Donnerstag der 3. Woche im Jahreskreis

Hebr 10,19-25; Ps 24,1-2.3-4.5-6; Mk 4,21-25

Hebr 10
19 So haben wir die Zuversicht, Brüder und Schwestern, durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten.
20 Er hat uns den neuen und lebendigen Weg erschlossen durch den Vorhang hindurch, das heißt durch sein Fleisch.
21 Und da wir einen Hohepriester haben, der über das Haus Gottes gestellt ist,
22
lasst uns mit aufrichtigem Herzen und in voller Gewissheit des Glaubens hinzutreten, die Herzen durch Besprengung gereinigt vom schlechten Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser!
23 Lasst uns an dem unwandelbaren Bekenntnis der Hoffnung festhalten, denn er, der die Verheißung gegeben hat, ist treu!
24 Lasst uns aufeinander achten und uns zur Liebe und zu guten Taten anspornen!
25 Lasst uns nicht unseren Zusammenkünften fernbleiben, wie es einigen zur Gewohnheit geworden ist, sondern ermuntert einander, und das umso mehr, als ihr seht, dass der Tag naht!

In der heutigen Lesung aus dem Hebräerbrief hören wir vom unwandelbaren Bekenntnis und von der Treue Gottes. Dieser ist stets derselbe und hält, was er verspricht. Wenn er einen Bund eingeht, besteht dieser auf immer.
Die Zuversicht, „durch das Blut Jesu in das Heiligtum einzutreten“ ist so wie alle darauffolgenden Wendungen eine Andeutung des israelitischen Tempelkults. Wir sehen den Tempel in Jerusalem vor uns, in dem die Menschen an den Wallfahrtsfesten und zu allen möglichen weiteren Anlässen Opfer darbringen. Dies tun sie nicht persönlich, sondern geben es bei den Priestern vor Ort in Auftrag. Das Blut, das die Menschen dort soweit heiligt, dass sie vor den Herrn treten können, bezieht sich auf das Blut von Tieren, die geopfert werden.
Demgegenüber ist das Blut Jesu Christi unvergleichlich wirksamer. Er selbst hat sich geopfert und die Menschen des Neuen Bundes dadurch ganz geheiligt. Sie sind würdig, jederzeit ins Heiligtum einzutreten – nämlich in die Kirche vor den Tabernakel, wo Christus real gegenwärtig ist. Dabei müssen wir es uns wirklich auf der Zunge zergehen lassen – wir nennen die Eucharistie das Allerheiligste! Was im Alten Bund nur einmal im Jahr dem Hohepriester gestattet war, ist uns allen erlaubt. Wir alle dürfen ganz vor das Allerheiligste treten, zu jeder Zeit! Das ist so ein großes Privileg, das wir nicht selbstverständlich nehmen sollten. Umso trauriger ist es, dass Jesus den ganzen Tag alleine im Tabernakel verbringt und kaum jemand kommt, um bei ihm zu sein…
Weil die Sühnewirkung und entsprechende Heiligung im Falle Jesu Christi unvergleichlich größer ist als die eines gewöhnlichen Opfertiers, hat er uns allen dieses Privileg erwirkt.
Uns ist ein neuer und lebendiger Weg erschlossen worden, der Jesus Christus selbst ist: Der Weg durch den Vorhang hindurch – eine Wendung, die wiederum der Jerusalemer Tempelpraxis entnommen ist – ist der Weg in die Ewigkeit zum himmlischen Heiligtum. Es ist zugleich der Weg zum Vater, ein Weg der Rechtfertigung und der Gnade. Der Vorhang ist zugleich der Übergang von der Alten zur Neuen Schöpfung. Jesus Christus hat selbst gesagt: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ (Joh 14). Dies ist nicht nur auf das Leben in Christi Nachfolge gemeint, sondern erfüllte sich ganz mit seinem Opfer, das er dargebracht hat. Der Vorhang, durch den wir Christen bereits in der Taufe gegangen sind, ist sein eigenes Fleisch, wie es hier heißt. Deshalb riss im Moment des Todes Jesu Christi auch der Vorhang im Tempel von oben bis unten entzwei.
Jesus Christus ist Hohepriester und Opfer zugleich. Er hat sich selbst dargebracht, um das größte Opfer aller Zeiten zu erwirken. Er ist eingesetzt worden als Hohepriester im himmlischen Heiligtum, dessen sichtbarer Teil auf Erden besteht. Das „Haus Gottes“ ist die Kirche. Gestern erklärte ich bereits, dass deshalb auch die Priester der Kirche nicht hiereus genannt werden, sondern presbyteros. Der einzig wahre arc-hiereus ist Jesus Christus. Er ist es, der sich selbst darbringt in jeder Hl. Messe in der Person des Geweihten. Er ist auch in diesem liturgischen Sinne das Haupt der Kirche. Er ist das Zentrum, um das es in allen kirchlichen Vollzügen geht.
Weil er Bereit war, so ein Opfer zu bringen, werden wir dazu aufgerufen, mit aufrichtigem Herzen zum Herrn hinzutreten. Das heißt konkret, dass wir im Stand der Gnade sein sollen und uns vor dem Kommunionempfang wirklich prüfen sollen. Ist unser Gewissen rein? Wir sollen wirklich voller Glauben zu ihm kommen, nämlich in der Überzeugung, dass er wirklich anwesend ist. Der Leib, der in reinem Wasser gewaschen ist, muss genauer betrachtet werden. Dies ist wiederum ein Bild aus der Tempelpraxis des Alten Bundes. Bestimmte Wasserbadestellen waren für die kultische Reinigung vorgesehen, sogenannte Mikwen. Wenn wir den Begriff des Leibes lesen, muss uns aber die geistliche Bedeutung dieser Aussage aufgehen, denn im Griechischen wird das Wort σῶμα  soma verwendet: Es meint mehr als nur den Körper des Menschen. Mit diesem Terminus wird der gesamte Mensch bezeichnet, also Körper, Seele und Geist. Da man aber die Seele eines Menschen nicht mit herkömmlichen Wasser reinigen kann, geht uns auf, dass hier der Hl. Geist, das lebendige Wasser, gemeint ist! Der Mensch, der zum Herrn kommt, soll also gereinigt sein im Blut Jesu Christi und im Hl. Geist. Wenn wir uns einer schweren Sünde bewusst sind, die aus dem Stand der Gnade geführt hat, bedürfen wir des Sakraments der Versöhnung. Doch in jeder Hl. Messe werden wir mehrmals gereinigt von den lässlichen Sünden. Das Blut Jesu Christi kommt über uns, sodass wir ganz rein vor den Herrn treten und ihn würdig empfangen können. Der Geist Gottes durchdringt uns ganz, sodass auch die letzte Unvollkommenheit in uns getilgt wird. Blut und Wasser – zwei wichtige Stichworte, zwei Elemente, die die Kirche liturgisch weiterführt. Wichtig ist, dass wir an dem Taufbekenntnis festhalten, also nicht den Stand der Gnade verlieren, indem wir uns schwer am Herrn versündigen. Wir sollen die Liebe leben, zu der wir berufen sind. Und wenn es schwer wird, dürfen wir uns daran erinnern, was Christus uns versprochen hat. Er hält seine Versprechen und dieses erfüllt uns zutiefst mit Hoffnung. So werden wir nicht resignieren.
Wir sollen nicht der Eucharistie fernbleiben, die durch die Wendung „Zusammenkünfte“ angedeutet wird. Vielmehr sollen wir am „Herrentag“, dem Sonntag, zum Altar treten und dem Herrn für alles danken. Wenn wir sehen, dass andere Menschen die Sonntagspflicht nicht ernstnehmen, sollen wir sie ermuntern, zur Messe zu kommen, denn die Zeit ist begrenzt. Wir stehen am Ende der Zeiten und sollen bewusst so leben, dass wir jederzeit bereit sind, vor den Herrn zu treten. Die Sonntagsmesse nicht mitzufeiern, ist eine schwere Sünde, denn sie verstößt gegen das dritte der Zehn Gebote. Wenn wir nicht kommen, sind wir undankbar. Uns ist ja eine so große Gnade geschenkt worden, denn wir dürfen vor den Herrn treten, zum Allerheiligsten! Halten wir fest an unserem Bundesversprechen der Taufe. Nicht nur Gott soll ewig sein Versprechen halten, sondern auch wir.

Ps 24
1 Ein Psalm Davids. Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.
2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.
3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
4 Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat.
5 Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, die dein Angesicht suchen, Jakob.

Als Antwort beten wir den liturgischen Psalm 24, der im Wechselgesang zwischen Gläubigen und Priestern im Tempel von Jerusalem gebetet worden ist. In den ersten Versen wird die Universalherrschaft Gottes thematisiert: „Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.“ Nicht nur der Planet ist Gottes Eigentum, sondern auch die Lebewesen auf der Erde. Alles gehört ihm, weil er alles geschaffen hat, „denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.“ Wir müssen bei diesen Worten bedenken, wie das Weltbild der Menschen damals aussah: Man glaubte, dass die Erde von Wasser umschlossen war, sodass unter der Erde sowie über dem Himmel Wasser vermutet worden ist. Man glaubte, dass die Erde auf Pfeilern über dem Urmeer errichtet worden sei. Das steckt hinter der Formulierung, dass der Erdkreis auf Meere gegründet sei.
„Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?“ ist eine Frage der Gläubigen, die sie an die Priester richten.
Daraufhin antworten die Priester: „Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt“. Das ist eine sehr fortgeschrittene Antwort, da die Herzensreinheit zu jener Zeit oft ignoriert oder einfach noch nicht begriffen wird. Viele Propheten sprechen das Thema an und kritisieren die unreinen Opfer der Menschen aufgrund der fehlenden Aufrichtigkeit. Sie beuten die Schwachen aus und führen ein unmoralisches Leben, bringen aber zugleich Opfer dar in der Erwartung, dass Gott sie erhört. Vor diesem Hintergrund hörten wir auch die Ermahnung, uns im Neuen Bund ganz zu reinigen und mit reinem Gewissen vor Gott hinzutreten.
König David, der diesen Psalm gedichtet hat, versteht diesen Aspekt sehr gut und möchte deshalb, dass die Gläubigen die Herzensreinheit in der Liturgie ansprechen. Im zweiten Satzteil geht es um die Unabhängigkeit von Nichtigkeiten. Gemeint sind Güter, die vergänglich sind und die einen nicht näher zu Gott bringen. Götzen werden oft als Nichtigkeiten bezeichnet, doch das hebräische Wort ist an der Stelle nicht wie hier שָׁוְא shaw sondern אֱלִיל elil. Auch das Schwören eines Meineids macht den Menschen kultunfähig. Wer sich dagegen von alledem fernhält, „wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.“ Wer also die Gebote Gottes hält, ist gerecht.
Und zum Ende hin sprechen die Priester im Grunde Gott selbst an mit verheißungsvollen Worten für die Gläubigen: Jakob trifft darauf zu. Es ist wahrlich ein Geschlecht, dass nach Gott fragt und somit würdig ist, zu seinem heiligen Tempel zu kommen. Wir müssen uns das hebräische Verb genauer anschauen: Das Verb an dieser Stelle ist דֹּרְשֹׁו darschu, was wir als ein sehnsuchtsvolles Fragen verstehen. Es kann auch mit „verlangen“ übersetzt werden. Es ist eine Sehnsucht nach Gott, die nur jener Mensch besitzen kann, dessen Herz an Gott hängt. Auch die zweite Verbform ist in diesem Duktus zu betrachten: מְבַקְשֵׁ֨י m’waqschej ist eine Suche nach dem Angesicht Gottes aus Sehnsucht nach ihm. Damit ist das entscheidende Stichwort genannt: Es geht beim Halten der Gebote, bei der Aufrichtigkeit des Herzens, beim reinen Gewissen während der Kultpraxis um Beziehung zu Gott. Wir sollen erfüllt sein von der Liebe zu ihm. Unser Wunsch soll sein, sein Angesicht zu suchen. Wenn unser Herz ganz weit weg von ihm ist, wie können wir ihm einfach begegnen, am besten noch die Heilige Kommunion empfangen, obwohl unser Herz voll von Sünde ist? Dies bildet auch den Kern von dem, was uns die Lesung vermittelt hat: Es geht um Gemeinschaft mit Gott.

Mk 4
21 Er sagte zu ihnen: Zündet man etwa eine Leuchte an und stellt sie unter den Scheffel oder unter das Bett? Stellt man sie nicht auf den Leuchter?
22 Denn es gibt nichts Verborgenes, das nicht bekannt werden soll, und nichts Geheimes, das nicht an den Tag kommen soll.
23 Wenn einer Ohren hat zum Hören, so höre er!
24 Weiter sagte er: Achtet auf das, was ihr hört! Nach dem Maß, mit dem ihr messt und zuteilt, wird euch zugeteilt werden, ja, es wird euch noch mehr gegeben.
25 Denn wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, dem wird auch noch weggenommen, was er hat.

Gestern hörten wir im Evangelium von dem Gleichnis vom Sämann. Heute setzt sich die Gleichnisserie fort. Jesus geht es bei dem Gleichnis vom Sämann ja um die richtige Herzenshaltung der Menschen, um ihre Empfängnisbereitschaft des Samens Gottes, den er in seinem Wort ausstreut. Heute erklärt er anhand eines weiteren Bildes, wie das Hören funktioniert, von dem gestern auch die Rede war.
Das Licht stellt man nicht unter den Scheffel oder unter das Bett. Es gehört auf den Leuchter. Ganz logisch. Wie ist das zum Gleichnis vom Sämann in Beziehung zu setzen? Das Licht, das entzündet wird, ist ein anderes Bild für den Samen. Es ist das Wort Gottes, das dem Menschen verkündet wird. Der Vorgang des Entzündens ist diese Verkündigung. Was nun mit diesem Licht gemacht wird, sind die verschiedenen Böden, auf die der Same fällt. Der Scheffel, von dem hier die Rede ist, ist eigentlich ein Hohlmaß jener Zeit. Man benutzt es auch für Gefäße, die dieses Maß besitzen. Hier ist also ein Gefäß gemeint, das man über das Licht stülpt. Wenn man dies tut, wird das Licht ja gelöscht. Dieses Bild ist also vergleichbar mit dem Dornengestrüpp oder der sengenden Hitze der Sonne aus dem ersten Gleichnis. Stellt man es dagegen auf den Leuchter, leuchtet es allen im Haus. Mit diesem Gleichnis wird das rechte Hören noch weitergeführt. Es stellt eine Weiterentwicklung dar. Es geht nicht mehr nur darum, dass man das Wort Gottes in sich aufnimmt und es in sein eigenes Denken, Sprechen und Handeln übergeht, sondern dass man es auch weitergibt an andere! Das Licht soll auch anderen leuchten, sie wärmen, ihnen Hoffnung schenken. Gott entzündet uns nicht für uns selbst, sondern damit wir weitergeben. An anderer Stelle sagt Jesus „umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben“ (Mt 10,8). Das Fließen der Gnade gerät ins Stocken, wo wir sie für uns behalten. Nur wenn wir weitergeben, wird uns noch mehr und noch mehr gegeben ohne Ende.
Das wird uns am Ende des Evangeliums noch beschäftigen. Doch zunächst zu diesem Vers: Jesus begründet auch damit, dass nichts Geheimes geheim bleibe, dass alles ans Licht komme. Das ist in diesem Kontext weniger als Drohung gemeint, vielmehr als positive Konsequenz des Lichtes (natürlich sagt die Bibel auch, dass alle Geheimnisse offenbar werden, auch gerade die bösen Dinge. Hier in diesem Kontext geht es aber nicht darum). Es ist zu vergleichen mit dem Bild der Stadt auf dem Berg. Sie kann nicht verborgen bleiben (Mt 5,14). Wer durch die Gnade Gottes glänzt, die ins Herz eingepflanzt ist, kann nur auffallen. Je dunkler es um einen herum ist, desto heller erscheint das Licht auf dem Leuchter. Wir sollen dieses Licht auf dem Leuchter sein, das anderen Menschen strahlt. Wir sollen also zum Wort Gottes stehen, das heißt wir sollen zu Christus stehen. Nicht nur im Kämmerlein, sondern offen. Wir sollen nicht so feige sein, in einer Gruppe zu schweigen, wenn Jesus gelästert wird. Dann sollen wir mutig sein und für ihn einstehen. Wenn wir sehen, dass alle um uns herum gegen die Gebote verstoßen, die Liebe nicht leben, dann sollen wir nicht mitziehen, sondern dennoch zu Christus stehen. Das wird auffallen und zwar nicht immer nur positiv. Es wird viel gesellschaftlichen Druck geben, Druck von Freunden, von Familie. Aber es wird auch Menschen geben, die es berührt und die dadurch wiederum zum Glauben kommen. Wir entzünden Menschen also nicht nur durchs Predigen – und es gibt wirklich viele, die alle Menschen durch langes Einreden und mit hundert Bibelstellen bekehren wollen, am besten noch heute. Es ist wichtig, das Evangelium zu verkünden, aber das Entscheidende, das Menschen zum Glauben bringt, ist das gelebte Evangelium. Wir sehen es an Christus. Aus ganz Israel reisen die Menschen zu ihm wegen der Dinge, die er GETAN hat. Durch unser Verhalten geben wir das stärkste Zeugnis, das die anderen Menschen „entzündet“ und den „Samen Gottes ausstreut“. Wenn sie dann nachfragen, ist es an der Zeit, darüber zu sprechen.
Dann erfolgt wieder das oft formulierte Wort „Wer Ohren hat, der höre.“ Es ist ein Hinhören und ein auf ihn Hören, das das gehorsame Befolgen des Willens Gottes mit einschließt.
„Achtet auf das, was ihr hört“ ist etwas unglücklich übersetzt. Wörtlich steht da eigentlich „seht, was ihr hört“. Es bekräftigt den vorherigen Vers. Wir sollen das Gehörte wirklich beachten im Sinne von befolgen. Wir sollen es vor Augen haben. Je nachdem, wie wir das Gehörte annehmen, werden wir gerichtet. Das Maß, mit dem wir messen, wird an uns angelegt. Wir verstehen das in dem Kontext richtig, wenn wir das zweite Verb beachten, das hier steht. Es geht nicht nur ums Messen, sondern auch ums Dazugeben (das griechische Verb ist προστίθημι prostithemi „dazugeben, hinzufügen“). Das ist so zu verstehen, wie ich es vorhin mit dem Fließen des Gnadenstroms umschrieben habe. Je nachdem, wie viel ich in mich aufnehme von der Gnade Gottes (Same/Licht) und an andere weitergebe (Licht auf dem Leuchter, dass es allen leuchte im Haus!), so viel wird mir wiederum dazugegeben. Es kommt immer nach wie ein nie endender Strom einer unversiegbaren Quelle. So ist der Hl. Geist, das lebendige Wasser, über das wir schon beim Hebräerbrief nachgedacht haben. Was wir bekommen, geben wir weiter. Und so bekommen wir immer mehr, um es noch mehr weiterzugeben.
Wenn wir das erstmal richtig verstanden haben, wird uns auch der letzte Vers aufgehen: „Wer hat“ meint in diesem Kontext dann „wer den Samen/das Licht hat“. Wer sich entzünden ließ und das Licht auf den Leuchter stellte, wer den Samen in sich aufgenommen hat, wachsen ließ und Früchte trug, bekommt noch mehr. „Wer aber nicht hat“, das heißt kein Licht und keinen Samen, also den Scheffel darüberstülpte, den Samen verdorren/absterben ließ, dem wird auch noch weggenommen was er hat. Was kann er denn noch haben, wenn er beides verstreichen ließ? Den Zugang zum Gnadenstrom. Dieser stoppt, wo man einen Damm baut. Die Seele ist kein reißender Fluss mehr, sondern wird zu einem Stausee, dessen Wasser verfault und stinkt, weil es abgestanden ist. Es fließt keine Gnade mehr – und ich wiederhole, was ich oben gesagt habe: nicht wegen Gottes Begrenztheit, sondern weil man selbst den Staudamm errichtet hat.

Wir können Lesung und Evangelium absolut zusammen lesen. Was uns der Hebräerbrief beschreibt, ist im Bildfeld des Gleichnisses Jesu der Erhalt des Lichtes, die Entzündung oder das Nachgießen von Öl. Wir werden getränkt mit dem lebendigen Wasser, werden gleichsam gewaschen – aber auch entzündet, denn das Feuer ist ebenfalls Bild für denselben Geist. Was wir daraus machen, wäre beispielsweise das Festhalten am Bekenntnis, das Halten der Gebote und die Ermunterung anderer zur Umkehr. Was uns an Gnadenströmen geschenkt wird vor allem in der Eucharistie, sollen wir nicht für uns behalten, sondern weitergeben. Die Liturgie wird nicht umsonst „Messe“ genannt. Es kommt vom lateinischen „missa“, was soviel bedeutet wie „Sendung“. Wir sind gesandt, das Gehörte, das Geschenkte, das Überwältigende der Liebe Gottes den Menschen weiterzugeben. Wir sollen wie Maria zu Tabernakeln werden, die den Herrn zu den Menschen bringen.
Hüten wir uns also davor, Staudämme zu errichten und die Gnade Gottes schön für uns selbst auszukosten. Hüten wir uns davor, den Hl. Geist in uns auszulöschen. Dies kommt einem seelischen Selbstmord gleich. Das wird Jesus an anderer Stelle noch mit dem Gleichnis der Talente verdeutlichen. Was Gott uns geschenkt hat, darüber haben nicht wir zu verfügen, sondern er. Wir haben gar kein Recht, die Begabungen, die er uns geschenkt hat, zu vergraben, absterben zu lassen. Diese sind da, um anderen zu dienen. Wir sollen uns auch nicht anmaßen, diese Begabungen als unser eigenes Verdienst anzusehen. Bevor wir uns versehen, werden sie uns weggenommen. Was Gott uns an Gnade schenkt, ist in sein Werk zu investieren, nicht für unsere Selbstbeweihräucherung. Und wenn wir zurückschauen auf unser Leben, dann sehen wir, wie viel Gott durch uns bewirkt hat.

Hören, aufnehmen, fruchtbar sein, abfärben auf unseren Nächsten. Das ist die Art und Weise, wie wir evangelisieren sollen. Der Gnadenstrom wird dann nie enden. Wenn wir die Reihenfolge umdrehen, funktioniert es aber nicht mehr. Zuerst auf Gott hören und sich selbst verwandeln lassen. Dann kann man auch die anderen verwandeln. Aktivismus ohne eigenes Brennen führt ins Nirgendwo. Das sollten wir in der Pastoral immer wieder beherzigen.

Ihre Magstrauss

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