Mittwoch der 2. Woche im Jahreskreis

Hebr 7,1-3.15-17; Ps 110,1-2.3.4-5; Mk 3,1-6

Hebr 7
1 Melchisedek, König von Salem und Priester des höchsten Gottes; er, der dem Abraham, als dieser nach der Unterwerfung der Könige zurückkam, entgegenging und ihn segnete

2 und welchem Abraham den Zehnten von allem gab; er, dessen Name König der Gerechtigkeit bedeutet und der auch König von Salem ist, das heißt König des Friedens;
3 er, der vaterlos, mutterlos und ohne Stammbaum ist, ohne Anfang seiner Tage und ohne Ende seines Lebens, ähnlich geworden dem Sohn Gottes: Dieser Melchisedek bleibt Priester für immer.
15 Das ist noch viel offenkundiger, wenn nach dem Vorbild Melchisedeks ein anderer Priester eingesetzt wird,

16 der nicht, wie das Gesetz es fordert, aufgrund leiblicher Abstammung Priester geworden ist, sondern durch die Kraft unzerstörbaren Lebens.
17 Denn es wird bezeugt: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.

In den letzten Tagen ist durch die Lesungen aus dem Hebräerbrief immer wieder die Analogie zwischen Christus, dem wahren Hohepriester, und der Figur Melchisedek gestreift worden. Heute wird diese Analogie vertieft. Wir erfahren einige Informationen, die auf Gen 14 zurückgehen. Melchisedek ist in erster Linie gar kein Hohepriester, sondern König, was wir auch an seinem Namen erkennen: Melchi („mein König“)-Zedek („Gerechtigkeit“). Man kann den Namen wiedergeben mit „Mein König ist Gerechtigkeit“ oder „Mein König der Gerechtigkeit“. Er ist König von Salem. Wenn wir den größeren Kontext in Gen 14 lesen, erkennen wir, dass mit Salem Jerusalem gemeint sein könnte. Die Wurzel des Wortes „Salem“ ist identisch mit dem Wort für Frieden „Schalom“. Aus diesem Grund muss man sagen, dass Melchisedek nicht nur gerecht ist, sondern ein Friedensherrscher. Das färbt ihn durch und durch messianisch!
Melchisedek ist zugleich „Priester des höchsten Gottes“. Deshalb segnet er Abraham und dieser gibt ihm den Zehnten, ganz wie es für eine priesterliche Gestalt üblich ist.
Von dieser Person erfahren wir nichts über die Abstammung, was für eine königliche Figur eigentlich entscheidend ist. Wir wissen nichts von seinem Stammbaum.
All diese Dinge machen Melchisedek zu einem Typos Christi: Auch dieser ist Hohepriester, sogar nach derselben Ordnung. Auch dieser steht über dem Alten Bund, den Abraham repräsentiert. Auch Christus segnet Israel, denn er kommt zuerst, den Juden das Heil zu schenken. Er ist die königliche Gestalt, die die Propheten erwarten, der Friedensfürst, der erhöht wird in Jerusalem – zwar ganz anders, als es die Menschen jemals erwarten würden, nämlich am Kreuz, aber mit einer Krone auf dem Haupt. Er ist der wahre König, dessen Reich nicht von dieser Welt ist. Er kommt eingeritten auf einem Esel und die Menschen breiten ihre Kleider für diesen König aus mit dem Ruf „Hosanna“ und Siegespalmen in der Hand. Aus Gen 14 erfahren wir, dass Melchisedek Brot und Wein darbringt. So wird es auch Christus tun, wenn er das letzte Abendmahl feiert. Er wird aber noch weitergehen und sich in diesen Gaben selbst darbringen – es wird Realität am Tag darauf, wenn er seinen Leib dahingibt und sein Blut bis auf den letzten Tropfen vergießt. Das macht ihn zum wahren und ewigen Hohepriester. Christus ist von seiner göttlichen Natur her ohne Stammbaum. Er ist aus der Ewigkeit gekommen und in die Ewigkeit eingegangen. Einen Stammbaum erhielt er erst mit seiner Menschwerdung. Dadurch ist sein Hohepriestertum keines, das aufgrund von Abstammung vergeben wird, sondern „durch die Kraft unzerstörbaren Lebens.“
Wir müssen noch einen weiteren Aspekt ergänzen, den wir aufgrund der menschlichen Natur Jesu Christi bestätigen können: Durch seine menschliche Abstammung trägt er in sich zugleich levitisches und judäisches Blut. Er ist wirklich aus dem königlichen und priesterlichen Geschlecht. Diese Kombination hat er nämlich von seiner Mutter empfangen, deren Vorfahren sowohl levitisch als auch judäisch, genauer sogar davidisch sind.

Ps 110
1 Ein Psalm Davids. So spricht der HERR zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten und ich lege deine Feinde als Schemel unter deine Füße.

2 Das Zepter deiner Macht streckt der HERR aus vom Zion her: Herrsche inmitten deiner Feinde!
3 Dich umgibt Herrschaft am Tag deiner Macht, im Glanz des Heiligtums. Ich habe dich aus dem Schoß gezeugt vor dem Morgenstern.
4 Der HERR hat geschworen und nie wird es ihn reuen: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.
5 Der HERR steht dir zur Rechten; er zerschmettert Könige am Tag seines Zorns.

Heute beten wir als Antwort auf die Lesung Ps 110, einen Königspsalm, der so viele messianische Andeutungen besitzt, dass er den am häufigsten zitierten alttestamentlichen Text im Neuen Testament darstellt.
Gott spricht: „Setze dich mir zur Rechten“, was uns an Jesus Christus erinnert, den wir zur Rechten des Vaters glauben. Er ist aufgefahren in den Himmel, um nun an der Seite des Vaters zu sein. So beten wir im Glaubensbekenntnis. Doch zunächst auf König David angewandt, also im wörtlichen Sinn, bedeutet dies, dass wenn König David in Gemeinschaft mit Gott ist, gesegnet sein wird. Zur Rechten Gottes zu sitzen, meint im wörtlichen Sinn also zunächst, ganz in Gott zu sein, wir würden sagen: im Stand der Gnade zu sein. Es ist also moralisch zu verstehen und darin können wir uns mit König David identifizieren. Wenn wir also ganz in Gemeinschaft mit Gott sind, liegt auch auf unseren Plänen und Vorhaben, auf unseren Bemühungen und Bestrebungen Gottes Segen. Wenn dann verheißen wird, dass Gott seine Feinde wird unter den Schemel seiner Füße stellen wird, ist es im Falle Davids auf die Kriegserfolge zu beziehen. Wenn er ganz in Gott bleibt, um es einmal johanneisch auszudrücken, dann wird er seine Feinde besiegen und ein Friedensreich schaffen. Das ist es, was der Herr den Propheten eingibt, die den Messias ankündigen. Sie erwarten einen neuen David, einen Nachkommen, dessen Reich Bestand haben wird und das vor allem ein Friedensreich sein wird. Das führt uns wirklich auf Christus hin, der der wahre König ist. Er ist der lang ersehnte Friedensfürst, der neue „König von Salem“, der gerechte Herrscher des Gottesreiches. So sehen wir an dieser Stelle auch die Feinde Christi vor uns: Bezogen auf sein erstes Kommen und seine Erlösungstat denken wir an den Tod, den er besiegt, indem er von den Toten aufersteht! Wir sehen auch die Sünde der Welt, die er ein für allemal gesühnt hat. Das sind Abstracta, die aber auf einen ganz konkreten Feind zurückzuführen sind: den Widersacher Gottes, den Satan. Dieser ist der Feind Christi. Betrachten wir die momentane Phase in der Heilsgeschichte, sehen wir den bleibenden Spielraum des Bösen bis zum Ende der Zeiten. Dann aber wird der Vater ihn endgültig unter die Füße Christi treiben. Dann wird ganz mit ihm abgerechnet. Selbst der Tod wird zerstört werden.

Die Wiederkunft Christi wird angedeutet durch sein Erscheinen in heiligem Schmuck. Und dennoch ist diese Aussage mehrfach zu verstehen: Allein auf König David bezogen ist sie in ihrer Tiefe nicht zu begreifen, denn warum ist er von Gott gezeugt worden und nicht von Isai? Und warum ist er vor dem Morgenstern gezeugt worden? Wir begreifen diese Aussage immerhin als Gewolltsein von Gott, als die Zusage, dass Gott ihn ins Dasein gerufen hat wie jeden Menschen, mit einem eigenen Plan, mit einer eigenen Berufung. Und doch weist die Aussage über sich selbst hinaus auf Christus, der wirklich wortwörtlich vor dem Morgenstern gezeugt wurde. Er ist kein Geschöpf, er ist nicht geschaffen, sondern gezeugt. Er ist zudem, bevor überhaupt etwas geschaffen worden ist. Der „Tau in der Frühe“ ist zutiefst messianisch. Nicht umsonst singt die Kirche in der Adventszeit „Tauet Himmel den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab“. Das Kommen des Messias wird wie das Herabregnen des Niederschlags verstanden. Und was ist der heilige Schmuck Christi? Es ist moralisch zu verstehen als seine Sündenlosigkeit, es ist aber auch anagogisch zu verstehen als seine Herrlichkeit, die er offenbaren wird am Ende der Zeiten, wenn er nämlich zum zweiten Mal kommt! Dann wird seine Entäußerung, die er mit seinem ersten Kommen angenommen hat, nicht mehr sein.
Und dann sagt Gott selbst ihm zu, dass er Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks ist. Das ist nun wirklich über König David hinaus zu verstehen. Christus ist nach der Ordnung Melchisedeks Hohepriester. Er steht über dem gesamten Kult des Alten Bundes. Im Hebräerbrief haben wir ja ausführlich darüber nachgedacht. Sein Opfer ist endgültig, weshalb es die Opfer des Alten Israel nicht mehr braucht. Und diese Ordnung auf Christus bezogen ist eine ewige Ordnung. „Nie wird es ihn reuen“ müssen wir als Anthropomorphismus verstehen, der hier in einem poetischen Kontext formuliert wird, das heißt eine Wesensart des Menschen, die auf Gott angewandt wird: Gott ist kein Sünder. Er muss nichts bereuen, aber so hat man Gott gedacht, so wird er vor allem in den ältesten Schriften des Alten Testaments gedacht. So lesen wir davon, dass er die Sintflut bereut. Gott ist weder impulsiv noch begeht er Fehler. Er ist der Vollkommene und Heilige. Er muss nichts bereuen, sondern so stellt König David sich Gott vor bzw. kann es auch sein, dass er begreift, dass Gott nichts bereuen muss, aber er verwendet es bildlich, weil er hier ja im Psalm dichtet.
Der Herr zerschmettert Könige am Tag seines Zorns. Dieser Tag umschreibt den Jüngsten Tag, an dem Christus als verherrlichter Menschensohn wiederkommt. Dann wird er mit den Mächtigen dieser Welt abrechnen. Dann wird allen offenbar werden, wer der wahre Herrscher ist. Das ist für uns eine tröstliche Botschaft, weil es uns zeigt: Gott hat das letzte Wort. Er ist der Herr der Geschichte und entgegen aller gegenwärtigen Eindrücke wird er am Ende seinen Heilsplan durchsetzen.

Mk 3
1 Als er wieder in die Synagoge ging, war dort ein Mann mit einer verdorrten Hand.

2 Und sie gaben Acht, ob Jesus ihn am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn.
3 Da sagte er zu dem Mann mit der verdorrten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte!
4 Und zu den anderen sagte er: Was ist am Sabbat erlaubt – Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zu vernichten? Sie aber schwiegen.
5 Und er sah sie der Reihe nach an, voll Zorn und Trauer über ihr verstocktes Herz, und sagte zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er streckte sie aus und seine Hand wurde wiederhergestellt.
6 Da gingen die Pharisäer hinaus und fassten zusammen mit den Anhängern des Herodes den Beschluss, Jesus umzubringen.

Im heutigen Evangelium lesen wir wieder von einem messianischen Heilszeichen und der Provokation der Pharisäer.
Es ist wieder Sabbat, denn Jesus geht in die Synagoge. Dort ist ein Mann mit einer verdorrten Hand. Die Gegner Jesu warten schon darauf, dass Jesus wieder gegen die Torah verstößt, indem er am Sabbat Verbotenes tut. Was heißt es denn, eine verdorrte Hand zu haben? Das bedeutet in erster Linie, keiner Arbeit mehr nachgehen zu können, wahrscheinlich sind dem Mann auch schwere Sünden unterstellt worden, sodass die verdorrte Hand ihm als Strafe Gottes zugeschrieben worden ist.
Umso bemerkenswerter ist es, dass er sich in die Synagoge traut, wo viele Menschen mit dem Finger auf ihn zeigen könnten. Seine Hand ist vielleicht vertrocknet, aber sein Herz dürstet nach dem Wort Gottes. Er kommt, um zu lernen.
Dagegen haben die anwesenden Pharisäer intakte Hände, doch ein verstocktes Herz.
Jesus scheut die Konfrontation nicht, obwohl diese die Pharisäer noch mehr provozieren wird. Er stellt den Mann mit der verdorrten Hand in die Mitte. Diese geographische Zuordnung ist wichtig. In der Mitte befindet sich nämlich das Lesepult, an dem die Torah verlesen wird. Wenn Jesus den Geplagten nun in die Mitte stellt, wird er zum Mittelpunkt und zum konkreten Beispiel dessen, was die Torah beschreibt. Jesus tut dies also zur Veranschaulichung und aus pädagogischen Gründen. Alle Anwesenden können aus dem Folgenden also lernen, wenn sie wollen. Die Pharisäer bleiben jedoch verstockt und lernen deshalb nicht aus der Situation. Was möchte Jesus denn erklären? Am Sabbat geht es darum, mehr Zeit zu haben, um Gott die Ehre zu geben, zu ruhen wie er und dem Vieh sowie den Arbeitern eine Erholung zu gönnen. Wie geben wir Gott die Ehre? Indem wir ihn von ganzem Herzen lieben und deshalb seine Gebote halten. Gleichzeitig sollen wir unseren Nächsten lieben wie uns selbst und deshalb die Gebote Gottes, die den Nächsten betreffen, ebenso halten.
Jesus tut einen Akt der Nächstenliebe an dem Mann mit der verdorrten Hand. Er tut dies an der Stelle der Torah, um herauszustellen, dass ihr Kern die Liebe ist. Er heilt den Mann nicht nur körperlich und rettet sein Leben, wie er es hier sagt. Er gibt ihm wieder die Möglichkeit, Geld zu verdienen und seine Familie zu versorgen, die er vielleicht hat. Er bringt ihn zurück in die Gesellschaft. So wie wir gestern gelesen haben, geht es am Sabbat nicht darum, unter allen Umständen tatenlos zu sein um der Tatenlosigkeit willen. Man soll die Arbeit ruhen lassen, um diese Zeit und Kraft Gott zu schenken. Durch die Heilung des Mannes tut Jesus genau dies. Die Pharisäer haben den ursprünglichen Sinn des Gebotes längst vergessen und echauffieren sich deshalb über Jesu „Verstoß“. Auch hier sehen sie die Gebote, aber nicht den Geber der Gebote. Auch hier erkennen sie Jesus als Messias nicht.
Jesus sieht uns an. Er schaut jeden Menschen und dabei in das Herz hinein. Er sieht, was wir gar nicht mal selbst sehen. Es stimmt nicht, dass Gott unser Leben egal ist. Er sieht alles und weiß alles. Wir sind es nur, die vor dem Blick flüchten so wie Adam und Eva nach dem Sündenfall. Wir wollen nicht angesehen werden und schauen selber weg. Das macht den Herrn traurig. Er will, dass wir mit ihm zusammen im Teamwork unser Leben bestehen. Er möchte, dass wir den Versuchungen widerstehen und uns nicht über Gott erheben, der uns den Sinn seiner Gebote erklärt.
Heute haben die Pharisäer erneut die Zeit der Gnade nicht erkannt. Im Gegenteil. Sie beschließen sogar das „Teamwork“ mit den Anhängern des Herodes und planen die Ermordung Jesu.

Ist uns bewusst, dass wenn wir verstockt sind und uns von Gott nicht belehren lassen, so werden wie die Pharisäer? Wir versuchen dann, den Herrn mundtot zu machen, damit er uns nicht mehr belästigt, damit wir unser Leben weiterleben können, ohne uns ändern zu müssen. Verhärten wir nicht unser Herz wie sie, sondern lassen wir uns belehren. Nehmen wir die Lektionen Gottes ernst, der der perfekte Pädagoge ist. Gehen wir die Partnerschaft mit Gott in den Kämpfen unseres Lebens ein und sehen wir alles mit Gottes Augen. Dann werden wir seine Gebote aus Liebe halten, nicht um der Gebote selbst willen. Dann wird er uns als wahrer Hohepriester mit Gott versöhnen, dann werden wir zugleich in seinen Herrschaftsbereich gelangen, in das Gottesreich.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 2. Woche im Jahreskreis

Hebr 6,10-20; Ps 111,1-2.4-5.9 u. 10c; Mk 2,23-28

Hebr 6
10 Denn Gott ist nicht so ungerecht, euer Tun zu vergessen und die Liebe, die ihr seinem Namen bewiesen habt, indem ihr den Heiligen gedient habt und noch dient.

11 Wir wünschen aber, dass jeder von euch im Blick auf den Reichtum unserer Hoffnung bis zum Ende den gleichen Eifer zeigt,
12 damit ihr nicht träge werdet, sondern Nachahmer derer seid, die durch Glauben und Geduld Erben der Verheißungen sind.
13 Denn als Gott dem Abraham die Verheißung gab, schwor er bei sich selbst, da er bei keinem Höheren schwören konnte,

14 und sprach: Fürwahr, ich will dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen überaus zahlreich machen.
15 So erlangte Abraham durch seine Ausdauer die Verheißung.
16 Menschen nämlich schwören bei dem Höheren; der Eid dient ihnen zur Bekräftigung und schließt jeden weiteren Einwand aus;
17 deshalb hat Gott, weil er den Erben der Verheißung ausdrücklich zeigen wollte, dass sein Entschluss unabänderlich ist, sich mit einem Eid verbürgt.
18 So sollten wir durch zwei unwiderrufliche Taten, bei denen Gott unmöglich täuschen konnte, einen kräftigen Ansporn haben, wir, die wir unsere Zuflucht dazu genommen haben, die dargebotene Hoffnung zu ergreifen.
19 In ihr haben wir einen sicheren und festen Anker der Seele, der hineinreicht in das Innere hinter dem Vorhang;
20 dorthin ist Jesus für uns als Vorläufer hineingegangen, er, der nach der Ordnung Melchisedeks Hohepriester geworden ist auf ewig.

In der heutigen Lesung geht es zunächst um die träge gewordenen Heiligen, das heißt um die Christen, die lau geworden sind und die anfängliche Euphorie verloren haben. Gott ist aber so barmherzig, dass er die anfängliche Euphorie und den Glaubenseifer der Christen nicht vergisst. Das ist eine Entwicklung, der wir alle anheimfallen können, weshalb die Worte im Hebräerbrief sehr aktuell sind.
Unser Ziel sollte es sein, nicht nur am Anfang voller Eifer für den Herrn zu brennen und dann wie ein Feuerwerk innerhalb kurzer Zeit ausgebrannt zu sein. Vielmehr soll ein stetes Feuer brennen und alles, was im Namen Gottes geschieht, vom gleichen Eifer geprägt sein. Schließlich geht es nicht nur um den Dienst an den Heiligen (gemeint ist der Dienst in der Gemeinde), sondern auch darum, missionarisch zu wirken. An ihnen soll man erkennen, dass sie „durch Glauben und Geduld Erben der Verheißungen sind“. So ziehen sie andere Menschen an, die Jesus Christus kennenlernen und sich ebenfalls auf seinen Namen taufen lassen.
Der springende Punkt ist die Ausdauer. Wir sollen nicht zu christlichen Sanguinikern werden, die alles Mögliche beginnen, aber nichts zuende führen. Wir sollen an einer Sache treu festhalten, nicht nur an einer Sache, sondern an Jesus Christus und seinem Evangelium. Als Beispiel wird hier Abraham genannt, der als jüdische Autorität und Vorbild schlechthin gilt. Ihm wurde etwas Großartiges verheißen, aber erst dadurch ist dies inkraft getreten, dass er an der Verheißung geduldig festgehalten hat. Bis es nämlich soweit war, dass Isaak geboren werden sollte, verging einige Zeit.
Zur Bekräftigung legt man einen Eid ab, der „jeden weiteren Einwand“ ausschließt. So ist Gott bereit, seine Verheißung stets mit einem Bund zu verbürgen. Dies wird hier angedeutet „durch zwei unwiderrufliche Taten, bei denen Gott unmöglich täuschen konnte“. Er ist den Alten Bund eingegangen, der durch die Heilsgeschichte hindurch immer wieder erneuert und auf eine größere Menschenmenge ausgeweitet worden ist. Er ist auf der Höhe dieser Heilsgeschichte den Neuen Bund mit allen Menschen eingegangen. Diesen Bund gehen wir ein, wenn wir uns taufen lassen. Gott ist treu und hält seine Versprechen. Was er mit dem Bundesschluss verheißt, hält er auch. Deshalb kann er unmöglich täuschen. Das soll auch uns Christen heute einen „kräftigen Ansporn“ darstellen, durch den wir unser Leben hindurch mit demselben Eifer für Gott einstehen sollen. Wenn wir geduldig ausharren und standhaft im Glauben sind, wird die Verheißung, die Christus erwirkt hat, eintreffen: das ewige Leben bei Gott. Die Auferstehung Jesu Christi ist uns ein Anker der Hoffnung, denn wir sind durch die Taufe auf Tod und Auferstehung Jesu Christi getauft worden. Wir sind zu österlichen Menschen geworden.
Unsere Seele hat darin einen festen Anker. Was aber hat es mit dem Vorhang auf sich? Das ist Tempelsprache: Im Jerusalemer Tempel ist das Allerheiligste der innerste und heiligste Kern, wo Gottes Herrlichkeit wohnt. Dort ist die Bundeslade mit den Bundestafeln (zum Ende hin ist diese Bundeslade verschollen, aber der Ort wird dennoch als das Allerheiligste verehrt). Dieser Bereich darf nur einmal im Jahr vom Hohepriester betreten werden, wenn er für das ganze Volk Sühne leistet am Versöhnungstag. Das Allerheiligste ist abgetrennt durch einen Vorhang, das ist derselbe Vorhang, der beim Tod Jesu zerrissen ist. Was das Bild des Tempelvorhangs uns hier sagen möchte, ist: So wie es diesen Vorhang zwischen dem Allerheiligsten und dem Rest des Tempels gibt, so ist ein Vorhang zwischen dem irdischen Dasein und der himmlischen Wirklichkeit vorhanden, dem eigentlichen Allerheiligsten. Die Verbindung zwischen beiden ist hergestellt durch Jesus Christus, der uns einen kleinen Blick hindurchsehen lässt. Er ist der Vorläufer, der bereits in dieses himmlische Heiligtum eingegangen ist und wohin wir ihm folgen dürfen. Er, der ewige Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks – wir haben darüber bereits nachgedacht – ist analog zum Hohepriester des Alten Bundes zu verstehen, der am Versöhnungstag diese Sühne erwirkt. Der Unterschied: Er opfert sich selbst, er muss sich selbst nicht sühnen, er geht auf ewig in das Heiligtum ein und Versöhnungstag ist ein dauerhafter Zustand geworden.

Ps 111
1 Halleluja! Dem HERRN will ich danken mit ganzem Herzen im Kreis der Redlichen, in der Gemeinde.
2 Groß sind die Werke des HERRN, erforschenswert für alle, die sich an ihnen freuen.
4 Ein Gedächtnis seiner Wunder hat er gestiftet, der HERR ist gnädig und barmherzig.
5 Speise gab er denen, die ihn fürchten, seines Bundes gedenkt er auf ewig.
9 Erlösung hat er seinem Volk gesandt, seinen Bund bestimmt für ewige Zeiten. Heilig und Furcht gebietend ist sein Name.
10 Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Weisheit. Gute Einsicht ist sie allen, die danach handeln. Sein Lob hat Bestand für immer.

Heute beten wir Psalm 111, einen Lobpreispsalm mit weisheitlichen Anteilen. Er beginnt mit dem Hallelujaruf, der genau genommen ja einen Lobpreisaufruf darstellt, wie er als Einleitung in Psalmen oft ergeht. Denn Halleluja heißt „preist Jahwe“.
„Dem HERRN will ich danken mit ganzem Herzen im Kreis der Redlichen, in der Gemeinde“ ist eine liturgische Aussage. Es handelt sich also um einen Lobpreis in der Gruppe, im Gottesdienst. Man kann sich vorstellen, dass dieser Psalm bei Wallfahrtsfesten gebetet worden ist, denn er besingt die Heilstaten Gottes. Es ist eine angemessene Antwort auf die Sühne, die der ewige und wahre Hohepriester Christus erwirkt hat.
„Groß sind die Werke des HERRN“ und deshalb sind sie „erforschenswert“. Wenn man sie bedenkt, wird man sich freuen und über Gott staunen, der so gut zu den Menschen ist.
Das Entscheidende ist: Gott ist deshalb so verlässlich, weil er seine Offenbarung nicht einfach so ändert. Seine Gebote und sein Bund stehen fest „auf ewig“. Er gibt „ein Gedächtnis seiner Wunder“. Wir müssen an die gestifteten Feste denken wie das Pessachfest, das an den Auszug aus Ägypten erinnert. Die Speise, die er den Gottesfürchtigen gegeben hat, erinnert an das Manna, das vom Himmel herabkam. Die Väter in der Wüste sind so am Leben geblieben. Auch die Tauben, die er vom Himmel regnen ließ, nährten das Volk. Das betrifft das leibliche Wohl, doch auch seelisch nährte der Herr sein Volk durch die Zusagen, Heilstaten, prophetischen Worte, die er durch Mose sagen ließ. Das sind für uns Vorausbilder, die schon über sich selbst hinaus auf den verweisen, der uns so sehr nährt, dass wir das ewige Leben haben – Jesus Christus, der das wahre Himmelsbrot ist und uns zum ewigen Leben beim Vater befähigt.
Seine ewige Treue zeigt Gott auch daran, dass er den Bund für immer aufrecht erhält, den er mit den Israeliten geschlossen hat – und wir Christen dürfen auch sagen, dass Gott ebenso den neuen Bund ewig hält. Wenn es zum Bundesbruch kommt, dann aufgrund des Menschen, der ihn bricht. Gott aber bleibt treu und hält auch dann am Menschen fest, versucht ihn zur Umkehr zu bewegen und gibt ihm immer wieder eine neue Chance.
Wenn wir von der Erlösung hier hören, dann denken wir nicht an politische Erlösung im Sinne der Befreiung aus Fremdherrschaft, wie die Israeliten es vor allem verstanden haben, sondern wir denken an die umfassende Erlösung und das ewige Leben, das Jesus uns geschenkt hat. Es ist eine Erlösung von der Sünde und des Exils außerhalb des Paradieses.
Schließlich kommt am Ende des Psalmenabschnitts ein wichtiges Wort, das wichtig ist beim Verständnis der Geistesgaben: Der Beginn ist durch die Gottesfurcht gekennzeichnet. Wer Gott fürchtet, wird nicht so leben, dass er Gottes Willen übertritt. Und wer die Gebote Gottes hält, der ist im Stand der Gnade. In diesem Zustand kann er die Gaben des Hl. Geistes empfangen, angefangen bei der Weisheit.
„Sein Lob hat Bestand für immer“ bezieht sich auf das Lob, das von den Israeliten ausgeht, nicht von Gott. Es ist eher zu verstehen, dass der Lobpreis, der an Gott ergeht, ein ewiger ist. Das schauen schon die Propheten in den Himmelsvisionen. Dort erfolgt ein ewiger Lobpreis Gottes, dessen Abbild die irdische Liturgie darstellt. Der Kult der Israeliten ist Schatten dieser himmlischen Liturgie.

Mk 2
23 An einem Sabbat ging er durch die Kornfelder und unterwegs rissen seine Jünger Ähren ab. 
24 Da sagten die Pharisäer zu ihm: Sieh dir an, was sie tun! Das ist doch am Sabbat nicht erlaubt. 
25 Er antwortete: Habt ihr nie gelesen, was David getan hat, als er und seine Begleiter hungrig waren und nichts zu essen hatten, 
26 wie er zur Zeit des Hohepriesters Abjatar in das Haus Gottes ging und die Schaubrote aß, die außer den Priestern niemand essen darf, und auch seinen Begleitern davon gab? 
27 Und Jesus sagte zu ihnen: Der Sabbat wurde für den Menschen gemacht, nicht der Mensch für den Sabbat.
28 Deshalb ist der Menschensohn Herr auch über den Sabbat.

Im Evangelium zeigt der wahre Hohepriester auf, wie eine innige Beziehung zum Vater sein sollte und worauf es wirklich ankommt. Die Pharisäer stören sich erneut an Jesu Verhalten bzw. an dem seiner Jünger: Sie wagen es, am Sabbat Ähren vom Feld zu pflücken und zu essen.
Warum tun sie das überhaupt? Jesus ist mit seinen Jüngern unterwegs und da bekommt man eben Hunger. Sie müssen etwas essen, deshalb bedienen sie sich an den Ähren. Das hat auch nichts mit Stehlen zu tun, wie man jetzt vielleicht daraus schließen könnte. Laut Dtn 23,26 ist es erlaubt, mit der Hand Ähren vom Feld eines anderen zu pflücken. Jesus und seine Jünger sind stets unterwegs. Sie haben keinen festen Wohnsitz und führen ein anderes Leben als die anderen. Sie müssen irgendwann essen und somit erlaubt Jesus ihnen auch das Essen von den Ähren.
Als sie dafür von anderen kritisiert werden, verweist Jesus auf König David und seine Begleiter, die sogar die Schaubrote im Offenbarungszelt essen, die eigentlich nur für die Priester gedacht sind. Was Jesus durch diesen Verweis sagen möchte, ist: Es gibt Gebote nicht dafür, dass wir eingeschränkt werden. Sie sollen uns ja in die Freiheit führen. Wenn Jesus den Sinn von Geboten erklärt, hat das höchste Autorität. Er ist Gott und erklärt den Menschen höchstpersönlich, warum er die Gebote den Menschen überhaupt gegeben hat! Die Sabbatruhe ist nicht dafür da, dass man verhungert (auch nicht, dass jemand an einer Krankheit stirbt, wenn man ihn nicht heilt). Er ist dafür da, damit wir mehr Zeit für das Gebet und die Beziehung mit Gott haben. Die Kritik der Menschen geht also an dem Sinn der Sabbatruhe vorbei. Seine Jünger werden ihre Gottesbeziehung nicht weniger verinnerlichen können, nur weil sie eine Mahlzeit zu sich genommen haben. Im Gegenteil: Sie folgen Jesus nach, durch den sie eine ganz innige Beziehung zum Herrn lernen. Aber auch heute sehen wir, dass die Menschen Jesus als Messias und Gott nicht erkennen. Sie sehen nicht, dass er schon längst mitten unter ihnen ist. Sie verstehen dadurch auch nicht, wenn Jesus sagt: Der Menschensohn ist Herr über den Sabbat. Gott ist höher als seine gegebene Torah.
Auch hier lernen wir, worum es eigentlich gehen sollte: um die Beziehung zu Gott. So wie König David ganz nah an Gottes Herz hing, was uns die wunderbaren Psalmen offenbaren, sollen auch die Juden zur Zeit Jesu leben. Schließlich ist die Motivation für das Halten der Gebote Gottes die Liebe zu ihm, eine Liebe, die beständig sein soll und nicht nach einiger Zeit erkaltet. Davor warnt ja der Hebräerbrief. Den Kritikern Jesu geht es aber nicht um Beziehung, um Liebe oder sonst etwas. Ihnen geht es um das Halten der Gebote um der Gebote selbst willen. Sie sind so beschäftigt damit, in ihrer eigenen Selbstgerechtigkeit und der Buchstabentreue zu verbleiben, dass sie das Heil direkt vor ihren Augen nicht erkennen. Ja noch schlimmer – sie verwehren es auch noch jenen, die sie wie eine Torah-Polizei verurteilen. Sie lassen sich nicht belehren, auch nicht von Gott selbst. Aber Jesus sieht ihr Herz und gibt durch seine Erklärungen immer wieder die Chance, es zu verstehen. Er liebt auch die Pharisäer von ganzem Herzen und möchte ihnen helfen. Er sieht, dass die Pharisäer zwar kritisieren, aber selbst die absolut strikte Sabbatruhe nicht nutzen, um ihre Beziehung zum Herrn zu vertiefen.

Die Gebote Gottes sollen uns in die Freiheit führen, in die wahre Freiheit von der Sünde und nicht in die Anarchie. Und doch dürfen wir den Wald vor lauter Bäumen nicht übersehen. Besinnen wir uns immer wieder darauf, warum und wofür die Gebote Gottes gegeben sind – ihn zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst. Wo die Liebe nicht mehr Antrieb ist, wird unser Verhalten unfruchtbar und unser Herz entfernt sich von Gott. Orientieren wir uns am Hohepriester Jesus Christus. Er ist nicht einfach ein liturgischer Beamter, sondern zuinnigst mit dem Vater vereint. Diese Liebe und Hingabe zum Vater soll uns Vorbild sein. Sein Schreiten durch den Vorhang der Ewigkeit hindurch soll uns Ansporn sein, alles daran zu setzen, ebenfalls durch diesen Vorhang hindurch ganz zum Vater zu kommen, um auf ewig mit ihm vereint zu sein.

Ihre Magstrauss

Montag der 2. Woche im Jahreskreis

Hebr 5, 1-10; Ps 110 (109), 1-2.3.4-5; Mk 2, 18-22

Hebr 5
1 Denn jeder Hohepriester wird aus den Menschen genommen und für die Menschen eingesetzt zum Dienst vor Gott, um Gaben und Opfer für die Sünden darzubringen.
2 Er ist fähig, mit den Unwissenden und Irrenden mitzufühlen, da er auch selbst behaftet ist mit Schwachheit,
3 und dieser Schwachheit wegen muss er wie für das Volk so auch für sich selbst Sündopfer darbringen.
4 Und keiner nimmt sich selbst diese Würde, sondern er wird von Gott berufen, so wie Aaron.
5 So hat auch Christus sich nicht selbst die Würde verliehen, Hohepriester zu werden, sondern der zu ihm gesprochen hat: Mein Sohn bist du. Ich habe dich heute gezeugt,
6 wie er auch an anderer Stelle sagt: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.
7 Er hat in den Tagen seines irdischen Lebens mit lautem Schreien und unter Tränen Gebete und Bitten vor den gebracht, der ihn aus dem Tod retten konnte, und er ist erhört worden aufgrund seiner Gottesfurcht.
8 Obwohl er der Sohn war, hat er durch das, was er gelitten hat, den Gehorsam gelernt;
9 zur Vollendung gelangt, ist er für alle, die ihm gehorchen, der Urheber des ewigen Heils geworden
10 und wurde von Gott angeredet als Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks.

In der heutigen Lesung betrachten wir wieder die hohepriesterliche Eigenschaft Jesu Christi. Es ist schon zuvor angeklungen, dass er mit den Menschen mitfühlt, weil er selbst alles durchgemacht hat. Er ist den Menschen in allem gleich außer der Sünde. Dieses Gleichsein ist dadurch ermöglicht worden, dass er sich entäußert hat, um den Menschen gleich zu werden. Was bedeutet das? Das griechische Wort ist die kenosis. Gott hat die „Schwachheit des Fleisches“ freiwillig angenommen, das heißt die Begrenztheit und Zerbrechlichkeit der ersten Schöpfung, und hat seine Gottheit nicht in Anspruch genommen. Durch diesen freiwilligen Verzicht ist er wahrlich einem Hohepriester ähnlich geworden. So wie dieser von Gott berufen wird, ist Christus vom Vater berufen worden. Hier wird die Offenbarung der Sohnschaft Christi bei der Taufe angedeutet vor dem Hintergrund alttestamentlicher Verheißungen („heute habe ich dich gezeugt“, Ps 110). So wie der Hohepriester für das Volk und für sich selbst bittet, so hat Christus „unter Schreien und Tränen“ Gebete und Bitten vorgebracht. Er musst für sich selbst aber kein Opfer darbringen, weil er ohne Sünde ist und somit keine Sühne braucht. Das macht den großen Unterschied. Eine weitere Sache unterscheidet ihn von Aaron, der hier zum Vergleich herangezogen wird: Christus ist nicht Hohepriester des aaronitischen Zweigs wie die gesamte Kultfamilie Israels, sondern er ist Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks. Dabei handelt es sich um eine gleichsam mysteriöse Gestalt, dessen Ursprung und Identität nicht offengelegt werden. Er begegnet Abraham, er bringt Brot und Wein dar und das Entscheidende: Er segnet Abraham. Das bedeutet, er steht über Abraham, von dem Mose und Aaron abstammen werden und mit ihnen der ganze priesterliche Stamm. Christus steht über allen Hohepriestern des Alten Bundes. Auch wenn Christus höher steht als diese alle, ja der Sohn Gottes höchstpersönlich ist, ist er nicht vom Leiden verschont geblieben. Das müssen wir genauer betrachten: Er hat die Schwachheit der Menschen angenommen, was auch das Leiden einbezieht. Die Folgen der Erbsünde sind das Leiden und der Tod. Auch wenn er von der Erbsünde verschont geblieben ist, wird er in die weitreichenden Konsequenzen hineingezogen, die die ganze Welt betreffen. Das ist es, was mit „Fleisch“ gemeint ist – die gefallene Schöpfung, die alles betrifft, auch die Nahrungskette der Tiere, das entstandene Chaos der Naturgewalten, einfach alles. Die Schöpfung lehnt sich gegen die Sünde des Menschen auf. Gott hat seinen Sohn also nicht verschont, als er ihn zur ultimativen Hohepriesterschaft beruft. Er ist bereit, seinen Sohn zu opfern. So werden sie beide zum Antitypos der Beziehung Abraham-Isaak. Auch Abraham soll seinen Sohn opfern, doch es ist eine Prüfung. Kurz bevor er seine Tat vollziehen kann, gebietet ihm ein Engel, seinen Sohn nicht zu opfern. Im Gegensatz zu diesen beiden verschont der himmlische Vater seinen Sohn nicht. Auch in seinem Fall ist der Sohn das Kostbarste, was er hat. Und doch ist er bereit, diesen Schatz für uns hinzugeben! Danken wir ihm dafür.

Ps 110
1 Ein Psalm Davids. So spricht der HERR zu meinem Herrn: Setze dich zu meiner Rechten und ich lege deine Feinde als Schemel unter deine Füße.

2 Das Zepter deiner Macht streckt der HERR aus vom Zion her: Herrsche inmitten deiner Feinde!
3 Dich umgibt Herrschaft am Tag deiner Macht, im Glanz des Heiligtums. Ich habe dich aus dem Schoß gezeugt vor dem Morgenstern.
4 Der HERR hat geschworen und nie wird es ihn reuen: Du bist Priester auf ewig nach der Ordnung Melchisedeks.
5 Der HERR steht dir zur Rechten; er zerschmettert Könige am Tag seines Zorns.

Heute beten wir als Antwort auf die Lesung Ps 110, einen Königspsalm, der so viele messianische Andeutungen besitzt, dass er den am häufigsten zitierten alttestamentlichen Text im Neuen Testament darstellt.
Gott spricht: „Setze dich mir zur Rechten“, was uns an Jesus Christus erinnert, den wir zur Rechten des Vaters glauben. Er ist aufgefahren in den Himmel, um nun an der Seite des Vaters zu sein. So beten wir im Glaubensbekenntnis. Doch zunächst auf König David angewandt bedeutet dies, dass wenn König David in Gemeinschaft mit Gott ist, gesegnet sein wird. Zur Rechten Gottes zu sitzen, meint im wörtlichen Sinn also zunächst, ganz in Gott zu sein, wir würden sagen: im Stand der Gnade zu sein. Es ist also moralisch zu verstehen und darin können wir uns mit König David identifizieren. Wenn wir also ganz in Gemeinschaft mit Gott sind, liegt auch auf unseren Plänen und Vorhaben, auf unseren Bemühungen und Bestrebungen Gottes Segen. Wenn dann verheißen wird, dass Gott seine Feinde wird unter den Schemel seiner Füße stellen wird, ist es im Falle Davids auf die Kriegserfolge zu beziehen. Wenn er ganz in Gott bleibt, um es einmal johanneisch auszudrücken, dann wird er seine Feinde besiegen und ein Friedensreich schaffen. Das ist es, was der Herr den Propheten eingibt, die den Messias ankündigen. Sie erwarten einen neuen David, einen Nachkommen, dessen Reich Bestand haben wird und das vor allem ein Friedensreich sein wird. Wenn wir diese Stelle nun christologisch verstehen, sehen wir die Feinde Christi vor uns: Bezogen auf sein erstes Kommen und seine Erlösungstat denken wir an den Tod, den er besiegt, indem er von den Toten aufersteht! Wir sehen auch die Sünde der Welt, die er ein für allemal gesühnt hat. Das sind Abstracta, die aber auf einen ganz konkreten Feind zurückzuführen sind: den Widersacher Gottes, den Satan. Dieser ist der Feind Christi. Betrachten wir die momentane Phase in der Heilsgeschichte, sehen wir den bleibenden Spielraum des Bösen bis zum Ende der Zeiten. Dann aber wird der Vater ihn endgültig unter die Füße Christi treiben. Dann wird ganz mit ihm abgerechnet. Selbst der Tod wird zerstört werden.

Die Wiederkunft Christi wird angedeutet durch sein Erscheinen in heiligem Schmuck. Und dennoch ist diese Aussage mehrfach zu verstehen: Allein auf König David bezogen ist sie in ihrer Tiefe nicht zu begreifen, denn warum ist er von Gott gezeugt worden und nicht von Isai? Und warum ist er vor dem Morgenstern gezeugt worden? Wir begreifen diese Aussage immerhin als Gewolltsein von Gott, als die Zusage, dass Gott ihn ins Dasein gerufen hat wie jeden Menschen, mit einem eigenen Plan, mit einer eigenen Berufung. Und doch weist die Aussage über sich selbst hinaus auf Christus, der wirklich wortwörtlich vor dem Morgenstern gezeugt wurde. Er ist kein Geschöpf, er ist nicht geschaffen, sondern gezeugt. Er ist zudem, bevor überhaupt etwas geschaffen worden ist. Der „Tau in der Frühe“ ist zutiefst messianisch. Nicht umsonst singt die Kirche in der Adventszeit „Tauet Himmel den Gerechten, Wolken, regnet ihn herab“. Das Kommen des Messias wird wie das Herabregnen des Niederschlags verstanden. Und was ist der heilige Schmuck Christi? Es ist moralisch zu verstehen als seine Sündenlosigkeit, es ist aber auch anagogisch zu verstehen als seine Herrlichkeit, die er offenbaren wird am Ende der Zeiten, wenn er nämlich zum zweiten Mal kommt! Dann wird diese Entäußerung, von der noch in der Lesung die Rede ist, nicht mehr sein.
Und dann sagt Gott selbst ihm zu, dass er Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks ist. Das ist nun wirklich über König David hinaus zu verstehen. Christus ist nach der Ordnung Melchisedeks Hohepriester. Er steht über dem gesamten Kult des Alten Bundes. Sein Opfer ist endgültig, weshalb es die Opfer des Alten Israel nicht mehr braucht. Und diese Ordnung auf Christus bezogen ist eine ewige Ordnung. „Nie wird es ihn reuen“ müssen wir als Anthropomorphismus verstehen, der hier in einem poetischen Kontext formuliert wird, das heißt eine Wesensart des Menschen, die auf Gott angewandt wird: Gott ist kein Sünder. Er muss nichts bereuen, aber so hat man Gott gedacht, so wird er vor allem in den ältesten Schriften des Alten Testaments gedacht. So lesen wir davon, dass er die Sintflut bereut. Gott ist weder impulsiv noch begeht er Fehler. Er ist der Vollkommene und Heilige. Er muss nichts bereuen, sondern so stellt König David sich Gott vor bzw. kann es auch sein, dass er begreift, dass Gott nichts bereuen muss, aber er verwendet es bildlich, weil er hier ja im Psalm dichtet.
Der Herr zerschmettert Könige am Tag seines Zorns. Dieser Tag umschreibt den Jüngsten Tag, an dem Christus als verherrlichter Menschensohn wiederkommt. Dann wird er mit den Mächtigen dieser Welt abrechnen. Dann wird allen offenbar werden, wer der wahre Herrscher ist. Das ist für uns eine tröstliche Botschaft, weil es uns zeigt: Gott hat das letzte Wort. Er ist der Herr der Geschichte und entgegen aller gegenwärtigen Eindrücke wird er am Ende seinen Heilsplan durchsetzen.

Mk 2
18 Da die Jünger des Johannes und die Pharisäer zu fasten pflegten, kamen Leute zu Jesus und sagten: Warum fasten deine Jünger nicht, während die Jünger des Johannes und die Jünger der Pharisäer fasten? 
19 Jesus antwortete ihnen: Können denn die Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam bei ihnen ist, können sie nicht fasten. 
20 Es werden aber Tage kommen, da wird ihnen der Bräutigam weggenommen sein; dann werden sie fasten, an jenem Tag. 
21 Niemand näht ein Stück neuen Stoff auf ein altes Gewand; denn der neue Stoff reißt vom alten Gewand ab und es entsteht ein noch größerer Riss. 
22 Auch füllt niemand jungen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreißt der Wein die Schläuche; der Wein ist verloren und die Schläuche sind unbrauchbar. Junger Wein gehört in neue Schläuche.

Im heutigen Evangelium dreht sich alles darum, wo wir heilsgeschichtlich stehen. Damit verbunden steht auch die Frage im Raum, wer Jesus ist.
Der Streitpunkt ist dabei das Fasten, eine Sache, die man nach außen hin zur Schau stellen kann und die vor allem eine Vorbereitung auf das Kommen der messianischen Heilszeit darstellt.
Die Johannesjünger und die Pharisäer fasten zusätzlich zu den gebotenen Fastentagen für die Juden. Bei den Johannesjüngern geht es dabei um die Buße für den kommenden Messias. Das ist ihre Berufung. Die Pharisäer sühnen ursprünglich für das Volk, aber leider sind sie versucht, dies den anderen vorzuhalten oder sich höher zu stellen als der Rest. Sie verkennen dabei, dass nicht der Unterschied in der Fastenpraxis sie vor Gott gerechter machen kann als die anderen. Die eigene Reue und Umkehr, das Tun des Willens Gottes, der Gehorsam macht Gerecht vor Gott.
Jesus ist der Messias. Er muss nicht wie die Johannesjünger fasten, weil er ja das Ziel ihrer Vorbereitung ist. Er ist der Bräutigam, der um seine Braut Israel wirbt. Jetzt ist der Bräutigam da und er möchte durch seine Feiermentalität herausstellen, wer er ist. Im gesamten AT lesen wir diese Metapher der Braut Israel und des Bräutigams Gott. Dieser greift die Hauptmetapher der heiligen Schrift auf, die die Juden eigentlich erkennen sollten. Nun ist er so weit gegangen, Mensch zu werden, um ganz bei seiner Braut zu sein. Kann man da fasten? Natürlich nicht! Diejenigen, die sich an Jesu fehlendem Fasten stören, haben ihn als Messias nicht erkannt. Sie erkennen nicht, dass die Vorbereitungszeit vor dem Kommen des Messias schon abgeschlossen ist, weil die neue, messianische Heilszeit angebrochen ist!
Jesus deutet auch an, dass er sterben werde, weshalb der Bräutigam der Braut weggenommen werde. Für alles gibt es eine Zeit, so das Buch Kohelet. Jetzt ist die Zeit zum Feiern und mit Jesu Tod kommt das Fasten.
Ab Vers 21 versucht Jesus durch zwei Bilder die ganz neu angebrochene Epoche zu verdeutlichen. Mann kann keine zwei unterschiedlichen Stoffe aufeinandernähen, weil sie sonst reißen. Man kann keinen neuen Wein in alte Schläuche gießen, weil diese zerbersten. Was Jesus durch die Bilder konkret sagen möchte: Ihr könnt nicht bei der angebrochenen messianischen Heilszeit weiterhin so tun, als sei sie noch nicht da. Ihr könnt nicht jetzt, wo ich direkt vor euch stehe, weiterhin auf den Messias warten. Dann fährt der Zug ohne euch ab. Mit dem gekommenen Messias müsst ihr eine vollkommen neue Verhaltensweise an den Tag legen.
Auch für uns sind das zwei wichtige Bilder, die an uns appellieren: Wir können nicht Jesus nachfolgen und dabei noch ein bisschen an dem alten sündigen Leben hängen. Wenn wir als Neugetaufte in die Gemeinschaft der Kirche eingegliedert worden sind, sind wir neugeboren im Heiligen Geist. Dann können wir nicht mehr so leben, als wären wir nicht getauft. Wenn wir gebeichtet haben und zurück in den Stand der Gnade gekommen sind, können wir nicht die alten sündhaften Verhaltensweisen fortsetzen. Wir haben in der Beichte Jesus versprochen, uns zu ändern. Wenn wir trotzdem das alte Leben weiterführen, wird ein großer Schaden entstehen wie die zerbersteten Schläuche und der größere Riss im Stoff. Jetzt wo wir die Gnade der Vergebung erhalten haben und vor allem zur Erkenntnis unserer Sünde gelangt sind, werden wir viel größere Verantwortung für dieselben Vergehen tragen müssen. Jetzt tun wir die bösen Dinge ja, obwohl wir ihre Bosheit erkannt haben.
Der Hohepriester nach der Ordnung Melchisedeks hat uns durch sein endgültiges Opfer vor Gott gerecht gemacht. Wie können wir nun so tun, als sei diese Sühnung nie geschehen!

Wir erfahren nicht davon, wie die Fragesteller reagiert haben, aber es wäre schon interessant, ob der ein oder andere Jesu Worte verstanden hat und ihm nachgefolgt ist.
Gott hat in seinem Heilsplan den Höhepunkt erreicht. Er hat seinen einzigen Sohn dem auserwählten Volk an die Seite gestellt. Und auch hier ist es nicht ge-hor-sam – es hört nicht zu, was Gott ihm erklärt. Stattdessen will es die eigenen Dinge tun, um vor Gott gerecht zu werden (also lieber fasten, obwohl Gott ihnen in dieser Zeit signalisiert: „Jetzt nicht, meine Kinder! Ich bin gekommen, also lasst uns feiern!“). Die Selbstgerechten verpassen die Chance, die Gott ihnen bietet. Wir Menschen sind alle erlösungsbedürftig. Keiner von uns kann sagen: Ich brauche die Erlösung nicht. Je schneller wir das begreifen und uns Gottes Wirken nicht mehr entziehen, desto heilsamer ist es für uns!

Ihre Magstrauss



Samstag der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 4,12-16; Ps 19,8.9.10.11 u. 15; Mk 2,13-17

Hebr 4
12 Denn lebendig ist das Wort Gottes, wirksam und schärfer als jedes zweischneidige Schwert; es dringt durch bis zur Scheidung von Seele und Geist, von Gelenken und Mark; es richtet über die Regungen und Gedanken des Herzens;

13 vor ihm bleibt kein Geschöpf verborgen, sondern alles liegt nackt und bloß vor den Augen dessen, dem wir Rechenschaft schulden.
14 Da wir nun einen erhabenen Hohepriester haben, der die Himmel durchschritten hat, Jesus, den Sohn Gottes, lasst uns an dem Bekenntnis festhalten.
15 Wir haben ja nicht einen Hohepriester, der nicht mitfühlen könnte mit unseren Schwächen, sondern einen, der in allem wie wir versucht worden ist, aber nicht gesündigt hat.
16 Lasst uns also voll Zuversicht hinzutreten zum Thron der Gnade, damit wir Erbarmen und Gnade finden und so Hilfe erlangen zur rechten Zeit!

In der Lesung hören wir aus dem Hebräerbrief zunächst einmal von der Wirksamkeit des Wortes Gottes, das wie ein zweischneidiges Schwert die Geister scheidet, alles aufdeckt und zur Entscheidung drängt: für oder gegen Gott. Das Wort deckt die innersten Regungen des Herzens auf, die geheimsten Gedanken, lässt erkennen, was in uns noch nicht gut ist. Das kann eine geschriebene Botschaft tun, aber vor allem geht es hier um das fleischgewordene Wort Gottes. Wenn wir uns darunter Jesus Christus vorstellen, begreifen wir diese Worte in ihrer Tiefe: An seiner ganzen Person, nicht nur an seiner Verkündigung, scheiden sich die Geister. Die einen entscheiden sich für ihn, die anderen lehnen ihn ab. An ihm werden die bösen Gedanken derer offenbar, die nach außen hin so fromm tun – die Pharisäer und Schriftgelehrten, die Sadduzäer, kurzum: die gesamte religiöse Elite seiner Zeit. Und all diese Dinge sind uns nicht neu, wenn wir den Worten Simeons im Tempel aufmerksam gelauscht haben: Maria ist bei der Aufopferung des Sohnes im Tempel bereits angekündigt worden, dass dieses Kind all dies bewirken wird. In visionärer Schau wird all dies bestätigt durch die Johannesoffenbarung: Der Menschensohn wird beschrieben mit einem zweischneidigen Schwert, das aus seinem Mund kommt. Und wenn die Endschlacht beschrieben wird, wird Christus als Feldheer der himmlischen Armee ebenfalls als Wort Gottes bezeichnet. Das ist seine Waffe – das Wort Gottes, das schärfer ist als jede irdische Waffe, wirksamer und gründlicher in der Ausmerzung des Bösen. Mit dieser Waffe erfolgt nicht nur die Bekämpfung des Bösen in der Versuchung, weshalb wir den Namen des Herrn anrufen sollen und beten sollen insbesondere in Versuchungssituationen. Dieses fleischgewordene Wort Gottes richtet auch: Christus wird wiederkommen als verherrlichter Menschensohn am Ende der Zeiten, um das Weltgericht einzuberufen. Es wird wahrlich jedes Geschöpf nackt und bloß vor seinen Augen stehen, denn keiner kann dem Gericht entrinnen. Alles wird aufgedeckt werden und es wird so einige Überraschungen geben. Leben wir so, dass wir uns vor diesem Moment nicht zu fürchten brauchen! Wenn wir vor Gott nichts zu verbergen haben, können wir gelassen darauf zugehen.
Sodann geht es um die hohepriesterliche Identität Christi, der Ausschnitt, den wir auch an Karfreitag hören. Das Besondere an unserem einen wahren Hohepriester ist, dass er nicht ein fremdes Opfer darbringt, irgendein Tier, sondern sich selbst opfert. Darüber hinaus ist dieser Hohepriester schuldlos im Gegensatz zu den Hohepriestern des israelitischen Opferkults. Sie mussten die Opfer auch für sich selbst darbringen, dieser aber nicht. Zugleich ist dieser sündlose Hohepriester nicht distanziert und weltfremd, sondern wirklich mitfühlend. Christus hat in seiner Selbstentäußerung die Erfahrung menschlicher Zerbrechlichkeit gemacht. Er war uns in allem gleich außer der Sünde. So weiß er ganz genau, was wir durchmachen. Er fühlt mit bei jedem Leiden, das der Mensch erfährt. Das macht ihn wahrlich zum Mittler zwischen Gott und uns Menschen. Er ist wahrer Gott und wahrer Mensch. Voller Zuversicht können wir uns ihm ganz anvertrauen und zum „Thron der Gnade“ treten. Er steht für uns ein beim Vater. Wenn wir die Hl. Messe feiern, ist das kein Widerspruch zum einen wahren Hohepriester. Dieser ist es, dessen Opfer in jeder Hl. Messe vergegenwärtigt wird – in die jeweilige Gegenwart geholt wird. Das heißt nicht, dass die Priester selbst etwas tun aus ihrer eigenen Kraft. Christus tut dies durch sie hindurch bzw. sie bewirken es in persona Christi. Er ist der eine wahre Hohepriester, während die Geistlichen seine Instrumente sind, gleichsam seine Hände und sein Mund, der die Wandlungsworte spricht wie im Abendmahlssaal in der Nacht vor seinem Tod.

Ps 19
8 Die Weisung des HERRN ist vollkommen, sie erquickt den Menschen. Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich, den Unwissenden macht es weise.
9 Die Befehle des HERRN sind gerade, sie erfüllen das Herz mit Freude. Das Gebot des HERRN ist rein, es erleuchtet die Augen.
10 Die Furcht des HERRN ist lauter, sie besteht für immer. Die Urteile des HERRN sind wahrhaftig, gerecht sind sie alle.
11 Sie sind kostbarer als Gold, als Feingold in Menge. Sie sind süßer als Honig, als Honig aus Waben.
15 Die Worte meines Munds mögen dir gefallen; was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen, HERR, mein Fels und mein Erlöser.

Wir beten heute einen Lobpsalm auf die Schöpfung Gottes und auf seine Weisung – wenn wir an die Lesung zurückdenken, begreifen wir diese Weisung bereits als menschgewordene Weisung, Jesus Christus! In Vers 8 wird die Vollkommenheit der Weisung gepriesen, das heißt der Torah. Sie „erquickt den Menschen“. Gott gibt keine Gebote auf, die den Menschen einschränken, belasten und unglücklich machen sollen. Es geht immer darum, dass er nur das Beste für den Menschen bereithält und genau weiß, was er braucht. Die Torah macht vielmehr frei und bringt dem Menschen Heil. Betrachten wir diese Worte von der menschgewordenen Torah aus, erinnern wir uns an die Worte Christi: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken (Mt 11,28).
„Das Zeugnis des HERRN ist verlässlich“ bezieht sich ebenfalls auf die Torah, denn das hebräische Wort עֵד֥וּת edut, das hier mit „Zeugnis“ übersetzt wird, kann auch mit „Gebot“ übersetzt werden. Es macht den Unwissenden weise, denn es ist die Schule Gottes.
Gottes Befehle sind „gerade“ und „erfüllen das Herz mit Freude“. Gott erwartet nichts Unmögliches, bei dem man ganz überfordert ist und bei dem man keinen Überblick hat. Die Geradlinigkeit steht für die Nachvollziehbarkeit und Machbarkeit. Die Gebote erfüllen mit Freude, weil Gott den Menschen glücklich machen möchte.
Gottes Weisung ist rein und erleuchtet die Augen. Sie ist ganz frei von bösen Absichten und Hinterhältigkeit. Sie ist so, dass sie den Weg vor dem Menschen erkennbar macht und er erkennt, wie er sich verhalten soll. Auch in Vers 10 wird mit ähnlichen Ausdrücken wiederholt, dass Gottes Weisung wahr und gerecht ist. Dort ist aber auch die Rede von der Gottesfurcht, die lauter ist. Dieses uns kaum noch geläufige Wort ist ein Synonym für „rein“ und soll verdeutlichen, dass die Gottesfurcht bei der Befolgung der Torah essenziell ist. Es geht bei der Gottesfurcht um ein Wort der Beziehung, das die rechte Absicht der Befolgung der Gebote ausdrückt: Sie sollen nicht aus Pflichtgefühl gehalten werden, sondern aus der Befürchtung, Gott sonst zu verletzen. Man möchte keinen Streit, sondern eine gute Beziehung zu dem, mit dem man in einem Bund vereint ist.
Gottes Torah ist wertvoller als Gold, weil sie uns zum ewigen Leben verhilft. Sie ist köstlicher als Honig, was als der Süßstoff schlechthin galt. Sie schmeckt süß, weil sie den Menschen erquickt (siehe oben). Und das ewige Leben gibt Christus. Er sagt dies immer wieder, so z.B. zu Marta von Betanien (Joh 11,25-26).
„Die Worte meines Munds mögen dir gefallen“ bezieht sich auf den Lobpreis, den König David hier für Gottes Torah und seine Schöpfung formuliert. Er hofft, dass sein Preislied Gott gefalle.
Dass es aber nicht nur um schöne Worte geht, sondern auch um die Erwägung seines Herzens, wird durch den zweiten Teilsatz deutlich: „was ich im Herzen erwäge, stehe dir vor Augen“. Er bringt singend also zum Ausdruck, was sein Herz erwägt. So soll auch unser Lobpreis sein, damit Gott uns nicht vorwerfen kann: „Sie preisen mit mit ihren Lippen, doch ihr Herz ist weit weg von mir“ (Jes 29,13).
David nennt Gott zum Schluss seinen Felsen und seinen Erlöser. Beides sind Bilder, die Jesus aufgreifen wird bzw. die auf ihn angewandt werden.
Die Weisung Gottes ist dafür da, den Menschen glücklich zu machen und der Kern aller Gebote und Gesetze ist die Liebe. Das geht schon aus dem AT selbst hervor. Wenn Jesus dies noch einmal betonen wird, ist es im Grunde nichts Neues, sondern eine Erinnerung daran, wie es ursprünglich gedacht war. Die Juden werden sich mit der Zeit so sehr an die vielen Bäume gewöhnen, dass sie den Wald nicht mehr erkennen. Wenn wir Levitikus hören, sehen wir konkret, was König David mit „Erquickung der Seele“, „Erfüllung des Herzens mit Freude“ oder „kostbarer als Gold“ meint. Alles, was Gott den Israeliten vorschreibt, kommt ihnen zugute. Es fördert ein gutes Zusammenleben. Gott erwartet nichts Unrealistisches, wenn er z.B. vorschreibt, dem Tagelöhner den Tageslohn noch am selben Tag zu übergeben oder die Witwe nicht auszunehmen.
Danken auch wir dem Herrn für seine Gebote, denn sie machen auch uns heute glücklich!

Mk 2
13 Jesus ging wieder hinaus an den See. Da kamen Scharen von Menschen zu ihm und er lehrte sie.

14 Als er weiterging, sah er Levi, den Sohn des Alphäus, am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Levi auf und folgte ihm nach.
15 Und als Jesus in dessen Haus zu Tisch war, da waren viele Zöllner und Sünder zusammen mit ihm und seinen Jüngern zu Tisch; es waren nämlich viele, die ihm nachfolgten.
16 Als die Schriftgelehrten der Pharisäer sahen, dass er mit Zöllnern und Sündern aß, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann er zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?
17 Jesus hörte es und sagte zu ihnen: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

Heute lesen wir von einer weiteren Jüngerberufung und von weiteren Heilstaten Jesu. Es geht um Levi, der im Matthäusevangelium Matthäus genannt wird. Es handelt sich um einen Zöllner, dessen Berufsgruppe nicht gut angesehen ist. Das liegt daran, dass Zöllner immer mehr als nötig eintreiben müssen, um das Risiko von Missernten etc. zu berücksichtigen. Sie gelten deshalb als unehrlich, erhalten keine bürgerlichen Ehrenrechte und werden vor Gericht nie als zuverlässige Zeugen einbezogen. Jesus hat im heutigen Evangelium aber einen wunderbaren Plan mit diesem Menschen. Er sieht mehr als nur den unehrlichen Zöllner. Er sieht das Potenzial eines von Gott geliebten Kindes. So ist es auch bei uns Menschen. Wir drücken anderen schnell einen Stempel auf. Wir schreiben andere ab, obwohl wir sie erstens gar nicht richtig kennen können (also nicht in ihr Herz schauen können), zweitens noch so schlimme Menschen jederzeit eine Umkehr erleben, ein besserer Mensch werden können. Jeder hat jederzeit eine neue Chance verdient. Und wie Levi in Wirklichkeit ist, sieht nur Gott. Der sehr bekannte Billy Graham sagte es einmal sinngemäß: Es gibt drei Arten des Ichs – das Ich, das ich selbst kenne, das Ich, das die Menschen kennen und das Ich, das Gott kennt. Jesus sieht in Levi, was sonst keiner bisher gesehen hat – nicht mal er selbst.
Warum eigentlich hat dieser Zöllner, der dann Jesu Jünger wird, zwei verschiedene Namen? Das hängt wohl damit zusammen, dass er beide Namen besaß. Die moderne Exegese bestreitet dies, weil im Gegensatz zu Paulus kein jüdischer und römischer Name vorlag, sondern zwei jüdische. Dem ist entgegen zu halten, dass es auch eine latinisierte Form gibt (nämlich eben Matthäus) und eine doppelte Namensgebung auch mit seiner römischen Bürgerschaft zusammenhängen kann wie bei Paulus. Eine andere Erklärung ist, dass er später von Jesus den Namen Matthäus erhalten hat. Das alles spielt für uns eine untergeordnete Rolle. Für uns ist es lehrreich, dass Jesus so einen Menschen überhaupt beruft.
Wie schon bei den anderen Aposteln steht der Berufene direkt auf und folgt Jesus nach, ohne zu zögern.
Wie auch bei Zachäus hält Jesus gemeinsames Mahl mit Levi und seinen Freunden. Da er bei den meisten Juden nicht beliebt ist, hat er in seinem Umfeld Menschen seines Berufsstandes.
Jesus isst mit Sündern, weil er Gott ist. Dieser ist so allmächtig, dass er höchstpersönlich tief in das sündige Leben von uns Menschen eintauchen kann, ohne dass es ihm irgendwie schadet. Er tut es, um uns Menschen aus der Sünde herauszuholen, nicht weil er die Sünde an sich gutheißt. Sein Verhalten ist also kein Anlass, Sünder zur Kommunion zuzulassen, wie heutzutage gerne instrumentalisiert wird. Jesus hält Mahl als „Rettungsaktion“ für die echten Sünder (die vor Gott Sünder sind, nicht die von den Menschen abgestempelt werden) und als prophetische Zeichenhandlung für die Selbstgerechten (Gott hält Mahl mit allen Menschen guten Willens, beim letzten Abendmahl mit seinem berufenen Zwölferkreis, in der eucharistischen Gemeinschaft mit allen Getauften und zur Eucharistie Gekommenen, am Ende des Lebens beim himmlischen Hochzeitsmahl). Wer daran teilnimmt, wird nicht automatisch nach den Maßstäben der Pharisäer und Schriftgelehrten entschieden, sondern allein nach Gottes Maßstab – mit so einigen Überraschungen. Warum Überraschungen? Weil nur Gott das Herz der Menschen sieht und genau weiß, wer wirklich gerecht ist (nicht nur nach außen so tut).
Sie sind es auch, die auf Jesu Mahlgemeinschaft mit den von ihnen bezeichneten „Sündern“ unzufrieden reagieren. Sie zeigen durch ihre Reaktion, dass sie Jesus als Messias und Gott nicht erkannt haben. Sie sehen Jesus als üblichen Rabbi, der sich an die jüdischen Gesetze halten soll. Sie sehen nicht, dass der Messias Herr über die Torah ist und sie mit seiner Person erfüllt.
Jesus bekommt ihre Reaktion mit und weil er alle Menschen retten will, geht er auch auf diese Menschen zu mit den Worten: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“. Gott ist der Arzt unserer Seelen. Er macht uns wieder heil, wo wir uns von ihm behandeln lassen. Jesu Mahlgemeinschaft ist also nicht nur „Rettungsaktion“ und prophetische Zeichenhandlung, sondern vor allem eine „Therapiesitzung“. Wir könnten uns jetzt fragen: „Heißt das, dass die Zöllner und Sünder bei Jesu Mahlgemeinschaft die Kranken sind und die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht?“ Wir können uns getrost selbst beantworten: Natürlich ist jeder Mensch krank, nämlich durch die Erbsünde. Es gibt niemanden, der ganz gesund ist. Jeder ist nur unterschiedlich „krank“. Das ist eine Sache. Die andere ist aber hier entscheidend: Wer erkennt die eigene Krankheit und lässt sich auf die Therapie Gottes ein? Wer meint, keine Umkehr nötig zu haben, weil er schon gerecht genug ist, wird die eigene Krankheit nicht sehen und deshalb nie therapiert. Jesus verrät uns durch seine Antwort jedoch wirklich, dass er die Sünde der Zöllner nicht bagatellisiert. Es ist Stehlen und Lügen. Das sind ernstzunehmende Sünden. Jesus redet uns unsere Sünden auch nicht weg. Er hält sie uns in Liebe vor, damit wir unser eigenes sündiges Spiegelbild sehen, betroffen sind und uns ändern. Die Zöllner sind in dieser Hinsicht wirklich krank, aber sie lassen sich wenigstens behandeln. Wie ist es mit uns? Reagieren wir auch unwirsch, wenn Gott anderen seine Barmherzigkeit zeigt? Sollten wir nicht froh sein und uns mit diesen Menschen mitfreuen, dass sie zu Gott umkehren? Uns erinnert diese ganze Situation an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Auch dort geht es nicht nur um einen einzigen Sohn, sondern um zwei, die je auf ihre Weise versöhnt werden müssen. Wollen wir zum unbarmherzigen großen Bruder werden, der dem jüngeren die Umkehr nicht gönnt?
Wenn Jesus dann am Ende noch sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder“, müssen wir genau überlegen, was Jesus damit meint. Im griechischen Original steht es genauso: Gerechte und Sünder. Jesus beruft dabei Menschen, nicht ihre Sünde. Wen Jesus ruft, der wird dabei immer verändert. Wir denken z.B. an Zachäus, der am Ende alles, was er zuviel eingenommen hat, sogar noch vierfach zurückgezahlt hat. Wir denken auch an Maria Magdalena, die durch die Begegnung mit Jesus von sieben Dämonen befreit worden ist und von da an Jesu Verkündigung u.a. finanziell unterstützt hat. Die Sünder waren keine Sünder mehr, aber befreit wurden sie erst davon, als sie es einsahen und umkehrten. Deshalb sagt Jesus, dass er Sünder beruft, nicht Gerechte – Sünder ist jeder Mensch, aber nicht jeder erkennt sich als Sünder. Ihm nachfolgen kann nur, wer die Demut besitzt, sich zu sehen, wie man wirklich ist, arm und erlösungsbedürftig. Wer sich selbst aber als Gerechter bezeichnet, der keiner Umkehr bedarf, kann Jesus nicht nachfolgen. Es geht also bei der Aussage Jesu weniger darum, wie viel, wie arg, welche Art von Sünde man auf dem Konto hat, sondern vielmehr darum, wie viel man von den Sünden tatsächlich bereut. Gleichzeitig verharmlost er keine einzige Sünde. Sonst würde er nicht zu den großen Sündern sagen: „Geh und sündige von nun an nicht mehr.“

Christus ist wirklich das Wort Gottes, die Torah in Person. An ihm scheiden sich wirklich die Geister und in dieser Situation werden die bösen Gedanken der Missgönner aufgedeckt. Sie sind gar nicht so heilig, wie sie vorgeben. Sie brauchen auch Heilung und Umkehr, aber sie wollen dies noch nicht so richtig einsehen. Christus möchte alle Menschen retten und zur Umkehr bewegen. An ihm wird jeder Mensch vor die Entscheidung gestellt, bis heute: Sind wir bereit, uns im Lichte Gottes so zu sehen, wie wir sind? Können wir uns überwinden, uns demütig einzugestehen, dass auch bei uns nicht alles Gold ist, was glänzt? Nur so beginnt der Prozess der Heiligung, zu der wir durch die Taufe berufen sind. Nur durch die Umkehr können wir ganz und gar dem Herrn gleichgestaltet werden. Wenn wir auf König David schauen und auch auf Levi, sehen wir diese demütige Haltung, die wir benötigen. Diese Personen erkannten, dass alles Gute, was sie taten, nicht von ihnen selbst kam, sondern von Gott. Sie erkannten zugleich, was sie Schlechtes getan haben. Gottes Herrlichkeit ist es, die durch die guten Taten offenbart wird, nicht unser eigenes Ego. Wenn man sich allerdings für selbstgerecht hält, verwechselt man genau dies. Man denkt, dass das Gute vollkommen eigenes Verdienst ist (gewiss tun wir unser Bestes, aber es ist immer ein Teamwork und nicht unser eigenes Gutsein).

Gott beruft nicht die Selbstgerechten, sondern jene Menschen, die ihr echtes, unvollkommenes Ich sehen. Sie wissen, dass alles Gute von Gott kommt. Seien wir bekennende Sünder – erkennen wir unsere eigene Erlösungsbedürftigkeit. Das heißt nicht, dass wir schön weiter sündigen dürfen, sondern gerade damit aufhören sollen. Wenn wir anfangen, echt zu sein, ehrlich zu uns selbst und vor Gott, dann werden wir zu brauchbarem Material, aus dem Gott schöne Gefäße für sein Werk formen kann.

Ihre Magstrauss

2. Sonntag im Jahreskreis

1 Sam 3,3b-10.19; Ps 40,2 u. 4ab.7-8.9-10; 1 Kor 6,13c-15a.17-20; Joh 1,35-42

1 Sam 3
3 Die Lampe Gottes war noch nicht erloschen und Samuel schlief im Tempel des HERRN, wo die Lade Gottes stand.

4 Da rief der HERR den Samuel und Samuel antwortete: Hier bin ich.
5 Dann lief er zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen. Geh wieder schlafen! Da ging er und legte sich wieder schlafen.
6 Der HERR rief noch einmal: Samuel! Samuel stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Eli erwiderte: Ich habe dich nicht gerufen, mein Sohn. Geh wieder schlafen!
7 Samuel kannte den HERRN noch nicht und das Wort des HERRN war ihm noch nicht offenbart worden.
8 Da rief der HERR den Samuel wieder, zum dritten Mal. Er stand auf und ging zu Eli und sagte: Hier bin ich, du hast mich gerufen. Da merkte Eli, dass der HERR den Knaben gerufen hatte.
9 Eli sagte zu Samuel: Geh, leg dich schlafen! Wenn er dich ruft, dann antworte: Rede, HERR; denn dein Diener hört. Samuel ging und legte sich an seinem Platz nieder.
10 Da kam der HERR, trat heran und rief wie die vorigen Male: Samuel, Samuel! Und Samuel antwortete: Rede, denn dein Diener hört.
19 Samuel wuchs heran und der HERR war mit ihm und ließ keines von all seinen Worten zu Boden fallen.

Heute hören wir als erste Lesung von einem besonderen Kind, das von klein auf im Tempel bei Eli aufwächst – Samuel, der Sohn Hannas. Er ist in dieser Hinsicht mit der Mutter Jesu zu vergleichen, die laut Protevangelium des Jakobus ebenfalls im Tempel als geweihtes Kind aufgewachsen ist – ebenfalls von unfruchtbaren Eltern, die die Weihe des Kindes als Versprechen der Gebetserhörung einlösen.
Wir hören heute, wie er zum Propheten berufen wird. Er schläft im Tempel in der Nähe der Bundeslade. Das ewige Licht brennt noch (laut Ex 27,20-21 soll die Lampe von Abend bis zum Morgen brennen), weshalb wir wissen, dass es noch Nacht ist. Samuel sieht außerdem, dass sonst kein anderer im Raum ist, der ihn rufen könnte. Eigentlich könnte und müsste man jetzt einen langen Aufsatz über diesen Leuchter, die Menora, schreiben, weil sie typologisch zum Symbol für Christus wird, dem Licht der Welt. Ihre tiefe Symbolik entfaltet sich Stück für Stück gemäß Psalm 119,105: „Dein Wort ist meinem Fuß eine Leuchte, ein Licht für meine Pfade.“ Die Menora umfasst nämlich in ihren Details die Gesamtheit der Schriften der gesamten Bibel (Jesus, das Wort Gottes!), hat insgesamt die Form eines Baumes mit Mandelblüten (der Baum des Lebens, der zum Holz des Kreuzes wird, an dem der neue Adam hängt!), sie ist das ewige Licht (Jesus, das Licht, das den Völkern gebracht wird, die in der Finsternis wohnen!) und ohne das Öl brennt die Lampe nicht (die Salbung des Hl. Geistes!). Ich höre jetzt aber auf, denn das ist keine Abhandlung über die Menora, sondern eine Auslegung der Schriftstelle.
Gott ruft Samuel und dieser sagt „hier bin ich“. Wir dürfen uns das so vorstellen, dass die Stimme von der Bundeslade kommt. Sie ist analog zur Stimme aus dem brennenden Dornbusch zu betrachten. Verweilen wir kurz bei „hier bin ich“. Im Hebräischen steht הִנֵּנִי hinneni. Diese Antwort hat die Kirche zum terminus technicus auf den Ruf Gottes gemacht – sie hat ihn integriert in den Ritus der Priesterweihe. Der Weihebewerber wird namentlich aufgerufen so wie Samuel in dieser Perikope. Daraufhin antwortet der Bewerber mit „hier bin ich“ oder „adsum“.
Samuel läuft daraufhin zu Eli, dessen Rufen er vermutet. Wiederholt sagt er zu ihm „hier bin ich“, um ihm zu signalisieren, dass er da ist. Eli hat ihn aber nicht gerufen und schickt ihn wieder schlafen. Gott ruft Samuel dann zum zweiten Mal und da bemerkt man schon ein gewisses Zögern. Samuel steht zwar auf, aber er geht nun und rennt nicht zu Eli (וַיֵּ֣לֶךְ wajelech). Er ruft auch nicht sofort „hier bin ich“, sondern erst, als er beim alten Mann angekommen ist. Dieser schickt ihn erneut weg, weil er ihn nicht gerufen hat.
Daraufhin kommt die Bemerkung, dass Samuel den HERRN noch nicht kannte. Man muss dieses „kennen“ als „kennenlernen“ verstehen (die Verbform ist hier יָדַע jada), denn Samuel ist das „Wort des HERRN noch nicht offenbart worden“. Am Anfang der Perikope, den wir heute nicht hören, wird erklärt, dass Gott sich den Menschen in jener Zeit selten durch Eingebungen („Wort des HERRN“) offenbart hat. Samuel hat dergleichen noch kein Mal erfahren, also noch keine Begegnung mit Gott gehabt. Das ist auch der Grund, warum er selbst beim dritten Rufen nicht versteht, wer ihn ruft. Er geht wieder in Ruhe zu Eli und sagt hinneni, „hier bin ich“. Der alte Mann versteht nun, was passiert, und trägt dem Jungen auf, beim nächsten Mal „Rede HERR; denn dein Diener hört“ zu sagen. Eli hat verstanden, dass der Junge sich das Rufen nicht dreimal eingebildet haben kann, und dass es Gott selbst sein muss.
Es kommt nun dazu, dass Gott den Samuel erneut ruft. Dabei wird in Vers 10 gesagt, dass Gott hinzutritt (וַיִּתְיַצַּ֔ב wajitjazaw). Dies ist natürlich ein Anthropomorphismus, denn Gott ist Geist, kann also nicht hinzutreten. Gemeint ist, dass Gott gegenwärtig ist. Samuel tut, was Eli ihm erklärt hat, und sagt nun „rede HERR, denn dein Diener hört“.
Samuel wächst heran und Gott gibt ihm im Laufe seines Älterwerdens Worte ein, die dieser nie „zu Boden fallen“ lässt. Dieser Ausdruck erinnert an Onan, der seinen Samen zu Boden fallen lässt, damit dieser keine Frucht bringt, also kein Kind entsteht. Samuel lässt Gottes Worte immer fruchtbar werden, denn er ignoriert sie nie.

Ps 40
2 Ich hoffte, ja ich hoffte auf den HERRN. Da neigte er sich mir zu und hörte mein Schreien. 
4 Er gab mir ein neues Lied in den Mund, einen Lobgesang auf unseren Gott. 
7 An Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen, doch Ohren hast du mir gegraben, Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert. 
8 Da habe ich gesagt: Siehe, ich komme. In der Buchrolle steht es über mich geschrieben.
9 Deinen Willen zu tun, mein Gott, war mein Gefallen und deine Weisung ist in meinem Innern. 
10 Gerechtigkeit habe ich in großer Versammlung verkündet, meine Lippen verschließe ich nicht; HERR, du weißt es.

Der heutige Psalm ist anzulehnen an die Episode des Samuelbuches. Der erste Teil des Psalms, aus dem wir heute einen Abschnitt beten, besitzt die Form eines Dankespsalms. Wir können uns vor dem Hintergrund der Lesung sehr gut vorstellen, wie die Mutter Samuels Hanna diese Worte spricht. Ihr ist ein Sohn geschenkt worden, den sie dem Heiligtum geweiht hat. Gott hat ihre Hoffnung auf den HERRN und ihr Schreien wirklich erhört. Auch Hanna hat einen Lobgesang auf Gott erhalten – dies ist uns in 1 Sam 2 überliefert. So könnte sie die Worte im Psalm sprechen: „er gab mir ein neues Lied in den Mund“, wenn sie denn zu ihrer Zeit bereits komponiert worden wären.
Auch König David selbst kann davon ein Lied singen, wie Gott seine Gebete erhört hat und ihn in jeder Notlage beschützte. Der Hl. Geist erfüllte auch ihn so wie Hanna, sodass er dieses Danklied komponieren konnte. Auf diese Weise sind alle Psalmen entstanden, die im Psalter überliefert sind. Das erkennen wir daran, dass immer wieder messianische und grundsätzlich prophetische Inhalte zu lesen sind. Gottes Geist hat hier gewirkt!
Die Aussage „an Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen…“ ist auch darauf zu beziehen, was dann in Vers 9 geschrieben steht: „deinen Willen zu tun“, also den Willen Gottes zu befolgen, ist das Entscheidende, ohne dass die Opfertätigkeit überflüssig wird. Dies müssen wir als rhetorische Wendung verstehen. Es gab immer wieder Phasen der Geschichte Israels, in denen der Opferkult unaufrichtig praktiziert worden ist. Die Israeliten lebten nicht, wie es Gott gefällt und deshalb brachten die Opfer in ihrem Fall nichts. Diese machen den Menschen nicht gerecht vor Gott, wenn nicht zugleich eine innere Einstellung der Reue und Umkehrbereitschaft vorliegt. Wer nicht bereit ist, auf Gottes Willen zu hören – deshalb die gegrabenen Ohren – der kann Gottes Gunst nicht mit Opfern erkaufen.
Vers 8 ist ein zutiefst messianischer Vers, der genau das bestätigt, was ich vorhin meinte: Das ist ein Satz, den König David in seiner Tiefe gar nicht begreifen konnte. Auf der Oberfläche erkennen wir die Zusage des frommen Königs gegenüber Gott, zum Herrn zu kommen – im Allerheiligsten des Offenbarungszeltes. Die Aussage „in der Buchrolle steht es über mich geschrieben“ zeigt uns jedoch bereits den geistlichen Sinn der Aussage: Der Messias kommt und ist bereits gekommen, über den in der Buchrolle geschrieben steht – nämlich in den Hl. Schriften der Juden, besonders in der prophetischen Literatur wie Jesaja! Diese christologische Auslegung der Bibelstelle ist nicht aus den Fingern gesogen. Bereits der Hebräerbrief nimmt dies vor in 10,9. Vor diesem Hintergrund können wir auch die folgenden Verse verstehen: Die Gehorsamsbekundung spricht Christus selbst als Mensch, der in seiner Entäußerung gehorsam war bis zum Tod. Er hat den Willen des Vaters ganz erfüllt und dabei die Weisung – die Torah – ganz und gar erfüllt. Er ist wahrlich das fleischgewordene Wort Gottes! Er hat seine Lippen nie verschlossen, sodass das Unliebsame die Menschen dazu trieb, ihn fast zu steinigen und am Ende sogar ans Kreuz zu schlagen. So war es auch mit den vielen Propheten zuvor, die den Menschen den Willen Gottes kundgetan haben. Sie sind zumeist den Märtyrertod gestorben, weil man sie mundtot machen wollte, bis zum letzten Propheten, dem Täufer Johannes.

1 Kor 6
13 Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn und der Herr für den Leib.

14 Gott hat den Herrn auferweckt; er wird durch seine Macht auch uns auferwecken.
15 Wisst ihr nicht, dass eure Leiber Glieder Christi sind?
17 Wer sich dagegen an den Herrn bindet, ist ein Geist mit ihm.

18 Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.
19 Oder wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst;
20 denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!

Als zweite Lesung hören wir einen Ausschnitt aus dem ersten Korintherbrief. Es geht um die Unzucht, die eine der schwersten Sünden ist. Was ist Unzucht? Das griechische Wort ist porneia. Es meint jede Form von ungeordneter Sexualität, die nicht im geschützten und sakramentalen Rahmen der Ehe geschieht und die nicht der Fortpflanzung dient, also jeden Missbrauch des gottgegebenen Geschlechtstriebs. Paulus spricht das Thema Unzucht vor allem deshalb an, weil es unter den Korinthern eine besonders schlimme Form von Unzucht gab, von der Paulus gehört hat. Er schreibt dies bereits im fünften Kapitel: „1 Allgemein hört man von Unzucht unter euch, und zwar von Unzucht, wie sie nicht einmal unter den Heiden vorkommt, dass nämlich einer mit der Frau seines Vaters lebt.“ Also ist es für die Korinther notwendig, das Thema umfassend zu erklären, vor allem die Schwere dieser Sünde herauszustellen. In heutiger Zeit der absoluten Enttabuisierung in dem Bereich sind die Worte des Paulus aktueller denn je:
Unmittelbar vor diesen heutigen Versen heißt es, dass der Bauch für den Menschen da ist und nicht der Mensch für den Bauch. Der Bauch wird einerseits genannt, weil er zum Ort einer weiteren Sünde gegen das Fleisch wird, zum Ort der Völlerei. Was für die Völlerei gilt, gilt auch für die Unzucht: Die Triebe im Menschen, die an sich gut sind, können und müssen willentlich gesteuert werden und dürfen über den Menschen nicht die Überhand gewinnen. Der Bauch ist für den Menschen da – er muss sein Essverhalten ordnen. Genauso ist es mit der Sexualität, die den zerbrechlichsten Teil des Menschen darstellt als Folge der Erbsünde. Der Mensch muss seinen Geschlechtstrieb willentlich steuern, nicht dass er die Oberhand über den Menschen gewinnt. Als Abbild Gottes haben wir Menschen auch die Fähigkeit, den Geschlechtstrieb zu ordnen und zu kultivieren. Je geordneter und auch geregelter dieser Trieb in einer Gesellschaft ist, desto mehr wird sie zu einer Hochkultur, desto mehr erreicht sie. Sexualität ist kanalisierbar. Es ist nochmal anders als beim Essen und Trinken, denn ohne Nahrungsaufnahme stirbt der Mensch. Ohne Sex kann der Mensch aber leben.
Kanalisierung und Ordnung des Geschlechtstriebs ist nicht einfach ein Minus, eine Entsagung. Vielmehr gelingt es dem Menschen, in sich selbst zu einer Ordnung zu gelangen, wenn er begreift, wofür sein Leib da ist – der Leib ist für den Herrn da. Wir gehören ganz Gott, denn als Getaufte stehen wir ja in einer Bundesbeziehung zu ihm. Bund bedeutet: „Ich gehöre ganz dir und du gehörst ganz mir.“ Es handelt sich dabei um eine Selbstübereignung an Gott. Wir sind eingebunden in den Leib Christi als dessen Glieder. Das betrifft nicht nur unseren Geist, sondern unser ganzes Dasein. Auch unser Leib gehört ihm. Das heißt nicht, dass wir nicht heiraten dürfen, um ein Leib mit einem Ehepartner zu werden. Das heißt aber, dass wir Gott auch mit unserem Leib verherrlichen sollen und nicht mit dem Leib sündigen dürfen. Dieser gehört ja ebenfalls ganz ihm durch den Bund, den wir eingegangen sind. Die Unzucht ist also deshalb gravierend, weil sie den Leib in die Sünde einbezieht. Gott möchte nur das beste für uns und er weiß, dass uns die Unzucht unglücklich macht. Er hat uns das sechste Gebot gegeben, weil er genau weiß, wie sehr die Unordnung der Sexualität den Menschen leiden lässt. Heutzutage ist alles erlaubt und es gibt keine Tabus in dem Bereich mehr. Und doch sind die Menschen viel unglücklicher als früher mit den ganzen Verboten. Davon zeugen die vollen Wartezimmer in den psychiatrischen Praxen. Die meisten Probleme, die man als Therapeut heute zu hören bekommt, sind Probleme des Intimlebens in der Partnerschaft. Gott weiß, warum er uns genau jene Gebote gibt. Er möchte, dass wir glücklich sind und ein Leben in Fülle haben. Das haben wir wahrlich, wenn wir ihm gehorchen. Denn er ist ein wunderbarer Hirte, der nur das beste für seine Herde bereithält.
Er ist soweit gegangen, den teuersten Preis zu bezahlen, damit wir erlöst würden und dieses Leben in Fülle haben können – er hat seinen einzigen Sohn dahingegeben, das Kostbarste, was er hat! Wollen wir als so teuer Erkaufte wirklich zurück in die Misere? Verherrlichen wir Gott mit unserem ganzen Dasein, auch mit unserem Körper, wie Paulus es hier schreibt!

Joh 1
35 Am Tag darauf stand Johannes wieder dort und zwei seiner Jünger standen bei ihm.

36 Als Jesus vorüberging, richtete Johannes seinen Blick auf ihn und sagte: Seht, das Lamm Gottes!
37 Die beiden Jünger hörten, was er sagte, und folgten Jesus.
38 Jesus aber wandte sich um, und als er sah, dass sie ihm folgten, sagte er zu ihnen: Was sucht ihr? Sie sagten zu ihm: Rabbi – das heißt übersetzt: Meister – , wo wohnst du?
39 Er sagte zu ihnen: Kommt und seht! Da kamen sie mit und sahen, wo er wohnte, und blieben jenen Tag bei ihm; es war um die zehnte Stunde. 40 Andreas, der Bruder des Simon Petrus, war einer der beiden, die das Wort des Johannes gehört hatten und Jesus gefolgt waren.
41 Dieser traf zuerst seinen Bruder Simon und sagte zu ihm: Wir haben den Messias gefunden – das heißt übersetzt: Christus.
42 Er führte ihn zu Jesus. Jesus blickte ihn an und sagte: Du bist Simon, der Sohn des Johannes, du sollst Kephas heißen, das bedeutet: Petrus, Fels.

Was wir heute im Evangelium lesen, geschieht einen Tag nach der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer. Und wir lesen zugleich von den „Früchten“, an denen man den Menschen erkennt:
Johannes der Täufer tauft wie gewohnt im Jordan und zwei seiner Jünger sind bei ihm. Als Jesus vorübergeht, hören die Jünger des Johannes ihren Meister sagen: „Seht das Lamm Gottes!“. Dass sie daraufhin Jesus ansprechen und generell auf ihn aufmerksam werden, könnte man damit erklären, dass Johannes tags zuvor über Jesus heilsgeschichtlich entscheidende Dinge erklärt hat. Da hat er Jesus bereits als Lamm Gottes bezeichnet, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Jetzt, wo dieser besondere Mann wieder auftaucht, wollen sie die Chance nutzen, ihn besser kennenzulernen. Sie werden als Jünger des Johannes in einer intensiven Messiaserwartung gelebt haben und erkennen nun die Gunst der Stunde.
Sie folgen Jesus kurzerhand, ohne zunächst etwas zu sagen. Als dieser merkt, dass er verfolgt wird, wendet er sich um und fragt: „Was sucht ihr?“ Das Verb ζητέω zeteo macht an dieser Stelle weniger Sinn, wenn man es wörtlich übersetzt. Sie suchen ja nichts, sondern folgen Jesus. Man muss die übertragenen Bedeutungen berücksichtigen („untersuchen“ , „vermissen“ und „nach etwas verlangen“). Es kann also heißen, dass Jesus sie danach fragt, was sie möchten. Er ist Gott und weiß die Antwort ja schon. Er wird also auch wissen, dass sie mehr über Jesus herausfinden möchten, also „untersuchen“ wollen.
Diese Situation dürfen wir noch eingehender betrachten und mehrfach auslegen: Jesus fragt auch später, wenn Menschen mit Krankheiten und anderen Anliegen zu ihm kommen, was sie möchten – was sie ersehnen. Er kennt die Antwort immer schon, aber es geht um den freien Willensentschluss, den er den Menschen lässt. Sie sollen von sich aus laut aussprechen, was sie möchten (z.B. der Blinde in Lk 18). Auch ekklesiologisch wird dies weitergeführt. Keinem werden die sakramentalen Handlungen aufgezwungen. Wenn Eltern ihr Kind zur Taufe bringen oder wenn ein Erwachsener sich auf die Taufe vorbereitet, gehört es zum Ritus, dass die betroffenen Personen von sich aus den Wunsch äußern „ich bitte um die Taufe“ oder auch bei der Firmung. Da ist es meist ein Firmling stellvertretend für alle anderen, der dann nach vorne kommt und den Bischof um das Sakrament bittet. Ebenso ist es mit den anderen Sakramenten, auch mit dem Bußsakrament. Gott weiß schon längst, was wir wollen, wenn wir zur Kirche kommen, aber er möchte uns die Chance geben, es frei zu äußern. Er kennt unsere Sünden bereits, aber er möchte, dass wir sie mit eigenen Worten aussprechen.
Das betrifft auch den einzelnen Christen, wenn er ins Gebet geht. Der Herr weiß schon, um was wir bitten möchten, aber er lässt uns dennoch ausreden, damit wir unserer Sehnsucht Worte verleihen. Und wenn wir vor Gott stehen nach dem Tod, dann wird er schon längst alles wissen und uns doch anhören, was wir zu sagen haben.
Interessant ist übrigens auch die Analogie zu Exodus 33. Auch dort geht Gott vorüber, aber Mose darf sein Angesicht nicht sehen. Gott erlaubt ihm, seinen Rücken zu erhaschen. Hier im Evangelium erkennen wir, dass Gott heilsgeschichtlich nun eine neue Phase einleitet. Er wendet sich um und zeigt den Menschen sein Gesicht!
Warum stellen die Johannesjünger Jesus aber ausgerechnet die Frage: „Wo wohnst du?“ Natürlich kann man dies darauf zurückführen, dass man von der Art des Wohnens, des Zusammenlebens, der familiären Umstände auf den Menschen schließen kann. Hier steckt aber noch eine tiefere Wahrheit dahinter. Im selben Kapitel heißt es im Prolog ja: „Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt.“ Wörtlich heißt es sogar „es hat unter uns gezeltet“. Gott hat sein Zelt aufgeschlagen mitten unter den Menschen. Dies hat etwas Vorübergehendes an sich, denn es meint keinen dauerhaften Wohnsitz. Der Sohn Gottes hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann: Er wird in einem Stall geboren, der ihm nicht gehört, er muss nach Ägypten fliehen, weil die Heimat seiner Eltern eine tödliche Bedrohung darstellt, er wird vom Moment seines öffentlichen Wirkens an keinen festen Wohnsitz mehr haben. Nach dem Tod wird er nicht mal in ein eigenes Grab gelegt, sondern in ein geliehenes. Auch wenn hier nicht gesagt wird, wo Jesus wohnt, können wir davon ausgehen, dass er bei Freunden untergekommen ist. Es spielt sich ja bei Betanien ab, wo Maria, Martha und Lazarus wohnten, Freunde Jesu.
Jesus antwortet den Johannesjüngern mit der Aufforderung „Kommt und seht!“ Von Anfang an lebt Jesus sein Evangelium vor und überzeugt so die Menschen. Es ist um die zehnte Stunde, also vier Uhr nachmittags, als sie mit Jesus gehen und sich selbst überzeugen, wo er lebt. Hier müssen wir auch ins Griechische schauen. Sie fragen wortwörtlich nämlich nicht: „Wo wohnst du“, sondern „Wo bleibst du?“ (μένω meno „bleiben“). Im Johannesevangelium ist das Wort „bleiben“ entscheidend. Es ist also mehr als nur eine banale Frage und daraufhin eine informative Aussage, wenn es heißt, dass die beiden Jünger an dem Tag bei Jesus bleiben. Jesus wird in seiner Verkündigung immer davon sprechen, dass wir in Gottes Liebe bleiben sollen. Der Begriff hat etwas mit Gemeinschaft mit Gott zu tun. Wenn die Jünger also mit Jesus gehen und sehen, wo er bleibt, dann werden sie nicht nur Zeuge der Unterkunft Jesu. Sie werden vielmehr Zeugen der Gemeinschaft zwischen Vater und Sohn. Jesus wird ihnen diese Beziehung gezeigt haben, sodass ihnen aufgegangen ist, wer er ist. Was die beiden mit Jesus an dem Tag erlebt haben, überzeugt sie so sehr, dass sie am nächsten Tag sogar sagen: „Wir haben den Messias gefunden“. Sie haben „gesucht“ und „gefunden“. Dazu lädt Jesus später in der Bergpredigt ein: Suchet und ihr werdet finden (Mt 7,7). Das ist eine Einladung an jeden Menschen. Wer wirklich von Herzen auf der Suche ist – und das ist jeder Mensch, weil er als Abbild Gottes unbewusst immer nach Gott sucht – wird Gott auch finden. Dieser zieht jeden Menschen nämlich zu sich.
Die Ereignisse des Tages schließen sich an den ersten Johannesbrief an, wo wir heute gelesen haben, dass man den Gerechten am Verhalten erkennt. Jesus erzählt ihnen nicht einfach, wer er ist, obwohl er weiß, dass sie das wissen wollen. Er zeigt ihnen vielmehr an seinem Verhalten, wer er ist. Denn das überzeugt Menschen mehr als Worte.
Einer der beiden Johannesjünger ist der Bruder des Petrus, Andreas. Dieser bringt am nächsten Tag seinen Bruder zu Jesus, der den Beinamen Petrus erhält und eigentlich Simon heißt.
Andreas führt seinen Bruder zu Jesus. Das ist ein Kernsatz für jeden Seelsorger. Das ist die Aufgabe, zu der jeder Diakon, Priester und Bischof, jeder Ordensmensch, aber auch jeder Laie berufen ist – Menschen zu Jesus zu führen. Man erkennt den guten Geistlichen daran, dass dieser die Menschen nicht um sich scharrt wie eine Fanbase und diese von sich abhängig macht. Stattdessen führt er Menschen immer Christus zu und zeigt von sich weg. Es geht um Gott, nicht um die Person des Geistlichen.
Petrus begegnet Jesus heute zum ersten Mal und dieser beruft ihn sofort zum Felsen. In Mt 16 wird Jesus ihm sogar sagen, dass er auf ihm seine Kirche bauen wird! So eine große Berufung hat Jesus für ihn bereit. Dass Jesus ihm einen neuen Namen verleiht, muss für ihn etwas Besonderes gewesen sein. Er sagt ihm sogar, wie er heißt, bevor er das wissen kann. Simon bar Jona, „Sohn des Johannes“ wird somit klar, dass Jesus mehr ist als ein gewöhnlicher Mensch.

Heute hören wir Texte über Berufung und Gehorsam, Bund und Gottesliebe. So wie Samuel von Gott beim Namen gerufen wird, so werden die ersten Apostel von Jesus berufen und beim Namen gerufen. Sie erhalten sogar einen neuen Namen, wie wir bei Petrus sehen. Wenn wir ganz mit Gott vereint sind – und das sind wir durch den Bund (den Alten Bund bei König David, den Neuen Bund bei Paulus) -, gehören wir ganz ihm und befolgen seinen Willen. Wir schreiben seine Gebote ganz in unser Herz, das ungeteilt ihm gehört. Das ungeteilte Herz wird auch die Herzensreinheit genannt – das, was wir auch Keuschheit nennen. Wenn Gott unser ganzes Herz erfüllt wie das Herz des Königs David, dann möchten wir auch nichts anderes tun, als seinen Willen zu befolgen. Und von diesem reinen Herzen wird keine Unordnung und Herrschaft der Triebe ausgehen. Dann wird unser ganzes Dasein geordnet sein – vom Essverhalten und Geschlechtstrieb bis hin zu unseren Beziehungen, unserer gesamten Lebensführung. Wir können Gott also ganz vertrauen – er wird unsere Selbstübereignung durch den Bund nicht missbrauchen. Vielmehr werden wir ein Leben in Fülle haben, weil Gott nur das Beste für uns bereithält. Das gilt nicht nur für die Selbstübereignung des auf besondere Weise Berufenen wie Samuel oder die Apostel, das gilt für jeden, der mit Gott in einem Bund lebt.

Ihre Magstrauss

Freitag der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 4,1-5.11; Ps 78,3 u. 4cd.6c-7.8; Mk 2,1-12

Hebr 4
1 Darum lasst uns ernsthaft besorgt sein, dass keiner von euch zurückbleibt, solange die Verheißung, in seine Ruhe zu kommen, noch gilt.
2 Denn auch uns ist das Evangelium verkündet worden wie jenen; doch hat ihnen das Wort, das sie hörten, nichts genützt, weil es sich nicht durch den Glauben mit den Hörern verband.
3 Denn wir, die wir gläubig geworden sind, kommen in seine Ruhe, wie er gesagt hat: Darum habe ich in meinem Zorn geschworen: Sie sollen nicht in meine Ruhe kommen. Und doch waren die Werke seit Erschaffung der Welt getan,
4 denn vom siebten Tag heißt es an einer Stelle: Und Gott ruhte am siebten Tag von all seinen Werken;
5 hier aber heißt es: Sie sollen nicht in meine Ruhe kommen.
11 Bemühen wir uns also, in jene Ruhe einzugehen, damit niemand aufgrund des gleichen Ungehorsams zu Fall kommt!

Heute hören wir in der Lesung aus dem Hebräerbrief die Schlussfolgerung des Argumentationsgangs von gestern. Da hörten wir die Warnung, so zu sein wie die Väter in der Wüste, als sie Gott auf die Probe gestellt und misstraut haben. Diese haben durch ihr Verhalten die Aussicht auf das Land der Ruhe verloren. Dieses verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen, ist auch für uns entscheidend, denn wir gehen über den Wortsinn hinaus: Auch uns Christen steht das Land der Ruhe in Aussicht, das nun aber nicht mehr einen irdischen Ort meint, sondern das Himmelreich. Wenn wir Gott misstrauen und nicht auf Christus hören, verlieren auch wir das Land der Ruhe.
So erfolgt zu Anfang die Ermahnung, alles daran zu setzen, in dieses Land der Ruhe zu kommen. Das ist unsere Berufung hier auf Erden. Und dabei sollen wir uns bemühen, dass keiner zurückbleibt. Was heißt das? Wir übernehmen die Verantwortung auch für andere Menschen, dass auch sie ins Himmelreich gelangen, vor allem für unsere Kinder, für die wir ja Sorge tragen – nicht nur für das leibliche Wohl! Wir sollen füreinander beten, fasten und opfern, damit jeder die Gnade der Umkehr erlangt und noch rechtzeitig zu Gott zurückkommt.
Interessant ist, dass die Verkündigung des Willens Gottes durch Mose als „Evangelium“ bezeichnet wird. Dem Volk Israel ist bereits diese frohe Botschaft verkündet worden, die auch Jesus verkündet. Hier wird eine Kontinuität hergestellt zwischen der Botschaft der jüdischen Schriften und dem Evangelium Jesu Christi. Im Gegensatz zu jenen, die das Wort nicht an sich herangelassen haben („weil es sich nicht durch den Glauben mit den Hörern verband“), haben es doch die Adressaten des Hebräerbriefes, weil sie haben taufen lassen. Die Taufe wird hier umschrieben mit der Wendung „die wir gläubig geworden sind“. Als Zeichen des inneren Glaubens ist die Taufe vorgenommen worden. Die Taufe ist Bestätigung dafür, dass die Getauften Gott wirklich gehorsam geworden sind und deshalb das Land der Ruhe erben.
Dann wird als Argument das Schöpfungswerk herangezogen, in dem nämlich das „Land der Ruhe“ begründet ist: Gott hat in sechs Tagen alles geschaffen und am siebten Tag geruht „von all seinen Werken“. Das ist nicht einfach nur eine Analogie, die hergestellt werden soll in Bezug auf die Christen, die nach den sechs Tagen ihres irdischen Daseins voller Arbeit, Unrast und Mühe in den ewigen Sabbat ihres Lebens treten dürfen, in die ewige Ruhe bei Gott. Mithilfe dieser Argumentation wird den Christen zugesagt, dass dieses ewige Land der Ruhe, das Himmelreich von Erschaffung der Welt an bereits für sie bereitliegt! „Die Werke“ sind „seit Erschaffung der Welt getan“.
Das Land der Ruhe, das Himmelreich, erlangen wir also dann, wenn wir einen gläubigen Gehorsam vorzuweisen haben. Es geht nicht einfach um ein für wahr Halten des Evangeliums theoretischer Art, sondern um ein gehorsames Halten der Gebote Gottes. Wenn wir ihm ganz vertrauen, der nur das Beste für uns will, werden wir dieses Land erben.
Die Väter in der Wüste werden hier nicht deshalb zum Vergleich herangezogen, um pauschal den Alten Bund zu verurteilen im Sinne: „Weil die Israeliten ungehorsam waren, ist der Alte Bund nun endgültig abgeschlossen.“ Vielmehr geht es darum, die Konsequenz des Ungehorsams aufzuzeigen: So wie es jene Generation getan hat, soll es bei den Christen nicht sein. Denn auch sie können das Erbe dieses himmlischen Landes verspielen. Aufgrund des Ungehorsams gegenüber Gott kann man aus dem „Testament“ gestrichen werden.
Die Christen sollen sich also darum bemühen, in das Land der Ruhe zu kommen. Jesus sagt in den Evangelien, dass wir alles daran setzen sollen, durch die enge Tür zu gelangen. Das Himmelreich zu erreichen ist wirklich kein Kinderspiel, sondern ein harter Kampf bis zum Schluss.

Ps 78
3 Was wir hörten und erfuhren, was uns die Väter erzählten,
4 die ruhmreichen Taten des HERRN und seine Stärke, die Wunder, die er getan hat.
6 Sie sollen aufstehen und es ihren Kindern erzählen,
7 damit sie ihr Vertrauen auf Gott setzen, die Taten Gottes nicht vergessen und seine Gebote bewahren
8 und nicht werden wie ihre Väter, ein Geschlecht voll Trotz und Empörung, ein Geschlecht, dessen Herz nicht fest war und dessen Geist nicht treu zu Gott hielt.

Als Antwort auf die Lesung beten wir Ps 78, einen Psalm des Leviten Asaf, der für den Lobpreis am Heiligtum zuständig war. In Ps 78 wird eine geschichtliche Rückschau vorgenommen, wobei es darum geht, die vergangene Geschichte als Lektion zu sehen. Es werden also durchaus negative Erfahrungen und Fehler thematisiert, die nicht wiederholt werden sollen. Asaf erklärt zu Beginn des Psalms auch den Anlass und Zweck seines Liedes: Gott hat die Väter beauftragt, alles ihren Kindern zu erzählen, damit die Geschichte nicht vergessen wird. Nicht nur die Fehler sollen erzählt werden, sondern vor allem die ruhmreichen Taten des Herrn, die vielen Wunder und Heilstaten. Wenn die nachfolgenden Generationen diese nicht aus dem Blick verlieren, werden sie auch nicht so schnell undankbar werden.
Sie sollen dadurch auch in ihrem Vertrauen auf Gott gestärkt werden, damit sie gehorsam und vertrauensvoll seine Gebote halten. Das ist ein wichtiger Aspekt, der uns auf die Wundertaten Christi führt: Immer wieder lesen wir in den Evangelien, vor allem im Johannesevangelium, dass er die Taten vollbringt, damit die Menschen zum Glauben an ihn kommen. Er tut z.B. sein erstes Wunder in Kana, um seine Herrlichkeit zu offenbaren und seine Jünger glauben an ihn (Joh 2,11). Gott möchte mit seinen Heilstaten also den Glauben seines Volkes stärken.
Es soll mit den nachfolgenden Generationen des Volkes Israel nicht so sein wie damals, als die Väter in der Wüste Gott auf die Probe gestellt haben. In diesem Psalm wird dieses Ereignis reflektiert und bewertet. So erfahren wir, warum es überhaupt dazu kam. Die Diagnose: „ein Geschlecht, dessen Herz nicht fest war und dessen Geist nicht treu zu Gott hielt.“ Die zukünftigen Generationen sollen ein festes Herz und einen treuen Geist haben.
Diese Worte des Psalms betreffen auch uns. Wir sollen von den Erfahrungen unserer Vorfahren lernen, die guten Vorbilder nachahmen und die vergangenen Fehler vermeiden. Wenn wir aus den Fehlern der anderen nicht lernen, werden wir dafür zur Rechenschaft gezogen.

Mk 2
1 Als er nach einigen Tagen wieder nach Kafarnaum hineinging, wurde bekannt, dass er im Hause war.

2 Und es versammelten sich so viele Menschen, dass nicht einmal mehr vor der Tür Platz war; und er verkündete ihnen das Wort.
3 Da brachte man einen Gelähmten zu ihm, von vier Männern getragen.
4 Weil sie ihn aber wegen der vielen Leute nicht bis zu Jesus bringen konnten, deckten sie dort, wo Jesus war, das Dach ab, schlugen die Decke durch und ließen den Gelähmten auf seiner Liege durch die Öffnung hinab.
5 Als Jesus ihren Glauben sah, sagte er zu dem Gelähmten: Mein Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!
6 Einige Schriftgelehrte aber, die dort saßen, dachten in ihrem Herzen:
7 Wie kann dieser Mensch so reden? Er lästert Gott. Wer kann Sünden vergeben außer dem einen Gott?
8 Jesus erkannte sogleich in seinem Geist, dass sie so bei sich dachten, und sagte zu ihnen: Was für Gedanken habt ihr in euren Herzen?
9 Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben! oder zu sagen: Steh auf, nimm deine Liege und geh umher?
10 Damit ihr aber erkennt, dass der Menschensohn die Vollmacht hat, auf der Erde Sünden zu vergeben – sagte er zu dem Gelähmten:
11 Ich sage dir: Steh auf, nimm deine Liege und geh nach Hause!
12 Er stand sofort auf, nahm seine Liege und ging vor aller Augen weg. Da gerieten alle in Staunen; sie priesen Gott und sagten: So etwas haben wir noch nie gesehen.

Jesus zieht durch ganz Galiläa. Im heutigen Abschnitt hören wir, dass er nach Kafarnaum zurückkehrt. Es scheint eine Art „Basis“ in der Galiläa-Mission zu sein. Die Menschen erfahren davon und versammeln sich erneut um seinen Aufenthaltsort. Dieser bleibt unbestimmt, aber wir können vermuten, dass es wieder das Haus des Petrus ist.
Es sind so viele Menschen anwesend, dass sie gar nicht ins Haus passen. Sie versammeln sich um das Haus, um „das Wort“ zu hören, das Jesus ihnen verkündet. Er selbst ist das fleischgewordene Wort, das vollständig umsetzt, was es verkündet.
Es ist so voll, dass man einen Gelähmten nebst Trage nicht durch die Tür bekommt. „Not macht erfinderisch“ und diese Menschen meinen es sehr ernst. Sie tun alles, um zu Jesus vorzudringen. Kurzerhand entfernen sie einen Teil des Daches, um Jesus zu erreichen. Sie unternehmen wirklich einiges, um zu Jesus kommen zu können. Dieser sieht, dass ihr Glaube groß ist.
Daraufhin sagt Jesus etwas Unerwartetes: „Deine Sünden sind dir vergeben.“ Die Anwesenden werden sehr irritiert reagiert haben. Erstens werden sie sich gewundert haben, warum Jesus einen Gelähmten nicht heilt, sondern über Sündenvergebung spricht, zweitens kann nur Gott die Sünden vergeben. Jesu Aussage ist also sehr provokativ.
Dementsprechend reagieren einige Schriftgelehrte auch mit Unmut und empfinden Jesu Worte als Blasphemie. Sie haben Jesu Gottheit nicht erkannt und reagieren deshalb so ablehnend. Jesus sieht ihr Herz und möchte sie lehren. Er erklärt ihnen, dass die Sündenvergebung schwieriger ist als die körperliche Heilung. Hier geht es um etwas Existenzielleres, nämlich um das ewige Leben.
Jesus möchte den Anwesenden zeigen, dass er der Messias ist, der Sünden vergeben kann. Er hat dazu die Vollmacht vom Vater erhalten. Dies ist wichtiger als alles andere, denn die Sünde schneidet uns von Gott ab, sodass wir das ewige Leben verlieren – das Land der Ruhe, um es einmal mit den Worten des Hebräerbriefes zu sagen. Jesus geht es immer, wirklich immer zuerst um das Reich Gottes (so wie er es uns verkündet, lebt er es vor). Dann erst kommt als „Bonus“ körperliche Heilung – auch gerade dann, wenn diese vom seelischen Zustand des Betreffenden abhängt.
Jesus möchte diese Reihenfolge den Menschen verdeutlichen und heilt deshalb zunächst die Seele, die Gottesbeziehung des Gelähmten, und erst dann die Lähmung selbst.
Diese Heilung ist wirklich wörtlich zu nehmen. Bis heute heilt Jesus Menschen, auch Gelähmte. Ich habe selbst mit eigenen Augen gesehen, wie ein Mann, der einen Motorradunfall hatte und kaum beweglich war – also halb gelähmt – von einem Moment auf den anderen ganz gesund war. Er konnte sich wieder ganz bewegen. Dies geschah erst, nachdem er eine gute Beichte abgelegt hat. Es war genauso wie im heutigen Evangelium. Darüber hinaus können wir die Lähmung des Mannes auf moralischer Ebene betrachten, ohne die wörtliche zu entkräften: Die Sünde legt den Menschen lahm. Er kann nicht mehr gegen den Bösen ankämpfen, sondern ist eigentlich ein Fall für das Lazarett. Der Böse ist aber nicht so fair und verschont ihn, sondern macht den Menschen ja gerade hilflos. Gott richtet uns auf, wenn wir das Sakrament der Versöhnung in Anspruch nehmen. Dann tut er mit unserer Seele genau das, was wir immer wieder von Jesus lesen: Er fasst uns bei der Hand und richtet uns auf. Wenn wir durch die Beichte wieder mit Gott versöhnt sind, sagt er zu uns „geh nach Hause“, das heißt zurück in die Gemeinschaft der Kirche. Und wenn wir im Stand der Gnade sterben, kann Gott auch uns am Ende unseres Lebens sagen: „Geh nach Hause“, nämlich zu ihm in sein himmlisches Reich.
Gerade mit Blick auf die anderen Lesungen des heutigen Tages ist hier noch etwas Wichtiges herauszustellen, nämlich warum die Sündenvergebung Priorität hat: Der Mensch kann nur dann in das Land der Ruhe, wenn er im Stand der Gnade ist. Der Gelähmte und seine Angehörigen beweisen ihren großen Glauben durch ihr Verhalten. Sie haben wirklich die Sehnsucht und trauen Christus zu, dass er den Gelähmten heilen kann. Sie tun deshalb alles für die Begegnung mit Jesus. Erst die Sündenvergebung bringt den Mann wieder in den Stand der Gnade. Erst dann kann seine Bitte, geheilt zu werden, erfüllt werden.

Wenn wir ungehorsam sind, also die Gebote Gottes nicht halten und sündigen, beeinträchtigen wir die Beziehung zu Gott. Christus zeigt uns einen Weg auf, zur Versöhnung zu kommen. Es gibt für uns einen Ausweg aus der Abgeschnittenheit vom Land der Ruhe. Aber auch da ist es irgendwann zu spät, nämlich wenn wir sterben. Nutzen auch wir die Zeit der Gnade, nehmen wir die Heilsmittel in Anspruch, um uns mit Gott zu versöhnen, vor allem die Beichte. Tun wir wirklich alles daran, in dieses Land zu kommen, und helfen wir auch unseren Mitmenschen dabei, dieses Zeil zu erreichen. Vermeiden wir die Fehler derer, die verstockt und ungehorsam waren, und orientieren wir uns an denen, die besonders vorbildlich den Weg ins Land der Ruhe gegangen sind – unsere Heiligen, vor allem unsere liebe Mutter Maria. Sie hat gehorsam ja gesagt. Mit ihr an unserer Seite, genauso in Gemeinschaft mit den vielen anderen Heiligen ist der Weg ins Himmelreich viel einfacher! Wir sind nicht allein auf diesem steinigen Weg, der ein steter Kampf ist.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 3,7-14; Ps 95,6-7b.7c-9.10-11; Mk 1,40-45

Hebr 3
7 Darum beherzigt, was der Heilige Geist sagt: Heute, wenn ihr seine Stimme hört,

8 verhärtet nicht eure Herzen wie beim Aufruhr am Tag der Versuchung in der Wüste!
9 Dort haben eure Väter mich versucht, sie haben mich auf die Probe gestellt und hatten doch meine Taten gesehen,
10 vierzig Jahre lang. Darum war mir diese Generation zuwider und ich sagte: Immer geht ihr Herz in die Irre. Sie erkannten meine Wege nicht.
11 Darum habe ich in meinem Zorn geschworen: Sie sollen nicht in das Land meiner Ruhe kommen.
12 Gebt Acht, Brüder und Schwestern, dass keiner von euch ein böses, ungläubiges Herz hat, dass keiner vom lebendigen Gott abfällt,
13 sondern ermahnt einander jeden Tag, solange es noch heißt: Heute, damit niemand von euch durch den Betrug der Sünde verhärtet wird;
14 denn an Christus haben wir nur Anteil, wenn wir bis zum Ende an der Zuversicht festhalten, die wir am Anfang hatten.

Im heutigen Abschnitt aus dem Hebräerbrief hören wir einen Rückblick auf die Situation des Volkes Israels in der Wüste: Es geht um Massa und Meriba, als das Volk Israel Gott auf die Probe gestellt hat (Ex 17). Bei dieser Rückschau wird ein Rückgriff auf Ps 95,7-9 vorgenommen, denn schon dort wird dieses Ereignis reflektiert mit den Worten, die hier in den Versen 7-11 zitiert werden. Das ist der Kern des Problems: Das Volk Israel ist Zeuge so vieler Wundertaten Gottes geworden und hat so viel Segen erfahren, doch es hat immer noch an Gottes Güte und Allmacht gezweifelt. Es ist undankbar geworden. Diese Dinge werden betrachtet aufgrund dessen, was in den vorausgehenden Versen betrachtet worden ist: Das Hören auf den einen wahren Hohepriester Christus, der größer ist als Mose. So wie das Volk Israel nicht auf Mose hörte und murrte, so soll das Volk des Neuen Bundes nicht denselben Fehler begehen und Christus ungehorsam sein. Es soll nicht das Herz verhärten. Die „Wüste“ ist eine Lebenssituation, die jeder Christ einmal durchmachen muss. Und wenn es dann soweit ist, soll man das Gottvertrauen nicht verlieren. Dann ist es an der Zeit, auf die euphorischen Zeiten zurückzuschauen und sich an bereits ergangene wunderbare Heilstaten Gottes zu erinnern. Wenn Gott abwesend erscheint, soll man an seine lebendige Gegenwart zu anderen Zeiten denken und erkennen – das ist jetzt eine wichtige Phase, die man durchhalten muss.
Gott ist nämlich ein Gott des Lebens und wenn er eine Durststrecke zulässt (in Exodus ging es ja tatsächlich um Durst!), dann hat das einen Sinn. Er lässt nicht zu, dass der Mensch verschmachtet, der sich auf ihn verlässt. Und wenn jemand schwach wird, soll der Nächste ihn ermahnen, ganz wie Jesus es auch in den Evangelien erklärt hat.
Es wird auch erklärt, wie man verhärtet wird – nämlich durch den Betrug der Sünde. Wir müssen dies alles immer vor dem Hintergrund der Beziehung zwischen Gott und Mensch betrachten: Wir sind in einer Liebesbeziehung. Wenn wir aber sündigen – und der Böse trickst uns wirklich aus, indem er uns die Sünde schmackhaft macht -, dann stumpft unser Gewissen ab, unser brennendes Herz erkaltet, die Liebe wird immer mehr ausgelöscht. Unser liebendes Herz wird immer härter, bis es ein Herz aus Stein ist.
Wir sollen aber geschmeidig sein, damit Gott mit uns arbeiten kann wie ein Töpfer, der den Ton formt. Wie soll der Herr aber an uns arbeiten, wenn wir so verhärtet sind? Dafür gibt es noch einen anderen Begriff, den Jesus immer wieder auf die Pharisäer und Schriftgelehrten anwendet – die Verstocktheit. Weil sie so verstockt sind, kann Jesus nicht mit ihnen „arbeiten“. Sie lassen sich nichts sagen und können so nicht umkehren. Wer aber nicht umkehrt, kann nicht gerecht werden vor Gott, denn er beharrt auf seine Sünden.
Diesen Zustand kann man auch erlangen, wenn man mit Gott in Gemeinschaft ist. Wir können unsere Taufgnade verlieren, wenn wir uns schwer versündigen und danach an der Sünde festhalten ohne Umkehr. Dann vergessen wir, was Gott uns Gutes getan hat – in erster Linie unsere Erlösung und das ewige Leben! Dann sind wir absolut undankbar, weil wir so leben, als wären wir nie erlöst worden. Was für ein Schlag ist das mitten ins „Gesicht“ Gottes!
Auf den Hohepriester Christus bezogen ist es die schlimmste Form von Undankbarkeit, denn er hat sich selbst geopfert für alle Menschen aller Zeiten. Wenn wir die Erlösung nun zurückweisen, ist das Undankbarkeit und Ungehorsam. Wenn Gott schon so streng mit dem Volk Israel verfahren hat, das auf Mose nicht gehört hat, umso wie viel mehr müssen wir Christen die Konsequenzen zu spüren bekommen, wenn wir demjenigen ungehorsam werden, der viel mehr ist als Mose, nämlich Gottes Sohn selbst?
Durch die Taufe haben wir Anteil an Christus erlangt. Diesen Anteil verlieren wir aber durch Ungehorsam und Verstocktheit, durch schwere Sünde, von der wir uns nicht bekehren. Zum Ende des Abschnitts wird deutlich gesagt, dass die Getauften sich bewähren müssen. Wer nicht an dieser Taufgnade festhält, an der geschenkten Grundlage, wie manche Übersetzungen auch formulieren, hat diesen Anteil an Christus nicht mehr. „Bis zum Ende“ heißt dabei bis zum Lebensende. Es ist eine Aufgabe, bis wir sterben und vor Gottes Angesicht treten.

Ps 95
6 Kommt, wir wollen uns niederwerfen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem HERRN, unserem Schöpfer!
7 Denn er ist unser Gott, wir sind das Volk seiner Weide, die Herde, von seiner Hand geführt. Würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!
8 Verhärtet euer Herz nicht wie in Meríba, wie in der Wüste am Tag von Massa!
9 Dort haben eure Väter mich versucht, sie stellten mich auf die Probe und hatten doch mein Tun gesehen.
10 Vierzig Jahre war mir dieses Geschlecht zuwider und ich sagte: Sie sind ein Volk, dessen Herz in die Irre geht, sie kennen meine Wege nicht.
11 Darum habe ich in meinem Zorn geschworen: Sie sollen nicht eingehen in meine Ruhe.

Wir beten als Antwortpsalm genau diesen Ps 95, der die Exodus-Episode bei Massa und Meriba reflektiert. Zu Beginn erfolgt eine Lobpreisaufforderung an eine Gruppe („Kommt, wir wollen uns niederwerfen“). Gott ist der Schöpfer und verdient allein schon durch die Erschaffung des Menschen sein immerwährendes Lob. Dass der Mensch existiert, hat er Gott zu verdanken. Er hat sich nicht selbst ins Dasein gebracht, er hat sich nicht selbst geboren. Gott ist ein wunderbarer Hirte, der wirklich für sein Volk sorgt – ja für jeden einzelnen Menschen, als ob dieser der einzige Mensch auf der Welt sei! Was König David in Ps 23 komponiert hat, trifft ganz und gar auf Gott zu. Er ist wirklich ein Hirte, bei dem die Herde nichts mangelt.
Damals hat Gott aus einem Felsen Wasser hervorsprudeln lassen. Das ist kein Zufall, dass Gott das Wasser ausgerechnet aus einem Felsen hervorkommen ließ. Das war eine ganz große Lektion und im Nachhinein erkennen wir Christen diesen Typos: Das Wasser ist ein Zeichen des lebendigen Wassers, des Heiligen Geistes! Dass es ausgerechnet aus einem Felsen kommt, ist für uns ein Hinweis auf Mt 16, wo Jesus zu Petrus sagt: „Du bist Petrus, der Fels. Und auf diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Durch den Hl. Geist nahm die Kirche am Pfingsttag ihren Anfang, die Petrus zum Fels in der Brandung hat, damals bei der Pfingstpredigt wie heute mit dem Papst.
Der Psalm ruft zur Dankbarkeit auf, zum Jauchzen „mit Liedern“. Das ist es, was Gott immer verdient hat, egal, ob es uns gerade gut oder schlecht geht, ob wir in der Oase sitzen oder in der Wüste umherirren. Er hat nur Gutes für uns bereit und tut uns nur Heilsames. Wer sind wir, dass wir unser Lob, das ihm immer zusteht, von unserer eigenen Befindlichkeit abhängig machen? Er ist schließlich unser Schöpfer. Dass wir existieren, dafür allein gebührt ihm auf ewig unser Lob. Das allein ist schon Grund genug, dass der Psalm auffordert: „Wir wollen uns niederwerfen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem HERRN, unserem Schöpfer!“
Gott ist keine undurchschaubare Macht, sondern teilt mit uns immer wieder seinen Heilsplan. Er kümmert sich schon damals um seine Herde, die Israeliten. Er kümmert sich auch heute um uns, indem er uns alles Notwendige in unserem Leben schenkt. Weil er ein guter Hirte ist, so wie Jesus es im Johannesevangelium sagt, dürfen und müssen wir auf seine Stimme hören.
Das Volk Israel soll nicht verstockt und verbittert sein wie die Väter im Exodus, als sie Gott auf die Probe stellten, obwohl sie so große Heilstaten gesehen haben. Auch wir sollen angesichts des temporären Dursts nicht Gottes Güte infragestellen, sondern fragen: „Was hast du mit mir vor? Wofür ist diese Situation gut?“ Wir sollen uns an die Zeiten erinnern, in denen Gott uns überreich getränkt hat, in denen er uns so große Heilszeichen erwiesen hat. Davon sollen wir in Mangelzeiten zehren. Und so wie Jesus sollen wir uns in diesen Zeiten noch mehr an Gott klammern, als er am Kreuz hing und die absolute Gottverlassenheit verspürte. Dann sollen auch wir den Dialog suchen und beten „mein Gott, mein Gott!“ Dann wird dieser unser Vertrauen reich belohnen, indem er uns in das verheißene Land führt, in dem Milch und Honig fließen – auf Erden in den Stand der Gnade und nach dem Tod ins Himmelreich.

Mk 1
40 Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. 

41 Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will – werde rein! 
42 Sogleich verschwand der Aussatz und der Mann war rein.
43 Jesus schickte ihn weg, wies ihn streng an 
44 und sagte zu ihm: Sieh, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für deine Reinigung dar, was Mose festgesetzt hat – ihnen zum Zeugnis. 
45 Der Mann aber ging weg und verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.

Die Heilstaten Jesu gehen weiter. Gestern hörten wir von der Heilung der Schwiegermutter des Petrus und von den vielen Menschen, die nach dem Sabbat das Haus des Petrus „überschwemmen“. Immer wieder gebietet Jesus den Dämonen, seine Identität nicht preiszugeben. Auch heute wird es um das „Messiasgeheimnis“ gehen, wenn ein Aussätziger geheilt wird. Es handelt sich um einen Menschen, der einen starken Glauben hat. Er versteht, dass Gott kein Automat ist, der so handelt, wie er selbst es will. Er versteht, dass seine Heilung von Gottes Willen abhängt. Und deshalb geht er zwar auf Jesus zu und bittet ihn voller Glauben um Hilfe, doch gleichzeitig sagt er „wenn du willst, kannst du mich rein machen.“
Er sagt nicht „wenn du kannst“. Er vertraut auf die Vollmacht des Messias.
Jesus hat Mitleid – hier steht im Griechischen σπλαγχνισθεὶς splangchnistheis. Das heißt auch, er ist barmherzig. So ist Gott, wenn er das Leiden des Menschen sieht. Er sieht es und er leidet mit. Wir liegen ganz falsch, wenn wir meinen, dass Gott gegenüber unserem Leid gleichgültig ist. An Jesus sehen wir, dass das Gegenteil der Fall ist.
Jesus tut dann, was er so oft tut – die Hand ausstrecken und den Menschen berühren. Er ist der Messias und deshalb ist es für ihn kein Problem, etwas kultisch Unreines zu berühren. Aussätzige zu berühren, bedeutete nicht nur eine hohe Ansteckungsgefahr, sondern auch den Ausschluss vom Kult. Da Jesus aber Gott ist, steht er über den jüdischen Gesetzen.
Der Mann wird geheilt, denn es ist der Wille Gottes, dass er nicht mehr leidet.
Dann tut Jesus etwas Entscheidendes: Er sagt dem Geheilten, dass er es erstens geheimhalten soll, zweitens sich gemäß dem mosaischen Gesetz einem Priester zeigen soll, die vorgesehenen Reinigungsopfer darbringen soll. Das alles soll er tun „zum Zeugnis für sie“. 
Zunächst zur Geheimhaltung. Es kann als pragmatische Maßnahme angesehen werden, damit Jesus nicht verurteilt wird, bevor er seine Verkündigungszeit abgeschlossen hat.
Das ganze ist aber vor allem als pädagogische Maßnahme zu betrachten: Jesus möchte den Priestern ein Signal geben, wer er ist. Er ist nie so, dass er einfach herumreist und allen Leuten verkündet „ich bin der Messias“. Er gebietet ja immer wieder den Dämonen, zu schweigen. Wer er ist, zeigt er vielmehr durch sein Verhalten und durch die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung. Jesus möchte also, dass die Priester die wunderbare Heilung des Aussätzigen selbst mit eigenen Augen sehen und davon ausgehend eine messianische Heilstat erkennen. Der Messias, so die Verheißungen des Alten Testaments, heilt alle Krankheiten und Leiden. Dadurch, dass er sich dabei dem mosaischen Gesetz unterstellt, möchte er seine messianische Identität zusätzlich betonen. Als Messias kann er nicht gegen die Juden handeln, sondern ist einer von ihnen. Die Priester sollen auch sehen, dass Jesus sich nicht verschuldet. Er ist gehorsam.
Jesus hat noch eine andere Lektion zu erteilen, nämlich dem Aussätzigen: Gott heilt uns Menschen, damit wir zu ihm zum Glauben kommen (diesen hat der Mann ja schon) und damit wir in unserer Gottesbeziehung gestärkt werden (Jesus ermöglicht dem Aussätzigen wieder den Gottesdienst und den Kult). Der Mann hat gelernt, dass der Messias über dem mosaischen Gesetz steht. Nun unterstellt sich dieser aber freiwillig dem Gesetz. Das ist Gottes Allmacht. Er ist frei darin, seine Allmacht in Anspruch zu nehmen und frei darin, auf sie zu verzichten. So hat der Allmächtige die Schwachheit des Menschen angenommen, weil er frei ist, auf seine Allmacht zu verzichten – das ist die Macht der Liebe.
Jesu Heilstaten bleiben nicht verborgen, sondern verbreiten sich rasch. Viele Menschen suchen ihn auf, um seine Botschaft zu hören und von ihm geheilt zu werden. Das ist auch im Sinne Gottes und das möchte Jesus ja auch – das Reich Gottes verbreiten. Gott möchte die Messianität seines Sohnes nicht durch explizite Worte, sondern durch Taten offenbaren „ihnen zum Zeugnis“. So werden die Menschen zu Gott heimgeführt, nicht durch bloße Rede.

Wir lernen heute etwas über Verstocktheit und Offenheit. Wer sich selbst verhärtet, mit dem kann Gott nicht arbeiten. Wer nicht an die Allmacht und Güte Gottes glaubt, ist sehr undankbar, weil er als existierendes Wesen bereits überreich beschenkt ist. Gott kann mit dem Aussätzigen arbeiten, weil er sich der Allmacht Gottes öffnet. Er unterstellt sich gehorsam dem Willen Gottes und erlangt deshalb so viel Gnade von Christus, der ihm Gesundheit und kultische Gemeinschaft schenkt. Wie steht es mit uns? Glauben wir an die Güte und Allmacht Gottes? Können wir uns ganz fallen lassen in seine Obhut oder misstrauen wir ihm wie die Väter in der Wüste? Werden wir wieder dankbar und drücken wir dies aus in der Eucharistie – der Danksagung.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 2,11-12.13c-18; Ps 105,1-2.3-4.6-7.8-9; Mk 1,29-39

Hebr 2
11 Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; darum schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen

12 und zu sagen: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen,
13 Siehe, ich und die Kinder, die Gott mir geschenkt hat.
14 Da nun die Kinder von Fleisch und Blut sind, hat auch er in gleicher Weise daran Anteil genommen, um durch den Tod den zu entmachten, der die Gewalt über den Tod hat, nämlich den Teufel,
15 und um die zu befreien, die durch die Furcht vor dem Tod ihr Leben lang der Knechtschaft verfallen waren.
16 Denn er nimmt sich keineswegs der Engel an, sondern der Nachkommen Abrahams nimmt er sich an.
17 Darum musste er in allem seinen Brüdern gleich sein, um ein barmherziger und treuer Hohepriester vor Gott zu sein und die Sünden des Volkes zu sühnen.
18 Denn da er gelitten hat und selbst in Versuchung geführt wurde, kann er denen helfen, die in Versuchung geführt werden.

Heute hören wir wieder einen Ausschnitt aus dem Hebräerbrief. Gestern wurde die Identität Jesu als neuer Adam anhand einer christologischen Psalmenauslegung von Ps 8 betrachtet. Heute hören wir die Fortsetzung: „Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden“ ist auf Christus und die Menschen zu beziehen, die den Bund eingegangen sind. Das erklärte ich gestern bereits mit der Taufe. Dass Christus durch sein Kreuzesopfer die Menschen unter anderem geheiligt hat, lesen wir auch z.B. in Röm 15,16; 1 Kor 1,2; 2 Tim 2,21.
Auch Christus selbst ist zunächst geheiligt worden vom Vater (Joh 10,36). Er ist auch geheiligt worden durch die Johannestaufe (Joh 1) und auch im Tempel, was wir bald wieder hören, wenn wir das Fest der Darstellung des Herrn feiern (Mariä Lichtmess).
Das Stammen „aus Einem“ ist auf Gott zu beziehen, der zum gemeinsamen Vater Christi und der Menschen geworden ist im Neuen Bund. Diese Gotteskindschaft ist dabei eine Geistige für uns Menschen, denn nur Jesus kann von sich sagen, er ist vom Vater gezeugt. Wir sind dies lediglich durch die Gnade, nicht durch die Natur. Deshalb nennt uns Jesus auch Brüder – also Geschwister. Ein Bund ist immer die Zusammenschließung einer familiären Verbindung: Adam und Eva sind ein Ehebund, Noah ist ein Familienbund, Abraham ist ein ganzer Stammbund, David ist ein Zusammenschluss aller Stämme, Christus schließt zu einem weltweiten Familienbund zusammen. Wir lesen an anderer Stelle im Evangelium, dass Jesus sagt: Wer den Willen meines Vaters tut, ist für mich Bruder, Schwester und Mutter.
„Inmitten der Gemeinde“ hat Jesus den Vater immer wieder gepriesen, besonders als er seinen Jüngern das Vaterunser beibrachte oder als er das hohepriesterliche Gebet im Johannesevangelium betete. Darüber haben wir ja gestern bereits nachgedacht.
Jesus wollte uns von allem erlösen. Weil der Satan aber Macht über unsere schwache Natur hatte, nahm Jesus diese Natur an. Er starb wie wir Menschen sterben als Konsequenz des Sündenfalls. Er erstand jedoch von den Toten, damit die Macht des Teufels gebrochen werde. Der Sieg über den Tod ist schon errungen, aber bisher bleibt dem Satan noch gewisse Macht. Wir sterben noch biologisch, doch unsere Seele kann „auferstehen“. Dies meint das Leben bei Gott. Der seelische Tod ist dagegen die Hölle. Die ersten Menschen, die eine leibliche Auferstehung erleben durften, sind Maria und Jesus, die ersten Geschöpfe der neuen Schöpfung. Dass bis heute der Tod besteht und darin sich Körper und Seele voneinander trennen, ist Folge der Erbsünde, von der Jesus und Maria verschont geblieben sind.
Jesus ist wirklich Fleisch geworden. Das wird hier betont, weil der Hebräerbrief sich an Menschen richtete, die der Irrlehre einer lediglich geistigen Natur Jesu ausgesetzt sahen. Jesus kam ja, um Menschen aus Fleisch und Blut zu erlösen. Deshalb musste auch er Fleisch und Blut annehmen. Er musste „in allem seinen Brüdern gleich sein“. Er ist ja nicht gekommen, um Engel zu erlösen, sondern Menschen aus Fleisch und Blut. Wenn er das erlöst, was er selbst durchlebt und annimmt, muss er wahrlich Fleisch und Blut geworden sein. Jesus musste alles selbst erfahren und durchmachen, was die Menschen auch erlitten, selbst die Versuchung. So konnte er stellvertretend gutmachen, was die Menschen verschuldet haben. Er wird im Hebräerbrief in seiner hohepriesterlichen Funktion betrachtet, das heißt, er ist derjenige, der das Opfer seines eigenen Leibes darbringt zur Sühne für die Sünden aller Menschen.

Ps 105
1 Dankt dem HERRN! Ruft seinen Namen aus! Macht unter den Völkern seine Taten bekannt!
2 Singt ihm und spielt ihm, sinnt nach über all seine Wunder!
3 Rühmt euch seines heiligen Namens! Die den HERRN suchen, sollen sich von Herzen freuen.
4 Fragt nach dem HERRN und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit!
6 Ihr Nachkommen seines Knechts Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat.
7 Er, der HERR, ist unser Gott. Auf der ganzen Erde gelten seine Entscheide.
8 Auf ewig gedachte er seines Bundes, des Wortes, das er gebot für tausend Geschlechter,
9 des Bundes, den er mit Abraham geschlossen, seines Eides, den er Isaak geschworen hat.

Der Psalm ist eine Antwort auf dieses Opfer, das der einzig wahre Hohepriester Christus dargebracht hat. Es handelt sich dabei um ein Danklied für Gottes Handeln an Israel. Dieses ist nun über Israel hinaus auf die gesamte Welt auszuweiten.
Der Psalm beginnt wie so oft mit einer Selbstaufforderung zum Lob: „Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen!“ Dieser heilige Name ist es, durch den bis heute Heil und Heilung geschieht. Auch heute gibt es viele Wunder, die in Jesu Namen geschehen, denn er ist ganz gegenwärtig unter den Menschen in der Eucharistie.
„Und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Wir denken an die vielen Situationen des Volkes Israel, in denen es vergaß, was Gott ihm Gutes getan hat. Nachdem er das Volk aus Ägypten befreit hat, kam das große Murren in der Wüste. Das ist ein Negativbeispiel und zeigt, dass das Volk Gottes gute Taten vergessen hat. Und so ist es auch mit den zehn Aussätzigen in den Evangelien. Dort ist es nur ein einziger Geheilter, der zurückkehrt, um Jesus zu danken. Der Mensch neigt zur Undankbarkeit, weil es eine Folge der Erbsünde ist.
„Der dir all deine Schuld vergibt und deine Gebrechen heilt“ – es ist genau diese Reihenfolge, die wir bemerken müssen. Zuerst vergibt Gott uns die Schuld. Dies ist nämlich die wichtigste Form von Heilung – die seelische. Wenn wir wieder mit Gott versöhnt sind und zurückversetzt sind in den Radius seiner Gnade, kann diese uns auch umfassend heilen. Die psychischen und körperlichen Auswirkungen unserer im Kern seelischen Probleme, können nun auch geheilt werden, weil der seelische Kern wiederhergestellt ist. Das erinnert uns an den Gelähmten, der durch das Dach in ein Haus hinabgelassen wird, wo Jesus predigt. Jesus vergibt ihm zuerst die Sünden bevor er ihn von seine Lähmung heilt.
„Fragt nach dem HERRN und seiner Macht“ – die hebräische Verbform דִּרְשׁ֣וּ dirschu ist eigentlich mit „suchet, forscht“ zu übersetzen. Es geht also darum, in allem immer den Herrn zu suchen. Diese Suche bezieht sich nicht auf das Suchen einer verlorenen Sache, sondern auf das Auf-Suchen, auf das sehnsuchtsvolle Streben nach dem Herrn und die richtige Prioritätensetzung – ihn immer als Nummer eins zu sehen.
„Sucht sein Angesicht allezeit!“- auch בַּקְּשׁ֖וּ baqschu kann mit „suchen“ übersetzt werden, aber auch mit „wollen, begehren, bitten“. Beide Sätze sagen etwas Ähnliches aus und sind ähnlich strukturiert, was wir Parallelismus nennen. Dem Menschen soll es immer nach dem Angesicht Gottes verlangen. Es umschreibt, was mit dem Sch’ma Israel zusammengefasst wird (Dtn 6,4ff.), die absolute Gottesliebe und deshalb das stete Interesse daran, ihn besser zu verstehen. Es geht darum, das Herz an ihn zu hängen. Wenn man dies tut, wird das Herz immer wieder Heilung erfahren.
So wie wir schon oft gebetet haben, ergeht auch hier die Aufforderung an uns, Gottes Heilstaten nie zu vergessen („Gedenkt der Wunder, die er getan hat…“). So werden wir nie undankbar und auch nie etwas für selbstverständlich nehmen, was Gott uns schenkt. Wir gedenken der großen Taten Gottes mit dankbarem Herzen in jeder Eucharistie. Wir beten jeden Tag die Psalmen und loben Gott darüber hinaus mit Hymnen und anderen Lobliedern. Gerade die tägliche Eucharistie ist für uns eine beständige Gedächtnisstütze, denn sobald der Mensch die Heilstaten Gottes vergisst, wendet er sich anderen zu, wird lau und lieblos in der Beziehung zu Gott und wird ihm untreu.
Gott ist der Herrscher des Alls und deshalb gilt, was er entscheidet. Alles ist seinem universalen Heilswillen unterworfen, was auch für uns sehr tröstlich ist! Das bedeutet nämlich, dass auch der Böse nur so viel anrichten kann, wie Gott zulässt. Sobald das Ende der Zeiten erreicht ist, wird Gott ihm sofort und ganz ohne Mühe Einhalt gebieten. Er wird den Bösen für immer zerstören und wir werden nie wieder leiden müssen.
Gott ist der Treue, der es wirklich ernst meinte, als er den Bund mit Abraham ewig nannte. Die tausend Geschlechter, die hier genannt werden, sind eine symbolische Zahl, sodass wir nicht anfangen müssen, Geschlechter auszurechnen. Es ist ein Code, der eine sehr lange Zeit umschreibt und im poetischen Kontext der Psalmen als Stilmittel fungiert.
Gott hält seine Versprechen und so dürfen wir gläubig ausharren, bis der verherrlichte Menschensohn wiederkommen wird am Ende der Zeiten. Er hat uns ja versprochen, dass er uns reich belohnen werde, wenn wir bis zum Schluss standhaft und wachsam gewesen sind. Und wenn es in unserem Leben schwer wird, trägt er uns hindurch, der vor dem Heimgang zum Vater sagte: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Mk 1
29 Sie verließen sogleich die Synagoge und gingen zusammen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas.
30 Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen sogleich mit Jesus über sie
31 und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr und sie diente ihnen.
32 Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus.
33 Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt
34 und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu sagen, dass sie wussten, wer er war.
35 In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.
36 Simon und seine Begleiter eilten ihm nach,
37 und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich.
38 Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort verkünde; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er zog durch ganz Galiläa, verkündete in ihren Synagogen und trieb die Dämonen aus.

Wir lesen im heutigen Evangelium die Fortsetzung des gestrigen Abschnitts. Direkt im Anschluss an den Exorzismus Jesu geht dieser mit seinen Jüngern zu Petrus und seinem Bruder nach Hause. Das ganze findet ja in Kafarnaum statt.
Dort tut Jesus nun ein weiteres Wunder, denn er heilt die kranke Schwiegermutter des Petrus. Wir stellen uns vor, wie die fünf Männer bei Petrus zuhause erscheinen und die Schwiegermutter sie eigentlich bewirten muss.
Jesus tut etwas, was wir öfter lesen: Er fasst sie bei der Hand und richtet sie auf. Das ist natürlich zunächst aus praktischen Gründen eine notwendige Geste. Jesus heilt sie, sodass sie nicht mehr niederliegen muss. Er hilft ihr also auf. Gleichzeitig lesen wir dahinter etwas viel Tieferes, genauso bei der Erweckung des toten Mädchens an anderer Stelle: Jesus erfüllt Jes 41 durch diese scheinbar banale Geste und jeder fromme Jude müsste es wie Schuppen vor den Augen fallen: „Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und der zu dir sagt: Fürchte dich nicht, ich habe dir geholfen.“ Durch die Erfüllung der jesajanischen Verheißung muss der fromme Jude aber auch anerkennen, dass Jesus „der HERR“ ist, dass sie eins sind! Das Fieber verschwindet und die Schwiegermutter kann die Gäste bedienen. Auch das ist uns eine ganz große Lehre:
Gott heilt nicht, damit wir ein bequemeres Leben führen können. Gott lässt gerade körperliche Heilung zu, damit wir durch die gewonnene Gesundheit IHM besser DIENEN können. Er tut dies, wenn er einen besonderen Auftrag für den Menschen hat. Darum geht es in erster Linie: um die genesene Person zu berufen und um ihren Glauben zu stärken bzw. den Glauben der Umstehenden.
Übrigens findet diese Heilung an einem Sabbat statt. Das ist eigentlich ein Grund zur Anklage, aber erstens steht Jesus als Messias über dem Sabbat, zweitens können wir davon ausgehen, dass die Schwiegermutter des Petrus in Lebensgefahr schwebt, wo die Heilung an einem Sabbat ausnahmsweise erlaubt ist.
Die ganzen Menschenmassen, die nach Sonnenuntergang zum Haus des Petrus und Andreas kommen, halten sich an die jüdischen Gesetze, denn ab dem Sonnenuntergang ist in jüdischer Zählung der neue Tag angebrochen. Jesus heilt die Kranken und treibt die Dämonen aus, als es also nicht mehr Sabbat ist!
Am nächsten Tag tut Jesus, was er immer nach ausführlichen Heilungen und Verkündigungen tut – allein mit seinem Vater sein. Er füllt sich neu mit der Liebe des Vaters auf. Das ist für die Jünger Jesu eine große Lehre. Sie sollen sehen, wie sie es später selbst tun sollen – vielen Menschen die Liebe Gottes schenken, aber dann in der Zweisamkeit mit Gott wieder auftanken – und zwar nicht körperlich, sondern seelisch. Sie müssen das erst einmal lernen. Deshalb reagieren sie hektisch (sie „eilen ihm nach“) und wollen ihn zurück zu den Menschen bringen, die nach ihm suchen.
Jesus sagt ihnen aber deutlich, dass er sich nicht von den Bewohnern Kafarnaums festnageln lässt. Er ist für alle Menschen gekommen, muss überall das Evangelium verkünden und vor allem: Er kann sich nicht von einzelnen Menschen binden lassen. Das ist die Lebensweise von Geistlichen. Sie gehören keinen Einzelpersonen, sondern sie sind ungebunden. Deshalb sind sie ja auch zölibatär, um sich ganz und gar nur an einen zu binden – an Gott. Es ist natürlich gut für einen Geistlichen, bestimmte Bezugspersonen zu haben, die einen stützen und helfen, aber auch an sie soll er sich nicht binden, vor allem nicht emotional. Ein Priester ist der Vater der ganzen Gemeinschaft der Christen, die eine einzige Familie ist. Jesus zeigt ihnen dadurch noch etwas Anderes: In erster Linie muss der Geistliche ganz und gar in Gott sein. Die Zwiesprache im Gebet, das komplette Versunkensein in der Liebe Gottes, die Kontemplation muss der Ausgangspunkt jedes priesterlichen Dienstes sein. Dann ist es wirklich ein gnadenhaftes Tun, das die Menschen näher zu Gott bringt.
Und so zieht Jesus durch ganz Galiläa, lehrt in den Synagogen – d.h. er legt dort vor allem die Schrift neu aus. Es wird auch explizit gesagt, dass er Dämonen austreibt. Das ist ein wichtiger großer Dienst, den Jesus ausübt. Es ist eine messianische Heilstat, die die Herrschaft Gottes gegenüber dem Reich des Teufels signalisiert. Anhand der Exorzismen sieht man zudem am eindrücklichsten, wie Jesu Befreiung aus der Sklaverei zu verstehen ist. Er will in erster Linie unsere Seele retten, deshalb ist der Exorzismus im Markusevangelium auch das erste Wunder, das überliefert wird. Erst danach kommt die erste körperliche Heilung an der Schwiegermutter des Petrus.

Heute hören wir so einiges über die Heilstaten Gottes und die richtige Reaktion darauf – die stete Dankbarkeit. Wenn wir vergessen, was er uns Gutes getan hat, werden wir lieblos und schaden unserer Beziehung zu Gott. Prüfen wir uns heute, ob wir so manches selbstverständlich nehmen, was Gott uns Gutes getan hat. Gewöhnen wir uns an, dem Herrn täglich für das Geschenk des Tages zu danken, damit wir nicht lau und lieblos werden, sondern unser inneres Feuer der Gottesliebe stets brennt.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 2,5-12; Ps 8,2 u. 5.6-7.8-9; Mk 1,21-28

Hebr 2
5 Denn nicht Engeln hat er die zukünftige Welt unterworfen, von der wir reden,

6 vielmehr bezeugt an einer Stelle jemand: Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, oder des Menschen Sohn, dass du dich seiner annimmst?
7 Du hast ihn nur ein wenig unter die Engel erniedrigt, mit Herrlichkeit und Ehre hast du ihn gekrönt,
8 alles hast du ihm unter seine Füße gelegt. Denn indem er ihm alles unterwarf, hat er nichts ausgenommen, was ihm nicht unterworfen wäre. Jetzt aber sehen wir noch nicht, dass ihm alles unterworfen ist,
9 aber den, der ein wenig unter die Engel erniedrigt war, Jesus, ihn sehen wir um seines Todesleidens willen mit Herrlichkeit und Ehre gekrönt; es war nämlich Gottes gnädiger Wille, dass er für alle den Tod erlitt.
10 Denn es war angemessen, dass Gott, für den und durch den das All ist und der viele Söhne zur Herrlichkeit führen wollte, den Urheber ihres Heils durch Leiden vollendete.
11 Denn er, der heiligt, und sie, die geheiligt werden, stammen alle aus Einem; darum schämt er sich nicht, sie Brüder zu nennen
12 und zu sagen: Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen.

Heute hören wir wieder einen Ausschnitt aus dem Hebräerbrief. In diesem betrachtet der Autor Psalm 8 mit christologischen Augen, um die Erniedrigung Christi und seine wahre Macht herauszustellen. „Die zukünftige Welt“, von der hier die Rede ist, meint das Gottesreich, das am Ende der Zeiten offenbar werden und sich endgültig gegen den Bösen durchsetzen wird. Und die Engel werden hier als Vergleichswert angeführt wie im gestrigen Abschnitt gemäß der Argumentation: „Wenn die Engel schon so mächtig sind, wie mächtig ist dann der Herr Jesus Christus erst!“ So werden an dieser Stelle die Verse 5-6 des Psalms 8 aufgegriffen, wo die Macht des Menschen betrachtet wird: Dieser ist so groß, dass er nur wenig geringer als die Engel gemacht worden ist. Dies wird nun auf Christus angewandt, der sich geringer als die Engel machte, der zugleich gekrönt ist mit Herrlichkeit und Ehre, dem alles zu Füßen gelegt worden ist. Das bezieht sich wörtlich ja zunächst auf den Menschen und Ps 8 stellt die Reflexion des Herrschaftsauftrags aus Gen 1 dar. Doch dies wird nun in Hebr auf die zweite Schöpfung bezogen, dessen erster Mensch – dessen neuer Adam Christus ist. Diese Typologie wird im Hebräerbrief immer wieder angewandt!
Der Herr hat diesem neuen Menschen alles unterworfen, auch wenn wir jetzt noch nicht sehen, „dass ihm alles unterworfen ist“.
Herrlichkeit und Ehre Christi sehen wir an seinem Todesleiden. Auch im Johannesevangelium wird die Passion als Weg der Verherrlichung betrachtet, gleichsam als Inthronisation des Königs, dessen Krone aus Dornen besteht. Seine Erhöhung als König besteht in der Erhöhung am Kreuz. Was ihn aber vor allem erhöht hat, ist die sühnende Wirkung seines Leidens und Sterbens. Dieser Weg bis an Kreuz ist Gottes Wille, so stand es schon fest vor aller Zeit.
„Gott, für den und durch den das All ist“ führt uns zurück zu Kol 1,16, wo Paulus diese Aussage explizit auf Christus anwendet. Gott ist der Urheber der Schöpfung und alles läuft auf ihn zu. Er ist der Sinn hinter allem und er ist unser Ziel. Das Ziel ist die ewige Gemeinschaft in seinem Reich. Er hat uns Menschen geschaffen, nicht weil er ohne uns nicht kann, sondern weil er ohne uns nicht sein möchte. Diese ewige Gemeinschaft erlangen wir als Familie Gottes, nämlich wenn wir durch die Taufe zu „Söhnen“ werden – und Töchter.
Christus ist der, der uns heiligt – denn durch sein Erlösungswirken hat er uns die Heiligung erwirkt – und wir sind jene, die geheiligt werden in der Taufe. So werden wir neugeboren im Hl. Geist, aus dem wir nun stammen. Wir erhalten mit der Taufe gleichsam eine geistliche Genealogie und werden zur Familie Gottes. Deshalb nennt uns Christus von da an Brüder (die Schwestern dürfen wir getrost mitdenken). Er wird unser Bruder, weil wir zu Königskindern werden und er der Sohn Gottes ist.
So greift der Hebräerbrief zum Ende hin noch einmal Psalmensprache auf, denn die Wendung „Ich will deinen Namen meinen Brüdern verkünden, inmitten der Gemeinde dich preisen.“ wird in vielen Psalmen verwendet (Miit der Erwähnung der Brüder v.a. Ps 22,22), sehr oft in liturgischen Psalmen. Diese Schlussaussage wird wieder christologisch betrachtet, also auf Christus bezogen, der diese Aussage tätigt! Er preist den Namen seines Vaters vor seinen Brüdern, die nun auch zur Familie Gottes gehören! Dies tut er vor allem in seiner Zeit auf Erden. Wir denken an ganz bekannte Situationen wie damals, als er im Anschluss an die Abschiedsreden das hohepriesterliche Gebet spricht (Joh 17).
Was wir vom Hebräerbrief lernen, sind ganz wichtige Aussagen über die Identität Jesu und seiner heilsgeschichtlichen Rolle, seiner Bedeutung als neuer Adam und dem Herrschaftsauftrag an den neuen Menschen. Was wir aber auch erkennen, ist das biblische Zeugnis für christologische Psalmenauslegung. Denn es wird oft behauptet, dass dies unrechtmäßig, unbiblisch und viel später entstanden sei. Dabei ist diese Art der Bibelauslegung schon im NT grundgelegt, ein Prinzip, das die ersten Christen selbstverständlich vorausgesetzt haben.

Ps 8
2 HERR, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde, der du deine Hoheit gebreitet hast über den Himmel.
5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?

6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.
7 Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße:
8 Schafe und Rinder, sie alle und auch die wilden Tiere,
9 die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.

Im Psalm preisen wir nun den Namen Gottes auf der Erde. Es ist genau jener Psalm, den der Hebräerbrief christologisch auslegt. Der Name Gottes liegt auf der Erde wie der Rauch bzw. die Wolke Gottes auf dem Tempel. Gott ist überall und das ist eine Trostbotschaft für uns. Er ist bei uns, die wir seine Schöpfung sind.
Wir betrachten in dem Psalm vor allem die Schöpfung der Menschheit. Die Psalmen reflektieren stets die fünf Bücher Mose. Wie kostbar ist diese für den Herrn, dass er sich ihrer annimmt und eine durchgehende Beziehung zu ihr führt! Die ganze Heilsgeschichte, die wir von der Genesis bis zur Johannesoffenbarung vor uns haben, ist eine einzige Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Er wendet sich seinen Geschöpfen zu und tut alles, um deren (Gegen)Liebe zu erwerben.
Dabei hat der Mensch im Gesamt der Schöpfung eine besondere Stellung. Er ist wahrlich die Krone der Schöpfung, denn „du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.“ Dies wird im Schöpfungsbericht ja dadurch deutlich, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen worden ist. Die ewige Seele ist es, die ihm Herrlichkeit und Pracht verleiht.
„Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße“ – die restliche Schöpfung ist dem Menschen anvertraut, weil dieser befähigt ist, Verantwortung für sie zu übernehmen. Gott legte ihm die Schöpfung aber nicht unter die Füße, damit er sie wie ein Tyrann unterdrücke, sondern wie ein Hirte für sie sorge.
In den letzten zwei Versen werden dann Bereiche der Schöpfung aufgezählt, die dem Menschen anvertraut werden.
All das sind wichtige und gute Ausführungen, werden aber erst dann zur Lesung in Bezug gebracht, wenn der Psalm über den wörtlichen Sinn hinaus in seinem geistlichen Sinn betrachtet wird. Dies hat uns der Hebräerbrief schon vorgemacht:
Der Mensch, den Gott nur wenig geringer als sich geschaffen hat, ist auch mit der neuen Schöpfung gegeben – den Anfang dieser neuen Schöpfung kennzeichnet ebenfalls ein Menschenpaar – Jesus und Maria. Jesus hat diese neue Schöpfung begründet und auch ihm legt der Vater die gesamte Schöpfung unter die Füße – ihm, dem Erhöhten am Kreuz! Er hat ebenfalls einen Herrschaftsauftrag erhalten und wirkt nicht als Tyrann, sondern als guter Hirte, wie er sich auch offenbart hat.
Und diese gesamte Schöpfung ist zusammengefasst in Maria und Johannes, die unter dem Kreuz stehen. Maria ist der Archetyp der Kirche, sie ist das Vorbild der vollkommenen Jüngerschaft und durch die Zuteilung des Johannes zu Maria als Sohn wird Maria zur Mutter aller Glaubenden – sie ist dadurch die neue Eva, die Mutter der Lebenden, nicht mehr der irdisch Lebenden, sondern ewig Lebenden bei Gott.
Jesus Christus ist wahrlich Herrlichkeit und Pracht verliehen worden in einem Maße, den der alte Mensch nicht erfahren hat – schon allein durch den Sündenfall. Wir sprechen hier von Christus in seiner Menschheit, in seiner Gottheit ist er Gott gleich.
Jesus ist der Herrscher über die Schöpfung – die Neugeschaffenen durch den Hl. Geist in der Taufe. Er ist das Haupt und wir die Glieder. Er ist der König des Reiches Gottes.
Und Christus ist dies alles nicht nur für die Menschen: Durch sein Erlösungswirken erlöst er die ganze Welt, auch die Tierwelt, denn diese ist durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares auch ins Chaos gestürzt. Wir lesen bei der Friedensvision des Jesaja davon, wie die Tiere vor dem Sündenfall waren und wie sie mit Neuschöpfung Gottes wieder sein werden.
Es wird eine Versöhnung der gesamten Schöpfung sein!

Mk 1
21 Sie kamen nach Kafarnaum. Am folgenden Sabbat ging er in die Synagoge und lehrte.

22 Und die Menschen waren voll Staunen über seine Lehre; denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, nicht wie die Schriftgelehrten.
23 In ihrer Synagoge war ein Mensch, der von einem unreinen Geist besessen war. Der begann zu schreien:
24 Was haben wir mit dir zu tun, Jesus von Nazaret? Bist du gekommen, um uns ins Verderben zu stürzen? Ich weiß, wer du bist: der Heilige Gottes.
25 Da drohte ihm Jesus: Schweig und verlass ihn!
26 Der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lautem Geschrei.
27 Da erschraken alle und einer fragte den andern: Was ist das? Eine neue Lehre mit Vollmacht: Sogar die unreinen Geister gehorchen seinem Befehl.
28 Und sein Ruf verbreitete sich rasch im ganzen Gebiet von Galiläa.

Im heutigen Evangelium hören wir, dass Jesus gleichzeitig verkündet und das Verkündete praktisch umsetzt. Er kommt nach Kafarnaum und geht wie jeder fromme Jude am Sabbat in die Synagoge. Er lehrt dort, aber nicht wie ein gewöhnlicher Rabbi, sondern „wie einer, der Vollmacht hat“. Das Wort ἐξουσία exusia für Vollmacht ist schon im Alten Testament ein Begriff. In Dan 7,14 wird er bereits für den Menschensohn gebraucht (dasselbe Wort in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments), der vom „Hochbetagten“, den Daniel hier sieht, die Vollmacht übertragen bekommt. Auch im Buch Jesus Sirach wird derselbe Begriff schon gewählt, um die Vollmacht ganz auf Gott selbst zurückzuführen. Wir sehen hier den neuen Menschen, den neuen Adam, dessen göttliche Vollmacht analog zum ersten Adam seinen „Herrschaftsauftrag“ darstellt. Wenn die Menschen in Kafarnaum ihn nun in der Synagoge reden hören und hinter seiner Predigt eine Vollmacht erahnen, meint das allerdings eine über menschliche Fähigkeiten hinausgehende Vollmacht – eine von Gott kommende Kraft. Auch wenn Christus als neuer Adam betrachtet wird, sind die beiden nicht ebenbürtig zu verstehen. Christus ist unvergleichlich höher einzustufen!
Die Schriftgelehrten lehren so, wie sie es von ihren Lehrern gelernt haben. Was sie sagen, ist die Tradierung dessen, was schon immer galt. Jesus spricht aber nun ganz neu. Er spricht nicht wie ein Schriftgelehrter, der die Inhalte von seinem eigenen Lehrer übernimmt. Er legt die Hl. Schrift nun ganz neu aus. Die Menschen sind deshalb so erstaunt, weil Jesus vom Hl. Geist erfüllt spricht. Der Geist Gottes ist es, der die Menschen im Innersten der Seele anrührt.
Dann passiert etwas, das die Vermutung der Anwesenden bestätigt. Gott lässt folgende Situation zu, damit die Menschen eine weitere Lektion von ihm erhalten: Sie werden an die Identität Jesu herangeführt und lernen, dass dessen Botschaft und Verhalten absolut deckungsgleich sind. Ein Besessener ist anwesend und der Dämon in ihm konfrontiert Jesus mit seiner Identität. Jesus gebietet ihm zu schweigen. Wir denken zunächst an die ganz pragmatische Begründung, dass Jesus noch nicht direkt festgenommen werden kann, sondern seine Verkündigung erst einmal zuende führen muss. Er tut es auch, damit die Menschen seine Vollmacht ganz konkret sehen, mit der er gepredigt hat. Es ist auch kein Zufall, dass Jesu erstes Wunder hier im Markusevangelium ein Exorzismus ist: Die Dämonenaustreibung ist eine Aufgabe, die die Pharisäer für gewöhnlich vornehmen. Das Procedere ist dasselbe, das bis heute bei Exorzismen gewählt wird: die Kommunikation mit dem Dämon durch den Besessenen erlangen, um den Namen des Dämons zu erfahren. Sobald dieser seinen Namen nämlich verraten hat, ist er entmachtet und die Exorzisten können dem Dämon befehlen, aus dem Besessenen herauszufahren. Bei Jesus ist es jetzt ganz anders. Es ist nicht Jesus, der auf den Besessenen zugeht und den Dämon zum Sprechen auffordert. Der Dämon meldet sich von selbst, was ungewöhnlich ist. Das tun die bösen Geister ja immer nur in der Gegenwart Gottes. Schon dies wird den Anwesenden zu denken gegeben haben. Dann bekennt der Dämon im Mann Jesu Identität – Heiliger Gottes. Das ist ein messianischer Hoheitstitel. Die Dämonen sind als gefallene Engel von Gott geschaffene Geistwesen. Die ganze Schöpfung existiert um Christi willen. Alles ist geschaffen, um ihn anzubeten und ihm die Ehre zu geben. Alles ist „durch ihn und auf ihn hin“ geschaffen. Deshalb kann auch dieser Dämon nicht anders, als ihn zu bekennen, der der Christus ist. Er gehorcht auch seinen Befehlen und fährt aus dem Mann aus. Welche Vollmacht muss dieser Mensch haben, dass sogar die Dämonen ihn bekennen? Das wird den Menschen eine riesige Lehre gewesen sein. So etwas haben sie noch nie gesehen und deshalb verbreitet sich dieses Ereignis in ganz Galiläa. Die Menschen haben ja lange auf den Messias gewartet. Nun kommt einer, der die Verheißungen erfüllt. Das verbreitet sich wie ein Strohfeuer.

Heute lernen wir sehr viel über die Identität Jesu. Er ist der neue Adam, dessen Vollmacht nicht mehr nur die Sorge um die erste Schöpfung umfasst, sondern die Sorge um die zweite Schöpfung! Seine Vollmacht ist eine göttliche. Deshalb vollbringt er große Taten, die den Menschen schon durch die Hl. Schrift angekündigt worden sind. Christus ist Schöpfungsmittler und zugleich das Ziel der ganzen Schöpfung. Wenn wir uns an ihm orientieren, werden wir nicht in die Irre gehen.

Ihre Magstrauss

Montag der 1. Woche im Jahreskreis

Hebr 1,1-6; Ps 97,1-2.6-7.9 u. 12; Mk 1,14-20

Heute beginnt ein neuer Jahreskreis. Zugleich startet die Bahnlesung des Hebräerbriefes, der hochspannend ist!

Hebr 1
1 Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten;

2 am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben von allem eingesetzt, durch den er auch die Welt erschaffen hat;
3 er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt;
4 er ist umso viel erhabener geworden als die Engel, wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt.
5 Denn zu welchem Engel hat er jemals gesagt: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt, und weiter: Ich will für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein?

6 Wenn er aber den Erstgeborenen wieder in die Welt einführt, sagt er: Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.

Wir hören heute den Beginn des Hebräerbriefes, einer interessanten Schrift mit großem Wortschatz, jüdisch-hellenistischem Stil und Auslegungsmethoden, wie sie vor allem in Alexandria gepflegt worden sind – die allegorische Bibelauslegung haben die Alexandriner auf ein ganz hohes Niveau gebracht! Das ist schon ein wichtiges Stichwort, dass wir die Ausführungen richtig verstehen. Es werden nämlich viele alttestamentliche Elemente herangezogen, um sie christologisch auszulegen. Dabei spielt das Prinzip der Typologie eine entscheidende Rolle:
Zunächst wird die bisherige Heilsgeschichte zusammengefasst mit der Aussage: „Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott zu den Vätern gesprochen durch die Propheten.“ Mit den Vätern sind die Autoritäten des Alten Bundes gemeint. Davon zeugt das Alte Testament. Immer wieder wird der Wille Gottes diesen durch die Propheten kundgetan. Was aber auf der Höhe der Zeit geschehen ist, ist qualitativ auf einem ganz anderen Niveau: Gott selbst ist zum offenbarenden Wort für uns geworden! Er hat nicht mehr durch Propheten gesprochen, sondern durch seinen eigenen Sohn! Er ist das fleischgewordene Wort, das den Mund des Vaters verlassen hat. Es ist die authentischste und bildlichste Vermittlung dessen, was Gott ist. Dieser ist der Erbe – er ist gleichsam der Kronprinz des Reiches Gottes! Er war auch bei der Schöpfung dabei, denn durch ihn ist alles geschaffen worden. Er ist der Schöpfungsmittler als Exekutive des Vaters – er ist ja das gesprochene Wort des Vaters, der Logos, durch den die Schöpfungstaten in Gang gesetzt worden sind. Er ist die Logik hinter den Naturgesetzen, er ist die Systematik hinter allen Abläufen in der Schöpfung. Er ist die Ordnung von Fauna und Flora, von Himmelskörpern und Gravitation, von allem!
Wie bereits gesagt ist der Sohn das Bild des Vaters. An ihm erkennen wir Gott am besten, denn er ist „der Abglanz seiner Herrlichkeit“. Das gesprochene Wort erkennen wir auch an dem irdischen Wirken Jesu, denn auch er vollbringt seine Heilstaten durch das gesprochene Wort. Er ruft „talita kum“ der toten Tochter des Synagogenvorstehers zu. Er sagt: „Ich will es. Werde rein“ zu dem Aussätzigen. Er sagt zu dem Gelähmten, der auf einer Bahre von einem Dach aus hinabgelassen wird: „Steh auf, nimm deine Liege und geh nach Hause!“ Jesus heilt durch sein gesprochenes Wort. Der Gelähmte, der vom Dach hinabgelassen wird, lehrt uns den nächsten Aspekt, der im Hebräerbrief thematisiert wird: Christus vergibt die Sünden. Dies tut er bereits zu Lebzeiten, indem er dem Gelähmten zuerst die Schuld vergibt und ihn erst dann von seiner Lähmung heilt. Sünden kann nur Gott vergeben, weshalb viele Anstoß an ihm nehmen, nämlich jene, die nicht an seine Gottheit glauben. Hier wird im Hebräerbrief mit der Reinigung der Sünden aber noch etwas Anderes herausgestellt und an der gesamten Aussage erkennen wir eine Zusammenfassung der Heilstaten Christi: Es geht um die Erlösung, die er durch Leiden, Tod und Auferstehung erwirkt hat. Er ist für uns am Kreuz gestorben, um die Sühnung der Sünden aller Menschen in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu erlangen! Der Hebräerbrief erklärt den Sühnetod Jesu Christi sehr ausführlich.
Jesus hat diese Sühne erwirkt und alle, die seine Erlösung annehmen und sich als Zeichen des Glaubens an ihn taufen lassen, werden neugeschaffen zu einer neuen Schöpfung. Jesus Christus weilte noch einige Zeit auf Erden nach seiner Auferstehung, bevor er zum Vater heimkehrte. Wir beten deshalb auch im Glaubensbekenntnis: „Er sitzet zur Rechten Gottes, des Vaters.“ Seine Entäußerung ist weggenommen, seine „Nichtinanspruchnahme“ der Göttlichkeit ist zuende. Er hat das Werk der Erlösung vollbracht und ist nun wieder voll der Herrlichkeit. In dieser wird er wiederkommen am Ende der Zeiten und alle werden es sehen.
Seine Herrlichkeit ist unvergleichlich größer als die der Engel. Diese sind zwar stark und ebenfalls verklärt, doch sie sind Geschöpfe. Er ist Gott. Sein Name ist heilig, heiliger als die Namen der Engel.
Kein Engel ist Sohn Gottes wie er. Er ist der einzige Sohn des Vaters und eins mit diesem. Da kann kein Engel, auch nicht der hellste, schönste und mächtigste unter ihnen, mithalten.
Und wenn Gott seinen Sohn wieder in den Erdkreis einführt – gemeint ist am Ende der Zeiten, wenn Christus wiederkommt – dann sollen die Engel ihn anbeten. Dies meint die Geste des Niederwerfens. Diese letzte Aussage ist zwei alttestamentlichen Bibelstellen entnommen, Dtn 32,43 und Ps 97,7 nach der Septuagintaversion (dem griechischen Alten Testament). In der hebräischen Bibel steht in Dtn an der Stelle nicht die Anbetung der Himmel (deshalb hier im Hebräerbrief die Engel, denn diese sind die Lebewesen des Himmels), sondern die Völker. Der Hebräerbrief greift die Verheißungen des Alten Testaments auf, die besagen (ob Himmelswesen oder Lebewesen auf der Erde), dass alle die Ehre dem einen wahren Gott geben werden. Dann werden alle erkennen, dass es nur diesen einen wahren Gott gibt und er der Herrscher des ganzen Universums ist, Herr des Himmels und der Erde, der sichtbaren und der unsichtbaren Welt. Psalm 97 wird uns nun auch als Antwortpsalm begegnen, der die Grundlage des Schlussaspekts im Hebräerbrief bildet.

Ps 97
1 Der HERR ist König. Es juble die Erde! Freuen sollen sich die vielen Inseln.

2 Rings um ihn her sind Wolken und Dunkel, Gerechtigkeit und Recht sind die Stützen seines Thrones.
6 Seine Gerechtigkeit verkünden die Himmel, seine Herrlichkeit schauen alle Völker.
7 Alle, die Bildern dienen, werden zuschanden, die sich der Götzen rühmen. Vor ihm werfen sich alle Götter nieder.
9 Denn du, HERR, bist der Höchste über der ganzen Erde, hoch erhaben bist du über alle Götter.
12 Freut euch am HERRN, ihr Gerechten, dankt seinem heiligen Namen!

Als Antwort betet die Kirche einen Lobpsalm. Gott ist König und ist als Mensch gewordener Messias zu uns gekommen. Gottes Königsherrschaft, so wird Jesus als Erwachsener erklären, ist nicht von dieser Welt, wie gesagt ist er der Herr des ganzen Universums, vor allem aber ist er König des Gottesreiches, doch fühlen sich mit Jesu Geburt die irdischen Herrscher bedroht. Herodes lässt sogar alle erstgeborenen Söhne bis zum zweiten Lebensjahr umbringen, damit der Messias ihm den Königsthron nicht streitig macht. Wir glauben, dass Gott über allen Königen steht und der Weltenherrscher ist. Dies bejubeln wir heute als gesamte Menschheit („es juble die Erde“). Auch „die vielen Inseln“ sollen sich freuen. Weltweit soll das Lob Gottes erschallen.
Gottes Thron wird von „Gerechtigkeit und Recht“ gestützt. Das ist sehr bildhaft geschrieben und ist auf Gottes Herrschaft zu beziehen: Diese gründet auf Gerechtigkeit und Recht. Wenn Gott richtet, ist es immer gerecht und berücksichtigt jene, die auf Erden Ungerechtigkeit erfahren haben. Deshalb ist Gottes Gericht auch eine Erlösung für die Menschen. „Wolken“ sind uns als Theophaniezeichen bekannt. Immer dort, wo Gottes Herrlichkeit im AT sowie NT sich auf etwas hinabsenkt, kommt eine Wolke oder Wolkensäule. Manchmal wird es als Rauch beschrieben. Die Nennung von Dunkelheit ist nicht ganz wörtlich. Eigentlich heißt das hebräische Wort עֲרָפֶל arafel nicht Dunkelheit, sondern Nebel. Beides – „Wolke“ und „Nebel“ stellen Theophaniezeichen Gottes dar, also Phänomene, die seine Gegenwart anzeigen.
Gottes Herrlichkeit schauen die Völker. Dabei sind allgemein alle Völker gemeint, nicht nur die Stämme Israels. Das hebr. הָעַמִּ֣ים ha’ammim „die Völker“ ist ein allgemein gehaltenes Wort.
Gott ist der Höchste und der einzige, den die Menschen anbeten dürfen. Alle, die dagegen Kultbilder anbeten, werden schwer bestraft. Götzendienst ist die schlimmste Sünde, die es für Gott gibt, der ein eifersüchtiger Gott ist. Nicht umsonst ist es das erste Gebot des Dekalogs. „Vor ihm werfen sich alle Götter nieder.“ Wir können es rhetorisch oder als poetisches Stilmittel sehen (die Nichtigkeiten, die es gar nicht gibt, verbeugen sich vor dem einzig wahren Gott) oder es ist wirklich wörtlich gemeint. Denn zu einer bestimmten Zeit verstanden die Menschen schon, dass Gott der Höchste ist, doch schlossen die Existenz anderer Götter nicht aus. Erst nach dem Exil kommt die Erkenntnis, dass es eigentlich nur einen einzigen Gott gibt und die Götter der anderen Völker nur Illusionen sind. Je nachdem, was man hier für einen Erkenntnisstand voraussetzt, muss man es verstehen. Für uns Christen ist klar, dass dies sinnbildlich zu verstehen ist: Es gibt nur einen einzigen Gott und alles andere ist Götze. Diese Aussage ist gleichsam als Steigerung zu verstehen, denn Gott ist nicht nur anzubeten von allen Lebewesen auf Erden, sondern sogar von den Göttern des Himmels. Das zeigt, dass er wirklich Herr ist über das ganze Universum, über die sichtbare und die unsichtbare Welt. Dieser siebte Vers liegt der Passage aus dem Hebräerbrief zugrunde. Die „Götter“ beten Gott an, also die Himmelsbewohner. Er ist wahrlich der Höchste.
Zum Schluss erfolgt ein Lobpreisaufruf Gottes. Das ist typisch für Psalmen und auch wir dürfen uns angesprochen fühlen. Der Herr wird seinem Namen immerzu gerecht, er rettet und heilt. Er ist zugleich heilig, weil er der ganz Andere ist.

Mk 1
14 Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes 
15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!
16 Als Jesus am See von Galiläa entlangging, sah er Simon und Andreas, den Bruder des Simon, die auf dem See ihre Netze auswarfen; sie waren nämlich Fischer. 
17 Da sagte er zu ihnen: Kommt her, mir nach! Ich werde euch zu Menschenfischern machen. 
18 Und sogleich ließen sie ihre Netze liegen und folgten ihm nach. 
19 Als er ein Stück weiterging, sah er Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und seinen Bruder Johannes; sie waren im Boot und richteten ihre Netze her. 
20 Sogleich rief er sie und sie ließen ihren Vater Zebedäus mit seinen Tagelöhnern im Boot zurück und folgten Jesus nach.

Im Evangelium hören wir von den Anfängen der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu. Er beginnt damit, als Johannes ins Gefängnis geworfen wird. Der Kern seiner Verkündigung von Anfang an besteht aus Umkehr und Glaube, weil das Reich Gottes nahe ist (Vers 15). Ohne beide Elemente können wir nicht Teil des Gottesreiches werden. Es ist zugleich so einfach und doch so schwer in der Umsetzung. Die Umkehr ist so ziemlich das Unattraktivste, das man verkündigen kann. Umkehr ist anstrengend und unbequem. Man muss sein Leben ändern, um die Beziehung zu Gott zu retten.
Warum ist „die Zeit (…) erfüllt“ und „das Reich Gottes (…) nahe“? Es hängt mit der Person Jesu Christi ganz eng zusammen. Er ist nun mitten unter den Menschen, wodurch das Reich Gottes selbst angebrochen ist.
Jesu Existenz führt die Menschen immer zur Entscheidung. So appelliert er an sie „kehrt um und glaubt“. Nun liegt es an ihnen, dies zu befolgen und das Reich Gottes zu gewinnen oder ihn abzulehnen und mit ihm das Himmelreich.
Wie Simeon im Tempel angekündigt hat, wird Jesus zum Maßstab, an dem sich die Geister scheiden. Dies hat sich bis heute nicht geändert. Tag für Tag müssen wir dem Herrn aufs Neue unser Ja schenken, indem wir umkehren und an ihn glauben. Die tägliche Umkehr heißt, den gestrigen Menschen abzulegen und heute alles daran zu setzen, einen weiteren Schritt zur Heiligkeit zu machen: heute die Sünde zu vermeiden, die ich gestern noch getan habe, und die Liebe zu Gott und zu dem Nächsten besser umzusetzen.
In der Kirche geschieht die Umsetzung dessen, was Jesus hier sagt, durch die Taufe, die das sichtbare Zeichen des inneren Glaubens ist. Im Taufritus widersagt man dem Bösen mit seinen Versuchungen und wird daraufhin nach dem Glaubensbekenntnis gefragt. Durch diese Elemente wird die Umkehr (in Form von Abkehr vom Bösen) sowie der Glaube (an den dreifaltigen Gott) umgesetzt. Das angebrochene Reich Gottes wird sakramental durch die Gemeinschaft der Gläubigen (der Kirche) vorweggenommen. Erfüllen wird es sich am Ende der Zeiten, weil es dann für alle offenbar wird.
Gott braucht uns Menschen theoretisch nicht, um Gott zu sein und Liebe zu sein. Er ist ja in sich schon Gemeinschaft. Er möchte uns aber bei sich haben und hat uns zur Liebe geschaffen. Aus dem Grund möchte Jesus auch die Mithilfe von Menschen bei der Verkündigung seiner Reich-Gottes-Botschaft. Deshalb geht er am See entlang (der hier angedeutete See ist der See Gennesaret). Er sieht Simon (den späteren Petrus) und seinen Bruder Andreas sowie die Zebedäusbrüder Johannes und Jakobus bei ihrer Arbeit als Fischer. Es ist kein Zufall, dass er ausgerechnet solche als Jünger auswählt. Fischer sind wie Hirten sehr einfache Berufe, die von Menschen mit geringem Bildungsgrad ausgeübt worden sind. Das schließt jedoch nicht die religiöse Bildung ein, welche in der Regel sorgfältig vonstatten geht. So wie einfache Hirten die ersten Zeugen der Geburt Christi darstellten, so sind es jetzt einfache Fischer, die zur Nachfolge Christi berufen werden. Gottes Pädagogik ist so überragend, dass er auch hier eine ganz bestimmte Berufsgruppe auserwählt hat: In Ezechiel wird der Tempel mit dem lebendigen Wasser verheißen, welches viele Fische und gesundes Meer zur Folge haben wird und die Fischer von „En-Gedi bis En-Eglajim“ viele Fische fangen werden (Ez 47,9-10). Ebenso sollen Simon, Andreas, Johannes und Jakobus sich nun bereit machen, aufgrund des lebendigen Wassers, dem Heiligen Geist, viele „Fische“ zu fangen. Jesus erklärt aber nun, dass er damit Menschen meint. Die auserwählten Jünger sollen von nun an Menschen „fangen“, also gewinnen, die durch das lebendige Wasser in die Fischernetze der Fischer kommen werden.
Womöglich ist den Gerufenen das auch aufgegangen, weil sie sofort alles stehen und liegen lassen (sogar den eigenen Vater Zebedäus), um Jesus nachzufolgen. Es heißt hier im Griechischen εὐθύς euthys, was „sofort“ heißt. Sie zögern nicht. Jesus ruft sie und sagt „kommt und folgt mir nach“. Bis heute beruft er Menschen mit diesen Worten. Er möchte bis heute Menschenfischer für sein Reich haben, denn die „Arbeit“ ist nie abgeschlossen. Das meint zu allererst besondere Einzelpersonen wie Petrus usw. Wir sprechen hier von geistlicher Berufung, in besonderer Weise das übliche Leben zurückzulassen, sogar die biologische Familie zu verlassen, um einer größeren Berufung nachzugehen. Es meint in erster Linie diejenigen, die sich für das Weltpriestertum oder für ein Ordensleben entscheiden.
Darüber hinaus ruft Gott jeden einzelnen Menschen bei seinem Namen. Er ruft nach uns, damit wir zu ihm kommen und ihn zurücklieben, ihn, der uns zuerst geliebt hat. Jeder Mensch, ob er will oder nicht, wird von Gott angezogen und ersehnt ihn in der Tiefe seines Herzens, weil er Abbild Gottes ist. Diese Sehnsucht treibt ihn so lange, bis er das ewige Heil in Christus gefunden hat und sich taufen lässt. Der Geist, das lebendige Wasser, führt die Menschen zu Jesus. Und auch uns ruft der Herr mitten ins Leben hinein, damit wir uns im Hier und Jetzt ändern.

Heute lernen wir etwas darüber, wie Berufung aussieht und wie man auf sie reagieren soll. Diese Berufung erklärt sich mit der heilsgeschichtlichen Zusammenfassung und Besonderheit der Menschwerdung Gottes in Christus, wie es der Hebräerbrief belegt. Die Jünger Jesu sind uns ein großes Vorbild: Könnten wir auch alles stehen- und liegenlassen? Beten wir um geistliche Berufungen in unserer heutigen Zeit! Beten wir auch darum, dass alle Menschen, besonders die Mächtigen dieser Welt, erkennen, wer wirklich das Sagen hat. Beten wir, dass alle Menschen zur Umkehr gelangen und sich niederwerfen vor den Herrn, noch bevor er wiederkommt und die ganze Welt richten wird.

Ihre Magstrauss