Donnerstag der 1. Woche der Fastenzeit

Est 4,17k.17l-m.17r-t; Ps 138,1-2b.2c-3.7c-8; Mt 7,7-12

Est 4
(k) Auch die Königin Ester wurde von Todesangst ergriffen und suchte Zuflucht beim Herrn. Sie legte ihre prächtigen Gewänder ab und zog die Kleider der Notzeit und Trauer an. Statt der kostbaren Salben tat sie Asche und Staub auf ihr Haupt, vernachlässigte ihren Körper, und wo sie sonst ihren prunkvollen Schmuck trug, hingen jetzt ihre Haare in Strähnen herab. Und sie betete zum Herrn, dem Gott Israels:

(l) Mein Herr, unser König, du bist der Alleinzige. Hilf mir! Denn ich bin hier einzig und allein und habe keinen Helfer außer dir; die Gefahr steht greifbar vor mir.
(m) Von Kindheit an habe ich in meiner Familie und meinem Stamm gehört, dass du, Herr, Israel aus allen Völkern erwählt hast; du hast dir unsere Väter aus allen ihren Vorfahren als deinen ewigen Erbbesitz ausgesucht und hast an ihnen gehandelt, wie du es versprochen hattest. 
(r) Denk an uns, Herr! Offenbare dich in der Zeit unserer Not und gib mir Mut, König der Götter und Herrscher über alle Mächte!
(s) Leg mir in Gegenwart des Löwen die passenden Worte in den Mund und stimm sein Herz um, damit er unseren Feind hasst und ihn und seine Gesinnungsgenossen vernichtet!
(t) Uns aber rette mit deiner Hand! Hilf mir, denn ich bin allein und habe niemand außer dir, o Herr!

Heute hören wir aus dem Buch Ester einen Ausschnitt aus dem Gebet Esters im Anschluss an das Gebet Mordechais. Der Kontext dieses Gebetes ist ein Vernichtungserlass des persischen Königs Artaxerxes über die Juden. Eigentlich ist er mit Ester verheiratet, die er sogar zur Königin einsetzte, obwohl sie Jüdin ist. Die Juden weigern sich, den königlichen Beamten oder dem König selbst zu huldigen, sodass das jüdische Volk ausgerottet werden soll. Es hat politische Gründe, da die Juden sich den königlichen Befehlen verweigern. Warum lässt sich der König zu so einem Edikt hinreißen, obwohl er an seiner Frau Ester so Gefallen hat? Der königliche Fürst Haman hat maßgeblich Einfluss, den der König zum zweitgrößten Mann in seinem Reich gemacht hat. Ihm hat der König seinen Siegelring überlassen und so ist der Vernichtungserlass auf Haman zurückzuführen, der sich vor allem an Mordechai rächen möchte. Seine Verweigerung hat ihn am meisten erzürnt.
Im vierten Kapitel lesen wir deshalb auch ein Gebet Mordechais, bevor wir vom Gebet Esters heute in der Lesung hören:
Sie legt ihre königlichen Gewänder ab und Bußgewänder an. Auch in dieser heutigen Episode beten die Menschen in Bußhaltung – mit entsprechenden Trauergewändern, Verzicht auf Schmuck und Körperhygiene sowie mit Asche auf dem Haupt.
So betet sie und spricht Gott als König an. Das zeigt ihre Einstellung: Gott ist der eigentliche König. Kein Artaxerxes, kein Satrape, kein sonstiger Mensch kann ihm so wirklich das Wasser reichen. Er steht über allen Herrschern der Welt. Sie bittet ihn um Hilfe in der bedrohlichen Situation. Sie hat keinen sonst, der mächtig genug wäre, einen königlichen Erlass rückgängig zu machen. Das Gebet der Ester ist nach einem gängigen Gebetsformular aufgebaut: Nach der Bitte zählt sie die Heilstaten Gottes der Vergangenheit auf und bekundet, dass sie von Anfang an den Gott des Heils erzählt bekommen hat. Sie stellt im Gebet Gott vor Augen, dass er das Volk Israel auf besondere Weise auserwählt hat und die Väter in der Vergangenheit immer wieder aus der Not errettet hat. Er war immer treu und hielt seine Versprechen und Verheißungen ein.
Das Volk Israel, Mordechai und Ester weigern sich, sich vor dem König oder irgendeinem Menschen niederzuwerfen und ihn anzubeten, weil sie Gott lieben. Sie sind ihm treu und sind aus diesem Grund nun in Gefahr. Deshalb bittet sie Gott um seinen Beistand, dass er sie rette, da die Israeliten das alles für ihn tun.
Und von diesem heilsgeschichtlichen Rückblick her formuliert sie nun ihre Bitte: „Denk an uns, Herr!“ Er soll auch in der jetzigen Generation sein Versprechen wahr machen, dass das Volk Israel sein besonderes Eigentum ist.
Interessant ist, dass Ester noch von einem Gottesbild ausgeht, das nicht monotheistisch, sondern monolatrisch zu sein scheint. Das bedeutet, dass sie die Existenz anderer Götter nicht ausschließt, der Gott Israels aber der einzige anzubetende Gott sei. Dies klingt durch die Bezeichnung „König der Götter“ an.
Sie bittet um die richtigen Worte „in Gegenwart des Löwen“. Das zeigt, dass sie den Plan geschmiedet hat, vor den König zu gehen (den Löwen) und ihn umzustimmen. Das ist es, was Jesus dann zu seinen Jüngern sagen wird: „Wenn sie euch aber ausliefern, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.“ (Mt 10,19-20).
Sie bittet auch darum, dass Gott das Herz des Königs erweicht und er sich so umstimmen lässt. Sie bittet darum, dass der König „unseren Feind hasst und ihn und seine Gesinnungsgenossen vernichtet“. Uns mag diese Art von Bitte befremdlich erscheinen, da sie Gott darum bittet, andere Menschen zu töten. Das ist für damalige Zeiten aber die übliche Weise, Gott um die Besiegung der Feinde zu bitten. Wir können solche Ausdrücke nicht von unserem heutigen Verständnis her bewerten. Was sie damit meint ist die Besiegung Hamans und seiner Gleichgesinnten, denen das auserwählte Volk Gottes ein Dorn im Auge ist.
Ester setzt ihr ganzes Vertrauen und ihre ganze Hoffnung auf Gott, den sie als den Einzigen nennt, den sie hat. In der heutigen Lesung bleibt offen, wie es dann ausgeht. Wir wissen aber, dass ihre Gebete erhört werden und dass sie es schafft, mit Gottes Hilfe das ganze Volk Israel vor der Vernichtung zu bewahren. Mordechai wird sogar mit besonderer Ehre ausgestattet und erhält den Siegelring, den der König zuvor Haman überreicht hatte. So hat diese fromme Jüdin das ganze Volk gerettet, aber nicht sie selbst, sondern mit der Hilfe Gottes.

Ps 138
1 Von David. Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen, vor Göttern will ich dir singen und spielen. 

2 Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin, will deinem Namen danken für deine Huld und für deine Treue. Denn du hast dein Wort größer gemacht als deinen ganzen Namen. 
3 Am Tag, da ich rief, gabst du mir Antwort, du weckst Kraft in meiner Seele.

Der heutige Psalm ist ein Dankpsalm, der eine angemessene Antwort auf Gottes Heilstaten in der Lesung darstellt. David hat in seinem Leben viele Gründe, Gott zu danken, denn durch die innige Beziehung zu Gott gelingt ihm alles, was er angeht, z.B. militärische Siege.
„Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen“ ist ein ganz angemessener Willensausdruck, den auch das gesamte Volk Israel im Anschluss an den Sieg über Haman und seine Gesinnungsgenossen anstimmen konnte.
„Vor Göttern will ich dir singen und spielen“ ist ganz klar ein Triumph Gottes über die Götzen, im Falle Esters des Herrscherkults.
Dagegen möchte sich König David und ebenso Ester mit dem gesamten Volk Israel zum heiligen Tempel hin niederwerfen (der zweite Tempel ist zu jener Zeit bereits eingeweiht). Niederwerfen möchte sich Israel nur vor Gott, nicht vor irdische Herrscher, wie es bei den Persern üblich wird.
Gott ist wirklich treu und hält sein Versprechen, das eigene Volk aus der Not zu erretten. So ist es ein Grund, dem Namen Gottes zu danken (Vers 2).
Gott hat auch am Tag, an dem Ester rief (das Gebet hörten wir heute ja), ihre Bitten erhört. Er hat ihr auch die Kraft gegeben, gegen den Giganten aufzutreten, der ihr eigener Ehemann ist. Dabei heißt es wiederum „Kraft in meinem Leben“, denn das Wort für „in meiner Seele“ ist בְנַפְשִׁ֣י b’nafschi. Gott verleiht ihr nicht nur innerlich Kraft, sondern umfassend. So möchte Gott auch uns in unserem Leben stärken, nicht nur innerlich, sondern auch körperlich. Er möchte auch unsere Beziehungen stärken, also alles, was zum Menschen gehört. Es muss uns ganz und gar um ihn gehen und wir müssen ganz auf seine Allmacht und Treue vertrauen. Das ist entscheidend. Ester hat Gott ganz vertraut, ebenso König David. Und auch Jesus wird uns im folgenden Evangelium über das Gottvertrauen etwas erklären.

Mt 7
7 Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet! 

8 Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. 
9 Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, 
10 oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet? 
11 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.
12 Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.

Wir hören heute wieder einen Ausschnitt aus der Bergpredigt. Im Kapitel zuvor ging es bereits um das Vaterunser, das ein vertrauensvolles Gebet ist. Es ging im Anschluss daran auch um die rechte Sorge, also um das Vertrauen auf die wunderbare Vorsehung Gottes. Nun gibt Jesus Anweisungen zu einem vertrauensvollen Bitten. Er erklärt, was Ester heute wunderbar vorlebt:
„Bittet und es wird euch gegeben“ – Gott hat heute die Israeliten vor der Vernichtung bewahrt, weil eine mutige Jüdin ganz vertrauensvoll darum gebeten hat.
„Sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet“ – Wie viele Personen aus der Bibel und auch viele Heilige haben ihr Leben lang Gott gesucht und ihn gefunden, weil er sie gefunden hat. Besonders eindrücklich sehen wir das am Leben des Augustinus, der verschiedene Stationen durchlaufen hat und jedesmal gemerkt hat, dass es noch nicht das Ende war (von verschiedenen philosophischen Schulen bis hin zur Sekte der Manichäer).
Jesus möchte, dass seine Jünger Gott wirklich vertrauensvoll bitten und nicht meinen, dass es sowieso nichts bringt, Bittgebete an ihn zu richten.
Er vergleicht Gottes Großzügigkeit beim Geben mit den Menschen: Sogar unvollkommene Menschen („ihr, die ihr böse seid“) geben dem Anderen etwas, wenn er darum bittet. Dies verdeutlicht er durch rhetorische Fragen: „Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet?“ Man gibt vor allem den eigenen Kindern, was sie brauchen. Jesus verwendet das Beispiel der Vater-Kind-Beziehung, weil er den Menschen seinen Vater nahebringen will. Auch sie dürfen ihn Vater nennen, so hat es Jesus sie ja durch das Vaterunser gelehrt.
Der Vater im Himmel ist nur gut und gibt umso mehr Gaben, wenn man ihn darum bittet, als ein unvollkommener Mensch, dessen Großzügigkeit begrenzt ist.
Man könnte sich zum Schluss nun fragen, warum Jesus in diesem Zusammenhang die Goldene Regel thematisiert: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“ Das ist aber wichtig und entscheidend, wenn wir möchten, dass Gott unsere Bitten erhört. Wir können nicht total lieblos mit dem Nächsten umgehen und dann erwarten, dass Gott uns aber nur gute Gaben gibt. Nicht umsonst nennen wir das Liebesgebot ein Doppelgebot. Gottesliebe muss die Nächstenliebe zur Folge haben. Deshalb müssen wir auch das, was wir von Gott erwarten, auch unserem Nächsten geben, zumindest in dem Maß, wie wir fähig sind. Jesus sagt an anderer Stelle: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Es muss kongruent sein, sonst brauchen wir eine Gebetserhörung nicht zu erwarten.

Heute hören wir sehr viel über das richtige Bittgebet und über die Notwendigkeit des Gottvertrauens. Lernen wir von Ester und von König David, die nicht nur absolut vertrauensvoll gebetet, sondern die ihr Leben für ihr Volk riskiert haben, um es zu retten (David z.B. vor Goliat, Ester vor dem König Artaxerxes). Sie haben sich ganz für die Anderen hingegeben und das von sich aus Mögliche getan, was sie umfassend von Gott erwartet haben – die Rettung des Volkes Israel.

Wenn wir also so beten möchten wie unsere Vorbilder in den heutigen Lesungen, müssen wir zugleich die Initiative ergreifen: Wir können nicht zugleich um genug Geld bitten und gleichzeitig den Anderen finanziell ausnehmen, ob es unsere Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen sind. Wenn wir Gott um Gesundheit bitten, können wir nicht gleichzeitig so leben, dass die Menschen um uns herum krank werden – indem wir uns z.B. nicht gut genug um unsere Kinder kümmern, dass sie krank werden oder indem wir die Menschen so schikanieren, dass sie in Psychotheraphie müssen. Was wir von Gott erwarten und auch von unserem Mitmenschen, das sollen wir ihnen in erster Linie selbst tun. Wollen wir, dass Gott uns beschützt, dann sollen wir alles daran setzen, auch unsere Mitmenschen zu beschützen. Wenn wir Segen von Gott haben wollen, sollen wir selbst unserem Nächsten ein Segen sein.
Entscheidend ist, dass wir Gott voller Vertrauen bitten und ihm dabei zutrauen, dass er alles tun kann. Ester hat es ihm zugetraut mit Blick auf all die spektakulären Heilstaten, die in den Generationen vor ihr geschehen sind. Auch wir dürfen auf die vergangenen Heilstaten Gottes zurückschauen – vor allem auf das Kreuzesopfer Christi, das in jeder Hl. Messe in die Gegenwart geholt wird! So können auch wir im Glauben gestärkt werden und mit neuem Mut Gott um etwas bitten.

Das können wir in der Fastenzeit auf neue Weise lernen, da wir durch den Verzicht Kapazitäten frei haben für mehr Gebet.

Ihre Magstrauss

Ein Kommentar zu „Donnerstag der 1. Woche der Fastenzeit

  1. Gott schuf sich ein auserwähltes Volk, aber ebenso unausgewählte Völker, die schlicht und einfach nicht begriffen hatten, dass sie sich diesem unterwerfen müssen und sei es durch Gewalterfahrung. Eigentlich ein völlig unchristliches Verhalten des „auserwählten Volkes“. Das „Alte Testament“ schön zu biegen ist ein hoffnungsloses Unterfangen der heutigen Theologie und appelliert an einen Glauben ohne Verstand. Die Zeit dafür ist mit dem Mittelalter abgeschlossen. Der mittelalterliche Mensch brauchte keinen Glauben, denn er war noch durchdrungen von der Göttlichkeit, die ihn über jeden Zweifel erhaben sein ließ.
    Der heutige Mensch erfährt diese „Gnade“ nicht mehr, denn er hat die Aufgabe, den Glauben über den Verstand neu zu gewinnen, wobei ihm eine konservative Glaubensrichtung nicht mehr helfen kann. Hilfen dazu bietet z. B. die Theosophie, die aber von Ihnen völlig verteufelt wird.
    Mit den anderen Religionen gehen Sie auch sehr ungnädig um: Gibt es eine Levitation durch einen Buddhisten, so ist sie des Teufels; erhebt sich aber ein Katholik gegen die Schwerkraft, ist es selbstverständlich göttlich bedingt.
    Sie müssen sich auch die Frage stellen, warum Gott so viele Religionen zugelassen und nicht alle Menschen mit dem Katholizismus gesegnet hat. Jemand, der z. B. in einem buddhistischen Umfeld aufwächst, hat im Allgemeinen nicht die geringste Chance katholisch zu werden. Wenn er sich gemäß dem Buddhismus verhält, verhält er sich stets ohne Sünde, was mir bei einem Fleisch essenden Katholiken, der sich einen Dreck um die Qualen der Kreatur kümmert, nicht so sicher scheint. Der „christliche Kulturkreis“ zeichnet sich besonders durch Tierquälerei aus und hat davon nicht das geringste Bewusstsein. Er wird sich aber ganz sicher vor Gott verantworten müssen.

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