Siebter Tag der Weihnachtsoktav

1 Joh 2,18-21; Ps 96,1-2.11-13; Joh 1,1-18

1 Joh 2
18 Meine Kinder, die letzte Stunde ist da. Ihr habt gehört, dass der Antichrist kommt, und jetzt sind viele Antichriste aufgetreten. Daran erkennen wir, dass die letzte Stunde da ist. 

19 Sie sind aus unserer Mitte gekommen, aber sie haben nicht zu uns gehört; denn wenn sie zu uns gehörten, wären sie bei uns geblieben. Es sollte aber offenbar werden, dass sie alle nicht zu uns gehören. 
20 Ihr habt die Salbung von dem, der heilig ist, und ihr alle wisst es. 
21 Ich schreibe euch nicht, weil ihr die Wahrheit nicht kennt, sondern weil ihr sie kennt und weil keine Lüge von der Wahrheit stammt.

In der heutigen Lesung hören wir die Fortsetzung der gestrigen. Die „letzte Stunde“ macht uns deutlich, dass wir in der Endzeit leben. Diese hat mit der Menschwerdung Gottes begonnen und die ganze Zeitspanne, in der es die Kirche gibt, gehört zur Endzeit. Bald kommt das Ende der Welt, auch wenn wir nicht genau wissen, wann. Ein „Symptom“ dieser Phase ist das Aufbäumen des Antichristen. Ja, es sind viele Personen in unserer heutigen Zeit aufgetreten, die man als Antichristen bezeichnen kann. Sie sind gegen Christus. Sie bringen seine geliebten Kinder um, sie töten generell viele Menschen und rotten die ganze gute Schöpfung aus. Sie sorgen dafür, dass die Ordnung der Naturgesetze übergangen und pervertiert werden. Sie spielen Gott, in dem sie Menschen schaffen wollen, ein Paradies auf Erden schaffen und entscheiden wollen, wer lebenswert ist und wer nicht. Ein weiteres Kennzeichen dieser Antichristen ist die Verwirrung von Identität und Geschichte und die Lügerei.
Wenn Johannes sagt, dass sie „aus unserer Mitte kommen“, spricht er etwas sehr Tiefgründiges aus. Einerseits meint das historisch-wörtlich, dass die Häretiker zunächst Teil der Großkirche waren. Er spricht hier vor allem gnostische Sektierer an, die zuvor Christen waren und sich dann abgespaltet haben. Deshalb sagt er, dass sie nicht „zu uns“ gehört hätten. Wären sie mit Überzeugung Christen geworden, hätten sie sich nicht gegen Christus entschieden. In Jesu Gegenwart scheiden sich aber die Geister und deshalb sollte sich auch ihre Irrlehre offenbaren. Als die Eltern Jesu mit dem Kind im Tempel waren und der greise Simeon den Messias endlich schauen durfte, kündigte er ihnen dies an, indem er sagte: „So sollen die Gedanken vieler Herzen offenbar werden.“
Die Salbung, von der Johannes spricht, meint die Firmung. Diese war zunächst mit der Taufe kombiniert. Johannes will damit sagen, dass die Getauften den Hl. Geist empfangen haben und dies ganz bewusst („und ihr alle wisst es“).
Die Getauften kennen die Wahrheit, also Jesus und seine Lehre. Sie haben im Vorfeld der Taufe alles erklärt bekommen im Katechumenat. Weil sie in der Wahrheit leben und den Hl. Geist empfangen haben, können sie Wahrheit und Lüge voneinander unterscheiden. Die Lüge kommt nicht von Gott, sondern vom Widersacher.

Ps 96
1 Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Lande, 
2 singt dem HERRN, preist seinen Namen! Verkündet sein Heil von Tag zu Tag!
3 Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit, bei allen Völkern von seinen Wundern!  
11 Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke, es brause das Meer und seine Fülle. 
12 Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst. Jubeln sollen alle Bäume des Waldes 
13 vor dem HERRN, denn er kommt, denn er kommt, um die Erde zu richten. Er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit und die Völker nach seiner Treue.

Der heutige Psalm ist „ein neues Lied“, was heute wieder einen messianischen Psalm kennzeichnet. Es handelt sich um einen Lobespsalm, der das Heil Gottes thematisiert. Es handelt sich um den Psalm aus der Christmette. Es wird also noch einmal weihnachtlich heute. Die Heilstaten Gottes sollen verkündet und verbreitet werden, damit auch andere zum Glauben an ihn kommen. Die Aufforderung in Vers 3 erinnert an Jesu Missionsauftrag von Mt 28. Gott soll verkündet werden in der ganzen Welt („die Nationen“ meint immer die Heiden im AT und NT). Das größte Wunder, das Gott getan hat, ist seine eigene Menschwerdung in einer Jungfrau und seine Auferstehung von den Toten. Es ist so groß, weil dadurch Gott das universale Heil für die ganze Welt ermöglicht hat. Die ganze Schöpfung hat deshalb Grund zum Lobpreis, denn auch sie litt unter der Erbsünde der Menschen. 
Schon mit dem ersten Kommen hat Gott Gericht gebracht. Jesus hat sehr oft Gerichtsreden gehalten und bestimmten Personen Gerichtsworte gewidmet. Ganz prominent sind seine Weherufe im Anschluss an die Seligpreisungen und jene gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten. An Jesus haben sich schon von Anfang an die Geister geschieden und viele haben sich schon zu seinen Lebzeiten gegen ihn entschieden. Sie haben sich selbst gerichtet in seinem Angesicht. Hier haben wir eine deutliche Verbindung zur Lesung, die ebenfalls diese simeonische Ankündigung aufgreift: An Jesus scheiden sich die Geister – die einen werden durch ihn zu Fall kommen, die anderen aufgerichtet werden.
Gericht ist nie als Drohung zu verstehen. Gericht ist immer Erlösung und Barmherzigkeit für jene, die Gott lieben und seine Gebote halten. Gericht ist Erlösung von der Ungerechtigkeit jener, die die Gerechten unterdrücken und die Unschuldigen leiden lassen.

Joh 1
1 Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.
2 Dieses war im Anfang bei Gott. 
3 Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. 
4 In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. 
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.
6 Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes. 
7 Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. 
8 Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. 
9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 
10 Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 
11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 
12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 
13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 
15 Johannes legt Zeugnis für ihn ab und ruft: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. 
16 Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. 
17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. 
18 Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

Heute hören wir als Evangelium den einleitenden hymnenartigen Gesang des Johannesevangeliums.
Dabei hören wir von der „Vorgeschichte“ des menschgewordenen Gottes, nämlich seine Präexistenz bei Gott.
Nicht umsonst beginnt das Evangelium auf dieselbe Weise wie der Schöpfungsbericht in Genesis. Jesus, das ewige Wort des Vaters, war „im Anfang“, das heißt in Gott, der der Anfang ist.
Es wird auch gesagt, dass Jesus als Schöpfungsmittler an der Schöpfung mitgewirkt hat („alles ist durch das Wort geworden“).
Wenn über das Wort ausgesagt wird, dass in ihm Leben ist, dann bestätigt sich, dass Jesus Gott ist. Dieser ist nämlich ein Gott des Lebens. Als dieser ist er den Menschen Licht, nämlich Hoffnung.
Auf dieses Hoffnung spendende Licht bezieht sich auch Jesaja, wenn er prophezeit: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht.“ Gottes wunderbare Vorsehung hat Jesus zu einer ganz bestimmten Zeit Mensch werden lassen, in der die Menschen in besonders großer Dunkelheit waren. Er schien ihnen sein Leben hindurch, doch die Menschen nahmen es nicht an. Jesus ist gekreuzigt worden. Sein Leiden wird an diesem heutigen ersten Weihnachtstag schon mitgesagt. Das ist der Grund, weshalb er Mensch geworden ist. Und doch konnte die Finsternis das Licht nicht auslöschen. Jesus ist von den Toten auferstanden und hat somit den Tod überwunden! Auch Ostern wird heute schon mitgesagt.
Wir, die wir Jesu Erlösung angenommen haben und getauft worden sind, sind zu Kindern Gottes geworden, zu Erben in seinem Reich. Diese Taufe ist eine Geburt aus dem Geist, nicht aus dem Fleisch, wie Johannes es hier formuliert.
Und das Wort ist Fleisch geworden – das ist heute. Es hat unter uns gewohnt – 33 Jahre lang in Gestalt des Menschen und bis heute in Gestalt der eucharistischen Gaben. Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, insbesondere die drei Apostel, die mit ihm auf dem Berg Tabor waren. Seine Herrlichkeit ist auch all denen offenbart worden, die Zeugen seiner Auferstehung geworden sind. Wir alle sehen seine Herrlichkeit in jeder Hl. Messe, in jeder guten Tat und am Ende der Zeiten die Fülle des verherrlichten Menschensohnes.
Johannes der Täufer ist der größte Zeuge seiner Herrlichkeit geworden, sogar noch vor seiner Geburt im Mutterleib Elisabets. Johannes der Evangelist schreibt hier, dass auch wenn Johannes der Täufer irdisch gesehen vor Jesus „war“, also geboren wurde, ist Jesus ihm Voraus. Dieser hat nämlich keinen Anfang, sondern war im Anfang, der Gott ist. Jesus wird seine Präexistenz immer wieder aussagen. Z.B. sagt er einmal: „Ehe Abraham war, bin ich“ (Joh 8,58). Jesus IST, gestern, heute und in Ewigkeit.
Jesus bringt uns Gnade über Gnade. Alles haben wir dem Herrn zu verdanken. Er steht auch höher als Mose, der zwar das Gesetz gebracht hat, Jesus aber dieses mit Leben gefüllt hat, mit Gnade und Wahrheit, die er selbst ist.
Jesus ist aus dem Himmel zu uns gekommen. Deshalb ist er auch der einzige Mensch, der Gott je gesehen hat. Gott ist Geist und wir alle werden ihn erst sehen, wie er ist, wenn wir sterben. Der Kern der ganzen Verkündigung Jesu ist, uns den Vater zu zeigen. Dafür wird er heute Mensch. Gott liebt uns so sehr und will uns sein „Herz“ zeigen, seinen „Augapfel“, sein ein und alles, seinen Sohn.
Gott sandte seinen eigenen Sohn und unsereins hat ihn nicht überall angenommen. Im Gegenteil. Er ist gekreuzigt worden, obwohl er wirklich unschuldig war.

Auch wir sind gefragt, uns zu entscheiden: Wollen wir ihn annehmen oder ablehnen? Wir sind getauft, wir kennen im besten Fall die Grundlagen unseres Glaubens. Nutzen wir eigentlich das Potenzial unserer Firmung? Auch wir müssen tagtäglich um die Gabe der Unterscheidung der Geister beten, dass wir erkennen, was vom Hl. Geist ist und was Irrlehre ist. In heutiger Zeit ist die Verwirrung und Lüge so schlimm wie noch nie. Tendenz steigend. Und doch hoffen wir. Je schlimmer es wird, desto näher kommen wir dem Reiche Gottes.

Ich wünsche Ihnen zum Ende des Kalenderjahres alles Gute, Gottes reichen Segen und für das neue Jahr seinen überreichen Segen und Schutz. Möge die Jungfrau Maria auch im nächsten Jahr zusammen mit allen Engeln und Heiligen für Sie einstehen!

Ihre Magstrauss

Fest der Heiligen Familie

Sir 3,2-6.12-14 (oder 3,3-7.14-17a); Ps 128,1-5; Kol 3,12-21; Mt 2,13-15.19-23

Liebe Freunde,
heute ist das Fest der Heiligen Familie. Das bezieht sich auf Josef, Maria und Jesus. Dieses Fest feiern wir immer am Sonntag nach Weihnachten (früher am Sonntag nach Erscheinung des Herrn). Wir betrachten diese Familie als unser Vorbild. Alles, was schon im AT über das ideale Familienleben geschrieben steht, können wir auf besonders eindrückliche Weise an der Heiligen Familie erfüllt sehen. Dabei ist sie wiederum nur Abbild der göttlichen Familie: der heiligsten Dreifaltigkeit. Zwar glauben wir, dass Jesus und Maria ohne Sünde sind, Josef aber von der Erbsünde nicht bewahrt ist. Die Eltern Jesu sind zudem nicht allwissend und müssen deshalb so einiges mit einem Fragezeichen hinnehmen. Und dennoch kann uns diese Familie gerade darin ein Vorbild sein: Wie halten wir in Krisen zusammen?

Sir 3
2 Denn der Herr hat dem Vater Ehre verliehen bei den Kindern und das Recht der Mutter bei den Söhnen bestätigt. 
3 Wer den Vater ehrt, sühnt Sünden,
4 und wer seine Mutter ehrt, sammelt Schätze. 
5 Wer den Vater ehrt, wird Freude haben an den Kindern und am Tag seines Gebets wird er erhört. 
6 Wer den Vater ehrt, wird lange leben, und seiner Mutter verschafft Ruhe, wer auf den Herrn hört. 
7 Wer den Herrn fürchtet, ehrt den Vater. So wie Herren dient er seinen Eltern.
12 Kind, nimm dich deines Vaters im Alter an und kränke ihn nicht, solange er lebt! 
13 Wenn er an Verstand nachlässt, übe Nachsicht und verachte ihn nicht in deiner ganzen Kraft! 
14 Denn die dem Vater erwiesene Liebestat wird nicht vergessen; und statt der Sünden wird sie dir zur Erbauung dienen. 
15 Am Tag deiner Bedrängnis wird man sich deiner erinnern; wie heiteres Wetter auf Frost folgt, so werden sich deine Sünden auflösen. 
16 Wie ein Gotteslästerer ist, wer den Vater im Stich lässt, und ein vom Herrn Verfluchter ist, wer seine Mutter erzürnt.
17 Kind, bei all deinem Tun bleibe bescheiden und du wirst geliebt werden von anerkannten Menschen!

Das Buch Jesus Sirach ist eine weisheitliche Schrift und liefert uns sehr sehr wichtige Aspekte, die zum vierten Gebot auch im Katechismus zusammengefasst werden: Wir sollen Vater und Mutter ehren. Das ist nicht einfach nur eine Floskel, sondern führt uns zum Heil!
Es ist sogar so, dass wir unsere eigenen Sünden sühnen, wenn wir gehorsam sind! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wer den Eltern gehorsam ist, sammelt sich zudem Schätze – himmlische Schätze, gemeint ist die Gnade. Warum eigentlich? Unsere Eltern haben uns das Leben geschenkt. Dass wir da sind, haben wir ihnen zu verdanken. Ganz unabhängig davon, wie sie uns behandeln, was sie uns geben und was nicht, sie verdienen unsere Ehre einfach schon dadurch, dass wir dank ihnen existieren.
Wenn wir unsere Eltern behandeln, wie es Gott gefällt, werden wir Segen haben und im Stand der Gnade sein: Dann wird Gott unsere Gebete erhören und wir werden selbst Kinderreichtum genießen. Viele Kinder sind im AT immer ein Zeichen des Segens Gottes. Wenn es im AT zudem heißt, dass man lange leben wird, meint es zu Beginn noch das irdische Leben oder das Weiterleben in den Nachfahren. Mit der Zeit werden die Juden es aber als ein Weiterleben nach dem Tod verstehen, wenn sie nach und nach die Auferstehung begreifen. Hier im Buch Jesus Sirach darf man Jenseitsvorstellungen schon voraussetzen! Wir gewinnen das Himmelreich, wenn wir unseren Eltern gehorsam sind und ihnen die Ehre geben, die ihnen zusteht. Das hat Jesus getan, wie wir nachher noch lesen werden. Er als Gott (!) hat sich seinen irdischen Eltern unterworfen und den Beruf seines Ziehvaters Josef erlernt. Er wird sich nach dem Tod Josefs um seine Mutter kümmern und noch am Kreuz dafür sorgen, dass nach seinem eigenen Tod der Apostel Johannes Maria zu sich nehmen wird. Für uns sind das ganz wichtige Aussagen in einer Zeit, in der Kinder immer weniger Respekt vor ihren Eltern haben. In einer Zeit, in der Eltern sogar Angst vor ihren Kindern haben müssen. In einer Zeit, in der die Kinder die „Herren“ (Vers 7) sind und nicht die Eltern. Am Ende der Zeiten ist es unser Ziel, dem himmlischen Vater, dem Herrn, auf ewig die Ehre zu geben, in dem wir mit allen Engeln und Heiligen ihn loben und preisen. Dann werden wir das nicht mehr abbildhaft tun wie bei unseren irdischen Eltern, sondern vollkommen.
Es schließen sich an die bisher grundsätzlichen Überlegungen ganz konkrete Anweisungen an: Wir sollen uns um unsere Eltern im Alter kümmern. Warum? Als wir klein und hilflos waren, waren sie es, die sich um uns gekümmert haben. Sie haben auf so vieles verzichtet, um uns großzuziehen: auf Schlaf, auf eigenen Luxus, auf eigene Pläne, auf Selbstverwirklichung, auf den eigenen Willen. Wenn sie mit dem Alter nun immer hilfloser werden, wendet sich das Blatt. Nun liegt es an uns, ganz für sie da zu sein, bis sie aus diesem Leben scheiden. Das ist der Lauf der Dinge.
Als wir kleine Kinder waren und herumgenörgelt haben, als wir noch nicht sprechen konnten und unseren eigenen Kopf durchs laute Schreien und Weinen kundgetan haben, nahmen unsere Eltern alles geduldig hin. Sie gaben uns zu essen, wechselten unsere Windeln und sangen uns stundenlang in den Schlaf. Haben unsere Eltern es nicht verdient, dass wir nachsichtig und geduldig mit ihnen umgehen, wenn ihr Verstand nachlässt und sie uns immer schlechter hören? Haben sie es nicht verdient, dass wir ihre mit dem Alter wachsende Sturheit ertragen? Unsere Eltern verachteten uns doch auch nicht, als wir kleine schwache Babys waren. So steht es uns auch nicht zu, in der Fülle unseres Lebens verachtend auf unsere alternden Eltern zu schauen.
Unser respektvoller Umgang als erwachsene Kinder wird nicht unerkannt bleiben. Gott wird sich dies merken und uns dafür reich beschenken.
Wer die Eltern im Stich lässt, wird als Gotteslästerer angesehen. Das ist wichtig: Die Gottesfurcht wird nämlich durch die Elternfurcht umgesetzt, die Abbild Gottes in unserer Familie sind. Furcht meint in diesem Fall nicht Angst, also etwas Pathologisches, sondern den Respekt und das Bemühen, den Anderen nicht zu verletzen. Gott hat uns unsere Eltern geschenkt. Dieses sollen wir dankbar annehmen und gut damit umgehen, sonst beleidigen wir den, der uns das Geschenk gemacht hat. Unsere Eltern sind Gottes Hände und Füße in unserer Familie. Sie sind sein Ausführungsorgan. Er liebt uns durch unsere Eltern. Und wir lieben ihn durch unsere Eltern. Das ist der Wille Gottes für die Familien.
Diese Elternliebe soll schlicht sein und kein Grund zur Angeberei. Das ist nicht etwas, womit man angeben kann, sondern das Mindeste, das wir unseren Eltern schulden. Wie können wir da Lob erwarten?

Ps 128
1 Ein Wallfahrtslied. Selig jeder, der den HERRN fürchtet, der auf seinen Wegen geht! 
2 Was deine Hände erarbeitet haben, wirst du genießen; selig bist du – es wird dir gut ergehn. 
3 Deine Frau ist wie ein fruchtbarer Weinstock im Innern deines Hauses. Wie Schösslinge von Ölbäumen sind deine Kinder rings um deinen Tisch herum. 
4 Siehe, so wird der Mann gesegnet, der den HERRN fürchtet. 
5 Es segne dich der HERR vom Zion her. Du sollst schauen das Glück Jerusalems alle Tage deines Lebens.

Der Psalm betont das, was den Kern der Elternliebe aus dem Buch Jesus Sirach darstellt: Es geht letztendlich um Gottesfurcht. Selig sind wir, wenn wir Gottes Gebote halten. Das ist die konkrete Umsetzung der Gottesfurcht. Wir werden Segen haben, wenn wir „auf seinen Wegen“ gehen. Dieser Segen wird sich z.B. am Erntereichtum zeigen. Vielleicht erinnern Sie sich an die Worte Gottes in Gen 3 nach dem Sündenfall? Eine Folge der Erbsünde ist die mühevolle Arbeit, um das tägliche Brot essen zu können. Erntereichtum ist dagegen ein Zeichen der Gnade Gottes.
Wenn die Frau als fruchtbarer Weinstock bezeichnet wird, ist das ebenfalls ein Zeichen des Segens Gottes. Kinderreichtum wird immer zum Indikator vor allem für die Frau, dass sie den Segen Gottes auf sich hat. Die Kinder als Ölbäume deuten auf deren Langlebigkeit und Fruchtbarkeit hin. Der Ölbaum ist deshalb ein Bild, das häufig zusammen mit dem Weinstock genannt wird.
Was nach jüdischem Verständnis Ausdruck des Segens Gottes war, ist christologisch erfüllt worden, jedoch auf eine neue und unerwartete Weise: Maria und Josef, zwei gottesfürchtige Menschen, erlangen eine Fruchtbarkeit, die ungleich größer ist als die biologische. Ein Ehepaar, das lebenslange Enthaltsamkeit lebt, zieht Gott selbst auf, Jesus Christus. Maria, die gottgeweiht ist und von allen Menschen die größte Gottesfurcht gehabt hat, ist zur Mutter aller und zum Urbild der Kirche geworden, die Menschen durch die Taufe zum neuen Leben gebiert. Diese geistige Fruchtbarkeit, wie man das Führen von Menschen zu Jesus nennen kann, übertrifft die biologische Fruchtbarkeit als Segen, wie er in diesem Psalm zum Ausdruck kommt.
Wenn es dann zum Ende hin heißt „Es segne dich der HERR vom Zion her“, dann ist das ein besonderer Segen. Für die Israeliten war das die maximale Form von Segen, denn „vom Zion“ meint „vom Tempel“. Und dort wohnte die Herrlichkeit Gottes. Wir Christen sehen darin eine typologische Verbindung zum eucharistischen Segen. „Zion“ ist nun die Kirche, in der das Allerheiligste nicht mehr die Bundeslade, sondern der Tabernakel mit den konsekrierten Hostien ist – das fleischgewordene Wort Gottes. Und zuvor müssen wir auf eine entscheidende Typologie hinweisen, die das ganze heutige Fest erklärt! Nämlich die Muttergottes selbst als Zion! Sie trägt den Sohn Gottes, das fleischgewordene Wort Gottes. Gottes Segen geht von ihrem Leib aus! Sie ist die neue Bundeslade, in der nicht mehr die Torah in Steintafelform, sondern als Mensch geborgen ist, nicht mehr die Schaubrote, sondern das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Von diesem Zion geht Segen aus, weil der HERR selbst mit ihr ist. Schauen wir auf dieses Vorbild, verstehen wir die besondere Bedeutung des mütterlichen Segens, auch den Segen unserer irdischen Mutter. Sie hat uns geboren, die wir Abbild Gottes sind, wenn auch nicht Gottes Sohn wie Jesus. Wenn wir Gottes Willen tun, in diesem Fall das Ehren der Eltern, dann geht von diesen Eltern der Segen Gottes auf uns über!
Das ewige Schauen des Glücks Jerusalems ist dann auch mehr als nur wörtlich zu verstehen: Es bezieht sich auf die Glückseligkeit des himmlischen Jerusalems. Dann werden wir mit der himmlischen Familie, also in Gemeinschaft der Heiligsten Dreifaltigkeit leben. Dann kommen wir von der Abbildhaftigkeit zur Vollendung. Das dürfen wir sakramental schon jetzt erfahren in der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Wir sind eine einzige Familie, bei der der Priester unser Vater ist. Er sorgt für die Sakramente und Sakramentalien. Die Kirche gebärt uns, zieht uns auf und nährt uns mit den Heilsmitteln seelisch. Alle Gläubigen sind Geschwister im Glauben und bilden so die geistliche Familie, von der Jesus gesprochen hat (Mt 12,50; Mk 3,35).

Kol 3
12 Bekleidet euch also, als Erwählte Gottes, Heilige und Geliebte, mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld! 
13 Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat! Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 
14 Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist! 
15 Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar! 
16 Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. In aller Weisheit belehrt und ermahnt einander! Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in euren Herzen! 
17 Alles, was ihr in Wort oder Werk tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Dankt Gott, dem Vater, durch ihn!
18 Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt!
19 Ihr Männer, liebt die Frauen und seid nicht erbittert gegen sie! 
20 Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem, denn das ist dem Herrn wohlgefällig!
21 Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden!

Auch der Paulusbrief gibt uns heute konkrete Anweisungen, wie wir als Familie zusammenleben sollen. Er sagt auch aus, warum wir wie beschrieben leben sollen: „als Erwählte Gottes, Heilige“. Durch die Taufe sind wir zur Heiligkeit berufen und dies soll sich an unserem Lebensstil bemerkbar machen.
Wir sollen einander ertragen. Wir können uns die Familienmitglieder nicht aussuchen und es kommt manchmal zu Spannungen. Charaktere treffen aufeinander, die nicht immer kompatibel sind. Wir sollen das aber aushalten.
Ein entscheidender Aspekt ist die Vergebung. Wir sollen einander immer verzeihen, jeden Tag aufs Neue. Wir sollen das bedingungslos tun, weil wir in der Nachfolge Christi stehen. Er hat immer und überall vergeben. Er hat noch seinen Henkern am Kreuz vergeben und für sie gebetet. Das soll unser Vorbild auch im Familienleben sein.
Zu dieser Voraussetzung tritt das Band, das alles zusammenhält – die Liebe. Diese ist nicht immer nur ein schönes Gefühl. Spätestens da, wo wir einander vergeben müssen, obwohl wir uns gegenseitig am liebsten auf den Mond schießen würden. Liebe ist manchmal harte Arbeit, und stets die Entscheidung füreinander, auch wo unsere momentanen Gefühle dagegen sprechen.
Der Wunsch einer friedlichen Familie kann nur in Erfüllung gehen, wo Gott Einzug in sie hält. Wo Gott das Zentrum der Familie ist, kann auch sein Frieden, der vollkommen ist, in ihr wirken.
Wir sollen dankbar sein. Das ist nicht zu unterschätzen. Das hat nämlich zur Folge, dass wir nichts, ich wiederhole, NICHTS für selbstverständlich nehmen sollen. Das zeigen wir im Alltag dadurch, dass wir uns für die Dinge bedanken, die uns der andere gibt und tut.
„Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch“ heißt, dass das Evangelium ganz und gar Realität in unseren Familien sein soll. Es soll davon geredet werden, aber vor allem soll es gelebt werden.
Wir sollen uns gegenseitig belehren (natürlich mit Liebe) und Gott loben mit Liedern und Gebeten. Das alles klingt, als ob hier nicht die Rede von Familie, sondern Kirche ist. Beides stimmt. Die Familie ist nämlich eine Hauskirche, eine Zelle des Leibes Christi. Diese geistige Dimension von Familie dürfen wir nicht vergessen. Deshalb ist das gemeinsame Gebet analog zur Leiturgia zu betrachten, die gegenseitige Ermahnung analog zur Martyria und das gegenseitige Lieben und Verzeihen analog zur Diakonia. Diese drei wiederum sind die kirchlichen Grundvollzüge. Und so wie alles in der Kirche im Namen Jesu geschehen soll, gilt es für das Familienleben.
Es schließt sich dann eine „Haustafel“ an, das heißt eine Erklärung, wie die Mitglieder des Hauses zueinander stehen sollen. Auch dies ist analog zur Hierarchie der Kirche zu verstehen: Frauen sollen sich ihren Männern unterordnen, die Männer sollen das aber nicht missbrauchen, sondern ihre Frauen lieben. Sie sollen auch die Kinder nicht einschüchtern, obwohl die Kinder den Eltern gehorchen sollen. Das ist die christliche Ordnung der Familie. Leben wir so, haben wir Segen und den Frieden Christi. Das Haupt der Kirche ist Christus, der vor seinem Heimgehen zum Vater Apostel bevollmächtigt hat, an seiner Statt die Rolle des Hauptes einzunehmen. Die Frau ist die Kirche, die Kinder gebärt, sie erzieht und nährt. Der Priester soll seine Frau, die Kirche lieben und nicht über sie herrschen. Die Kirche soll sich dem Mann, dem Priester in persona Christi unterordnen. Die Kinder, die geboren werden, die Täuflinge, diejenigen, die noch im Begriff sind, in die volle Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen zu werden, sollen der Kirche gehorchen, das heißt die Gebote Gottes und Voraussetzungen für den sakramentalen Empfang erfüllen. Sie sollen auch dem Priester gehorsam sein und auf ihn hören. Das hat aber nichts mit Machtgefüge zu tun, weil diese Art von Unterordnung und Hauptsein Christus zum Zentrum hat. Wo dieser aus der Mitte entfernt wird – sowohl in der Kirche als auch in der Familie – gerät diese Hierarchie aus den Fugen. Dann kommt Missbrauch, Hass und Gewalt hinein. Und diejenigen, die am meisten darunter leiden, sind die Kinder – sowohl in der Familie als auch in der Kirche.

Mt 2
13 Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, siehe, da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. 
14 Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. 
15 Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
19 Als Herodes gestorben war, siehe, da erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum 
20 und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot. 
21 Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel. 
22 Als er aber hörte, dass in Judäa Archelaus anstelle seines Vaters Herodes regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa 
23 und ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.

Im Evangelium hören wir heute davon, dass die Hl. Familie von Anfang an bedroht wird. Herodes sieht mit der Geburt Jesu Christi sein Königtum in Gefahr und trachtet deshalb nach dem Leben des Kindes. Gott lässt die Familie aber auch in dieser schweren Stunde nicht im Stich, sondern gibt dem Gerechten erneut einen Traum. Er wird gewarnt und flieht deshalb mit dem Kind und „dessen Mutter“ nach Ägypten. Hier haben wir übrigens wieder eine Formulierung, die zeigt, dass er nicht der Vater des Kindes ist. Erst nach dem Tod des Königs ist die Lage wieder sicher, sodass er mit seiner Familie nach Nazaret zurückkehren kann. Hier heißt es sogar, dass die Familie anscheinend darüber nachgedacht hatte, nach Judäa zu gehen. Das verwundert vielleicht, weil wir bisher gehört haben, dass Josef und Maria in Nazaret gelebt hatten. Verstehen können wir dies erst, wenn wir die messianischen Verheißungen wieder berücksichtigen. Die Eltern Jesu wussten, dass ihr Sohn der Messias ist, von dem es heißt, dass er als Sohn Davids nach Jerusalem gehört. Dies wird sich erst im Erwachsenenalter realisieren, wenn er auf einer Eselin nach Jerusalem hinein geritten kommen wird und die Menschen ihn mit Hosannarufen begrüßen werden. Bis dahin wird er als Spross (nezer) in Nazaret aufwachsen. Deshalb wird man ihn auch Jesus von Nazaret oder den Nazoräer nennen – Jesus, den Spross!
Die ganzen Umstände werden hier im Matthäusevangelium aus heilsgeschichtlicher Sicht betrachtet und gedeutet. Die Schrift erfüllt sich auch hier.
Wie wir in den letzten Wochen schon öfter gehört haben, betont das Matthäusevangelium die Ereignisse aus der Sicht Josefs und aus der Sicht der alttestamentlichen Verheißungen. Wir sehen hier, wie ein Vater sein soll. Er soll beschützen. Insofern soll er das Haupt der Familie sein. Ein Vater soll zudem gehorsam sein – nämlich Gott. So wie Josef ohne Zögern den Willen Gottes direkt umsetzt, so soll der Vater sein eigenes „Herrschen“ der Herrschaft Gottes unterstellen. So wird er seine „Macht“ nie missbrauchen, sondern mit seinem ganzen Sein dienen. Dann wird sich die Frau ihrem Mann auch gerne unterordnen. Maria hat nie Einwände gezeigt (so wird es jedenfalls nie berichtet). Sie macht alles mit, weil sie weiß, dass ihr Mann nach dem Willen Gottes Entscheidungen trifft.
Was Paulus im Kolosserbrief schildert, sehen wir anhand der Hl. Familie vorgelebt. Sie ist uns wirklich ein Vorbild, dem wir nacheifern können. Gewiss werden wir das Ideal nie ganz erfüllen, weil wir sündige Menschen sind. Väter missbrauchen ihre Macht leider doch manchmal und schüchtern ihre Kinder ein. Mütter ordnen sich alles andere als unter, sondern tragen einen regelrechten Konkurrenzkampf mit dem Vater aus. Kinder gehorchen ihren Eltern nicht und haben auch keinen Respekt vor ihnen. Die Ordnung der Familie, die Frieden bringen würde, ist oft nicht gegeben. Und doch ist die Hl. Familie unser Maßstab, unser Ziel, unser Wunsch. Wir dürfen trotz der Missstände unser Ideal nicht aufgeben, sonst sind wir verloren! So wie Josef, Maria und Jesus müssen wir wieder lernen, Gott in unsere Mitte zu stellen, dann wird er nach und nach die Ordnung in unser Familienleben bringen, die uns Frieden bringt.

Ihre Magstrauss

Johannes, Apostel und Evangelist

1 Joh 1,1-4; Ps 97,1-2.5-6.11-12; Joh 20,2-8

Liebe Freunde, heute ist der Gedenktag des Hl. Johannes. Es handelt sich nicht um den Täufer, wie man aufgrund des weihnachtlichen Kontexts denken könnte, sondern um den Apostel und Evangelisten. Er ist der Jünger, den Jesus liebte. Von allen Aposteln war er der einzige, der nicht verheiratet war und der einzige, der nicht als Märtyrer gestorben ist. Wir nennen die Heiligen, die eines natürlichen Todes gestorben sind, Bekenner.

1 Joh 1
1 Was von Anfang an war, was wir gehört, was wir mit unseren Augen gesehen, was wir geschaut und was unsere Hände angefasst haben vom Wort des Lebens – 
2 das Leben ist erschienen und wir haben gesehen und bezeugen und verkünden euch das ewige Leben, das beim Vater war und uns erschienen ist – , 
3 was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch, damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt. Wir aber haben Gemeinschaft mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus. 
4 Dies schreiben wir, damit unsere Freude vollkommen ist.

„Was von Anfang an war“ verweist auf den Johannes-Prolog, dieser hymnenartigen Einleitung des Johannesevangeliums, die wir am ersten Weihnachtstag gehört haben. Dieser Relativsatz umschreibt Jesus, das Wort, das am Anfang war.
Dieses Wort, das Fleisch geworden ist und unter uns gewohnt hat, konnten wir mit eigenen Sinnen erfassen („mit unseren Augen gesehen“, „was unsere Hände angefasst haben“). Mit eigenen Augen haben Jesu Jünger so viele Wunder gesehen, das größte war die Auferstehung. Davon werden wir nachher im Evangelium lesen. Johannes selbst hat an Jesu Brust geruht. Er hat seine Körperwärme gespürt und Jesu Herzschlag. Wir denken auch an Thomas, der Jesu Auferstehung zunächst nicht glauben wollte und dann vom erschienenen Jesus dazu eingeladen wird, seine Hand in dessen Seite und auf die Male der Kreuzigung zu legen.
„Das Leben ist erschienen“. Das feiern wir zu Weihnachten. Die Zeugen seines Lebens verkünden nun „das ewige Leben“, nicht nur den irdischen Jesus, der seine Göttlichkeit nicht in Anspruch genommen hat, sondern den ganzen Jesus, der schon vor seiner Menschwerdung beim Vater war (und nun wieder ist). Johannes nennt ihn Logos.
Wenn es dann heißt „was wir gesehen und gehört haben, das verkünden wir auch euch“, dann ist das die Umsetzung des Missionsauftrags Jesu vor seiner Heimkehr zum Vater. Dies bestätigt sich auch durch die hier deutlich werdende Absicht: „damit auch ihr Gemeinschaft mit uns habt.“ Johannes so wie alle Aposteln und Jünger stehen in Gemeinschaft „mit dem Vater und mit seinem Sohn Jesus Christus.“
Warum ist die Freude eigentlich vollkommen durch das Schreiben dieses Briefes? Freude ist immer dann komplett, wenn sie geteilt werden kann. Wenn die Aposteln und Jünger mit Jesu Erlösungstat so viele überwältigende Dinge erfahren haben, dann können sie es nicht einfach für sich behalten. Sie müssen ihre Begeisterung einfach teilen.

Ps 97
1 Der HERR ist König. Es juble die Erde! Freuen sollen sich die vielen Inseln.
2 Rings um ihn her sind Wolken und Dunkel, Gerechtigkeit und Recht sind die Stützen seines Thrones.
5 Berge schmelzen wie Wachs vor dem HERRN, vor dem Angesicht des HERRN der ganzen Erde. 
6 Seine Gerechtigkeit verkünden die Himmel, seine Herrlichkeit schauen alle Völker.  11 Licht wird ausgesät für den Gerechten, Freude für die, die geraden Herzens sind. 
12 Freut euch am HERRN, ihr Gerechten, dankt seinem heiligen Namen!

Heute betet die Kirche wieder einen Lobpsalm. Gott ist König und ist als Mensch gewordener Messias zu uns gekommen. Seine Königsherrschaft, so wird Jesus als Erwachsener erklären, ist nicht von dieser Welt und doch fühlen sich mit seiner Geburt die irdischen Herrscher bedroht. Herodes lässt sogar alle erstgeborenen Söhne bis zum zweiten Lebensjahr umbringen, damit der Messias ihm den Königsthron nicht streitig macht. Wir glauben, dass Gott über allen Königen steht und der Weltenherrscher ist. Dies bejubeln wir heute als gesamte Menschheit („es juble die Erde“). Auch „die vielen Inseln“ sollen sich freuen. Weltweit soll das Lob Gottes erschallen.
Gottes Thron wird von „Gerechtigkeit und Recht“ gestützt. Das ist sehr bildhaft geschrieben und ist auf Gottes Herrschaft zu beziehen: Diese gründet auf Gerechtigkeit und Recht. Wenn Gott richtet, ist es immer gerecht und berücksichtigt jene, die auf Erden Ungerechtigkeit erfahren haben. Deshalb ist Gottes Gericht auch eine Erlösung für die Menschen. „Wolken“ sind uns als Theophaniezeichen bekannt. Immer dort, wo Gottes Herrlichkeit im AT sowie NT sich auf etwas hinabsenkt, kommt eine Wolke oder Wolkensäule. Manchmal wird es als Rauch beschrieben. Die Nennung von Dunkelheit ist nicht ganz wörtlich. Eigentlich heißt das hebräische Wort עֲרָפֶל arafel nicht Dunkelheit, sondern Nebel. Beides – „Wolke“ und „Nebel“ stellen Theophaniezeichen Gottes dar, also Phänomene, die seine Gegenwart anzeigen.
Gott ist so mächtig und überragend, dass selbst die mächtigsten Naturerscheinungen wie die Berge, in Gottes Angesicht dahinschmelzen wie Wachs. Das gesamtbiblische Zeugnis beschreibt Gottes Gegenwart als verzehrendes Feuer. Es ist das Feuer der Liebe.
Gottes Herrlichkeit schauen die Völker. Dabei ist nicht ganz klar, ob es die Fremdvölker um Israel herum meint oder die Stämme Israels. Das hebr. הָעַמִּ֣ים ha’amim „die Völker“ wird eher für die Stämme Israels verwendet, kann aber seltener auch für die nichtjüdischen Völker genannt werden.
Es ist bemerkenswert, dass in diesem Psalm die Lichtmetaphorik verwendet wird. Dies ist bezeichnend für die johanneischen Texte. Für den Gerechten wird Licht ausgesät und Freude für die geraden Herzens. Das lesen wir an vielen anderen Bibelstellen. Wenn wir Gottes Gebote befolgen, johanneisch würde es heißen „in seiner Liebe bleiben“, dann haben wir Segen. Dann sind wir im Stand der Gnade und können alles erbitten – es wird uns gegeben. „Freude“ und „Licht“ sind Faktoren dieses Segens von Gott. Der Ausdruck „geraden Herzens“ drückt die Aufrichtigkeit des Handelns aus. Das Adjektiv יָשָׁר jaschar heißt nicht nur „gerade“ als Gegenteil von „schief, krumm“, sondern kann auch mit „ehrlich, aufrichtig“ übersetzt werden. Das ist sehr fortschrittlich für die Entstehungszeit der Psalmen. Es geht nicht nur um die Taten, sondern auch um die Absicht dahinter! Wir können also nicht automatisch damit rechnen, dass wir vor Gott gerecht sind, nur weil wir Gutes tun. Wir müssen es auch in der rechten Absicht tun, damit es Gott gefällt. Und die einzig richtige Absicht ist die Liebe.
Am Ende werden wir alle dazu aufgerufen, Gott zu loben. Sein heiliger Name, der auch zum Programm Jesu Christi wird, ist „ich bin“ – da für euch! Immanuel, „Gott mit uns“ und Jesus „Jahwe rettet“. Am dritten Januar werden wir den Namen Jesu besonders verehren, auf den wir getauft und durch den wir gerettet sind.

Joh 20
2 Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben. 
3 Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab; 
4 sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab. 
5 Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein. 
6 Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen 
7 und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle. 
8 Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte. 

Heute hören wir einen Ausschnitt aus dem Johannesevangelium, das sehr sehr bezeichnend für den „Lieblingsjünger“ Jesu ist.
Es ist der Ostertag. Jesus ist auferstanden und das leere Grab von den Frauen soeben entdeckt worden. Sie laufen schnell zu den Aposteln, von denen sich sofort zwei auf den Weg machen: Petrus und Johannes. Man könnte bei der Übersetzung des Verses 3 denken, dass die beiden ganz gemütlich hinausgingen und zum Grab spazierten. Das Verb ἐξῆλθεν exelthen sagt nichts über die Art der Bewegung aus, sondern betont das Verlassen des Ortes, an dem sie waren. Die beiden waren mit den anderen Aposteln in einem Raum eingeschlossen, weil sie Angst davor hatten, vom Hohen Rat gefangen genommen zu werden. Das Hinaustreten aus dem Haus hat also mehr als nur eine wörtliche Bedeutung. Im übertragenen Sinne treten sie heraus aus ihrem Schneckenhaus. Sie wagen es, ihre eigene Grenze zu überschreiten. Jesus bietet uns das Heil an, das er durch Kreuz und Auferstehung erwirkt hat. Wir müssen aber aus unserem eigenen alten Leben hinaustreten, um es anzunehmen. Dieses Heil bietet er bis heute durch die Kirche an, die die Menschen in ihrem Schoß aufnimmt und durch die Taufe zu Erben des Reiches Gottes einsetzt. Dafür müssen die Menschen aber zunächst aus ihrem alten Leben treten und ein neues Leben in Gott beginnen. Wir werden am Ende der Zeiten wie Petrus und Johannes „hinauskommen“, nämlich aus unserem irdischen Leben in Richtung ewiges Leben.
In Vers 4 merken wir spätestens, dass die beiden Apostel nicht gemütlich zum leeren Grab spazieren, sondern rennen (das Verb τρέχω trecho meint wirklich die schnelle Fortbewegung). Johannes ist jünger als Petrus, können wir annehmen. Er ist unverheiratet und hat keine Kinder im Gegensatz zu Petrus, der als Familienvater schon ein paar Jahre mehr hinter sich hat. Aus dem Grund kann man auch verstehen, dass Johannes früher am Grab ankommt. Man könnte es aber auch anders verstehen: Johannes brannte so voller Liebe, dass sie ihn so schnell zum Grab gedrängt hat. Manchmal erinnert Johannes uns an Maria Magdalena in seinem Liebeseifer Jesus gegenüber.
In diesem Eifer schaut er auch hinein und sieht die Leinenbinden dort liegen.
Dann lesen wir von einer Geste, die für uns absolut entscheidend ist. Zwar kommt Johannes früher an, wartet dann aber auf Petrus, dass dieser als erstes in das Grab steigt. Dies hat nichts damit zu tun, dass Johannes sich von dem kultisch unrein machenden Grab scheut. Die Aposteln haben in der Zeit ihres Umherziehens mit Jesus viele kultisch verunreinigende Dinge getan wie das fehlende Waschen der Hände vor dem Essen oder das Heilen am Sabbat. Ausgerechnet Johannes ist zusammen mit Petrus und Jakobus auch in das Haus der verstorbenen Tochter des Synagogenvorstehers gegangen, obwohl auch dort der Tod sie kultisch unrein gemacht hat. Das ist nicht der Grund, sondern ein ganz anderer: Petrus ist der „Anführer“ der Apostel. Er ist von Jesus auf ganz besondere Weise berufen worden. Das weiß Johannes und nimmt es demütig an. Deshalb lässt er Petrus den Vortritt.
Petrus geht ohne zu zögern in das Grab hinein (es handelt sich um eine Gruft, die ziemlich dunkel gewesen sein muss). Die Sonne ging gerade auf und schien ein wenig hinein, sodass man gerade die Leinenbinden ausmachen konnte. Petrus fiel auch auf, dass das Schweißtuch, das auf Jesu Gesicht gelegen hatte (das Muschelseidentuch, das wir heutzutage in Manopello verehren und das man sonst nur bei königlichen Begräbnissen verwendet hat), liegt zusammengebunden an einer bestimmten Stelle. Das Verb ἐντυλίσσω zeigt an, dass es nicht wie die Leinenbinden durcheinander geworfen ist, wie wenn jemand den Leichnam genommen und die Binden zurückgelassen hat, sondern jemand muss es sorgsam auf eine bestimmte Art zusammengerollt oder gefaltet haben! Es liegt auch nicht am selben Ort wie die Leinenbinden, sondern an einem eigenen Ort (εἰς ἕνα τόπον eis hena topon). Diese Bemerkung ist entscheidend und führt dazu, dass der Jünger Johannes, der nach Petrus das Grab betritt „sieht und glaubt“.
Johannes war ein mystischer und kontemplativer Mensch. Das wird durch jeden Buchstaben deutlich, den er in den johanneischen Schriften schreibt und in jeder Handlung, die über ihn geschrieben steht. Von Petrus lesen wir das nicht. Er ist nicht der Anführer der Apostel geworden, weil er die meiste Erkenntnis hatte oder weil er am frömmsten oder heiligsten war. Gott hat sich absolut etwas dabei gedacht, ihm diese besondere Vollmacht zu übertragen, aber derjenige, der am schnellsten begreift und Jesu Herz wirklich am meisten verstanden hat, ist Johannes. Er sah und verstand sofort den Code des Schweißtuches: „Ich komme wieder.“ Laut jüdischer Tradition hatte der Diener dem Rabbi den Tisch zu decken nach strengen Vorgaben. Der Rabbi benutzte dabei eine Serviette zum Abwischen seines Mundes und Bartes. Wenn er mit dem Essen fertig war, warf er die Serviette einfach ungeordnet auf den Tisch als Zeichen „ich bin fertig“. So wusste der Diener, er kann abräumen. Ging der Rabbi kurz weg, um nachher weiter zu essen, faltete er die Serviette zusammen und legte sie auf den Tisch, damit der Diener wusste, dass sein Meister wiederkomme.
Johannes hat das Signal sofort wiedererkannt. Sein Rabbi, den er so innig liebte, wollte ihnen zu verstehen geben „ich komme wieder“. Johannes versteht in dem Moment wirklich, dass Jesu Worte sich nun erfüllt haben, die er ihnen mehrfach vor seinem Tod gesagt hatte: Er müsse sterben, würde aber nach drei Tagen von den Toten auferstehen.

Beten wir heute besonders auf die Fürsprache dieses Jüngers, der Jesus so sehr liebte. Er ruhte nicht nur wortwörtlich an Jesu Brust, als sie zu Tisch lagen beim letzten Abendmahl, sondern er ruhte auch im übertragenen Sinne an dessen Herz. Er verstand Jesus auch ohne Worte. Bitten wir den Herrn auf seine Fürsprache um eben jene brennende Liebe, dass auch wir Gottes Herz verstehen, seinen Willen erkennen und ebenso sehen und glauben können! Das ist es schließlich, was auch die Hirten an der Krippe in Bethlehem erfahren durften. Auch sie sahen und glaubten, nachdem sie das Signal der „Windeln“ gesehen haben, die der Engel ihnen angekündigt hatte. Die Leinentücher in Bethlehem müssen unbedingt in Analogie zu den Leinentüchern in Jerusalem verstanden werden. Es schließt sich ein Kreis. Und Petrus sowie Johannes sind ebenfalls als Hirten zu verstehen, die das Signal der Heilstaten Gottes schauen durften. Sie sehen, was in der Grotte von Bethlehem begonnen hat. Nur ist es jetzt vollendet – der Heilsplan Gottes für die ganze Menschheit!

Ich wünsche Ihnen, dass auch Sie sehen und glauben können!

Ihre Magstrauss

Hochfest der Geburt des Herrn

Jes 52,7-10; Ps 98,1-6; Hebr 1,1-6; Joh 1,1-18

Liebe Freunde,
ich wünsche Ihnen frohe und gesegnete Weihnachten!

Jes 52
7 Wie willkommen sind auf den Bergen die Schritte des Freudenboten, der Frieden ankündigt, der eine frohe Botschaft bringt und Heil verheißt, der zu Zion sagt: Dein Gott ist König. 
8 Horch, deine Wächter erheben die Stimme, sie beginnen alle zu jubeln. Denn sie sehen mit eigenen Augen, wie der HERR nach Zion zurückkehrt. 
9 Brecht in Jubel aus, jauchzt zusammen, ihr Trümmer Jerusalems! Denn der HERR hat sein Volk getröstet, er hat Jerusalem erlöst. 
10 Der HERR hat seinen heiligen Arm vor den Augen aller Nationen entblößt und alle Enden der Erde werden das Heil unseres Gottes sehen.

Wir hören heute aus einem Kapitel in Jesaja, das historisch gesehen in den Kontext der babylonischen Gefangenschaft einzuordnen ist. Diese stellte für die Israeliten ein regelrechtes Trauma dar. Der Tempel war zerstört. Sie konnten Gott nicht mehr opfern und seine Herrlichkeit hatte auf Erden ihren Platz verloren. Doch nun ist das Ende des Leids gekommen.
„Die Schritte des Freudenboten“ sind all die Jahrzehnte des Exils ersehnt worden. Dies haben die Juden damals zunächst auf ihre konkret historische Situation bezogen. Sie haben die Freudenbotschaft ersehnt, endlich aus dem Exil zurückkehren zu dürfen. Dies war für sie zunächst ihr „Evangelium“. Wir ersehnen die Freudenbotschaft heute, aus dem Exil der Erbsünde heraustreten zu können und in die Heimat, in den Schoß der Kirche eintreten zu dürfen durch die Taufe. Jeder Einzelne ersehnt die Befreiung aus dem Exil der Sünde und das Eintreten in den Stand der Gnade durch die Beichte.
Wenn es heißt, dass die eigenen Wächter die Rückkehr Gottes nach Jerusalem sehen werden, ist das die Verheißung, dass Gottes Herrlichkeit in den neu erbauten Tempel wieder einziehen wird.
Dies ist Grund zur absoluten Freude. Deshalb erklingt auch durch Jesaja der Aufruf zum Lobpreis der „Trümmer Jerusalems“. Der HERR hat das Volk getröstet und erlöst.
„Vor den Nationen“ hat Gott die Heilstat vollbracht, sein auserwähltes Volk wieder zurück nach Jerusalem zu bringen. Das bedeutet, dass auch die Nichtjuden so wie damals beim Auszug aus Ägypten den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs anerkennen. Alle Enden der Erde schauen Gottes Heil. Wir lesen das überzeitlich und viel umfassender als auf das Exil beschränkt. Alle Enden der Erde werden das Heil erhalten, da Christus sich für alle Menschen opfern wird. Er wird nicht nur aus einer bestimmten Situation und nur bestimmte Menschen, sondern alle Menschen ein für alle Mal erlösen! Dies beginnt mit seiner Menschwerdung im Stall von Bethlehem und dies wird sich am Ende der Zeiten vollenden, wenn er in Herrlichkeit zurückkehren wird. Die frohe Botschaft, die ein Freudenbote bringt, seine Schritte auf den Bergen, all das erinnert uns an die Engel, die im gebirgigen Judäa zu den Hirten kommen, um die endgültige frohe Botschaft, das Evangelium zu verkünden – Gott ist Mensch geworden. Als Zeichen dient ein Kind in Windeln gewickelt in einer Krippe. Gott ist gekommen als davidischer König (Jes 52,7).
Diese Wächter, nämlich die Wächter der Schafe, sehen mit eigenen Augen die Herrlichkeit Gottes, der auf die Erde gekommen ist. Es ist noch nicht der Zion. Dies wird sich erst im Laufe seines Lebens erfüllen. Womöglich kann man die Wächteraussage auch auf Simeon und Hanna beziehen. Simeon betet ja schließlich, als Jesu Eltern das Kind in den Tempel auf dem Zionsberg bringen: Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast.
Dies ist ein Grund zur Freude und zum Lobpreis. Deshalb lesen wir in der Weihnachtsgeschichte von dem Engelschor, der das Gloria anstimmt.

Ps 98
1 Ein Psalm. Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht! Geholfen hat ihm seine Rechte und sein heiliger Arm. 
2 Der HERR hat sein Heil bekannt gemacht und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker. 

3 Er gedachte seiner Huld und seiner Treue zum Haus Israel. Alle Enden der Erde sahen das Heil unsres Gottes. 
4 Jauchzet dem HERRN, alle Lande, freut euch, jubelt und singt! 
5 Spielt dem HERRN auf der Leier, auf der Leier zu lautem Gesang! 
6 Mit Trompeten und lautem Widderhorn jauchzt vor dem HERRN, dem König!

Auch der Psalm ist ein Lob und Dank auf den HERRN, der Israel aus der Knechtschaft Babylons befreit hat. Gott hat wunderbare Taten vollbracht. Dass das Volk Israel zurückkehren durfte, ist alles andere als selbstverständlich. Die Wahrscheinlichkeit, dass es so gut ausgehen würde, war absolut gering. Deshalb erkennen auch die Völker, die hier genannt werden, den Gott Israels an (הַ֝גֹּויִם hagojim „die Völker“ meint im Hebräischen die nichtjüdischen Völker, es steht dann immer ἔθνη im griechischen AT und NT).
Was wir bereits bei Jesaja gelesen haben, steht auch im Psalm: „Alle Enden der Erde sahen das Heil unseres Gottes.“ Dies können wir bezogen auf die Weihnachtsgeschichte auch gerade mit Blick auf die Magoi aus dem Morgenland nachvollziehen. Diese kommen von den Enden der Erde und stehen schon am Anfang des Lebens Jesu für die „Völker“, die Nichtjuden, die von weit her gekommen sind, um das Heil zu schauen – Jesus („Jahwe rettet“).
Auch im Psalm geht die frohe Botschaft in einen Lobpreis über. Das ist unsere einzige angemessene Reaktion auf die Heilstaten Gottes.

Hebr 1
1 Vielfältig und auf vielerlei Weise hat Gott einst zu den Vätern gesprochen durch die Propheten; 
2 am Ende dieser Tage hat er zu uns gesprochen durch den Sohn, den er zum Erben von allem eingesetzt, durch den er auch die Welt erschaffen hat; 
3 er ist der Abglanz seiner Herrlichkeit und das Abbild seines Wesens; er trägt das All durch sein machtvolles Wort, hat die Reinigung von den Sünden bewirkt und sich dann zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt; 
4 er ist umso viel erhabener geworden als die Engel, wie der Name, den er geerbt hat, ihren Namen überragt.
5 Denn zu welchem Engel hat er jemals gesagt: Mein Sohn bist du, ich habe dich heute gezeugt, und weiter: Ich will für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein? 
6 Wenn er aber den Erstgeborenen wieder in die Welt einführt, sagt er: Alle Engel Gottes sollen sich vor ihm niederwerfen.

Im Hebräerbrief wird dieser Höhepunkt der Heilsgeschichte Gottes mit den Menschen reflektiert. Gott hat sich im Laufe dieser Geschichte immer wieder offenbart – ob am Dornbusch, am Sinai oder wo auch immer. Er hat vor allem Propheten berufen, dem Volk Israel seinen Willen zu vermitteln.
Und nun spricht Gott nicht mehr durch Propheten, sondern durch seinen eigenen Sohn. Hier wird sogar gesagt „am Ende dieser Tage“. Die Heilsgeschichte erreicht den Höhepunkt zum Ende hin. Das heißt, Gott hat sich etwas dabei gedacht, nicht sofort am Anfang der Menschheitsgeschichte selbst auf die Erde zu kommen.
Dieser Sohn Gottes, Jesus Christus, wird als Schöpfungsmittler bezeichnet („durch den er auch die Welt erschaffen hat“). Er hat ihn zum Erben eingesetzt, was sich auf die neue Schöpfung bezieht, auf das Reich Gottes. Jesus markiert den Anfang.
Jesu Natur wird weiterhin reflektiert: Er ist der Abglanz der Herrlichkeit und Abbild des Wesens Gottes. Jesus selbst hat gesagt: „Wer mich sieht, sieht den Vater.“
Jesus trägt das All durch eben jenes machtvolle Wort, das immer wieder ausgesprochen die Vergebung der Sünden, die Heilung von Krankheiten und die Befreiung von Dämonen bewirkt hat („Ich will es, werde rein“, „Deine Sünden sind dir vergeben“ etc.). Dieses Wort, das hier im Hebr und auch in der Offb bildlich als zweischneidiges Schwert verstanden wird, ist Jesus selbst, durch das Gott die Welt geschaffen hat. Es heißt im Schöpfungsbericht immer wieder „und Gott sprach“. Jesus als Wort Gottes wird auch im sich anschließenden Johannesevangelium zum Kern des heutigen Tages.
Jesus hat sehr oft die Sünden vergeben. Das kann nur Gott und deshalb nahmen viele Menschen Anstoß an ihm. Sie haben nicht erkannt, dass er Gott ist und deshalb die Vollmacht zur Sündenvergebung hat.
Er ist jetzt zur Rechten des Vaters, nachdem er in den Himmel aufgefahren ist.
Dort ist er ungleich viel höher als alle Engel. Er ist der Sohn Gottes. Das ist nur er. Er ist gezeugt, nicht geschaffen wie die Engel.
Jesus wird wiederkommen auf die Erde. Wir erwarten seine Wiederkunft und stehen deshalb als Kirche in einem zweiten Advent. Alle Engel werden sich vor Christus niederwerfen, so wie wir uns vor ihm niederwerfen werden. Schon beim ersten Kommen als kleines Kind im Stall haben sich die Zeugen seiner Menschwerdung niedergeworfen und ihn angebetet, der er Gott ist.

Joh 1
1 Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott.
2 Dieses war im Anfang bei Gott. 
3 Alles ist durch das Wort geworden und ohne es wurde nichts, was geworden ist. 
4 In ihm war Leben und das Leben war das Licht der Menschen. 
5 Und das Licht leuchtet in der Finsternis und die Finsternis hat es nicht erfasst.
6 Ein Mensch trat auf, von Gott gesandt; sein Name war Johannes. 
7 Er kam als Zeuge, um Zeugnis abzulegen für das Licht, damit alle durch ihn zum Glauben kommen. 
8 Er war nicht selbst das Licht, er sollte nur Zeugnis ablegen für das Licht. 
9 Das wahre Licht, das jeden Menschen erleuchtet, kam in die Welt. 
10 Er war in der Welt und die Welt ist durch ihn geworden, aber die Welt erkannte ihn nicht. 
11 Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf. 
12 Allen aber, die ihn aufnahmen, gab er Macht, Kinder Gottes zu werden, allen, die an seinen Namen glauben, 
13 die nicht aus dem Blut, nicht aus dem Willen des Fleisches, nicht aus dem Willen des Mannes, sondern aus Gott geboren sind.
14 Und das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt und wir haben seine Herrlichkeit geschaut, die Herrlichkeit des einzigen Sohnes vom Vater, voll Gnade und Wahrheit. 
15 Johannes legt Zeugnis für ihn ab und ruft: Dieser war es, über den ich gesagt habe: Er, der nach mir kommt, ist mir voraus, weil er vor mir war. 
16 Aus seiner Fülle haben wir alle empfangen, Gnade über Gnade. 
17 Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben, die Gnade und die Wahrheit kamen durch Jesus Christus. 
18 Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.

Heute hören wir als Evangelium den einleitenden hymnenartigen Gesang des Johannesevangeliums.
Dabei hören wir von der „Vorgeschichte“ des menschgewordenen Gottes, nämlich seine Präexistenz bei Gott.
Nicht umsonst beginnt das Evangelium auf dieselbe Weise wie der Schöpfungsbericht in Genesis. Jesus, das ewige Wort des Vaters, war „im Anfang“, das heißt in Gott, der der Anfang ist.
Es wird auch gesagt, dass Jesus als Schöpfungsmittler an der Schöpfung mitgewirkt hat („alles ist durch das Wort geworden“).
Wenn über das Wort ausgesagt wird, dass in ihm Leben ist, dann bestätigt sich, dass Jesus Gott ist. Dieser ist nämlich ein Gott des Lebens. Als dieser ist er den Menschen Licht, nämlich Hoffnung.
Auf dieses Hoffnung spendende Licht bezieht sich auch Jesaja, wenn er prophezeit: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht.“ Gottes wunderbare Vorsehung hat Jesus zu einer ganz bestimmten Zeit Mensch werden lassen, in der die Menschen in besonders großer Dunkelheit waren. Er schien ihnen sein Leben hindurch, doch die Menschen nahmen es nicht an. Jesus ist gekreuzigt worden. Sein Leiden wird an diesem heutigen ersten Weihnachtstag schon mitgesagt. Das ist der Grund, weshalb er Mensch geworden ist. Und doch konnte die Finsternis das Licht nicht auslöschen. Jesus ist von den Toten auferstanden und hat somit den Tod überwunden! Auch Ostern wird heute schon mitgesagt.
Wir, die wir Jesu Erlösung angenommen haben und getauft worden sind, sind zu Kindern Gottes geworden, zu Erben in seinem Reich. Diese Taufe ist eine Geburt aus dem Geist, nicht aus dem Fleisch, wie Johannes es hier formuliert.
Und das Wort ist Fleisch geworden – das ist heute. Es hat unter uns gewohnt – 33 Jahre lang in Gestalt des Menschen und bis heute in Gestalt der eucharistischen Gaben. Wir haben seine Herrlichkeit gesehen, insbesondere die drei Apostel, die mit ihm auf dem Berg Tabor waren. Seine Herrlichkeit ist auch all denen offenbart worden, die Zeugen seiner Auferstehung geworden sind. Wir alle sehen seine Herrlichkeit in jeder Hl. Messe, in jeder guten Tat und am Ende der Zeiten die Fülle des verherrlichten Menschensohnes.
Johannes der Täufer ist der größte Zeuge seiner Herrlichkeit geworden, sogar noch vor seiner Geburt im Mutterleib Elisabets. Johannes der Evangelist schreibt hier, dass auch wenn Johannes der Täufer irdisch gesehen vor Jesus „war“, also geboren wurde, ist Jesus ihm Voraus. Dieser hat nämlich keinen Anfang, sondern war im Anfang, der Gott ist. Jesus wird seine Präexistenz immer wieder aussagen. Z.B. sagt er einmal: „Ehe Abraham war, bin ich“ (Joh 8,58). Jesus IST, gestern, heute und in Ewigkeit.
Jesus bringt uns Gnade über Gnade. Alles haben wir dem Herrn zu verdanken. Er steht auch höher als Mose, der zwar das Gesetz gebracht hat, Jesus aber dieses mit Leben gefüllt hat, mit Gnade und Wahrheit, die er selbst ist.
Jesus ist aus dem Himmel zu uns gekommen. Deshalb ist er auch der einzige Mensch, der Gott je gesehen hat. Gott ist Geist und wir alle werden ihn erst sehen, wie er ist, wenn wir sterben. Der Kern der ganzen Verkündigung Jesu ist, uns den Vater zu zeigen. Dafür wird er heute Mensch. Gott liebt uns so sehr und will uns sein „Herz“ zeigen, seinen „Augapfel“, sein ein und alles, seinen Sohn.

Danken wir Gott für die Gnade über Gnade. Freuen wir uns heute über diese größte Heilstat Gottes, ganz unabhängig davon, wie es uns geht, wie die heutige Welt aussieht, wie unsere Laune ist. Seine Heilstat bleibt für immer das A und O unserer Hoffnung. Sie gibt uns auf ewig den Grund, in diesem Leben durchzuhalten und standhaft zu bleiben.

Ihnen und Ihren Familien heute ein gesegnetes Weihnachtsfest und ein friedliches Beisammensein!

Ihre Magstrauss

Heiligabend Christmette

Jes 9,1-6; Ps 96,1-3.11-13a; Tit 2,11-14; Lk 2,1-14

Liebe Freunde,
diese Nacht feiern wir die heilige Nacht, die Nacht, in der Gott Mensch geworden ist in einem kleinen schwachen Baby, das in Windeln gewickelt in eine Krippe gelegt worden ist. Wir feiern den Sieg Gottes über die Mächte der Finsternis, indem er sich ganz klein und hilflos gemacht hat.

Jes 9
1 Das Volk, das in der Finsternis ging, sah ein helles Licht; über denen, die im Land des Todesschattens wohnten, strahlte ein Licht auf. 
2 Du mehrtest die Nation, schenktest ihr große Freude. Man freute sich vor deinem Angesicht, wie man sich freut bei der Ernte, wie man jubelt, wenn Beute verteilt wird.
3 Denn sein drückendes Joch und den Stab auf seiner Schulter, den Stock seines Antreibers zerbrachst du wie am Tag von Midian. 
4 Jeder Stiefel, der dröhnend daherstampft, jeder Mantel, im Blut gewälzt, wird verbrannt, wird ein Fraß des Feuers. 
5 Denn ein Kind wurde uns geboren, ein Sohn wurde uns geschenkt. Die Herrschaft wurde auf seine Schulter gelegt. Man rief seinen Namen aus: Wunderbarer Ratgeber, Starker Gott, Vater in Ewigkeit, Fürst des Friedens. 
6 Die große Herrschaft und der Frieden sind ohne Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, es zu festigen und zu stützen durch Recht und Gerechtigkeit, von jetzt an bis in Ewigkeit. Der Eifer des HERRN der Heerscharen wird das vollbringen.

Ganz wie zu erwarten hören wir heute aus dem Buch Jesaja, dem Propheten, der wie kein anderer den Messias angekündigt hat. In der alten Einheitsübersetzung lesen wir „das Volk, das im Dunkeln lebt“. Dies bezieht sich zunächst auf das Volk Israel, das im Dunkeln ist aufgrund der Fremdvölker. Es hatte die Aussicht auf Frieden und Freiheit verloren und sah aus diesem Grund keinen Funken Hoffnung. Zu stark wurde die Bedrängnis durch die Assyrer. Doch es wird ihnen ein Licht in ihrer Dunkelheit verheißen: Die Juden haben dieses Licht zunächst mit einer politischen Figur in Verbindung gebracht: König Hiskija, den Sohn des Ahas. Dieser ist der Sohn, der den Juden geschenkt worden ist. Mit seiner Geburt ist eine große Freude verbunden worden, die mit der Freude über eine reiche Ernte oder Kriegsbeute verglichen wird (zwei lebensnahe Bilder der Israeliten jener Zeit). Gott greift ein, deshalb wird die Kriegsmacht der Assyrer zunichte gemacht. So bricht Gott den Stock des Antreibers bzw. das drückende Joch der Assyrer, die Israel belastet haben. Stiefel und Mantel, die hier Kriegsmetaphern darstellen, werden ein Fraß des Feuers. Der militärischen Macht der Assyrer wird ein Ende bereitet.
Bis hierhin ergibt diese rein historische Leseart einen Sinn. Doch im Folgenden sehen wir, dass es darüber hinausgehen muss: Das Kind, das geboren wird, erhält die Titel „Wunderbarer Ratgeber“, „starker Gott“, „Vater in Ewigkeit“ und „Fürst des Friedens“. Die meisten sind laut jüdischem Verständnis nicht auf menschliche Herrscher anzuwenden! Hier wird mehr als nur eine politische Figur angekündigt. Es ist der Messias, der Gott ist!
Er wird das Volk Gottes befreien von der drückenden Last der Erbsünde und in die Freiheit führen. Er wird einen wahren Frieden schenken, den die Welt nicht geben kann – den österlichen Frieden, den wir in jeder Messe vor der Hl. Kommunion weitergeben. Wenn es heißt „Vater in Ewigkeit“, dann ist das kein Widerspruch: Jesus und der Vater sind eins.
„Die große Herrschaft“ ist keine weltliche oder politische. Jesus wird zu Pilatus sagen: Mein Reich ist nicht von dieser Welt. Das Reich Gottes ist mit ihm schon angebrochen und wird offenbar am Ende der Zeiten, wenn es die jetzige Welt gar nicht mehr geben wird. Jesus ist aber nicht nur Geist, sondern auch ganz Mensch. Er wird als Jude aus dem Stamm Juda und aus der Sippe Davids geboren. Jesus als Sohn Davids erfüllt die Verheißung aus Jesaja.

Ps 96
1 Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Lande, 
2 singt dem HERRN, preist seinen Namen! Verkündet sein Heil von Tag zu Tag!
3 Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit, bei allen Völkern von seinen Wundern! 
11 Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke, es brause das Meer und seine Fülle. 
12 Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst. Jubeln sollen alle Bäume des Waldes 
13 vor dem HERRN, denn er kommt, denn er kommt, um die Erde zu richten. 

Der heutige Psalm ist „ein neues Lied“, was heute wieder einen messianischen Psalm kennzeichnet. Es handelt sich um einen Lobespsalm, der das Heil Gottes thematisiert. Die Heilstaten Gottes sollen erzählt werden. Seine großen Wunder sind es wert, verbreitet zu werden, damit auch andere zum Glauben an ihn kommen. Die Aufforderung in Vers 3 erinnert an Jesu Missionsauftrag von Mt 28. Gott soll verkündet werden in der ganzen Welt („die Nationen“ meint immer die Heiden im AT und NT). Das größte Wunder, das Gott getan hat, ist seine eigene Menschwerdung in einer Jungfrau und seine Auferstehung von den Toten. Es ist so groß, weil dadurch Gott das universale Heil für die ganze Welt ermöglicht hat. Die ganze Schöpfung hat deshalb Grund zum Lobpreis, denn auch sie litt unter der Erbsünde der Menschen.
Schon mit dem ersten Kommen hat Gott Gericht gebracht. Jesus hat sehr oft Gerichtsreden gehalten und bestimmten Personen Gerichtsworte gewidmet. Ganz prominent sind seine Weherufe im Anschluss an die Seligpreisungen und jene gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten. An Jesus haben sich schon von Anfang an die Geister geschieden und viele haben sich schon zu seinen Lebzeiten gegen ihn entschieden. Sie haben sich selbst gerichtet in seinem Angesicht.
Gericht ist nie als Drohung zu verstehen. Gericht ist immer Erlösung und Barmherzigkeit für jene, die Gott lieben und seine Gebote halten. Gericht ist Erlösung von der Ungerechtigkeit jener, die die Gerechten unterdrücken und die Unschuldigen leiden lassen.

Tit 2
11 Denn die Gnade Gottes ist erschienen, um alle Menschen zu retten. 
12 Sie  erzieht uns dazu, uns von der Gottlosigkeit und den irdischen Begierden loszusagen und besonnen, gerecht und fromm in dieser Welt zu leben,
13 während wir auf die selige Erfüllung unserer Hoffnung warten: auf das Erscheinen der Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Christus Jesus.  
14 Er hat sich für uns hingegeben, damit er uns von aller Ungerechtigkeit erlöse und für sich ein auserlesenes Volk schaffe, das voll Eifer danach strebt, das Gute zu tun.

Die „Gnade Gottes“ ist Mensch geworden. Gott wollte uns retten, deshalb wurde er Mensch mit dem Namen Jesus („Jahwe rettet“).
Was wir in dieser zweiten Lesung hören, ist die Konsequenz der Erlösung Gottes. Wir sind durch seine Gnade befähigt, gut zu leben. Wir sind auch von nun an dazu berufen. Wo wir diese Potenziale nicht ausschöpfen, werden wir zur Rechenschaft gezogen!
Gott gibt uns die Gnade, uns von dem alten Leben abzusagen, das gottlos war. Er befähigt uns, gerecht und fromm zu sein. Das bedeutet, er gibt uns die Kraft, seine Gebote zu halten! Wie oft wird heutzutage behauptet, die zehn Gebote seien nicht mehr zeitgemäß und eine viel zu große Zumutung. Sie sind es nicht. Oft wollen wir uns nicht bemühen, weil es bequemer ist, sich gehen zu lassen. Und oft versuchen wir alles nur aus unserer eigenen menschlichen Kraft, die allzu schnell an ihre Grenzen gelangt. Nehmen wir die Gnadenmittel in Anspruch, die Gott uns durch Taufe und Firmung schenkt, dass wir ihm wirklich nachfolgen können! Gott gibt uns die geistige Nahrung, das Wort Gottes und die Eucharistie, die Erfrischung durch den Hl. Geist, die Reinigung durch die Beichte, die Stärkung durch die Krankensalbung und die Gemeinschaft durch die Ehe. So sind wir bestens ausgerüstet, seinen Willen zu tun und dies nicht auf uns allein gestellt!
Dass wir seine Gebote halten und uns nach unserem besten Wissen und Gewissen bemühen, ist vorübergehend. Wir sind in der Zwischenspanne zwischen Jesu Himmelfahrt und Wiederkunft am Ende der Zeiten. Die Sehnsucht nach dem zweiten Kommen Jesu ist uns Ansporn und Hoffnung, standhaft zu bleiben, gerade wenn es schwierig wird.
Jesus ist es, der sich für uns am Kreuz hingegeben hat und der uns am Ende der Zeiten und am Ende unseres Lebens von unseren Leiden erlösen wird.

Lk 2
1 Es geschah aber in jenen Tagen, dass Kaiser Augustus den Befehl erließ, den ganzen Erdkreis in Steuerlisten einzutragen.  
2 Diese Aufzeichnung war die erste; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. 
3 Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. 
4 So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Bethlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids. 
5 Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. 
6 Es geschah, als sie dort waren, da erfüllten sich die Tage, dass sie gebären sollte, 
7 und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. 
8 In dieser Gegend lagerten Hirten auf freiem Feld und hielten Nachtwache bei ihrer Herde. 
9 Da trat ein Engel des Herrn zu ihnen und die Herrlichkeit des Herrn umstrahlte sie und sie fürchteten sich sehr. 
10 Der Engel sagte zu ihnen: Fürchtet euch nicht, denn siehe, ich verkünde euch eine große Freude, die dem ganzen Volk zuteilwerden soll: 
11 Heute ist euch in der Stadt Davids der Retter geboren; er ist der Christus, der Herr. 

12 Und das soll euch als Zeichen dienen: Ihr werdet ein Kind finden, das, in Windeln gewickelt, in einer Krippe liegt. 
13 Und plötzlich war bei dem Engel ein großes himmlisches Heer, das Gott lobte und sprach: 
14 Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden den Menschen seines Wohlgefallens. 

Heute hören wir die Weihnachtsgeschichte nach Lukas. Wir lesen davon, warum Jesus eigentlich in Bethlehem geboren wird, obwohl seine Familie in Nazaret wohnt. Der römische Kaiser veranlasste eine Eintragung aller Bewohner des römischen Reiches in Steuerlisten. Dabei mussten die Bewohner, wie Historiker herausgefunden haben, nicht nur in ihren Heimatort gehen, sondern vor allem auch dorthin, wo sie Ländereien besaßen. Das ist ein wichtiger Aspekt und erklärt einige weitere Dinge der Weihnachtsgeschichte.
In den letzten Tagen hörten wir vermehrt aus dem Matthäusevangelium und dort vor allem den Stammbaum und die Vorgeschichte der Geburt Jesu aus jüdischer Sicht. Dazu gehört neben der patrilinearen Denkweise auch der biologische Akzent. Im Lukasevangelium wird eine andere Perspektive eingenommen: die gesetzliche. Es geht weniger darum, wie man biologisch miteinander in Beziehung steht, sondern vielmehr um die gesetzliche Konstellation. Im Stammbaum nach Lukas (Lk 3) hören wir zum Beispiel, dass Josef als der Sohn des Vaters der Maria aufgeführt wird (Eli ist die Kurzform von Eliakim. Eliakim ist eine andere Variante von Jojakim. So hieß Marias Vater). Es heißt in der Einheitsübersetzung, Jesus „galt“ als Josefs Sohn. Das Verb νομίζω nomizo meint insbesondere mit dem Wörtchen ὡς  hos „wie“ jemanden/etwas anerkennen, gesetzlich annehmen, adoptieren. Jesus wird im Stammbaum als gesetzlicher Sohn des Josef angegeben, den dieser adoptiert hat! Dies erkläre ich deshalb, weil wir auch hier in Lk 2 gesetzliche Zusammenhänge haben: Josef wird von Marias Vater adoptiert, weil Maria Einzelkind ist und nach dem sogenannten Erbtochterrecht der Mann der einzigen Tochter als Sohn des Vaters geführt werden muss. Deshalb muss der Mann aus derselben Sippe stammen, also auch Davidide sein.
Josef ist juristisch gesehen also sozusagen der ältere Bruder Mariens und ihr Vormund. Deshalb wird hier gesagt, dass sie wegen Josef nach Bethlehem gehen. Josef selbst war Zimmermann, hatte also kaum irgendwelche Ländereien. In Bethlehem werden also vielmehr Ländereien der Familie Mariens gelegen haben.
Bevor wir weiterlesen, müssen wir uns den Ort Bethlehem auf der Zunge zergehen lassen. Warum ist ausgerechnet Bethlehem der Heimatort und der Ort von Ländereien? Warum war es schon ein wichtiger Ort zur Zeit König Davids? Gott hat das so vorbereitet, damit wir seine wunderbare Vorsehung noch heute bestaunen können: Bethlehem heißt „Haus des Brotes“. Jesus musste im Haus des Brotes geboren werden, weil er das Himmelsbrot ist! Jesus ist der Leib Christi!
Als sie in Bethlehem sind, kommt die Zeit der Niederkunft Mariens. Sie gebärt einen Sohn, der als Erstgeborener bezeichnet wird. Das ist wiederum ein juristischer Begriff.
Sie wickelt ihn in Windeln. Dieser Aspekt wird für die Hirten zu einem Zeichen. Warum? Viele Experten versuchen, es mit Parallelen aus der ägyptischen Königsideologie zu erklären. Solche Versuche werden den einfachen Hirten aber kaum bekannt gewesen sein. Sie werden stattdessen die eigenen Hl. Schriften gekannt haben, so auch das Buch der Weisheit, wo Salomo im siebten Kapitel sagt: 4 „In Windeln und mit Sorgen wurde ich aufgezogen; 5 kein König trat anders ins Dasein. 6 Alle haben den gleichen Eingang zum Leben, gleich ist auch der Ausgang.“ Solche Aussagen verankern dieses Neugeborene in der Linie der davidischen Dynastie. Schauen wir ins Griechische, werden wir von einem ganz besonderen Detail überwältigt: Die Windeln Jesu muss man sich anders vorstellen als wir sie von uns kennen. Im griechischen Text steht nichts von Windeln, sondern dort steht das Partizip von „einwickeln“. Jesus ist in Bandagen komplett eingewickelt worden, auch der Kopf. Es handelt sich um eine Ganzkörper-Bandagierung, die das Kind vor Erfrierung schützen soll. Ich las sogar, dass der Stoff, der verwendet worden ist, eigentlich der Stoff für die Einwickelung von Leichnamen war, den man zu jeder größeren Reise mit sich geführt hat. Nehmen wir dieses Detail, mag dies hier zutreffen oder nicht, und beachten noch weitere historische Tatsachen: Die Heilige Familie kam nicht in einem Holzstall unter, sondern in einer Felsgrotte. In solchen Grotten kamen zur Zeit der Geburt Christi auch die Lämmer auf die Welt, die dann nach Jerusalem für die verschiedenen Opfer im Tempel verkauft worden sind. In diesen Felsgrotten gab es als Futterkrippe auch keine Holzbehälter, sondern es wurden Nischen in die Felswände geschlagen. Stellen wir es uns einmal bildlich vor. Maria bandagiert das Kind komplett ein und legt es dann in eine Felsnische. Das ist ein Bild, das sich um die dreißig Jahre später wiederholen wird. Maria wickelt den Leichnam ihres geliebten Sohnes komplett in Grabtücher und legt ihn in ein Troggrab – eine Nische gehauen in einen Felsen, auf dem ein erwachsener Mensch Platz findet. Jesus ist geboren, um zu sterben. Als Opferlamm in Jerusalem. Alles nimmt hier seinen Anfang. Und er ist ein König. David hatte auch mit Schafen zu tun. Er war Hirte, bis er zum König gesalbt worden ist! Beide Linien kommen hier zusammen. Wie Salomo ist Jesus gewickelt worden. Er ist ganz Mensch. Wie jedes kleine Kind war er ganz hilflos und auf die Fürsorge seiner liebenden Eltern angewiesen.
Wir müssen auch darüber nachdenken, warum in der Herberge eigentlich kein Platz für sie war. Maria war dabei, ein Kind zu bekommen. Das war nach jüdischem Verständnis eine Sache, die kultisch unrein machte, dabei nicht nur die Frau selbst, sondern auch den ganzen Raum, in dem sie gebar. Maria hätte also eigentlich einen Raum für sich alleine gebraucht, was angesichts des kaiserlichen Erlasses und der deshalb vielen wandernden Familien nicht möglich war. Gott hat sich aber auch dabei etwas gedacht. Er hätte ja auch so zur Welt kommen können, dass in dem Moment eben kein Andrang von Menschen und eine Herberge frei gewesen wäre. Aber Gott wollte den Menschen etwas beibringen: Nämlich, dass Jesus das Lamm Gottes und das Himmelsbrot ist. Er musste in dieser Grotte geboren werden, damit die Menschen tiefer in das Geheimnis Gottes eingeführt werden.

Die Hirten können in jener Nacht auf dem freien Feld lagern, weil die Geburt Jesu sich ungefähr zur selben Zeit zugetragen hat wie sein Tod, also März/April. Ich möchte auf die Mehrdeutigkeit dieser Szene hinweisen: Die Nachtwache der Hirten ist weiterzuführen auf die Hirten der Kirche. In der Zeit zwischen Jesu Heimkehr zum Vater bis zur Wiederkunft am Ende der Zeiten befinden wir uns in einem Ausharren und Warten auf den Messias, der die aufgehende Sonne der Gerechtigkeit ist. Immer wieder spricht Jesus selbst von dem Warten auf die Heimkehr des Hausherrn und der Wachsamkeit seiner Diener („Wehe, er findet sie schlafend“). Dass ausgerechnet die Hirten die ersten Besucher im Stall von Bethlehem sind, ist wiederum kein Zufall. Diese sind es, die das Lamm Gottes zu sehen bekommen. Hirte und Schafe gehören zusammen und haben etwas mit König David zu tun. Auch sind die Hirten neben den Eltern die ersten Zeugen der Menschwerdung, weil sie verkörpern, wie die Familie Gottes, die Kirche, sein soll – nämlich „pastoral“, hirtlich.
Jesu Geburt ist eine große Freude. Endlich, nach so vielen Jahren ist die Chance auf das Paradies wieder eröffnet worden!
Für die Hirten ist es ein Signal, wenn der Engel ihnen verkündet, dass der „Retter“ „in der Stadt Davids“ geboren ist. Es ist die uralte messianische Verheißung, die in dieser Nacht endlich, ja ENDLICH wahr geworden ist!
Dass ein ganzer Engelchor Gott lobt und preist, ist absolut logisch. Die Engel preisen Gott dort, wo er ist. Gott ist nun auf die Erde gekommen. Also loben die Engel ihn nun auch auf Erden! In dem Moment kann man wirklich sagen: Der Himmel ist auf die Erde gekommen! Was die Engel tun, ist eigentlich ihre Tätigkeit im Himmel.

Jesus ist das Lamm Gottes, das auch in jeder Hl. Messe auf die Erde kommt. In vielen Kirchen ist an Weihnachten direkt im Anschluss an die Wandlung ein Weihnachtslied angestimmt worden, in dem Gottes Fleischwerdung thematisiert worden ist. In der Wandlung wird das nämlich sakramental nachempfunden. Und wenn wir dabei sind, heute ganz besonders, dann werden wir zu Zeugen wie die Hl. Familie und wie die Hirten im „Stall“ von Bethlehem.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Weihnachtsfest! Gloria, in excelsis Deo!!

Ihre Magstrauss

Montag der vierten Adventswoche (A)

Mal 3,1-4.23-24; Ps 25,4-5.8-10.14; Lk 1,57-66

Mal 3
1 Seht, ich sende meinen Boten; er soll den Weg für mich bahnen. Dann kommt plötzlich zu seinem Tempel der Herr, den ihr sucht, und der Bote des Bundes, den ihr herbeiwünscht. Seht, er kommt!, spricht der HERR der Heerscharen. 
2 Doch wer erträgt den Tag, an dem er kommt? Wer kann bestehen, wenn er erscheint? Denn er ist wie das Feuer des Schmelzers und wie die Lauge der Walker. 
3 Er setzt sich, um das Silber zu schmelzen und zu reinigen: Er reinigt die Söhne Levis, er läutert sie wie Gold und Silber. Dann werden sie dem HERRN die richtigen Opfer darbringen. 
4 Und dem HERRN wird das Opfer Judas und Jerusalems angenehm sein wie in den Tagen der Vorzeit, wie in längst vergangenen Jahren.
23 Bevor aber der Tag des HERRN kommt, der große und furchtbare Tag, seht, da sende ich zu euch den Propheten Elija. 
24 Er wird das Herz der Väter wieder den Söhnen zuwenden und das Herz der Söhne ihren Vätern, damit ich nicht komme und das Land schlage mit Bann.

Die Verheißung des Propheten Maleachi (auf deutsch „mein Bote“), das den Abschluss des AT bildet, weist auf den unmittelbaren Vorläufer Jesu hin – Johannes den Täufer. Er ist es, der den Weg für den Messias bahnt.
Wenn wir lesen „dann kommt plötzlich“, ist das für uns mehrdeutig zu verstehen und legt zugrunde, was Jesus später sagen wird: Sein Kommen ist unerwartet – auch gerade zeitlich. Keiner weiß, wann er wirklich kommt. Und dies beziehen wir nicht nur auf das erste Kommen des Messias bei seiner Menschwerdung. Wir lesen hier besonders das zweite Kommen Jesu, über das er selbst sagte, dass wir den Zeitpunkt nicht kennen. Aus diesem Grund müssen wir jederzeit dafür bereit sein.
Interessant ist auch die Rede vom plötzlichen Kommen in den Tempel. Dies lesen wir mehrdimensional: Gott kommt in seinen Tempel, d.h. seine Herrlichkeit wohnt wieder im Tempel, der nach der Zerstörung durch die Babylonier wieder aufgebaut wird unter Aufsicht des Statthalters Serubabbel, der Enkel Jojachins von Juda. Wir denken aber auch einen Tag vor Heiligabend an das Kommen Gottes in den Tempel durch seine Menschwerdung im Mutterleib Mariens. Sie ist somit der Tempel, in dem Gott Wohnung nimmt! Wir lesen es weiter als eucharistischen Einzug Gottes in jeder Hl. Messe und im Allerheiligsten in jeder Kirche. Gott wird auch Wohnung nehmen am Ende der Zeiten, wenn das himmlische Jerusalem von oben her auf die neue Schöpfung herabkommt. Dann wird Gott „in ihrer Mitte wohnen“ (Offb 21,3).
Der „Bote des Bundes“ könnte einerseits auf Johannes den Täufer verweisen, der sozusagen zwischen den Bünden steht. Andererseits denken wir ganz im wörtlichen Sinn des Wortes מַלְאַךְ mal’ach an einen Engel, der als Bote fungiert. Uns geht auf, dass hier der Erzengel Gabriel angedeutet wird! Dieser Engel eröffnet dem Tempel des Messias, der Jungfrau von Nazaret, den Heilsplan Gottes, dem sie voller Glauben zustimmt. Daraufhin kann Gottes Herrlichkeit in ihr Wohnung nehmen.
Wenn Gott vor allem zum zweiten Mal kommt, d.h. bei der Wiederkunft Christi, wird es ein universales Gericht geben. Er wird in seiner ganzen Herrlichkeit, in dem Feuer seiner Liebe kommen und überall, wo an uns „brennbares Material“ ist, wird es verbrennen. Deshalb wird hier die rhetorische Frage gestellt: „Wer kann bestehen, wenn er erscheint?“
Sein brennendes Feuer wird mit vertrauten Bildern verglichen, mit denen die ersten Adressaten dieser Prophetie etwas anfangen konnten: Mit dem Walken und Schmelzen. Diese Bilder verdeutlichen, dass Gott mit seinem Feuer nicht zerstören will, sondern einen anderen Zustand des Ausgangsmaterials erreichen will. Deshalb heißt es auch im Anschluss, dass Gott die Stämme reinigen und läutern will. Hätte das Gold oder Silber, mit dem die Stämme verglichen werden, Gefühle, würde es in dem Prozess Schmerzen erleiden. Aber am Ende ist es edel und rein. Das ist auch die Funktion der Gerichtsrede des Täufers und später des Messias. Sie sagen Dinge, die nicht allen passen. Es tut weh, aber es ist ein seelischer Reinigungsprozess. Gott möchte aus uns reines Gold oder um ein anderes Bild zu nennen – geschliffene Diamanten aus einem Stück Kohle machen. Bis dahin ist es manchmal ein schmerzhafter Prozess. Das betrifft auch unser eigenes Leben. Gott lässt manchmal Dinge zu, die wir nicht verstehen und unter denen wir leiden. Aber wenn wir sie durchgehalten haben, werden wir gestärkt und gereinigt daraus hervorgehen. Dasselbe muss die Kirche als die Braut Christi immer wieder durchlaufen. Als mystischer Leib ist sie heilig und doch gibt es in ihr immer wieder schwarze Schafe. Die Braut muss bereit für ihren Mann geschmückt sein, wenn die Hochzeit des Lammes kommt. Deshalb lässt Gott auch hier zu, dass es immer wieder zu schmerzhaften Situationen kommt. Diese haben aber ihre Reinigung und Läuterung zum Ziel, weshalb wir nicht verzweifeln müssen. Am Ende unseres Lebens und am Ende der Zeiten werden wir vor Gottes Angesicht stehen. Wir werden diesem brennenden Feuer ausgeliefert sein, das in uns dort Feuer fängt, was noch nicht reines Gold ist. Das wird uns dann schmerzen und das nennt die Kirche Fegefeuer. Im himmlischen Jerusalem kann nur reines Gold bestehen, weil Gott, der wie brennendes Feuer ist, nämlich die Liebe, hier wohnt. Deshalb werden wir auch hier noch leiden, bis wir ganz in seiner Liebe leben können. Aber auch dort können wir gewiss sein, dass wir bei ihm sein werden.
Und wenn wir gereinigt sind wie hier durch den Stamm Levi ausgesagt, dann werden wir Gott die richtigen Opfer darbringen. Das ist wiederum mehrfach zu verstehen: Der Stamm Levi, der Priesterstamm, muss kultisch rein sein, um Gott Opfer darbringen zu können. Die Kirche sieht das Sakrament der Versöhnung vor, damit wir moralisch rein sind für das Messopfer und den Empfang der Kommunion. Wir müssen rein sein auch am Ende unseres Lebens, damit wir an der himmlischen Liturgie teilnehmen können, also im Himmel sein können. Dann wird Gott dieses Opfer gefallen – interessant, wie hier nun der Stamm Juda genannt wird. Aus diesem geht nämlich Jesus hervor, der das endgültige Opfer für alle Zeiten vollbringen wird!
Wenn dann die Rede von Elija unmittelbar vor dem großen und furchtbaren Tag ist, haben wir hier erneut einen Code, der auf Johannes den Täufer verweist. Er ist der wiederkehrende Elija. Gemein ist, dass er in derselben Kraft auftritt wie der Prophet des AT.
Johannes hat wirklich die Menschen zur Versöhnung gebracht („das Herz der Väter wieder den Söhnen“ zugewandt und umgekehrt). Er hat die Menschen zur Buße und Umkehr aufgerufen, damit sie gereinigt würden in ihrem Herzen und dem Kommen des Herrn entgegen gehen konnten. Er hat viele vor dem Bann Gottes bewahrt – das heißt vor der Hölle.

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade! 
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg. 
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg. 
10 Alle Pfade des HERRN sind Huld und Treue denen, die seinen Bund und seine Zeugnisse wahren.

Der kurze Ausschnitt aus dem Psalm heute ist eine Bitte um die rechte (moralische) Unterweisung und um Erkenntnis des Heilsplans Gottes.
Die Bitten des Psalms sind für uns alle eine wunderbare Vorlage: Wenn wir von unserer Seite aus unsere eigene Läuterung unterstützen und weitere Verunreinigungen vermeiden möchten, dann müssen wir aktiv darum bitten, dass Gott uns seinen Willen zeigt. Denn das Tun seines Willens ist der richtige Weg zu unserem möglichst unverfälschten „Goldmaterial.“
Gott zeigt uns seinen Willen und führt die vom Weg abgekommenen Sünder wieder zurück. Er möchte, dass keines seiner Kinder verloren geht. Uns geht es gut, wenn wir auf seinem Weg bleiben.
„Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist wiederum eine Andeutung messianischer Hoffnung, ebenso die Bemerkung „Gott meines Heils“ (אֱלֹהֵי יִשְׁעִי elohej jisch’i). Für das Heil Gottes wird wie immer dieselbe hebräische Wurzel gewählt wie im Namen Jesu.
Auf Gott hofft das unterdrückte Volk Israel insbesondere in Zeiten der Bedrängnis. Je schlimmer die Zeiten, desto stärker ist die messianische Hoffnung. Auf Gott hoffen auch wir den ganzen Tag und vor allem in Zeiten der Versuchung. Die Kirche hofft auf den Herrn den ganzen Tag insbesondere heutzutage, da die Christenverfolgungen einen Höhepunkt erreichen. Die ganze Welt hofft auf Erlösung von all den Leiden, dem Unrecht, dem Bösen.

Lk 1
57 Für Elisabet aber erfüllte sich die Zeit, dass sie gebären sollte, und sie brachte einen Sohn zur Welt. 
58 Ihre Nachbarn und Verwandten hörten, welch großes Erbarmen der Herr ihr erwiesen hatte, und freuten sich mit ihr.
59 Und es geschah: Am achten Tag kamen sie zur Beschneidung des Kindes und sie wollten ihm den Namen seines Vaters Zacharias geben. 
60 Seine Mutter aber widersprach und sagte: Nein, sondern er soll Johannes heißen.
61 Sie antworteten ihr: Es gibt doch niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt. 
62 Da fragten sie seinen Vater durch Zeichen, welchen Namen das Kind haben solle. 
63 Er verlangte ein Schreibtäfelchen und schrieb darauf: Johannes ist sein Name. Und alle staunten. 
64 Im gleichen Augenblick konnte er Mund und Zunge wieder gebrauchen und er redete und pries Gott. 
65 Und alle ihre Nachbarn gerieten in Furcht und man sprach von all diesen Dingen im ganzen Bergland von Judäa. 
66 Alle, die davon hörten, nahmen es sich zu Herzen und sagten: Was wird wohl aus diesem Kind werden? Denn die Hand des Herrn war mit ihm.

Wir haben in den letzten Wochen die Vorgeschichten der Geburten Johannes‘ des Täufers und Jesu gehört. Heute ist es soweit. Johannes wird geboren. Wie vom Erzengel Gabriel angekündigt bringt der Sohn insbesondere Elisabet große Freude und viele freuen sich zusammen mit ihr. Dies wird so explizit genannt, weil sie lange keine Kinder bekommen konnte. Im Judentum war mit Kinderreichtum der Segen Gottes verbunden. Kinderlosigkeit wurde dagegen als Fluch und Gottesferne verstanden. Dass Elisabet so unerwartet Mutter geworden und auch noch einen Sohn geboren hat (durch den das Blut der Familie weitergegeben wird), wird als Erbarmen Gottes interpretiert.
Nach jüdischem Gesetz wird das Kind am achten Tag beschnitten und benannt. Es wird wie so oft erwartet, dass das Kind nach dem Vater benannt wird, doch dieser setzt den Willen Gottes um, der ihm einen anderen Namen sagen ließ: Der Junge soll Johannes heißen, obwohl kein anderer in der Verwandtschaft so heißt. Warum soll das Kind so heißen? Der Name bedeutet „Gott ist gnädig“. Gott hat sich Zacharias und Elisabet barmherzig angenommen und diese Aussage wird auch zum Programm der Bußpredigt des Täufers. Weil Gott eben barmherzig ist, gibt er uns die Chance, umzukehren. Und diese Umkehr bildet den Kern seiner Verkündigung.
Zacharias kann in dem Moment wieder sprechen, als er Gottes Willen gehorsam annimmt. Während Maria beim Engelsbesuch von Anfang an den Willen angenommen hat, wird dies in Zacharias‘ Fall verspätet nachgeholt. Dass er zuvor mit Stummheit geschlagen worden war, ist nicht einfach eine sadistische Strafe Gottes, der von ihm Kadavergehorsam gefordert hatte. Gott wollte an diesem Priester seine Herrlichkeit erweisen und dies als Zeichen für die Umstehenden erwirken lassen. Wir lesen, dass sein Zeichenhandeln eine nachhaltige Wirkung erzielt hat. Die Menschen reden im ganzen Bergland von Judäa davon.
Gott hat die Menschen auch schon auf den Täufer vorbereitet. Sie sind schon Zeugen des wundersamen Anfangs des Kindes geworden. Umso besser werden sie seine Verkündigung einige Jahrzehnte später verstehen.

Was Maleachi mit der Läuterung der Söhne Levis angedeutet hat, ist uns durch das Evangelium deutlich geworden: An Zacharias war nicht alles gold, sodass Gott ihn läutern musste. Er schlug den Mann mit Stummheit, damit er seine Lektion lernte.

Nutzen wir die letzten Stunden vor Weihnachten, um von uns aus zu tun, was wir zur Reinigung unserer Seele tun können. Richten wir uns aus auf das Kommen des Jesuskindes, damit es in unseren Herzen Platz findet.

Ihre Magstrauss

Vierter Adventssonntag (A)

Jes 7,10-14; Ps 24,1-6; Röm 1,1-7; Mt 1,18-24

Jes 7
10 Der HERR sprach weiter zu Ahas und sagte: 
11 Erbitte dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, tief zur Unterwelt oder hoch nach oben hin! 
12 Ahas antwortete: Ich werde um nichts bitten und den HERRN nicht versuchen. 
13 Da sagte er: Hört doch, Haus Davids! Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet? 
14 Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.

Lesen wir die heutige Jesajalesung zunächst einmal historisch und betrachten auch den Kontext dieses Ausschnitts. Wir haben ihn in der vergangenen Woche schon gehört. König Ahas von Juda sieht sich von seinen Feinden bedroht, die gegen ihn Krieg führen wollen. Jesaja übermittelt ihm die Zusage Gottes, dass er sich nicht fürchten muss. Die geplante Bekämpfung Judas und Ersetzung des Königs durch den Sohn Tabeals wird nicht zustande kommen, so lässt Gott Aram sagen. In der sukzessiven Eroberung des Nordreichs und der wachsenden Bedrohung Judas wendet Gott die Gefahr ab, doch Ahas lässt es kalt. Er glaubt Gott nicht und ist immer noch ängstlich. Gott fordert ihn dann auf, um ein Zeichen zu bitten. Gott ist bereit, dem König von Juda seine Pläne zu offenbaren. Dieser lehnt das Angebot zunächst ab, was Gott dennoch nicht davon abhält, ihm durch Jesaja die Botschaft zu vermitteln. Und nun kommt dieser Vers, den wir absolut messianisch weiterdenken und auf Jesu Menschwerdung beziehen: Die Jungfrau wird ein Kind empfangen, in der neuen Einheitsübersetzung „hat empfangen“ und wird ihm den Namen Immanuel geben. Dieses Kind wird es verstehen, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. So heißt es im weiteren Verlauf, den wir heute nicht mehr hören. Historisch gesehen könnten die Juden im Nachhinein die Ankündigung König Hiskijas, den Sohn von Ahas, erkannt haben. Er war ein frommer König, der es wirklich verstand, das Richtige zu tun im Gegensatz zu seinem Vater. Und doch können wir bei dieser Leserichtung nicht stehen bleiben. Schon allein die Prophezeiung einer Jungfrau lässt weiterdenken: Hier steht im Hebräischen das Wort הָעַלְמָ֗ה  ha’alma „die Jungfrau“, was ein junges Mädchen im heiratsfähigen Alter meint. Natürlich ist eine alma biologisch gesehen dann auch eine Jungfrau! Dies wird im griechischen AT deshalb mit ἡ παρθένος übersetzt, was ganz eindeutig „Jungfrau“ heißt. Hier wird ein übernatürlicher Zeugungsvorgang angekündigt, von dem wir bei Hiskija noch nicht lesen. Hier handelt es sich um einen Typos, der in Jesus Christus einen Antitypos erhält! So wie durch die Geburt Hiskijas die davidische Dynastie am Leben erhalten wurde, wird durch Jesus, dem Sohn Davids, die Genealogie der neuen Schöpfung eingeleitet, der wir durch die Taufe angehören! Und das Zeichen der Menschwerdung Christi wird zum größten Zeichen Gottes aller Zeiten. Er wird wahrlich der Immanuel sein, Gott, der mit uns ist. Dies hat er bereits im Dornbusch durch den Namen Jahwe verheißen und nun mit dem Messias noch einmal bestätigt. Jesus wird auch am Ende seines Wirkens vor der Himmelfahrt noch einmal bekräftigen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ So ist Gott. Dies ist nicht nur eine heilsgeschichtliche Entwicklung für die ganze Menschheit, sondern auch für das alltägliche Leben jedes Einzelnen. Gott ist mit uns, auch da, wo wir von allen Seiten bedrängt werden wie Juda in der heutigen Lesung. Er gibt uns viele Zeichen, die wir im Rausch des Alltags manchmal gar nicht wahrnehmen. Je mehr wir aber aus seinem Geist heraus leben, erkennen wir Gottes Handschrift in allem, was uns widerfährt. Seien wir dankbar und vertrauen wir auf seine wunderbare Vorsehung. Seien wir nicht wie König Ahas und bleiben skeptisch, obwohl Gottes Verheißung so offensichtlich vor uns ist.

Ps 24
1 Ein Psalm Davids. Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner. 
2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt. 
3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte? 
4 Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat. 
5 Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils. 
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, die dein Angesicht suchen, Jakob.

Der heutige Davidpsalm ist ein Lobpreis der Macht Gottes, dem die ganze Welt gehört. Auch wir Menschen gehören ganz ihm, der alles geschaffen hat. Das ist sehr bemerkenswert. König David war ein sehr mächtiger Herrscher und doch unterstellte er Gott seine eigene Macht. Diese Gottesfurcht hat ihm so einen Segen beschert, der auch auf seinen Sohn überging. Die salomonische Herrschaft war überragend, sodass sogar die umstehenden Herrscher sie anerkannten. David zeigt uns, wie unsere Haltung sein sollte: Gott ist größer als der größte König. Dies ist durchaus mit der Lesung von heute in Verbindung zu bringen: Es wird ein Immanuel angekündigt, den die Juden zunächst politisch verstanden, nämlich Hiskija. Und doch ist die Rettung Judas Gottes Werk. Er steht über dem König Judas. Rettung kommt von Gott, nicht von einer politischen Figur.
David fährt fort, über das Kommen zur heiligen Stätte zu reden. Er bezieht sich auf die Stiftshütte (der Tempel wird ja erst unter Salomo gebaut und bis dahin als Zelt gehalten). Mit dem Berg des HERRN ist Zion gemeint, auf dem die Stadt Jerusalem errichtet ist. David erklärt, dass nur die reinen Herzens zum „Tempel“ Gottes treten dürfen. Das ist interessant und fortschrittlich. Es geht nicht nur um kultische Reinheit, wie wir vor allem die ganzen ausführlichen mosaischen Gesetze zusammenfassen können, sondern um moralische Reinheit. „Unschuldige Hände“ bezieht sich nicht auf das Nichtberühren unreiner Dinge, sondern auf das Ausbleiben von Blut Ermorderter an den Händen. Die Seele an Nichtiges zu hängen und Gott falsche Versprechen zu machen, sind ebenfalls Aspekte, die moralisch zu bewerten sind – meine Beziehung zu Gott muss einwandfrei sein, damit ich in sein Heiligtum kommen kann. Das, was David hier beschreibt, ist eine Art Gewissenserforschung und führt uns weiter zu dem, was wir über den wörtlichen Sinn hinaus hier verstehen: Zunächst denken wir an den momentanen liturgischen Kontext: Verbinden wir die heilige Stätte mit der Person Jesu Christi (er bezeichnet später den Tempel als Tempel seines Leibes!), dann müssen wir unser Gewissen erforschen, bevor der Herr kommt und wir ihm begegnen. Dasselbe gilt für die Kirche als sein Leib. Wer sich taufen lassen will, um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, muss einen Katechumenat durchlaufen und das alte sündige Leben abstreifen. Wenn wir Jesus in der Eucharistie begegnen, müssen wir auch reinen Herzens sein, weil wir ihn sonst nicht empfangen können. Er kann nur in unser Herz eingehen, wenn es rein ist. Am Ende der Zeiten wird es so sein, dass auch nur jene ins himmlische Jerusalem eingehen werden, die im Buch des Lebens verzeichnet sind. Und das werden jene sein, die ein gutes Leben geführt haben, also reinen Herzens gestorben sind.
All diese Situationen und Dimensionen werden Segen nach sich ziehen: Die Kirche wird wachsen und Bestand haben, die Seelen der Menschen, die ihn empfangen, werden Segen haben. Paulus sagt in 1 Kor 11, dass wir uns ansonsten das Gericht essen, also alles andere als Segen…und ewigen Segen werden wir am Ende unseres Lebens und der Zeiten erlangen, wenn wir im Angesicht Gottes leben dürfen.

Röm 1
1 Paulus, Knecht Christi Jesu, berufen zum Apostel, ausgesondert, das Evangelium Gottes zu verkünden, 
2 das er durch seine Propheten im Voraus verheißen hat in heiligen Schriften: 
3 das Evangelium von seinem Sohn, der dem Fleisch nach geboren ist als Nachkomme Davids, 
4 der dem Geist der Heiligkeit nach eingesetzt ist als Sohn Gottes in Macht seit der Auferstehung von den Toten, das Evangelium von Jesus Christus, unserem Herrn. 
5 Durch ihn haben wir Gnade und Apostelamt empfangen, um unter allen Heiden Glaubensgehorsam aufzurichten um seines Namens willen; 
6 unter ihnen lebt auch ihr, die ihr von Jesus Christus berufen seid. 
7 An alle in Rom, die von Gott geliebt sind, die berufenen Heiligen: Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus.

Wir hören heute den Beginn des Römerbriefs, dem theologischen Traktat des Paulus, also der Zusammenfassung seiner gesamten Theologie. Das Briefpräskript, das wir heute lesen, enthält bereits das Programm und die Berufung des Völkerapostels.
Paulus, der sich berufen sieht, das Evangelium zu verkünden, knüpft dieses an die Verheißungen des Alten Testaments an. Wir dürfen den Römerbrief heute also vor dem Hintergrund des Jesaja-Abschnitts und des Psalms lesen.
Paulus sagt selbst, dass das Verheißene sich in Jesus Christus erfüllt hat. Er reflektiert auch das, was wir in der letzten Woche intensiv betrachtet haben: Die davidische Abstammung Jesu „dem Fleische nach“. Während dieser von seiner Menschlichkeit her Sohn Davids ist, ist er von seiner Göttlichkeit her Sohn Gottes, der seit seiner Auferstehung eingesetzt ist in Macht. Er ist jetzt beim Vater. Wir beten im Glaubensbekenntnis, dass Jesus nun als Auferstandener zur Rechten des Vaters sitzt und von dort aus wiederkommen wird als Weltenrichter.
Paulus macht klar, dass die Vollmacht, mit der er den Römern durch den Brief das Evangelium verkündet, von Christus selbst kommt. Er sagt auch, dass er sich berufen sieht, die Heiden zu evangelisieren, die das unmittelbare Umfeld der römischen Gemeinde bilden.
Wenn Paulus von den Heiligen als Adressaten spricht, meint er immer die Getauften. Dies tut er aber nicht, weil er davon ausgeht, dass die Taufe sie schon automatisch heilig macht, sondern, weil sie a) dadurch von der Welt ausgesondert sind wie er (Vers 1), b) durch die Taufe dazu berufen sind, heilig zu leben.
Paulus war es in seiner Verkündigung wichtig, die Heiden zu Christus zu bekehren und zu betonen, dass nicht das Halten der Torah (bei ihm immer „das Gesetz“) die Christen gerecht macht, sondern der Glaube an Gott. Damit grenzte er sich von jenen Aposteln ab, die auch von den Heiden die Beschneidung und Befolgung der gesamten Torah forderten. Das hat nichts mit Abgrenzung zwischen theoretischem Glauben („Glaube allein“, was nirgendwo in der Bibel steht) und Taten zu tun (angebliche Werksgerechtigkeit). Was Paulus hier nämlich beschreibt, werden wir im Anschluss im Evangelium hören: Ein absoluter Glaube beim Ziehvater Jesu: Er sagt nicht einfach nur „ich glaube an dich, mein Gott“. Er sagt überhaupt nichts. Nicht ein einziges Wort von ihm ist in der Bibel enthalten. Und doch lässt er Taten sprechen. Diese machen ihn zum gerechten Mann. Josef zeigt uns heute, was der Glaubensgehorsam ist, den Paulus hier anspricht: Gottes Willen gehorsam tun und darauf vertrauen, dass wenn Gott etwas von uns verlangt, es immer zu unserem Heil ist. Dadurch, dass Josef Gottes Willen GETAN hat und nichts Trügerisches im Sinne hatte, ist er von Gott reichlich gesegnet worden, wie David in dem obigen Psalm beschreibt. Josef war sogar bereit, sich gegen das mosaische Gesetz zu stellen, um seine Verlobte zu beschützen. Lesen Sie selbst:

Mt 1
18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. 
19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. 
20 Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. 
21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. 
22 Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: 
23 Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns. 
24 Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Das heutige Evangelium ist die Fortsetzung des Stammbaums. Wir hören jetzt von der Geburt des Messias. Das Matthäusevangelium berichtet sie vor allem aus der Sicht Josefs. Dies macht absolut Sinn, wenn wir uns an den Stammbaum erinnern. Juden denken bei der Weitergabe des Lebens und des eigenen Blutes patrilinear, also väterorientiert. Wenn es also um die Geburt eines Kindes geht, macht es Sinn, dass das Matthäusevangelium die Vaterperspektive betont. Wir lesen heute auch wieder solche Formulierungen, die die biologische Vaterschaft Josefs ausschließen: „Maria, seine Mutter“ ist eine Andeutung solcher Art, die im Stammbaum durch das Auslassen des Satzes „Josef zeugte den Jesus“ und den Verweis auf seine Frau Maria ausgedrückt worden ist. Dies wird noch viel eindeutiger im weiteren Verlauf des Evangeliums, wo immer wieder „das Kind und seine Mutter“ gesagt wird, nicht „Josefs Sohn“ (z.B. in Mt 2,13-14) – in einem Evangelium, das eigentlich sehr patrilinear orientiert ist! Das fällt auf.
Josef ist ein gerechter Mann. Gott hat sich etwas dabei gedacht, ausgerechnet diesen Menschen als Ziehvater seines Sohnes vorzubereiten. Josef wollte seine Frau nicht bloßstellen – denn erstens war Maria vor der Ehe schwanger geworden und zweitens als geweihte Jungfrau! Um ihre Ehre zu bewahren, möchte er sich von ihr trennen. Wir verstehen seine noble Tat erst, wenn wir die jüdischen Gesetze kennen:
Wenn ein unberührtes Mädchen, das einem Mann versprochen ist, von einem anderen Mann schwanger wird, sollen der andere Mann sowie die Frau gesteinigt werden (Dtn 22,23f.). Dem Betrogenen wird keine Schuld zugeschrieben. Warum will sich Josef dann von ihr trennen? Josefs Gerechtigkeit ist eine größere als die der buchstabentreuen Juden seiner Zeit. Er denkt keinen Moment daran, das mosaische Gesetz auszuführen, sondern er überlegt, die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Indem er sich nämlich in aller Stille von ihr getrennt hätte, hätte es nach außen hin so ausgesehen, als hätte er sie verlassen, nachdem er mit ihr ein Kind gezeugt hatte. So hätte sie als „Verführte“ und „Verlassene“ keine Schuld getroffen. Er wäre bestraft, Marias Leben und das des Kindes aber gerettet worden. DAS meine Lieben, ist ein würdiger Ziehvater, den sich Gott auserwählt hat. Er hat seine Gerechtigkeit schon vor der Geburt des Gotteskindes unter Beweis gestellt und das alles, noch bevor er von Gottes Plan gehört hat! Josef hat wirklich so ein reines Herz, das David im Psalm beschreibt.
Josef führt seine Überlegungen nicht aus, weil ihm im Traum ein Engel des Herrn den Heilsplan Gottes offenbart hat. Bei den Worten des Engels ist sehr auffällig, dass er Josef „Sohn Davids“ nennt. Die jüdischen Hörer dieses Evangeliums werden eins und eins zusammengezählt haben. Das Kind, das in die Welt kommen soll, erhält auf Erden einen davidischen Vater. Somit erfüllen sich die messianischen Verheißungen der Hl. Schriften. Dieser Messias wird von einem davidischen Vater erzogen werden, der selbst ein gerechter Mann ist. So wird der Messias selbst gerecht sein, als Gott durch die göttliche Eigenschaft der Gerechtigkeit, als Mensch dank Josef und seiner Tugend der Gerechtigkeit. Diese Zweidimensionalität reflektiert Paulus am Anfang seines Römerbriefs. Josef handelt nach Gottes Willen ohne Widerrede und Skepsis. Er hat diesen Glaubensgehorsam, von dem Paulus spricht. Dieser macht ihn gerecht. Die Steinigung seiner schwangeren Verlobten als Ausführung des mosaischen Gesetzes hätte ihn nicht gerecht gemacht.
Das Kind ist vom Hl. Geist, aber Josef soll es benennen. Damit wird deutlich, dass er es als sein Kind adoptieren soll.
Der Engel gibt ihm auch den Namen vor und erklärt dessen Bedeutung: Dieses Kind wird das Volk von seinen Sünden erlösen. Das ist eine Verheißung, die immer und immer wieder im AT genannt wird. Damit wird dem frommen Juden Josef klar: Das Kind ist der Messias und muss deshalb Jesus heißen.
Daraufhin wird die Erfüllung der Verheißung durch das heute gehörte Jesajazitat unterstrichen: Die Jungfrau wird ein Kind empfangen…Die frommen Juden, die dieses Evangelium gehört haben, verstanden spätestens jetzt, was für ein Kind hier geboren wird.

Lassen wir uns heute berühren von Gottes großen Heilstaten. Er hat das lange jahrhundertelange Schreien seines auserwählten Volkes erhört und ist wie verheißen als davidisches Kind in dieser Welt Mensch geworden. Er hat für die Umsetzung seines Heilsplans sowohl die Jungfrau bereitet als auch den gerechten Mann, der sie mit allen Mitteln beschützt. Diese Familie ist besonders. Sie ist eine geistige Familie, da alles Biologische, was im Judentum sonst üblich ist, hier komplett entfällt. Das Kind hat keinen menschlichen Vater, es wird nicht auf natürliche Weise gezeugt, es wird nicht auf natürliche Weise geboren. Die Eltern führen keine natürliche, sondern übernatürliche Ehe.
Danken wir heute besonders dem Hl. Josef, der so wunderbar gehandelt hat. Sonst wäre Jesus nicht in diese Welt gekommen, dessen Leben schon von Anfang an bedroht gewesen ist. Wir können wirklich viel von ihm lernen, besonders für unsere eigenen Familien. Sein Glaubensgehorsam, der Taten sprechen lässt, hat uns die Erlösung ermöglicht. Bitten auch wir um diesen Glaubensgehorsam, durch den auch wir zu Werkzeugen des Heils Gottes werden. Es ist bald soweit. In einigen Tagen wird Gott Mensch. Befolgen auch wir seinen Willen, der uns immer nur Heil beschert, und tun wir unser bestes, damit der Herr auch in diesem Jahr in den Herzen unserer Mitmenschen geboren werden kann.

Ihre Magstrauss

Samstag der dritten Adventswoche (A)

Hld 2,8-14 oder Zef 3,14-17 (14-18a); Ps 33,2-3.11-12.20.21; Lk 1,39-45

Liebe Freunde,
heute gibt es zwei Möglichkeiten für die alttestamentliche Lesung: Hohelied oder Zefanja. Wir werden einen Blick in beide Texte werfen, weil sie beide sehr interessant sind.

Hld 2
8 Horch! Mein Geliebter! Sieh da, er kommt. Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel. 
9 Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch. Sieh da, er steht hinter unserer Mauer, er blickt durch die Fenster, späht durch die Gitter. 
10 Mein Geliebter hebt an und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! 
11 Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. 
12 Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land.
13 Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte, die blühenden Reben duften. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! 
14 Meine Taube in den Felsklüften, im Versteck der Klippe, dein Gesicht lass mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.

Der Ausschnitt aus dem Hohelied ist wie das ganze Buch voll von bräutlicher Sprache. Dies ist eine bewusst verwendete Metaphorik, die das Verhältnis der Braut Israel zu ihrem Bräutigam Gott verbildlicht. Was wir in diesen vielen blumigen Aussagen erkennen können, ist das Kommen des Messias:
Der „Geliebte“ kommt, und zwar schnell. Er hüpft und rennt wie eine Gazelle bzw. ein junger Hirsch. Er blickt schon durchs Fenster und durchs Gitter. Das erinnert uns an Jesus, wie er in Offb 3,20 sagt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Es ist dasselbe Bild und meint das Kommen des Messias, das unmittelbare bevorsteht. Dort wird es sich aber auf das zweite Kommen beziehen. Hier geht es noch um das erste Kommen, das das Volk Israel erwartet hat.
Der Herr fordert Israel auf, aufzustehen, da der Winter vorbei und die Anzeichen der Natur eindeutig sind. Das hebräische Verb קום kann unterschiedlich übersetzt werden und später verwendet es Jesus, als er das verstorbene Mädchen wieder zum Leben erweckt: Es kann „aufstehen“ im Sinne von „aufwachen“ und „sich erheben“ meinen, aber auch „durchhalten“, „errichtet werden“, „ins Dasein gerufen werden“. Durch diese schillernde Vielfalt kann man diese Aufforderung Gottes mehrfach verstehen: Erstens ruft Gott sein Volk ins Dasein durch die Schöpfung und den Bundesschluss , den er immer wieder erneuert. Dann ruft Gott zur Errichtung der zwölf Stämme und zum Tempelbau auf. Gott möchte immer wieder schon im AT, dass das Volk endlich aus der Trance des Götzendienstes aufwacht. Er ruft sein Volk auch immer wieder auf, durchzuhalten in Zeiten der Bedrängnis, besonders im Exil. Er wird diese verschiedenen Rufe auch an uns richten, die wir das Volk Gottes im Neuen Bund sind. So wie in der Offb wird er uns zum Ausharren aufrufen, die wir auf seine Wiederkunft warten.
Was das Hohelied uns immer wieder vermittelt, ist nicht nur die Sehnsucht des Volkes Israel nach Gott, sondern auch Gottes Liebe zu seinem Volk. Er möchte das Gesicht seiner Braut sehen. Gott brennt vor Liebe zu uns und möchte uns sehen. Er sehnt sich nach uns und unserer Gegenliebe. Er ist eifersüchtig, wenn wir Götzen schöne Augen machen. Er möchte unsere ganze Liebe für sich allein. Und er ist bald da. Ja, der Messias wird Mensch in wenigen Tagen!
Ich möchte noch etwas zur Geliebten sagen: Gewiss ist sie ein Bild für Israel. Dieses verdichtet sich aber in einer einzelnen Person, die zur Stellvertreterin des Volkes, des Alten Bundes wird – Maria. Sie ist wahrlich eine Braut Gottes, da sie dem Tempel geweiht worden ist. In diesen Tagen denken wir sehr viel an sie, weil sie kurz vor ihrer Niederkunft steht. Sie trägt Gott unter ihrem Herzen und ersehnt ihn. Sie ruft „Horch! Mein Geliebter!“ Sie hat die Bräutlichkeit des Volkes Israel mit ihrem ganzen Wesen ausgedrückt.

Zef 3
4 Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! 
15 Der HERR hat das Urteil gegen dich aufgehoben und deine Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der HERR, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten. 
16 An jenem Tag wird man zu Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! 
17 Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er schweigt in seiner Liebe, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.

Zefanja gehört zu den „kleinen Propheten“, deren Botschaft aber mindestens genauso bedeutsam ist wie die der großen Propheten: Es ist fast schon ein Freudengesang, den wir bei ihm lesen. Die Tochter Zion wird zum Lobpreis aufgefordert, weil der Tag der Freude gekommen ist. Historisch gelesen erkennen wir das Ende der assyrischen Fremdherrschaft. Zefanja wirkt in Jerusalem um das Jahr 630 v.Chr. Wie viele Propheten vor und nach ihm hat er das Leiden des Volkes durch die Assyrer als Urteil Gottes gedeutet, das Israel durch die eigenen Sünden verdient hat. Er sagt in diesem heutigen Abschnitt nun, dass Gott das Urteil aufgehoben hat. Die Zeit der Bedrängnis ist vorbei. Stattdessen wohnt der König Israels nun in ihrer Mitte. Es ist bemerkenswert, dass Gott nun als König bezeichnet wird. Das ist eine Metapher, die wir mit Jesus, dem Messias wiedererkennen werden. Er, der sogar ans Kreuz geschlagen wird als König der Juden. Gott ist der Herrscher der Welt und er ist es, der Israel leitet.
Gott wird auch als Held bezeichnet, der Rettung bringt. Bei solchen messianischen Aussagen wird stets das hebräische Wortfeld um יֹושִׁיעַ joschia „Rettung“ verwendet. Gott bringt uns Jesus, den Heiland.
Wenn es dann heißt: „Er freut sich und jubelt über dich“, ist das vergleichbar mit dem Ausschnitt aus dem Hohelied. Gott freut sich und sehnt sich nach seiner Braut. Er freut sich besonders, wenn sie umkehrt von den Götzen und ihren Blick wieder Gott zuwendet. Womöglich kann man diesen letzten Vers schon als Hochzeit deuten, die der Anlass der größten Freude darstellt. Dann klingt hier prophetisch schon die Hochzeit des Lammes an.
Auch hier ist der Hinweis zu machen, dass die Tochter Zion auf eine reale Person bezogen werden kann – Maria. Sie ist eine Tochter Zion als Zugehörige zum Volk Israel, vielmehr aber durch ihre Zugehörigkeit zum Stamm Juda und zur Dynastie König Davids. Sie verkörpert das Volk Israel auf eine ganz besondere Weise. Denn sie macht keinen Götzen schöne Augen. Sie schaut nur auf den HERRN und tut in allem nur seinen Willen.

Ps 33
2 Preist den HERRN auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe spielt ihm!
3 Singt ihm ein neues Lied, spielt kunstvoll mit Jubelschall!
11 Der Ratschluss des HERRN bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens durch alle Geschlechter. 
12 Selig die Nation, deren Gott der HERR ist, das Volk, das er sich zum Erbteil erwählt hat. 20 Unsre Seele hofft auf den HERRN; er ist unsere Hilfe und unser Schild. 
21 Ja, an ihm freut sich unser Herz, wir haben vertraut auf seinen heiligen Namen.

Je näher wir dem Weihnachtsfest kommen, desto mehr Lobgesang hören wir in den Psalmen und Lesungen des Tages. Im heutigen Lobpsalm werden wir aufgefordert, Gott zu loben mit Gesang und Instrumenten. Das Besondere hier: Wir sollen ein neues Lied singen. Das ist immer ein Hinweis auf den Messias.
Der ewige Ratschluss des HERRN, also sein Wille, ist ein wunderbar tröstliches Wort, denn es besagt, dass Gottes HEIL ewig bestehen bleibt. Er hat immer nur Pläne des Heils, nicht des Unheils (Jer 29,11). Dies können wir wirklich bestätigen: Der Höhepunkt der Heilsgeschichte kam mit der Menschwerdung Gottes, was wir in wenigen Tagen feiern werden. Er hat einen Bund zwischen allen Menschen und Gott geschlossen, der auf ewig Bestand haben wird.
„Selig die Nation, deren Gott der HERR ist“ – alle Menschen können theoretisch selig sein, weil Jesus für sie alle gestorben ist. Sie müssen diese Erlösung aber annehmen, wenn sie sein Erbe antreten wollen.
„Unsere Seele hofft auf den HERRN“ ist ein typisches Psalmwort und ist zeitlos. Sowohl die Israeliten haben auf den Herrn gehofft, insbesondere in Zeiten der Bedrängnis durch feindliche Völker. Die Kirche betet dies heute in der Zeit der größten Christenverfolgung aller Zeiten. Jeder einzelne Mensch betet dies in Zeiten der ganz persönlichen Bedrängnis, insbesondere in Versuchungssituationen. Wir beten es auch mit Blick auf das Ende der Zeiten, wenn Jesus zum zweiten Mal wiederkommen wird.
Und wenn wir bis zum Schluss auf seinen heiligen Namen vertraut haben, wenn wir standhaft geblieben sind, werden wir am Ende wirklich Grund zum ewigen Jubel haben. Dann werden wir Gottes Angesicht schauen und ihn loben bis in alle Ewigkeit.

Lk 1
39 In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. 
40 Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. 
41 Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt 
42 und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. 
43 Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 
44 Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. 
45 Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

Alles, was wir bisher gehört haben, läuft auf das heutige Evangelium hinaus: Maria besucht ihre Verwandte Elisabet, die ja im sechsten Monat schwanger mit Johannes dem Täufer ist.
Als Maria ins Haus kommt und Elisabet begrüßt, hüpft das Kind in ihrem Leib. Elisabet wird vom Heiligen Geist erfüllt und tut das, zu dem der Psalm auffordert: Sie unternimmt einen Lobpreis. Dabei segnet sie Maria, die sie als die Muttergottes erkennt. Es ist bemerkenswert, dass sie sich selbst niedriger einstuft als Maria („Wer bin ich…“). Das ist insofern besonders, als sie nach jüdischer Vorstellung eigentlich höhersteht. Sie ist ja älter als Maria. Elisabet beginnt den Lobpreis, nachdem sie gemerkt hat, dass ihr ungeborenes Kind den Messias preist.
Vergleichen wir diese Begegnung zwischen dem Täufer und Jesus sowie Elisabet und Maria mit den Lesungen des Alten Testaments, geht uns einiges auf. Im Hohelied wurde schon verheißen, dass Gott an der Schwelle steht und durchs Gitter schaut. Er ist unmittelbar vor der Ankunft. Und dies erfüllt sich nun mit Maria und dem ungeborenen Jesuskind an der Schwelle des Hauses des Zacharias! Jesus kehrt ein, auch wenn er noch nicht geboren ist. Das erkennt schon das andere ungeborene Kind. Es kommt noch besser. Im Hohelied heißt es, der Geliebte „springt über die Berge und hüpft über die Hügel“. Maria geht ins Bergland von Judäa, um ihre Verwandte zu besuchen. Sie bringt den „Geliebten“ tatsächlich in die Berge und Hügel!
Auch die Verheißungen aus Zefanja realisieren sich in dieser Situation: Freuen und jubeln kann sich heute Elisabet, denn der HERR ist in ihrer Mitte. Maria hat ihn zu ihr gebracht. Nicht nur Maria wird so zur Tochter Zion, in deren Mitte, nämlich in ihrem Leib, der Messias heranwächst, sondern auch ihre Verwandte und auch Johannes der Täufer.
Elisabet erkennt, dass die Personifikation der Tochter Zion ihre Verwandte Maria ist. Sie ist ganz anders als alle anderen Frauen. Sie trägt kein normales Kind unter ihrem Herzen, sondern den Messias, Gott den HERRN. Sie erkennt Marias Glauben an die gute Vorsehung Gottes. Sie erkennt, dass Maria wirklich darauf vertraut hat, dass Gottes Ratschluss immer auf das Heil hinausgeht und dass Gott sein Versprechen hält.
Was wir heute nicht mehr hören, was sich aber an Elisabets Worte anschließt, ist das Magnificat. Maria, die Tochter Zion, preist Gott mit Worten der Heiligen Schrift für die großen Taten, die er seinem ganzen Volk erwiesen hat. Sie betet stellvertretend für das ganze Volk, wodurch ihre Identität als Tochter Zion ganz und gar offenbar wird.

Heute ist es wirklich nur noch einen Katzensprung von der Menschwerdung Gottes entfernt. Freuen wir uns und jubeln zusammen mit Johannes dem Täufer, Elisabet, Maria und David. Jubeln wir und glauben auch wir, dass Gottes Ratschluss immer nur das Heil für uns bereithält. Er hält sein Versprechen. Er tat es damals und er wird es auch in unserem Leben tun.

Ihre Magstrauss

Freitag der dritten Adventswoche (A)

Jes 7,10-14; Ps 24,1-6; Lk 1,26-38

Jes 7
10 Der HERR sprach weiter zu Ahas und sagte: 
11 Erbitte dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, tief zur Unterwelt oder hoch nach oben hin! 
12 Ahas antwortete: Ich werde um nichts bitten und den HERRN nicht versuchen. 
13 Da sagte er: Hört doch, Haus Davids! Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet? 
14 Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.

Die heutige Lesung aus dem Buch Jesaja hat es in sich. Lesen wir sie zunächst einmal mit wörtlich-historischen Augen und betrachten auch den Kontext dieses Ausschnitts. König Ahas von Juda sieht sich von seinen Feinden bedroht, die gegen ihn Krieg führen wollen. Jesaja übermittelt ihm die Zusage Gottes, dass er sich nicht fürchten braucht. Die geplante Bekämpfung Judas und Ersetzung des Königs durch den Sohn Tabeals wird nicht zustande kommen, so lässt Gott Aram sagen. In der sukzessiven Eroberung des Nordreichs und der wachsenden Bedrohung Judas wendet Gott die Gefahr ab, doch Ahas lässt es kalt. Er glaubt Gott nicht und ist immer noch ängstlich. Gott fordert ihn dann auf, um ein Zeichen zu bitten. Gott ist bereit, dem König von Juda seine Pläne zu offenbaren. Dieser lehnt das Angebot zunächst ab, was Gott dennoch nicht davon abhält, ihm durch Jesaja die Botschaft zu vermitteln. Und nun kommt dieser Vers, den wir absolut messianisch weiterdenken und auf Jesu Menschwerdung beziehen: Die Jungfrau wird ein Kind empfangen, in der neuen Einheitsübersetzung „hat empfangen“ und wird ihm den Namen Immanuel geben. Dieses Kind wird es verstehen, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. So heißt es im weiteren Verlauf, den wir heute nicht mehr hören. Historisch gesehen könnten die Juden im Nachhinein die Ankündigung König Hiskijas, den Sohn von Ahas, erkannt haben. Er war ein frommer König, der es wirklich verstand, das Richtige zu tun im Gegensatz zu seinem Vater. Und doch können wir bei dieser Leserichtung nicht stehen bleiben. Schon allein die Prophezeiung einer Jungfrau lässt weiterdenken: Hier steht im Hebräischen das Wort הָעַלְמָ֗ה  ha’alma „die Jungfrau“, was ein junges Mädchen im heiratsfähigen Alter meint. Natürlich ist eine alma biologisch gesehen dann auch eine Jungfrau! Dies wird im griechischen AT deshalb mit ἡ παρθένος übersetzt, was ganz eindeutig „Jungfrau“ heißt. Hier wird ein übernatürlicher Zeugungsvorgang angekündigt, von dem wir bei Hiskija noch nicht lesen. Hier handelt es sich um einen Typos, der in Jesus Christus einen Antitypos erhält! So wie durch die Geburt Hiskijas die davidische Dynastie am Leben erhalten wurde, wird durch Jesus, dem Sohn Davids, die Genealogie der neuen Schöpfung eingeleitet, der wir durch die Taufe angehören! Und das Zeichen der Menschwerdung Christi wird zum größten Zeichen Gottes aller Zeiten. Er wird wahrlich der Immanuel sein, Gott, der mit uns ist. Dies hat er bereits im Dornbusch durch den Namen Jahwe verheißen und nun mit dem Messias noch einmal bestätigt. Jesus wird auch am Ende seines Wirkens vor der Himmelfahrt noch einmal bekräftigen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ So ist Gott. Dies ist nicht nur eine heilsgeschichtliche Entwicklung für die ganze Menschheit, sondern auch für das alltägliche Leben jedes Einzelnen. Gott ist mit uns, auch da, wo wir von allen Seiten bedrängt werden wie Juda in der heutigen Lesung. Er gibt uns viele Zeichen, die wir im Rausch des Alltags manchmal gar nicht wahrnehmen. Je mehr wir aber aus seinem Geist heraus leben, erkennen wir Gottes Handschrift in allem, was uns widerfährt. Seien wir dankbar und vertrauen wir auf seine wunderbare Vorsehung. Seien wir nicht wie König Ahas und bleiben skeptisch, obwohl Gottes Verheißung so offensichtlich vor uns ist.

Ps 24
1 Ein Psalm Davids. Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner. 

2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt. 
3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte? 
4 Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat. 
5 Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils. 
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, die dein Angesicht suchen, Jakob.

Der heutige Davidpsalm ist ein Lobpreis der Macht Gottes, dem die ganze Welt gehört. Auch wir Menschen gehören ganz ihm, der alles geschaffen hat. Das ist sehr bemerkenswert. König David war ein sehr mächtiger Herrscher und doch unterstellte er Gott seine eigene Macht. Diese Gottesfurcht hat ihm so einen Segen beschert, der auch auf seinen Sohn überging. Die salomonische Herrschaft war überragend, sodass die umstehenden Herrscher sie sogar anerkannten. David zeigt uns, wie unsere Haltung sein sollte: Gott ist größer als der größte König. Dies ist durchaus mit der Lesung von heute in Verbindung zu bringen: Es wird ein Immanuel angekündigt, den die Juden zunächst politisch verstanden, nämlich Hiskija. Und doch ist die Rettung Judas Gottes Werk. Er steht über dem König Judas. Rettung kommt von Gott, nicht von einer politischen Figur.
David fährt fort, über das Kommen zur heiligen Stätte zu reden. Er bezieht sich auf die Stiftshütte (der Tempel wird ja erst unter Salomo gebaut und bis dahin als Zelt gehalten). Mit dem Berg des HERRN ist Zion gemeint, auf dem die Stadt Jerusalem errichtet ist. David erklärt, dass nur die reinen Herzens zum „Tempel“ Gottes treten dürfen. Das ist interessant und fortschrittlich. Es geht nicht nur um kultische Reinheit, wie wir vor allem die ganzen ausführlichen mosaischen Gesetze zusammenfassen können, sondern um moralische Reinheit. „Unschuldige Hände“ bezieht sich nicht auf das Nichtberühren unreiner Dinge, sondern auf das Ausbleiben von Blut Ermorderter an den Händen. Die Seele an Nichtiges zu hängen und Gott falsche Versprechen zu machen, sind ebenfalls Aspekte, die moralisch zu bewerten sind – meine Beziehung zu Gott muss einwandfrei sein, damit ich in sein Heiligtum kommen kann. Das, was David hier beschreibt, ist eine Art Gewissenserforschung und führt uns weiter zu dem, was wir über den wörtlichen Sinn hinaus hier verstehen: Zunächst denken wir an den momentanen liturgischen Kontext: Verbinden wir die heilige Stätte mit der Person Jesu Christi (er bezeichnet später den Tempel als Tempel seines Leibes!), dann müssen wir unser Gewissen erforschen, bevor der Herr kommt und wir ihm begegnen. Dasselbe gilt für die Kirche als sein Leib. Wer sich taufen lassen will, um in die Gemeinschaft aufgenommen zu werden, muss einen Katechumenat durchlaufen und das alte sündige Leben abstreifen. Wenn wir Jesus in der Eucharistie begegnen, müssen wir auch reinen Herzens sein, weil wir ihn sonst nicht empfangen können. Er kann nur in unser Herz eingehen, wenn es rein ist. Am Ende der Zeiten wird es so sein, dass auch nur jene ins himmlische Jerusalem eingehen werden, die im Buch des Lebens verzeichnet sind. Und das werden jene sein, die ein gutes Leben geführt haben, also reinen Herzens gestorben sind.
All diese Situationen und Dimensionen werden Segen nach sich ziehen: Die Kirche wird wachsen und Bestand haben, die Seelen der Menschen, die ihn empfangen, werden Segen haben. Paulus sagt in 1 Kor 11, dass wir uns ansonsten das Gericht essen, also alles andere als Segen…und ewigen Segen werden wir am Ende unseres Lebens und der Zeiten erlangen, wenn wir im Angesicht Gottes leben dürfen.

Lk 1
26 Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret 

27 zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. 
28 Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. 
29 Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. 
30 Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. 
31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben. 
32 Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. 
33 Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben. 
34 Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? 
35 Der Engel antwortete ihr: Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. 
36 Siehe, auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar gilt, ist sie schon im sechsten Monat. 
37 Denn für Gott ist nichts unmöglich. 
38 Da sagte Maria: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

Wir hören heute von der Verkündigung des Herrn. Derselbe Engel, der schon Zacharias die Geburt des Täufers angekündigt hat, erscheint der Jungfrau Maria. Dass sie eine Jungfrau ist, wird auch hier mit dem Wort παρθένος ausgedrückt, der Bezeichnung, die wir auch in dem griechischen Alten Testament in Jes 7 lesen. Für den schriftkundigen Hörer erklingt hier schon ein Signal. Eine Engelserscheinung in Kombination mit einer Jungfrau lässt aufhorchen, vor allem weil sich das alles in Nazaret abspielt! In dem Namen dieses Ortes steckt das hebräische Wort nezer „Spross“, von dem wir in Jes 11 hören. Der Spross wächst aus dem Baumstumpf Isais hervor. Als Davididin stammt Marias Familie aus Nazaret. Durch dieses Evangelium wird also deutlich: Die Jungfrau aus Nazaret ist der Spross aus dem Baumstumpf Isais, den Jesaja vorhergesagt hat!
Es wird erwähnt, dass Maria verlobt ist. Dies wird jedoch nicht gesagt, um ihren Zustand der Jungfräulichkeit zu erklären, sondern die Wunderhaftigkeit der Empfängnis. Vom Protevangelium des Jakobus wissen wir nämlich, dass die Eltern Mariens ihr Kind dem Tempel geweiht haben und Maria lebenslang Jungfrau bleiben sollte. Die Ehe mit Josef sollte ebenfalls eine jungfräuliche Ehe werden. Warum sie überhaupt heiraten sollte? Als alleinstehende Frau hatte man in jener Zeit kaum die Chance, zurechtzukommen. Ihr sollte ein männlicher Vormund beigesellt werden, der zugleich als Erbe des väterlichen Besitzes eingesetzt werden sollte. Dieser musste selbst auch Davidide sein, damit alles in der Familie blieb. Er musste vom Vater der Maria übrigens auch adoptiert werden. Dies schrieb das jüdische Gesetz vor, wenn man als Kind nur eine einzige Tochter hatte (Erbtochterrecht). Deshalb wurde Josef auserwählt. Weil Maria lebenslang Jungfrau sein sollte, war ihre Schwangerschaft so drastisch für die Gesellschaft, nicht in erster Linie, weil es ein uneheliches Kind war (das auch). Es ging darum, dass sie überhaupt ein Kind erwartete.
Es ist auch kein Füllsatz, wenn es heißt „der Name der Jungfrau war Maria“. Zwar ist die Herleitung des Namens nicht ganz eindeutig, aber zwei Möglichkeiten sind „die Wohlgenährte“ und „die Geliebte“. Gerade die erste Übersetzungsmöglichkeit stellt einen Bezug zur Mutter der Lebenden her, wie Eva, die erste Frau bezeichnet worden ist. Damit wird schon durch den Namen Mariens ein typologischer Bezug hergestellt.
Der Engel spricht Maria an mit den Worten χαῖρε, κεχαριτωμένη chaire, kecharitomene „freue dich, du Begnadete/die, der Gnade erwiesen worden ist“. Auch Christen haben die Begrüßung χαῖρε von Anfang an verwendet, so auch Paulus in den Briefanfängen. Die Bezeichnung κεχαριτωμένη ist, was uns theoretisch allen geschenkt ist, die volle Ausstattung mit der Gnade Gottes, also die Berufung jedes Getauften, von der wir im Epheserbrief gelesen haben. Dass der Engel sie jetzt so anspricht (das ist neu), macht für uns deutlich, dass sie nicht nur theoretisch, sondern im vollen, gleichsam paradiesischen Sinne, Begnadete ist. Die Kirche liest diese Anrede als Hinweis auf ihre Bewahrung vor der Erbsünde. Dass es sich um eine unübliche Aussage handelt, sehen wir an Marias Reaktion – sie erschrickt nicht vor dem Engel selbst, sondern vor der Anrede. Man kennt es von anderen Engelserscheinungen, dass die jeweiligen Personen auf ihr Gesicht fallen und eine heftige Reaktion zeigen. Maria dagegen fällt nicht auf ihr Gesicht, sondern fragt sich, was die Anrede zu bedeuten habe. Wir erinnern uns an die gestrige Reaktion des Zacharias. Er hat wirklich Angst und so auch schon die Frau des Manoach im Buch der Richter. Dass Maria dagegen keine Angst vor dem Engel hat, der ja voll der Herrlichkeit Gottes leuchtet, zeigt einen weiteren Hinweis auf ihre paradiesische, sündlose Natur.
Der Engel sagt ihr dann: „Der Herr (ist) mit dir.“ Im Griechischen handelt es sich um einen Nominalsatz, bei dem das Verb fehlt und deshalb steht das „ist“ in Klammern. Es ist sinngemäß hinzuzufügen und lässt eine Überzeitlichkeit zu: Es könnte sowohl eine Vergangenheitsform sowie eine Präsens- oder Zukunftsform eingesetzt werden. Gott war schon mit ihr, da er seinen Heilsplan für sie schon von Anbeginn der Zeit bereitet hat und ist jetzt mit ihr – auf so eine intensive Weise, dass er in ihr Fleisch annimmt. Das hat in Bezug zur Jesajaverheißung von heute eine besondere Strahlkraft. Gott war schon mit ihr, die nicht nur als Einzelperson und historische Realität „Maria von Nazaret“ zu betrachten ist, sondern als Stellvertreterin des gesamten Volkes Israel. Diese Aussage des Engels hallt in uns: „Gott ist mit dir, Israel.“ Und auch dies wird zum Signalsatz, der die Verheißung erfüllt: Immanuel, Gott ist mit uns. Jesaja 7 erfüllt sich in der Begegnung Mariens mit dem Engel hier in Lk 1! Auch mit uns ist der Herr, in unserem Herzen, in der Eucharistie, sogar physisch beim Kommunionempfang! Und auch wir werden am Ende der Zeiten ganz bei Gott sein. Wir glauben an eine leibliche Auferstehung, die der neuen Schöpfung verheißen wird und deren erste Exemplare Jesus und Maria sind. 
Der Engel erklärt ihr, welchen Plan Gott mit ihr hat. Bemerkenswert ist wiederum ihre Reaktion. Sie stellt diese wunderbare Verheißung nicht infrage und zweifelt nicht daran. Im Gegenteil, sie versucht, es zu verstehen (Anselm von Canterbury hätte sich gefreut!) und fragt nach dem Wie. Bei ihrer Nachfrage wird das deutlich, was ich vorhin angeschnitten habe: Maria ist eine geweihte Jungfrau. Deshalb heißt es auch: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann ERKENNE“. Es steht eindeutig ein dauerhaftes Verb in der Gegenwart (οὐ γινώσκω u ginosko „nicht erkenne“). Da steht nicht „noch nicht“. Es bestätigt, was das zuvor erwähnte Protevangelium sagt. Die außerbiblischen Schriften bezeugen, dass Marias Familie den Essenern nahestand, die den Messias am stärksten erwartet haben und bei denen die Enthaltsamkeit einen hohen Stellenwert hatte. Die Essener lebten eine mönchische Askese und standen der hasmonäischen Tempellobby kritisch gegenüber. Sie hielten fest an dem mosaisch eingesetzten Priestertum. Auch Johannes der Täufer sowie seine Familie, die ja mit Maria verwandt war, stand den Essenern nahe. Maria ist als Tempeljungfrau geweiht worden als Dank dafür, dass ihre Eltern zuerst kein Kind bekommen konnten. Gemäß Numeri 30 war der Plan, ihr Gelübde in die Ehe hineinzutragen. Davon kommt auch bis heute der Begriff der „Josefsehe“, also eine Ehe, die aus religiösen Gründen nicht vollzogen wird. Selbst wenn wir diese außerbiblischen Quellen nicht berücksichtigen, wird es uns über den Bibeltext verständlich: Warum sollte Maria nach dem Wie fragen, wenn sie in absehbarer Zeit heiraten würde und eine baldige Schwangerschaft erwarten konnte? Das würde ja nichts Wundersames bedeuten, sondern den natürlichen Lauf der Dinge. Das würde dann auch kein Zeichen bedeuten, wie in Jes 7 angekündigt worden ist.
Die Erklärung des Engels ist voll von alttestamentlichen Anspielungen. Maria hat als fromme und schriftkundige Jüdin (das sehen wir am besten am Magnificat, das eine geniale Kompilation verschiedenster Schriftzitate ist) diese erkannt und verstanden, dass es um den Messias geht.
Dadurch dass der Engel auf Elisabet verweist, wird Maria die übernatürliche Weise des Handelns Gottes verdeutlicht. Dieser kann über die von ihm selbst geschaffenen Naturgesetze hinweggehen und Wunder vollbringen. Für ihn ist alles möglich. Als wiederum fromme Jüdin kennt sie diese Art von Wunder bei heilsgeschichtlich bedeutenden Personen (so wie bei Isaak, Simson oder Samuel). Wir haben es gestern in zwei Lesungen gehört! Deshalb gibt sie voller Glauben ihr Ja. Und mit dieser schlichten Zusage „mir geschehe, wie du es gesagt hast“ wird der Vernichtungsplan des Teufels zunichte gemacht. Die Bedrängung des Feindes von allen Seiten, die Gefahr des Volkes Israel, wie wir sie in Jes 7 heute gelesen haben, wird sich nicht bewahrheiten. Gott greift ein und rettet sein Volk. Das betrifft nicht nur das Alte Israel, das betrifft auch das Volk Gottes, das durch den Neuen Bund entstanden ist. Das betrifft das Leben jedes Einzelnen und das wird die ganze Weltgeschichte betreffen, wenn Jesus am Ende der Zeiten wiederkommen wird.

Vertrauen wir darauf, dass Gott uns nicht verlassen wird, egal wie stark die Stürme um uns auch toben mögen! Lernen wir von Maria, wie grenzenloses Vertrauen geht. Beten wir um die Gnade, wie sie vollkommen Ja sagen zu können.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der dritten Adventswoche (A)

Ri 13,2-7.24-25a; Ps 71,3-6.16-17; Lk 1,5-25

Ri 13
2 Es war ein Mann aus Zora, aus der Sippe der Daniter, namens Manoach; seine Frau war unfruchtbar und hatte nicht geboren. 
3 Der Engel des HERRN erschien der Frau und sagte zu ihr: Siehe, du bist unfruchtbar und hast nicht geboren; aber du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. 
4 Und jetzt nimm dich in Acht und trink weder Wein noch Bier und iss nichts Unreines! 
5 Denn siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Es darf kein Schermesser an seinen Kopf kommen; denn der Knabe wird vom Mutterleib an ein Gott geweihter Nasiräer sein. Er wird damit beginnen, Israel aus der Hand der Philister zu retten. 
6 Die Frau ging und sagte zu ihrem Mann: Der Gottesmann ist zu mir gekommen; er sah aus, wie der Engel Gottes aussieht, überaus Furcht erregend. Ich habe ihn nicht gefragt, woher er kam, und er hat mir auch seinen Namen nicht genannt. 
7 Er sagte zu mir: Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn gebären. Und von jetzt an trink keinen Wein und kein Bier und iss nichts Unreines; denn der Knabe wird vom Mutterleib an ein Gott geweihter Nasiräer sein, bis zum Tag seines Todes.
24 Die Frau gebar einen Sohn und nannte ihn Simson; der Knabe wuchs heran und der HERR segnete ihn.
25 Dann aber begann der Geist des HERRN, ihn umherzutreiben im Lager Dans zwischen Zora und Eschtaol.

In der heutigen Lesung hören wir von einem Ehepaar, das keine Kinder geboren hat. Dies passiert oft bei auserwählten Familien, an denen Gott seine Heilstaten zeigen will. Kinderreichtum bedeutete im Alten Israel Segen, weshalb die Kinderlosigkeit zum Indikator der Gottverlassenheit und des Fluchs wurde. Um Manoach und seine Frau vom Gegenteil zu überzeugen, sendet Gott seinen Engel zu ihnen, um seinen Heilsplan bekannt zu machen: Wozu die beiden biologisch nicht imstande waren, wollte Gott auf übernatürliche Weise realisieren – ein Kind. Es ist auserwählt, weshalb es auf übernatürliche Weise entsteht. So ist es bei vielen auserwählten Menschen im AT und umso mehr im NT, wie wir noch sehen werden. Es soll im Nasiräat leben. Dabei handelt es sich um ein lebenslanges Gelübde. In späterer Zeit wird man ein Nasiräergelübde auch zeitweise ablegen können, hier ist es ein dauerhaftes. Die genauen Bestimmungen sind in Num 6 grundgelegt und werden auch hier zur Sprache gebracht: In diesem Gelübde soll man sich weder die Haare noch den Bart abschneiden, sich des Alkohols sowie Traubenprodukten enthalten und jeglichen Toten fernbleiben, selbst bei angehörigen Verstorbenen.
Gott hat einen besonderen Plan mit diesem verheißenen Kind. Es soll Israel von den Philistern befreien.
Das dann tatsächlich geborene Kind wird Simson genannt (hebr. שִׁמְשׁוֹן, im Griechischen jedoch Σαμψων Samson). Die Übersetzung des Namens ist die Verniedlichung des Wortes für Sonne שֶׁמֶשׁׁ schemesch. Er ist ein Sönnchen für die Eltern, die nach langer Zeit der Kinderlosigkeit einen Sohn bekommen. Ein Sönnchen ist dieser Simson aber auch für den HERRN, der ihn segnet und ihm seinen Geist verleiht. Dieser treibt ihn umher und wird ihm auch im weiteren Verlauf der Geschichte eingeben, was er tun und sagen soll.
Wir erkennen viele Aspekte an dieser Erzählung bei anderen auserwählten Personen des AT wie Samuel, Isaak und den Söhnen Jakobs. Gott möchte durch sie dem Volk Israel Heil gewähren. In diesem Fall geht es um die Befreiung aus der Hand der Philister.
Im NT wird sich dies fortsetzen. Von außerbiblischen Schriften wissen wir, dass die Eltern Mariens zunächst auch keine Kinder bekommen können und dann mit Maria beschenkt werden. Dies ist heilsgeschichtlich entscheidend, da sie auf übernatürliche Weise empfangen werden musste als Verschonte vom Fluch der Erbsünde. Durch sie sollte Gott selbst in die Welt eingehen. Auch Johannes der Täufer, der Jesus direkt vorausgeht, ist überraschend gekommen, da seine Eltern keine Kinder haben konnten. Er soll den Messias ankündigen und der größte aller Propheten werden. Die übernatürliche Zeugung eines Kindes erreicht mit Jesus dann seinen Höhepunkt. Gott greift nicht nur in die Biologie unterstützend ein, wo zwei Menschen sich verbinden, sondern Gott wird selbst zum Zeugenden! Hier wird eine neue übernatürliche Dimension erreicht und zeigt, dass Jesus kategorisch anders ist als Isaak, Samuel, Simson oder Johannes der Täufer. Er ist selbst Gott.

Ps 71
3 Sei mir ein schützender Fels, zu dem ich allzeit kommen darf! Du hast geboten, mich zu retten, denn du bist mein Fels und meine Festung. 
4 Mein Gott, rette mich aus der Hand des Frevlers, aus der Faust des Bedrückers und Schurken! 
5 Denn du bist meine Hoffnung, Herr und GOTT, meine Zuversicht von Jugend auf. 
6 Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt, aus dem Schoß meiner Mutter hast du mich entbunden, dir gilt mein Lobpreis allezeit.
16 Ich komme wegen der Machttaten GOTTES, des Herrn, an deine Gerechtigkeit allein will ich erinnern. 
17 Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf und bis heute verkünde ich deine Wunder.

Der heutige Psalm ist ein Bittpsalm, bei dem Gott um Schutz und Rettung gebeten wird. Das Wortfeld „retten“ wird auch hier wiederum mit der hebräischen Wurzel ישׁע ausgedrückt wie der Name Jesu. Dieser Psalm umfasst die Bitte um die Befreiung des Volkes aus der Hand des Feindes. Das Volk schreit um Erlösung und Gott ist so barmherzig, dass er sein Schreien hört. Obwohl die Propheten erklären, dass die Zeiten der Fremdherrschaft Konsequenz ihrer eigenen Sünden, vor allem ihres Götzendienstes sind. Und doch lässt Gott seine untreue Braut nicht im Stich, sondern sendet ihr Menschen wie Simson, die die Feinde besiegen. Letztendlich sind solch heilsgeschichtliche Gestalten Gottes Antwort auf die Bitten des Volkes. Gott selbst vollbringt hier seine göttlichen Heilstaten.
Für Bittpsalmen ist bezeichnend, dass der Beter die Gründe aufzählt, weshalb Gott helfen soll, besonders auch die vergangenen Heilstaten. „Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt“ zeigt, dass der Beter um Gottes Beistand ruft, weil er seine Gebote befolgt. Wir denken auch hier wieder an Simson, der von Geburt an ein gottgeweihter Mensch war und somit einen besonderen Bezug zu ihm hatte. Wir denken auch an König David, dem wir diesen Psalm zuschreiben und der von Anfang an in der Gunst Gottes stand. Dass wir im Stand der Gnade alles von Gott erbitten dürfen, wird uns später auch Jesus erklären (als Rebe am Weinstock, dem Bild für diesen Stand der Gnade): Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten (Joh 15,7).
Unser Auftrag ist es, Gottes große Taten zu verkünden, wie es der Psalm auch sagt. Er ist es, der uns alles lehrt und dem wir unser Leben lang zurückgeben sollen, nicht aus Zwang, sondern aus Liebe.

Lk 1
5 Es gab in den Tagen des Herodes, des Königs von Judäa, einen Priester namens Zacharias, der zur Abteilung des Abija gehörte. Seine Frau stammte aus dem Geschlecht Aarons; ihr Name war Elisabet. 
6 Beide lebten gerecht vor Gott und wandelten untadelig nach allen Geboten und Vorschriften des Herrn. 
7 Sie hatten keine Kinder, denn Elisabet war unfruchtbar und beide waren schon in vorgerücktem Alter. 
8 Es geschah aber, als seine Abteilung wieder an der Reihe war und er den priesterlichen Dienst vor Gott verrichtete, 
9 da traf ihn, wie nach der Priesterordnung üblich, das Los, in den Tempel des Herrn hineinzugehen und das Rauchopfer darzubringen.
10 Während er nun zur festgelegten Zeit das Rauchopfer darbrachte, stand das ganze Volk draußen und betete. 
11 Da erschien dem Zacharias ein Engel des Herrn; er stand auf der rechten Seite des Rauchopferaltars. 
12 Als Zacharias ihn sah, erschrak er und es befiel ihn Furcht. 
13 Der Engel aber sagte zu ihm: Fürchte dich nicht, Zacharias! Dein Gebet ist erhört worden. Deine Frau Elisabet wird dir einen Sohn gebären; dem sollst du den Namen Johannes geben. 
14 Du wirst dich freuen und jubeln und viele werden sich über seine Geburt freuen. 
15 Denn er wird groß sein vor dem Herrn. Wein und berauschende Getränke wird er nicht trinken und schon vom Mutterleib an wird er vom Heiligen Geist erfüllt sein. 
16 Viele Kinder Israels wird er zum Herrn, ihrem Gott, hinwenden. 
17 Er wird ihm mit dem Geist und mit der Kraft des Elija vorangehen, um die Herzen der Väter den Kindern zuzuwenden und die Ungehorsamen zu gerechter Gesinnung zu führen und so das Volk für den Herrn bereit zu machen. 
18 Zacharias sagte zu dem Engel: Woran soll ich das erkennen? Denn ich bin ein alter Mann und auch meine Frau ist in vorgerücktem Alter. 
19 Der Engel erwiderte ihm: Ich bin Gabriel, der vor Gott steht, und ich bin gesandt worden, um mit dir zu reden und dir diese frohe Botschaft zu bringen. 
20 Und siehe, du sollst stumm sein und nicht mehr reden können bis zu dem Tag, an dem dies geschieht, weil du meinen Worten nicht geglaubt hast, die in Erfüllung gehen, wenn die Zeit dafür da ist. 
21 Inzwischen wartete das Volk auf Zacharias und wunderte sich, dass er so lange im Tempel blieb. 
22 Als er dann herauskam, konnte er nicht mit ihnen sprechen. Da merkten sie, dass er im Tempel eine Erscheinung gehabt hatte. Er gab ihnen nur Zeichen und blieb stumm. 
23 Als die Tage seines Dienstes zu Ende waren, kehrte er nach Hause zurück. 
24 Bald darauf wurde seine Frau Elisabet schwanger und lebte fünf Monate lang zurückgezogen. Sie sagte: 
25 Der Herr hat mir geholfen; er hat in diesen Tagen gnädig auf mich geschaut und mich von der Schmach befreit, mit der ich unter den Menschen beladen war.

Wie beim Psalm bereits gesagt: Gott erhört sein auserwähltes Volk. Das Schreien um die Befreiung aus der Hand des Feindes nimmt eine neue Wendung. Wir sind im Begriff, uns liturgisch auf die größte Befreiungsaktion aller Zeiten vorzubereiten – auf die Erlösung Jesu Christi. Im Moment des heutigen Evangeliums steht dies noch aus. Gott erwählt sich wiederum ein Ehepaar und lässt dessen Kinderlosigkeit zu. In diesem Fall ist es so, wie später Jesus immer wieder sagen wird: Menschen leiden nicht nur als Konsequenz ihrer Sünde, sondern manchmal auch, weil sie zu Werkzeugen der Offenbarung Gottes werden. Die heutige Perikope beschreibt, dass sowohl der Priester Zacharias als auch seine Frau Elisabet gerechte Menschen sind, die die Gebote Gottes befolgen.
Als Zacharias seinen priesterlichen Dienst im Tempel ausführt, hat er eine Engelserscheinung, in der ihm die Geburt eines Sohnes offenbart wird. Dieser Sohn ist eine Gebetserhörung Gottes und er soll ihn Johannes nennen. Interessant ist in dem Kontext, dass Zacharias Angst bekommt, als er den Engel sieht. Das ist ein Gegenbeispiel zur Muttergottes, die nicht vor dem Engel erschrickt, sondern vor dessen Anrede. Hier merken wir, dass Zacharias ein gewöhnlicher Mensch ist, wenn auch ein auserwählter.
Johannes‘ Leben und Berufung ist analog bzw. typologisch zu der des Simson zu betrachten. Auch er wird sich des Alkohols enthalten und vom Hl. Geist erfüllt sein. Ob auch er im Nasiräat leben wird, wird hier offen gelassen. Es ist eher von der asketischen Lebensweise der Essener auszugehen, denen er nahestehen wird. Der Alkoholverzicht ist wichtig für sein prophetisches Wirken. Er wird das Kommen des Messias ankündigen und dabei zur Buße und zur Wachsamkeit aufrufen. Alkoholrausch ist das Gegenteil von dem Kern seiner späteren Verkündigung. Wie Gott von seinen Propheten auch schon im AT verlangt er eine Lebensweise von seinen Berufenen, die zu deren Verkündigung kongruent ist und deren Botschaft noch unterstreicht. Wenn Johannes‘ Botschaft die nüchterne Erwartung des Messias ist, muss er selbst nüchtern leben. Und gerade durch diesen Lebensstil wird er die „Kinder Israels“ zu Gott bringen. Aus seiner Verkündigung tritt eine regelrechte Volksbewegung los, die sogar die religiöse Elite kommen lässt.
Schon der Erzengel Gabriel erklärt dem schriftkundigen Priester Zacharias, dass sein Sohn der wiederkommende Elija sein wird, den die Juden erwarteten.
Johannes wird viele Menschen bekehren und so für den Messias bereit machen.
Dann geschieht etwas Verheerendes. Zacharias glaubt dem Engel nicht ganz bzw. will einen Beweis für dessen Worte. Da schickt Gott schon einen seiner größten Engel, die in Gottes Angesicht wohnen, zu diesem einfachen Mann, um ihm diese wunderbare Freudenbotschaft zu überbringen und er braucht noch einen Beweis. Aus dem Grund wird er mit einer Stummheit belegt, bis Johannes geboren wird.
Die Verheißung erfüllt sich bald und seine Frau erwartet ein Kind. Sie preist Gott für diese Schwangerschaft, weil sie von der „Schmach befreit“ wurde, die sie durch die Gesellschaft erlitt. Kinderlosigkeit wurde wie gesagt als Konsequenz der eigenen Sünde, als Fluch und Gottverlassenheit bewertet. Dies war ja keineswegs der Fall, sondern das Ehepaar war gerecht. Umso schmerzvoller muss die Verurteilung durch die Mitmenschen gewesen sein. Damit machen sie nur einen Bruchteil von dem durch, was Jesus in seinem Leiden und Tod erfahren musste: Er war wirklich derjenige, der ganz ohne Schuld war und doch behandelt wurde wie der schlimmste Verbrecher.
Die vermeintliche Krise der beiden hat sich als Vorbereitung auf eine große Gnade erwiesen. So ist es auch mit uns. In unserem Leben erleben auch wir Krisen, bei denen wir uns fragen: „Was habe ich falsch gemacht, dass du das zulässt, oh Herr?“ Und dabei ist das die falsche Frage. Gott lässt manchmal auch schmerzhafte Dinge zu, weil wir entweder die Konsequenzen unserer schlechten Entscheidungen tragen müssen oder weil er uns prüfen will. Und manchmal ist es wie auch in den Lesungen des heutigen Tages die Vorbereitung auf eine ganz große Gnade. So wie eine Frau bei der Geburt die heftigsten Schmerzen aushalten muss, die es gibt und die Freude über das neue Leben umso größer ist, so leidet der Mensch manchmal im Vorfeld eines großen Segens von Gott.
Entscheidend ist dabei, wie wir damit umgehen. Stellen wir Gott infrage wie Zacharias? Oder können wir Gott ganz vertrauen wie die Muttergottes, auch wenn die Umstände aussichtslos erscheinen?

Gott lässt die Kinderlosigkeit und die dann unerwartete Zeugung eines Kindes meistens da zu, wo Menschen ihm geweiht werden sollen. Interessant ist, dass die erlittene Unfruchtbarkeit der Eltern sich in eine überdimensionale Fruchtbarkeit geistiger Art wandelt. Johannes führt so viele Menschen zur Umkehr, dass sie Christus erwarten können und in ihm neugeboren werden können. Er lässt die geistige Familie so unglaublich groß werden. Maria, die in einem lebenslangen Jungfräulichkeitsgelübde lebt und somit biologisch eigentlich nie fruchtbar werden wird, wird zur Mutter aller Menschen. Ihre geistige Mutterschaft übertrifft die Fruchtbarkeit biologischer Mütter um ein unendlich Vielfaches. Das Leiden ihrer Eltern über die Kinderlosigkeit ist zur eschatologischen Freude des Himmels geworden.

Beten wir heute darum, dass auch wir Frucht bringen – nicht nur biologisch, sondern gerade auch geistlich. Schauen wir uns etwas von Johannes dem Täufer ab, der so viele Menschen durch sein beispielhaftes Leben und durch seine brennende Verkündigung zu Jesus geführt hat. Helfen wir mit an der geistigen Fruchtbarkeit der Kirche als eine einzige geistige Familie!

Ihre Magstrauss