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Samstag der 34. Woche im Jahreskreis

Offb 22,1-7; Ps 95,1-2.4-5.6-7; Lk 21,34-36

Offb 22
1 Und er zeigte mir einen Strom, das Wasser des Lebens, klar wie Kristall; er geht vom Thron Gottes und des Lammes aus.

2 Zwischen der Straße der Stadt und dem Strom, hüben und drüben, steht ein Baum des Lebens. Zwölfmal trägt er Früchte, jeden Monat gibt er seine Frucht; und die Blätter des Baumes dienen zur Heilung der Völker.
3 Es wird nichts mehr geben, was der Fluch Gottes trifft. Der Thron Gottes und des Lammes wird in der Stadt stehen und seine Knechte werden ihm dienen.
4 Sie werden sein Angesicht schauen und sein Name ist auf ihre Stirn geschrieben.
5 Es wird keine Nacht mehr geben und sie brauchen weder das Licht einer Lampe noch das Licht der Sonne. Denn der Herr, ihr Gott, wird über ihnen leuchten und sie werden herrschen in alle Ewigkeit.
6 Und der Engel sagte zu mir: Diese Worte sind zuverlässig und wahr. Gott, der Herr über den Geist der Propheten, hat seinen Engel gesandt, um seinen Knechten zu zeigen, was bald geschehen muss.
7 Siehe, ich komme bald. Selig, wer an den prophetischen Worten dieses Buches festhält!

Heute hören wir aus dem letzten Kapitel des letzten Buches der Bibel am letzten Tag des Kirchenjahres. Was für ein Anlass!
Im letzten Kapitel hat Johannes das himmlische Jerusalem geschaut mit allen möglichen Details. Heute wird diese Schau ein wenig fortgesetzt, bevor es zum Ende hin wieder zum Buchende kommt, der briefartig gestaltet ist. Von diesem Ende hören wir nicht viel, aber der letzte Vers deutet den Schluss an.
Zunächst schaut Johannes die Mitte des himmlischen Jerusalem, von dem aus das Wasser des Lebens klar wie Kristall ausgeht. Diese Vision schließt den Kreis zu Ezechiel, der das lebendige Wasser vom Tempel ausgehen sieht. Hier braucht es keinen Tempel mehr, weil Gott selbst mitten unter den Seinen ist. Dieses Wasser ist der Hl. Geist. Er ist so rein und klar, dass er mit Kristall verglichen wird. Wir erinnern uns an die Thronsaalvision, in der Johannes ein Kristallmeer vor dem Gottesthron schaut. Von derselben Art ist nun dieses lebendige Wasser, das von der Mitte ausgeht. Johannes sieht im himmlischen Jerusalem einen Baum des Lebens, der immerwährend Früchte trägt und heilende Blätter besitzt. Das sind alles Bilder, dessen müssen wir uns bewusst sein. Bei Gott gibt es keine Zeitkategorien mehr. Es gibt also keine Monate, in denen der Baum Früchte tragen kann. Und doch muss der Visionär es irgendwie ausdrücken. Die Zwölfzahl drückt die immerwährende Fruchtbarkeit aus, denn sie ist wie die Siebenzahl das Symbol für Vollständigkeit, Vollkommenheit und Fülle. In Gottes Himmelreich gibt es nur die Überfülle, denn dort herrscht die reine Liebe. Diese wiederum ist immer in Überfülle da, ganz ohne Grenzen.
Der Baum des Lebens führt uns zurück zum Anfang, als der Mensch gesündigt hat. Wir werden zurückgeführt zur Genesis und verstehen: Im himmlischen Jerusalem herrschen die paradiesischen Zustände, die der erste Mensch verloren hat. Was verletzt war, wird nun verarztet, ja ganz erneuert. Die Völker werden getröstet. Bei Gott herrscht nur noch die ewige Freude.
Es wird keinen Fluch mehr geben, denn nur noch Heiliges und Heilige werden bei ihm sein. Die Heiligen werden Gott ewig dienen und auf ewig sein Eigentum sein. Gottes Name steht nämlich auf ihren Stirnen geschrieben. Wir begreifen diese Bezeichnung als das unauslöschliche Siegel der Taufe, das die Heiligen als Eigentum und Erben des Gottesreiches markiert.
In der ewigen Anschauung Gottes, der Licht und Leben ist, wird man keine Beleuchtung mehr brauchen. Die Nacht wird es nicht mehr geben, denn in der Ewigkeit gibt es nur noch das Jetzt und Heute. Es ist Gottes Herrlichkeit, die alles erstrahlen lässt.
Ein Engel gibt Johannes zu verstehen, dass alles, was er geschaut hat, alle Worte, die er gehört hat, alles, was er aufschreiben sollte, wirklich wahr ist. Der Geist, der den Propheten die Botschaften Gottes eingibt, ist immer zuverlässig und wahr. Es ist derselbe Geist, der nun Johannes all das gezeigt hat, was bald geschehen muss. Es ist die unausweichliche Entwicklung hin zu einem apokalyptischen Höhepunkt, der ins Gottesgericht und in die ewige Glückseligkeit mündet.
Christus selbst spricht: „Siehe, ich komme bald.“ Und wenn er das sagt, ist das kein leeres Versprechen. Gott ist treu und deshalb dürfen wir mit dieser Botschaft im Herzen ab Morgen den Advent begehen. Wir sind in unserer Zeit der Kirche immerzu adventliche Menschen, nicht nur im liturgischen Zeitraum des Advents. Denn wir erwarten nicht nur mystisch gesehen das erste Kommen Christi im Stall von Betlehem, sondern sein zweites Kommen am Ende der Zeiten. Das ist der springende Punkt. Er sagt, er kommt bald, was uns adventlich stimmt und wachsam sein lässt.
Gott wird auch dann sein Versprechen einlösen, nicht nur vor 2000 Jahren, als er entschloss, im Stall von Betlehem geboren zu werden.
Und in der Zwischenzeit kommt es darauf an, an der Botschaft des Buches festzuhalten wie Johannes hier schreibt. Wenn wir uns so verhalten, wie es geboten wird, dann werden wir am Ende wirklich erhobenen Hauptes vor Gott treten können.

Ps 95
1 Kommt, lasst uns jubeln dem HERRN, jauchzen dem Fels unsres Heils!

2 Lasst uns mit Dank seinem Angesicht nahen, ihm jauchzen mit Liedern!
4 In seiner Hand sind die Tiefen der Erde, sein sind die Gipfel der Berge.
5 Sein ist das Meer, das er gemacht hat, das trockene Land, das seine Hände gebildet.
6 Kommt, wir wollen uns niederwerfen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem HERRN, unserem Schöpfer!
7 Denn er ist unser Gott, wir sind das Volk seiner Weide, die Herde, von seiner Hand geführt. Würdet ihr doch heute auf seine Stimme hören!

Der Psalm, den wir als Antwort auf die Lesung beten, reflektiert die Exodusgeschichte des Volkes Israel. Er beginnt psalmenspezifisch mit einer Lobaufforderung. Gott ist „der Fels unseres Heils“ im wahrsten Sinne, denn das Volk Israel dürstete in der Wüste, bevor es mit Wasser aus einem Felsen getränkt wurde. Das ist kein Zufall, dass Gott ausgerechnet aus einem Felsen hat Wasser hervorsprudeln lassen. Das war eine ganz große Lektion und im Nachhinein erkennen wir Christen diesen Typos: Das Wasser ist ein Zeichen des lebendigen Wassers, des Heiligen Geistes! Dass es ausgerechnet aus einem Felsen kommt, ist für uns auch kein bisschen zufällig: Jesus sagt zu Petrus in Mt 16: „Du bist Petrus, der Fels. Und auch diesem Felsen werde ich meine Kirche bauen.“ Mit Blick auf die Lesung erkennen wir das lebendige Wasser, das vom Thron Gottes ausgeht. Das Volk des Neuen Bundes wird nach langer Durststrecke des irdischen Lebens voller Entbehrungen und Bedrängnis endlich getränkt, ohne jemals wieder Durst haben zu müssen. Das ist die anagogische Erfüllung dessen, was das Volk Israel in der Wüste noch vorübergehend erfahren hat.
Der Psalm ruft zur Dankbarkeit auf, zum Jauchzen „mit Liedern“. Das ist es, was Gott immer verdient hat, egal, ob es uns gerade gut oder schlecht geht. Er hat nur Gutes für uns bereit und tut uns nur Heilsames. Er ist treu und hält seine Versprechen. Wir müssen ihm vertrauen und dürfen ihm keine bösen Absichten unterstellen. Selbst das Gericht, das wir in unserem Leben ansatzweise immer schon zu spüren bekommen, ist gut und heilsam. Wer sind wir, dass wir unser Lob, das ihm immer zusteht, von unserer eigenen Befindlichkeit abhängig machen? Er ist schließlich unser Schöpfer. Dass wir existieren, dafür allein gebührt ihm auf ewig unser Lob. Das allein ist schon Grund genug, dass der Psalm auffordert: „Wir wollen uns niederwerfen, uns vor ihm verneigen, lasst uns niederknien vor dem HERRN, unserem Schöpfer!“ Die Heiligen haben die schwierigen Zeiten überstanden. Sie haben alles überwunden und dürfen nun auf ewig bei Gottes Thron sein, sich auf ewig vor ihm niederwerfen und im immerwährenden Lobpreis des Himmels auf ewig Anbetung halten.
Gott ist der wunderbare Schöpfer des ganzen Universums. Was hier im Psalm beschrieben wird, ist Gottes Schöpfermacht bezogen auf die erste Schöpfung. Gott hat die Höhen des Berges und die Tiefen der Erde geschaffen, das trockene Land und die Meere gemacht. Der Lobpreis wegen seine schöpferischen Wirkens beziehen wir aber vor dem Hintergrund der Lesung nun auf die zweite Schöpfung, die eine vergeistigte und verklärte Schöpfung ist! Gott hat einen neuen Himmel und eine neue Erde geschaffen. Dies schaute Johannes in dem Abschnitt, den wir gestern gehört haben.
Gott ist keine undurchschaubare Macht, sondern teilt mit uns immer wieder seinen Heilsplan. Er schickt zu allen Zeiten Propheten zu seinem Volk, der Gottes Pläne transparent macht. Gott kümmert sich schon damals um seine Herde, die Israeliten. Er kümmert sich auch heute um uns, indem er uns alles Notwendige in unserem Leben schenkt. Weil er ein guter Hirte ist, so wie Jesus sich im Johannesevangelium selbst nennt, dürfen und müssen wir auf seine Stimme hören. Und am Ende dieses Kirchenjahres blicken wir voller Erwartung auf das Ende der Zeiten, in denen der Herr sein Volk auf die immergrünen Auen und zum ewigen Ruheplatz am Wasser führt. Das ist den ewigen Lobpreis wert und deshalb ist die abschließende Lobpreisaufforderung des Psalms für uns heute anagogisch gedacht. Es ist der himmlische Lobpreis aller Engel und Heiligen im himmlischen Jerusalem!

Lk 21
34 Nehmt euch in Acht, dass Rausch und Trunkenheit und die Sorgen des Alltags euer Herz nicht beschweren und dass jener Tag euch nicht plötzlich überrascht

35 wie eine Falle; denn er wird über alle Bewohner der ganzen Erde hereinbrechen.
36 Wacht und betet allezeit, damit ihr allem, was geschehen wird, entrinnen und vor den Menschensohn hintreten könnt!

Der ewige Triumph des Himmels, den wir in den ersten beiden Lesungen bedacht haben, steht hier im Evangelium noch aus. Wieder hören wir einen Ausschnitt aus der Endzeitrede Jesu, in der er seine Jünger zur Wachsamkeit aufruft, weil das Ende der Zeiten unbekannt ist. Gestern erklärte er, dass auch wenn die Jünger das Datum nicht kennen, anhand von Vorzeichen erkennen können, dass es bald soweit ist. Dafür hat Jesus den Feigenbaum als Gleichnis angebracht.
Heute erklärt Jesus die richtige Einstellung bzw. was Wachsamkeit heißt: Die Jünger sollen sich nicht berauschen und betrunken sein. Das betrifft den Rausch der Weltlichkeit mit all ihren Botschaften und Anliegen. Die Jünger sollen stets in dem Bewusstsein leben, dass auch wenn sie in diesem irdischen Dasein leben, es doch nicht alles ist. Sie stehen vielmehr mit einem Bein bereits in der Ewigkeit und müssen sozusagen eschatologische Menschen sein. Deshalb verlassen sie ja sogar ihre Familien und leben enthaltsam, um ihren Endzeitstatus sogar an ihrer Lebensweise zu demonstrieren. Sie tun es deshalb, weil Christus selbst es so vorlebt, dessen Nachfolger sie sind.
Sie sollen nüchtern sein und nicht berauscht, damit sie nicht einschlafen. Wer berauscht ist, hat das Bedürfnis, den Rausch auszuschlafen. Die Jünger sollen aber immerzu wachbleiben. Das heißt, dass sie die Entwicklungen der Gesellschaft, alles, was passiert, mit den Augen Gottes aufmerksam verfolgen sollen. Sobald sie „einschlafen“ und nicht mehr auf der Hut sind, fallen sie auf die heimtückischen Angriffe des Bösen hinein. Dann machen sie mit beim antichristlichen Werk des Satan. Sie sollen sich auch nicht ablenken lassen vom ewigen Heil, das das Ziel ihres Lebens ist, indem sie sich von den Sorgen des Alltags ganz einnehmen lassen. Wie gesagt: Die Sorgen dieser Welt sind nicht alles, weil diese Welt nicht alles ist. Ihnen soll es vielmehr um das Reich Gottes gehen. Alles andere wird ihnen ja dazugegeben. Ihre Aufmerksamkeit kann also auf die überirdischen Dinge gelegt werden, denn die Vorsehung Gottes übernimmt den Rest.
Und wenn sie mit so einer Einstellung leben, werden sie auch nicht plötzlich überrumpelt, wenn das Weltende kommt. Sie rechnen dann ja jeden Tag damit. Das alles gilt bis heute: Wir sollen so leben, als wenn heute unser letzter Tag ist. Dann leben wir bewusst, das heißt mit Blick auf das ewige Leben hin. Dann werden wir das Gute tun und das Böse lassen, weil wir unsere Beziehung zum Herrn nicht zerstören wollen. Dann sind wir in der Vorfreude des Himmels und verzweifeln nicht in dem Leiden unseres irdischen Lebens. Dann ordnen wir die zunehmende Bedrängnis in den Kontext der gesamten Heilsgeschichte richtig ein, ohne ihr zu entfliehen. Vielmehr können wir ihr dann mit österlichem Blick mit ihr auf Konfrontationskurs gehen. Der Herr wird uns mit der Standhaftigkeit ausrüsten, die wir dann in den dunkelsten Stunden benötigen.
Jesus fasst das Verhalten bis zum Weltende zusammen mit den Worten: „Wachet und betet.“ Wie vor einigen Tagen erklärt ist diese Aufforderung eine Verknüpfung zu Jesu Worten im Garten Getsemani. Nur wer stets Gebetswache hält – nicht nur im mündlichen Gebet oder in der Liturgie, sondern auch in der Hingabe und Aufopferung des alltäglichen Lebens, wird nicht der Versuchung erliegen. Versuchungen werden immer kommen, umso stärker je mehr man sich für Gott entscheidet (!), aber dann werden wir sie als solche immer erkennen und stark genug sein, nicht auf sie einzugehen.
Und dann werden wir vor den Menschensohn treten können ohne Scham. Dann werden wir das erleben, was Johannes heute in der Lesung geschaut hat. Dann werden wir auf ewig im himmlischen Jerusalem beim Herrn sein, ihm dienen und von seiner Liebe ganz gemästet werden.

Ihre Magstrauss

Erster Adventssonntag (B)

Jes 63,16b-17.19b; 64,3-7; Ps 80,2ac u. 3bc.15-16.18-19; 1 Kor 1,3-9; Mk 13,33-37

Jes 63-64
16 Du, HERR, bist unser Vater, Unser Erlöser von jeher ist dein Name.

17 Warum lässt du uns, HERR, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, sodass wir dich nicht fürchten? Kehre zurück um deiner Knechte willen, um der Stämme willen, die dein Erbbesitz sind!
19 Hättest du doch den Himmel zerrissen und wärest herabgestiegen, sodass die Berge vor dir erzitterten,
3 Seit Urzeiten hat man nicht vernommen, hat man nicht gehört; kein Auge hat je einen Gott außer dir gesehen, der an dem handelt, der auf ihn harrt.

4 Du kamst dem entgegen, der freudig Gerechtigkeit übt, denen, die auf deinen Wegen an dich denken. Siehe, du warst zornig und wir sündigten; bleiben wir künftig auf ihnen, werden wir gerettet werden.
5 Wie ein Unreiner sind wir alle geworden, unsere ganze Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid. Wie Laub sind wir alle verwelkt, unsere Schuld trägt uns fort wie der Wind.
6 Niemand ruft deinen Namen an, keiner rafft sich dazu auf, festzuhalten an dir. Denn du hast dein Angesicht vor uns verborgen und hast uns zergehen lassen in der Gewalt unserer Schuld.
7 Doch nun, HERR, du bist unser Vater. Wir sind der Ton und du bist unser Töpfer, wir alle sind das Werk deiner Hände.

Heute beginnt ein neues Kirchenjahr. Wir steigen mit dem ersten Advent ein in das Lesejahr B, in dem wir als Evangelium in Bahnlesung das Markusevangelium hören. Doch zunächst hören wir in der ersten Lesung einen Ausschnitt aus dem Buch Jesaja, dem messianischsten Propheten des Alten Testaments.
Dabei hören wir aus einem Kapitel, in dem ein Volksklagelied erklingt. Es ist der Ruf nach Erlösung und Gott wird als Vater angesprochen.
Gott ist der Vater des Volkes Israel. Er ist Erlöser von jeher. Sein Name ist Programm. Er hat schon im Dornbusch offenbart, dass er bei seinem Volk ist und sein wird. Doch hier sagt Jesaja unter dem Einfluss des Hl. Geistes noch viel mehr: Gott wird einen unbegreiflichen Schritt unternehmen: Er wird Mensch und unter den Menschen sein. So sehr wird er seinem Namen alle Ehre machen – er wird als Immanuel kommen, „Gott mit uns“. Er wird mit seiner Menschwerdung das ultimative Erlösungswerk vollbringen. Sein Name wird das Heil beinhalten – Jeshua, „Jahwe ist Heil“.
Doch das Volk Israel ist in tiefer Not. Es sehnt sich nach dieser Rettung, die noch aussteht. So schreit es: „Warum lässt du uns, HERR, von deinen Wegen abirren und machst unser Herz hart, sodass wir dich nicht fürchten?“ Dahinter erkennen wir eine Reflexion, ein Nachdenken darüber, warum die Menschen sich von Gott abwenden. Das heißt nicht, dass Gott wirklich schuld daran ist, dass sein Volk vom Glauben abfällt. Das geht auf ihre eigene Entscheidung zurück. Wir erkennen hier vielmehr die Denkweise der Israeliten jener Zeit. Es ist auch sehr menschlich gedacht, wenn Gott dazu aufgefordert wird, „umzukehren“. Nicht Gott sollte sich umkehren und dem Volk wieder zuwenden, sondern das Volk muss zurück zu Gott kommen. Er ist stets derselbe. Er ist immer da, doch die Menschen sind es, die von ihm weggehen. Wir müssen den Kontext berücksichtigen bei solchen sehr menschlichen Worten: Es ist ein Klagelied, in dem die Kläger „Dampf ablassen“. Was wir für unseren eigenen Glauben und unsere Situation im Advent mitnehmen können, ist die drängende Sehnsucht nach Gott.
Dazu gehört auch das Motiv, das bis heute eine lange Wirkungsgeschichte durchlaufen hat: „Hättest du doch den Himmel zerrissen und wärest herabgestiegen, sodass die Berge vor dir erzitterten“. Das Zerreissen des Himmels, das Eingehen Gottes in die Weltgeschichte ist nicht erst mit Christus gekommen. Schon zuvor haben wir dieses Motiv, vor allem im Exodus, wo Gottes Herrlichkeit auf den Sinai hinabsteigt, sodann Gottes Herrlichkeit, die durch die Himmel hindurch auf das Offenbarungszelt, später auf den Tempel herabgekommen ist. Was das Volk aber ersehnt, ist das Kommen auf eine noch viel intensivere Weise. Er wird kommen als Mensch, um die Menschheit zu erlösen. Durch den Himmel hindurch, durch die Schwelle der Ewigkeit hindurch kommt Christus in eine Familie hinein. Er hinterlässt seine Spuren. Er lässt sich auf eine Genealogie ein. Er wird Jude aus dem Stamm Juda, zugleich mit Wurzeln des Stammes Levi. Er geht wirklich ganz ein in die Geschichte der Menschheit.
Das steht für die Israeliten in Not noch aus, deshalb ist es hier als Klage formuliert.
Gott ist einzigartig. So einen Gott hat es in der gesamten Geschichte der Religionen noch nicht gegeben. Das jüdisch-christliche Gottesbild macht aus, dass Gott von sich aus auf den Menschen zugeht und ihn konkret anspricht, nicht umgekehrt. Um überhaupt Kontakt zu ihm aufzunehmen, hat Gott von sich aus etwas getan, nicht der Mensch. Der Mensch musste nicht zuerst meditieren, um erleuchtet zu werden und irgendwie Kontakt zu Gott aufnehmen zu müssen. Das ganze Alte Testament hindurch ist diese Geschichte Gottes mit den Menschen davon geprägt. Alles, was der Mensch also Gott gegenüber anstrebt, ist stets Antwort auf die zuerst von ihm ausgehende „Kontaktaufnahme“. Und kein Gott ist so auf Beziehung aus wie der Gott der Juden und Christen. Bei diesem geht es ganz und gar um Liebesgemeinschaft. Deshalb darf man ihn Vater nennen und sich selbst als sein Kind verstehen. Was Gott verspricht in seiner unendlichen Treue, das hält er auch. So ist nur er.
Im weiteren Verlauf des Klageliedes reflektieren die Israeliten ihre Sünden und es wird klar, dass sie sich doch selbst die Schuld für Gottes Schweigen geben. Sie vergleichen sich selbst mit verwelktem Laub durch die eigene Schuld. Sie haben sich selbst verunreinigt. Von den weißen Gewändern, wie sie Johannes in der Offenbarung geschaut hat, ist nicht viel zu sehen.
Durch das Schweigen Gottes resigniert das Volk. Keiner kann sich dazu aufraffen, ihn anzubeten und an seinem Bund festzuhalten. Das ist aber die falsche Haltung. Gott gebührt immer die Ehre unabhängig von unserer Befindlichkeit. Wie gesagt, dieser Text ist ein Klagelied.
Dabei haben die Israeliten mehr als nur ihre konkrete Situation im Blick. Es geht hier um die gefallene Menschheit von Urzeiten an. Von Adam und Eva an ist der Mensch in der Beziehung zu Gott zerbrochen.
Doch Gott kündigt seine Vaterschaft nicht auf, denn er ist treu. Und deshalb bleibt ein Hoffnungsfunke auch bei den ganz resignierenden Israeliten in ihrer politischen Situation. Sie sind zurzeit wirklich ein Volk, das im Dunkeln lebt und auf das Licht des Messias wartet.
Sie erkennen sich selbst immer noch als Ton in der Hand des Töpfers an, auch wenn dieser Ton zu trocknen und aushärten beginnt.

Ps 80
2 Du Hirte Israels, höre, der du auf den Kerubim thronst, erscheine
3 Wecke deine gewaltige Kraft und komm zu unserer Rettung!
15 Gott der Heerscharen, kehre doch zurück,/ blicke vom Himmel herab und sieh, sorge für diesen Weinstock!
16 Beschütze, was deine Rechte gepflanzt hat, und den Sohn, den du dir stark gemacht!
18 Deine Hand sei über dem Mann zu deiner Rechten, über dem Menschensohn, den du dir stark gemacht.
19 Wir werden nicht von dir weichen. Belebe uns und wir rufen deinen Namen an.

Auch Psalm 80 ist durch und durch von der Messiassehnsucht durchtränkt. Es ist ein einziger Ruf nach Gottes Kommen. Man sieht es sprachlich anhand der vielen Imperative wie „höre“, „erscheine“, „wecke“, „kehre doch zurück“, „blicke herab“, „sieh“, „sorge“ etc. Die Menschen schreien zu Gott und dieser erhört sie. Er wird seinen Sohn schicken. Er hört, er blickt herab und sieht. Er erscheint als kleines Kind in einem Stall, er sorgt wie ein Hirte für seine Herde und sagt über sich „ich bin der gute Hirte“ und „ich bin der Weinstock“. Wir beten diesen Psalm aus der Perspektive der Gebetserhörung und zugleich mit Blick auf sein zweites Kommen. So beten auch wir „kehre doch zurück“ und „komm zu unserer Rettung“.
Es ist bemerkenswert, wie hier bestimmte Metaphern verwendet werden, die später Jesus aufgreift. Dies zeigt erneut die pädagogische Sensibilität Gottes, denn Jesus greift das auf, was Tradition ist, was bekannt ist. Es verschafft den frommen Juden einen Aha-Effekt nach dem anderen. Wir erkennen diese überwältigenden Querverweise nicht so intensiv wie diejenigen, die ganz mit den Psalmen und dem AT lebten, die die Schriften durch und durch auswendig kannten, die in ihnen dachten. Der Weinstock ist ein absolut traditionelles Bild. Ebenso verhält es sich mit dem Bild des Hirten für Gott. Wenn Jesus von sich aus sagt, dass er der gute Hirte sei, deutet er für die Juden verständlich an, dass er Gott ist! Wir lesen Vers 18 mit besonderer Aufmerksamkeit: Dies ist ja zunächst auf keine bestimmte Person zu beziehen, sondern die Hand auf dem Mann zur Rechten bezieht sich auf den Schutz und Beistand Gottes für all jene, die der Weisung folgen. Diese sind „zur Rechten“ Gottes. So ist jeder Mensch dann als Menschensohn zu bezeichnen. Dies ist der Literalsinn, den auch die Zeitgenossen so zunächst verstanden haben. Wir lesen so eine Aussage, aber vor allem christologisch: Die Hand Gottes liegt auf dem, von dem wir glauben, dass er nun zur Rechten Gottes sitzt, Jesus Christus! Er ist der Menschensohn, wie er sich selbst zu Lebzeiten immer bezeichnet hat. Er ist der Sohn des Menschen – der Nachkomme Adams. Wenn Jesus sich so nannte, dann aus der Perspektive seines vollen Menschseins. Auch wir sind Nachkommen Adams und erbitten den Beistand Gottes, seine Hand auf uns, die wir uns darum bemühen, an seiner Rechten zu sein, also seine Gebote zu halten. Am Ende der Zeiten erhoffen wir uns, zur Rechten Gottes auf ewig bestehen zu dürfen – nicht so wie Christus, aber doch in deren Gemeinschaft.
Auch wir versprechen dem Herrn, nicht von ihm zu weichen. Dies ist nicht nur ein Versprechen, das die Israeliten JHWH gemacht haben. Gewiss brechen wir dieses Versprechen mit jeder Sünde, aber doch bemühen wir uns. Gott ist so barmherzig mit uns, dass er uns die Schuld vergibt, wenn wir ihn aufrichtig um Vergebung bitten.
Bemerkenswert ist auch der letzte Satz: Wir bitten um Belebung. Mit Blick auf Israel sehen wir das sehr geschwächte und hoffnungslos gewordene Volk vor uns. Es braucht dringend die Belebung Gottes, das Feuer der Hoffnung. Es ersehnt die Erlösung in tiefster Not und Abgeschnittenheit von Gott. Die Gemeinschaft zu ihm muss wiederhergestellt werden, damit sie sich wieder belebt fühlen.
Wir lesen es auch ekklesiologisch: Wir bitten als Christen um den Hl. Geist, der uns belebt, sodass wir seinen Namen anrufen können. Dies wird in der Apg wieder aufgegriffen, als die Aufforderung an Paulus ergeht: „Was wartest du? Lass dich taufen und deine Sünden abwaschen und rufe seinen Namen an!“ (Apg 22,16). Die Belebung verstehen wir sakramental als die Wiedergeburt im Hl. Geist, die Taufe! Zugleich lässt es uns an die Firmung denken, das ein persönliches Pfingsten in der Seele des Menschen ist. Diese beiden Sakramente waren ursprünglich eines. So verwundert das nicht. Wir bitten auch um Belebung der Kirche. Wir beten um Erneuerung durch den Geist Gottes, der das Feuer neu aufflammen lässt. Diese Erneuerung wird den angemessenen Lobpreis Gottes mit sich bringen. Dieser Satz ist auch auf die persönliche Umkehr jedes Menschen zu beziehen: Durch die (sakramentale) Umkehr erlangt der Mensch den Stand der Gnade, was eine Belebung der Seele ist. Der Zustand der Todsünde wird nicht umsonst in der Bibel Tod der Seele bezeichnet. Und am Ende der Zeiten werden wir belebt zum ewigen Leben, eines Tages sogar mit Leib und Seele! Dann werden wir auf ewig den Namen Gottes anrufen, in dessen Gegenwart wir leben werden.

1 Kor 1
3 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!

4 Ich danke meinem Gott jederzeit euretwegen für die Gnade Gottes, die euch in Christus Jesus geschenkt wurde,
5 dass ihr an allem reich geworden seid in ihm, an aller Rede und aller Erkenntnis.
6 Denn das Zeugnis über Christus wurde bei euch gefestigt,
7 sodass euch keine Gnadengabe fehlt, während ihr auf die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus wartet.
8 Er wird euch auch festigen bis ans Ende, sodass ihr schuldlos dasteht am Tag unseres Herrn Jesus Christus.
9 Treu ist Gott, durch den ihr berufen worden seid zur Gemeinschaft mit seinem Sohn Jesus Christus, unserem Herrn.

Als zweite Lesung hören wir heute den Beginn des ersten Korintherbriefes. Ein antiker Brief besitzt zu Beginn immer ein Präskript, in dem der Absender und die Empfänger genannt werden. Dann gibt es immer einen Gruß, den wir heute als erste hören. „Gnade sei mit euch und Friede“ ist ein typischer christlicher Gruß, den wir in den Briefanfängen des NT sehr oft lesen, auch in den katholischen Briefen und sogar in der Johannesoffenbarung. Dieser Gruß wird auch in der Liturgie aufgegriffen, denn der Priester begrüßt die Gemeinde oft so. Er umfasst alles, was wir brauchen – die Gnade Gottes („an Gottes Segen ist alles gelegen“) und seinen österlichen Frieden, den wahren Schalom, der unser christliches Fundament darstellt. Er sagt auch mit diesem Gruß aus, dass alles Gute von Gott kommt („von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus“). Man könnte beim ersten Hören denken: Warum wird so ein Begrüßungswort uns als Lesung in der Messe vorgetragen? Das ist doch banal. Das ist aber falsch gedacht. Selbst „banale“ Begrüßungen enthalten schon den Kern unserer christlichen Botschaft. In einem einzigen Begrüßungswort kann schon ein ganzes Glaubensbekenntnis enthalten sein oder die Zusammenfassung des gesamten Evangeliums vorgenommen werden.
Dann beginnt Paulus das Proömium des Briefes, einleitende Worte, bevor er zur Sache kommt, das heißt vor der Beantwortung der korinther Fragen und Anliegen der spezifischen Gemeinde. Dieses Proömium stellt für gewöhnlich einen Lobpreis Gottes dar. Paulus dankt Gott für die Gnade, die dieser den Korinthern zuteilwerden ließ. Sie sind reich geworden, was auch uns heute lehrt: Der wahre Reichtum ist der Gnadenschatz Gottes, der uns reich macht „an aller Rede und aller Erkenntnis“. Er deutet auch an, dass Gott seine Gnadengaben in der korinther Gemeinde gut verteilt hat, sodass sie in der Zeit bis zur Wiederkunft Christi gut ausgerüstet sind. So möchte Gott auch uns heute ausrüsten mit allen Waffen, damit wir kämpfen können gegen die Anfechtungen des Bösen, dem nur noch eine kurze Zeit bleibt. Gott wird den Korinthern so wie allen Christen alle Gnaden geben, damit sie sicheren Fußes in die Ewigkeit gelangen können. Jesus hat nicht umsonst vor seinem Heimgang zum Vater gesagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ Damit hat er Gottes Namen aufgegriffen, der aus dem Dornbusch erklungen ist. Er hat seinem eigenen Namen alle Ehre gemacht und tut dies als eucharistischer Herr in seiner Kirche bis heute, der da lautet: „Immanuel“ – „Gott mit uns“. Wenn Gott etwas verspricht, hält er es auch, denn er ist absolut treu. So ermutigt Paulus die Korinther am Ende des heutigen Abschnitts. Hier in der zweiten Lesung betrachten wir also die adventlichen Aussagen der bisherigen Lesungen aus der Sicht des zweiten Advents, in dem wir uns in der Zeit der Kirche befinden.

Mk 13
33 Gebt Acht und bleibt wach! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist.

34 Es ist wie mit einem Mann, der sein Haus verließ, um auf Reisen zu gehen: Er übertrug die Vollmacht seinen Knechten, jedem eine bestimmte Aufgabe; dem Türhüter befahl er, wachsam zu sein.
35 Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen.
36 Er soll euch, wenn er plötzlich kommt, nicht schlafend antreffen.
37 Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Seid wachsam!

Auch im Evangelium geht es vor allem um den zweiten Advent mit Blick auf das zweite Kommen Christi am Ende der Zeiten. Jesus hält seine Jünger dazu an, wachsam zu sein angesichts der Tatsache, dass niemand den genauen Zeitpunkt des Weltendes kennt.
So greift Jesus ein Gleichnis auf, das uns in den vergangenen Wochen auf ähnliche Weise verlesen worden ist: Ein Mann verlässt sein Haus, um zu verreisen. Während seiner Abwesenheit betraut er seine Knechte mit verschiedenen Aufgaben. Auch der Türhüter soll wachsam sein. Die Verbindung von Wachsamkeit und Türhütermotiv ist bereits aus der Weisheitsliteratur bekannt. Jesus greift also Motivik des Alten Testaments auf, die seine Jünger bereits kennen. Die Wachsamkeit angesichts des unbekannten Datums der Rückkehr wurde im Laufe der Bibelauslegung durchaus auch liturgisch verstanden. Wir können Jesu Gleichnis also neben der anagogischen Lesart auch ekklesiologisch deuten, also bezogen auf die Wachsamkeit der Kirche, die sie liturgisch zum Ausdruck bringt.
Jesus betont: „Seid also wachsam! Denn ihr wisst nicht, wann der Hausherr kommt, ob am Abend oder um Mitternacht, ob beim Hahnenschrei oder erst am Morgen.“ Das sind die vier Nachtwachen in der römischen Zählung. Jesus identifiziert die Knechte des Hausherrn mit seinen Jüngern. Sie sollen nicht in dem Moment eingeschlafen sein, wenn Christus am Ende der Zeiten wiederkommt. Ihre Generalprobe findet dann im Garten Getsemani statt. Jesus bittet sie, nur eine Stunde zu wachen und zu beten, damit sie nicht in Versuchung geraten (Mk 14,38). Doch diese Probe haben sie nicht bestanden. Mehrmals kommt Christus zu seinen Gefährten und findet sie schlafend.
Jesus sagt diese Worte nicht nur seinen Jüngern, sondern allen. Das ist ein Appell bis zu uns heute. Wir sollen wachsam sein, damit Christus uns nicht schlafend findet. Das betrifft nicht erst das Ende der Zeiten. Das können wir schon auf sein Kommen in der Eucharistie beziehen. Wie können wir innerlich schlafen, im Rausch der Welt versunken sein, wenn er in der Kommunion in unser Herz kommt? Denn sobald wir unsere Deckung verlieren, nutzt dies der Widersacher Gottes aus und wir kommen durch seine Versuchungen zu Fall. Wie kann die gesamte Kirche schlafen angesichts der immer heimtückischer werdenden Angriffe des Bösen? Was wird sein, wenn Christus wiederkommt und seine Knechte, die Nachfolger der Apostel, tief und fest im Schlaf versunken sind? Das zeigt sich dann in einem absoluten Mitläufertum in Richtung Zeitgeist, ohne die antichristliche Agenda dahinter zu entdecken. Sie sollte vielmehr wachsam sein und kritisch ihre Stimme erheben wenn der Satan die Menschheit ins Verderben führen will.

Advent bedeutet für uns Christen zweierlei. Heute werden wir insbesondere durch Christus selbst auf den zweiten Advent aufmerksam gemacht. Es ist höchste Zeit aufzuwachen und nüchtern und klar die Welt zu sehen, wie sie ist – das heißt mit den Augen Gottes. Gebe uns der Herr, dass wir rechtzeitig aufgerüttelt werden und uns bekehren. Denn das Ende der Zeiten wartet schon in sichtbarer Nähe auf uns und mit ihm unser Gott, der so einzigartig ist, weil er unsere Beziehung will.

Ihre Magstrauss

Freitag der 34. Woche im Jahreskreis

Offb 20,1-4.11 – 21,2; Ps 84,3.4.5-6au. 8a; Lk 21,29-33

Offb 20-21
1 Dann sah ich einen Engel vom Himmel herabsteigen; auf seiner Hand trug er den Schlüssel zum Abgrund und eine schwere Kette.

2 Er überwältigte den Drachen, die alte Schlange – das ist der Teufel oder der Satan – , und er fesselte ihn für tausend Jahre.
3 Er warf ihn in den Abgrund, verschloss diesen und drückte ein Siegel darauf, damit der Drache die Völker nicht mehr verführen konnte, bis die tausend Jahre vollendet sind. Danach muss er für kurze Zeit freigelassen werden.
4 Dann sah ich Throne; und denen, die darauf Platz nahmen, wurde das Gericht übertragen. Ich sah die Seelen aller, die enthauptet worden waren um des Zeugnisses für Jesus und des Wortes Gottes willen. Sie hatten das Tier und sein Standbild nicht angebetet und sie hatten das Kennzeichen nicht auf ihrer Stirn und auf ihrer Hand anbringen lassen. Sie gelangten zum Leben und zur Herrschaft mit Christus für tausend Jahre.
11 Dann sah ich einen großen weißen Thron und den, der auf ihm saß; vor seinem Anblick flohen Erde und Himmel und es gab keinen Platz mehr für sie.

12 Ich sah die Toten vor dem Thron stehen, die Großen und die Kleinen. Und Bücher wurden aufgeschlagen; und ein anderes Buch, das Buch des Lebens, wurde geöffnet. Die Toten wurden gerichtet, nach dem, was in den Büchern aufgeschrieben war, nach ihren Taten.
13 Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren; und der Tod und die Unterwelt gaben ihre Toten heraus, die in ihnen waren. Sie wurden gerichtet, jeder nach seinen Taten.
14 Der Tod und die Unterwelt aber wurden in den Feuersee geworfen. Das ist der zweite Tod: der Feuersee.
15 Wer nicht im Buch des Lebens verzeichnet war, wurde in den Feuersee geworfen.
1 Dann sah ich einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde sind vergangen, auch das Meer ist nicht mehr.

2 Ich sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott her aus dem Himmel herabkommen; sie war bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

In der heutigen Lesung wird auf verdichtete Weise das beschrieben, was ich in den letzten Monaten bei Gerichts- und Heilsankündigungen der alttestamentlichen Prophetie immer wieder betont habe: Gericht und Heil sind zwei Seiten einer Medaille Gottes. Das eine geht nicht ohne das andere. In das Himmelreich gelangen wirklich nur die Heiligen, weshalb das Gericht vorausgehen muss. In der Lesung schaut Johannes nun visionär diese beiden wichtigen Komponenten. Immer wieder sieht er ja durch die verschiedenen Visionen Gerichtstaten Gottes an der Welt sowie die Rückwärtsentwicklung der Schöpfung. Hier nun kommt es zur ultimativen Abrechnung, dem Endgericht.
Ein Engel steigt vom Himmel herab, der in seinen Händen „den Schlüssel zum Abgrund und eine schwere Kette“ trägt. Das sind die Accessoires Gottes, die zur Verurteilung jener notwendig sind, die ihn zeitlebens abgelehnt haben. Gott ist schließlich Herr auch über die Hölle. Hier wird der Begriff „Abgrund“ verwendet, im Griechischen steht ἄβυσσος abyssos. Schon in Offb 11 wird dieser Abgrund beschrieben, nämlich als Ursprungsort des Tieres. Wir verstehen, dass mit diesem Ort die Hölle gemeint ist. Also ist auch hier damit nicht nur allgemein die Totenwelt gemeint (denn wenn das Fegefeuer auch einbezogen würde, bräuchte man keinen Schlüssel. Dort kommt man ja wieder heraus).
Dann wird der Satan gefesselt für tausend Jahre und dort hineingeworfen, bevor der Abgrund verriegelt und sogar versiegelt wird. Ihm werden die Hände gebunden, damit er die Völker nicht mehr verführen kann. Erst kurz vor knapp wird er wieder herausgelassen. Was hier beschrieben wird, ist die Fesselung des Bösen aufgrund der Erlösung Jesu Christi. Durch seine Auferstehung ist die Macht des Bösen, dem bis dahin die Erde gehört hat, gebannt worden. Er hat nicht mehr die Macht über die Menschen in dem Sinne, dass er sie noch nach dem Tod beherrscht und sie von Gott abgeschnitten sind. Das war ja der Fall bei den Gerechten des Alten Testaments. Selbst wenn sie sich noch so gerecht verhalten haben, konnten sie Gott nicht schauen. Nun ist er gefesselt, doch wir merken: Ein wenig Spielraum ist ihm ja dennoch gegeben bzw. seinem Heer von Dämonen. Die Menschen werden auch nach dem Erlösungswirken Jesu Christi zum Bösen verführt. Doch Gottes Gnade ist größer und wo aufrichtige Reue vorherrscht, wird den Menschen vergeben. Sie können dennoch Gott schauen, selbst nach einer Zeit der Läuterung. Der Böse hat keine Macht mehr über sie.
Die Tausendzahl müssen wir wieder symbolisch verstehen. Sie meint keine wörtlichen tausend Jahre, was zur Irrlehre des Chiliasmus geführt hat. Es wird kein Zwischenreich geben, sondern diese tausend Jahre beziehen sich auf die Zeit der Kirche, in der Christus lebt und wirkt. Wir müssen sie ekklesiologisch verstehen! Und die Zeit der Kirche ist lang, deshalb die Symbolzahl. Kurz vor Schluss wird der Satan freigelassen, dann wird er noch einmal heftig wüten. Es wird besonders für die Kirche eine schlimme Zeit der Bedrängnis. Doch auch diese Zeit wird begrenzt sein.
Denn dann wird das Gericht Gottes kommen. Dabei wird Gott die Hilfe seiner Assistenten in Anspruch nehmen: Jene, die getötet worden sind für den Glauben an Christus (das ist mit Enthauptung gemeint), werden am Gericht ihrer Mörder teilnehmen. Ihre Throne stehen bereit. Sie haben das Tier und sein Standbild nicht angebetet. Sie haben dem Satan und seinem Reich nicht gehuldigt in den Ausformungen und Instrumentalisierungen dieser Welt, egal ob in politischer, wirtschaftlicher, kultureller oder religiöser Form. All diese Elemente der Gesellschaft sind letztendlich nur sichtbare Ausläufer des eigentlichen Drahtziehers auf geistlicher Ebene, dem Satan. Zuvor war die Rede davon, dass die Menschheit sich auf die Stirn und die Hand ein Zeichen machen sollte, doch diese treuen Zeugen, die Märtyrer, haben es nicht mitgemacht. Sie sind ja besiegelt auf ihrer Stirn mit dem Namen des Vaters und des Sohnes. Sie sind getauft und dadurch bereits besiegelt mit dem Zeichen Gottes. Wie könnten sie zugleich das Zeichen des Satan an sich zulassen? Besiegelung heißt ja, dass man als Eigentum markiert wird. Wer ganz Gott gehört, kann nicht zugleich dem Satan gehören.
Dann schaut Johannes noch einmal den Gottesthron. Diesmal erstrahlt er nicht in allen Farben des Regenbogens, sondern ist einfach weiß, das heißt er strahlt sehr hell. Die Herrlichkeit Gottes versetzt die Weltbevölkerung in Angst. Sie fliehen sogar seinen Anblick. Es ist nur so: Wenn das Gericht kommt, gibt es kein Entrinnen mehr. Keine Seele kann sich dann noch vor Gott verstecken.
Alle Menschen werden nun zum Weltgericht versammelt. Die Reihenfolge hat uns bereits Paulus in 1 Kor 15 vermittelt: Zuerst werden jene gerichtet, die bereits verstorben sind. Jeder Mensch hat ja schon sein individuelles Gericht gehabt. Doch nun wird man noch einmal vor den Thron Gottes gerufen. Dabei werden jene, die bereits ins Himmelreich eingehen konnten, sowie jene, die durch das Feuer hindurch schon einen Platz im Himmel in Aussicht haben, nicht plötzlich etwas anderes hören. Es ist nur so, dass bei diesem Weltgericht alle gemeinsam nochmal vor Gottes Thron stehen werden und das ganze vereint mit ihren Leibern!
Dass es so ist, sehen wir an der Totenwelt, die ihre Seelen preisgibt. Sie werden zuerst gerichtet, dann alle anderen, und zwar nach ihren Taten. Es werden Bücher aufgeschlagen, die Johannes sieht wie im Danielbuch. Diese Bücher beinhalten die Taten des Menschen. Je nachdem, was dort verzeichnet ist, danach wird man gerichtet. Es wird mithilfe dieser Metapher des Buches auch oft gesagt, dass wenn wir eine Sünde gebeichtet haben, Gott diese Sünde aus dem Buch streicht. Diese wird gleichsam aus Gottes Gedächtnis gestrichen. Dafür werden wir nicht mehr belangt.
Wir erfahren, dass der Tod und die Unterwelt zerstört werden. Es wird keiner mehr sterben. Er ist in den Feuersee geworfen, der ewig ist und als der zweite Tod bezeichnet wird. Auch die Unterwelt wird dort hineingeworfen. Was ist aber damit gemeint? Es ist damit dasselbe gemeint wie im Glaubensbekenntnis: alles, was nicht Himmel und nicht Hölle ist – das Fegefeuer sowie die Vorhölle. Das heißt, dass wer noch im Feuer geläutert werden sollte, jetzt sofort ins Himmelreich kann. Denn das Fegefeuer fällt weg. Es gibt nur noch den Himmel und die Hölle. Der Feuersee ist Umschreibung der ewigen Gottferne. Er ist der zweite Tod, der endgültig ist. Der erste Tod ist dagegen die Verzögerung ins Himmelreich durch die Läuterung des Fegefeuers. Es gibt in der Johannesoffenbarung auch zwei Auferstehungen – die erste meint das sofortige Kommen ins Himmelreich, die zweite Auferstehung meint das Kommen in den Himmel nach der Läuterung.
Dann ist noch die Rede von einem weiteren Buch, dem Buch des Lebens. Es ist wie die „Gästeliste“ oder das „Bürgerverzeichnis“ des Himmels. Dort stehen nicht die Taten des Menschen, sondern ihre Namen verzeichnet. Wer auf der Liste steht, darf ins Himmelreich eingehen. Wer nicht draufsteht, muss in den Feuersee. So wird das Gericht abgehalten, damit für den Himmel nur jene zugelassen werden, die wirklich heilig sind.
Und dann wird das ewige Heil kommen. Das vorausgehende notwendige Gericht hat die Weichen gestellt für die ewige Seligkeit. Nun sieht Johannes, wie Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schafft. Die neue verklärte Schöpfung kann kommen, nachdem nichts Böses mehr vorhanden ist. Er sieht daraufhin das himmlische Jerusalem von oben herabkommen. Sie ist bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Die Brautmotivik macht uns klar: Hier kommt nun die Hochzeit des Lammes. Die Braut ist bereit. Das wunderbare Festmahl kann kommen. Christus hat schon auf Erden diese Hochzeit angekündigt. Gott hat so eine lange Zeit um seine Braut geworben. Sie sind durch dick und dünn gegangen, haben so viele Aufs und Abs erlebt. Nun ist es soweit. Die Hochzeit kann stattfinden.

Ps 84
3 Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach den Höfen des HERRN. Mein Herz und mein Fleisch, sie jubeln dem lebendigen Gott entgegen.
4 Auch der Sperling fand ein Haus und die Schwalbe ein Nest, wohin sie ihre Jungen gelegt hat – deine Altäre, HERR der Heerscharen, mein Gott und mein König.
5 Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben.
6 Selig die Menschen, die Kraft finden in dir,
8 sie schreiten dahin mit wachsender Kraft.

Der heutige Psalm ist dem Tempel in Jerusalem gewidmet. Gleich zu Beginn wird uns dies durch die „Höfe des Herrn“ verdeutlicht. Es meint die verschiedenen Bereiche des Tempelgeländes. Der ganze Beter verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel. Er jubelt mit seiner ganzen Existenz („mein Herz und mein Fleisch“). Über diesen Wortsinn hinaus erkennen wir aber die geistliche Reichweite dieser Sehnsucht und auch der gesamten Widmung des Psalms: Es geht um Gottes Gegenwart auch in Jesus Christus, also um die messianische Sehnsucht, sowie um die Gegenwart Gottes im Allerheiligsten Sakrament. Moralisch gesehen geht es um die Sehnsucht nach Gottes Wohnung im Herzen des Menschen und den Stand der Gnade. Die Sehnsucht nach Gottes Gegenwart nimmt in unserer Zeit zu, die immer gottloser wird. Dadurch steigt die Sehnsucht nach der Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten, der alles gut machen wird. Am Ende des Kirchenjahres haben wir also diese anagogische Lesart besonders stark vor Augen.
Der Beter vergleicht seine Freude über den Tempel und seine damit verbundenen Heimatgefühle mit Sperling und Schwalbe, die ein Nest gebaut und ihre Jungen hineingelegt haben. Dabei ist die Anrede HERR der Heerscharen (Jahwe Zebaot) eine kultische Bezeichnung für Gott. Auch wir bezeichnen ihn so, wenn wir das Sanctus singen. Es ist ein liturgischer Titel auch bei den Christen. Die wahre Heimat des Christen ist das Himmelreich, das himmlische Jerusalem, in dem Gott inmitten seiner Kinder gegenwärtig ist und wo es keinen Tempel im ursprünglichen Sinne mehr benötigt.
„Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben“ führt uns ebenfalls über den Buchstabensinn hinaus. Wir preisen jene selig, die ewig das Sanctus im Himmel singen. Nicht umsonst kündigt der Priester in der Präfation das Sanctus z.B. mit den Worten an: „Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit.“ Jene sind es, die wirklich selig sind und im Hause Gottes wohnen und ihn allezeit preisen. Neben dieser anagogischen Lesart können wir es schon allegorisch-ekklesiologisch verstehen, also auf die Kirche beziehen. Sie ist das Haus Gottes auf Erden, der Antitypos des Tempels. Hier wohnt Christus in der Eucharistie- Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Gott allezeit preisen. Hier wird ein Funke der eschatologischen Freude schon sakramental vorweggenommen.
Der Beter des Psalms bevorzugt diese Zeit im Tempel gegenüber vielen Tagen vom Tempel entfernt. Die Wallfahrtszeiten sind sein Höhepunkt. Er freut sich schon darüber, wenn er „an der Schwelle“ stehen darf, solange er nicht in den „Zelten der Frevler“ verbringen muss. Es ist wiederum anagogisch weiterzudenken: Selbst wenn wir an der Schwelle zum Himmelreich stehen, ist es besser, als in der ewigen Verdammnis zu verbringen. Selbst wenn wir noch geläutert werden müssen, aber schon mit einem Fuß im Himmelreich sind, haben wir Trost. Denn wir sind uns sicher, dass wir danach bei Gott sein dürfen. Das hat Johannes im heutigen Abschnitt der Offenbarung ja schauen dürfen. Es ist wie mit den Höfen des Tempels. Es muss zunächst die Reinigung erfolgen, damit wir weiter vordringen können. Der irdische Tempel ist wirklich nach dem Vorbild der Ewigkeit gebaut worden!
„Sie schreiten dahin mit wachsender Kraft“. Wer von Gottes Liebe berührt wird, wer ganz mit ihr erfüllt ist, geht nicht mehr als alter Mensch zurück. Wenn wir Gott begegnen, verwandelt er uns in seiner Gegenwart. Das gilt schon für die Juden, die bei ihren Wallfahrtsfesten neu gestärkt und im Glauben vertieft vom Tempel in Jerusalem nach Hause zurückkehren. Das gilt umso mehr für jene, die neugeboren werden im Hl. Geist bei der Taufe! Denn sie werden zu neuen Menschen, die das ewige Leben erlangen. Und wenn sie auf Gottes Wegen gehen, erhalten sie diesen neuen Zustand aufrecht. Und wenn sie den Herrn in der Kommunion empfangen, dann werden sie nach und nach ihm gleichgestaltet. Die Kirche wird immer mehr zum Leib Christi, je mehr sie Eucharistie feiert. Der einzelne Gläubige wird immer mehr zum Leib Christi, je öfter er ihn empfängt. Und mithilfe der Sakramente und Sakramentalien wird er innerlich gekräftigt und ausgerüstet mit allem, was er für den Weg des Lebens bis in die Ewigkeit benötigt. Sie wachsen in der Kraft, in der Gnade und in der Heiligkeit.

Lk 21
29 Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht euch den Feigenbaum und die anderen Bäume an:
30 Sobald ihr merkt, dass sie Blätter treiben, erkennt ihr, dass der Sommer nahe ist.
31 So erkennt auch ihr, wenn ihr das geschehen seht, dass das Reich Gottes nahe ist.
32 Amen, ich sage euch: Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles geschieht.
33 Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte werden nicht vergehen.

Heute hören wir wieder einen Ausschnitt aus der Endzeitrede Jesu, die er ausgehend von der Rede über die Zerstörung des Tempels und der Stadt Jerusalem hält. Er hat seine Jünger ja bereits zur Wachsamkeit aufgefordert, weil sie nicht wissen, wann das Ende der Zeiten kommt. Doch ganz so plötzlich wird es nicht hereinbrechen. Jesus erklärt heute, dass es Vorzeichen gibt, anhand derer die Jünger sich auf das Ende der Zeiten einstellen können. Er erklärt dies anhand eines Gleichnisses:
Sie sollen den Feigenbaum und andere Bäume betrachten. Das ist typisch für die Weisheitstradition: wichtige Dinge, vor allem ethischer Art, anhand von Naturphänomenen zu erklären.
Wenn man an dem Feigenbaum die Knospen sieht, weiß der Mensch, dass der Sommer bald kommt. So gibt es Anzeichen dafür, dass das Gottesreich bald kommt.
Warum aber der Feigenbaum? Das Besondere ist, dass die meisten Bäume im Hl. Land das ganze Jahr hindurch Blätter tragen. Der Feigenbaum aber verliert sein Laub. Deshalb kann man an ihm ablesen, wenn sich also neue Blätter bilden. Es ist auch besonders, dass die Zeitspanne zwischen Sommer und Winter sehr kurz ist. So kann Jesus wirklich sagen, dass der Sommer sehr nahe bevorsteht, sobald man Blätteransatz am Feigenbaum erkennt. Mithilfe dieser Baumart kann Jesus die absolute Naherwartung des Gottesreiches also am besten umschreiben.
Jesus tut hier aber nichts absolut Neues. Die Messung der Jahreszeiten durch den Zustand des Feigenbaums kommt aus der rabbinischen Tradition. Seine Jünger kennen diesen Vergleich also bereits.
Jesus schließt ganz feierlich mit einem Amen-Wort: „Diese Generation wird nicht vergehen, bis alles geschieht.“ Was ist mit „Generation“ gemeint? Wir sehen ja, dass diese Angesprochenen bereits seit mehreren Jahrtausenden tot sind. Wir können das griechische Wort γενεὰ  genea hat verschiedene Bedeutungen und muss nicht ausschließlich mit „Generation“ übersetzt werden. Es kann auch eine ganze Familie oder Gemeinschaft meinen, ja sogar eine Art von etwas. Man kann es auch temporal verstehen und gerade hier im apokalyptischen Kontext ergibt es Sinn, mit genea ein bestimmtes Zeitalter zu begreifen. Dieses Zeitalter wird also nicht vergehen, bis das alles geschieht. Welches Zeitalter gemeint ist, haben wir in der Johannesoffenbarung gehört. Es geht um die Zeit der Kirche, des angebrochenen Gottesreiches, in dem Christus wirkt – die tausend Jahre bis zum ultimativen Ende. In diese Zeit hinein wird also das Ende der Zeiten hineinfallen. Das meint Jesus mit der Aussage.
Und dann werden Himmel und Erde vergehen. Das ist eine Vorstellung, die für die Jünger auch nicht neu ist. Es gibt bei den Juden diese apokalyptische Vorstellung, dass alles einmal zuende ist, Gott plötzlich in die Geschichte eingreift, alles in ein apokalyptisches Chaos stürzt, bevor Gott etwas Neues entstehen lässt. Auch wenn diese heftigen Veränderungen auf die Menschheit zukommen: Gottes Wort bleibt ein und dasselbe. Was Christus gesagt hat, ist die ewige Wahrheit. Diese steht fest für alle Zeiten und daran lässt sich nicht rütteln. Was Jesus vor allem versprochen hat, wird er treu halten: die Aussicht auf das ewige Leben für jene, die bis zum Schluss standhaft geblieben sind.
Um es mit Jesu Worten aus der johanneischen Abschiedsrede zu sagen: „Euer Herz lasse sich nicht beunruhigen. Glaubt an Gott und glaubt an mich.“ Das möchte Christus auch uns heute sagen angesichts er immer stärker werdenden Stürme der Endzeit. Das alles kann um uns herum toben, so viel es will: Wenn wir Christus fest in unserem Herzen haben, in inniger Gemeinschaft mit Gott bleiben, dann werden uns die Stürme nichts anhaben, auch dann nicht, wenn man uns unser Leben in seinem Namen nehmen wird. Im Gegenteil: Dann werden wir zu Assistenten im Gericht Gottes und werden jene mitrichten, die an uns schuldig geworden sind.

Heute hören wir sehr viel über die letzten Dinge und die unmittelbar vorausgehenden Bedrängnisse der Endzeit. Der Satan wird sich noch einmal so richtig austoben, bevor er auf ewig verbannt wird. Das muss geschehen, aber selbst da müssen wir keine Angst haben. Vielmehr sollen wir uns bereit machen, denn die Erlösung ist nahe.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 34. Woche im Jahreskreis

Offb 18,1-2.21-23; 19,1-3.9a; Ps 100,2-3.4-5; Lk 21,20-28

Offb 18-19
1 Danach sah ich einen anderen Engel aus dem Himmel herabsteigen; er hatte große Macht und die Erde leuchtete auf von seiner Herrlichkeit.
2 Und er rief mit gewaltiger Stimme und sprach: Gefallen, gefallen ist Babylon, die Große! Zur Wohnung von Dämonen ist sie geworden, zur Behausung aller unreinen Geister und zum Schlupfwinkel aller unreinen und abscheulichen Vögel.
21 Dann hob ein gewaltiger Engel einen Stein auf, so groß wie ein Mühlstein; er warf ihn ins Meer und rief: So wird Babylon, die große Stadt, mit Wucht hinabgeworfen werden und man wird sie nicht mehr finden.

22 Die Musik von Harfenspielern und Sängern, von Flötenspielern und Trompetern hört man nicht mehr in dir. Einen kundigen Handwerker gibt es nicht mehr in dir. Das Geräusch des Mühlsteins hört man nicht mehr in dir.
23 Das Licht der Lampe scheint nicht mehr in dir. Die Stimme von Braut und Bräutigam hört man nicht mehr in dir. Deine Kaufleute waren die Großen der Erde, deine Zauberei verführte alle Völker.
1 Danach hörte ich etwas wie den lauten Ruf einer großen Schar im Himmel, sie sprachen: Halleluja! Das Heil und die Herrlichkeit und die Macht ist bei unserm Gott.

2 Seine Urteile sind wahr und gerecht. Er hat die große Hure gerichtet, die mit ihrer Unzucht die Erde verdorben hat. Er hat Rache genommen für das Blut seiner Knechte, das an ihren Händen klebte.
3 Noch einmal riefen sie: Halleluja! Der Rauch der Stadt steigt auf in alle Ewigkeit.
9 Jemand sagte zu mir: Schreib auf: Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist!

Wir gehen immer mehr dem Ende des Kirchenjahres entgegen und so erreicht der Bestand der Tageslesungen immer mehr seinen apokalyptischen Höhepunkt.
Die heutige Lesung aus der Offenbarung zeigt die wesentliche Struktur des gesamten Buches: Es geht um zwei Perspektiven – die Sicht auf die irdische Gegenwart mit den Missständen und der übermächtig scheinenden Macht des Bösen. Zugleich wird uns aber immer wieder die Sicht der Ewigkeit beschrieben, in der Gott bereits der Sieger über die Mächte ist. Dort wird bereits gefeiert. Ohne diese Sicht der Ewigkeit würde die Offenbarung ein einziges Horrorbuch sein, ganz ohne Hoffnung. Durch diese österliche Sicht verändert sich aber auch die Sicht auf das Gegenwärtige. Und genau dies ist der Weg für jeden einzelnen Christen, dieser grausamen Welt mit dem richtigen Blick zu begegnen. Es soll keine Weltflucht sein, sondern die richtige Konfrontation – mit Ostern und dem Sieg Gottes im Herzen.
So hören wir im ersten Teil ein ganz drastisches Geschehen. Babylon – die Personifikation des antichristlichen Reiches, die Christen der Entstehungszeit der Johannesoffenbarung werden Rom damit identifiziert haben – hat den Höhepunkt der Gottlosigkeit erreicht. Sie ist sogar zur Behausung für die Dämonen geworden. Diese eine Aussage lässt uns aufhorchen und an Paulus denken: Gehen wir nämlich über den Wortsinn dieser Passage hinaus und legen sie moralisch aus, erkennen wir die Analogie zur Seele jedes Menschen. Es ist eine Illusion, dass wenn unsere Seele, die laut Paulus ein zerbrechliches Gefäß ist, Gott verbannt hat, leer bleibt. Eine Seele ist immer mit etwas oder jemand gefüllt. Verschwindet Gott aus dem inneren Tempel, wird dieser durch den Bösen ersetzt. Es kommen stattdessen alle möglichen Dämonen hinein, die Begierden. Sie wird zur „Behausung aller unreinen Geister und zum Schlupfwinkel aller unreinen und abscheulichen Vögel.“ So wie unsere Seele zum inneren Jerusalem wird, wenn Gott in der Taufe im eigenen Tempel Wohnung nimmt, so kann die Seele zum Babylon werden, dem grauenhaften Ort der Gottesferne.
Johannes schaut einen Engel, der einen großen Stein nimmt und ins Meer wirft. Dieser Stein wird mit einem Mühlstein verglichen, wodurch wir Hörer auf eine wichtige Analogie aufmerksam gemacht werden – Jesus hat einmal gesagt, dass wer einen von den Kleinsten verführt, mit einem Mühlstein um den Hals ins Meer geworfen werden soll. So ernst ist die Lage in diesem Fall. Also ist uns hier sofort klar, dass der Engel eine sogenannte prophetische Zeichenhandlung als Gerichtsankündigung vornimmt. Dazu kommen die erklärenden Worte: „So wird Babylon, die große Stadt, mit Wucht hinabgeworfen werden und man wird sie nicht mehr finden.“ Er kündigt an, dass die Musik verstummen wird, die Kaufleute und Handwerker ihre Arbeit nicht mehr verrichten werden, ja selbst Brautleute wird es nicht mehr geben. Das Ende kommt, so wird man nicht mehr heiraten.
Was uns nicht verlesen wird, ist die tatsächliche Umsetzung dieser und weiterer Gerichtsurteile an der großen Stadt. Von weitem stehen die Kaufleute, die Handwerker, die Bewohner Babylons und weinen. Die mächtigste Stadt der Welt ist innerhalb von einer Stunde zerstört worden.
Was wir aber als nächstes hören, ist der Klang aus der Ewigkeit: Eine Schar jubelt über diesen Gerichtsprozess und bestätigt ganz klar, dass Gottes Gericht gerecht und wahr ist. Es kam bereits in Offb 15 und wird hier wiederholt. Gott ist ein absolut gerechter Richter und was mit Babylon geschehen ist, ist absolut angemessen. Diese unreine Frau, eine Prostituierte, als welche Babylon personifiziert wird im Gegensatz zur reinen Braut Jerusalem, hat die ganze Erde mit ihrer Unzucht verdorben. Deshalb ist ihre Sünde auf sie zurückgefallen. Vor allem klebte das Blut vieler Heiliger und Propheten an ihren Händen. So hat Gott auf absolut gerechte Weise auf das Unrecht an seinen geliebten Knechten reagiert.
Er lässt nicht alles mit sich machen und er ignoriert die Ungerechtigkeit nicht, die vor allem durch die schlimme Christenverfolgung herrscht. Das ist absolut aktuell, wenn wir an die heutige Zeit denken. Noch nie war die Christenverfolgung so schlimm wie zur jetzigen Zeit.
Der Inbegriff des Bösen, diese antichristliche Stadt, sie ist zerstört und dafür kann man Gott nur danken. Deshalb erfolgt der Halleluja-Ruf der himmlischen Schar.
Und zum Abschluss wird Johannes dazu aufgefordert aufzuschreiben: „Selig, wer zum Hochzeitsmahl des Lammes eingeladen ist!“ Hier wird ein Hinweis gegeben, was nun kommen kann. So wird im 19. Kapitel diese Hochzeit bereits angekündigt, bevor das ultimative Weltgericht sowie die Endschlacht bzw. finale Abrechnung mit dem Satan, ja sogar mit dem Tod selbst berichtet werden. Und dann ist es soweit. Die reine Braut Jerusalem wird vom Himmel herabkommen, bereit wie eine Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat.

Ps 100
2 Dient dem HERRN mit Freude! Kommt vor sein Angesicht mit Jubel!

3 Erkennt: Der HERR allein ist Gott. Er hat uns gemacht, wir sind sein Eigentum, sein Volk und die Herde seiner Weide.
4 Kommt mit Dank durch seine Tore, mit Lobgesang in seine Höfe! Dankt ihm, preist seinen Namen!
5 Denn der HERR ist gut, ewig währt seine Huld und von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue.

Als Antwort auf diese dramatische Lesung beten wir Psalm 100, der betitelt wird als „Lobgesang der Völker beim Einzug ins Heiligtum“. Vor dem Hintergrund der Lesung werden wir besonders die anagogische Lesart dieses Lobpreises im Blick haben, also den Lobgesang der Sieger beim Einzug ins himmlische Jerusalem.
„Dient dem HERRN mit Freude! Kommt vor sein Angesicht mit Jubel!“ Diese Worte beziehen sich nun auf die Sieger, die für Christus ihr Leben hingegeben haben und gestorben sind. Es sind die standhaften Gläubigen, die nun ganz bei Gott sein dürfen in ewiger Freude. Der Wortsinn dieses Psalms ist zunächst auf die Heiden in alttestamentlicher Zeit zu beziehen, die zum Tempel kommen sollen („vor sein Angesicht“). Dort gibt es einen eigens für sie bestimmten Tempelhof. Mit Blick auf die Heidenchristen zur Zeit des Paulus müssen wir uns fragen, was dann mit „Angesicht Gottes“ gemeint sein könnte. Jesus hat der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen schon angekündigt, dass in Zukunft weder der Tempel in Jerusalem noch die Kulthöhe auf dem Garizim die Anbetungsorte Gottes darstellen werden. Er hat angekündigt, dass er selbst der Ort der Anbetung darstellen wird und die rechte Weise der Anbetung im Geist und in der Wahrheit sein werde. Es wird keine örtliche Gebundenheit mehr geben, weil Jesus in jeder Heiligen Messe eucharistisch anwesend sein wird! Und jene, die nun in die Ewigkeit eingehen, werden dort auch keinen Raum mehr im irdischen Sinn vorfinden. Sie werden ganz in der Gegenwart Gottes sein und ihn schauen, wie er ist.
„Erkennt: Der HERR allein ist Gott. Er hat uns gemacht, wir sind sein Eigentum, sein Volk und die Herde seiner Weide.“ Dass es nur diesen einen Gott gibt, wird betont, weil die Heiden viele Götter haben. Jene, die Gott nicht angenommen haben und dann den Untergang Babylons in der Lesung erfahren, werden dann wirklich erkennen, wer der einzig wahre Gott ist. Dann ist es nur leider zu spät. Dieser eine wahre Gott hat die Welt geschaffen, auch die Menschen. Deshalb gehören alle Menschen ihm. Nicht nur das Volk Israel gehört zum Volk Gottes, sondern nun auch die Heiden! Hier wird etwas deutlich, was mit dem Neuen Bund wahr wird: Gottes Volk setzt sich nicht mehr durch biologische Abstammung zusammen, sondern durch Menschen aller Nationen, Völker, Stämme und Sprachen, die durch die Taufe zur neuen Schöpfung werden, eine geistliche Familie. Als solche ist das neue Volk Gottes Herde des guten Hirten. Dieses Bild greift Jesus dann auf, wenn er sich selbst als diesen guten Hirten offenbart und seine Jünger als seine Herde.
„Kommt mit Dank durch seine Tore“ ist wörtlich zunächst auf die Stadttore Jerusalems und des Tempelareals gemeint, durch die die Heiden in die Höfe des Tempels gelangen. Im weiteren Sinn meint es auch die Heiden, die sich taufen lassen. Diese treten durch das Tor der Taufe hindurch in den Hof des Heiligtums Gottes, der in ihren Herzen Wohnung nimmt. Sie treten durch das Tor, wenn sie sich zur Eucharistie versammeln. So ist es mit allen Menschen, die bis heute die Liturgie feiern. Die ganze Menschheit tritt durch das Tor des Todes ein in die Ewigkeit.
„Dankt ihm, preist seinen Namen!“ Das können vor allem jene rufen, die die Leiden dieser Welt überwunden haben und nun ganz bei Gott geborgen sein dürfen.
Gott ist gut. Er hat das Heil jedes Menschen im Sinn. Er ist wirklich treu und verlässt seine Schäfchen nie. Deshalb können wir Menschen nicht anders, als zu jubeln über seine guten Taten an uns. Wir erkennen sie nicht immer und manchmal verdunkeln die Krisen unseres Lebens den dankbaren Blick auf das, was wir haben und was uns gelingt. Doch Gott ist immer der gleiche gute Gott, dem Ehre gebührt – gestern, heute und in Ewigkeit. Und wenn es dann in die letzten Züge der irdischen Welt kommt, werden wir das auf besonders verdichtete Weise erfahren.

Lk 21
20 Wenn ihr aber seht, dass Jerusalem von Heeren eingeschlossen wird, dann erkennt ihr, dass seine Verwüstung bevorsteht.

21 Dann sollen die Bewohner von Judäa in die Berge fliehen; wer in der Stadt ist, soll sie verlassen, und wer auf dem Land ist, soll nicht in die Stadt gehen.
22 Denn das sind die Tage der Vergeltung, damit alles in Erfüllung geht, was geschrieben steht.
23 Wehe den Frauen, die in jenen Tagen schwanger sind oder ein Kind stillen! Denn große Bedrängnis wird über das Land hereinbrechen und Zorn über dieses Volk.
24 Mit scharfem Schwert wird man sie erschlagen, als Gefangene wird man sie zu allen Völkern schleppen und Jerusalem wird von den Völkern zertreten werden, bis die Zeiten der Völker sich erfüllen.
25 Es werden Zeichen sichtbar werden an Sonne, Mond und Sternen und auf der Erde werden die Völker bestürzt und ratlos sein über das Toben und Donnern des Meeres.

26 Die Menschen werden vor Angst vergehen in der Erwartung der Dinge, die über den Erdkreis kommen; denn die Kräfte des Himmels werden erschüttert werden.
27 Dann wird man den Menschensohn in einer Wolke kommen sehen, mit großer Kraft und Herrlichkeit.
28 Wenn dies beginnt, dann richtet euch auf und erhebt eure Häupter; denn eure Erlösung ist nahe.

Bevor es zur ewigen Freude und zum Hochzeitsmahl des Lammes kommen kann, müssen wir noch die Bedrängnis und das Leiden der gottloser werdenden Welt aushalten. Jesus deutet heute im Evangelium an, was mit Jerusalem passieren wird. Was er hier ankündigt, ist ein konkretes geschichtliches Ereignis: Jerusalem wird von den Römern zerstört werden, mitsamt Tempel. Das wird sich bewahrheiten im Jahr 70 n.Chr.
Wenn es so kommt, sollen die Bewohner von Judäa in die Berge fliehen wie damals bei den Makkabäeraufständen.
Wenn es passiert, sollen die Jünger verstehen, dass es „die Tage der Vergeltung“ sind. Gott wartet nicht bis zum Schluss mit Gerichtsurteilen. Er möchte ja die Umkehr seiner Kinder und so führt er jetzt schon im Laufe der Menschheitsgeschichte Gerichtsurteile aus, die dem großen und ultimativen Weltgericht vorausgehen. Er lässt ja schon im Laufe des Alten Israel immer wieder zu, dass Feinde es besiegen, dass alle möglichen Leiden kommen. Er hat auch die zehn Plagen auf Ägypten zugelassen, damit es sich bekehrt, vor allem der Pharao.
So wird die Zerstörung Jerusalems durch die Römer auch zu einer Gerichtshandlung, weil es so verstockt ist. Gott ist Mensch geworden und ist in seine Stadt eingegangen. Doch die Menschen haben ihn weder erkannt, noch seine Botschaft angenommen. Deshalb wird diese Ablehnung Gottes auf sie zurückfallen. Sie sollen ihre Sünde dadurch erkennen und umkehren.
Jesus bezieht sich auch auf die Hl. Schrift, die die Zerstörung Jerusalems angekündigt haben. Es ist nicht nur einmal geschehen und wir denken an die alttestamentliche Prophetie z.B. bei Jesaja, Ezechiel und Daniel. Geschichte wiederholt sich, weil der Mensch wiederholt in Verstockung gerät. Und doch müssen wir diese Zerstörung Jerusalems über den wörtlichen Sinn hinaus auch geistlich verstehen. In diesem Kontext müssen wir vor allem auch den anagogischen Sinn im Blick haben. So wird es am Ende der Zeiten auch mit der Kirche sein, die vom Bösen infiltriert und von innen aufs Aggressivste angegriffen wird. Es wird schließlich auch die ganze Welt zerstört und vom Bösen beherrscht werden.
Wer in jener Zeit ein Kind gebären oder stillen wird, wird es schlimm haben. Einen Menschen in so eine Unheilszeit zur Welt zu bringen, wird sehr schlimm sein. Die Rede vom scharfen Schwert und der Zertretung der Stadt durch die Heiden ist ein Prophetenwort aus Sacharja. Jesus beruft sich wie gesagt auf die Ankündigungen des Alten Testaments. Die Zertretung durch Heiden muss auch auf die Kirche angewandt werden. Sie wird sehr von den gottlosen Mächten angegriffen und zertrampelt werden. Wir haben die schlimmen Christenverfolgungen vor Augen.
So sind auch die vielen apokalyptischen Motive einzuordnen, die er dann nennt: Die Schöpfung wird ganz durchdrehen, was man an den Himmelskörpern sehen wird sowie an den anderen Naturgewalten. Alles stürzt in ein apokalyptisches Chaos. Dieses wird die Menschheit in Angst versetzen. Und dann wird Christus als verherrlichter Menschensohn wiederkommen auf einer Wolke, der Wolke, durch die hindurch er in den Himmel aufgefahren ist. Es ist ein mächtiges Theophaniezeichen, also ein Zeichen der Gegenwart Gottes.
Wenn dann also die Parusie eintritt, dann sollen die Jünger sich bereit machen und ihre Häupter erheben – das Leiden kommt zum Ende und die Erlösung ist nahe. Dann werden die Gläubigen durch das Chaos hindurch den Triumphgesang anstimmen, denn für sie wird die Abrechnung mit den Gottlosen eine einzige Erlösung darstellen.

Durch das Chaos der Endzeit hindurch dürfen auch wir jetzt schon in den triumphalen Lobpreis Gottes einsteigen, denn er hat die Macht des Bösen schon längst besiegt. Dieser hat noch einen gewissen Spielraum und deshalb müssen wir noch eine Weile leiden. Doch im Grunde kann der Böse uns nichts mehr tun. Selbst wenn er durch seine Handlanger den Gläubigen das Leben nimmt, können sie doch den Glauben nicht antasten. Wir dürfen jetzt schon teilnehmen an dem Gesang der himmlischen Liturgie. Das tun wir in jeder Heiligen Messe, wenn wir mit allen Engeln und Heiligen das Sanctus anstimmen. Wir dürfen jetzt schon das Hochzeitsmahl des Lammes sakramental feiern. Die Vollendung kommt bald.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 34. Woche im Jahreskreis

Offb 15,1-4; Ps 98,1.2-3b.3c-4.7-8.9; Lk 21,12-19

Offb 15
1 Dann sah ich ein anderes Zeichen am Himmel, groß und wunderbar. Ich sah sieben Engel mit sieben Plagen, den sieben letzten; denn in ihnen erreicht der Zorn Gottes sein Ende.

2 Dann sah ich etwas, das einem gläsernen Meer glich und mit Feuer durchsetzt war. Und die Sieger über das Tier, über sein Standbild und über die Zahl seines Namens standen auf dem gläsernen Meer und trugen die Harfen Gottes.
3 Sie sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied zu Ehren des Lammes und sprachen: Groß und wunderbar sind deine Taten, Herr und Gott, du Herrscher über die ganze Schöpfung. Gerecht und zuverlässig sind deine Wege, du König der Völker.
4 Wer wird dich nicht fürchten, Herr, wer wird deinen Namen nicht preisen? Denn du allein bist heilig: Alle Völker kommen und beten dich an; denn offenbar geworden sind deine gerechten Taten.

Heute hören wir wieder aus der Offenbarung eine beeindruckende Vision. Johannes sieht noch ein anderes Zeichen am Himmel, groß und wunderbar. Das führt uns zurück zum Himmelszeichen der apokalyptischen Frau in Offb 12, die wir mit Maria sowie mit der gesamten Kirche identifizieren.
Heute schaut Johannes im Himmel sieben Engel mit sieben Plagen, die die letzten sein werden, bevor Gottes Zorn abgeschlossen ist. Das sind die Zornschalen, die im Laufe der nächsten Kapitel ausgegossen werden.
Das besondere ist nun die Szene vor Gottes Thron. Wir haben ihre Elemente bereits in den vergangenen Lesungen gehört, doch wie so oft kommen nun neue Elemente hinzu: Wir werden zurückgeführt zum Thronsaal mit dem Kristallmeer. Doch diesmal ist dieses mit Feuer durchsetzt. Man fragt sich, wie das gehen soll – wohl nur, wenn das Meer nicht wirklich aus Wasser besteht oder „Feuer“ etwas anderes meint, nämlich z.B. eine rote Farbe. Oder es meint ein Feuer, das von anderer Beschaffenheit ist wie im brennenden Dornbusch in Ex. Dort brennt es zwar, aber verbrennt die Äste nicht. Es ist das Feuer der Liebe Gottes.
Wir sehen auch wieder jene, die uns vorausgegangen sind und die ganzen Kämpfe gewonnen haben, unsere Heiligen, die triumphierende Kirche. Sie werden hier als Sieger bezeichnet wie schon in Offb 7, wo sie mit Palmzweigen vor den Gottesthron kamen. Diesmal tragen sie die Harfen Gottes und singen „das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied zu Ehren des Lammes“.
Diese Vision ist durchzogen von Exodusmotiven. Johannes schaut ja das Feuer, das das Meer durchzieht analog zum Feuer des Dornbuschs. Denken wir an die rote Farbe hinter dem Stichwort „Feuer“, erkennen wir zusammen mit der Volksmenge auf dem Meer das Motiv des Durchzugs Israels durch das Rote Meer. Schließlich singt diese Menge dann auch noch das Lied des Mose und des Lammes. Wir erkennen also eine typologische Verbindung vom Exodus hin zu den Siegern, die den Kampf bereits gewonnen haben und bei Gott sein dürfen, unsere Heiligen.
Uns wird klar, dass es kein Zufall war, dass Gott sein Volk ausgerechnet durch das Rote Meer geführt hat. So wie das Volk Israel durch das Rote Meer gezogen ist und dabei gerettet worden ist, so ist das Volk des Neuen Bundes durch das Feuer gegangen, das die Leiden dieser Welt sind, die Bedrängnis und der Kampf gegen den Widersacher Gottes, ja der Tod selbst. Dieses Feuermeer kann auch sakramental verstanden werden: Durch das reinigende Wasser, das zugleich das Feuer der Liebe Gottes ist, sind die Menschen in der Taufe zu Erben des Reiches Gottes geworden. Die Verbindung zur Bedrohung des Feuermeers als Bedrängnis, Leiden und Tod wird mit dem Kern der Taufe hergestellt: Christus hat das Leiden, die absolute Bedrängnis und den Tod auf sich genommen. Dadurch ist den Getauften die Rettung zuteilgeworden.
Und wie die Israeliten durch die Rettung vor den Ägyptern ein Lied angestimmt haben voller Lobpreis und Dank Gottes, so stimmen nun die Sieger des Neuen Bundes den Lobpreis an, denn sie sind auf ewig gerettet.
Ihr Lobpreis wird als liturgisch gekennzeichnet, denn was sie in Händen halten, ist nicht ihr eigenes Instrument. Sie tragen die Harfen Gottes, die Instrumente, die für die himmlische Liturgie vorgesehen sind.
Sie singen einen hymnenartigen Gesang, in dem Gottes Taten als „groß und wunderbar“ bezeichnet werden. Das griechische Wort des zweiten Begriffs ist θαυμαστός thaumastos, was „wunderbar“ im Sinne von „bewundernswert“ bedeutet. Gottes Taten übersteigen das menschliche Fassungsvermögen, sodass sie den Menschen nur ins Staunen versetzen können.
Gott wird in den himmlischen Gesängen der Offenbarung immer wieder mit den Titeln „Herr und Gott“ sowie „Allherrscher“ angebetet, was dem griechischen Wort παντοκράτωρ pantokrator näherkommt, als die eher frei übersetzte Formulierung „Herrscher über die ganze Schöpfung“. Gott hat die ganze Welt erschaffen und herrscht deshalb über das All. Seine Macht ist größer als alle bösen Mächte dieser Welt. Und wenn diese Mächte sein Volk auch zu unterdrücken versuchen, allerlei Leiden, Bedrängnisse und schließlich den Tod herbeiführen, so triumphiert Gott doch. Er hat das letzte Wort und jene, die für den Glauben sogar umgebracht wurden, gehen als die wahren Sieger hervor.
Gott ist König der Völker. Im Griechischen steht der Begriff ἔθνος ethnos, was zumeist die nichtjüdischen Völker umfasst. Gott herrscht also über alle, er ist der universale König. Und als solcher ist er absolut gerecht und wahr. Auch in seiner Richterfunktion ist er nie ungerecht, sondern verhält sich stets angemessen.
Wie auch aus dem Psalmenkontext bekannt wird die absolute Notwendigkeit, Gott zu preisen, mithilfe von rhetorischen Stilmitteln unterstrichen. „Wer wird dich nicht fürchten, Herr, wer wird deinen Namen nicht preisen?“ Wer Gottes Macht einmal begriffen hat, kann nicht umhin, ihn unablässig zu loben. Er ist heilig. Deshalb kann nichts in seiner Gegenwart bestehen, was nicht ebenso heilig ist. Wenn es hier heißt, dass Gott allein heilig ist, müssen wir das rhetorische Stilmittel erkennen. Man nennt diese Wendung „Monos-Prädikation“, d.h. eine „Allein-Aussage“, bei der man in einem hymnischen Kontext sozusagen dick aufträgt. Es wird also nicht ausgesagt, dass wirklich nur Gott allein heilig ist, jedoch nichts seiner Heiligkeit gleichkommt. Wäre dem wirklich so, könnte Johannes den Himmel ja nicht so überfüllt schauen. Dann wäre Gott ganz allein in seinem Thronsaal.
Heiligkeit wird erlangt durch Läuterung. Das Feuermeer ist Ausdruck dafür, dass jene, die uns vorausgegangen sind, diese Läuterung bereits durchlaufen haben.
Es wird zum Ende hin angekündigt, was bereits Jesaja geschaut hat: die eschatologische Völkerwallfahrt. Alle Völker werden kommen, nämlich zum himmlischen Zion, und Gott anbeten. Das wird am Ende der Zeiten geschehen. So bestätigt sich, dass Gott der König der Völker ist. Am Ende wird Gott nicht nur der König der Völker sein, sondern es werden auch endlich alle Menschen realisieren. Dann wird sein Reich universal offenbar sein.

Ps 98
1 Ein Psalm. Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht! Geholfen hat ihm seine Rechte und sein heiliger Arm.

2 Der HERR hat sein Heil bekannt gemacht und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker.
3 Er gedachte seiner Huld und seiner Treue zum Haus Israel. Alle Enden der Erde sahen das Heil unsres Gottes.
4 Jauchzet dem HERRN, alle Lande, freut euch, jubelt und singt!
7 Es brause das Meer und seine Fülle, der Erdkreis und seine Bewohner.

8 In die Hände klatschen sollen die Ströme, die Berge sollen jubeln im Chor
9 vor dem HERRN, denn er kommt, um die Erde zu richten. Er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit, die Völker so, wie es recht ist.

Als Antwort beten wir Psalm 98, der betitelt ist als „Neues Lied auf den Schöpfer und Richter“. Diese Eigenschaften vereint im Königtum Gottes sind in der Lesung zur Sprache gekommen.
Gott hat bisher viele wunderbare Taten vollbracht, wie es in Ps 98 heißt. Er ist wirklich ein Gott des Heils und die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Heilsgeschichte. Gott hat sein Volk immer wieder gerettet aus den Klauen des Bösen mit seiner Rechten und seinem Heiligen Arm. Er hat seinen Plan immer wieder kundgetan, da er ein sich offenbarender Gott ist. Er hat dies auch vor den Augen der Völker getan, also die nichtjüdischen Menschen, die dadurch seine Größe bezeugt haben. Es ist ein Anfang dessen, was am Ende der Zeiten vollkommen wird: die Anerkennung Gottes durch die Heiden. Mit Jesus Christus hat die Offenbarung, das heißt seine Selbstmitteilung, einen Höhepunkt erreicht. So kann man wortwörtlich sagen: Gott hat sein Heil (יְשׁוּעָתֹ֑ו  jeschuato), seinen Jesus, der Welt bekannt gemacht. Dieser ist „seine Rechte“ und „sein heiliger Arm“. Der Hl. Ignatius von Lyon hat den Sohn und den Geist als die Hände Gottes bezeichnet. Durch Christus hat Gott die Heilstaten vollbracht – sowohl die Schöpfung (deshalb nennen wir Jesus auch den Schöpfungsmittler) als auch die Erlösung.
„Alle Enden der Erde sahen das Heil“. Die ganze Welt sah die Heilstaten Gottes. Das betrifft die Israeliten, die aus Ägypten herausgeführt worden sind und bei den nichtjüdischen Völkern für Anerkennung gesorgt hat. Das betrifft umso mehr das ganze Erlösungsgeschehen Jesu Christi, das für eine weltweite Evangelisierung und flächendeckende Gemeindegründungen gesorgt hat. Es begann mit dem Hauptmann am Kreuz („wahrlich, dieser war Gottes Sohn“) und ging weiter bis an die damaligen „Enden der Erde“. Und es geht bis an die heutigen Enden!
Deshalb ist auch der Anfang des Psalms so signalhaft für christliche Ohren. Es ist ein „neues Lied“, das auf den Messias hinweist und über die Rettungsaktionen Gottes an seinem auserwählten Volk hinausgeht. Ganz konkret können wir hier an das babylonische Exil denken, das neben dem Exodusgeschehen bei den Nichtjuden für Anerkennung gesorgt hat. Dieses neues Lied Ps 98 ist in der Hinsicht dem Siegeslied der Offb sehr nahe. Gott rettet aus der Bedrängnis und mit ihm kann man nur in einen Triumphgesang ausbrechen.
Vor den Augen der Völker ( הַ֝גֹּויִ֗ם  hagojim, die nichtjüdischen Völker!) hat Gott schon Gericht gewirkt, indem er das unterdrückte Volk aus der Knechtschaft der Babylonier befreit hat. Er hat auch vor den Heiden die Erlösung erwirkt (die Römer staunten nicht schlecht, als das Grab leer war, und der Hauptmann kam unter dem Kreuz zum Glauben). Gott wirkt Wunder auch heute noch vor den Augen der Nichtgläubigen und benutzt uns dafür. Wir sind heute seine Hände in dieser Welt, die anderen Menschen zum Glauben an Christus verhelfen. Er tut das auch in der Taufe. Dann werden wir aus der Knechtschaft der Erbsünde, aus dem Exil der Paradieslosigkeit befreit. Am Ende der Zeiten, wenn Jesus als verherrlichter Menschensohn zurückkehrt, wird Gottes Gericht universal und für alle offenbar durchgesetzt werden. Dann wird es aber zu spät für die Umkehr sein.
Gott bleibt seinem Volk treu, auch jetzt noch. Unsere jüdischen Geschwister sind bis heute in einem bleibenden Bund mit dem Herrn und diesen können wir, die wir im neuen Bund mit Gott versöhnt sind, nicht antasten. Vergessen wir das nie, damit es nie wieder zu einem Holocaust kommt!
Gott bleibt auch uns treu, die wir ihm durch jede Sünde immer wieder untreu werden. So ist Gott. Er starb für uns, ohne sein Opfer davon abhängig zu machen, ob wir seine Liebe zurückgeben oder nicht.
Seine Erlösungstat ist ein Grund zur Freude. Unsere Existenz, vor allem auf die Ewigkeit hin, haben wir allein Gott zu verdanken. Diese ist uns durch die Taufe geschenkt. Dadurch sind wir als Kinder Gottes neugeboren und als Erben eingesetzt worden. Das ist jeden Tag den Lobpreis Gottes wert, auch schon hier auf Erden! Im Himmel wird es unsere ewige Beschäftigung sein.
Zum Ende des heutigen Abschnitts erfolgt ein Lobpreisaufruf, der typisch für Psalmen ist. Es ist eine Aufforderung zur instrumentalen Begleitung auf den gängigen Instrumenten (so die Leier, die König David meisterhaft beherrscht hat). Auch Trompeten und Widderhörner sollen eingesetzt werden zum Lobpreis Gottes. Für ihn ist der festlichste Lobpreis des Menschen gerade gut genug. Gemeinsam erklingt dieser Lobpreis mit den Harfen der himmlischen Liturgie in einer wunderbaren Symphonie.

Lk 21
12 Aber bevor das alles geschieht, wird man Hand an euch legen und euch verfolgen. Man wird euch den Synagogen und den Gefängnissen ausliefern, vor Könige und Statthalter bringen um meines Namens willen.

13 Dann werdet ihr Zeugnis ablegen können.
14 Nehmt euch also zu Herzen, nicht schon im Voraus für eure Verteidigung zu sorgen;
15 denn ich werde euch die Worte und die Weisheit eingeben, sodass alle eure Gegner nicht dagegen ankommen und nichts dagegen sagen können.
16 Sogar eure Eltern und Geschwister, eure Verwandten und Freunde werden euch ausliefern und manche von euch wird man töten.
17 Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden.
18 Und doch wird euch kein Haar gekrümmt werden.
19 Wenn ihr standhaft bleibt, werdet ihr das Leben gewinnen.

Bevor es zum Triumphgesang kommen kann, muss das Volk Gottes zunächst durch die Bedrängnis gehen. Es wird zunächst eine universale Katastrophe sowie das apokalyptische Chaos kommen, bevor Gottes Reich hereinbricht. Bis dahin werden die Jünger Jesu vieles erleiden. Jesus macht ihnen nichts vor, sondern sagt ganz realistisch, was auf sie zukommen wird. Nur so kann er sie vor die Wahl stellen, seinen steinigen Weg nachzugehen oder nicht. Sie müssen damit rechnen, dass sie Schaden nehmen werden für die Botschaft Jesu Christi. Man wird sie vor die weltlichen sowie synagogalen Gerichte schleppen. Diese sind nicht so gerecht wie Gottes ultimatives Gericht. Viele Intrigen werden dort gesponnen – Jesus selbst kam durch eine Intrige der religiösen Elite ums Leben. Doch das werden Momente sein, in denen die Jünger Jesu Zeugnis ablegen können. Damit ist nicht erst das Martyrium gemeint (zu Deutsch „Zeugnis“), sondern kann auch einfach meinen, dass man sich öffentlich und offiziell zu Christus bekennt.
Das heißt, dass die Jünger keine Angst haben müssen. Sie sollen mutig und ohne zu viel Grübelei in die Bresche springen, wenn es sein muss. Wenn der Moment kommen wird, wo sie für Christus einstehen müssen, wird er es ihnen durch seinen Geist eingeben. Und diese Weisheit, die dann aus ihrem Mund kommen wird, wird alle sprachlos machen. Denn diese ist die Weisheit Gottes. Dagegen kann keiner etwas ausrichten.
Es wird auf diesem Kreuzweg der Nachfolge Christi noch schlimmer werden, denn die eigene Familie wird einem den Rücken zukehren und einen sogar anzeigen. Es wird zu Konflikten in den Familien kommen, wo nur ein Teil sich zu Christus bekehrt. Christen werden gehasst werden. Wie aktuell dieser Satz doch ist! Bis heute kann man die Christen nicht ausstehen, als ob sie die größten Verbrecher sind. Dabei sind sie es, die sich in der radikalen Liebe Gottes sogar umbringen lassen. Und wenn das alles auch geschehen wird: Es wird kein Haar gekrümmt werden. Wie ist das zu verstehen, wenn es doch so viele Märtyrer gibt? Es meint die eigentliche Unversehrtheit des ewigen Lebens. Wenn auch das irdische Leben gewaltsam zu Tode kommt, so ist doch die ewige Gemeinschaft bei Gott damit nicht angetastet. Diese kann man dem treuen Christen nicht nehmen. Wer bis zum Ende hin standhaft bleibt, wird den ewigen Lohn erhalten. Dann wird genau diese himmlische Freude herrschen, die Johannes in der Offenbarung bei jenen geschaut hat, die dieses ganze Leiden hinter sich gelassen haben, wahrlich durchs Feuer gegangen sind, um nun ganz beim Thron Gottes zu verweilen.

Jesus spielt mit offenen Karten und verspricht nichts, was sich am Ende gar nicht bewahrheitet. Er legt den Weg zum Vater ganz offen – es ist ein einziger Kreuzweg. Aber das Überzeugende daran, dass so viele bis heute bereit sind ihn zu gehen, ist: Jesus selbst ist der Erste, der ihn wirklich gegangen ist. Und was die Kreuzträger am Ende erwartet, ist das ewige Heil. Der Satan macht es genau umgekehrt: Weil die Hölle so unattraktiv ist, wie nichts Anderes, belügt er die Menschen und gestaltet den Weg dorthin möglichst attraktiv. So lockt er sie auf den breiten highway to hell, damit sie am Ende überrumpelt werden, doch dann ist es zu spät.

Was wir heute in den Lesungen gehört haben, lässt sich mit den Seligpreisungen der Bergpredigt zusammenfassen. Wir dürfen uns selig preisen, wenn wir im Namen Jesu alles Erdenkliche durchmachen, denn unser Lohn ist uns sicher. Das heißt nicht, dass wir uns auf eine billige Jenseitsvertröstung einlassen sollen, sondern mit österlichen Augen sowie den Augen der Ewigkeit auf dieses vorübergehende Leben blicken sollen. Dann werden wir die manchmal so übermächtig erscheinende Macht des Bösen und das endlos wirkende Leiden unseres Lebens richtig einordnen. Dann werden wir durchhalten und nicht resignieren.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 34. Woche im Jahreskreis

Offb 14,14-19; Ps 96,10.11-12.13; Lk 21,5-11

Offb 14
14 Dann sah ich und siehe, eine weiße Wolke. Auf der Wolke thronte einer, der wie ein Menschensohn aussah. Er trug einen goldenen Kranz auf dem Haupt und eine scharfe Sichel in der Hand.

15 Und ein anderer Engel kam aus dem Tempel und rief dem, der auf der Wolke saß, mit lauter Stimme zu: Schick deine Sichel aus und ernte! Denn die Zeit zu ernten ist gekommen: Die Frucht der Erde ist reif geworden.
16 Und der auf der Wolke saß, schleuderte seine Sichel über die Erde und die Erde wurde abgeerntet.
17 Und ein anderer Engel trat aus dem himmlischen Tempel. Auch er hatte eine scharfe Sichel.
18 Vom Altar her kam noch ein anderer Engel, der die Macht über das Feuer hatte. Dem, der die scharfe Sichel trug, rief er mit lauter Stimme zu: Schick deine scharfe Sichel aus und ernte die Trauben vom Weinstock der Erde! Seine Beeren sind reif geworden.
19 Da schleuderte der Engel seine Sichel auf die Erde, erntete den Weinstock der Erde ab und warf die Trauben in die große Kelter des Zornes Gottes.

In der heutigen Lesung hören wir nun den zweiten Teil des Kapitels, in dem durch das Erntemotiv eine Gerichtshandlung erfolgt. Gestern wurde sie schon angekündigt.
Johannes sieht den Menschensohn auf einer Wolke. Es wird gesagt, dass er eine Gestalt sieht gleich einem Menschensohn und im weiteren Verlauf erhält diese Figur engelhafte Züge, wird sogar als Engel bezeichnet. Und doch können wir hier erkennen, dass es Jesus sein muss. Wir müssen bedenken, dass Johannes ihn hier ganz verklärt und verherrlicht sieht, sodass er ganz anders aussieht. Womöglich umschreibt er ihn deshalb als Engel, vielleicht auch vor dem Hintergrund alttestamentlicher Angelophanie. Es lassen sich nämlich eine Analogie zu Dan 7 erkennen. Die Wolke ist ein wichtiger Hinweis, denn diese sind in der Hl. Schrift stets Theophaniezeichen, also ein Phänomen, das die Gegenwart Gottes anzeigt. Wir hören davon z.B. beim Auszug aus Ägypten, als Gott bei Tag in Form einer Wolkensäule dem Volk vorangeht und bei Nacht als Feuersäule zu sehen ist. Wir hören auch davon, als eine Wolke den Berg Tabor umhüllt und Gottes Stimme die Gottessohnschaft Christi proklamiert. Es ist auch diese Wolke, durch die hindurch Christus zum Vater heimgekehrt ist. Seine Heimkehr wird auf demselben Weg erwartet, weshalb dieses Bild in der Johannesoffenbarung sofort erkennen lässt: Christus ist wiedergekommen! Er ist dabei gekommen, um Gericht zu halten. Das hat er selbst angekündigt und so sind wir als Zuhörer schon darauf vorbereitet, was nun kommt.
Wichtig ist auch, dass der Menschensohn einen goldenen Kranz trägt. Solche Kränze hatten viele Funktionen, unter anderem eine kultische. Darüber habe ich schon öfters in der Thronsaalvision geschrieben. Dabei ist zu sagen, dass bei antiken Wettkämpfen die Richter ebenfalls solche Kränze trugen. Christus ist also nun gerüstet, um seine Aufgabe zu erfüllen. Dazu zählt auch die Sichel in seiner Hand. Es kündigt einen Erntevorgang an, bei dem Christus selbst die Früchte abschneiden wird.
Ein anderer Engel gibt den Befehl, die Sichel auf die Erde zu schleudern, um dadurch die Ernte in Gang zu setzen. So wirft der Menschensohn die Sichel auf die Erde, sodass diese abgeerntet werde. Ein weiterer Engel kommt aus dem himmlischen Tempel mit einer scharfen Sichel sowie ein weiterer Engel vom Altar her. Diese vielen Engel sind die Assistenten beim Gericht Gottes. Ein Engel hat die Macht „über das Feuer“. Die verschiedenen Assistenten haben die Macht über verschiedene Elemente der Schöpfung. In Offb 7 waren vier Engel an den vier Weltecken zu sehen, die die Macht über die Winde hatten. Hier geht es also nun um einen Engel, der für das Feuer zuständig ist. Dieser gibt vor: „Schick deine scharfe Sichel aus und ernte die Trauben vom Weinstock der Erde! Seine Beeren sind reif geworden.“ Nun ist die Zeit der Ernte reif, wie Jesus schon seinen Aposteln z.B. bei der Episode am Jakobsbrunnen angekündigt hat. Dass bei dem Erntemotiv ausgerechnet ein Weinstock abgeerntet wird, ist kein Zufall. Jesus selbst hat dieses Bild für seine Kirche angewandt: Er ist der Weinstock – das ist sein Leib. Die Reben sind seine Jünger, im anderen Bild also die Glieder. Doch hier befinden wir uns in einem anagogischen Kontext. Es geht um die Endzeit und das Weltgericht. So muss man nun als Weinstock die ganze Menschheit annehmen. Schließlich entkommt kein einziger Mensch dem Gericht Gottes.
Da die Zeit des Richtens gekommen ist, wird in diesem Bildfeld die Reife des Weinstock verkündet. Nun müssen die Reben also abgepflückt werden. Es wird sich zeigen, wie die Früchte sind – genießbar oder sauer. Die Sichel wird geschleudert, was bemerkenswert ist. Normalerweise hält man sie in der Hand und holt beim Schneiden aus. Durch eine schwungvolle Bewegung wird das zu Erntende abgeschnitten. Die Trauben werden gepflückt und in die große Kelter des Zornes Gottes geworfen. Dieses Bild umschreibt die Sammlung aller Menschen vor Gott, damit sie gerichtet werden.
Der Zorn Gottes ist dabei nichts Affektives, Impulsives, Emotionales, Spontanes oder Überzogenes, wie wir den Zorn vom Menschen her kennen. Gottes Zorn ist eine absolut kontrollierte, vernünftige und angemessene Reaktion auf das ergangene Unrecht der Menschheit. Es ist seine Reaktion auf die Sünde der Welt. Wenn nun also die Trauben in der Kelter getreten werden, dann wird jede einzelne Sünde ans Tageslicht gebracht. Gott wird in seiner brennenden Liebe den Menschen vorhalten, was sie gegen ihn getan haben. Keiner kann sich herauswinden. Es geht auf die absolute Konfrontation hinaus.

Ps 96
10 Verkündet bei den Nationen: Der HERR ist König! Fest ist der Erdkreis gegründet, er wird nicht wanken. Er richtet die Völker so, wie es recht ist.
11 Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke, es brause das Meer und seine Fülle.
12 Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst. Jubeln sollen alle Bäume des Waldes
13 vor dem HERRN, denn er kommt, denn er kommt, um die Erde zu richten. Er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit und die Völker nach seiner Treue.

Der Antwortpsalm ist heute Ps 96 entnommen, der von hymnischen Abschnitten durchzogen ist und zum Ende hin das sogenannte Thronbesteigungsmotiv aufgreift. Dabei handelt es sich um Aussagen, die Gottes Königtum thematisieren und seinen Herrschaftsantritt schildern. Es passt insofern zur Lesung, als auch dort Gott seine Macht durchsetzt, indem er Gericht spricht.
Ganz in typischem Psalmenstil ruft der Psalmist die ganze Schöpfung dazu auf, den Herrn zu lobpreisen, denn der Messias kommt, der universales Heil bringt. Die Nationen werden mit dem Begriff בַגֹּויִ֨ם baggojim „in/bei den Völkern/Nation“ ausgedrückt. Das heißt, es umfasst die nichtjüdischen Völker und ist somit ein Hinweis auf den Neuen Bund Gottes mit allen Menschen. In den heutigen Versen werden zudem die verschiedenen Bereiche der Schöpfung zum Lobpreis aufgefordert, was ein typisches Psalmenelement darstellt.
Diesen Psalm haben wir auch in der Adventszeit gebetet, hier bezieht er sich nun auf den zweiten Advent: auf die Wiederkunft Christi am Ende der Zeiten. Das ist auch das zentrale Thema der heutigen Lesung. Die ganze Kirche ist in einer adventlichen Stimmung bis zum Ende der Welt, denn sie erwartet das Kommen des Menschensohnes. Und das verleiht den Christen die unerschütterliche Hoffnung auf ein gutes Ende für die eigene Biographie, aber auch für die gesamte Weltgeschichte. Wenn Gott nämlich wiederkommt, wird er „seinen Thron besteigen“. Von den apokalyptischen Büchern der Bibel wissen wir, dass Gott längst auf seinem Thron sitzt und herrscht, doch am Ende der Zeiten wird er sich gegen die bösen Mächte durchsetzen, denen er momentan noch einen gewissen Spielraum zugesteht. Dann wird er als königlicher Herrscher die Völker richten. Am Ende der Zeiten wird es ein Weltgericht geben, dem sich keiner entziehen kann. Das hat Johannes heute in der Lesung geschaut.
Was auffällig ist und auch in der Offb so formuliert wird: Gott wird nicht sein, sondern er kommt. Gleich zweimal wird dies hier ausgesagt. Gott ist schon unterwegs zu uns, statt in unbestimmter Zukunft erwartet zu werden. Das ist der Kern adventlicher Erwartung, sowohl auf Weihnachten hin als auch auf das Ende der Zeiten hin. Wir leben auch in adventlicher Erwartung auf die Eucharistie. Jesus Kommt sakramental immer wieder zu uns und wir leben in eucharistischer Gesinnung. Gott kommt auch immer wieder in unser alltägliches Leben. Wir müssen nur genau hinschauen. Wie viele Wunder geschehen von Tag zu Tag, an denen man Gottes Eingreifen erkennen kann. Wir empfangen den Herrn in der Kommunion und wenn wir es zulassen, dann bleibt er bei uns. Er bestimmt unser Leben und stärkt uns in den täglichen Kämpfen.
Im Psalm fällt auf, dass das Gericht Gottes sehr positiv gesehen wird. Gottes Gerichtshandeln ist absolut gerecht und dadurch eine Erlösung von der Ungerechtigkeit, unter der das Volk Israel leidet. Auch wir haben nichts zu befürchten, wenn wir uns aufrichtig um unsere Beziehung zu Gott bemühen, wie es auch Paulus im Thessalonicherbrief verdeutlicht. Konkret zeigt sich dies durch unsere Früchte – aus Liebe seine Gebote zu halten und die Heilsmittel dafür in Anspruch zu nehmen.

Lk 21
5 Als einige darüber sprachen, dass der Tempel mit schön bearbeiteten Steinen und Weihegeschenken geschmückt sei, sagte Jesus:

6 Es werden Tage kommen, an denen von allem, was ihr hier seht, kein Stein auf dem andern bleibt, der nicht niedergerissen wird.
7 Sie fragten ihn: Meister, wann wird das geschehen und was ist das Zeichen, dass dies geschehen soll?

8 Er antwortete: Gebt Acht, dass man euch nicht irreführt! Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es! und: Die Zeit ist da. – Lauft ihnen nicht nach!
9 Wenn ihr von Kriegen und Unruhen hört, lasst euch nicht erschrecken! Denn das muss als Erstes geschehen; aber das Ende kommt noch nicht sofort.
10 Dann sagte er zu ihnen: Volk wird sich gegen Volk und Reich gegen Reich erheben.
11 Es wird gewaltige Erdbeben und an vielen Orten Seuchen und Hungersnöte geben; schreckliche Dinge werden geschehen und am Himmel wird man gewaltige Zeichen sehen.

Jesus und seine Jünger bewegen sich durchs Tempelareal und man hört staunende Menschen über den prächtigen Bau. Man muss wirklich sagen, dass der Herodianische Tempel alle bisherigen Vorgänger in den Schatten gestellt hat. Die Verarbeitung, die Ausweitung, der Prunk durch die vielen Weihegeschenke.
Doch dies nimmt Jesus zum Anlass die Zerstörung des Tempels anzukündigen. Nicht ein Stein wird auf dem andern bleiben. Was er meint, ist die Zerstörung durch die Römer. Das ist der wörtliche Sinn dieser Aussage, doch wir sehen noch tiefer. In diesem Kontext müssen wir die Zerstörung Jerusalems vor allem anagogisch verstehen. In den letzten Zeiten wird kein Stein auf dem anderen bleiben. Das wird eine schmerzhafte Erfahrung, doch nur so kann das neue Jerusalem, errichtet werden, die neue Schöpfung, die Johannes am Ende der Offenbarung schaut. Vor allem wegen dieser anagogischen Bedeutung beginnt Jesus deshalb, über die Zeichen am Ende der Zeiten zu sprechen.
Die Jünger fragen Jesus, ob dieses schreckliche Ereignis sich irgendwie anbahnen wird durch Zeichen. Sie fragen dies, um rechtzeitig vorgewarnt zu werden. Und so beginnt Jesus seine endzeitliche Rede. Was er hier ankündigt, sind die letzten Ereignisse, bevor das Jüngste Gericht kommt, von dem wir in der Lesung gehört haben.
Bis dahin müssen die Jünger sehr wachsam sein, denn die Verwirrung und Verführung wird groß sein: „Denn viele werden unter meinem Namen auftreten und sagen: Ich bin es! und: Die Zeit ist da.“ Es wird viele falsche Messiasse geben, die falsche Botschaften und falsche Hoffnung bringen. Doch Jesus ist da ganz deutlich: „Lauft ihnen nicht nach!“ In Wirklichkeit handelt es sich bei diesen Menschen um antichristliche Boten. Sie möchten so viele Menschen kurz vor knapp von Gott wegführen. Das ist der eigentliche Kampf, der ausgetragen wird. Es geht um das ewige Leben und darum, dass wir Menschen der Endzeit es nicht erhalten sollen.
Und doch sollen die Jünger damals sowie wir heute keine Angst haben, wenn wir von Kriegen und Unruhen hören – solche, die sich auf die sichtbare sowie solche, die sich auf die unsichtbare Welt beziehen. Das sind die Wehen der Geburt der Endzeit. Es muss sein. Und doch ist das noch nicht das Ende. Jesus spricht in vielen apokalyptischen Bildern, die uns aus dem gesamtbiblischen Zeugnis bekannt sind. Völker führen Krieg gegeneinander, Erdbeben tragen sich zu, Seuchen und Hungersnöte wüten. Ganz besonders spezifisch werden die verrückt spielenden Himmelskörper sein. Wenn das nämlich passiert, wissen die Jünger, dass das Ende unmittelbar bevorsteht. Die Schöpfung, wie sie laut Genesis hervorgegangen ist, wird wieder rückgängig gemacht. Erst dann kann Gott eine neue Schöpfung herbeiführen.
Wenn wir auf unsere heutige Welt schauen, sehen wir bereits viele dieser Zeichen. Das Ende ist wirklich nahe. Besonders bedrohlich ist aber die Verwirrung durch den Widersacher Gottes. Unsere Gesellschaft wird immer antichristlicher und wenn Gott zur Sprache kommt, dann in einem verzerrten Licht. Die Verwirrung betrifft aber nicht nur die Welt außerhalb der Kirche, sondern ist schon mitten in ihr angekommen. Die geistliche Schlacht wütet im Herzen der Kirche. Und doch müssen wir keine Angst haben, sondern uns bereit machen. Denn das heißt, dass es bald geschafft ist.

Nutzen wir diese letzte Zeit also nun wirklich dafür, noch alles zu tun, um bei der endzeitlichen Ernte gute Früchte hervorzubringen. Lassen wir uns nicht verwirren, sondern haben wir den Herrn immer vor Augen. Klammern wir uns noch fester an ihn, der unsere Rettung ist. Er wird uns nicht enttäuschen und wir werden so das ewige Leben bewahren.

Ihre Magstrauss

Montag der 34. Woche im Jahreskreis

Offb 14,1-3.4b-5; Ps 24,1-2.3-4.5-6; Lk 21,1-4

Offb 14
1 Und ich sah und siehe, das Lamm stand auf dem Berg Zion und bei ihm waren hundertvierundvierzigtausend; auf ihrer Stirn trugen sie seinen Namen und den Namen seines Vaters geschrieben.

2 Dann hörte ich eine Stimme vom Himmel her, die dem Rauschen von Wassermassen und dem Rollen eines gewaltigen Donners glich. Die Stimme, die ich hörte, war wie der Klang der Harfe, die ein Harfenspieler schlägt.
3 Und sie sangen ein neues Lied vor dem Thron und vor den vier Lebewesen und vor den Ältesten. Aber niemand konnte das Lied lernen außer den hundertvierundvierzigtausend, die von der Erde weg freigekauft sind.
4 Sie folgen dem Lamm, wohin es geht. Sie allein unter allen Menschen sind freigekauft als Erstlingsgabe für Gott und das Lamm.
5 Denn in ihrem Mund fand sich keinerlei Lüge. Sie sind ohne Makel.

In der heutigen Lesung hören wir erneut von der Personengruppe, die Johannes in Offb 7 geschaut hat und von der wir an Allerheiligen gehört haben: Es geht um die 144.000 Besiegelten, die in Triumphmodus zum Thron Gottes herangetreten sind. Heute lernen wir ein kleines Detail dazu: Ihre Besiegelung auf der Stirn, die mit dem Siegel des lebendigen Gottes vorgenommen worden war und wir als das Siegel der Taufe identifiziert haben, ist auf den Namen des Vaters und des Sohnes geschehen (hier als Lamm bezeichnet). Es deutet an, in welchem Namen die Taufe geschieht, ja die trinitarische Formel, wobei hier der Hl. Geist nicht genannt wird. Sie stehen gemeinsam mit dem Lamm auf dem Berg Zion, was eine wichtige messianische Verheißung erfüllt: In Jes 2,3 wird verheißen, dass die Weisung vom Zion ausgehen wird. Alle wichtigen heilsgeschichtlichen Ereignisse finden auf einem Berg statt und Zion wird nun zum neuen Gottesberg, der den Sinai bei der Torahgabe ablösen wird. Christus, das Lamm Gottes ist die fleischgewordene Torah, die ausgeht vom Zion. Wir dürfen diese Vision durchaus verstehen vom Ereignis des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. Durch dieses Erlösungswirken ist es den 144.000 überhaupt ermöglicht worden, besiegelt zu werden. Die Weisung geht nun wirklich aus vom Zion. Und vor dem Hintergrund messianischer Texte wie in Jesaja wird auch impliziert, dass das Gericht Gottes vom Zion ausgeht. Das bereitet den Hörer auf die zweite Hälfte des Kapitels vor, wo durch ein Erntemotiv das Gericht Gottes geschaut wird.
Johannes hört daraufhin eine Stimme vom Himmel her, die er so laut und übermächtig wahrnimmt, dass er sie nur mit Wassermassen und Donner vergleichen kann. Das tut er bereits am Anfang der Offb. Wenn wir an einen großen Wasserfall denken oder an die starke Strömung eines Flusses bei Regenschauern, können wir uns vorstellen, wie laut und dröhnend er die Stimme wahrgenommen hat. Der Vergleich mit Wassermassen ist übrigens aus der Tradition alttestamentlicher Prophetie. Bereits in Ez 1,24; 43,2 und in Dan 10,6; 19,6 kommt dieser Vergleich vor. Die Stimme ist also sehr laut und furchteinflößend, zugleich aber auch wie Musik. Ein Harfenspieler schlägt wunderschöne Töne, die einen harmonischen Klang erzeugen. Was vom Himmel kommt, ist also zugleich wunderbar. Die Engelscharen werden in der Offb oft als „Orchester“ von Harfenspielern verstanden. So sind auch Offb 5,8 sowie 15,2 zu verstehen. Was wir aus diesen Vergleichen lernen: Der Himmel ist nicht still. Der Himmel ist auch nicht leer, sondern voll von Leben, das die Sinne komplett überwältigen.
Es wird sodann berichtet, dass diese Menschenschar der 144.000 vor dem Thron, vor den Lebewesen und Ältesten ein neues Lied singen. Wir denken an Offb 7 zurück und begreifen, dass wir zurück im himmlischen Thronsaal sind.
Dieses Lied ist jenen vorbehalten, die von der Erde weg freigekauft sind. Das bezieht sich zurück auf Offb 5, wo das Erlösungswirken Jesu Christi als Loskauf der Sklaven bezeichnet wird. Es ist also ein Gesang des Himmels, den jene noch nicht singen können, die es noch nicht geschafft haben: die streitende Kirche auf Erden.
Diese Menschenschar folgt dem Lamm – sie taten es ihr Leben hindurch bis in den Tod. Sie haben ernst genommen, was Christus seinen Jüngern erklärt hat: Wer mir nachfolgt, verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach. Sie sind bis zum Tod standhaft geblieben und haben alle Kämpfe und Nachstellungen des Teufels überwunden. So stehen sie nun als Sieger vor Gott.
Was heißt aber „Erstlingsgabe“? Das ist ein kultischer Begriff des Alten Israel. Wenn die Zeit der Ernte kam, opferte man die besten Früchte Gott auf als Zeichen der Dankbarkeit. Denn es ist nicht selbstverständlich, dass Gott uns mit Erntereichtum beschenkt. Wir denken an den Sündenfall zurück, bei dem Gott dem Menschen ankündigte, wie schwer es von nun an werden würde, einen Ertrag zu erzielen. Es ist ein Zurückgeben des Besten an Gott, der die Früchte geschenkt hat. Es ist zugleich ein Dankeszeichen für das Verheißene Land, das er seinem Volk geschenkt hat und von sie die Früchte geerntet haben. Als Erstlingsgabe sind auch die besten Tiere geopfert worden, die das Vieh hervorgebracht hat. Die besten Lämmer sind z.B. für den Opferkult verwendet worden. Es ist auch bei Menschen so, dass man den Erstgeborenen einer Familie dem Herrn dargebracht hat. Da man aber keine Kinder opfern konnte, wurden sie sozusagen „ausgelöst“. Das heißt ihre Darbringung geschah stellvertretend durch Opfertiere. Jesus ist auf diese Weise dargebracht worden vierzig Tage nach seiner Geburt. Es ist der Tag, an dem die Heilige Familie auf Simeon und Hanna treffen.
Wenn hier also gesagt wird, dass diese Menschen die Erstlingsgabe Gottes sind, dann meint es, dass sie für Gott geheiligt sind. Wir könnten es auf ein Martyrium beziehen, sodass sie tatsächlich geopfert worden sind. Wir können es aber auch darauf beziehen, dass sie in einem heiligmäßigen Zustand gestorben sind. Schließlich könnte man es auch so verstehen, dass es die ersten sind, die diesen Weg beschritten haben. Auf diesen folgen noch weitere. Sie sind dann sozusagen die „älteren Geschwister“ in der Familie Gottes.
Entscheidend ist das Stichwort der Heiligkeit. Sie gehören ganz Gott, weil sie geheiligt sind in dem Blut des Lammes bei der Taufe und sie haben sich heilig gehalten durch ein heiligmäßiges Leben. Gnade und Tugend hat eine Symbiose der Heiligkeit erzeugt, aufgrund derer hier gesagt wird: „Sie sind ohne Makel.“

Ps 24
1 Ein Psalm Davids. Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.

2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.
3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
4 Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat.
5 Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, die dein Angesicht suchen, Jakob.

Als Antwort beten wir den liturgischen Psalm 24, der im Wechselgesang zwischen Gläubigen und Priestern im Tempel von Jerusalem gebetet worden ist. Das ist sehr passend, da wir ja in der Lesung in den himmlischen Thronsaal, dem Ort der himmlischen Liturgie, zurückgekehrt sind. In den ersten Versen wird die Universalherrschaft Gottes thematisiert: „Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.“ Nicht nur der Planet ist Gottes Eigentum, sondern auch die Lebewesen auf der Erde. Alles gehört ihm, weil er alles geschaffen hat, „denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.“ Wir müssen bei diesen Worten bedenken, wie das Weltbild der Menschen damals aussah: Man glaubte, dass die Erde von Wasser umschlossen war, sodass unter der Erde sowie über dem Himmel Wasser vermutet worden ist. Man glaubte, dass die Erde auf Pfeilern über dem Urmeer errichtet worden sei. Das steckt hinter der Formulierung, dass der Erdkreis auf Meere gegründet sei. In der Johannesoffenbarung schaute Johannes ja ein Kristallmeer, das in diesem Weltbild dem Gewässer über dem Himmel entspricht.
„Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?“ ist eine Frage der Gläubigen, die sie an die Priester richten.
Daraufhin antworten die Priester: „Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt“. Das ist eine sehr fortgeschrittene Antwort, da die Herzensreinheit zu jener Zeit oft ignoriert oder einfach noch nicht begriffen wird. Viele Propheten sprechen das Thema an und kritisieren die unreinen Opfer der Menschen aufgrund der fehlenden Aufrichtigkeit. Sie beuten die Schwachen aus und führen ein unmoralisches Leben, bringen aber zugleich Opfer dar in der Erwartung, dass Gott sie erhört. König David, der diesen Psalm gedichtet hat, versteht diesen Aspekt sehr gut und möchte deshalb, dass die Gläubigen die Herzensreinheit in der Liturgie ansprechen. Diese Heiligkeit als Voraussetzung für das Herantreten zu Gottes Heiligtum ist uns in der Johannesoffenbarung in Visionsform vermittelt worden. Heiligkeit ist eine Reinheit und Enthaltung von Sünde. Es ist die Aufrechterhaltung der Taufgnade, das Reinhalten des weißen Gewandes, das ihnen in der Taufe geschenkt worden ist.
Im zweiten Satzteil geht es um die Unabhängigkeit von Nichtigkeiten. Gemeint sind Güter, die vergänglich sind und die einen nicht näher zu Gott bringen. Götzen werden oft als Nichtigkeiten bezeichnet, doch das hebräische Wort ist an der Stelle nicht wie hier שָׁוְא shaw sondern אֱלִיל elil. Auch das Schwören eines Meineids macht den Menschen kultunfähig. Wer sich dagegen von alledem fernhält, „wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.“ Wer also die Gebote Gottes hält, ist gerecht.
Und zum Ende hin sprechen die Priester im Grunde Gott selbst an mit verheißungsvollen Worten für die Gläubigen: Jakob trifft darauf zu. Es ist wahrlich ein Geschlecht, dass nach Gott fragt und somit würdig ist, zu seinem heiligen Tempel zu kommen. Wir müssen uns das hebräische Verb genauer anschauen: Das Verb an dieser Stelle ist דֹּרְשֹׁו darschu, was wir als ein sehnsuchtsvolles Fragen verstehen. Es kann auch mit „verlangen“ übersetzt werden. Es ist eine Sehnsucht nach Gott, die nur jener Mensch besitzen kann, dessen Herz an Gott hängt. Auch die zweite Verbform ist in diesem Duktus zu betrachten: מְבַקְשֵׁ֨י m’waqschej ist eine Suche nach dem Angesicht Gottes aus Sehnsucht nach ihm.
Jesus sagte: Wer suchet, der findet. Wir sehen an den 144.000 in der Lesung, dass weil sie ihr Leben lang Gott gesucht haben (auch gerade im Sinne der sehnsuchtsvollen Suche), ihn finden – auf seinem erhabenen Thron im Himmelreich!

Lk 21
1 Er blickte auf und sah, wie die Reichen ihre Gaben in den Opferkasten legten.

2 Er sah aber auch eine arme Witwe, die dort zwei kleine Münzen hineinwarf.
3 Da sagte er: Wahrhaftig, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen.
4 Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss hineingeworfen; diese Frau aber, der es am Nötigsten mangelt, hat ihren ganzen Lebensunterhalt hergegeben.

Im Evangelium hören wir von einer ganz schlichten Begebenheit, die aber ein wunderbares Beispiel für heiligmäßiges Leben darstellt, das den Menschen zu einer Erstlingsgabe Gottes macht und ihm den Weg vor den Thron Gottes bereitet:
Jesus und seine Jünger sind im Tempelareal. Wo sie sich aufhalten, haben sie Blick auf den Opferkasten. So sieht Jesus nach und nach reiche Menschen, die kommen und ihre Gaben dort hineinwerfen. Dann kommt plötzlich eine arme Witwe und wirft zwei kleine Münzen hinein. Wir müssen bedenken, dass Witwen nichts haben und keine besondere Versorgung erhalten. Es gibt keine Sozialversorgung für jene, die sie am meisten benötigen. So müssen Witwen, Waisen, körperlich oder psychisch Beeinträchtige selber schauen, wie sie zurechtkommen. Diese Frau kämpft also jeden Tag ums Überleben. Was sie dort in den Opferkasten wirft, ist offensichtlich alles, was sie besitzt. Sie wirft ihren gesamten Lebensunterhalt hinein, während die reichen Menschen immer von ihrem Überfluss abgeben.
Deshalb sagt Jesus zu seinen Jüngern: „Wahrhaftig, ich sage euch: „Diese arme Witwe (…) hat mehr hineingeworfen als alle anderen.“ Es ist sehr lobenswert nicht nur, weil sie alles gegeben hat, was sie besitzt, sondern auch weil sie dadurch ganz auf die Vorsehung Gottes vertraut. Ihr geht es wirklich um das Reich Gottes, weshalb sie bereit ist, alles herzugeben. Weil Gott ihr großes Herz gesehen hat, das sie selbst in ihrer eigenen Not noch für die anderen hat, wird er ihr alles dazugeben, was sie braucht. Sie gibt also offensichtlich im Vertrauen, dass Gott sich am nächsten Tag um sie kümmern wird. Das ist die Hingabe, die Jesus sich von allen seinen Jüngern wünscht, ein Glaube, der riesengroß ist.
Diese Frau hat ein Verhalten an den Tag gelegt, das sich einreiht in die Verhaltensweisen eines heiligmäßigen Lebens. Wenn sie in allem diese Hingabe beweist, bis zur Hingabe des eigenen Lebens, wird sie sich eines Tages einreihen in die Schar der Heiligen, die auf ewig bei Gott sein wird.

Heute hören wir noch einmal Texte, die zu einem heiligmäßigen Leben aufrufen. Wir gehen ja immer mehr dem Ende der Zeiten zu. Bevor wir uns versehen, kommt über uns das Gericht. Wenn wir uns bemüht haben darum, unsere Taufgnade aufrecht zu erhalten, werden wir dann nichts zu fürchten haben.

Ihre Magstrauss

Samstag der 33. Woche im Jahreskreis

Offb 11,4-12; Ps 144,1-2c.9-10; Lk 20,27-40

Offb 11
4 Sie sind die zwei Ölbäume und die zwei Leuchter, die vor dem Herrn der Erde stehen.
5 Wenn ihnen jemand Schaden zufügen will, schlägt Feuer aus ihrem Mund und verzehrt ihre Feinde; so muss jeder sterben, der ihnen schaden will.
6 Sie haben Macht, den Himmel zu verschließen, damit kein Regen fällt in den Tagen ihres Wirkens als Propheten. Sie haben auch Macht, das Wasser in Blut zu verwandeln und die Erde zu schlagen mit allen möglichen Plagen, sooft sie wollen.
7 Wenn sie ihren Auftrag als Zeugen erfüllt haben, wird das Tier, das aus dem Abgrund heraufsteigt, Krieg mit ihnen führen, sie besiegen und töten.
8 Und ihre Leichen bleiben auf der Straße der großen Stadt liegen. Diese Stadt heißt, geistlich verstanden: Sodom und Ägypten; dort wurde auch ihr Herr gekreuzigt.
9 Menschen aus allen Völkern und Stämmen, Sprachen und Nationen werden ihre Leichen dort sehen, dreieinhalb Tage lang; sie werden nicht zulassen, dass die Leichen in einem Grab bestattet werden.
10 Und die Bewohner der Erde freuen sich darüber, beglückwünschen sich und schicken sich gegenseitig Geschenke; denn die beiden Propheten hatten die Bewohner der Erde gequält.
11 Aber nach den dreieinhalb Tagen kam von Gott her wieder Lebensgeist in sie und sie stellten sich wieder auf ihre Füße. Da überfiel alle, die sie sahen, große Angst.
12 Und sie hörten eine laute Stimme vom Himmel her, die ihnen zurief: Kommt herauf! Vor den Augen ihrer Feinde stiegen sie in der Wolke zum Himmel hinauf.

In der Lesung wird uns von den zwei von Gott beauftragten Zeugen berichtet, die namentlich nicht erwähnt, durch den bestimmten Artikel aber den Adressaten als bekannt vorausgesetzt werden. Dadurch dass Gott selbst sie als „meine Zeugen“ bezeichnet, zeigt das ihre besonders innige Beziehung mit Gott. Unser heutiger Abschnitt setzt jedoch erst ab der Umschreibung ein, dass diese beiden Zeugen zwei Ölbäume und zwei Leuchter vor Gott darstellen. Sie sind also beide jeweils Ölbaum und Leuchter, haben also beide dieselbe Vollmacht von Gott bekommen. Ihr beständiges Stehen vor Gottes Thron zeigt, dass sie dauerhaft im Dienst Gottes stehen. Aber was bedeuten diese beiden Codeworte? Es geht auf Sach 4,3.11-14 zurück. Da sind es zwei Ölbäume, die links und rechts von einem Leuchter stehen. In der Offb sieht Johannes nun eine Steigerung des Bildes. Die Bezeichnung „Ölbaum“ ist auf die Salbung durch Gott zu beziehen. Sie sind zugleich Leuchter, was unter anderem einen liturgischen Gegenstand bezeichnet. Die Zeugen sind also königlich und priesterlich. Wir erinnern uns an die Stellen in der Offb, in denen die von Christus Freigekauften für Gott zu Königen und Priestern gemacht worden sind. Sie gehören also ganz Gott durch den Neuen Bund.
Was uns nicht verlesen worden ist, aber bereits zuvor gesagt wurde: Die beiden Zeugen (es sind übrigens zwei Zeugen aufgrund des antiken Zeugenrechts, darüber sprach ich mal an ganz anderer Stelle) sind Propheten und Bußprediger, weil sie in Sackgewändern umhergehen. Das ist sowohl als die Uniform von Propheten bekannt (lesen Sie mal in den Prophetenbüchern des Alten Testaments) sowie als Bußgewand.
Was wir im weiteren Verlauf für Zeichen hören, sind Andeutungen der Zeichenhandlungen des Alten Testaments – ganz bewusst. Die Entrückung der Wiederbelebten, die wir zum Ende hin hören, ist ebenfalls ein Zeichen, das wir bereits kennen: Es geht unter anderem um die Andeutung des Elija.
Die Zeugen stehen unter einen besonderen Schutz, sodass die bösen Absichten ihrer Feinde auf sie zurückfallen werden. Es wird Feuer aus dem Mund der Propheten kommen und die Feinde verzehren. Das kann man wörtlich verstehen, aber auch als Umschreibung eines Fluchs, der ausgesprochen und dann Realität wird. Er ist wie Feuer, das die Feinde verzehrt.
Die Macht, den Himmel zu verschließen, meint das Ausbleiben von Regen. Das führt uns zu Elija, der in Gottes Auftrag eine Hungersnot veranlasste aufgrund einer großen Trockenheit. In diesem Vers wird auch gesagt, dass die Zeugen als Propheten wirken.
Die Zeugen haben auch die Macht, Wasser in Blut zu verwandeln sowie verschiedene Plagen auf der Erde zu veranlassen. Das erinnert uns an Mose, durch den Gott die Ägypter mit zehn Plagen schlug.
Wenn sie ihren Auftrag erfüllt haben – 1260 Tage lang zu predigen, was dreieinhalb Jahren entspricht, wird das aus dem Abgrund aufsteigende Tier – der Satan – sie bekämpfen, besiegen und töten. Warum dauert der Auftrag aber dreieinhalb Jahre? Das ist wieder Ausdruck biblischer Zahlensymbolik. Die Zahl dreieinhalb ist die Hälfte der sieben. Gottes Heil ist ewig (sieben), dagegen ist die Zeit der Bedrängnis und des Leidens streng umgrenzt. Der Satan hat nur eine kurze Zeit, zu wüten. Deshalb die Hälfte der Siebenzahl. Sie ist die Zahl des Widersachers Gottes. Die Zeugen kämpfen und halten sich wacker, doch die Widerstände sind groß. Schließlich sterben sie sogar für ihren Glauben und ihre Treue zu Gott.
Man lässt ihre Leichen einfach liegen, was Zeichen der absoluten Ehrlosigkeit ist. Diese bleiben dreieinhalb Tage liegen – womöglich ein Racheakt der Bewohner der Welt, denn sie hat es offensichtlich genervt, zur Buße angehalten zu werden. Der Todestag der Zeugen wird sogar zum Feiertag für jene, die ihren Tod herbeigewünscht haben. Sie senden sich gegenseitig Geschenke, denn endlich sind die Störenfriede mundtot gemacht. Der Böse hat scheinbar gesiegt.
Die Leichen bleiben übrigens in der großen Stadt liegen, die geistig Sodom und Ägypten heißt. Da am Anfang des elften Kapitels der Tempel ausgemessen wird und hier nun auch von der Kreuzigung Jesu Christi die Rede ist, könnte man an Jerusalem denken. Doch auch diese Stadt ist als geistige Chiffre zu verstehen: Überall, wo Menschen für den Glauben sterben, ist Jerusalem, der Ort des Todes Jesu Christi. Es ist die verworfene Stadt, die die Zeit der Gnade nicht erkannt hat und somit den Schaden auf sich selbst zurückerhalten wird. Ägypten ist jener Ort der Ablehnung Gottes in Anlehnung an Ägypten, das das Volk Gottes nicht losziehen lassen will und deshalb mit den vielen Plagen geschlagen wird. Es sind ja bereits Andeutungen an das Wirken des Mose gemacht worden. Sodom ist die Stadt in der Hinsicht, dass sie zum Untergang geweiht ist durch die absolute Verdorbenheit und Verstrickung in der Sünde.
Als dann der große Wendepunkt kommt – die beiden Zeugen wieder zum Leben erwachen und sich auf ihre Füße stellen – gibt das einen großen Schock für die Weltgemeinschaft. Sie hat sich zu früh gefreut und die Rechnung ohne den allmächtigen Gott gemacht, der das letzte Wort hat.
Die beiden Zeugen stehen repräsentativ für die streitende Kirche, die allen möglichen Bedrängnissen ausgesetzt ist, die vielen Propheten und Diener Gottes, die für ihren Glauben umgebracht werden. Jene, die sie umbringen, sind nicht auf die Bewohner einer bestimmten Stadt bezogen, sondern global gemeint – zu allen Zeiten dieser Zwischenzeit, an allen Orten, wo Gott bezeugt wird und Menschen es nicht hören wollen.
Interessant ist, dass die beiden wiederbelebten Zeugen dann in den Himmel entrückt werden, bevor es ein großes Erdbeben gibt. Das wird uns nicht mehr verlesen. Dieses letzte Detail führt uns auch wieder zu Mose und Elija, zwei Männer die entweder in den Himmel entrückt wurden oder deren Grab nie gefunden worden ist. Sie sind nicht auf normale Weise gestorben wie andere Gerechte des Alten Testaments. Sie sind eine Personengruppe, die öfter gemeinsam genannt wird. Sie sind es zum Beispiel auch, die bei der Verklärung Jesu erscheinen.
Uns zeigt diese Episode: Was die Kirche erleiden muss in dieser letzten Phase, in der der Satan noch Handlungsspielraum hat, ist streng begrenzt und Gott hat das letzte Wort. Die Getöteten sind vielleicht biologisch getötet worden, doch sie gehören ganz Gott. Sie werden mit dem Himmelreich belohnt und können dadurch nur Gewinner sein. Diese streng umrissene Leidenszeit (dreieinhalb) ist nichts im Gegensatz zum ewigen Heil Gottes (sieben).

Ps 144
1 Von David. Gepriesen sei der HERR, mein Fels, der meine Hände den Kampf lehrt, meine Finger den Krieg!
2 Er, meine Huld und meine Festung, meine Burg und mein Retter, mein Schild, dem ich vertraue.
9 Gott, ein neues Lied will ich dir singen, auf der zehnsaitigen Harfe will ich dir spielen,
10 dir, der den Königen Sieg verleiht, der David, seinen Knecht, vom Schwert des Unheils befreit.

Als Antwort beten wir Ps 144. Es ist ein Dankespsalm an Gott den „Felsen“. In den Psalmen lesen wir Gott als Felsen regelmäßig. Gott ist es, „der meine Hände den Kampf lehrt, meine Finger den Krieg“. Zur Zeit Davids ist es noch nicht so eindeutig, aber wir verstehen spätestens seit der Versuchung Jesu, dass es um einen geistigen Kampf, um geistige Waffen geht. David kämpft noch wörtlich. Gott ist es, der rettet und der ein wirklich vertrauensvolles Schild ist. Wir lesen im ersten Samuelbuch, dass der Riese Goliat, Davids ultimativer Feind, einen Waffenträger vor sich herlaufen ließ. Dieser ist nichts im Gegensatz zu Gottes Assistenz im Kampf. David hat als König dann viele Kriege geführt und auch gewonnen. Es gibt aber auch Kriege, die er verloren hat – und das war der tückischste Krieg, den er jemals austragen musste – der geistige Kampf gegen die Versuchungen des Teufels. Offensichtlich hasste er die innige Beziehung zwischen Gott und David. Wir kennen die Geschichte von Urija und seiner Frau Batseba, die David für sich wollte. Die Begierde des Königs hat dem Mann sowie dem unehelichen Kind das Leben gekostet. Er hat die Konsequenzen tragen müssen. Gott ist der Fels und wenn man sich ganz an ihn klammert, wird man nicht untergehen. Wir können diese Worte Davids genauso dankbar beten wie David selbst. Auch uns rettet Gott immer wieder aus Kämpfen, aus geistigen Angriffen und Versuchungen, sodass ihm stets unser Dank gebührt. Wir müssen wirklich sagen: Die Kirche hier auf Erden ist eine streitende Kirche, dauerhaft im Kampf. Das ist es ja, was Johannes in seiner heutigen Vision geschaut hat.
So bleiben wir auch bescheiden und demütig: Wenn wir den Fall Anderer sehen und schadenfroh mit dem Finger drauf zeigen, weil wir nicht dieselbe Sünde getan haben, fallen wir in Null Komma nichts wegen derselben Sünde. Wenn wir aber dankbar auf uns selbst schauen und sagen: „Danke HERR, dass du mich davor bewahrt hast, dass du mir die Kraft gegeben hast, derselben Versuchung zu widerstehen“, erkennen wir an, dass unser Gutsein durch Gottes Gnade ermöglicht wird. Wir rühmen ihn statt uns selbst.
David, so werden wir noch hören, ist ein begnadeter „Harfenspieler“ (es ist keine richtige Harfe wie unser heutiges Instrument, sondern ein antikes Saiteninstrument). Er spielte für König Saul und sein musikalisches Talent gepaart mit seiner Frömmigkeit sowie seiner Kreativität haben uns den Psalter geschenkt, das Psalmenbuch, das heute einen festen Ort in der katholischen Liturgie hat.
Lernen wir von David und beten wir ihm nach, der Gottes Werk anerkennt, „der den Königen Sieg verleiht“ und der „vom Schwert des Unheils befreit“. Dieses Unheil ist in erster Linie geistiger Art. Es bringt von Gott weg. Wir beten dies im Vaterunser, wenn wir sagen „und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen“.

Lk 20
27 Von den Sadduzäern, die bestreiten, dass es eine Auferstehung gibt, kamen einige zu Jesus und fragten ihn:
28 Meister, Mose hat uns vorgeschrieben: Wenn ein Mann, der einen Bruder hat, stirbt und eine Frau hinterlässt, ohne Kinder zu haben, dann soll sein Bruder die Frau nehmen und seinem Bruder Nachkommen verschaffen.
29 Nun lebten einmal sieben Brüder. Der erste nahm sich eine Frau, starb aber kinderlos.
30 Da nahm sie der zweite,
31 danach der dritte und ebenso die anderen bis zum siebten; sie alle hinterließen keine Kinder, als sie starben.
32 Schließlich starb auch die Frau.
33 Wessen Frau wird sie nun bei der Auferstehung sein? Alle sieben haben sie doch zur Frau gehabt.
34 Da sagte Jesus zu ihnen: Die Kinder dieser Welt heiraten und lassen sich heiraten.
35 Die aber, die gewürdigt werden, an jener Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, heiraten nicht, noch lassen sie sich heiraten.
36 Denn sie können auch nicht mehr sterben, weil sie den Engeln gleich und als Kinder der Auferstehung zu Kindern Gottes geworden sind.
37 Dass aber die Toten auferstehen, hat schon Mose in der Geschichte vom Dornbusch angedeutet, in der er den Herrn den Gott Abrahams, den Gott Isaaks und den Gott Jakobs nennt.
38 Er ist doch kein Gott von Toten, sondern von Lebenden; denn für ihn leben sie alle.
39 Da sagten einige Schriftgelehrte: Meister, du hast gut geantwortet.
40 Und man wagte nicht mehr, ihn etwas zu fragen.

Nicht erst die Kirche muss kämpfen gegen die Nachstellungen des Teufels, schon Jesus höchstpersönlich musste kämpfen. Heute hören wir ein Beispiel für eine geistliche „Schlacht“, die er haushoch gewinnt – wie könnte Gott auch gegen ein Geschöpf verlieren?
Die Sadduzäer wollen Jesus, der sich ja jetzt in Jerusalem aufhält, auf die Probe stellen. So kommen sie zu ihm mit einer Frage bzw. einem Szenario, das ich neulich in einem Bibelworkshop angesprochen habe:
Sie deuten die Geschichte Saras an, der Frau, die der junge Tobias im Buch Tobit später heiratet. Aufgrund eines Dämons stirbt ihr Mann in der Hochzeitsnacht, wodurch dessen Bruder sie heiraten muss. Das ergibt sich aus dem jüdischen Recht, das für jene Situation die sogenannte Leviratsehe vorsieht: Ein naher Verwandter (z.B. Bruder) muss die Frau seines verstorbenen Verwandten heiraten, wenn er keine Kinder hinterlassen hat, damit dessen Blut über den Verwandten weitergegeben wird, auch wenn es nicht mehr genau dasselbe Blut ist. Über diesen Umweg soll die verstorbene Frau also einen Erben gebären.
Das Problem bei Sara ist, dass sie mit diesem Fluch belastet ist. Deshalb stirbt auch der Bruder ihres ersten Mannes in der Hochzeitsnacht und der nächste Bruder muss sie heiraten. Auch er stirbt in der Hochzeitsnacht und so geht es weiter, bis alle sieben Brüder verstorben sind.
Die eigentliche Frage kommt nun: Was ist, wenn die Frau dann auch stirbt? Wessen Frau ist sie dann im Himmel, denn alle sieben waren ja mit ihr verheiratet.
Wir merken, dass die Sadduzäer diese Frage nicht ernst meinten, sondern Jesus sowie den Auferstehungsglauben verhöhnen, den sie strikt ablehnten.
Die Sadduzäer halten sich für besonders schlau und meinen, Jesus damit ins Stammeln zu bringen. Wie kann man auf so ein geniales Szenario denn auch eine Antwort finden! Oder? Nein. Sie haben gar nichts verstanden und so ist es ein Leichtes für Jesus, diese Frage zu beantworten:
„Die Kinder dieser Welt heiraten und lassen sich heiraten. Die aber, die gewürdigt werden, an der Welt und an der Auferstehung von den Toten teilzuhaben, heiraten nicht, noch lassen sie sich heiraten.“ Die Ehe ist ein Sakrament, doch im Himmel wird es solche ja nicht mehr brauchen. Heiraten und Kinder bekommen ist eine Sache der irdischen Schöpfung. Im Himmel wird alles ganz anders sein. Jesus argumentiert mit dem ewigen Leben: Man muss sich nicht mehr vermehren, weil man ja nicht sterben wird. Die Menschen, die als Kinder Gottes ewig bei Gott leben, sind den Engeln gleich – vergeistigt.
Jesus verdeutlicht die Wahrheit der Auferstehung noch anhand eines anderen Beispiels, nämlich der Gottesoffenbarung im brennenden Dornbusch: Dort stellt sich Gott dem Mose ja als Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs vor. Wären diese für immer tot, würde Gott mit so einer Umschreibung von sich aussagen, er sei ein Gott von Toten, nicht von Lebenden. Gott ist aber ein Gott der Lebenden, denn für ihn leben die gläubigen Menschen ja.
So bleibt den Sadduzäern nichts mehr zu sagen. Einige Schriftgelehrte geben Jesus sogar recht, denn das ist ja ihr überlieferter Glaube. Wieder einmal hat Jesus die Versucher zum Schweigen gebracht – ganz wie die Dämonen, die durch die Besessenen schreien. Die geistliche „Schlacht“ ist gewonnen.

Heute geht es sehr viel um die Auferstehung von den Toten und jene, die sich zu früh freuen, die Kriegsfeinde Gottes. Wir sind eine streitende Kirche auf Erden, weil der Böse hier noch einen Handlungsspielraum hat. Er schläft nicht, sondern fährt stets seine schweren Geschütze auf. Es ist schon gleich mit der Empfängnis Jesu der Fall, wenn wir an die ganze Leidensgeschichte der heiligen Familie denken, an die Geburt und Flucht nach Ägypten, an die Widerstände bis hin zum letzten Atemzug Jesu am Kreuz. Und so ereilt uns dasselbe Geschick, die wir in seine Nachfolge treten als Gemeinschaft der Gläubigen. Und doch tröstet uns die Offenbarung: Gott hat das letzte Wort und bei ihm können wir nur gewinnen, selbst wenn man unser biologisches Leben raubt. Wie haushoch überlegen Gott, der Fels ist, der schon König David in seinen Schlachten den Rücken gestärkt hat, sehen wir ja im Evangelium. Jesus muss nur ganz paar Worte entgegnen und der Böse muss kapitulieren. Wie so oft versucht er Jesus mithilfe der Hl. Schrift, doch das bringt ihm überhaupt nichts. Der Schöpfer steht höher als sein Geschöpf. Beten wir also stets um Gottes Schutz und Kraft, damit wir tagtäglich die geistlichen Schlachten in unserer eigenen Biographie sowie als gesamte Kirche bestehen können. Wie können wir ohne die Eucharistie stark genug im Kampf bleiben? Deshalb brauchen wir dringend diesen Motor. Beten wir um heilige Priester, die die Messe feiern, beten wir um Freiheit, die Hl. Messe feiern zu können. Ohne sind wir verloren. Unser „Feldherr“ ist ja schließlich Christus.

Ihre Magstrauss

Christkönigssonntag

Ez 34,11-12.15-17; Ps 23,1-3.4 . 5.6; 1 Kor 15,20-26.28; Mt 25,31-46

Heute feiern wir das „Silvester“ des Kirchenjahres. Dazu hören wir Texte, die uns an das Ende der Zeiten erinnern, verbunden mit dem Glauben an die leibliche Auferstehung.

Ez 34
11 Denn so spricht GOTT, der Herr: Siehe, ich selbst bin es, ich will nach meinen Schafen fragen und mich um sie kümmern.

12 Wie ein Hirt sich um seine Herde kümmert an dem Tag, an dem er inmitten seiner Schafe ist, die sich verirrt haben, so werde ich mich um meine Schafe kümmern und ich werde sie retten aus all den Orten, wohin sie sich am Tag des Gewölks und des Wolkendunkels zerstreut haben.
15 Ich, ich selber werde meine Schafe weiden und ich, ich selber werde sie ruhen lassen – Spruch GOTTES, des Herrn.

16 Das Verlorene werde ich suchen, das Vertriebene werde ich zurückbringen, das Verletzte werde ich verbinden, das Kranke werde ich kräftigen. Doch das Fette und Starke werde ich vertilgen. Ich werde es weiden durch Rechtsentscheid.
17 Ihr aber, meine Herde – so spricht GOTT, der Herr – , siehe, ich sorge für Recht zwischen Schaf und Schaf. Ihr Widder und ihr Böcke.

In der ersten Lesung hören wir aus dem Buch Ezechiel. Dort spricht Gott von sich selbst als Hirte seiner Schafe, die die Herde „Israel“ bilden. Das Kapitel steht im größeren Kontext verschiedener Gerichtsreden gegen verschiedene Personengruppen. Hier haben wir aber schon verheißungsvolle Worte an jene, die gerecht geblieben sind und unter der Gottlosigkeit der bösen Schafe leiden.
Gott selbst wird sich um seine Schafe kümmern wie ein Hirt. Er kündigt an, dass es einen Tag geben wird, an dem er „inmitten seiner Schafe ist“. Das werden die Juden jener Zeit zunächst als Verheißung verstanden haben, dass Gottes Gegenwart zu seinen Schafen zurückkehren wird in Form eines neuen Tempels. Hier bildet ja die Babylonische Gefangenschaft den historischen Kontext und im Zuge der Invasion der Babylonier wurde der erste Tempel zerstört, für die Israeliten die Botschaft, dass Gott seine Sachen gepackt und ihre Mitte verlassen hat – traumatisch!
Umso heilvoller erklingt diese Zusage Gottes in ihren Ohren, doch wir sehen darüber hinaus. Es ist die messianische Ankündigung, dass Gott so weit gehen wird, Mensch zu werden und unter den Menschen zu leben, als guter Hirte, wie Christus im Johannesevangelium von sich sagt.
Schon zu jener Zeit sammelt Gott sein Volk zusammen, das Volk des neuen Bundes. Wie ein guter Hirte alle verirrten Schafe zurückbringt, so holt Christus durch seine Erlösung die verirrte Menschheit zurück in die Heimat der Gottesgemeinschaft. In der Taufe nehmen die Menschen diese Erlösung an und erhalten den Stand der Gnade. Diese Aussage ist aber auch anagogisch zu deuten, denn mit seinem zweiten Kommen wird er alle Menschen der Erde sammeln zum Weltgericht.
Was hier noch zukünftig formuliert wird, konnten wir in der letzten Woche beobachten, ist in der Johannesoffenbarung bereits geschehen, als das Lamm für sein Erlösungswirken gepriesen wird und unter anderem gesagt wird, dass es Menschen aus allen Völkern, Stämmen, Sprachen und Nationen für Gott erworben hat. Christus ist gekommen, um die Welt zu retten. Er wird wiederkommen, um sie zu richten.
Hier ist wörtlich zunächst die Sammlung der Juden in der Diaspora gemeint, die aufgrund des Exils fernab von ihrer Heimat leben müssen. Das ist nicht einfach nur eine Unannehmlichkeit und der Verlust irdischer Heimat, sondern vielmehr der Verlust der größten Gottesgabe – das verheißene Land, das Gott seinem Volk gegeben hat nach den Irrungen und Wirrungen der vierzigjährigen Wüstenwanderung. Und doch ist dies genau genommen ein Vorausbild für den eigentlichen Antitypos: das verheißene Land des Himmelreichs, die eigentlich größte Gottesgabe.
Gott wird für Gerechtigkeit sorgen: Wer unterdrückt worden ist, leidet und krank ist, wird in die Freiheit geführt, getröstet, gestärkt und gesund gemacht. „Doch das Fette und Starke“ wird er vertilgen. Das sind jene, die die Unterdrücker, Leidensbringer, Ungerechten und Gottlosen darstellen. Wer sich böse verhalten hat, wird auch den Preis dafür zahlen. Gott richtet nach den Taten der Menschen. Er wird scheiden zwischen Guten und Bösen, bevor das ewige Heil kommt. Denn nichts Böses kann ins Himmelreich gelangen.

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.
2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher.
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir den berühmten Psalm 23. Er passt perfekt zur Lesung, weil in diesem Vertrauenspsalm Gott als Hirte beschrieben wird. Immer wieder hören wir im AT davon, dass Gott sich als König für seine auserwählte Herde, sein Volk Israel, einen Hirten ausgesucht hat. Der König über die zwölf Stämme soll Gottes Stellvertreter in Israel sein. Er soll mit derselben Mentalität herrschen wie Gott es tut, nämlich als sorgender Diener aller. Das verkörpert auch der leidende Gottesknecht im Buch Jesaja, den die Kirche von Anfang an mit Jesus Christus identifiziert hat. Und auch Jesus selbst sagt im Johannesevangelium: „Ich bin der gute Hirte.“ Und zugleich mahnt er an: „Wer von euch der Erste sein will, soll der Diener aller sein.“ David hat diesen Psalm selbst gedichtet und man spürt, dass er diese Haltung selbst ganz gelebt hat. Gottes wunderbare Vorsehung hat alles so gefügt, dass er tatsächlich einen Hirten zum König erwählt hat. Diesen dichten Psalm verstehen wir vor dem Hintergrund des Jahresendes heute vor allem anagogisch.
Gott ist unser Hirte, der uns alles gibt, was wir brauchen. Es mangelt uns an nichts, wenn wir zuerst sein Reich suchen. Das sagt Jesus später nicht umsonst. Gott lässt uns, seine Schafe, auf grünen Auen lagern. Er führt uns nicht ins Verderben, sondern nährt uns immer ausreichend, damit wir auf dem Weg durchs Leben hin zu ihm nicht zugrunde gehen. Auch wenn es zeitweise Wüstenlandschaften sind und nicht die grünen Auen, ist es für uns heilsam, damit wir die Auen wieder mehr zu schätzen lernen, in unserem Glauben gestärkt und in unserer Wachsamkeit geschärft werden. Konkret heißt das, dass Gott uns mit allen irdischen Gaben (Finanzen, Gesundheit, Nahrung und sauberes Trinkwasser, Frieden, Erfolg etc.), aber auch mit allen überirdischen Gaben ausstattet, die wir durch die Heilsmittel der Kirche erhalten. Dazu gehören die Sakramente, allen voran die Eucharistie, und die Sakramentalien, durch die er uns den Hl. Geist senden möchte. Nicht umsonst betet David zuerst „er lässt mich lagern auf grünen Auen“ und dann „und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“. Es sind einerseits zwei Bilder für das Essen und Trinken des Menschen, andererseits die Bilder für die wichtigsten überirdischen Güter – die Eucharistie und der Hl. Geist, das lebendige Wasser. Diese sind uns Wegzehrung, Proviant unterwegs in die himmlische Heimat. Sie führen uns in die ewige Gemeinschaft mit Gott.
Gott bringt die Lebenskraft zurück. Das hebräische Stichwort ist an dieser Stelle wie so oft nefesch. Gott bringt das ganze Leben zurück. Wir dürfen es sowohl moralisch als auch anagogisch verstehen, das heißt einerseits die Rückführung in den Stand der Gnade und zugleich die Rettung des ewigen Lebens. Vor allem die moralische Ebene wird uns klar, wenn wir danach lesen: „Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit.“ Am Ende des Kirchenjahres, wenn wir heute vor allem das Weltende und das ewige Leben bei Gott bedenken, erkennen wir in diesen Worten die umfassende Auferstehung, von der auch Paulus spricht (gleich werden wir es hören). Es ist eine leibliche Auferstehung, weil der Mensch kein geteiltes Wesen ist. Diese leibliche Auferstehung sehen wir bereits an Jesus Christus, dessen Grab leer war und der mit Leib und Seele zum Vater heimgekehrt ist. Wir sehen es auch an Maria, der zweiten österlichen Person, die ganz in den Himmel aufgenommen worden ist. Der Anfang ist markiert, der Zusammenhang hergestellt. Wenn wir auf den Tod und die Auferstehung Christi getauft sind, dann ist die letzte Konsequenz auch die leibliche Auferstehung.
Selbst der Psalm 23 greift die Situation auf, dass es nicht immer die ruhigen grünen Auen sind, auf denen die Herde sich bewegt, sondern auch mal das finstere Tal. So ist das Leben. Es gibt nicht nur schöne Tage, sondern auch die Krisen und dunklen Stunden. Doch selbst da begleitet Gott einen hindurch und hinaus. David selbst hat dunkle Stunden gehabt, doch gerade in diesen hat er sich umso mehr an Gott geklammert. Er wusste, wie entscheidend sich die Qualität eines Hirten in finsteren Tälern herausstellte. Er wusste auch, wie sicher sich ein Schaf bei einem guten Hirten fühlen konnte. Er ist in dieser Hinsicht nicht nur der Typos des guten Hirten Christus, sondern auch des Lammes Gottes, das sich ganz und gar in die Hände Gottes übergab und selbst am Kreuz noch betete: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Von David können wir das absolute Gottvertrauen lernen und mit ihm zusammen beten: „Dein Stock und dein Stab trösten mich.“ Ein besonders finsteres Tal erleben die Israeliten im Babylonischen Exil. Und da offenbart sich Gottes Hirtenqualität auf besonders eindrückliche Weise. Er wählt in den Gottessprüchen, die Ezechiel vermittelt, nicht umsonst das Bildfeld von Hirt und Herde.
Gott beschenkt uns, seine Kinder. Er hat nur Gutes für uns bereit. All der Segen Gottes wird hier mit verschiedenen Bildern umschrieben wie dem Decken des Tisches, dem Salben des Hauptes und dem übervollen Becher. All dies können wir zusammenfassen mit den darauffolgenden Worten: „Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.“
Ins Haus des Herrn heimzukehren, bedeutet in diesem Kontext wörtlich den Tempel Gottes, der zu Davids Zeiten noch in Form des Offenbarungszeltes bestand. Wir lesen es auch als Verheißung des Exilsendes für die Israeliten. Wir lesen dies allegorisch weiter als das Reich Gottes und die Kirche. Moralisch verstehen wir damit unsere eigene Seele, die der Tempel Gottes ist und von wo aus die Entscheidungen zu einem Verhalten nach seinen Geboten getroffen werden. Schließlich kehren wir am Ende unseres Lebens heim in das Haus Gottes, den Himmel. Diese letzte Bedeutungsebene erstrahlt am heutigen Christkönigsfest besonders hell.

1 Kor 15
20 Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.

21 Da nämlich durch einen Menschen der Tod gekommen ist, kommt durch einen Menschen auch die Auferstehung der Toten.
22 Denn wie in Adam alle sterben, so werden in Christus alle lebendig gemacht werden.
23 Es gibt aber eine bestimmte Reihenfolge: Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören.
24 Danach kommt das Ende, wenn er jede Macht, Gewalt und Kraft entmachtet hat und seine Herrschaft Gott, dem Vater, übergibt.
25 Denn er muss herrschen, bis Gott ihm alle Feinde unter seine Füße gelegt hat.
26 Der letzte Feind, der entmachtet wird, ist der Tod.
28 Wenn ihm dann alles unterworfen ist, wird auch er, der Sohn, sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allem sei.

In der zweiten Lesung hören wir nun von der Auferstehung der Toten. Paulus erklärt, wie es für uns getaufte Menschen ausgehen wird und was wir im Glaubensbekenntnis beten: Wir alle werden mit Leib und Seele in den Himmel kommen. Woher wir das wissen? „Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.“ Er macht den Anfang. Sein Grab ist leer, sein Leichnam ist nicht der Verwesung anheimgefallen, sondern er lebt mit Leib und Seele. Das ist ein Zeichen der neuen Schöpfung. Das ist eine ganz logische Konsequenz seiner Sündenlosigkeit. Dass unsere Seele sich im Tod vom Leib trennt, ist ja Folge der Erbsünde. Er war ohne Sünde und ist somit keine gefallene Schöpfung. Die gefallene Natur aber kann Gottes Herrlichkeit nicht schauen. Wir müssen zu einer neuen Schöpfung neugeboren werden, das erklärte Jesus bereits Nikodemus beim nächtlichen Gespräch mit ihm. Um es im Bildfeld der ersten Lesung auszudrücken: Erst durch die Taufe werden wir zu Schafen, die gut sind und in das Himmelreich eingehen können. Dieses Gutsein können wir aus eigener Kraft nicht erreichen – die Erbsünde hat den Menschen innerlich zerbrochen. Doch deshalb hat Christus uns erlöst. In der Taufe wird uns die Gnade geschenkt, gut zu sein.
Paulus stellt den Zusammenhang zwischen Adam und Jesus heraus und erklärt darin genau das, was ich mit der zerbrochenen Natur meine: Durch den einen Menschen kam der Tod und aus diesem hat der zweite Mensch die Schöpfung geholt, was wir Auferstehung nennen.
Alle werden in Christus lebendig gemacht werden. Bei Gott aber gibt es keine halben Sachen. Und so wird der ganze Mensch in seiner Leib-Seele-Einheit lebendig gemacht. Wäre dem nicht so, müssten wir uns fragen, warum Jesus dann nicht einfach seelisch auferstanden ist.
Paulus erklärt auch die Reihenfolge der Auferstehung: „Erster ist Christus; dann folgen, wenn Christus kommt, alle, die zu ihm gehören.“ Man könnte sich jetzt fragen (und das tun die Nichtkatholiken ganz besonders laut, weil sie die marianische Lesart der Hl. Schrift nicht ausstehen können): Warum aber sagt Paulus nichts davon, dass auf Jesus Maria folgt? Das wäre hier doch eine „Steilvorlage“, weil es genau darum geht! Darauf gibt es eine ganz einfache Antwort: Maria lebt noch, als Paulus diesen Brief an die Korinther schreibt. Sie lebt noch etwa zehn Jahre. Da gibt es noch nichts über ihren Tod und ihre Auferstehung zu schreiben.
Und wenn dann auch die Getauften auferstanden sind, kommt das Ende der gefallenen Schöpfung. Gemeint ist, dass alles zerstört wird, auch der Tod. Wir lesen die Ereignisse in der Johannesoffenbarung. Der letzte zu zerstörende Feind ist der Tod selbst.
Aber wie ist das mit der Übergabe der Herrschaft Christi an den Vater zu verstehen? Vater und Sohn sind eins. Diese Bibelstelle wird oft missbraucht, um Jesu Gottheit zu leugnen, da er dem Vater die Herrschaft zurückgeben soll. Die Fragezeichen lösen sich auf, sobald wir verstehen, dass das „Reich“ hier die Zwischenzeit der Kirche meint. Das Reich Gottes ist mit Jesus Christus angebrochen und in der Gemeinschaft der Gläubigen, die sein Leib ist, schon konkret sichtbar. Es ist die sakramentale Phase, in der Christus in den eucharistischen Gestalten gegenwärtig ist. Und mit der Durchsetzung des Gottesreiches, der Entmachtung des Bösen und der Offenbarung Gottes in der ganzen Welt brauchen wir den Schleier des Sakraments nicht mehr. Dann übergibt der Sohn seine Kirche, seinen Leib dem Vater. Dann beginnt die Ewigkeit. Christus hat in seiner Kirche geherrscht, bis alle Feinde unter dessen Füße gelegt worden sind. Der Satan mit seinem Heer ist diese Feindesmacht, die auf Erden ja noch Einfluss hat. Der letzte Vers ist ein Zitat aus dem Alten Testament, das Jesus selbst auch im Matthäusevangelium aufgreift (Dan 7,14; Ps 8,6; Mt 11,27; 28,18). Jesus ist der König des Gottesreiches, das schon angebrochen, am Ende der Zeiten aber offenbar werden wird.

Mt 25
31 Wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit kommt und alle Engel mit ihm, dann wird er sich auf den Thron seiner Herrlichkeit setzen. 
32 Und alle Völker werden vor ihm versammelt werden und er wird sie voneinander scheiden, wie der Hirt die Schafe von den Böcken scheidet. 
33 Er wird die Schafe zu seiner Rechten stellen, die Böcke aber zur Linken. 
34 Dann wird der König denen zu seiner Rechten sagen: Kommt her, die ihr von meinem Vater gesegnet seid, empfangt das Reich als Erbe, das seit der Erschaffung der Welt für euch bestimmt ist! 
35 Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben; ich war fremd und ihr habt mich aufgenommen; 
36 ich war nackt und ihr habt mir Kleidung gegeben; ich war krank und ihr habt mich besucht; ich war im Gefängnis und ihr seid zu mir gekommen. 
37 Dann werden ihm die Gerechten antworten und sagen: Herr, wann haben wir dich hungrig gesehen und dir zu essen gegeben oder durstig und dir zu trinken gegeben? 
38 Und wann haben wir dich fremd gesehen und aufgenommen oder nackt und dir Kleidung gegeben? 
39 Und wann haben wir dich krank oder im Gefängnis gesehen und sind zu dir gekommen? 
40 Darauf wird der König ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. 
41 Dann wird er zu denen auf der Linken sagen: Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist! 
42 Denn ich war hungrig und ihr habt mir nichts zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir nichts zu trinken gegeben; 
43 ich war fremd und ihr habt mich nicht aufgenommen; ich war nackt und ihr habt mir keine Kleidung gegeben; ich war krank und im Gefängnis und ihr habt mich nicht besucht. 
44 Dann werden auch sie antworten: Herr, wann haben wir dich hungrig oder durstig oder fremd oder nackt oder krank oder im Gefängnis gesehen und haben dir nicht geholfen? 
45 Darauf wird er ihnen antworten: Amen, ich sage euch: Was ihr für einen dieser Geringsten nicht getan habt, das habt ihr auch mir nicht getan. 
46 Und diese werden weggehen zur ewigen Strafe, die Gerechten aber zum ewigen Leben.

Im Evangelium hören wir heute vom Endgericht. Wir hören davon, wie es ausgehen wird je nachdem, ob wir die Gebote Gottes gehalten haben oder nach unseren eigenen Regeln das Leben gestaltet haben, gute oder böse Schafe sind.
Jesus berichtet nicht vom Ende des individuellen Lebens, sondern kündigt das Ende der Zeiten an, wenn er als verherrlichter Menschensohn wiederkommen wird. Er schildert also das Weltgericht, bei dem jeder nach seinen Taten gerichtet wird. Der Kreis zu den anderen Lesungen schließt sich.
Dabei wird Jesus zunächst die Schafe von den Böcken scheiden. Dieser Schritt ist den Juden, die Jesu Worten lauschen, aus dem Buch Ezechiel bereits bekannt (Ez 34). Jesus greift bewusst bekannte Bilder für das Endgericht auf (die Menschen sind ja nicht wörtlich Schafe und Böcke…).
Die Schafe zur Rechten (die Gerechten) werden als Erben im Reich Gottes eingesetzt werden, die er auch umschreibt mit den Worten „die ihr von meinem Vater gesegnet seid“. Auch diese Geste ist den Juden bekannt. Dieser Segen des eigenen biologischen Vaters ist entscheidend und insbesondere das Erstgeburtsrecht wird mit einem väterlichen Segen übertragen. Die Gnade, die durch den väterlichen Segen dem Sohn übertragen wird, ist existenziell. Nun sind es aber alle auf der rechten Seite, die mit einem solchen Segen ausgestattet werden und dieser ist viel größer als der bisherige väterliche Segen! Hier geht es um die Ewigkeit und um den himmlischen Vater!
Das Reich Gottes ist seit der Erschaffung der Welt der Plan Gottes für den Menschen. Dafür ist er geschaffen worden – um in Gemeinschaft mit Gott leben zu können. Der Mensch hat alles verspielt (Paulus deutet es in der zweiten Lesung an), doch Gott kann auch auf krummen Seiten gerade schreiben. Er hat die Menschheit erlöst durch die Hingabe seines einzigen Sohnes, damit auf Umwegen der Heilsplan Gottes dann doch am Ende siegen würde.
Dann zählt Jesus viele barmherzigen Taten auf, die wir in ähnlicher Form aus dem Buch Jesaja kennen (Jes 58).
Seine Pointe bei all den barmherzigen Taten, die die Schafe auf der rechten Seite getan haben, ist: All dies haben sie nicht einfach nur ihrem Nächsten getan, sondern Jesus selbst. Das ist die anagogische Konsequenz des Doppelgebots der Liebe. Man liebt Gott durch den Nächsten. Dafür wird man am Ende belohnt.
Dann wird sich Jesus den Böcken auf der Linken Seite zuwenden und ihnen sagen: „Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das für den Teufel und seine Engel bestimmt ist.“ Aufgrund dieser Aussage kann man nun wirklich nicht leugnen, dass die Bibel eine Hölle kennt. Diese ist der „Ort“ der absoluten Gottesferne (in der Ewigkeit gibt es weder Zeit noch Raum). Sie sind dabei verflucht, weil sie es sich selbst ausgesucht haben. Sie haben sich im Grunde selbst verflucht und deshalb muss Jesus sagen „geht weg von mir“. Wenn wir uns vorstellen, wie Jesus sich dabei fühlen wird, können wir nur absoluten Schmerz empfinden. Was wird Gottes Herz doch zerreißen bei der Verurteilung derer, die ihn bis zur letzten Sekunde abgelehnt haben! Deshalb spricht Jesus von diesen Dingen überhaupt. Er möchte in aller Drastik aufzeigen, wie endgültig und schlimm die Ablehnung Gottes sein wird – nicht damit die Menschen Angst bekommen, sondern damit sie sich noch rechtzeitig bekehren und gerettet werden!
Auch hier zählt Jesus dann auf, warum sie dieses Urteil erwartet. Sie haben all die barmherzigen Taten wie das Nähren des Hungrigen, das Tränken des Durstigen, das Kleiden des Nackten etc. nicht getan. Somit haben sie Jesus all das nicht getan. Sie haben das Doppelgebot der Liebe, das den Kern der gesamten Torah darstellt, nicht gelebt. Wer aber auf Erden nicht die Liebe gelebt hat, kann unmöglich im Himmelreich in der ewigen Liebesgemeinschaft mit Gott verbringen.
Jesu gesamte Botschaft ist ja in dem Vers zusammengefasst: „Das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium!“ Er möchte mit dieser apokalyptischen Rede den Zuhörern, so auch uns, verdeutlichen: Kehrt noch heute um, entscheidet euch für mich und tut diese barmherzigen Taten an eurem Nächsten! Dann werdet ihr am Ende zu jenen gehören, die auf der rechten Seite stehen werden und das ewige Leben erben werden. Wenn wir uns wirklich mit ganzer Kraft bemühen, wird er uns seine helfende Gnade schenken, mit der wir zu barmherzigeren und gottesfürchtigeren Menschen werden können. So gehen wir dann als neue Menschen mit einer innigeren Beziehung zu Gott auf die Ewigkeit zu, die wir nun so langsam in den Advent hineinkommen.

Ihre Magstrauss

Freitag der 33. Woche im Jahreskreis

Offb 10,8-11; Ps 119,14 u. 24.72 u. 103.111 u. 131; Lk 19,45-48

Offb 10
8 Und die Stimme aus dem Himmel, die ich gehört hatte, sprach noch einmal zu mir und sagte: Geh, nimm das Buch, das der Engel, der auf dem Meer und auf dem Land steht, geöffnet in der Hand hält!
9 Und ich ging zu dem Engel und bat ihn, mir das kleine Buch zu geben. Er sagte zu mir: Nimm und iss es! In deinem Magen wird es bitter sein, in deinem Mund aber süß wie Honig.
10 Da nahm ich das kleine Buch aus der Hand des Engels und aß es. In meinem Mund war es süß wie Honig. Als ich es aber gegessen hatte, wurde mein Magen bitter.
11 Und sie sagten zu mir: Du musst noch einmal weissagen über viele Völker und Nationen mit ihren Sprachen und Königen.

Heute hören wir wieder einen Ausschnitt aus der Johannesoffenbarung. Diesmal geht es um eine Vision, bei der Johannes zu einer prophetischen Zeichenhandlung angehalten wird, die ein Deja vu darstellt. Denn so eine Szene begegnet bereits bei Ezechiel. Mit dem 10. Kapitel setzt ein neuer Visionszyklus ein, der globale Ausmaße annimmt. Es ist gleichsam eine neue Beauftragung zum Propheten, die nun neue Ausmaße annimmt. Johannes soll nicht mehr nur an die Christen der Städte der Sendschreiben schreiben und prophezeien, sondern seine Botschaft soll nun an alle Völker ergehen. Der Böse wird nun in noch viel schlimmerem Ausmaß geschildert, seine zerstörerische Kraft wird durch die beiden kommenden Tiere ausgedrückt. Die sich steigernden Ausmaße ab dieser zweiten Berufungsvision zeigen sich nun auch darin, dass Johannes die Offenbarung, die an ihn ergeht, nicht mehr nur aufschreiben soll, sondern essen soll. Warum aber essen? Wir merken, dass die Johannesoffenbarung mit allen Sinnen wahrgenommen wird, sogar mit dem Geschmackssinn. Wie auch bei der Eucharistie steckt dahinter das Prinzip, sich das Gegessene einzuverleiben. Johannes soll die Botschaft nicht nur distanziert als Weisheitslehrer vertreten, sondern sich mit ihr so sehr identifizieren, dass seine Person mit der Botschaft verschmilzt. Das erinnert uns an Christus, dessen Verkündigung ausschließlich auf diese Weise geschah. Johannes soll ihm in diesem Aspekt nun nachahmen. So ist es schon in Ez 3, der die Botschaft ganz in sich aufnehmen soll.
So erbittet Johannes das Büchlein aus der Hand eines starken Engels, der in den vorausgehenden Versen geschildert worden ist. Der Engel kündigt ihm bereits an, dass das Büchlein süß im Mund, aber bitter im Magen sein wird. Als Johannes dem Auftrag Folge leistet und das Büchlein verzehrt, geschieht es so, wie es ihm angekündigt worden ist. Es heißt zwar biblion im Griechischen, also wörtlich „Büchlein“, doch wir müssen es uns als kleine Schriftrolle vorstellen.
Die beschriebenen Geschmäcker beim Essvorgang haben eine tiefere Bedeutung und können nicht einfach überlesen werden. Zuerst ist es süß, doch wird es dann bitter. Zunächst zum ersten süßen Geschmack: Es gibt Überlieferungen, die diesen Hinweis auf die Torah verstanden haben, vor allem vor dem Hintergrund der Psalmentradition (Torah süß wie Honig vgl. Ps 19,11). Man hat dieses Motiv sonst auch auf das Manna bezogen, das Himmelsbrot in der Wüste. Beides führt uns typologisch zur Eucharistie – diese Szene ist durchaus als Initiationsakt gedeutet worden, bei dem der Engel dem Propheten die Eucharistie spendet. Es ist ja die Einsetzung des Propheten zu einem globalen Verkündigungsauftrag, für den er die Kraft und Gnade benötigt. Das Wort Gottes, das fleischgeworden ist und über den Essvorgang empfangen wird, ist ein höchst eucharistisches Motiv. Dass es mindestens eine Beauftragung ist in dem Sinne, dass Gott selbst dem Propheten seine Worte in den Mund legt, geht bereits aus Jer 1,9 oder Jes 51,16 hervor. Klaus Berger spricht sich für eine eucharistische Auslegung aus und bezeichnet die Szene sogar als Beitrag „zu einer Spiritualität des Kommunionempfangs“, die uns Christen heute nicht nur vermittelt, dass wir für unseren Seelenfrieden die Kommunion empfangen, „sondern für alles Zeugnisgeben (…). Denn das Wort ist in meinen Mund gelegt.“
Warum aber wird diese Süßigkeit, die Christus das fleischgewordene Wort Gottes sowie seine Botschaft ist, bei der Verdauung zur Bitternis? Wir können es so deuten, dass der Anfang zum schrecklichen Ende wird – es fing mit Jesu Verkündigung auch romantisch an und endete am Kreuz. So ist es mit dem Beginn der Christenheit auch. Viele schließen sich an, die römische Infrastruktur verhilft zu einer raschen Verbreitung. Doch sehr bald kommt die Verfolgung, die Bedrängnisse und Ausgrenzungen, das Martyrium. Es ist auch bezogen auf das Weltende, das sehr bitter enden wird. Es muss so kommen und in das Endgericht mündet, damit danach das ewige Heil sich durchsetzen kann. Das wird dann die ewige und ultimative Süßigkeit darstellen ohne einen übriggebliebenen bitteren Tropfen. Wir können es auch auf moralischer Ebene betrachten: Am Anfang ist der Christ euphorisch und er startet sein Glaubensleben beschwingt. Doch sehr bald kommen die Versuchungen, die Angriffe des Bösen, Widerstände. Sehr schnell lässt Gott die Wüste zu, damit der oberflächliche Anfangsglaube vertieft werde und reife. Wir sehen schon an Jesus selbst, wie es ist, denn er ließt sich zeichenhaft für die Menschheit taufen, um im Anschluss vom Hl. Geist in die Wüste geführt zu werden, wo er den Nachstellungen des Teufels ausgesetzt ist. Die Süßigkeit der Offenbarung „Dies ist mein geliebter Sohn“ am Jordan wird schnell abgelöst vom zweifelnden „Wenn du Gottes Sohn bist“ des Satan. Diese Bitterkeit ist also etwas Unangenehmes, aber sie muss sein. Wer nicht sein Kreuz auf sich nimmt und Christus nachfolgt – auf dem Kreuzweg des Lebens bis hin zur ganz individuellen Schädelhöhe – der kann nicht sein Jünger sein. Das bedeutet auf die Nachfolge und Mission bezogen (wir erinnern uns an Berger – Kommunionempfang auch als Beauftragung, Monstranz zu sein, Sendungsauftrag): Dieser Weg ist sehr oft ein Spießrutenlauf und endet eventuell tödlich, doch das heißt Zeugnisgeben in letzter Konsequenz – Martyrium. Der treue Zeuge wird aber auch sofort belohnt. Und er bekommt die Kraft, diese heroische Tat umzusetzen. Schließlich ist Christus diesem Menschen einverleibt. Wenn Christus aber ein Teil von uns ist, was haben wir dann noch zu befürchten?

Ps 119
14 Am Weg deiner Zeugnisse habe ich Freude, wie an jeglichem Reichtum.
24 Deine Zeugnisse sind mein Ergötzen, sie sind meine Berater.
72 Gut ist für mich die Weisung deines Munds, mehr als große Mengen von Gold und Silber.
103 Wie süß ist dein Spruch meinem Gaumen, meinem Mund ist er süßer als Honig.
111 Deine Zeugnisse sind auf ewig mein Erbland, denn sie sind das Entzücken meines Herzens.
131 Meinen Mund tat ich auf und lechzte, nach deinen Geboten habe ich Verlangen.

Als Antwort auf die Berufungsvision des Johannes beten wir Psalm 119, den längsten Psalm des Psalters. Dort geht es ja um den lebenslangen Wandel nach Gottes Geboten.
Der Gerechte hat Freude „am Weg deiner Zeugnisse“. Es ist der Lebensweg im Bundesverhältnis mit Gott. Er offenbart sich seinem Volk und beweist ihm anhand von vielen Heilstaten immer wieder, dass er treu ist. Er zeigt seiner geliebten Braut, dass er nur das Beste für sie will. Er tut alles für sie und zeigt seine Allmacht in den spektakulären Wundern. Der Weg der Zeugnisse ist für den Gerechten so kostbar wie jeglicher Reichtum. Gemeinschaft mit Gott zu haben, ist der größte Reichtum. Es ist die reinste Süßigkeit, ein Leib zu sein mit ihm, das können wir als Katholiken in eucharistischer Gemeinschaft mit Christus wirklich sagen.
Dann beten wir Vers 24, den wir an anderer Stelle schon einmal als eher ungünstig übersetzt thematisiert haben. Statt „Ergötzen“ sollte man mit Freude oder Wonne übersetzen. Ergötzen kommt von Götze. Man ergötzt sich an etwas Negativem, nicht an Gott. Was dadurch ausgesagt werden soll: Die Gebote (das hebräische Wort für „Zeugnisse“ kann auch mit „Gebote“ übersetzt werden, was in diesem Kontext besser passt) sind keine Bürde, sondern vielmehr eine Erleichterung. Sie verhelfen dem Menschen zu einem gelungenen und glücklichen Leben. Sie sind also erstrebenswert und keine Pflichtübung. Sie sind zudem Berater, das heißt, sie helfen, die richtigen Entscheidungen im Leben zu treffen. Das Halten der Gebote Gottes stellt nämlich stets die Entscheidung für Gott dar. Die Gebote Gottes sind süß wie Honig, die reinste Wonne.
Gottes Wille ist wertvoller als Gold und Silber. Er birgt einen Schatz, der mit nichts Irdischem zu vergleichen ist. Es ist ein Schatz, der nie vergeht und der uns zum ewigen Leben führt. Gold und Silber können wir in die Ewigkeit nicht mitnehmen.
„Wie süß ist dein Spruch meinem Gaumen, meinem Mund ist er süßer als Honig.“ Diese Aussage führt uns zurück zur Lesung, denn Gottes Wort muss auch vom Psalmenbeter und von jedem Gläubigen, auch von uns heute, verdaut werden. Wir müssen es in uns aufnehmen und seine „Nährstoffe“ in uns aufnehmen. Es muss in unser Mark und Bein übergehen, ein Teil von uns werden. In dieser Hinsicht ist es eine Vorstufe dessen, was sich mit der Hl. Eucharistie erfüllt: Das fleischgewordene Wort Gottes, Jesus Christus selbst, gibt sich uns zur Speise, damit wir ihn in uns aufnehmen, seine Gnade in unseren Leib übergeht und wir selbst immer mehr zum Leib Christi werden. Und das Wort Gottes ist süßer als Honig, weil es für uns Heil erwirkt. Es schmeckt uns vielleicht auch dann bitter oder sauer, wenn in uns etwas nicht in Ordnung ist. Dann bewirkt das Wort Gottes Heilung von unserer Krankheit, von unserer Sünde, unseren Wunden, von allem, was bei Gott keinen Bestand hat. Wenn es zu solchen Reaktionen kommt, liegt es aber nicht am Wort Gottes, sondern am Menschen. Wir sollen es aber an uns aushalten, auch wenn es schwer verdaulich ist. Denn ohne das Wort Gottes können wir nicht überleben und gesund werden. So können wir diese Deutung auch zurückbeziehen auf Johannes. Womöglich wird das Gegessene bitter, wenn es sich mit seiner schwachen Natur verbindet. Das Wort Gottes reinigt uns.
Gottes „Zeugnisse“ sind Erbland. Hier wird auf die Gabe des verheißenen Landes angespielt. Auch an dieser Stelle kann man statt „Zeugnisse“ besser „Gebote“ übersetzen. Die Gebote Gottes sind Erbland, sie sind Heimat. Bei Gott sind wir zuhause und nach unserem Tod gehen wir hoffentlich ein in die ewige himmlische Heimat, in das verheißene himmlische Jerusalem, das uns dann keiner mehr wegnehmen kann.
Jeder Mensch, ob er es realisiert oder nicht, lechzt nach Gottes Geboten. Er ist Abbild Gottes und braucht diese Nahrung. Wie sehr fixiert sich der Mensch von heute auf das Irdische, auf den Leib und die Vergänglichkeit! Während er seinem Körper nur das beste zu essen gibt, nur die beste Kleidung anzieht, nur das beste Auto fährt und sich hegt und pflegt, verhungert und verdurstet seine Seele, die ewig ist. Wenn der Mensch doch wenigstens ein Mindestmaß an Seelenhygiene besäße! Das würde viele Probleme lösen, denn was den heutigen Menschen am meisten unglücklich macht, ist genau dieser seelische Gnadenmangel – selbstverschuldet. Kommen wir zurück zu ihm und gehen wir den Weg der Gebote Gottes, dann werden wir endlich glücklich sein!

Lk 19
45 Dann ging er in den Tempel und begann, die Händler hinauszutreiben.
46 Er sagte zu ihnen: Es steht geschrieben: Mein Haus soll ein Haus des Gebetes sein. Ihr aber habt daraus eine Räuberhöhle gemacht.
47 Er lehrte täglich im Tempel. Die Hohepriester, die Schriftgelehrten und die Ersten im Volk aber suchten ihn umzubringen.
48 Sie wussten jedoch nicht, was sie machen sollten, denn das ganze Volk hing an ihm, um ihn zu hören.

Im Evangelium hören wir heute von der Tempelreinigung Jesu, diesmal in der Lukasversion. Sehr oft wird diese Episode missverstanden und Jesus eine Form von Jähzorn unterstellt. Jesus hat seine Gefühle immer unter Kontrolle gehabt. Gefühlsausbrüche sind Folge der Erbsünde. Der Mensch jenseits des inneren Bruchs ist ein in sich geordnetes Wesen, dessen unterschiedliche Bereiche wie Emotion, Impulse, Vernunft etc. optimal ausgeglichen sind. Jesus war ohne Makel der Erbsünde. Er hatte keinen Wutausbruch, als er die Händler hinausgejagt hat. Aber was ist hier passiert?
Jesus hat hier ganz bewusst und kontrolliert gehandelt. Es handelt sich um eine prophetische Zeichenhandlung. Er hat sich ganz bewusst so benommen, damit die frommen Juden, die anwesend sind, sich an ein Schriftwort erinnern. Es geht um Ps 69 Vers 10, wo es heißt: „Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.“ Die Jünger Jesu verstehen diese Anspielung. Jesus möchte noch ein weiteres Signal geben, das mit dem „Tag des Herrn“ erwartet wird, mit dem Ende der Zeiten: In Sacharja lesen wir zum Ende des Buches, dass wenn der Tag kommt, keine Händler mehr im Tempel sein werden. Wenn Jesus also die Händler aus dem Tempel jagt, somit das Haus seines Vaters reinigt, möchte er das Signal geben: Ich bin der Messias. Mit mir ist das Reich Gottes und das Ende der Zeiten angebrochen. Kehrt also um und glaubt an das Evangelium, denn lange Zeit bleibt euch dafür nicht mehr! Die Händler verschwinden schon aus dem Tempel, das heißt kurz vor zwölf!
Es ist zugleich über diesen Wortsinn hinaus zu verstehen:
Der Herr reinigt den Tempel seines Leibes – das ist mystisch zu verstehen als sein Leib, der die Kirche ist. Schon bevor sie geboren wird am Pfingsttag, reinigt er ihre zukünftigen Glieder, prüft sie wie im Feuer, allen voran Petrus, den Felsen, damit die Apostel wirklich rein und bereit sind. Und seit die Kirche besteht, reinigt der Herr sie immer wieder, sendet Heilige wie Franziskus oder Caterina von Siena, die den Päpsten so richtig die Leviten lesen, mit ihrer liebenden Kritik aufräumen und eine aus dem Hl. Geist ergehende Erneuerung der Kirche antreiben. So muss die Kirche zu allen Zeiten innerlich gereinigt werden von den Händlern der jeweiligen Zeit, damit ihr sichtbarer Teil wieder zur alten Reinheit zurückkehrt. Unser Hl. Vater emeritus Benedikt XVI hat in der großartigen Freiburger Rede die Notwendigkeit einer Entweltlichung der Kirche herausgestellt. Das wäre so ein Reinigungsvorgang. Was aber momentan in der Kirche geschieht, ist ein zunehmendes Hereinholen von Händlern und Geldwechslern. Es wird immer politischer und weltlicher. Und das ist nicht der Wille des Herrn. Angesichts des nahenden Weltendes muss es eine Bekehrung geben!
Christus muss auch manchmal einen Geiselstrick nehmen und im Tempel unseres Herzens die Händler vertreiben. Wie viel Anhänglichkeit an die Welt ist noch in uns vorhanden! Wie viel Gerümpel ist noch in unserer Seele, das uns daran hindert, Gott mit ungeteiltem Herzen zu dienen und ihm den ganzen Raum unseres Lebens zur Verfügung zu stellen!
Und am Ende der Zeiten wird der Menschensohn mit seinem himmlischen Heer kommen und mit dem Bösen mit seinem dämonischen Heer abrechnen. Dann wird sein Geiselstrick das zweischneidige Schwert sein, das Wort Gottes, wie es Johannes in der Johannesoffenbarung am Ende des Buches sieht. Dann wird der Böse für immer besiegt und verbannt werden aus der Schöpfung Gottes.
Christus möchte einziehen in den Tempel unseres Herzens, in die Kirche, in die Welt. Doch wenn er kommt und erst einmal anfängt, so richtig zu wirken, wird es manchmal wehtun, wo das Herz, die Kirche und die Welt noch nicht pures Gold sind. Es muss sein, dass wir Bitteres schmecken, nicht nur im Sinne des Leidens als Jünger Jesu Christi. Es muss auch sein zur Reinigung unserer unvollkommenen Natur und ist bereits ein Prozess der Heiligung.
Was Jesus getan hat, bleibt nicht ohne Folgen. Die religiöse Elite plant den Tod des Messias, denn sie wollen ihn mundtot machen. Voller Neid sehen sie den Zulauf der Volksmenge. Doch auch das muss so kommen – es zeichnet sich die Bitternis des Kreuzestodes ab.

Ahmen wir Johannes nach und empfangen wir die Eucharistie, damit Christus in unser Herz immer wieder einzieht, an uns arbeitet und wir immer mehr nach seinem Bild gestaltet werden. Vergessen wir auch den Sendungsauftrag nicht, der mit der Kommunion verbunden ist – nicht umsonst heißt die Eucharistiefeier „Messe“ von Missa, Sendung. „Ite, Missa est“ lautet der Abschluss der Liturgie – geht, es ist eine Sendung. Was uns geschenkt ist, sollen wir in die Welt hinaustragen als Monstranz, ganz wie Maria es vorgemacht hat, als sie Christus unter ihrem Herzen zu Elisabet trug.
Und an die Kirche geht heute besonders der Appell, nicht das eigene Wort zu verkünden, sondern sich die Worte von Gott in den Mund legen zu lassen wie bei Johannes. Das sind dann auch manchmal unbequeme Worte, doch die Wahrheit wird uns frei machen. Wenn dann auch mal ein Geiselstrick herauskommt, der in der Kirche die Händler vertreibt, dann halte sie es nicht zurück! Und wenn sie sich dabei auch unbeliebt macht und ihre Feinde sie mundtot machen will – verzage sie nicht. Christus hat versprochen, dass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen werden.

Ihre Magstrauss