Siebter Tag der Weihnachtsoktav

1 Joh 2,18-21; Ps 96,1-2.11-13; Joh 1,1-18

1 Joh 2
18 Meine Kinder, die letzte Stunde ist da. Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt, und jetzt sind viele Antichriste aufgetreten. Daran erkennen wir, dass die letzte Stunde da ist. 

19 Sie sind aus unserer Mitte gekommen, aber sie haben nicht zu uns gehört; denn wenn sie zu uns gehörten, wären sie bei uns geblieben. Es sollte aber offenbar werden, dass sie alle nicht zu uns gehören. 
20 Ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist, und ihr alle wisst es. 
21 Ich schreibe euch nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt und weil keine Lüge von der Wahrheit stammt.

In der heutigen Lesung hören wir die Fortsetzung der gestrigen. Die „letzte Stunde“ macht uns deutlich, dass wir in der Endzeit leben. Diese hat mit der Menschwerdung Gottes begonnen und die ganze Zeitspanne, in der es die Kirche gibt, gehört zur Endzeit. Bald kommt das Ende der Welt, auch wenn wir nicht genau wissen, wann. Ein „Symptom“ dieser Phase ist das Aufbäumen des Antichristen. Ja, es sind viele Personen in unserer heutigen Zeit aufgetreten, die man als Antichristen bezeichnen kann oder zumindest als Vorläufer des Antichristen. Sie sind gegen Christus. Sie bringen seine geliebten Kinder um, sie töten generell viele Menschen und rotten die ganze gute Schöpfung aus. Sie sorgen dafür, dass die Ordnung der Naturgesetze übergangen und pervertiert wird. Sie spielen Gott, in dem sie Menschen erschaffen wollen, ein Paradies auf Erden schaffen und entscheiden wollen, wer lebenswert ist und wer nicht. Ein weiteres Kennzeichen dieser Antichristen ist die Verwirrung von Identität und Geschichte sowie die Lügerei.
Wenn Johannes sagt, dass sie „aus unserer Mitte kommen“, spricht er etwas sehr Tiefgründiges aus. Einerseits meint das historisch-wörtlich, dass die Häretiker zunächst Teil der Großkirche waren. Er spricht hier vor allem gnostische Sektierer an, die zuvor Christen waren und sich dann abgespaltet haben. Deshalb sagt er, dass sie nicht „zu uns“ gehört hätten. Wären sie mit Überzeugung Christen geworden, hätten sie sich nicht gegen Christus entschieden. In Jesu Gegenwart scheiden sich aber die Geister und deshalb sollte sich auch ihre Irrlehre offenbaren. Als die Eltern Jesu mit dem Kind im Tempel waren und der greise Simeon den Messias endlich schauen durfte, kündigte er ihnen dies an, indem er sagte: „So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“
Die Salbung, von der Johannes spricht, meint die Firmung. Diese war zunächst mit der Taufe kombiniert. Johannes will damit sagen, dass die Getauften den Hl. Geist empfangen haben und dies ganz bewusst („und ihr alle wisst es“).
Die Getauften kennen die Wahrheit, also Jesus und seine Lehre. Sie haben im Vorfeld der Taufe alles erklärt bekommen im Katechumenat. Weil sie in der Wahrheit leben und den Hl. Geist empfangen haben, können sie Wahrheit und Lüge voneinander unterscheiden. Die Lüge kommt nicht von Gott, sondern vom Widersacher.

Ps 96
1 Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Lande, 
2 singt dem HERRN, preist seinen Namen! Verkündet sein Heil von Tag zu Tag!
3 Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit, bei allen Völkern von seinen Wundern!  
11 Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke, es brause das Meer und seine Fülle. 
12 Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst. Jubeln sollen alle Bäume des Waldes 
13 vor dem HERRN, denn er kommt, denn er kommt, um die Erde zu richten. Er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit und die Völker nach seiner Treue.

Der heutige Psalm ist „ein neues Lied“, was heute wieder einen messianischen Psalm kennzeichnet. Es handelt sich um einen Lobespsalm, der das Heil Gottes thematisiert. Es ist derselbe Psalm wie in der Christmette. Es wird also noch einmal weihnachtlich heute. Die Heilstaten Gottes sollen verkündet und verbreitet werden, damit auch andere zum Glauben an ihn kommen. Die Aufforderung in Vers 3 erinnert an Jesu Missionsauftrag von Mt 28. Gott soll verkündet werden in der ganzen Welt („die Nationen“ meint immer die Heiden im AT und NT). Das größte Wunder, das Gott getan hat, ist seine eigene Menschwerdung in einer Jungfrau und seine Auferstehung von den Toten. Es ist so groß, weil dadurch Gott das universale Heil für die ganze Welt ermöglicht hat. Die ganze Schöpfung hat deshalb Grund zum Lobpreis, denn auch sie litt unter der Erbsünde der Menschen. 
Schon mit dem ersten Kommen hat Gott Gericht gebracht. Jesus hat sehr oft Gerichtsreden gehalten und bestimmten Personen Gerichtsworte gewidmet. Ganz prominent sind seine Weherufe im Anschluss an die Seligpreisungen und jene gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten. An Jesus haben sich schon von Anfang an die Geister geschieden und viele haben sich schon zu seinen Lebzeiten gegen ihn entschieden. Sie haben sich selbst gerichtet in seinem Angesicht. Hier haben wir eine deutliche Verbindung zur Lesung, die ebenfalls diese simeonische Ankündigung aufgreift: An Jesus scheiden sich die Geister – die einen werden durch ihn zu Fall kommen, die anderen aufgerichtet werden.
Gericht ist nie als Drohung zu verstehen. Gericht ist immer Erlösung und Barmherzigkeit für jene, die Gott lieben und seine Gebote halten. Gericht ist Erlösung von der Ungerechtigkeit jener, die die Gerechten unterdrücken und die Unschuldigen leiden lassen.

Joh 1
1 Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.
2 Dieses war im Anfang bei Gott. 
3 Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. 
4 In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. 
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.
6 Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes. 
7 Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. 
8 Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. 
9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 
10 Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 
11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 
12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 
13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 
15 Johannes legt Zeugnis für ihn ab und ruft: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. 
16 Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. 
17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. 
18 Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

Heute hören wir als Evangelium den einleitenden hymnenartigen Gesang des Johannesevangeliums.
Dabei hören wir von der „Vorgeschichte“ des menschgewordenen Gottes, nämlich seine Präexistenz bei Gott.
Nicht umsonst beginnt das Evangelium auf dieselbe Weise wie der Schöpfungsbericht in Genesis. Jesus, das ewige Wort des Vaters, war „im Anfang“, das heißt in Gott, der der Anfang ist.
Es wird auch gesagt, dass Jesus als Schöpfungsmittler an der Schöpfung mitgewirkt hat („alles ist durch das Wort geworden“).
Wenn über das Wort ausgesagt wird, dass in ihm Leben ist, dann bestätigt sich, dass Jesus Gott ist. Dieser ist nämlich ein Gott des Lebens. Als dieser ist er den Menschen Licht, nämlich Hoffnung.
Auf dieses Hoffnung spendende Licht bezieht sich auch Jesaja, wenn er prophezeit: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht.“ Gottes wunderbare Vorsehung hat Jesus zu einer ganz bestimmten Zeit Mensch werden lassen, in der die Menschen in besonders großer Dunkelheit waren. Er schien ihnen sein Leben hindurch, doch die Menschen nahmen es nicht an. Jesus ist gekreuzigt worden. Sein Leiden wird an diesem heutigen ersten Weihnachtstag schon mitgesagt. Das ist der Grund, weshalb er Mensch geworden ist. Und doch konnte die Finsternis das Licht nicht auslöschen. Jesus ist von den Toten auferstanden und hat somit den Tod überwunden! Auch Ostern wird heute schon mitgesagt.
Wir, die wir Jesu Erlösung angenommen haben und getauft worden sind, sind zu Kindern Gottes geworden, zu Erben in seinem Reich. Diese Taufe ist eine Geburt aus dem Geist, nicht aus dem Fleisch, wie Johannes es hier formuliert.
Und das Wort ist Fleisch geworden – das ist heute. Es hat unter uns gewohnt – 33 Jahre lang in Gestalt des Menschen und bis heute in Gestalt der eucharistischen Gaben. Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, insbesondere die drei Apostel, die mit ihm auf dem Berg Tabor waren. Seine Herrlichkeit ist auch all denen offenbart worden, die Zeugen seiner Auferstehung geworden sind. Wir alle sehen seine Herrlichkeit in jeder Hl. Messe, in jeder guten Tat unserer Mitmenschen und am Ende der Zeiten die Fülle des verherrlichten Menschensohnes.
Johannes der Täufer ist der größte Zeuge seiner Herrlichkeit geworden, sogar noch vor seiner Geburt im Mutterleib Elisabets. Johannes der Evangelist schreibt hier, dass auch wenn Johannes der Täufer irdisch gesehen vor Jesus „war“, also geboren wurde, ist Jesus ihm voraus. Dieser hat nämlich keinen Anfang, sondern war im Anfang, der Gott ist. Jesus wird seine Präexistenz immer wieder aussagen. Z.B. sagt er einmal: „Ehe Abraham war, bin ich“ (Joh 8,58). Jesus IST, gestern, heute und in Ewigkeit.
Jesus bringt uns Gnade über Gnade. Alles haben wir dem Herrn zu verdanken. Er steht auch höher als Mose, der zwar das Gesetz gebracht hat, Jesus aber dieses mit Leben gefüllt hat, mit Gnade und Wahrheit, die er selbst ist.
Jesus ist aus dem Himmel zu uns gekommen. Deshalb ist er auch der einzige Mensch, der Gott je gesehen hat. Gott ist Geist und wir alle werden ihn erst sehen, wie er ist, wenn wir sterben. Der Kern der ganzen Verkündigung Jesu ist, uns den Vater zu zeigen. Dafür wird er heute Mensch. Gott liebt uns so sehr und will uns sein „Herz“ zeigen, seinen „Augapfel“, sein ein und alles, seinen Sohn.
Gott sandte seinen eigenen Sohn und unsereins hat ihn nicht überall angenommen. Im Gegenteil. Er ist gekreuzigt worden, obwohl er wirklich unschuldig war.

Auch wir sind gefragt, uns zu entscheiden: Wollen wir ihn annehmen oder ablehnen? Wir sind getauft, wir kennen im besten Fall die Grundlagen unseres Glaubens. Nutzen wir eigentlich das Potenzial unserer Firmung? Auch wir müssen tagtäglich um die Gabe der Unterscheidung der Geister beten, dass wir erkennen, was vom Hl. Geist ist und was Irrlehre ist. In heutiger Zeit ist die Verwirrung und Lüge so schlimm wie noch nie. Tendenz steigend. Und doch hoffen wir. Je schlimmer es wird, desto näher kommen wir dem Reiche Gottes.

Ich wünsche Ihnen zum Ende des Kalenderjahres alles Gute, Gottes reichen Segen und für das neue Jahr seinen überreichen Segen und Schutz. Möge die Jungfrau Maria auch im nächsten Jahr zusammen mit allen Engeln und Heiligen für Sie einstehen!

Ihre Magstrauss

Sechster Tag der Weihnachtsoktav

1 Joh 2,12-17; Ps 96,7-10; Lk 2,36-40

1 Joh 2
12 Ich schreibe euch, ihr Kinder: Euch sind die Sünden vergeben um seines Namens willen. 

13 Ich schreibe euch, ihr Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch, ihr jungen Männer: Ihr habt den Bösen besiegt. 
14 Ich habe euch geschrieben, ihr Kinder: Ihr habt den Vater erkannt. Ich habe euch geschrieben, ihr Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Ich habe euch geschrieben, ihr jungen Männer: Ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch und ihr habt den Bösen besiegt. 
15 Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, in dem ist die Liebe des Vaters nicht. 
16 Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. 
17 Die Welt vergeht und ihre Begierde; wer den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.

Der heutige Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief beschreibt das neue Leben, das den Getauften geschenkt ist – jung und alt. Uns, die wir Kinder Gottes geworden sind („ihr Kinder“), sind die Sünden vergeben. Das ist uns durch die Taufe auf den Namen Jesu geschenkt worden. Es ist auch interessant, dass im Laufe der heutigen Lesung verschiedene Altersgruppen oder Generationen angesprochen werden. Wenn hier die „Kinder“ nicht nur auf die Taufe bezogen die Wiedergeborenen im Heiligen Geist meint, sondern wörtlich verstanden werden muss, dann haben wir sogar einen Hinweis darauf, dass schon damals Kinder getauft worden sind, nicht nur Erwachsene (Diesen Hinweis haben wir ohnehin, wenn es heißt, dass Menschen mit ihrem ganzen Haus getauft werden, also auch mit den Kindern).
Die Väter haben Gott erkannt und sich deshalb zu ihm bekannt. Und die jungen Männer haben den Bösen besiegt, nämlich durch die Taufe. Der Unheilsplan des Bösen ist durch die Erlösung Jesu Christi zunichte gemacht worden. Jeder Mensch, der sich taufen lässt, wird von dem Fluch der Erbsünde befreit. Er hat die Chance und die Berufung, in das Himmelreich zu gelangen.
Erneut an die Kinder gerichtet schreibt Johannes: Ihr habt den Vater erkannt. Das bezieht sich weniger auf ihren irdischen Vater, denn den kannten sie ja von Anfang an. „Erkennen“ ist in der Bibel entweder auf den Geschlechtsverkehr zu beziehen oder auf das Erkennen Gottes und die darauf folgende Bekehrung. Hier muss es sich also auf den himmlischen Vater beziehen, den die Kinder erkannt haben und sich deshalb haben taufen lassen. Auf denselben Vater bezieht sich Johannes auch bei den Worten an die Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Die Taufe macht stark, v.a. im Kampf gegen den Bösen, den die jungen Männer schon besiegt haben. Das Wort Gottes bleibt in ihnen, das heißt, Jesus bleibt in ihnen. Durch die Taufe ist Jesus auf besondere Weise in unseren Herzen. Er wohnt in unserer Seele und nimmt so viel Raum ein, wie wir ihm zugestehen.
Ab Vers 15 thematisiert Johannes jetzt die Konsequenz dieser Taufe: Das Leben in der Welt kann nicht mehr dasselbe sein wie vor der Taufe.
„Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist.“ Das heißt natürlich nicht, dass wir gleichgültig oder sogar hasserfüllt gegenüber allem sein sollen, was in der Welt ist, oder alles verteufeln sollen. Das wäre gnostisch und die Gnostiker waren der Erzfeind des Johannes, wie man in den johanneischen Schriften ganz deutlich lesen kann. Es geht darum, dass wir den weltlichen Dingen keine so große Priorität geben sollen wie dem ewigen Leben, in das wir durch die Taufe ja hineingeboren sind. „Lieben“ meint in diesem Kontext also das, was wir auf unserer Prioritätenliste ganz oben haben. Lieben heißt, „im Herzen tragen“. Das Wort Gottes wohnt ja jetzt in uns und wir sollen ihm den ganzen Raum geben. Wie soll es diesen aber haben, wenn wir unser Herz mit weltlichen Dingen füllen, die doch vergänglich sind? Wo diese Dinge den Raum füllen, ist kein Platz mehr für Gottes Liebe. Deshalb sagt Johannes auch „in dem ist die Liebe des Vaters nicht“. Es bleibt einfach kein Platz mehr übrig.
Die Wendung in Vers 16 „in der Welt“ umfasst, was weltlich ist. Es meint nicht nur, was dem ewigen Leben nicht nur nicht dient, sondern es sogar verhindert. Es handelt sich nicht um die „weltlichen“ Dinge im positiven Sinn, also was Gott geschaffen hat, sondern die Dinge im negativen Sinn: was sich durch die Erbsünde in die Welt eingeschlichen hat. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wo wir diesen ignorieren, werden wir weltfeindlich, was aber nicht der christlichen Lehre entspricht. Hier meint „Welt“ diese negativen Dinge und das erkennen wir auch an dem Wort „Begierde“. Diese ist mit dem Sündenfall des ersten Menschenpaares in die Welt gekommen. Die Begierden, die hier aufgezählt werden, sind eben nicht Teil der guten Schöpfung, die vom Vater kommt (Begierde der Augen, des Fleisches, Prahlerei mit Besitz). Es kommt nicht vom Vater, sondern von der „Welt“, genauer von der gefallenen Welt, die vom Bösen infiltriert ist. Diese wird aber vergehen. Am Ende wird Gott alles zusammenbrechen lassen, nur um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen – eine unvergängliche Welt, in der nichts Böses mehr Platz haben wird. Und wenn wir den Willen des Vaters tun – eben auch bezogen auf unser Verhalten in dieser Welt, die nicht mehr die gute Schöpfung des Vaters ist (nur noch teilweise), dann werden wir auch eingehen in die neue Schöpfung, in die wir schon hineingeboren sind durch die Taufe. Es reicht also nicht nur, getauft zu sein. Wir müssen uns auch dementsprechend verhalten! Das spricht Johannes nicht nur zu den damaligen Christen, sondern auch zu uns. Auch wir können nicht leben wie die anderen Menschen. Wir sind in dieser Welt, aber wir sind getauft für die Ewigkeit. Auf diese hin sollen wir leben.
Dabei sind wir zur Freiheit berufen – zu der wahren Freiheit, nicht zur Anarchie. Begierde, die die Welt bietet, macht immer unfrei. Man ist gedrängt und wird immer wieder getrieben. Es ist nie genug. Wir werden Sklaven unserer Selbst. Wenn wir aber diese Begierden nicht haben, dann sind wir frei für Gott. Unser Leben erreicht dann schon hier auf Erden eine Weite, die sich in der Ewigkeit vollenden wird.

Ps 96
7 Bringt dar dem HERRN, ihr Stämme der Völker, bringt dar dem HERRN Ehre und Macht,
8 bringt dar dem HERRN die Ehre seines Namens! Bringt Gaben und tretet ein in die Höfe seines Heiligtums! 
9 Werft euch nieder vor dem HERRN in heiligem Schmuck! Erbebt vor ihm, alle Lande! 
10 Verkündet bei den Nationen: Der HERR ist König! Fest ist der Erdkreis gegründet, er wird nicht wanken. Er richtet die Völker so, wie es recht ist. 

Heute loben und preisen wir den HERRN nochmal ganz besonders. Es erinnert uns daran, dass wir noch mitten in der Weihnachtsoktav sind. Der HERR ist König und nur er. Es klingt, als wäre der heutige Psalm ein Appell an die Weisen aus dem Morgenland: „Bringt Gaben und tretet ein in die Höfe seines Heiligtums!“ Klar ist damit zunächst ein Aufruf an alle Juden zum Lobpreis Gottes im Tempel von Jerusalem gemeint. Es geht um Darbringung und Opfer. Die Höfe des Heiligtums deuten die Architektur des Tempelgeländes an, das von außen nach innen mehrere Schichten besitzt, die nach innen immer heiliger werden. Den innersten Kern, das Allerheiligste, darf nur einmal im Jahr, nämlich an Jom Kippur (dem Versöhnungstag) der Hohepriester betreten.
Wir denken aber auch weiter und sehen die Höhle von Bethlehem, in der das Allerheiligste nun in einer Krippe liegt. Das Wort Gottes, die Steintafeln vom Sinai, die Mose übergeben worden sind, sind nun nicht mehr Stein, sondern eine Person! Und es kommt noch besser. Dieser heilige Ort ist jüdisch gesehen gar nicht so kultisch rein. Voller Viehmist und natürlich auch als Ort einer Geburt ist er eigentlich unzugänglich. Dann sind da noch die Hirten, gesellschaftlich Randständige, die in das Heiligtum eingehen, ganz und gar ohne „heiligen Schmuck“. Dieses Heiligtum ist nicht nur für Auserwählte, sondern für jeden offen! Das ist jüdisch gesehen etwas Unerhörtes und Skandalöses, aber das ist die Wahrheit!
Eine Gruppe von Menschen kommt tatsächlich in voller Montur, dass man sie in der Tradition sogar als königlich bezeichnet hat – die Magoi aus dem Osten! Sie kommen und treten ein in das Heiligtum Gottes, der Grotte von Bethlehem. Sie sind voller Prunk gekleidet und bringen dem Kind Gaben: Weihrauch, Myrrhe und Gold.
Es ist dennoch nicht ganz analog, denn „alle Lande“ bezieht sich nicht auf die Länder um Israel herum. Es meint eigentlich wörtlich „das ganze Land“ im Sinne des Hl. Landes (כָּל־הָאָֽרֶץ kol ha’arez). Der nächste Vers lässt dennoch erahnen, dass die Botschaft dieses Königs der Könige über die Juden hinausgeht: „Verkündet bei den Nationen“ ist nämlich auf die nichtjüdischen Völker bezogen ( אִמְר֤וּ בַגֹּויִ֨ם imru hagojim, gojim meint immer die nichtjüdischen Völker). Die Juden haben das tatsächlich gemacht. Als sie in babylonischer Gefangenschaft waren, haben die Babylonier deren Messiaserwartung übernommen und Jahrhunderte später aufgrund des aufgehenden Sterns erkannt, dass dieser Messias nun geboren ist. Deshalb haben sich ihre Priester/Sterndeuter auf den Weg gemacht und huldigen dem Messias nun tatsächlich in der Grotte von Bethlehem!
Dieser König ist nicht nur Weltenherrscher, sondern auch Weltenrichter.

Lk 2
36 Damals lebte auch Hanna, eine Prophetin, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; 
37 nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. 
38 Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. 
39 Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück.
40 Das Kind wuchs heran und wurde stark, erfüllt mit Weisheit und Gottes Gnade ruhte auf ihm.

Heute hören wir von einem wichtigen jüdischen Brauch, eigentlich von zwei Bräuchen: Der Opferung des Kindes im Tempel und der kultischen Reinigung der Mutter. Den Hinweis auf beides erhalten wir schon in Vers 22, den wir heute nicht hören. Eine Frau, die einen Sohn geboren hat, ist die ersten vierzig Tage nach der Geburt kultisch unrein und muss sich nach Ablauf dieser Zeit einem Reinigungsritual im Tempel unterziehen. Wir lesen die genauen Vorschriften bei Levitikus (Lev 12). Gleichzeitig sieht das Judentum ein weiteres Ritual vor, das die Opferung der Erstgeborenen betrifft und Pidjon haBen heißt: Als Zeichen der Dankbarkeit für den Auszug aus Ägypten werden das erstgeborene Vieh Jahwe dargebracht und die erstgeborenen Söhne ausgelöst. Das bedeutet, dass anstelle von ihnen entweder ein Lamm oder zwei (Turtel)Tauben geopfert werden (Ex 13,14-15; Num 18,15). Kinderopfer sind im Judentum nämlich verboten und ja auch gar nicht erwünscht. Jesus wird also im Tempel ausgelöst und so sagen seine Eltern deutlich aus: Dieses Kind gehört Gott. Und im Falle Jesu trifft es nicht nur im übertragenen Sinne zu, sondern ist wortwörtlich zu verstehen. Jesus gehört seinem Vater im Himmel!
Das ist die Vorgeschichte des heutigen Evangeliums. Die heilige Familie ist also im Tempel und heute hören wir von Hanna, der Prophetin, die dem Tempel dient. Sie kommt aus dem Stamm Ascher und ist schon alt. Sie ist eine Witwe von 84 Jahren und hat sich ganz dem Tempel hingegeben. Ihr Dienst ist eremitisch bzw. kontemplativ. Sie betet und fastet, womit sie der Menschheit einen besonders großen Dienst erweist. Ihre Rolle sowie die des greisen Simeon ist nicht zu unterschätzen. Da beide in hohem Alter noch so wichtige Aufgaben übernehmen, sind sie beide ein gutes Vorbild für alle Großeltern bis heute. Nicht umsonst hören wir von Hanna einen Tag nach dem Fest der Hl. Familie und zwei Tage nach dem Fest der unschuldigen Kinder. Bis heute haben die Großeltern dann, wenn sie alt und schwach geworden sind, noch eine Berufung. Nur weil sie nicht mehr so rüstig sind wie in ihren frischesten Jahren, heißt das nicht, dass sie nicht mehr am Reich Gottes mitwirken. Die Aufgaben ändern sich, sind aber nicht weniger wichtig wie die der jungen und aktiven Menschen. Die Lebenserfahrung des Simeon und der Hanna, ihr Wirken im Verborgenen und ihre Weisheit, die das Geschehen im Lichte des göttlichen Heilsplans deutet, sind Vorbild für heutige Großeltern. Auch sie können jetzt, wo ihr beruflicher Stress abfällt, mehr beten und im Verborgenen Gottes Reich mit aufbauen. Sie können den jungen Menschen mit ihrer Lebenserfahrung helfen und in ihren Familien prophetisch wirken. Das heißt, sie können das Geschehen in und um ihre Familien herum im Lichte des Willens Gottes deuten und auch warnen, wo sich die Familie von Gott entfernt.
Hanna tut dies, indem sie zu allen über das Kind spricht. Ihr Reden ist kein Tratschen, sondern prophetische Deutung! Sie erklärt allen, die den Messias erwartet haben, dass er nun da ist! Sie verkündet das Evangelium. Das ist so eine große Aufgabe, zu der jeder und jede berufen ist, egal welchen Alters!
Nachdem Jesu Eltern ihre Pflicht als fromme Juden erledigt haben, kehren sie nach Nazaret zurück, wo sie leben. Lukas erwähnt die Flucht nach Ägypten nicht, weil er die Prioritäten anders setzt als Matthäus.
Er sagt auch kaum etwas über die Kindheit Jesu, nur dass Jesus heranwächst und stark wird. Diese Stärke ist nicht nur physisch zu verstehen, sondern vor allem geistig/seelisch. Er ist erfüllt mit Weisheit und Gnade Gottes. Wie sich diese zeigt, erfahren wir in einer Episode, die heute nicht mehr verlesen wird: der Debatte Jesu im Tempel mit den Schriftgelehrten.

Was wir von der hl. Familie heute lesen, ist sehr schlicht. Sie tut, was sie zu tun hat aus jüdischer Sicht. Maria und Josef sprechen nicht ein einziges Wort, dafür kommen andere zu Wort wie Hanna, die die heilsgeschichtliche Bedeutung dieses Kindes den Juden erklärt. Sowohl Simeon als auch Hanna, die von ihrem Lebensstand gesehen unfruchtbar sind, werden durch ihre „Evangelisierung“ fruchtbarer denn je. Insbesondere Hanna, die ihren Mann in jungen Jahren verloren hat und deshalb keine eigenen Kinder bekam, hat durch ihre Verkündigung so viele Menschen zu Jesus gebracht. Wer weiß, wie viele dieser Juden, die ihre Worte gehört haben, sich nachher haben taufen lassen! Dann hat sie wirklich dafür gesorgt, dass diese Menschen zum ewigen Leben neugeboren worden sind, wie wir im ersten Johannesbrief heute gelesen haben!

Beten wir heute für alle Großeltern, die sich nutzlos und einsam fühlen.
Beten wir auch für die Großeltern, die ihre Enkel nicht sehen dürfen oder nicht sehen wollen. Beten wir in diesem Jahr vor allem für jene Großeltern, die wegen Corona ihre Familien nicht sehen können.
Beten wir für alle Familien auf der ganzen Welt, in denen die Generationen-Solidarität nicht mehr so gegeben ist, wie sie sein sollte.

Ihre Magstrauss

Fünfter Tag der Weihnachtsoktav

1 Joh 2,3-11; Ps 96,1-2.3-4.5-6; Lk 2,22-35

1 Joh 2
3 Und daran erkennen wir, dass wir ihn erkannt haben: wenn wir seine Gebote halten.

4 Wer sagt: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, ist ein Lügner und in dem ist die Wahrheit nicht.
5 Wer sich aber an sein Wort hält, in dem ist die Gottesliebe wahrhaft vollendet; daran erkennen wir, dass wir in ihm sind.
6 Wer sagt, dass er in ihm bleibt, muss auch einen Lebenswandel führen, wie er ihn geführt hat.

7 Geliebte, ich schreibe euch kein neues Gebot, sondern ein altes Gebot, das ihr von Anfang an hattet. Das alte Gebot ist das Wort, das ihr gehört habt.
8 Wiederum schreibe ich euch ein neues Gebot, was wahr ist in ihm und in euch, weil die Finsternis vergeht und das wahre Licht schon leuchtet.
9 Wer sagt, er sei im Licht, aber seinen Bruder hasst, ist noch in der Finsternis.
10 Wer seinen Bruder liebt, bleibt im Licht und in ihm gibt es keinen Anstoß.
11 Wer aber seinen Bruder hasst, ist in der Finsternis und wandelt in der Finsternis und weiß nicht, wohin er geht; denn die Finsternis hat seine Augen blind gemacht.

Heute hören wir in der Lesung wie an den kommenden Tagen der Weihnachtsoktav aus dem ersten Johannesbrief. Dieser betrachtet vor allem die Liebe als konkrete Handlungsweise des Christen, nämlich als Halten der Gebote Gottes aus Liebe zu ihm.
Wenn wir Gott lieben und seine Gebote halten, erkennt man daran, dass wir Gott erkannt haben. Das Erkennen meint in der Bibel einerseits das durch und durch vorliegende Kennen eines Menschen und die absolute Gemeinschaft, andererseits den ehelichen Akt, der wiederum die körperliche Ausdrucksform dieser absoluten Gemeinschaft darstellt. Wenn wir Gott also erkannt haben, sind wir durch und durch mit ihm in einer Liebesgemeinschaft.
Wir belügen uns aber selbst, wenn wir behaupten, ihn erkannt zu haben, aber gar nicht seine Gebote halten. Wer sich an Gottes Wort hält – und das meint nicht nur das von ihm Gesagte, das in der Bibel steht, sondern auch darüber hinaus! – in dem ist die Gottesliebe vollendet. Liebe ist immer etwas konkret Praktisches. In Gott sein bedeutet wiederum in johanneischen Schriften den Stand der Gnade.
In Gott sein bedeutet zugleich, ihm auf seinem Weg nachfolgen. Und Jesus Christus hat die Gebote nicht nur nicht abgeschafft, sondern auch mit seiner ganzen Person erfüllt. Er hat selbst vorgelebt, was er von seinen Jüngern erwartet – bis hin zum Kreuz. Gott lieben heißt also bis in die letzte Konsequenz, mit ihm gemeinsam gekreuzigt zu werden, um dann die Auferstehung zu erfahren.
Die Liebe ist ein uraltes Gebot, nichts Neues, das Johannes sich ausdenkt. Zugleich ist es ein neues Gebot, das Johannes den Adressaten schreibt. Wie ist das zu verstehen? Er spricht in dem Zusammenhang von Finsternis und Licht als zwei Zustände des Menschen. Es ist ein neues Gebot, die Liebe zu leben, weil es nun mit dem Versprechen des Neuen Bundes zu tun hat. In diesem Sinne ist es neu. Jene, die bereits zu diesem neuen Bund gehören, sind im Licht bzw. in denen leuchtet das wahre Licht bereits.
Das Problem ist, dass der neue Bund, der durch die Taufe eingegangen wird, nicht automatisch bestehen bleibt, sondern ein bestimmtes Leben erfordert. Der getaufte Mensch muss lieben, um im Licht zu bleiben. Wer dagegen hasst, ist noch in der Finsternis. Es gibt also keine Heilsgewissheit, wie sie manche Denominationen vertreten. Wer getauft ist und weiter an dem alten Leben festhält, kann nicht im Licht sein.
Die Finsternis hat es an sich, die Augen blind zu machen. Das Bild ist ideal um den Zustand der Todsünde zu umschreiben, denn dadurch stumpft der Mensch ab. Er verspürt nicht mehr, dass etwas an ihm nicht in Ordnung ist. Die Augen werden also nicht nur blind, sondern gewöhnen sich auch an die Dunkelheit.

Ps 96
1 Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Lande,

2 singt dem HERRN, preist seinen Namen! Verkündet sein Heil von Tag zu Tag!
3 Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit, bei allen Völkern von seinen Wundern!
4 Denn groß ist der HERR und hoch zu loben, mehr zu fürchten als alle Götter.
5 Denn alle Götter der Völker sind Nichtse, aber der HERR ist es, der den Himmel gemacht hat.
6 Hoheit und Pracht sind vor seinem Angesicht, Macht und Glanz in seinem Heiligtum.

Der heutige Psalm beginnt mit den signalhaften Worten „neues Lied“. Dadurch wissen wir, dass es messianische Aussagen geben wird:
„alle Lande“ sollen dieses Lied singen und Gottes Heilstaten sollen „bei den Nationen“ bekannt werden. Die nichtjüdischen Völker sollen nun auch diesen einen wahren Gott kennenlernen!
„Verkündet sein Heil“ wird dann für uns Christen auffällig christologisch, weil in den Worten „sein Heil“ hier wieder der Name Jesus enthalten ist. Während hier wörtlich das Heil Gottes als messianische Verheißung verkündet werden soll, sind wir Christen dadurch aufgerufen, Jesus Christus zu verkünden, der das Heil ist (Nomen est omen). Das ist einer der drei Hauptvollzüge der Kirche – die Verkündigung (martyria). Jeder einzelne Christ bezeugt dieses Heil durch sein Handeln. Wo wir einander lieben und die Gebote Gottes halten, kommt das Heil in die Welt, das Reich Gottes wird dann schon jetzt spürbar. Am Ende der Zeiten werden wir das Heil verkünden – aber als ewigen Lobpreis in Gottes Gegenwart, mit allen Engeln und Heiligen.
Der Psalm verrät auch mehr darüber, das in Jesaja noch zwischen den Zeilen steht: Gott ist der König, der Herrscher. Die messianische Erwartung geht über eine menschliche Figur wie Kyrus hinaus.
Gott ist „mehr zu fürchten als alle Götter“, denn diese gibt es nicht einmal. Zu König Davids Zeiten, als dieser Psalm geschrieben wird, ist die Erkenntnis noch nicht erlangt worden, dass es nur einen Gott gibt. Die Israeliten haben aber zumindest eine Monolatrie begriffen, eine Anbetung allein des Gottes Israels.
Es stimmt aber nicht ganz, dass monotheistische Tendenzen erst nach dem Exil aufkamen. Schon König David schreibt unter dem Einfluss des Hl. Geistes: „Denn alle Götter der Völker sind Nichtse, aber der HERR ist es, der den Himmel gemacht hat.“ Selbst wenn diese Erkenntnis erst im Exil so richtig klar wird durch die sogenannte „Jahwe-allein-Bewegung“, erkennen wir schon hier die Erkenntnis, dass andere Götter Götzen sind. Das ist mit „Nichtse“ gemeint, menschengemachte Idole, die aber an sich tot sind. Sie können gar nichts bewirken im Gegensatz zum wunderbaren Schöpfer. Gott ist dagegen der Schöpfer, er ist also wahrlich ein Gott des Lebens, ein Creator. Er bringt hervor, was tote Gebilde nicht fertigbringen.
Hoheit, Pracht und Glanz sind Begriffe, die im Kontext dieses Psalms auf den Tempel zu beziehen sind. Dieser ist prunkvoll gebaut, viel Gold ist eingesetzt worden, wertvolles Holz, mit viel Detailliebe sind die verschiedenen Bereiche verziert worden. Gottes Gegenwart im Tempel ist wirklich von Hoheit, Pracht und Glanz umgeben. Doch darüber hinaus ist die wahre Hoheit, Pracht und der Glanz Gottes selbst zu nennen in seinem himmlischen Heiligtum! Seine Herrlichkeit selbst ist es, die hier so glänzt und leuchtet. Gott ist Licht, um es mit der Lesung zu sagen. Macht und Glanz sind also Begriffe, die vor allem den Gnadenreichtum betreffen. Beziehen wir es auf die Kirche, in der Gottes Gegenwart bis heute besteht, müssen wir also auch berücksichtigen, dass vor seinem Angesicht er viel Prunk und Pracht sieht, dies aber nicht das Entscheidende ist. Vielmehr sind die Gnade und Herrlichkeit Gottes entscheidend, die wir gar nicht sehen. Was wir davon erkennen, sind die Früchte.

Lk 2
22 Als sich für sie die Tage der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung erfüllt hatten, brachten sie das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn darzustellen,

23 wie im Gesetz des Herrn geschrieben ist: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn heilig genannt werden.
24 Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben.
25 Und siehe, in Jerusalem lebte ein Mann namens Simeon. Dieser Mann war gerecht und fromm und wartete auf den Trost Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm.
26 Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe.
27 Er wurde vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um mit ihm zu tun, was nach dem Gesetz üblich war,
28 nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten:
29 Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden.
30 Denn meine Augen haben das Heil gesehen,
31 das du vor allen Völkern bereitet hast,
32 ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel.
33 Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden.
34 Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, –
35 und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.

Im Evangelium hören wir nun von einer Besonderheit, die die Heilige Familie betrifft: Sie erledigt zwei wichtige jüdische Gesetze: Erstens soll jeder erstgeborene Sohn und jedes erstgeborene Vieh, jede Erstlingsfrucht immer Gott zurückgegeben werden (Ex 13,2.12). Es soll als Zeichen der Dankbarkeit dem zurückgegeben werden, der es einem geschenkt hat. Den erstgeborenen Sohn kann man aber nicht darbringen wie das Vieh, denn Kinderopfer sind strengstens verboten. So wird stellvertretend für die Söhne ein Tier geopfert. Wer es sich leisten konnte, opferte ein Lamm, ärmere Familien opferten ein Paar Tauben. Maria und Josef waren nicht so reich, also brachten sie zwei Tauben dar. Das ist kein Zufall. Wir erkennen hier schon einen Verknüpfungspunkt mit der Taufe, wo auch eine Taube eine Rolle spielt! Und auch die Taufe ist ein Moment der Heiligung. „Taube“ und „Heiligung“ sind zusammenzubringen, weil der Hl. Geist die Heiligung bewirkt. Jesus gehört Gott und soll deshalb geopfert werden. Das ist schon ein Vor-Zeichen dessen, was wirklich passieren wird: Er wird im Gegensatz zu allen anderen Erstgeborenen nicht verschont, sondern wirklich geopfert – am Kreuz von Golgota.
Das zweite Gesetz ist die Reinigung Mariens nach der Geburt ihres Sohnes. Es meint keine hygienische Reinigung, sondern eine kultische. Das Gesetz bezieht sich auf Lev 12, wo die Wiedereingliederung der Frau in den Kult nach 40 Tagen geschehen soll. Diese Zahl hat eine tiefere Bedeutung, denn wie die Sintflut ohne Pause 40 Tage lang Regen auf die Erde fallen ließ, so muss auch Maria, die Arche des Neuen Bundes diese 40 Tage sühnen „wegen des vergossenen Blutes“ (Lev 12,5). Die Verbindung zur Sintflut wird dadurch hergestellt, dass laut Levitikus die Wiedereingliederung durch ein einjähriges Schaf oder durch ein Paar Tauben für Brand- und Sündopfer vollzogen wird. Auch bei der Sintflut kennzeichnet die Taube einen Neubeginn.
Maria wird gereinigt – es erfüllt sich die Verheißung aus dem Buch Maleachi. Sie trägt in sich das Blut der Stämme Juda und Levi. Sie ist biologisch gesehen priesterlich und königlich. Sie wird gereinigt, damit ihr Opfer Gott gefalle.
Danach wird von Simeon berichtet, der ein frommer Mann aus Jerusalem ist. Er lebte in einer intensiven messianischen Erwartung. Vom Hl. Geist erfüllt wird er in den Tempel geführt. Da, wo heilsgeschichtliche Knotenpunkte im Leben Jesu sind, ist immer der Hl. Geist im Spiel!
Simeon begegnet diesem Messias endlich, den er so viele Jahre ersehnt hat. In ihm erfüllt sich nun, was in Maleachi vorausgesagt worden ist: Der, den er gesucht hat, den er herbeigewünscht hat, ist endlich da. Er sieht ihn mit eigenen Augen so kurz vor seinem Tod. Es ist ein kleines Baby. Er nimmt es auf den Arm. Er berührt Gott selbst! Wie überwältigend muss es für diesen alten Mann sein, Gott in seinen Armen zu halten! Gottes Geist hat ihm zuvor schon verheißen, dass er ihm noch vor seinem Tod begegnen würde.
Sein Lobpreis beeindruckt die Eltern Jesu sehr. „Nun lässt du Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden“. Er kann nun in Ruhe sterben, weil sein Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist. Es ist nicht einfach Geschwärme, sondern ein Bezeugen des Messias. Nun kann er in Ruhe sterben, weil er weiß, dass sein Volk Israel endlich erlöst werden wird.
„Denn meine Augen haben das Heil gesehen“, ja er hat Jesus wirklich geschaut, dessen Name „Jahwe ist Heil“ bedeutet. Sein Gebet ist eine Zusammenstellung verschiedener alttestamentlicher Verheißungen. Das ist ein typisches Kennzeichen für den Hl. Geist. Durch ihn wird man an die Verheißungen erinnert und zählt eins und eins zusammen. Es geht einem auf, was sich davon in dem Moment erfüllt. So ist es auch mit dem Magnificat, bei dem Maria verschiedene Schriftzitate neu zusammensetzt. Es ist auch dort der Geist Gottes, der dies in ihr bewirkt.
Simeon zitiert Jes 40,5 nach dem griechischen AT mit dem Sehen des Heiles. Und das Heil, das Gott „vor allen Völkern bereitet“ hat, ist ein Zitat aus Jes 52,10. Wir merken hier wieder die Betonung von Jesaja, dem am meisten messianischen Text des AT.
Auch gerade die Kombination von „Licht, das die Heiden erleuchtet“ und „Herrlichkeit für dein Volk Israel“ ist eine Zusammenstellung jesajanischer Schriftstellen (Jes 42,6; 46,13). Jesus ist gekommen, um einen Bund zu schließen gleichermaßen mit Juden und Heiden.
Simeon verheißt den Eltern Jesu die Bedeutung dieses Kindes: An ihm werden sich die Geister scheiden, denn viele werden durch ihn zu Fall kommen – nicht weil er dies aktiv tun wird, sondern weil sie ihn ablehnen werden. Aufgerichtet werden dagegen jene, die ihn annehmen werden. Die Aufrichtung ist ein Verb, das auf einen Bundesschluss hinweist. Die ihn annehmen, wir Getauften, sind mit Gott den Neuen Bund eingegangen.
Er ist auch zum Zeichen geworden, dem widersprochen wird: damals zu seinen Lebzeiten, im Nachgang auch als Zeichen des Kreuzes. In der Antike und bis heute lassen Christen ihr Leben für das Zeichen des Kreuzes.
Simeon hat auch eine Leidensankündigung für Maria bereit. Sie wird ein Schwert durchdringen. Es gibt wohl kaum etwas Schlimmeres für eine Mutter, als den Tod ihres eigenen Kindes mitanzusehen. Und dann wird ihr Sohn den schandvollsten Tod erleiden, er wird hingerichtet werden und muss viele Folterungen über sich ergehen lassen – als Unschuldiger. Und auch wenn sie dieses Schwert durchdringen wird, sie wird es annehmen und mit ihrem Sohn mitleiden. Sie wird es aushalten und bis zum letzten Atemzug ihres Sohnes unter seinem Kreuz stehen. Auch ihr Leiden wird etwas bewirken – nämlich die Offenlegung vieler Gedanken der Menschen. Auch an Maria werden sich die Geister scheiden – bis heute. Sie wird zum Maßstab der Rechtgläubigkeit, denn kein einziger Mensch kennt Jesus besser als sie. Wer Jesus mit ihren Augen sieht, sieht den echten Jesus, keinen ideologischen, zugeschnittenen Wunschjesus.

Einerseits sehen wir in Simeon, aber auch in Hanna, von der heute nicht mehr die Rede war, die Vertreter der Großelterngeneration. Mit ihnen können sich bis heute alle Großeltern identifizieren. Auch sie können im hohen Alter noch eine wichtige Berufung haben und sich einbringen. Auch diese haben eine ganz klare Berufung in der irdischen Familie und müssen nicht davon ausgehen, dass sie in ihrem Alter nichts mehr bewirken können.
Die zwei Gestalten verkörpern das Alte Israel, den Alten Bund. Sie stehen für das Volk Israel, das voller Sehnsucht auf den Messias wartet. Sie haben in steter Erwartung ihr Leben gelebt, um letztendlich an diesem Tag mit bereitem Herzen Jesus zu begegnen. Sie haben die Tore ihrer Seele geöffnet, dass Jesus in ihre Seelen einziehen kann. Es ist die Berührung der beiden Bünde, ein Übergang vom Alten zum Neuen Bund, der aber erst am Kreuz vollendet wird. Es ist ein Übergang vom Volk, das im Dunkeln lebt und nun ein helles Licht sieht. Jesajas Worte erfüllen sich nach so vielen Jahrhunderten!

Ihre Magstrauss

Fest der unschuldigen Kinder

1 Joh 1,5-2,2; Ps 124,2-5.7-8; Mt 2,13-18

1 Joh 1-2
5 Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm. 
6 Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben und doch in der Finsternis wandeln, lügen wir und tun nicht die Wahrheit. 
7 Wenn wir im Licht wandeln, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander und das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde. 
8 Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns.

9 Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht. 
10 Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner und sein Wort ist nicht in uns.
1 Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. 
2 Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.

In den johanneischen Schriften wird im Kontext von Gott oft die Lichtmetaphorik verwendet. Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm. Mit dem Gegensatz „Licht“ – „Finsternis“ drückt Johannes aus, dass Gott nur Liebe ist. Nichts Böses ist in ihm.
Die Konsequenz davon ist auch auf uns Menschen zu beziehen: Wir können nicht Gemeinschaft mit dem Licht haben und selber in uns Finsternis haben. Das heißt, dass wir nicht zugleich in Todsünde leben (Finsternis) und im Stand der Gnade sein können (Gemeinschaft mit ihm). Wer das behauptet, belügt sich selbst.
Wir können nur Gemeinschaft haben, wenn wir „im Licht wandeln“ wie Gott. Das Wandeln ist ein Ausdruck für den Lebenswandel und somit ein moralischer Begriff. Wenn wir uns mit ganzer Kraft bemühen, auf dem Weg Gottes zu bleiben, d.h. seine Gebote halten, dann wandeln wir im Licht und Jesus reinigt uns von unseren Sünden. Dass überhaupt von Sünde die Rede ist, macht die ganze Rede so realistisch. Niemand sagt, dass wir ohne Sünde sind, nur weil wir uns bemühen, im Licht zu wandeln. Wir fallen trotzdem. Wenn wir aber aufstehen, d.h. umkehren und weitergehen, dann zeigen wir unsere Aufrichtigkeit und Gott vergibt uns unsere Sünden.
Diese Aufrichtigkeit zeigen wir vor allem daran, dass wir unsere Sünden bekennen (ὁμολογέω homologeo). Wir sollen das nicht einfach nur bereuen, was Gott sowieso schon von uns weiß, er sieht ja alles. Gott möchte auch, dass wir die Dinge beim Namen nennen. Das sollen wir nicht deshalb, weil er es unbedingt braucht, sondern weil wir es unbedingt brauchen.
Wer behauptet, ohne Sünde zu sein, lügt. Jeder Mensch ist gefährdet, zu fallen. Wir sind zwar von der Erbsünde erlöst, aber die Folgen der Erbsünde sind noch da. Wir haben immer noch die Neigung dazu, Böses zu tun. Wir sündigen weiter. Gottes Wort (also Jesus) ist nicht in uns, wenn wir behaupten, ohne Sünde zu sein.
Johannes schreibt diese Worte, um zur Ablegung der Sünde aufzurufen. Aber auch für jene, die es dennoch tun, hat er eine zuversichtliche Botschaft: Wir haben einen Beistand beim Vater, Jesus Christus. Er ist es ja, der durch sein Kreuzesopfer die Vergebung der Sünden ermöglicht hat. Er ist gestorben zur Sühne für unsere Sünden und die der ganzen Welt, wie wir auch im Barmherzigkeitsrosenkranz beten. Interessant ist dabei, dass der Begriff παράκλητος parakletos verwendet wird. Diese Umschreibung wird ja sonst für den Hl. Geist gebraucht. Aber auch im wortwörtlichen Sinn ist Jesus unser Beistand, gerade wo wir schuldig geworden sind.
Diese Worte sind sehr tröstlich, weil wir selbst in Schuld und Sünde nicht verzweifeln müssen. Wenn es uns von Herzen leidtut und wir umkehren, dann wird uns Gott die Sünden vergeben. Es ist bemerkenswert, wie die Worte des Johannes das Sakrament der Beichte erklärt: Wir sollen unsere Sünden bereuen, wir sollen sie bekennen, unsere Schuld muss gesühnt werden, wofür Jesus ja gestorben ist. Unsere Aufrichtigkeit soll sich dadurch zeigen, dass wir uns bemühen, nicht mehr zu sündigen. Und wir sollen in uns gehen, um zu erkennen, wo wir uns selbst belügen. Die heutige Lesung ist eine richtige Beichtparänese, die Johannes mit Deutlichkeit formuliert, aber auch mit Liebe.

Ps 124
2 wäre es nicht der HERR gewesen, der da war für uns, als sich gegen uns Menschen erhoben, 
3 dann hätten sie uns lebendig verschlungen, als gegen uns ihr Zorn entbrannte, 
4 dann hätten die Wasser uns weggespült, hätte sich über uns ein Wildbach ergossen, 
5 dann hätten sich über uns ergossen die wilden und wogenden Wasser.
7 Unsre Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen; das Netz ist zerrissen und wir sind frei. 
8 Unsere Hilfe ist im Namen des HERRN, der Himmel und Erde erschaffen hat. 

Heute danken wir mit dem Psalm Gott, der uns aus der Gefahr rettet. Diese Rettung betrifft wiederum nicht das irdische Leben, sondern das ewige. Wir werden davon gleich im Evangelium hören und wir lasen bereits in der Lesung davon, was wir von uns aus tun können, damit unsere Seele gerettet wird.
Der Herr ist es, der das Volk Israel gerettet hat von den Feinden, die es sonst lebendig verschlungen hätten. Es ist politisch zu verstehen als Rettung aus dem babylonischen Exil.
Es bezieht sich auch auf die Menschheit, die ohne die Erlösung Jesu Christi das ewige Leben nicht gehabt hätte. Es bezieht sich auch auf die Kirche, durch die die Erlösung den Menschen angeboten wird in der Taufe. Das bezieht sich auf die Möglichkeit zur Beichte, um Versöhnung zu erlangen und so in den Stand der Gnade zurückkehren zu können. Das bezieht sich auch auf das Ende des Lebens, wenn wir vom ewigen Kampf erlöst sein werden und nicht mehr leiden müssen (im besten Fall).
In diesem Psalm wird die Wassermetapher nicht wie sonst als lebendiges Wasser und Bild für den Hl. Geist verwendet, sondern als lebensbedrohlicher Faktor. Wenn wir auch gerade über Sünde und ewiges Leben sprechen, macht das Bild absolut Sinn und erinnert an die Sintflut, die auch die Konsequenz der Sünde war.
Wir, die wir erlöst sind, können wirklich sagen, dass wir frei sind. Frei von dem unausweichlichen Schicksal der Hölle. Dort kommt nur hinein, wer es auch will. Wenn wir getauft sind und uns immer um unsere Berufung bemühen, müssen wir dieses letzte Los nicht fürchten.
„Unsere Hilfe ist im Namen des HERRN, der Himmel und Erde geschaffen hat“. Diese Hilfe (hebr. עֵזֶר ezer) kann man in Analogie zum Beistand aus dem ersten Johannesbrief verstehen. Gott, der Vater, der alles geschaffen hat, ist unser Beistand! Somit schließt sich der Kreis der Trinität: Der Paraklet, wie es im Griechischen heißt, ist nicht nur der Hl. Geist, wie Jesus ankündigen wird (Johannesevangelium), sondern auch Jesus selbst (erster Johannesbrief) und auch der Vater (Psalm 124).

Mt 2
13 Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, siehe, da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. 
14 Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. 
15 Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
16 Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er sandte aus und ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte. 
17 Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: 
18 Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren nicht mehr.

Heute lesen wir die drastische Episode der Wahnvorstellungen des Herodes: Dieser König ist in seinem letzten Lebensabschnitt immer paranoider geworden. Er verdächtigte alles und jeden, irgendwie einen Komplott gegen ihn zu schmieden. Er ließ so viele umbringen, sogar seine eigenen Familienmitglieder (unter anderem drei seiner Söhne!). Er beauftragte viele Spione, die in der ganzen Stadt nach möglichen Revolten Ausschau halten sollten, und verkleidete sich sogar selbst als Bürger, um sich dahingehend umzuschauen.
Und dieser paranoide Herrscher reagiert im heutigen Evangelium natürlich dementsprechend, als die Sterndeuter aus dem Osten zu ihm kommen und von einem neuen Herrscher sprechen. Er hat ihnen aufgetragen, ihm Bescheid zu geben, wenn sie das Kind gefunden haben. Diese spüren aber die Gefahr und ziehen auf einem anderen Weg zurück in ihre Heimat. Dies ist die „Vorgeschichte“ des heutigen Evangeliums.
Josef, der sich ganz dem Willen Gottes öffnet und alles dafür tut, seine Familie zu beschützen, wird im Traum vor Herodes gewarnt, der Jesus umbringen will. Also flieht Josef nach Ägypten – ganz wie sein Namensvetter aus dem AT nach Ägypten gelangte. Gott hat auch dies zugelassen, „damit sich die Schrift erfülle“ und die Juden zum Glauben an Jesus kommen. Wir Christen glauben, dass Jesu ganzes Leben schon eine einzige Sühne ist, die mit dem Leiden und Kreuzestod ihren Höhepunkt erreicht. Deshalb ergibt es absolut Sinn, dass Jesus auch nach Ägypten fliehen musste wie das auserwählte Volk. Seine schwierige frühe Kindheit ist ein Akt, den er später erklären wird: Er kommt, um aus der Knechtschaft zu befreien, so wie das Volk Israel aus Ägypten befreit worden ist. Er befreit nun aber aus der Sklaverei der Sünde! Auch dies lehrt Gott die Juden durch die Flucht der Hl. Familie. Er bereitet sein auserwähltes Volk darauf vor. Das ist typisch göttliche Pädagogik.
Herodes reagiert wie zu erwarten auf die Täuschung der Sterndeuter. Er lässt in seiner Rage alle Jungen bis zum zweiten Lebensjahr umbringen. Diese armen, unschuldigen Kinder haben nichts Böses getan und mussten ihr Leben lassen wegen eines verrückt gewordenen Menschen! Was muss der Himmel geweint haben über diese große Schandtat! So weint der ganze Himmel über jedes getötete Kind bis heute. Wie viele unschuldige Kinder müssen ihr Leben lassen, bevor sie geboren werden? DAS ist der schlimmste Genozid aller Zeiten!
Ein Merkmal von Geschichte ist, dass sie sich wiederholt. Die Menschheit hat es nun mal an sich, aus vergangenen Zeiten nicht zu lernen. Deshalb passieren dieselben Dinge immer wieder neu, nur unter einem anderen Namen und unter anderen historischen Umständen. Dies sagt auch Matthäus, wenn er auf Jeremias Prophezeiung in Jer 31 verweist. Rahel wird dann als Personifikation Israels. Bei Jeremia geht es noch um die Juden, die vor dem babylonischen Exil stehen. Dies wird jetzt typologisch auf die unschuldigen Kinder in Bethlehem übertragen. Es wiederholt sich auch der Knabenmord von Ägypten. Die erstgeborenen Söhne der Israeliten werden in den Nil geworfen und ein einziges bestimmtes Kind überlebt. Mose. Jesus wird typologisch mit ihm in Verbindung gebracht. Auch das ist absolut wichtig und eine Lektion Gottes für die vor allem judenchristlichen Adressaten des Matthäusevangeliums!
Nach heutigem Stand stirbt Herodes der Große 4 n.Chr. So lange bleibt die Heilige Familie in Ägypten und kann dann wieder zurückkehren.
An dem heutigen Evangelium erkennen wir, wie Sünde funktioniert: Sie zieht immer Unschuldige mit hinein und bleibt nie auf den Sünder beschränkt. Sie ist wie ein hochansteckendes Virus, das um sich treibt. Man kann niemanden in Quarantäne stecken und ist den Konsequenzen der Sünde auch als Unschuldiger ausgeliefert. Und doch können wir auf den HERRN schauen. Er ist immer – ich wiederhole – immer größer und mächtiger als die Sünde und ihre schlagenden Wellen. Seine Gnade siegt über den Satan und sein Unwesen. Immer.

Ihr unschuldigen Kinder, bittet für uns!
Bittet für alle heutzutage gefährdeten Kinder, die in den Sog der Sünde unschuldig mit hineingezogen werden und ihre größten Opfer sind.
Bittet für alle Frauen, die über eine Abtreibung nachdenken,
bittet für alle Familien, die zerrüttet sind und in denen das Leben wie die Hölle ist wegen Missbrauch, Gewalt und Verwahrlosung.
Bittet für alle Kinder auf der ganzen Welt.
Gott, steh und allen bei!

Ihre Magstrauss

Fest der Heiligen Familie (B)

Sir 3,2-6.12-14 (3-7.14-17a) oder Gen 15,1-6; 21, 1-3; Ps 128,1-2.3.4-5 oder Ps 105,1-2.3-4.5-6.8-9; Kol 3,12-21 oder Hebr 11,8.11-12.17-19; Lk 2,22-40

Liebe Freunde,
heute ist das Fest der Heiligen Familie. Das bezieht sich auf Josef, Maria und Jesus. Dieses Fest feiern wir immer am Sonntag nach Weihnachten (früher am Sonntag nach Erscheinung des Herrn). Wir betrachten diese Familie als unser Vorbild. Alles, was schon im AT über das ideale Familienleben geschrieben steht, können wir auf besonders eindrückliche Weise an der Heiligen Familie erfüllt sehen. Dabei ist sie wiederum nur Abbild der göttlichen Familie: der heiligsten Dreifaltigkeit. Zwar glauben wir, dass Jesus und Maria ohne Sünde sind, Josef aber von der Erbsünde nicht bewahrt ist. Die Eltern Jesu sind zudem nicht allwissend und müssen deshalb so einiges mit einem Fragezeichen hinnehmen. Und dennoch kann uns diese Familie gerade darin ein Vorbild sein: Wie halten wir in Krisen zusammen?

Sir 3
2 Denn der Herr hat dem Vater Ehre verliehen bei den Kindern und das Recht der Mutter bei den Söhnen bestätigt. 
3 Wer den Vater ehrt, sühnt Sünden,
4 und wer seine Mutter ehrt, sammelt Schätze. 
5 Wer den Vater ehrt, wird Freude haben an den Kindern und am Tag seines Gebets wird er erhört. 
6 Wer den Vater ehrt, wird lange leben, und seiner Mutter verschafft Ruhe, wer auf den Herrn hört. 
7 Wer den Herrn fürchtet, ehrt den Vater. So wie Herren dient er seinen Eltern.
12 Kind, nimm dich deines Vaters im Alter an und kränke ihn nicht, solange er lebt! 
13 Wenn er an Verstand nachlässt, übe Nachsicht und verachte ihn nicht in deiner ganzen Kraft! 
14 Denn die dem Vater erwiesene Liebestat wird nicht vergessen; und statt der Sünden wird sie dir zur Erbauung dienen. 
15 Am Tag deiner Bedrängnis wird man sich deiner erinnern; wie heiteres Wetter auf Frost folgt, so werden sich deine Sünden auflösen. 
16 Wie ein Gotteslästerer ist, wer den Vater im Stich lässt, und ein vom Herrn Verfluchter ist, wer seine Mutter erzürnt.
17 Kind, bei all deinem Tun bleibe bescheiden und du wirst geliebt werden von anerkannten Menschen!

Das Buch Jesus Sirach ist eine weisheitliche Schrift und liefert uns sehr sehr wichtige Aspekte, die zum vierten Gebot auch im Katechismus zusammengefasst werden: Wir sollen Vater und Mutter ehren. Das ist nicht einfach nur eine Floskel, sondern führt uns zum Heil!
Es ist sogar so, dass wir unsere eigenen Sünden sühnen, wenn wir gehorsam sind! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wer den Eltern gehorsam ist, sammelt sich zudem Schätze – himmlische Schätze, gemeint ist die Gnade. Warum eigentlich? Unsere Eltern haben uns das Leben geschenkt. Dass wir da sind, haben wir ihnen zu verdanken. Ganz unabhängig davon, wie sie uns behandeln, was sie uns geben und was nicht, sie verdienen unsere Ehre einfach schon dadurch, dass wir dank ihnen existieren.
Wenn wir unsere Eltern behandeln, wie es Gott gefällt, werden wir Segen haben und im Stand der Gnade sein: Dann wird Gott unsere Gebete erhören und wir werden selbst Kinderreichtum genießen. Viele Kinder sind im AT immer ein Zeichen des Segens Gottes. Wenn es im AT zudem heißt, dass man lange leben wird, meint es zu Beginn noch das irdische Leben oder das Weiterleben in den Nachfahren. Mit der Zeit werden die Juden es aber als ein Weiterleben nach dem Tod verstehen, wenn sie nach und nach die Auferstehung begreifen. Hier im Buch Jesus Sirach darf man Jenseitsvorstellungen schon voraussetzen! Wir gewinnen das Himmelreich, wenn wir unseren Eltern gehorsam sind und ihnen die Ehre geben, die ihnen zusteht. Das hat Jesus getan, wie wir nachher noch lesen werden. Er als Gott (!) hat sich seinen irdischen Eltern unterworfen und den Beruf seines Ziehvaters Josef erlernt. Er wird sich nach dem Tod Josefs um seine Mutter kümmern und noch am Kreuz dafür sorgen, dass nach seinem eigenen Tod der Apostel Johannes Maria zu sich nehmen wird. Für uns sind das ganz wichtige Aussagen in einer Zeit, in der Kinder immer weniger Respekt vor ihren Eltern haben. In einer Zeit, in der Eltern sogar Angst vor ihren Kindern haben müssen. In einer Zeit, in der die Kinder die „Herren“ (Vers 7) sind und nicht die Eltern. Am Ende der Zeiten ist es unser Ziel, dem himmlischen Vater, dem Herrn, auf ewig die Ehre zu geben, in dem wir mit allen Engeln und Heiligen ihn loben und preisen. Dann werden wir das nicht mehr abbildhaft tun wie bei unseren irdischen Eltern, sondern vollkommen. Im Himmelreich leben wir dann schließlich in der Familie Gottes.
Es schließen sich an die bisher grundsätzlichen Überlegungen ganz konkrete Anweisungen an: Wir sollen uns um unsere Eltern im Alter kümmern. Warum? Als wir klein und hilflos waren, waren sie es, die sich um uns gekümmert haben. Sie haben auf so vieles verzichtet, um uns großzuziehen: auf Schlaf, auf eigenen Luxus, auf eigene Pläne, auf Selbstverwirklichung, auf den eigenen Willen. Wenn sie mit dem Alter nun immer hilfloser werden, wendet sich das Blatt. Nun liegt es an uns, ganz für sie da zu sein, bis sie aus diesem Leben scheiden. Das ist der Lauf der Dinge.
Als wir kleine Kinder waren und herumgenörgelt haben, als wir noch nicht sprechen konnten und unseren eigenen Kopf durchs laute Schreien und Weinen kundgetan haben, nahmen unsere Eltern alles geduldig hin. Sie gaben uns zu essen, wechselten unsere Windeln und sangen uns stundenlang in den Schlaf. Haben unsere Eltern es nicht verdient, dass wir nachsichtig und geduldig mit ihnen umgehen, wenn ihr Verstand nachlässt und sie uns immer schlechter hören? Haben sie es nicht verdient, dass wir ihre mit dem Alter wachsende Sturheit ertragen? Unsere Eltern verachteten uns doch auch nicht, als wir kleine schwache Babys waren. So steht es uns auch nicht zu, in der Fülle unseres Lebens verachtend auf unsere alternden Eltern zu schauen.
Unser respektvoller Umgang als erwachsene Kinder wird nicht unerkannt bleiben. Gott wird sich dies merken und uns dafür reich beschenken.
Wer die Eltern im Stich lässt, wird als Gotteslästerer angesehen. Das ist wichtig: Die Gottesfurcht wird nämlich durch die Elternfurcht umgesetzt, die Abbild Gottes in unserer Familie sind. Furcht meint in diesem Fall nicht Angst, also etwas Pathologisches, sondern den Respekt und das Bemühen, den Anderen nicht zu verletzen. Gott hat uns unsere Eltern geschenkt. Dieses sollen wir dankbar annehmen und gut damit umgehen, sonst beleidigen wir den, der uns das Geschenk gemacht hat. Unsere Eltern sind Gottes Hände und Füße in unserer Familie. Sie sind sein Ausführungsorgan. Er liebt uns durch unsere Eltern. Und wir lieben ihn durch unsere Eltern. Das ist der Wille Gottes für die Familien.
Diese Elternliebe soll schlicht sein und kein Grund zur Angeberei. Das ist nicht etwas, womit man angeben kann, sondern das Mindeste, das wir unseren Eltern schulden. Wie können wir da Lob erwarten?

Ps 128
1 Ein Wallfahrtslied. Selig jeder, der den HERRN fürchtet, der auf seinen Wegen geht! 
2 Was deine Hände erarbeitet haben, wirst du genießen; selig bist du – es wird dir gut ergehn. 
3 Deine Frau ist wie ein fruchtbarer Weinstock im Innern deines Hauses. Wie Schösslinge von Ölbäumen sind deine Kinder rings um deinen Tisch herum. 
4 Siehe, so wird der Mann gesegnet, der den HERRN fürchtet. 
5 Es segne dich der HERR vom Zion her. Du sollst schauen das Glück Jerusalems alle Tage deines Lebens.

Der Psalm betont das, was den Kern der Elternliebe aus dem Buch Jesus Sirach darstellt: Es geht letztendlich um Gottesfurcht. Selig sind wir, wenn wir Gottes Gebote halten. Das ist die konkrete Umsetzung der Gottesfurcht. Wir werden Segen haben, wenn wir „auf seinen Wegen“ gehen. Dieser Segen wird sich z.B. am Erntereichtum zeigen. Vielleicht erinnern Sie sich an die Worte Gottes in Gen 3 nach dem Sündenfall? Eine Folge der Erbsünde ist die mühevolle Arbeit, um das tägliche Brot essen zu können. Erntereichtum ist dagegen ein Zeichen der Gnade Gottes.
Wenn die Frau als fruchtbarer Weinstock bezeichnet wird, ist das ebenfalls ein Zeichen des Segens Gottes. Kinderreichtum wird immer zum Indikator vor allem für die Frau, dass sie den Segen Gottes auf sich hat. Die Kinder als Ölbäume deuten auf deren Langlebigkeit und Fruchtbarkeit hin. Der Ölbaum ist deshalb ein Bild, das häufig zusammen mit dem Weinstock genannt wird.
Was nach jüdischem Verständnis Ausdruck des Segens Gottes war, ist christologisch erfüllt worden, jedoch auf eine neue und unerwartete Weise: Maria und Josef, zwei gottesfürchtige Menschen, erlangen eine Fruchtbarkeit, die ungleich größer ist als die biologische. Ein Ehepaar, das lebenslange Enthaltsamkeit lebt, zieht Gott selbst auf, Jesus Christus. Maria, die gottgeweiht ist und von allen Menschen die größte Gottesfurcht gehabt hat, ist zur Mutter aller und zum Urbild der Kirche geworden, die Menschen durch die Taufe zum neuen Leben gebiert. Diese geistige Fruchtbarkeit, wie man das Führen von Menschen zu Jesus nennen kann, übertrifft die biologische Fruchtbarkeit als Segen, wie er in diesem Psalm zum Ausdruck kommt.
Wenn es dann zum Ende hin heißt „Es segne dich der HERR vom Zion her“, dann ist das ein besonderer Segen. Für die Israeliten war das die maximale Form von Segen, denn „vom Zion“ meint „vom Tempel“. Und dort wohnte die Herrlichkeit Gottes. Wir Christen sehen darin eine typologische Verbindung zum eucharistischen Segen. „Zion“ ist nun die Kirche, in der das Allerheiligste nicht mehr die Bundeslade, sondern der Tabernakel mit den konsekrierten Hostien ist – das fleischgewordene Wort Gottes. Und zuvor müssen wir auf eine entscheidende Typologie hinweisen, die das ganze heutige Fest erklärt! Nämlich die Muttergottes selbst als Zion! Sie trägt den Sohn Gottes, das fleischgewordene Wort Gottes. Gottes Segen geht von ihrem Leib aus! Sie ist die neue Bundeslade, in der nicht mehr die Torah in Steintafelform, sondern als Mensch geborgen ist, nicht mehr die Schaubrote, sondern das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Von diesem Zion geht Segen aus, weil der HERR selbst mit ihr ist. Schauen wir auf dieses Vorbild, verstehen wir die besondere Bedeutung des mütterlichen Segens, auch den Segen unserer irdischen Mutter. Sie hat uns geboren, die wir Abbild Gottes sind, wenn auch nicht Gottes Sohn wie Jesus. Wenn wir Gottes Willen tun, in diesem Fall das Ehren der Eltern, dann geht von diesen Eltern der Segen Gottes auf uns über!
Das ewige Schauen des Glücks Jerusalems ist dann auch mehr als nur wörtlich zu verstehen: Es bezieht sich auf die Glückseligkeit des himmlischen Jerusalems. Dann werden wir mit der himmlischen Familie, also in Gemeinschaft der Heiligsten Dreifaltigkeit leben. Dann kommen wir von der Abbildhaftigkeit zur Vollendung. Das dürfen wir sakramental schon jetzt erfahren in der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Wir sind eine einzige Familie, bei der der Priester unser Vater ist. Er sorgt für die Sakramente und Sakramentalien. Die Kirche gebärt uns, zieht uns auf und nährt uns mit den Heilsmitteln seelisch. Alle Gläubigen sind Geschwister im Glauben und bilden so die geistliche Familie, von der Jesus gesprochen hat (Mt 12,50; Mk 3,35).

Kol 3
12 Bekleidet euch also, als Erwählte Gottes, Heilige und Geliebte, mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld! 
13 Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat! Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 
14 Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist! 
15 Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar! 
16 Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. In aller Weisheit belehrt und ermahnt einander! Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in euren Herzen! 
17 Alles, was ihr in Wort oder Werk tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Dankt Gott, dem Vater, durch ihn!
18 Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt!
19 Ihr Männer, liebt die Frauen und seid nicht erbittert gegen sie! 
20 Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem, denn das ist dem Herrn wohlgefällig!
21 Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden!

Auch der Paulusbrief gibt uns heute konkrete Anweisungen, wie wir als Familie zusammenleben sollen. Er sagt auch aus, warum wir wie beschrieben leben sollen: „als Erwählte Gottes, Heilige“. Durch die Taufe sind wir zur Heiligkeit berufen und dies soll sich an unserem Lebensstil bemerkbar machen.
Wir sollen einander ertragen. Wir können uns die Familienmitglieder nicht aussuchen und es kommt manchmal zu Spannungen. Charaktere treffen aufeinander, die nicht immer kompatibel sind. Wir sollen das aber aushalten.
Ein entscheidender Aspekt ist die Vergebung. Wir sollen einander immer verzeihen, jeden Tag aufs Neue. Wir sollen das bedingungslos tun, weil wir in der Nachfolge Christi stehen. Er hat immer und überall vergeben. Er hat noch seinen Henkern am Kreuz vergeben und für sie gebetet. Das soll unser Vorbild auch im Familienleben sein.
Zu dieser Voraussetzung tritt das Band, das alles zusammenhält – die Liebe. Diese ist nicht immer nur ein schönes Gefühl. Spätestens da, wo wir einander vergeben müssen, obwohl wir uns gegenseitig am liebsten auf den Mond schießen würden. Liebe ist manchmal harte Arbeit, und stets die Entscheidung füreinander, auch wo unsere momentanen Gefühle dagegen sprechen.
Der Wunsch einer friedlichen Familie kann nur in Erfüllung gehen, wo Gott Einzug in sie hält. Wo Gott das Zentrum der Familie ist, kann auch sein Frieden, der vollkommen ist, in ihr wirken.
Wir sollen dankbar sein. Das ist nicht zu unterschätzen. Das hat nämlich zur Folge, dass wir nichts, ich wiederhole, NICHTS für selbstverständlich nehmen sollen. Das zeigen wir im Alltag dadurch, dass wir uns für die Dinge bedanken, die uns der andere gibt und tut.
„Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch“ heißt, dass das Evangelium ganz und gar Realität in unseren Familien sein soll. Es soll davon geredet werden, aber vor allem soll es gelebt werden.
Wir sollen uns gegenseitig belehren (natürlich mit Liebe) und Gott loben mit Liedern und Gebeten. Das alles klingt, als ob hier nicht die Rede von Familie, sondern Kirche ist. Beides stimmt. Die Familie ist nämlich eine Hauskirche, eine Zelle des Leibes Christi. Diese geistige Dimension von Familie dürfen wir nicht vergessen. Deshalb ist das gemeinsame Gebet analog zur Leiturgia zu betrachten, die gegenseitige Ermahnung analog zur Martyria und das gegenseitige Lieben und Verzeihen analog zur Diakonia. Diese drei wiederum sind die kirchlichen Grundvollzüge. Und so wie alles in der Kirche im Namen Jesu geschehen soll, gilt es für das Familienleben.
Es schließt sich dann eine „Haustafel“ an, das heißt eine Erklärung, wie die Mitglieder des Hauses zueinander stehen sollen. Auch dies ist analog zur Hierarchie der Kirche zu verstehen: Frauen sollen sich ihren Männern unterordnen, die Männer sollen das aber nicht missbrauchen, sondern ihre Frauen lieben. Sie sollen auch die Kinder nicht einschüchtern, obwohl die Kinder den Eltern gehorchen sollen. Das ist die christliche Ordnung der Familie. Leben wir so, haben wir Segen und den Frieden Christi. Das Haupt der Kirche ist Christus, der vor seinem Heimgehen zum Vater Apostel bevollmächtigt hat, an seiner Statt die Rolle des Hauptes einzunehmen. Die Frau ist die Kirche, die Kinder gebärt, sie erzieht und nährt. Der Priester soll seine Frau, die Kirche lieben und nicht über sie herrschen. Die Kirche soll sich dem Mann, dem Priester in persona Christi unterordnen. Die Kinder, die geboren werden, die Täuflinge, diejenigen, die noch im Begriff sind, in die volle Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen zu werden, sollen der Kirche gehorchen, das heißt die Gebote Gottes und Voraussetzungen für den sakramentalen Empfang erfüllen. Sie sollen auch dem Priester gehorsam sein und auf ihn hören. Das hat aber nichts mit Machtgefüge zu tun, weil diese Art von Unterordnung und Hauptsein Christus zum Zentrum hat. Wo dieser aus der Mitte entfernt wird – sowohl in der Kirche als auch in der Familie – gerät diese Hierarchie aus den Fugen. Dann kommt Missbrauch, Hass und Gewalt hinein. Und diejenigen, die am meisten darunter leiden, sind die Kinder – sowohl in der Familie als auch in der Kirche.

Lk 2
22 Als sich für sie die Tage der vom Gesetz des Mose vorgeschriebenen Reinigung erfüllt hatten, brachten sie das Kind nach Jerusalem hinauf, um es dem Herrn darzustellen, 

23 wie im Gesetz des Herrn geschrieben ist: Jede männliche Erstgeburt soll dem Herrn heilig genannt werden. 
24 Auch wollten sie ihr Opfer darbringen, wie es das Gesetz des Herrn vorschreibt: ein Paar Turteltauben oder zwei junge Tauben. 
25 Und siehe, in Jerusalem lebte ein Mann namens Simeon. Dieser Mann war gerecht und fromm und wartete auf den Trost Israels und der Heilige Geist ruhte auf ihm. 
26 Vom Heiligen Geist war ihm offenbart worden, er werde den Tod nicht schauen, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe. 
27 Er wurde vom Geist in den Tempel geführt; und als die Eltern das Kind Jesus hereinbrachten, um mit ihm zu tun, was nach dem Gesetz üblich war, 
28 nahm Simeon das Kind in seine Arme und pries Gott mit den Worten: 
29 Nun lässt du, Herr, deinen Knecht, wie du gesagt hast, in Frieden scheiden. 
30 Denn meine Augen haben das Heil gesehen, 
31 das du vor allen Völkern bereitet hast, 
32 ein Licht, das die Heiden erleuchtet, und Herrlichkeit für dein Volk Israel. 
33 Sein Vater und seine Mutter staunten über die Worte, die über Jesus gesagt wurden. 
34 Und Simeon segnete sie und sagte zu Maria, der Mutter Jesu: Siehe, dieser ist dazu bestimmt, dass in Israel viele zu Fall kommen und aufgerichtet werden, und er wird ein Zeichen sein, dem widersprochen wird, – 
35 und deine Seele wird ein Schwert durchdringen. So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden. 
36 Damals lebte auch Hanna, eine Prophetin, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; 
37 nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. 
38 Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. 
39 Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück.
40 Das Kind wuchs heran und wurde stark, erfüllt mit Weisheit und Gottes Gnade ruhte auf ihm.

Im Evangelium hören wir nun von einer Besonderheit, die die Heilige Familie betrifft: Sie erledigt zwei wichtige jüdische Gesetze: Erstens soll jeder erstgeborene Sohn und jedes erstgeborene Vieh, jede Erstlingsfrucht immer Gott zurückgegeben werden (Ex 13,2.12). Es soll als Zeichen der Dankbarkeit dem zurückgegeben werden, der es einem geschenkt hat. Den erstgeborenen Sohn kann man aber nicht darbringen wie das Vieh, denn Kinderopfer sind strengstens verboten. So wird stellvertretend für die Söhne ein Tier geopfert. Wer es sich leisten konnte, opferte ein Lamm, ärmere Familien opferten ein Paar Tauben. Maria und Josef waren nicht so reich, also brachten sie zwei Tauben dar. Das ist kein Zufall. Wir erkennen hier schon einen Verknüpfungspunkt mit der Taufe, wo auch eine Taube eine Rolle spielt! Und auch die Taufe ist ein Moment der Heiligung. „Taube“ und „Heiligung“ sind zusammenzubringen, weil der Hl. Geist die Heiligung bewirkt. Jesus gehört Gott und soll deshalb geopfert werden. Das ist schon ein Vor-Zeichen dessen, was wirklich passieren wird: Er wird im Gegensatz zu allen anderen Erstgeborenen nicht verschont, sondern wirklich geopfert – am Kreuz von Golgota.
Das zweite Gesetz ist die Reinigung Mariens nach der Geburt ihres Sohnes. Es meint keine hygienische Reinigung, sondern eine kultische. Das Gesetz bezieht sich auf Lev 12, wo die Wiedereingliederung der Frau in den Kult nach 40 Tagen geschehen soll. Diese Zahl hat eine tiefere Bedeutung, denn wie die Sintflut ohne Pause 40 Tage lang Regen auf die Erde fallen ließ, so muss auch Maria, die Arche des Neuen Bundes diese 40 Tage sühnen „wegen des vergossenen Blutes“ (Lev 12,5). Die Verbindung zur Sintflut wird dadurch hergestellt, dass laut Levitikus die Wiedereingliederung durch ein einjähriges Schaf oder durch ein Paar Tauben für Brand- und Sündopfer vollzogen wird. Auch bei der Sintflut kennzeichnet die Taube einen Neubeginn.
Maria wird gereinigt – es erfüllt sich die Verheißung aus dem Buch Maleachi. Sie trägt in sich das Blut der Stämme Juda und Levi. Sie ist biologisch gesehen priesterlich und königlich. Sie wird gereinigt, damit ihr Opfer Gott gefalle.
Danach wird von Simeon berichtet, der ein frommer Mann aus Jerusalem ist. Er lebte in einer intensiven messianischen Erwartung. Vom Hl. Geist erfüllt wird er in den Tempel geführt. Da, wo heilsgeschichtliche Knotenpunkte im Leben Jesu sind, ist immer der Hl. Geist im Spiel!
Simeon begegnet diesem Messias endlich, den er so viele Jahre ersehnt hat. In ihm erfüllt sich nun, was in Maleachi vorausgesagt worden ist: Der, den er gesucht hat, den er herbeigewünscht hat, ist endlich da. Er sieht ihn mit eigenen Augen so kurz vor seinem Tod. Es ist ein kleines Baby. Er nimmt es auf den Arm. Er berührt Gott selbst! Wie überwältigend muss es für diesen alten Mann sein, Gott in seinen Armen zu halten! Gottes Geist hat ihm zuvor schon verheißen, dass er ihm noch vor seinem Tod begegnen würde.
Sein Lobpreis beeindruckt die Eltern Jesu sehr. „Nun lässt du Herr, deinen Knecht in Frieden scheiden“. Er kann nun in Ruhe sterben, weil sein Lebenstraum in Erfüllung gegangen ist. Es ist nicht einfach Geschwärme, sondern ein Bezeugen des Messias. Nun kann er in Ruhe sterben, weil er weiß, dass sein Volk Israel endlich erlöst werden wird.
„Denn meine Augen haben das Heil gesehen“, ja er hat Jesus wirklich geschaut, dessen Name „Jahwe ist Heil“ bedeutet. Sein Gebet ist eine Zusammenstellung verschiedener alttestamentlicher Verheißungen. Das ist ein typisches Kennzeichen für den Hl. Geist. Durch ihn wird man an die Verheißungen erinnert und zählt eins und eins zusammen. Es geht einem auf, was sich davon in dem Moment erfüllt. So ist es auch mit dem Magnificat, bei dem Maria verschiedene Schriftzitate neu zusammensetzt. Es ist auch dort der Geist Gottes, der dies in ihr bewirkt.
Simeon zitiert Jes 40,5 nach dem griechischen AT mit dem Sehen des Heiles. Und das Heil, das Gott „vor allen Völkern bereitet“ hat, ist ein Zitat aus Jes 52,10. Wir merken hier wieder die Betonung von Jesaja, dem am meisten messianischen Text des AT.
Auch gerade die Kombination von „Licht, das die Heiden erleuchtet“ und „Herrlichkeit für dein Volk Israel“ ist eine Zusammenstellung jesajanischer Schriftstellen (Jes 42,6; 46,13). Jesus ist gekommen, um einen Bund zu schließen gleichermaßen mit Juden und Heiden.
Simeon verheißt den Eltern Jesu die Bedeutung dieses Kindes: An ihm werden sich die Geister scheiden, denn viele werden durch ihn zu Fall kommen – nicht weil er dies aktiv tun wird, sondern weil sie ihn ablehnen werden. Aufgerichtet werden dagegen jene, die ihn annehmen werden. Die Aufrichtung ist ein Verb, das auf einen Bundesschluss hinweist. Die ihn annehmen, wir Getauften, sind mit Gott den Neuen Bund eingegangen.
Er ist auch zum Zeichen geworden, dem widersprochen wird: damals zu seinen Lebzeiten, im Nachgang auch als Zeichen des Kreuzes. In der Antike und bis heute lassen Christen ihr Leben für das Zeichen des Kreuzes.
Simeon hat auch eine Leidensankündigung für Maria bereit. Sie wird ein Schwert durchdringen. Es gibt wohl kaum etwas Schlimmeres für eine Mutter, als den Tod ihres eigenen Kindes mitanzusehen. Und dann wird ihr Sohn den schandvollsten Tod erleiden, er wird hingerichtet werden und muss viele Folterungen über sich ergehen lassen – als Unschuldiger. Und auch wenn sie dieses Schwert durchdringen wird, sie wird es annehmen und mit ihrem Sohn mitleiden. Sie wird es aushalten und bis zum letzten Atemzug ihres Sohnes unter seinem Kreuz stehen. Auch ihr Leiden wird etwas bewirken – nämlich die Offenlegung vieler Gedanken der Menschen. Auch an Maria werden sich die Geister scheiden – bis heute. Sie wird zum Maßstab der Rechtgläubigkeit, denn kein einziger Mensch kennt Jesus besser als sie. Wer Jesus mit ihren Augen sieht, sieht den echten Jesus, keinen ideologischen, zugeschnittenen Wunschjesus.
Wir hören im heutigen Evangelium auch von Hanna, einer Prophetin, die dem Tempel viele Jahrzehnte lang gedient hat, da sie früh verwitwet wurde. Sie betet und fastet im Tempel. Sie tut dies stellvertretend für ihr Volk. Sie bezeugt das Kind ebenfalls und erzählt allen Menschen seine heilsgeschichtliche Bedeutung.
Einerseits sehen wir in Simeon und Hanna die Vertreter der Großelterngeneration. Mit ihnen können sich bis heute alle Großeltern identifizieren. Auch sie können im hohen Alter noch eine wichtige Berufung haben und sich einbringen. Wir gedenken an diesem Fest also auch der Großelterngeneration. Auch diese haben eine ganz klare Berufung in der irdischen Familie und müssen nicht davon ausgehen, dass sie in ihrem Alter nichts mehr bewirken können.
Die zwei Gestalten verkörpern das Alte Israel, den Alten Bund. Sie stehen für das Volk Israel, das voller Sehnsucht auf den Messias wartet. Sie haben in steter Erwartung ihr Leben gelebt, um letztendlich an diesem Tag mit bereitem Herzen Jesus zu begegnen. Sie haben die Tore ihrer Seele geöffnet, dass Jesus in ihre Seelen einziehen kann. Es ist die Berührung der beiden Bünde, ein Übergang vom Alten zum Neuen Bund, der aber erst am Kreuz vollendet wird.
Wir hören dann davon, dass die Familie nach Nazaret zurückkehrt und Jesus im Geist Gottes heranwächst. Er wird stark und erfüllt mit Weisheit. Er ist bereits der Sohn Gottes, lebt aber ein Leben im Verborgenen, bis seine Stunde kommen wird (Joh 2).

Was wir in den Texten des heutigen Sonntags bedacht haben, ist das Ideal der christlichen Familie. Unser großes Vorbild ist die Heilige Familie, bei der vieles anders ist als bei uns: Christus ist zugleich der Sohn Gottes und sie sind nicht nur seine Eltern, sondern auch seine Jünger. Weil Christus wahrer Gott und wahrer Mensch ist, kommt diese wichtige Komponente hinzu, die die Eltern besonders bei der Suche Jesu realisieren werden – wenn sie ihn voller Sorge suchen und im Tempel von Jerusalem finden. Er muss sein, wo sein Vater ist. Das spricht der Zwölfjährige als Gott. Und danach ist er den menschlichen Eltern gehorsam, er, der allmächtige Gott! Wenn Christus schon seinen Eltern gehorsam war, der der Messias ist, umso wie viel mehr gilt diese Berufung für uns. Wir haben Segen und Frieden, wenn wir unsere Eltern ehren, auch im Erwachsenenalter. Der Böse weiß ganz genau, wie wichtig die Familie ist. Sie ist alles, von ihr geht der Frieden oder der Krieg aus, der glückliche und gesunde Mensch oder der zutiefst verletzte und kranke Mensch. Deshalb greift er die Familie an. Bitten wir Gott für unsere Zeit um Schutz der Familien und nehmen wir stets die Heilige Familie als Vorbild.

Jesus, Maria und Josef, ich liebe euch, rettet Seelen!

Ihre Magstrauss

Zweiter Weihnachtstag (Stephanus, erster Märtyrer)

Apg 6,8-10; 7,54-60; Ps 31,3b-4.6.8.16-17; Mt 10,17-22

Apg 6
8 Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk. 
9 Doch einige von der sogenannten Synagoge der Libertiner und Kyrenäer und Alexandriner und Leute aus Kilikien und der Provinz Asien erhoben sich, um mit Stephanus zu streiten; 
10 aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen.  54 Als sie das hörten, waren sie in ihren Herzen aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen gegen ihn. 
55 Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen 
56 und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. 
57 Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten einmütig auf ihn los,
58 trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. 
59 So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! 
60 Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.

Heute am zweiten Weihnachtstag hören wir von dem ersten Märtyrer, von Stephanus, der für Jesus gestorben ist.
Dieser Mensch war „voll Gnade und Kraft“, war also mit übernatürlichen Gaben ausgestattet bei allem, was er tat. Er erwirkte mit der Kraft Jesu Christi die ganzen Wundertaten, ganz wie Jesus angekündigt hatte: „In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.“ (Mk 16,17f.).
Es gab aber Juden aus dem synagogalen Kontext, die etwas gegen ihn hatten. In der Einheitsübersetzung wird das Verb συζητέω syzeteo  mit „streiten“ übersetzt. Wörtlich heißt es aber eher „suchen“ oder „untersuchen“. Sie wollen ihn prüfen. Es ist freilich so etwas wie eine Debatte, denn die genannten Juden können seiner Weisheit, die die göttliche ist, nicht widerstehen. Das an dieser Stelle verwendete Verb ἀνθίστημι anthistemi heißt „widerstehen“ im Sinne von Abwehr, Verteidigung im Krieg. Anhand dieser Situation sehen wir, was mit dem Bild des zweischneidigen Schwertes in Hebr und Offb gemeint ist: Das Wort Gottes ist die größte Waffe, mit der man die Menschen besiegen kann.
Die Niederlage macht die Feinde des Stephanus wütend, sodass das Folgende sie noch mehr provoziert: Stephanus sieht eine Vision, als er in den Himmel schaut: Er sah Gottes Herrlichkeit und vor allem, was die Juden am meisten provoziert haben wird, Jesus zur Rechten Gottes sitzen. Warum aber schenkt Gott ihm in dem Moment so eine Vision? Das ist sehr wichtig und wiederum ein Zeichen der überragenden Pädagogik Gottes: Er tut es für die Juden, die gegen Stephanus sind. Als fromme Juden war ihnen bekannt, dass durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares der Himmel für alle Menschen geschlossen war. Sie glaubten an die Erlösung von diesem Bann durch einen angekündigten Messias. Nun gibt Gott ihnen die Chance, anhand der Vision des Stephanus zu erkennen, dass der Himmel eben nicht mehr geschlossen ist! Jesus, den sie nicht als Messias anerkennen wollten, hat den Zugang zum Vater wieder eröffnet und sitzt ihm zur Rechten. Der Himmel steht offen, das heißt, Jesus IST der Messias, auf den die Juden so lange gewartet haben!
Sie haben die „Zeit der Gnade nicht erkannt“ (Lk 19,44). Die Vision bringt statt Erkenntnis das Fass zum Überlaufen und die Juden steinigen Stephanus. Wir müssen uns dies weniger als affektiven, pogromartigen Übergriff vorstellen, sondern eher als Befolgung des mosaischen Gesetzes. Auf Blasphemie (Gotteslästerung) steht die Todesstrafe. Wir lesen ähnliche Situationen in den Evangelien, in denen Jesus fast gesteinigt worden ist, nachdem er z.B. die vorgelesene Jesajalesung auf sich bezogen hat.
Wir lesen heute schon davon, dass die Tat von einem besonders frommen Juden angeführt worden ist und dem die anderen deshalb die Kleider zu Füßen gelegt haben – Saulus. Es handelt sich um den Pharisäer Paulus, der bei dem berühmten Gamaliel ausgebildet worden war und nach gnadenloser Verfolgung von Christen vor Damaskus eine Bekehrung erleben wird.
Die heroische Kraft, die Stephanus in dem Moment seines Todes aufbringt und Märtyrer ausmacht, ist erstens sein absolutes Gottvertrauen („Herr Jesus, nimm meinen Geist auf“) und seine Vergebungsbereitschaft. Er betet noch im Moment seiner Exekution für seine Henker („Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an.“). Er ist wirklich zum Zeugen für Jesus Christus geworden, weil er ihm in allem nachgefolgt ist, auch in den Tod.
Wir könnten uns fragen: Was hat das mit Weihnachten zu tun? Warum müssen wir das unbedingt am zweiten Weihnachtstag hören? Das hat absolut mit Weihnachten zu tun und wir sollten uns mit dem Gedanken anfreunden, dass dieses große Fest eben nichts Glamouröses und Kuscheliges an sich hat. Jesus ist in einem stinkenden kultisch unrein machenden Stall geboren. Seine ersten Gäste waren die Hirten, gesellschaftlich ganz Randständige. Von Anfang an war Jesu Leben bedroht und die Hl. Familie musste nach Ägypten fliehen. Wir wissen auch, dass Jesus geboren worden ist, um zu sterben. Den qualvollsten und schändlichsten Tod, den es gab. An Stephanus sehen wir die Konsequenz von Weihnachten auch für uns. Auch unser Leben ist von Anfang an bedroht, nämlich unser ewiges Leben. Wenn wir Jesus nachfolgen, müssen wir mit all jenen Konsequenzen rechnen, die auch in seinem Leben gegolten haben.
Die christliche „Radikalität“, also die Konsequenz der Weihnachtsbotschaft und des Christseins ist eben nicht die Macht über andere, sondern die Ohnmacht der Liebe. Sie geht so weit, sich kreuzigen zu lassen. Im Gegensatz zu anderen „fanatischen“ Religionen tötet der Christ nicht, sondern er wird getötet. Überall, wo es anders ausgegangen ist, wurde der christliche Glaube missbraucht.

Ps 31
3 Sei mir ein schützender Fels, ein festes Haus, mich zu retten!
4 Denn du bist mein Fels und meine Festung; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten. 
6 In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue.  
8 Ich will jubeln und deiner Huld mich freuen; denn du hast mein Elend angesehn, du kanntest die Ängste meiner Seele. 
16 In deiner Hand steht meine Zeit; entreiß mich der Hand meiner Feinde und Verfolger! 
17 Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht, hilf mir in deiner Huld! 

Passend zu diesem heutigen ersten Märtyrer-Fest beten wir einen Bittpsalm, der dann in einen Lobpreis umschwenkt.
Unser einziger wahrer Schutz ist beim Herrn. Er ist unser Fels, der uns rettet. König David bittet um diesen Schutz, ebenso wird Stephanus gebetet haben und so beten auch wir.
„In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist“ war eines der letzten Worte des ersten Märtyrers. Er hatte dieses starke Gottvertrauen, das auch schon David ausgemacht hat.
Und so ist Stephanus direkt zum Herrn gekommen, dessen Herrlichkeit er in der Vision schon gesehen hatte. Nun kann er im Angesicht Gottes jubeln und dessen Huld sich freuen. Gott hat ihn für seine heldenhafte Tat belohnt. Nun darf Stephanus auf ewig bei Gott sein.
Auch „in deiner Hand steht meine Zeit“ drückt diese Geborgenheit und das Vertrauen aus, das wir ausdrücken, wenn wir diesen Psalm beten.
Gott ist der einzige, der uns unseren Feinden entreißen kann. Er hat es bei Stephanus getan, der verfolgt worden ist für den Glauben an Jesus Christus. Auch uns wird der Herr erretten von unseren Feinden. Wir haben keine Garantie, dass er unser irdisches Leben bewahren wird. Oft wird uns ja gerade dieses genommen. Unseren Glauben und unser ewiges Leben kann aber kein Feind entreißen. Und wenn wir um Jesu willen umgebracht werden, kommen wir direkt zu ihm.
Beten wir diesen Psalm immer wieder, wenn wir in Not sind, vor allem in seelischer Not! Gott wird uns unserem wahren Feind entreißen: Dem Satan, der unsere Seele von Gott wegführen und uns den ewigen Tod, die Hölle bescheren will.

Mt 10
17 Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch an die Gerichte ausliefern und in ihren Synagogen auspeitschen. 
18 Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und den Heiden zum Zeugnis. 
19 Wenn sie euch aber ausliefern, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. 
20 Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.
21 Der Bruder wird den Bruder dem Tod ausliefern und der Vater das Kind und Kinder werden sich gegen die Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken.
22 Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet.

Im heutigen Evangelium hören wir, dass Jesus das Geschick des Stephanus und so vielen anderen vorhersagt. Er spricht von der Radikalität seiner Liebe – der Ohnmacht und der Passion.
Die ersten Christen, die ja auch immer noch Juden sind (es sollte ja keine neue Religion werden), werden von den anderen Juden bestraft und verfolgt werden – nämlich jenen, die Jesus als Messias nicht anerkennen.
Jesus kündigt diese schlimmen Verfolgungen nicht einfach nur schonungslos an, sondern gibt seinen Jüngern auch zu verstehen, dass Gott sie nicht alleine lassen wird.
Er lädt die Jünger dazu ein, Vertrauen zu haben und sich vom Geist leiten zu lassen. Dieser wird ihnen eingeben, was sie vor Gericht sagen sollen.
Das besonders Drastische, was Jesus ankündigt, ist die Auslieferung von eigenen Familienmitgliedern. Da, wo vor allem einzelne Personen sich bekehren, die Ehepartner, Kinder oder Eltern aber nicht, wird dies vorprogrammiert sein. „Dem Tod ausliefern“ könnte durchaus die direkte Steinigung durch das Familienmitglied andeuten. Bei Stephanus bewahrheitet sich dies ja. Er wird direkt in den Tod geschickt – und direkt in den Himmel zu Gott!
Aber das Sterben für Gott wird nicht negativ dargestellt. Jesus sagt, wir werden gerettet, wenn wir standhaft bleiben trotz der Widerstände. Das bezieht sich nicht auf das irdische, sondern auf das ewige Leben. Es ist also sogar besser, für den Glauben zu sterben, um dafür das ewige Leben bei Gott zu sichern. Wo wir Gott nämlich abschwören, um unsere leibliche Unversehrtheit zu erhalten, verlieren wir unsere Seele. Wir sind dann nicht besser als Judas oder Petrus. Aber auch dann wäre es nicht zu spät. Petrus hat es bereut und wurde sogar mit dem Papstamt betraut („Weide meine Lämmer“).
Wir werden von allen gehasst werden. Das sehen wir ja in heutiger Zeit besonders. Die Christen haben ein sehr schlechtes Image in unserer Gesellschaft und erfahren wenige Solidarität oder Mitgefühl in einer Zeit, in der es die heftigste Christenverfolgung aller Zeiten gibt. Wir müssen uns nicht wundern und doch sollen wir auch jetzt standhaft bleiben.

Beten wir heute besonders auf die Fürsprache des Hl. Stephanus, dass Gott uns in Zeiten der Bedrängnis auch mit einem heldenhaften Mut beschenkt und wir zu ihm stehen können. Sind wir ihm in den kleinen Dingen treu, damit wir es auch in den großen sein können! Das ist schließlich die letzte Konsequenz von Weihnachten.

Ihre Magstrauss

Hochfest der Geburt des Herrn (am Tag)

Jes 52,7-10; Ps 98,1-6; Hebr 1,1-6; Joh 1,1-18

Liebe Freunde,
ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten!

Jes 52
7 Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König. 
8 Horch, deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln. Denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der HERR nach Zion zurückkehrt. 
9 Brecht in Jubel aus, jauchzt zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der HERR hat sein Volk getröstet, er hat Jerusalem erlöst. 
10 Der HERR hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Nationen entblößt und alle Enden der Erde werden das Heil unseres Gottes sehen.

Wir hören heute aus einem Kapitel in Jesaja, dessen Inhalt historisch gesehen in den Kontext der babylonischen Gefangenschaft einzuordnen ist. Diese stellte für die Israeliten ein regelrechtes Trauma dar. Der Tempel war zerstört. Sie konnten Gott nicht mehr opfern und seine Herrlichkeit hatte auf Erden ihren Platz verloren. Doch nun ist das Ende des Leids gekommen.
„Die Schritte des Freudenboten“ sind all die Jahrzehnte des Exils ersehnt worden. Dies haben die Juden damals zunächst auf ihre konkret historische Situation bezogen. Sie haben die Freudenbotschaft ersehnt, endlich aus dem Exil zurückkehren zu dürfen. Dies war für sie zunächst ihr „Evangelium“. Wir ersehnen die Freudenbotschaft heute, aus dem Exil der Erbsünde heraustreten zu können und in die Heimat, in den Schoß der Kirche eintreten zu dürfen durch die Taufe. Jeder Einzelne ersehnt die Befreiung aus dem Exil der Sünde und das Eintreten in den Stand der Gnade durch die Beichte.
Wenn es heißt, dass die eigenen Wächter die Rückkehr Gottes nach Jerusalem sehen werden, ist das die Verheißung, dass Gottes Herrlichkeit in den neu erbauten Tempel wieder einziehen wird.
Dies ist Grund zur absoluten Freude. Deshalb erklingt auch durch Jesaja der Aufruf zum Lobpreis der „Trümmer Jerusalems“. Der HERR hat das Volk getröstet und erlöst.
„Vor den Nationen“ hat Gott die Heilstat vollbracht, sein auserwähltes Volk wieder zurück nach Jerusalem zu bringen. Das bedeutet, dass auch die Nichtjuden so wie damals beim Auszug aus Ägypten den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs anerkennen. Alle Enden der Erde schauen Gottes Heil. Wir lesen das überzeitlich und viel umfassender als auf das Exil beschränkt. Alle Enden der Erde werden das Heil erhalten, da Christus sich für alle Menschen opfern wird. Er wird nicht nur aus einer bestimmten Situation und nur bestimmte Menschen, sondern alle Menschen ein für alle Mal erlösen! Dies beginnt mit seiner Menschwerdung im Stall von Bethlehem und dies wird sich am Ende der Zeiten vollenden, wenn er in Herrlichkeit zurückkehren wird. Die frohe Botschaft, die ein Freudenbote bringt, seine Schritte auf den Bergen, all das erinnert uns an die Engel, die im gebirgigen Judäa zu den Hirten kommen, um die endgültige frohe Botschaft, das Evangelium zu verkünden – Gott ist Mensch geworden. Als Zeichen dient ein Kind in Windeln gewickelt in einer Krippe. Gott ist gekommen als davidischer König (Jes 52,7).
Diese Wächter, nämlich die Wächter der Schafe, sehen mit eigenen Augen die Herrlichkeit Gottes, der auf die Erde gekommen ist. Es ist noch nicht der Zion. Dies wird sich erst im Laufe seines Lebens erfüllen. Womöglich kann man die Wächteraussage auch auf Simeon und Hanna beziehen. Simeon betet ja schließlich, als Jesu Eltern das Kind in den Tempel auf dem Zionsberg bringen: Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast.
Dies ist ein Grund zur Freude und zum Lobpreis. Deshalb lesen wir in der Weihnachtsgeschichte von dem Engelschor, der das Gloria anstimmt.

Ps 98
1 Ein Psalm. Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht! Geholfen hat ihm seine Rechte und sein heiliger Arm. 
2 Der HERR hat sein Heil bekannt gemacht und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker. 

3 Er gedachte seiner Huld und seiner Treue zum Haus Israel. Alle Enden der Erde sahen das Heil unsres Gottes. 
4 Jauchzet dem HERRN, alle Lande, freut euch, jubelt und singt! 
5 Spielt dem HERRN auf der Leier, auf der Leier zu lautem Gesang! 
6 Mit Trompeten und lautem Widderhorn jauchzt vor dem HERRN, dem König!

Auch der Psalm ist ein Lob und Dank auf den HERRN, der Israel immer wieder gerettet hat. Gott hat wunderbare Taten vollbracht. Diese sind alles andere als selbstverständlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so gut ausgehen würde, z.B. mit dem Exodus und später mit der Heimführung aus dem Exil, war absolut gering. Deshalb erkennen auch die Völker, die hier genannt werden, den Gott Israels an (הַ֝גֹּויִם hagojim „die Völker“ meint im Hebräischen die nichtjüdischen Völker, es steht dann immer ἔθνη im griechischen AT und NT).
Was wir bereits bei Jesaja gelesen haben, steht auch im Psalm: „Alle Enden der Erde sahen das Heil unseres Gottes.“ Dies können wir bezogen auf die Weihnachtsgeschichte auch gerade mit Blick auf die Magoi aus dem Morgenland nachvollziehen. Diese kommen von den Enden der Erde und stehen schon am Anfang des Lebens Jesu für die „Völker“, die Nichtjuden, die von weit her gekommen sind, um das Heil zu schauen – Jesus („Jahwe rettet“).
Auch im Psalm geht die frohe Botschaft in einen Lobpreis über. Das ist unsere einzige angemessene Reaktion auf die Heilstaten Gottes.

Hebr 1
1 Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; 
2 am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben von allem eingesetzt, durch den er auch die Welt erschaffen hat; 
3 er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt; 
4 er ist umso viel erhabener geworden als die Engel, wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt.
5 Denn zu welchem Engel hat er jemals gesagt: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt, und weiter: Ich will für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein? 
6 Wenn er aber den Erstgeborenen wieder in die Welt einführt, sagt er: Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.

Im Hebräerbrief wird dieser Höhepunkt der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen reflektiert. Gott hat sich im Laufe dieser Geschichte immer wieder offenbart – ob am Dornbusch, am Sinai oder wo auch immer. Er hat vor allem Propheten berufen, dem Volk Israel seinen Willen zu vermitteln.
Und nun spricht Gott nicht mehr durch Propheten, sondern durch seinen eigenen Sohn. Hier wird sogar gesagt „am Ende dieser Tage“. Die Heilsgeschichte erreicht den Höhepunkt zum Ende hin. Das heißt, Gott hat sich etwas dabei gedacht, nicht sofort am Anfang der Menschheitsgeschichte selbst auf die Erde zu kommen.
Dieser Sohn Gottes, Jesus Christus, wird als Schöpfungsmittler bezeichnet („durch den er auch die Welt erschaffen hat“). Er hat ihn zum Erben eingesetzt, was sich auf die neue Schöpfung bezieht, auf das Reich Gottes. Jesus markiert den Anfang.
Jesu Natur wird weiterhin reflektiert: Er ist der Abglanz der Herrlichkeit und Abbild des Wesens Gottes. Jesus selbst hat gesagt: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“
Jesus trägt das All durch eben jenes machtvolle Wort, das immer wieder ausgesprochen die Vergebung der Sünden, die Heilung von Krankheiten und die Befreiung von Dämonen bewirkt hat („Ich will es, werde rein“, „Deine Sünden sind dir vergeben“ etc.). Dieses Wort, das hier im Hebr und auch in der Offb bildlich als zweischneidiges Schwert verstanden wird, ist Jesus selbst, durch das Gott die Welt geschaffen hat. Es heißt im Schöpfungsbericht immer wieder „und Gott sprach“. Jesus als Wort Gottes wird auch im sich anschließenden Johannesevangelium zum Kern des heutigen Tages.
Jesus hat sehr oft die Sünden vergeben. Das kann nur Gott und deshalb nahmen viele Menschen Anstoß an ihm. Sie haben nicht erkannt, dass er Gott ist und deshalb die Vollmacht zur Sündenvergebung hat.
Er ist jetzt zur Rechten des Vaters, nachdem er in den Himmel aufgefahren ist.
Dort ist er ungleich viel höher als alle Engel. Er ist der Sohn Gottes. Das ist nur er. Er ist gezeugt, nicht geschaffen wie die Engel.
Jesus wird wiederkommen auf die Erde. Wir erwarten seine Wiederkunft und stehen deshalb als Kirche in einem zweiten Advent. Alle Engel werden sich vor Christus niederwerfen, so wie wir uns vor ihm niederwerfen werden. Schon beim ersten Kommen als kleines Kind im Stall haben sich die Zeugen seiner Menschwerdung niedergeworfen und ihn angebetet, der er Gott ist.

Joh 1
1 Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.
2 Dieses war im Anfang bei Gott. 
3 Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. 
4 In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. 
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.
6 Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes. 
7 Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. 
8 Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. 
9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 
10 Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 
11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 
12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 
13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 
15 Johannes legt Zeugnis für ihn ab und ruft: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. 
16 Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. 
17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. 
18 Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

Heute hören wir als Evangelium den einleitenden hymnenartigen Gesang des Johannesevangeliums.
Dabei hören wir von der „Vorgeschichte“ des menschgewordenen Gottes, nämlich seine Präexistenz bei Gott.
Nicht umsonst beginnt das Evangelium auf dieselbe Weise wie der Schöpfungsbericht in der Genesis. Jesus, das ewige Wort des Vaters, war „im Anfang“, das heißt in Gott, der der Anfang ist. Jesus Christus ist nicht erst geworden mit seiner menschlichen Geburt, sondern ist bereits gezeugt vor aller Zeit.
Es wird auch gesagt, dass Jesus als Schöpfungsmittler an der Schöpfung mitgewirkt hat („alles ist durch das Wort geworden“).
Wenn über das Wort ausgesagt wird, dass in ihm Leben ist, dann bestätigt sich, dass Jesus Gott ist. Dieser ist nämlich ein Gott des Lebens. Als dieser ist er den Menschen Licht, nämlich Hoffnung.
Auf dieses Hoffnung spendende Licht bezieht sich auch Jesaja, wenn er prophezeit: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht.“ Gottes wunderbare Vorsehung hat Jesus zu einer ganz bestimmten Zeit Mensch werden lassen, in der die Menschen in besonders großer Dunkelheit waren. Er schien ihnen sein Leben hindurch, doch die Menschen nahmen es nicht an. Jesus ist gekreuzigt worden. Sein Leiden wird an diesem heutigen ersten Weihnachtstag schon mitgesagt. Das ist der Grund, weshalb er Mensch geworden ist. Und doch konnte die Finsternis das Licht nicht auslöschen. Jesus ist von den Toten auferstanden und hat somit den Tod überwunden! Auch Ostern wird heute schon mitgesagt.
Wir, die wir Jesu Erlösung angenommen haben und getauft worden sind, sind zu Kindern Gottes geworden, zu Erben in seinem Reich. Diese Taufe ist eine Geburt aus dem Geist, nicht aus dem Fleisch, wie Johannes es hier formuliert.
Und das Wort ist Fleisch geworden – das ist heute. Es hat unter uns gewohnt – 33 Jahre lang in Gestalt des Menschen und bis heute in Gestalt der eucharistischen Gaben. Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, insbesondere die drei Apostel, die mit ihm auf dem Berg Tabor waren. Seine Herrlichkeit ist auch all denen offenbart worden, die Zeugen seiner Auferstehung geworden sind. Wir alle sehen seine Herrlichkeit in jeder Hl. Messe, in jeder guten Tat und am Ende der Zeiten die Fülle des verherrlichten Menschensohnes.
Johannes der Täufer ist der größte Zeuge seiner Herrlichkeit geworden, sogar noch vor seiner Geburt im Mutterleib Elisabets. Johannes der Evangelist schreibt hier, dass auch wenn Johannes der Täufer irdisch gesehen vor Jesus „war“, also geboren wurde, ist Jesus ihm voraus. Dieser hat nämlich keinen Anfang, sondern war im Anfang, der Gott ist. Jesus wird seine Präexistenz immer wieder aussagen. Z.B. sagt er einmal: „Ehe Abraham war, bin ich“ (Joh 8,58). Jesus IST, gestern, heute und in Ewigkeit.
Jesus bringt uns Gnade über Gnade. Alles haben wir dem Herrn zu verdanken. Er steht auch höher als Mose, der zwar das Gesetz gebracht hat, Jesus aber dieses mit Leben gefüllt hat, mit Gnade und Wahrheit, die er selbst ist.
Jesus ist aus dem Himmel zu uns gekommen. Deshalb ist er auch der einzige Mensch, der Gott je gesehen hat. Gott ist Geist und wir alle werden ihn erst sehen, wie er ist, wenn wir sterben. Der Kern der ganzen Verkündigung Jesu ist, uns den Vater zu zeigen. Dafür wird er heute Mensch. Gott liebt uns so sehr und will uns sein „Herz“ zeigen, seinen „Augapfel“, sein ein und alles, seinen Sohn.

Danken wir Gott für die Gnade über Gnade. Freuen wir uns heute über diese größte Heilstat Gottes, ganz unabhängig davon, wie es uns geht, wie die heutige Welt aussieht, wie unsere Laune ist. Seine Heilstat bleibt für immer das A und O unserer Hoffnung. Sie gibt uns auf ewig den Grund, in diesem Leben durchzuhalten und standhaft zu bleiben.

Ihnen und Ihren Familien heute ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein friedliches Beisammensein!

Ihre Magstrauss

Heiligabend Christmette

Jes 9,1-6; Ps 96,1-3.11-13a; Tit 2,11-14; Lk 2,1-14

Liebe Freunde,
diese Nacht feiern wir die heilige Nacht, die Nacht, in der Gott Mensch geworden ist in einem kleinen schwachen Baby, das in Windeln gewickelt in eine Krippe gelegt worden ist. Wir feiern den Sieg Gottes über die Mächte der Finsternis, indem er sich ganz klein und hilflos gemacht hat.

Jes 9
1 Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf. 
2 Du mehrtest die Nation, schenktest ihr große Freude. Man freute sich vor deinem Angesicht, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird.
3 Denn sein drückendes Joch und den Stab auf seiner Schulter, den Stock seines Antreibers zerbrachst du wie am Tag von Midian. 
4 Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. 
5 Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. 
6 Die große Herrschaft und der Frieden sind ohne Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, es zu festigen und zu stützen durch Recht und Gerechtigkeit, von jetzt an bis in Ewigkeit. Der Eifer des HERRN der Heerscharen wird das vollbringen.

Ganz wie zu erwarten hören wir heute aus dem Buch Jesaja, dem Propheten, der wie kein anderer den Messias angekündigt hat. In der alten Einheitsübersetzung lesen wir „das Volk, das im Dunkeln lebt“. Dies bezieht sich zunächst auf das Volk Israel, das im Dunkeln ist aufgrund der Fremdvölker. Es hatte die Aussicht auf Frieden und Freiheit verloren und sah aus diesem Grund keinen Funken Hoffnung. Zu stark wurde die Bedrängnis durch die Fremdvölker. Doch es wird ihnen ein Licht in ihrer Dunkelheit verheißen: Die Juden haben dieses Licht zunächst mit einer politischen Figur in Verbindung gebracht: König Hiskija, den Sohn des Ahas. Dieser ist der Sohn, der den Juden geschenkt worden ist. Mit seiner Geburt ist eine große Freude verbunden worden, die mit der Freude über eine reiche Ernte oder Kriegsbeute verglichen wird (zwei lebensnahe Bilder der Israeliten jener Zeit). Gott greift ein, deshalb wird die Kriegsmacht der Assyrer zunichte gemacht. So bricht Gott den Stock des Antreibers bzw. das drückende Joch der Assyrer, die Israel belastet haben. Stiefel und Mantel, die hier Kriegsmetaphern darstellen, werden ein Fraß des Feuers. Der militärischen Macht der Assyrer wird ein Ende bereitet. Wenn Gott Erlösung schenkt, ist damit der Frieden verbunden.
Bis hierhin ergibt diese rein historische Leseart einen Sinn. Doch im Folgenden sehen wir, dass es darüber hinausgehen muss: Das Kind, das geboren wird, erhält die Titel „Wunderbarer Ratgeber“, „starker Gott“, „Vater in Ewigkeit“ und „Fürst des Friedens“. Die meisten sind laut jüdischem Verständnis nicht auf menschliche Herrscher anzuwenden! Hier wird mehr als nur eine politische Figur angekündigt. Es ist der Messias, der Gott ist!
Er wird das Volk Gottes befreien von der drückenden Last der Erbsünde und in die Freiheit führen. Er wird einen wahren Frieden schenken, den die Welt nicht geben kann – den österlichen Frieden, den wir in jeder Messe vor der Hl. Kommunion weitergeben. Wenn es heißt „Vater in Ewigkeit“, dann ist das kein Widerspruch: Jesus und der Vater sind eins.
„Die große Herrschaft“ ist keine weltliche oder politische. Jesus wird zu Pilatus sagen: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Das Reich Gottes ist mit ihm schon angebrochen und wird offenbar am Ende der Zeiten, wenn es die jetzige Welt gar nicht mehr geben wird. Jesus ist aber nicht nur Geist, sondern auch ganz Mensch. Er wird als Jude aus dem Stamm Juda und aus der Sippe Davids geboren. Jesus als Sohn Davids erfüllt die Verheißung aus Jesaja.

Ps 96
1 Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Lande, 
2 singt dem HERRN, preist seinen Namen! Verkündet sein Heil von Tag zu Tag!
3 Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit, bei allen Völkern von seinen Wundern! 
11 Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke, es brause das Meer und seine Fülle. 
12 Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst. Jubeln sollen alle Bäume des Waldes 
13 vor dem HERRN, denn er kommt, denn er kommt, um die Erde zu richten. 

Der heutige Psalm ist „ein neues Lied“, was heute wieder einen messianischen Psalm kennzeichnet. Es handelt sich um einen Lobespsalm, der das Heil Gottes thematisiert. Die Heilstaten Gottes sollen erzählt werden. Seine großen Wunder sind es wert, verbreitet zu werden, damit auch andere zum Glauben an ihn kommen. Die Aufforderung in Vers 3 erinnert an Jesu Missionsauftrag von Mt 28. Gott soll verkündet werden in der ganzen Welt („die Nationen“ meint immer die Heiden im AT und NT). Das größte Wunder, das Gott getan hat, ist seine eigene Menschwerdung in einer Jungfrau und seine Auferstehung von den Toten. Es ist so groß, weil dadurch Gott das universale Heil für die ganze Welt ermöglicht hat. Die ganze Schöpfung hat deshalb Grund zum Lobpreis, denn auch sie litt unter der Ursünde des Menschen.
Schon mit dem ersten Kommen hat Gott Gericht gebracht. Jesus hat sehr oft Gerichtsreden gehalten und bestimmten Personen Gerichtsworte gewidmet. Ganz prominent sind seine Weherufe im Anschluss an die Seligpreisungen und jene gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten. An Jesus haben sich schon von Anfang an die Geister geschieden und viele haben sich schon zu seinen Lebzeiten gegen ihn entschieden. Sie haben sich selbst gerichtet in seinem Angesicht. Und doch wird das Gericht Gottes vor allem am Ende der Zeiten kommen.
Gericht ist nie als Drohung zu verstehen. Gericht ist immer Erlösung und Barmherzigkeit für jene, die Gott lieben und seine Gebote halten. Gericht ist Erlösung von der Ungerechtigkeit jener, die die Gerechten unterdrücken und die Unschuldigen leiden lassen.

Tit 2
11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. 
12 Sie  erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben,
13 während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.  
14 Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse und für sich ein auserlesenes Volk schaffe, das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.

Die „Gnade Gottes“ ist Mensch geworden. Gott wollte uns retten, deshalb wurde er Mensch mit dem Namen Jesus („Jahwe rettet“).
Was wir in dieser zweiten Lesung hören, ist die Konsequenz der Erlösung Gottes. Wir sind durch seine Gnade befähigt, gut zu leben. Wir sind auch von nun an dazu berufen. Wo wir diese Potenziale nicht ausschöpfen, werden wir zur Rechenschaft gezogen!
Gott gibt uns die Gnade, uns von dem alten Leben abzusagen, das gottlos war. Er befähigt uns, gerecht und fromm zu sein. Das bedeutet, er gibt uns die Kraft, seine Gebote zu halten! Wie oft wird heutzutage behauptet, die zehn Gebote seien nicht mehr zeitgemäß und eine viel zu große Zumutung. Sie sind es nicht. Oft wollen wir uns nicht bemühen, weil es bequemer ist, sich gehen zu lassen. Und oft versuchen wir alles nur aus unserer eigenen menschlichen Kraft, die allzu schnell an ihre Grenzen gelangt. Nehmen wir die Gnadenmittel in Anspruch, die Gott uns durch Taufe und Firmung schenkt, dass wir ihm wirklich nachfolgen können! Gott gibt uns die geistige Nahrung, das Wort Gottes und die Eucharistie, die Erfrischung durch den Hl. Geist, die Reinigung durch die Beichte, die Stärkung durch die Krankensalbung und die Gemeinschaft durch die Ehe. So sind wir bestens ausgerüstet, seinen Willen zu tun und dies nicht auf uns allein gestellt!
Dass wir seine Gebote halten und uns nach unserem besten Wissen und Gewissen bemühen, ist vorübergehend. Wir sind in der Zwischenspanne zwischen Jesu Himmelfahrt und Wiederkunft am Ende der Zeiten. Die Sehnsucht nach dem zweiten Kommen Jesu ist uns Ansporn und Hoffnung, standhaft zu bleiben, gerade wenn es schwierig wird.
Jesus ist es, der sich für uns am Kreuz hingegeben hat und der uns am Ende der Zeiten und am Ende unseres Lebens von unseren Leiden erlösen wird.

Lk 2
1 Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.  
2 Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. 
3 Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. 
4 So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. 
5 Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. 
6 Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, 
7 und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. 
8 In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. 
9 Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. 
10 Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: 
11 Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. 

12 Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. 
13 Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: 
14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens. 

Heute hören wir die Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Wir lesen davon, warum Jesus eigentlich in Betlehem geboren wird, obwohl seine Familie in Nazaret wohnt. Der römische Kaiser veranlasste eine Eintragung aller Bewohner des römischen Reiches in Steuerlisten. Dabei mussten die Bewohner, wie Historiker herausgefunden haben, nicht nur in ihren Heimatort gehen, sondern vor allem auch dorthin, wo sie Ländereien besaßen. Das ist ein wichtiger Aspekt und erklärt einige weitere Dinge der Weihnachtsgeschichte.
In den letzten Tagen hörten wir vermehrt aus dem Matthäusevangelium und dort vor allem den Stammbaum und die Vorgeschichte der Geburt Jesu aus jüdischer Sicht. Dazu gehört neben der patrilinearen Denkweise auch der biologische Akzent. Im Lukasevangelium wird eine andere Perspektive eingenommen: die gesetzliche. Es geht weniger darum, wie man biologisch miteinander in Beziehung steht, sondern vielmehr um die gesetzliche Konstellation. Im Stammbaum nach Lukas (Lk 3) hören wir zum Beispiel, dass Josef als der Sohn des Vaters der Maria aufgeführt wird (Eli ist die Kurzform von Eliakim. Eliakim ist eine andere Variante von Jojakim. So hieß Marias Vater). Es heißt in der Einheitsübersetzung, Jesus „galt“ als Josefs Sohn. Das Verb νομίζω nomizo meint insbesondere mit dem Wörtchen ὡς  hos „wie“ jemanden/etwas anerkennen, gesetzlich annehmen, adoptieren. Jesus wird im Stammbaum als gesetzlicher Sohn des Josef angegeben, den dieser adoptiert hat! Dies erkläre ich deshalb, weil wir auch hier in Lk 2 gesetzliche Zusammenhänge haben: Josef wird von Marias Vater adoptiert, weil Maria Einzelkind ist und nach dem sogenannten Erbtochterrecht der Mann der einzigen Tochter als Sohn des Vaters geführt werden muss. Deshalb muss der Mann aus derselben Sippe stammen, also auch Davidide sein.
Josef ist juristisch gesehen ihr Vormund. Deshalb wird hier gesagt, dass sie wegen Josef nach Betlehem gehen. Josef selbst war Zimmermann, hatte also kaum irgendwelche Ländereien. In Betlehem werden also vielmehr Ländereien der Familie Mariens gelegen haben.
Bevor wir weiterlesen, müssen wir uns den Ort Betlehem auf der Zunge zergehen lassen. Warum ist ausgerechnet Betlehem der Heimatort und der Ort von Ländereien? Warum war es schon ein wichtiger Ort zur Zeit König Davids? Gott hat das so vorbereitet, damit wir seine wunderbare Vorsehung noch heute bestaunen können: Betlehem heißt „Haus des Brotes“. Jesus musste im Haus des Brotes geboren werden, weil er das Himmelsbrot ist! Jesus ist der Leib Christi!
Als sie in Betlehem sind, kommt die Zeit der Niederkunft Mariens. Sie gebärt einen Sohn, der als Erstgeborener bezeichnet wird. Das ist wiederum ein juristischer Begriff.
Sie wickelt ihn in Windeln. Dieser Aspekt wird für die Hirten zu einem Zeichen. Warum? Viele Experten versuchen, es mit Parallelen aus der ägyptischen Königsideologie zu erklären. Solche Versuche werden den einfachen Hirten aber kaum bekannt gewesen sein. Sie werden stattdessen die eigenen Hl. Schriften gekannt haben, so auch das Buch der Weisheit, wo Salomo im siebten Kapitel sagt: 4 „In Windeln und mit Sorgen wurde ich aufgezogen; 5 kein König trat anders ins Dasein. 6 Alle haben den gleichen Eingang zum Leben, gleich ist auch der Ausgang.“ Solche Aussagen verankern dieses Neugeborene in der Linie der davidischen Dynastie. Schauen wir ins Griechische, werden wir von einem ganz besonderen Detail überwältigt: Die Windeln Jesu muss man sich anders vorstellen als wir sie von uns kennen. Im griechischen Text steht nichts von Windeln, sondern dort steht das Partizip von „einwickeln“. Jesus ist in Bandagen komplett eingewickelt worden, auch der Kopf. Es handelt sich um eine Ganzkörper-Bandagierung, die das Kind vor Erfrierung schützen soll. Ich las sogar, dass der Stoff, der verwendet worden ist, eigentlich der Stoff für die Einwickelung von Leichnamen war, den man zu jeder größeren Reise mit sich geführt hat. Nehmen wir dieses Detail, mag dies hier zutreffen oder nicht, und beachten noch weitere historische Tatsachen: Die Heilige Familie kam nicht in einem Holzstall unter, sondern in einer Felsgrotte. In solchen Grotten kamen zur Zeit der Geburt Christi auch die Lämmer auf die Welt, die dann nach Jerusalem für die verschiedenen Opfer im Tempel verkauft worden sind. In diesen Felsgrotten gab es als Futterkrippe auch keine Holzbehälter, sondern es wurden Nischen in die Felswände geschlagen. Stellen wir es uns einmal bildlich vor. Maria bandagiert das Kind komplett ein und legt es dann in eine Felsnische. Das ist ein Bild, das sich um die dreißig Jahre später wiederholen wird. Maria wickelt den Leichnam ihres geliebten Sohnes komplett in Grabtücher und legt ihn in ein Troggrab – eine Nische gehauen in einen Felsen, auf dem ein erwachsener Mensch Platz findet. Jesus ist geboren, um zu sterben. Als Opferlamm in Jerusalem. Alles nimmt hier seinen Anfang. Und er ist ein König. David hatte auch mit Schafen zu tun. Er war Hirte, bis er zum König gesalbt worden ist! Beide Linien kommen hier zusammen. Wie Salomo ist Jesus gewickelt worden. Er ist ganz Mensch. Wie jedes kleine Kind war er ganz hilflos und auf die Fürsorge seiner liebenden Eltern angewiesen.
Wir müssen auch darüber nachdenken, warum in der Herberge eigentlich kein Platz für sie war. Maria war dabei, ein Kind zu bekommen. Das war nach jüdischem Verständnis eine Sache, die kultisch unrein machte, dabei nicht nur die Frau selbst, sondern auch den ganzen Raum, in dem sie gebar. Maria hätte also eigentlich einen Raum für sich alleine gebraucht, was angesichts des kaiserlichen Erlasses und der deshalb vielen wandernden Familien nicht möglich war. Gott hat sich aber auch dabei etwas gedacht. Er hätte ja auch so zur Welt kommen können, dass in dem Moment eben kein Andrang von Menschen und eine Herberge frei gewesen wäre. Aber Gott wollte den Menschen etwas beibringen: Nämlich, dass Jesus das Lamm Gottes und das Himmelsbrot ist. Er musste in dieser Grotte geboren werden, damit die Menschen tiefer in das Geheimnis Gottes eingeführt werden.

Die Hirten können in jener Nacht auf dem freien Feld lagern, weil die Geburt Jesu sich ungefähr zur selben Zeit zugetragen hat wie sein Tod, also März/April. Ich möchte auf die Mehrdeutigkeit dieser Szene hinweisen: Die Nachtwache der Hirten ist weiterzuführen auf die Hirten der Kirche. In der Zeit zwischen Jesu Heimkehr zum Vater bis zur Wiederkunft am Ende der Zeiten befinden wir uns in einem Ausharren und Warten auf den Messias, der die aufgehende Sonne der Gerechtigkeit ist. Immer wieder spricht Jesus selbst von dem Warten auf die Heimkehr des Hausherrn und der Wachsamkeit seiner Diener („Wehe, er findet sie schlafend“). Dass ausgerechnet die Hirten die ersten Besucher im Stall von Bethlehem sind, ist wiederum kein Zufall. Diese sind es, die das Lamm Gottes zu sehen bekommen. Hirte und Schafe gehören zusammen und haben etwas mit König David zu tun. Auch sind die Hirten neben den Eltern die ersten Zeugen der Menschwerdung, weil sie verkörpern, wie die Familie Gottes, die Kirche, sein soll – nämlich „pastoral“, hirtlich.
Jesu Geburt ist eine große Freude. Endlich, nach so vielen Jahren ist die Chance auf das Paradies wieder eröffnet worden!
Für die Hirten ist es ein Signal, wenn der Engel ihnen verkündet, dass der „Retter“ „in der Stadt Davids“ geboren ist. Es ist die uralte messianische Verheißung, die in dieser Nacht endlich, ja ENDLICH wahr geworden ist!
Dass ein ganzer Engelchor Gott lobt und preist, ist absolut logisch. Die Engel preisen Gott dort, wo er ist. Gott ist nun auf die Erde gekommen. Also loben die Engel ihn nun auch auf Erden! In dem Moment kann man wirklich sagen: Der Himmel ist auf die Erde gekommen! Was die Engel tun, ist eigentlich ihre Tätigkeit im Himmel.

Jesus ist das Lamm Gottes, das auch in jeder Hl. Messe auf die Erde kommt. In vielen Kirchen ist an Weihnachten direkt im Anschluss an die Wandlung ein Weihnachtslied angestimmt worden, in dem Gottes Fleischwerdung thematisiert worden ist. In der Wandlung wird das nämlich sakramental nachempfunden. Und wenn wir dabei sind, heute ganz besonders, dann werden wir zu Zeugen wie die Hl. Familie und wie die Hirten im „Stall“ von Bethlehem.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest! Gloria, in excelsis Deo!!

Ihre Magstrauss

23. Dezember

Mal 3,1-4.23-24; Ps 25,4-5.8-10.14; Lk 1,57-66

Mal 3
1 Seht, ich sende meinen Boten; er soll den Weg für mich bahnen. Dann kommt plötzlich zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Bote des Bundes, den ihr herbeiwünscht. Seht, er kommt!, spricht der HERR der Heerscharen. 
2 Doch wer erträgt den Tag, an dem er kommt? Wer kann bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer des Schmelzers und wie die Lauge der Walker. 
3 Er setzt sich, um das Silber zu schmelzen und zu reinigen: Er reinigt die Söhne Levis, er läutert sie wie Gold und Silber. Dann werden sie dem HERRN die richtigen Opfer darbringen. 
4 Und dem HERRN wird das Opfer Judas und Jerusalems angenehm sein wie in den Tagen der Vorzeit, wie in längst vergangenen Jahren.
23 Bevor aber der Tag des HERRN kommt, der große und furchtbare Tag, seht, da sende ich zu euch den Propheten Elija. 
24 Er wird das Herz der Väter wieder den Söhnen zuwenden und das Herz der Söhne ihren Vätern, damit ich nicht komme und das Land schlage mit Bann.

Die Verheißung des Propheten Maleachi (auf deutsch „mein Bote“), das den Abschluss des AT bildet, weist auf den unmittelbaren Vorläufer Jesu hin – Johannes den Täufer. Er ist es, der den Weg für den Messias bahnt.
Wenn wir lesen „dann kommt plötzlich“, ist das für uns mehrdeutig zu verstehen und legt zugrunde, was Jesus später sagen wird: Sein Kommen ist unerwartet – auch gerade zeitlich. Keiner weiß, wann er wirklich kommt. Und dies beziehen wir nicht nur auf das erste Kommen des Messias bei seiner Menschwerdung. Wir lesen hier besonders das zweite Kommen Jesu, über das er selbst sagte, dass wir den Zeitpunkt nicht kennen. Aus diesem Grund müssen wir jederzeit dafür bereit sein.
Interessant ist auch die Rede vom plötzlichen Kommen in den Tempel. Dies lesen wir mehrdimensional: Gott kommt in seinen Tempel, d.h. seine Herrlichkeit wohnt wieder im Tempel, der nach der Zerstörung durch die Babylonier wieder aufgebaut wird unter Aufsicht des Statthalters Serubabbel, der Enkel Jojachins von Juda. Wir denken aber auch einen Tag vor Heiligabend an das Kommen Gottes in den Tempel durch seine Menschwerdung im Mutterleib Mariens. Sie ist somit der Tempel, in dem Gott Wohnung nimmt! Wir lesen es weiter als eucharistischen Einzug Gottes in jeder Hl. Messe und im Allerheiligsten in jeder Kirche. Gott wird auch Wohnung nehmen am Ende der Zeiten, wenn das himmlische Jerusalem von oben her auf die neue Schöpfung herabkommt. Dann wird Gott „in ihrer Mitte wohnen“ (Offb 21,3).
Der „Bote des Bundes“ könnte einerseits auf Johannes den Täufer verweisen, der sozusagen zwischen den Bünden steht. Andererseits denken wir ganz im wörtlichen Sinn des Wortes מַלְאַךְ mal’ach an einen Engel, der als Bote fungiert. Uns geht auf, dass hier der Erzengel Gabriel angedeutet wird! Dieser Engel eröffnet dem Tempel des Messias, der Jungfrau von Nazaret, den Heilsplan Gottes, dem sie voller Glauben zustimmt. Daraufhin kann Gottes Herrlichkeit in ihr Wohnung nehmen.
Wenn Gott vor allem zum zweiten Mal kommt, d.h. bei der Wiederkunft Christi, wird es ein universales Gericht geben. Er wird in seiner ganzen Herrlichkeit, in dem Feuer seiner Liebe kommen und überall, wo an uns „brennbares Material“ ist, wird es verbrennen. Deshalb wird hier die rhetorische Frage gestellt: „Wer kann bestehen, wenn er erscheint?“
Sein brennendes Feuer wird mit vertrauten Bildern verglichen, mit denen die ersten Adressaten dieser Prophetie etwas anfangen konnten: Mit dem Walken und Schmelzen. Diese Bilder verdeutlichen, dass Gott mit seinem Feuer nicht zerstören will, sondern einen anderen Zustand des Ausgangsmaterials erreichen will. Deshalb heißt es auch im Anschluss, dass Gott die Stämme reinigen und läutern will. Hätte das Gold oder Silber, mit dem die Stämme verglichen werden, Gefühle, würde es in dem Prozess Schmerzen erleiden. Aber am Ende ist es edel und rein. Das ist auch die Funktion der Gerichtsrede des Täufers und später des Messias. Sie sagen Dinge, die nicht allen passen. Es tut weh, aber es ist ein seelischer Reinigungsprozess. Gott möchte aus uns reines Gold oder um ein anderes Bild zu nennen – geschliffene Diamanten aus einem Stück Kohle machen. Bis dahin ist es manchmal ein schmerzhafter Prozess. Das betrifft auch unser eigenes Leben. Gott lässt manchmal Dinge zu, die wir nicht verstehen und unter denen wir leiden. Aber wenn wir sie durchgehalten haben, werden wir gestärkt und gereinigt daraus hervorgehen. Dasselbe muss die Kirche als die Braut Christi immer wieder durchlaufen. Als mystischer Leib ist sie heilig und doch gibt es in ihr immer wieder schwarze Schafe. Die Braut muss bereit für ihren Mann geschmückt sein, wenn die Hochzeit des Lammes kommt. Deshalb lässt Gott auch hier zu, dass es immer wieder zu schmerzhaften Situationen kommt. Diese haben aber ihre Reinigung und Läuterung zum Ziel, weshalb wir nicht verzweifeln müssen. Am Ende unseres Lebens und am Ende der Zeiten werden wir vor Gottes Angesicht stehen. Wir werden diesem brennenden Feuer ausgeliefert sein, das in uns dort Feuer fängt, was noch nicht reines Gold ist. Das wird uns dann schmerzen und das nennt die Kirche Fegefeuer. Im himmlischen Jerusalem kann nur reines Gold bestehen, weil Gott, der wie brennendes Feuer ist, nämlich die Liebe, hier wohnt. Deshalb werden wir auch dort noch leiden, bis wir ganz in seiner Liebe leben können. Aber auch dort können wir gewiss sein, dass wir bei ihm sein werden.
Und wenn wir gereinigt sind wie hier durch den Stamm Levi ausgesagt, dann werden wir Gott die richtigen Opfer darbringen. Das ist wiederum mehrfach zu verstehen: Der Stamm Levi, der Priesterstamm, muss kultisch rein sein, um Gott Opfer darbringen zu können. Die Kirche sieht das Sakrament der Versöhnung vor, damit wir moralisch rein sind für das Messopfer und den Empfang der Kommunion. Wir müssen rein sein auch am Ende unseres Lebens, damit wir an der himmlischen Liturgie teilnehmen können, also im Himmel sein können. Dann wird Gott dieses Opfer gefallen – interessant, wie hier nun der Stamm Juda genannt wird. Aus diesem geht nämlich Jesus hervor, der das endgültige Opfer für alle Zeiten vollbringen wird!
Wenn dann die Rede von Elija unmittelbar vor dem großen und furchtbaren Tag ist, haben wir hier erneut einen Code, der auf Johannes den Täufer verweist. Er ist der wiederkehrende Elija. Gemeint ist, dass er in derselben Kraft auftritt wie der Prophet des AT.
Johannes hat wirklich die Menschen zur Versöhnung gebracht („das Herz der Väter wieder den Söhnen“ zugewandt und umgekehrt). Er hat die Menschen zur Buße und Umkehr aufgerufen, damit sie gereinigt würden in ihrem Herzen und dem Kommen des Herrn entgegen gehen konnten. Er hat viele vor dem Bann Gottes bewahrt – das heißt vor der Hölle.

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade! 
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg. 
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg. 
10 Alle Pfade des HERRN sind Huld und Treue denen, die seinen Bund und seine Zeugnisse wahren.

Der kurze Ausschnitt aus dem Psalm heute ist eine Bitte um die rechte (moralische) Unterweisung und um Erkenntnis des Heilsplans Gottes.
Die Bitten des Psalms sind für uns alle eine wunderbare Vorlage: Wenn wir von unserer Seite aus unsere eigene Läuterung unterstützen und weitere Verunreinigungen vermeiden möchten, dann müssen wir aktiv darum bitten, dass Gott uns seinen Willen zeigt. Denn das Tun seines Willens ist der richtige Weg zu unserem möglichst unverfälschten „Goldmaterial.“
Gott zeigt uns seinen Willen und führt die vom Weg abgekommenen Sünder wieder zurück. Er möchte, dass keines seiner Kinder verloren geht. Uns geht es gut, wenn wir auf seinem Weg bleiben.
„Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist wiederum eine Andeutung messianischer Hoffnung, ebenso die Bemerkung „Gott meines Heils“ (אֱלֹהֵי יִשְׁעִי elohej jisch’i). Für das Heil Gottes wird wie immer dieselbe hebräische Wurzel gewählt wie im Namen Jesu.
Auf Gott hofft das unterdrückte Volk Israel insbesondere in Zeiten der Bedrängnis. Je schlimmer die Zeiten, desto stärker ist die messianische Hoffnung. Auf Gott hoffen auch wir den ganzen Tag und vor allem in Zeiten der Versuchung. Die Kirche hofft auf den Herrn den ganzen Tag insbesondere heutzutage, da die Christenverfolgungen einen Höhepunkt erreichen. Die ganze Welt hofft auf Erlösung von all den Leiden, dem Unrecht, dem Bösen.

Lk 1
57 Für Elisabet aber erfüllte sich die Zeit, dass sie gebären sollte, und sie brachte einen Sohn zur Welt. 
58 Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, welch großes Erbarmen der Herr ihr erwiesen hatte, und freuten sich mit ihr.
59 Und es geschah: Am achten Tag kamen sie zur Beschneidung des Kindes und sie wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben. 
60 Seine Mutter aber widersprach und sagte: Nein, sondern er soll Johannes heißen.
61 Sie antworteten ihr: Es gibt doch niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt. 
62 Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle. 
63 Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb darauf: Johannes ist sein Name. Und alle staunten. 
64 Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen und er redete und pries Gott. 
65 Und alle ihre Nachbarn gerieten in Furcht und man sprach von all diesen Dingen im ganzen Bergland von Judäa. 
66 Alle, die davon hörten, nahmen es sich zu Herzen und sagten: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm.

Wir haben in den letzten Wochen die Vorgeschichten der Geburten Johannes‘ des Täufers und Jesu gehört. Heute ist es soweit. Johannes wird geboren. Wie vom Erzengel Gabriel angekündigt bringt der Sohn insbesondere Elisabet große Freude und viele freuen sich zusammen mit ihr. Dies wird so explizit genannt, weil sie lange keine Kinder bekommen konnte. Im Judentum war mit Kinderreichtum der Segen Gottes verbunden. Kinderlosigkeit wurde dagegen als Fluch und Gottesferne verstanden. Dass Elisabet so unerwartet Mutter geworden und auch noch einen Sohn geboren hat (durch den das Blut der Familie weitergegeben wird), wird als Erbarmen Gottes interpretiert.
Nach jüdischem Gesetz wird das Kind am achten Tag beschnitten und benannt. Es wird wie so oft erwartet, dass das Kind nach dem Vater benannt wird, doch dieser setzt den Willen Gottes um, der ihm einen anderen Namen sagen ließ: Der Junge soll Johannes heißen, obwohl kein anderer in der Verwandtschaft so heißt. Warum soll das Kind so heißen? Der Name bedeutet „Gott ist gnädig“. Gott hat sich Zacharias und Elisabet barmherzig angenommen und diese Aussage wird auch zum Programm der Bußpredigt des Täufers. Weil Gott eben barmherzig ist, gibt er uns die Chance, umzukehren. Und diese Umkehr bildet den Kern seiner Verkündigung.
Zacharias kann in dem Moment wieder sprechen, als er Gottes Willen gehorsam annimmt. Während Maria beim Engelsbesuch von Anfang an den Willen angenommen hat, wird dies in Zacharias‘ Fall verspätet nachgeholt. Dass er zuvor mit Stummheit geschlagen worden war, ist nicht einfach eine sadistische Strafe Gottes, der von ihm Kadavergehorsam gefordert hatte. Gott wollte an diesem Priester seine Herrlichkeit erweisen und dies als Zeichen für die Umstehenden erwirken lassen. Wir lesen, dass sein Zeichenhandeln eine nachhaltige Wirkung erzielt hat. Die Menschen reden im ganzen Bergland von Judäa davon.
Gott hat die Menschen auch schon auf den Täufer vorbereitet. Sie sind schon Zeugen des wundersamen Anfangs des Kindes geworden. Umso besser werden sie seine Verkündigung einige Jahrzehnte später verstehen.

Was Maleachi mit der Läuterung der Söhne Levis angedeutet hat, ist uns durch das Evangelium deutlich geworden: An Zacharias war nicht alles gold, sodass Gott ihn läutern musste. Er schlug den Mann mit Stummheit, damit er seine Lektion lernte.

Nutzen wir die letzten Stunden vor Weihnachten, um von uns aus zu tun, was wir zur Reinigung unserer Seele tun können. Richten wir uns aus auf das Kommen des Jesuskindes, damit es in unseren Herzen Platz findet.

Ihre Magstrauss

22. Dezember

1 Sam 1,24-28; 1 Sam 2,1bcde.4-5b.6-7.8abcd; Lk 1,46-56

1 Sam 1
24 Als sie ihn entwöhnt hatte, nahm sie ihn mit hinauf, dazu einen dreijährigen Stier, ein Efa Mehl und einen Schlauch Wein. So brachte sie ihn zum Haus des HERRN in Schilo; der Knabe aber war damals noch sehr jung.

25 Als sie den Stier geschlachtet hatten, brachten sie den Knaben zu Eli
26 und Hanna sagte: Bitte, mein Herr, so wahr du lebst, mein Herr, ich bin die Frau, die damals neben dir stand, um zum HERRN zu beten.
27 Ich habe um diesen Knaben gebetet und der HERR hat mir die Bitte erfüllt, die ich an ihn gerichtet habe.
28 Darum lasse ich ihn auch vom HERRN zurückfordern. Er soll für sein ganzes Leben ein vom HERRN Zurückgeforderter sein. Und sie beteten dort den HERRN an.

In der heutigen Lesung hören wir einen Ausschnitt aus der Erzählung über den Propheten Samuel. Diese Geschichte passt sehr gut in die Vorgeschichte des Weihnachtsereignisses, denn Samuel und seine Mutter Hanna sind typologisch in Beziehung zu setzen zu Elisabet und Johannes dem Täufer bzw. zu Maria und Jesus.
Wir erfahren heute von Hannas Verhalten, nachdem Gott ihr Gebet um einen Sohn erhört hat. Hanna betete voller Inbrunst in Schilo beim Heiligtum und versprach dem Herrn, ihm bei Gebetserhörung das Kind zurückzuschenken als gottgeweihtes Kind.
Heute erfahren wir davon, dass sie ihr Versprechen einlöst und den jungen Samuel zum Heiligtum bringt, nachdem er abgestillt worden ist. Die Bundeslade befindet sich zu jener Zeit in Schilo, deshalb pilgern die Menschen dorthin zum Heiligtum des Herrn.
Hanna bringt die vorgeschriebenen Opfer dar und übergibt das Kind dem Eli. Dieser ist es, der im Jahr zuvor der bitterlich weinenden und betenden Hanna begegnet war. Sie bekennt ihm gegenüber das Wunder, das Gott an ihr gewirkt hat. Er ist es, dem sie das übergibt, damit es bei ihm im Heiligtum groß werde. Hanna hätte jeden Grund, an dem Kind zu hängen. Doch sie hat verstanden, dass das Kind nicht ihr Eigentum ist, sondern ihr geliehen, ihr anvertraut ist. Sie weiß, dass sie den Segen Gottes auf sich und ihren Nachkommen herabholt, wenn sie Gottes Willen tut, vor allem ihr Versprechen hält.
Was wir bei Hanna sehen, kommt im Laufe der Heilsgeschichte immer wieder vor: Frauen, die eigentlich keine Kinder bekommen können, bekommen ein besonderes Kind mit besonderer Berufung. Diese Kinder machen die anfängliches Unfruchtbarkeit bei weitem wieder wett, indem sie viele Seelen für Gott gewinnen. So wird auch Samuel ein wichtiger Prophet, der die ersten Könige Israels salben wird, vor allem jenen König schlechthin, der das Vorausbild Jesu Christi sein wird, König David. Gott lässt manchmal zu, dass Kinder erst nach längerer Leidens- und Wartezeit geboren werden, damit seine Herrlichkeit an jenen Eltern offenbar werde. Wenn wir in unserem Leben leidvolle Erfahrungen machen, ist es zu einem Großteil unserer eigenen Sünde zu verdanken, denn diese zieht stets das Leiden und den Tod nach sich. Zudem machen wir viel durch aufgrund der Sünde anderer Menschen – weil ihre Sünden uns hineinziehen in die Misere oder weil wir für andere sühnen. Und manchmal geschieht Leidvolles aus dem oben genannten Grund. Dann muss unsere Reaktion aus der Frage bestehen: Was möchtest du an mir tun? Was ist dein Plan mit mir? Über Umwege, die wir nicht verstehen, kann Gott auch in unserem Leben wunderbare Dinge vollbringen. Wir müssen dafür genau hinsehen.

1 Sam 2
Mein Herz ist voll Freude über den HERRN, erhöht ist meine Macht durch den HERRN. Weit öffnet sich mein Mund gegen meine Feinde; denn ich freue mich über deine Hilfe.
4 Der Bogen der Helden wird zerbrochen, die Wankenden aber gürten sich mit Kraft. 
5 Die Satten verdingen sich um Brot und die Hungrigen gibt es nicht mehr. 
6 Der HERR macht tot und lebendig, er führt zum Totenreich hinab und führt auch herauf. 
7 Der HERR macht arm und macht reich, er erniedrigt und er erhöht.
8 Den Schwachen hebt er empor aus dem Staub und erhöht den Armen, der im Schmutz liegt; er gibt ihm einen Sitz bei den Edlen, einen Ehrenplatz weist er ihm zu.

Heute hören wir statt Psalm den Lobgesang Hannas in 1 Sam 2. Auch darin ist uns die Mutter Samuels ein Vorbild. Sie antwortet auf die Gebetserhörung Gottes mit einem Lobpreis. Wir sind ganz fleißig im Beten, wenn wir etwas von Gott brauchen und vergessen allzu oft, uns für die Gebetserhörungen zu bedanken. Einmal heilt Jesus zehn Aussätzige, aber nur einer kehrt zurück, um sich bei ihm zu bedanken. So ist der Mensch.
Hanna hat ihr ganzes Herz Gott ausgeschüttet und deshalb hat er auch ihr ganzes Herz mit Freude erfüllt. So kann Hanna jetzt jubeln: „Mein Herz ist voll Freude über den HERRN“. Gott schenkt Freude, was eine Frucht des Hl. Geistes ist. Wenn dieser im Menschen wirkt, wird alles zum besten geführt.
Wenn Hanna dann betet „erhöht ist meine Macht“, dann steht da wörtlich „mein Horn“. Das hebräische Wort קֶרֶן keren hat verschiedene Bedeutungen. Es meint zunächst anatomisch das Horn eines Tieres. Dieses kennzeichnet dessen Macht, weshalb in der gesamten biblischen Hermeneutik Hörner zum Machtsymbol werden. Das Wort kann auch „Licht, Strahl“ heißen. Hanna dankt Gott also, dass er ihr Licht erhöht hat. Licht ist zugleich immer Hoffnungszeichen in der Bibel.
Weit öffnet sich ihr Mund gegen die Feinde, weil Hanna die größte Waffe gegen sie gefunden hat – den Beistand Gottes. Die „Hilfe“, von der hier die Rede ist, wird wie so oft mit dem Wortfeld ישׁוע jsch’a ausgedrückt, ein Hinweis darauf, dass Gott damals schon hilft, mit dem Kommen seines Sohnes dann jedoch die größte Hilfe aller Zeiten senden wird.
Durch den folgenden Vers wird klar, dass bei Gott die Maßstäbe anders gesetzt sind als bei Menschen. Die vermeintlichen Helden werden entmachtet (zerbrochene Bögen) und die vermeintlich Schwachen (die Wankenden) gürten sich mit Kraft. Der Vorgang des Gürtens bedeutet entweder das Rüsten für die Reise oder für den Kampf. Hier ist das zweite eher zu verstehen, was auch durch das hebräische Wort für „Kraft“ חָֽיִל chajil deutlich wird. Es bedeutet unter anderem „militärische Macht, Armee, Soldat“.
Die Satten müssen jetzt für ihr Brot arbeiten und die Hungrigen wird es nicht mehr geben. Schon bis hierhin müssen wir sagen, dass Hanna vom Hl. Geist die Rede über das Reich Gottes geschenkt bekommt, ohne es zu ahnen. Vieles von dem, was sie hier betet, wird später noch in messianischen Verheißungen aufgegriffen und Jesus wird es in seiner Reich-Gottes-Verkündigung ebenfalls übernehmen. Alles steht noch aus, was wir an den Zukunftsformen lesen. Hier erahnen wir wirklich die Spuren des Hl. Geistes!
Es wird noch besser. „Der HERR macht tot und lebendig, er führt zum Totenreich hinab und führt auch herauf.“ Das wird die spektakulärste Heilstat Gottes sein – nämlich seinen eigenen Sohn, der tot ist, wieder lebendig zu machen, ihn ins Totenreich zu führen, dass er den Gerechten dort das Evangelium verkünde, und ihn wieder heraufzuführen bei der Auferstehung. Das ist alles vom Hl. Geist eingegeben. Wie kann eine einfache Frau mehr als 1000 Jahre vor Christi Geburt diese Dinge sonst aussprechen?
„Gott macht arm und reich“ – bei ihm sind Armut und Reichtum etwas Anderes als bei den Menschen. Vor allem die nächste Aussage übernimmt Jesus : „er erniedrigt und er erhöht“. Davon wird Jesus intensiv sprechen und auch Maria, die Muttergottes wird diese Aussage im Magnificat aufgreifen. Insgesamt müssen wir hier typologische Linien zwischen Hannas Lobgesang und Marias Magnificat ziehen. Bei beiden Frauen geht es darum, dass die unfruchtbare Frau ein Kind empfängt, weil sie Gott ganz geglaubt hat (bei Hanna ist es eine biologische Unfruchtbarkeit, bei Maria ist es eine durch ein Gelübde erzeugte Unfruchtbarkeit). Beide Frauen nennen sich die Magd (Hanna tut dies im ersten Samuelbuch, Maria bei der Begegnung mit dem Erzengel Gabriel). Dies stellt jeweils eine Demutsbekundung dar.
Die Rede vom Schwachen im Staub ist typische Psalmensprache und dokumentiert umso mehr die fromme Seele Hannas. Der Ehrenplatz ist im Kontext des Reiches Gottes eschatologisch, also als Sitz im Himmel gemeint. Die, die auf Erden im Schmutz liegen, werden im Himmel auf dem Ehrenplatz beim himmlischen Hochzeitsmahl sitzen. Diese Umkehrung der Maßstäbe heißt natürlich nicht, dass automatisch der (finanziell) Arme in den Himmel kommt, der Reiche dafür in die Hölle. Armut und Reichtum erhalten eine bestimmte Definition, die von den äußeren Umständen nicht abhängt. Das wird zurzeit Hannas alles noch nicht reflektiert, sondern sie drückt im Gebet aus, wie Gott für Gerechtigkeit sorgt. Ihre Demütigungen, all die Schande, die sie erfahren musste, weil sie als unfruchtbar galt, wird nun durch ein besonderes Kind wiedergutgemacht.

Lk 1
46 Da sagte Maria: Meine Seele preist die Größe des Herrn
47 und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.
48 Denn auf die Niedrigkeit seiner Magd hat er geschaut. Siehe, von nun an preisen mich selig alle Geschlechter.
49 Denn der Mächtige hat Großes an mir getan und sein Name ist heilig.
50 Er erbarmt sich von Geschlecht zu Geschlecht über alle, die ihn fürchten.
53 Die Hungernden beschenkt er mit seinen Gaben und lässt die Reichen leer ausgehen.
54 Er nimmt sich seines Knechtes Israel an und denkt an sein Erbarmen.

55 das er unsern Vätern verheißen hat, Abraham und seinen Nachkommen auf ewig.
56 Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück.

Im Evangelium hören wir heute das Magnificat, zumindest einen Teil davon. Die typologische Verbindung von Hanna und Maria wird besonders an diesem Lobpreis Mariens deutlich. Ihr ist eine große Ehre zuteilgeworden und durch sie ist der Messias in die Welt gekommen. Aufgrund des wunderbaren Heilsplans Gottes wird sie mit Freude erfüllt und gibt ihm die Ehre stellvertretend für das ganze Volk Israel. Sie ist die Personifikation der Tochter Zion. Sie ist zugleich der Beginn des Neuen Bundes, also ein Scharnier zwischen den beiden Bünden. Auch mit Blick auf den zweiten Bund ist sie die Repräsentantin des Lobpreises. Nicht umsonst nennen wir sie das Urbild der Kirche. Deshalb stimmen wir ein mit den Worten: „Meine Seele preist die Größe des Herrn und mein Geist jubelt über Gott, meinen Retter.“ Er ist im Begriff, den Höhepunkt der gesamten Heilsgeschichte einzuleiten durch seine eigene Menschwerdung. So kann sie nicht umhin, voller Freude zu sein und ihn zu preisen. Und mit ihr zusammen können wir nicht anders, als voller Freude zu sein. Wir danken ihm, dass er bereit war, in diese gefallene Welt einzugehen, um uns aus der Sklaverei der Sünde herauszuführen. Wenn Gott ein Kind schenkt, bereitet das den werdenden Müttern Freude. So wie Hanna gejubelt hat, so tut es Maria.
Gott hat auf die Niedrigkeit nicht nur Mariens geschaut, sondern auch von Hanna sowie von uns allen. Mariens Niedrigkeit müssen wir als Demut verstehen. Weil sie so demütig ist, stellt sie den fruchtbaren Boden für das Wort Gottes dar, das in ihr Fleisch annimmt. Ihre Demut hat den Hochmut des Bösen besiegt, weshalb dieser sie so sehr hasst. Wir haben vor einigen Tagen darüber nachgedacht, als wir das Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria gefeiert haben.
Unsere Niedrigkeit ist im Gegensatz zu ihrer natürlich beschränkt, weil wir vor der Erbsünde eben nicht verschont sind. Doch wir können die Niedrigkeit auf uns selbst noch anders verstehen, denn das griechische Wort tapeinosis bedeutet auch die Erniedrigung oder Niedergeschlagenheit. Gott hat das Leiden seines Volkes gesehen und somit die Bitten um das Kommen des Messias erhört! Und er erhört auch unsere Gebete in heutiger Zeit. Wir sind bereits Erlöste und doch erleiden wir immer wieder Nöte als weiterhin Lebende in der gefallenen Schöpfung. So möchte er uns immer wieder aus diesen Nöten herausholen und uns vor allem aus den seelischen Nöten befreien. Er ist kein Gott, dem seine Kinder egal sind. Er wirkt und er greift ein. Das durfte auch Hanna erfahren, die sehr gedemütigt worden ist, weil ihr kein Kind geschenkt wurde. Gott hat ihre Bitten erhört!
Maria preisen nun wirklich alle Geschlechter. Sie ist die Mutter aller Lebenden geworden – die neue Eva. Und weil sie durch ihr Ja den Messias in diese Welt gebracht hat, preisen wir alle sie selig. Sie ist wahrlich selig, denn wir glauben, dass sie jetzt mit Leib und Seele bei Gott ist, zur Rechten ihres Sohnes und als Königin des Weltalls!
Gott hat wirklich Großes an ihr getan. Sie gibt ihm die Ehre, statt sich selbst zu rühmen. Was mit ihr geschieht, ist ja alles nicht ihr eigenes Verdienst. Vielmehr wirkt Gott an ihr, die sie sich bereit erklärt hat zu seinem wunderbaren Werkzeug.
Gottes Name ist heilig. Das ist eine gottesfürchtige Aussage einer frommen Jüdin. Und auch wir sollen Gottes Namen heiligen. Das ist eines der Zehn Gebote. Und auch wir sollen nie vergessen, dass alles, was wir an Gutem zustande bringen, von Gott kommt. Wir sollen ihm dafür die Ehre geben und nicht die Orden an unsere eigene Brust hängen.
Gott erbarmt sich wirklich über alle, die ihn fürchten. Er ist barmherzig und hat Mitleid. Er ist absolut vergebungsbereit bis heute, wenn die Menschen reumütig zu ihm kommen.
Er ist absolut großzügig und nährt die Hungrigen – nicht nur die körperlich Hungrigen, sondern vor allem jene, die Hunger nach Gerechtigkeit, die Hunger nach Liebe, die Hunger nach Gott haben. Er ist es, der unsere tiefste Sehnsucht stillt. Nur er kann diese innere Unruhe stillen, die wir alle verspüren und die uns antreibt, in der Welt auf die Suche nach „Nahrung“ zu gehen.
Gott lässt die Reichen leer ausgehen – nicht einfach die finanziell/materiell Reichen. Denn es geht vielmehr um jene, deren Herz an ihrem Besitz, an ihrem Ansehen und an ihrer Macht hängt. Es gibt auch Reiche, die ihr Vermögen an Arme und Bedürftige verschenken und die gar nicht an dem Reichtum hängen. Diese sind hier also nicht angesprochen, sondern vielmehr jene, deren Herz schon ganz reich ist mit allem Möglichen, sodass Gottes Gnade nicht mehr hineinpasst. Wir bemerken in dem Magnificat viele Anspielungen an das erste Samuelbuch und den Lobpreis der Hanna. Beide Frauen werden erfüllt mit demselben Geist, Maria kennt die Hl. Schriften und ist ganz in ihnen zuhause.
Gott nimmt sich seines Knechtes Israel an, das ist als Sammelbild für das gesamte Volk zu verstehen und führt erneut auf die Gebetserhörung und das Mitleid Gottes mit seinem Volk zurück. Gott hält sein Versprechen. Er ist treu und nun erfüllt sich alles, was Jesaja angekündigt hat. Das ist der Grund zur absoluten Freude!
Wir stehen als Christen am Ende der Zeiten und warten voller Sehnsucht auf das Ende der Zeiten. Dann wird es nämlich eine Erlösung vom Leiden dieser Welt, eine Befreiung von der Unterdrückung und Gefangenschaft durch den Bösen. So können wir auch mit Blick auf das zweite Kommen voller Freude sein. Es ist die innere Gewissheit, dass trotz aller schrecklichen Zustände der Gegenwart und entgegen aller bösen Mächte Gott das letzte Wort haben wird. Christus hat den Tod ja bereits besiegt. Das Osterereignis ist für uns der Grund zur absoluten Freude! Am Ende der Zeiten wird es ein ultimativer Triumph Gottes sein, der mit dem Bösen abrechnen wird. Dann werden wir beim himmlischen Hochzeitsmahl die absolute Freude der Ewigkeit erfahren.
Gott vergisst seine Verheißungen nicht, die er den Vätern eröffnet hat, Abraham und seinen Nachkommen. Diese Verheißungen haben ewigen Bestand, Gottes Bund endet nie!
Maria bleibt drei Monate bei ihrer Verwandten, also bis zur Geburt des Täufers. Erst danach kehrt sie nach Hause zurück.
Das Magnificat ist eine Zusammenstellung der verschiedensten Schrifttexte. Maria ist eine fromme Jüdin, die eine absolute Schriftkundige ist. Das beweist uns dieses Gebet, das die Kirche mit ihr gemeinsam betet: Es ist ein Durchlauf durch die fünf Bücher Mose (z.B. Gen 30; Dtn 10), durch den Psalter (z.B. Ps 103; 89; 147), durch Geschichtsbücher vor allem aus 1 Sam (wie gesagt viele Übereinstimmungen mit Hanna) und vor allem aus den Propheten (z.B. Habakuk, Ezechiel, Jesaja und Micha). Hier wirkt der Hl. Geist in ihr.

Im weiteren Verlauf ihres Lebens sowie des Lebens ihres Sohnes wird sie Hanna noch viel ähnlicher werden: Auch sie schenkt ihren Sohn Gott zurück, zunächst nach vierzig Tagen im Tempel als Erstgeburt, sodann mit Beginn des öffentlichen Wirkens Jesu. Ihr Sohn verkündet überall das Reich Gottes und ist gesandt zu allen Menschen. Ihr ist das bewusst und sie ist nicht eifersüchtig auf die Aufmerksamkeit, die sie mit allen Menschen teilen muss. Im Gegenteil: Sie ist seine Jüngerin, sie nimmt alles auf, was er erklärt. Und sie wird bis zum Schluss aufs Schmerzlichste erfahren, dass ihr Sohn nicht ihr Sohn ist, sondern nur geborgt. Gott hat ihn ihr geschenkt und nimmt ihn wieder zurück zu seinem Zeitpunkt und in seiner Art. Sie nimmt alles an, was mit ihrem Sohn so Schreckliches geschehen wird. Ihr Sohn ist wahrlich ein Zurückgeforderter. Doch so groß der Schmerz des Kreuzes sie durchdringt, so groß ist die Freude über die Auferstehung! Und nun darf sie auf ewig ganz bei ihrem Sohn sein – mit Leib und Seele.

Ihre Magstrauss