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Samstag der 25. Woche im Jahreskreis

Koh 11,9 – 12,8; Ps 90,3-4.5-6.12-13.14 u. 17; Lk 9,43b-45

Koh 11
9 Freu dich, junger Mann, in deiner Jugend, sei heiteren Herzens in deinen frühen Jahren! Geh auf den Wegen, die dein Herz dir sagt, zu dem, was deine Augen vor sich sehen! Und sei dir bewusst, dass Gott über all dies mit dir ins Gericht gehen wird!

10 Halte deinen Sinn von Ärger frei und schütz deinen Leib vor Krankheit; denn die Jugend und das dunkle Haar sind Windhauch!
1 Denk an deinen Schöpfer in deinen frühen Jahren, ehe die Tage der Krankheit kommen und die Jahre dich erreichen, von denen du sagen wirst: Ich mag sie nicht!,

2 ehe Sonne und Licht und Mond und Sterne erlöschen und auch nach dem Regen wieder Wolken aufziehen:
3 am Tag, da die Wächter des Hauses zittern, die starken Männer sich krümmen, die Müllerinnen ihre Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind, es dunkel wird bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken,
4 und das Tor zur Straße verschlossen wird; wenn das Geräusch der Mühle verstummt, steht man auf beim Zwitschern der Vögel, doch alle Töchter des Liedes ducken sich;
5 selbst vor der Anhöhe fürchtet man sich und vor den Schrecken am Weg; der Mandelbaum blüht, die Heuschrecke schleppt sich dahin, die Frucht der Kaper platzt, doch ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus und die Klagenden ziehen durch die Straßen –
6 ja, ehe die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird, das Rad zerbrochen in die Grube fällt,
7 der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.
8 Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, das ist alles Windhauch.

In der Lesung aus dem Buch Kohelet hören wir heute von der Jugend und dem Alter, bevor der Abschnitt zum Anfang des Buches zurückkehrt mit dem Spruch über den Windhauch.
„Freu dich, junger Mann, in deiner Jugend, sei heiteren Herzens in deinen frühen Jahren!“ Es ist, als ob der alt gewordene Salomo sich selbst im Blick hat, wenn er an die Jugend appelliert, diese Zeit auszukosten. Er selbst hat wirklich eine goldene Jugend durchlebt. Sein Königtum war das prunkvollste von allen. Er war über und über vom Segen Gottes überschüttet.
Er sagt zugleich, dass die jungen Menschen auf ihr Herz hören sollen – gemeint ist nicht, den Trieben und Instinkten zu folgen, was heute meistens mit dieser Aussage gemeint ist. Dabei meint es in biblischer Metaphorik gerade nicht das Herz, sondern den Bauch. Was Salomo hier aber meint, ist das Gewissen des Menschen. Der Mensch soll sich für Gott entscheiden, für seine Gebote. Das Herz ist der Sitz von Entscheidungen, der Ausgleich von Kopf und Bauch, eine Vermittlung von Ratio und Emotio. Dass die Entscheidung für Gott getroffen werden soll, erkennen wir am nächsten Satz, dass wir in jungen Jahren schon das Gottesgericht im Blick haben sollen. Wir müssen uns unser Leben lang bewusst sein, dass wir für alles Rechenschaft ablegen werden. Das bedeutet, dass Gott auch die Eskapaden der Jugend nicht einfach ignorieren wird und der Mensch an Gott erst im Alter nachzudenken beginnt.
Egal ob im jungen oder fortgeschrittenen Alter – wir müssen Sorge um uns selbst tragen, indem wir nicht grollen und verantwortungsvoll mit unserer Gesundheit umgehen. Wenn wir nur an das Jetzt denken und meinen: „Ach, ist doch egal, ich bin noch jung, meine Leber verträgt den Alkoholgehalt schon irgendwie“, dann werden wir eine böse Überraschung im Alter erleben. Unser leichtsinniges Verhalten der Jugend wird uns dann einholen.
Noch einmal sagt Salomo, dass wir schon in jungen Jahren beginnen sollen, an Gott zu denken, nicht erst, wenn wir alt und krank sind. Gemeint ist vor allem, dass der Mensch noch rechtzeitig umkehren soll, bevor es zu spät ist. In mehreren poetischen Ausdrücken, in bildreicher Sprache sagt er, dass der Mensch sich bekehren soll, bevor die Welt aufhört, zu sein. Deshalb nennt er die Himmelskörper, die ihre Funktion einstellen, und das Zittern der Wächter. Das ist ein gängiges Bild für die kommende Endzeit auch im Neuen Testament.
Der Mensch soll auch umkehren, bevor sein eigenes Leben zuende geht, die „silberne Schnurr zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird“ etc. Der Mensch soll sich Gott wieder zuwenden, bevor er stirbt und seine Beerdigung stattfindet, bevor „das Rad zerbrochen in die Grube fällt, der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.“ Das greift die Schöpfungsgeschichte auf: Gott hat den Menschen aus der Erde des Ackerbodens geformt und ihm den Geist eingehaucht. Beides gibt der Mensch mit dem Tod zurück an seinen Schöpfer.
Das Leben geht schnell vorbei, es ist wirklich wie ein vorbeiziehender Wind. So schließt Salomo seine Ausführungen, wie er sie begonnen hat, mit dem Ausruf „Windhauch, Windhauch“.

Ps 90
3 Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!

4 Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.
5 Du raffst sie dahin, sie werden wie Schlafende. Sie gleichen dem Gras, das am Morgen wächst:
6 Am Morgen blüht es auf und wächst empor, am Abend wird es welk und verdorrt.
12 Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.
13 Kehre doch um, HERR! – Wie lange noch? Um deiner Knechte willen lass es dich reuen!
14 Sättige uns am Morgen mit deiner Huld! Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.
17 Güte und Schönheit des Herrn, unseres Gottes, sei über uns! Lass gedeihen das Werk unserer Hände, ja, das Werk unserer Hände lass gedeihn!

Was wir in der Lesung betrachtet haben, fassen wir in dem Psalm 90 zusammen – die Vergänglichkeit unseres Lebens. Es handelt sich um einen Klagepsalm, der die Vergänglichkeit des Menschen gleichsam beklagt.
„Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!“ Das drückt den Kreislauf des Lebens gut aus, auch hier spielt es auf die Schöpfung des Menschen aus dem Ackerboden an. Deshalb heißt der Mensch ja auf Hebräisch auch Adam. Es leitet sich von dem Wort Adamah ab, das „Ackerboden“ heißt.
„Tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.“ Die Nachtwachen dauern laut jüdischer Zählung um die vier Stunden im Gegensatz zur römischen Zählung von drei. Das hängt damit zusammen, dass die Juden die Nacht in drei Phasen aufteilen. Bei Gott gibt es keine Zeit. Er lebt in der Ewigkeit und die Kategorie der Zeit gehört zum Bereich der Schöpfung. Bei Gott ist Timing also ganz anders als bei den Menschen. Das erkennt schon Mose, auch wenn er noch nicht so viele eschatologische Betrachtungen anstellt. Hier wird ein Bild aufgegriffen, dass wir schon bei Salomo gehört haben, wenn es um die zitternden Wachen geht.
Das Leben des Menschen ist schnell vorbei, es ist wie mit dem Gras, das schnell wächst, aber auch schnell verdorrt. Mose vergleicht den Tod mit dem Schlaf. Wer gestorben ist, wird wie ein Schlafender. Diese Tradition zieht sich durch die gesamte Bibel, soweit dass sogar Paulus von den Entschlafenen spricht und die Auferstehung Jesu von den Toten „Auferweckung“ genannt wird.
Mit Vers 12 erreichen wir den Kern des Psalms, denn er beinhaltet die zentrale Bitte an Gott: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ Gott möge den Israeliten damals wie uns Christen heute die Gnade schenken, das Leben bewusst zu leben. Jesus nennt es „wachsam sein“ und nüchtern bleiben statt berauscht von der Weltlichkeit der Welt. Wir sollen immer so leben, als wäre es unser letzter Tag. Dann werden wir ihn bewusst durchleben und uns von Herzen um ein Leben nach den Geboten bemühen. Wir sollen nicht so dahinvegetieren, als gebe es kein Morgen, perspektivlos und unmotiviert. Wir sollen stets sinnerfüllt leben. Wenn Gott uns seine Weisheit schenkt, wird unser Herz weise. Diese Weisheit ist ewig und vollkommen, weil sie eine Gabe Gottes darstellt.
„Kehre doch um, HERR! – Wie lange noch? Um deiner Knechte willen lass es dich reuen!“ Gott soll nicht umkehren wie ein Mensch im Sinne einer Bekehrung von den Sünden. Gott ist vollkommen und heilig, er ist nur gut. Aber er soll sein Angesicht den Israeliten wieder zuwenden. Mose betet diese Worte wohl im Kontext eines Leidens aufgrund der Sünden des Volkes. Wir verstehen heute, dass nicht Gott sein Angesicht von uns abwendet, sondern der Mensch sich von ihm entfernt. Gott muss nichts „bereuen“, weil das eine Eigenschaft ist, die sündige Menschen haben können, nicht der heilige Gott. Das ist eine menschliche Sichtweise auf Gott, die ihrer Zeit geschuldet ist. Wir erkennen an so einer Bibelstelle, dass es auch menschliche Einflüsse gibt, viele Anthropomorphismen, Gottesbilder aus Sicht von Menschen einer bestimmten Zeit und Kultur. Die Wendung „wie lange noch“ ist typisch für Klagepsalmen und beweist, dass die Menschen damals durchaus verstanden haben, dass Leiden zeitlich begrenzt ist. Gott lässt nicht zu, dass der Mensch ewig leiden muss. Jene, die Gott fürchten, werden das ewige Heil genießen, das Kreuz ist aber zeitlich streng begrenzt.
„Sättige uns am Morgen mit deiner Huld“ – Gott soll dem Israeliten Segen verleihen für den Tag. Das gilt auch für uns heute. Wenn wir den Morgen mit einer guten Meinung begehen und alles im Laufe des Tages Gott zur Ehre und in seiner Gegenwart tun, dann wird es geheiligt und gereinigt. Dann erfüllt es unseren Tag mit Sinn. Dann leben wir so, dass wir die Beschränktheit unseres Lebens stets vor Augen haben. Und wenn Gottes Segen über allem steht, dann ist der Mensch zeitlebens glücklich. Von Gott hängt ab, ob das Werk unserer Hände gedeiht, Früchte trägt, etwas Gutes bringt. Der Morgen kann mit Blick auf die Lesung auf die Jugend des Menschen bezogen werden. Nicht umsonst sagen wir ja auch „Lebensabend“. Lesen wir diesen Vers also biographisch heißt es, dass Gott uns in der Jugend seine Huld erweisen soll. Wenn Gott schon im frühen Alter Segen verleiht, wird dieser das ganze Leben hindurch anhalten.

Lk 9
43 Alle Leute staunten über das, was Jesus tat; er aber sagte zu seinen Jüngern:

44 Behaltet diese Worte in euren Ohren: Der Menschensohn wird nämlich in die Hände von Menschen ausgeliefert werden.
45 Doch die Jünger verstanden den Sinn seiner Worte nicht; er blieb ihnen verborgen, sodass sie ihn nicht begriffen. Aber sie scheuten sich, Jesus zu fragen, was er damit sagen wollte.

Im Evangelium hören wir eine Leidensankündigung Jesu. Bereits gestern sagte er seinen Jüngern unverblümt, dass er getötet werden würde. Es ist kurz vorher bereits geschehen. Die Jünger werden in der heutigen Episode bemerkt haben, dass Jesus sich wiederholt und damit wichtige Worte zu ihnen sagt. Doch sie verstehen ihn zum wiederholten Mal nicht und trauen sich nicht, ihn nach dem Sinn seiner Worte zu fragen. Diese sehr kurze Episode hat dennoch eine wichtige Bedeutung für uns. Wie oft ist es so, dass Gott uns seinen Willen kundtut und wir ihn nicht verstehen? Oft begreifen wir nicht, was für einen konkreten Plan er mit uns hat. Dann offenbart er es uns wiederholt, doch wir verstehen es einfach nicht. Erst mit dem Alter, mit der Reife, im Verlauf des Lebens, in Bewegung auf dem Weg seiner Gebote verstehen wir nach und nach, was Gott von uns möchte. Das ist sehr realistisch, denn wir Menschen sind begrenzte Wesen, dessen Ratio einen ganz kleinen Bruchteil der Intelligenz Gottes darstellt.
Doch Gott ist geduldig. Immer wieder gibt er uns seinen Willen zu verstehen. Der Geist Gottes gibt uns Dinge ein auf ganz verschiedenen Wegen – durch die Hl. Schrift, durch Ereignisse, durch andere Menschen, durch Gedanken und Träume. Und typisch für den Geist Gottes ist die Wiederholung. Wenn Gott uns etwas Entscheidendes mitteilen möchte, tut er dies nicht nur einmalig und dann heißt es „Pech gehabt“, wenn man es beim ersten Mal nicht verstanden hat. So ist es nicht, denn Gott möchte sicherstellen, dass wir ihn verstehen. So versucht er es immer wieder auf verschiedenen Wegen, sodass wir durch die Wiederholung irgendwann verstehen, dass es kein normaler Traum war, nicht unsere eigenen Gedanken sind, nicht zufällig diese Bibelstelle uns begegnet und die Worte des Mitmenschen nicht einfach dahergesagt sind.
Und damit wir Gottes Willen in unserem Leben erkennen, müssen wir, wie Salomo es uns heute erklärt hat, schon früh beginnen, die Ohren zu spitzen, nicht erst, wenn wir alt und krank geworden sind. Der Prophet Samuel hat schon als Heranwachsender die Stimme Gottes vernommen. Seine Hellhörigkeit soll auch uns heute ein Vorbild sein. Es geht um Ge-hor-sam, ein Hinhören auf Gottes Willen.

Ihre Magstrauss

Freitag der 25. Woche im Jahreskreis

Koh 3,1-11; Ps 144,1au. 2abc.3-4; Lk 9,18-22

Koh 3
1 Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:

2 eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen,
3 eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen,
4 eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz;
5 eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,
6 eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten/ und eine Zeit zum Wegwerfen,
7 eine Zeit zum Zerreißen/ und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden,
8 eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.
9 Wenn jemand etwas tut – welchen Vorteil hat er davon, dass er sich anstrengt?
10 Ich sah mir das Geschäft an, für das jeder Mensch durch Gottes Auftrag sich abmüht.
11 Das alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit. Überdies hat er die Ewigkeit in ihr Herz hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wiederfinden könnte.

In der heutigen Lesung aus dem Buch Kohelet hören wir Salomos Ausführungen über die Zeit. Seine zentrale Aussage in diesen Versen lautet: „Alles hat seine Stunde.“ Dies betrifft das irdische Dasein, denn dort stellt die Zeit eine wichtige Kategorie dar. Bei Gott gibt es dagegen keine Zeit. Er hat sie geschaffen, doch als Schöpfer ist er nicht in seine Schöpfung eingebunden.
So nennt Salomo nun verschiedene Begriffspaare, die oft Gegenteilpaare darstellen:
gebären und sterben, pflanzen und ernten, töten und heilen, niederreißen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen. Das Leben ist dynamisch, weil es eben solche und solche Zeiten gibt. Wir sehen kreatives und destruktives nebeneinander, die Freude und das Leid. Diese Ambivalenz ist dabei nicht, wie Gott die Welt geschaffen hat. Ursprünglich sollte es nichts Destruktives oder Leidvolles geben. Doch durch die Sünde ist diese Gespaltenheit in die Schöpfung gekommen. Sie ist gefallen.
Und so sind auch einige der weiteren Begriffspaare zu verstehen: Steinewerfen, Steinesammeln, umarmen, Umarmung lösen, suchen und verlieren, behalten und wegwerfen, zerreißen und zusammennähen, schweigen und reden, lieben und hassen, Krieg und Frieden. Sie spiegeln die Zerrissenheit der Schöpfung wider, aber es gibt auch Begriffspaare, die zeigen, dass alles einmal ein Ende hat: So kann eine Umarmung nicht ewig anhalten und die Menschen können sich nicht ewig anschweigen. Alles in dieser Welt hat einmal ein Ende. Aber in Gottes Herrlichkeit herrscht die Ewigkeit. In der gefallenen Schöpfung gibt es Kreatives – das heißt Schöpferisches, doch es gibt auch Zerstörerisches. Dadurch wird der Neuaufbau immer wieder notwendig. Bei Gott gibt es nichts Zerstörerisches. Er muss diese gefallene Welt irgendwann beenden und abbauen, um eine neue Schöpfung zu errichten, aber das Himmelreich ist davon nicht betroffen. Während es in unserer Welt zugleich Liebe und Hass gibt, weil das erste Menschenpaar gesündigt hat, herrscht bei Gott allein die Liebe. Dort wird nicht mit Steinen geworden, dort herrscht auch kein Krieg, denn Gottes Gegenwart ist der wahre Frieden.
Salomo sagt das alles, um zu zeigen, dass man nichts erzwingen sollte und akzeptieren muss, dass es für all diese Aspekte eine Zeit gibt. Der Mensch kann es nicht krampfhaft ändern, denn dazu fehlt ihm die Kompetenz. In seinem Realismus stellt er die Frage, wofür man sich eigentlich so sehr anstrengt, wenn sowieso alles ein Ende hat. Man hat keinen Vorteil, über die eigenen Kräfte hinaus etwas anzugehen. Es endet genauso wie alle anderen Dinge.
Die Zeiten für alle oben aufgezählten Dinge und darüber hinaus hat Gott festgelegt. Er selbst hat ein bestimmtes Timing in seiner Heilsgeschichte und dieses ist immer vollkommen. Der Mensch kann Gottes Timing und Zeitvorgaben nur manchmal nicht durchschauen. Er hat einen gebrochenen Blick und kann der Transzendenz Gottes auch nicht nachkommen. Gott bleibt in seiner Vorsehung stets Geheimnis und was wir von ihm wissen, hat er uns selbst offenbart.

Ps 144
1 Von David. Gepriesen sei der HERR, mein Fels,
2 Er, meine Huld und meine Festung, meine Burg und mein Retter, mein Schild, dem ich vertraue,
3 HERR, was ist der Mensch, dass du ihn wahrnimmst, des Menschen Kind, dass du es beachtest?
4 Der Mensch gleicht einem Hauch, seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten.

Als Antwort beten wir den Lobpreispsalm 144. David preist zunächst Gottes Macht und Schutz. Dabei nennt er ihn seinen Fels, seine Huld und Burg. Nicht umsonst wird Jesus das Bild des Felsens aufgreifen, wenn er den Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes als „Bauen auf Felsen“ bezeichnet und Petrus zum Felsen seiner Kirche beruft. Ein Fels bietet Stabilität und trotzt der Witterung. Er bietet Schutz vor der Hitze des Tages und der Kälte des Windes. Er speichert Wärme und hält den Menschen warm, der in der Felsspalte Schutz sucht. Gerade König David musste sich oft auf diese Weise verstecken, weil viele Menschen ihm nach dem Leben getrachtet haben. Gott ist für David auch seine Burg. Als König und Feldherr ist dieses Bild besonders zugänglich für ihn. Eine Burg soll nämlich vor Feinden beschützen. Und davon hatte David viele. Er hat aber einen Feind kennengelernt, den er nicht besiegt hat im Gegensatz zu den vielen militärischen Erfolgen. Und das ist der Widersacher Gottes, der mit spirituellen Waffen zuschlägt. David ist in die Falle getappt und hat schwer gesündigt. Und doch ist Gott seine Burg auch im spirituellen Sinne. Wenn man innig mit ihm verbunden ist, wird er nicht zulassen, dass der Mensch ganz und gar vom Weg abkommt. Auf Gott kann der König ganz vertrauen, wie seine Erfolge ihm bewiesen haben. Der Herr ist ihm wirklich ein Schild, auf das er vertrauen kann.
Und dann greift David Aspekte auf, die wir schon in der Lesung gehört haben: Der Mensch ist vergänglich und der Zeit unterworfen. Er ist ein Hauch, der verweht, und ein flüchtiger Schatten. Und doch ist Gott bereit, alles zu tun, um den Menschen zu beschützen, als ob er der einzige Mensch auf der Welt wäre! David bestaunt diese Hingabe Gottes an jeden Einzelnen. Seine Stärke besteht in der Demut und dem realistischen Selbstblick. Er schaut nüchtern auf sich und steht zu seiner Erlösungsbedürftigkeit. Umso mehr erstaunt ihn die Aufmerksamkeit, die Gott den Menschen schenkt, die es menschlich gedacht gar nicht verdienen.

Lk 9
18 Und es geschah: Jesus betete für sich allein und die Jünger waren bei ihm. Da fragte er sie: Für wen halten mich die Leute?

19 Sie antworteten: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija; wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden.
20 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete: Für den Christus Gottes.
21 Doch er befahl ihnen und wies sie an, es niemandem zu sagen.
22 Und er sagte: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet und am dritten Tage auferweckt werden.

Jesus ist im heutigen Evangelium im Gebet und seine Jünger sind bei ihm. Als er sie fragt, für wen die Leute ihn halten, fassen sie die Gerüchteküche um Jesu Identität zusammen: Er sei Johannes der Täufer, Elija oder einer der alten Propheten.
Das ist teilweise sehr sinnlos und unlogisch, denn Johannes der Täufer war ja zusammen mit Jesus zu sehen. Wie kann Jesus also zugleich der Täufer sein? Die Elija-Frage ergibt als logische Konsequenz der Täufer-Aussage Sinn, denn Johannes ist als wiedergekommener Elija vermutet worden. Jesu Heilstaten lassen dies vermuten, denn er tut einige der von Elija bekannten Heilstaten. Wir merken hier, wie Gerüchte funktionieren: Ob sie überhaupt Sinn ergeben, wie hoch der Wahrheitsgehalt ist, spielt eine untergeordnete Rolle. Das Sensationelle daran erhält das Gerücht am Leben.
Dass Jesus ihnen die Frage überhaupt gestellt hat, ist eine Hinführung zu seiner eigentlichen Frage: Für wen haltet IHR mich?
Petrus ist wie so oft der erste, der sich zu Wort meldet. Dass er so schnell die treffende Antwort gibt, zeigt sein geisterfülltes Sprechen: Für den Christus Gottes. Das ist keine Schlussfolgerung aufgrund von logischem Nachdenken. Dies hätte mehr Zeit beansprucht. Es handelt sich um etwas, wofür ihm der Hl. Geist die Augen des Herzens geöffnet hat. Wie sonst kann ein ungebildeter Fischer aus Galiläa eine solch tiefe Wahrheit erkennen, wenn nicht aus dem Geist Gottes heraus?
Wie die Nachgeschichte des Messiasbekenntnisses ist, erfahren wir bei Lukas nicht, das erzählt uns dafür Matthäus sehr ausführlich. Stattdessen wird hier nur erwähnt, dass Jesus seinen Jüngern verbietet, seine Identität anderen Menschen preiszugeben. Zum Messiasgeheimnis habe ich schon oft etwas gesagt – es hat pragmatische Gründe, denn Jesus kann nicht auf halbem Wege bereits verhaftet und hingerichtet werden. Sein Werk ist noch nicht vollenden. Es hat zudem den viel tiefer gehenden Grund, dass die Menschen es von selbst erkennen sollen, indem er ihnen viele messianische Signale gibt.
Zum Ende hin erfolgt eine Leidensankündigung wie auch in der Matthäusversion. Wie Petrus sich dagegen sträubt und wie heftig Jesus darauf reagiert, wird uns bei Lukas nicht berichtet. Jesus erklärt den Jüngern, dass er von den Hohepriestern und Schriftgelehrten hingerichtet werde, aber am dritten Tag auferstehen werde. Das mag für die Jünger alles noch unglaublich oder unverständlich geklungen haben, doch im Nachhinein werden sie alles verstehen.

Heute offenbart sich Gott wirklich als ein leidenschaftlich Liebender, der alles gibt, um jeden Menschen zu behandeln wie den Einzigen auf der Welt. Er ist bereit, zu sterben und aufzuerstehen, damit die gesamte Menschheit gerettet werde. Das macht seine verschwenderische Liebe aus. Mit menschlicher Logik ist das nicht zu verstehen, weil wir „wirtschaftlich“ denken nach dem Motto „lohnt es sich, alles zu geben? Werde ich auch alles wieder zurückbekommen?“ Der Mensch ist so ein unvollkommenes und begrenztes Wesen, weil er eine gefallene Natur ist. Und doch ist Gott bereit, zu geben, was er rein mathematisch gesehen nicht verdient hat. So groß ist Gottes Gnade! Lassen wir uns täglich davon berühren, damit wir stets dankbar für alles sind, was er uns immer schenkt!

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 25. Woche im Jahreskreis

Koh 1,2-11; Ps 90,3-4.5-6.12-13.14 u. 17; Lk 9,7-9

Koh 1
2 Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.

3 Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne?
4 Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit.
5 Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht.
6 Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind.
7 Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen. 8 Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll.
9 Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was getan wurde, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
10 Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues – aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.
11 Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden.

In der Lesung hören wir heute einen Abschnitt aus dem Buch Kohelet. Es ist geschrieben von König Salomo, der als Weisheitslehrer hier zum Realismus neigt. In diesem Buch betrachtet er die Vergänglichkeit des irdischen Daseins. Manche bewerten seine Worte hier als Pessimismus und Skeptizismus, andere wiederum erkennen eine heitere Gelassenheit gegenüber der Dinge, die man nicht ändern kann. Eines ist klar – es ist ein anderer Salomo als noch zu Beginn seiner Regierungsjahre. Womöglich vom Leben gezeichnet, denn er hat durch seine vielen Frauen viele Sünden begangen und ist unglücklich geworden, hat er einen anderen Blick auf das Leben als im jungen Alter.
So beginnt er seine Worte mit dem Ausruf „Windhauch, Windhauch“, um die Vergänglichkeit des Lebens zusammenzufassen. Ein Wehen, schon ist es vorbei. Was bringt es dem Menschen, viel irdischen Besitz anzuhäufen? Er selbst hat ein prunkvolles Königreich aufgebaut, sodass die Herrscher anderer Reiche dieses sogar wertschätzen und loben. Doch der Segen Gottes ist von ihm gewichen, weil er den vielen Götzen seiner Frauen geopfert hat. Es hat ihn unglücklich gemacht.
Der Tod ist allgegenwärtig. Keiner lebt für immer, sondern Menschen sterben, andere werden geboren. Es ist ein unaufhörlicher Kreislauf. Die Menschen kommen und verlassen die Erde, doch die Erde besteht ewig. Das ist eine Vorstellung jener Zeit, bevor apokalyptische Vorstellungen eines Weltenabbruchs vor allem durch die Propheten der Exilszeit aufkommen. Und eine solche Vorstellung besitzen auch wir Christen, denn in der Johannesoffenbarung wird es ebenso beschrieben. Gott wird die Schöpfung wieder auseinanderfallen lassen, nur um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Wie es typisch ist für weisheitliche Texte, verwendet er viele Beispiele aus der Schöpfung, um die Vergänglichkeit des Lebens zu vertiefen: Die Sonne nimmt täglich den Weg von Ost nach West, sie geht auf und unter, „atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht.“ Das ist natürlich bildlich gemeint, denn weder bewegt die Sonne sich, noch hat sie einen Atem. Es ist die Beobachtung und Verbildlichung der Schöpfung. Es ist ein festes Naturgesetz, das sich nicht ändert. Oder hat die Sonne jemals versäumt, aufzugehen?
Der Wind weht in die verschiedenen Himmelsrichtungen, kehrt sozusagen zurück, wenn er in die entgegengesetzte Richtung weht. Die Flüsse münden ins Meer, ohne es zum Überfließen zu bringen. Vielmehr kommt das Wasser wieder am Ursprung an, sodass die Flüsse nicht mehr aufhören, zu sein. Wir würden nach heutigem Wissensstand erklären, dass es den Kreislauf von Verdunstung, Kondensation und Wolkenbildung sowie Niederschlag darstellt, weshalb das Wasser wieder in den Flüssen landet. Aber hier geht es nicht um wissenschaftliche Erklärungen, sondern um Beobachtungen der Schöpfung aus Sicht des Königs. Die ganze Schöpfung ist in Bewegung, „rastlos tätig“, die Naturgesetze sorgen für eine wunderbare Ordnung. Und doch erschöpft sich die Schöpfung nicht. Als Beispiel bringt der König das Gehör, das nie zuende gehört hat.
Und weil alles eine Dynamik besitzt, wiederholt sich auch die Geschichte. Was einmal geschehen ist, wird irgendwann wieder geschehen. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ ist eine tiefe Weisheit. Die ganze Weltgeschichte wimmelt von Déjà vus, auch wenn es uns nicht immer auffällt. Schließlich gibt es so viele Menschen, die im Grunde dieselben Erfahrungen machen. Wir kennen einander aber nicht alle. Und doch sehen wir an historischen und politischen Entwicklungen, dass sich alles irgendwann wiederholt. Das hängt auch damit zusammen, dass der Mensch aufgrund der Erbsünde oft unfähig ist, aus seinen Fehlern zu lernen. Er vergisst die dunklen Zeiten der Geschichte, sodass diese von vorne beginnen. Was in heutiger Zeit geschieht, ist ein wunderbares Beispiel dafür…Auch die Beichtväter können ein Lied davon singen, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt. Sie hören immer wieder dieselben Sünden, vielleicht in verschiedenen Variationen, aber doch im Kern gleich. Es gibt irgendwann nichts mehr, was sie nicht schon einmal gehört haben. Psychiater und Therapeuten ergeht es wohl ähnlich. Und wenn es auf den ersten Blick doch anders erscheint – beim zweiten Blick erkennen wir oft, dass es schon früher einmal so etwas gab.
Auch König Salomo spricht vom Vergessen des Geschehenen: Weil wir die Vergangenheit vergessen oder vieles in den kommenden Generationen einfach nicht mehr bekannt ist, wird es sich wiederholen, obwohl wir denken, es sei neu.
Das ist das irdische Dasein. Und wir mittendrin.

Ps 90
3 Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!

4 Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.
5 Du raffst sie dahin, sie werden wie Schlafende. Sie gleichen dem Gras, das am Morgen wächst:
6 Am Morgen blüht es auf und wächst empor, am Abend wird es welk und verdorrt.
12 Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.

13 Kehre doch um, HERR! – Wie lange noch? Um deiner Knechte willen lass es dich reuen!
14 Sättige uns am Morgen mit deiner Huld! Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.
17 Güte und Schönheit des Herrn, unseres Gottes, sei über uns! Lass gedeihen das Werk unserer Hände, ja, das Werk unserer Hände lass gedeihn!

Als Antwort auf die sehr nachdenkliche Lesung beten wir Psalm 90. Er ist deshalb besonders, weil er Mose zugeschrieben wird. Es handelt sich um einen Klagepsalm, der die Vergänglichkeit des Menschen beklagt.
Zunächst kommen Aussagen, die uns an die Lesung erinnern, weil sie die Beschränktheit des irdischen Lebens betrachten.
„Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!“ Das drückt den Kreislauf des Lebens gut aus, denn laut Schöpfungsbericht ist der Mensch ja aus dem Ackerboden geschaffen worden. Deshalb heißt er ja auf Hebräisch auch Adam. Es leitet sich von dem Wort Adamah ab, das „Ackerboden“ heißt.
„Tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.“ Die Nachtwachen dauern laut jüdischer Zählung um die vier Stunden im Gegensatz zur römischen Zählung von drei. Das hängt damit zusammen, dass die Juden die Nacht in drei Phasen aufteilen. Bei Gott gibt es keine Zeit. Er lebt in der Ewigkeit und die Kategorie der Zeit gehört zum Bereich der Schöpfung. Bei Gott ist Timing also ganz anders als bei den Menschen. Das erkennt schon Mose, auch wenn er noch nicht so viele eschatologische Betrachtungen anstellt.
Das Leben des Menschen ist schnell vorbei, es ist wie mit dem Gras, das schnell wächst, aber auch schnell verdorrt. Mose vergleicht den Tod mit dem Schlaf. Wer gestorben ist, wird wie ein Schlafender. Diese Tradition zieht sich durch die gesamte Bibel, soweit dass sogar Paulus von den Entschlafenen spricht und die Auferstehung Jesu von den Toten „Auferweckung“ genannt wird.
Mit Vers 12 erreichen wir den Kern des Psalms, denn er beinhaltet die zentrale Bitte an Gott: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ Gott möge den Israeliten damals wie uns Christen heute die Gnade schenken, das Leben bewusst zu leben. Jesus nennt es „wachsam sein“ und nüchtern bleiben statt berauscht von der Weltlichkeit der Welt. Wir sollen immer so leben, als wäre es unser letzter Tag. Dann werden wir ihn bewusst durchleben und uns von Herzen um ein Leben nach den Geboten bemühen. Wir sollen nicht so dahinvegetieren, als gebe es kein Morgen, perspektivlos und unmotiviert. Wir sollen stets sinnerfüllt leben. Wenn Gott uns seine Weisheit schenkt, wird unser Herz weise. Diese Weisheit ist ewig und vollkommen, weil sie eine Gabe Gottes darstellt.
„Kehre doch um, HERR! – Wie lange noch? Um deiner Knechte willen lass es dich reuen!“ Gott soll nicht umkehren wie ein Mensch im Sinne einer Bekehrung von den Sünden. Gott ist vollkommen und heilig, er ist nur gut. Aber er soll sein Angesicht den Israeliten wieder zuwenden. Mose betet diese Worte wohl im Kontext eines Leidens aufgrund der Sünden des Volkes. Wir verstehen heute, dass nicht Gott sein Angesicht von uns abwendet, sondern der Mensch sich von ihm entfernt. Gott muss nichts „bereuen“, weil das eine Eigenschaft ist, die sündige Menschen haben können, nicht der heilige Gott. Das ist eine menschliche Sichtweise auf Gott, die ihrer Zeit geschuldet ist. Wir erkennen an so einer Bibelstelle, dass es auch menschliche Einflüsse gibt, viele Anthropomorphismen, Gottesbilder aus Sicht von Menschen einer bestimmten Zeit und Kultur.
„Sättige uns am Morgen mit deiner Huld“ – Gott soll dem Israeliten Segen verleihen für den Tag. Das gilt auch für uns heute. Wenn wir den Morgen mit einer guten Meinung begehen und alles im Laufe des Tages Gott zur Ehre und in seiner Gegenwart tun, dann wird es geheiligt und gereinigt. Dann erfüllt es unseren Tag mit Sinn. Dann leben wir so, dass wir die Beschränktheit unseres Lebens stets vor Augen haben. Und wenn Gottes Segen über allem steht, dann ist der Mensch zeitlebens glücklich. Von Gott hängt ab, ob das Werk unserer Hände gedeiht, Früchte trägt, etwas Gutes bringt. Wir können wirklich zusammenfassen: An Gottes Segen ist alles gelegen.

Lk 9
7 Der Tetrarch Herodes hörte von allem, was geschah, und wusste nicht, was er davon halten sollte. Denn manche sagten: Johannes ist von den Toten auferstanden.

8 Andere meinten: Elija ist erschienen. Wieder andere: Einer der alten Propheten ist auferstanden.
9 Herodes aber sagte: Johannes habe ich enthaupten lassen. Wer aber ist dieser, von dem man mir solche Dinge erzählt? Und er hatte den Wunsch, ihn zu sehen.

Heute hören wir in dem kurzen Abschnitt aus dem Lukasevangelium von König Herodes. Es ist so, dass Jesu Wirken im ganzen Heiligen Land Wellen schlägt und die Nachricht von seinen Heilstaten sich wie ein Lauffeuer verbreitet. So dringt es vor bis zum Tetrarchen. Er hört von Jesu Machttaten und von den Gerüchten, er sei der auferstandene Täufer, den er hatte hinrichten lassen. Bei Herodes handelt es sich um eine zutiefst gespaltene Person. Einerseits mochte er den Täufer, andererseits beunruhigte dieser ihn. Mit dessen Tod konnte er sein inneres Dilemma wohl kurzzeitig ein wenig verdrängen, doch nun kommt alles wieder hoch.
Jesus wird von den Menschen unterschiedlich bewertet, weshalb die Gerüchte in ganz unterschiedliche Richtungen verlaufen. Die einen setzen Jesus mit Johannes den Täufer in Beziehung, wiederum andere sehen in Jesus einen Propheten wie jene aus dem Alten Testament. Gerade Elija, so die jüdische Vorstellung, werde kurz vor dem kommenden Gottesgericht wiederkommen und dem Messias den Weg bereiten. Während die einen Johannes den Täufer als wiedergekommenen Elija identifiziert hatten, ziehen wiederum andere Jesus als den wiedergekommenen Propheten in Betracht.
Herodes hört von diesen ganzen Spekulationen und wird neugierig. Seine innere Offenheit, die Heilsgestalten seiner Zeit anzuhören, ist auch mit dem Tod des Johannes nicht verschwunden. So möchte er Jesus treffen.
An dem heutigen Abschnitt ist bemerkenswert, dass hier das Thema des Déjà vus aufgegriffen wird. Alles wiederholt sich. Elija kommt wieder und das schließt seine Botschaft mit ein. Wieder erhält der König die Chance, auf die Worte einer wichtigen Person zu hören, diesmal sogar von Gott selbst.

Nutzen wir die Chancen, die Gott uns heute schenkt. Und denken auch wir heute daran, dass unser Leben schnell vorüber geht. Sagen wir nicht „ach, ich kann noch morgen umkehren, heute genieße ich mein Leben“. Morgen kann es schon vorbei sein. Und wenn wir vom Schlafen in die Auferweckung kommen möchten, müssen wir in diesem Leben stets wachsam sein. Dann haben wir Segen und werden sinnerfüllt und glücklich ein irdisches Leben führen.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 25. Woche im Jahreskreis

Spr 30,5-9; Ps 119,29 u. 72.89 u. 101.104 u. 163; Lk 9,1-6

Spr 30
5 Jede Rede Gottes ist im Feuer geläutert; ein Schild ist er für alle, die bei ihm sich bergen.

6 Füg seinen Worten nichts hinzu, sonst überführt er dich und du stehst als Lügner da.
7 Um zweierlei bitte ich dich, versag es mir nicht, bevor ich sterbe:
8 Falschheit und Lügenwort halt fern von mir; gib mir weder Armut noch Reichtum, nähr mich mit dem Brot, das mir nötig ist,
9 damit ich nicht, satt geworden, dich verleugne und sage: Wer ist denn der HERR?, damit ich nicht als Armer zum Dieb werde und mich am Namen meines Gottes vergreife.

Im heutigen Abschnitt aus dem Buch der Sprichwörter hören wir die Worte nicht von Salomo selbst, sondern von einem gewissen Agur.
„Jede Rede Gottes ist im Feuer geläutert; ein Schild ist er für alle, die bei ihm sich bergen.“ Die Läuterung im Feuer zeigt bereits, was er damit meint: Gottesrede ist immer ganz rein und unverfälscht. Der Mensch kann irren und Dinge von sich geben, die nicht stimmen, von böser Absicht kommen oder einfach nur vergänglich sind. Agur spricht hier von sich selbst, denn er erkennt in Gottes Angesicht, wie armselig sein eigenes Tun im Gegensatz zu Gott ist.
Das reinigende Feuer, durch das die Worte Gottes zum Menschen kommen, kann auch als seine brennende Liebe verstanden werden: Gottes Offenbarung an uns ergeht immer aus seiner leidenschaftlichen Liebe zu uns. Alles, was er tut, dient uns zum Heil, weil Gott die Liebe ist. Deshalb ist Gott für uns ein Schild, die wir zu ihm kommen und seinen Schutz beanspruchen.
„Füg seinen Worten nichts hinzu, sonst überführt er dich und du stehst als Lügner da.“ Jede Lüge kommt irgendwann ans Tageslicht. Es lohnt sich vor allem nicht, Gottes Worte zu manipulieren. Er sorgt dafür, dass diese Lüge bekannt wird. Gottes Wort ist die Wahrheit. Nicht umsonst spricht das fleischgewordene Wort Jesus Christus zu seinen Jüngern: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Keiner kommt zum Vater, außer durch mich.“ Wer diese Offenbarung verändern will, und das geschieht in unserer Zeit sehr häufig durch „Verkürzungen“ und einer Konstruierung eines „Patchwork-Jesus“ als Sozialist, Klimaschützer oder sonst was, den wird Gott selbst korrigieren. Wer sind wir Menschen, dass wir es wagen, Gottes Identität zu verdunkeln?
Agur bittet Gott um zwei Dinge in seinem Leben: „Falschheit und Lügenwort halt fern von mir; gib mir weder Armut noch Reichtum, nähr mich mit dem Brot, das mir nötig ist.“ Das erste kann man als Versuchung verstehen, mit der Agur nicht konfrontiert werden möchte im Sinne einer Versuchung zum Lügenpropheten. Man kann es aber auch so verstehen, dass er von einem anderen Menschen nicht getäuscht werden möchte. Gott möge ihn vor einem Lügenpropheten bewahren. Die zweite Bitte könnte irritieren, wenn man den nächsten Vers nicht mitliest: Agur möchte, dass Gott ihm nur so viel Reichtum gibt, dass es für ihn ausreicht, um ein sorgenfreies Leben zu führen. Er möchte von Gott keinen Luxus erhalten, damit er nicht übersättigt wird, Gott vergisst und sich undankbar von ihm abwendet. Er möchte aber auch nicht, dass Gott ihn hungern lässt, damit er nicht aus Verzweiflung zum Dieb wird. Gott möge ihm genau das richtige Maß an allem schenken, damit seine Gottesbeziehung nicht verschlechtert wird. Agur sagt hier etwas Wichtiges aus: Wenn es dem Menschen zu gut geht, vergisst er Gottes Güte. Not lehrt beten. Aber zu viel Not stürzt den Menschen in Verbitterung und Sünde.
Wir können getrost sein, dass Gott uns so viel von allem schenkt, wie wir mit unserem Charakter „ertragen“ können – an Gnaden wie an Kreuzen. Er kennt unsere Herzen und wird keinem viel Reichtum schenken, wenn er weiß, dass jemand zur Habgier neigt. Er wird auch kein allzu schweres Kreuz auferlegen, wenn er weiß, dass ein Mensch psychisch labil ist. Gott kennt uns durch und durch und passt alles an uns an. Und wenn wir selbst etwas dafür tun möchten, dass unsere Beziehung zu ihm gut bleibt, können wir bewusst asketisch leben – das heißt nicht in purer Armut leben, sondern nur so viel von allen Gütern anstreben, wie wir wirklich brauchen. Gehen wir den Weg der Gebote Gottes, damit wir durch unsere Sünden keine zusätzlichen selbstgemachten Kreuze auferlegen, sondern nur die Kreuze Gottes tragen. Diese sind schließlich perfekt auf uns abgestimmt und lassen uns reifen.

Ps 119
29 Halte mich fern vom Weg der Lüge, begnade mich mit deiner Weisung!
72 Gut ist für mich die Weisung deines Munds, mehr als große Mengen von Gold und Silber.
89 O HERR, in Ewigkeit steht aufrecht dein Wort am Himmel.
101 Von jedem bösen Pfad hielt ich meine Füße zurück, damit ich dein Wort beachte.
104 Aus deinen Befehlen gewinne ich Einsicht, darum hasse ich alle Pfade der Lüge.
163 Ich hasse die Lüge, sie ist mir ein Gräuel, doch deine Weisung liebe ich.

Als Antwort beten wir Psalm 119, der sich den Worten aus dem Buch der Sprichwörter anschließt. Es handelt sich wieder um einige Verse aus dem längsten Psalm des Psalters. Der heutige Abschnitt beginnt mit einer Bitte: „Halte mich fern vom Weg der Lüge, begnade mich mit deiner Weisung!“ Auch König David bittet darum, von Lüge und Täuschung verschont zu bleiben. Schon Agur hat darum gebeten. Vielmehr soll Gott den Menschen seine Weisung geben, denn wenn Gott sich offenbart, wissen die Menschen besser, wie sie seinen Willen erfüllen sollen.
„Gut ist für mich die Weisung deines Munds, mehr als große Mengen von Gold und Silber.“ Irdische Schätze kann man nach dem Tod nicht in die Ewigkeit mitnehmen. Sie bleiben zurück. Das göttliche Wort ist aber ewig und verleiht dem Menschen erst das ewige Leben. Deshalb ist es so viel wertvoller als Silber und Gold.
„O HERR, in Ewigkeit steht aufrecht dein Wort am Himmel.“ Wir verstehen diesen Vers besonders christologisch. Das göttliche Wort ist von Anfang an, es ist beim Vater, es ist Schöpfungsmittler und es ist der himmlischen Sphäre zuzuordnen. Dieses göttliche Wort ist auf der Höhe der Zeit Fleisch geworden und hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen. Jesus Christus ist dieses göttliche Wort, der nach seiner Himmelfahrt nun wieder beim Vater ist und am Ende der Zeiten wiederkommen wird. Er steht wirklich in Ewigkeit aufrecht beim Vater, denn er ist der verherrlichte Menschensohn.
„Von jedem bösen Pfad hielt ich meine Füße zurück, damit ich dein Wort beachte.“ Was wir Menschen aktiv tun können, auch wenn Versuchungen kommen, ist das Meiden des Bösen. Wir entscheiden doch aktiv, welchen Weg unsere Füße einschlagen. Wenn wir bewusst nein zur Sünde sagen und damit auf dem Weg Gottes bleiben, dann erteilen wir dem Bösen immer wieder eine Absage. Jeden Tag müssen wir Menschen Entscheidungen treffen, weshalb wir unbedingt ein reines Gewissen haben müssen. Ist unser Entscheidungsorgan – unser Herz – korrumpiert, benebelt oder betäubt, wird es für uns immer schwieriger, sich für das Gute zu entscheiden. Immer wieder müssen wir uns neu für Gott entscheiden und gegen den Bösen.
Einsicht erlangt der Mensch in seinem Leben, wenn er im Stand der Gnade ist. Auf dem Weg der Lüge, wird er nicht weiterkommen.
Das einzige, wofür der Mensch Hass empfinden soll, radikale Ablehnung, ist die Sünde. Aber der Mensch darf zu keiner Zeit Hass gegen einen Menschen empfinden, auch wenn dieser ein Sünder ist. Lieben soll der Mensch Gottes Weisung und Gott selbst, der sie dem Menschen verleiht.
Was uns Psalm 119 immer wieder aufzeigt, ist die richtige Beziehung zu Gott, eine Bemühung um den Stand der Gnade im gesamten Leben.

Lk 9
1 Dann rief er die Zwölf zu sich und gab ihnen Kraft und Vollmacht über alle Dämonen und um Krankheiten zu heilen.

2 Und er sandte sie aus, das Reich Gottes zu verkünden und die Kranken gesund zu machen.
3 Er sagte zu ihnen: Nehmt nichts mit auf den Weg, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld und kein zweites Hemd!
4 Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst!
5 Wenn euch aber die Leute nicht aufnehmen, dann geht weg aus jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie!
6 Die Zwölf machten sich auf den Weg und wanderten von Dorf zu Dorf. Sie verkündeten das Evangelium und heilten überall.

Heute sendet Jesus seinen Zwölferkreis hinaus, weil die Evangelisierung so schneller vorangehen kann. Er tut es aber nicht nur aus pragmatischen Gründen. Das ist nie der Hauptgrund im Falle Jesu. Er möchte seine Jünger dafür sensibilisieren, dass sie nach seinem Tod, seiner Auferstehung und Himmelfahrt, nach der Geistsendung auf diese Weise das Reich Gottes bis an die Enden der Erde bringen sollen und dabei in seiner Vollmacht all die Heilstaten des Messias weiterführen werden. Es handelt sich also sozusagen um eine „Generalprobe“, die vorübergehend ist.
Jesus bevollmächtigt sie noch nicht zu allem, was dann später noch folgen wird, z.B. kommt die Sündenvergebung erst nach seiner Auferstehung. Er bevollmächtigt sie aber jetzt schon zum Exorzismus und zur Krankenheilung.
Wenn Jesus in Vers 3 seine Apostel dazu aufruft, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche mitzunehmen, möchte er damit vermitteln: Ihr sollt ganz auf die Vorsehung Gottes vertrauen. Euch soll es zuerst um das Reich Gottes gehen, alles Andere wird euch dazugegeben. Sie sollen deshalb kein Brot, keine Vorratstasche oder Geld mitnehmen. Sie sollen darauf vertrauen, dass Gott ihnen das alles durch andere Menschen geben wird. Dadurch vollziehen seine Apostel für die Menschen eine prophetische Zeichenhandlung. So wie Jesus alles, was er verkündet, auch an seinem Leben verdeutlicht, so sollen seine Nachfolger ebenfalls an ihrer Lebensführung das Verkündete lebendig werden lassen. So können die Menschen an ihrer Person das Gesagte ablesen und werden es als authentisch annehmen.
Sie sollen zudem in dem Haus bleiben, in das sie einkehren. Das soll heißen, dass sie nicht schauen sollen, wo es angenehmer ist. Sie sollen dankbar annehmen, was ihnen angeboten wird.
Wenn man sie an dem Ort aber nicht annimmt, also ihre Botschaft nicht annimmt, sollen sie diesen Ort verlassen und selbst den Staub abschütteln. Sie sollen nicht mehr zurückschauen oder sich an den Ort gebunden fühlen. Wenn man sie nicht möchte, sollen sie stattdessen dorthin gehen, wo das Evangelium angenommen wird. Dieses Abschütteln des Staubs hat noch eine andere Bedeutung, die uns heutzutage nicht mehr so vor Augen steht. Es war nämlich eine Geste der Gerichtsankündigung. Damit wird also ausgesagt: Ihr sollt das Richten Gott überlassen, der mit ihnen tun wird, wie er es für richtig hält. Ihr sollt nicht verurteilen, sondern es Gott überlassen. Nehmt den Segen mit zu jenen, die ihn annehmen.

Gottes Weisung ist für die ganze Menschheit gedacht. Es geht aber nicht mehr um das geschriebene Wort Gottes, die Torah. Vielmehr ist Gott nun bereit, sich den Menschen selbst als Person hinzugeben. Was die Apostel verkünden, was sie an Heilstaten vollbringen, tun sie im Namen Jesu, der die fleischgewordene Torah ist. Er ist die Wahrheit und vertreibt jede Lüge. Das Heil, das Gott zu spenden bereit ist, ist mehr wert als Gold und Silber. Es eröffnet allen Menschen das ewige Leben, wenn sie sich für Gott entscheiden.

Heute begehen wir den Gedenktag des Hl. Pater Pio von Pietrelcina. Er ist wirklich ein Mensch, an dessen Leben und Person wir die Güte Gottes deutlich ablesen können, so sehr, dass er sogar die Wundmale Christi bekommen hat. So sehr hat er sich mit dieser fleischgewordenen Weisung Gottes, Jesus Christus vereint. Ihm hat Gott zudem das Charisma der Seelenschau geschenkt. Er hat die Lüge des Menschen mit einem Blick durchschaut und so viele Seelen zu einer guten Beichte verholfen. Möge Gott uns auf seine Fürsprache die Gnade verleihen, stets das Gute zu tun und das Böse zu meiden.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 25. Woche im Jahreskreis

Spr 21,1-6.10-13; Ps 119,1 u. 27.30 u. 34.35 u. 44; Lk 8,19-21

Spr 21
1 Wie ein Wasserbach ist das Herz des Königs in der Hand des HERRN; er lenkt es, wohin er will.
2 Jeder meint, sein Verhalten sei richtig, doch der HERR prüft die Herzen.
3 Gerechtigkeit üben und Recht ist dem HERRN lieber als Schlachtopfer.
4 Hoffart der Augen, Übermut des Herzens – die Leuchte der Frevler ist Sünde.
5 Die Pläne des Fleißigen bringen Gewinn, doch der hastige Mensch hat nur Mangel.
6 Schätze erwerben mit verlogener Zunge ist Jagen nach dem Windhauch und Suchen nach dem Tod.
10 Das Verlangen des Frevlers geht nach dem Bösen, sein Nächster findet bei ihm kein Erbarmen.
11 Muss der Zuchtlose büßen, so wird der Unerfahrene weise, belehrt man den Weisen, so nimmt er Einsicht an.
12 Der Gerechte handelt klug am Haus des Frevlers, wenn er die Frevler ins Unheil stürzt.
13 Wer sein Ohr verschließt vor dem Schreien des Armen, wird selbst nicht erhört, wenn er um Hilfe ruft.

Heute hören wir einen Ausschnitt aus dem Buch der Sprichwörter als Lesung. Das Kapitel ist einem Korpus verschiedener Sprüche Salomos entnommen.
Wie ein Wasserbach ist das Herz des Königs in der Hand des HERRN; er lenkt es, wohin er will. Der König von Israel ist eingesetzt von Gott. Dieser entscheidet den Kandidaten, den Regierungsstil, die Entscheidungen in allen Fragen. Er ist es, der dem König die Gnade und Kraft verleiht. Er sorgt dafür, dass durch den König das ganze Volk mit seinem Segen überschüttet wird – vorausgesetzt der König unterstellt sich seinem göttlichen Willen. Tut er dies, kann man wirklich sagen, dass er ein Bach ist, dessen Strömung Gott ist. Je nachdem, wie die Strömung ist, fließt das Wasser. Das Herz des Menschen ist dabei der Sitz der Entscheidungen. Deshalb wird dieses Organ hier als Wasserbach bezeichnet.
„Jeder meint, sein Verhalten sei richtig, doch der HERR prüft die Herzen.“ Wie fortschrittlich das Verständnis von Moral und Geboten bei Salomo ist! Wir sehen das bereits bei König David, dass er begreift, wie entscheidend Absichten sind. Schon er versteht, dass Taten nur die Spitze des Eisbergs sind. Gott sieht das Herz und entlarvt vermeintlich gute Taten, die aus schlechten Absichten erfolgen. Das bezieht sich vor allem auf die mangelnde Liebe. Wer die Zehn Gebote hält, aber nicht aus Liebe zu Gott, hat keine größere Gerechtigkeit als die der Pharisäer und Schriftgelehrten zur Zeit Jesu. Aber wir, die wir Jünger Christi sind, sollen gerechter sein, indem wir nicht nur die Gebote halten, sondern sie aus Liebe halten.
„Gerechtigkeit üben und Recht ist dem HERRN lieber als Schlachtopfer“. Dass Mose für das Volk Israel den Kult systematisiert hat und auch die vielen Ritualgebote eingeführt hat, ist Gottes Wille gewesen. Er hat sie sich nicht selbst ausgedacht, sondern auf Anordnung Gottes alles aufgeschrieben. Und doch zieht Gott es vor, dass der Mensch ein gerechtes Verhalten hat. Er möchte nicht, dass der Mensch der Versuchung erliegt, äußere Opfer darzubringen in der Hoffnung, dadurch schon genug gerechtfertigt zu sein und weiterhin ein sündhaftes Leben führen zu können. Dafür sind die Opfer nicht gedacht. Es wäre so, als ob Katholiken ein sündiges Leben führen und regelmäßig zur Beichte laufen, um wieder gerecht zu sein, aber keinen Willen zur Umkehr aufweisen. Die Beichte ist dadurch ungültig, die Opfer der Israeliten damals nimmt Gott nicht an. Viele Propheten kritisieren diese Haltung bei ihren Zeitgenossen, zum Beispiel Amos. Der erste Schritt zur Rechtfertigung ist die Reue sowie eine radikale Umkehr. Das muss sich im Verhalten niederschlagen. Die Opfer sind gottgewollt, ja, aber sie dürfen nicht missbraucht werden ohne inneren Willen zur Umkehr. Diese Versuchung ist auch heute sehr stark, weshalb viele Menschen sich der Esoterik zuwenden. Da müssen äußere Handlungen vollzogen werden, um ein gutes Karma zu bekommen, gute Energien, ein angenehmes Leben, aber ganz ohne innere Umkehr.
„Hoffart der Augen, Übermut des Herzens – die Leuchte der Frevler ist Sünde.“ Bei diesem Spruch lernen wir den Zusammenhang von Augen und Herz. Über den visuellen Reiz kommt viel Böses ins Herz, wenn der Mensch es zulässt. Das alte Wort „Hoffart“ bedeutet so viel wie Hochmut oder Überheblichkeit. Die Hochmütigen, die Stolzen lassen sich von der Sünde leiten, deshalb wird hier das Bild des Leuchters verwendet. Die Leuchte der Gerechten sollten aber die Gebote Gottes sein, wir Christen würden sagen, die Leuchte ist Jesus Christus selbst. Er ist das Licht der Welt und so sollen es auch seine Jünger sein. Das Stichwort soll die Demut sein, nicht die Hoffart.
„Die Pläne des Fleißigen bringen Gewinn, doch der hastige Mensch hat nur Mangel.“ Besser man nimmt sich mehr Zeit und macht etwas ordentlich, dann hält es auch. Wenn man auf die Schnelle etwas dahinschludert, wird es nur mangelhaft und nicht andauernd sein. Fleiß hat also auch etwas mit Geduld und Ausdauer zu tun. Wer keine Geduld hat, nimmt sich nicht die nötige Zeit, dass etwas von der Qualität her gut wird. Es handelt sich um eine Tugend, die der Mensch anstreben kann.
„Schätze erwerben mit verlogener Zunge ist Jagen nach dem Windhauch und Suchen nach dem Tod.“ Warum? Weil der Segen Gottes nicht drauf liegen wird. Dann werden wir alles wieder verlieren ganz nach dem Motto „Wie gewonnen, so zerronnen“. Es ist im Grunde ein Verstoß gegen die Gebote „Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst nicht lügen“. Denn man kommt auf unehrliche Weise an den Reichtum und was man an sich reißt (eigentlich auch ein Verstoß gegen das Gebot „Du sollst nicht begehren des Nächsten Hab und Gut“), nimmt man einem Anderen weg, dem es eigentlich zusteht. Das lässt Gott nicht zu. So wird dieser Mensch alles verlieren und das Erworbene ist ein kurzer Windhauch sowie der Tod. Denn moralisch geht man selbst aus dem Stand der Gnade heraus und verliert das ewige Leben, wenn es nicht vergeben und gesühnt wird.
„Das Verlangen des Frevlers geht nach dem Bösen, sein Nächster findet bei ihm kein Erbarmen.“ Der Frevler lässt sich vom Bösen leiten, was auch der Nächste zu spüren bekommt. Sünde schlägt immer Wellen, die die Unschuldigen treffen. Das ist die Natur der Sünde. Erbarmen ist dagegen etwas, das man durch die Gerechten erfährt, die sich vom Geist Gottes leiten lassen.
„Muss der Zuchtlos büßen, so wird der Unerfahrene weise, belehrt man den Weisen, so nimmt er Einsicht an.“ Der Gewinn an Weisheit durch den Unerfahrenen ist entweder darauf zurückzuführen, dass er selbst der Zuchtlose ist, der nun büßen muss. Seine Lebenserfahrung lehrt ihn, dass es sich nicht lohnt, den Weg der Zuchtlosigkeit zu gehen und dadurch unglücklich zu werden. Oder es meint eine weitere Person, die durch das Lebenszeugnis des Anderen die Erfahrung macht, wie man es nicht tun sollte. Wenn man so jemanden belehrt, wird sich die Person nicht stur verweigern, sondern darauf hören. Das Negativbeispiel eines anderen oder von sich selbst wird die Einsicht fördern.
„Der Gerechte handelt klug am Haus des Frevlers, wenn er die Frevler ins Unheil stürzt.“ Wie muss man das verstehen? Ist es gut, dem Anderen etwas Böses anzutun? Gemeint ist, dass der Gerechte den Sündern die Konsequenzen ihrer Sünde fühlen lässt. Jemandem in Liebe eine Lektion zu erteilen, ist heilsam für die Person. Dadurch wird sie nämlich zur Besinnung kommen und umkehren. Zur Zeit Jesu werden die Menschen aber realisieren, dass das Erteilen von Lektionen an die Sünder von Gott ausgehen sollte. Er ist es, der wirklich gerecht und kompetent ist.
„Wer sein Ohr verschließt vor dem Schreien des Armen, wird selbst nicht erhört, wenn er um Hilfe ruft.“ Alles fällt auf den Menschen zurück, das Gute und das Schlechte, das er tut. Doch es gibt noch einen Faktor, der die reine Berechnung im wahrsten Sinne des Wortes „durch-kreuzt“ – das ist die Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Wenn wir bereuen und umkehren, wird das Böse, das wir getan haben, uns nicht in die Hölle stürzen. Wir müssen die Konsequenzen dennoch tragen, aber es wird uns nicht mehr so schaden, dass unsere Seele stirbt. Wenn wir möchten, dass auch uns in der Not geholfen wird, sollen wir damit anfangen, anderen in Not zu helfen. Das ist es, was die Goldene Regel Jesu besagt: Was ihr von Anderen erwartet, das tut auch ihnen.“

Ps 119
1 Selig, deren Weg ohne Tadel ist, die gehen nach der Weisung des HERRN.
27 Den Weg deiner Befehle lass mich begreifen, ich will nachsinnen über deine Wunder!
30 Ich wähle den Weg der Treue, deine Entscheide stelle ich mir vor Augen.
34 Gib mir Einsicht, damit ich deine Weisung bewahre, ich will sie beachten mit ganzem Herzen!
35 Führe mich auf dem Pfad deiner Gebote, denn an ihm hab ich Gefallen!
44 Ich will deine Weisung beständig beachten, auf immer und ewig.

Als Antwort beten wir einen Ausschnitt aus dem längsten Psalm. Er beginnt mit einem Makarismus, mit einer Seligpreisung, die das zentrale Thema zusammenfasst: „Selig, deren Weg ohne Tadel ist, die gehen nach der Weisung des HERRN.“ Es geht um eine lebenslange Gemeinschaft mit Gott und um das Bleiben im Stand der Gnade. Wir können uns schon auf Erden selig nennen, wenn wir im Stand der Gnade sind. Gott überschüttet uns schon in diesem Leben mit ganz viel Segen, mit allen Früchten, Gaben und Charismen. Wir haben eine innere Freude und den Frieden Gottes in unserem Herzen. Wir erfahren schon hier ein Leben in Fülle. Es wird uns erahnen lassen, wie das ewige Leben bei Gott aussehen wird – nur noch viel intensiver!
Damit wir den Stand der Gnade nicht verlieren, müssen wir wissen, was Gottes Wille ist. Deshalb beten wir in Vers 27 die Bitte um Kenntnis über die Befehle Gottes. Es ist wichtig, Gottes Wunder, die er auch in unserer heutigen Zeit erwirkt, zu betrachten. Wenn wir über sie nachsinnen, kommen wir immer tiefer darüber ins Staunen und werden dankbarer, ehrfürchtiger, tiefer berührt von seiner Liebe. Wie in einer Liebesbeziehung zwischen Menschen ist es auch in der Liebesbeziehung mit Gott entscheidend, ihn immer besser kennenzulernen. So wird unsere Liebe zu ihm immer mehr vertieft.
„Ich wähle den Weg der Treue, deine Entscheide stelle ich mir vor Augen.“ Immer wieder sollen wir ihm unser Jawort geben, eine Erneuerung des Bundes, den wir in der Taufe mit ihm eingegangen sind. Dieses Jawort ist nicht nur verbal auszudrücken – wir sollen ihm unser Ja stets durch unser ganzes Leben zeigen. Wenn wir unseren Geliebten „ich liebe dich“ sagen, ist das schön und heilsam. Doch diese Worte erlangen erst dadurch Gewicht, dass sie durch ein entsprechendes Verhalten bewiesen werden.
Damit wir Gottes Wege erkennen und unsere eigenen Sünden realisieren, brauchen wir Einsicht, deshalb die Bitte in Vers 34. Die „Weisung“, von der hier die Rede ist, stellt die Übersetzung des Wortes „Torah“ dar. Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Darüber haben wir im Buch der Sprichwörter bereits gehört. Wer einsichtig ist, zeigt den Willen zur Umkehr, die der einzige Weg zur Rechtfertigung ist. Wer sich innerlich nicht ändern will, wird den Stand der Gnade nicht erlangen. Das Herz ist der springende Punkt. Einsicht ist eine Herzenshaltung, der Wille zur Umkehr. Das Herz ist ja das Entscheidungsorgan des Menschen im biblischen Sinne.
Wer eine solche Herzenshaltung besitzt, dem gefällt der Weg der Gebote Gottes. Auf immer und ewig wird so ein Mensch Gottes Gebote bewahren oder sich zumindest von Herzen darum bemühen. „Ich will…beachten“ ist dabei ein Versprechen, das einem Gelübde gleichkommt. Es ist analog zu betrachten zu dem Ehegelübde, in dem es heißt „Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens“ und „in guten wie in schlechten Tagen“. Auch wenn es uns mal schwer fällt, Gottes Gebote zu halten, sollen wir bereit sein, sie zu halten. Gottes Gnade gibt uns die Kraft dazu. Wichtig ist der Wille und die Bereitschaft, Gott treu zu bleiben bis zum Ende.

Lk 8
19 Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm; sie konnten jedoch wegen der vielen Leute nicht zu ihm gelangen.

20 Da sagte man ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und möchten dich sehen.
21 Er erwiderte ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und tun.

Im Evangelium hören wir heute eine Episode, die sehr oft missverstanden und instrumentalisiert wird. Jesus verleugnet seine Mutter und Familie nicht, wie gerne von Nichtkatholiken zur Beweisführung gegen die innige Beziehung zwischen Jesus und Maria behauptet wird, sondern er möchte die Priorität der geistlichen Familie herausstellen:
Der Ort, an dem Jesus sich gerade befindet, muss mal wieder überfüllt sein, denn Jesu Mutter und „Geschwister“ stehen draußen oder zumindest außerhalb der Menschenmenge. Im griechischen Text steht das Wort ἀδελφός, das unter anderem den direkten Bruder meint. Wir befinden uns im orientalischen Kontext, wo mit „Bruder“ alle möglichen Personen bezeichnet werden, auch Cousins oder entferntere Verwandte. Die Perspektive von „Familie“ ist weitergefasst als unsere heutige. Im Hebräischen und auch im Griechischen gibt es zu jener Zeit auch nur einen Begriff für männliche Verwandte, ob Bruder oder Cousin. Diese „Brüder“, von denen wir hier lesen, werden an anderer Stelle namentlich erwähnt. An wiederum anderer Stelle werden aber auch deren Eltern genannt und die Mutter ist eben NICHT Maria, die Mutter Jesu, sondern die andere Maria, die Frau des Kleopas. Wahrscheinlich sind es Jesu Cousins (mindestens zweiten Grades!). Maria ist immerwährende Jungfrau, so glaubt es die Kirche. Sie hat nur diesen einen Sohn zur Welt gebracht und auf eine andere Art und Weise als sonst gewöhnlich. Ihre biologische Jungfräulichkeit ist auch durch die Geburt nicht genommen worden.
Es geht also um die Großfamilie Jesu hier im Evangelium. Sie sucht Jesus auf und er serviert sie nicht ab. Dies können wir aus der heutigen Schriftstelle nur dann schließen, wenn wir oberflächlich lesen. Es geht Jesus um mehr. Er nimmt ihre Anwesenheit zum Anlass, etwas zu erklären, nämlich die geistliche Familie, die die Kirche ist. Alle, die den Willen Gottes tun, sind Geschwister, nämlich im Glauben. Und darin sind sie viel mehr zusammengeschweißt als die biologische Zusammengehörigkeit. Das muss Jesus den anwesenden Juden ganz behutsam beibringen, denn es ist keineswegs selbstverständlich. Für die Juden ist die Biologie alles. Als Jude wird man geboren. Zum Judentum gehörig ist der Beschnittene am Körper. Für die Anwesenden ist es also eine ganz große Herausforderung über ihren „jüdischen Tellerrand“ hinauszuschauen.
Jesus kann es sich erlauben, diese Dinge zu sagen. Er weiß, dass seine Mutter ihn versteht. Er weiß, dass sie nicht beleidigt reagieren wird, wenn er die anwesenden Menschen, die gekommen sind, den Willen Gottes zu erfahren, als seine Familie, sogar als seine Mutter bezeichnet. Wer, wenn nicht Maria wird dies alles schon sehr früh gelernt haben! Sie ist durch ein Gelübde „unfruchtbar“ und ist doch Mutter geworden. Schon von Kindheit auf ist Jesus einerseits den Eltern gehorsam, andererseits lehrt er seine Eltern als Gott. Sie sind nicht nur seine Eltern, sie sind auch seine Schüler, seine Kinder im Glauben. Jesus ist Marias Rabbi und Maria ist eine erste und beste Jüngerin. Sie wird ihm im heutigen Evangelium also absolut Recht gegeben haben. Wir wissen nicht, wie es ausgegangen ist. Vielleicht ist er danach hinausgegangen oder hat seine biologische Familie hinzugeholt. Denn was Jesus im Laufe seiner Verkündigung immer wieder vorlebt, ist die perfekte Kombination von biologischer und geistlicher Familie: Er ehrt in allem seine Mutter und ist zugleich mit ihr als geistliche Familie vereint. In ihrer Beziehung sehen wir, wie es bei uns der Idealfall sein kann: Unsere Familien sollen nicht nur biologischen, sondern gleichzeitig einen geistlichen Zusammenhang bilden. Dann haben wir einen Vorgeschmack des Himmels auf Erden. Wie schön ist es, wenn Geschwister gut miteinander auskommen, zugleich aber auch im Glauben zusammen wachsen, sich über Gott unterhalten und zusammen bzw. füreinander beten! Leider sehen wir oft, dass Geschwister überhaupt nicht gut miteinander auskommen, biologisch zwar verwandt, doch innerlich Fremde sind. Gleichzeitig haben wir Freunde, die mit uns den Glauben teilen und denen wir deshalb viel näher stehen. Die geistliche Familie ist eine viel stärkere Bindung als die Blutsverbindung. In diesem Fall greift das Sprichwort nicht: „Blut ist dicker als Wasser.“ Denn in diesem Fall ist das Wasser dicker als das Blut, nämlich das lebendige Wasser, das der Hl. Geist ist, aus dem wir neugeboren sind in der Taufe! Jesus möchte also kein Entweder-Oder kommunizieren, sondern im Idealfall ein Sowohl-Als-Auch.
Die ersten Christen haben diese geistliche Familie gelebt, indem sie einander als Brüder und Schwestern bezeichnet haben. Wir lesen dies immer wieder in den Briefen des Neuen Testaments. Dies verändert auch unser Verhalten heute, wenn wir uns immer bewusst sind, dass alle Getauften unsere Geschwister im Glauben sind. Dann werden wir die Verantwortung für sie spüren (vor allem für ihr Seelenheil). Wir werden sie dann nicht mehr schlecht behandeln, sondern werden ihnen mit einer geschwisterlichen Liebe begegnen, einer hingebenden und aufopfernden Liebe.

Heute hören wir in den Lesungen die verschiedensten Aussagen über Gottes- und Nächstenliebe. Es zeichnet sich ein Koordinatensystem der Familie Gottes ab. Durch die gelübdeartigen Aussagen wird die Gottesbeziehung zu einer Art „Ehe“ und das Verhältnis der Christen untereinander zu einem geschwisterlichen Miteinander. Der Geist Gottes schweißt uns zusammen, die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält. Dass wir alle eine einzige Familie sein können, haben wir Christus zu verdanken, der den Neuen Bund zwischen Gott und allen Menschen am Kreuz besiegelt hat. Danken wir ihm dafür täglich und bemühen wir uns um ein gutes „Familienleben“, damit wir am Ende ein großes Wiedersehen beim himmlischen Familienfest haben werden!

Ihre Magstrauss

Matthäus, Apostel und Evangelist (Fest)

Eph 4,1-7.11-13; Ps 19,2-3.4-5b; Mt 9,9-13

Eph 4
1 Ich, der Gefangene im Herrn, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging.
2 Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe
3 und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!
4 Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung:
5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,
6 ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.
7 Aber jeder von uns empfing die Gnade in dem Maß, wie Christus sie ihm geschenkt hat.

11 Und er setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer,
12 um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zuzurüsten, für den Aufbau des Leibes Christi,
13 bis wir alle zur Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum vollkommenen Menschen, zur vollen Größe, die der Fülle Christi entspricht.

Heute am Fest des Apostels und Evangelisten Matthäus hören wir als Lesung einige paränetische Aussagen des Epheserbriefs, das heißt ethische Unterweisungen. Der größere Kontext ist die Taufe, mit der der Christ nicht das Ziel erreicht, sondern erst den Anfang macht. Ab dann ist es am Getauften, durch die Befähigung des Heiligen Geistes ein gottgefälliges Leben zu führen. So sagt der „Gefangene im Herrn“ Paulus, dass es ein Leben sein soll, „das des Rufes würdig ist, der an euch erging.“ Er meint die Berufung zur Heiligkeit, die mit der Taufe verknüpft ist. Er zählt einige konkrete Verhaltensweisen auf, die der getaufte Mensch aufweisen sollte: Demut, Friedfertigkeit, Geduld, Langmut und Liebe. Das sind alles Punkte, die durch maximale menschliche Bemühungen angestrebt werden sollen (menschliche Tugenden aufgrund der Befähigung durch die Taufe). Zugleich wird Gott dem so eifrigen Menschen die maximale Gnade dafür schenken, was den Weg des Getauften zu einer Kooperation mit dem Geist Gottes führt (göttliche Tugenden, wir sagen auch Früchte des Heiligen Geistes).
Paulus ermahnt die Epheser, die er so lieb gewonnen hat, zur Einheit des Geistes und zum Band des Friedens. Der erste Begriff erinnert uns an die Bitte Jesu im hohepriesterlichen Gebet: „Lass sie eins sein, wie wir eins sind.“ Diese spendet der Geist Gottes, der Menschen an einen gemeinsamen Ort bringt, lokal und geistig gesehen. Das meint also nicht mehr nur die Versammlung an einem Ort, sondern die gemeinsame Gesinnung und Ausrichtung.
Die Christen sollen ein Leib und ein Geist sein. Ein Leib sind sie durch Christus, der die Kirche gestiftet hat und sie durch die Eucharistie immer mehr zu seinem Leib werden lässt. Ein Geist ist die Kirche nun durch die Einhauchung des Gottesgeistes an Pfingsten. Dadurch sind die Christen nun eine gemeinsame neue Schöpfung, die sich moralisch gesehen nun an der göttlichen Weisheit orientiert, nicht mehr an der Weisheit der Welt.
Sowohl Juden- als auch Heidenchristen haben nun eine gemeinsame Hoffnung – sie eint der Glaube an die Auferstehung von den Toten. Die Betonung der Einheit ist für uns heute besonders bemerkenswert, denn für die Apostel und Jünger Jesu ist das eine neue Herausforderung. Sie müssen sich an diese Einheit zwischen zwei bisher ganz unterschiedlich gesehenen Völkern erst einmal gewöhnen, die Gemeinschaft von Juden und Heiden. Sie müssen sich auch daran gewöhnen, zusammen zu halten, obwohl sie so unterschiedlich sind.
Die Einheit der Christen gründet in der Einheit des gemeinsamen Gottes und Vaters. Dieser ist es nun in der Familie Gottes, die der Neue Bund ist. Wir sind alle seine Kinder und Erben in seinem Reich.
Gott hat den Menschen unterschiedliche Begabungen und Berufungen geschenkt. Während die einen als Apostel eingesetzt worden sind, sind die anderen zu Evangelisten geworden, Hirten und Lehrer (das Hirtenamt ist der sakramentale Weihegrad des Bischofs, der der Nachfolger der Apostel ist). Wiederum andere sind mit dem Charisma der Prophetie ausgestattet worden. Paulus nennt hier Ämter sakramentaler und nichtsakramentaler Art. Wir denken heute natürlich besonders an den Hl. Matthäus, der sowohl Apostel als auch Evangelist ist. Was auch immer der Mensch für Begabungen und Berufungen von Gott geschenkt bekommt – sie dienen stets dem Aufbau der Gemeinde. Das erklärt Paulus auch sehr ausführlich im ersten Korintherbrief.
Die Charismen, die jeder Christ durch Taufe und Firmung erlangen kann im Gegensatz zu den Vollmachten Jesu Christi, die an die sakramentale Weihe geknüpft sind, dienen der Zeit bis zur Wiederkunft Christi. Sie helfen den Christen auf dem Weg zur Heiligkeit, zur Vervollkommnung des Menschen.

Ps 19
2 Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände.

3 Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund,
4 ohne Rede und ohne Worte, ungehört bleibt ihre Stimme.
5 Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.

Als Antwort beten wir Ps 19, in dem König David zunächst die Erkennbarkeit Gottes in der Schöpfung betrachtet. Die Psalmen reflektieren die Torah und hier wird der Schöpfungsbericht aufgegriffen. Wir betrachten hier aber nicht nur die erste Schöpfung, sondern denken bereits an die zweite Schöpfung im Hl. Geist, denn zuvor haben wir die Charismen und verschiedenen Ämter der Gemeinde betrachtet, die ja die neue Schöpfung markiert.
Die verschiedenen Elemente der Schöpfung verkünden gleichsam Gott als ihren Schöpfer. Er ist der kreative Ursprung, der die wunderbaren Dinge gemacht hat. So sind es die Himmel mit den Himmelskörpern, die die Herrlichkeit Gottes verkünden. Gott hat die Himmelskörper am vierten Tag an das Himmelsgewölbe gesetzt, den Himmel schuf er aber bereits am zweiten Tag.
Gottes Herrlichkeit wird von Tag zu Tag gepriesen. Die Tage und Nächte selbst sind seine Verkünder. Sie werden durch die verschiedenen Himmelskörper gesteuert, sodass Sonne und Mond bzw. Sterne sich mit der Verkündigung Gottes abwechseln.
Sie tun dies jedoch nicht verbal, sondern durch ihre wunderbare Ordnung und Schönheit. Die Sonne spendet Licht und Wärme. Ohne sie kann die Erde nicht bestehen. Sie ist ein wunderbares Bild für unsere Abhängigkeit von Gott. Seine Gnade erhält uns Tag für Tag am Leben. Ohne ihn gehen wir ganz schnell ein wie eine Pflanze ohne Sonnenlicht. Der Mond und die Sterne erleuchten die dunkle Nacht. Er ist uns Orientierung, denn an seinen Mondphasen erkennen wir die Zeit im Monat. An den Sternbildern können wir uns auch an den Himmelsrichtungen orientieren. Die Schönheit des Sternenhimmels lässt uns Gottes überwältigende Herrlichkeit erahnen. Nichts an Himmelskörpern ist chaotisch. Der Mond verläuft in geordneten Bahnen. Die Erde dreht sich unaufhörlich und so sehen wir die Sonne täglich auf- und untergehen. Diese mächtigen Himmelskörper tun nichts, was Gott ihnen nicht „angeordnet“ hat. Sie offenbaren uns Gottes Ordnung, seinen Logos, der die ganze Schöpfung ordnet, der die gesamten Naturgesetze verleiht hat.
Der Himmel spricht kein einziges Wort, doch verbreitet sich diese Art von Verkündigung weltweit, was mit den „Enden der Erde“ ausgedrückt wird. Die Ordnung gibt Gott auch für die zweite Schöpfung vor, wovon wir heute in der Lesung gehört haben. Auch da gibt es eine Gliederung, eine Hierarchie und Aufgabenverteilung. Wenn wir uns an das halten, was Gott selbst vorgegeben hat, wird die Schönheit seiner Schöpfung ihn selbst verkünden wie die Himmelskörper.
Verkündigung geschieht nicht einfach nur verbal. Es geht nicht darum, dass wir das Evangelium Christi mit Worten in die Welt hinaussagen, auch wenn das elementar ist. So ist auch Gottes gesprochenes Wort es, das die Schöpfung erwirkt und systematisiert hat. Wir haben es am Beispiel der Himmelskörper gesehen. Aber das Wort Gottes hat es auch konkret getan. So sollen auch wir den Menschen vor allem ein gutes Beispiel sein, die Gebote Gottes aus brennender Liebe halten und uns ganz den Menschen hingeben. Das wird unsere verbale Verkündigung authentisch machen und so werden wir viele Herzen anrühren. Das überzeugt Menschen, nicht nur leeres Gerede.

Mt 9
9 Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Und Matthäus stand auf und folgte ihm nach.

10 Und als Jesus in seinem Haus bei Tisch war, siehe, viele Zöllner und Sünder kamen und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern.
11 Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?
12 Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.
13 Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

Im Evangelium hören wir nun von dem Apostel und Evangelisten Matthäus, der im Markusevangelium Levi genannt wird. Es handelt sich um einen Zöllner, dessen Berufsgruppe nicht gut angesehen ist. Das liegt daran, dass Zöllner immer mehr als nötig eintreiben müssen, um das Risiko von Missernten etc. zu berücksichtigen. Sie gelten deshalb als unehrlich, erhalten keine bürgerlichen Ehrenrechte und werden vor Gericht nie als zuverlässige Zeugen einbezogen. Jesus hat im heutigen Evangelium aber einen wunderbaren Plan mit diesem Menschen. Er sieht mehr als nur den unehrlichen Zöllner. Er sieht das Potenzial eines von Gott geliebten Kindes. So ist es auch bei uns Menschen. Wir drücken anderen schnell einen Stempel auf. Wir schreiben andere ab, obwohl wir sie erstens gar nicht richtig kennen können (also nicht in ihr Herz schauen können), zweitens noch so schlimme Menschen jederzeit eine Umkehr erleben, ein besserer Mensch werden können. Jeder hat jederzeit eine neue Chance verdient. Und wie Matthäus in Wirklichkeit ist, sieht nur Gott. Der sehr bekannte Billy Graham sagte es einmal sinngemäß: Es gibt drei Arten des Ichs – das Ich, das ich selbst kenne, das Ich, das die Menschen kennen und das Ich, das Gott kennt. Jesus sieht in Matthäus, was sonst keiner bisher gesehen hat – vielleicht nicht mal er selbst.
Warum eigentlich hat dieser Zöllner, der dann Jesu Jünger wird, zwei verschiedene Namen? Das hängt wohl damit zusammen, dass er beide Namen besaß. Die moderne Exegese bestreitet dies, weil im Gegensatz zu Paulus kein jüdischer und römischer Name vorlag, sondern zwei jüdische. Dem ist entgegen zu halten, dass es auch eine latinisierte Form gibt (nämlich eben Matthäus) und eine doppelte Namensgebung auch mit seiner römischen Bürgerschaft zusammenhängen kann wie bei Paulus. Eine andere Erklärung ist, dass er später von Jesus den Namen Matthäus erhalten hat. Das alles spielt für uns eine untergeordnete Rolle. Für uns ist es lehrreich, dass Jesus so einen Menschen überhaupt beruft.
Wie schon bei den anderen Aposteln steht der Berufene direkt auf und folgt Jesus nach, ohne zu zögern.
Wie auch bei Zachäus hält Jesus gemeinsames Mahl mit Matthäus und seinen Freunden. Da er bei den meisten Juden nicht beliebt ist, hat er in seinem Umfeld Menschen seines Berufsstandes.
Jesus isst mit Sündern, weil er Gott ist. Dieser ist so allmächtig, dass er höchstpersönlich tief in das sündige Leben von uns Menschen eintauchen kann, ohne dass es ihm irgendwie schadet. Er tut es, um uns Menschen aus der Sünde herauszuholen, nicht weil er die Sünde an sich gutheißt. Sein Verhalten ist also kein Anlass, Sünder zur Kommunion zuzulassen, wie heutzutage gerne instrumentalisiert wird. Jesus hält Mahl als „Rettungsaktion“ für die echten Sünder (die vor Gott Sünder sind, nicht die von den Menschen abgestempelt werden) und als prophetische Zeichenhandlung für die Selbstgerechten (Gott hält Mahl mit allen Menschen guten Willens, beim letzten Abendmahl mit seinem berufenen Zwölferkreis, in der eucharistischen Gemeinschaft mit allen Getauften und zur Eucharistie Gekommenen, am Ende des Lebens beim himmlischen Hochzeitsmahl). Wer daran teilnimmt, wird nicht automatisch nach den Maßstäben der Pharisäer und Schriftgelehrten entschieden, sondern allein nach Gottes Maßstab – mit so einigen Überraschungen. Warum Überraschungen? Weil nur Gott das Herz der Menschen sieht und genau weiß, wer wirklich gerecht ist (nicht nur nach außen so tut).
Sie sind es auch, die auf Jesu Mahlgemeinschaft mit den von ihnen bezeichneten „Sündern“ unzufrieden reagieren. Sie zeigen durch ihre Reaktion, dass sie Jesus als Messias und Gott nicht erkannt haben. Sie sehen Jesus als üblichen Rabbi, der sich an die jüdischen Gesetze halten soll. Sie sehen nicht, dass der Messias Herr über die Torah ist.
Jesus bekommt ihre Reaktion mit und weil er alle Menschen retten will, geht er auch auf diese Menschen zu mit den Worten: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“. Gott ist der Arzt unserer Seelen. Er macht uns wieder heil, wo wir uns von ihm behandeln lassen. Jesu Mahlgemeinschaft ist also nicht nur „Rettungsaktion“ und prophetische Zeichenhandlung, sondern vor allem eine „Therapiesitzung“. Wir könnten uns jetzt fragen: „Heißt das, dass die Zöllner und Sünder bei Jesu Mahlgemeinschaft die Kranken sind und die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht?“ Wir können uns getrost selbst beantworten: Natürlich ist jeder Mensch krank, nämlich durch die Erbsünde. Es gibt niemanden, der ganz gesund ist. Jeder ist nur unterschiedlich „krank“. Das ist eine Sache. Die andere ist aber hier entscheidend: Wer erkennt die eigene Krankheit und lässt sich auf die Therapie Gottes ein? Wer meint, keine Umkehr nötig zu haben, weil er schon gerecht genug ist, wird die eigene Krankheit nicht sehen und deshalb nie therapiert. Jesus verrät uns durch seine Antwort jedoch wirklich, dass er die Sünde der Zöllner nicht bagatellisiert. Es ist Stehlen und Lügen. Das sind ernstzunehmende Sünden. Jesus redet uns unsere Sünden auch nicht weg. Er hält sie uns in Liebe vor, damit wir unser eigenes sündiges Spiegelbild sehen, betroffen sind und uns ändern. Die Zöllner sind in dieser Hinsicht wirklich krank, aber sie lassen sich wenigstens behandeln. Wie ist es mit uns? Reagieren wir auch unwirsch, wenn Gott anderen seine Barmherzigkeit zeigt? Sollten wir nicht froh sein und uns mit diesen Menschen mitfreuen, dass sie zu Gott umkehren? Uns erinnert diese ganze Situation an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Auch dort geht es nicht nur um einen einzigen Sohn, sondern um zwei, die je auf ihre Weise versöhnt werden müssen. Wollen wir zum unbarmherzigen großen Bruder werden, der dem jüngeren die Umkehr nicht gönnt?
Wenn Jesus dann am Ende noch sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder“, müssen wir genau überlegen, was Jesus damit meint. Im griechischen Original steht es tatsächlich so: Gerechte und Sünder. Jesus beruft dabei Menschen, nicht ihre Sünde. Wen Jesus ruft, der wird dabei immer verändert. Wir denken z.B. an Zachäus, der am Ende alles, was er zuviel eingenommen hat, sogar noch vierfach zurückgezahlt hat. Wir denken auch an Maria Magdalena, die durch die Begegnung mit Jesus von sieben Dämonen befreit worden ist und von da an Jesu Verkündigung u.a. finanziell unterstützt hat. Die Sünder waren keine Sünder mehr, aber befreit wurden sie erst davon, als sie es einsahen und umkehrten. Deshalb sagt Jesus, dass er Sünder beruft, nicht Gerechte – Sünder ist jeder Mensch, aber nicht jeder erkennt sich als Sünder. Ihm nachfolgen kann nur, wer die Demut besitzt, sich zu sehen, wie man wirklich ist, arm und erlösungsbedürftig. Wer sich selbst aber als Gerechter bezeichnet, der keiner Umkehr bedarf, kann Jesus nicht nachfolgen. Es geht also bei der Aussage Jesu weniger darum, wie viel, wie arg, welche Art von Sünde man auf dem Konto hat, sondern vielmehr darum, wie viel man von den Sünden tatsächlich bereut. Gleichzeitig verharmlost er keine einzige Sünde. Sonst würde er nicht zu den großen Sündern sagen: „Geh und sündige von nun an nicht mehr.“ Und die Zehn Gebote möchte er ja nicht im Geringsten verändern. Das sagt er in der Bergpredigt mit aller Deutlichkeit.

Der Hl. Matthäus konnte nur dadurch heilig werden, dass er Gott an sich arbeiten ließ und von seinen Sünden umgekehrt ist. Das ist für uns ein großer Trost und eine Motivation, denn wir erkennen: Gott kann aus jedem Sünder einen Heiligen machen, wenn er nur will und bereit ist, selbst mitzuwirken. Paulus hat uns das Zusammenspiel von Gnade und Tugend gezeigt. Bitten wir auf die Fürsprache des Hl. Matthäus, dass Gott uns dieselbe Gnade der Umkehrbereitschaft und Demut schenke und wir jeden Tag ein Stück mehr zum vollkommenen Menschen werden, wie Gott uns gedacht hat.

Ihre Magstrauss

25. Sonntag im Jahreskreis

Jes 55,6-9; Ps 145,2-3.8-9.17-18; Phil 1,20 ad-24.27a; Mt 20,1-16a

Jes 55
6 Sucht den HERRN, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!
7 Der Frevler soll seinen Weg verlassen, der Übeltäter seine Pläne. Er kehre um zum HERRN, damit er Erbarmen hat mit ihm, und zu unserem Gott; denn er ist groß im Verzeihen.
8 Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des HERRN.
9 So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.

Am heutigen Sonntag hören wir als erste Lesung aus dem Buch Jesaja. Gott ist Geheimnis, teilt sich aber den Menschen mit. Er ist ein sich offenbarender Gott. Das ist es, was Jesaja aussagen möchte, wenn er sagt: „Sucht den HERRN, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!“ Es ist schon zusammengefasst in dem Sch’ma Israel in Dtn 6,4-9. Auch Jesus sagt: Wer sucht, der findet. Gott möchte, dass wir zu ihm kommen, weil er schon längst bei uns ist. Zugleich ist er für die Israeliten jener Zeit auf dem Weg zu ihnen. Der Messias kommt bald und so ist Gott auch von seiner Menschwerdung her nah! Es ist aber auch sakramental und moralisch zu verstehen, die wir nun als Kirche der Ewigkeit entgegen gehen. Auch da ruft uns der Herr dazu auf, ihn von Herzen zu suchen – es meint nicht einfach die Suche nach etwas Verlorenem oder noch nicht Existentem. Es ist vielmehr ein Aufsuchen, eine Sehnsucht und ein Wunsch nach ihm. Es ist das, was Augustinus sein Leben lang getan hat, bis er in der Kirche angekommen ist mit den Worten: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, oh Gott.“ Auch wir Christen sollen Gott in allem suchen und unser Verhalten danach ausrichten, ihm den ersten Platz in unserem Leben zu geben. Die Gottesliebe sowie die Nächstenliebe sollen den Antrieb des Menschen darstellen. Und wenn wir in die Kirche kommen, wo Christus im Allerheiligsten auf uns wartet, sind wir ihm sehr nahe, sogar so nahe, dass wir ihn in uns aufnehmen dürfen bei der Kommunion! Dann nimmt er Wohnung im Tempel unseres Herzens, das ist die nächste Nähe, die er einnehmen kann.
Dass Jesajas Worte auch eine moralische Tragweite besitzen, erkennen wir an der Aufforderung: „Der Frevler soll seinen Weg verlassen, der Übeltäter seine Pläne.“ Das Bild des Weges ist eine gängige Metapher für den Lebenswandel des Menschen. Sünder sollen also den Weg der Sünde verlassen und die Gebote Gottes halten. Sie sollen eine Umkehr durchlaufen, damit sie Gottes Barmherzigkeit erfahren können. Dabei lehrt uns Jesaja: Reue und Umkehr sind Voraussetzungen für das Wirken der Barmherzigkeit Gottes in unserem Leben! Wir können nicht davon ausgehen, dass Gott uns schon die Sünden vergibt und beide Augen zudrückt, weil er ja die unendliche Liebe ist. Das wäre ein Missbrauch der Barmherzigkeit Gottes. Gottes Vergebungsbereitschaft ist unendlich, aber wenn wir ihr Schranken setzen, kann er nichts tun. Zu sehr ist ihm unser freier Wille heilig. Und die Barmherzigkeit Gottes muss aktiv angenommen werden durch das Bitten um Vergebung, durch Reue und Umkehr.
Auch wenn Gott sich den Menschen mitteilt und ihnen nahe sein will, wird er nicht zum durchschaubaren Objekt. Er bleibt Geheimnis, der ganz Andere, die absolute Transzendenz. Und seine Vorsehung übersteigt unseren menschlichen Verstand bei weitem. So sagt Jesaja ganz deutlich: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des HERRN.“ Das meint nicht nur die bösen Wege der Sünde, die ganz wesentlich von Gott zu unterscheiden sind. Das meint seinen göttlichen Willen, der autonom ist. Deshalb schließt sich auch der poetische Ausdruck über Himmel und Erde an: Gottes Wege überragen die menschlichen Wege wie der Himmel die Erde. Es heißt auch: Der Mensch denkt, Gott lenkt. Am deutlichsten wird es in unserer eigenen Biographie: Wie viel planen wir und wie oft haben wir unser Leben nicht unter Kontrolle! Dann durchkreuzt eine Krankheit unser Vorhaben, dann stellt sich nicht der erhoffte und erarbeitete Erfolg ein. Vieles läuft anders, als wir es möchten. Und doch wird alles vom universalen Heilswillen Gottes umschlossen.

Ps 145
2 Jeden Tag will ich dich preisen und deinen Namen loben auf immer und ewig.
3 Groß ist der HERR und hoch zu loben, unerforschlich ist seine Größe.
8 Der HERR ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld.
9 Der HERR ist gut zu allen, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken.
17 Gerecht ist der HERR auf all seinen Wegen und getreu in all seinen Werken.
18 Nahe ist der HERR allen, die ihn rufen, allen, die ihn aufrichtig rufen.

Als Antwort beten wir Ps 145. Er stellt den Abschluss des fünften Psalmenbuches dar. Er beginnt wie so oft mit einer Selbstaufforderung zum Lob, das täglich erfolgen soll „auf immer und ewig.“ Es ist ein Gelübde, das ewig anhalten soll, denn Gottes Güte, Huld und Treue sind es ja auch.
„Groß ist der HERR und hoch zu loben, unerforschlich ist seine Größe.“ Gott ist wirklich groß. Er hat die Macht, alles mit seinem Volk anzustellen. Er ist zugleich der absolut Gute. Deshalb dient alles, was er tatsächlich mit seinem Volk tut, dessen Heil. Oft murrt Israel über die vermeintlichen Umwege, die es einschlagen muss. Doch immer wieder wird es eines Besseren belehrt, wenn sich der Umweg als Weg des Heils herausgestellt hat. König David hat viele solcher Erfahrungen gemacht und dabei weniger gemurrt. Er stellt wirklich ein Glaubensvorbild dar, denn sein Gottvertrauen hat sich gerade in jenen Situationen bewährt.
Gott ist „gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld.“ Dass Gott zum Beispiel die Wüstenerfahrung Israels zulässt, überhaupt das Gespräch mit seiner untreuen Braut sucht, alles Mögliche unternimmt, damit sie zur Besinnung kommt, zeigt ja seine unendliche Geduld. Er hätte sie auch einfach verstoßen können, statt seine Zeit und Kraft an ihr zu verschwenden. Er hätte sie zerstören können, statt sie wieder zu sich zu nehmen. Doch selbst aus dem Exil holt er seine untreue Braut zurück. Gott ist auch mit König David barmherzig, der schwere Sünden begangen hat. Er hätte ihn längst vom Thron stoßen können, doch er hat ihn behalten – nicht weil er die Sünde nicht schlimm fand oder beide Augen zugedrückt hat, sondern weil König David von Herzen bereut hat! Er hat die Barmherzigkeit Gottes aktiv angenommen, indem er umgekehrt ist. Deshalb konnte Gott ihm seine ganze Vergebungsbereitschaft erweisen.
Gott ist auch wirklich gut zu allen. Wäre dem nicht so, hätte er nicht auf der Höhe der Zeit beschlossen, einen neuen Bund mit der ganzen Welt zu schließen. Seine geliebte Braut besteht somit nicht mehr nur aus den zwölf Stämmen Israels, sondern aus Menschen aller Stämme, Sprachen, Nationen und Völkern. Jeder Mensch, der die Erlösung annimmt, wird gleichsam hineingenommen in diese Brautschaft. Und Gott wirbt um jeden Menschen auf so unterschiedliche Weise, dass er ihn kennenlernt und auch zu seiner Kirche gehören möchte. Gott ruft sein Volk zusammen.
Gott ist nicht nur barmherzig, er ist auch gerecht. Beides ist nicht voneinander zu trennen. Wenn auch seine Wege oft unergründlich sind und wir ihn nicht verstehen, tut er nichts, was uns Menschen schadet. Er ist absolut gerecht, bei allem, was er tut.
Und zum Schluss wiederholt sich, was wir schon bei Jesaja gehört haben: Gott ist denen nahe, die ihn rufen. Wir müssen immer bedenken, dass Gott der Bräutigam seines Volkes ist. Er wirbt um Israel wie um eine Braut. Und ein Bräutigam möchte seiner Braut stets nahe sein. Gott ging deshalb so weit, Mensch zu werden, um seiner Braut noch näher zu sein. Rufen wir doch den Bräutigam, der uns so nahe sein will! Er ist für uns heute zum Greifen nahe, denn er macht sich klein in einer kleinen Hostie, um sich für uns hinzugeben! Und wenn wir ihn empfangen, kommt er uns so nahe, dass er in unser Herz einzieht. Das ist wie gesagt die nächste Nähe, die Gott einnehmen kann.

Phil 1
20 Denn ich erwarte und hoffe, dass vielmehr Christus verherrlicht werden wird in meinem Leibe, ob ich lebe oder sterbe.
21 Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn.
22 Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbares Wirken. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht.
23 Bedrängt werde ich von beiden Seiten: Ich habe das Verlangen, aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das!
24 Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.
27 Vor allem: Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht!

In der zweiten Lesung hören wir erstmals nach langer Zeit aus einem anderen Brief, dem Philipperbrief. Es handelt sich dabei um den am persönlichsten geschriebenen Paulusbrief. Paulus schrieb ihn in der Gefangenschaft in Rom, was uns immer wieder durch Anspielungen und Aussagen verdeutlicht wird. Philippi war die erste paulinische Gemeinde auf europäischem Boden, die er im Kontext der zweiten Missionsreise gegründet hat. Sein Aufenthalt wurde jäh unterbrochen, denn er wurde zusammen mit Silas ins Gefängnis geworfen. Dort sind spektakuläre Dinge geschehen, wie uns die Apostelgeschichte in Kapitel 16 berichtet. Auch wenn Paulus sein Wirken nicht auf gewünschte Weise zuende führen konnte, ist aus den Philippern eine lebendige Christengemeinde geworden. Gottes Umwege durch die Verhaftung sind zu Wegen des Heils geworden! Die Philipper haben gleich zu Anfang ihre Bewährungsprobe erhalten und bestanden.
Und aus dem Brief an eben jene Christen hören wir heute einen Ausschnitt.
Paulus lebt in der Erwartung, dass Christus in seinem Leibe verherrlicht werde, tot oder lebendig. Er sitzt im Gefängnis. In seinem Leiden ist er Christus sehr nahe. Seine Erfahrung ist uns eine weitere große Lehre an dem heutigen Sonntag: Gott nahe sind wir auch ganz besonders im Leiden. Denn Christus hat aller durchgemacht, was wir Menschen durchmachen. Er hat alles gesühnt und so können wir unser gesamtes Leiden mit seinem vereinen. So wird er gleichsam verherrlicht in unserem eigenen Leiden.
Christus ist der Jackpot für Paulus. Und selbst wenn er für den Glauben sterben sollte – und auf die Vollstreckung des Urteils wartet er ja in Rom – ist das kein Verlust, sondern Gewinn für ihn. Er weiß, dass ihm der Kranz des ewigen Lebens geschenkt wird, wenn er sein Leben für Christus hingibt. Und wenn er dennoch freigelassen werden sollte, dann würde er weiter fruchtbar wirken. Das hat er in seinem Leben durch die vielen Missionsreisen und die gesamte Heidenmission getan. Er weiß nicht, was passieren wird, aber er überlässt es der Vorsehung Gottes. Seine Einstellung ist: „Ich habe nichts zu verlieren. Wo auch immer ich hinkomme, habe ich Christus und er ist mein Hauptgewinn.“
Er fühlt sich dennoch von beidem bedrängt, das heißt mal hat er die Sehnsucht, weiter zu missionieren, manchmal aber hat er die Sehnsucht, „aufzubrechen und bei Christus zu sein“. Den Gemeinden zuliebe sollte er aber noch weiterleben und missionieren.
Was auch immer mit ihm geschieht: Die Philipper sollen dem Evangelium Jesu Christi gemäß leben.
Paulus zeigt uns, wie es aussieht, das eigene Leben ganz in Gottes Hände zu übergeben. Kommt es so oder anders – alles soll man als den Willen Gottes annehmen.

Mt 20
1 Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.

2 Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg.
3 Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten.
4 Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso.
6 Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig?
7 Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!
8 Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten!
9 Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar.
10 Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denar.
11 Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn
12 und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen.
13 Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?
14 Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir.
15 Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?
16 So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.

Im Evangelium hören wir nun ein bekanntes Gleichnis, das Jesus erzählt. Bei diesem Evangelium können wir wieder gut erkennen, wie wichtig eine sorgfältige Betrachtung ist. Wenn wir es nur oberflächlich lesen, werden wir Jesu Pointe nicht verstehen.
Zunächst einmal: Was ist der Kontext oder die Vorgeschichte? Jesus endete das 19. Kapitel des Matthäusevangeliums mit der Aussage, dass die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein werden. Darum geht es auch in diesem Gleichnis, bei dem Jesus dann dieselben Worte an den Schluss setzt. Petrus fragte nach dem Lohn für die Jüngerschaft, bei der sie alles zurückgelassen haben. Jesus antwortet mit diesem Gleichnis, bei dem es auch um den Lohn geht und wo er diesen genauer erklärt – es meint den Lohn des ewigen Lebens.
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Winzer, der Arbeiter für seinen Weinberg anwirbt. Er hat wahrscheinlich ein festes Personal, das für den Weinberg zuständig ist, doch zur Zeit der Traubenernte fällt mehr Arbeit an. Wenn man die Trauben nicht rechtzeitig aberntet, vertrocknen sie und sind nicht mehr zu gebrauchen. Deshalb muss er wohl Tagelöhner anwerben, um kurzfristig mehr Arbeiter zu haben.
So spricht er früh am Morgen die ersten Menschen an, für einen Denar in seinem Weinberg zu arbeiten. Der Tagespreis entspricht zu jener Zeit dem angemessenen Betrag für einen Tagelöhner. Was der Gutsherr mit den Arbeitern aushandelt, ist also nichts Ungewöhnliches, sondern der ganz normale Betrag, den sie zu erwarten haben. Gegen 9 Uhr morgens macht er sich wieder auf den Weg, um Verstärkung zu holen. Auch hier wird der übliche Tagespreis von einem Denar festgelegt. So geht der Gutsherr auch um 12 und um 15 Uhr los, um immer wieder neue Arbeiter zu beschäftigen. Egal, zu welcher Zeit er die Arbeiter beschäftigt, er verspricht ihnen, zu geben „was recht ist“.
Die letzte Mannschaft wird um 17 Uhr beschäftigt, also eine Stunde vor Feierabend.
Dann ist der Zeitpunkt der Auszahlung gekommen und der Verwalter beginnt bei jenen, die zuletzt gekommen sind. Jene, die früh am Morgen mit der Arbeit begonnen haben, denken bei sich, dass wenn jene einen Denar ausgezahlt bekommen, sie mehr erhalten werden. Schließlich haben sie den ganzen Tag gearbeitet, jene aber nur eine Stunde. Als sie dran sind, wird auch ihnen nur ein Denar ausgezahlt. Das regt sie auf und sie beschweren sich. Schließlich haben sie „die Last des Tages und die Hitze ertragen“. Sie reagieren ganz menschlich, weil das die menschliche Denkweise und das Verständnis von Gerechtigkeit ausmacht. Doch der Verwalter entgegnet ihnen: „Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?“ Das ist ja tatsächlich so festgelegt worden. Zu jenem Zeitpunkt waren die anderen Arbeiter auch noch kein Thema. Der Verwalter bleibt dabei: „Ich will dem Letzten ebenso viel geben wir dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ Der Verwalter hat recht. Das Vermögen gehört ja nicht den Arbeitern und so haben sie nicht das Recht, mitzuentscheiden, wie der Besitzer mit seinem Besitz umgeht. Es schadet ihnen ja nicht, wenn der Verwalter im Namen des Gutsherrn nett zu den anderen ist. Denn was können jene Arbeiter dafür, dass sie erst so spät angeworben wurden? Sie haben den ganzen Tag in der Hitze gewartet, in der Ungewissheit, ob sie den Lebensunterhalt eines Tages verdienen würden, um sich und vielleicht eine ganze Familie am Leben zu erhalten. Die ersten Arbeiter haben nicht das ganze Bild vor Augen. Sie sehen nur ihre eigene Situation und haben somit nicht die Kompetenz oder Berechtigung, dem Gutsherrn hineinzureden, wie er mit anderen umgehen soll. Der springende Punkt ist: Die ersten Arbeiter gönnen es den letzten Arbeitern nicht, dass sie dasselbe bekommen wie sie. Sie gönnen es jenen nicht, die die Barmherzigkeit des Gutsherrn empfangen haben. Aber diese Barmherzigkeit ist es, die den abschließenden Satz Jesu betrifft: „So werden die Letzten Erste sein.“
Dieses Gleichnis können wir mehrfach auslegen. Wen meint Jesus selbst denn mit diesen Arbeitergruppen? Wer ist der Gutsherr, was ist der Weinberg?
Jesus selbst spricht eine „religionspolitische“ Sache an. Er verkündet das Reich Gottes im ganzen Land und es kommen immer mehr Heiden zum Glauben an ihn. Es ist sogar so, dass viele Heiden zu Glaubensvorbildern für verstockte Juden werden. Ihnen wird das ewige Heil in Aussicht gestellt und das missfällt vielen Juden, die das mitbekommen. Warum sollen jene, die ihr Leben lang in Sünde waren, genauso belohnt werden wie sie, die sie ihr Leben lang die Gebote Gottes befolgt haben? Sie reagieren wie die Arbeiter im Weinberg, anstatt sich für jene zu freuen, denen so eine Barmherzigkeit zuteilgeworden ist. Das Problem wird noch viel akuter in der Zeit der frühen Kirche, in der Juden- und Heidenchristen gemeinsam Christus nachfolgen. Es kommt z.B. zu einem großen Streit zwischen Paulus und gewissen Judenchristen, weil Paulus den Heidenchristen keinen Nachteil nachsagt in dem Sinne, dass sie genauso das ewige Heil erwartet wie den Judenchristen, die beschnitten sind und die Torah halten. Diese bilden sich aber ein, dass sie durch ihre jüdische Identität einen Vorteil haben (sie sind die Arbeiter der ersten Stunde). Sie erwarten aber auch, dass die Heidenchristen dasselbe „durchmachen“ sollen wie sie (die Last des Tages und die Hitze sind demnach Bilder für die Beschneidung und das Halten der Torah mit den ganzen Erweiterungen), damit sie denselben Lohn wie sie empfangen. Paulus argumentiert aber in derselben Weise wie Jesus mit dem Gleichnis. Gottes Lohn ist für jeden Menschen derselbe. Wenn er jenen, die nicht beschnitten sind und die Torah halten müssen, denselben Lohn in Aussicht stellt wie den Judenchristen, ist das Ausdruck seiner Barmherzigkeit. Warum freuen sie sich nicht einfach mit jenen, die zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind? Der Weinberg ist seit alters her ein Bild für das Reich Gottes. „Arbeiter im Weinberg des Herrn“ ist ein ekklesiologischer Ausdruck, das heißt er bezeichnet jene, die als Geistliche und pastorale Mitarbeiter der Kirche an der Verbreitung des Evangeliums mitarbeiten. Somit ist es auch ein Bild für das Verhältnis zwischen den Aposteln der ersten Stunde und den pastoralen Mitarbeitern, die später dazugekommen sind. Sie alle wirken am Reich Gottes mit. Dass die Aposteln der ersten Stunde von Anfang an mit Jesus umhergezogen sind, ist ja nicht ihr Verdienst. Jesus hat sie „angeworben“, sie also erwählt. Und dass Paulus später zum Apostel geworden ist, ist auch nicht sein Verdienst. Hätte Gott ihn seiner eigenen Leistung überlassen, hätte er weiter die Christen verfolgt. Es ist letztendlich alles Gottes Vorsehung und so soll keiner einen Lohn einfordern, als ob er es besser wüsste als Gott selbst. Er ist es, der jedem Menschen den Lohn gibt. Und wenn er mit einem Menschen barmherzig ist, sollen wir uns für diesen Menschen freuen. Schließlich freut sich der ganze Himmel, wenn ein einzelner Sünder umkehrt.
Gottes Gerechtigkeit ist nicht wie unsere Gerechtigkeit. Sie ist vollkommen und übersteigt oft unsere menschliche Vernunft. Das heißt aber nicht, dass sie irrational ist, sondern überrational. Gott ist der gute Hirte, der im Gegensatz zum Menschen wirklich vollkommen ist. Er sucht nach jedem einzelnen verlorenen Schaf. Er stärkt das schwache Schaf. Er heilt das kranke Schaf. Wollen wir es diesen Schafen nicht gönnen? Es heilt doch schließlich die ganze Herde, wenn die schwachen Glieder gestärkt werden! So sollen wir uns mit einem Sünder freuen, der kurz vor seinem Tod noch zu Christus findet, anstatt sauer zu sein, dass jener ein Leben in Saus und Braus gelebt und kurz vor dem Ende noch vernünftig geworden ist, während wir uns ein Leben lang bemüht und das Kreuz getragen haben. Der in Aussicht gestellte Lohn ist für uns alle doch derselbe: ein Platz im Himmelreich.

Gottes Wille ist einzig und allein das Heil für die ganze Welt. Was wir davon nicht verstehen, müssen wir geduldig Gott überlassen. Er ist schließlich der Gute, der Vollkommene, der zugleich barmherzige und gerechte Gott. Seine Wege sind unerforschlich und wir sind nur begrenzte Geschöpfe. Doch wenn wir eines Tages vor ihm stehen, werden wir alles begreifen.

Ihre Magstrauss

Samstag der 24. Woche im Jahreskreis

1 Kor 15,35-37.42-49; Ps 56,10-11.12-13.14; Lk 8,4-15

1 Kor 15
35 Nun könnte einer fragen: Wie werden die Toten auferweckt, was für einen Leib werden sie haben?

36 Du Tor! Auch das, was du säst, wird nicht lebendig, wenn es nicht stirbt.
37 Und was du säst, ist noch nicht der Leib, der entstehen wird; es ist nur ein nacktes Samenkorn, zum Beispiel ein Weizenkorn oder ein anderes.
42 So ist es auch mit der Auferstehung der Toten. Was gesät wird, ist verweslich, was auferweckt wird, unverweslich.

43 Was gesät wird, ist armselig, was auferweckt wird, herrlich. Was gesät wird, ist schwach, was auferweckt wird, ist stark.
44 Gesät wird ein irdischer Leib, auferweckt ein überirdischer Leib. Wenn es einen irdischen Leib gibt, gibt es auch einen überirdischen.
45 So steht es auch in der Schrift: Adam, der erste Mensch, wurde ein irdisches Lebewesen. Der letzte Adam wurde lebendig machender Geist.
46 Aber zuerst kommt nicht das Überirdische; zuerst kommt das Irdische, dann das Überirdische.
47 Der erste Mensch stammt von der Erde und ist Erde; der zweite Mensch stammt vom Himmel.
48 Wie der von der Erde irdisch war, so sind es auch seine Nachfahren. Und wie der vom Himmel himmlisch ist, so sind es auch seine Nachfahren.
49 Wie wir nach dem Bild des Irdischen gestaltet wurden, so werden wir auch nach dem Bild des Himmlischen gestaltet werden.

Gestern ging es im Abschnitt aus dem ersten Korintherbrief bereits um den unbedingten Zusammenhang von Jesu Auferstehung und der Auferstehung der Christen durch die Taufe. Heute hören wir noch weitere Details zur Auferstehung der Toten, bei der Paulus durchblicken lässt, dass es eine leibliche Auferstehung einschließt.
Er stellt zu Beginn eine Frage, die er selbst daraufhin beantwortet: „Wie werden die Toten auferweckt, was für einen Leib werden sie haben?“ Diese Frage ist Paulus nach falsch gestellt. Deshalb ruft er auch aus „Du Tor!“ Er möchte nämlich herausstellen, dass der Auferstehungsleib des Menschen anders sein wird als vor dem Tod. Dafür bringt er das Samenkorn als Gleichnis an. Ein Samenkorn ist das, was man sät. Aber was dann aus dem Boden wächst, ist ja nicht dieses Samenkorn. Es muss ja zunächst „sterben“, indem es keimt und daraus wächst eine Pflanze hervor. Diese ist ja anders als das Samenkorn, das man in die Erde gepflanzt hat. Er möchte mit dem Bild verdeutlichen, dass Auferstehung keine lineare Sache ist in dem Sinne, dass der Mensch einfach ewig so weiterleben wird wie bisher. Der entscheidende Dreh- und Angelpunkt vom irdischen zum Auferstehungsleib ist der Tod so wie im Gleichnis der Keimvorgang.
Was gesät wird, der irdische Mensch sowie das Samenkorn, ist verweslich. Es kann verderben und ist nicht ewig. Ein Samenkorn ist „armselig“, denn es enthält zwar das ganze Potenzial, doch muss dieses ja auch entfaltet werden, damit es etwas nützt. Erst wenn das Samenkorn gekeimt hat, wächst etwas aus ihm hervor. Das Potenzial entfaltet sich. Der Mensch ist zur Ewigkeit berufen, doch das ungekeimte Samenkorn, das er im Diesseits ist, muss das Ewigkeitspotenzial wie ein Samenkorn entfalten. Der Mensch muss erst sterben, damit er zum ewigen Leben aufersteht. Dann ist er überirdisch, ewig und stark.
Paulus sagt mit diesen Worten aus, dass es keine Auferstehung ohne Tod geben kann und dass das ewige Leben dem Menschen durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi ermöglicht worden ist. Dass der Mensch überhaupt dieses Ewigkeitspotenzial entfalten kann, hat er Christus zu verdanken.
„Der erste Mensch stammt von der Erde und ist Erde; der zweite Mensch stammt vom Himmel.“ Das bezieht er auf die Typologie von Adam und Christus. Der erste Mensch ist von der Erde, wie wir ganz eindrücklich im Schöpfungsbericht lesen: Gott schuf ihn aus dem Ackerboden. Sein Potenzial wurde verdorben durch den ersten Sündenfall, durch den die Sünde in die gesamte Schöpfung gekommen ist. Das erforderte eine zweite Schöpfung, bei der Gott selbst Mensch wurde, um sie zu begründen. Dieser zweite Mensch kam vom Himmel, aus der Ewigkeit, um der ersten Schöpfung die Ewigkeit zu schenken. Wer sich zur neuen Schöpfung wandeln lässt, das heißt die Taufe zur Vergebung der Sünden empfängt, wird im Hl. Geist zur neuen Schöpfung wiedergeboren. Die Typologie geht weiter: Wer von Adam abstammt, gehört zum Verfall der ersten Schöpfung. Wir alle sterben aufgrund der Sünde des ersten Menschen. Wer von Christus abstammt, für den ist das ewige Leben möglich aufgrund des Todes und der Auferstehung Jesu Christi. Und wie der auferstandene Christus anders ist als der irdische Christus vor seinem Tod, so werden wir als seine Nachfahren anders gestaltet werden mit unserer Auferstehung. Es wird ein vervollkommneter Leib sein, der nach dem Himmlischen gestaltet sein wird. Als der Auferstandene den verschiedenen Jüngern begegnet, haben sie ihn nicht sofort erkannt. Das hängt mit diesem Anderssein des Auferstehungsleibs zusammen. Das erwartet auch die auferstehenden Christen am Ende der Zeiten. Bis dahin erfahren wir eine Auferstehung der Seele.

Ps 56
10 Dann weichen die Feinde zurück, am Tag, da ich rufe. Ich habe erkannt: Mir steht Gott zur Seite.

11 Auf Gott, dessen Wort ich lobe, auf den HERRN, dessen Wort ich lobe,
12 auf Gott setzte ich mein Vertrauen, ich fürchte mich nicht. Was kann ein Mensch mir antun?
13 Ich schulde dir, Gott, was ich gelobte, Dankopfer will ich dir weihen.
14 Ja, du hast mein Leben dem Tod entrissen. Hast du nicht meine Füße vor dem Straucheln bewahrt? So gehe ich meinen Weg vor Gott, im Licht des Lebens.

Als Antwort beten wir Psalm 56, einen Klagepsalm, der viele Vertrauenselemente beinhaltet und auch die Nähe zu Feindpsalmen aufweist.
„Dann weichen die Feinde zurück, am Tag, da ich rufe. Ich habe erkannt: Mir steht Gott zur Seite.“ Der heutige Ausschnitt aus dem Psalm entstammt dem letzten Teil, der von Vertrauensbekundungen durchzogen ist, wie auch in Vers 10 zum Ausdruck kommt. Gott steht David zur Seite. Wie oft hat er Gott angerufen, wenn er in Not war! Und die vielen akuten Kriegsbedrohungen stellten besonders häufige Anlässe für den König dar, Gott um Beistand und Schutz anzuflehen. Immer wieder hat er die Erfahrung gemacht, dass Gott ihm wirklich beisteht bei allem, was er in seinem Namen tut.
Deshalb schwingt der Psalm in eine lobpreisende Richtung um. Das merken wir vor allem ab Vers 11, in dem es heißt: „Auf Gott, dessen Wort ich lobe, auf den HERRN, dessen Wort ich lobe.“ Sein göttliches Wort betrachtet Johannes im Prolog seines Evangeliums auf besonders intensive Weise. Was David also eigentlich lobt, ist nicht einfach nur ein gesprochenes Wort, sondern das Wort, das später Fleisch werden würde, Jesus Christus!
Auf Gott vertraut der König von ganzem Herzen. Er muss sich vor nichts fürchten, weil er unter dem Schutz des Höchsten steht. Was kann er schon befürchten? König David ist uns ein großes Vorbild, wenn es um das Gottvertrauen geht. Immer wieder beweist er seine unerschütterliche Hoffnung und das Vertrauen auf den, der ihn bei allem immer sicher hindurchgeführt hat. So viele Kriege hat er gewonnen mit der Hilfe Gottes! Und auch wir können das rückblickend sagen, wenn wir erkennen, aus welchen Gefahren Gott uns herausgeführt hat! Vor allem müssen wir an die vielen geistlichen Anfechtungen denken, die uns von Gott wegziehen sollten. Der eigentliche Krieg und die wahre Bedrohung stellt der geistliche Kampf dar, den wir tagtäglich auszutragen haben. Die hier verwendeten Waffen und Kriegsstrategien sind viel heimtückischer und undurchsichtiger als Schwerter oder Pfeile. Und auch da können wir zusammen mit Paulus beten: Nichts kann uns scheiden von der Liebe Christi. Wenn wir uns stets um den Stand der Gnade bemühen, sind wir geschützt vor diesen geistlichen Angriffen. Und wenn uns jemand auch das irdische Leben gewaltsam beenden will – das ewige kann uns kein Mensch nehmen. Und der viel bedrohlichere Feind, der Satan, kann uns nichts anhaben, wenn wir ganz in Gott geborgen sind.
König David schuldet Gott Dankopfer, die er ihm weihen möchte. Das hat mit seinen Kriegserfolgen zu tun, für die er Gott danken möchte. Das ist das Mindeste, das er ihm schuldet. Danke sagen müssen wir Gott alle. Denn er schenkt uns so viele Gnaden und überschüttet uns tagtäglich mit seinem Segen. Und wenn wir ihm regelmäßig dafür danken, vor allem in der Eucharistie, die „Danksagung“ heißt, werden wir nie undankbar und werden nie etwas von Gott für selbstverständlich nehmen.
„Ja, du hast mein Leben dem Tod entrissen“ ist ein Ausdruck der Rettung in den vielen Kriegssituationen. Doch König David kann dies auch auf eine andere Situation beziehen: Er war nämlich in Todessituation, als er so schwer gesündigt hat. Er war tot, doch Gott hat ihm das Leben zurückgeschenkt, indem er ihm die Schuld vergeben hat. Diese moralische Lesart ist im biblischen Zeugnis sehr verbreitet. Ganz prominent lesen wir das im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Da sagt der Vater über den zurückgekehrten Sohn, dass er tot war und wieder lebendig geworden ist. Über die moralische Lesart hinaus erkennen wir aber schon die anagogische: König Davids ewiges Leben ist gerettet worden durch die Wiederherstellung des Gnadenstands, als Gott ihm die Sünde vergeben hat und David sie zeitlebens gesühnt hat. Gott rettet auch uns aus der Todesgefahr, indem er uns die Schuld vergibt. Er hat uns das wunderbare Geschenk der Beichte gemacht, die nach der Taufe die wichtigste Quelle der Vergebung darstellt. In der Taufe ist der Mensch ganz reingewaschen von seiner Schuld. Auch die Konsequenzen seiner Sünden sind in dem Moment getilgt! Das kann die Beichte nicht, aber sie kann uns in den Stand der Gnade zurückversetzen. Jedes Mal erleben wir dadurch eine kleine Auferstehung. Durch die Taufe ist uns das ewige Leben zuteilgeworden, doch zuvor müssen wir die Bewährungsprobe bestehen. So sollen wir gemeinsam mit David vor Gott den Weg gehen „im Licht des Lebens.“ So wie König David sollen wir ein Leben nach den Geboten Gottes gehen und dabei die Liebe zu Gott und zu unserem Nächsten als steten Antrieb verstehen.

Lk 8
4 Als sich aber eine große Volksmenge versammelte und Menschen aus allen Städten zu ihm kamen, sprach er in einem Gleichnis:

5 Ein Sämann ging hinaus, um seinen Samen auszusäen. Als er säte, fiel ein Teil auf den Weg und wurde zertreten und die Vögel des Himmels fraßen es.
6 Ein anderer Teil fiel auf Felsen, und als die Saat aufging, verdorrte sie, weil es ihr an Feuchtigkeit fehlte.
7 Ein anderer Teil fiel mitten in die Dornen und die Dornen wuchsen zusammen mit der Saat hoch und erstickten sie.
8 Und ein anderer Teil fiel auf guten Boden, ging auf und brachte hundertfach Frucht. Als Jesus das gesagt hatte, rief er: Wer Ohren hat zum Hören, der höre!
9 Seine Jünger fragten ihn, was das Gleichnis bedeute.

10 Da sagte er: Euch ist es gegeben, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen. Zu den anderen aber wird in Gleichnissen geredet; denn sie sollen sehen und doch nicht sehen, hören und doch nicht verstehen.
11 Das bedeutet das Gleichnis: Der Samen ist das Wort Gottes.
12 Auf den Weg ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort hören; dann kommt der Teufel und nimmt das Wort aus ihrem Herzen, damit sie nicht glauben und nicht gerettet werden.
13 Auf den Felsen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort freudig aufnehmen, wenn sie es hören; aber sie haben keine Wurzeln: Eine Zeit lang glauben sie, doch in der Zeit der Prüfung werden sie abtrünnig.
14 Unter die Dornen ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort hören, dann aber hingehen und in Sorgen, Reichtum und Genüssen des Lebens ersticken und keine Frucht bringen.
15 Auf guten Boden ist der Samen bei denen gefallen, die das Wort mit gutem und aufrichtigem Herzen hören, daran festhalten und Frucht bringen in Geduld.

Schon bei Paulus ist uns das Bild des Samenkorns begegnet. Was Jesus uns im Gleichnis vom Sämann erklärt, ist unter anderem auch auf die Auferstehung zu beziehen, gilt aber auch schon für das irdische Leben:
Wie in der Matthäusversion erklärt, kommen wir direkt zur Deutung des Gleichnisses: Der Sämann ist Christus, der Same das Wort Gottes. Jesus sät das Wort Gottes auf die verschiedenen Böden, denn es sind verschiedene Menschen, die seine Verkündigung hören.
Die verschiedenen Beschaffenheiten des Bodens sind die unterschiedlichen Herzenshaltungen der Menschen, mit denen sie Jesu Predigt in sich aufnehmen: Der Same auf dem Weg wird vom Satan direkt geraubt, bevor es Wurzeln schlagen kann. Warum ausgerechnet auf dem Weg? Es sind die Menschen, die im Prozess der Umkehr sind, die noch auf dem Weg zu Gott sind. Der Satan gerät in Panik und tut alles, damit die Seele nicht für Christus gewonnen wird. Vorhin haben wir über seine heimtückische „Kriegsführung“ nachgedacht, mit er er dem Menschen das ewige Leben rauben möchte. Stattdessen will er die Seele für sich behalten. Deshalb müssen wir sehr viel für jene beten, die Gott suchen und vielleicht sogar schon auf dem Weg zur Taufe sind. Sie erleiden starke Anfechtungen und Versuchungen, denn Satan will unsere Königskindschaft mit allen Mitteln verhindern.
Der felsige Boden ist die Haltung der Menschen, die einen oberflächlichen Glauben haben, ohne Wurzeln und unbeständig. Beim ersten Widerstand geben sie auf, weil es zu unangenehm wird und es ihnen aufgrund der fehlenden Wurzeln den Boden unter den Füßen wegzieht. Solche „christlichen Sanguiniker“ sind diejenigen, die sich das Angenehme gern herauspicken und das Unangenehme ausblenden. Ihnen fehlt es an Feuchtigkeit, das heißt, sie wollen sich nicht ganz formen lassen von Gott, der auch mal züchtigen muss, der für uns nicht immer nur Feierlaune, sondern auch mal den grauen Alltag bereithält. Die Felsen der eigenen Voreingenommenheit, die Patchwork-Mentalität zerstören aber die Samen des Wortes Gottes. So wächst es nicht in jenen Menschen, so werden jene Menschen also nicht zum Leib Christi, dem fleischgewordenen Wort Gottes.
Die Herzenshaltung des dornigen Gestrüpps ist besonders tödlich. Gottes ewiges Wort, seine Weisheit, die nicht von dieser Welt ist, gerade auch vom Denken her, ist ganz anders als die Sichtweise der Welt mit ihren Verlockungen und ihrer Sünde. Doch in Menschen, die so weltlich eingestellt sind, auch gerade Menschen, die sich übertriebene Sorgen machen, also zu wenig Gottvertrauen besitzen, kann das Wort Gottes nicht keimen, Wurzeln schlagen, wachsen, Früchte tragen. Es stirbt sofort ab, weil das Herz voll von anderem ist. Jesus, das Wort Gottes, findet keinen Platz im Herzen solcher Menschen. Und er ist ein Gentleman. Wer ihn nicht hineinlässt, den lässt er auch in Ruhe. König David hat eine Bodenbeschaffenheit, die das genaue Gegenteil von diesem darstellt. Sein Gottvertrauen ist beachtlich. Dieses Dornengestrüpp dagegen breitet sich in unserer Kirche heutzutage rasant aus. Immer weniger Geistliche sind noch geistlich eingestellt. Wie viele unserer deutschen Bischöfe bestimmen ihr gesamtes Wirken noch von Christus her, dessen Reich nicht von dieser Welt ist? Es dominiert immer mehr die menschliche und weltliche Denkweise. Das Humanistische erfüllt die ganzen kirchlichen Grundvollzüge – so stark, dass für den Hl. Geist kein Platz mehr übrig bleibt.
Schließlich beschreibt Jesus die Fruchtbaren – die, die hören, aufnehmen und Frucht tragen. „Hören“ meint mehr als nur das physische Hören. Es meint den Ge-hor-sam, das Hören mit dem Glauben, das „auf ihn Hören“. In sich aufnehmen tun jene das Wort Gottes, die es an sich heranlassen. Die es akzeptieren und be-herzigen im wortwörtlichen Sinn: die es in sich verarbeiten, es betrachten, darüber nachdenken, es immer tiefer zu verstehen versuchen, die es nicht nur oberflächlich und rein informativ registrieren. Maria ist ein perfektes Beispiel für das „in sich Aufnehmen“. Sie bewahrt alle Geschehnisse in ihrem Herzen und denkt darüber nach. Das macht sie zur perfekten Jüngerin und dem fruchtbarsten Boden – auf dem das Wort Gottes deshalb auch Fleisch geworden ist! Früchte trägt das Wort Gottes dann, wenn die Menschen es in ihr eigenes Denken aufgenommen haben, wenn es von da an ihre eigenen Gedanken, Worte und Taten bestimmt, wenn es konkrete Auswirkungen hat im Verhalten. Und so ist sie der fruchtbare Boden, auf dem auch wir unser armseliges Samenkorn keimen lassen können. Ihr „Dünger“ verhilft uns zu einem ewigen Leben! Wenn wir sie als Hilfe an unserer Seite haben, werden wir viel einfacher unsere Potenziale entfalten und zu einer fruchtbaren Pflanze heranwachsen. Und gute Früchte kann nur ein guter Same bewirken. Wenn wir Christus immer mehr gleichgestaltet werden, wird es auch unser Auferstehungsleib sein, um auf Paulus‘ Worte in der Lesung zurückzukommen. Was wir in diesem Leben bereits aus unserem Samen machen, welchen Boden wir dafür bereitstellen und wie wir düngen, davon hängt auch unser ewiges Leben ab.

Ihre Magstrauss

Freitag der 24. Woche im Jahreskreis

1 Kor 15,12-20; Ps 17,1-2.6-7.8 u. 15; Lk 8,1-3

1 Kor 15
12 Wenn aber verkündet wird, dass Christus von den Toten auferweckt worden ist, wie können dann einige von euch sagen: Eine Auferstehung der Toten gibt es nicht?

13 Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden.
14 Ist aber Christus nicht auferweckt worden, dann ist unsere Verkündigung leer, leer auch euer Glaube.
15 Wir werden dann auch als falsche Zeugen Gottes entlarvt, weil wir im Widerspruch zu Gott das Zeugnis abgelegt haben: Er hat Christus auferweckt. Er hat ihn eben nicht auferweckt, wenn Tote nicht auferweckt werden.
16 Denn wenn Tote nicht auferweckt werden, ist auch Christus nicht auferweckt worden.
17 Wenn aber Christus nicht auferweckt worden ist, dann ist euer Glaube nutzlos und ihr seid immer noch in euren Sünden;
18 und auch die in Christus Entschlafenen sind dann verloren.
19 Wenn wir allein für dieses Leben unsere Hoffnung auf Christus gesetzt haben, sind wir erbärmlicher daran als alle anderen Menschen.
20 Nun aber ist Christus von den Toten auferweckt worden als der Erste der Entschlafenen.

In der heutigen Lesung setzt Paulus die Rede von der Auferstehung fort, die er im gestrigen Abschnitt bereits thematisiert hat. Anscheinend gibt es in Korinth Menschen, die sie leugnen oder anzweifeln. Es geht dabei um die „Auferstehung der Toten“. Eine solche soll es nicht geben, auch wenn das Osterereignis nicht geleugnet wird. Paulus sagt aber, dass beides zusammenhängt. „Wenn es keine Auferstehung der Toten gibt, ist auch Christus nicht auferweckt worden.“ Im Römerbrief erklärt er ausführlich die Taufe als Teilhabe am Tod und an der Auferstehung Jesu Christi. Wenn man die eigene Auferstehung also leugnet, sagt man zugleich, dass Christus nicht auferstanden ist. Aber wenn das Osterereignis nicht gewesen sein soll, ist die ganze Verkündigung überflüssig. Der Glaube ist dann leer. Denn alles baut auf dem Osterereignis auf. Dass wir Christen sein können, dass wir das ewige Leben erlangen können – das alles verdanken wir der Auferstehung Jesu Christi. Wenn das alles nicht wahr sein sollte, heißt das auch, dass die ganzen Missionare, die ihr Leben ganz der Verkündigung widmen, Lügner sind. Alles hängt an diesem Ostermorgen. Der Glaube der Korinther ist nutzlos und die Vergebung der Sünden durch die Taufe ist nicht wirklich geschehen. Welche Taufe denn? Sie ist auf den Tod und die Auferstehung Jesu Christi, der aber doch nicht auferstanden sein soll? Dann ist das ewige Leben niemandem geschenkt worden und die Toten sind gar nicht bei Gott, sondern verloren. Das wäre schrecklich und Paulus zeichnet die Konsequenzen der Osterleugner mit drastischen Worten.
Wie erbärmlich wäre es denn, wenn die Missionare alles auf die eine Karte Christus gesetzt hätten und eigentlich nur für dieses irdische Dasein verzockt hätten! Doch das alles sind überflüssige Gedanken, denn Christus ist auferstanden. Er ist auferweckt worden durch den Hl. Geist. Und er ist „als der Erste der Entschlafenen“ auferweckt worden. Das ist ein wichtiger theologischer Ausdruck. Er impliziert, dass wenn er der Erste ist, weitere folgen. Die Entschlafenen sind die Toten. Das Wort „schlafen“, das es enthält, steht im Gegensatz zur Auferweckung, in dem „wecken“ enthalten ist. Es sagt aus, dass wir leben werden, auch wenn wir sterben. Der Tod wird in der Bibel oft als Schlaf verstanden.
Betrachten wir Christi Auferstehung einmal genauer. Seine Auferstehung ist vollkommen. Er ist nicht nur mit Seele in die Ewigkeit eingegangen, sondern mit seinem ganzen Dasein, auch mit Körper! Dies konnte er, weil er ohne Sünde ist. Wir sind innerlich zerrissen durch die Erbsünde. Deshalb trennt sich im Tod unsere Seele vom Körper. Unsere Auferstehung ist momentan noch unvollkommen, doch am Ende der Zeiten wird es auch eine leibliche Auferstehung geben. Dann werden wir wie Christus mit unserem ganzen Sein in die Ewigkeit eingehen. Paulus lässt an vielen Stellen durchblicken, dass es eine leibliche Auferstehung sein wird. Im heutigen Abschnitt zeigt er auf, dass alles am Osterereignis hängt und Christi sowie unsere Auferstehung miteinander zusammenhängen. Man kann nicht eines von beiden leugnen, ohne dass das andere ebenfalls entkräftet wird.

Ps 17
1 Ein Bittgebet Davids. Höre, HERR, die gerechte Sache, achte auf mein Flehen, vernimm mein Bittgebet von Lippen ohne Falsch!

2 Von deinem Angesicht ergehe mein Urteil, deine Augen schauen, was recht ist.
6 Ich habe zu dir gerufen, denn du, Gott, gibst mir Antwort. Wende dein Ohr mir zu, vernimm meine Rede!

7 Wunderbar erweise deine Huld! Du rettest, die sich an deiner Rechten vor Empörern bergen.
8 Behüte mich wie den Augapfel, den Stern des Auges, birg mich im Schatten deiner Flügel.
15 Ich, in Gerechtigkeit werde ich dein Angesicht schauen, mich satt sehen an deiner Gestalt, wenn ich erwache.

Als Antwort beten wir den Bittpsalm 17. Zu Beginn ruft König David Gott an, dass Gott sein Gebet erhören solle. Er betont, dass es ein reines Gebet ist („von Lippen ohne Falsch“). David begreift, dass die Aufrichtigkeit gegenüber Gott entscheidend ist. Nur wer reinen Herzens ist und keine bösen Absichten hat, kann Gott um etwas bitten, sodass dieser es auch erhört.
„Von deinem Angesicht ergehe mein Urteil, deine Augen schauen, was recht ist.“ Gott soll ein rechtes Urteil fällen bzw. David geben, was recht ist.
Gott erhört wirklich die Bitten seiner Kinder. König David hat damit schon Erfahrungen gemacht. Wie sehr oft in Bittpsalmen thematisiert der Bittsteller vergangene Gebetserhörungen, um Gott damit zu sagen: „Du hast mich schon damals erhört, tue es auch jetzt.“ Die Aussage „ich habe zu dir gerufen“ kann aber auch so verstanden werden, dass David es soeben getan hat und zugleich sein Gottvertrauen bestätigt („denn du, Gott, gibst mir Antwort“). Erneut bittet er Gott um Gebetserhörung, indem er sagt: „Wende dein Ohr mir zu, vernimm meine Rede!“ Das ist bildlich zu verstehen, denn Gott ist Geist und hat keine Ohren wie seine Geschöpfe. Und doch besitzt Gott ein ganz feines Gehör. Er hört sogar die Worte unseres Herzens, die nicht einmal wir selbst hören.
Gott soll seine Huld wunderbar erweisen. Er hat dies im Laufe der Heilsgeschichte immer wieder getan. Ganz besonders deutlich wurde dies beim Exodus und später beim Babylonischen Exil. König David wurde von Gott beschützt, wenn seine Feinde ihm nach dem Leben trachteten. Er kann Gott wirklich als seinen Retter bezeichnen, der ihn vor allem vor Sauls und Abschaloms Mordplänen bewahrt hat. Ja, man kann sogar sagen, dass Gott David wie seinen Augapfel behütet hat, wie dieser es in Vers 8 nun erbittet. So wie er es schon zuvor getan hat, so soll er auch weiterhin beschützt werden. König David war militärisch unglaublich stark. Er hat so viele Schlachten gewonnen und die ganzen Feinde Israels besiegt. Er könnte auf die Idee kommen, furchtlos zu behaupten, er benötige keinen Schutz. Doch er birgt sich in Gottes Gegenwart, sucht seinen Schutz auf. Wir erahnen, dass er noch ganz andere Feinde kennt, vor denen nur Gott bewahren kann. Und selbst der beste Feldherr ist auf Gottes Schutz und Segen angewiesen. Das macht König David zu einem ganz großen Vorbild. Ganz unabhängig davon, wie stark und erfolgreich in unserem Leben sind: Nichts vermögen wir ohne Gottes Schutz. Alles, was wir sind und haben, kommt schließlich von ihm und ohne ihn sind wir nichts. Je schneller wir das begreifen, desto besser. Hochmut kommt vor dem Fall, doch das Bleiben auf dem Teppich überschüttet uns mit Segen.
Und im letzten Vers des heutigen Psalmabschnitts werden wir zurückgelenkt auf das heutige Thema der Auferstehung: Denn es heißt, dass David Gottes Angesicht schauen wird, wenn er erwacht. Die Zukunftsformen der deutschen Übersetzung bilden korrekterweise die Zeitform der hebräischen Verben ab. Es geht um ein zukünftiges Ereignis. Zugleich ist die hebräische Form als Gegenwartsform übersetzbar. Was wir also beides an diese Stelle interpretieren, ist einerseits das Schauen des Angesichts Gottes im Tempel. Dann ist das Erwachen des Königs das morgendliche Erwachen mit anschließendem Morgenlob beim Allerheiligsten. Das ist aber nur eine vorläufige Lesart, denn das Angesicht Gottes schaut er ja nur im übertragenen Sinne. Andererseits lesen wir es anagogisch als Erwachen aus dem Schlaf des Todes mit anschließendem Lobpreis im Himmel. Dann ist das Schauen des Angesichts Gottes wortwörtlich zu verstehen als eine immerwährende Gegenwart bei Gott. Wir können hier also erkennen, dass König David unter dem Einfluss des Hl. Geistes eine ganz prophetische Aussage getätigt hat. Er hat die Auferstehung vom Tod prophezeit, die Paulus in der Lesung bereits thematisiert!

Lk 8
1 Und es geschah in der folgenden Zeit: Er wanderte von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf und verkündete das Evangelium vom Reich Gottes. Die Zwölf begleiteten ihn

2 und auch einige Frauen, die von bösen Geistern und von Krankheiten geheilt worden waren: Maria, genannt Magdalena, aus der sieben Dämonen ausgefahren waren,
3 Johanna, die Frau des Chuzas, eines Beamten des Herodes, Susanna und viele andere. Sie unterstützten Jesus und die Jünger mit ihrem Vermögen.

Im Evangelium hören wir heute einen kurzen Ausschnitt, der uns das Verhältnis Jesu zu Frauen erkennen lässt. Er hat mit vielen Konventionen seiner Zeit gebrochen und Frauen mit viel mehr Achtung und Würde behandelt, als es in seiner Zeit üblich war. Man muss zugleich dazu sagen, dass es in rabbinischen Kreisen auch schon Frauen als Schülerinnen gab. Ganz so neu war es also nicht, dass auch Frauen Jesus bei seinen Evangelisierungsreisen begleitet haben.
Jesus „wanderte von Stadt zu Stadt und von Dorf zu Dorf“. Nicht nur der Zwölferkreis begleitete Jesus überall hin, wo er das Reich Gottes verkündete, sondern auch ein erweiterter Jüngerkreis, zu dem auch Frauen gehörten.
Wir hören zum Beispiel von Maria aus Magdala („Magdalena“ bzw. „Magdalene“ heißt „Bewohnerin der Stadt Magdala“), die Jesus von sieben Dämonen befreit hat. Anscheinend ist sie nicht die einzige, die besessen oder krank war, als Jesus sie geheilt oder befreit hat. Diese Aussage hier im Lukasevangelium ist unterschiedlich bewertet worden. Manchmal hat man es so verstanden, dass Maria Magdalenas sieben Dämonen nicht wörtlich zu verstehen seien, sondern als die sieben Todsünden oder einfach als Fülle der Sünden. Sie habe also eine radikale Bekehrung erlebt, nachdem sie in tiefster Todsünde steckte. Die Siebenzahl symbolisiert Fülle und Vollkommenheit. Aber wenn wir die Aussage zusammen mit den anderen Frauen und deren bösen Geistern lesen, klingt das doch nach echter Besessenheit mit anschließendem Exorzismus. Warum wird erwähnt, dass Jesus gerade bei Frauen einen Exorzismus vorgenommen hat, bevor sie seine Jüngerinnen wurden? Man kann es womöglich mit den beliebten Besessenheitskulten jener Zeit in Verbindung bringen, bei denen gerade Frauen eine wichtige Rolle spielten. Wir denken an die Mänaden dionysischer Kreise oder an die Besessenheitskulte der „Großen Mutter“. Raserei, wie diese Besessenheitsanfälle genannt worden sind, gab es zuhauf auch im Heiligen Land, insbesondere im Norden des Landes, wo Jesus sehr viel gewirkt hat. Maria Magdalena ist zum Beispiel aus einer hellenistisch geprägten Stadt im Norden, die für Fischpökelei bekannt war.
Viele der befreiten und geheilten Frauen, die Jüngerinnen Jesu geworden waren, haben ein beachtliches Vermögen, mit dem sie Jesus unterstützten. Maria Magdalena kommt aus der Fischpökelstadt, die durch ihren Handel zu einem sehr wohlhabenden Ort geworden ist. Womöglich handelt es sich bei ihr um eine Witwe, die durch ihren Mann zu einem großen Vermögen gekommen ist. Vielleicht arbeitete er in der genannten Branche. Ansonsten werden eine gewisse Johanna, die Frau des Chuzas, und eine Susanna namentlich genannt. Auch in der ersten Christengeneration wird es reiche Frauen geben, die mit ihrem Vermögen die Christengemeinden unterstützen und sogar ihre Häuser als Versammlungsort bereitstellen.
Jesus hat also ganz unterschiedliche Menschen in seinem Jüngerkreis – von ganz vornehmen bis hin zu gesellschaftlich Randstelligen. Und das ist auch gut so, denn Gott beruft alle Menschen, die aus ganz unterschiedlichen Situationen kommen. Und die eine Taufe, die sie empfangen werden, wird laut Paulus im Galaterbrief alle Getauften vor Gott gleich machen. Sie werden vor Gott alle die gleiche Würde haben, ob Mann oder Frau, ob Jude oder Grieche, Sklave oder Freier. Das heißt nicht, dass alle die gleichen Aufgaben haben werden. Das sehen wir ja schon zu Jesu Zeiten: Die einen erhalten seine Vollmachten (der Zwölferkreis), die anderen unterstützen finanziell. Wiederum andere kümmern sich um die Bedürftigen, andere wiederum sorgen für Schutz, weil sie beruflich großen Einfluss besitzen. Maria Magdalena oder Susanna oder Johanna, sie streben nicht danach, die Apostel wegzustoßen und ihren Platz einzunehmen. Jeder lebt nach seiner oder ihrer Berufung und keiner kommt auf die Idee, sich minderwertiger als der andere zu fühlen. Das sollten wir uns heute zu Herzen nehmen in einer Zeit, in der der feministische Kardinalfehler droht, auch in der Kirche Fuß zu fassen: Frauen sind nicht erst dann etwas wert, wenn sie zu Quasi-Männern werden und die Aufgaben oder die „Macht“ der mächtigsten Männer bekommen. Frauen sind schon längst alles wert. Und wenn sie anfangen, sich mit ihrer eigenen Berufung auseinanderzusetzen, werden sie nicht mehr kämpfen um eine Sache, die sie nicht glücklicher machen wird.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 24. Woche im Jahreskreis

1 Kor 15,1-11; Ps 118,2 u. 4.16-17.28-29; Lk 7,36-50

1 Kor 15
1 Ich erinnere euch, Brüder und Schwestern, an das Evangelium, das ich euch verkündet habe. Ihr habt es angenommen; es ist der Grund, auf dem ihr steht.
2 Durch dieses Evangelium werdet ihr gerettet werden, wenn ihr festhaltet an dem Wort, das ich euch verkündet habe, es sei denn, ihr hättet den Glauben unüberlegt angenommen.
3 Denn vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe: Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift,
4 und ist begraben worden. Er ist am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift,
5 und erschien dem Kephas, dann den Zwölf.
6 Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern zugleich; die meisten von ihnen sind noch am Leben, einige sind entschlafen.
7 Danach erschien er dem Jakobus, dann allen Aposteln.
8 Zuletzt erschien er auch mir, gleichsam der Missgeburt.
9 Denn ich bin der Geringste von den Aposteln; ich bin nicht wert, Apostel genannt zu werden, weil ich die Kirche Gottes verfolgt habe.
10 Doch durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und sein gnädiges Handeln an mir ist nicht ohne Wirkung geblieben. Mehr als sie alle habe ich mich abgemüht – nicht ich, sondern die Gnade Gottes zusammen mit mir.
11 Ob nun ich verkünde oder die anderen: Das ist unsere Botschaft und das ist der Glaube, den ihr angenommen habt.

In der heutigen Lesung hören wir einen Ausschnitt, in dem Paulus viele Aspekte zum Thema Auferstehung erklärt.
Dabei betont er am Anfang, dass das Fundament des Glaubens, den auch die Korinther angenommen haben, die Osterbotschaft ist. Sie nämlich ist der Kern des gesamten Evangeliums.
Wer an diesem Evangelium festhält, wird gerettet werden. Die Bejahung des Evangeliums wiederum geschieht durch die Taufe als äußeres Zeichen des inneren Glaubens. Und deshalb wiederholt er es noch einmal, falls der ein oder andere diese Botschaft unüberlegt angenommen hat.
Dann hören wir aus der ältesten Osterüberlieferung, die das Neue Testament tradiert. Paulus selbst hat sie schon von woanders empfangen, also ist sie sehr alt, das heißt sehr nah an dem Osterereignis selbst dran.
„Christus ist für unsere Sünden gestorben, gemäß der Schrift“ – ja, das ist der Grund – entgegen aller theologischen Bemühungen heutzutage, den Sühnetod wegzuargumentieren. Jesus ist für unsere Sünden gestorben, für jeden einzelnen Menschen!
Die Wendung „gemäß der Schrift“ verdeutlicht uns, dass es schon das Alte Testament angekündigt hat. Das ist wichtig, weil es den frommen Juden zeigt, dass Jesu Tod und Auferstehung heilsgeschichtlich entscheidend ist und sogar den Höhepunkt der Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen darstellt.
„Jesus ist begraben worden.“ Das heißt, er war wirklich komplett tot, nicht scheintot, nicht ohnmächtig oder gar nicht erst gestorben. Er ist wirklich gestorben, was für unsere Erlösung absolut notwendig war. Er konnte nicht erlösen, was er nicht selbst durchgemacht hat. Deshalb musste er ganz sterben.
Er ist dann aber am dritten Tag auferweckt worden, gemäß der Schrift.“ Petrus hat diese Schriftstellen teilweise zitiert, als er am Pfingsttag vor die Menschen getreten ist. Jesus selbst hat dies angekündigt, indem er immer wieder Leidensankündigungen vorgenommen hat. Die Apostel haben es damals nicht verstanden, doch nun ist ihnen alles klar.
Er erscheint dem Kephas (also Petrus), dann den Zwölf, sogar 500 Brüdern gleichzeitig. Das kann also keine Einbildung sein, keine Fata Morgana oder Halluzination. Viele der Augenzeugen leben noch zur Zeit des Paulus.
Mit Jakobus ist der „Herrenbruder“ Jakobus gemeint, der die Jerusalemer Gemeinde nach der Abreise des Petrus geleitet hat. Er ist Verwandter Jesu, deshalb heißt er auch „Herrenbruder“. Wir wissen von dem biblischen Zeugnis, dass es sich dabei um den Sohn einer anderen Maria und des Kleopas handelt, der übrigens einer der Emmausjünger ist. Diese andere Maria kann kaum die Schwester der Mutter Jesu sein (diese war laut Protevangelium des Jakobus ohnehin Einzelkind). Es wird sich vielleicht um die Cousine der Mutter Jesu gehandelt haben, also ist Jakobus Jesu Cousin zweiten Grades. Und doch ist es im orientalischen Kontext normal, Bruder zu sagen (Es gibt damals auch nur ein Wort für Bruder, Cousin etc.). Mit „Familie“ ist mehr gemeint als die gerade Linie, wie wir es aus unserem Kontext kennen. Damit ist vielmehr die Großfamilie gemeint.
„Zuletzt erschien er auch mir, gleichsam der Missgeburt.“ Das bezieht sich auf Pauli Begegnung mit Christus vor den Toren von Damaskus. Paulus nennt sich einerseits Missgeburt, weil er sich selbst als den geringsten Apostel erachtet. Er hat schließlich die Christen zunächst verfolgt und somit Christus selbst verfolgt. Dies gibt er als Begründung im darauffolgenden Vers zu verstehen. Er nennt sich andererseits so, weil das griechische Wort ἔκτρωμα ektroma „unzeitige Geburt“ heißt. Es bezieht sich aber in seinem Fall nicht auf die biologische Geburt, sondern auf die Wiedergeburt im Hl. Geist. Seine Bekehrung kommt spät, ist also unzeitig im Gegensatz zu den anderen Aposteln.
Paulus ist viel Gnade zuteilgeworden, obwohl er so ein böser Mensch war. Er hat sich mehr als die anderen abgemüht bzw. die Gnade zusammen mit ihm. Hier haben wir den Beweis, dass die Vereinnahmung des Paulus durch die sola-gratia-Reformatoren unsinnig war. Denn hier sagt er das „Katholischste“, was man zu dem Thema sagen kann: Im Menschen wirken hundert Prozent Gnade und hundert Prozent menschliches Bemühen eine wunderbare Synthese. Paulus hat verstanden, dass er es aufgrund seiner Vergangenheit eigentlich nicht verdient hat, Apostel genannt zu werden. Aber die Gnade Gottes ist größer als der menschliche Gerechtigkeitssinn.
Zum Schluss sagt Paulus noch ein wichtiges Wort: Es spielt keine Rolle, ob er selbst die Osterbotschaft verkündet oder ein anderer. Es ist und bleibt dieselbe Botschaft vom Sieg des Lebens über den Tod. Diese Wendung formuliert er deshalb, weil es in Korinth ja die Rivalitäten und Parteien gibt (die einen halten zu Paulus, die anderen zu Apollos, die anderen zu Kephas…).
Dank Paulus haben wir diese uralte Überlieferung erhalten. Sie bestätigt, was wir glauben – dass Jesu Auferstehung eine historische Tatsache ist, die nachträglich nicht symbolisiert werden kann. Jesus ist leibhaftig auferstanden und so werden auch wir es!

Ps 118
2 So soll Israel sagen: Denn seine Huld währt ewig.
4 So sollen sagen, die den HERRN fürchten: Denn seine Huld währt ewig.
16 die Rechte des HERRN, sie erhöht, die Rechte des HERRN, Taten der Macht vollbringt sie.
17 Ich werde nicht sterben, sondern leben, um die Taten des HERRN zu verkünden.
28 Mein Gott bist du, dir will ich danken. Mein Gott bist du, dich will ich erheben.
29 Dankt dem HERRN, denn er ist gut, denn seine Huld währt ewig!

Heute beten wir den so wunderbaren Psalm 118, der durch die Auferstehung Jesu Christi zu unserem Lebensprogramm geworden ist. Er ist wahrscheinlich als Wechselgesang konzipiert worden und wurde als Dankbekenntnis beim Einzug in den Jerusalemer Tempel gebetet.
Ja, Gottes Huld währt ewig, denn er ist gut. Kein anderer Gott hat sich jemals von seinen geliebten Kindern umbringen lassen, um ebenjene von allen Sünden zu erlösen!
„Israel“ ist nun nicht mehr nur das irdische Volk der zwölf Stämme, sondern meint nun alle, die an Christus glauben. Wir alle sollen nun sagen: „Seine Huld währt ewig.“ Wir sind es, die Gott fürchten.
Die Rechte des Herrn hat wirklich große Taten vollbracht. Damals schon beim Auszug aus Ägypten hat er heftige Wunder getan, sogar das Meer gespalten! Doch was er nun an Christus getan hat, ist unvergleichlich höher! Er hat nämlich seinen einzigen Sohn hingegeben. Dieser ist gestorben und von den Toten auferstanden, um das ewige Leben aller Menschen gestern, heute und morgen zu erwirken!
Gott hat durch die Auferstehung seines Sohnes wirklich seine Macht bewiesen. Das war die größte Heilstat aller Zeiten, die die Menschen gestern, heute und morgen erlöst hat!
Und deshalb darf der Mensch voller Freude sagen: „Ich werde nicht sterben, sondern leben, um die Taten des HERRN zu verkünden.“ Ja, das ist die einzig angemessene Antwort auf die Erlösung, die uns zuteilgeworden ist – ihn zu verkünden und immerfort Zeugnis für ihn abzulegen.
„Mein Gott bist du“ ist nicht einfach eine Floskel, sondern Bundessprache. Dass die Israeliten beim Einzug in das Heiligtum Gottes „mein Gott“ sagen dürfen, liegt an dem Bundesschluss mit ihm. Er gehört ganz ihnen und sie gehören ganz ihm. Das ist eine besonders innige Gottesbeziehung, die zu jener Zeit alles andere als selbstverständlich ist. Vers 28 zeugt also von einem besonders innigen Lobpreis.
Gottes Huld währt ewig und somit sollen die Israeliten Gott ewig danken. Er ist wirklich ein treuer Gott, der seine Versprechen hält. Diese Erfahrung konnten nicht nur die Israeliten machen, sondern auch wir, die wir im Neuen Bund mit ihm so innig verbunden sind. Er hält an dem Versprechen fest, uns das ewige Leben zu schenken. Nach so vielen Jahrhunderten messianischer Sehnsucht hat er der Menschheit die Erlösung geschenkt, indem er seinen einzigen Sohn für alle hingegeben hat. Wenn das nicht der größte Erweis seiner Huld ist, was dann!

Lk 7
36 Einer der Pharisäer hatte ihn zum Essen eingeladen. Und er ging in das Haus des Pharisäers und begab sich zu Tisch.
37 Und siehe, eine Frau, die in der Stadt lebte, eine Sünderin, erfuhr, dass er im Haus des Pharisäers zu Tisch war; da kam sie mit einem Alabastergefäß voll wohlriechendem Öl
38 und trat von hinten an ihn heran zu seinen Füßen. Dabei weinte sie und begann mit ihren Tränen seine Füße zu benetzen. Sie trocknete seine Füße mit den Haaren ihres Hauptes, küsste sie und salbte sie mit dem Öl.
39 Als der Pharisäer, der ihn eingeladen hatte, das sah, sagte er zu sich selbst: Wenn dieser wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, die ihn berührt: dass sie eine Sünderin ist.
40 Da antwortete ihm Jesus und sagte: Simon, ich möchte dir etwas sagen. Er erwiderte: Sprich, Meister!
41 Ein Geldverleiher hatte zwei Schuldner; der eine war ihm fünfhundert Denare schuldig, der andere fünfzig.
42 Als sie ihre Schulden nicht bezahlen konnten, schenkte er sie beiden. Wer von ihnen wird ihn nun mehr lieben?
43 Simon antwortete: Ich nehme an, der, dem er mehr geschenkt hat. Jesus sagte zu ihm: Du hast recht geurteilt.
44 Dann wandte er sich der Frau zu und sagte zu Simon: Siehst du diese Frau? Als ich in dein Haus kam, hast du mir kein Wasser für die Füße gegeben; sie aber hat meine Füße mit ihren Tränen benetzt und sie mit ihren Haaren abgetrocknet.
45 Du hast mir keinen Kuss gegeben; sie aber hat, seit ich hier bin, unaufhörlich meine Füße geküsst.
46 Du hast mir nicht das Haupt mit Öl gesalbt; sie aber hat mit Balsam meine Füße gesalbt.
47 Deshalb sage ich dir: Ihr sind ihre vielen Sünden vergeben, weil sie viel geliebt hat. Wem aber nur wenig vergeben wird, der liebt wenig.
48 Dann sagte er zu ihr: Deine Sünden sind dir vergeben.
49 Da begannen die anderen Gäste bei sich selbst zu sagen: Wer ist das, dass er sogar Sünden vergibt?
50 Er aber sagte zu der Frau: Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!

Im heutigen Evangelium hören wir von einer Sünderin, die Jesus sehr viel Liebe zeigt und die Vergebung ihrer Sünden empfängt. Sie ist heute als Pendant zu Paulus zu betrachten, dem ebenfalls die Vergebung seiner Sünden zuteilgeworden ist.
Jesus ist bei einem Pharisäer zum Essen eingeladen. Als sie am Tisch sind, kommt eine Sünderin mit einem Alabastergefäß voll Öl zu ihnen. Wir müssen uns die Szene so vorstellen: Im alten Orient lag man zu Tisch. So lagen die Füße am anderen Ende der Liege.
Und in diese Tischgemeinschaft hinein tritt also nun die Frau „von hinten an ihn heran zu seinen Füßen“. Wie sie hineingekommen ist, wird nicht erklärt. Es scheint aber so, dass sie in der Stadt als Sünderin bekannt ist.
Sie weint, was uns ihre Reue und Scham beweist. Sie weint also über ihre Sünden im Angesicht Gottes. Können auch wir so auf uns schauen und bereuen? Das ist eine Gnade, denn die Einsicht ist der erste Schritt zur Besserung. Die Frau kommt nun also zu Jesus und benetzt seine Füße mit ihren Tränen. Was sie tut, ist der Sklavendienst der Fußwaschung. Jesus selbst wird es an seinen Aposteln tun, um ihnen zu zeigen, wie ihr „Herrschen“ aussehen soll. Sie demütigt sich vor ihm also auf maximale Weise und trocknet seine Füße sogar mit ihren Haaren ab. So weit geht nicht einmal ein Sklave. Sie macht sich also ganz klein vor ihm und zeigt ihm sehr viel Liebe. Dies wird vor allem durch das Küssen der Füße deutlich. Dann salbt sie seine Füße mit dem kostbaren Öl. Diese Frau, die als Sünderin bekannt ist, hat mehr Verständnis als der Pharisäer, bei dem Jesus zu Gast ist. Ihr Salbungsvorgang ist ein einziges Messiasbekenntnis. Messias heißt „Gesalbter“. Sie hat verstanden, dass Jesus nicht einfach gewöhnlicher Mensch ist, sondern der ersehnte Messias. Die Salbung zeigt, dass er für sie Priester, König und Prophet ist. Und womöglich salbt sie ihn schon für sein Begräbnis wie später Maria von Betanien. Diese Frau ist eine Mystikerin, doch nur Jesus hat es verstanden. Warum hat sie Jesus erkannt, die anderen aber nicht? Weil „Erkennen“ etwas mit Liebe zu tun hat. Ihr Liebesdienst hat ihr einen klaren Blick auf das Herz Jesu ermöglicht, einen Blick ins Innere, der den anderen verwehrt bleibt.
Jesus versucht, es dem Pharisäer zu erklären, dessen Gedanken er längst durchschaut hat. Dieser denkt nämlich bei sich: „Wenn dieser wirklich ein Prophet wäre, müsste er wissen, was das für eine Frau ist, die ihn berührt: dass sie eine Sünderin ist.“ Hier haben wir den Unterschied. Während die Frau Jesus als Propheten salbt, denkt dieser Mann bei sich „Wenn dieser wirklich ein Prophet wäre“. Sie hat Glauben, doch der hochangesehene Pharisäer nicht.
Jesus erzählt ihm folgendes Gleichnis, um ihm die Situation begreiflich zu machen: Zwei Schuldner sind einem Geldverleiher etwas schuldig. Beide können ihre Schuld nicht bezahlen, der eine fünfhundert, der andere fünzig Euro. Welcher der beiden freut sich mehr, als dann der Geldverleiher beiden die Schuld erlässt? Der Pharisäer schlussfolgert korrekt, dass derjenige mit dem größeren Schuldenerlass ihn mehr lieben wird. Und dies greift Jesus nun auf, es auf die Sünderin zu beziehen. Die Frau hat Jesus so viel Liebe gezeigt im Gegensatz zum Pharisäer, der Jesus nicht mal die Füße hat waschen lassen. Die Frau hat Jesu Füße geküsst im Gegensatz zum Pharisäer. Sie hat Jesus gesalbt im Gegensatz zum Pharisäer. Sie hat Jesus viel mehr Liebe gezeigt als der Gastgeber. Wegen ihrer großen Liebe zu Christus sind ihr die Sünden vergeben. Jesus erlässt sie ihr. Das ist für die Juden absolut provokativ, denn Sünden kann nur Gott vergeben. So fragen sich die ganzen anderen Gäste, von denen wir an dieser Stelle zum ersten Mal hören, wer Jesus ist. Viele werden daran Anstoß nehmen und Jesu Gottheit nicht anerkennen. Sie werden ihn vielmehr als Blasphemiker verurteilen. Zu der Frau sagt Jesus: „Dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden!“ Der Glaube rettet uns. Das größte Zeichen des Glaubens ist die Taufe. Deshalb lehrt die Kirche von Anfang an, dass sie heilsnotwendig ist. Der Frau wird Frieden geschenkt, ein Frieden, den die Welt nicht geben kann. Es geht hier um den inneren Frieden im Herzen. Endlich kommt ihre Seele zur Ruhe, denn sie ist bei Gott angekommen. Es handelt sich um eine Gabe Gottes, die jedem zuteilwird, der zu Gott umkehrt. Diese Begegnung wird ihr Leben ganz verändert haben. Die Frau ist gleichzusetzen mit jenem Schuldner in Jesu Gleichnis, dem besonders viel erlassen wird. Und wenn wir zurück auf die Lesung schauen, erkennen wir eine Analogie zwischen der Sünderin und Paulus. Beide sind besonders weit weg von Gott, indem sie schwere Sünden begehen. Doch beide erfahren eine tiefe Umkehr und lieben Gott ganz besonders, denn ihnen sind viele Sünden vergeben worden.
Wir müssen uns einer wichtigen Sache bewusst werden: Jesus lobt die Sünderin im heutigen Evangelium nicht wegen ihrer Sünden. Diese kann er nicht ausstehen. Aber er lobt ihre Reue und Umkehrbereitschaft. Jesus liebt den Sünder, nicht die Sünde. Diese Stelle dürfen wir also nicht dazu missbrauchen, Sünden zu relativieren aufgrund eines falschen Barmherzigkeitsverständnisses. Das geschieht heutzutage leider allzu oft, insbesondere bei der Frage nach dem sechsten Gebot. Die Menschen erfahren Gottes Vergebung durch ihre Bereitschaft, ihr Leben zu verändern. Sie bleiben nicht im Zustand der Sünde. Möge Gott auch uns heute die Gnade schenken, unser sündhaftes Leben zu beenden und neu anzufangen, damit auch uns die Gnade der Vergebung geschenkt werde!

Ihre Magstrauss