Sechster Tag der Weihnachtsoktav

1 Joh 2,12-17; Ps 96,7-10; Lk 2,36-40

1 Joh 2
12 Ich schreibe euch, ihr Kinder: Euch sind die Sünden vergeben um seines Namens willen. 

13 Ich schreibe euch, ihr Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch, ihr jungen Männer: Ihr habt den Bösen besiegt. 
14 Ich habe euch geschrieben, ihr Kinder: Ihr habt den Vater erkannt. Ich habe euch geschrieben, ihr Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Ich habe euch geschrieben, ihr jungen Männer: Ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch und ihr habt den Bösen besiegt. 
15 Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, in dem ist die Liebe des Vaters nicht. 
16 Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. 
17 Die Welt vergeht und ihre Begierde; wer den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.

Der heutige Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief beschreibt das neue Leben, das den Getauften geschenkt ist – jung und alt. Uns, die wir Kinder Gottes geworden sind („ihr Kinder“), sind die Sünden vergeben. Das ist uns durch die Taufe auf den Namen Jesu geschenkt worden. Es ist auch interessant, dass im Laufe der heutigen Lesung verschiedene Altersgruppen oder Generationen angesprochen werden. Wenn hier die „Kinder“ nicht nur auf die Taufe bezogen die Wiedergeborenen im Heiligen Geist meint, sondern wörtlich verstanden werden muss, dann haben wir sogar einen Hinweis darauf, dass schon damals Kinder getauft worden sind, nicht nur Erwachsene (Diesen Hinweis haben wir ohnehin, wenn es heißt, dass Menschen mit ihrem ganzen Haus getauft werden, also auch mit den Kindern).
Die Väter haben Gott erkannt und sich deshalb zu ihm bekannt. Und die jungen Männer haben den Bösen besiegt, nämlich durch die Taufe. Der Unheilsplan des Bösen ist durch die Erlösung Jesu Christi zunichte gemacht worden. Jeder Mensch, der sich taufen lässt, wird von dem Fluch der Erbsünde befreit. Er hat die Chance und die Berufung, in das Himmelreich zu gelangen.
Erneut an die Kinder gerichtet schreibt Johannes: Ihr habt den Vater erkannt. Das bezieht sich weniger auf ihren irdischen Vater, denn den kannten sie ja von Anfang an. „Erkennen“ ist in der Bibel entweder auf den Geschlechtsverkehr zu beziehen oder auf das Erkennen Gottes und die darauf folgende Bekehrung. Hier muss es sich also auf den himmlischen Vater beziehen, den die Kinder erkannt haben und sich deshalb haben taufen lassen. Auf denselben Vater bezieht sich Johannes auch bei den Worten an die Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Die Taufe macht stark, v.a. im Kampf gegen den Bösen, den die jungen Männer schon besiegt haben. Das Wort Gottes bleibt in ihnen, das heißt, Jesus bleibt in ihnen. Durch die Taufe ist Jesus auf besondere Weise in unseren Herzen. Er wohnt in unserer Seele und nimmt so viel Raum ein, wie wir ihm zugestehen.
Ab Vers 15 thematisiert Johannes jetzt die Konsequenz dieser Taufe: Das Leben in der Welt kann nicht mehr dasselbe sein wie vor der Taufe.
„Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist.“ Das heißt natürlich nicht, dass wir gleichgültig oder sogar hasserfüllt gegenüber allem sein sollen, was in der Welt ist, oder alles verteufeln sollen. Das wäre gnostisch und die Gnostiker waren der Erzfeind des Johannes, wie man in den johanneischen Schriften ganz deutlich lesen kann. Es geht darum, dass wir den weltlichen Dingen keine so große Priorität geben sollen wie dem ewigen Leben, in das wir durch die Taufe ja hineingeboren sind. „Lieben“ meint in diesem Kontext also das, was wir auf unserer Prioritätenliste ganz oben haben. Lieben heißt, „im Herzen tragen“. Das Wort Gottes wohnt ja jetzt in uns und wir sollen ihm den ganzen Raum geben. Wie soll es diesen aber haben, wenn wir unser Herz mit weltlichen Dingen füllen, die doch vergänglich sind? Wo diese Dinge den Raum füllen, ist kein Platz mehr für Gottes Liebe. Deshalb sagt Johannes auch „in dem ist die Liebe des Vaters nicht“. Es bleibt einfach kein Platz mehr übrig.
Die Wendung in Vers 16 „in der Welt“ umfasst, was weltlich ist. Es meint nicht nur, was dem ewigen Leben nicht nur nicht dient, sondern es sogar verhindert. Es handelt sich nicht um die „weltlichen“ Dinge im positiven Sinn, also was Gott geschaffen hat, sondern die Dinge im negativen Sinn: was sich durch die Erbsünde in die Welt eingeschlichen hat. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wo wir diesen ignorieren, werden wir weltfeindlich, was aber nicht der christlichen Lehre entspricht. Hier meint „Welt“ diese negativen Dinge und das erkennen wir auch an dem Wort „Begierde“. Diese ist mit dem Sündenfall des ersten Menschenpaares in die Welt gekommen. Die Begierden, die hier aufgezählt werden, sind eben nicht Teil der guten Schöpfung, die vom Vater kommt (Begierde der Augen, des Fleisches, Prahlerei mit Besitz). Es kommt nicht vom Vater, sondern von der „Welt“, genauer von der gefallenen Welt, die vom Bösen infiltriert ist. Diese wird aber vergehen. Am Ende wird Gott alles zusammenbrechen lassen, nur um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen – eine unvergängliche Welt, in der nichts Böses mehr Platz haben wird. Und wenn wir den Willen des Vaters tun – eben auch bezogen auf unser Verhalten in dieser Welt, die nicht mehr die gute Schöpfung des Vaters ist (nur noch teilweise), dann werden wir auch eingehen in die neue Schöpfung, in die wir schon hineingeboren sind durch die Taufe. Es reicht also nicht nur, getauft zu sein. Wir müssen uns auch dementsprechend verhalten! Das spricht Johannes nicht nur zu den damaligen Christen, sondern auch zu uns. Auch wir können nicht leben wie die anderen Menschen. Wir sind in dieser Welt, aber wir sind getauft für die Ewigkeit. Auf diese hin sollen wir leben.
Dabei sind wir zur Freiheit berufen – zu der wahren Freiheit, nicht zur Anarchie. Begierde, die die Welt bietet, macht immer unfrei. Man ist gedrängt und wird immer wieder getrieben. Es ist nie genug. Wir werden Sklaven unserer Selbst. Wenn wir aber diese Begierden nicht haben, dann sind wir frei für Gott. Unser Leben erreicht dann schon hier auf Erden eine Weite, die sich in der Ewigkeit vollenden wird.

Ps 96
7 Bringt dar dem HERRN, ihr Stämme der Völker, bringt dar dem HERRN Ehre und Macht,
8 bringt dar dem HERRN die Ehre seines Namens! Bringt Gaben und tretet ein in die Höfe seines Heiligtums! 
9 Werft euch nieder vor dem HERRN in heiligem Schmuck! Erbebt vor ihm, alle Lande! 
10 Verkündet bei den Nationen: Der HERR ist König! Fest ist der Erdkreis gegründet, er wird nicht wanken. Er richtet die Völker so, wie es recht ist. 

Heute loben und preisen wir den HERRN nochmal ganz besonders. Es erinnert uns daran, dass wir noch mitten in der Weihnachtsoktav sind. Der HERR ist König und nur er. Es klingt, als wäre der heutige Psalm ein Appell an die Weisen aus dem Morgenland: „Bringt Gaben und tretet ein in die Höfe seines Heiligtums!“ Klar ist damit zunächst ein Aufruf an alle Juden zum Lobpreis Gottes im Tempel von Jerusalem gemeint. Es geht um Darbringung und Opfer. Die Höfe des Heiligtums deuten die Architektur des Tempelgeländes an, das von außen nach innen mehrere Schichten besitzt, die nach innen immer heiliger werden. Den innersten Kern, das Allerheiligste, darf nur einmal im Jahr, nämlich an Jom Kippur (dem Versöhnungstag) der Hohepriester betreten.
Wir denken aber auch weiter und sehen die Höhle von Bethlehem, in der das Allerheiligste nun in einer Krippe liegt. Das Wort Gottes, die Steintafeln vom Sinai, die Mose übergeben worden sind, sind nun nicht mehr Stein, sondern eine Person! Und es kommt noch besser. Dieser heilige Ort ist jüdisch gesehen gar nicht so kultisch rein. Voller Viehmist und natürlich auch als Ort einer Geburt ist er eigentlich unzugänglich. Dann sind da noch die Hirten, gesellschaftlich Randständige, die in das Heiligtum eingehen, ganz und gar ohne „heiligen Schmuck“. Dieses Heiligtum ist nicht nur für Auserwählte, sondern für jeden offen! Das ist jüdisch gesehen etwas Unerhörtes und Skandalöses, aber das ist die Wahrheit!
Eine Gruppe von Menschen kommt tatsächlich in voller Montur, dass man sie in der Tradition sogar als königlich bezeichnet hat – die Magoi aus dem Osten! Sie kommen und treten ein in das Heiligtum Gottes, der Grotte von Bethlehem. Sie sind voller Prunk gekleidet und bringen dem Kind Gaben: Weihrauch, Myrrhe und Gold.
Es ist dennoch nicht ganz analog, denn „alle Lande“ bezieht sich nicht auf die Länder um Israel herum. Es meint eigentlich wörtlich „das ganze Land“ im Sinne des Hl. Landes (כָּל־הָאָֽרֶץ kol ha’arez). Der nächste Vers lässt dennoch erahnen, dass die Botschaft dieses Königs der Könige über die Juden hinausgeht: „Verkündet bei den Nationen“ ist nämlich auf die nichtjüdischen Völker bezogen ( אִמְר֤וּ בַגֹּויִ֨ם imru hagojim, gojim meint immer die nichtjüdischen Völker). Die Juden haben das tatsächlich gemacht. Als sie in babylonischer Gefangenschaft waren, haben die Babylonier deren Messiaserwartung übernommen und Jahrhunderte später aufgrund des aufgehenden Sterns erkannt, dass dieser Messias nun geboren ist. Deshalb haben sich ihre Priester/Sterndeuter auf den Weg gemacht und huldigen dem Messias nun tatsächlich in der Grotte von Bethlehem!
Dieser König ist nicht nur Weltenherrscher, sondern auch Weltenrichter.

Lk 2
36 Damals lebte auch Hanna, eine Prophetin, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; 
37 nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. 
38 Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. 
39 Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück.
40 Das Kind wuchs heran und wurde stark, erfüllt mit Weisheit und Gottes Gnade ruhte auf ihm.

Heute hören wir von einem wichtigen jüdischen Brauch, eigentlich von zwei Bräuchen: Der Opferung des Kindes im Tempel und der kultischen Reinigung der Mutter. Den Hinweis auf beides erhalten wir schon in Vers 22, den wir heute nicht hören. Eine Frau, die einen Sohn geboren hat, ist die ersten vierzig Tage nach der Geburt kultisch unrein und muss sich nach Ablauf dieser Zeit einem Reinigungsritual im Tempel unterziehen. Wir lesen die genauen Vorschriften bei Levitikus (Lev 12). Gleichzeitig sieht das Judentum ein weiteres Ritual vor, das die Opferung der Erstgeborenen betrifft und Pidjon haBen heißt: Als Zeichen der Dankbarkeit für den Auszug aus Ägypten werden das erstgeborene Vieh Jahwe dargebracht und die erstgeborenen Söhne ausgelöst. Das bedeutet, dass anstelle von ihnen entweder ein Lamm oder zwei (Turtel)Tauben geopfert werden (Ex 13,14-15; Num 18,15). Kinderopfer sind im Judentum nämlich verboten und ja auch gar nicht erwünscht. Jesus wird also im Tempel ausgelöst und so sagen seine Eltern deutlich aus: Dieses Kind gehört Gott. Und im Falle Jesu trifft es nicht nur im übertragenen Sinne zu, sondern ist wortwörtlich zu verstehen. Jesus gehört seinem Vater im Himmel!
Das ist die Vorgeschichte des heutigen Evangeliums. Die heilige Familie ist also im Tempel und heute hören wir von Hanna, der Prophetin, die dem Tempel dient. Sie kommt aus dem Stamm Ascher und ist schon alt. Sie ist eine Witwe von 84 Jahren und hat sich ganz dem Tempel hingegeben. Ihr Dienst ist eremitisch bzw. kontemplativ. Sie betet und fastet, womit sie der Menschheit einen besonders großen Dienst erweist. Ihre Rolle sowie die des greisen Simeon ist nicht zu unterschätzen. Da beide in hohem Alter noch so wichtige Aufgaben übernehmen, sind sie beide ein gutes Vorbild für alle Großeltern bis heute. Nicht umsonst hören wir von Hanna einen Tag nach dem Fest der Hl. Familie und zwei Tage nach dem Fest der unschuldigen Kinder. Bis heute haben die Großeltern dann, wenn sie alt und schwach geworden sind, noch eine Berufung. Nur weil sie nicht mehr so rüstig sind wie in ihren frischesten Jahren, heißt das nicht, dass sie nicht mehr am Reich Gottes mitwirken. Die Aufgaben ändern sich, sind aber nicht weniger wichtig wie die der jungen und aktiven Menschen. Die Lebenserfahrung des Simeon und der Hanna, ihr Wirken im Verborgenen und ihre Weisheit, die das Geschehen im Lichte des göttlichen Heilsplans deutet, sind Vorbild für heutige Großeltern. Auch sie können jetzt, wo ihr beruflicher Stress abfällt, mehr beten und im Verborgenen Gottes Reich mit aufbauen. Sie können den jungen Menschen mit ihrer Lebenserfahrung helfen und in ihren Familien prophetisch wirken. Das heißt, sie können das Geschehen in und um ihre Familien herum im Lichte des Willens Gottes deuten und auch warnen, wo sich die Familie von Gott entfernt.
Hanna tut dies, indem sie zu allen über das Kind spricht. Ihr Reden ist kein Tratschen, sondern prophetische Deutung! Sie erklärt allen, die den Messias erwartet haben, dass er nun da ist! Sie verkündet das Evangelium. Das ist so eine große Aufgabe, zu der jeder und jede berufen ist, egal welchen Alters!
Nachdem Jesu Eltern ihre Pflicht als fromme Juden erledigt haben, kehren sie nach Nazaret zurück, wo sie leben. Lukas erwähnt die Flucht nach Ägypten nicht, weil er die Prioritäten anders setzt als Matthäus.
Er sagt auch kaum etwas über die Kindheit Jesu, nur dass Jesus heranwächst und stark wird. Diese Stärke ist nicht nur physisch zu verstehen, sondern vor allem geistig/seelisch. Er ist erfüllt mit Weisheit und Gnade Gottes. Wie sich diese zeigt, erfahren wir in einer Episode, die heute nicht mehr verlesen wird: der Debatte Jesu im Tempel mit den Schriftgelehrten.

Was wir von der hl. Familie heute lesen, ist sehr schlicht. Sie tut, was sie zu tun hat aus jüdischer Sicht. Maria und Josef sprechen nicht ein einziges Wort, dafür kommen andere zu Wort wie Hanna, die die heilsgeschichtliche Bedeutung dieses Kindes den Juden erklärt. Sowohl Simeon als auch Hanna, die von ihrem Lebensstand gesehen unfruchtbar sind, werden durch ihre „Evangelisierung“ fruchtbarer denn je. Insbesondere Hanna, die ihren Mann in jungen Jahren verloren hat und deshalb keine eigenen Kinder bekam, hat durch ihre Verkündigung so viele Menschen zu Jesus gebracht. Wer weiß, wie viele dieser Juden, die ihre Worte gehört haben, sich nachher haben taufen lassen! Dann hat sie wirklich dafür gesorgt, dass diese Menschen zum ewigen Leben neugeboren worden sind, wie wir im ersten Johannesbrief heute gelesen haben!

Beten wir heute für alle Großeltern, die sich nutzlos und einsam fühlen.
Beten wir auch für die Großeltern, die ihre Enkel nicht sehen dürfen oder nicht sehen wollen. Beten wir in diesem Jahr vor allem für jene Großeltern, die wegen Corona ihre Familien nicht sehen können.
Beten wir für alle Familien auf der ganzen Welt, in denen die Generationen-Solidarität nicht mehr so gegeben ist, wie sie sein sollte.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 5. Osterwoche

Apg 15,7-21; Ps 96,1-2.3 u. 10; Joh 15,9-11

Apg 15
7 Als ein heftiger Streit entstand, erhob sich Petrus und sagte zu ihnen: Brüder, wie ihr wisst, hat Gott schon längst hier bei euch die Entscheidung getroffen, dass die Heiden durch meinen Mund das Wort des Evangeliums hören und zum Glauben gelangen sollen.

8 Und Gott, der die Herzen kennt, hat dies bestätigt, indem er ihnen ebenso wie uns den Heiligen Geist gab.
9 Er machte keinerlei Unterschied zwischen uns und ihnen; denn er hat ihre Herzen durch den Glauben gereinigt.
10 Warum stellt ihr also jetzt Gott auf die Probe und legt den Jüngern ein Joch auf den Nacken, das weder unsere Väter noch wir tragen konnten?
11 Wir glauben im Gegenteil, durch die Gnade Jesu, des Herrn, gerettet zu werden, auf die gleiche Weise wie jene.
12 Da schwieg die ganze Versammlung. Und sie hörten Barnabas und Paulus zu, wie sie erzählten, welch große Zeichen und Wunder Gott durch sie unter den Heiden getan hatte.
13 Als sie geendet hatten, nahm Jakobus das Wort und sagte: Brüder, hört mich an!
14 Simon hat berichtet, dass Gott selbst zuerst darauf geschaut hat, aus den Heiden ein Volk für seinen Namen zu gewinnen.
15 Damit stimmen die Worte der Propheten überein, die geschrieben haben:
16 Danach werde ich mich umwenden und die zerfallene Hütte Davids wieder aufrichten; ich werde sie aus ihren Trümmern wieder aufrichten und werde sie wiederherstellen,
17 damit die übrigen Menschen den Herrn suchen, auch alle Völker, über denen mein Name ausgerufen ist – spricht der Herr, der das ausführt,
18 was ihm seit Ewigkeit bekannt ist.
19 Darum halte ich es für richtig, den Heiden, die sich zu Gott bekehren, keine Lasten aufzubürden; 20 man weise sie nur an, Verunreinigung durch Götzenopferfleisch und Unzucht zu meiden und weder Ersticktes noch Blut zu essen.
21 Denn Mose hat seit alten Zeiten in jeder Stadt seine Verkünder, da er in den Synagogen an jedem Sabbat verlesen wird.

Gestern hörten wir bereits von den Streitigkeiten bei der Frage nach der Heilsnotwendigkeit der Beschneidung. Die judäer Christen befürworteten sie und sprachen sich in Antiochia bei ihrem Besuch dafür aus. Die Heidenchristen lehnen sie aber ab und so reisen Barnabas und Paulus nach Jerusalem, um die Streitfrage vor der höchsten Autorität, den Aposteln, darzulegen. Wir hörten dann davon, dass die Apostel und Ältesten gemeinsam über die Sache nachdenken.
Heute entfacht über die Beschneidungsfrage ein großer Streit. Wenn es hier heißt, dass er „heftig“ ist, müssen wir uns im orientalischen Kontext wirklich eine hitzige Diskussion vorstellen…da ging es richtig laut und temperamentvoll zu.
Inmitten dieser heftigen Auseinandersetzung ergreift Petrus das Wort und fungiert wieder als Vermittler und Diplomat zwischen den Parteien: Er erinnert die Anwesenden daran, dass nicht sie die Entscheidung treffen, sondern Gott. Er hat schon längst seinen Willen bei dieser Sache und Petrus diesen auch kundgetan. Er deutet das zweite Pfingsten von Caesarea im Hause des Kornelius an, bei dem Gott ihm auftrug, den Heiden das Evangelium zu verkünden. Durch ihn sollten sie zum Glauben an Jesus Christus kommen. Die Ausgießung des Heiligen Geistes über die Heiden im Haus des Kornelius bestätigt Gottes Auftrag an Petrus.
Petrus erklärt, dass Gott keinen Unterschied zwischen den Pfingstereignissen gemacht hat, sondern dass es ihm um die Herzenshaltung der Anwesenden ging. Dies soll den Anwesenden klarmachen, dass sie den Heiden nun nicht mehr auferlegen sollten als Gott selbst, der von ihnen keine Beschneidung für das Pfingstereignis vorausgesetzt hat.
Petrus erinnert die Anwesenden auch daran, dass nicht ihr eigenes Tun, sondern die Gnade Gottes sie gerettet hat. Warum soll es bei den Heiden nun anders sein? Ja, die Apostel waren zuvor Juden und deshalb beschnitten. Aber nicht diese Beschneidung hat ihnen die Erlösung geschenkt, sondern Jesu Christi Kreuzestod, auf den hin sie im Heiligen Geist neugeboren worden sind! Genauso ist es bei den Heiden, deren Taufe im Heiligen Geist ebenfalls durch ihren Glauben vollzogen worden ist, durch ihr Ja und ihr ganz geöffnetes Herz.
Durch seine Worte schafft er es, die ganze hitzige Situation zum Schweigen zu bringen. Das zeigt uns, wie begnadet Petrus von Gott ist, die verschiedenen Akzente in der Kirche zusammenzuhalten als Fels des Leibes Christi.
In diese entschärfte Situation hinein kommen nun Paulus und Barnabas zu Wort, die von ihrer ersten großen Missionsreise berichten und die Bekehrungswelle der Heiden zur Sprache bringen können.
Daraufhin kommt der Herrenbruder Jakobus zu Wort, der nach Petrus‘ Abreise der Gemeindevorsteher der Jerusalemer Urgemeinde wird. Er ist von seiner theologischen Position der strengen judenchristlichen Richtung zuzuordnen, die die Beschneidung auch von Heidenchristen verlangt. Er greift die Worte des Petrus auf und bettet sie in die Heilsgeschichte ein, die die Schriften des Alten Testaments belegt. Dort ist es schon angekündigt worden, dass auch die übrigen Völker den Herrn suchen würden. Dazu führt er Amos 9,11-12 an, wie es die Septuaginta (das griechische Alte Testament) formuliert, wenn die zerfallene Hütte Davids wieder aufgebaut würde – dies meint nun nicht mehr den Tempel von Jerusalem, sondern den Tempel des Leibes Christi, der die Kirche ist!
Aus dem Grund kann auch Jakobus sich damit anfreunden, den Heiden die Beschneidung nicht abzuverlangen. Dennoch schlägt er eine Mindestanforderung vor, die sich auf die Enthaltung von Götzenopferfleisch, Ersticktem und Blut zu enthalten sowie Unzucht zu meiden. Jakobus beruft sich hier auf das sogenannte Heiligkeitsgesetz ab Lev 17 und wendet es auf die momentane Situation an: Es handelt sich dabei um Gesetze für Fremde, die in Israel leben. Dabei geht es um Ritualgebote, die ein Zusammenleben der Juden und Heiden ermöglichen sollen, ohne dass die Juden sich rituell verunreinigen. In Lev 17 wird deshalb erklärt, dass sowohl Juden als auch Heiden, die im Heiligen Land wohnen, die Tiere schächten müssen. Es verbietet auch bestimmte sexuelle Verhaltensweisen wie den Inzest, die Sodomie oder homosexuelle Praktiken. Diese Dinge gelten ebenfalls für Juden sowie Heiden im Heiligen Land. Auf diese Dinge verweist Jakobus und verlangt sie auch von den Heidenchristen. Es geht bei den jakobinischen Klauseln eigentlich um Ritualgebote, die einzuhalten sind aus Rücksicht vor den Judenchristen, die ja durch die Beschneidung weiterhin die Torah halten müssen (der Alte Bund geht weiter!). Dennoch werden einige Dinge auch durch die zehn Gebote abgedeckt, die die Heidenchristen ja halten müssen (Götzenopferfleischverzehr ist Götzendienst, also ein Verstoß gegen das erste Gebot, Unzucht in allen Facetten ist eine Sünde gegen das sechste Gebot).
Dass es Jakobus vor allem um die Rücksicht auf die Juden geht, erkennen wir an dem letzten Vers, wo es heißt, dass Mose in jeder Stadt seine Verkünder hat. Es gibt ja viele Synagogen, in denen das mosaische Gesetz weiterhin verkündet wird. Juden sind im ganzen römischen Reich verteilt und so muss flächendeckend Rücksicht auf ihre rituelle Unversehrtheit genommen werden.
Was wir hier also lesen, ist kein göttliches Gebot, sondern eine pragmatische Mindestanforderung für die Situation, dass es in einer Gegend Juden(christen) gibt. Nun gibt es aber keine Judenchristen mehr. Sie sind „ausgestorben“ und nach vielen Jahrhunderten Unterbrechung ist nun eine Art „Neo-Judenchristentum“ entstanden – die Gruppe der messianischen Juden. Sie erkennen Jesus als Messias an, bleiben aber Juden und leben nach der Torah. Sie sind beschnitten und doch haben sie das Evangelium Jesu Christi angenommen.
Noch einmal deutlich: Die jakobinischen Klauseln gelten heute nicht mehr. Wir müssen unser Fleisch nicht schächten, aber aufgrund der zehn Gebote ist Götzendienst und Unzucht natürlich weiterhin eine schwere Sünde, die beiden schwersten Sünden überhaupt!

Ps 96
1 Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Lande,
2 singt dem HERRN, preist seinen Namen! Verkündet sein Heil von Tag zu Tag!
3 Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit, bei allen Völkern von seinen Wundern!
10 Verkündet bei den Nationen: Der HERR ist König! Fest ist der Erdkreis gegründet, er wird nicht wanken. Er richtet die Völker so, wie es recht ist.

Als Antwortpsalm beten wir einen Lobpreispsalm, der das universale Heil und die Weltherrschaft Gottes zum Thema hat.
Wie so oft erfolgt ein Lobpreisaufruf zu Beginn. „Alle Lande“ werden zum „neuen Lied“ aufgefordert. Das umfasst nicht mehr nur die zwölf Stämme Israels, sondern alle Völker. Vor dem Hintergrund der Erlösung aller Menschen durch Jesus Christus können wir es als lobpreisende Antwort der Erlösten betrachten. In der Apostelgeschichte sind sowohl die Apostel in Jerusalem als auch die Heiden in Caesarea mit dem Heiligen Geist erfüllt worden, sodass es zwei Pfingstereignisse gab. Es ist ein Zeichen Gottes, was mit allen Menschen passiert, die Gott in ihrem Herzen willkommen heißen.
„Verkündet sein Heil“ wird dann für uns Christen auffällig christologisch, weil in den Worten „sein Heil“ hier wieder der Name Jesus enthalten ist. Während hier wörtlich das Heil Gottes als messianische Verheißung verkündet werden soll, sind wir Christen dadurch aufgerufen, Jesus Christus zu verkünden, der das Heil ist (Nomen est omen). Das ist einer der drei Hauptvollzüge der Kirche – die Verkündigung (martyria). Jeder einzelne Christ bezeugt dieses Heil durch sein Handeln. Wo wir einander lieben und die Gebote Gottes halten, kommt das Heil in die Welt, das Reich Gottes wird dann schon jetzt spürbar. Am Ende der Zeiten werden wir das Heil verkünden – aber als ewigen Lobpreis in Gottes Gegenwart, mit allen Engeln und Heiligen.
Der Psalm sagt zudem aus: Gott ist der König, der Herrscher. Die messianische Erwartung des Psalms geht über eine menschliche Figur hinaus (auch wenn zuerst eine politische Figur darunter verstanden wird). Die Menschen sollen es bei den Nationen verkünden, bei allen Nationen: Das deckt sich mit dem, was Jesus seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt aufträgt: alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen. „Bei den Nationen“ haben sowohl Petrus als auch Barnabas und Paulus diesen Auftrag treu umgesetzt, bei denen so viele zum Glauben gekommen sind. Das Stichwort im Hebräischen für die Heiden ist an dieser Stelle wieder בַגֹּויִ֨ם baggojim, die Gojim.
Auch die Völker werden von diesem Weltenrichter und König gerichtet, wie es recht ist. Das bedeutet auch, dass sie ebenso die Aussicht auf ein positives Gerichtsurteil und somit auf das ewige Leben im Himmelreich haben, wenn sie zum Glauben an Gott gekommen sind.

Joh 15
9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!

10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe.
11 Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird.

Im heutigen Evangelium hören wir einen relativ kurzen Abschnitt aus der zweiten Abschiedsrede. Es gibt um die Liebe.
Jesus stellt wie so oft den Zusammenhang heraus, der sich aus ihm, dem Vater und seinen Jüngern ergibt. Die Liebe zwischen Vater und Sohn ist Vorbild für die Liebe, die zwischen den Jüngern herrschen soll. Die Liebe zwischen Vater und Sohn hat Christus schon übertragen auf seine Liebe zu den Jüngern. Darin hat er ihnen überhaupt die Liebe zwischen ihm und dem Vater offenbart. Was sie also zutiefst berührt hat, sollen sie einander weitergeben. Die Zeitform wird hier mit dem Perfekt übersetzt, weil es sich um eine Abschiedsrede handelt. Jesus spricht diese Worte zu ihnen im Rückblick auf die letzten Jahre, in denen sie so viel Zeit miteinander verbracht haben. So wie es war, so sollen sie nun weitermachen.
Das Leben in dieser Liebe kommt dem Halten der Gebote gleich bzw. ist sie die Grundhaltung und die Absicht, die Gebote Gottes zu halten. Und dies führt wiederum dazu, dass sie in der Liebesgemeinschaft mit Gott bleiben. Die Liebe ist also nicht nur Ursprung/Absicht, sondern auch Ziel des Haltens der Gebote. Das Bleiben in der Liebe ist eine Umschreibung für den Stand der Gnade. In diesem befinden wir uns, wenn wir in rechter Absicht die Gebote Gottes halten.
Er erklärt es ihnen, weil er ihre Freude in sie hineinlegen möchte, die sich ganz in ihnen entfalten soll. Warum nun Freude? Sie ist eine Frucht des Heiligen Geistes, eine übernatürliche Gabe, die ein Mensch sich nicht selbst geben kann. Sie ist mehr als nur eine situativ abhängige Emotion. Sie ist innere Gewissheit, dass Gott am Ende steht mit seinem ewigen Heil, ganz egal, wie es momentan im Leben des Einzelnen aussehen mag. Freude im Leben kann der Mensch dabei nur haben, wenn er in der Liebe Gottes bleibt (also nach den Geboten Gottes lebt). Nur so kann der Mensch glücklich werden.

Diese Worte Jesu sind für das Verständnis der Apostelgeschichte wichtig. Auch für die Heiden gilt: Das Halten der Gebote Gottes ermöglicht das Bleiben in der Liebe Gottes und die Freude im Leben. Die Gebote Gottes sollen sie nicht aus Angst oder Pflichtbewusstsein halten, sondern aus Liebe zu Christus, den sie in ihr Herz gelassen haben. Was genau sie allerdings halten müssen, das wird beim Apostelkonzil in Jerusalem heute ja diskutiert. Dass das Halten der Gebote nicht in eine Pflichtübung ausartet, soll die Beschneidung und das Halten der gesamten Torah den Heiden nicht auferlegt werden, sondern nur eine Mindestanforderung.

Vergessen auch wir beim Streben nach Vollkommenheit nicht, dass auch wir die Gebote Gottes aus Liebe zu ihm halten sollen. Das erkennen wir daran, dass die ersten drei Gebote des Dekalogs auf der Gottesliebe fußen (Verbot des Götzendienstes und der Verunehrung seines Namens, die Heiligung des Sonntags). Die weiteren sieben Gebote betreffen die Nächstenliebe (und da ist es kein Zufall, dass die Ehrung der Eltern ganz oben steht!). Aus diesem Grund heißt es auch, dass das Doppelgebot der Liebe das ganze Gesetz zusammenfasst. Einfach im Verständnis, schwer in der Umsetzung. Wäre dem nicht so, bräuchten wir die Beichte nicht…

Ihre Magstrauss

Freitag der 4. Osterwoche

Apg 13,26-33; Ps 2,6-7.8-9.10-11; Joh 14,1-6

Apg 13
26 Brüder, ihr Söhne aus Abrahams Geschlecht und ihr Gottesfürchtigen! Uns wurde das Wort dieses Heils gesandt.

27 Denn die Einwohner von Jerusalem und ihre Führer haben Jesus nicht erkannt, aber sie haben die Worte der Propheten, die an jedem Sabbat vorgelesen werden, erfüllt und haben ihn verurteilt. 28 Obwohl sie nichts fanden, wofür er den Tod verdient hätte, forderten sie von Pilatus seine Hinrichtung.
29 Als sie alles vollbracht hatten, was in der Schrift über ihn gesagt ist, nahmen sie ihn vom Kreuzesholz und legten ihn ins Grab.
30 Gott aber hat ihn von den Toten auferweckt
31 und er ist viele Tage hindurch denen erschienen, die mit ihm zusammen von Galiläa nach Jerusalem hinaufgezogen waren und die jetzt vor dem Volk seine Zeugen sind.
32 So verkünden wir euch das Evangelium: Gott hat die Verheißung, die an die Väter ergangen ist,
33 an uns, ihren Kindern, erfüllt, indem er Jesus auferweckt hat, wie es im zweiten Psalm heißt: Mein Sohn bist du, heute habe ich dich gezeugt.

In der Lesung hören wir heute die Fortsetzung der Predigt Pauli, die gestern mit dem Vorläufer und Täufer Johannes endete. Heute formuliert er ein richtiges Christusbekenntnis:
Er spricht sie zunächst noch einmal direkt an, um ihre Aufmerksamkeit von Neuem zu erhalten. So wie gestern spricht er nicht nur zu den Söhnen Abrahams, also zu den anwesenden Juden in der Synagoge, sondern auch zu den Gottesfürchtigen. Diese Gruppe habe ich schon ein paar Mal erklärt – es handelt sich um Heiden, die dem jüdischen Glauben nahe stehen, die jüdische Ethik übernehmen und die Schriften studieren, aber den letzten Schritt der Beschneidung nicht unternehmen.
Paulus macht deutlich, dass Jesus und das mit ihm gekommene Heil an sie persönlich gerichtet ist. Das macht den jüdischen und auch christlichen Glauben aus: persönliche Begegnung mit Gott. Es ist somit auch an die dort Anwesenden gerichtet, ja gerade an die Juden in der Diaspora. Denn die Einwohner Jerusalems haben ihn abgelehnt. Paulus stellt das Paradox heraus, dass die jerusalemer Juden die Propheten Sabbat für Sabbat in der Synagoge vorlesen und umsetzen und doch den dort angekündigten Messias nicht erkannt haben. Stattdessen haben sie ihn verurteilt.
Trotz seiner Unschuld erreichten sie eine Hinrichtung durch Pontius Pilatus. Dann fasst Paulus den ganzen Kreuzigungsprozess als die Erfüllung vieler Schriftstellen zusammen (Vers 29). In meinem Bibelworkshop über das Leben Jesu habe ich einige dieser Bezüge herausgestellt (https://www.youtube.com/watch?v=zhM4M88c2Ww).
Dass Jesus gekreuzigt worden ist, sagt er explizit erst im nächsten Vers, denn er spricht vom Kreuzesholz, von dem man ihn abnahm.
Das war aber nicht das Ende vom Lied, denn Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Paulus erklärt hier das Unsägliche – der Messias hat den Tod besiegt! Er, der durch die Hinrichtung gemäß Deuteronomium als ein Gottverfluchter galt, wurde von eben jenem wieder ins Leben zurückgeholt!
Paulus erzählt sodann von den mehrfachen Erscheinungen des Auferstandenen in Judäa und Galiläa (vor allem am See). Die Zeugen seiner Auferstehung sind seine Apostel. Und sich selbst zählt Paulus ebenfalls dazu, weil der Auferstandene auch ihm persönlich erschienen ist.
Davon ausgehend stehen die beiden Missionare nun vor den Juden in Antiochia und verkünden das Evangelium Jesu Christi. Es ist eine lange Geschichte der Verheißung, die mit Christus ihren Höhepunkt gefunden hat. Die Schrift hat sich mit ihm und in ihm ganz erfüllt. Das Osterereignis ist dabei der ultimative Moment dieser Erfüllung.
Am Ende des heutigen Abschnitts zitiert Paulus Psalm 2, den wir gleich als Antwortpsalm beten.
Paulus und Barnabas möchten die Menschen mit dem Evangelium Jesu Christi berühren, auf dass auch sie davon begeistert werden und darin die Wahrheit erkennen. Dafür ordnet er Jesu Leben, Wort und Tat in die gesamte Heilsgeschichte Gottes mit seinem auserwählten Volk ein, damit die frommen Juden erkennen, dass alles so kommen musste. Morgen hören wir die Reaktion der Anwesenden. Durch Paulus spricht der Heilige Geist die Menschen im Herzen an. Die Kraft und Weisheit seiner Predigt ist nicht auf seine rhetorischen und theologischen Fähigkeiten zurückzuführen, die natürlich der ganzen Sache förderlich sind (und Gott hat sich auch deshalb den Pharisäer Paulus zum Werkzeug der Heidenmission erwählt), sondern auf Gott selbst. Er möchte alle Menschen an sich ziehen und so rüttelt er heftig an den Herzen jedes Menschen. Wo dieser es aber nicht zulässt oder nicht reagiert, zwingt Gott sich ihm nicht auf. Er versucht es zwar immer wieder, aber zugleich achtet er die Freiheit des Menschen.

Ps 2
6 Ich selber habe meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg.

7 Den Beschluss des HERRN will ich kundtun./ Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.
8 Fordere von mir und ich gebe dir die Völker zum Erbe und zum Eigentum die Enden der Erde.
9 Du wirst sie zerschlagen mit eisernem Stab, wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern.
10 Nun denn, ihr Könige, kommt zur Einsicht, lasst euch warnen, ihr Richter der Erde!
11 Mit Furcht dient dem HERRN, jubelt ihm zu mit Beben.

Nun beten wir diesen am Ende zitierten Psalm. Er bildet zusammen mit Psalm 1 den Rahmen des gesamten Psalters.
In Vers 6 spricht Gott selbst, dass er seinen König für Zion selbst eingesetzt hat. Dies ist wörtlich erst einmal auf den König von Juda zu beziehen, David, den sich Gott selbst ausersehen hat. Gott wird den Menschen vorwerfen, dass sie ihn nicht geachtet haben. Und wir beziehen es im weiteren Sinne und in Erfüllung dieses irdischen Königtums auf Christus, den König des himmlischen Zion, dem Reiche Gottes! Ihn haben die Menschen verkannt, indem sie voller Spott die Kreuzestafel mit dem Vorwurf angebracht haben „König der Juden“, aber nicht geglaubt haben, dass er tatsächlich ein König ist – nicht nur irgendeiner, sondern der König der Könige! Das Königtum Jesu Christi ist ja ein zentrales Thema auch in der Predigt des Paulus in Antiochia.
Eingesetzt auf dem Zion hat Gott wörtlich gesehen zunächst König David, den Typos Christi. Er hat seinen Thron in Jerusalem. Zugleich setzt der Vater Christus ein auf dem Zion der Ewigkeit. Dessen Thron befindet sich zur Rechten des Vaters im Himmelreich. Er ist aber auch eingesetzt als König des Reiches Gottes, das mit der Kirche ansatzweise schon vorweggenommen wird. Dieses angebrochene Königtum wird sich am Ende der Zeiten vollkommen durchsetzen und alle werden den König wiederkommen sehen.
Noch viel mehr als mit David ist Gott der Vater mit seinem Sohn Jesus Christus.
Von ihm kann er wirklich wortwörtlich sagen: „Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.“
Das „Heute“ ist ein entscheidendes Stichwort für die Ewigkeit. Bei Gott gibt es keine Zeit mehr. Diese ist eine irdische Kategorie, die Gott geschaffen hat (siehe Schöpfungsbericht in der Genesis durch die Himmelskörper und das Licht).
Der Sohn ist vor aller Zeit gezeugt worden, nicht geschaffen. Jesus ist wirklich der Sohn Gottes und somit ihm gleich. Das kann kein Geschöpf von sich sagen.
Jesus kann von seinem Vater alles fordern, denn sie sind eins. Gott gibt ihm die Völker zum Erbe. Es meint die heidnischen Völker. Jesus werden sie aber nicht übergeben, um sie zu zerstören, sondern um sie zu Erben des Reiches Gottes zu machen! Er ist gekommen, damit jeder gerettet werde, bis zu den Enden der Erde!
Und wer bis zum Schluss Jesus ablehnt, der wird am Ende wie Ton zerschlagen. Das ist ein Bild für das Gericht Gottes. Gott nimmt die Menschen ernst. Wenn sie sich in aller Freiheit gegen ihn entscheiden, müssen sie die Konsequenzen ihrer Entscheidung tragen. Der eiserne Stab Christi ist ein Code für den Messias. Er wird auch bei den messianischen Verheißungen des Buches Jesaja aufgegriffen. Demnach wird der Messias mit eisernem Zepter herrschen.
Aus dem eisernen Stab wird mit der Zeit das zweischneidige Schwert. Es handelt sich nicht um ein echtes Schwert aus Metall, sondern um das Wort Gottes, das dadurch bildhaft ausgesagt wird. Christus herrscht mithilfe des Wortes Gottes. Was nicht gut ist am Menschen, wird dadurch zerschnitten und das ist schmerzhaft. Es schneidet dabei aber in die Seele ein, nicht in den Körper des Menschen. Das ist das Schmerzhafte daran.
Die Könige und Richter der Erde sollen zur Einsicht kommen und erkennen, dass der eigentliche König und Richter Jesus Christus ist. Er wird sich in seiner vollen Herrlichkeit zeigen am Jüngsten Tag und alle werden es sehen. Dann zerfallen die Königtümer und Richterstühle zu Staub, denn sie sind nichts im Gegensatz zur Herrlichkeit Gottes.
König David hat seinen Wert stets von der Gegenwart Gottes her betrachtet. Er hat sich in seinem Königtum nie überschätzt, sondern ist demütig geblieben vor dem eigentlichen König, der Gott ist. Er hat ihm wirklich mit Furcht gedient. Was er hier am Ende also von den Königen und Richtern verlangt, hat er selbst ganz vorgelebt.
Und doch ist David nur Typos des eigentlichen Königs Jesus Christus. Wenn David schon so vorbildlich war, um wie viel mehr müssen wir das für den Messias sagen!

Joh 14
1 Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!

2 Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?
3 Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.
4 Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.
5 Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen? 6 Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.

Im Evangelium hören wir heute einen Abschnitt aus der ersten Abschiedsrede Jesu. Das Schriftwort ist sehr bekannt und stets sehr aktuell:
„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Jesus sagt dies zu seinen Aposteln im Abendmahlssaal, weil er die vielen Verwirrungen und Angriffe schon vorhersieht, mit denen der Zwölferkreis konfrontiert werden wird. Und dann sollen sie an dem festhalten, was Jesus sie gelehrt hat und was die Heiligen Schriften erfüllt hat. Er spricht dies über die Apostel hinaus auch zu uns. In Zeiten zunehmender Verwirrung sollen auch wir uns nicht ablenken lassen, sondern weiterhin unbeirrt am Glauben festhalten. Antichristliche Lehren werden immer salonfähiger und das besonders Heimtückische – unter dem katholischen Deckmantel wird sehr viel Häretisches verbreitet. Man kann sich auf das Deckblatt „katholisch“ längst nicht mehr verlassen, sondern muss alles auf die Goldwaage legen, wachsam sein, die Gabe der Unterscheidung der Geister haben. Und je tiefer die Wurzeln des Glaubens sind, desto schwieriger wird es für den Widersacher, uns von Gott zu entfernen.
Jesus motiviert seine Apostel und darüber hinaus auch uns damit, dass er zum Vater vorausgeht. Wir werden ihm also folgen dürfen, wenn wir schon hier auf Erden seinen Spuren nachgegangen sind! Beim Vater bereitet er uns schon eine Wohnung. Damit ist ein Platz im Himmelreich gemeint. Und zu gegebener Zeit wird Christus wiederkommen, um die Apostel und alle Erben des Reiches zu sich zu holen. Das alles werden die Apostel noch nicht richtig verstanden haben. Erst mit seiner Auferstehung und Himmelfahrt, spätestens nach der Geistgabe, wird es ihnen aufgegangen sein. Christus ist heimgekehrt zum Vater ins Himmelreich, um am Ende der Tage wiederzukommen. Deshalb haben die ersten Christen bereits in einer Naherwartung gelebt.
Jesus sagt, dass sie den Weg kennen. Doch sie verstehen ihn nicht. Deshalb fragt Thomas nach: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ Was meint Jesus damit? Zu jenem Zeitpunkt hat Jesus seinen Jüngern immer wieder Leidensankündigungen gemacht. Er hat ihnen gesagt, wie leidvoll er sterben, aber am dritten Tage auferstehen würde. Zudem ist all dies in den Heiligen Schriften angekündigt worden. Nicht nur die Apostel, sondern jeder fromme Jude müsste diesen Weg also kennen. Was ihn am Ende widerfahren würde, hat sich sein ganzes Leben hindurch schon gezeigt. Vom Moment seiner Geburt an war er von den Mächtigen dieser Welt unerwünscht und sein Leben wurde bedroht. Nicht nur das Ende, schon sein ganzes Leben zuvor ist ein einziger Sühneweg und Prozess der Erlösung. Er ist der leidende Gerechte aus den jesajanischen Gottesknechtsliedern sein ganzes Leben hindurch!
Doch die Apostel sind wie mit Blindheit geschlagen und so spricht Jesus das entscheidende Wort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Der Weg zum Vater ist die Person Jesu Christi mit seinem ganzen Leben, seinen Worten und Taten. Wenn wir ihn in unserem Leben nachahmen, gehen wir diesen Weg zum Vater. Es ist aber nicht nur eine ethische Frage, sondern eine Sache der gläubigen Annahme. Wenn wir Christus als den Messias gläubig annehmen und die Wahrheit, die er ist, erkannt haben, sind wir auch bereit, ihm auf unserem Lebensweg ganz zu gehorchen. Dann erwartet uns das Leben – das ewige Leben bei Gott!
Jesus ist nicht nur eine Option unter vielen auf dem Weg ins Himmelreich – er ist DER Weg. Es gibt keinen anderen. Nur durch die Christustür hindurch können wir in die Ewigkeit eingehen. Dies hat er schon bei seiner Rede über den guten Hirten verdeutlicht.

Wenn wir in diesem Leben durch die sakramentale Christustür schreiten und so den Christusweg beginnen, dann sind wir schon eingesetzt als Kinder der Familie Gottes. Den Weg nun zu beschreiten ist zugleich eine Sendung. Vergessen wir das nie, wenn wir meinen, einen Umweg gehen zu können oder uns auf halbem Wege niederzulassen, ohne zum Ziel zu kommen.

Ihre Magstrauss

Freitag der 3. Osterwoche

Apg 9,1-20; Ps 117,1.2; Joh 6,52-59

Heute am 1. Mai feiern wir Josef den Arbeiter. Doch in diesen Tagen hören wir aus der Brotrede Jesu, die so wichtig ist, dass wir deshalb die Lesungen des Tages nehmen. Gestern am Fest der Heiligen Katharina haben wir sie ja schon unterbrochen.

Apg 9
1 Saulus wütete noch immer mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohepriester
2 und erbat sich von ihm Briefe an die Synagogen in Damaskus, um die Anhänger des Weges Jesu, Männer und Frauen, die er dort finde, zu fesseln und nach Jerusalem zu bringen.
3 Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte.
4 Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich?

5 Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst.
6 Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst!
7 Die Männer aber, die mit ihm unterwegs waren, standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden.
8 Saulus erhob sich vom Boden. Obwohl seine Augen offen waren, sah er nichts. Sie nahmen ihn bei der Hand und führten ihn nach Damaskus hinein.
9 Und er war drei Tage blind und er aß nicht und trank nicht.
10 In Damaskus lebte ein Jünger namens Hananias. Zu ihm sagte der Herr in einer Vision: Hananias! Er antwortete: Siehe, hier bin ich, Herr.
11 Der Herr sagte zu ihm: Steh auf und geh zu der Straße, die man Die Gerade nennt, und frag im Haus des Judas nach einem Mann namens Saulus aus Tarsus! Denn siehe, er betet
12 und hat in einer Vision gesehen, wie ein Mann namens Hananias hereinkommt und ihm die Hände auflegt, damit er wieder sieht.
13 Hananias antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört, wie viel Böses dieser Mann deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat.
14 Auch hier hat er Vollmacht von den Hohepriestern, alle zu fesseln, die deinen Namen anrufen.
15 Der Herr aber sprach zu ihm: Geh nur! Denn dieser Mann ist mir ein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen.
16 Denn ich werde ihm zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muss.
17 Da ging Hananias hin und trat in das Haus ein; er legte ihm die Hände auf und sagte: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg, den du gekommen bist, erschienen ist; du sollst wieder sehen und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden.
18 Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen und er sah wieder; er stand auf und ließ sich taufen.
19 Und nachdem er etwas gegessen hatte, kam er wieder zu Kräften. Einige Tage blieb er bei den Jüngern in Damaskus;
20 und sogleich verkündete er Jesus in den Synagogen: Dieser ist der Sohn Gottes.

In der Lesung hören wir von der wunderbaren Bekehrung des Paulus/Saulus. In der Osterzeit hören wir ja immer einen Ausschnitt aus der Apostelgeschichte und da ist uns neulich bereits angedeutet worden, dass mit der Tötung des Stephanus gleichsam eine Christenverfolgung in Jerusalem begann. Dort wurde schon gesagt, dass Saulus einen großen Anteil daran hat. Heute hören wir, dass er mittlerweile die Christen im Hl. Land und rings umher verfolgt, weil er meint, Gott damit einen heiligen Dienst zu leisten (vgl. Joh 16,2). Er versucht sogar, mehr Systematik in die Tötung der Christen zu erlangen, indem er beim Hohepriester um Briefe für die Synagogen in Damaskus erbittet, damit auch dort die Christen festgenommen und in Jerusalem verurteilt würden.
Dann passiert etwas, das sein ganzes Leben ändern wird: „Ein Licht vom Himmel umstrahlte“ ihn. Alles, was himmlisch ist, wird von Visionären und Mystikern voller Licht beschrieben. Es ist die Gnade und Herrlichkeit Gottes, die heller ist als jegliches irdische Licht. Deshalb ist die Lichtmetapher auch so verbreitet für den Messias und in den vielen Himmelsvisionen des Alten und Neuen Testaments.
Er stürzt zu Boden, was ebenfalls eine typische Manifestation der Gegenwart Gottes ist. Wir kennen das aus charismatischen Kreisen. Dort fallen auch Menschen zu Boden, weil sie keine Kontrolle mehr über ihren Körper haben. Sie werden nicht ohnmächtig, sondern für einen kurzen Moment gelähmt. Das ist weder etwas Gutes noch etwas Schlechtes, sondern einfach die Reaktion eines schwachen Menschen auf die überwältigende Kraft des Hl. Geistes. Und dann spricht Jesus zu ihm. Er fragt ihn gerade heraus: „Warum verfolgst du mich?“ So ist der Herr. Er konfrontiert uns mit einer Frage, damit wir uns selbst hinterfragen. Er hat dies vor dem Hohen Rat getan, als der Diener des Hohepriesters ihm ins Gesicht geschlagen hat („Warum schlägst du mich?“). Dabei ruft er Saulus auch beim Namen. Dadurch fühlt er sich nicht nur persönlich angesprochen, sondern weiß auch, dass Jesus ihn kennt. Er wird sich in dem Moment ganz und gar durchschaut gefühlt haben.
Auf die Frage hin, wer er sei, antwortet Jesus ihm: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Er sagt nicht: „Ich bin Jesus, dessen Jünger du verfolgst.“ Das ist wichtig. Jesus hat einmal erklärt, dass was wir den geringsten Brüdern getan haben, wir ihm getan haben und umgekehrt. Derjenige, den Saulus also am meisten verletzt, ist Jesus selbst.
Jesus fordert den Christenverfolger auf, nach Damaskus zu gehen, wo ihm alles Weitere aufgetragen werde. Die Begleiter des Saulus müssen total irritiert sein, weil sie Jesu Stimme hören, jedoch nichts sehen.
Sie merken aber, dass etwas passiert sein muss, denn Saulus ist blind. Das Licht der Herrlichkeit Gottes hat ihn so geblendet, dass er nichts sehen kann. Er muss nach Damaskus geführt werden. Insgesamt hat die Begegnung mit Jesus ihre Folgen. Er kann drei Tage weder etwas sehen noch etwas zu sich nehmen. Auch dies ist eine Manifestation des Hl. Geistes. Viele Menschen berichten, dass sie bei Exerzitien oder anderen geistlichen Veranstaltungen kaum etwas essen, weil sie kein Hungergefühl oder keinen Appetit verspüren.
Gott führt daraufhin Saulus mit einem Christen namens Hananias zusammen so wie an anderer Stelle Petrus und Kornelius. Gott bereitet den Jünger darauf vor, dem großen Christenverfolger die Hände aufzulegen, damit er wieder sieht. Er hakt beim Herrn nach, weil er nur Schlimmes von Saulus gehört hat, doch Gott ermutigt ihn. Er kündigt Hananias an, dass Saulus noch ein großes Werkzeug Gottes werden würde. Er wird dabei den Christus nicht nur den „Söhnen Israels“ bringen, sondern gerade den „Völkern“.
Hananias gehorcht dem Herrn und geht zur Unterkunft des Saulus. Er legt ihm die Hände auf, was eventuell schon auf einen sakramentalen Akt hinweist (Hananias ist wahrscheinlich geweiht, also Diakon, Priester oder Bischof). Denn bei der Gabe des Hl. Geistes kann er wieder sehen, steht auf und lässt sich taufen. Dieses „wie Schuppen von den Augen“ können wir mehrfach verstehen. Der Geist Gottes hat ihm die biologischen Augen geöffnet, aber dadurch, dass er sich sofort taufen lässt, müssen auch die Augen seines Glaubens geöffnet worden sein. Er wird erkannt haben, dass er sein bisheriges Leben falsch gelebt hat. Nun kann er auch wieder essen und zu Kräften kommen. Er verbringt noch einige Tage bei der Gemeinde in Damaskus und beginnt sehr schnell mit der Verkündigung Jesu Christi in den Synagogen. Man muss sich vorstellen, wie verwirrt die dort Ansässigen gewesen sein mussten, dass der eifrige Christenverfolger, der ein richtiger Prominenter war, plötzlich FÜR Christus gesprochen hat.
So groß ist Gottes Gnade. Er kann in einem kurzen Moment unser ganzes Leben auf den Kopf stellen und aus dem größten Sünder den begeistertsten Jünger machen. Das Problem ist, dass Menschen das oft nicht anerkennen und immer noch den alten Menschen sehen. Sie haben einen schon längst in eine bestimmte Schublade gesteckt und einen Stempel aufgedrückt. Sie werden einen unter Umständen ewig als diesen alten Menschen betrachten, so als ob man sich nicht ändern könne. Gott ist aber anders. Er sieht immer das Potenzial und möchte dieses immer aus uns herauskitzeln, uns zu echten Diamanten schleifen, zu wunderbaren Werkzeugen seines Heils. Freuen wir uns heute darüber, dass Saulus alias Paulus sich bekehrt hat! Ohne ihn wären wir womöglich gar keine Christen geworden. Die Heidenmission ist größtenteils ja ihm zu verdanken.

Ps 117
1 Lobt den HERRN, alle Völker, rühmt ihn, alle Nationen!

2 Denn mächtig waltet über uns seine Huld, die Treue des HERRN währt in Ewigkeit. Halleluja!

Der heutige Psalm ist sehr kurz. Er besteht aus nur zwei Versen. Er ist betitelt mit „Aufruf an alle Völker zum Lob Gottes“. Genau darin knüpft er an die Bekehrung des Paulus an. Wir, die wir im Grunde zu den sogenannten „Heidenchristen“ gehören, die also nicht zuvor Juden waren, haben allen Grund, Gott zu loben. Er hat Paulus zum Werkzeug der Heidenmission eingesetzt, sodass der Glaube in unseren Breitengraden überhaupt ankommen konnte. Auch wenn er nicht direkt hier gewirkt hat, hat Paulus die Weichenstellungen gesetzt. Hier lesen wir die Aufforderung zum Lob an die heidnischen Völker, das hebräische Wort גֹּויִם gojim wird verwendet.
Gott ist treu. Er hat schon damals mit Paulus an unsere Gotteskindschaft gedacht und alles schon so geplant, dass das Evangelium wirklich allen Geschöpfen verkündet werden konnte. Das ist immer und überall den Hallelujaruf wert!

Joh 6
52 Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?
53 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.
54 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.
55 Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank.
56 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.
57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben.
58 Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.
59 Diese Worte sprach Jesus, als er in der Synagoge von Kafarnaum lehrte.

Nun hören wir die letzten Ausführungen aus der Brotrede Jesu. Die Juden streiten sich, gemeint ist untereinander. Dieser Streit muss in verbalen Auseinandersetzungen bestehen, wie das Wort μάχομαι machomai unter anderem verstanden werden kann. Sonst wird im Johannesevangelium auch gerne gesagt, dass „unter ihnen Spaltung entsteht“. Es gibt viele Zuhörer, die Jesus widersprechen und das nicht annehmen wollen, was er sagt. Sie fragen deshalb ganz verwirrt nach: „Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?“ Jesus könnte jetzt schon einhaken und sagen, dass er es symbolisch meint. Stattdessen setzt er noch einen drauf: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.“ Wir können also nur das ewige Leben haben, wenn wir ihn essen und trinken. Es ist auch logisch: Er ist das ewige Leben und es ist nur in uns, wenn wir es in uns aufnehmen.
Jesus rudert nicht zurück und versucht sich zu erklären, damit die Menschen keinem kannibalistischen Missverständnis aufsitzen. Sie können es noch nicht verstehen, weil Jesus die Eucharistie erst viel später etablieren wird.
Er spricht weiter: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.“ Sein Fleisch und Blut sind für uns existenziell. Wir werden mit unseren Leibern wieder vereint und als neue Schöpfung ewig bei Gott leben in seinem Reich, wenn wir Jesus in uns aufgenommen haben. Auch jetzt sagt Jesus nichts davon, dass er es symbolisch meint.
Im Gegenteil. Er betont noch einmal und stellt klar: „Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank.“ Nichts mit reinem Gedächtnismahl. Er selbst ist es, den wir als wahre Speise und wahren Trank in uns aufnehmen sollen, um das ewige Leben zu haben! Es ist wahre Nahrung für den Leib (also essen und trinken wir es wortwörtlich). Doch sie nährt und tränkt nicht nur den Leib, sondern vor allem auch die Seele des Menschen auf dem Lebensweg bis hin in die Ewigkeit.
Das Essen und Trinken Jesu ist ein Akt, der uns ganz mit ihm vereinigt, so dass er wirklich in uns ist und wir in ihm. Das ist die intimste Begegnung, die wir mit ihm haben können. In ihm zu sein und umgekehrt ist bei Johannes auch immer die Wendung für den Stand der Gnade. Uns werden überreiche Gnaden geschenkt, wenn wir ihn immer wieder in uns aufnehmen. In dieser intimen Vereinigung mit Jesus können wir wirklich durch ihn leben, ihn, den der Vater gesandt hat.
Auch heute lesen wir davon, dass Jesus sich als Himmelsbrot mit dem Manna der Väter in der Wüste vergleicht. Sie sind leiblich gestärkt worden durch dieses Brot, doch irgendwann sind sie gestorben. Ja noch mehr: Sie konnten auch in Ewigkeit nicht leben (das ewige Leben meint das Himmelreich). Sie mussten ausharren, bis das wahre Himmelsbrot kommt, Jesus Christus! Durch ihn würden sie aus dem Exil befreit.
Wer aber dieses Himmelsbrot isst, das auch leiblich stärkt, wird zugleich seelisch am Leben gehalten. Seine Identität als Himmelsbrot führt die Menschen ins Himmelreich.
Wir brauchen dieses Himmelsbrot so sehr, dass wir ohne es das ewige Leben beim Vater nicht haben können. Denn es verhilft uns zu einem Ineinandersein mit Jesus Christus.
Diese Predigt hält Jesus in Kafarnaum und danach werden viele Menschen von ihm weggehen. Sie haben ihn gefeiert, als er sie mit reichlich Brot und Fisch satt gemacht hat. Nun, wo er die Pointe dieser Heilstat erklärt, wollen sie ihm nicht mehr folgen. So ist es bis zum Schluss: Wo Jesus angenehme Sachen predigt, viele Menschen heilt und spektakuläre Wunder vollbringt, kommen die Menschen in Scharen zu ihm. Je mehr es aber um die entscheidenden Dinge geht und je mehr es um Umkehr, Leiden und Opfer geht, desto mehr verringert sich der Kreis um ihn. Je näher er dem Kreuz kommt, desto mehr Menschen wenden sich von ihm ab. Am Ende steht nur ein einziger von zwölf Aposteln unter dem Kreuz und einige Frauen mit der Mutter Jesu.

Wählen wir. Wollen wir zu jenen gehören, die bei Jesus bleiben, solange seine Botschaft unsere Komfortzone nicht überschreitet? Oder sind wir bereit, mit ihm den ganzen Weg bis zum Kreuz auf Golgota zu gehen, um mit ihm gekreuzigt zu werden? Paulus hat gewählt. Nachdem es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen ist, hat er sein restliches Leben ganz hingegeben für die Sendung Jesu Christi. Er hat alles gegeben und ist am Ende hingerichtet Worten für das Evangelium Jesu Christi. Er ist den Weg bis Golgota gegangen. Und auch in seinem Fall sind viele Menschen von ihm weggegangen, als er dieselbe Botschaft Jesu Christi fortgeführt hat. Auch ihn haben die Menschen sehr oft abgelehnt, weil ihnen das Evangelium einfach zu radikal oder unverständlich erschien. Doch er hat weitergemacht, weil er begriffen hat, worum es geht. Bitten wir den Herrn auf die Fürsprache seiner treuen Zeugen um Mut und Standhaftigkeit, auf dass auch wir diesen Weg bis zum Ende gehen können.

Ihre Magstrauss

Montag der Karwoche

Jes 42,5a.1-7; Ps 27,1.2.3.13-14; Joh 12,1-11

Jes 42
So spricht Gott, der HERR:
1 Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Nationen das Recht.
2 Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen.
3 Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht.
4 Er verglimmt nicht und wird nicht geknickt, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf seine Weisung warten die Inseln.
5 So spricht Gott, der HERR, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der dem Volk auf ihr Atem gibt und Geist allen, die auf ihr gehen.
6 Ich, der HERR, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich schaffe und mache dich zum Bund mit dem Volk, zum Licht der Nationen,
7 um blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und die im Dunkel sitzen, aus der Haft.

Wir stehen in der Karwoche. Das bedeutet, die Zeit der Gottesknechtslieder ist gekommen! Heute hören wir in der Lesung aus dem ersten Gottesknechtslied, das in Jesaja 42 zu lesen ist.
Es ist aus der Sicht Gottes formuliert, der den leidenden Gerechten als seinen Knecht proklamiert. Das bedeutet, dass alles, was er über ihn sagt, in der dritten Person geschrieben ist.
„Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze“ – das hebräische Verb אֶתְמָךְ etmach bedeutet „ich stütze“ im Sinne von „ich unterstütze“. Gott ist mit ihm und steht ihm bei.
„Das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen.“ Die Verbform an dieser Stelle ist eigentlich eine Vergangenheitsform (wörtlich heißt es „an ihm fand meine Seele Gefallen“). Wenn wir dies auf Jesus beziehen, den die Kirche jederzeit mit dem leidenden Gottesknecht identifiziert hat, dann erinnern wir uns an die Taufe Jesu. Dort hat Gott ihm zugesagt, dass er sein geliebter Sohn sei, an dem er Gefallen gefunden hat. Dies bedeutet natürlich nicht, dass er zuvor nicht Gottes geliebter Sohn gewesen ist, sondern dass in dieser sehr prophetischen Zeichenhandlung der Taufe vor Johannes und den Anwesenden Gott typische Worte eines jüdischen Vaters spricht, der bei der Beschneidung und Namensgebung ein Kind offiziell als seines annimmt. Es war damals eine Lektion für die Anwesenden, die Taufe Jesu als eine Art Geburt kennen zu lernen. Und auf dieses Ereignis verweist Gott zurück, wenn wir das Lied auf Jesus anwenden. Auch der nächste Satz ist darauf zu beziehen, denn bei der Taufe Jesu kam der Hl. Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab. Der Vater sandte den Geist auf den Sohn herab und so erlebten die Menschen einen Moment der Dreifaltigkeit. Wenn wir dies alles aber zunächst wörtlich verstehen und aus der Sicht des Propheten Jesaja verstehen, dann ist es deshalb in der Vergangenheitsform, weil der Messias, der zukünftig erwartet wird, schon längst existiert. Er ist vor aller Zeit schon von Gott als geliebter Sohn proklamiert worden, der ihn gezeugt hat.
Jesus ist es, der den Nationen (das hebräische Wort für die heidnischen Völker) das Recht bringen wird. Die Verbform ist hier eine Zukunftsform. Jesus wird am Ende der Zeiten als verherrlichter Menschensohn zurückkehren und die Nationen (das heißt also alle Menschen) richten. Er wird Gericht bringen (מִשְׁפָּ֖ט mischpat „Gericht, Urteil“).
„Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen“ – all diese Dinge sind sowohl präsentisch als auch zukünftig interpretierbar. Wenn wir bedenken, dass hier der künftige Messias von Gott selbst angekündigt wird, der diese Worte ja spricht, dann lässt sich die Zukünftigkeit der Aussagen sehr gut nachvollziehen. Er ist so sein, dass er kein großes Drama um sich machen wird. Natürlich wird er Worte sagen, die eine große Durschlagskraft haben. Zugleich wird er wehrlos wie ein Lamm zu gegebener Zeit alles mit sich machen lassen, ohne sich zu wehren oder sich zu beschweren.
„Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ Auch hier handelt es sich wieder um Verbformen, die am ehesten als Zukunftsformen übersetzt werden müssten: Der zukünftige Messias wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den Docht nicht auslöschen. Er wird noch das kleinste Fünkchen Glauben fördern und das kleinste Glimmen wieder zu einer großen Flamme werden lassen, solange er Bereitschaft und Umkehr sehen wird. Er wird nicht wie die Pharisäer und Schriftgelehrten die offensichtlichen Sünder aufgeben und abstempeln. Er wird wirklich das Recht bringen, weil er wie der Gärtner im Weinberg den Feigenbaum noch umgraben und düngen, alles nur Erdenkliche unternehmen wird, um jeder Seele bis zum letzten Augenblick noch die Chance zur Umkehr zu geben. So ist Gottes Barmherzigkeit.
Auch er selbst verglimmt nicht und knickt nicht (beides wiederum zukünftig), bis er das Recht auf Erden begründen wird (auch Zukunftsform). Ja, wir denken schon an Karfreitag, wenn wir die Johannespassion hören werden, in der Jesus am Ende sagen wird: „Es ist vollbracht“. Dann wird sein glimmender Docht ausgehen, aber nur für eine kurze Zeit. Dann wird er das Recht etabliert haben, das sich am Ende der Zeiten aber erst durchsetzen wird.
„Auf seine Weisung warten die Inseln.“ Damit sind die Enden der Erde gemeint und dies bezieht sich auf die universale Sehnsucht nach dem Messias. Wenn dieser dann kommen wird, Jesus Christus, dann wird er wirklich die Weisung bringen, sein Evangelium, das kein anderes ist als die Torah. Er wird sie aber erfüllen und den Bäume zählenden Menschen wieder den gesamten Wald zeigen. Er wird auf das Wesentliche und Entscheidende hinweisen und erklären, worauf es wirklich ankommt. Er wird die Torah aber vor allem verkörpern mit seinem ganzen Leben. Er wird sie ganz vorleben, sodass sie an seiner Person ablesbar wird. Auf diese Weisung, die deshalb „seine“ Weisung ist, warten die Inseln zurzeit des ersten Gottesknechtsliedes, aber wir schauen schon rückblickend darauf. Jesus hat das Evangelium, die frohe Botschaft, für die ganze Menschheit verkündet und vor seinem Heimgang zum Vater seinen Jüngern aufgetragen, dieses universale Heil allen Menschen zu verkünden „bis an die Enden der Erde“, also auch „den Inseln“.
Der Vater hat seinen Sohn aus Gerechtigkeit gerufen – weil Gott uns so sehr liebt, hat er von Anfang an in seinem Heilsplan die Hingabe seines einzigen Sohnes eingeplant. Dieser Messias wird zugleich “ zum Bund mit dem Volk“ (לִבְרִ֥ית עָ֖ם livrit am) und “ zum Licht für die Völker (לְאֹ֥ור גֹּויִֽם le’or gojim). Jesu heilsgeschichtliche Bedeutung ist 1. der Mittler des Neuen Bundes mit dem Volk Israel (am) und 2. ebenso mit den Heiden (gojim)!
Der Gottesknecht, mit dem der Messias gemeint ist, wird Blinden die Augen öffnen – wortwörtlich mit Menschen wie Bartimäus, aber auch im übertragenen Sinne – die Augen des Glaubens mit all denen, die durch seine Worte und Taten zum Glauben an ihn kommen. Dieser Messias wird Gefangene befreien, die im Kerker sitzen. Das meint nicht nur das Volk Israel, das in der babylonischen Gefangenschaft ist, oder später das Volk unter römischer Fremdherrschaft. Es meint die Gefangenschaft der Sünde, die den Menschen in die Dunkelheit reißt, in das Verderben. Jesus ist gekommen, um uns von der Erbsünde zu befreien, damit wir das Himmelreich erben können. Damit uns das ermöglicht wird, geht er selbst in Haft, in die schlimmste Dunkelheit des Todes, nur um diesen zu überwinden am dritten Tag!

Ps 27
1 Von David. Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?
2 Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde; sie sind gestrauchelt und gefallen.
3 Mag ein Heer mich belagern: Mein Herz wird nicht verzagen. Mag Krieg gegen mich toben: Ich bleibe dennoch voll Zuversicht.
13 Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden.
14 Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den HERRN!

Der Psalm greift die Not und das Leiden auf, das der leidende Gottesknecht erfahren wird. Es greift aber auch das Licht des glimmenden Dochts auf, das Leben, das Gott dem Knecht verleihen wird. König David hat diesen Vertrauenspsalm gedichtet, als er selbst in tiefster Not war. Wir lesen hier seine tiefsten Herzensregungen, der mit Gott so innig verbunden war. Umso mehr sind es Worte, die der neue David, der Sohn Davids, Jesus Christus gebetet hat:
„Der HERR ist mein Licht und mein Heil“. Er ist dadurch die Hoffnung, die Wärme und die Orientierung in Zeiten der Trostlosigkeit, der Kälte und der Dunkelheit. Wer auch immer leidet, wird bei Gott Zuflucht finden, so auch der Sohn Gottes selbst. Er kann sich ganz beim Vater bergen und zu ihm hat er in seinem ganzen Leidensprozess von Getsemani an ununterbrochen Kontakt gehalten. Er hatte Todesangst und doch konnte er beten: „Vor wem sollte ich mich fürchten?“ Er wusste, dass trotz der schlimmen Leiden am Ende das Heil Gottes steht, dass der Böses besiegt werden würde.
„Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde; sie sind gestrauchelt und gefallen.“ Die Römer, die Jesu Geißelung ausgeführt haben, sind in einen regelrechten Blutrausch verfallen. Was sie mit ihm getrieben haben, ist total unmenschlich. Die Worte des Fleischverschlingens ist also gar nicht so weit hergeholt…und am Ende sind sie gefallen. Sie haben nicht triumphiert, denn Jesus ist am dritten Tage auferstanden! Aber nicht diese Feinde sind die eigentlichen Gegner: Es ist der Satan mit seinen Gefährten, die Jesus angegriffen haben und am Ende entmachtet worden sind!
„Mag ein Heer mich belagern: Mein Herz wird nicht verzagen.“ Dieses Heer bezieht sich ebenfalls vor allem auf die Heerscharen der unsichtbaren Welt – auf die Welt der Dämonen. Der ganze „Hofstaat“ Satans hat alle Register gezogen, den Sohn Gottes ins Verderben zu bringen mit ständigen Versuchungssituationen, durch die Grausamkeit der durch sie beeinflussten Menschen, durch die Spöttereien und Beleidigungen Gottes, die sie den Menschen eingegeben haben. Dieser geistige Krieg ist es, der hier vor allem zu nennen ist.
Wir lesen diesen Psalm jetzt in der Karwoche vor allem christologisch. Er hat auch wörtlich verstanden eine Bedeutung und diese ist zu allererst zu berücksichtigen. Die christologische Deutung so kurz vor der Passion Christi überlagert für uns in dieser Zeit alles. Und doch vergessen wir natürlich nicht, dass hinter diesem Psalm die Nöte des Volkes Israel stehen, das Heil und das Licht Gottes natürlich mit der messianischen Erwartung erklärt werden muss („Heil“ und der Name „Jesus“ haben im Hebräischen dieselbe Wurzel). Jesus ist das Licht, das die Heiden erleuchtet, wie wir im Gottesknechtslied Jesajas gehört haben. Er ist diese Hoffnung für all jene, deren Leiden vor allem aus der Hoffnungslosigkeit des Exils außerhalb des Paradieses besteht, das durch den ersten Sündenfall auf die gesamte Menschheit gekommen war. Jesus Christus hat durch seine Erlösung die Himmelstür wieder geöffnet und ist somit zum Licht geworden.
Und deshalb kann sowohl das Volk Israel, als auch wir Bundespartner des Neuen Bundes heute beten: „Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Lande der Lebenden.“ Dieses Land ist vor allem das Himmelreich, wo uns wahrlich das ewige Leben erwartet, auch wenn wir physisch sterben. Am Ende der Zeiten wird auch dies wegfallen, sodass wir mit unseren Leibern wieder vereint werden. Schon Jesus kann so beten, denn er schaut die Güte des Vaters nun, während er zu seiner Rechten sitzt. Er ist der Anfang der neuen Schöpfung und so erwartet auch uns das Schauen der Güte Gottes.
„Hoffe auf den HERRN!“ So hat auch David bis zum Schluss seine ganze Hoffnung auf Gott gesetzt, so hat auch Jesus am Kreuz die Hoffnung nicht aufgegeben, selbst wenn es so aussieht wegen seiner Psalmenrezitation (Ps 22 „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen…“). Er hat bis zum Schluss Kontakt zum Vater gehalten und im Sterben einen Psalm gebetet, der am Ende in einen Lobpreis und in Dank umschwingt! Und so dürfen auch wir als österliche Menschen bis zum letzten Atemzug auf den HERRN hoffen, der unsere unerschütterliche Basis ist. Und wenn die ganze Welt den Bach untergeht, wissen wir, das muss so geschehen, denn dann wird der Herr bald wiederkommen!

Joh 12
1 Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte.
2 Dort bereiteten sie ihm ein Mahl; Marta bediente und Lazarus war unter denen, die mit Jesus bei Tisch waren.
3 Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihren Haaren. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt.
4 Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später auslieferte, sagte:
5 Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?
6 Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.
7 Jesus jedoch sagte: Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses aufbewahrt!
8 Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer.
9 Eine große Menge der Juden hatte erfahren, dass Jesus dort war, und sie kamen, jedoch nicht nur um Jesu willen, sondern auch um Lazarus zu sehen, den er von den Toten auferweckt hatte.
10 Die Hohepriester aber beschlossen, auch Lazarus zu töten,
11 weil viele Juden seinetwegen hingingen und an Jesus glaubten.

Heute hören wir die Vorgeschichte des Einzugs in Jerusalem, was wir gestern an Palmsonntag gefeiert haben. Es ist der Tag vor seiner inszenierten Einreise in die Heilige Stadt. Er ist in dem 15 Stadien entfernten Betanien bei seinen Freunden, den drei Geschwistern Marta, Maria und Lazarus, den er von den Toten auferweckt hat.
Wir konzentrieren uns beim Hören dieser Episode immer darauf, was Maria hier tut, was nun auch im Folgenden erklärt wird. Aber zuvor wird noch eine wichtige Information erwähnt, die wir nicht überlesen dürfen! Und zwar geschieht die prophetische Geste Mariens während eines Mahls! Die Anwesenden liegen bei Tisch und Marta bewirtet alle. Und während dieses Mahls kommt nun Maria mit einem Pfund kostbaren Nardenöls (sehr teuer!) zu Jesus, salbt Jesus mit diesem die Füße und trocknet diese dann mit ihren Haaren ab. Es hat eine entscheidende Bedeutung, warum Maria das während des Essens tut. Dazu kommen wir gleich. Zunächst betrachten wir die Reaktion des Judas Iskariot, der hier auf den ersten Blick sehr solidarisch erscheint. Er reagiert auf die Verschwendung, die es in der Tat wirtschaftlich gesehen ist. Ihm geht es gar nicht um die Armen, denen man von dem Preis etwas hätte spenden können, sondern er war habgierig und räuberisch. Als Kassenwart veruntreute er die Einnahmen und sah in dieser Geste einen dicken Fisch davon schwimmen. Sein Herz ist unaufrichtig und Jesus hat es immer mit Schmerz betrachtet.
Auch heutzutage argumentieren viele so, dass wir weniger prunkvolle Gegenstände in der Kirche verwenden und das Ersparte lieber den Armen geben sollten. Der ein oder andere mag damit wirklich aufrichtig um die Armen besorgt sein, manche vielleicht so wie Judas eingestellt sein. Wichtig ist aber: Zuerst kommt die Gottesliebe und dann die Nächstenliebe. Gott steht an erster Stelle und ihm zu Ehre darf man auch etwas investieren. Wenn wir an Gott sparen, wie ist das mit der Gottesliebe vereinbar? Und wenn Gott Mensch geworden ist und zu einer bestimmten Zeit unter den Menschen ist, kann man da wirklich an ihm sparen? Natürlich nicht! Die Armen und Bedürftigen sind ein dauerhaftes Unrecht, das es natürlich zu beseitigen gilt, umso mehr für jene, die sich Christen nennen, aber jede Situation erfordert Prioritäten. Zu Jesu Zeit ist es kurz vor Zwölf. Er ist nur noch eine kurze Zeit bei ihnen, da hat er natürlich die oberste Priorität. In unserer Zeit muss mit Klugheit und Weisheit das Geld verwaltet werden. Und wenn die Kirche einsparen muss, dann an unangemessenem Luxus, nicht an der Liturgie und allem, was allein für den Herrn ist! Dann ist eine Rückbesinnung auf die Einfachheit Jesu und seiner Jünger geboten, was in erster Linie auf ein bescheideneres Leben der Geistlichen in unseren Breitengraden zu beziehen ist, nicht auf die Hostienschale oder den Kelch, in dem Christus selbst gegenwärtig ist!
Jesus sagt selbst, dass er nicht ewig bei ihnen bleiben wird und deshalb nimmt er Marias Denkweise vor seinem Jünger in Schutz.
Nun zur Salbung Mariens. Wir lernen sie kennen als eine kontemplative Frau, die ganz und gar Jesu Worten lauscht, sie in sich aufnimmt und sie betrachtet. Sie erkennt, dass Jesus der Messias ist, an dem sich die ganzen Verheißungen der Hl. Schriften der Juden erfüllt. Sie erkennt auch, dass die logische Konsequenz das Leiden und der Tod sind. Er hat es selbst immer wieder angedeutet, aber aus den Schriften weiß sie auch, dass der Gesalbte mit Füßen zertreten und abgelehnt werden würde. Sie ahnt und versteht bereits, was viele noch längst nicht verstehen – sie versteht sogar mehr als Jesu eigene Apostel: Jesaja, Daniel, Sacharja, die Propheten des AT bringen es schon auf den Punkt, was Jesus in der Hl. Stadt widerfahren wird. Maria weiß, dass Jesus am nächsten Tag dorthin aufbrechen würde. Und deshalb salbt sie ihn, wie man Könige salbt bei ihrem Begräbnis. Sie nimmt dies schon vorweg, was am darauffolgenden Freitagabend geschehen wird, seine Einbalsamierung. Jesus erklärt es sogar eindeutig – er spricht von seinem eigenen Begräbnis.
Maria muss ihr ganzes Wohlhaben geopfert haben, um dieses Öl auf so verschwenderische Weise für Jesus auf einmal auszugeben. Das zeigt ihre absolute Liebe für ihn. Liebe kennt keinen Preis. Liebe ist im wahrsten Sinne verschwenderisch. Sie ist immer in Überfülle. Das sehen wir an Gott, der die Liebe ist. Wenn er uns beschenkt, dann immer im Überfluss. Maria gibt Jesus nur ein wenig davon zurück, was Gott an ihr und an ihrer Familie Gutes getan hat. Sie gibt ihr alles. Und Jesus würdigt das. Er hat ihr Herz dahinter gesehen und er wird die Familie in Zukunft noch viel reicher beschenken, nämlich mit der Erlösung so wie uns alle!
Die Totenerweckung des Lazarus schlägt immer noch hohe Wellen. Es kommen immer wieder Juden zu den Geschwistern nach Betanien und werden Jünger Jesu, weil sie durch diese wunderbare Heilstat gläubig werden. Dies provoziert die religiöse Elite und sie plant sogar, über Jesus hinaus auch Lazarus zu töten, weil durch ihn die Menschen zu Christusgläubigen werden.

Wir gehen immer mehr auf die Passion zu und so werden die Worte Jesu immer mehr zu Abschiedsworten. Jede einzelne Silbe der Hl. Schrift müssen wir demnach in uns aufnehmen wie ein Schwamm. Jede Geste muss sich in unser Gedächtnis einbrennen und sich in unsere Seele eingravieren. Alles wird nämlich österlich gewendet werden und so wird alles Schmerzhafte zum Grund des Triumphes! So wird auch alles Schmerzhafte unseres eigenen Lebens aus dieser österlichen Perspektive an Bedrohlichkeit verlieren. Ich lade Sie herzlich dazu ein, wie Maria alles für Jesu Begräbnis „vorzubereiten“: Schenken Sie ihm ihr Kostbarstes in diesen Tagen. Und dieses Gut ist unsere Zeit, unsere Freiheit, die wir momentan global opfern. Schenken wir ihm einfach alles, was wir haben und geben wir uns ihm ganz hin, auf dass unser alter Mensch mit ihm den Kreuzweg begehen wird, auf dass unser alter Mensch mit ihm auf Golgota gekreuzigt und mit Christus bestattet wird. Am dritten Tag werden wir mit Christus auferstehen, das sind wir durch die Taufe schon sakramental, das sind wir durch die Beichte immer wieder, das werden wir liturgisch und somit mystagogisch auch dieses Mal wieder mit ihm gemeinsam durchleben. Das wird uns wieder stärken und eine neue österliche Hoffnung in dieser akuten Corona-Krise verleihen.

Ihre Magstrauss

Freitag der 5. Woche der Fastenzeit

Jer 20,10-13; Ps 18,2-3.4-5.6-7b.7cdu. 20; Joh 10,31-42

Jer 20
10 Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihn überwältigen und an ihm Rache nehmen können.

11 Doch der HERR steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und können nicht überwältigen. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergesslicher Schmach.
12 Aber der HERR der Heerscharen prüft den Gerechten, er sieht Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen; denn dir habe ich meinen Rechtsstreit anvertraut.
13 Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.

Heute hören wir aus dem Buch Jeremia einen Abschnitt aus der fünften Konfession. Dort beschreibt er die bösen Absichten seiner Gegner, die darauf warten, dass er stürzt. Sie sind es, die ihn verleumden und somit auch Gott. Sie wollen ihn anzeigen und sich an ihm Rächen, weil er immer wieder eine Botschaft verkündet, die sie nicht hören wollen. Jeremia muss wirklich viel für das Wort Gottes leiden und wird somit zum Typos Christi.
Gott lässt ihn nicht allein, genauso wenig wie er seinen eigenen Sohn am Kreuz allein gelassen hat. Er ist „wie ein gewaltiger Held.“ Zwar erweckt er Jeremia nicht zum Leben, doch er sorgt für Gerechtigkeit. Er wird Jeremias Gegnern keinen Segen verleihen und ihre Missetaten auf sie zurücklenken.
Gott prüft den Gerechten, er schaut auf sein Inneres, was mit „Nieren und Herz“ immer gemeint ist. Gott schaut die innersten Regungen des Menschen. Jeremia versteht sein Leiden somit als Prüfung Gottes.
Er vertraut darauf, dass Gott das Unrecht vergelten wird, das dem Propheten widerfährt. Er begründet es damit dass er Gott seinen „Rechtsstreit anvertraut“. Gott ist ein gerechter Richter. Wenn man das Gericht ihm überlässt, erhält jeder Beteiligte ein absolut angemessenes Urteil. Menschliche Gerichte sind dagegen ungerecht, wie Jeremia am Anfang der Lesung ja herausgestellt hat. Er steht für eine gute Sache ein, nämlich für Gottes Botschaft, doch die Menschen möchten ihn anzeigen, vor die Gerichte bringen.
Er vertraut Gott ganz und fordert sogar zum Lobpreis auf: „Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.“ Ja, er wird auch Jesus aus der Hand seiner Übeltäter befreien und ihn über alle anderen erhöhen. Er wird auch uns immer wieder aus den Klauen des Bösen retten, der unsere Seele von Gott wegführen will. Er rettet uns vom seelischen Tod durch die Heilsmittel und schließt dafür den Taufbund mit uns. Er wird uns schließlich auch am Ende der Zeiten retten, wenn alles zusammenbrechen wird. Dann werden wir ein für allemal aus den Fängen des Bösen befreit. Dann werden wir erst recht Gott loben und preisen in Ewigkeit.

Ps 18
2 Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke,
3 HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht.
4 Ich rufe: Der HERR sei hoch gelobt! und ich werde vor meinen Feinden gerettet.
5 Mich umfingen die Fesseln des Todes und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.
6 Mich umstrickten die Fesseln der Unterwelt, über mich fielen die Schlingen des Todes.
7 In meiner Not rief ich zum HERRN und schrie zu meinem Gott, er hörte aus seinem Tempel meine Stimme, mein Hilfeschrei drang an seine Ohren.

Der Psalm stellt einen schönen Lobpreis dar, sozusagen als Fortsetzung und Vertiefung der Lesung.
„Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke“ ist ein typischer Psalmbeginn. Nicht nur die Selbstaufforderung zum Lob ist oft am Anfang zu lesen, sondern auch eine Liebesbekundung oder eine Willenszusage. Gott ist Davids Stärke, dem wir diesen Lobpreis verdanken. All die Siege hat er durch die Stärke des HERRN zustande gebracht. Er hat sich auch nie angemaßt, dass es von ihm selbst komme. Er hat seine Macht und Stärke immer von Gottes Allmacht her gesehen. So können auch wir alles, was wir zustande bringen, auf Gott verweisen, der uns die Kraft gegeben hat. So werden wir nie überheblich und sind Gott immer dankbar für den Beistand, den er uns tagtäglich sendet.
In diesem Sinne ist auch Vers 3 zu verstehen. Gott ist der Fels, die Burg und der Retter. Er ist also auch die Zuflucht, die wir suchen sollen. Wenn wir uns auf Menschen verlassen und erwarten, dass diese uns glücklich machen, werden wir immer unglücklich und unzufrieden sein. Nur Gott kann uns wirklich dauerhaft trösten und beschützen. Er ist wirklich der Verlässliche, der uns entlasten will.
Es gibt keinen unangemessenen Zeitpunkt, Gott zu loben und zu preisen, denn ihm steht es immer zu. „Und ich werde vor meinen Feinden gerettet.“ Gott rettet seine geliebten Geschöpfe wirklich immer aus allen Gefahren. Diese betreffen den ganzen Menschen, nicht nur sein irdisches Dasein. Gott rettet nämlich auch unsere Seele vor dem ewigen Tod, er rettet uns aus dem Zustand der Todsünde, er rettet uns Menschen durch die Taufe. Diese Gefahren sind alle auf ihre Weise die „Fesseln des Todes“ und „die Fluten des Verderbens“. Wir denken zurück an die Sintflut, die die Folge der Sünde der ganzen Menschheit darstellte. Diese Flut bedeckt auch die Sünde der Menschheit bei der Taufe Jesu, als dieser untertaucht. Durch sein Untertauchen ist das Wasser der Wiedergeburt im Hl. Geist für uns zum Heil geworden und nicht mehr bedrohlich. Der Geist Gottes überflutet uns in jeder Hl. Messe, durch die Heilsmittel der Kirche, jedesmal, wenn wir wieder den Stand der Gnade geschenkt bekommen. Dann wird unser Inneres, die Seele als Gefäß, mit den Fluten jenes Wassers gefüllt, sodass wir nicht verdursten in einer Welt der Wüste. Was David also rückblickend schreibt, können wir auf unser Leben vor der Taufe, vor der Versöhnung mit Gott, auf die Menschen vor der Erlösung durch Jesus Christus beziehen – und schließlich auf die gesamte Menschheit in den Wehen der Endzeit, bevor der wiederkommende verherrlichte Menschensohn sie endgültig aus den Schlingen des Todes errettet.
David rief in seiner Not zum Herrn, der ihn aus dem Tempel her erhörte. Dieser Tempel war noch kein fest erbautes Gebäude, sondern das Offenbarungszelt. Auf Jeremia bezogen können wir schon den fest erbauten ersten Tempel hier identifizieren: Gott erhört auch ihn vom Tempel aus, der ja Gottes Wohnstatt auf Erden darstellt. Dieser salomonische Tempel wird jedoch bald zerstört, weil die Israeliten auf die Warnrufe der Propheten wie Jeremia nicht gehört und weiterhin den Baalen Opfer dargebracht haben. Wir können es auch auf Jesus Christus beziehen, der in seiner Todesnot am Kreuz zum Vater geschrien hat. Dieser hat ihn erhört vom Tempel her, der aber nicht nur den herodianischen Tempel Jerusalems meint, sondern vor allem vom Tempel des Leibes Jesu Christi her. Diesen meint Jesus ja auch bei der Tempelreinigung. Vom Tempel her, der nun jede Kirche mit Tabernakel ist, erhört Gott auch auf besondere Weise unsere Rufe, die wir bei ihm in der Eucharistie Zuflucht suchen. Und am Ende der Zeiten wird Gott das Schreien der leidenden Menschen auf Erden vom himmlischen Tempel aus erhören, wenn er in die Geschichte eingreift, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Gott ist unsere Welt nicht egal. Sie ist seine Schöpfung, die er zum Heil führen will. Deshalb zürnt er und reagiert auf das Unrecht – im Kleinen wie im Großen. Das ist uns ein Trost und so dürfen wir auf das Heil am Ende schauen, auch wenn die derzeitige Situation alles andere als gut ist.

Joh 10
31 Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen.
32 Jesus hielt ihnen entgegen: Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?

33 Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.
34 Jesus erwiderte ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?
35 Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann,
36 dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott – weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?
37 Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt mir nicht!
38 Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt! Dann werdet ihr erkennen und einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin.
39 Wieder suchten sie ihn festzunehmen; er aber entzog sich ihrem Zugriff.
40 Dann ging Jesus wieder weg auf die andere Seite des Jordan, an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte; und dort blieb er.
41 Viele kamen zu ihm. Sie sagten: Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, erwies sich als wahr.
42 Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.

Im heutigen Evangelium ist es wieder so, dass die Worte Jesu, die sich aus seiner göttlichen Autorität speisen, die Juden sehr provozieren. So beginnt die Lesung heute mit einem Steinigungsversuch.
Jesus hält den Juden furchtlos entgegen: „Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?“ Das trifft es auf den Punkt. Jesus hat viel verkündet, er hat aber vor allem durch seine Heilstaten überzeugt. Nun fragt er also ganz ironisch, was der Grund für seine Hinrichtung sein soll.
Die Juden entgegnen ihm, dass sie ihn aber nicht wegen der Taten, sondern der blasphemischen Worte steinigen wollen. Diese bestehe in seinem Anspruch, Gottes Sohn zu sein.
Sie haben durch ihre eigenen Worte etwas erkennen lassen: Sie haben die Einheit zwischen Jesu Worten und Werken nicht erkannt. Hätten sie von den Werken auf seine Worte geschlossen, hätte es bei ihnen Klick machen müssen und sie hätten die Erfüllung all der messianischen Verheißungen ihrer Hl. Schriften erkannt. Stattdessen sehen sie rot bei den Worten Jesu, die er mit göttlicher Autorität gesprochen hat.
Jesus verweist daraufhin auf Psalmworte, die von ihrer Formulierung her noch viel provokativer sind, die sie aber als Gotteswort einstufen und nicht abändern. Es geht um Ps 82,6. Da heißt es sogar „ihr seid Götter.“ Dies ist noch viel radikaler als Jesu Worte der Gottessohnschaft.
Bei Psalm 82 geht es um die abgefallenen Israeliten. Sie hätten „Götter“ sein können im Sinne des ewigen Lebens, doch werden wie Menschen sterben, weil sie gesündigt haben. Hier geht es um die Gegenüberstellung von „Gott“ und „Mensch“. Das Ganze ist eingebettet in einen poetischen Rahmen. Psalmensprache ist voll von rhetorischen Stilmitteln, die natürlich nicht wortwörtlich genommen werden kann. Das verstehen die Juden auch, aber im Falle Jesu zeigen sie nicht einmal den Willen, ihn zu verstehen.
Jesus nennt diese Schriftstelle, um herauszustellen: Wenn die Juden schon das Wort Gottes annehmen, selbst wenn solche Bibelstellen von ihrer Sprache her provokativ sind, umso mehr sollten sie das fleischgeworden Wort Gottes annehmen, das direkt vom Vater kommt! Seine Autorität steht doch über dem Buchstaben! Ihn sollten die Juden noch viel mehr gläubig annehmen, doch sie zeigen nicht einmal den Willen, diese scheinbare Provokation zu verstehen. Jesus will sie lehren, doch sie sind unbelehrbar. Lieber greifen sie zu Steinen und machen das fleischgewordene Wort Gottes mundtot.
Jesus versucht, von ihnen wenigstens ein Mindestmaß an Glauben zu erlangen, nämlich dem Glauben seiner Werke. Denn allein schon jene Heilstaten müssten sie erkennen lassen, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, der alles in Einheit mit dem Vater tut.
Es bringt nichts. Die Juden wollen ihm wieder etwas antun und so muss Jesus das Gebiet verlassen. Er geht auf die andere Seite des Jordan, in das Gebiet der Johannestaufe. Dort wirkt er offensichtlich viele weitere Heilstaten, denn die Menschen dort erkennen, dass alle Vorhersagen des Täufers auf Jesus zutreffen. So werden viele der Johannesjünger in jenem Gebiet Jünger Jesu.
Diese Menschen stellen heute ein Positivbeispiel dar. Sie glauben den Werken Jesu im Gegensatz zu den Juden in Jerusalem (mit „Juden“ ist im Johannesevangelium an solchen Stellen oft die religiöse Elite gemeint, die sich aus den Hohepriestern, Ältesten, Pharisäern und Schriftgelehrten zusammensetzt). Sie empfinden Jesu Wirken nicht als blasphemisch, sondern erkennen die Erfüllung messianischer Verheißungen. Sie verstehen mehr von der Hl. Schrift als die eigentlichen Gelehrten. Das ist eine einzige tragische Ironie.

Wie ist es bei uns?

Nehmen wir das Wort Gottes an, auch wenn es Kritik an uns richtet? Uns herausfordert? Uns zur Umkehr aufruft? Nehmen wir es an, wenn Gott uns durch die Propheten heutiger Zeit anspricht? Oder wollen wir sie lieber mundtot machen, weil sie in der Welt einen Störfaktor darstellen, der unsere Komfortzone bedroht?
Schauen wir immer genau hin, denn Gott spricht auch auf unerwartete Weise zu uns. Und jene, auf die wir uns allzu sehr verlassen, könnten uns in die Irre führen. Es gibt viele falsche Propheten und es werden immer mehr. Beten wir um die Gabe der Unterscheidung der Geister und suchen wir in allem immer Zuflucht bei Gott. Vergessen wir auch in unserer heutigen Zeit nie, das der Kern des Evangeliums in der Umkehr besteht und Gott uns aus unserer Not immer heraus hilft, egal was passiert.

Mit diesem Vertrauen dürfen wir auf die Karwoche zugehen.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 5. Woche der in der Fastenzeit

Gen 17,1a.3-9; Ps 105,4-5.6-7.8-9; Joh 8,51-59

Gen 17
1 Als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien der HERR dem Abram und sprach zu ihm:
3 Abram fiel nieder auf sein Angesicht. Und Gott redete mit ihm und sprach:
4 Ich bin es. Siehe, das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern.
5 Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham, Vater der Menge, wird dein Name sein; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt.
6 Ich mache dich über alle Maßen fruchtbar und lasse dich zu Völkern werden; Könige werden von dir abstammen.
7 Ich richte meinen Bund auf zwischen mir und dir und mit deinen Nachkommen nach dir, Generation um Generation, einen ewigen Bund: Für dich und deine Nachkommen nach dir werde ich Gott sein.
8 Dir und deinen Nachkommen nach dir gebe ich das Land, in dem du als Fremder weilst, das ganze Land Kanaan zum ewigen Besitz und ich werde für sie Gott sein.
9 Und Gott sprach zu Abraham: Du aber sollst meinen Bund bewahren, du und deine Nachkommen nach dir, Generation um Generation.

Heute hören wir aus der Genesis den Bundesschluss Gottes mit Abraham. Gott „erscheint“ ihm, auf welche Weise erfahren wir nicht. Wie so oft fällt der „Heimgesuchte“ auf sein Gesicht nieder. So ist es immer, wenn Menschen mit Gott, seinen Boten, mit Übernatürlichem in Kontakt kommen. Es ist deshalb auffällig, dass Maria nicht so reagiert, als der Engel Gabriel ihr die frohe Botschaft überbringt. Dies wird oft mit ihrer Sündenlosigkeit in Verbindung gebracht.
Gott spricht zu Abram, der heute den neuen Namen Abraham erhält, „ich bin es“. Es ist nicht das erste Mal, dass Gott zu ihm spricht. Er hat sich dem Mann zum ersten Mal offenbart, um ihn aufzufordern, von seiner Heimat wegzuziehen. Nun schaut Abraham aber etwas Übernatürliches, was eine neue Stufe der Offenbarung erreicht. Und so bestätigt Gott, dass er es ist.
Gott verheißt ihm, dass er der Stammvater einer Menge von Völkern sein werde. Aufgrund dieser Verheißung heißt er von nun an nicht mehr Abram, was „Der Vater ist erhaben“ heißt, sondern Abraham, was „Vater der Menge“ heißt.
Gott möchte ihn über alle Maßen fruchtbar machen, eine unglaubliche Verheißung für einen in die Jahre gekommenen Mann, dessen Frau unfruchtbar ist! Aber bei Gott ist nichts unmöglich und so wird er zum Typos der Jungfrau Maria. Dies wird uns auch durch den nächsten Satz deutlich, wo es heißt „Könige werden von dir abstammen.“ So ist bei Abraham David, Salomo etc. gemeint, bei Maria ist es ein König, nämlich der einzige ewige König des Gottesreiches!
Gott schließt nicht nur mit Abraham einen Bund, sondern auch mit seinen Nachkommen. Es ist sogar ein ewiger Bund, bei dem Gott den Bundespartnern Gott sein will.
Auch die Gabe des gelobten Landes Kanaan ist Inhalt der Bundesverheißung. Zu jener Zeit wohnt Abraham mit seiner Familie dort als Gast.
Gott stellt ihm diese Dinge nicht einfach in Aussicht, sondern erwartet im Gegenzug, dass Abraham und seine Nachkommen den Bund halten.
Im weiteren Verlauf, den wir heute nicht mehr hören, führt Gott als äußere Zeichen des Bundesschlusses die Beschneidung ein. Sie soll ihm als Zeichen dienen für alle nachfolgenden Generationen.
Uns wird heute wirklich klar, dass dieser Alte Bund, den Gott mit Abraham geschlossen und zu späterer Zeit immer wieder erneuern wird, weiterläuft. Der Bundesschluss, der von Zeit zu Zeit ausgeweitet wird, läuft wirklich ewig weiter und so dürfen wir nicht sagen, dass die Juden mit dem neuen Bundesschluss aus dem Heilsplan Gott herausgefallen seien. Das ist unbiblisch und das ist auch nicht Lehre der Kirche.

Ps 105
4 Fragt nach dem HERRN und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit!
5 Gedenkt der Wunder, die er getan hat, seiner Zeichen und der Beschlüsse seines Munds!
6 Ihr Nachkommen seines Knechts Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat.
7 Er, der HERR, ist unser Gott. Auf der ganzen Erde gelten seine Entscheide.
8 Auf ewig gedachte er seines Bundes, des Wortes, das er gebot für tausend Geschlechter,
9 des Bundes, den er mit Abraham geschlossen, seines Eides, den er Isaak geschworen hat.

Der heutige Psalm reflektiert wie so oft die Geschehnisse der Lesung. Der heutige Ausschnitt besteht aus mehreren Aufforderungen zu einem bestimmten Verhalten. Das macht ihn paränetisch:
„Fragt nach dem HERRN und seiner Macht“ – die hebräische Verbform דִּרְשׁ֣וּ dirschu ist eigentlich mit „suchet, forscht“ zu übersetzen. Es geht also darum, in allem immer den Herrn zu suchen.
„Sucht sein Angesicht allezeit!“- auch בַּקְּשׁ֖וּ baqschu kann mit „suchen“ übersetzt werden, aber auch mit „wollen, begehren, bitten“. Beide Sätze sagen etwas Ähnliches aus und sind ähnlich strukturiert, was wir Parallelismus nennen. Dem Menschen soll es immer nach dem Angesicht Gottes verlangen. Es umschreibt, was mit dem Sch’ma Israel zusammengefasst wird (Dtn 6,4ff.), die absolute Gottesliebe und deshalb das stete Interesse daran, ihn besser zu verstehen. Es geht daran, das Herz an ihn zu hängen.
So wie wir schon oft gebetet haben, ergeht auch hier die Aufforderung an uns, Gottes Heilstaten nie zu vergessen („Gedenkt der Wunder, die er getan hat…“). So werden wir nie undankbar und auch nie etwas für selbstverständlich nehmen, was Gott uns schenkt.
In Vers 6 erkennen wir einen Bezug zur Lesung, wo nämlich die Nachkommen Abrahams, die ihm heute in Gen 17 verheißen worden sind, direkt angesprochen werden. Auch wir sind dazu zu zählen. Auch wir sollen uns angesprochen fühlen mit diesen Worten. Wir denken der großen Taten Gottes mit dankbarem Herzen in jeder Eucharistie. Wir beten jeden Tag die Psalmen und loben Gott darüber hinaus mit Hymnen und anderen Lobliedern.
Gott ist der Herrscher des Alls und deshalb gilt, was er entscheidet. Alles ist seinem universalen Heilswillen unterworfen, was auch für uns sehr tröstlich ist! Das bedeutet nämlich, dass auch der Böse nur so viel anrichten kann, wie Gott zulässt. Sobald das Ende der Zeiten erreicht ist, wird Gott ihm sofort und ganz ohne Mühe Einhalt gebieten. Er wird den Bösen für immer zerstören und wir werden nie wieder leiden müssen.
Gott ist der Treue, der es wirklich ernst meinte, als er den Bund mit Abraham ewig nannte. Die tausend Geschlechter, die hier genannt werden, sind eine symbolische Zahl, sodass wir nicht anfangen müssen, Geschlechter auszurechnen. Es ist ein Code, der eine sehr lange Zeit umschreibt und im poetischen Kontext der Psalmen als Stilmittel fungiert.
Gott hält seine Versprechen und so dürfen wir gläubig ausharren, bis der verherrlichte Menschensohn wiederkommen wird am Ende der Zeiten. Er hat uns ja versprochen, dass er uns reich belohnen werde, wenn wir bis zum Schluss standhaft und wachsam gewesen sind. Und wenn es in unserem Leben schwer wird, trägt er uns hindurch, der vor dem Heimgang zum Vater sagte: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Joh 8
51 Amen, amen, ich sage euch: Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht schauen.

52 Da sagten die Juden zu ihm: Jetzt wissen wir, dass du von einem Dämon besessen bist. Abraham und die Propheten sind gestorben, du aber sagst: Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht erleiden.
53 Bist du etwa größer als unser Vater Abraham? Er ist gestorben und die Propheten sind gestorben. Für wen gibst du dich aus?
54 Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst verherrliche, ist meine Herrlichkeit nichts. Mein Vater ist es, der mich verherrlicht, er, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott.
55 Doch ihr habt ihn nicht erkannt. Ich aber kenne ihn, und wenn ich sagen würde: Ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte an seinem Wort fest.
56 Euer Vater Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich.
57 Die Juden entgegneten: Du bist noch keine fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben?
58 Jesus erwiderte ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich.
59 Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und verließ den Tempel.

Im Evangelium hören wir heute den Schluss des achten Kapitels, das zum langen Streitgespräch Jesu mit den Juden in Jerusalem gehört.
Jesus verheißt den Juden hier, dass sie „ewig den Tod nicht schauen“ werden, wenn sie an seinem Wort festhalten. Dies sagte er bereits gestern schon zu den gläubig gewordenen Juden. Er meint damit den seelischen Tod, der die Hölle ist. Wer am Wort Jesu festhält, hält an ihm als Person fest. Erstens ist er nämlich das fleisch gewordene Wort Gottes, zweitens ist sein verkündetes Evangelium ganz und gar mit seiner Person verknüpft. Alles, was er verkündet hat, hat er auch gelebt.
Die Juden, die ihn nicht annehmen wollen und verstockt sind, ziehen aus seinen Worten erneut einen Fehlschluss. Sie unterstellen ihm Besessenheit. Sie erkennen leider nicht die messianische Codesprache, die er immer wieder an den Tag legt. Das ist so ironisch, da sie die Hl. Schriften eigentlich am besten studiert haben. In der jüdischen Tradition gibt es bereits Überlegungen zu einem Leben nach dem Tod. Einige jüdische Gruppierungen glauben an die Auferstehung. Das alles interessiert die Gegner Jesu aber nicht, denn sie suchen vielmehr nach einem Grund, Jesus anklagen zu können.
Anhand ihrer Reaktion erkennen wir, dass sie das ewige Leben auf das irdische Dasein beziehen und deshalb von einer Besessenheit ausgehen. Die Heilsgestalten des Alten Testaments, die für sie die höchsten Autoritäten darstellen, sind ja verstorben. Sie empfinden es als Gotteslästerung und Größenwahn, dass Jesus sich höher stellt als Abraham und die Propheten.
Jesus stellt klar, dass er sich nicht selbst verherrlicht. Es handelt sich bei seinen Worten nicht um Selbstlob, was seine Herrlichkeit ja entkräften würde. Stattdessen verherrlicht der Vater ihn. Wir erkennen an dieser Stelle, dass es eine prophetische Aussage ist. Verherrlichen wird der Vater ihn vollkommen erst nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt. Doch jetzt schon ist es immer wieder ansatzweise zu erahnen – von der Taufe bis hin zu Kreuz und Auferstehung.
Er sagt den Juden noch einmal zu, was er im Abschnitt von gestern bereits gesagt hat: Sie haben den Vater nicht erkannt, sonst würden sie die Signale erkennen, die Jesus aussendet. Er offenbart den Vater und kennt ihn im Gegensatz zu den Juden. Er ist ja eins mit dem Vater, was unvergleichlich ist mit dem intensivsten und ausführlichsten Bibelstudium, durch das man nur einen kleinen Funken von Gott verstehen kann. Gott übersteigt den Buchstaben bei weitem! Und die Gegner Jesu, die eigentlich schriftgelehrt sein sollten, sind es ja eben nicht. Sie erkennen nicht mal die Erfüllung messianischer Verheißungen durch Jesus.
Jesus sagt, dass ihre hohe Autorität Abraham den Tag ersehnt hat, dass die Erlösung komme. Und nun jubelt er, weil Gott Mensch geworden ist in Jesus Christus. Die Übersetzung ist in Vers 56 ist etwas missverständlich, weil sie aus Vergangenheitsformen besteht. Die grammatikalische Form der Verben ist der sogenannte Aorist. Er drückt keine bestimmte Zeit, sondern einen Aspekt aus: Aspekte können ein punktuelles Geschehen, ein Zeitraum, ein immer wiederkehrendes Geschehen sein etc. Diese können zu jeder Zeit passieren, sodass wir hier genauer übersetzen sollten: „Abraham jubelt, weil er meinen Tag sieht“ – mit Tag kann die Menschwerdung Christi gemeint sein, aber vor allem der Tag der Auferstehung, die nämlich sein ewiges Leben bei Gott ermöglichen würde. Er wartete wie alle anderen Gerechten des Alten Testaments auf die Erlösung, damit die Tür zum Paradies sich öffne. Ebenso ist der zweite Satz zu übersetzen: „Er sieht ihn und freut sich“. Alles geschieht ja zum Zeitpunkt, als Jesus diese Worte spricht. Er wandelt als Mensch und vollbringt den Willen Gottes, bis er alles am Kreuz vollbracht hat. Statt einer normalen Gegenwartsform wird der Aorist gewählt, damit eben kein Zeitraum, sondern eine punktuelle Tätigkeit betont wird. Abraham freut sich in dem Augenblick der Erlösung! Den Aoristen kann man auch ingressiv verstehen. Das heißt er markiert den Anfang einer Tätigkeit: Abraham kann sich vom Zeitpunkt der Erlösung und schon zuvor mit der Menschwerdung Jesu Christi freuen, weil er endlich die Herrlichkeit Gottes schauen darf!
Alls das ist den Juden egal. Sie verstehen Jesu Wort überhaupt nicht, sondern sind noch verwirrter und fragen Jesus, wie er in seinen jungen Jahren schon den seit Jahrtausenden toten Abraham gesehen haben will. Da sagt Jesus eine tiefe Wahrheit, die sie aber wiederum provoziert: „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich.“ Da steht nicht „war ich“, sondern tatsächlich „bin ich“. Auch im Griechischen steht es so (εἰμί eimi). Jesus ist Gott, er ist nicht an eine Zeit gebunden. Er ist ewig und so gibt es bei Gott kein gestern, heute oder morgen. Diese Worte spricht Jesus als Gott, nicht als Mensch. Denn als Mensch ist er ja an Zeiten gebunden. Er ist ja in die Weltgeschichte hineingeboren. Als Gott ist er in der Ewigkeit, die ein einziges Jetzt, ein einziges Heute ist. Jesus will damit sagen, dass noch bevor Abraham geborgen wurde, er schon ist – nämlich als Gott. Er drückt hier seine Präexistenz aus, also seine Existenz schon vor seiner Menschwerdung. Dies ist von einigen häretischen Gruppen bereits in der frühen Kirche bestritten worden, die Jesu Gottheit geleugnet haben.
Die Worte sind höchst provokativ für die Juden. Schon greifen sie nach Steinen, um Jesus gemäß dem mosaischen Gesetz zu steinigen. Doch dieser verlässt den Ort, sodass sie ihn noch nicht umbringen können. Seine Zeit ist noch nicht gekommen.
Jesus hat keine Angst, Dinge zu sagen, die die Menschen in Rage versetzen. Er steht mit seinem Leben für die Wahrheit ein, die er ist. Davon können wir uns wirklich eine Scheibe abschneiden, wenn wir über unsere heutige kirchliche Verkündigung nachdenken. Was überwiegt bei uns? Die Gottesfurcht oder vielmehr die Menschenfurcht? Trauen wir uns, zu verkünden, was die Menschen von heute wütend macht, weil sie das Wort Gottes nicht in sich aufnehmen?

Jesus ist Gott und er steht weit über Abraham, der nur ein Mensch war. Gott hat sein Versprechen gehalten und so stammt von Abraham eine Masse von Menschen ab! Gott hat auch zur Zeit Jesu sein Versprechen gehalten, die Menschen zu erlösen. Er hat somit auch Abraham die ersehnte Rettung erwirkt. Er tut es auch für uns heute und wird es auch am Ende der Zeiten tun, wenn er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird.

„Ehe Abraham wurde, bin ich.“ Auch ehe wir geboren sind, ist Jesus schon, ist Gott schon. Er hat uns schon geliebt, bevor wir geboren wurden. Er hatte schon den Heilsplan für uns bereit, bevor wir die Bühne dieser Welt betreten haben! Das ist ein Grund zum ewigen Lobpreis!

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 5. Woche der Fastenzeit

Dan 3,14-21.49.91-92.95; Dan 3,52.53.54.55.56; Joh 8,31-42

Dan 3
14 Nebukadnezzar sagte zu ihnen: Ist es wahr, Schadrach, Meschach und Abed-Nego: Meinen Göttern dient ihr nicht und das goldene Standbild, das ich errichtet habe, verehrt ihr nicht?
15 Nun, wenn ihr bereit seid, sobald ihr den Klang der Hörner, Pfeifen und Zithern, der Harfen, Lauten und Sackpfeifen und aller anderen Instrumente hört, sofort niederzufallen und das Standbild zu verehren, das ich habe machen lassen, ist es gut; verehrt ihr es aber nicht, dann werdet ihr noch zur selben Stunde in den glühenden Feuerofen geworfen. Wer ist der Gott, der euch retten könnte aus meiner Hand?
16 Schadrach, Meschach und Abed-Nego erwiderten dem König Nebukadnezzar: Wir haben es nicht nötig, dir darauf zu antworten:
17 Siehe, unser Gott, dem wir dienen, er kann uns retten. Aus dem glühenden Feuerofen und aus deiner Hand, König, wird er uns retten.
18 Und wenn nicht, so sei dir, König, kundgetan, dass wir deinen Göttern nicht dienen und das goldene Standbild, das du errichtet hast, nicht verehren.
19 Da wurde Nebukadnezzar wütend; sein Gesicht verzerrte sich vor Zorn über Schadrach, Meschach und Abed-Nego. Er ließ den Ofen siebenmal stärker heizen, als man ihn gewöhnlich heizte.
20 Dann befahl er, einige der stärksten Männer aus seinem Heer sollten Schadrach, Meschach und Abed-Nego fesseln und in den glühenden Feuerofen werfen.
21 Da wurden die Männer, wie sie waren – in ihren Mänteln, Röcken und Mützen und den übrigen Kleidungsstücken – gefesselt und in den glühenden Feuerofen geworfen.
49 Aber der Engel des HERRN war zusammen mit Asarja und seinen Gefährten in den Ofen hinabgestiegen. Er trieb die Flammen des Feuers aus dem Ofen hinaus
91 Da erschrak der König Nebukadnezzar; er sprang auf und fragte seine Räte: Haben wir nicht drei Männer gefesselt ins Feuer geworfen? Sie gaben dem König zur Antwort: Gewiss, König!
92 Er erwiderte: Ich sehe aber vier Männer frei im Feuer umhergehen. Sie sind unversehrt und der vierte sieht aus wie ein Göttersohn.
95 Da rief Nebukadnezzar aus: Gepriesen sei der Gott Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos. Denn er hat seinen Engel gesandt und seine Diener gerettet. Im Vertrauen auf ihn haben sie lieber den Befehl des Königs missachtet und ihr Leben dahingegeben, als dass sie irgendeinen anderen als ihren eigenen Gott verehrten und anbeteten.

Heute hören wir aus dem Buch Daniel davon, wie die Freunde Daniels verbrannt werden sollen. Das ganze Geschehen findet zur Zeit des babylonischen Exils statt. Der Babylonierkönig Nebukadnezzar hat ein Standbild anfertigen lassen und erwartet von allen Bewohnern seines Reiches dessen uneingeschränkte Anbetung. Er erwartet dies auch von den dort lebenden Juden. So wird ihm schnell zugetragen, als die Freunde Daniels Schadrach Meschach und Abed-Nego seinem Befehl nicht Folge leisten, auch die babylonischen Götter nicht verehren.
So werden sie ihm vorgeführt und er stellt sie vor die Wahl: Entweder sie führen beim Schall der Anbetungsmusik die Proskynese vor dem Standbild aus oder sie müssen im glühenden Feuerofen sterben.
Ohne zu zögern erwidern die drei Männer dem König, dass ihr Gott sie aus der Hand des Königs und aus dem Feuerofen erretten werde, wenn es sein Wille ist. Andernfalls sei es ein Zeichen für den König, dass das Sterben besser sei als der Hochverrat an ihrem Gott.
Nebukadnezzar wird wütend und lässt den Ofen übermäßig stark heizen, nämlich siebenmal stärker als sonst. Dann werden die drei Männer komplett bekleidet in den Ofen geworfen, wo sie aber nicht verbrennen, sondern frei umhergehen. Auch sieht der König über die drei Männer hinaus noch eine Engelsgestalt im Ofen („sieht aus wie ein Göttersohn“). Wir müssen es uns so denken, dass Gott den Männern einen beistehenden Engel gesandt hat, der sie in dieser Notlage unterstützt. So ist der Herr. Wenn wir ihm zuliebe unseren Kopf hinhalten, dann lässt er uns nicht im Stich, sondern gibt uns die Kraft durchzuhalten.
Dieses Zeichen der Unbeschadetheit und auch der vierten Person lässt den König zur Einsicht kommen, dass der Gott der Juden stärker ist. Er ruft ihm sogar einen Lobpreis aus! So ist er zum Anbeter geworden und nicht die drei Freunde Daniels.
Das ist höchstaktuell. Wenn wir Einflüsse anderer Religionen um uns herum bemerken, heißt das nicht, dass wir irgendwen hasserfüllt behandeln oder sogar verfolgen sollen. Dennoch sollen wir bei allem friedlichen Zusammenleben bei unserem Glauben bleiben und auch offen bekennen. Wir können nicht um des friedlichen Zusammenlebens willen unseren eigenen Glauben aufgeben und unseren Gott betrügen, dem wir durch die Taufe die Treue versprochen haben. Und wenn es ernst wird, sollen wir ihn bis aufs Blut bezeugen – unser eigenes Blut! Diese Hingabe wird die anderen so sehr berühren, dass sie Gott die Ehre geben werden. Das ist die größte Mission, die es gibt. Dann wird der Andere durch unsere konsequent gelebte Liebe positiv beeinflusst. So soll es sein und nicht die nachlassende Liebe des Christen mit falschen Kompromissen.

Dan 3
52 Gepriesen bist du, HERR, du Gott unserer Väter, gelobt und gerühmt in Ewigkeit. Gepriesen ist dein heiliger, herrlicher Name, hochgelobt und verherrlicht in Ewigkeit.
53 Gepriesen bist du im Tempel deiner heiligen Herrlichkeit, hoch gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.
54 Gepriesen bist du, der in die Tiefen schaut und auf Kerubim thront, gelobt und gerühmt in Ewigkeit.
55 Gepriesen bist du auf dem Thron deiner Herrschaft, hoch gerühmt und gefeiert in Ewigkeit.
56 Gepriesen bist du am Gewölbe des Himmels, gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit.

Statt eines Psalms beten wir heute als Antwort auf die Lesung einen Ausschnitt aus dem Lobpreis der Männer im Feuerofen. Dieses kraftvolle Gebet ist es, das die Männer vor den Flammen gerettet hat zusammen mit ihrem unerschütterlichen Gottvertrauen:
Die Verse beginnen jeweils mit „gepriesen bist du“ und enden mit Wendungen wie „gerühmt und verherrlicht in Ewigkeit“ oder „gelobt und gerühmt in Ewigkeit“. Der Abschluss mit dem Begriff der Ewigkeit ist eine gängige Abschlussformel jüdischer Gebete. Im heutigen Abschluss preisen die Männer den Gott ihrer Väter, der an verschiedenen Orten gedacht wird, also als allpräsenten Gott: Er ist gepriesen im Tempel der heiligen Herrlichkeit. Das ist sehr tiefsinnig. Historisch-wörtlich ist es auf den ersten Blick ausgeschlossen, denn zur Zeit, als die Männer im Feuerofen Lobpreis machen, ist der Tempel in Jerusalem zerstört. Es gibt also keinen Tempel mehr auf Erden, in dem Gottes Herrlichkeit wohnt. Wenn wir aber einen zweiten Blick darauf werfen und in der Originalsprache lesen (dieser Lobpreis ist nur auf griechisch verfasst, nicht auf Hebräisch), dann sehen wir ein Partizip für „gepriesen sein“. Partizipien dienen der Zeitlosigkeit bzw. übergreifenden Zeitspanne. So ergibt ihr Lobpreis auch auf wörtlicher Ebene Sinn, denn es spielt keine Rolle, ob der Tempel jetzt gemeint ist oder der vergangene oder zukünftige Tempel, den sie sich als Juden natürlich erhofft haben. Über diesen wörtlichen Sinn hinaus lesen wir hier schon die christologische Bedeutung. Wir erkennen den Einfluss des Hl. Geistes bei den Worten der Männer: Gepriesen sei Gott, der im Tempel seiner Herrlichkeit Mensch geworden ist! Dieser Tempel ist die Jungfrau Maria und so ist es ein Lobpreis an Christus. Wir lesen es auch ekklesiologisch weiter als Preisung der Gegenwart Gottes im allerheiligsten Sakrament. Die Kirche wird somit zum neuen „Tempel seiner Herrlichkeit“. Es liest sich auch moralisch als Lobpreis Gottes, der in uns wohnt, nämlich im Tempel der Herrlichkeit unserer Seele! Und schließlich wird es im Feuerofen der Endzeit, wenn der Antichrist auf dem Höhepunkt seiner Macht sein wird, aber nichts ausrichten kann, der letzte Lobgesang irdischer Bedrängnis. Dann werden wir Gott preisen, der im himmlischen Tempel seiner Herrlichkeit wohnt.
Die Männer preisen Gott auch als den, der auf die Tiefen schaut und auf Kerubim thront. Gott ist nicht einfach irgendwo weit weg und gleichgültig unserer irdischen Bedrängnis gegenüber. Er ist ein solidarischer Gott, der tagtäglich zürnt, wie wir vor einigen Tagen bedacht haben – ja, er reagiert auf jede Ungerechtigkeit auf die angemessenste Weise. Er hört jeden Klageschrei seiner geliebten Kinder und er begleitet sie auf all ihren Wegen. Und doch ist er der Höchste, der auf Kerubim thront. Das ist ein Bild für seine Herrschaft. Sie sind es, die ihn ohne Ende preisen und ihn deshalb bildhaft gesprochen auf den Thron heben. Dieses Bild schauen viele Propheten im Alten Testament und es wird auch in der Johannesoffenbarung aufgegriffen, wo die Engelscharen Gott ohne Ende loben und preisen.
„Gepriesen bist du auf dem Thron deiner Herrschaft“ – auch hier könnten wir uns stundenlang aufhalten. Es meint nicht nur Gott, der Himmlische, der auf dem Thron sitzt. Es meint auch den Thron der Herrschaft, den Jesus mit seiner Menschwerdung, seinem Leiden, Tod und seiner Auferstehung bestiegen hat. Wir beten im Glaubensbekenntnis, dass Jesus zur Rechten Gottes des Vaters sitzt und von dort wiederkommen wird zu richten die Lebenden und die Toten. Er ist es, der auch in unserem Leben auf dem Thron sitzt, da wir mit ihm den Taufbund eingegangen sind. Er ist die Nummer eins in unserem Leben, so herrscht er dort als König. Und wenn wir im Stand der Gnade sterben, werden wir vor Gottes Thron kommen, um auf ewig dort zu bleiben. Dann wird dieser Lobpreis unsere dauerhafte Tätigkeit sein.
„Gepriesen bist du am Gewölbe des Himmels“ – Gott ist zunächst der ganz Andere. Er ist Geist. Er ist transzendent. Für die Juden ist das ganz wichtig und so grenzt Gott sich von den Götzen der anderen Völker ab. Diese sind Geschöpfe oder bestehen aus geschaffenem Material wie Holz, Stein, Gold, Silber etc. Sie sind Teil der Schöpfung und stehen nicht über ihr. So entlarven sie sich selbst als Götzen, als Nichtigkeiten. Als der Mensch soweit war, diese absolute Transzendenz zu verstehen, ist Gott Mensch geworden. Ein neues Kapitel hat sich aufgetan, sodass Gott, der ganz und gar von seiner Schöpfung verschieden ist, sich ganz klein gemacht hat. Er wollte bei den Menschen wohnen und so um seine Braut werben. Als er alles vollbracht hat, ist er mit Leib und Seele heimgekehrt zum Vater.
Der heutige Lobpreis ist sehr tiefgründig und auch nur ein kleiner Abschnitt. Es lohnt sich, einmal das gesamte Gebet zu betrachten und auch regelmäßig zu beten! Es ist ein kraftvolles Gebet zur Abwehr des Bösen auch in heutiger Zeit!

Joh 8
31 Da sagte er zu den Juden, die zum Glauben an ihn gekommen waren: Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger.
32 Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.
33 Sie erwiderten ihm: Wir sind Nachkommen Abrahams und sind noch nie Sklaven gewesen. Wie
kannst du sagen: Ihr werdet frei werden?
34 Jesus antwortete ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wer die Sünde tut, ist Sklave der Sünde.
35 Der Sklave aber bleibt nicht für immer im Haus; nur der Sohn bleibt für immer.
36 Wenn euch also der Sohn befreit, dann seid ihr wirklich frei.
37 Ich weiß, dass ihr Nachkommen Abrahams seid. Doch ihr sucht mich zu töten, weil mein Wort in euch keine Aufnahme findet.
38 Ich sage, was ich beim Vater gesehen habe, und ihr tut, was ihr von eurem Vater gehört habt.
39 Sie antworteten ihm: Unser Vater ist Abraham. Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr Kinder Abrahams wärt, würdet ihr die Werke Abrahams tun.
40 Jetzt aber sucht ihr mich zu töten, einen Menschen, der euch die Wahrheit verkündet hat, die ich von Gott gehört habe. So hat Abraham nicht gehandelt.
41 Ihr vollbringt die Werke eures Vaters. Sie entgegneten ihm: Wir stammen nicht aus Unzucht, sondern wir haben nur den einen Vater: Gott.
42 Jesus sagte zu ihnen: Wenn Gott euer Vater wäre, würdet ihr mich lieben; denn von Gott bin ich ausgegangen und gekommen. Ich bin nicht von mir aus gekommen, sondern er hat mich gesandt.

Das heutige Evangelium setzt an dem gestrigen an. Wir hören die Fortsetzung des Streitgesprächs Jesu mit den Juden in Jerusalem, nachdem er einen Mann von seiner Lähmung geheilt hat.
Gestern sprach er über seine eigene Erhöhung und so kamen viele Menschen zum Glauben an ihn durch den sich schließenden Kreis.
Heute spricht Jesus jene gläubig gewordenen Menschen an: „Wenn ihr in meinem Wort bleibt, seid ihr wahrhaft meine Jünger.“ Sie sind zu seinem Wort gekommen, aber das kann nicht das Ende sein. Sie müssen diese Beziehung nun aufrechterhalten. Es ist ein Aufruf zu einem Leben der treuen Nachfolge. Sein Wort ist er selbst, das fleischgewordene Wort Gottes. In ihm zu bleiben ist johanneische Sprache für den Stand der Gnade. Seine Jünger sind auch wir heute nicht nur dadurch, dass wir getauft sind, sondern dass wir diesen Taufbund treu leben. Denn die Erbschaft der Taufe können wir durch ein unwürdiges Leben wieder verspielen.
„Dann werdet ihr die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch befreien.“ – Dieser Vers ist so tiefgründig und vielschichtig, dass wir an dieser Stelle betrachtend einhalten müssen: Jesus spricht dies zu den gläubig gewordenen Juden. Sie werden dies zukünftig tun, obwohl sie ja jetzt schon die Wahrheit erkannt haben, sonst wären sie nicht gläubig geworden. In Zukunft werden sie es noch anders tun, nämlich bei der Taufe, die sie empfangen werden, wenn Jesus zum Vater heimgekehrt und seine Kirche durch den Hl. Geist zum Leben erweckt hat. Dann wird diese Wahrheit, die sie auf noch umfassendere Wahrheit erkennen, nämlich wenn Jesus gestorben und wieder auferstanden ist, wenn sie die Osterbotschaft als die Wahrheit erkennen werden. Dann werden sie sie gläubig annehmen und sich taufen lassen. Durch diesen sakramentalen Bundesschluss wird die Wahrheit, die Jesus selbst ist, die Getauften befreien – nämlich aus ihrer Sünde. So wird ihnen die Aussicht auf das Himmelreich ermöglicht, doch sie müssen entsprechend leben (wie Jesus zu Anfang gesagt hat). Dieser Vers ist zu allererst auf seine Mutter zu beziehen: Sie war nämlich die Erste, die die Wahrheit erkannt hat, die Gott ist. Sie hat sie so „erkannt“, dass sie von ihm schwanger geworden ist (erkennen umschreibt in biblischer Sprache auch immer den Geschlechtsakt). Sie hat durch den Hl. Geist die Wahrheit erkannt, die in ihr als Mensch herangewachsen ist. So ist sie der Archetyp der erlösten Menschheit. Sie gehört zur neuen Schöpfung, die Gott zum ewigen Leben befreit hat. Sie ist dies auf besondere Weise, denn sie ist es von Anbeginn ihres Lebens.
So wie sie werden auch wir zum ewigen Leben befreit, wenn wir die Wahrheit erkennen. Sie befruchtet uns zwar nur auf geistige Weise, aber doch ist es eine Empfängnis, deren Früchte wir am Ende unseres Lebens ernten werden. Gebe Gott, dass es gute Früchte sind!
Dieser Vers ist auch moralisch zu betrachten: Wir Menschen werden die Wahrheit seiner Gebote erkennen und diese so verinnerlichen, dass es uns immer leichter fällt, sie ganz umzusetzen. Dann wird diese Wahrheit, die Jesus Christus selbst ist, uns schon in diesem Leben frei machen, was wir den Stand der Gnade nennen. Wir sind frei, weil wir immer weniger Sklaven unserer Sünde sind. Dann handelt es sich um eine innere Freiheit, die aus 100% Gnade und 100% Tugend besteht. Sie ergibt sich aus dem wunderbaren Teamwork des Hl. Geistes in uns und unserer eigenen Fähigkeiten.
Schließlich können wir diese Worte Jesu auf anagogische Weise deuten: Spätestens am Ende unseres Lebens werden wir die Wahrheit erkennen, weil wir den Herrn sehen werden, wie er ist (1 Joh 3,2).
Dann wird er uns zu einem neuen Leben befreien in seinem Reich, wenn wir bis dahin standhaft im Glauben geblieben sind. Dann ist es wahrhaft „vom Glauben zum Schauen.“ Dieses Erkennen wird am Ende der Zeiten ein ultimatives und endgültiges Erkennen für alle sein – für die einen ein erlösendes, für die anderen ein schmerzhaftes. Befreiend wird es für jene sein, die Gott bis dahin angenommen haben, schmerzhaft und ewig fesselnd für jene, die ihn bis zum Schluss abgelehnt haben.
Die Juden verstehen diese Sklaverei noch nicht, in der sie sich befinden. Deshalb fragen sie Jesus auch, wie er sie befreien will, wenn ihre konkrete Generation in Freiheit lebt (die Fremdherrschaft der Römer wird wohl nicht als Sklaverei, sondern als Vasallentum verstanden, dennoch gibt es Freiheitskämpfer, die als Zeloten bezeichnet werden).
Jesus erklärt es ihnen geduldig, indem er die Sklaverei als eine Gefangenschaft der Sünde erläutert.
Jesus geht noch weiter und erklärt, dass er als Sohn des Hauses wirklich umfassend befreien kann, weil er ewig im Haus bleibt. Dies ist bildhaft gemeint für das Reich Gottes, in dem er der Sohn ist. Er ist ewig dort beim Vater. So kann Jesus wirklich umfassend befreien und erlösen, sodass die Sklaven der Sünde zu Kindern im Hause Gottes werden können. Dies betrifft nicht erst die Endzeit, sondern wird sakramental mit der Kirche vorweggenommen, in welcher die Getauften zu Kindern Gottes wiedergeboren werden.
Jesus sagt den Juden, die ihm nicht gutgesinnt zu, dass sie Kinder Abrahams sind, denn sie sind ja ins Judentum hineingeboren. Doch er entlarvt auch ihre bösen Absichten, ihn zu töten, weil sie sein Wort nicht annehmen. Sie nehmen damit ihn selbst nicht auf, wodurch sie sich unfruchtbar für das Reich Gottes machen.
Jesus betont noch einmal, dass alles, was er sagt und tut, Zeugnis für den Vater ist. Er verkündet, was er beim Vater gesehen hat. Die Juden sagen dagegen nur: „Unser Vater ist Abraham.“ Jesus wendet sein Selbstzeugnis nun auf sie an und sagt: Wärt ihr Kinder Abrahams, würdet ihr auch seine Werke tun. Abraham steht für einen absoluten Glaubensgehorsam. Sie sind dagegen weder gläubig noch gehorsam. Sie nehmen Gottes Willen und Botschaft nicht an. Stattdessen wollen sie ihn mundtot machen. Er stellt heraus, dass sie nicht wie ihr Stammvater Abraham handeln. So ändern sie die Strategie und sagen: „Wir stammen nicht aus Unzucht, sondern wir haben nur den einen Vater: Gott.“ Doch auch hier stellt Jesus richtig: „Wenn Gott euer Vater wäre, würdet ihr mich lieben; denn von Gott bin ich ausgegangen und gekommen. Ich bin nicht von mir aus gekommen, sondern er hat mich gesandt.“ Jesus ist der Sohn Gottes und eins mit dem Vater. Er offenbart durch sein Sprechen, Handeln und Sein den Vater. Würden die Juden diesen wirklich zum Vater haben, würden sie auch ihn lieben, der der göttliche Sohn des Vaters ist.

Die heutigen Lesungen haben uns vieles gelehrt von Gottvertrauen und Glauben, von den Anfeindungen derer, die im Gegensatz zu den Gläubigen das Wort Gottes nicht in sich aufnehmen, egal ob Juden oder babylonischer König. Nebukadnezzar hat durch die unerschütterliche Treue der drei Männer im Feuerofen den Gott Abrahams anerkannt. Die Juden zur Zeit Jesu tun es ihm jedoch nicht gleich bzw. muss Jesus sterben, damit sich viele zu ihm bekennen und die Wahrheit erkennen. Er wird nicht verschont wie die Männer im Feuerofen. Dafür hat er die Erlösung für alle Menschen erwirkt. Danken wir ihm und preisen wir Gott für seine übergroße Liebe mit den Worten Schadrachs, Meschachs und Abed-Negos!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 5. Woche der Fastenzeit

Num 21,4-9; Ps 102,2-3.16-17.18-19.20-21; Joh 8,21-30

Num 21
4 Die Israeliten brachen vom Berg Hor auf und schlugen die Richtung zum Roten Meer ein, um Edom zu umgehen. Das Volk aber verlor auf dem Weg die Geduld,
5 es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.
6 Da schickte der HERR Feuerschlangen unter das Volk. Sie bissen das Volk und viel Volk aus Israel starb.
7 Da kam das Volk zu Mose und sagte: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt. Bete zum HERRN, dass er uns von den Schlangen befreit! Da betete Mose für das Volk.
8 Der HERR sprach zu Mose: Mach dir eine Feuerschlange und häng sie an einer Stange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.
9 Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Stange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.

Heute hören wir von einem Zwischenfall des Volkes Israel zur Zeit der Wüstenwanderung. Die Israeliten sind unterwegs zum Roten Meer und umgehen dabei das Gebiet Edom. Gott führt es in der Wüste umher und so murrt das Volk Mose gegenüber: „Warum habt ihr uns auf Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.“ Was hier passiert, ist nicht einfach nur Unzufriedenheit. Das Volk hadert mit Gott, der ihm doch nur das Beste möchte, der den Israeliten das Heil schenken will. Doch stattdessen stellen sie den Willen Gottes infrage. Gott hat an ihnen bereits so große Heilstaten erwiesen und spektakuläre Zeichen gewirkt. Sie tun so, als wäre dies nie gewesen, als hätten sie schon längst all dies vergessen. Dieses Vergessen ist aber fatal, weil auch wir Menschen dann undankbar gegenüber Gott werden. Die Erinnerung der Heilstaten Gottes ist also auch für uns Christen heute heilsam. So sollen wir die Eucharistie zu seinem Gedächtnis tun, wie es Jesus seinen Aposteln im Abendmahlssaal aufgetragen hat. Auch im persönlichen Gebetsleben ist der dankende Lobpreis über vergangene Gnaden, die Gott einem geschenkt hat, unerlässlich. So bleibt der Mensch Gott gegenüber dankbar und erhebt sich nicht über ihn.
Gott möchte seinem auserwählten Volk die Chance geben, diese Fehlhaltung abzulegen, und so lässt er zu, dass die Israeliten von Schlangen gebissen werden. Viele sterben sogar an dem Schlangengift.
Hier heißt es in Vers 6, dass Gott diese Schlangen zum Volk schickte. Wir müssen hier wieder bedenken, dass Gott aktiv nichts Böses tut. Er ist der gute Gott und tut nur Gutes, was dem Menschen nicht schadet. Hier haben wir wieder eine Bibelstelle, die ein gutes Beispiel für die menschlichen Einflüsse in der Bibel darstellt. Gott hat sich zu allen Zeiten der menschlichen Fähigkeiten, kulturellen Verständnisse und dem historischen Kontext der Autoren bedient, als er durch sie das ewige Gotteswort in Menschenworte gefasst hat. Und so lesen wir hier die Vorstellung heraus, dass die bösen Dinge, die dem Menschen widerfahren, von Gott aktiv gewirkt werden. Später werden Propheten und schließlich Jesus selbst dieses Missverständnis klarstellen, sodass wir solche Bibelstellen vor dem Hintergrund jenes Verständnisses lesen müssen. Hier wird es bewusst so stehen gelassen, denn es ist ein Lernprozess der Menschheit. So ist es ja auch mit dem Monotheismus, dessen Entwicklungsstufen im Laufe des Alten Testaments ganz unterschiedlich sind und bewusst so stehen gelassen werden. So können wir den Verstehensprozess des Volkes Israel nachlesen.
Zurück zu Mose, dem Volk und den Giftschlangen: Das Volk ist zwar stur und beginnt schnell zu murren, doch genauso schnell erkennt es die Missetaten. Es kommt zu Mose in der akuten Leidenssituation und bekennt die Sünde: „Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt.“ Sie haben die Chance sofort genutzt, die Gott ihnen geschenkt hat. Sie erkennen sofort, was sie falsch gemacht haben, und bitten Gott um Verzeihung. Er zögert auch nicht, ihnen auf das Fürbittgebet des Mose hin sofort aus dem Leiden heraus zu helfen: Mose soll eine Kupferschlange herstellen und auf eine Stange aufhängen. Das Gebilde soll aufgestellt werden und wenn jemand von einer Schlange gebissen wird, soll er sie anschauen.
Es geschieht so, wie Gott es vorgegeben hat: Mose stellt die Schlange her und stellt sie auf. Wer nun gebissen wird, schaut die Schlange an und bleibt am Leben.
Gottes wunderbare Vorsehung hat immer einen tieferen Sinn. Wir erahnen vielleicht schon, worauf Gott sein auserwähltes Volk vorbereiten will: Mose soll ein Gebilde herstellen, das den schadenden Schlangen gleich ist, eben auch eine Schlange. Das Sehen auf dieses Bild rettet die Gebissenen, auch wenn die Schlangen immer noch da sind und beißen.
So ist Jesus für uns zur Sünde geworden – dem, was uns den Tod bringt (nämlich den ewigen Tod fernab von der Herrlichkeit Gottes). Er ist selbst zur Sünde geworden, indem er den schändlichsten Tod gestorben ist, nämlich ans Kreuz geschlagen. Die Sünde ist noch weiterhin in der Welt so wie die Schlangen beim Volk Israel, doch sie bringen dem Menschen keinen ewigen Tod mehr, wenn sie auf das Kreuz schauen – und so wie das Volk ihre Sünden bekennen!
Es ist natürlich auch kein Zufall, dass das Volk Israel ausgerechnet durch Schlangen heimgesucht werden und dass die Schlange zum Typos des Kreuzes Christi wird: Sie ist der Inbegriff der Sünde, da der Satan das erste Menschenpaar durch ausgerechnet dieses Tier zur Sünde verführt hat. Dadurch, dass Jesus Christus selbst zur Sünde geworden ist – die ganze Sünde auf sich genommen hat – hat er der Schlange den Kopf zertreten (Gen 3,15: „Er trifft dich am Kopf“). Gemeint ist natürlich nicht das Tier an sich, sondern der Satan, der Widersacher Gottes! Durch die Taufe hat er die Giftschlangen unseres Lebens entmachtet, sodass ihr Gift uns nicht mehr zum ewigen Tod führen können. Es ist aber so wie in der Wüste zur Zeit des Mose: Die Kupferschlange ist da, Jesus ist für uns gestorben, aber das Heilmittel des Anschauens muss von uns ausgehen! Uns ist alles auf einem Silbertablett angerichtet. Nun müssen wir die Erlösung gläubig annehmen und durch den Bundesschluss der Taufe auch treu dazu stehen. Sonst werden die Schlangen uns auch weiterhin zum ewigen Tod führen.
Gott hat mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen, doch nach einiger Zeit hat es diesen Bund wieder vergessen. Es hat Gottes Güte infrage gestellt und so schwer gegen ihn gesündigt. Das Volk musste die Konsequenzen dieser Sünde tragen und kam so in die Notlage durch die Giftschlangen. Das Volk hat sofort verstanden, warum das passiert. Auch in unserer heutigen Zeit müssen wir uns fragen, warum wir jetzt so eine globale Not erleiden müssen. Nutzen auch wir heutzutage diese Chance zur Umkehr und bekennen wir dem HERRN unsere Sünde! Dann wir er auch heute nicht zögern, uns aus de Not zu befreien.

Ps 102
2 HERR, höre mein Bittgebet! Mein Schreien dringe zu dir!
3 Verbirg dein Angesicht nicht vor mir! Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu! Wenn ich dich rufe, eile und erhöre mich!
16 Dann fürchten die Völker den Namen des HERRN und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.
17 Denn der HERR hat Zion dann wieder aufgebaut, er ist erschienen in seiner Herrlichkeit.
18 Er hat sich dem Bittgebet der verlassenen Stadt zugewandt, ihre Bittgebete hat er nicht verschmäht.
19 Dies sei aufgeschrieben für das kommende Geschlecht, damit den HERRN lobe das Volk, das noch erschaffen wird.
20 Denn herabgeschaut hat der HERR aus heiliger Höhe, vom Himmel hat er auf die Erde geblickt,
21 um das Seufzen der Gefangenen zu hören, zu befreien, die dem Tod geweiht sind
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Wir beten heute aus dem Psalm 102 als Antwort auf die Lesung. Es handelt sich um ein Bittgebet in Notlage:
„Mein Schreien dringe zu dir!“ Ja, das Volk Israel hat sehr oft zum HERRN geschrien in der Sklaverei Ägyptens, später im babylonischen Exil, es hat immer wieder in den verschiedenen Fremdherrschaften geschrien und so schreit das Volk Israel auch jetzt in der Wüste bei den vielen Giftschlangen, die das Volk ausrotten.
„Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu!“ Gott hat ein Gehör, kein Klageschrei seiner geliebten Kinder bleibt unerhört. Er greift immer ein – nur zu seiner Zeit und auf seine Weise. Eines können wir ganz sicher sagen: Es tut ihm immer weh, uns leiden zu sehen, denn Gott hat Mitleid mit uns Menschen. Ein anderes Wort für dieses Mitleid heißt Barmherzigkeit. Im Griechischen ist es ein und dasselbe Wort, wenn wir es im Neuen Testament lesen.
„Wenn ich dich rufe, eile und erhöre mich!“ Gott hat immer wieder geholfen. Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Zeugnis für Gottes Hilfe. Er hat ein ganzes Volk aus Ägypten ausziehen lassen, er hat dieses gesamte Volk durch ein Meer geführt. Er hat es vierzig Jahre am Leben erhalten, um es dann in das verheißene Land zu führen. Er hat es immer wieder von den Fremdherrschern und Feinden gerettet und sogar aus dem Exil wieder zurück in die Heimat geführt. Er hat die ultimative Rettungsaktion eingeleitet, als er seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, der allen Menschen gestern, heute und morgen die Erlösung erwirkt hat!
„Dann fürchten die Volker den Namen des HERRN und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.“ Durch die spektakulären Heilstaten Gottes zum Beispiel bei dem Auszug aus Ägypten haben die  גֹ֭ויִם gojim, die heidnischen Völker, die Macht des Gottes der Israeliten anerkannt. Ein Beispiel für Könige sehen wir zur Zeit des Salomo, als die Königin von Saba sein Reich begutachtet. Spätestens mit der Geburt Jesu Christi wird sich dieses Schriftwort noch einmal deutlicher erfüllen, wenn die Repräsentanten der östlichen Könige vor dem neugeborenen Messias niederknien werden.
„Denn der HERR hat Zion wieder aufgebaut, er ist erschienen in seiner Herrlichkeit.“ Dies ist zunächst wörtlich auf die Situation der Israeliten zu beziehen, als der Psalm geschrieben worden ist. Es geht um den Wiederaufbau der Stadt Jerusalem nach dem babylonischen Exil. Gottes Herrlichkeit wurde durch seine Gegenwart im Tempel wieder geschaut. Wir lesen es noch weiter, denn bei der Tempelreinigung sagt Jesus zu den Menschen: Reißt den Tempel nieder. Ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen. Es geht nicht mehr um ein Gebäude, sondern um den Tempel seines Leibes. Er ist es. Mit diesem Leib, der dann sakramental weitergeführt die Kirche wird, ist das Reich Gottes ganz eng verbunden, der das neue Zion ist. Die sakramentale Antizipation dieses Reiches ist mit der Gemeinschaft der Gläubigen gegeben, die die Kirche ist. In ihr sehen die Gläubigen die Herrlichkeit Gottes verborgen in der Eucharistie. Die Kirche nimmt die endzeitliche Durchsetzung des Gottesreiches vorweg, die mit der Rückkehr des verherrlichten Menschensohnes einsetzen wird. Dann werden es alle sehen, dass Gott die Herrlichkeit ist.
„Er hat sich dem Bittgebet der verlassenen Stadt zugewandt, ihre Bittgebete hat er nicht verschmäht.“ Auch hier bezieht es sich wörtlich-historisch auf Jerusalem, das durch die Babylonier zerstört worden ist, aber auch dieser Vers ist in seinem geistigen Sinn weiterzudenken: Die verlassene Stadt ist zurückverwiesen auf Mose und das Volk Israel auf das Wohlergehen des Volkes und dessen Bund mit Gott zu beziehen. Durch die Leidenssituation mit den Giftschlangen ist das Volk zur Besinnung gekommen und hat sich wieder mit Gott versöhnt. In dieser Hinsicht ist die verlassene Stadt wieder zurückgekehrt. Wir müssen es vor allem auf Jesus Christus zu beziehen, der durch sein Erlösungswirken das Paradies wieder ermöglicht hat. Es war wie eine verlassene Stadt, aus der die Menschheit verbannt wurde. Sie lebte bis zur Erlösung im Exil, doch nun können die Menschen die Stadt wieder beziehen. Es gilt für jeden von uns auf moralischer Ebene: In jedem getauften Christen hat Gott Wohnung bezogen. Unsere Seele wird zum inneren Zion, in dem die Herrlichkeit Gottes wohnt. Das nennen wir moralisch auch den Stand der Gnade. Mit jeder Sünde verbannen wir uns selbst aus diesem Zustand und so wird die Seele zu einer verlassenen Stadt. Dies geschieht nicht sofort mit jeder lässlichen Sünde, sondern natürlich erst mit der Todsünde, doch auch die kleinen Beleidigungen und Lieblosigkeiten gegenüber Gott und dem Nächsten lassen die Stadtmauer immer mehr zerfallen und angreifbar werden. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis alles in sich zusammenfällt und der Feind uns aus der Stadt hinausjagt.
Am Ende der Zeiten werden wir voller Dankbarkeit in der Anschauung Gottes sagen: „Er hat sich unserem Bittgebet zugewandt und uns aus dem Exil des sündhaften und untergehenden irdischen Daseins herausgeholt und in die verlassene Stadt gebracht, die wir nun beziehen dürfen – das himmlische Jerusalem, das der Himmel ist!
„Dies sei aufgeschrieben für das kommende Geschlecht“ – der Psalm gibt selbst preis, dass die Worte nicht nur historisch-wörtlich zu verstehen sind und nur für eine bestimmte Generation gelten. Es bestätigt, was wir zum vorherigen Vers bedacht haben.
„Das Volk, das noch erschaffen wird“, wird Gott loben. Das sind wir, die wir im Neuen Bund mit Gott leben! Wir gehören schon zu der neuen Schöpfung, die Jesus begründet hat! Wir werden am Ende der Zeiten aber noch vollendet, wenn wir mit Leib und Seele bei Gott sein werden.
Gott hat aus der Höhe herabgeschaut – so hat er die Israeliten von den Giftschlangen gerettet, er hat das Volk Israel aus dem babylonischen Exil gerettet, er hat die ganze Menschheit vor der Verderbnis der Erbsünde gerettet, indem er seinen Sohn dahingegeben hat! Er rettet uns aus der Verderbnis durch die Taufe, aber auch immer wieder durch das Sakrament der Buße. Er wird uns am Ende aus den Wirren dieser Welt retten, wenn wir sterben und vor ihm stehen, aber auch am Ende der Zeiten, wenn er in die Weltgeschichte eingreifen wird, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Die Gefangenen, die dem Tod geweiht sind, betrifft einerseits die Gebissenen in der heutigen Lesung, andererseits die ganze Menschheit, die nicht mehr ins Paradies durfte wegen der Sünde des ersten Menschenpaares, es betrifft die Gerechten des Alten Testaments, die bis zur Erlösung Jesu Christi auf die Anschauung Gottes warten mussten, was wir die „Vorhölle“ nennen. Es betrifft auch uns, die wir gefangen sind in unserer eigenen Sünde, die uns dem Tod weiht (nämlich dem seelischen Tod ganz von Gott abgeschnitten!).
Der heutige Psalm ist so reich und so tief in seiner Bedeutung. Was wir über die Buchstaben hinaus erkennen reicht ganz weit zurück bis in den Garten Eden und ganz weit voraus bis zum Leben in der ewigen Glückseligkeit des Himmelreiches!

Joh 8
21 Ein andermal sagte Jesus zu ihnen: Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben. Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.
22 Da sagten die Juden: Will er sich etwa umbringen? Warum sagt er sonst: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen?
23 Er sagte zu ihnen: Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt.
24 Ich habe euch gesagt: Ihr werdet in euren Sünden sterben; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.
25 Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Jesus antwortete: Warum rede ich überhaupt noch mit euch?
26 Ich hätte noch viel über euch zu sagen und viel zu richten, aber er, der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.
27 Sie verstanden nicht, dass er damit den Vater meinte.
28 Da sagte Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, dass Ich es bin. Ihr werdet erkennen, dass ich nichts von mir aus tue, sondern nur das sage, was mich der Vater gelehrt hat.
29 Und er, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht alleingelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.
30 Als Jesus das sagte, kamen viele zum Glauben an ihn.

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium steht im Kontext verschiedener Streitgespräche, die Jesus mit den Juden in Jerusalem führt. Der Ort des Geschehens ist die Stadt, die so eine tiefe Bedeutung hat: Sie war verlassen während des Exils, sie ist es, wo das davidische Königreich sich etablierte, die Stadt, in der die Herrlichkeit Gottes im Tempel wohnhaft geworden ist, die Stadt, in der die Erlösung erwirkt werden sollte. Schließlich wird sich hier der Kreis schließen, der mit der Kupferschlange aus der Lesung begonnen worden ist:
Jesus kündigt den Menschen an: „Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben.“ Er sagt es nicht, weil er die Juden verwirft. Er möchte sie wachrütteln, damit sie umkehren. Wenn sie ihn nämlich weiterhin so ablehnen, wird eintreffen, was er hier sagt. Wer die Erlösung und somit die Vergebung Gottes nicht annimmt, wird in den eigenen Sünden ertrinken. Dann wird die Konsequenz dieser Ablehnung die ewige Abgeschnittenheit von Gott sein, was wir Hölle nennen.
„Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.“ Die Juden verstehen überhaupt nicht, was Jesus ihnen erklärt. Er meint, dass er sterben und dann zum Vater heimkehren werde ins Himmelreich. Und wenn sie ihn bis zum Schluss ablehnen werden, dann können sie ihm dorthin nicht folgen. Er sagt ihnen also, dass er der Weg zum Vater ist! Stattdessen interpretieren sie Jesu Worte als Suizidgedanken.
Jesus erklärt die Banalität ihrer Gedankengänge damit, dass sie von unten sind, er aber von oben. Das meint zunächst einmal die Natur: Er ist vom Vater, er ist zuerst Gott, der er schon immer war, bevor er Mensch geworden ist. Diese göttliche Herkunft macht ihn gegenüber der Menschen kategorisch anders. Sie sind von Anfang an Menschen und nur Menschen. Wir könnten jetzt einwenden, dass wir Menschen ja eine ewige Seele haben und dadurch ja auch ein wenig „von oben“ sind. Ja, aber die gefallene Natur des Menschen, die noch nicht erlöst ist, ist noch sehr viel „unten.“ Sie hat die Gnade verloren und die Denkweise ist dem „unteren“ sehr verhaftet. Es ist also auch heilsgeschichtlich zu deuten: Jesus ist „von oben“, weil er voll der Gnade ist. Die Menschheit ist „von unten“, weil sie die ganze Gnade verloren hat.
„Ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt“ – muss in demselben Sinne verstanden werden. Einerseits betrifft es die Natur, andererseits das Maß an Gnade, schließlich auch die Denkweise, die sich daraus ergibt. Jesus denkt göttlich, er denkt vom Willen Gottes aus, der er ja ist. Die Menschen denken weltlich, sie denken nicht von dem aus, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Letztendlich wissen wir ja, dass dieses aber vom Satan kommt (denn Jesus hat diesen von Petrus weggejagt, der ihm gegenüber forderte, „was die Menschen wollen“. Mt 16).
Jesus hat viel Geduld mit den hartherzigen Juden. Er erklärt noch genauer, was er mit dem Appell meint. Er rüttelt sie mit Nachdruck auf: „Denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.“ – Er erläutert, dass es mit dem Glauben an ihn zusammenhängt, ob die Menschen das ewige Leben haben oder nicht. Dieser Glaube an ihn ist der Glaube an die Messianität Jesu, die sie ja die ganze Zeit nicht erkennen. Deshalb echauffieren sie sich ja über seine Heilstaten, statt sie auf die Verheißungen des Alten Testaments zu beziehen.
Sie fragen ihn immer noch ahnungslos oder vielleicht bewusst gestellt ahnungslos (?), wer er denn sei, so als ob sie ihn dazu bringen wollen, die „Gotteslästerung“ aus dem eigenen Mund auszusprechen. Jesus lässt sich von dieser Provokation überhaupt nicht beeindrucken, sondern sagt vielmehr zu sich selbst: „Warum rede ich überhaupt noch mit euch? Ich hätte noch viel über euch zu sagen, aber …was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.“ Jesus tut alles in vollem Gehorsam und in Einheit mit dem Vater. Die Juden verstehen das aber gar nicht.
Und dann sagt Jesus etwas, das die frommen und schriftkundigen Juden eigentlich mit dem Buch Numeri in Verbindung bringen sollten, so wie wir bei folgenden Worten einen Aha-Effekt haben:
„Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, das Ich es bin.“ Der Menschensohn ist er selbst. Er ist der Sohn des Menschen, zu Hebräisch Adam. Er ist der Nachkomme Adams und so ebenfalls der erste Mensch, nun aber der neuen Schöpfung. Und so wie die Schlange in der Wüste werden die Menschen ihn erhöhen – am Kreuz auf Golgota. Und dann werden sie erkennen, dass Er es ist – dass er der Messias ist, den die Propheten schon so lange angekündigt haben! Doch es werden nicht die Juden sein, die dies zuerst bekennen werden, sondern der Hauptmann beim Kreuz, der dann sagen wird: „Wahrlich, dieser war Gottes Sohn.“
Jesus sagt auch „er hat mich nicht alleingelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.“ Ja, Gott hat ihn auch in der dunkelsten Stunde am Kreuz nicht alleingelassen, auch wenn Jesus als Teil des Leidens und der Versuchungen die absolute Gottverlassenheit verspüren musste. Er hat weiterhin mit seinem Vater Kontakt gehalten, indem er zu ihm gebetet hat „Eli, Eli, lema sabachtani“, das im Laufe des Psalms in einen Lobpreis umschwingt. Der Vater hat den Sohn nie allein gelassen und ihn am dritten Tag von den Toten auferweckt! Gott lässt auch uns nie allein, selbst in der dunkelsten Stunde nicht. Wenn wir uns ganz an ihn klammern und uns selbst nicht von ihm entfernen, ist er immer da. Wenn wir ihn dagegen von uns wegschieben, dann schätzt er unseren freien Willen, auch wenn es ihn sehr schmerzt. Und doch geht er uns dann nach und ruft uns, wirbt um uns, tut alles, damit wir unsere Meinung noch ändern, bevor es zu spät ist.
Es ist sehr bemerkenswert, was wir am Ende lesen: Viele Menschen kommen bei diesen Worten Jesu zum Glauben an ihn. Es gibt also durchaus Menschen, bei denen es zu einem Aha-Effekt gekommen ist. Sie verstehen, dass Jesus die Verheißungen der Propheten erfüllt, dass er der Messias ist.
Auch wenn Jesus immer wieder angefeindet wird, bringen seine Worte vor seinem Tod schon reiche Frucht. Sein Tod und seine Auferstehung werden dagegen dann aber ein regelrechter Weinberg voller Früchte sein.

Was Jesus den Juden heute sagt, gilt auch uns: Fühlen auch wir uns angesprochen durch seine Worte! Glauben wir an ihn und leben wir entsprechend, damit wir nicht in unseren Sünden sterben. Das meint nicht nur den biologischen Tod auf moralischer Ebene (dass wir im Zustand der Todsünde sterben), das meint vor allem den seelischen Tod der Hölle nach unserem biologischen Tod! Mit den Bildern des Psalms könnten wir sagen, dann sterben wir im Exil und bleiben auf ewig in diesem Exil außerhalb des Himmels. Nur Jesus ist es, der uns aus dem Exil ins verheißene Land zurückführen kann, das das Himmelreich ist. Nutzen auch wir die Zeit der Gnade und kehren wir um von unserem sündigen Leben. Dieser Umkehr bedarf jeder Mensch, denn tagtäglich beleidigen wir den Herrn durch größere und kleinere Dinge. Und auch die kleinen Dinge können auf Dauer die Mauer zum Einreißen bringen…nehmen wir auch die kleinen Dinge ernst und vertrauen wir uns bei allem immer der Barmherzigkeit Gottes an, mit der er uns umarmen will!

Ihre Magstrauss

11. Januar in der Weihnachtszeit

1 Joh 5,5-13; Ps 147,12-13.14-15.19-20; Lk 5,12-16

1 Joh 5
5 Wer sonst besiegt die Welt, außer dem, der glaubt, dass Jesus der Sohn Gottes ist? 
6 Dieser ist es, der durch Wasser und Blut gekommen ist: Jesus Christus. Er ist nicht nur im Wasser gekommen, sondern im Wasser und im Blut. Und der Geist ist es, der Zeugnis ablegt; denn der Geist ist die Wahrheit. 
7 Denn drei sind es, die Zeugnis ablegen: 
8 der Geist, das Wasser und das Blut; und diese drei sind eins.
 
9 Wenn wir von Menschen ein Zeugnis annehmen, so ist das Zeugnis Gottes größer; denn das ist das Zeugnis Gottes: Er hat Zeugnis abgelegt von seinem Sohn. 
10 Wer an den Sohn Gottes glaubt, trägt das Zeugnis in sich. Wer Gott nicht glaubt, hat ihn zum Lügner gemacht, weil er nicht an das Zeugnis geglaubt hat, das Gott von seinem Sohn abgelegt hat. 
11 Und darin besteht das Zeugnis, dass Gott uns ewiges Leben gegeben hat; und dieses Leben ist in seinem Sohn. 
12 Wer den Sohn hat, hat das Leben; wer den Sohn Gottes nicht hat, hat das Leben nicht.
13 Dies habe ich euch geschrieben, damit ihr wisst, dass ihr ewiges Leben habt, denn ihr glaubt an den Namen des Sohnes Gottes.

Der gestrige Abschnitt aus dem Johannesbrief endete mit der Aussage, dass wir die „Welt“, das heißt die gefallene Welt durch den Glauben besiegt haben. Heute beginnt die Lesung mit einer rhetorischen Frage („Wer sonst…“). Dabei wird spezifiziert, was mit Glaube gemeint ist: der Glaube an Jesus Christus als Sohn Gottes. Vers 6 weist dann ein Bild auf, das für uns einen Tag unmittelbar vor dem Fest der Taufe des Herrn besonders auffällig ist: Jesus kam durch Wasser und Blut. Was ist damit gemeint? Die beiden Stoffe umschreiben die beiden Naturen Jesu. Das Wasser steht für seine Göttlichkeit, da es oft das Bild für den Hl. Geist ist, das Blut für seine Menschlichkeit, weil es für die Genealogie von Menschen steht. Wir können diese Interpretation vor allem dadurch erkennen, dass Johannes das Kommen durch Wasser UND Blut betont und extra sagt, dass Jesus nicht nur durch Wasser gekommen ist. Das behaupten nämlich die Doketisten (Jesus hat keine Materie angenommen). Der Geist Gottes bezeugt diese Wahrheit, weil er selbst Wahrheit ist. Uns ist es vom Geist eingegeben worden, dass Jesu Identität so ist. Und diese Aussage spielt schon auf die Taufe Jesu an, wo der Geist sich in Gestalt einer Taube auf Jesus hinabgesenkt hat. Damit bezeugt der Geist selbst die Identität Christi.
Alle drei Elemente werden nun ab Vers 7 zu Zeugen: Wasser, Blut und Geist. Das ist interessant, weil wir hier etwas über das Verhältnis Christi zum Hl. Geist erfahren. Sie sind nämlich eins (ἕν εἰσιν). Dies ist analog zu Joh 10,30 zu lesen, wo Jesus die Einheit mit dem Vater ausdrückt (ἕν ἐσμεν).
Johannes möchte zum Ende des Briefes die Adressaten versichern, dass die von der Kirche geglaubte Lehre über Jesu Identität zuverlässig sei, eben weil der Geist Gottes selbst sie bezeugt hat. Stünde es gegen ein menschliches Zeugnis (wie im Fall der Doketisten!), überwiegt das Zeugnis Gottes bei weitem. Gott hat selbst Zeugnis von Jesus abgelegt und wir tragen dieses Zeugnis im Herzen – durch die Taufe. Wir sind ja auf den Vater, den Sohn und den Hl. Geist getauft. Leugnen wir also Jesu wahre Identität, machen wir Gott selbst zum Lügner, der genau diese Identität ja bezeugt hat.
Das Zeugnis besteht im ewigen Leben, das Gott durch seinen Sohn geschenkt hat – die Aussicht auf ein Leben im himmlischen Jerusalem.
„Wer den Sohn hat, hat das ewige Leben“ bedeutet, dass wenn wir Jesus annehmen, wie er ist, in das Reich Gottes eingehen können.
Johannes schließt den Brief also mit der Heilsnotwendigkeit ab, Jesu Identität anzunehmen, die uns Gott selbst offenbart hat: „Dies ist mein geliebter Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe.“ Schon in den Kapiteln zuvor schreibt Johannes ja, dass wir nur dann im Stand der Gnade sind, wenn wir Jesu Identität annehmen, wie sie die Kirche lehrt.

Ps 147
12 Jerusalem, rühme den HERRN! Lobe deinen Gott, Zion! 
13 Denn er hat die Riegel deiner Tore festgemacht, die Kinder in deiner Mitte gesegnet. 
14 Er verschafft deinen Grenzen Frieden, er sättigt dich mit bestem Weizen. 
15 Er sendet seinen Spruch zur Erde, in Eile läuft sein Wort dahin. 
19 Er verkündet Jakob sein Wort, Israel seine Gesetze und seine Entscheide. 
20 An keinem anderen Volk hat er so gehandelt, sie kennen sein Recht nicht. Halleluja!
 

Den heutigen Psalm haben wir letzten Sonntag bereits gebetet. Es handelt sich um einen Lobpreispsalm. Jerusalem wird zum Lobpreis Gottes aufgefordert aufgrund der Gnade, die Gott ihm erwiesen hat („er hat die Riegel deiner Tore festgemacht“, „er verschafft deinen Grenzen Frieden“, „er sättigt dich mit bestem Weizen“). Zugleich ist nicht nur die Stadt selbst gemeint, sondern ganz Israel damit eingeschlossen. Dies sehen wir spätestens an dem Vers 19, wo Jakob bzw. Israel thematisiert werden und auch im darauffolgenden Vers der Vergleichswert eines anderen Volkes genannt wird.
Gott hat somit nicht nur die Kinder der Jerusalemer gesegnet, sondern alle Kinder. Er verschafft den Grenzen des ganzen Landes Frieden, sättigt das ganze auserwählte Volk.
Wir lesen diese Worte noch weiter bis zu Jesus und dem neuen Volk, das dieser im neuen Bund erwählt hat – uns, die Kirche, die Gemeinschaft der Gläubigen. Auch unsere Grenzen sichert er (wenn wir ihn lassen und nicht für alles und jeden offen sind, bis wir nicht mehr ganz dicht sind…). Auch uns sättigt er mit dem besten Weizen – mit der Eucharistie. Er segnet unsere Kinder, indem er sie zu Kindern seines Reiches macht in der Taufe. Er verschafft uns einen umfassenden inneren Frieden, den die Welt nicht geben kann, den wahren Schalom, den der auferstandene Christus seinen Aposteln verheißen hat.
Wenn die Rede davon ist, dass Gott „seinen Spruch zur Erde“ sendet, meint es zunächst die Offenbarung Gottes an einzelne Propheten. Es meint aber auch weitergedacht Jesus selbst, das fleischgewordene Wort Gottes, das Gesprochene Gottes. In dieser Leserichtung ist Vers 15 höchst messianisch! In Eile läuft das Wort Richtung Erde, bald, sehr bald kommt der Messias! Wir dürfen diese Aussage neben dem ersten Kommen des Wortes Gottes auch auf das zweite Kommen beziehen, das kurz bevor steht!
In dieser Linie können wir auch Vers 19 verstehen: Das Wort, das Gott Jakob verkündet, ist nicht nur die Torah (, was hier wörtlich gemeint ist), die Gesetze und Entscheide, sondern eben auch das Wort Gottes, das fleischgeworden ist, Jesus Christus! Und da dürfen wir „Jakob“ nicht überlesen. Zuerst wird Jesus, der Messias den Juden verkündet! An sie ist die Verkündigung zuerst gerichtet. Sie waren es, zu denen Jesus als erstes gekommen ist, bevor er zu den Heiden ging. Sie sind das auserwählte Volk Gottes, zu dem das Wort Gottes gesandt worden ist und zu denen das Wort Gottes selbst gehört! Jesus hat ihre DNA!
Dies ist so ein Privileg, wie man es nie zuvor und nie danach sehen wird. Gott hat die DNA der Juden angenommen, denen die Biologie ja so wichtig ist. Als Jude wird man geboren. Gott hat sein Wort Fleisch werden lassen, damit es sein Zelt aufschlage unter den Juden. Dieses Privileg hat kein anderes Volk gesehen. Das müssen wir erstmal so für sich stehen lassen und wir dürfen das nie vergessen. Der heutige Psalm untermauert also zunächst das Zeugnis Gottes aus 1 Joh 5. Jesus ist durch Wasser und Blut gekommen und der Psalm konkretisiert dieses Blut.

Lk 5
12 Und es geschah, als sich Jesus in einer der Städte aufhielt: Siehe, da war ein Mann voller Aussatz. Als er Jesus sah, warf er sich auf sein Angesicht und bat ihn: Herr, wenn du willst, kannst du mich rein machen. 
13 Da streckte Jesus die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will – werde rein! Im gleichen Augenblick wich der Aussatz von ihm. 
14 Jesus befahl ihm: Erzähl niemandem davon, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring das Reinigungsopfer dar, wie es Mose angeordnet hat, zum Zeugnis für sie!
15 Sein Ruf aber verbreitete sich immer mehr und große Volksmengen kamen zusammen, um zu hören und von ihren Krankheiten geheilt zu werden.
16 Doch er zog sich an einen einsamen Ort zurück, um zu beten.

In der gestrigen Perikope aus dem Evangelium lasen wir, wie Jesus die Jesajaverheißung auf sich selbst bezogen hat. Was wir nicht mehr lasen, war, dass Jesus fast gesteinigt worden ist. An der heutigen Fortsetzung sehen wir, dass er trotzdem seine Verkündigung weiter vornimmt, obwohl er sich damit selbst gefährdet.
Die heutige Episode ist sehr bemerkenswert, weil sie verschiedene Aspekte der heutigen Lesungen aufgreift: den Glauben an den Sohn Gottes aus 1 Joh 5, das Blut und das Wasser, Jesu jüdische Identität und Göttlichkeit.
Jesus begegnet in einer der Städte einem Aussätzigen. Und dieser Mann ist voller Glauben. Er sagt zu Jesus, vor dem er niederfällt, „wenn du willst“, nicht „wenn du kannst“. Er glaubt fest daran, dass Jesus die Macht hat, ihn zu heilen, versteht aber, dass dies von Gottes Willen abhängt. Das ist ein sehr reifer Glaube.
Jesus sieht diesen Glauben und zögert nicht. Er antwortet ihm mit „ich will es. Werde rein“. Jesus heilt ihn durch sein gesprochenes Wort. Das ist sehr interessant, denn Jesus ist ja das Wort Gottes, das laut Psalm „in Eile“ zur Erde kommt. Er ist jetzt da, mitten unter den Menschen.
Jesus tut dann etwas sehr Entscheidendes: Er sagt dem Geheilten, dass er es erstens geheimhalten soll, zweitens sich gemäß dem mosaischen Gesetz einem Priester zeigen soll, die vorgesehenen Reinigungsopfer darbringen soll. Das alles soll er tun „zum Zeugnis für sie“.
Zunächst zur Geheimhaltung. Es kann als pragmatische Maßnahme angesehen werden, damit er diesmal nicht wirklich gesteinigt wird, bevor er seine Verkündigungszeit abgeschlossen hat. Dies ergibt aber bei näherer Betrachtung wenig Sinn, da Jesus ja keine Angst vor Übergriffen hat. Er führt sein Werk ja weiter, obwohl er fast gesteinigt worden ist.
Das ganze ist vor allem als pädagogische Maßnahme zu betrachten: Jesus möchte den Priestern ein Signal geben, wer er ist. Er ist nie so, dass er einfach herumreist und allen Leuten verkündet „ich bin der Messias“. Wer er ist, zeigt er vielmehr durch sein Verhalten und durch die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung. Jesus möchte also, dass die Priester die wunderbare Heilung des Aussätzigen selbst mit eigenen Augen sehen und davon ausgehend eine messianische Heilstat erkennen. Der Messias, so die Verheißungen des Alten Testaments, heilt von allen Krankheiten und Leiden. Dadurch, dass er sich dabei dem mosaischen Gesetz unterstellt, möchte er seine messianische Identität zusätzlich betonen. Als Messias kann er nicht gegen die Juden handeln, sondern ist einer von ihnen.
Jesus hat noch eine andere Lektion zu erteilen: Der Aussätzige selbst wird unterwiesen. Jesus berührt den kranken Mann, obwohl dieser an Aussatz erkrankt ist, einer Krankheit, die nicht nur ansteckend ist, sondern auch kultisch unrein macht. Jesus erklärt dem Aussätzigen dadurch: Der Messias steht über dem mosaischen Gesetz. Er steht über der kultischen Reinheit. Er kann Unreines rein machen, weil er Gott ist. Die zweite Lektion ist: Gott heilt uns Menschen, damit wir zu ihm zum Glauben kommen (diesen hat der Mann aber schon) und damit wir in unserer Gottesbeziehung gestärkt werden (Jesus ermöglicht dem Aussätzigen wieder den Gottesdienst und den Kult). Die dritte Lektion: Der Mann hat durch die erste Lektion bereits gelernt, dass der Messias über dem mosaischen Gesetz steht. Nun unterstellt sich dieser aber freiwillig dem Gesetz. Das ist Gottes Allmacht. Er ist frei darin, seine Allmacht in Anspruch zu nehmen und frei darin, auf sie zu verzichten.
Diese drei Lektionen greifen alles auf, was der erste Johannesbrief und auch der Psalm vermittelt: Der Messias ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Als Gott steht er über dem Gesetz und doch unterstellt er sich ihm, um den Juden, zu denen er zuerst gesandt ist, seine Messianität zu offenbaren sowie die Erfüllung der Verheißung.
Jesu Heilstaten bleiben dennoch nicht verborgen, sondern verbreiten sich rasch. Viele Menschen suchen ihn auf, um seine Botschaft zu hören und von ihm geheilt zu werden.
Die heutige Perikope endet mit dem Satz: „Doch er zog sich an einem einsamen Ort zurück, um zu beten.“ Jesus nimmt sich immer wieder diese Momente, um ganz beim Vater zu sein. Alles, was er tut, tut er aus dieser Einheit heraus. Das führt uns wieder zurück zum ersten Johannesbrief. Unsere Liebe am Nächsten muss sich immer aus der Liebe zu Gott speisen, damit wir nicht ausgebrannt werden und wirklich die göttliche Liebe zu den Menschen bringen.
Tun wir es ihm gleich? All unsere Aktivitäten, die der Nächstenliebe dienen sollen, müssen sich aus diesem „Liebestank“ speisen, den wir regelmäßig mit der Liebe Gottes auffüllen müssen. Nutzen wir Gelegenheiten, in denen wir uns zurückziehen, um beim Vater zu sein wie Jesus? Gehen wir zu einsamen Orten? Das heißt nicht, dass wir in Wüstengebiete ziehen müssen, sondern Orte aufsuchen, in denen wir von der Welt und von anderen Menschen, von unserem Alltag und vor allem unseren Problemen kurzzeitig abgeschnitten sind. Es reicht schon, einfach in eine Kirche zu gehen, wo das Allerheiligste gegenwärtig ist, wo Jesus auf uns wartet. In Stille sich zu ihm zu gesellen und mit ihm Zwiesprache zu halten, ist der effektivste Weg, den „Liebestank“ wieder aufzufüllen. Am besten ist es noch, wenn wir zu ihm kommen, wenn er ausgesetzt wird in der Monstranz. Dann können wir ihn anschauen und er schaut uns an. Aussetzung ist nicht nur seine Aussetzung in der Monstranz. Aussetzung ist vor allem, dass WIR uns IHM aussetzen, seiner Liebe. Dann werden wir in diesem wunderbaren Liebesradius erfasst und unser Tank wieder aufgefüllt. Gestern lernten wir, dass Liebe keine Grenzen hat und immer überfließend ist. Stellen wir uns also vor, dass unser Tank bei Jesus nicht einfach aufgefüllt wird, sondern überläuft. Dann können wir uns wieder in die Welt stürzen und wie Jesus die Liebe Gottes zu den Menschen bringen. Seine Liebe ist nicht nur für uns, deshalb läuft sie über. Sie geht immer auf die Menschen in unserem Umfeld über.

Morgen ist das Fest der Taufe des Herrn. Wir sind durch den ersten Johannesbrief schon sehr intensiv darauf vorbereitet worden. Schließlich sind wir auf den Namen Jesu getauft worden, weshalb seine Identität ausschlaggebend ist. Freuen wir uns auf wunderbare Schriften und berührende Lektionen der Schule Gottes!

Ihre Magstrauss