Montag der 2. Osterwoche

Apg 4,23-31; Ps 2,1-3.4-6.7-9; Joh 3,1-8

Apg 4
23 Nach ihrer Freilassung gingen sie zu den Ihren und berichteten alles, was die Hohepriester und die Ältesten zu ihnen gesagt hatten.
24 Als sie das hörten, erhoben sie einmütig ihre Stimme zu Gott und sprachen: Herr, du hast den Himmel, die Erde und das Meer geschaffen und alles, was sie erfüllt;
25 du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt: Warum tobten die Völker, warum machten die Nationen nichtige Pläne?
26 Die Könige der Erde standen auf und die Herrscher haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Christus.
27 Wahrhaftig, verbündet haben sich in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels,
28 um alles auszuführen, was deine Hand und dein Wille im Voraus bestimmt haben, dass es geschehe.
29 Doch jetzt, Herr, sieh auf ihre Drohungen und gib deinen Knechten, mit allem Freimut dein Wort zu verkünden!
30 Streck deine Hand aus, damit Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus!
31 Als sie gebetet hatten, bebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und sie verkündeten freimütig das Wort Gottes.

Heute hören wir davon, wie die Apostel sich nach ihrer Freilassung verhalten. Sie sind alles andere als eingeschüchtert. Sie berichten „den Ihren“, also den anderen Aposteln und Jüngern Jesu, von den Ereignissen.
Diese reagieren ganz vorbildlich – sie hadern nicht mit Gott oder verlieren den Glauben beim ersten Widerstand, sondern sie gehen damit sofort ins Gebet. Sie suchen den Kontakt zum Herrn und sprechen ganz im Psalmenstil, so wie sie es als fromme Juden gewohnt sind:
Dabei beginnen sie mit einem Lobpreis. Das ist nicht einfach zu überlesen oder zur Kenntnis zu nehmen, sondern wir müssen das ernst nehmen. Ganz unabhängig davon, wie es uns geht, was wir in unserem Leben durchmachen, Gott sei immer gelobt und gepriesen. Den Lobpreis schulden wir ihm immer! Dieser hängt nicht von unserem eigenen Befinden ab. Es gibt ja immer etwas, wofür wir ihm danken können, schon allein für die Existenz und für die Schöpfung. Und so beginnt ihr Gebet mit einem Lobpreis der Schöpfung Gottes.
Sie thematisieren daraufhin die Psalmen, die Gott König David eingegeben hat. Dabei zitieren sie den Beginn von Psalm 2, den sie auf ihre momentane Situation beziehen. Wir werden diesen Psalm nachher beten.
Der Psalm beginnt mit den Worten: „Warum toben die Völker, ersinnen die Nationen nichtige Pläne?“ Eigentlich geht es hier um die heidnischen Völker, die sich gegen Gott erheben (גֹויִ֑ם gojim). Umso schärfer ist die Kritik an jenen, die die Apostel haben festnehmen lassen. Sie benehmen sich, als ob sie Gott nicht kennen würden. Im zweiten Teil des Verses wird der Begriff וּ֝לְאֻמִּ֗ים ule’ummim gebraucht, wobei es keine bestimmte Einschränkung in „jüdisch“ und „nichtjüdisch“ umfasst. Es ist offen gehalten.
Auch den zweiten Vers dieses Psalms beten sie gemeinsam, wo es laut Apg heißt: „Die Könige der Erde standen auf und die Herrscher haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Christus.“ Es ist bemerkenswert, wie sie diese Psalmworte durch eine kleine Veränderung als erfüllt voraussetzen: Im Psalm selbst wird der Vers noch zukünftig gehalten, was wir an den hebräischen Verbformen erkennen können. Hier wird es nun als bereits geschehen formuliert. Wir sehen auch heute wieder, dass durch die Gabe des Hl. Geistes die Jünger Jesu Christi Dinge begreifen, die schon längst vorbereitet worden sind. Wie Jesus es ihnen angekündigt hat, erinnert der Geist Gottes sie an alles, was er gesagt und getan hat. Sie kombinieren dies mit der Hl. Schrift, mit den Verheißungen, den Ankündigungen und Warnungen des AT.
In Vers 27 wenden sie diese Psalmworte nun ganz explizit auf jene an, die für den Tod Christi verantwortlich sind: auf Pilatus, Herodes, die Nationen (die Heiden, also hier die Römer) und auf die Stämme (also die Juden, die „Kreuzige ihn!“ geschrien haben). Sie erkennen, dass die Geschehnisse um Christus herum eine einzige Auflehnung gegen Gott dargestellt hat. Dadurch, dass sie hier alles auf Christus beziehen, setzen sie voraus, dass die Anfeindungen gegen sich selbst eine logische Konsequenz der Anfeindung Christi sind. Schließlich folgen sie ihm nach und führen sein Evangelium weiter.
Was mit Christus passiert ist, musste geschehen. Jetzt nach dem Pfingstereignis begreifen die Apostel dies. Es musste so kommen, damit die universale Erlösung überhaupt erwirkt werden konnte.
Und dann formulieren sie Bitten, die überraschenderweise nichts von einer Schutzbitte erkennen lassen. Sie streben gar nicht die Verschonung ihres Lebens an. Sie gehen davon aus, ebenfalls in Gefahr zu geraten für die Botschaft, die Christus ans Kreuz gebracht hat. Was sie erbitten, ist das Wirken Gottes in Wort und Tat, damit so viele Menschen wie möglich zum Glauben an ihn kommen!
Sie bitten den Herrn nicht darum, das Leid von ihnen zu nehmen, sondern um Kraft, es tragen zu können! Sie beten um Freimut, ungetrübt das Evangelium Jesu Christi verkünden zu können.
Ihnen geht es zuerst um das Reich Gottes, wie es Christus geboten hat.
Als sie ihr kraftvolles Gebet beenden, bebt der Ort, an dem sie versammelt sind. Das ist ein Zeichen der Gegenwart Gottes. Sie werden mit dem Hl. Geist erfüllt und verkünden freimütig das Wort Gottes. Der Herr schenkt ihnen wirklich die Gnaden, die sie erbitten, weil sie in rechter Absicht bitten. Ihr Gebet ist ganz selbstlos und allein von der Verbreitung der frohen Botschaft bestimmt. Deshalb zögert Gott nicht, sie in Überfülle zu beschenken.

Ps 2
1 Warum toben die Völker, warum ersinnen die Nationen nichtige Pläne?
2 Die Könige der Erde stehen auf, die Großen tun sich zusammen gegen den HERRN und seinen Gesalbten:
3 Lasst uns ihre Fesseln zerreißen und von uns werfen ihre Stricke!
4 Er, der im Himmel thront, lacht, der HERR verspottet sie.
5 Dann spricht er in seinem Zorn zu ihnen, in seinem Grimm wird er sie erschrecken:
6 Ich selber habe meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg.
7 Den Beschluss des HERRN will ich kundtun./ Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.
8 Fordere von mir und ich gebe dir die Völker zum Erbe und zum Eigentum die Enden der Erde.
9 Du wirst sie zerschlagen mit eisernem Stab, wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern.

Nun beten wir diesen Psalm, den die Apostel angeschnitten haben.
Es ist noch zukünftig formuliert (die grammatikalische Form lässt beide Zeitformen zu – Präsens und Futur).
Das Thema ist die Auflehnung und das Spinnen von Intrigen gegen Gott. Die Heiden machen Pläne gegen Gott und meinen, dass sie sich mit ihm anlegen können, der der Allmächtige ist. Dabei sind es „nichtige Pläne“.
Die Mächtigen dieser Welt versuchen eine Rebellion gegen Gott und seinen Gesalbten. In Davids Fall müssen wir sagen, es handelt sich um nichtjüdische Völker, die Israel besiegen wollen, obwohl Gott und sein gesalbter König David sich nur besiegen können. Wir beziehen es durch die Apostelgeschichte aber auch auf den Gesalbten schlechthin, auf Christus, den Sohn Gottes. Nun sind es die Gegner Jesu in Jerusalem. Im weiteren Sinne muss diese Feindseligkeit aber auf die ganze Welt ausgeweitet werden, denn Christus ist für alle Menschen gestorben. Wer sich gegen ihn auflehnt, rebelliert gegen Gott. Das passiert jedesmal, wenn wir Menschen sündigen. Wir verletzen den Herrn und lehnen uns gegen ihn auf. Dann sind wir nicht besser als jene, die Jesus ans Kreuz gebracht haben. Deshalb sagen wir auch, dass Jesus all die Leiden für uns am Kreuz auf sich genommen hat.
Diese Auflehnung gegen Gott erreich globale Dimensionen. Am Ende der Zeiten wird er nur einmal kurz eingreifen müssen und ihr nichtiger Plan zerfällt wie Staub, fällt in sich zusammen wie ein mikriges Kartenhaus.
Es ist im Grunde lächerlich, dass kleine Menschlein, die Gott selbst geschaffen hat, sich nun mit ihm messen wollen und sich einbilden, ihn besiegen zu können. Gott kann nur lachen (Vers 4).
Dann wird er in seinem Zorn sprechen – es ist sein Eingreifen in die Ungerechtigkeit der Weltgeschichte. Er wird den Menschen vorhalten, was sie ignoriert und verkannt haben: seinen eigens eingesetzten König für Zion. Dies ist wörtlich erst einmal auf den König von Juda zu beziehen, David, den sich Gott selbst ausersehen hat. Gott wird den Menschen vorwerfen, dass sie ihn nicht geachtet haben. Und wir beziehen es im weiteren Sinne und in Erfüllung dieses irdischen Königtums auf Christus, den König des himmlischen Zion, dem Reiche Gottes! Ihn haben die Menschen verkannt, indem sie voller Spott die Kreuzestafel mit dem Vorwurf angebracht haben „König der Juden“, aber nicht geglaubt haben, dass er tatsächlich ein König ist – nicht nur irgendeiner, sondern der König der Könige!
Noch viel mehr als mit David ist Gott der Vater mit seinem Sohn Jesus Christus.
Von ihm kann er wirklich wortwörtlich sagen: „Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.“
Das „Heute“ ist ein entscheidendes Stichwort für die Ewigkeit. Bei Gott gibt es keine Zeit mehr. Diese ist eine irdische Kategorie, die Gott geschaffen hat (siehe Schöpfungsbericht in der Genesis durch die Himmelskörper und das Licht).
Der Sohn ist vor aller Zeit gezeugt worden, nicht geschaffen. Jesus ist wirklich der Sohn Gottes und somit ihm gleich. Das kann kein Geschöpf von sich sagen. Deshalb ist es mikrig, was die Menschen in Auflehnung gegen Gott alles versuchen…
Jesus kann von seinem Vater alles fordern, denn sie sind eins. Gott gibt ihm die Völker zum Erbe. Es meint die heidnischen Völker. Jesus werden sie aber nicht übergeben, um sie zu zerstören, sondern um sie zu Erben des Reiches Gottes zu machen! Er ist gekommen, damit jeder gerettet werde, bis zu den Enden der Erde!
Und wer bis zum Schluss Jesus ablehnt, der wird am Ende wie Ton zerschlagen. Das ist ein Bild für das Gericht Gottes. Gott nimmt die Menschen ernst. Wenn sie sich in aller Freiheit gegen ihn entscheiden, müssen sie die Konsequenzen ihrer Entscheidung tragen. Der eiserne Stab Christi ist ein Code für den Messias. Er wird auch bei den messianischen Verheißungen des Buches Jesaja aufgegriffen. Demnach wird der Messias mit eisernem Zepter herrschen.
Aus dem eisernen Stab wird mit der Zeit das zweischneidige Schwert. Es handelt sich nicht um ein echtes Schwert aus Metall, sondern um das Wort Gottes, das dadurch bildhaft ausgesagt wird. Christus herrscht mithilfe des Wortes Gottes. Was nicht gut ist am Menschen, wird dadurch zerschnitten und das ist schmerzhaft. Es schneidet dabei aber in die Seele ein, nicht in den Körper des Menschen. Das ist das Schmerzhafte daran.

Joh 3
1 Es war da einer von den Pharisäern namens Nikodemus, ein führender Mann unter den Juden.
2 Der suchte Jesus bei Nacht auf und sagte zu ihm: Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.
3 Jesus antwortete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von oben geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.
4 Nikodemus entgegnete ihm: Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Kann er etwa in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und noch einmal geboren werden?
5 Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
6 Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.
7 Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von oben geboren werden.
8 Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Im Evangelium wird uns von einem nächtlichen Gespräch erzählt, das Jesus mit einem Hohepriester des Hohen Rates geführt hat. Nikodemus ist „ein führender Mann unter den Juden“. Er ist Jünger Jesu, aber nur heimlich aufgrund seiner hohen Position.
Wir merken insgesamt, dass er in dem Gespräch die wichtigsten Dinge nicht begreift. Es ist wir ein Armutszeugnis für die religiöse Elite Israels zur Zeit Jesu. Und doch möchte der Mann Jesus verstehen und Jesus versucht alles, um ihm den Kern seiner Botschaft verständlich zu machen.
Warum hören wir dieses Gespräch in der Osterzeit? Wir haben in den letzten Tagen immer wieder realisiert, dass die einzig angemessene Reaktion auf das Osterereignis das Kommen zum Glauben an Christus sein kann. Es ist die Bejahung und das Eingehen des Neuen Bundes mit Gott, den Christus am Kreuz besiegelt hat. Und dies geschieht durch das Sakrament der Taufe. Deshalb hörten wir bereits viele Passagen aus der Apostelgeschichte, die die vielen Taufen direkt nach der Gabe des Hl. Geistes schildert.
Schauen wir uns das Gespräch im Einzelnen an:
Nikodemus bekennt zu Anfang des Dialogs, dass er an den göttlichen Ursprung Christi glaubt. Er erkennt an, dass dessen Heilstaten dies beweisen. Er zeigt dadurch, dass er anders ist als die anderen Männer des Sanhedrin. Er lässt sich auf Christus ein und setzt sich mit allem auseinander.
Jesus sagt ihm daraufhin einen wichtigen Satz, den er gründlich missversteht:
„Wenn jemand nicht von oben geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Was Jesus damit meint, ist die Wiedergeburt aus dem Hl. Geist, die durch die Taufe erwirkt wird. Dann werden wir nämlich zu Erben eingesetzt in seinem Reich. Neugeboren zu so einem geistlichen Leben haben die Menschen erst die Chance auf das Himmelreich. Es ist ein Wort, dass Christus nicht nur zu Nikodemus sagt, sondern auch zu uns, die wir manchmal vergessen, was für ein Geschenk uns durch die Taufe geschenkt worden ist. Es gilt auch jenen, die nicht getauft sind und meinen, dass sie es nicht nötig hätten.
Nikodemus versteht es wie gesagt falsch, denn er nimmt die Worte Jesu wörtlich: Natürlich kann ein erwachsener Mensch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren. Das ist natürlich unmöglich. Jesus meint ja eine geistliche Wiedergeburt, keine erneute Geburt aus dem Fleisch.
Diese Unterscheidung versucht er nun, Nikodemus klarzumachen:
Die Geburt, die Jesus meint, ist aus dem Wasser und dem Geist. Es ist das lebendige Wasser, das durch das Taufwasser symbolisiert wird und den Antitypos der Urflut sowie der Sintflut darstellt, ebenso einen Antitypos zum Roten Meer, durch das die Israeliten beim Auszug aus Ägypten gezogen sind.
Der Geist Gottes ist den Menschen an Pfingsten gegeben worden, sodass sie zu neuen Menschen geboren worden sind. Ein besonders eindrückliches Beispiel stellt Petrus dar. Wir sehen, dass der alte Petrus am See von Tiberias ein komplett anderer Petrus ist als jener, der am Pfingsttag durch seine brennende Rede 3000 Menschen zur Taufe geführt hat.
Besonders in Vers 6 macht Jesus den Unterschied klar, dass wer aus dem Fleisch geboren ist, Fleisch ist und wer aus dem Geist geboren ist, Geist ist. Mit „Fleisch“ und „Geist“ ist mehr gemeint als wirklich nur das Fleisch des Menschen. Es ist ein Stichwort, das ganz nach biblischem Stil den ganzen Menschen meint, seine gefallene Natur durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares. Wer aus dem Fleisch geboren ist, also in diese Welt auf biologische Weise eingegangen ist, unterliegt noch dieser sündigen Natur. Gott hat alles gut geschaffen und die Welt ist sein Werk. Aber durch die Sünde hat der Mensch die gute Schöpfung Gottes pervertiert. Dieses Gefallene ist hier mit „Fleisch“ gemeint, sodass man sich vor einer leibfeindlichen Interpretation hüten muss.
Mit Geist ist der Hl. Geist gemeint, der das ewige Leben schenkt und die Sphäre Gottes kennzeichnet.
Wer aus dem Geist geboren ist, lebt schon mit Blick auf dieses ewige Leben. Er ist vom Geist erfüllt, der im inneren Tempel Wohnung nimmt. Dieser kann wieder abhanden kommen, wenn der Mensch in Todsünde fällt, doch Gott ist so barmherzig, dass er durch das Sakrament der Versöhnung die Möglichkeit der Rückkehr zur Taufgnade schenkt.
Mit Geist ist nicht die Seele des Menschen gemeint, die ja unsterblich ist. Diese ist dem Menschen ja schon durch die biologische Geburt eingegeben. Es meint vielmehr den Hl. Geist, der einen erfüllt.
Moralisch heißt das, dass wir Menschen ohne den Blick auf die Ewigkeit, materialistisch und atheistisch leben, wenn wir „fleischlich“ leben. Wenn wir aber unser ganzes Leben auf die Ewigkeit ausrichten und uns stets bewusst machen, dass unser jetziges Leben Auswirkungen auf die Ewigkeit hat, dann leben wir „geistlich“.
Jesus sagt zu Nikodemus: „Wundere dich nicht“, doch ob der Pharisäer Jesu Erläuterung wohl verstanden hat? „Von oben geboren werden“ meint, vom Himmel her, der aber nicht das Gewölbe über einem meint, sondern die Sphäre Gottes.
Wir werden nie so sein wie Christus, der als einziger wirklich von Gott vor aller Zeit gezeugt worden ist. Wir bleiben Geschöpfe Gottes. Dieser Einwand ist hier klar zu benennen, denn es gibt genug Strömungen auch in katholischen Kreisen, die diese Grenze kühn zu überschreiten versuchen…
Zum Schluss führt Jesus deshalb einen Vergleich an, bei dem er den Hl. Geist mit dem Brausen des Windes vergleicht: Dieser weht, wo er will. Mein weiß nicht, woher er kommt und wohin er geht.
So ist es mit dem geistlichen Menschen, das heißt dem Getauften. Er hat weder einen irdischen Ursprung noch ein irdisches Ziel. Seine Herkunft ist Gott und sein Ziel ist Gott. Wir denken an Melchisedek, den Typos Christi. Schon von ihm ist dies alles nicht bekannt, was uns einen Hinweis auf seine Geistlichkeit gibt. Christus selbst hat seinen Ursprung in Gott und ebenso sein Ziel, auch wenn er selbst als Gott noch einmal zu unterscheiden ist von uns Getauften. Es sind wichtige Gedanken zum übernatürlichen Leben, das wir als dennoch Irdische begehen. Es ist eine Spannung, die deshalb durch den Grundsatz getragen wird „in dieser Welt, doch nicht von dieser Welt“.
Die „Welt“ meint dabei immer die gefallene Welt, die nicht auf die Ewigkeit ausgerichtet ist.

Diese Welt ist geprägt von der Auflehnung gegen Gott und seinen Gesalbten. Davon hörten wir bereits in der Lesung und im Psalm. Es geht auch nicht anders. Die Welt steht unter dem Einfluss des Widersachers. Er ist entmachtet, aber es bleibt ihm gewisse Macht, die Menschen von Gott wegzuziehen. Seine Versuche sind lächerlich, weil auch er nur Geschöpf ist so wie die Menschen, die seine Marionetten sind. So ist aber verständlich, warum die „Welt“ zum Gegensatz des Geistes Gottes wird. Wo wir die Widerstände erfahren, müssen wir umso mehr um den Beistand Gottes bitten. Mit ihm in uns können wir nur gewinnen, denn es ist Gott, der gegen den Bösen den Kampf austrägt. Damit die Menschen nicht mehr Marionetten des Bösen sind, muss es unser Anliegen sein, alle Menschen zu Jüngern Jesu zu machen, das heißt sie zur Wiedergeburt im Hl. Geist führen wie Petrus. Die Taufe ist heilsnotwendig.

Hadern wir nicht mit Gott und seien wir uns selbst nicht zu schade, mit den Mitteln, die uns der Geist geschenkt hat, Christus mutig zu bekennen. An uns soll die Osterfreude und das Wirken des „brausenden Windes“ ablesbar sein.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 5. Woche der Fastenzeit

Dan 3,14-21.49.91-92.95; Dan 3,52.53.54.55.56; Joh 8,31-42

Dan 3
14 Nebukadnezzar sagte zu ihnen: Ist es wahr, Schadrach, Meschach und Abed-Nego: Meinen Göttern dient ihr nicht und das goldene Standbild, das ich errichtet habe, verehrt ihr nicht?
15 Nun, wenn ihr bereit seid, sobald ihr den Klang der Hörner, Pfeifen und Zithern, der Harfen, Lauten und Sackpfeifen und aller anderen Instrumente hört, sofort niederzufallen und das Standbild zu verehren, das ich habe machen lassen, ist es gut; verehrt ihr es aber nicht, dann werdet ihr noch zur selben Stunde in den glühenden Feuerofen geworfen. Wer ist der Gott, der euch retten könnte aus meiner Hand?
16 Schadrach, Meschach und Abed-Nego erwiderten dem König Nebukadnezzar: Wir haben es nicht nötig, dir darauf zu antworten:
17 Siehe, unser Gott, dem wir dienen, er kann uns retten. Aus dem glühenden Feuerofen und aus deiner Hand, König, wird er uns retten.
18 Und wenn nicht, so sei dir, König, kundgetan, dass wir deinen Göttern nicht dienen und das goldene Standbild, das du errichtet hast, nicht verehren.
19 Da wurde Nebukadnezzar wütend; sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn über Schadrach, Meschach und Abed-Nego. Er ließ den Ofen siebenmal stärker heizen, als man ihn gewöhnlich heizte.
20 Dann befahl er, einige der stärksten Männer aus seinem Heer sollten Schadrach, Meschach und Abed-Nego fesseln und in den glühenden Feuerofen werfen.
21 Da wurden die Männer, wie sie waren – in ihren Mänteln, Röcken und Mützen und den übrigen Kleidungsstücken – gefesselt und in den glühenden Feuerofen geworfen.
49 Aber der Engel des HERRN war zusammen mit Asarja und seinen Gefährten in den Ofen hinabgestiegen. Er trieb die Flammen des Feuers aus dem Ofen hinaus
91 Da erschrak der König Nebukadnezzar; er sprang auf und fragte seine Räte: Haben wir nicht drei Männer gefesselt ins Feuer geworfen? Sie gaben dem König zur Antwort: Gewiss, König!
92 Er erwiderte: Ich sehe aber vier Männer frei im Feuer umhergehen. Sie sind unversehrt und der vierte sieht aus wie ein Göttersohn.
95 Da rief Nebukadnezzar aus: Gepriesen sei der Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos. Denn er hat seinen Engel gesandt und seine Diener gerettet. Im Vertrauen auf ihn haben sie lieber den Befehl des Königs missachtet und ihr Leben dahingegeben, als dass sie irgendeinen anderen als ihren eigenen Gott verehrten und anbeteten.

Heute hören wir aus dem Buch Daniel davon, wie die Freunde Daniels verbrannt werden sollen. Das ganze Geschehen findet zur Zeit des babylonischen Exils statt. Der Babylonierkönig Nebukadnezzar hat ein Standbild anfertigen lassen und erwartet von allen Bewohnern seines Reiches dessen uneingeschränkte Anbetung. Er erwartet dies auch von den dort lebenden Juden. So wird ihm schnell zugetragen, als die Freunde Daniels Schadrach Meschach und Abed-Nego seinem Befehl nicht Folge leisten, auch die babylonischen Götter nicht verehren.
So werden sie ihm vorgeführt und er stellt sie vor die Wahl: Entweder sie führen beim Schall der Anbetungsmusik die Proskynese vor dem Standbild aus oder sie müssen im glühenden Feuerofen sterben.
Ohne zu zögern erwidern die drei Männer dem König, dass ihr Gott sie aus der Hand des Königs und aus dem Feuerofen erretten werde, wenn es sein Wille ist. Andernfalls sei es ein Zeichen für den König, dass das Sterben besser sei als der Hochverrat an ihrem Gott.
Nebukadnezzar wird wütend und lässt den Ofen übermäßig stark heizen, nämlich siebenmal stärker als sonst. Dann werden die drei Männer komplett bekleidet in den Ofen geworfen, wo sie aber nicht verbrennen, sondern frei umhergehen. Auch sieht der König über die drei Männer hinaus noch eine Engelsgestalt im Ofen („sieht aus wie ein Göttersohn“). Wir müssen es uns so denken, dass Gott den Männern einen beistehenden Engel gesandt hat, der sie in dieser Notlage unterstützt. So ist der Herr. Wenn wir ihm zuliebe unseren Kopf hinhalten, dann lässt er uns nicht im Stich, sondern gibt uns die Kraft durchzuhalten.
Dieses Zeichen der Unbeschadetheit und auch der vierten Person lässt den König zur Einsicht kommen, dass der Gott der Juden stärker ist. Er ruft ihm sogar einen Lobpreis aus! So ist er zum Anbeter geworden und nicht die drei Freunde Daniels.
Das ist höchstaktuell. Wenn wir Einflüsse anderer Religionen um uns herum bemerken, heißt das nicht, dass wir irgendwen hasserfüllt behandeln oder sogar verfolgen sollen. Dennoch sollen wir bei allem friedlichen Zusammenleben bei unserem Glauben bleiben und auch offen bekennen. Wir können nicht um des friedlichen Zusammenlebens willen unseren eigenen Glauben aufgeben und unseren Gott betrügen, dem wir durch die Taufe die Treue versprochen haben. Und wenn es ernst wird, sollen wir ihn bis aufs Blut bezeugen – unser eigenes Blut! Diese Hingabe wird die anderen so sehr berühren, dass sie Gott die Ehre geben werden. Das ist die größte Mission, die es gibt. Dann wird der Andere durch unsere konsequent gelebte Liebe positiv beeinflusst. So soll es sein und nicht die nachlassende Liebe des Christen mit falschen Kompromissen.

Dan 3
52 Gepriesen bist du, HERR, du Gott unserer Väter, gelobt und gerühmt in Ewigkeit. Gepriesen ist dein heiliger, herrlicher Name, hochgelobt und verherrlicht in Ewigkeit.
53 Gepriesen bist du im Tempel deiner heiligen Herrlichkeit, hoch gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.
54 Gepriesen bist du, der in die Tiefen schaut und auf Kerubim thront, gelobt und gerühmt in Ewigkeit.
55 Gepriesen bist du auf dem Thron deiner Herrschaft, hoch gerühmt und gefeiert in Ewigkeit.
56 Gepriesen bist du am Gewölbe des Himmels, gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.

Statt eines Psalms beten wir heute als Antwort auf die Lesung einen Ausschnitt aus dem Lobpreis der Männer im Feuerofen. Dieses kraftvolle Gebet ist es, das die Männer vor den Flammen gerettet hat zusammen mit ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen:
Die Verse beginnen jeweils mit „gepriesen bist du“ und enden mit Wendungen wie „gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit“ oder „gelobt und gerühmt in Ewigkeit“. Der Abschluss mit dem Begriff der Ewigkeit ist eine gängige Abschlussformel jüdischer Gebete. Im heutigen Abschluss preisen die Männer den Gott ihrer Väter, der an verschiedenen Orten gedacht wird, also als allpräsenten Gott: Er ist gepriesen im Tempel der heiligen Herrlichkeit. Das ist sehr tiefsinnig. Historisch-wörtlich ist es auf den ersten Blick ausgeschlossen, denn zur Zeit, als die Männer im Feuerofen Lobpreis machen, ist der Tempel in Jerusalem zerstört. Es gibt also keinen Tempel mehr auf Erden, in dem Gottes Herrlichkeit wohnt. Wenn wir aber einen zweiten Blick darauf werfen und in der Originalsprache lesen (dieser Lobpreis ist nur auf griechisch verfasst, nicht auf Hebräisch), dann sehen wir ein Partizip für „gepriesen sein“. Partizipien dienen der Zeitlosigkeit bzw. übergreifenden Zeitspanne. So ergibt ihr Lobpreis auch auf wörtlicher Ebene Sinn, denn es spielt keine Rolle, ob der Tempel jetzt gemeint ist oder der vergangene oder zukünftige Tempel, den sie sich als Juden natürlich erhofft haben. Über diesen wörtlichen Sinn hinaus lesen wir hier schon die christologische Bedeutung. Wir erkennen den Einfluss des Hl. Geistes bei den Worten der Männer: Gepriesen sei Gott, der im Tempel seiner Herrlichkeit Mensch geworden ist! Dieser Tempel ist die Jungfrau Maria und so ist es ein Lobpreis an Christus. Wir lesen es auch ekklesiologisch weiter als Preisung der Gegenwart Gottes im allerheiligsten Sakrament. Die Kirche wird somit zum neuen „Tempel seiner Herrlichkeit“. Es liest sich auch moralisch als Lobpreis Gottes, der in uns wohnt, nämlich im Tempel der Herrlichkeit unserer Seele! Und schließlich wird es im Feuerofen der Endzeit, wenn der Antichrist auf dem Höhepunkt seiner Macht sein wird, aber nichts ausrichten kann, der letzte Lobgesang irdischer Bedrängnis. Dann werden wir Gott preisen, der im himmlischen Tempel seiner Herrlichkeit wohnt.
Die Männer preisen Gott auch als den, der auf die Tiefen schaut und auf Kerubim thront. Gott ist nicht einfach irgendwo weit weg und gleichgültig unserer irdischen Bedrängnis gegenüber. Er ist ein solidarischer Gott, der tagtäglich zürnt, wie wir vor einigen Tagen bedacht haben – ja, er reagiert auf jede Ungerechtigkeit auf die angemessenste Weise. Er hört jeden Klageschrei seiner geliebten Kinder und er begleitet sie auf all ihren Wegen. Und doch ist er der Höchste, der auf Kerubim thront. Das ist ein Bild für seine Herrschaft. Sie sind es, die ihn ohne Ende preisen und ihn deshalb bildhaft gesprochen auf den Thron heben. Dieses Bild schauen viele Propheten im Alten Testament und es wird auch in der Johannesoffenbarung aufgegriffen, wo die Engelscharen Gott ohne Ende loben und preisen.
„Gepriesen bist du auf dem Thron deiner Herrschaft“ – auch hier könnten wir uns stundenlang aufhalten. Es meint nicht nur Gott, der Himmlische, der auf dem Thron sitzt. Es meint auch den Thron der Herrschaft, den Jesus mit seiner Menschwerdung, seinem Leiden, Tod und seiner Auferstehung bestiegen hat. Wir beten im Glaubensbekenntnis, dass Jesus zur Rechten Gottes des Vaters sitzt und von dort wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Er ist es, der auch in unserem Leben auf dem Thron sitzt, da wir mit ihm den Taufbund eingegangen sind. Er ist die Nummer eins in unserem Leben, so herrscht er dort als König. Und wenn wir im Stand der Gnade sterben, werden wir vor Gottes Thron kommen, um auf ewig dort zu bleiben. Dann wird dieser Lobpreis unsere dauerhafte Tätigkeit sein.
„Gepriesen bist du am Gewölbe des Himmels“ – Gott ist zunächst der ganz Andere. Er ist Geist. Er ist transzendent. Für die Juden ist das ganz wichtig und so grenzt Gott sich von den Götzen der anderen Völker ab. Diese sind Geschöpfe oder bestehen aus geschaffenem Material wie Holz, Stein, Gold, Silber etc. Sie sind Teil der Schöpfung und stehen nicht über ihr. So entlarven sie sich selbst als Götzen, als Nichtigkeiten. Als der Mensch soweit war, diese absolute Transzendenz zu verstehen, ist Gott Mensch geworden. Ein neues Kapitel hat sich aufgetan, sodass Gott, der ganz und gar von seiner Schöpfung verschieden ist, sich ganz klein gemacht hat. Er wollte bei den Menschen wohnen und so um seine Braut werben. Als er alles vollbracht hat, ist er mit Leib und Seele heimgekehrt zum Vater.
Der heutige Lobpreis ist sehr tiefgründig und auch nur ein kleiner Abschnitt. Es lohnt sich, einmal das gesamte Gebet zu betrachten und auch regelmäßig zu beten! Es ist ein kraftvolles Gebet zur Abwehr des Bösen auch in heutiger Zeit!

Joh 8
31 Da sagte er zu den Juden, die zum Glauben an ihn gekommen waren: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger.
32 Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.
33 Sie erwiderten ihm: Wir sind Nachkommen Abrahams und sind noch nie Sklaven gewesen. Wie
kannst du sagen: Ihr werdet frei werden?
34 Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde.
35 Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; nur der Sohn bleibt für immer.
36 Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei.
37 Ich weiß, dass ihr Nachkommen Abrahams seid. Doch ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort in euch keine Aufnahme findet.
38 Ich sage, was ich beim Vater gesehen habe, und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt.
39 Sie antworteten ihm: Unser Vater ist Abraham. Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr Kinder Abrahams wärt, würdet ihr die Werke Abrahams tun.
40 Jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der euch die Wahrheit verkündet hat, die ich von Gott gehört habe. So hat Abraham nicht gehandelt.
41 Ihr vollbringt die Werke eures Vaters. Sie entgegneten ihm: Wir stammen nicht aus Unzucht, sondern wir haben nur den einen Vater: Gott.
42 Jesus sagte zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, würdet ihr mich lieben; denn von Gott bin ich ausgegangen und gekommen. Ich bin nicht von mir aus gekommen, sondern er hat mich gesandt.

Das heutige Evangelium setzt an dem gestrigen an. Wir hören die Fortsetzung des Streitgesprächs Jesu mit den Juden in Jerusalem, nachdem er einen Mann von seiner Lähmung geheilt hat.
Gestern sprach er über seine eigene Erhöhung und so kamen viele Menschen zum Glauben an ihn durch den sich schließenden Kreis.
Heute spricht Jesus jene gläubig gewordenen Menschen an: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger.“ Sie sind zu seinem Wort gekommen, aber das kann nicht das Ende sein. Sie müssen diese Beziehung nun aufrechterhalten. Es ist ein Aufruf zu einem Leben der treuen Nachfolge. Sein Wort ist er selbst, das fleischgewordene Wort Gottes. In ihm zu bleiben ist johanneische Sprache für den Stand der Gnade. Seine Jünger sind auch wir heute nicht nur dadurch, dass wir getauft sind, sondern dass wir diesen Taufbund treu leben. Denn die Erbschaft der Taufe können wir durch ein unwürdiges Leben wieder verspielen.
„Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.“ – Dieser Vers ist so tiefgründig und vielschichtig, dass wir an dieser Stelle betrachtend einhalten müssen: Jesus spricht dies zu den gläubig gewordenen Juden. Sie werden dies zukünftig tun, obwohl sie ja jetzt schon die Wahrheit erkannt haben, sonst wären sie nicht gläubig geworden. In Zukunft werden sie es noch anders tun, nämlich bei der Taufe, die sie empfangen werden, wenn Jesus zum Vater heimgekehrt und seine Kirche durch den Hl. Geist zum Leben erweckt hat. Dann wird diese Wahrheit, die sie auf noch umfassendere Wahrheit erkennen, nämlich wenn Jesus gestorben und wieder auferstanden ist, wenn sie die Osterbotschaft als die Wahrheit erkennen werden. Dann werden sie sie gläubig annehmen und sich taufen lassen. Durch diesen sakramentalen Bundesschluss wird die Wahrheit, die Jesus selbst ist, die Getauften befreien – nämlich aus ihrer Sünde. So wird ihnen die Aussicht auf das Himmelreich ermöglicht, doch sie müssen entsprechend leben (wie Jesus zu Anfang gesagt hat). Dieser Vers ist zu allererst auf seine Mutter zu beziehen: Sie war nämlich die Erste, die die Wahrheit erkannt hat, die Gott ist. Sie hat sie so „erkannt“, dass sie von ihm schwanger geworden ist (erkennen umschreibt in biblischer Sprache auch immer den Geschlechtsakt). Sie hat durch den Hl. Geist die Wahrheit erkannt, die in ihr als Mensch herangewachsen ist. So ist sie der Archetyp der erlösten Menschheit. Sie gehört zur neuen Schöpfung, die Gott zum ewigen Leben befreit hat. Sie ist dies auf besondere Weise, denn sie ist es von Anbeginn ihres Lebens.
So wie sie werden auch wir zum ewigen Leben befreit, wenn wir die Wahrheit erkennen. Sie befruchtet uns zwar nur auf geistige Weise, aber doch ist es eine Empfängnis, deren Früchte wir am Ende unseres Lebens ernten werden. Gebe Gott, dass es gute Früchte sind!
Dieser Vers ist auch moralisch zu betrachten: Wir Menschen werden die Wahrheit seiner Gebote erkennen und diese so verinnerlichen, dass es uns immer leichter fällt, sie ganz umzusetzen. Dann wird diese Wahrheit, die Jesus Christus selbst ist, uns schon in diesem Leben frei machen, was wir den Stand der Gnade nennen. Wir sind frei, weil wir immer weniger Sklaven unserer Sünde sind. Dann handelt es sich um eine innere Freiheit, die aus 100% Gnade und 100% Tugend besteht. Sie ergibt sich aus dem wunderbaren Teamwork des Hl. Geistes in uns und unserer eigenen Fähigkeiten.
Schließlich können wir diese Worte Jesu auf anagogische Weise deuten: Spätestens am Ende unseres Lebens werden wir die Wahrheit erkennen, weil wir den Herrn sehen werden, wie er ist (1 Joh 3,2).
Dann wird er uns zu einem neuen Leben befreien in seinem Reich, wenn wir bis dahin standhaft im Glauben geblieben sind. Dann ist es wahrhaft „vom Glauben zum Schauen.“ Dieses Erkennen wird am Ende der Zeiten ein ultimatives und endgültiges Erkennen für alle sein – für die einen ein erlösendes, für die anderen ein schmerzhaftes. Befreiend wird es für jene sein, die Gott bis dahin angenommen haben, schmerzhaft und ewig fesselnd für jene, die ihn bis zum Schluss abgelehnt haben.
Die Juden verstehen diese Sklaverei noch nicht, in der sie sich befinden. Deshalb fragen sie Jesus auch, wie er sie befreien will, wenn ihre konkrete Generation in Freiheit lebt (die Fremdherrschaft der Römer wird wohl nicht als Sklaverei, sondern als Vasallentum verstanden, dennoch gibt es Freiheitskämpfer, die als Zeloten bezeichnet werden).
Jesus erklärt es ihnen geduldig, indem er die Sklaverei als eine Gefangenschaft der Sünde erläutert.
Jesus geht noch weiter und erklärt, dass er als Sohn des Hauses wirklich umfassend befreien kann, weil er ewig im Haus bleibt. Dies ist bildhaft gemeint für das Reich Gottes, in dem er der Sohn ist. Er ist ewig dort beim Vater. So kann Jesus wirklich umfassend befreien und erlösen, sodass die Sklaven der Sünde zu Kindern im Hause Gottes werden können. Dies betrifft nicht erst die Endzeit, sondern wird sakramental mit der Kirche vorweggenommen, in welcher die Getauften zu Kindern Gottes wiedergeboren werden.
Jesus sagt den Juden, die ihm nicht gutgesinnt zu, dass sie Kinder Abrahams sind, denn sie sind ja ins Judentum hineingeboren. Doch er entlarvt auch ihre bösen Absichten, ihn zu töten, weil sie sein Wort nicht annehmen. Sie nehmen damit ihn selbst nicht auf, wodurch sie sich unfruchtbar für das Reich Gottes machen.
Jesus betont noch einmal, dass alles, was er sagt und tut, Zeugnis für den Vater ist. Er verkündet, was er beim Vater gesehen hat. Die Juden sagen dagegen nur: „Unser Vater ist Abraham.“ Jesus wendet sein Selbstzeugnis nun auf sie an und sagt: Wärt ihr Kinder Abrahams, würdet ihr auch seine Werke tun. Abraham steht für einen absoluten Glaubensgehorsam. Sie sind dagegen weder gläubig noch gehorsam. Sie nehmen Gottes Willen und Botschaft nicht an. Stattdessen wollen sie ihn mundtot machen. Er stellt heraus, dass sie nicht wie ihr Stammvater Abraham handeln. So ändern sie die Strategie und sagen: „Wir stammen nicht aus Unzucht, sondern wir haben nur den einen Vater: Gott.“ Doch auch hier stellt Jesus richtig: „Wenn Gott euer Vater wäre, würdet ihr mich lieben; denn von Gott bin ich ausgegangen und gekommen. Ich bin nicht von mir aus gekommen, sondern er hat mich gesandt.“ Jesus ist der Sohn Gottes und eins mit dem Vater. Er offenbart durch sein Sprechen, Handeln und Sein den Vater. Würden die Juden diesen wirklich zum Vater haben, würden sie auch ihn lieben, der der göttliche Sohn des Vaters ist.

Die heutigen Lesungen haben uns vieles gelehrt von Gottvertrauen und Glauben, von den Anfeindungen derer, die im Gegensatz zu den Gläubigen das Wort Gottes nicht in sich aufnehmen, egal ob Juden oder babylonischer König. Nebukadnezzar hat durch die unerschütterliche Treue der drei Männer im Feuerofen den Gott Abrahams anerkannt. Die Juden zur Zeit Jesu tun es ihm jedoch nicht gleich bzw. muss Jesus sterben, damit sich viele zu ihm bekennen und die Wahrheit erkennen. Er wird nicht verschont wie die Männer im Feuerofen. Dafür hat er die Erlösung für alle Menschen erwirkt. Danken wir ihm und preisen wir Gott für seine übergroße Liebe mit den Worten Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos!

Ihre Magstrauss

Freitag der 3. Woche der Fastenzeit

Hos 14,2-10; Ps 81,6c-8b.8c-9.10-11b.14 u. 17; Mk 12,28b-34

Hos 14
2 Kehr um, Israel, zum HERRN, deinem Gott! Denn du bist zu Fall gekommen durch deine Schuld.

3 Nehmt Worte der Reue mit euch, kehrt um zum HERRN und sagt zu ihm: Nimm alle Schuld hinweg und nimm an, was gut ist: Anstelle von Stieren bringen wir dir unsere Lippen dar.
4 Assur kann uns nicht retten, wir wollen nicht mehr auf Pferden reiten und zum Machwerk unserer Hände sagen wir nie mehr: Unser Gott. Denn nur bei dir findet ein Waisenkind Erbarmen.
5 Ich will ihre Untreue heilen und sie aus freiem Willen wieder lieben. Denn mein Zorn hat sich von Israel abgewandt.
6 Ich werde für Israel da sein wie der Tau, damit es sprosst wie die Lotosblüte und seine Wurzeln schlägt wie der Libanon.
7 Seine Zweige sollen sich ausbreiten, sodass seine Pracht wie die des Ölbaums wird und sein Duft wie der des Libanon.
8 Die in seinem Schatten wohnen, bauen wieder Getreide an und sie sprossen wie der Weinstock, dessen Wein so berühmt ist wie der Wein vom Libanon.
9 Efraim, was habe ich noch mit den Götzen zu tun? Ich, ja, ich habe ihm geantwortet und achte auf ihn: Ich bin wie der grünende Wacholder, an mir findest du reiche Frucht.
10 Wer weise ist, begreife dies alles, wer klug ist, erkenne es. Ja, die Wege des HERRN sind gerade; die Gerechten gehen auf ihnen, die Treulosen aber kommen auf ihnen zu Fall.

Heute hören wir als Kern der Lesung wie so oft in der Fastenzeit den Aufruf zur Umkehr. Die Propheten Israels haben zumeist die Aufgabe, Gottes Umkehrappell an sein auserwähltes Volk zu richten. Deshalb hören wir viele prophetische Lesungen in der Fastenzeit. Heute hören wir vom Propheten Hosea: „Kehr um, Israel, zum HERRN, deinem Gott! Denn du bist zu Fall gekommen durch deine Schuld.“ Dies sagt er auch uns zu, die wir uns immer wieder vor Gott versündigen. Und weil wir jeden Tag sündigen, müssen wir auch jeden Tag neu umkehren.
„Nehmt Worte der Reue mit euch“ – das ist schon fortschrittlich, denn es ist oft so, dass stattdessen Tieropfer dargebracht werden, um Gott zu besänftigen. Stattdessen schaut Hosea auf die Beziehungsebene Gottes mit den Israeliten. Er fordert die Israeliten auf, sich zu entschuldigen wie nach einem Streit in einer Beziehung. Er gibt sogar die Worte vor: „Anstelle von Stieren bringen wir dir unsere Lippen dar.“ Er trifft es genau. Der Bundesschluss bringt eine Beziehung mit sich, die gepflegt werden muss.
Offensichtlich besteht die Sünde im freundschaftlichen Umgang mit Assur und der entsprechenden Götzen. Israel ist den assyrischen Gottheiten verfallen, was wir an der Wendung „Machwerk unserer Hände“ erkennen können. Es ist ironisch, wie Israel mit den Assyrern anbandelt, obwohl es dann zum assyrischen Vasallen werden sollte, gewiss mit bestimmten Rechten, aber vor allem unfrei.
Hosea hat eine gute Nachricht für die Israeliten, wenn sie so die Beziehung zu Gott kitten möchten. Er sagt seinem Volk nämlich zu: „Ich will ihre Untreue heilen und sie aus freiem Willen wieder lieben. Denn mein Zorn hat sich von Israel abgewandt.“ Gott möchte barmherzig sein und seinem Volk vergeben.
Er hat noch weitere Verheißungen für sein Volk, die Hosea übermittelt: „Ich werde für Israel da sein wie der Tau“ – Das heißt, er sorgt dafür, dass das Volk mit Feuchtigkeit versorgt wird. Es ist ein Zeichen von Segen, genauso wie der Regen. Wir erinnern uns einerseits an den Messias, der wie Tau auf die Erde herabkommt und wir in der Adventszeit auch besingen (Rorate caeli), andererseits an den Hl. Geist, der ja das lebendige Wasser ist, das uns tränkt.
Wenn Gott seinem Volk zusagt, dass es wachsen wird und die Zweige ausbreiten soll, dann denken wir historisch-wörtlich an die Ausbreitung geographischer Art, von der Bevölkerung oder vom politischen Einfluss her etc. Der Baum, der sich ausbreitet, erinnert uns an Jesu Worte vom Senfkorn. Das Reich Gottes ist es, das sich verbreitet, vor allem durch den Tau Gottes, den Hl. Geist. Nach dem Pfingstereignis sehen wir, wie schnell sich das Evangelium Jesu Christi verbreitet hat.
Wenn Israel endlich von den Götzen ablässt, wird es so kommen und dann wird es reiche Frucht bringen.
Gottes Wege sind gerade – sie sind also eigentlich leicht zu beschreiten. Sie sind deutlich und nachvollziehbar. Gott erwartet nie etwas, was er geheim offenbart, sondern er spricht immer offen und öffentlich. Die Gerechten gehen auf ihnen, weil mit diesem Weg moralisch ein gottgefälliger Lebenswandel gemeint ist. Deshalb kommen auch die Treulosen auf ihnen zu Fall. Sie bestehen den Weg nicht, weil sie sich nicht an die Gebote Gottes halten.
Auch uns sagt Gott zu: Wenn du meine Gebote hältst, wenn du von deinen Götzen ablässt, dann kannst du wachsen zu einem mächtigen Baum und du wirst ganz viel Segen haben. Entscheiden wir uns heute für Gott, der uns wirklich glücklich machen und überreich beschenken will.

Ps 81
6 Eine Stimme höre ich, die ich noch nie vernahm:
7 Seine Schulter hab ich von der Bürde befreit, seine Hände kamen los vom Lastkorb.
8 Du riefst in der Not und ich riss dich heraus; ich habe dich aus dem Versteck des Donners erhört, an den Wassern von Meríba geprüft.
9 Höre, mein Volk, ich will dich mahnen! Israel, wolltest du doch auf mich hören!
10 Kein fremder Gott soll bei dir sein, du sollst dich nicht niederwerfen vor einem fremden Gott.
11 Ich bin der HERR, dein Gott, der dich heraufgeführt hat aus Ägypten.
14 Ach, dass mein Volk doch auf mich hörte, dass Israel gehen wollte auf meinen Wegen!
17 Ich würde es nähren mit bestem Weizen, dich sättigen mit Honig aus dem Felsen.

Wir beten heute Psalm 81, in dem wir eine heilsgeschichtliche Rückschau erhalten. Dabei handelt es sich um ein Zeugnis, dass Gott Josef hinterlassen hat. Deshalb steht es in der Ich-Form Gottes und ist an Israel in der dritten Person gerichtet: „Seine Schulter habe ich von der Bürde befreit, seine Hände kamen los vom Lastkorb.“ Gott hat Israel aus der Sklaverei Ägyptens befreit, als er Mose dazu beauftragte, das Volk herauszuführen, einhergehend mit vielen großen Zeichen und Plagen. So hat Gott auch die Schulter Christi von der Bürde des Kreuzes befreit, das er mühevoll nach Golgota schleppen musste. Gott entlastet unsere Schulter auch in unserem Leben immer wieder, denn Jesus hat gesagt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“
„Du riefst in der Not und ich riss dich heraus“ – Gott hat das Schreien seines Volkes in Ägypten gehört, er hörte auch das Schreien seines Volkes im babylonischen Exil. Er hörte auch den Schrei seines Sohnes am Kreuz, als er seinen Geist aushauchte. Und auch unseren Schrei hört Gott. Er reißt auch uns aus der Not heraus, die wir vor allem in seinem Namen erleiden müssen.
„Aus dem Versteck des Donners“ ist eine Beobachtung, die immer wieder als Theophaniezeichen im Alten und Neuen Testament erscheint. Gottes Gegenwart, die ein Geheimnis ist (deshalb Versteck), wird immer wieder von Donner begleitet. Und trotz dieses Lärms hört er die Schreie seiner Kinder. Und dieses Gedonner erfuhr das Volk am Sinai, als ein großes Gewitter sich auf dem Gipfel abspielt und Gottes Gegenwart darauf hinabfuhr.
Er hat sein Volk auch auf die Probe gestellt, nämlich in Massa und Meriba, als das Volk dürstete und eben nicht den Tau Gottes zu spüren bekam. Gott prüfte auch seinen eigenen Sohn, als dieser am Kreuz die absolute Gottverlassenheit zu spüren bekam. Er prüft auch uns in unserem Leben, um unseren Glauben zu stärken. Dann spüren auch wir das Schweigen Gottes und werden bewusst einer Durststrecke ausgesetzt. Gott möchte auch dann, dass wir ihm vertrauen, dass er uns nicht verdursten lässt.
Gott hat so viel Gutes für sein Volk getan und es immer wieder aus der Not gerettet. Deshalb bittet er es eindringlich, ihm treu zu sein und nicht fremden Göttern nachzulaufen. Er hat alles für sein Volk getan, so kann er doch erwarten, dass es ihm treu bleibt und auf seinen Wegen wandelt. Dies ist durchaus moralisch zu verstehen, denn es meint das Halten der Torah, die er dem Volk am Sinai durch Mose vermittelt hat.
Gott hat für sein Volk nur das beste bereit und möchte es überreich segnen. („mit bestem Weizen“, „Honig aus dem Felsen“). Dafür muss es sich aber entscheiden, auf seinen Wegen zu gehen.

Mk 12
28 In jener Zeit ging ein Schriftgelehrter zu Jesus hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.
31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr und es gibt keinen anderen außer ihm
33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
34 Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.

Heute hören wir im Evangelium von dem wichtigsten Gebot. Ein Schriftgelehrter geht mit dieser Frage zu Jesus und dieser antwortet wie jeder andere fromme Jude mit dem Sch’ma Israel, der Aussage in Dtn 6,4: „Höre , Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.“ Diese Aussage soll jeder fromme Jude täglich beten. Es geht um die Gottesliebe. Sie steht immer an erster Stelle. Sie ist deshalb der Kern der ersten drei Gebote des Dekalogs (der Zehn Gebote). Es ist der Kern dessen, was wir in Lesung und Psalm betrachtet haben. Gott verlangt unsere ganze Liebe, weil er uns zuerst geliebt hat. Unsere Antwort, nicht nur die der Juden damals, soll deshalb sein: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.“ Wir haben viele Erfahrungen zwischenmenschlicher Art, die man mit dieser Gottesliebe vergleichen kann. Wenn wir verliebt sind, beherrscht diese Person unser ganzes Denken, wir investieren uns ganz in die Beziehung zu ihr, emotional, von unserer Kraft und Zeit. Wir lieben die Person mit unserem ganzen Sein. So sollen wir in erster Linie Gott lieben. Er soll an erster Stelle kommen. Und sodann sollen wir unseren Nächsten lieben, wie uns selbst. Jesus führt also zusätzlich zu Dtn 6,4 Lev 19,18 heran. Dadurch dass Jesus diese beiden Gebote zusammenführt, zeigt er ein tiefes Schriftverständnis und erklärt dadurch auch den Kern der Gebote 4-10 des Dekalogs als Nächstenliebe.
Das Doppelgebot der Liebe, das er in diesem Gespräch vermittelt verleitet den Schriftgelehrten dazu, ihn zu loben. Er erkennt, dass Jesus den gesamten Sinn richtig verstanden hat. Dieser Mann hat verstanden, worum es den Propheten im Alten Testament ging, vor allem Hosea mit den vielen Beziehungsbildern. Er hat auch erkannt, worum es König David in den vielen Psalmen ging. Es geht um Beziehung und darum, diese aufrechtzuerhalten. So sagt Jesus dem Schriftgelehrten zu: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ Er hat die besten Voraussetzungen, Erbe in diesem neuen Reich zu sein, nicht nur wegen seiner Einsicht, sondern auch wegen seiner Offenheit gegenüber den Worten Christi. Viele andere Schriftgelehrten sind so voll von sich selbst, dass sie gar nicht erkennen, dass Jesus all das erfüllt, was sie in den Schriften so intensiv studieren. Sie lassen sich nicht belehren, weil sie sich für wissend genug halten. So können sie nicht in das Reich Gottes eingehen. Dieser Mann dagegen ist offen für die Worte Jesu und stellt ihm erst gar keine hinterhältigen Fragen. Sonst erfahren wir in den Evangelien immer wieder davon, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten durch ihre Fragen Jesus auf die Probe stellen wollen. Dieser ist ganz anders und deshalb ist Jesus auch ganz anders zu ihm.

Lassen auch wir uns belehren, arbeiten auch wir daran, unsere Liebe zu Gott zu erneuern. Wenn wir wieder gefestigt sind in der Beziehung zu Gott, können wir auch unsere Beziehung zum Nächsten verbessern. Dann werden wir immer mehr verwandelt in sein Bild.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 3. Woche der Fastenzeit

Dan 3,25.34-43; Ps 25,4-5.6-7.8-9; Mt 18,21-35

Dan 3
25 Asarja blieb stehen, öffnete den Mund und sprach mitten im Feuer folgendes Gebet:
34 Um deines Namens willen verwirf uns nicht für immer; löse deinen Bund nicht auf!
35 Versag uns nicht dein Erbarmen, deinem Freund Abraham zuliebe, deinem Knecht Isaak und Israel, deinem Heiligen,

36 denen du Nachkommen verheißen hast so zahlreich wie die Sterne am Himmel und wie der Sand am Ufer des Meeres!
37 Ach, HERR, wir sind geringer geworden als alle Völker. In aller Welt sind wir heute wegen unserer Sünden erniedrigt.
38 Wir haben in dieser Zeit weder Vorsteher noch Propheten und keinen, der uns anführt, weder Brandopfer noch Schlachtopfer, weder Speiseopfer noch Räucherwerk, noch einen Ort, um dir die Erstlingsgaben darzubringen und um Erbarmen zu finden bei dir.
39 Du aber nimm uns an! Wir kommen mit zerknirschtem Herzen und demütigem Sinn.
40 Wie Brandopfer von Widdern und Stieren, wie Tausende fetter Lämmer, so gelte heute unser Opfer vor dir und verschaffe uns bei dir Sühne. Denn wer dir vertraut, wird nicht beschämt.
41 Wir folgen dir jetzt von ganzem Herzen, fürchten dich und suchen dein Angesicht.
42 Überlass uns nicht der Schande, sondern handle an uns nach deiner Milde, nach deinem überreichen Erbarmen!
43 Errette uns, deinen wunderbaren Taten entsprechend; verschaff deinem Namen Ruhm, HERR!

Heute hören wir in der Lesung das Gebet eines Mannes der insgesamt vier Männer im Feuerofen. Der babylonische König Nebukadnezzar hatte Asarja, dessen Gebet wir heute hören und der den chaldäischen Namen Abed-Nego erhielt, Schadrach und Meschach in den Feuerofen geworfen. Sie hatten sich geweigert, sich am Herrscherkult zu beteiligen und sich vor dem königlichen Götzenbild niederzuwerfen. Die Männer fielen gleichsam gefesselt ins Feuer, weil der Ofen übermäßig geheizt worden war und die herausragenden Flammen ihre Henker umbrachten. Doch hineingefallen verzehrten die Flammen sie nicht. Heute hören wir nun ein Gebet, das Asarja an Gott richtet, während die Männer im Ofen frei umhergehen.
Es handelt sich um ein Bittgebet, bei dem er Gott darum bittet, den Bundesschluss nicht zurückzunehmen (löse deinen Bund nicht auf). Gott soll sie nicht für immer verwerfen. Das zeigt, dass die babylonische Gefangenschaft mit alle ihren Bedrängnissen als Strafe oder Zeichen der vorübergehenden Verwerfung Gottes empfunden worden ist.
Er erinnert Gott im Gebet an die Verheißung, die er Abraham, Isaak und Jakob gemacht hat. Gott soll auch jetzt sein Versprechen halten. Von dieser Verheißung ausgehend hält er Gott die gegenwärtige Situation hin und klagt ihm, wie gering und schändlich das Volk Israel vor ihm und vor den anderen Völkern dasteht. Er bringt zum Ausdruck, was das eigentlich Schlimme an der Situation ist. Das Volk ist wie eine Herde ohne Hirten und kann Gott durch den ausbleibenden Tempel nicht mit Opfern barmherzig stimmen. So soll Gott die zerknirschten Herzen annehmen wie ein Brandopfer, so soll die Sühne der Israeliten erwirkt werden.
Asarja sagt Gott zu, dass die Bekehrungsbereitschaft da ist. Er nimmt genau die richtige Haltung ein – er nutzt die Chance in der Krisensituation. So sollen auch wir beten. Wir sollen nicht mit Gott hadern, wenn wir Schicksalsschläge erleiden. Wir sollen in uns gehen, unsere Beziehung zu ihm erneuern und unser Gewissen befragen, ob wir nicht durch unsere Sünde dazu beigetragen haben (was nicht automatisch der Fall sein muss!). Auch wir sollen Gott um Vergebung bitten. In unserer heutigen Krisensituation der Pandemie ist es nun höchste Zeit!
Gott sei den Männern barmherzig, so betet Asarja. An sein Gebet schließt sich der kraftvolle Lobpreis der Männer im Feuerofen an. So sollen wir loben und preisen – nicht nur in guten Zeiten! Auch wenn es uns schlecht geht, gibt es dennoch so viele Gründe, Gott zu preisen. Und so wird ihnen nichts passieren, im Gegenteil. Die Männer führen Nebukadnezzar noch zur Anerkennung des Gottes Israels. Auch wir können heute durch die Art und Weise, wie wir mit unserem Leiden umgehen, Menschen entweder zum Glauben führen oder in ihrem Glauben erschüttern. Leiden ist immer eine Chance, die entweder genutzt wird oder eben nicht. Treffen wir die richtige Entscheidung!

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade!
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
6 Gedenke deines Erbarmens, HERR, und der Taten deiner Gnade; denn sie bestehen seit Ewigkeit!
7 Gedenke nicht meiner Jugendsünden und meiner Frevel! Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR, denn du bist gütig!
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg.
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg.

„Zeige mir, HERR, deine Wege“ ist in Krisensituationen die Bitte, in schwierigen Zeiten das richtige Verhalten zu übernehmen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gott zeige uns immer das richtige moralische Verhalten auf, indem er uns seinen Willen aufzeigt. Dies tut er durch sein Heiliges Wort und seine Gebote.
Dieser Psalm ist messianisch zu lesen, denn wir sehen das an der hebräischen Formulierung אֱלֹהֵ֣י יִשְׁעִ֑י elohe, jisch’i, was mit „Gott meines Heils“ übersetzt wird. Die Wurzel des Wortes „Heil“ ist dieselbe wie der Name Jesu. „Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist ein besonders intensiver Ausdruck messianischer Erwartung. Eine solche Sehnsucht sehen wir beim Volk Israel insbesondere in der babylonischen Gefangenschaft. Wir spüren sie ganz deutlich in der heutigen Lesung, in gesamten Buch Daniel. Auch wir hoffen den ganzen Tag auf den Messias, insbesondere jetzt in dieser Fastenzeit und in dieser Extremsituation der Coronakrise. Je drastischer die Weltsituation ist, desto lauter wird der Schrei nach dem Gott des Heils.
Mit der Erwartung Gottes kommt auch hier die Frage nach dem Zustand der Menschen auf: „Gedenke deines Erbarmens“ und „gedenke nicht meiner Jugendsünden“ zeigen das Verständnis auf, dass wenn Gott kommt, die Menschen vor ihm gut dastehen möchten. Auch hier ist der Wunsch spürbar, dass wenn Gott kommt, barmherzig mit den sündigen Menschen umgehen soll. So sollen auch wir beten und das tut die Kirche auch immer nach dem Vaterunser in der Hl. Messe: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke uns nach deinem Willen Einheit und Frieden.“ Das wird vor dem Kommen Jesu in der Kommunion gebetet, also bevor die Menschen ihn in ihr Herz aufnehmen. So sollen wir auch persönlich beten, auch dann, wenn Gottes Gegenwart ganz weit weg zu sein scheint. Er wird uns aus der Hand des Bösen erretten wie Schadrach, Meschach und Abed-Nego.

Mt 18
21 Da trat Petrus zu ihm und fragte: Herr, wie oft muss ich meinem Bruder vergeben, wenn er gegen mich sündigt? Bis zu siebenmal?
22 Jesus sagte zu ihm: Ich sage dir nicht: Bis zu siebenmal, sondern bis zu siebzigmal siebenmal.
23 Mit dem Himmelreich ist es deshalb wie mit einem König, der beschloss, von seinen Knechten Rechenschaft zu verlangen.
24 Als er nun mit der Abrechnung begann, brachte man einen zu ihm, der ihm zehntausend Talente schuldig war.
25 Weil er aber das Geld nicht zurückzahlen konnte, befahl der Herr, ihn mit Frau und Kindern und allem, was er besaß, zu verkaufen und so die Schuld zu begleichen.
26 Da fiel der Knecht vor ihm auf die Knie und bat: Hab Geduld mit mir! Ich werde dir alles zurückzahlen.

27 Der Herr des Knechtes hatte Mitleid, ließ ihn gehen und schenkte ihm die Schuld.
28 Als nun der Knecht hinausging, traf er einen Mitknecht, der ihm hundert Denare schuldig war. Er packte ihn, würgte ihn und sagte: Bezahl, was du schuldig bist!
29 Da fiel der Mitknecht vor ihm nieder und flehte: Hab Geduld mit mir! Ich werde es dir zurückzahlen.
30 Er aber wollte nicht, sondern ging weg und ließ ihn ins Gefängnis werfen, bis er die Schuld bezahlt habe.
31 Als die Mitknechte das sahen, waren sie sehr betrübt; sie gingen zu ihrem Herrn und berichteten ihm alles, was geschehen war.
32 Da ließ ihn sein Herr rufen und sagte zu ihm: Du elender Knecht! Deine ganze Schuld habe ich dir erlassen, weil du mich angefleht hast.
33 Hättest nicht auch du mit deinem Mitknecht Erbarmen haben müssen, so wie ich mit dir Erbarmen hatte?
34 Und in seinem Zorn übergab ihn der Herr den Peinigern, bis er die ganze Schuld bezahlt habe.
35 Ebenso wird mein himmlischer Vater euch behandeln, wenn nicht jeder seinem Bruder von Herzen vergibt.

Auch im Evangelium geht es um Vergebung. Bisher hörten wir Texte, in denen Gott um Vergebung gebeten worden ist. Nun geht es um die Vergebung zwischen Menschen. Petrus fragt Jesus, wie oft man am Tag seinem Nächsten vergeben soll. Dabei schlägt er die Zahl der Vollkommenheit und Fülle vor – sieben. Das ist eigentlich schon die Zahl des Maximums, aber Jesus toppt sie nochmal! Er sagt, dass wir nicht siebenmal, sondern „siebzigmal siebenmal“ vergeben sollen. Er antwortet so, damit Petrus und wir zusammen mit ihm begreifen, dass wir immer und jedem vergeben sollen, von ganzem Herzen.
Er erklärt auch, warum das so sein soll, indem er das Gleichnis vom König und den Sklaven anführt: Der König erlässt einem Sklaven eine große Schuld, weil er ihn so flehentlich darum bittet. Man kann sein Flehen mit dem Gebet Asarjas in der Lesung vergleichen.
Der König hat Mitleid, das griechische Wort ist dasselbe, das auch mit „Erbarmen“ übersetzt werden kann. Wenn Gott barmherzig ist, hat er Mitleid mit seinen Geschöpfen. Das ist wirklich sehr überwältigend. Gott hat Mitleid mit Menschen, die wegen ihrer eigenen Schuld leiden müssen. Und so erlässt er ihnen sogar die Schuld, obwohl sie es rein rechnerisch verdient haben. So groß ist Gottes Liebe!
Der Plottwist kommt aber noch. Vom Sklaven, dem so viel erlassen worden ist, erwarten wir nun ein verändertes Verhalten. Stattdessen sieht man gar nicht von der Barmherzigkeit des Königs in seinem Verhalten: Er bedroht und bedrängt einen Mitsklaven, der ihm etwas schuldet. Dabei ist diese Schuld viel geringer als die, die ihm vom König gerade erst erlassen worden ist. Wir hätten erwartet, dass wenn dem ersten Sklaven so viel erlassen worden ist, er „zur Feier des Tages“ dem Mitsklaven dessen Schuld ebenfalls erlässt. Stattdessen ist er besonders herzlos zu ihm, obwohl dieser so wie er zuvor beim König vor ihm niederfällt und ihn anbettelt.
Sein unbarmherziges Verhalten dringt bis zum König vor und dieser wird zornig mit ihm. Nun wird muss er die ganze Schuld mit seinem Leben zurückzahlen, denn der König übergibt ihn den Peinigern. Der König ist deshalb so streng mit ihm, weil er ihm zuvor so eine Gunst erwiesen hatte, die Barmherzigkeit in seinem Leben jedoch keine Spuren hinterlassen hat. Er lebte einfach so weiter, als wäre dieser Schuldenerlass nicht gewesen. Statt sich eine Scheibe davon abzuschneiden und selbst barmherzig zu werden, blieb er herzlos.
Durch die Taufe ist auch uns die Schuld komplett erlassen worden. Was machen wir aus dieser überragenden Barmherzigkeit, die Gott an uns getan hat? Sind wir barmherzig wie der Vater im Himmel? Immer wieder vergibt er uns die Schuld in der Beichte. Gehen wir verändert ins Leben zurück und vergeben auch unseren Schuldigern? Beten wir das Vaterunser überhaupt aufrichtig, weil wir das tun? Gott wird auch von uns Rechenschaft ablegen, wenn wir unbarmherzig mit den Mitmenschen umgegangen sind. Dem Schuldiger zu vergeben, bedeutet nicht, seine Schuld gutzuheißen. Wir übergeben die Missetaten einfach Gott, der der Richter sein soll. Wir sollen uns von allem Groll, Zorn, von aller Bitterkeit lösen, die uns sonst vergiftet und krank macht. Wir sind es nicht wert, an den Untaten der Mitmenschen zugrunde zu gehen.
Vergeben wir also von ganzem Herzen, auch wenn es nur innerlich geht. Wir müssen nicht zu besten Freunden mit dem Mitmenschen werden, aber haben auch wir Mitleid mit denen, die jetzt wegen ihrer Schuld an uns leiden müssen! Denken wir nicht „das geschieht ihm recht“, sondern haben wir ein Herz. Gott nimmt uns ja auch an und hat Mitleid, wenn wir die Konsequenzen unserer Sünde tragen müssen.
Wenn wir also wollen, dass Gott unser Gebet erhört, das Gebet wie in der Lesung heute durch Asarja, die Bittgebete der Psalmen, unsere eigenen Fürbittgebete, dann müssen wir uns auch mit allen Menschen versöhnen. Das sagt Jesus uns heute im Evangelium. Jetzt in der Fastenzeit gibt uns Gott besonders viel Gnade, dass wir die Kraft dazu haben, einander zu vergeben. Nutzen wir sie und söhnen uns mit allen Menschen ohne Wenn und Aber aus! Gehen wir dann hinein in die Beichte (wenn das in Zeiten von Corona überhaupt möglich ist…) und bitten wir Gott um Verzeihung für unsere Sünden. Dann wird er uns überschütten mit seiner barmherzigen Liebe. Dann wird er uns überreich segnen mit seinen Gaben. Dann werden wir zu glücklichen Menschen.

Ihre Magstrauss

Samstag der 2. Woche der Fastenzeit

Mi 7,14-15.18-20; Ps 103,1-2.3-4.9-10.11-12; Lk 15,1-3.11-32

Mi 7
14 Weide dein Volk mit deinem Stab, die Herde, die dein Erbbesitz ist, die einsam im Wald wohnt mitten im fruchtbaren Land! Sie sollen wieder im Baschan und in Gilead weiden wie in den Tagen der Vorzeit.
15 Wie in den Tagen, als du aus dem Land Ägypten auszogst, lass uns deine Wunder schauen!
18 Wer ist Gott wie du, der Schuld verzeiht und an der Verfehlung vorübergeht für den Rest seines Erbteils! Nicht hält er auf ewig fest an seinem Zorn, denn er hat Wohlgefallen daran, gütig zu sein.
19 Er wird sich unser wieder erbarmen, er wird niedertreten unsere Schuld. Ja, du wirst in die Tiefen des Meeres werfen alle ihre Sünden.
20 Du wirst Jakob Treue und Abraham Liebe erweisen, wie du unseren Vätern geschworen hast in den Tagen der Vorzeit.

Heute hören wir aus dem Buch des Propheten Micha. Er gehört zu den zwölf kleinen Propheten, deren Botschaft aber nicht weniger wichtig ist als die der großen Propheten. Wir hören heute aus dem Gebet Jerusalems, das Gott um seinen Segen bittet, der ihr aufgrund ihrer Vergehen verwehrt geblieben ist und wofür sie büßen musste.
„Weide mein Volk mit deinem Stab, die Herde, die dein Erbbesitz ist“ – es ist wie ein Gebet der Herde, die ohne Hirte ist und bedroht ist, die sich ihren Hirten zurückwünscht. Wir bemerken in diesen Worten auch die starke Sehnsucht nach dem Messias, die immer deutlicher formuliert wird. Zur Zeit des Micha ist es noch ein politischer Befreier, ein Hirte, der irdisch weidet und die Katastrophe einer assyrischen Fremdherrschaft abwenden soll. Und doch lesen wir darüber hinaus schon mehr, nämlich die Erwartung einer Heilsgestalt, die umfassendes, über den Tod hinausgehendes Heil bringt. Und er wird wirklich kommen wie ein Hirte, er wird selbst sagen „ich bin der gute Hirte“. Er weidet seine Schafe und kennt sie durch und durch. Er ist pastoral im wahrsten Sinne des Wortes, so wie es auch Jesaja mit seinen messianischen Verheißungen angekündigt hat.
Dieses Gebet ist uns ein Vorbild, weil auch wir die Sehnsucht verspüren, zu den guten Zeiten zurückkehren zu wollen. Gehen wir dieser Sehnsucht nach und kehren wir zurück zur ersten Liebe!
„Lass uns deine Wunder schauen!“ – das Volk Israel hat Gottes große Taten bezeugt, weil es innig mit ihm verbunden war. Weil es von ihm abgekehrt ist, hat es diese Zeichen nicht mehr gesehen. So war es auch mit Abraham, als er selbst für einen Nachkommen über eine Nebenfrau sorgt, statt Gott zu vertrauen. Im Nachgang schweigt Gott ganze 13 Jahre Abraham an.
Auch Jesus musste Gottes Schweigen aushalten, nämlich am Kreuz. Es war eine große Glaubensprobe und Sühne, denn so hat Jesus das Schweigen Gottes im Leben aller Sünder gesühnt. Auch wir haben oft den Eindruck, dass Gott in unserem Leben schweigt. Zu einem großen Teil geschieht das aus demselben Grund wie bei Abraham oder wie hier im Buch Micha, auch wenn es nicht automatisch ist. Selbstverständlich kann es auch so sein wie bei Jesus – Gott erprobt unseren Glauben. So kann auch eine seelische Trockenheit große Früchte bringen – wir sehen es bei vielen Heiligen, zum Beispiel bei der Hl. Theresa von Kalkutta.
„Wer ist Gott wie du!“ – aus anderen Religionen kennen wir zwar auch den Begriff der Barmherzigkeit, aber eben in der Situation der Schuldlosigkeit (Islam). Wir kennen aus dem Hinduismus und Buddhismus (sowie in anderen Religionen) die Karmalehre, die einen vollkommenen Tun-Ergehen-Zusammenhang herausstellt. Da ist kein Platz für Barmherzigkeit. So können wir wirklich sagen: Unser Gott, unser Glaube ist etwas Besonderes. Kein Gott hat sich von seinen geliebten Geschöpfen umbringen lassen, um ihre Sünden zu sühnen. Das ist die absolute Barmherzigkeit, wie man sie nirgendwo sonst finden wird. Er verzeiht uns unsere Schuld, aber das kann er nur, wenn wir darum bitten und wirklich bereuen.
Gott ist gütig, auch im Alten Testament. Vertrauen auch wir heutzutage auf seine Vergebung. Er kann auch heute aus einem Sünder einen Heiligen machen, wenn dieser dazu bereit ist und von sich aus alles Nötige dafür tut – in erster Linie UMKEHRT.
Dieses Gebet lässt den Glauben durchblicken, dass Gott der Treue ist und seine Versprechen hält, obwohl sein Volk ihm untreu geworden ist. Gott ändert auch an uns nicht seine Meinung, die wir von ihm abkehren mit jeder Sünde. Er hält sein Versprechen, das er uns durch den Neuen Bund in der Taufe gemacht hat. Wenn wir von Herzen umkehren und gemäß unserer Berufung als Erben seines Reiches leben, dann wird er uns das Erbe nicht vorenthalten. Gott möchte uns die Schuld vergeben.

Ps 103
1 Von David. Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! 
2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 
3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt, 
4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt,
9 Er wird nicht immer rechten und nicht ewig trägt er nach. 
10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.
12 So weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang, so weit entfernt er von uns unsere Frevel. 

Heute beten wir einen Lobpreispsalm, bei dem der heilige Name Gottes gepriesen werden soll. Der Psalmist fordert die eigene Seele auf, was typischer Psalmenstil ist. Dabei müssen wir berücksichtigen, was mit „Seele“ gemeint ist. Vor einigen Tagen sprach ich bereits an, dass es sich dabei um das hebräische Wort נַפְשִׁי nafschi handelt, was mehr als nur einen begrenzten Teil des Menschen umfasst. Es meint vielmehr den ganzen Menschen in seiner Existenz, sein ganzes Leben. Der Herr soll das ganze Leben über gepriesen werden und deshalb soll es auch keinen Moment geben, in dem man die guten Taten Gottes vergisst. Wenn das ganze Leben einen einzigen Lobpreis darstellt, dann ist es auch unmöglich, Gottes Güte zu vergessen.
Beziehen wir das auf die Kirche, gilt dasselbe: Würde die Kirche aufhören, den Lobpreis Gottes durchgängig zu praktizieren, würde sie sehr schnell seine Güte vergessen und sich anderem zuwenden. Dann würde sie aber auch aufhören, Sakrament der Liebe Gottes zu sein, das die Ewigkeit in dieser Welt vorwegnimmt. Deshalb steht die Eucharistie an erster Stelle im kirchlichen Leben sowie im geistlichen Leben des Einzelnen. Für Geistliche gilt sodann an zweiter Stelle das Stundengebet, denn diese sind es, die den Lobpreis auf besondere Weise als Berufung leben. Sie sind ungeteilt dazu fähig, weil sie keine Familie haben, um die sie sich kümmern müssen.
Der Psalm zählt einige dieser guten Taten auf, die Gott uns Menschen erweist: Er heilt die Gebrechen – ob physisch, psychisch oder seelisch. Er rettet unser Leben vor dem Untergang, denn er hat uns erlöst und uns zu Erben in seinem Reich eingesetzt. Hier ist das Verb für „retten“ ein Partizip, das heißt Gott rettet nicht nur einmalig durch die Taufe, sondern immer wieder, dauerhaft, das ganze Leben hindurch. Er ist es, der uns immer wieder vor dem moralischen Abfall rettet und uns zurückholt, wenn wir vom Weg abgekommen sind. Er ist barmherzig mit seinen Kindern, die von Herzen bereuen, wenn sie von Gottes Geboten abgerückt sind. Er vergibt ihnen die Schuld.
Diese Barmherzigkeit Gottes wird vor allem ab Vers 9 thematisiert: Gott richtet als gerechter Richter, aber es ist bei ihm mehr als nur ein Kausalschluss wie bei der Karmalehre („du kriegst, was du verdient hast“). Gott ist keine Rechenmaschine, sondern er schaut auf das Herz und dessen Reue. Deshalb wird er „nicht immer rechten“ und auch „nicht ewig nachtragen“. Dieser Psalm ist ein wunderbares Zeugnis dafür, dass auch schon das Alte Testament einen barmherzigen und vergebenden Gott kennt.
Dass Gott nicht mathematisch richtet, sehen wir an Vers 10: Er handelt am Menschen nicht nach seinen Sünden im Sinne von „er rächt sich an ihm für alles, was er ihm angetan hat.“ So ist Gott nicht. Wir müssen für unsere Sünden Rechenschaft ablegen und den entstandenen Schaden wieder gut machen. Wir müssen auch die Konsequenzen unserer Vergehen tragen, aber das hat nichts mit Rache zu tun. Nur so können wir zur Einsicht kommen und das gehört zur Verantwortung dazu, die einem von Gott verliehen worden ist.
Was in Vers 10 ausgedrückt wird, ist also nicht: „Es ist egal, wie du lebst, da Gott dich nicht nach deinen Sünden richten wird.“ Es heißt, dass Gott mehr als nur deine Handlungen selbst betrachten wird. Und wenn du deine Sünden von Herzen bereust, sie bekennst und dir vornimmst, sie nicht mehr zu tun, dann vergibt er sie dir. Die Vergebung ist ein Geschenk Gottes und Geschenke bekommt man unabhängig davon, ob man sie verdient hat oder nicht. Was wir für diese unverdiente Vergebung tun können, ist aufrichtig zu sein, ehrlich zu uns selbst und demütig im Licht seines Angesichts. Und mit dieser Einstellung öffnen wir uns für die Gnade Gottes so sehr, dass er auch aus einem großen Sünder einen Heiligen machen kann, solange er sich bekehrt. Dies zeigt uns Vers 12, der mit einem sehr romantisch-poetischen Ausdruck diese Verwandlung Gottes umschreibt: Gott entfernt unsere Sündhaftigkeit so weit von uns, wie es nur geht – eben „so weit der Aufgang entfernt ist vom Untergang“. Der Psalm greift die Gedanken des Gebets im Buch des Propheten Micha auf. So ist Gott und so sollen wir Menschen beten, auch gerade jetzt in der Fastenzeit.

Lk 15
1 Alle Zöllner und Sünder kamen zu ihm, um ihn zu hören.
2 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten empörten sich darüber und sagten: Dieser nimmt Sünder auf und isst mit ihnen.
3 Da erzählte er ihnen dieses Gleichnis und sagte:
11 Weiter sagte Jesus: Ein Mann hatte zwei Söhne.
12 Der jüngere von ihnen sagte zu seinem Vater: Vater, gib mir das Erbteil, das mir zusteht! Da teilte der Vater das Vermögen unter sie auf.

13 Nach wenigen Tagen packte der jüngere Sohn alles zusammen und zog in ein fernes Land. Dort führte er ein zügelloses Leben und verschleuderte sein Vermögen.
14 Als er alles durchgebracht hatte, kam eine große Hungersnot über jenes Land und er begann Not zu leiden.
15 Da ging er zu einem Bürger des Landes und drängte sich ihm auf; der schickte ihn aufs Feld zum Schweinehüten.
16 Er hätte gern seinen Hunger mit den Futterschoten gestillt, die die Schweine fraßen; aber niemand gab ihm davon.
17 Da ging er in sich und sagte: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Brot im Überfluss, ich aber komme hier vor Hunger um.
18 Ich will aufbrechen und zu meinem Vater gehen und zu ihm sagen: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt.
19 Ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein; mach mich zu einem deiner Tagelöhner!
20 Dann brach er auf und ging zu seinem Vater. Der Vater sah ihn schon von Weitem kommen und er hatte Mitleid mit ihm. Er lief dem Sohn entgegen, fiel ihm um den Hals und küsste ihn.
21 Da sagte der Sohn zu ihm: Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.
22 Der Vater aber sagte zu seinen Knechten: Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße!

23 Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein.
24 Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern.
25 Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld. Als er heimging und in die Nähe des Hauses kam, hörte er Musik und Tanz.
26 Da rief er einen der Knechte und fragte, was das bedeuten solle.
27 Der Knecht antwortete ihm: Dein Bruder ist gekommen und dein Vater hat das Mastkalb schlachten lassen, weil er ihn gesund wiederbekommen hat.
28 Da wurde er zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber kam heraus und redete ihm gut zu.
29 Doch er erwiderte seinem Vater: Siehe, so viele Jahre schon diene ich dir und nie habe ich dein Gebot übertreten; mir aber hast du nie einen Ziegenbock geschenkt, damit ich mit meinen Freunden ein Fest feiern konnte.
30 Kaum aber ist der hier gekommen, dein Sohn, der dein Vermögen mit Dirnen durchgebracht hat, da hast du für ihn das Mastkalb geschlachtet.
31 Der Vater antwortete ihm: Mein Kind, du bist immer bei mir und alles, was mein ist, ist auch dein.
32 Aber man muss doch ein Fest feiern und sich freuen; denn dieser, dein Bruder, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden.

Heute hören wir eines der ergreifendsten Gleichnisse, das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Jesus erzählt es deshalb, weil die Pharisäer und Schriftgelehrten auf Jesu Gemeinschaft mit den Zöllnern und Sündern mit Missgunst reagieren wie der ältere Bruder des verlorenen Sohns auf dessen Wiederkehr. Gehen wir das Gleichnis einmal von Anfang an durch:
Ein Vater hat zwei Söhne und eines Tages fordert der Jüngere sein Erbteil. Auch im Evangelium haben Vergebung, Sünde und Erbe miteinander zu tun. Der Jüngere bekommt sein Erbteil und verprasst es durch ein sündhaftes Leben, bis eine Hungersnot kommt, er nichts mehr hat und ausgerechnet Schweine hüten muss – unreine Tiere für Juden. Er darf nicht mal die Schoten der Schweine essen und merkt, in welches Leben er sich durch sein Verhalten gebracht hat. Was Jesus hier schildert, ist der Verlauf eines jeden Menschen, der sein von Gott zuerdachtes Erbe nimmt und verprasst (das Erbe des Alten Bundes für die Juden, das Erbe des Neuen Bundes für uns heute). Das Ziehen in ein fernes Land ist besonders ersichtlich – wir gehen weit weg von Gott, vor allem moralisch (so wie der Sohn sündigen wir und tilgen alle Gnaden, bis nichts mehr da ist). Ohne Gott können wir aber nur eingehen wie eine Pflanze. Jesus meint im Kontext des Evangeliums mit diesem jüngeren Bruder die Sünder und Zöllner, mit denen er sich gerade abgibt, als die Pharisäer und Schriftgelehrten über ihn murren.
Der jüngere Sohn geht in sich und kehrt von seinen Sünden um. Er schämt sich so dafür, dass er bereit ist, zu seinem Vater als Tagelöhner zurückzukehren. Wir sehen an ihm die absolut richtige Haltung: in sich gehen (Gewissenserforschung), Entschluss zur Rückkehr zum Vater (Reue), Entschluss, als Tagelöhner bei ihm zu arbeiten (Buße und Vorsatz). All diese Dinge sind wichtig und entscheidend für eine gültige und gnadenreiche Beichte. Jesus möchte mit diesem Gleichnis verdeutlichen, dass die Sünder bei ihm mit genau dieser Haltung zu ihm gekommen sind.
Der verlorene Sohn kehrt im Gleichnis zum Vater zurück, dieser wartet voller Sehnsucht auf ihn und sieht ihn schon von Weitem. Er läuft ihm entgegen und empfängt ihn mit offenen Armen. So ist Jesus zu den Zöllnern und Sündern im Evangelium. Er kommt ihnen mit seiner barmherzigen Liebe entgegen, was nichts von ihren Sünden relativiert, sondern sie zum nächsten Schritt ermutigt: zum Bekenntnis! So ist es nämlich auch im Gleichnis: Der Vater umfängt den Sohn mit seiner väterlichen Liebe nicht, um alles ungeschehen zu machen, was passiert ist. Er lässt ihn ausreden. Und was sagt der Sohn? „Vater, ich habe mich gegen den Himmel und gegen dich versündigt; ich bin nicht mehr wert, dein Sohn zu sein.“ Er bekennt ihm seine Sünden! Er spricht aus, was der Vater im Grunde schon weiß. Und erst nach diesem Bekenntnis kommt der entscheidende Schritt. Der Vater sagt: „Holt schnell das beste Gewand und zieht es ihm an, steckt einen Ring an seine Hand und gebt ihm Sandalen an die Füße! Bringt das Mastkalb her und schlachtet es; wir wollen essen und fröhlich sein. Denn dieser, mein Sohn, war tot und lebt wieder; er war verloren und ist wiedergefunden worden. Und sie begannen, ein Fest zu feiern.“ Was der Vater ihm zusagt, ist die Wiedereingliederung des Sohnes zum Erben! Der Ring am Finger ist ein Zeichen dafür. Wir sehen an diesen Worten, wie Gott auch mit uns verfährt, wenn wir mit derselben Haltung und denselben Schritten zur Umkehr handeln wie der verlorene Sohn: Er wird auch uns ein neues Gewand anziehen – das Gewand der Taufe ist so ein neues Gewand und jedesmal, wenn wir beichten, reinigen wir unser verdrecktes Gewand wieder. Er steckt auch uns wieder den Ring an den Finger, das heißt auch wir werden wieder zu Erben, zu denen wir in der Taufe eingesetzt werden. Und auch wir dürfen nach dieser Versöhnung wieder ein Fest feiern, nämlich die Eucharistie, das Hochzeitsmahl des Lammes auf Erden! Was Jesus hier also primär im Evangelium sagen möchte: Diese von den Pharisäern und Schriftgelehrten beschimpften Sünder und Zöllner halten mit Jesus offensichtlich Mahl, weil sie all diese Schritte schon durchlaufen haben! Und jetzt kommt die eigentliche Pointe des Gleichnisses im Kontext des Evangeliums: Der ältere Bruder kommt im Gleichnis vom Feld und bemerkt die Feier. Als er erfährt, dass der Bruder heimgekehrt ist und der Vater ihm vergeben hat, ihm den Ring wieder angesteckt und das Mastkalb für ihn geschlachtet hat, wird er wütend. Er weigert sich, hineinzugehen und mitzufeiern. Dieser ältere Bruder steht für die Pharisäer und Schriftgelehrten, die es den umgekehrten Sündern nicht gönnen, wieder mit Gott versöhnt zu sein! Sie sehen nur, dass Gott ihnen besondere Gnaden schenkt, weil sie umgekehrt sind. Sie sehen nur, dass sie diese Geschenke nicht bekommen. Aber auch jene sind Söhne des Vaters und so erzählt Jesus im Gleichnis, dass der Vater zu seinem anderen Sohn nach draußen kommt. Er redet ihm gut zu, denn auch mit ihm möchte er versöhnt sein. Dieser macht ihm Vorwürfe, weil sein Bruder barmherzig behandelt worden ist und dabei solche Dinge bekam, die nicht mal ihm, dem braven heimgebliebenen Sohn zuteil wurden. Er sieht nicht, dass er in steter Gemeinschaft mit dem Vater sein darf, alles mitbenutzen darf, direkt an der Quelle sitzt. Er denkt, dass die Gunst des Vaters vom Tun des Sohnes abhängt und versteht deshalb nicht, warum der jüngere Sohn nach solchen Vergehen so eine Feier bekommt, er selbst als Gerechter aber nicht. Der Punkt ist: Es geht nicht um den älteren Sohn, es geht nicht um eine Werksgerechtigkeit, sondern um Umkehr und Vergebung. Der ältere Bruder sieht nur, was ihm nicht gegeben wird, dass er sich nicht an seinem Bruder freuen kann. Er ist sein eigenes Fleisch und Blut und war tot! Jetzt ist er aber wieder lebendig und das ist doch ein Grund zur Freude! Das ist es, was Jesus an den Pharisäern und Schriftgelehrten kritisiert – sie freuen sich nicht daran, dass die Zöllner und Sünder sich bekehren. Sie sehen auch nicht, dass sie einer Gesetzestreue verfallen sind, die nicht zielführend ist: Es muss mehr sein als nur die Treue zur Torah, es muss um stete Umkehr und Versöhnung gehen, auch für sie! Kein Mensch kann von sich behaupten, ganz vollkommen zu sein. Wir alle müssen jeden Tag immer wieder zu Gott umkehren und von vorne beginnen.
Wir wissen nicht, wie der ältere Bruder im Gleichnis reagiert. Es bleibt offen, damit die Pharisäer und Schriftgelehrten die Entscheidung selbst treffen. Und so sollen auch wir uns die Frage beantworten: Können wir uns für jene freuen, die nach so vielen Jahren in schwerer Sünde wieder lebendig werden? Es heißt nicht umsonst Todsünde, was uns den seelischen Tod bringt. Gönnen wir anderen Menschen die Barmherzigkeit Gottes? Handeln wir wie der barmherzige Vater und sind selbst so barmherzig mit jenen, die wirklich von Herzen bereuen und uns um Verzeihung bitten?

Was Jerusalem in der Lesung betet, entspricht dem Bekenntnis des zurückgekehrten Sohnes. Möge es auch unser Gebet in dieser Fastenzeit sein, damit der Vater auch für uns ein Fest veranstalten kann!

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 1. Woche der Fastenzeit

Est 4,17k.17l-m.17r-t; Ps 138,1-2b.2c-3.7c-8; Mt 7,7-12

Est 4
(k) Auch die Königin Ester wurde von Todesangst ergriffen und suchte Zuflucht beim Herrn. Sie legte ihre prächtigen Gewänder ab und zog die Kleider der Notzeit und Trauer an. Statt der kostbaren Salben tat sie Asche und Staub auf ihr Haupt, vernachlässigte ihren Körper, und wo sie sonst ihren prunkvollen Schmuck trug, hingen jetzt ihre Haare in Strähnen herab. Und sie betete zum Herrn, dem Gott Israels:

(l) Mein Herr, unser König, du bist der Alleinzige. Hilf mir! Denn ich bin hier einzig und allein und habe keinen Helfer außer dir; die Gefahr steht greifbar vor mir.
(m) Von Kindheit an habe ich in meiner Familie und meinem Stamm gehört, dass du, Herr, Israel aus allen Völkern erwählt hast; du hast dir unsere Väter aus allen ihren Vorfahren als deinen ewigen Erbbesitz ausgesucht und hast an ihnen gehandelt, wie du es versprochen hattest. 
(r) Denk an uns, Herr! Offenbare dich in der Zeit unserer Not und gib mir Mut, König der Götter und Herrscher über alle Mächte!
(s) Leg mir in Gegenwart des Löwen die passenden Worte in den Mund und stimm sein Herz um, damit er unseren Feind hasst und ihn und seine Gesinnungsgenossen vernichtet!
(t) Uns aber rette mit deiner Hand! Hilf mir, denn ich bin allein und habe niemand außer dir, o Herr!

Heute hören wir aus dem Buch Ester einen Ausschnitt aus dem Gebet Esters im Anschluss an das Gebet Mordechais. Der Kontext dieses Gebetes ist ein Vernichtungserlass des persischen Königs Artaxerxes über die Juden. Eigentlich ist er mit Ester verheiratet, die er sogar zur Königin einsetzte, obwohl sie Jüdin ist. Die Juden weigern sich, den königlichen Beamten oder dem König selbst zu huldigen, sodass das jüdische Volk ausgerottet werden soll. Es hat politische Gründe, da die Juden sich den königlichen Befehlen verweigern. Warum lässt sich der König zu so einem Edikt hinreißen, obwohl er an seiner Frau Ester so Gefallen hat? Der königliche Fürst Haman hat maßgeblich Einfluss, den der König zum zweitgrößten Mann in seinem Reich gemacht hat. Ihm hat der König seinen Siegelring überlassen und so ist der Vernichtungserlass auf Haman zurückzuführen, der sich vor allem an Mordechai rächen möchte. Seine Verweigerung hat ihn am meisten erzürnt.
Im vierten Kapitel lesen wir deshalb auch ein Gebet Mordechais, bevor wir vom Gebet Esters heute in der Lesung hören:
Sie legt ihre königlichen Gewänder ab und Bußgewänder an. Auch in dieser heutigen Episode beten die Menschen in Bußhaltung – mit entsprechenden Trauergewändern, Verzicht auf Schmuck und Körperhygiene sowie mit Asche auf dem Haupt.
So betet sie und spricht Gott als König an. Das zeigt ihre Einstellung: Gott ist der eigentliche König. Kein Artaxerxes, kein Satrape, kein sonstiger Mensch kann ihm so wirklich das Wasser reichen. Er steht über allen Herrschern der Welt. Sie bittet ihn um Hilfe in der bedrohlichen Situation. Sie hat keinen sonst, der mächtig genug wäre, einen königlichen Erlass rückgängig zu machen. Das Gebet der Ester ist nach einem gängigen Gebetsformular aufgebaut: Nach der Bitte zählt sie die Heilstaten Gottes der Vergangenheit auf und bekundet, dass sie von Anfang an den Gott des Heils erzählt bekommen hat. Sie stellt im Gebet Gott vor Augen, dass er das Volk Israel auf besondere Weise auserwählt hat und die Väter in der Vergangenheit immer wieder aus der Not errettet hat. Er war immer treu und hielt seine Versprechen und Verheißungen ein.
Das Volk Israel, Mordechai und Ester weigern sich, sich vor dem König oder irgendeinem Menschen niederzuwerfen und ihn anzubeten, weil sie Gott lieben. Sie sind ihm treu und sind aus diesem Grund nun in Gefahr. Deshalb bittet sie Gott um seinen Beistand, dass er sie rette, da die Israeliten das alles für ihn tun.
Und von diesem heilsgeschichtlichen Rückblick her formuliert sie nun ihre Bitte: „Denk an uns, Herr!“ Er soll auch in der jetzigen Generation sein Versprechen wahr machen, dass das Volk Israel sein besonderes Eigentum ist.
Interessant ist, dass Ester noch von einem Gottesbild ausgeht, das nicht monotheistisch, sondern monolatrisch zu sein scheint. Das bedeutet, dass sie die Existenz anderer Götter nicht ausschließt, der Gott Israels aber der einzige anzubetende Gott sei. Dies klingt durch die Bezeichnung „König der Götter“ an.
Sie bittet um die richtigen Worte „in Gegenwart des Löwen“. Das zeigt, dass sie den Plan geschmiedet hat, vor den König zu gehen (den Löwen) und ihn umzustimmen. Das ist es, was Jesus dann zu seinen Jüngern sagen wird: „Wenn sie euch aber ausliefern, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.“ (Mt 10,19-20).
Sie bittet auch darum, dass Gott das Herz des Königs erweicht und er sich so umstimmen lässt. Sie bittet darum, dass der König „unseren Feind hasst und ihn und seine Gesinnungsgenossen vernichtet“. Uns mag diese Art von Bitte befremdlich erscheinen, da sie Gott darum bittet, andere Menschen zu töten. Das ist für damalige Zeiten aber die übliche Weise, Gott um die Besiegung der Feinde zu bitten. Wir können solche Ausdrücke nicht von unserem heutigen Verständnis her bewerten. Was sie damit meint ist die Besiegung Hamans und seiner Gleichgesinnten, denen das auserwählte Volk Gottes ein Dorn im Auge ist.
Ester setzt ihr ganzes Vertrauen und ihre ganze Hoffnung auf Gott, den sie als den Einzigen nennt, den sie hat. In der heutigen Lesung bleibt offen, wie es dann ausgeht. Wir wissen aber, dass ihre Gebete erhört werden und dass sie es schafft, mit Gottes Hilfe das ganze Volk Israel vor der Vernichtung zu bewahren. Mordechai wird sogar mit besonderer Ehre ausgestattet und erhält den Siegelring, den der König zuvor Haman überreicht hatte. So hat diese fromme Jüdin das ganze Volk gerettet, aber nicht sie selbst, sondern mit der Hilfe Gottes.

Ps 138
1 Von David. Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen, vor Göttern will ich dir singen und spielen. 

2 Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin, will deinem Namen danken für deine Huld und für deine Treue. Denn du hast dein Wort größer gemacht als deinen ganzen Namen. 
3 Am Tag, da ich rief, gabst du mir Antwort, du weckst Kraft in meiner Seele.

Der heutige Psalm ist ein Dankpsalm, der eine angemessene Antwort auf Gottes Heilstaten in der Lesung darstellt. David hat in seinem Leben viele Gründe, Gott zu danken, denn durch die innige Beziehung zu Gott gelingt ihm alles, was er angeht, z.B. militärische Siege.
„Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen“ ist ein ganz angemessener Willensausdruck, den auch das gesamte Volk Israel im Anschluss an den Sieg über Haman und seine Gesinnungsgenossen anstimmen konnte.
„Vor Göttern will ich dir singen und spielen“ ist ganz klar ein Triumph Gottes über die Götzen, im Falle Esters des Herrscherkults.
Dagegen möchte sich König David und ebenso Ester mit dem gesamten Volk Israel zum heiligen Tempel hin niederwerfen (der zweite Tempel ist zu jener Zeit bereits eingeweiht). Niederwerfen möchte sich Israel nur vor Gott, nicht vor irdische Herrscher, wie es bei den Persern üblich wird.
Gott ist wirklich treu und hält sein Versprechen, das eigene Volk aus der Not zu erretten. So ist es ein Grund, dem Namen Gottes zu danken (Vers 2).
Gott hat auch am Tag, an dem Ester rief (das Gebet hörten wir heute ja), ihre Bitten erhört. Er hat ihr auch die Kraft gegeben, gegen den Giganten aufzutreten, der ihr eigener Ehemann ist. Dabei heißt es wiederum „Kraft in meinem Leben“, denn das Wort für „in meiner Seele“ ist בְנַפְשִׁ֣י b’nafschi. Gott verleiht ihr nicht nur innerlich Kraft, sondern umfassend. So möchte Gott auch uns in unserem Leben stärken, nicht nur innerlich, sondern auch körperlich. Er möchte auch unsere Beziehungen stärken, also alles, was zum Menschen gehört. Es muss uns ganz und gar um ihn gehen und wir müssen ganz auf seine Allmacht und Treue vertrauen. Das ist entscheidend. Ester hat Gott ganz vertraut, ebenso König David. Und auch Jesus wird uns im folgenden Evangelium über das Gottvertrauen etwas erklären.

Mt 7
7 Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet! 

8 Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. 
9 Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, 
10 oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet? 
11 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.
12 Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.

Wir hören heute wieder einen Ausschnitt aus der Bergpredigt. Im Kapitel zuvor ging es bereits um das Vaterunser, das ein vertrauensvolles Gebet ist. Es ging im Anschluss daran auch um die rechte Sorge, also um das Vertrauen auf die wunderbare Vorsehung Gottes. Nun gibt Jesus Anweisungen zu einem vertrauensvollen Bitten. Er erklärt, was Ester heute wunderbar vorlebt:
„Bittet und es wird euch gegeben“ – Gott hat heute die Israeliten vor der Vernichtung bewahrt, weil eine mutige Jüdin ganz vertrauensvoll darum gebeten hat.
„Sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet“ – Wie viele Personen aus der Bibel und auch viele Heilige haben ihr Leben lang Gott gesucht und ihn gefunden, weil er sie gefunden hat. Besonders eindrücklich sehen wir das am Leben des Augustinus, der verschiedene Stationen durchlaufen hat und jedesmal gemerkt hat, dass es noch nicht das Ende war (von verschiedenen philosophischen Schulen bis hin zur Sekte der Manichäer).
Jesus möchte, dass seine Jünger Gott wirklich vertrauensvoll bitten und nicht meinen, dass es sowieso nichts bringt, Bittgebete an ihn zu richten.
Er vergleicht Gottes Großzügigkeit beim Geben mit den Menschen: Sogar unvollkommene Menschen („ihr, die ihr böse seid“) geben dem Anderen etwas, wenn er darum bittet. Dies verdeutlicht er durch rhetorische Fragen: „Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet?“ Man gibt vor allem den eigenen Kindern, was sie brauchen. Jesus verwendet das Beispiel der Vater-Kind-Beziehung, weil er den Menschen seinen Vater nahebringen will. Auch sie dürfen ihn Vater nennen, so hat es Jesus sie ja durch das Vaterunser gelehrt.
Der Vater im Himmel ist nur gut und gibt umso mehr Gaben, wenn man ihn darum bittet, als ein unvollkommener Mensch, dessen Großzügigkeit begrenzt ist.
Man könnte sich zum Schluss nun fragen, warum Jesus in diesem Zusammenhang die Goldene Regel thematisiert: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“ Das ist aber wichtig und entscheidend, wenn wir möchten, dass Gott unsere Bitten erhört. Wir können nicht total lieblos mit dem Nächsten umgehen und dann erwarten, dass Gott uns aber nur gute Gaben gibt. Nicht umsonst nennen wir das Liebesgebot ein Doppelgebot. Gottesliebe muss die Nächstenliebe zur Folge haben. Deshalb müssen wir auch das, was wir von Gott erwarten, auch unserem Nächsten geben, zumindest in dem Maß, wie wir fähig sind. Jesus sagt an anderer Stelle: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Es muss kongruent sein, sonst brauchen wir eine Gebetserhörung nicht zu erwarten.

Heute hören wir sehr viel über das richtige Bittgebet und über die Notwendigkeit des Gottvertrauens. Lernen wir von Ester und von König David, die nicht nur absolut vertrauensvoll gebetet, sondern die ihr Leben für ihr Volk riskiert haben, um es zu retten (David z.B. vor Goliat, Ester vor dem König Artaxerxes). Sie haben sich ganz für die Anderen hingegeben und das von sich aus Mögliche getan, was sie umfassend von Gott erwartet haben – die Rettung des Volkes Israel.

Wenn wir also so beten möchten wie unsere Vorbilder in den heutigen Lesungen, müssen wir zugleich die Initiative ergreifen: Wir können nicht zugleich um genug Geld bitten und gleichzeitig den Anderen finanziell ausnehmen, ob es unsere Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen sind. Wenn wir Gott um Gesundheit bitten, können wir nicht gleichzeitig so leben, dass die Menschen um uns herum krank werden – indem wir uns z.B. nicht gut genug um unsere Kinder kümmern, dass sie krank werden oder indem wir die Menschen so schikanieren, dass sie in Psychotheraphie müssen. Was wir von Gott erwarten und auch von unserem Mitmenschen, das sollen wir ihnen in erster Linie selbst tun. Wollen wir, dass Gott uns beschützt, dann sollen wir alles daran setzen, auch unsere Mitmenschen zu beschützen. Wenn wir Segen von Gott haben wollen, sollen wir selbst unserem Nächsten ein Segen sein.
Entscheidend ist, dass wir Gott voller Vertrauen bitten und ihm dabei zutrauen, dass er alles tun kann. Ester hat es ihm zugetraut mit Blick auf all die spektakulären Heilstaten, die in den Generationen vor ihr geschehen sind. Auch wir dürfen auf die vergangenen Heilstaten Gottes zurückschauen – vor allem auf das Kreuzesopfer Christi, das in jeder Hl. Messe in die Gegenwart geholt wird! So können auch wir im Glauben gestärkt werden und mit neuem Mut Gott um etwas bitten.

Das können wir in der Fastenzeit auf neue Weise lernen, da wir durch den Verzicht Kapazitäten frei haben für mehr Gebet.

Ihre Magstrauss

Apostel Matthias (Fest)

Apg 1,15-17.20ac-26; Ps 113,1-2.3-4.5au. 6-7; Joh 15,9-17

Heute feiern wir ein Fest wie jedesmal, wenn der Gedenktag eines Apostels ist. Heute feiern wir dabei einen Nachzügler, den Plan B Gottes, als einer der zwölf Apostel sich gegen Gott entschieden hat. Es ist Matthias, auf den das Los fiel. Wie es dazu kam, lesen wir heute in der ersten Lesung:

Apg 1
15 In diesen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder – etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen – und sagte: 

16 Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im Voraus über Judas gesprochen hat. Judas wurde zum Anführer derer, die Jesus gefangen nahmen. 
17 Er wurde zu uns gezählt und hatte Anteil am gleichen Dienst. 
20 Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Amt soll ein anderer erhalten!
21 Es ist also nötig, dass einer von den Männern, die mit uns die ganze Zeit zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, 
22 angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und in den Himmel aufgenommen wurde – einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. 
23 Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. 
24 Dann beteten sie: Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, 
25 diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen! Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. 
26 Sie warfen das Los über sie; das Los fiel auf Matthias und er wurde den elf Aposteln zugezählt.

Petrus spricht vor dem ganzen „Kreis der Brüder“, es ist die Versammlung der Jünger, also nicht nur der Zwölferkreis. Wir lesen in den Versen vor unserem Ausschnitt auch davon, dass Maria, die Mutter Jesu, und die anderen Frauen anwesend sind. Petrus ist der Apostel, den Jesus auf besondere Weise berufen hat – wir hörten davon am Samstag. Und deshalb ist er es, der die ganze Prozedur nun in die Hand nimmt:
Er beginnt seine Worte mit dem Hinweis auf ein erfülltes Schriftwort, man muss genauer sagen, zweier Psalmworte: Ps 69,26 „Ihr Lagerplatz soll veröden, in ihren Zelten soll niemand mehr wohnen“ (Dieses Schriftwort wird in der heutigen Lesung jedoch ausgelassen). Zudem erfüllt sich Ps 109,8 „Nur gering noch sei die Zahl seiner Tage, sein Amt erhalte ein anderer.“ Das ist ganz typisch und ein Spiegel des Verständnisses auch der neutestamentlichen Autoren. Sie haben ebenso das ganze Leben Jesu und ihre kirchliche Situation von den Verheißungen der Hl. Schrift (damals war es noch das AT!) her betrachtet. Sie haben immer wieder Erfüllungen dieser Verheißungen erkannt. Petrus tut es deshalb an der Stelle mit den beiden Psalmworten. Es ist auch typisch und absolut im Sinne Jesu, unterschiedliche Schriftstellen des AT miteinander zu kombinieren. So tat es Jesus bei dem Doppelgebot der Liebe (er verband Levitikus und Deuteronomium) und so ist es auch bei den Lobgesängen wie dem Magnificat Mariens (eine Zusammenstellung verschiedenster Schriftstellen, v.a. aus den Psalmen).
Der Zwölferkreis ist der innerste Kreis um Jesus. Er bestand aus Männern, die ununterbrochen und von Anfang an mit Jesus zusammen waren. Da durch den Verrat und Selbstmord des Judas Iskariot nun ein Platz frei geworden ist, aber belegt sein soll, erklärt Petrus die Bedingungen für den Nachfolger: Die Person muss aus dem Jüngerkreis Jesu kommen und von Anfang an mit dabei, immer bei Jesus gewesen sein. Das hat auch einen ganz bestimmten Grund: Die Aposteln sind in erster Linie Augenzeugen. Sie werden nach dem Pfingstereignis in die ganze Welt hinausziehen, um alle Worte und Taten Jesu mit ihrem eigenen Augen- und Ohrenzeugnis zu verbreiten. Dabei muss der Nachfolger alles bezeugt haben, auch die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu. Gerade das Osterereignis ist ja entscheidend für den christlichen Glauben und somit absolut existenziell für die Evangelisierung.
Dass auch der dreizehnte Apostel ein Mann sein soll, ist selbstverständlich und kein Ausdruck von Diskriminierung. Die Aposteln sind nämlich nicht nur Augenzeugen, sondern die umfassenden Nachfolger Christi, die so wie er mit ihrem Leben und ihrer ganzen Natur die Bräutigamhaftigkeit Christi nachahmen sollen, um so den Partner der Braut abzubilden.
Wir erfahren nichts davon, warum ausgerechnet Josef Barsabbas und Matthias in die engere Auswahl kommen. Was wir aber sagen können: Gottes Finger sind im Spiel. Er wird diese Versammlung schon wie ein erstes Konklave mit seinem Geist erfüllt haben, sodass die Anwesenden von seinem Geist geleitet eine Entscheidung getroffen haben.
Dass sie sich für diesen Geist auch schon geöffnet haben, sehen wir an ihrem Gebet: „Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen!“ Die Versammlung überlässt die Entscheidung also Gott. So sollte es sein. Es ist seine Kirche, seine Braut. Er soll sie gestalten und nach seinem Willen formen. Das gilt auch bis heute. Wer welche Aufgabe in der Kirche erfüllt, sollte Gott entscheiden, der den Menschen seinen Willen durch den Hl. Geist kundtut. Für diesen muss die Kirche sich aber öffnen, sonst hat er keinen Raum. Auch hier gilt wie für die Seele des Menschen der freie Wille und die Entscheidung für Gott. Der Geist Gottes erfüllt den Menschen, wo dieser ihn einlädt. Umgekehrt sehen wir aber auch, dass Gottes Geist nicht automatisch dort hinkommt, wo wir ihn einladen: Der Stiftungswille Christi ist entscheidend. Wenn wir jetzt z.B. den Geist Gottes bei einer Frauenweihe herabrufen würden (also unseren freien Willen damit kundtun), dann kommt er nicht. Frauenweihen sind nicht Christi Stiftungswille für seine Braut, die Kirche.
Sie werfen das Los, denn bei dieser Methode kann man als Mensch nichts beeinflussen. So soll Gott das Los dem zuteilen, der für ihn als der geeignete Kandidat angesehen wird. Matthias wird auserwählt und so zum Nachfolger des Judas.
Wenn die Aposteln vor der Wahl beten und in einem Nebensatz das weitere Geschick des Judas erwähnen, müssen wir das richtig verstehen: „Er ist jetzt an dem Ort, der ihm bestimmt war.“ Diese Übersetzung ist ganz irreführend, denn kein Mensch ist für einen Ort schon bestimmt im Sinne einer Prädestination. Diese widerspricht dem freien Willen des Menschen. Protestanten vertreten eine Prädestination, sogar im doppelten Sinne (so die Calvinisten). Der Mensch kann also nicht nur für den Himmel vorherbestimmt sein, sondern sogar für die Hölle bzw. von Anfang an von Gott verworfen sein!
Das soll hier aber nicht ausgesagt werden und geht sprachlich aus dem Text auch nicht hervor: Es meint, dass Judas „an den eigenen Ort“ gegangen ist (εἰς τὸν τόπον τὸν ἴδιον eis ton topon ton idion). Es wird an dieser Stelle in der Apostelgeschichte also offen gelassen. Er ist an den Ort gekommen, zu dem er gehört.
Gottes Vorsehung ist es, die einen Nachfolger für Judas Iskariot ausgewählt hat. Und dieser Mensch hat in seinem Leben so viel Gutes bewirkt. Auch unser eigenes Leben wird maximal fruchtbar da, wo wir nicht selbst alles mit unserem engstirnigen, begrenzten Blick entscheiden. Wenn wir auf Gottes Vorsehung vertrauen und nach dieser in unserem Alltag Ausschau halten, werden wir immer wieder geleitet und bei Fehltritten eines Besseren belehrt. Mit Gottes Geist im Teamwork werden wir ein glückliches und erfülltes Leben haben. Und am Sonntag wurden wir ja daran erinnert, dass unsere Seelen die Tempel des Hl. Geistes sind. Es ist also kein weiter Weg, den wir zum Geist Gottes zurücklegen. Wir müssen nur in uns gehen und auf ihn hören. Er wird uns alles eingeben, was wir zu den richtigen Entscheidungen brauchen.

Ps 113
1 Halleluja! Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN! 

2 Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit. 
3 Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang sei gelobt der Name des HERRN. 
4 Erhaben ist der HERR über alle Völker, über den Himmeln ist seine Herrlichkeit. 
5 Wer ist wie der HERR, unser Gott, der wohnt in der Höhe, 
6 der hinabschaut in die Tiefe, auf Himmel und Erde? 
7 Den Geringen richtet er auf aus dem Staub, aus dem Schmutz erhebt er den Armen,

Wir beten heute wieder aus dem Psalm 113, einem Lobpreispsalm. Er ist eine wunderbare Antwort auf das Ereignis der Lesung. Wir können uns wunderbar vorstellen, wie die versammelten Jünger zusammen Gott mit diesem Psalm lobpreisen, nachdem sie Matthias zum Nachfolger eingesetzt haben.
„Halleluja“ ist dabei die kürzeste Aufforderung zum Lobpreis („Preist Jahwe“). Und direkt im Anschluss erfolgt eine weitere Lobpreisaufforderung („Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN!“). Denken wir an die Lesung, können wir uns richtig gut vorstellen, dass mit „Knechte des HERRN“ die versammelte Jüngerschar gemeint ist. Es klingt sehr liturgisch und passt in den Kontext des heutigen Festes. Das heißt auch wir haben Grund zum Lobpreis und werden als „Knechte des HERRN“ aufgefordert als Dank für die wunderbare Vorsehung Gottes. Hätte Gott uns nicht den Apostel Matthias geschenkt, wären wir um einen gnadenhaften Ort weniger beschenkt – Trier. Wie viele Pilgerströme sind schon damals im Mittelalter zu seinem Grab nach Trier geströmt, auch heute reißen die Ströme nicht ab. Mit ihm haben wir einen großen Heiligen und Fürsprecher in vielen Lebenslagen.
„Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit“ ist eine Wendung, die die Kirche übernommen hat, nämlich als Teil des sogenannten apostolischen Segens (der Herr sei mit euch…der Name des Herrn sei gepriesen….unsere Hilfe ist im Namen des Herrn….). Diesen dürfen die Nachfolger der Apostel beten und auf besondere Weise der Papst als Nachfolger Petri. Mit diesem apostolischen Segen sind unter anderem Ablässe verbunden. Es ist ein schönes Zeichen, dass wir ausgerechnet heute, wo der Zwölferkreis der Apostel sich wieder schließt, diesen Vers beten.
„Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang“ bezieht sich einerseits auf die Zeit: Vom Morgen bis zum Abend, also den ganzen Tag, soll der Lobpreis Gottes erfolgen. Vor Tagen reflektierten wir die Haltung im gesamten Leben, alles als Gebet/Lobpreis zu sehen, damit man die guten Taten Gottes nie vergisst. Dies wird auch durch diese Wendung herausgestellt. Sie kann aber auch geographisch verstanden werden, denn mit Aufgang und Untergang werden die Himmelsrichtungen des Ostens und Westens umschrieben. So soll also der ganze Erdkreis Gott loben und preisen. Dadurch, dass man „sei gelobt“ als Partizip übersetzen kann, ist es zeitlos. Gottes Name soll dauerhaft gepriesen werden und zu allen Zeiten. Das sehen wir konkret jetzt an unserer Situation. Es wurde zu Davids Zeiten schon gebetet, es wurde von den Aposteln und Jüngern Jesu gebetet, von Jesus selbst! Und nun ist es Teil unserer heutigen Liturgie 2000 Jahre später! Und auch die zukünftigen Generationen werden den Namen Gottes loben und preisen. Es ist, als ob die grammatikalische Zeitlosigkeit des Verbs und des Verses so zur Andeutung der Ewigkeit wird. Denn dann wird es einen ewigen und umfassenden Lobpreis ohne Ende geben.
Gott ist erhaben über alle Völker, dies sehen wir an Jesus, der der König der Könige ist. Gott ist stärker als alle weltlichen Herrscher zusammen. Er muss nur einmal „schnipsen“ und die Herrschaft aller fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Gott ist auch höher als wir, die wir die Herrscher über unser eigenes Leben sind. Er ist der eigentliche Herr über unser Leben und weiß, was wir brauchen. Er bestimmt den Anfang und das Ende. Er beschenkt uns und begnadet uns. Er sieht das ganze Leben im Überblick, was wir nicht können. Und er sieht unsere Potenziale, die wir nicht einmal erahnen.
„Über den Himmeln ist seine Herrlichkeit“ bezieht sich auf die Himmel, die wir sehen können. Gottes Reich ist noch „über den Himmeln“ und somit ganz anders. Er ist der Transzendente. Gott ist Geist. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist nicht greifbar.
Er steht über der gesamten Schöpfung, zu der Himmel und Erde zugleich gehören (Gen 1,1). Deshalb schaut er sogar auf den Himmel herab, der für uns so hoch oben ist. Gott ist so unvergleichlich, dass hier im Psalm die rhetorische Frage gestellt wird „wer ist wie der Herr?“ Keiner ist wie er. Er ist als Schöpfer ganz anders als alles, was wir in dieser Welt erfahren. Und doch erahnen wir ihn, wenn wir den Menschen ansehen – in seinen guten Eigenschaften. Denn schon die Genesis mit ihrem ersten Schöpfungsbericht bezeugt uns den Menschen als Abbild Gottes.
Und doch ist er kein weit entfernter Gott, der sich nicht um seine Schöpfung kümmert. Das ist das Missverständnis eines deistischen Gottesbildes, das die Aufklärer vertreten haben und bis heute freimaurerisches Gedankengut ist. Gott, der am höchsten von allen steht, schaut auf die, die am tiefsten Boden liegen. Er richtet sie auf und erhebt sie aus dem Staub. So groß ist Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Seine Allmacht schließt nicht das Interesse für den Kleinsten der Kleinen aus. Im Gegenteil. Gottes Option ist immer eine Option für die Armen jeglicher Form – arm im Geiste, finanziell arm, sozial arm.

Joh 15
9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! 

10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 
11 Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. 
12 Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. 
13 Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. 
14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. 
15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. 
16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 
17 Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt. 

Den heutigen Abschnitt aus dem Johannesevangelium entnehmen wir der langen Abschiedsrede Jesu. Diese ist insofern heute passend, als Jesus seinen Jüngern wichtige Gedanken als Testament mitgibt.
„Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.“ Es geht immer um das zuerst Geliebtsein. Jesus ist zuerst vom Vater geliebt und liebt aus dieser Liebe heraus seine Apostel. Diese sollen aus dem zuerst Geliebtsein durch Christus wiederum lieben, einander und die Menschen, zu denen sie dann später gesandt werden. Jesus hat ihnen gezeigt, wie Liebe funktioniert – wie das maßlose Maß an Hingabe konkret aussieht. Jesus weiß, dass er bald von ihnen gehen muss. Deshalb ruft er sie dazu auf, in seiner Liebe zu bleiben.
Dann erklärt er, was das konkret heißt: Es geht darum, den Willen Gottes zu tun. So wie Jesus den Aposteln seinen Gehorsam gegenüber den Vater vorgelebt hat, so sollen die Aposteln im Gehorsam gegenüber Jesus Christus leben. Die Gebote Gottes zu halten ist dabei der Ausdruck ihrer Liebe. Und wenn man die Gebote Gottes hält, bleibt man in seiner Liebe. Wir denken an die moralische Bedeutung dieser Worte: In Gottes Liebe bleiben ist dann das Bleiben im Stand der Gnade.
Das Bleiben in Gottes Liebe/im Stand der Gnade ist es, was den Menschen mit Freude erfüllt. Freude wiederum ist eine Frucht des Hl. Geistes. Wer also in seinem Leben froh sein möchte, muss alles tun, um in der Liebe Gottes zu bleiben. Sie ist wie Licht und Wasser für die Pflanze. Ohne beides geht sie ein.
Jesus gebietet seinen Jüngern, einander zu lieben. So bleiben sie in Gottes Liebe. Das Doppelgebot der Liebe ist der rote Faden aller Gebote Gottes, die sie zu halten haben.
Jesus erklärt auch genauer, wie die gegenseitige Liebe konkret aussieht: Es geht um die gegenseitige Hingabe bis hin zum eigenen Leben. Wir sollen füreinander sterben, so wie die Jünger damals. Wenn wir den anderen retten können durch unseren eigenen Tod, sterben wir füreinander, aber auch wenn wir immer mehr ein Stück selbst absterben, das heißt unser Ego, unsere Lebenszeit, unsere Kraft und unser eigener Wille. Wenn wir all diese Güter für den anderen hingeben, dann ist das unser Ausdruck von Liebe. Es geht um das Verschenken des eigenen Lebens.
Auch dies hat Jesus absolut vorgelebt, indem er für uns alle Menschen, die er zu seinen Freunden machen möchte, am Kreuz gestorben ist. Er hat unser aller Leben gerettet, denn durch seine Erlösung haben wir wieder eine Chance auf den Himmel.
Freunde Gottes werden wir dadurch, dass wir Gottes Gebote halten. Mit der Taufe sind wir zu seiner Familie geworden, aber dies zieht auch ein Leben nach den Geboten Gottes nach sich.
Freunde haben es an sich, dass sie keine Geheimnisse voreinander haben. Jesus hat seine Jünger nicht im Dunkeln gelassen, sondern alles offenbart, auch wenn sie noch nicht alles verstanden haben. Für den Rest kündigte Jesus ihnen den Hl. Geist an, der sie in alle Wahrheit einführen würde – nichts Neues, sondern das bessere Verständnis seiner vollständigen Offenbarung.
Wir sind Erwählte durch die Taufe. Erwählt heißt aber nicht vorherbestimmt im Sinne einer Prädestination, die man von der Lesung her missverstehen könnte (die Übersetzung ist einfach ungünstig). Wir sind zur Liebe berufen, weil wir zuerst geliebt sind. Dies drückt Jesus nun mit dem Begriff der Erwählung aus. Das sagt er auch uns heute: Nicht wir haben uns für ihn entschieden (doch, aber nicht zuerst). Er hat sich zuerst für uns entschieden und alles, was wir tun und lassen, ist eine Reaktion darauf.
Gott hat uns dazu berufen, fruchtbar zu sein. So wie er bei der ersten Schöpfung einen Bund mit Adam und Eva geschlossen und sie zur Fruchtbarkeit berufen hat, so werden auch wir, die wir Teil der neuen Schöpfung sind und mit Gott den neuen Bund schließen, zur Fruchtbarkeit berufen. Diese ist nun nicht mehr nur biologisch zu verstehen, sondern vom neuen Bund her geistig. Die Aposteln haben sich biologisch freiwillig zur Unfruchtbarkeit entschieden, als sie Jesus nachgefolgt sind. Sie haben ihre Familien zurückgelassen und keine Kinder mehr gezeugt, weil sie ihre Fruchtbarkeit auf die geistige Ebene verlagert haben. Dies meint Jesus hier. Die Fruchtbarkeit ist mit der Mission zu verbinden, die die Aposteln weltweit vorgenommen haben. Auch der Apostel Matthias hat missionarisch gewirkt und viele Kinder für Gott „gezeugt“, Kinder des neuen Bundes, der neuen geistigen Schöpfung!
Fruchtbar sein ist auch auf die moralische Ebene zu beziehen: Wir sollen fruchtbar sein durch das Halten der Gebote. So können wir verbunden mit Gott wie die Rebe am Weinstock alles vollbringen. Wenn wir die Gebote halten, dann sind wir im Stand der Gnade und können in diesem Zustand alles von Gott erbitten. Wenn es sein Wille ist, wird er unsere Bitten erfüllen.
Jesus schließt das heutige Evangelium mit der wiederholten Aufforderung zur Nächstenliebe. Diese werden sie nicht nur untereinander ausüben, sondern auch an all den Menschen, denen sie ihre Lebenszeit, Kraft und jegliche andere Ressourcen schenken werden bei all den Missionsreisen. Sie haben sich wahrhaft verschenkt – außer Johannes der Evangelist haben alle den Märtyrertod erlitten und so ihr Leben ganz verschenkt. Deshalb preisen wir sie heute selig, die sie bei Gott am Thron sein dürfen. Dies schaut der Seher Johannes in der großen Thronsaalvision in der Johannesoffenbarung (Offb 4-5).

Bleiben auch wir in Gottes Liebe und haben wir keine Angst, unser Leben an andere zu verschenken. Wie die Apostel schenken wir damit nämlich unser Leben Gott. Wir werden es in unendlich großem Maße zurückbekommen, wenn Gott uns am Ende unseres Lebens mit dem Siegeskranz ausstatten wird.
Heiliger Matthias, bitte für uns!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 5. Woche im Jahreskreis

1 Kön 8,22-23.27-30; Ps 84,3.4.5 u. 10.11; Mk 7,1-13

1 Kön 8
22 Dann trat Salomo in Gegenwart der ganzen Versammlung Israels vor den Altar des HERRN, breitete seine Hände zum Himmel aus 

23 und betete: HERR, Gott Israels, im Himmel oben und auf der Erde unten gibt es keinen Gott, der so wie du Bund und Huld seinen Knechten bewahrt, die mit ungeteiltem Herzen vor ihm leben.
27 Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe. 
28 Wende dich, HERR, mein Gott, dem Beten und Flehen deines Knechtes zu! Höre auf das Rufen und auf das Gebet, das dein Knecht heute vor dir verrichtet! 
29 Halte deine Augen offen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast, dass dein Name hier wohnen soll! Höre auf das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte verrichtet! 
30 Achte auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, wenn sie an dieser Stätte beten! Höre sie im Himmel, dem Ort, wo du wohnst! Höre sie und verzeih!

Gestern haben wir davon gehört, dass die Bundeslade in den neu errichteten Tempel überführt worden ist. Das ganze Geschehen ist in einen liturgischen Kontext eingebettet worden. Sobald die Lade in den Tempel gebracht worden ist, legt sich die Wolke der Herrlichkeit Gottes auf ihn. Salomo hält daraufhin eine Ansprache, die wir heute nicht hören. Stattdessen setzt die heutige Lesung bei dem sich anschließenden Weihegebet des Königs an.
Er tritt „in Gegenwart der ganzen Versammlung Israels vor den Altar“, was eine ganz klare liturgische Handlung beschreibt. Sein Gebet, das wir gleich hören, wird von seinem Stehen vor dem Altar und durch die Ausbreitung seiner Hände begleitet.
Das Gebet beginnt mit dem Bekenntnis Salomos, dass es keinen Treueren als Gott gibt. Die Bezeichnung „im Himmel oben und auf der Erde unten“ bezieht sich dabei auf Irdisches und Überirdisches. Das Begriffspaar „Himmel und Erde“ stehen für die sichtbare und die unsichtbare Welt, die beide von Gott geschaffen worden sind. Er ist der Treue, der seinen Bund aufrecht erhält, der sein Versprechen gegenüber seinen Bündnispartnern nicht bricht.
Salomo hat die Erkenntnis, dass selbst der Himmel Gott nicht fassen kann. Der Himmel ist von Gott geschaffen und kann ihn nicht übersteigen. Gott lässt sich nicht fassen und wenn schon der Himmel ihn nicht umgeben kann, umso weniger der irdische Tempel Salomos. Auch wenn der König ein so prunkvolles Heiligtum errichtet hat, maßt er sich nicht an, wie die Menschen beim Turmbau zu Babel den Himmel erreichen zu können. Er weiß, dass das Beste und ihm nur Mögliche für Gott gerade gut genug ist. Das ist eine Demutsbekundung und bezeugt Salomos Gottesfurcht. Die Gottesfurcht ist wiederum der Anfang jeder Weisheit (Ps 111,10). Und im gestrigen Psalm haben wir schon dieses Bild vom Fußschemel gehört. Ein Tempel ist zwar Wohnstatt Gottes und doch kann man Gott darin nicht einfangen.
Salomo bittet Gott um Aufmerksamkeit und Erhörung („Wende dich (…) zu“; „Höre auf das Gebet“). Die Art seines Betens erinnert sehr stark an Psalmen.
Gott soll seine Augen offenhalten bei Tag und Nacht. Das ist bildlich gesprochen, denn Gott ist Geist und hat keine Augen. Was Salomo sich wünscht, ist Gottes Allsehen. Er soll die Opfer sehen und registrieren. Er soll alle Gebete mitbekommen, damit kein Gebet unerhört bleibt.
Dabei setzt Salomo voraus, dass Gott trotz Gegenwart im Tempel eigentlich im Himmel wohnt. Denn er sagt hier „im Himmel, dem Ort, wo du wohnst.“ Das Hören soll auf Vergebung abzielen. Gott soll das Flehen der Menschen hören, damit er ihnen verzeihe. Es geht um die ganze Opferpraxis, die sich im und um den Tempel herum abspielen wird.
Die ganze Situation ist bemerkenswert. Es handelt sich um ein Weihegebet. Der Tempel wird Gott geweiht. Derjenige, der die Weihe aber vornimmt, ist der König und nicht ein Hohepriester! Salomos ist gesalbt und hat als Gesalbter die Gnadengaben Gottes erhalten. Und doch ist es ungewohnt, weil sein Gebet an das hohepriesterliche Gebet Jesu in Joh 17 erinnert. Die typologische Verbindung zwischen Salomo und Jesus ist unverkennbar, insbesondere bei Betrachtung des Königtums.

Ps 84
3 Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach den Höfen des HERRN. Mein Herz und mein Fleisch, sie jubeln dem lebendigen Gott entgegen. 

4 Auch der Sperling fand ein Haus und die Schwalbe ein Nest, wohin sie ihre Jungen gelegt hat – deine Altäre, HERR der Heerscharen, mein Gott und mein König. 
5 Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben.
11 Ja, besser ist ein einziger Tag in deinen Höfen als tausend andere. Lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als wohnen in den Zelten der Frevler. 
12 Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild. Der HERR schenkt Gnade und Herrlichkeit. Nicht versagt er Gutes denen, die rechtschaffen wandeln. 

Der heutige Psalm ist dem Tempel in Jerusalem gewidmet. Gleich zu Beginn wird uns dies durch die „Höfe des Herrn“ verdeutlicht. Es meint die verschiedenen Bereiche des Tempelgeländes. Der ganze Beter verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel. Er jubelt mit seiner ganzen Existenz („mein Herz und mein Fleisch“).
Er vergleicht seine Freude über den Tempel und seine damit verbundenen Heimatgefühle mit Sperling und Schwalbe, die ein Nest gebaut und ihre Jungen hineingelegt haben. Dabei ist die Anrede HERR der Heerscharen (Jahwe Zebaot) eine kultische Bezeichnung für Gott. Auch wir bezeichnen ihn so, wenn wir das Sanctus singen. Es ist ein liturgischer Titel auch bei den Christen.
„Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben“ führt uns über den Buchstabensinn hinaus. Wir preisen jene selig, die ewig das Sanctus im Himmel singen. Nicht umsonst kündigt der Priester in der Präfation das Sanctus z.B. mit den Worten an: „Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit.“ Jene sind es, die wirklich selig sind und im Hause Gottes wohnen und ihn allezeit preisen. Neben dieser anagogischen Lesart können wir es schon allegorisch-ekklesiologisch verstehen, also auf die Kirche beziehen. Sie ist das Haus Gottes auf Erden, der Antitypos des Tempels. Hier wohnt Christus in der Eucharistie- Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Gott allezeit preisen. Hier wird ein Funke der eschatologischen Freude schon sakramental vorweggenommen.
Der Beter des Psalms bevorzugt diese Zeit im Tempel gegenüber vielen Tagen vom Tempel entfernt. Die Wallfahrtszeiten sind sein Höhepunkt. Er freut sich schon darüber, wenn er „an der Schwelle“ stehen darf, solange er nicht in den „Zelten der Frevler“ verbringen muss. Es ist wiederum anagogisch weiterzudenken: Selbst wenn wir an der Schwelle zum Himmelreich stehen, ist es besser, als in der ewigen Verdammnis zu verbringen. Selbst wenn wir noch geläutert werden müssen, aber schon mit einem Fuß im Himmelreich sind, haben wir Trost. Denn wir sind uns sicher, dass wir danach bei Gott sein dürfen. Es ist wie mit den Höfen des Tempels. Es muss zunächst die Reinigung erfolgen, damit wir weiter vordringen können. Der irdische Tempel ist wirklich nach dem Vorbild der Ewigkeit gebaut worden!
„Gott der HERR ist Sonne und Schild“. Er ist also Orientierung, Wärme und Schutz. Er schenkt Gnade und Herrlichkeit. Wer in den Tempel kommt, der wird beschenkt und wieder neu ausgerüstet. So ist es auch mit uns, die wir in die Kirche gehen, um in der Eucharistie neu ausgestattet zu werden mit Gnade und Herrlichkeit. Wir werden immer mehr gewandelt in den Leib Christi, den wir empfangen. So werden wir Gott immer ähnlicher, auch wenn wir nie Götter werden. Stattdessen werden wir immer mehr zu Menschen, wie Gott sie gedacht hat. Gott gibt Überfülle an Gnaden, wenn der Mensch rechtschaffen wandelt. Das Wandeln ist im biblischen Kontext immer ein moralischer Begriff und bezieht sich auf den Lebenswandel. Wer also die Gebote Gottes hält und somit im Stand der Gnade ist, wird immer mehr beschenkt. Der Kanal zwischen Gott und Mensch ist ja frei durch den einwandfreien Seelenzustand. Wenn der Mensch aber im Zustand schwerer Sünde ist, dann ist der Kanal verstopft. Dann kann Gott ihm diese Gnaden nicht schenken, nicht weil er es nicht möchte, sondern weil der Mensch sich selbst blockiert.
Wollen wir selig sein und das schon in diesem Leben, dann kommen wir zur Quelle, machen den Weg frei für Gottes Gnaden in der Beichte und empfangen wir Christus in der Eucharistie. Dann wird er in unserem inneren Tempel Wohnung nehmen. Dann werden wir schon hier auf Erden Heimatgefühle des Himmels haben.

Mk 7
1 Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, versammelten sich bei Jesus. 

2 Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. 
3 Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben; so halten sie an der Überlieferung der Alten fest. 
4 Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. 
5 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen? 
6 Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte, wie geschrieben steht: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. 
7 Vergeblich verehren sie mich; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. 
8 Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. 
9 Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Überlieferung aufzurichten. 
10 Denn Mose hat gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Wer Vater oder Mutter schmäht, soll mit dem Tod bestraft werden. 
11 Ihr aber lehrt: Wenn einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Korbán – das heißt: Weihgeschenk sei, was du von mir als Unterstützung erhalten solltest – , 
12 dann lasst ihr ihn nichts mehr für Vater oder Mutter tun. 
13 So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.

Heute lesen wir von einer Konfliktsituation zwischen Jesus/seinen Jüngern und den Pharisäern und Schriftgelehrten. Jesus und seine Jünger halten sich nicht an die Reinheitsgebote und anderen Überlieferungen der Alten. Das stört die Pharisäer, die sehr viel Wert auf die Einhaltung der jüdischen Gebote legen. An sich ist dies nicht verwerflich, denn dafür hat Gott die Menschen diese Gebote zur gegebenen Zeit auch gelehrt. Das Problem ist nicht, dass die Pharisäer sich vor dem Essen die Hände waschen und das auch von anderen erwarten. Das Problem ist, dass sie ihre Hände waschen, aber nicht ihr Herz. Sie sind Heuchler, weil sie sich um äußere Dinge kümmern, aber das Entscheidende nicht tun. Er vergleicht sie mit dem, was Jesaja schon beklagt hat: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“ Was bringen die noch so perfekt eingehaltenen äußeren Handlungen ohne entsprechende innere Haltung? Ganz wichtig: Jesus will nicht irgendwelche Gebote entkräften, zumindest nicht die göttlichen! Er kritisiert zurecht das von den Pharisäern errichtete menschliche Konstrukt um die göttlichen Gebote herum. Diese menschlich herbeigeführte Verkomplizierung führt vom wesentlichen Kern und von der ursprünglichen Absicht der Gebote Gottes weg. So greift Jesus als Beispiel das vierte Gebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ auf und stellt heraus, wie die Pharisäer dieses Gebot durch eigene Gesetze entkräften. In diesem Fall würden sie z.B. ihren ganzen Besitz Gott weihen, was auf Hebräisch Korban heißt. Damit hätten sie dann einen Vorwand, ihre Eltern nicht mehr zu unterstützen, denn das dafür benötigte Geld etc. ist ja schon Gott geweiht worden. Auf diese Weise würden die Pharisäer das vierte Gebot entkräften, weil sie die Juden zur Umgehung des vierten Gebots provozieren würden. Jesus sagt nicht, dass Gebote überflüssig sind. Das wird aus solchen Episoden gerne geschlossen. Er sagt vielmehr, dass Gottes Gebote höchste Priorität haben und kein Mensch sie antasten kann. Anhand des Beispiels der Korban-Regelung möchte Jesus verdeutlichen, dass der pharisäische Umgang mit Geboten ihr von Gott weit entferntes Herz offenbart.
An anderer Stelle drückt Jesus es so aus: „21 Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Mt 7,21). Die Pharisäer sind gut darin, ganz besonders laut und fromm „Herr, Herr“ zu sagen. Und die Sache an sich ist nicht falsch. Was Jesus möchte, ist aber die Kongruenz, die Deckungsgleichheit von innen und außen, von Lippen und Herz. Er selbst hat sich ja auch unter das Gesetz gestellt. Er hat auch gesagt, dass er von der Torah nichts ändern möchte. Im Falle der Korban-Regelung gilt dasselbe: Nicht jedes Weihegebet ist jetzt verwerflich und er möchte natürlich nicht damit sagen, dass man seinen Besitz jetzt nicht mehr Gott weihen soll. Sonst hätte er im Nachhinein auch das Weihegebet Salomos aus der heutigen Lesung verworfen. Er möchte vermeiden, dass wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Stattdessen sollen wir uns darauf besinnen, dass die Gebote Gottes Priorität Nummer eins haben. Wir sollen diese mit der rechten Absicht halten, also aus Liebe zu Gott und unserem Nächsten. Wenn wir aber Liebe haben, dann werden wir nicht unseren Besitz Gott weihen aus habgierigen Gründen, damit wir uns vor der Verantwortung für die Eltern drücken können. Dann werden wir gerade aus Liebe für unsere Eltern da sein und sie auch mit den nötigen Mitteln unterstützen. Gott weihen kann und muss man gerade deshalb alles. Man gibt ihm dankbar zurück, was man von ihm bekommen hat. Das wäre die richtige Handhabung in diesem Beispiel.

Wenn wir über Liturgie, über Frömmigkeitsformen etc. nachdenken, müssen wir uns das auch immer fragen: Wollen wir alles korrekt haben, weil wir Gott lieben? Dann ist unser Bestreben gut und richtig. Wollen wir es um der Liturgie selbst willen? Dann müssen wir uns fragen: Wer ist größer: Gott oder die Liturgie? Wollen wir es um unserer Selbst willen? Um uns selbst besser darzustellen als diejenigen, die nicht alles richtig machen bei äußerlich sichtbaren Handlungen? Preisen wir Gott laut „Herr, Herr“ und leben im Alltag dennoch genauso weltlich wie jene, die wir für die schlechteren Anbeter halten? Was bringt dann unser lautes „Herr, Herr“, wenn wir nicht mal den Willen des Vaters tun?

Wir sind auf dem Weg in die Fastenzeit. Ich lade uns alle dazu ein, den Weg in die Deckungsgleichheit von Lippen und Herz einzuschlagen, damit wir zu jenen Menschen werden, die Gott gedacht hat und die er selig machen möchte. Ich lade dazu ein, unser ganzes Bestreben wirklich auf die Liebe zu Gott und zu dem Nächsten auszurichten und bei allem wirklich nur Gott die Ehre zu geben. Ich bin sicher, dass Sie das alle schon tun. Und doch können wir uns immer noch verbessern. Erbitten wir dazu die Gnade Gottes, die uns dabei hilft, immer mehr zu Abbildern Gottes zu werden.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 4. Woche im Jahreskreis

1 Kön 2, 1-4.10-12; 1 Chr 29, 10b-11a.11b-12a.12b-13; Mk 6, 7-13

1 Kön 2
1 Als die Zeit herankam, da David sterben sollte, ermahnte er seinen Sohn Salomo: 

2 Ich gehe nun den Weg alles Irdischen. Sei also stark und mannhaft!
3 Erfüll deine Pflicht gegen den HERRN, deinen Gott: Geh auf seinen Wegen und bewahre alle seine Satzungen, Gebote, Rechtsentscheide und Bundeszeugnisse, die in der Weisung des Mose niedergeschrieben sind! Dann wirst du Erfolg haben bei allem, was du tust, und überall, wohin du dich wendest. 
4 Und der HERR wird sein Wort wahr machen, das er mir gegeben hat, als er sagte: Wenn deine Söhne auf ihren Weg achten und aufrichtig mit ganzem Herzen und ganzer Seele vor mir leben, wird es dir nie an Nachkommen auf dem Thron Israels fehlen.
10 David entschlief zu seinen Vätern und wurde in der Davidstadt begraben.
11 Die Zeit, in der David über Israel König war, betrug vierzig Jahre. In Hebron regierte er sieben und in Jerusalem dreiunddreißig Jahre. 
12 Salomo saß nun auf dem Thron seines Vaters David und seine Herrschaft festigte sich mehr und mehr.

Heute hören wir von den letzten Worten König Davids vor seinem Tod, die er seinem Thronfolger Salomo mit auf den Weg geben möchte. Als aufmerksame Hörer der Tageslesungen in der Liturgie werden wir uns jetzt fragen: „Huch? Wann ist es denn geschildert worden, dass Salomo sein Nachfolger wird?“ Diese Dinge sind im vorangegangenen Kapitel nachzulesen, das in der Leseordnung ausgelassen worden ist. Diese fasse ich im Folgenden zusammen: David ist mittlerweile hochbetagt und seine Lebenskraft weicht immer mehr von ihm. Wir erfahren davon, dass seine Körperwärme durch Decken nicht mehr kontrolliert werden kann. Er erhält ein unberührtes Mädchen als Pflegerin, Abischag aus Schunem, die ihn mit ihrer Körperwärme wärmen soll. Diese Aktion ist eine Unschuldige. David wird mit ihr nicht intim. Während er sich also dem Tod nähert, nutzt der Bruder des verstorbenen Abschalom namens Adonija die Chance, den Königsthron an sich zu reißen. Er bringt ein Opfer dar und lädt alle seine Brüder ein außer Salomo. Er weiß offensichtlich, dass Salomo der rechtmäßige Nachfolger sein soll. Er lädt auch den Priester Zadok sowie den Propheten Natan nicht ein, von dem er genau weiß, dass dieser ihm von Gott kein gutes Urteil geben würde. Adonija weiß also im Inneren, dass die ganze Aktion illegitim ist, weil er gegen Gott handelt. Im Buch der Chroniken werden noch weitere Informationen darüber gegeben, dass die Nachfolge Salomos in der Öffentlichkeit verkündet wird. Natan geht daraufhin zu Batseba, der Mutter Salomos (genau, das ist die Frau, mit der David den Ehebruch begangen hat! Salomo ist aber nicht das uneheliche Kind, denn dieses starb ja. Er ist ein weiteres Kind der beiden mittlerweile Verheirateten). Gemeinsam mit Batseba spricht er vor dem König aus, dass er ja Salomo als rechtmäßigen Nachfolger durch einen Schwur bestimmt hat und stattdessen sein Bruder Adonija die Macht an sich gerissen hat. Das Tragische ist auch, dass dieser unter anderem den Heerführer Joab eingeladen hat und ebenso Abjatar, also zwei Vertraute König Davids. Das ist ein Verrat am gealterten König.
König David, der nun zum ersten Mal überhaupt davon erfährt, zögert nicht. Er befiehlt die sofortige Inthronisation Salomos und die offizielle Salbung durch den Propheten Natan. Salomo soll auf Davids Maultier geritten kommen und die ganze Aktion wird im Gegensatz zum Adonija-Putsch eine hochoffizielle darstellen. Er wird sich auf den Thron Davids setzen und die engsten Vertrauten Davids, die auch die Berechtigung haben, werden Salomo zum König ausrufen. Es wird alles so umgesetzt und die Gesellschaft um Adonija löst sich panisch auf. Adonija selbst bekommt Angst vor Salomo, der nun ein von Gott Gesalbter ist, und ergreift die Hörner des Altars. Salomo zeigt als erste Amtshandlung seine Barmherzigkeit gegenüber dem Bruder und lässt ihn am Leben. Damit zeigt er, dass er im Geiste seines Vaters regieren wird.
Was wir heute lesen, ist sozusagen das Testament Davids, das er seinem Thronfolger hinterlässt.
„Ich gehe nun den Weg alles Irdischen“ meint, dass er sterben wird, so wie alles Irdische einmal sterben muss.
„Sei also stark und mannhaft!“ ist ungünstig übersetzt. Es handelt sich bei beiden Bestandteilen um Vergangenheitsformen. Die Aussage ist also eigentlich eine andere: „Du warst stark und bist zu einem Mann geworden.“ Er möchte damit seinem Sohn verdeutlichen, dass er in der schwierigen Situation gestärkt worden ist und gereift, zu einem Mann geworden ist. Er ist nun erwachsen und bereit, den Königsthron zu besteigen.
König David ermahnt seinen Sohn dazu, Gottes Gebote zu halten und in allem immer Gottes Willen zu befolgen. Er erinnert ihn an das Versprechen, das Gott ihm unter dieser Voraussetzung gemacht hat: (…) „wird es dir nie an Nachkommen auf dem Thron Israels fehlen.“ Gottes Segen wird auf Salomo ruhen, wenn er die Gottesfurcht und Frömmigkeit seines Vaters übernimmt.
David stirbt daraufhin und wird bei seinen Vätern begraben. Das ist immer der letzte Wille und ein erstrebenswertes Ziel für die Juden – bei den Vätern begraben zu werden. Er wird in Bethlehem beerdigt, was mit „Davidsstadt“ gemeint ist. Sein Vater Isai ist dort zuvor begraben worden.
Es wird noch einmal erwähnt, dass er insgesamt 40 Jahre regiert hat, davon 33 Jahre in Jerusalem und 7 Jahre in Hebron.
Es heißt zum Schluss, dass Salomos Herrschaft sich immer mehr festigte. Wir werden im weiteren Verlauf davon hören, wie groß seine Herrschaft sein und wie weise er in allem entscheiden wird.

1 Chr 29
10 Gepriesen bist du, HERR, Gott unseres Vaters Israel, von Ewigkeit zu Ewigkeit. 

11 Dein, HERR, sind Größe und Kraft, Ruhm und Glanz und Hoheit; dein ist alles im Himmel und auf Erden. HERR, dein ist das Königtum. Du erhebst dich als Haupt über alles. 
12 Reichtum und Ehre kommen von dir; du bist der Herrscher über das All. In deiner Hand liegen Kraft und Stärke; es steht in deiner Hand, alles groß und stark zu machen.
13 Darum danken wir dir, unser Gott, und rühmen deinen herrlichen Namen.

Was wir heute statt des Antwortpsalms beten, ist ein Loblied Davids, das uns das erste Buch der Chroniken überliefert. Es ist die Reaktion Davids auf die Großzügigkeit der Israeliten bei der Spende für den Tempelbau. Er betet „gepriesen bist du, HERR, Gott unseres Vaters Israel, von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Es ist ein festes Gebetsformular, das in vielen Lobpreisungen verwendet wird. Gerade die abschließende Wendung מֵעֹולָ֖ם וְעַד־עֹולָֽם ma’olam ve’ad-olam oder die sonst auch verwendete Kurzform „ad olam“., die sogenannte „Ewigkeitsformel“ ist fester Bestandteil jüdischer Gebete. Es wird auch im NT aufgegriffen mit den Worten εἰς τοὺς αἰώνας τῶν αἰώνων eis tous aionas ton aionon und in lateinischer Form in saecula saeculorum.
Gott werden mehrere Prädikate zugeschrieben, die auch im NT in hymnenartigen Preisliedern verwendet werden. Es sind teilweise dieselben Begriffe, wenn man diesen Lobpreis im griechischen AT liest. Insbesondere die Begriffe der δύναμις dynamis für „Macht“ und ἰσχύς ischys für „Stärke“ sind gängige Gottesprädikate im Lobpreis. David preist Gottes Allmacht und Größe. David schreibt ihm alles zu („dein ist alles im Himmel und auf Erden“), denn er ist „Herrscher über das All.“ Dies verdient „Reichtum und Ehre“ (im Griechischen ὁ πλοῦτος καὶ ἡ δόξα), was wiederum typische Gottesbegriffe sind, die das NT übernimmt. Was David hier betet, können wir zu 100 Prozent übernehmen. Gott ist immer derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Ob also ein israelitischer König um das Jahr 1000 v.Chr. so betet oder wir im Jahre 2020, spielt keine Rolle.
Wir sollten auch das nächste nie vergessen: Alles liegt in Gottes Hand. Wir können tun und machen, so viel wir wollen. Letztendlich können wir nicht gegen Gott angehen. Er ist es, der Segen bringen kann und durch den uns alles gelingt. Dafür sei er immer gelobt und gepriesen, auch von uns heute, auch in schwierigen Situationen. Denn er trägt uns immer, wirklich immer durch alles hindurch. Er macht immer alles gut.

Mk 6
7 Er rief die Zwölf zu sich und sandte sie aus, jeweils zwei zusammen. Er gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister

8 und er gebot ihnen, außer einem Wanderstab nichts auf den Weg mitzunehmen, kein Brot, keine Vorratstasche, kein Geld im Gürtel, 
9 kein zweites Hemd und an den Füßen nur Sandalen. 
10 Und er sagte zu ihnen: Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst!
11 Wenn man euch aber in einem Ort nicht aufnimmt und euch nicht hören will, dann geht weiter und schüttelt den Staub von euren Füßen, ihnen zum Zeugnis. 
12 Und sie zogen aus und verkündeten die Umkehr. 
13 Sie trieben viele Dämonen aus und salbten viele Kranke mit Öl und heilten sie.

Heute sendet Jesus seinen Zwölferkreis zu zweit hinaus, weil die Evangelisierung so schneller vorangehen kann. Er tut es aber nicht nur aus pragmatischen Gründen. Das ist nie der Hauptgrund im Falle Jesu. Er möchte seine Jünger dafür sensibilisieren, dass sie nach seinem Tod, seiner Auferstehung und Himmelfahrt, nach der Geistsendung auf diese Weise das Reich Gottes bis an die Enden der Erde bringen sollen und dabei in seiner Vollmacht all die Heilstaten des Messias weiterführen werden. Es handelt sich also sozusagen um eine „Generalprobe“, die vorübergehend ist.
Jesus bevollmächtigt sie noch nicht zu allem, was dann später noch folgen wird, z.B. kommt die Sündenvergebung erst nach seiner Auferstehung. Er bevollmächtigt sie aber jetzt schon zum Exorzismus, was im Markusevangelium besonders hervorgehoben wird.
Wenn Jesus in Vers 8 seine Apostel dazu aufruft, nur einen Wanderstab mitzunehmen, möchte er damit vermitteln: Ihr sollt ganz auf die Vorsehung Gottes vertrauen. Euch soll es zuerst um das Reich Gottes gehen, alles Andere wird euch dazugegeben. Sie sollen deshalb kein Brot, keine Vorratstasche oder Geld mitnehmen. Sie sollen darauf vertrauen, dass Gott ihnen das alles durch andere Menschen geben wird. Dadurch vollziehen seine Apostel für die Menschen eine prophetische Zeichenhandlung. So wie Jesus alles, was er verkündet, auch an seinem Leben verdeutlicht, so sollen seine Nachfolger ebenfalls an ihrer Lebensführung das Verkündete lebendig werden lassen. So können die Menschen an ihrer Person das Gesagte ablesen und werden es als authentisch annehmen.
Sie sollen zudem in dem Haus bleiben, in das sie einkehren. Das soll heißen, dass sie nicht schauen sollen, wo es angenehmer ist. Sie sollen dankbar annehmen, was ihnen angeboten wird.
Wenn man sie an dem Ort aber nicht annimmt, also ihre Botschaft nicht annimmt, sollen sie diesen Ort verlassen und selbst den Staub abschütteln. Sie sollen nicht mehr zurückschauen oder sich an den Ort gebunden fühlen. Wenn man sie nicht möchte, sollen sie stattdessen dorthin gehen, wo das Evangelium angenommen wird. Dieses Abschütteln des Staubs hat noch eine andere Bedeutung, die uns heutzutage nicht mehr so vor Augen steht. Es war nämlich eine Geste der Gerichtsankündigung. Damit wird also ausgesagt: Ihr sollt das Richten Gott überlassen, der mit ihnen tun wird, wie er es für richtig hält. Ihr sollt nicht verurteilen, sondern es Gott überlassen. Nehmt den Segen mit zu jenen, die ihn annehmen.
Die Aposteln ziehen umher, verkünden die Umkehr so wie Jesus und tun, wozu Jesus sie bevollmächtigt hat – exorzieren und salben. Diese Salbung ist ein Beleg für die sakramentale Krankensalbung. Dass es nicht die Krankenheilung als Charisma, als Gnadengabe meint, von der dann Paulus sprechen wird, sehen wir daran, dass es nur die Bevollmächtigten tun, die Apostel. Wir sehen es auch an der Verbindung der Heilung mit Salbung. Wenn ein Getaufter und Gefirmter, egal ob Laie oder Kleriker, die Gabe der Krankenheilung von Gott geschenkt bekommt, führt er oder sie diese nicht in Verbindung mit einer Salbung aus. Das ist Bestandteil eines Sakraments. Auch der Exorzismus ist ein besonders wirksamer, weil er eine Bevollmächtigung Christi ist. Deshalb gilt bis heute, dass die Befugten zum offiziellen Exorzismus (davon zu unterscheiden sind Befreiungsgebete, die jeder beten darf) die geweihten Bischöfe oder von ihnen bestellte Stellvertreter sind. Die Bischöfe sind nämlich die Nachfolger der Apostel.
Später werden wir davon hören, wie die Apostel zu Jesus zurückkehren und voller Freude und Aufregung davon berichten, was sie im Namen Jesu alles getan haben. Das war nur eine Probe, später werden sie es dauerhaft tun und auch bis heute tun es ihre Nachfolger, die Bischöfe. Wir sehen also, dass die Sakramente und Sakramentalien der Kirche biblisch belegt und apostolischen Ursprungs sind.

Heute geht es um Bevollmächtigung und Nachfolge. Dabei geht es um königliche und priesterliche Beauftragungen. Entscheidend ist dabei der Beistand Gottes, dessen Segen und Wohlwollen das Wirken jener Menschen verursacht. Es liegt wirklich alles in Gottes Hand, wie David heute im Buch der Chroniken betet. So ist es bei Salomo und bei den Aposteln, so ist es auch bei uns, die wir in seinem Namen dieses Leben bestreiten. Wenn wir dabei Gottes Segen haben, werden wir immer fruchtbar sein in unserem Tun.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 3. Woche im Jahreskreis

2 Sam 7,18-19.24-29; Ps 132,1-2.3 u. 5.11.12.13-14; Mk 4, 21-25

2 Sam 7
18 Da ging König David hin und setzte sich vor dem HERRN nieder und sagte: Wer bin ich, Herr und GOTT, und was ist mein Haus, dass du mich bis hierher geführt hast? 
19 Weil das in deinen Augen noch zu wenig war, Herr und GOTT, hast du dem Haus deines Knechtes sogar Zusagen für die ferne Zukunft gemacht. Ist das eine Weisung, wie sie einem Menschen zukommt, mein Herr und GOTT?
24 Du hast Israel auf ewig zu deinem Volk bestimmt und du, HERR, bist sein Gott geworden. 
25 Doch nun, HERR und Gott, verleih dem Wort, das du über deinen Knecht und über sein Haus gesprochen hast, für immer Geltung und tu, was du gesagt hast! 
26 Dann wird dein Name groß sein für ewige Zeiten und man wird sagen: Der HERR der Heerscharen ist Israels Gott! und das Haus deines Knechtes David wird vor deinen Augen Bestand haben. 
27 Denn du, HERR der Heerscharen, Gott Israels, hast deinem Knecht offenbart: Ich will dir ein Haus bauen. Darum fand dein Knecht den Mut, so zu dir zu beten: 
28 Ja, Herr und GOTT, du bist der einzige Gott und deine Worte sind wahr. Du hast deinem Knecht ein solches Glück zugesagt. 
29 So segne jetzt gnädig das Haus deines Knechtes, damit es ewig vor deinen Augen Bestand hat. Denn du, Herr und GOTT, hast es versprochen und mit deinem Segen wird das Haus deines Knechtes für immer gesegnet sein.

Heute hören wir in der Lesung ein wunderbares Herzensgebet Davids. Er schüttet Gott regelrecht sein Herz aus und wir erkennen darin eine ganz demütige Seele. David geht zum HERRN und setzt sich vor ihm nieder. Das heißt, er geht zum Tempel, dorthin, wo Gottes Herrlichkeit in der Bundeslade wohnt. Und er beginnt sein Gebet mit einer rhetorischen Frage: „Wer bin ich schon, dass du mich und meine Familie so weit gebracht hast?“ Das heißt nicht, dass er sich schlecht redet und sein Licht unter den Scheffel stellt, sondern dass er Gottes Wirken an ihm gewöhnlichen Menschen anerkennt. Wer ist er schon (für sich allein), dass Gott ausgerechnet ihn erwählt hat?
Wir Menschen müssen in unserem Leben erkennen, wie arm wir vor Gott sind. Nur dann können wir das Himmelreich erben (Mt 5,3). Alles Gute, das wir zustande bringen, haben wir Gott zu verdanken, der uns dazu befähigt. Wenn wir uns dessen immer bewusst sind, werden wir nie überheblich, auch nicht in unserem Erfolg. Dann werden wir selbst und die Menschen um uns herum immer die Gnade Gottes würdigen und erkennen, dass Gott in unserem Leben wirkt. Gewiss müssen wir selbst auch etwas tun, nämlich alles, was in unserer Macht steht. Dass wir dies aber tun können, ist wiederum seiner Gnade zu verdanken, die uns befähigt, mit Gott in Teamwork zu arbeiten. Auch gerade als Kirche dürfen wir nicht vergessen, dass wir ohne Gott sofort zerbrechen, nämlich wie eine Herde ohne Hirte, deren Tiere zerstreut werden. Dass wir eine Gemeinschaft von Gläubigen sind, haben wir Christus zu verdanken, der sie gestiftet hat. Unser ganzes kirchliches Leben muss aus Christus heraus vollzogen werden, damit es Bestand hat. Und nicht wir haben ihn erwählt, sondern er hat uns erwählt (Joh 15,6).
David dankt Gott für die ausführliche Verheißung, die ihm über Natan vermittelt worden ist. Er dankt ihm für die Zusagen auch in der Zukunft, die schon nicht mehr ihn selbst, sondern seinen Sohn betreffen. So ist Gottes Segen. Er geht immer über auf die nächsten Generationen. Das ist aber leider nicht nur mit Segen, sondern auch mit Fluch so. Wenn wir uns gegen Gott versündigt haben oder jemand uns Böses gewünscht hat, trifft es nicht nur uns, sondern auch unsere Nachkommen. Das heißt sie müssen wegen unserer Sünde leiden. Vergessen wir das nie, wenn wir meinen, unsere Sünden nicht bekennen zu müssen.
David bittet den HERRN daraufhin, sein Wort wirklich wahr zu machen. Das ist kein Ausdruck von Misstrauen. Wir wissen gerade von David, dass er ein ganz inniges Verhältnis zu Gott hatte und ihm immer ganz vertraut hat. David ist vielmehr davon überzeugt, dass er von Gott alles erbitten darf wie ein Kind auf dem Schoß des Vaters offen sprechen darf.
Der Name des HERRN wird dann groß sein, die Menschen werden so wie damals beim Auszug aus Ägypten den Gott Israels anerkennen, weil er so große Taten vollbracht hat.
David bekundet erneut, dass es für ihn nur den einen Gott gibt. Er bekundet seine Liebe einzig und allein dem Gott Israels und zeigt ihm, dass er ihm ganz glaubt.
Bemerkenswert ist der eine Satz, den man schnell überliest: „Deine Worte sind wahr.“ Er meint damit natürlich hier in diesem Kontext die Verheißungen, die er wahr werden lässt. Wir lesen dies aber noch viel tiefer. Die Worte Gottes sind zusammengefasst in einem einzigen Wort. Das erkennen wir, die wir das Johannesevangelium kennen, die wir vom Hl. Geist geleitet das gesamtbiblische Zeugnis lesen und verstehen. Jesus ist das WORT. Und er ist wirklich die Wahrheit (Joh 14,6). Wir verstehen schon christologisch, was König David noch gar nicht wissen konnte. Hier ist wieder mal der Hl. Geist im Spiel!
Zum Ende hin erbittet er den Segen Gottes auf sich und auf dem ganzen davidischen Haus. David versteht, dass sein ganzer Erfolg vom Segen Gottes abhängt. Das ist sehr vorbildlich. Auch wir können nur dann im Leben glücklich sein, wenn wir den Segen Gottes haben. Dann wird alles andere dazugegeben: ein guter Beruf, eine heile Familie, Frieden, Gesundheit etc. Das alles hängt davon ab, ob Gott seine „Hand über uns hält“. Das muss uns immer vor Augen stehen und deshalb sollen wir immer die Menschen um uns herum segnen, ihnen den Segen Gottes wünschen. Diesen haben wir aber nur dann, wenn unsere Beziehung zu ihm intakt ist, das heißt wenn wir seine Gebote halten und im Stand der Gnade sind (Dtn 11,26). Das bedeutet nicht, dass Gott Vorbehalte macht und seine Gnadenspendung an irgendwelche anspruchsvollen Bedingungen knüpft. Das heißt, dass wir Menschen die Gnadenmenge selbst entscheiden – je nachdem wie weit wir selbst uns von Gott entfernen. Gott ist immer derselbe. Er wartet geduldig Zuhause auf die Rückkehr seines rebellischen Sohnes/seiner rebellischen Tochter, die auszieht, um alles zu verprassen, nur um dann zu merken: „Ich bin ja gar nichts ohne meinen Vater. Nicht mal die Schoten für die Schweine darf ich essen.“ David ist ganz beim Vater und sagt ihm auch deutlich zu: Du bist der einzige für mich. Bitte segne mich.
Lernen wir von David, der so offen und vertrauensvoll mit Gott spricht. So muss Gebet sein. Es soll kein „Geplapper“ sein (das sagt übrigens nichts über die Quantität der Worte aus, sondern über die Qualität), bei dem das Herz und die Gedanken ganz weit weg sind. Es ist vielmehr ein Ausschütten des Herzens und ein Sitzen auf dem Schoß des Vaters. Gott zögert nicht, uns ganz mit seiner väterlichen – und mütterlichen! – Liebe zu umfangen, zu erfüllen, zu ermutigen. So werden wir verwandelt und gehen als neue Menschen aus dem Gebet heraus.
Das gilt nicht nur für Einzelmenschen, sondern für die gesamte Kirche. Wir werden Christus immer ähnlicher, wenn wir das Herz der Kirche immer mehr dem Herrn öffnen. Das Stichwort ist die Eucharistie. Wo sie nicht mehr gefeiert wird, stoppt auch der größte Gnadenstrom. Ohne diesen stirbt aber die Kirche. Deshalb beten wir auch so intensiv um geistliche Berufungen. Ohne Priester können wir keine Eucharistie mehr feiern.
Lassen wir uns heute von David motivieren, selbst so bei Gott zu sitzen, vor allem im ausgesetzten Allerheiligen. Da spüren wir am meisten, wie er uns direkt anschaut. Er hört uns zu und wir können ihm alles sagen. Erzählen wir ihm von unserem Tag, danken wir ihm für alles Gute und bitten wir ihn um seinen Segen für unser ganzes Leben. Und wenn wir dann still werden und ihm zuhören, antwortet er unserem Herzensgebet auch.

Ps 132
1 Ein Wallfahrtslied. Gedenke, HERR, zugunsten Davids all seiner Mühen,
2 wie er dem HERRN geschworen, gelobt hat dem Starken Jakobs: 
3 Nicht will ich das Zelt meines Hauses betreten noch zum Ruhen mein Lager besteigen,
5 bis ich für den HERRN eine Stätte finde, Wohnung für den Starken Jakobs.
11 Der HERR hat David Treue geschworen, nicht wird er von ihr lassen: Einen Spross deines Leibes will ich setzen auf deinen Thron. 
12 Wenn deine Söhne meinen Bund bewahren, mein Zeugnis, das ich sie lehre, dann sollen auch ihre Söhne auf deinem Thron sitzen für immer.
13 Denn der HERR hat den Zion erwählt, ihn begehrt zu seinem Wohnsitz:
14 Das ist für immer der Ort meiner Ruhe, hier will ich wohnen, ich hab ihn begehrt.

Wir beten heute ein Wallfahrtslied, weil es in der Lesung um das Gebet im Tempel geht. Die Gruppe der Wallfahrtspsalmen haben den gemeinsamen Kern, um Segen zu bitten. Deshalb passt er heute ganz besonders gut als Antwort auf die Lesung. Er hat wiederum viele Verse, deren geistlicher Sinn besonders christologisch ist.
Auch im Psalm geht es um die Bitte um den Segen Gottes. Gott wird daran erinnert, was er David versprochen hat. Der Beter – das sind die Wallfahrer nach Jerusalem zu den großen Wallfahrtsfesten – bekunden, dass sie alles daran setzen werden, Gott ein Haus zu bauen. Damit ist der Bau des Tempels in Jerusalem gemeint. Im Sinne Davids beten die Psalmisten, dass sie dadurch Gott die ihm gebührende Ehre geben wollen.
In Vers 11 wird daran erinnert, dass Gott David die Treue geschworen hat – dies ist uns gestern durch den Propheten Natan bekannt geworden. Mit dem „Spross deines Leibes“ ist Salomo gemeint, der leibliche Sohn Davids. Dieser soll den Königsthron besteigen, wenn sein Vater dahinscheidet. Die Metaphorik erinnert an Jesaja, dessen Verheißung 300 Jahre später kommt. Auch dort wird ein Spross dieser Familie vorausgesagt, der auf König Hiskija hindeutet. Wir lesen beide Stellen schon christologisch: Der „Spross des Leibes“ ist mehr als nur ein König. Es ist der Sohn Davids, Christus. Ebenso ist Jesajas Prophetie über König Hiskija hinauszugehen, denn der „Spross aus der Wurzel Isai“ ist der Sohn Davids, Christus. Darin wird die Verheißung und das Heil Gottes vervollkommnet. Dieser König ist nicht von dieser Welt und doch der König aller Könige. Hier geht es um mehr als nur ein irdisches „Glück“. Es geht um das Heil des Volkes in Ewigkeit.
Und in Vers 12 wird dieser Ewigkeitsgedanke besonders deutlich: Wenn die Söhne den Bund bewahren, werden auch sie, dann werden auch ihre Nachkommen auf dem Thron sitzen für immer. Das betrifft auch uns heute – denn das Sitzen auf dem Thron ist dann anagogisch zu verstehen als „Sein bei Gott“. Wenn wir den Bund mit Gott bewahren, also die Taufgnade nicht verspielen und im Stand der Gnade sterben, dann werden auch wir wie die 24 Ältesten und wie die Mutter Gottes im Himmel „thronen“.
Der HERR hat den Zion erwählt – natürlich nicht den Berg, sondern das meint sinnbildlich Jerusalem und das dortige Heiligtum. Denn der Tempel ist der Wohnsitz Gottes auf Erden. Wenn wir den nächsten Vers hinzuziehen, merken wir aber, dass es über die wörtlich-historische Bedeutung hinausgeht. „Für immer“ könnte im Kontext eines Liedes natürlich auch einfach ein rhetorisches Stilmittel sein. Der tiefere Sinn dahinter ist aber, dass „Zion“ und „Wohnsitz“ noch weitere Bedeutungen hat: Gott hat sich nämlich auf Erden als Wohnsitz eine Frau erwählt, durch die er in die Welt hineingeboren würde, Maria. Sie ist der Zion, der Berg, von dem die Weisung ausgeht, wie wir im Advent gehört haben. Sie wird zum Wohnsitz Christi, der neun Monate in ihrem Leib heranwächst. Maria ist Archetyp der Kirche. Diese ist der Wohnsitz Gottes auf Erden seit dem Neuen Bundesschluss. Diese hat Gott sich wirklich ausgesucht. Christus hat sich die Jünger ausgesucht, er hat ihnen aufgetragen, wie SEINE Kirche sein soll. Petrus soll der Fels sein, auf dem sie errichtet ist. Kirche ist von Christus gestiftet, nicht von Menschen selbstgemacht. Und deshalb sagt Jesus ihr auch zu: „Das ist für immer der Ort meiner Ruhe.“ Seine reale Gegenwart ist für immer gegeben. Er ist in seiner Kirche gegenwärtig, wie er als Mensch auf Erden gewandelt ist. Er besitzt jetzt nur eine andere Gestalt.
Wir müssen es auch auf jeden einzelnen Menschen beziehen. Gott hat jeden Menschen als sein Abbild geschaffen, er hat jeden Menschen erwählt, sein Kind zu sein. Jene, die dem Ruf folgen und zum Glauben an ihm kommen, lassen sich taufen und nehmen somit den Neuen Bund an. Gott nimmt von da an Wohnung in ihrem Herzen, der der Tempel des Hl. Geistes ist. Dieser Bund ist ewig und Gott ist treu. Er verlässt den Menschen niemals. Jesus hat uns vor seiner Himmelfahrt versprochen: „Ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt“ (Mt 28,20).
Das Ganze ist vor allem anagogisch zu verstehen, was wir an den Stichworten „für immer“ und „Ruhe“ erkennen können. „Zion“ ist das Himmelreich. Es ist der „Wohnsitz“ Gottes und der Ort der Ruhe. Diese ist eine Frucht des Hl. Geistes. Nicht umsonst wird die Ewigkeit als ein ewiger Sabbat umschrieben. Und deshalb beten wir auch für unsere Verstorbenen: „Herr, gib ihm/ihr die ewige Ruhe.“

Mk 4
21 Er sagte zu ihnen: Zündet man etwa eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel oder unter das Bett? Stellt man sie nicht auf den Leuchter?

22 Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht bekannt werden soll, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommen soll. 
23 Wenn einer Ohren hat zum Hören, so höre er! 
24 Weiter sagte er: Achtet auf das, was ihr hört! Nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden, ja, es wird euch noch mehr gegeben. 
25 Denn wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.

Gestern hörten wir im Evangelium von dem Gleichnis vom Sämann. Heute setzt sich die Gleichnisserie fort. Jesus geht es bei dem Gleichnis vom Sämann ja um die richtige Herzenshaltung der Menschen, um ihre Empfängnisbereitschaft des Samens Gottes, den er in seinem Wort ausstreut. Heute erklärt er anhand eines weiteren Bildes, wie das Hören funktioniert, von dem gestern auch die Rede war.
Jetzt kommt genau das Bild, das wir vorhin bei David ganz klar ausgeschlossen haben: Das Licht stellt man nicht unter den Scheffel oder unter das Bett. Es gehört auf den Leuchter. Ganz logisch. Wie ist das zum Gleichnis vom Sämann in Beziehung zu setzen? Das Licht, das entzündet wird, ist ein anderes Bild für den Samen. Es ist das Wort Gottes, das dem Menschen verkündet wird. Der Vorgang des Entzündens ist diese Verkündigung. Was nun mit diesem Licht gemacht wird, sind die verschiedenen Böden, auf die der Same fällt. Der Scheffel, von dem hier die Rede ist, ist eigentlich ein Hohlmaß jener Zeit. Man benutzt es auch für Gefäße, die dieses Maß besitzen. Hier ist also ein Gefäß gemeint, das man über das Licht stülpt. Wenn man dies tut, wird das Licht ja gelöscht. Dieses Bild ist also vergleichbar mit dem Dornengestrüpp oder der sengenden Hitze der Sonne aus dem ersten Gleichnis. Stellt man es dagegen auf den Leuchter, leuchtet es allen im Haus. Mit diesem Gleichnis wird das rechte Hören noch weitergeführt. Es stellt eine Weiterentwicklung dar. Es geht nicht mehr nur darum, dass man das Wort Gottes in sich aufnimmt und es in sein eigenes Denken, Sprechen und Handeln übernimmt, sondern dass man es auch weitergibt an andere! Das Licht soll auch anderen leuchten, sie wärmen, ihnen Hoffnung schenken. Gott entzündet uns nicht für uns selbst, sondern dass wir weitergeben. An anderer Stelle sagt Jesus „umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“ (Mt 10,8). Das Fließen der Gnade gerät ins Stocken, wo wir sie für uns behalten. Nur wenn wir weitergeben, wird uns noch mehr und noch mehr gegeben ohne Ende.
Das wird uns am Ende des Evangeliums noch beschäftigen. Doch zunächst zu diesem Vers: Jesus begründet auch damit, dass nichts Geheimes geheim bleibe, dass alles ans Licht komme. Das ist in diesem Kontext weniger als Drohung gemeint, vielmehr als positive Konsequenz des Lichtes (natürlich sagt die Bibel auch, dass alle Geheimnisse offenbar werden, auch gerade die bösen Dinge. Hier in diesem Kontext geht es aber nicht darum). Es ist zu vergleichen mit dem Bild der Stadt auf dem Berg. Sie kann nicht verborgen bleiben (Mt 5,14). Wer durch die Gnade Gottes glänzt, die ins Herz eingepflanzt ist, kann nur auffallen. Je dunkler es um einen herum ist, desto heller erscheint das Licht auf dem Leuchter. Wir sollen dieses Licht auf dem Leuchter sein, das anderen Menschen strahlt. Wir sollen also zum Wort Gottes stehen, das heißt wir sollen zu Christus stehen. Nicht nur im Kämmerlein, sondern offen. Wir sollen nicht so feige sein, in einer Gruppe zu schweigen, wenn Jesus gelästert wird. Dann sollen wir mutig sein und für ihn einstehen. Wenn wir sehen, dass alle um uns herum gegen die Gebote verstoßen, die Liebe nicht leben, dann sollen wir nicht mitziehen, sondern dennoch zu Christus stehen. Das wird auffallen und zwar nicht immer nur positiv. Es wird viel gesellschaftlichen Druck geben, Druck von Freunden, von Familie. Aber es wird auch Menschen geben, die es berührt und die dadurch wiederum zum Glauben kommen. Wir entzünden Menschen also nicht nur durchs Predigen – und es gibt wirklich viele, die alle Menschen durch langes Einreden und mit hundert Bibelstellen bekehren wollen, am besten noch heute. Es ist wichtig, das Evangelium zu verkünden, aber das Entscheidende, das Menschen zum Glauben bringt, ist das gelebte Evangelium. Wir sehen es an Christus. Aus ganz Israel reisen die Menschen zu ihm wegen der Dinge, die er GETAN hat. Durch unser Verhalten geben wir das stärkste Zeugnis, das die anderen Menschen „entzündet“ und den „Samen Gottes ausstreut“. Wenn sie dann nachfragen, ist es an der Zeit, darüber zu sprechen.
Dann erfolgt wieder das oft formulierte Wort „Wer Ohren hat, der höre.“ Was damit gemeint ist, erklärte ich in meinem gestrigen Post, schauen Sie dort gerne vorbei! Es ist ein Hinhören und ein auf ihn Hören, das das gehorsame Befolgen des Willens Gottes mit einschließt.
„Achtet auf das, was ihr hört“ ist etwas unglücklich übersetzt. Wörtlich steht da eigentlich „seht, was ihr hört“. Es bekräftigt den vorherigen Vers. Wir sollen das Gehörte wirklich beachten im Sinne von befolgen. Wir sollen es vor Augen haben. Je nachdem, wie wir das Gehörte annehmen, werden wir gerichtet. Das Maß, mit dem wir messen, wird an uns angelegt. Wir verstehen das in dem Kontext richtig, wenn wir das zweite Verb beachten, das hier steht. Es geht nicht nur ums Messen, sondern auch ums Dazugeben (das griechische Verb ist προστίθημι prostithemi „dazugeben, hinzufügen“). Das ist so zu verstehen, wie ich es vorhin mit dem Fließen des Gnadenstroms umschrieben habe. Je nachdem, wie viel ich in mich aufnehme von der Gnade Gottes (Same/Licht) und an andere weitergebe (Licht auf dem Leuchter, dass es allen leuchte im Haus!), so viel wird mir wiederum dazugegeben. Es kommt immer nach wie ein nie endender Strom einer unversiegbaren Quelle. So ist der Hl. Geist, das lebendige Wasser. Was wir bekommen, geben wir weiter. Und so bekommen wir immer mehr, um es noch mehr weiterzugeben.
Wenn wir das erstmal richtig verstanden haben, wird uns auch der letzte Vers aufgehen: „Wer hat“ meint in diesem Kontext dann „wer den Samen/das Licht hat“. Wer sich entzünden ließ und das Licht auf den Leuchter stellte, wer den Samen in sich aufgenommen hat, wachsen ließ und Früchte trug, bekommt noch mehr. „Wer aber nicht hat“, das heißt kein Licht und keinen Samen, also den Scheffel darüberstülpte, den Samen verdorren/absterben ließ, dem wird auch noch weggenommen was er hat. Was kann er denn noch haben, wenn er beides verstreichen ließ? Den Zugang zum Gnadenstrom. Dieser stoppt, wo man einen Damm baut. Die Seele ist kein reißender Fluss mehr, sondern wird zu einem Stausee, dessen Wasser verfault und stinkt, weil es abgestanden ist. Es fließt keine Gnade mehr – und ich wiederhole, was ich oben gesagt habe: nicht wegen Gottes Begrenztheit, sondern weil MAN SELBST den Staudamm errichtet hat.

Wir können Lesung und Evangelium absolut zusammen lesen. David versteht, dass er ohne die Gnade Gottes überhaupt nicht weit kommt. Er erbittet Gottes Segen und bekundet ihm ganz deutlich, dass er sich ganz zur Verfügung stellt. Er betont Gott gegenüber auch, dass er der Einzige für ihn ist. Somit räumt David alle „Äste, jeden Dreck, Stein, Schlamm etc.“ aus dem Weg, dass der Gnadenstrom ganz und gar unverhindert fließen kann. Und David weiß, dass alles Gute, was er bisher erreicht hat, diesem Gnadenstrom Gottes zu verdanken ist. Es ist gleich der erste Satz, den er betet.
Und Jesus lädt seine Jünger damals und uns heute dazu ein, es David gleichzutun. Hüten wir uns davor, Staudämme zu errichten und die Gnade Gottes schön für uns selbst auszukosten. Hüten wir uns davor, den Hl. Geist in uns auszulöschen. Dies kommt einem seelischen Selbstmord gleich. Das wird Jesus an anderer Stelle noch mit dem Gleichnis der Talente verdeutlichen. Was Gott uns geschenkt hat, darüber haben nicht wir zu verfügen, sondern er. Wir haben gar kein Recht, die Begabungen, die er uns geschenkt hat, zu vergraben, absterben zu lassen. Diese sind da, um ANDEREN zu dienen. Wir sollen uns auch nicht anmaßen, diese Begabungen als unser eigenes Verdienst anzusehen. Bevor wir uns versehen, werden sie uns weggenommen. Ich habe selbst so etwas in meinem Umfeld gesehen. Da war z.B. eine Frau, die eine wunderschöne Stimme von Gott bekommen hat. Diese gab er ihr natürlich, damit sie ihn lobt und preist und die Menschen im Herzen berührt, dass auch sie Gott loben und preisen. Sie hat sich aber mit der Stimme selbst gerühmt. Was ist passiert? Sie wurde sehr krank und verlor ihre Stimme. Sie selbst hat erkannt, warum das passiert ist, und sagte mit eigenen Worten zu mir: „Das hat Gott zugelassen, weil ich mich mit Gottes Federn geschmückt habe. Ich habe nicht richtig verwendet, was er mir ausgeliehen hat.“ Sie bereute alles, kehrte um und siehe da, ihre Stimme kehrte mit den Jahren teilweise zurück. Von da an sang sie nur noch für Jesus.
Was Gott uns an Gnade schenkt, ist in sein Werk zu investieren, nicht für unsere Selbstbeweihräucherung. Und wenn wir zurückschauen auf unser Leben, dann sehen wir, wie viel Gott durch uns bewirkt hat. Dann können auch wir nur sagen: „Wer bin ich, dass du mich und mein Haus so weit hast kommen lassen?“

Hören, aufnehmen, fruchtbar sein, abfärben auf unseren Nächsten. Das ist die Art und Weise, wie wir evangelisieren sollen. Der Gnadenstrom wird dann nie enden. Wenn wir die Reihenfolge umdrehen, funktioniert es aber nicht mehr. Zuerst auf Gott hören und sich selbst verwandeln lassen. Dann kann man auch die anderen verwandeln. Aktivismus ohne eigenes Brennen führt ins Nirgendwo. Das sollten wir in der Pastoral immer wieder beherzigen.

Ihre Magstrauss