei ihm im Himmel sind.

Lk 6
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! 
37 Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! 
38 Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.

Heute spricht Jesus uns im Evangelium wichtige Ermahnungen zu, die wir besonders jetzt in der Fastenzeit beherzigen sollen.
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ – wenn er uns aus der Katastrophe herausgeholt hat, die wir eigentlich verdient haben, ist das Zeichen seiner überreichen Barmherzigkeit. So hat es Gott ja mit dem Volk Israel immer wieder getan, das ihm ja untreu geworden war und deshalb in das babylonische Exil gekommen ist. Jesus möchte, dass wir aufgrund dieser Erfahrung (uns ist ja durch die Taufe ebenfalls ein riesiger barmherziger Akt geschenkt worden!) an unserem Nächsten ebenfalls so handeln: Wenn er an uns schuldig geworden ist, aber wirklich aufrichtig um Vergebung bittet, sollen auch wir ihm vergeben und keine Vergeltung mehr fordern. Und wenn jemand dann aufgrund der Missetaten uns gegenüber leidet, sollen auch wir ihm noch da heraushelfen. Das ist Ausdruck unserer Barmherzigkeit. Ein Beispiel: Ein Mann nimmt eine ganze Familie finanziell aus, hintergeht sie komplett. Die Familie gerät dadurch in Not, erkennt das Problem und bricht den Kontakt ab, vergibt diesem Mann aber von Herzen. Einige Jahre später ist dieser schuldig gewordene Mann ganz krank, kein Körperteil ist noch heile. Er ist nun total verarmt, hat alles verloren und viele Mitmenschen haben sich von ihm abgewandt. Die damalige Familie bekommt das nun mit und hilft ihm, obwohl er ja rein rechnerisch seine gerechte Strafe erhält. Die Familie unterstützt ihn finanziell, schenkt ihm ein offenes Ohr oder steht ihm auf andere Weise zur Seite. Dann ist das ein Ausdruck ihrer Barmherzigkeit. Gott sieht die Barmherzigkeit dieser Familie, so wie er auch schon ihre Vergebungsbereitschaft gesehen hat. Deshalb entschädigt er sie durch finanzielle Einkünfte aus unerwarteter Richtung. Er segnet sie und gibt ihr, was ihr weggenommen worden ist. Gott ist barmherzig, wenn er sieht, dass auch wir es sind. Dann demonstrieren wir nämlich unsere Aufrichtigkeit. Der Mann sieht die Vergebungsbereitschaft und Barmherzigkeit seines ehemaligen Opfers und schämt sich für seine Vergehen. Er bittet Gott um Verzeihung und erkennt, dass all seine Leiden auf seine eigenen Sünden zurückzuführen sind. Gott hat die Familie gerettet, er hat aber auch den Mann gerettet, der ja auch sein geliebtes Kind ist.
So ist es auch mit dem Richten und Verurteilen: Wir sollen einander nicht richten, denn das ist Gottes Aufgabe. Wir können nicht einmal das Herz des Mitmenschen sehen. Wie wollen wir ein kompetentes Urteil fällen, wenn wir nur die Spitze des Eisbergs, die Worte und Taten einer Person sehen, aber nicht ihre Absicht? Zurück zum Beispiel: Die ausgenutzte Familie hat sich nicht zum Richter über den Mann aufgespielt. Sie hätte ihm auch nie ein kompetentes und gerechtes Urteil verhängen können. Sie weiß ja nicht, warum der Mann damals so gehandelt hat, was er in seinem Leben erlebt hat, dass er so geworden ist. Sie hat dies alles Gott überlassen und so hat er den Mann die Konsequenzen seines Handelns tragen lassen.
Wenn wir unseren Mitmenschen nicht verurteilen und ihn nicht richten, dann wird auch Gott uns nicht richten oder verurteilen. Das muss man richtig verstehen. In gewisser Hinsicht muss man ja sagen, dass jeder Mensch vor Gott stehen und gerichtet wird. Hier muss man es also so verstehen, dass ein negatives Gerichtsurteil Gottes gemeint ist. Wir werden am Ende unseres Lebens das Urteil bekommen, bei Gott sein zu dürfen, nicht in der Gottesferne der Hölle. So wie wir unseren Mitmenschen vergeben haben, wird Gott auch unsere Schuld vergeben, die wir begangen haben.
„Gebt, dann wird auch euch gegeben werden“ – das betrifft auch die Versöhnung. Geben wir unserem Missetäter die Hand, so wird auch Gott uns, die wir alle ausnahmslos Missetäter gegenüber Gott sind mit jeder Sünde, die Hand reichen. All das betrifft nicht erst das Ende unseres Lebens. Schon im irdischen Dasein werden wir merken, dass Gott uns die Vergebung schenkt, dass wir in diesem Leben gesegnet werden. Im erzählten Beispiel hat es die Familie ja auch zu spüren bekommen, indem sie von Gott Segen erhalten hat. Sie wurde reichlich entschädigt.
Wenn wir wollen, dass Gott uns gegenüber großzügig, barmherzig, vergebungsbereit und wohlgesinnt ist, müssen wir all das unserem Mitmenschen gegenüber sein. Das ist nichts Anderes als die Goldene Regel: „Was ihr von Anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ Dies betrifft sowohl die Gottes- als auch die Nächstenliebe.

Jesus führt im heutigen Evangelium fort, was Daniel in der Lesung begonnen hat. Ja, man soll von Herzen bereuen, aber man muss auch dem Nächsten gegenüber dieselbe Vergebungsbereitschaft zeigen, die man von Gott erwartet. Wir können nicht das Vaterunser aufrichtig beten, wenn wir uns noch in einem unversöhnten Zustand mit einem anderen Menschen befinden. Leider kenne ich viele Menschen, die meinen, sie seien die besseren Katholiken, weil sie mehr beten als der Mainstream, doch zugleich sprechen sie kein Wort mit ihrem Vater oder ihrer Mutter. Sie sagen sogar, dass sie niemals mehr mit ihnen reden werden, obwohl besagter Elternteil krank und dem Tode nahe ist. Wie soll so einer Person die Vergebung Gottes zuteil werden, wenn sie nicht bereit ist, so kurz vor 12 diese Sache zu bereinigen? Jesus möchte, dass wir allen Menschen vergeben ohne Ausnahme. Manchmal ist es schon zu spät und die Person ist verstorben oder sie lebt am anderen Ende der Welt. Doch auch dann können wir von Herzen vergeben und der Person im Geiste zusagen:

„Ich vergebe dir alles von ganzem Herzen.
Ich löse mich von allen bösen Gedanken dir gegenüber,
auch wenn ich deine Missetaten nicht gutheiße.
Ich übergebe sie jetzt einfach Gott, der für Gerechtigkeit sorgen wird.
Ich gebe dich ab und löse mich von der Fessel des Nichtvergebens.

Herr, es fällt mir schwer, aber gib mir die Kraft,
von ganzem Herzen dieser Person vergeben zu können.
Gib mir deine vergebende Liebe ins Herz, damit ich es schaffe.“

Dann wird auch Gott uns alles vergeben und in dem Moment, wenn wir unsere ganze Vergebungsbereitschaft zeigen, dann spüren wir, wie Gottes vergebende Liebe unser Herz erfüllt. Wir merken, wie ein riesiger Stein uns vom Herzen fällt. Dann werden wir endlich frei von dem Gift der Unversöhntheit, das uns sogar physisch krank gemacht hat.

Jesus erwartet das im heutigen Evangelium also nicht, weil er Unmögliches von uns verlangt und weil er uns quälen möchte. Er will nur das beste für uns. Er möchte, dass wir endlich frei werden und das Richten, das Verurteilen, die Gerechtigkeit Gott überlassen. Er hat im Gegensatz zu uns die Kompetenz dazu.

Nutzen wir die Fastenzeit dazu, allen Menschen zu vergeben, denen wir noch nicht vergeben haben. Und wenn es schwer ist, mit ihnen ein Gespräch zu führen, können wir das auch im Geiste tun. Dann wird uns in der Beichte die Vergebung auf ganz vollkommene Weise zuteil und wir werden überreich gesegnet werden.
Das gehört zu den in der Fastenzeit gebotenen „Werken der Barmherzigkeit“ dazu. Nehmen wir das ernst.

Ihre Magstrauss

Freitag der 1. Woche der Fastenzeit

Ez 18,21-28; Ps 130,1-2.3-4.5-6b.6c-7a u. 8; Mt 5,20-26

Ez 18
21 Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, die er getan hat, abwendet, alle meine Satzungen bewahrt und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er bestimmt am Leben bleiben, er wird nicht sterben. 

22 Keines seiner Vergehen, die er begangen hat, wird ihm angerechnet. Wegen seiner Gerechtigkeit, die er geübt hat, wird er am Leben bleiben. 
23 Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch GOTTES, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er umkehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? 
24 Wenn jedoch ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, all die Gräueltat, die auch der Schuldige verübt, sollte er dann etwa am Leben bleiben? Keine seiner gerechten Taten wird ihm angerechnet. Wegen seiner Treulosigkeit, die er verübt, und wegen der Sünde, die er begangen hat, ihretwegen muss er sterben. 
25 Ihr aber sagt: Der Weg des Herrn ist nicht richtig. Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Weg soll nicht richtig sein? Sind es nicht eure Wege, die nicht richtig sind? 
26 Wenn ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. 
27 Wenn ein Schuldiger von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. 
28 Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben.

Heute hören wir aus dem Buch Ezechiel, einer prophetischen Schrift, die durch viele Bilder und Visionen all die Dinge aufgreift, die schon in den fünf Büchern Mose thematisiert worden sind. In diesen Fastentagen hören wir immer wieder Texte, die sich mit dem Thema Umkehr befassen, so auch hier:
„Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, (…) abwendet, (…) wird er bestimmt am Leben bleiben, er wird nicht sterben.“ Das Wort „bestimmt“ ist nicht im Sinne einer unsicheren Aussage wie „wahrscheinlich“ oder „womöglich“ zu verstehen, sondern im Hebräischen wird das Verb für „leben“ gedoppelt durch eine sogenannte Absolutusform. Deshalb übersetzen wir im Deutschen mit einem Wort der Betonung wie „bestimmt“ oder „auf jeden Fall“ oder „sicherlich“.
Diese Aussage greift auf, was schon Mose z.B. in seiner Abschlussrede in Deuteronomium mit Segen und Fluch, Leben und Tod gemeint hat. Wenn wir von unseren Sünden umkehren, werden wir nicht sterben. Das ist eine tiefe Wahrheit, die uns Hoffnung schenkt. Der hier angesprochene Tod ist sowohl moralisch als auch anagogisch zu verstehen: Wir werden wieder zurück in den Stand der Gnade versetzt und erleiden nicht den totalen seelischen Tod in unserem irdischen Leben. Zugleich werden wir nach unserem Tod nicht die ewige Gottferne erfahren, sondern haben eine Aussicht auf das ewige Leben bei Gott (Himmel statt Hölle).
„Keines seiner Vergehen, die er begangen hat, wird ihm angerechnet.“ So ist es auch mit uns heute, die wir das Sakrament der Versöhnung in Anspruch nehmen dürfen. Was wir vor Gott bekannt haben und was er uns vergeben hat, wird er nach unserem Tod nicht mehr thematisieren. Es ist wie aus dem Gedächtnis gestrichen. Die „Gerechtigkeit, die er geübt hat“, bleibt dagegen immer präsent vor Gottes Augen.
Gott wünscht sich von Herzen, dass jeder Mensch gerettet wird. Es hängt vom Willen des einzelnen Menschen ab, zu ihm umzukehren oder nicht. Es ist Gottes Wille, dass dies passiert, aber die Entscheidung kann Gott den Menschen nicht abnehmen.
Wenn dagegen ein Gerechter abfällt und dieselben Sünden begeht wie ein Ungläubiger, wird dagegen sehr streng gerichtet. Schließlich saß er an der Quelle und ist von ganz oben hinabgefallen. Er hat alles gewusst und handelt nun doch so, als hätte er das alles nicht gewusst. Wer aber viel verstanden hat, wird auch für viele Dinge zur Rechenschaft gezogen. Dann nützen ihm die guten Taten von früher auch nichts, denn die Gnade ist abgeschnitten. Es ist ein Judasmoment, denn man war an der Seite Gottes und hat ihm dann einen Dolch in den Rücken gestoßen, ihn verraten.
Wir müssen aber auch bedenken, dass der Verrat nicht das Ende vom Lied sein muss. Denn auch Petrus hat Jesus verraten, doch ist umgekehrt. Auch dann dürfen wir also umkehren. Was hier angesprochen wird, ist jedoch das Verharren in der Situation, die ausbleibende Umkehr.
Die Worte Ezechiels sind für uns heute sehr wichtig: Möge die Sünde noch so groß sein – Gott vergibt uns alles, einfach alles, wenn wir in uns gehen, es von Herzen bereuen, bekennen, uns vornehmen, es nicht mehr zu tun und es büßen. Dann werden wir den seelischen Tod nicht schauen, sondern bei Gott im Himmel sein (auch wenn vielleicht nach einer Zeit der Läuterung).
Diese Worte sollten wir uns in dieser Fastenzeit besonders zu Herzen nehmen. In dieser Gnadenzeit sollten wir in uns gehen und schauen, wo noch unversöhnte Sünden in uns schlummern. Eine echte Versöhnung mit Gott, eine wirklich innige Beziehung ohne Vorbehalte können wir erst dann haben, wenn diese Konfliktpunkte vollständig ausgeräumt sind. Dieser Grundsatz gilt zu allen Zeiten. Das merken wir daran, dass Ezechiel im 6. Jh. v. Chr. für uns heute so aktuell ist.

Ps 130
1 Ein Wallfahrtslied. Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir: 

2 Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade. 
3 Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn? 
4 Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient. 
5 Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort. 
6 Meine Seele wartet auf meinen Herrn mehr als Wächter auf den Morgen, ja, mehr als Wächter auf den Morgen. 
7 Israel, warte auf den HERRN, denn beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle. 
8 Ja, er wird Israel erlösen aus all seinen Sünden.

Wir beten einen Bittpsalm an diesem heutigen Tag, der zu Wallfahrten nach Jerusalem gebetet worden ist. Wir beten diesen Psalm heute unter anderem bei Beerdigungen, also wo es um den Tod geht. Und auch für uns ist er stets angemessen, die wir tagtäglich Gefahren des moralischen Todes ausgesetzt sind.
„Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir“ entspricht der Tiefe des Falls in moralischer Hinsicht, also wenn wir gesündigt haben. Es bezieht sich auf die gesamte Menschheit nach dem Sündenfall, die in die Tiefe gerissen worden ist. Es bezieht sich auf die Menschheit, die nach Erlösung schreit und die Jesus dann gebracht hat. Aus der Tiefe rufen auch wir Menschen nach der Erlösungstat Christi, die weiterhin sündigen und die im Namen Jesu vieles erleiden müssen und das Ende der Zeiten ersehnen.
„Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass dein Ohren achten auf mein Flehen um Gnade.“ Gott hat natürlich keine Ohren, aber es ist bildhaft gemeint für Gottes Gehör. Nichts verklingt vor Gott unerhört. Er hilft allen Menschen aus ihrer Not, aber auf seine Weise und in seinem Timing.
„Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn?“ – bringt es auf den Punkt. Kein Mensch hätte in den Himmel kommen können, wenn Jesus nicht alle Sünden der Welt auf sich genommen hätte. Wäre es ein reiner Kausalzusammenhang ohne diese barmherzige Intervention Gottes, wären alle Menschen ewig von Gott abgeschnitten gewesen. So ist es bei Gott aber nicht, sondern von Anfang an wollte er uns erlösen, weil sein Plan mit uns ist, dass wir alle gerettet werden. Er hat dafür alles vorbereitet, uns alles auf einem edlen Tablett serviert – nun liegt es an uns, die Erlösung, die Barmherzigkeit, die Vergebung Gottes anzunehmen und aufzustehen von unserem Fall.
„Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient“ – beschreibt den Grund unserer Erlösung: Wir sollen alle die Chance auf den Himmel haben, wo wir in ewiger Ehrfurcht Gott dienen. Aber auch jetzt schon in unserem irdischen Dasein vergibt uns Gott durch das Sakrament der Versöhnung immer wieder unsere Schuld, damit wir ihm mit versöhntem Herzen dienen können und er uns mit seinen Gnaden beschenken kann.
„Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort.“ Es ist total messianisch zu lesen: Die Menschen, die sich auf den Weg nach Jerusalem zu den Wallfahrtsfesten im jüdischen Festkalender machen, sind zugleich in einer umfassenden Notsituation, denn sie warten auf den Messias, der sie aus ihrer jeweiligen Fremdherrschaft und politischen Spannung herausholt. Vor allem ist es zurzeit Ezechiels akut, wo das Volk Israel in babylonischer Gefangenschaft ist und der erste Tempel ja zerstört ist. So warten die Juden auf den Messias, der dann aber ganz anders kam und ganz anders erlöste, als sie es erwartet haben. Jesus ist das fleischgewordene Wort Gottes, auf das der Psalmenbeter heute wartet. Auch wir warten auf den Messias, allerdings auf seine Wiederkehr am Ende der Zeiten.
Wir warten wie das Volk Israel dabei mehr als die Wächter auf den Morgen. Es ist ein schönes Bild, denn mit dem Morgen geht die Sonne auf und Christus ist die Sonne der Gerechtigkeit. Es ist auch kein Zufall, dass der Herr im Morgengrauen auferstanden ist – zusammen mit der Sonne.
Israel soll geduldig sein und warten, denn die Erlösung kommt. Ja, das Warten hat mit dem Kommen Christi ein Ende gehabt und der Welt ist wirklich die Erlösung in Fülle geschenkt worden – sie reicht bis in unsere heutige Zeit hinein und wird auch für die kommenden Generationen gelten!
Das Warten auf Gott zahlt sich immer aus. Die Geduld und die Standhaftigkeit bis dahin wird Gott sehen, er wird auch unser Rufen hören und so werden wir am Ende für das Warten überreich entschädigt. Gott wird uns in seine Arme schließen, sodass wir auf ewig mit ihm sein werden.

Mt 5
20 Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 
22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. 
23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 
24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe! 
25 Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist! Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins Gefängnis geworfen. 
26 Amen, ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.

Im Evangelium hören wir erneut aus der Bergpredigt einen wichtigen Ausschnitt. Es geht um Gerechtigkeit, die mit Beziehung zu tun hat und nicht (nur) mit Buchstabentreue.
Wer vor Gott gerecht sein möchte, muss eine weitaus größere Gerechtigkeit als die der Pharisäer und Schriftgelehrten aufweisen. Denn diese halten erstens gar nicht die vollständige Lehre im ursprünglichen Sinne, zweitens bauen sie ein menschliches Konstrukt darum, das sie statt der göttlichen Gebote halten. Das größte Problem aber besteht in der fehlenden Beziehung. Sie halten die Gebote nicht aus Liebe zu Gott, sondern um der Gebote willen. Dies führt zu einer Äußerlichkeit ohne entsprechende innere Herzenshaltung.
Und dann konkretisiert Jesus, was er damit meint, indem er die Gebote so auslegt, wie Gott sie eigentlich gemeint hat:
Er nimmt als erstes Beispiel das fünfte Gebot „du sollst nicht töten“. „Die Alten“ haben es so ausgelegt, dass man niemanden töten soll. Jesus radikalisiert es jetzt aber nach innen und stellt heraus, dass schon die Wut auf den Anderen, der Groll, die Rache, die bösen Wünsche gegenüber dem Anderen ein Verstoß gegen das Gebot sind. Ebenso ist es mit Beleidigungen. Er erklärt sie zum verbalen Mord. Nicht nur auf der Ebene des Handelns sündigt man gegen das fünfte Gebot, sondern auch auf den Ebenen der Gedanken und der Worte. Und diese Dinge reichen schon aus, kultisch unrein zu sein. Bevor man ein Opfer im Tempel darbringt, soll man zuerst Frieden schließen. Dabei soll man Friedensstifter sein selbst da, wo der Andere eigentlich die bösen Gedanken gegen einen selbst hegt.
Wenn Jesus dann das Bild des Wegs zum Gericht erwähnt, meint er damit nicht nur, dass man sich so schnell wie möglich versöhnen soll und es möglichst untereinander regeln soll, sondern auch die anagogische Ebene: Versöhne dich jetzt mit Gott und dem Nächsten, solange du noch lebst. Wenn du es bis zum Gericht Gottes nicht getan hast, wird es eine schmerzhafte Sache. Es ist selbst für die Angehörigen schmerzhaft, die einen unversöhnten Streit ihrer Familienmitglieder bis in den Tod begleiten müssen. So wie es besser ist, untereinander den Streit zu klären, bevor man im Gericht ankommt und dann ins Gefängnis muss, so ist es mit der Sühne eigener Sünden. Besser man sühnt sie noch in diesem Leben, denn danach wird es viel schmerzhafter es im „Gefängnis“ des Fegefeuers abzubezahlen.

Die Dinge, die Jesus hier vor allem konkret als Beispiele anführt, sind für uns wichtig, die wir in der Fastenzeit wirklich in uns gehen und nach ganz vergessenen Leichen im Keller suchen. Er gibt in der Bergpredigt im Grunde Anleitungen, wie eine gründliche Gewissenserforschung aussehen muss. Sie muss dabei vom Grundsatz ausgehen, dass der Mensch eine Beziehung zu Gott hat und jede Sünde ein Streit, ein Konflikt, eine Beleidigung Gottes ist. Er hilft uns, auf unseren moralischen Lebenswandel zu schauen wie Gott. Auch wenn es schmerzhaft ist, sich dann in einem realistischen Bild zu sehen, auch wenn es Überwindung kostet, umzukehren – nur so können wir in eine wirklich innere Beziehung zu Gott kommen, der ja schon an der Schwelle steht und Ausschau nach uns hält – bereit, uns in die Arme zu nehmen, wenn wir zu ihm zurückkehren. Nur so wird es eine echte Versöhnung geben und ein großes Fest wie bei der Rückkehr des verlorenen Sohns.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 1. Woche der Fastenzeit

Jes 55,10-11; Ps 34,4-5.6-7.16-17.18-19; Mt 6,7-15

Jes 55
10 Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, 
11 so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.

Wir hören heute aus dem Buch Jesaja. Das Kapitel, dem die hier vorliegenden Verse zugrunde liegen handelt von der Wirksamkeit des göttlichen Wortes, von dem das Johannesevangelium am Anfang spricht und das Jesus Christus ist.
Die Wirksamkeit wird mit einem meteorologischen Bild verglichen: So wie Regen und Schnee auf die Erde kommen, diese tränken und die Früchte zum Keimen und Wachsen bringen und erst dann wieder in den Himmel zurückkehren, so ist das Wort Gottes ebenso fruchtbar, bringt die gesamte Schöpfung zum Keimen und Wachsen. Durch das gesprochene Wort Gottes geht in der Genesis überhaupt erst alles hervor. Und als das Wort dann Fleisch geworden ist, hat es so viel Frucht gebracht, dass es unzählige Seelen zum Keimen und Wachsen gebracht hat. Erst nachdem er endgültig Frucht gebracht hat am Kreuz und bei der Auferstehung, ist er zum Vater zurückgekehrt. Auch die Kirche ist wie dieses fruchtbringende Wasser, denn sie ist durchtränkt vom Hl. Geist. Sie sendet ihr lebendiges Wasser in alle Himmelsrichtungen hinaus und durchtränkt die ganze Erde. Bis sie zum Vater zurückkehrt am Ende der Zeiten wird sie viele viele Seelen für ihn gewinnen. Und am Ende der Zeiten wird das lebendige Wasser, der Hl. Geist die ganze zertrümmerte Schöpfung so durchtränken, dass er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird!
Jesus, das fleischgewordene Wort Gottes, hat wahrlich dem Sämann Brot zu essen gegeben. Er hat die Eucharistie gestiftet und nährt seine Sämänner, jeden einzelnen Getauften, dadurch dauerhaft. Gott ist so groß, danken wir ihm für sein Wort!

Ps 34
4 Preist mit mir die Größe des HERRN, lasst uns gemeinsam seinen Namen erheben! 

5 Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort, er hat mich all meinen Ängsten entrissen. 
6 Die auf ihn blickten, werden strahlen, nie soll ihr Angesicht vor Scham erröten. 
7 Da rief ein Armer und der HERR erhörte ihn und half ihm aus all seinen Nöten.
16 Die Augen des HERRN sind den Gerechten zugewandt, seine Ohren ihrem Hilfeschrei. 
17 Das Angesicht des HERRN richtet sich gegen die Bösen, ihr Andenken von der Erde zu tilgen. 
18 Die aufschrien, hat der HERR erhört, er hat sie all ihren Nöten entrissen. 
19 Nahe ist der HERR den zerbrochenen Herzen und dem zerschlagenen Geist bringt er Hilfe. 

Heute beten wir einen Preispsalm. Die Lobaufforderung in Vers 4 ist typischer Psalmenstil. Oft ist diese auch so formuliert, dass der Psalmist die ganze Schöpfung oder Bereiche der Schöpfung zum Lob auffordert. Das ist auch die einzig angemessene Antwort der Schöpfung auf Gottes wirksames Wort!
„Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort“ ist, was Jesus in seiner Verkündigung aufgreift, wenn er sagt: „Wer sucht, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.“ Hier könnte man die Verbform דָּרַ֣שְׁתִּי daraschti mit „ich habe aufgesucht“ übersetzen, denn Gott antwortet dem Suchenden. Gott ist es, der auch unsere Ängste von uns nimmt. Angst ist nicht vom Hl. Geist und deshalb ist der Mut/die Tapferkeit auch eine Frucht des Hl. Geistes.
Vers 6 ist eine wunderbare Reflexion dessen, wen man eigentlich anschauen soll – nämlich Gott. Wenn man auf ihn schaut und von ihm aus dann auf die Menschen, dann ist es die richtige Haltung. Dann wird man die Mitmenschen mit denselben Augen sehen, wie Gott sie sieht. Denn Gottes Licht übertönt alles Andere. Es wird auch auf das eigene Gesicht zurückfallen, sodass das einzige Ansehen der Person, auf das wir bei unseren Mitmenschen achten sollen, die Reflektion des Lichtes Gottes ist. Und da ist es dann egal, ob es das Gesicht eines Armen oder Reichen ist. Und wenn sie die Ärmsten sind, so werden sie keinen Grund zur Scham haben. Gottes Gnade zeichnet sich in ihrem Gesicht ab, was gibt es Höheres?
So lesen wir in Vers 7, dass Gott die Gebete eines Armen erhört und ihn aus seinen Nöten erlöst.
Bei Gott gibt es kein „Nein“, nur ein „Ja“, „Anders“ oder „Später“.
„Die Augen des HERRN sind den Gerechten zugewandt“ muss richtig verstanden werden. Gott setzt seiner Barmherzigkeit keine Grenzen, aber König David versteht den Stand der Gnade von Gott aus. Wenn der Mensch gerecht ist, also die Weisung Gottes befolgt, dann erhört Gott die Gebete eines solchen Menschen. Wir verstehen heute allerdings, dass dies nicht von Gott, sondern von uns abhängt, die wir uns durch die Übertretung der Gebote Gottes von ihm abschneiden. Gott setzt seiner Gnade also keine Grenzen, sondern wir selbst.
Ebenso muss der nächste Vers verstanden werden: „Das Angesicht des HERRN richtet sich gegen die Bösen, ihr Andenken von der Erde zu tilgen.“ Das ist das Gottesbild König Davids, der die Psalmen komponiert hat. Er spricht aus Erfahrung, denn seine schweren Sünden haben Unheil nach sich gezogen. Der eigene Sohn Abschalom trachtete ihm sogar nach dem Leben. Aber wir verstehen heute, dass dies nicht heißt, dass Gott sich von seinem Angesicht abgewandt hat. Vielmehr muss David, der durch die Sünde aus dem Stand der Gnade getreten ist, nun die Konsequenzen seiner Tat tragen und Gott es akzeptieren muss. Wenn die Wendung „ihr Andenken von der Erde zu tilgen“ verwendet wird, ist das ein Zeichen des Fluchs. Erinnert man sich dagegen auch nach dem Tod eines Menschen noch an ihn, ist es Zeichen des Segens.
„Die aufschrien, hat der HERR erhört, er hat sie all ihren Nöten entrissen.“ Gott ist barmherzig und er hört das Schreien seines Volkes. Er hat dies schon getan, als sein auserwähltes Volk unter der Sklaverei Ägyptens litt. Er hat das Schreien all der unfruchtbaren Frauen erhört, die dann auf wundersame Weise mit einem besonderen Kind beschenkt worden sind.
Und zum Ende hin macht David eine entscheidende Beobachtung: Gott bringt den zerschlagenen Geistern und zerbrochenen Herzen Hilfe. Erstens müssen wir das auf David selbst beziehen, der hier aus Erfahrung spricht. Seine Sünde hat ihn unglücklich gemacht, in erster Linie wegen der zerbrochenen Beziehung zu Gott. Er hat sich selbst gedemütigt, er hat sich selbst in seiner ganzen Unvollkommenheit und Erlösungsbedürftigkeit gesehen. Dieser realistische Selbstblick ist, was wir Demut nennen und das der fruchtbare Ausgangspunkt für Gottes Gnade ist. So ist es auch mit dem ganzen Volk Israel, das immer wieder schuldig geworden ist durch Götzendienst, das immer wieder die schmerzhaften Konsequenzen tragen musste und so nach dem Messias geschrien hat. Dieser ist gekommen, er ist die Hilfe, er ist Jesus, „Jahwe rettet“. Gott rettet auch die Menschen heute, indem er jenen die Taufgnade schenkt, die umkehren und an ihn glauben. Er rettet jeden einzelnen Menschen, der schuldig geworden ist und voller Reue, mit einem zerschlagenen Geist und einem zerbrochenen Herzen zu ihm zurückkehrt. Er ist sofort bereit, den Menschen zu vergeben, die von Herzen umkehren. Er versetzt uns alle dann wieder zurück in den Stand der Gnade. Das Sakrament der Versöhnung ist ein ganz großes Geschenk, das viel zu selten angenommen wird. Und am Ende der Zeiten wird Gott allen zerbrochenen Herzen und zerschlagenen Geistern die Tränen von den Augen abwischen. Sie alle werden das Heil schauen und in Ewigkeit bei Gott sein.

Mt 6
7 Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. 

8 Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet. 
9 So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, 
10 dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde. 
11 Gib uns heute das Brot, das wir brauchen! 
12 Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben! 
13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen! 
14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. 
15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Heute hören wir einen Abschnitt aus der Bergpredigt, der sehr wichtig ist, aber auch schnell missverstanden werden kann. Es geht um das richtige Beten.
„Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen.“ Jesus möchte, dass Christen anders beten als Heiden. Diese mussten allein schon deshalb viele Worte machen, um die richtige Gottheit ihres komplexen Pantheons anzusprechen. Aber Jesus geht es nicht einfach um Quantität. So müssten wir bestimmte Gebete ja abschaffen, die etwas länger sind. Nicht die Quantität ist hier die Hauptkritik, sondern die Qualität. Sie sollen nicht plappern. Das griechische Wort βατταρίζω battarizo, das mit „plappern“ übersetzt wird, heißt wörtlich „eine Sache immer wiederholen, stammeln“.
Es ist also nicht gut, wenn wir so stammeln, als ob wir Gott nicht zutrauen, er würde uns bei einer einmaligen Äußerung nicht verstehen. Dahinter steckt also eine bestimmte Haltung gegenüber dem, von dem wir etwas erbitten. Wenn wir z.B. den Rosenkranz oder Litaneien beten, wiederholen wir ja auch so einiges, aber dahinter steckt nicht die Einstellung, dass Gott uns sonst nicht erhört. Beim Rosenkranz wiederholt sich das Ave Maria ja z.B. im Kontext von Betrachtungen!
In Vers 8 wird deutlich, was ich mit der Haltung meine: Wir sollen vertrauensvoll beten, also mit der Haltung, dass wir Gott alles zutrauen. Er weiß ja schon längst, was wir erbitten wollen, bevor wir zu beten beginnen. Darum geht es. Wie viele Worte es dann letztendlich sind, wird Gott nicht zählen und sich dann ab einer gewissen Überschreitung die „Ohren zuhalten“…
Dann lehrt Jesus die Jünger das Gebet, das wir bis heute vertrauensvoll beten, das Vaterunser:
Die ersten Bitten sind im Grunde Wünsche, die sich auf Gott beziehen. Erst dann kommen Bitten für sich selbst. So soll es sein. Wir sollen nicht selbstzentriert beten, sondern zuerst auf den schauen, zu dem wir beten. Wir sollen ihn preisen und ihm die Ehre geben, bevor wir irgendetwas erbitten. Wir sagen Gott zu, dass sein Name geheiligt werden soll, deshalb der Konjunktiv „werde geheiligt“. Zudem soll sein Reich kommen im Himmel und auf der Erde. Was Jesus grundgelegt hat, soll sich ausweiten, sodass das angebrochene Reich Gottes sich überall durchsetzt und offenbar wird. Gottes Wille soll überall geschehen. Im Himmel und auf der Erde, in der unsichtbaren Welt sowie in der sichtbaren Welt. Es heißt wörtlich „wie im Himmel so auch auf Erden“ und bezieht sich auf die Durchsetzung des Willens Gottes bereits in der unsichtbaren Welt. Der Satan und seine gefallenen Engel sind aus dem Himmel verbannt, sodass hier Gottes Reich schon ganz und gar durchgesetzt ist. So wie es schon im Himmel ist, so soll es auch auf der Erde sein: Der Böse und seine Heerscharen sollen besiegt und von der Erde verbannt werden. Gottes Reich und sein Wille sollen ganz und gar auf Erden herrschen.
Dann beginnt der zweite Teil des Gebetes, der nun Bitten für die Menschen beinhaltet: „Gib uns heute das Brot, das wir brauchen“ ist im Griechischen etwas anders konstruiert: Es heißt eigentlich wortwörtlich: „Gib uns unser tägliches/ausreichendes Brot heute“ im Sinne von „das Brot, das heute ausreicht.“ Das griechische Wort ἐπιούσιον epiusion drückt die Haltung aus, die schon die Väter in der Wüste gelernt haben: Gott gab jeden Tag Manna vom Himmel und nur so viel, dass es für den jeweiligen Tag reichte. So lernten die Menschen, Tag für Tag auf Gottes Vorsehung zu vertrauen. Wir bitten also von Tag zu Tag um die Güter, die wir für den jeweiligen Tag brauchen. So ist unsere Bitte frei von Habgier. Die Gabe von Manna ist zudem typologisch zum Himmelsbrot Christi zu betrachten, der von sich aus sagt: „Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. (Joh 6,49-51).“ Es geht also nicht mehr nur um das tägliche Brot zur Nährung des Leibes! Wir bitten also mit dieser Vaterunserbitte auch gerade um die tägliche Eucharistie! Sie nährt unsere Seele, auf dass auch wir nicht sterben werden, sondern das ewige Leben haben!
Gott soll uns ferner unsere Schuld vergeben, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben. Im Griechischen steht dort ὡς καὶ hos kai, das bedeutet also wirklich „so wie auch“. Gott soll uns in dem Maß vergeben, wie wir unseren Mitmenschen vergeben. Wenn wir möchten, dass Gott uns vergibt, können wir also nicht gleichzeitig im unversöhnten Zustand mit unseren Mitmenschen sein. Wir setzen also die Bedingung, ob Gott uns vergibt, weil durch unser freiwillig verhärtetes Herz die vergebende Gnade nicht hineinkommt. Jesus sagt, wir sollen unsere Feinde lieben und für jene beten, die uns hassen. Das heißt aber nicht, dass wenn wir ihnen vergeben, wir ihre Taten gutheißen. Wir sagen uns nur von dem Zorn und den Rachegefühlen, dem Gift dieser schlechten Beziehung los. Wir überlassen Gott das Richten und sind plötzlich frei. Wir hängen nicht mehr an diesen schlechten Gefühlen, die uns von innen komplett vergiften. Ich habe selbst viele Menschen kennengelernt, die aufgrund von unversöhntem Zustand viele Jahrzehnte gelitten haben, die so verbittert wurden, dass sie auch körperlich schwer zu leiden hatten. Als sie endlich dieses Gift der Unversöhntheit losgelassen haben, wurden sie endlich frei, glücklich und sogar körperlich geheilt. Was ihnen angetan worden ist, ist nicht einfach verschwunden, aber sie haben das Richten Gott überlassen. Und ich versichere Ihnen: Gott wird auch aktiv. Wie viele Missetäter, denen ich von Herzen vergeben und deren Untat ich einfach Gott überlassen habe, haben ihre Lektion von ihm bekommen – auf eine Art und Weise, die ich ihnen nie gewünscht hätte….Gott regelt das schon. Wir sind zu kostbar, als dass wir an den Rachegefühlen unser Leben zerstören lassen!
„Führe uns nicht in Versuchung“ heißt nicht, dass Gott selbst uns in Versuchung führt. Der Versucher ist immer nur der Böse. Gott ist nur gut. Gott kann uns aber erproben und das ist das Missverständliche an der Doppeldeutigkeit des griechischen Begriffs πειρασμός peirasmos: Es kann Versuchung (zur Sünde) meinen, aber eben auch Probe, Prüfung. Dabei bitten wir nicht darum, dass Gott uns nicht erproben soll, sondern dass wir dabei vor Verzweiflung bewahrt werden. Wir lesen diese Bitte auch gemeinsam mit der nächsten: „sondern rette uns vor dem Bösen“. Dieser ist der Versucher. Gott greift nicht ein, wenn der Böse uns versucht. Er ist aber mit uns, wenn wir versucht werden. Die Versuchung kann aber zur Erprobung des Glaubens beitragen und so bitten wir mit dieser Bitte um die Bestehung der Prüfung, indem wir beten: „erlöse uns von dem Bösen“. Der Teufel soll nicht über den Menschen siegen.

Jesus betont noch einmal, wie wichtig die Vergebung ist. Wenn wir einander nicht von Herzen vergeben, wird er uns nicht vergeben. Das liegt nicht an seiner mangelnden Kompetenz oder Vergebungsbereitschaft, sondern daran, dass der Mensch sich der Vergebung selbst verschließt. Wenn es uns schwerfällt, müssen wir bedenken, dass Vergebung eine übernatürliche Liebe erfordert, die über unsere begrenzte menschliche Liebe hinausgeht. Wir müssen um die göttliche Liebe, um die Agape bitten, damit Gott uns die Kraft zur Vergebung schenkt. Und wenn unsere Gefühle sich absolut dagegen sträuben – zunächst muss die Entscheidung fallen. Emotionen hinken immer hinterher.

Jetzt in der Fastenzeit ist es sehr wichtig, dass wir uns auch über die Vergebung Gedanken machen. Wenn wir möchten, dass Gott uns unsere Schuld vergibt, müssen auch wir den Schritt wagen, uns bei allen zu entschuldigen, denen wir jemals etwas angetan haben. Es ist dabei auch wichtig, dass wir uns selbst vergeben. Das fällt vielen Menschen schwer und auch dies kann uns ein Hindernis sein, Gottes vergebende Liebe vollends zu erfahren. Nutzen wir diese besondere Gnadenzeit dazu, diese Sache entschieden anzugehen.

Ihre Magstrauss

Samstag nach Aschermittwoch

Jes 58,9b-14; Ps 86,1-2.3-4.5-6; Lk 5,27-32

Jes 58
9 Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, 

10 den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. 
11 Der HERR wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser nicht trügt. 
12 Die Deinen bauen uralte Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich Maurer, der Risse schließt, der Pfade zum Bleiben wiederherstellt. 
13 Wenn du am Sabbat deinen Fuß zurückhältst, deine Geschäfte an meinem heiligen Tag zu machen, wenn du den Sabbat eine Wonne nennst, heilig für den HERRN, hochgeehrt, wenn du ihn ehrst, ohne Gänge zu machen und ohne dich Geschäften zu widmen und viele Worte zu machen, 
14 dann wirst du am HERRN deine Wonne haben. Dann lasse ich dich über die Höhen der Erde dahinfahren und das Erbe deines Vaters Jakob genießen. Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen.

Heute hören wir in der Lesung die Fortsetzung der gestrigen. Es ging um das Volk Israel, das sich schwer verschuldigt, ein unmoralisches Leben geführt und sich dann über die ausgebliebene Gebetserhörung Gottes gewundert hat. Jesaja soll dem Volk den Grund ausrichten und dazu auffordern, Werke der Barmherzigkeit zu tun, damit ihre dargebrachten Opfer aufrichtig vor Gott sind. Die Worte, die Jesaja dem Volk ausrichten soll, setzen sich heute fort.
„Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst“ bezieht sich auf Unterdrückung der Ärmeren und Schwächeren einer Gesellschaft durch Reiche und Mächtige.
Die Israeliten sollen nicht mehr lästern und niemanden verurteilen (mit dem Finger auf sie zeigen).
Sie sollen denen etwas zu essen geben, die hungern, damit das passiert, was ich gestern schon angedeutet habe: damit ihr Licht aufgeht in der Finsternis. Dieses Licht ist moralisch zu sehen – es wird hell aufgrund der Tugenden der Israeliten, wo vorher Finsternis war, nämlich die Dunkelheit ihrer bösen Taten. Zugleich können wir das Licht mit der Gnade Gottes verbinden, die hell leuchtet an einem Ort, wo aufgrund der Sünde die Gnade nicht hinkam. Der Stand der Gnade wird wieder erlangt und von diesem aus wird „der HERR (…) dich immer führen“. Man lebt wieder in Gemeinschaft mit ihm und er zeigt einem den Weg. Gott wird einen nähren und die Glieder stärken. Das ist bemerkenswert, weil es den barmherzigen Taten ähnelt, die man zuvor an anderen Menschen getan hat. Gott gibt einem Gutes zurück, und zwar auch in unmöglichen Situationen wie der Dürre.
Es geht um den Stand der Gnade, in dem die Israeliten zuvor nicht waren wegen ihrer Vergehen. Das sehen wir nun auch an dem Bild des bewässerten Gartens. Wasser ist ein Symbol für den Hl. Geist – auch schon im Alten Testament. Gott erfüllt uns mit seinem Hl. Geist und deshalb sind wir wie ein bewässerter Garten. Wir wachsen durch ihn prächtig heran und bringen schöne Blüten und köstliche Früchte hervor.
In Vers 12 wird verheißen, dass die Israeliten „uralte Trümmer“ wieder aufbauen. Das ist ein Hinweis einerseits auf die Ruinen der Stadt und des Tempels, der von den Babyloniern zerstört werden wird. Andererseits sind die Ruinen geistig zu verstehen – als Symbol der Auferstehung Jesu, der „uralt“ ist und dessen Trümmer des Todes am dritten Tag wieder zum Leben erweckt werden, ebenso auf die Kirche bezogen, deren Trümmer durch die Krisenzeiten hervorgegangen sind und die durch den Hl. Geist eine Erneuerung erfahren hat. Wir denken an jeden einzelnen Menschen, der sein Leben durch die Sünde zu einem Trümmerhaufen gemacht hat, den der Hl. Geist aber wieder aufbauen kann. Und so ist es auch mit der ganzen gefallenen Welt. Durch den Hl. Geist werden die Trümmer der alten Schöpfung am Ende der Zeiten wieder aufgebaut zu einer neuen Schöpfung!
In den letzten zwei Versen wird noch einmal ein konkretes Verhalten angeführt, durch das man gerecht vor Gott wird: wenn man den Sabbat hält. Gott hat den Israeliten vorgeworfen, am Sabbat oder am Fastentag Geschäfte zu machen. Gott ist nicht an erster Stelle bei ihnen und sie vertrauen nicht darauf, dass er sie mit allem versorgen wird, auch wenn sie einen Tag nicht arbeiten. So war es doch damals bei den Vätern in der Wüste. Sie haben am sechsten Tag doppelt so viel bekommen (Manna oder Tauben), damit sie am Sabbat nicht arbeiten müssen und auch dann noch versorgt sind. Wer sich dem widersetzte und dennoch heimlich etwas angesammelt hat, bei dem verdarb das Vorrätige. Am Sabbat Geschäfte zu machen, ist ein Ausdruck von Misstrauen gegenüber der göttlichen Vorsehung. Das Ironische ist dabei, dass der Mensch alles verspielt, was er so krampfhaft für sich haben wollte. Wenn man dagegen am Sabbat Gott die Ehre gibt, der den ersten Platz im Leben des Menschen hat, dann wird er einen versorgen und man wird „das Erbe deines Vaters Jakob genießen“. Dann werden sie das verheißene Land ganz und gar haben. Und auch dies ist mehr als nur wörtlich zu verstehen. Das betrifft vor allem auch die moralische und anagogische Bedeutung: Wer das dritte Gebot hält, wird im Stand der Gnade sein, der Gemeinschaft mit Gott, der den Menschen dann mit Gnaden überschüttet. Und am Ende des Lebens wird man dann auf ewig das verheißene Land, das Erbe Jakobs, den Himmel genießen.
„Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen“ signalisiert das Ende der Botschaft, die Jesaja dem Volk Gottes ausrichten soll.
Es sind insgesamt sehr eindrückliche Worte, die auch für uns jetzt in der Fastenzeit hochaktuell sind bzw. generell in heutiger Zeit. Gerade der letzte Teil sollte uns zu denken geben. Halten wir den Sonntag heilig? Danken wir an diesem Tag dem Herrn für die ganze Woche und tun dies in der Eucharistie – der Danksagung? Wie viele Katholiken gehen nicht mal jeden Sonntag zur Kirche. Das ist ein schweres Vergehen ohne einen gerechtfertigten Grund. Dann können wir kein gewässerter Garten sein, dann können wir nicht mit allem gesegnet sein, denn wir schneiden von uns aus den Gnadenstrom ab! Dann kann Gott unsere Gebete nicht erhören.
So ist es mit allen Geboten. Wir können keinen Segen erwarten, wenn wir Gottes Gebote nicht halten. Die Fastenzeit ist eine ideale Gelegenheit, das eigene Verhalten zu überdenken, die uralten Trümmer wieder aufzubauen und die Beziehung zu Gott wieder zu erneuern.

Ps 86
1 Ein Bittgebet Davids. Neige dein Ohr, HERR, und gib mir Antwort, denn elend und arm bin ich! 

2 Beschütze mich, denn ich bin dir ergeben! Rette, du mein Gott, deinen Knecht, der auf dich vertraut! 
3 Mein Herr, sei mir gnädig, denn zu dir rufe ich den ganzen Tag! 
4 Erfreue die Seele deines Knechts, denn zu dir, mein Herr, erhebe ich meine Seele! 
5 Denn du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben, reich an Liebe für alle, die zu dir rufen. 
6 Vernimm, HERR, mein Bittgebet, achte auf mein lautes Flehen! 

Heute beten wir einen Bittpsalm passend zur Lesung. Wir können uns vorstellen, wie es das Volk Israel betet, nachdem es die Botschaft Gottes durch den Propheten Jesaja erhalten hat. Wir können es auch selbst beten als Kinder Gottes, die sich durch ein sündiges Verhalten von Gott entfremdet haben. Gott soll sein Ohr neigen, das heißt, die Bitten des Volkes erhören. „Elend und arm“ ist der Beter, weil er mit Gott im Streit liegt. Deshalb beten die Israeliten auch „beschütze mich, denn ich bin dir ergeben!“ Das hebräische Wort für „ergeben“ ist חָסִ֪יד chasid. Es heißt wörtlich „ich bin ein Jünger“. Die Israeliten bitten um Schutz, weil sie Gottes Jünger sind, weil sie ihm nachfolgen.
Sie rufen Gott „den ganzen Tag“. Das hat Jesaja ja bereits thematisiert. Die hebräische Verbform אֶ֝קְרָ֗א ekra ist dabei eine sogenannte PK-Form. Diese ist entweder präsentisch oder futurisch zu übersetzen. Einerseits besagt der Satz hier also, dass sie den ganzen Tag Gott anrufen, andererseits, dass sie es zukünftig tun werden. Es wird so zum Versprechen des Volkes, von nun an anders zu handeln. Ebenso ist es mit dem nachfolgenden Vers, da auch dort als Argumentation für die Bitte eine Handlung als PK-Form ausgedrückt wird („denn zu dir (…) erhebe ich meine Seele!“). Das Verb für „erheben“ ist אֶשָּֽׂא esa. Das Volk sagt also, dass es dies jetzt schon tut, es aber in Zukunft auch tun wird. Das Wort für Seele ist נַפְשִׁ֥י nafschi. Es ist eigentlich zu übersetzen mit „mein Leben“. Es meint die gesamte Existenz und nicht nur einen bestimmten Teil im Menschen. David erhebt also sein ganzes Leben zu Gott in dem Sinne, dass er sein ganzes Dasein auf Gott ausrichtet, ohne etwas für sich zu behalten. Und so tut es das Volk Israel immer wieder im AT, nachdem Gott ihm die Leviten gelesen hat. Gott soll die נֶ֣פֶשׁ nefesch, also das ganze Leben des Volkes erfreuen, weil es sein Leben Gott ganz widmet. Das ist für uns ein gutes Beispiel. Auch wir müssen Gott unser ganzes Leben hinhalten, wenn wir möchten, dass er es verwandelt. Dies tut er nur, wenn wir es ihm freiwillig überlassen. Und er tut es gern. Das bedeutet auch, dass er uns das ewige Leben schenken möchte.
„Denn du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben, reich an Liebe für alle, die zu dir rufen“ – das Volk hat Gottes Vergebung immer wieder erfahren und kann mit Vertrauen diese Worte beten.
Gott ist wirklich ein barmherziger Gott und bereit, unsere Schuld zu vergeben. Wir müssen seine Barmherzigkeit aber auch annehmen. So tut es David immer wieder, so tut es später auch Petrus, so tut es der verlorene Sohn im Gleichnis Jesu. So tun es die Gläubigen, die zur Beichte kommen. Dann umarmt Gott die Menschen bereitwillig mit seiner vergebenden Liebe und verändert das Leben jedes Reumütigen. Nutzen wir dafür die Fastenzeit, denn jetzt hat Gott ganz besondere Gnaden für uns bereit.

Lk 5
27 Danach ging Jesus hinaus und sah einen Zöllner namens Levi am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! 

28 Da verließ Levi alles, stand auf und folgte ihm nach. 
29 Und Levi gab für Jesus in seinem Haus ein großes Gastmahl. Viele Zöllner und andere waren mit ihnen zu Tisch. 
30 Da murrten die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten und sagten zu seinen Jüngern: Wie könnt ihr zusammen mit Zöllnern und Sündern essen und trinken? 
31 Jesus antwortete ihnen: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 
32 Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen.

Auch das Evangelium thematisiert heute die Barmherzigkeit. Jesus beruft Levi/Matthäus zu seinem Apostel, der von Beruf Zöllner ist. Er sitzt gerade am Zoll, als Jesus ihn ruft. Er macht einen unbeliebten Job, bei dem es oft um kleinere und größere Betrügereien geht, also nichts Aufrichtiges. Und doch ist dieser Mensch herzensoffen. Als Jesus ihn ruft, lässt er alles stehen und liegen und folgt Jesus nach. Er hat die optimale Herzenshaltung, denn er lässt sich von Jesus etwas sagen.
Wie es oft bei Jesus der Fall ist, hält er mit den jeweiligen Menschen Mahl. Er ist bei Levis großem Gastmahl eingeladen und weil Levi ein Zöllner ist und diese seine einzigen Freunde sind (wer will sonst schon mit einem Betrüger und Lügner befreundet sein? Alle sind misstrauisch.), besteht Jesu Tischgemeinschaft aus sündigen Menschen.
Offensichtlich ist Jesus nicht alleine bei Levi, sondern auch die Jünger Jesu sind eingeladen. Dies wird daran deutlich, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten die Jünger so ansprechen, dass sie mit dabei sind. Ihre Kritik besteht dabei darin, dass Jesus und seine Jünger mit Zöllnern und Sündern Tischgemeinschaft haben. Entweder ist diese aus moralischer oder aus ritueller Sicht verwerflich: Die genannten Personengruppen sind Sünder vor Gott und das Essen mit ihnen impliziert für einen Juden dann, dass man ihr Verhalten gutheißt. Die genannten Personengruppen als rituell Unreine können am Kult nicht teilnehmen und übertragen die eigene Unreinheit noch auf den Reinen, der mit ihnen am Tisch ist. Diese beiden Möglichkeiten müssen wir in Betracht ziehen, zugleich zeigen sie, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten Jesus als Messias nicht erkannt haben. Diese Dinge mögen vielleicht für einen normalen Juden gelten, aber nicht für den Sohn Gottes, der im Gegenteil noch Menschen in den Stand der Gnade (moralischer Begriff) zurückversetzen kann durch Sündenvergebung und der nicht kultisch unrein wird, sondern seine Heiligkeit auf die Menschen um sich herum abfärbt!
Jesus möchte durch sein Verhalten eben nicht gutheißen, dass die Sünder und Zöllner gegen die Gebote Gottes verstoßen. Er möchte sie in seiner entgegenkommenden Barmherzigkeit berühren, deren Herzen er ganz weit geöffnet sieht. Er erkennt, dass man mit ihnen „arbeiten“ kann, und verwandelt ihre Herzen in diesem ganzen Prozess. So ist es auch schon mit Zachäus, der dann umkehrt und seine ganze Schuld vielfach zurückzahlen möchte. Das ist der springende Punkt: Wenn Jesus mit ihnen fertig ist, sind sie keine Sünder mehr, sondern brennende Jünger für Gott.
Und was Jesus durch die Antwort auf die Kritik der Pharisäer und Schriftgelehrten verdeutlicht, ist ein therapeutisches Verständnis von Sünde im Gegensatz zu einem juristischen. Sünde ist wie eine Krankheit, die man heilen muss. Jesus ist der Arzt, der die Seele der Menschen wieder gesund macht. Sie sind dabei wie Patienten, die sich bereitwillig behandeln lassen. Sie sind nicht verstockt wie die Pharisäer und Schriftgelehrten, die sich einbilden, keinen Arzt zu benötigen. Dabei ist jeder Mensch krank durch die Erbsünde. Keiner kann von sich behaupten, sündlos und perfekt zu sein. Jeder und jede muss auf die je eigene Weise zum Arzt kommen.
Wenn Jesus zum Schluss sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen“, dann heißt das nicht, dass die echten Gerechten Pech gehabt haben. Er meint diejenigen, die sich für gerecht halten. Er ist gekommen, um die zur Umkehr zu rufen, die erkennen, dass sie Sünder sind und der Umkehr auch wirklich bedürfen. Wer selbstgerecht ist, ist versteinert, sein Herz ist geschlossen und blockiert die Gnade Gottes. Dabei muss sich jeder seiner Sündigkeit und Umkehrbedürftigkeit bewusst werden.

Wir befinden uns jetzt in der österlichen Bußzeit, in der wir uns unsere eigene Schuldhaftigkeit auf besondere Weise bewusst machen. Gott möchte in dieser Zeit besondere Gnaden schenken, um auch den besonders harten Fällen die Herzen zu erweichen. Dann kommt Jesus auch in unser Leben und möchte mit uns Gemeinschaft haben. Dann arbeitet er in uns, bis wir unser eigenes Schlechtes erkennen, bereuen und umkehren. Er verwandelt uns, sodass wir immer mehr zu den ursprünglichen Menschen werden, die Gott geschaffen hat – Menschen wie er.

Ihre Magstrauss

Montag der 3. Woche im Jahreskreis

2 Sam 5,1-7.10; Ps 89,20-21.22 u. 25.26 u. 29; Mk 3,22-30

2 Sam 5
1 Alle Stämme Israels kamen zu David nach Hebron und sagten: Wir sind doch dein Fleisch und Bein. 
2 Schon früher, als noch Saul unser König war, bist du es gewesen, der Israel hinaus und wieder nach Hause geführt hat. Der HERR hat zu dir gesagt: Du sollst der Hirt meines Volkes Israel sein, du sollst Israels Fürst werden. 
3 Alle Ältesten Israels kamen zum König nach Hebron; der König David schloss mit ihnen in Hebron einen Vertrag vor dem HERRN und sie salbten David zum König von Israel. 
4 David war dreißig Jahre alt, als er König wurde, und er regierte vierzig Jahre lang. 
5 In Hebron war er sieben Jahre und sechs Monate König von Juda und in Jerusalem war er dreiunddreißig Jahre König von ganz Israel und Juda.
6 Der König zog mit seinen Männern nach Jerusalem gegen die Jebusiter, die in dieser Gegend wohnten. Die Jebusiter aber sagten zu David: Du kommst hier nicht herein; vielmehr werden dich die Lahmen und die Blinden vertreiben. Das sollte besagen: David wird hier nicht eindringen. 
7 Dennoch eroberte David die Burg Zion; sie wurde die Stadt Davids.
10 David wurde immer mächtiger und der HERR, der Gott der Heerscharen, war mit ihm. 

Wir befinden uns nun im zweiten Samuelbuch und hören weiterhin aus dem Markusevangelium. Nachdem David so einiges hat über sich ergehen lassen durch den eifersüchtigen König Saul, wird er erneut zum König gesalbt und schließt mit den Ältesten der gesamten zwölf Stämme Israels einen Vertrag. Dieses wichtige Ereignis geschieht in Hebron, was kein Zufall ist. Dort sind die Väter begraben, wir denken besonders an die Patriarchen, die Israel begründen – Abraham der Stammvater mit seiner Frau Sarah, Jakob, den Vater der zwölf Söhne, die die zwölf Stämme begründen, Isaak, dessen Vater, der ihm den Erstgeburtssegen verliehen hat. David wird nun zum König über alle Stämme und seine Herrschaft gründet auf dem, was diese großen Gestalten grundgelegt haben.
Es ist auch kein Zufall, dass die Gesamtzeit seiner Königsherrschaft 40 Tage beträgt, dass er mit 30 das Königtum antritt und dass die Herrschaft in Juda 33 Jahre beträgt. Er ist Typos Christi. Jesus ist 30, als er seine öffentliche Verkündigung vom Reich Gottes beginnt. Er ist 33 Jahre alt, als er in Juda aufgrund der Gotteslästerung „König der Juden“ hingerichtet wird. Diese Zahlensymbolik ist nicht ausgedacht, wie gerne behauptet wird (so als ob man die 40 Jahre Gesamtherrschaft den 40 Jahren der Wüstenwanderung angleichen wolle). Gott lässt das alles zu, damit die Juden sein Wirken und seine Salbung erkennen. David ist der rechtmäßige, von Gott eingesetzte König. Zu Beginn seiner Herrschaft regiert er von Hebron aus, weil in Jerusalem die Jebusiter wohnen. Nach mehr als sieben Jahren erobert er Zion und herrscht von da an 33 Jahre von Jerusalem aus. Im Nachhinein wird die besondere Bedeutung der Stadt Jerusalem als Regierungssitz offenbar – der Messias als Sohn Davids wird „König sein“ in Jerusalem. Davids Macht wächst. Gott steht ihm bei, das heißt Davids Erfolg geht auf Gott zurück. Er ist es, der einen segnet, wenn man ihm gehorcht.
David ist gehorsam und ist deshalb in allem erfolgreich. Moralisch würden wir sagen, er ist im Stand der Gnade, weil er den Willen Gottes befolgt. An ihm sehen wir, wie es laufen sollte. Darin ist er Josef, dem Sohn Jakobs ähnlich. Auch er hat nicht nur alles gut gemeistert, was er begonnen hat, er hat sogar immer geglänzt. Dieser Erfolg ist auf Gott zurückzuführen, der ihn mit seinem Geist ausgestattet hat. Was Gott anrührt, kann nur exzellent sein, zu Gold werden. Das müssen wir auch für unser Leben beherzigen: Wenn wir aus der Gnade Gottes leben, wird uns alles gelingen, was wir zu tun haben. Das heißt nicht, dass wir Gottes Gnade beanspruchen können, um zu sündigen (ich kenne Menschen, die ihre esoterischen Gegenstände von einem Priester gesegnet haben und meinen, die esoterische Tat ist nun geheiligt). Natürlich geht das nicht. Wir sprechen hier von den Aufgaben, die wir erfüllen müssen, unsere täglichen Pflichten, unseren Beruf, unsere Begegnungen. Wenn wir mit Gottes Hilfe alles angehen, wird unser ganzes Leben zu Gold. Dann werden auch wir glänzen, denn eine Stadt, die auf dem Berg liegt, bleibt nicht verborgen. Alle Menschen werden an uns sehen, dass auf uns ein besonderer Segen liegt. Davon ausgehend werden sie fragen, wie wir das machen. Dann ist der Moment gekommen, von Jesus zu erzählen, von seiner Liebe, die uns immer die Kraft gibt, alles zu meistern. Immer, wenn wir versuchen, die Aufgaben unseres Lebens nur aus eigener Kraft zu meistern, geraten wir in eine Sackgasse. Das ganze Unternehmen ist der Versuch, mit dem Kopf durch die Wand zu gehen. Das Leben ist oft so unkontrollierbar, dass wir schnell an unsere Grenzen geraten.
Wir müssen uns diese Gedanken auch als Kirche machen: Alles, was wir als Kirche angehen, wird zu Gold mit der Gnade Gottes. Wo die kirchlichen Grundvollzüge nicht mehr umgesetzt werden, verkommt alles Tun zu einem menschlichen Aktivismus, der geistlos ist. Wo der Sauerstoff ausgeht, stirbt der Organismus. Wir brauchen den Atem Gottes, der die Kirche an Pfingsten erst zum Leben erweckt hat – analog zur Erschaffung des ersten Menschen in Genesis, analog zur Auferstehung Jesu Christi. Hand in Hand mit Gottes Geist wird alles Tun zu einer exzellenten Tat, nicht damit wir uns als Kirche oder als Einzelpersonen dessen rühmen, sondern ganz und gar Gott die Ehre geben.

Ps 89
20 Einst hast du in einer Vision zu deinen Frommen gesprochen: Einem Helden habe ich Hilfe gewährt, einen jungen Mann aus dem Volk erhöht. 
21 Ich habe David, meinen Knecht, gefunden und ihn mit meinem heiligen Öl gesalbt. 
22 Fest wird meine Hand ihn halten und mein Arm ihn stärken.
25 Meine Treue und meine Huld sind mit ihm und in meinem Namen erhebt er sein Haupt. 
26 Ich lege seine Hand auf das Meer und auf die Ströme seine Rechte.
29 Auf ewig werde ich ihm meine Huld bewahren, mein Bund mit ihm ist verlässlich. 

Heute beten wir erneut Psalm 89, den sogenannten Königspsalm. Er reflektiert die heutige Lesung, also das Königtum Davids. Die Frommen, von denen hier in Vers 20 die Rede ist, können wir auf Propheten wie Samuel beziehen, aber heute auch auf die Ältesten der zwölf Stämme Israels. Diese erkennen ja, dass David der rechtmäßige König sein muss. Er war bisher so erfolgreich bei den geführten Kriegen, dass Gott an seiner Seite sein muss. David bezeichnet sich selbst hier als „Held“, was aber kein Hochmutzeichen ist. Vielmehr bezieht er es zurück auf Gott, der ihn zum Helden gemacht hat. Er tut genau dies, womit wir bei der Betrachtung der Lesung geschlossen haben: Gott verhilft uns dazu, zu glänzen, nicht dass wir uns selbst rühmen, sondern ihm die Ehre geben – vor allem auch die Menschen um uns herum! David ist noch jung, wie er sich selbst hier nennt. Als er sein Königtum antritt, ist er 30 Jahre alt. Er hat schon in jungen Jahren Kriege geführt und stand viele Jahre im Dienst Sauls. Somit ist er mit seinen 30 Jahren schon ein gestandener Mann. Das hebräische Wort בָח֣וּר bachur bezeichnet dabei einen unverheirateten jungen Mann im heiratsfähigen Alter. Davids Berufung erfolgte, als er noch unverheiratet war. Wir betrachteten letzte Woche, dass der unverheiratete Stand bei seiner Berufung eine wichtige pädagogische Maßnahme bzw. ein zeichenhaftes Bild für die Israeliten damals und für uns heute ist. Mittlerweile ist David verheiratet und bekommt schon mehrere Kinder in Hebron, bevor er in Jerusalem weitere Kinder zeugt. Zuerst hat er eine Bindung mit Gott, zuerst kommt die Befolgung des Willens Gottes, dann kommt die Familiengründung. Das ist nicht nur chronologisch zu betrachten, sondern gerade auch als Prioritätensetzung.
David wurde „gefunden“ und mit Öl gesalbt. Das war vor allem bei der ersten Salbung durch Samuel der Fall, aber auch heute hören wir von einer Salbung – der endgültigen in Hebron. Durch die Salbung ist David gestärkt und wird getragen von der Hand Gottes, wie es Vers 22 voraussagt (hier stehen Zukunftsformen).
Gottes Treue und Huld sind mit ihm. Im Hebräischen werden diese Aspekte als Nominalsatz und als Partizipialkonstruktion formuliert. Was kompliziert klingt, hat einen einfachen Grund: Es wird immer gebraucht, wenn man einen anhaltenden Zustand und eine gewisse Zeitlosigkeit (zeitliche Ungebundenheit) ausdrücken möchte. Gottes Treue und Huld sind also jederzeit mit David. Diese Aussage hat weitreichende Folgen: Bald wird David nämlich einen ganz großen Fehler begehen, einen Ehebruch, eine fahrlässige Tötung, Lügereien, doch selbst dann wird Gott treu bleiben und sein Königtum nicht verwerfen. Warum? Weil David es bereuen wird, weil er Gott um Verzeihung bitten wird. Saul dagegen begeht die sogenannte Sünde „gegen den Hl. Geist“. Er vertraut nicht auf die wunderbare Vorsehung Gottes und bereut zuerst nicht, was er getan hat. Er nutzt die Kraft der Vergebung nicht, die Gott ihm anbietet. Deshalb wird er als König verworfen. Kurzzeitig berührt ihn die Barmherzigkeit Gottes zwar schon (z.B. wenn David ihn mehrfach verschont), doch er fällt immer wieder zurück in diesen verstockten Zustand. Dieser nimmt letztendlich auch die Überhand.
David erhebt wirklich sein Haupt in Gottes Namen. Er tut alles „in Gottes Namen“ und glänzt aus diesem Grund.
Das ist für uns ein gutes Beispiel: Wenn wir morgens aufwachen, sollten wir zuerst eine „gute Meinung“ machen, das heißt alles, was wir im Laufe des Tages tun, in Jesu Namen tun wollen und dies ihm auch bekunden. Dann wird unser ganzes Tun geheiligt, unsere Bemühungen nicht umsonst sein. Dann wird alles geistgewirkt sein und die Menschen werden den Unterschied merken, wir selbst übrigens auch. Es wird uns alles einfacher von der Hand gehen, weil wir die Rückendeckung Gottes spüren. Er verleiht uns das nötige Selbstbewusstsein, den Mut und auch die Gelassenheit. Auch als Kirche tun wir alles in Gottes Namen. Jegliche Gebete, jegliche liturgische Formen beginnen mit dem Kreuzzeichen „im Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes“.
„Auf ewig“ bleibt der Bund, den Gott mit David schließt. Auch wenn er Gott enttäuschen wird, bleibt Gott treu. Der Bund mit Gott ist verlässlich. Wenn es jemanden gibt, auf den sich David verlassen kann, dann ist es der Herr. Und er ist wirklich ein König, der ganz und gar auf Gott vertraut. Er hat eine so innige Gottesbeziehung, dass wir dies erstens mit Jesus vergleichen können, der wie David und noch viel mehr, nämlich wörtlich, Gott seinen Vater nennt. Zweitens können wir dies zum Vorbild für unser eigenes Gottesverhältnis nehmen.
Es gibt keinen Menschen, auf den wir uns zu 100 Prozent verlassen können. Irgendwann enttäuscht uns jeder Mensch, besonders jene, von denen wir am meisten erwarten. Nur einer enttäuscht uns nicht, Gott, der die Liebe ist. Er ist der vollkommen Verlässliche. Und doch vertrauen wir ihm oft zu wenig.

Mk 3
22 Die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sagten: Er ist von Beelzebul besessen; mit Hilfe des Herrschers der Dämonen treibt er die Dämonen aus. 
23 Da rief er sie zu sich und belehrte sie in Gleichnissen: Wie kann der Satan den Satan austreiben? 
24 Wenn ein Reich in sich gespalten ist, kann es keinen Bestand haben. 
25 Wenn eine Familie in sich gespalten ist, kann sie keinen Bestand haben. 
26 Und wenn sich der Satan gegen sich selbst erhebt und gespalten ist, kann er keinen Bestand haben, sondern es ist um ihn geschehen. 
27 Es kann aber auch keiner in das Haus des Starken eindringen und ihm den Hausrat rauben, wenn er nicht zuerst den Starken fesselt; erst dann kann er sein Haus plündern. 
28 Amen, ich sage euch: Alle Vergehen und Lästerungen werden den Menschen vergeben werden, so viel sie auch lästern mögen; 

29 wer aber den Heiligen Geist lästert, der findet in Ewigkeit keine Vergebung, sondern seine Sünde wird ewig an ihm haften. 
30 Sie hatten nämlich gesagt: Er hat einen unreinen Geist.

Heute hören wir etwas sehr Wichtiges im Evangelium. Bisher lasen wir in den Ausschnitten aus Mk ja, dass Jesus viele Heilstaten tut, dass aus dem ganzen Land die Menschen zu ihm reisen. Durch seine Taten wird er überall als Messias erkannt/erahnt. Doch das gilt nicht für alle Menschen. Ausgerechnet die Schriftgelehrten aus Jerusalem, diejenigen, die die Hl. Schrift am besten kennen sollten, die die ganzen Anspielungen Jesu an die Verheißungen des AT am ehesten erkennen sollten, verstehen ihn nicht. Es ist noch schlimmer – sie unterstellen Jesus okkulte Kräfte. Sie, die die Geistbegabung beispielsweise eines König David am detailliertesten erklären können, sehen die offensichtliche antitypische Entsprechung zu Christus nicht. Stattdessen begehen sie die Sünde gegen den Hl. Geist. Sie verteufeln die Macht Gottes. Jesus treibe mithilfe okkulter Kräfte Dämonen aus. Warum sagen sie so etwas Unlogisches, das sie doch selbst nicht glauben können? Vielleicht aus Missgunst, denn Jesus treibt auch stumme Dämonen aus (davon lesen wir vor allem in anderen Evangelien) und diese kann laut jüdischer Tradition nur der Messias austreiben. Alle anderen Dämonen werden ansonsten auch von den Pharisäern exorziert. Die Stummheit eines Dämons ist insofern ein Hinderungsgrund für den jüdischen Exorzismus, weil die Erfahrung des dämonischen Namens ihn erst binden kann. Spricht der Dämon nicht, kann dies also nicht gelingen.
Wir kennen diese Situation leider auch heute. Ganz besonders die katholische Kirche muss sich immer wieder anhören, dass die Sakramente, die Sakramentalien, die Charismen, also alles, was der Hl. Geist bewirkt, okkult sei. Das wird vor allem von freikirchlichen Kreisen behauptet, die Analogien zu den Freimaurern entdecken, die viele okkulte Manifestationen kennen. Analogien liegen durchaus vor, aber die Schlussfolgerung ist falsch: Die Freimaurer sowie jegliche esoterische/okkulte Gruppen greifen urchristliche Symbolik, die Lehre der Kirche, selbst den Ablauf der Liturgie auf und pervertieren diese Dinge ins Dämonische. Die Manifestationen des Hl. Geistes werden teuflisch nachgeahmt. Aber zuerst ist Gott da. Die Freimaurer sind erst später entstanden. Zuerst ist das Pentagramm da, zuerst das Dreieck mit dem Auge, dann ist dies alles erst zweckentfremdet worden. Zuerst ist die Zungenrede, dann das dämonische Geplapper. Die Kraft des Hl. Geistes ist immer zuerst da.
Es ist sehr schmerzhaft, wenn man einerseits die wunderbaren Heilstaten Gottes in der Kirche erfährt – und gerade in der charismatischen Erneuerung wird man Zeuge von vielen vielen Krankenheilungen, von Exorzismen, von Charismen – andererseits diese Dinge dann von außen verteufelt werden. Die Verurteiler haben die Zeit der Gnade nicht erkannt. Wie kann etwas vom Teufel sein, wenn der Glaube wieder neu auflebt, wenn die Menschen nach vielen Jahrzehnten wieder beichten gehen und zu brennenden Christen werden? Der Satan kann Menschen in die Irre führen, indem er körperliche Heilungen imitieren kann. Aber die Seele kann kein Dämon heilen. Das ist das ausschlaggebende Indiz.
Jesus nimmt sich der Schriftgelehrten an. Er könnte sie öffentlich bloßstellen und sagen: „Also ernsthaft, IHR solltet meine ganzen Anspielungen doch am besten verstehen. Wo habt ihr denn die Hl. Schriften studiert?“ Aber er tut es nicht. Stattdessen legt er ihnen die unlogische Schlussfolgerung dar: Ein in sich gespaltenes Reich hat keinen Bestand. Nur die Einheit ist beständig. Wir sehen es bei König David. Sein Königreich hat deshalb Bestand, weil er erstens in Einheit mit Gott ist und sein „Haupt im Namen Gottes erhebt“, aus dieser Einheit heraus auch die Einheit der zwölf Stämme gewährleisten kann.
Jesus nennt einige Beispiele, bei denen Gespaltenheit den Untergang vorprogrammiert: Das Reich, von dem wir in der Lesung und im Psalm schon gehört haben, und die Familie, die die Zelle der Gesellschaft darstellt. In beiden Fällen ist Gott der Stifter von Einheit.
Analog dazu ist das Reich der Dämonen zu betrachten: Sind die Dämonen unter sich gespalten, haben sie keine Macht. Diese Spaltung setzen die Schriftgelehrten ja voraus, wenn Jesus unter dem Einfluss des einen Dämons die Dämonen in den anderen Menschen hinausjagt. Dann aber hätte Jesus nicht die Kraft, die anderen Dämonen auszutreiben. Es ist ein einziger Denkfehler.
Exorzismen sind Kämpfe, geistliche Schlachten innerhalb eines Hauses. Deshalb bringt Jesus den Vergleich mit einem Kampf eines Einbrechers mit dem Hausherrn. Das Haus ist die menschliche Seele, der Hausherr sind wir. Der Satan dringt wie ein Dieb in unser Haus ein, nicht gepflegt durch die Tür so wie Jesus, der höflich anklopft (Offb 3,20). Er muss zuerst uns selbst überwältigen. Was er besiegen muss, ist unseren freien Willen. Dann kann er mit uns treiben, was er will. Jesus bringt diesen Vergleich, um die Absurdität der Behauptung der Schriftgelehrten herauszustellen. Wie kann ein durch die Gespaltenheit geschwächter Dämon den Hausherrn überwältigen?
Jesus erklärt daraufhin die Sünde gegen den Hl. Geist, über den wir vorhin schon gesprochen haben. Sie verkennen Gottes Geist. In den Auferstehungserzählungen lesen wir davon, dass der auferstandene Jesus den Aposteln erscheint, sie anhaucht, ihnen sagt: „Empfangt den Heiligen Geist!“ und ihnen daraufhin die Vollmacht der Sündenvergebung überträgt („Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“). Wer den Geist Gottes leugnet, der leugnet die Vergebung Gottes. Nicht Gott selbst verweigert den Schriftgelehrten an dieser Stelle also die Vergebung, sondern sie selbst stellen sich quer. Deshalb formuliert Jesus diese drastischen Worte. Sie haben ihm eine Besessenheit unterstellt. Hüten wir uns davor, ebenfalls in dieses Missverständnis zu fallen. Gott ist es, auf den alles Gute zurückgeht. Er ist es aber nicht, ich betone NICHT, der das Böse in der Welt tut, der für unser Leiden verantwortlich ist. Er ist gut, nur gut. Wenn wir übernatürliche Dinge sehen, müssen wir unterscheiden, ob es von Gott oder vom Bösen kommt. Das ist auch berechtigt und sogar notwendig, heute mehr als je zuvor! Doch seien wir nicht von Eifersucht getrieben wie die Schriftgelehrten und unterstellen eindeutig geistbegabten Menschen okkulte Kräfte, um sie zu verunglimpfen. Damit beleidigen wir nämlich nicht nur sie, sondern noch vielmehr Gott selbst. Wo die Menschen näher zu Gott kommen, kann der Böse seine Finger nicht im Spiel haben.

Glauben wir an die Vergebung Gottes. Nehmen wir seine Barmherzigkeit an, so wie David es bald tun wird, wenn er so richtig einen Fehltritt begeht. Es ist nie zu spät, ihn um Verzeihung zu bitten, zumindest nicht bis zum Ende der Zeiten.

Ihre Magstrauss

Freitag der 1. Woche im Jahreskreis

1 Sam 8, 4-7.10-22a; Ps 89,16-17.18-19; Mk 2, 1-12

1 Sam 8
4 Deshalb versammelten sich alle Ältesten Israels und gingen zu Samuel nach Rama. 
5 Sie sagten zu ihm: Du bist nun alt und deine Söhne gehen nicht auf deinen Wegen. Darum setze jetzt einen König bei uns ein, der uns regieren soll, wie es bei allen Völkern der Fall ist! 
6 Aber Samuel missfiel es, dass sie sagten: Gib uns einen König, der uns regieren soll! Samuel betete deshalb zum HERRN 
7 und der HERR sagte zu Samuel: Hör auf die Stimme des Volkes in allem, was sie zu dir sagen! Denn nicht dich haben sie verworfen, sondern mich haben sie verworfen: Ich soll nicht mehr ihr König sein. 
10 Samuel teilte dem Volk, das einen König von ihm verlangte, alle Worte des HERRN mit. 
11 Er sagte: Das werden die Rechte des Königs sein, der über euch herrschen wird: Er wird eure Söhne holen und sie für sich bei seinen Wagen und seinen Pferden verwenden und sie werden vor seinem Wagen herlaufen.
12 Er wird sie zu Obersten über Tausend und zu Führern über Fünfzig machen. Sie müssen sein Ackerland pflügen und seine Ernte einbringen. Sie müssen seine Kriegsgeräte und die Ausrüstung seiner Streitwagen anfertigen.

13 Eure Töchter wird er holen, damit sie ihm Salben zubereiten und kochen und backen. 
14 Eure besten Felder, Weinberge und Ölbäume wird er euch wegnehmen und seinen Beamten geben. 
15 Von euren Äckern und euren Weinbergen wird er den Zehnten erheben und ihn seinen Höflingen und Beamten geben. 
16 Eure Knechte und Mägde, eure besten jungen Leute und eure Esel wird er holen und für sich arbeiten lassen. 
17 Von euren Schafherden wird er den Zehnten erheben. Ihr selber werdet seine Sklaven sein. 
18 An jenem Tag werdet ihr wegen des Königs, den ihr euch erwählt habt, um Hilfe schreien, aber der HERR wird euch an jenem Tag nicht antworten. 
19 Doch das Volk wollte nicht auf Samuel hören, sondern sagte: Nein, ein König soll über uns herrschen. 
20 Auch wir wollen wie alle anderen Völker sein. Unser König soll uns Recht sprechen, er soll vor uns herziehen und soll unsere Kriege führen. 
21 Samuel hörte alles an, was das Volk sagte, und trug es dem HERRN vor. 
22 Und der HERR sagte zu Samuel: Hör auf ihre Stimme und setz ihnen einen König ein!

Heute hören wir ein weiteres Indiz, das uns das gestrige Leiden der Israeliten besser verstehen lässt. Gestern habe ich ja schon darüber gesprochen, dass wir das große Bild, den gesamten Heilsplan nicht auf einmal sehen können und deshalb oft nicht verstehen, wenn in unserem Leben schlimme Dinge passieren. Heute lesen wir davon, dass ein König für alle zwölf Stämme Israels vonnöten wird. Bisher haben Richter die zwölf Stämme regiert. Samuel ist zwar Prophet, also mit dem heiligen Geist begabt, aber er fungiert auch als Richter.
Irgendwann ist er sehr alt geworden und übergibt sein Amt den beiden Söhnen Joel und Abija. Diese beiden sind aber sehr korrupt, also alles andere als gerechte Richter. Sie lassen sich bestechen und brechen selbst die Gesetze. Aufgrund dessen kommt nun, was wir in der heutigen Lesung hören: Die Ältesten Israels beschweren sich bei Samuel und bitten ihn um die Salbung eines Königs, der ganz Israel beherrschen soll.
Bis dato ist wie gesagt ein Richter bestellt worden. Warum eigentlich gibt es so lange keinen König? Das ist alles im Plan Gottes und wir hören heute, dass dieser einen irdischen König bewusst nicht eingesetzt hat. Er wollte, dass die Israeliten ihn selbst als König anerkennen. Das ist aber gescheitert („Ich soll nicht mehr ihr König sein“). Einen gemeinsamen Herrscher zu fordern ist zunächst nichts Verwerfliches. Was sie aber hier durchblicken lassen, ist ihr Seinwollen wie die anderen Völker (Vers 5 „wie es bei allen Völkern der Fall ist“). Sie vergessen, dass sie ein auserwähltes Volk sind, das eben anders ist als die „Völker“ (הַגֹּויִֽם haggojim, die heidnischen Völker). Sie wollen dabei auch nicht Gottes Willen befragen, sondern sagen: „Gib uns einen König“, so als ob Samuel dies entscheiden könne. Ein König für das auserwählte Volk muss von Gott gewollt, berufen und eingesetzt sein. Sonst bringt auch die Salbung Samuels nichts.
Der Prophet hält Zwiesprache mit Gott und dieser entgegnet ihm, den Israeliten ihren Wunsch zu erfüllen (Gott wird durch ihn tatsächlich jemanden zum König salben). Sie werden einen König bekommen, der aber zum Tyrann wird. Es wird kein König „in Gottes Gnaden“ sein, sondern den Israeliten eine Lehre. „Wer nicht hören will, muss fühlen“ kündigt Samuel den Ältesten ganz deutlich an. Er warnt sie vor, dass sie Gott in seinem Heilsplan nicht unter die Arme greifen sollen. Er zählt viele Missstände auf, die sie erwarten wird (von Enteignung bis zur Sklaverei). Sie werden dann zu Gott schreien, aber er wird nicht eingreifen, denn SIE HABEN ES SICH SELBST EINGEBROCKT TROTZ DER WARNUNG. Es ist ihre FREIE ENTSCHEIDUNG, deren KONSEQUENZEN sie dann tragen werden.
Die Israeliten lässt es kalt und sie bleiben dabei: „Nein, ein König soll über uns herrschen. Auch wir wollen wie alle anderen Völker sein.“ Ihnen ist wichtiger, mit den umliegenden Völkern mithalten zu können. Ihnen ist wichtiger, was die anderen Völker von ihnen halten, als wie sie vor Gott dastehen.
Samuel hört auf sie. Das wird weitreichende Konsequenzen haben. Sie werden König Saul bekommen.
Diese Geschichte ist wieder einmal aktuell. Wie oft wollen wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen, weil uns Gott zu langsam ist. Dann stürzen wir uns in ein Abenteuer, das vorne und hinten nicht passt, uns von Gott wegführt und uns total unglücklich macht. Ich denke an so manche Beispiele in meinem Umfeld, die auf diese Weise bei der Suche nach einem Ehepartner kläglich gescheitert sind. Besagte Personen hatten es satt zu warten, bis Gott ihnen den richtigen Partner an die Seite stellt, und suchten sich selbst jemanden aus. Diese Partner waren aber überhaupt nicht für sie gemacht und doch heirateten sie sie. Ihnen war wichtiger, nicht mehr blöd dazustehen so als Single, als nach Gottes wunderbarem Heilsplan für sich zu fragen. So begannen sie ein unglückliches Eheleben und müssen nun ihr selbstgemachtes Kreuz tragen. Es war ihre freie Entscheidung.
Und so ist es auch mit den Israeliten zur Zeit Jesu. Sie wählen lieber Barabbas als Jesus – Bar abbas „Sohn des Vaters“, einen Gegenmessias, der lieber mit politischen Mitteln, mit Gewalt und aus eigener Kraft die Befreiung aus der „Knechtschaft“ der Römer erzwingen wollte. Sie fragten nicht nach Gottes Willen, sondern richteten sich nach ihrem eigenen Willen. Doch das Schöne ist: Auch dann kann Gott aus dem Fehler etwas Heilsames machen. Er kann eine schlechte Ehe zu einer guten Ehe erwachsen lassen, in der im Nachhinein eine Berufung entsteht. Er nimmt die Ablehnung der Juden am Karfreitag zum Anlass, die ganze Welt zu erlösen. Er nimmt auch die Meuterei der Israeliten bei Samuel zum Anlass, den wahren König vorzubereiten, nämlich König David. Wichtig ist, dann wirklich umzukehren. Denn das sind Zeiten der Gnade.

Ps 89
16 Selig das Volk, das den Jubelruf kennt, HERR, sie gehen im Licht deines Angesichts. 
17 Sie freuen sich allezeit über deinen Namen und sie jubeln über deine Gerechtigkeit. 
18 Denn du bist ihre Schönheit und Stärke, du erhöhst unsre Kraft in deiner Güte. 
19 Ja, dem HERRN gehört unser Schild, dem Heiligen Israels unser König. 

Der heutige Psalm greift das Königtum Gottes auf. Wir beten, dass das auserwählte Volk (הָ֭עָם ha’am) sich freuen kann, das den Jubelruf kennt (תְרוּעָה teru’ah heißt auch „Kriegsgeschrei“). „Im Licht deines Angesichts“ ist eine Umschreibung für den Stand der Gnade. Das auserwählte Volk hat den Segen Gottes, wenn es ihn stets lobt und preist, in seinem Namen jauchzt und Gottes Gerechtigkeit anerkennt. Das tun die Israeliten in der heutigen Lesung gerade nicht. Sie sind unzufrieden mit Gottes Wirken, weil er ihnen die ganze Zeit keinen menschlichen König an die Seite stellt. Sie wandeln nicht im „Licht seines Angesichts“, sondern nehmen die heidnischen Völker zum Vorbild. Sie loben und preisen nicht, sondern beschweren sich.
Dabei ist Gott „ihre Schönheit und Stärke“. Sie wollen einen König schließlich, damit dieser im Krieg vor ihnen herzieht. Die Macht und Stärke, die sie brauchen, speist sich aber aus der Gnade Gottes, die sie ablehnen. Sie verstehen das nicht. Hier im Psalm wird dies im Vers 18 deutlich gesagt: Schönheit, Stärke und Kraft kommen von Gott. Es ist also entscheidend, im Stand seiner Gnade zu sein, um all das zu erlangen, was sie sich wünschen. Er ist dann ihr „Schild“, ihre Verteidigung, weil ER ihr König ist.
Gott soll der Herrscher auch in unserem Leben sein. Wo wir seinen Geboten nicht folgen, begeben wir uns jenseits des Gnadenstroms, und zwar von uns aus, freiwillig. Er hat nur Pläne des Heils für uns, weshalb wir ihm ruhig vertrauen dürfen. Seine Gebote sind da, um uns zu befreien, nicht um uns einzuschränken. Aber auch wir kümmern uns mehr darum, was andere denken.
Dieser Gefahr ist auch die Kirche von heute ausgesetzt: Oft schauen wir in der Pastoral darauf, was die Menschen wollen, nicht darauf, was Gott will. Das hat Jesus schon damals aufs Schärfste verurteilt und zu Petrus gesagt: „Hinweg mit dir Satan, denn du hast nicht im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.“
Wir lesen im letzten Vers noch einen Hinweis, der messianische Bedeutung hat: der Titel „der Heilige Israels“. Dieser wird nämlich von den Dämonen aufgegriffen, wenn sie in Exorzismussituationen Jesu messianische Identität preisgeben. Jesus ist Gott und deshalb erhält er denselben Titel wie Gott Vater.

Mk 2
1 Als er nach einigen Tagen wieder nach Kafarnaum hineinging, wurde bekannt, dass er im Hause war. 

2 Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort. 
3 Da brachte man einen Gelähmten zu ihm, von vier Männern getragen. 
4 Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen den Gelähmten auf seiner Liege durch die Öffnung hinab. 
5 Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben! 
6 Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten in ihrem Herzen: 
7 Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott? 
8 Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr in euren Herzen? 
9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben! oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Liege und geh umher? 
10 Damit ihr aber erkennt, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben – sagte er zu dem Gelähmten: 
11 Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Liege und geh nach Hause! 
12 Er stand sofort auf, nahm seine Liege und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle in Staunen; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen.

Jesus zieht durch ganz Galiläa. So endete das gestrige Evangelium. Heute kehrt er nach Kafarnaum zurück. Es scheint eine Art „Basis“ in der Galiläamission zu sein. Die Menschen erfahren davon und versammeln sich erneut um seinen Aufenthaltsort. Dieser bleibt unbestimmt, aber wir können vermuten, dass es wieder das Haus des Petrus ist.
Es sind so viele Menschen anwesend, dass sie gar nicht ins Haus passen. Sie versammeln sich um das Haus, um „das Wort“ zu hören, das Jesus ihnen verkündet. Er selbst ist das fleischgewordene Wort, das vollständig umsetzt, was es verkündet.
Es ist so voll, dass man einen Gelähmten nebst Trage nicht durch die Tür bekommt. „Not macht erfinderisch“ und diese Menschen meinen es sehr ernst. Sie tun alles, um zu Jesus vorzudringen. Kurzerhand entfernen sie einen Teil des Daches, um Jesus zu erreichen. Sie unternehmen wirklich einiges, um zu Jesus kommen zu können. Dieser sieht, dass ihr Glaube groß ist.
Daraufhin sagt Jesus etwas Unerwartetes: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Die Anwesenden werden sehr irritiert reagiert haben. Erstens werden sie sich gewundert haben, warum Jesus einen Gelähmten nicht heilt, sondern über Sündenvergebung spricht, zweitens kann nur Gott die Sünden vergeben. Jesu Aussage ist also sehr provokativ.
Dementsprechend reagieren einige Schriftgelehrte auch mit Unmut und empfinden Jesu Worte als Blasphemie. Sie haben Jesu Gottheit nicht erkannt und reagieren deshalb so ablehnend. Jesus sieht ihr Herz und möchte sie lehren. Er erklärt ihnen, dass die Sündenvergebung schwieriger ist als die körperliche Heilung. Hier geht es um etwas Existenzielleres, nämlich um das ewige Leben.
Jesus möchte den Anwesenden zeigen, dass er der Messias ist, der Sünden vergeben kann. Er hat dazu die Vollmacht vom Vater erhalten. Dies ist wichtiger als alles andere, denn die Sünde schneidet uns von Gott ab, sodass wir das ewige Leben verlieren. Jesus geht es immer, wirklich immer zuerst um das Reich Gottes (so wie er es uns verkündet, lebt er es vor). Dann erst kommt als „Bonus“ körperliche Heilung – auch gerade dann, wenn diese vom seelischen Zustand des Betreffenden abhängt.
Jesus möchte diese Reihenfolge den Menschen verdeutlichen und heilt deshalb zunächst die Seele, die Gottesbeziehung des Gelähmten, und erst dann die Lähmung selbst.
Diese Heilung ist wirklich wörtlich zu nehmen. Bis heute heilt Jesus Menschen, auch Gelähmte. Ich habe selbst mit eigenen Augen gesehen, wie ein Mann, der einen Motorradunfall hatte und kaum beweglich war – also halb gelähmt – von einem Moment auf den anderen ganz gesund war. Er konnte sich wieder ganz bewegen. Dies geschah erst, nachdem er eine gute Beichte abgelegt hat. Es war genauso wie im heutigen Evangelium. Darüber hinaus können wir die Lähmung des Mannes auf moralischer Ebene betrachten, ohne die wörtliche zu entkräften: Die Sünde legt den Menschen lahm. Er kann nicht mehr gegen den Bösen ankämpfen, sondern ist eigentlich ein Fall für das Lazarett. Der Böse ist aber nicht so fair und verschont ihn, sondern macht den Menschen ja gerade so hilflos. Gott richtet uns auf, wenn wir das Sakrament der Versöhnung in Anspruch nehmen. Dann tut er mit unserer Seele genau das, was wir immer wieder von Jesus lesen: Er fasst uns bei der Hand und richtet uns auf. Wenn wir durch die Beichte wieder mit Gott versöhnt sind, sagt er zu uns „geh nach Hause“, das heißt zurück in die Gemeinschaft der Kirche. Und wenn wir im Stand der Gnade sterben, kann Gott auch uns am Ende unseres Lebens sagen: „Geh nach Hause“, nämlich zu ihm in sein himmlisches Reich.
Gerade mit Blick auf die anderen Lesungen des heutigen Tages ist hier noch etwas Wichtiges herauszustellen, nämlich warum die Sündenvergebung Priorität hat: Der Mensch kann nur dann „Frucht bringen“, ganz konkret sein Tun, seine Bitten etc., wenn er im Stand der Gnade ist. Der Gelähmte greift Gott im heutigen Evangelium nicht so unter die Arme wie die Israeliten bei Samuel. Er hat einen starken Glauben und tut alles für die Begegnung mit Jesus. Erst die Sündenvergebung bringt ihn wieder in den Stand der Gnade. Erst dann kann seine Bitte, geheilt zu werden, erfüllt werden. Jesus demonstriert heute, was er an anderer Stelle mit der Weinstockrede meint.

Bemühen auch wir uns stets um den Stand der Gnade, damit auch unsere Gebete Wirkung haben. Die Gemeinschaft mit Gott sollte immer unsere oberste Priorität darstellen, dann wird alles Andere auch gut werden.

Ihre Magstrauss