Mittwoch der dritten Adventswoche (A)

Jer 23,5-8; Ps 72,1-2.12-13.18-19; Mt 1,18-24

Jer 23
5 Siehe, Tage kommen – Spruch des HERRN – , da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln und Recht und Gerechtigkeit üben im Land. 
6 In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, Israel kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Der HERR ist unsere Gerechtigkeit. 
7 Darum siehe, Tage kommen – Spruch des HERRN – , da sagt man nicht mehr: So wahr der HERR lebt, der die Söhne Israels aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat!, 
8 sondern: So wahr der HERR lebt, der die Nachkommen des Hauses Israel aus dem Nordland und aus allen Ländern, in die er sie verstoßen hatte, heraufgeführt und zurückgebracht hat! Dann werden sie auf ihrem eigenen Boden wohnen.

Die heutige Lesung aus dem Buch Jeremia ist eine weitere Prophezeiung eines davidischen Herrschers, der ganz Israel retten wird. Diese schließt sich insbesondere an die gestrigen Lesungen an, in denen bereits der sterbende Jakob ähnliches verheißen hat. Im Hebräischen steht ein Partizip für „kommen“. Das impliziert immer einen anhaltenden Zustand. Gott wird nicht kommen, er ist schon dabei, es zu tun! Partizipien werden immer gebraucht, um eine gewisse Zeitlosigkeit/übergreifende Zeitlichkeit auszudrücken. So wird das Kommen auf die Zukunft ausgeweitet. Was hier also verheißen wird, ist auf die Zukunft bezogen. Gott wird einen Spross erwecken, das heißt einen Nachkommen. Wir denken an dieser Stelle an den Stammbaum Jesu Christi des gestrigen Evangeliums.
Es wird ein König verheißen, der wirklich gerecht sein wird. Bei Jeremia geht es wörtlich-historisch um einen irdischen Herrscher, der Israel aus dem Nordland in die Heimat zurückführen wird, also politisch gerecht handeln wird. Er hat jahrelang den Untergang Jerusalems vorhergesagt, was dann mit der babylonischen Herrschaft eintrat. Umso bemerkenswerter ist es, dass er gleichzeitig zu seiner Untergangsprophetie die Trostbotschaft verbreitete, dass Gott sein Volk mit einem gerechten König retten wird. Das kommt in Vers 6 besonders zum Ausdruck, wo mit dem Verb תִּוָּשַׁ֣ע  tivascha „sie (Jerusalem) wird gerettet werden“ diese Befreiung prophezeit wird. Dabei haben wir wieder dieselbe Wurzel wie im Namen Jesu, also für uns ein messianisches Signal! Es handelt um mehr als nur um die Ankündigung eines gerechten Herrschers. Man denkt vor allem an den Perserkönig Kyros, über den wir in den letzten Wochen öfters gelesen haben. Dass es aber eben nicht auf ihn anspielt, oder zumindest nicht nur, sehen wir an dem Anfang der Lesung: Es soll ja ein Nachkomme Davids sein und nicht ein Perser! Es wird nicht nur ein Israelit, nicht nur jemand aus dem Stamm Juda sein, sondern sogar Davidide! Die Angabe ist schon sehr spezifisch und weist für uns auf den Messias hin. Der Angekündigte wird weise und gerecht handeln, was die Eigenschaften Salomos sind und auch von Jesus werden wir die Weisheit in Person lesen und davon, dass der Menschensohn gerechtes Gericht ausüben wird am Ende der Zeiten. Hier wird Jesus angekündigt! Er wird das Volk befreien – das Volk Gottes aus der Knechtschaft der Sünde. Er ist es, der uns aus unserem sündhaften Zustand in den Stand der Gnade zurückholt und er ist es, der uns aus der Knechtschaft der Welt ins Himmelreich holt.
Der entscheidende Unterschied wird sein: Jesus als Retter, wie sein Name schon verrät, wird nicht politisch retten und das Wohnen in Sicherheit bezieht sich nicht auf das irdische Dasein.
Wörtlich-historisch wird deutlich, dass mit dem befreienden König Gott selbst an den Israeliten handeln wird. Bei Jeremia lesen wir ein wichtiges Verständnis von Geschichte: Sie wiederholt sich und deshalb setzt er den Exodus aus Ägypten typologisch mit dem Auszug des Volkes Israel aus dem babylonischen Exil in Verbindung! Im NT wird eine weitere typologische Brücke dazu gezogen, wenn z.B. Paulus in Röm 6 Jesu Erlösungstat als Befreiung aus der Sklaverei der Sünde bezeichnet und in Joh 8 Jesus selbst so etwas sagt.
Und wie nach dem Auszug aus Ägypten die umstehenden Völker den Gott Israels aufgrund dieser spektakulären Heilstat anerkannten, wird dies auch mit der Befreiung aus dem Exil so sein. Wir erweitern die Typologie bis zu Jesus und können nach 2000 Jahren Kirchengeschichte wirklich bestätigen: Durch Gottes große Heilstaten, die allen Menschen offenbar werden, erkennen immer wieder Menschen der „Völker“ Christus an (das ist der Begriff für die Nichtjuden und in diesem Fall jetzt der Nichtchristen). Sie lassen sich von seiner Liebe berühren und werden durch die Taufe zu Erben seines Reiches. Auch in unserem Leben handelt Gott mit großen Heilstaten, sodass andere Menschen durch uns zum Glauben an ihn kommen. Am Ende der Zeiten werden alle Gott anerkennen, wenn er seine große Macht und Herrlichkeit entschleiern wird.
Es war für die Israeliten ein großer Trost, zu hören, dass sie auf eigenem Boden leben werden. Dieser Boden ist das verheißene Land, in dem Milch und Honig fließen und auf dem sie Gott opfern können im Tempel. Diese Verheißung ist auch weiter zu lesen als messianische Verheißung: Jesus wird kommen und das Reich Gottes verkündigen. Er wird sagen: „Selig die Sanftmütigen, denn sie werden das Land erben.“ Es handelt sich um ein Land, das nicht von dieser Welt ist und doch sakramental, nämlich durch die Kirche schon vorweggenommen wird, der Gemeinschaft der Gläubigen. Dann ist das schon ein eschatologisches Heimatgefühl, das doch vorübergehend ist. In einem Kirchenlied, das oft bei Beerdigungen gesungen wird, heißt es nicht umsonst: „Wir sind nur Gast auf Erden und wandern ohne Ruh‘ mit mancherlei Beschwerden der ewigen Heimat zu.“ Das zu erbende Land ist das himmlische Jerusalem am Ende der Zeiten.
Diese Rettung und das Ziel des Lebens in dieser Heimat beginnt mit der Menschwerdung Gottes. Deshalb können wir uns heute über diese Lesung eine Woche vor Weihnachten ganz besonders freuen! Bald kommt der König, der weiser und gerechter ist als alle irdischen Könige zusammen.

Ps 72
1 Für Salomo. Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten. 
2 Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden durch rechtes Urteil. 
12 Ja, er befreie den Armen, der um Hilfe schreit, den Elenden und den, der keinen Helfer hat. 
13 Er habe Mitleid mit dem Geringen und Armen, er rette das Leben der Armen.  18 Gepriesen sei der HERR, der Gott Israels! Er allein tut Wunder. 
19 Gepriesen sei der Name seiner Herrlichkeit auf ewig! Die ganze Erde sei erfüllt von seiner Herrlichkeit. Amen, ja amen.

Dieser Psalm begegnet uns schon zum dritten Mal in diesem Kirchenjahr, weil er DER Psalm des erwarteten davidischen Messias ist. Zunächst passt er wörtlich-historisch zu der Lesung. Dort wird ein Nachkomme Davids verheißen, der als König das Volk Israel gerecht regieren und aus der Knechtschaft befreien wird. Hier lesen wir nun die Bitte Davids und Salomos um die Fähigkeit des gerechten Waltens. Durch den Psalm lernen wir heute, dass es sich um eine Gottesgabe handelt, wenn ein König gerecht ist.
Die Bitte Davids für seinen Nachfolger Salomo umfasst neben der Gabe, gerecht und solidarisch zu herrschen, in allem die Option für die Armen zu treffen.
Wir erkennen erneut die typologische Brücke zu dem neuen Salomo Jesus. Er ist tatsächlich gerecht. Er ist immer solidarisch mit den Randständigen, sehr zum Unmut der religiösen Elite seiner Zeit. Und das Entscheidende: Er ist es, der das Leben der Armen rettet. Sein Name ist Programm („Jahwe rettet“). Er rettet unser ewiges Leben, in dem er uns alle von der Erbsünde befreit und die ewige Heimat ermöglicht. Die Armut ist in dem Fall dann der Zustand der Sünde. So rettet Jesus das Leben jedes Einzelnen, der in Todsünde lebt. Er wird uns retten von den Leiden dieser Welt, wenn er wiederkommt am Ende der Zeiten.
David preist Gott für seine Wunder. Er hat das Heil für uns alle bereit. Er ist unendlich gut und verdient unser Lob zu aller Zeit.
Interessant ist der Schluss des Psalms: Die ganze Erde soll mit seiner Herrlichkeit erfüllt sein. Diese Sehnsucht ist jüdisch gesehen unerhört. Die Herrlichkeit Gottes wohnt nämlich im Tempel. Der Wunsch der Ausweitung auf die ganze Welt kommt daher, dass der Tempel Gottes ja zerstört werden wird, sodass Gott örtlich nicht mehr fassbar wird. Umso mehr entwickelt sich eine solche Sehnsucht im Exil. Mit Jesus wird dies Realität. Gott ist natürlich omnipräsent und deshalb überall. Aber durch die Eucharistie wird Gottes Herrlichkeit auch physisch und örtlich gebunden – in jedem Tabernakel der Kirche, in jeder Hl. Messe! Nicht mehr nur der Hohepriester einmal im Jahr hat das Privileg, das Allerheiligste aufzusuchen, sondern jeder Christ – zu jeder beliebigen Zeit! Umso trauriger, dass der Herr in vielen Kirchen alleine bleibt. Gott erweist uns so eine große Gnade, so ein Privileg, doch wir nehmen es nicht in Anspruch. Erfüllt ist die ganze Erde mit dem Hl. Geist, den Jesus uns vom Vater gesandt hat am Pfingsttag. Dieser Geist weht, wo er will, nicht nur im Hause Israels. Das ist eine Erfüllung des Wunsches von Ps 72.

Mt 1
18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes. 
19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen. 
20 Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist. 
21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen. 
22 Dies alles ist geschehen, damit sich erfüllte, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: 
23 Siehe: Die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und sie werden ihm den Namen Immanuel geben, das heißt übersetzt: Gott mit uns. 
24 Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Das heutige Evangelium ist die Fortsetzung des gestrigen. Im Anschluss an den Stammbaum hören wir jetzt von der Geburt des Messias. Das Matthäusevangelium berichtet sie vor allem aus Sicht des Josef. Dies macht absolut Sinn, wenn wir uns an den Stammbaum erinnern. Juden denken bei der Weitergabe des Lebens und des eigenen Blutes patrilinear, also väterorientiert. Wenn es also um die Geburt eines Kindes geht, macht es Sinn, dass dieses Evangelium die Vaterperspektive betont. Wir lesen in dem heutigen Evangelium auch wieder solche Formulierungen, die die biologische Vaterschaft Josefs ausschließen: „Maria, seine Mutter“ ist eine Andeutung solcher Art, die im Stammbaum durch das Auslassen des Satzes „Josef zeugte den Jesus“ und den Verweis auf seine Frau Maria ausgedrückt worden ist. Dies wird noch viel eindeutiger im weiteren Verlauf des Evangeliums, wo immer wieder „das Kind und seine Mutter“ gesagt wird, nicht „Josefs Sohn“ (z.B. in Mt 2,13-14) – in einem Evangelium, das eigentlich sehr patrilinear orientiert ist! Das fällt auf.
Josef ist ein gerechter Mann. Gott hat sich etwas dabei gedacht, ausgerechnet diesen Menschen als Ziehvater seines Sohnes vorzubereiten. Josef wollte seine Frau nicht bloßstellen – denn erstens war Maria vor der Ehe schwanger geworden und zweitens als geweihte Jungfrau! Um ihre Ehre zu bewahren, möchte er sich von ihr trennen. Wir verstehen seine noble Tat erst, wenn wir die jüdischen Gesetze kennen:
Wenn ein unberührtes Mädchen, das einem Mann versprochen ist, von einem anderen Mann schwanger wird, sollen der andere Mann sowie die Frau gesteinigt werden (Dtn 22,23f.). Dem Betrogenen wird keine Schuld zugeschrieben. Warum will sich Josef dann von ihr trennen? Josefs Gerechtigkeit ist eine größere als die der buchstabentreuen Juden seiner Zeit. Er denkt keinen Moment daran, das mosaische Gesetz auszuführen, sondern er überlegt, die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Indem er sich nämlich in aller Stille von ihr getrennt hätte, hätte es nach außen hin so ausgesehen, als hätte er sie verlassen, nachdem er mit ihr ein Kind gezeugt hatte. So hätte sie als „Verführte“ und „Verlassene“ keine Schuld getroffen. Er wäre bestraft, Marias Leben und das des Kindes aber gerettet worden. DAS meine Lieben, ist ein würdiger Ziehvater, den sich Gott auserwählt hat. Er hat seine Gerechtigkeit schon vor der Geburt des Gotteskindes unter Beweis gestellt und das alles, noch bevor er von Gottes Plan gehört hat!
Er handelt dann doch anders, als ihm im Traum ein Engel des Herrn den Heilsplan Gottes offenbart hat. Bei den Worten des Engels ist sehr auffällig, dass er Josef „Sohn Davids“ nennt. Die jüdischen Hörer dieses Evangeliums werden eins und eins zusammengezählt haben. Das Kind, das in die Welt kommen soll, erhält auf Erden einen davidischen Vater. Somit erfüllen sich die messianischen Verheißungen der Hl. Schriften. Dieser Messias wird von einem davidischen Vater erzogen werden, der selbst ein gerechter Mann ist. So wird der Messias selbst gerecht sein, als Gott durch die göttliche Eigenschaft der Gerechtigkeit, als Mensch dank Josef und seiner Tugend der Gerechtigkeit.
Das Kind ist vom Hl. Geist, aber Josef soll es benennen. Damit wird deutlich, dass er es als sein Kind großziehen soll.
Der Engel gibt ihm auch den Namen vor und erklärt dessen Bedeutung: Dieses Kind wird das Volk von seinen Sünden erlösen. Das ist eine Verheißung, die immer und immer wieder im AT verheißen wird. Damit wird dem frommen Juden Josef klar: Das Kind ist der Messias und muss deshalb Jesus heißen.
Daraufhin wird die Erfüllung der Verheißung noch durch ein Jesajazitat verdeutlicht, das wir in der Adventszeit bereits gehört haben. Die Jungfrau wird ein Kind empfangen…Die frommen Juden, die dieses Evangelium gehört haben, verstanden spätestens jetzt, was für ein Kind hier geboren wird.

Lassen wir uns heute berühren von Gottes großen Heilstaten. Er hat das lange jahrhundertelange Schreien seines auserwählten Volkes erhört und wie verheißen als davidisches Kind in dieser Welt Mensch geworden. Er hat für die Umsetzung seines Heilsplans sowohl die Jungfrau bereitet als auch den gerechten Mann, der sie mit allen Mitteln beschützt. Diese Familie ist besonders. Sie ist eine geistige Familie, da alles Biologische, was im Judentum sonst üblich ist, hier komplett entfällt. Danken wir heute besonders dem Hl. Josef, der so wunderbar gehandelt hat. Sonst wäre Jesus nicht in diese Welt gekommen, dessen Leben schon von Anfang an bedroht gewesen ist. Wir können wirklich viel von ihm lernen, besonders für unsere eigenen Familien. Hl. Josef erbitte du uns die Gnade, so selbstlos wie du in unseren Familien zu leben, mit derselben Hingabe und demselben Gerechtigkeitssinn. Wir bitten dich um deine Fürsprache, dass alle Männer so nobel und respektvoll mit ihrer Frau umgehen wie du es getan hast. Das erbitten wir durch Christus, unseren Herrn, Amen.

Überdenken wir heute besonders unsere Rolle in der Familie und nehmen wir uns in der letzten Woche vor Weihnachten vor, das Familienleben zu erneuern.

Ihre Magstrauss

Dienstag der dritten Adventswoche (A)

Gen 49,2.8-10; Ps 72,1-4.7-8.17; Mt 1,1-17

Gen 49
2 Kommt zusammen und hört, ihr Söhne Jakobs, hört auf Israel, euren Vater!
8 Juda, dir jubeln die Brüder zu, deine Hand hast du am Genick deiner Feinde. Deines Vaters Söhne werfen sich vor dir nieder. 
9 Ein junger Löwe ist Juda. Vom Raub, mein Sohn, stiegst du auf. Er kauert, liegt da wie ein Löwe, wie eine Löwin. Wer bringt sie zum Aufstehen?
10 Nie weicht von Juda das Zepter, der Herrscherstab von seinen Füßen, bis Schilo kommt, dem der Gehorsam der Völker gebührt.

Wir hören heute in der Lesung von dem Segen Jakobs vor seinem Tod. Er richtet sich an jeden Sohn mit einer Botschaft. Heute hören wir die letzten Worte, die er zu seinem Sohn Juda gesprochen hat. Warum? Weil der Messias aus dem Stamm Juda kommen wird und deshalb diese letzten Worte Jakobs prophetisch sind. Juda hat unter den Brüdern eine überragende Bedeutung („dir jubeln die Brüder zu“, „deines Vaters Söhne werfen sich vor dir nieder“). Das Verb יִשְׁתַּחֲוּ֥וּ jischtachavu ist eine Zukunftsform und mit „sie werden niederfallen“ zu übersetzen. Das Bemerkenswerte an dem Wort ist die Doppeldeutigkeit: Es kann ein Niederfallen vor einem Herrscher meinen oder das kultische Niederfallen, die Anbetung! Das lässt schon die verschiedenen Schriftsinne erahnen, die wir in diesem Vers sehen: Jakob spricht nicht von Juda selbst, sondern von seinem Nachkommen. Wörtlich historisch gelesen denkt man an einen Herrscher aus dem Stamm Juda, der Herrscher über alle Stämme sein wird. Er wird alle Feinde besiegen und Israel dadurch beschützen. Es kristallisiert sich ein bestimmter Herrscher heraus, nämlich David. Er ist wahrlich ein junger Löwe, denn er ist in jungen Jahren zum König gesalbt worden (1 Sam 16).
Die nächste Aussage ist vielleicht nicht ganz verständlich, hat aber zunächst mit dem Verhalten von Löwen zu tun, das die Israeliten damals beobachteten: Die Junglöwen gingen in die Berge, um sich dort ihre Beute zu holen. Dort lebten sie eine kurze Zeit, nachdem sie genug erbeutet haben. Dieses Verhalten hat sich mit den Kriegszügen Davids erfüllt, der um sich herum die ganzen Völker besiegte und sein Herrschaftsgebiet zu einem Großreich machte. So konnte er sich zur Ruhe setzen wie die Junglöwen in den Bergen, in seinem Fall im judäischen Bergland. Auch der nächste Satz und die sich anschließende Frage sind erklärbar von Tierbeobachtungen: Löwen zu stören (wer bringt sie zum Aufstehen), die sich zur Ruhe setzen, ist das Gefährlichste, das man tun kann. König David hat sich nach all seinen Siegen zu einem mächtigen Herrscher entwickelt. Besonders eindrücklich ist dies jedoch in der salomonischen Herrschaft. Andere Herrscher erkennen dies an, so z.B. auch die Königin von Saba. Sich mit so einem mächtigen König anzulegen, ist vergleichbar gefährlich wie einen schlafenden Löwen zu wecken. Die Metapher des Löwen ist also für die angekündigte davidische Dynastie sehr angemessen. Wir denken über diese wörtliche Dimension hinaus und sehen hier eine messianische Aussage, die sich mit Jesus erfüllt hat. Jesus ist Sohn Davids, er kommt aus dem Stamm Juda und sein Reich wird das größte aller Zeiten sein. Es ist jetzt schon angebrochen und ist die Kirche. Noch ist es nicht vollendet, denn die Feinde sind noch nicht endgültig besiegt. Dies werden wir erst in Offb 19-20 lesen. Bis dahin tragen wir innerhalb und außerhalb der Kirche noch viele Kämpfe aus. Und doch ist Christus bei uns, um uns zu schützen. Jesus ist der Löwe von Juda, wie er in Offb 5 bezeichnet wird. Er hat durch sein Erlösungswirken die Feinde schon entmachtet und sich auf den Berg zurückgezogen – ein Bild für sein Heimgehen zum Vater. Wenn er wiederkommen wird, dann als verherrlichter Menschensohn in seiner ganzen Macht. Dann Gnade denen, die seine Feinde sind! Er wird dann kommen, um zu herrschen in seinem Reich, das nicht von dieser Welt ist. Diese Welt wird es dann nämlich so nicht mehr geben. Wenn es dann im letzten Vers heißt „nie weicht von Juda das Zepter“, dann erfüllt sich das mit der ewigen Herrschaft Gottes, von dem wir im „großen“ Glaubensbekenntnis bekennen: „Seiner Herrschaft wird kein Ende sein“. Der Löwe von Juda lebt auch in unserem Herzen. Wir empfangen ihn immer wieder in der Kommunion. Wo wir seine Gebote erfüllen, erkennen wir seine Herrschaft an, auch in unserer Seele. Auch wenn wir in unserem Leben seine Gegenwart manchmal nicht so sehr spüren, als ob er schläft, ist er dennoch da. Nach Zeiten der seelischen Trockenheit, die wir geduldig ausgehalten haben, kommen Zeiten, in denen er umso mächtiger und offensichtlicher in unserem Leben Einzug hält. So auch in der Kirche. Es gibt Zeiten, in denen er weit weg zu sein scheint und die Feinde die Überhand nehmen. Dem Himmelreich scheint unendlich viel Gewalt angetan zu werden, wie wir vor Tagen gehört haben. Aber es wird auch jetzt schon auf Erden zur Erneuerung der Kirche kommen. Dann werden wir merken, dass der Herr die ganze Zeit da war und uns nie verlassen hat!

Ps 72
1 Für Salomo. Verleih dein Richteramt, o Gott, dem König, dem Königssohn gib dein gerechtes Walten. 

2 Er regiere dein Volk in Gerechtigkeit und deine Elenden durch rechtes Urteil. 
3 Dann tragen die Berge Frieden für das Volk und die Hügel Gerechtigkeit. 
4 Er schaffe Recht den Elenden des Volks, er rette die Kinder der Armen, er zermalme die Unterdrücker.
7 In seinen Tagen sprosse der Gerechte und Fülle des Friedens, bis der Mond nicht mehr da ist. 
8 Er herrsche von Meer zu Meer, vom Strom bis an die Enden der Erde. 
17 Sein Name soll ewig bestehen, solange die Sonne bleibt, sprosse sein Name. Mit ihm wird man sich segnen, ihn werden seligpreisen alle Völker.

In Ps 72 bittet Salomo, der Königssohn, um Gottes Gerechtigkeit und Rechtssprüche. Die davididische Bedeutung der Metapher „Löwe von Juda“ wird hier im Psalm also weitergeführt. König und Königssohn, David und Salomo, zeigen zunächst konkrete irdische Bitten: gerechtes Walten durch rechtes Urteil, die Kinder der Armen retten, die Unterdrücker zermalmen. Darüber hinaus kann man diese aber auch messianisch deuten: „Rechtssprüche“, was die Einheitsübersetzung hier mit“rechtes Urteil“ übersetzt, werden im NT z.B. in Offb (dikaiomata) für Gott verwendet. Es geht also um göttliches Gericht. Dieses ist immer gerecht und verschafft denen Gerechtigkeit, die sonst keine erfahren: Armen, Fremden, Witwen, Waisen. Die Gerechtigkeit ist dann bezüglich dem Königssohn typologisch auf Jesus als den neuen Salomo bezogen. Jesus verschafft in seiner Verkündigungszeit unzähligen „Armen“ Gerechtigkeit und erntet dafür viel Unzufriedenheit derer, die ihr bequemes egoistisches Leben gefährdet sehen. Wenn Jesus an den Rand gedrängte Menschen wieder in die Mitte der Gesellschaft holt wie die blutflüssige Frau, die Aussätzigen, die Blinden, Verkrüppelten etc., dann sind das Zeichen seiner bereits jetzt bestehenden Herrschaft als Königssohn. Und dies ist ekklesiologisch weitergedacht schon jetzt mit der Kirche gegeben. Wo die Kirche in Christi Nachfolge handelt, herrscht Christus auch jetzt in der Welt. Dies betrifft auch jeden einzelnen Christen. Wo ich ihm mein Ruder über mein Leben, meine Entscheidungen und mein Handeln überlasse, herrscht er in meinem Leben. Dies alles wird sich aber erst in der Ewigkeit vollenden. Dann werden alle Feinde besiegt sein und zusammen mit Gott wird es einen ewigen Sabbat, ein ewiges zur Ruhe Setzen geben.
Der Wunsch nach einem langen Leben deutet stark auf den Messias, da ein König ja nicht mehrere Generationen leben kann. Falls hier schon messianische Elemente zu sehen sind, wird der Mensch auf den Messias als ewig lebend vorbereitet.
Mit dem Messias wird die Fülle des Heils, also der Schalom verbunden. Der ewige Sabbat wird ein Zustand der ewigen Schalom sein. So verheißt es Vers 7. Das Herrschen von Meer zu Meer meint die Universalherrschaft des Königs. Auch das ist natürlich zuerst der Wunsch, dass der König ein großes Reich erhält, aber wörtlich ist dies für Israel ja unrealistisch. Das wird erst mit Gottes Königsherrschaft realisierbar.
Besonders messianisch ist dann der letzte Vers: Wir segnen einander mit dem Namen Jesu! Es ist der Segen des allmächtigen Gottes und deshalb angemessen. Dieser Segen bringt Heil und in Jesu Nachfolge wurden damals die messianischen Heilstaten bei den Aposteln weitergeführt und setzen sich bis heute fort. Dieser Segen wird zum ewigen Lobpreis im himmlischen Jerusalem, wo wir in Gottes Angesicht seine Größe preisen werden.

Mt 1
1 Buch des Ursprungs Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams:
2 Abraham zeugte den Isaak, Isaak zeugte den Jakob, Jakob zeugte den Juda und seine Brüder. 
3 Juda zeugte den Perez und den Serach mit der Tamar. Perez zeugte den Hezron, Hezron zeugte den Aram, 
4 Aram zeugte den Amminadab, Amminadab zeugte den Nachschon, Nachschon zeugte den Salmon. 
5 Salmon zeugte den Boas mit der Rahab. Boas zeugte den Obed mit der Rut. Obed zeugte den Isai, 
6 Isai zeugte David, den König. David zeugte den Salomo mit der Frau des Urija. 
7 Salomo zeugte den Rehabeam, Rehabeam zeugte den Abija, Abija zeugte den Asa, 
8 Asa zeugte den Joschafat, Joschafat zeugte den Joram, Joram zeugte den Usija. 
9 Usija zeugte den Jotam, Jotam zeugte den Ahas, Ahas zeugte den Hiskija, 
10 Hiskija zeugte den Manasse, Manasse zeugte den Amos, Amos zeugte den Joschija.
11 Joschija zeugte den Jojachin und seine Brüder; das war zur Zeit der Babylonischen Gefangenschaft. 
12 Nach der Babylonischen Gefangenschaft zeugte Jojachin den Schealtiël, Schealtiël zeugte den Serubbabel,
13 Serubbabel zeugte den Abihud, Abihud zeugte den Eljakim, Eljakim zeugte den Azor. 
14 Azor zeugte den Zadok, Zadok zeugte den Achim, Achim zeugte den Eliud, 
15 Eliud zeugte den Eleasar, Eleasar zeugte den Mattan, Mattan zeugte den Jakob. 
16 Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird. 
17 Im Ganzen sind es also von Abraham bis David vierzehn Generationen, von David bis zur Babylonischen Gefangenschaft vierzehn Generationen und von der Babylonischen Gefangenschaft bis zu Christus vierzehn Generationen.

Man mag sich fragen: Warum kommt denn jetzt so ein Evangelium? Wie sinnlos ist es denn, die ganzen Namen zu hören? Das ist alles andere als sinnlos. Es hängt mit dem zusammen, was wir in der Lesung gelesen haben und was der Psalm aufgegriffen hat. Jesus ist Sohn Davids. Hier wird seine Herkunft aus dem Stamm Juda und der Dynastie Davids herausgestellt. Die genealogische Zuschreibung einer Person ist für das jüdische Verständnis elementar. Aus dem Grund ist der Stammbaum zu Anfang des Matthäusevangeliums gerade für jüdische Ohren ein Zugang zu Jesus Christus. Das gesamte Evangelium ist davon geprägt, dass die messianischen Verheißungen mit Jesus erfüllt werden.
Jesus wird zurückgeführt bis zu Abraham, weil er nicht nur als Sohn Davids, sondern auch Abrahams bezeichnet wird. Daraufhin folgen drei Blöcke mit jeweils vierzehn Generationen. Dies wird am Ende des Evangeliums auch explizit erklärt. Der kundige Jude weiß nämlich, dass die Zahl vierzehn die Zahl des hebräischen Namens David ist. Die hebräische Sprache kennt pro Buchstabe einen Zahlenwert. Addiert man die Buchstaben des Namens דוד David ergibt es die Zahl vierzehn. Der ganze Stammbaum Jesu ist also ein Zeugnis für seine messianische Identität!
Dieser Stammbaum ist ein jüdischer. Das merkt man auch an der Verwendung des Verbs „zeugen“. Die Zeugung und somit biologische Weitergabe der eigenen Identität ist nach jüdischem Verständnis entscheidend. Es geht sogar so weit, dass wenn ein Jude starb, bevor er mit seiner Frau einen Sohn bekam, dessen Bruder mit der Verwitweten „stellvertretend“ für seinen Bruder ein Kind zeugte. So wurde das gleiche Blut weitergegeben. Dies nennt man Leviratsehe. Die Juden erwarteten also auch einen Messias, der davidisches Blut in sich trug. Mit der Menschwerdung Jesu wurde diese Verheißung erfüllt. Über seine Mutter, die nicht nur aus dem Stamm Juda stammte, sondern auch Davididin war, bekam er das verheißene Blut.
Warum wird der Stammbaum aber bis zu seinem Ziehvater Josef gezogen und nicht bis zu Maria, seiner Mutter? Das hat damit zu tun, dass nach jüdischem Verständnis die Genealogie patrilinear ist, also vaterorientiert. Jesu Vater ist aber in diesem Fall nicht menschlich! Josef als Ziehvater konnte hier genannt werden, weil er ebenfalls wie Maria Davidide und der Vormund Jesu war. Dass Josef aber nicht der Vater Jesu ist, sehen wir an der Bemerkung „den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren.“ Gemäß patrilinearem Verständnis hätte man sich diese Bemerkung sparen und wie zuvor in der Aufzählung sagen können: „Josef zeugte den Jesus.“ Es ist eine Besonderheit und vielleicht auch Ungeheuerlichkeit aus jüdischer Sicht.

Was wir durch die heutigen Lesungen lernen, ist die davidische Identität Jesu. Er ist Sohn Davids. Er ist aus dem Stamm Juda und der König der Könige. Vor ihm fallen alle nieder und am Ende der Zeiten wird jedes Auge ihn sehen. Dann wird seine königliche Herrschaft für alle sichtbar, auch für die, die ihn nicht annahmen und hinrichteten. Sein Königreich ist nicht von dieser Welt, deshalb ist in seinem Fall alles anders. Er lässt sich nicht einfügen in die Patrilinearität der Juden, er wird nicht in einem Palast geboren, er lebt nicht in Prunk und Reichtum. Er lässt sich keiner religiösen Gruppe seiner Zeit zuordnen und ganz besonders schlimm für seine Zeitgenossen: Er ist total unpolitisch. Alles, was er über sein Reich und seine Herrschaft sagt, ist unscheinbar, unerwartet und unattraktiv. Aber so wird er auch herrschen: Es wird ein Dienen sein und die Gesetze werden anders als die menschlichen sein. Die Ersten werden die Letzten sein und die Letzten die Ersten. Es wird Gericht geben und die ganze Welt wird erst einmal untergehen. Seine Waffen und seine Armee, die für ihn kämpft, sind geistig. Die Menschen, denen er sein Reich verkündet, sollen geistig sein. Diese Art von Messias ist der Sohn Davids. So ist auch die neue Schöpfung eine geistige.

Bald ist Weihnachten und dann werden wir vom ärmlichen Stall in Bethlehem hören, von den Hirten, die als erste Zeugen der Menschwerdung Gottes sehen (neben der Hl. Familie versteht sich). Das ist übrigens auch kein Zufall. David war Hirte, bevor er zum König gesalbt worden ist! Der Messias wird selber auch zum Hirten und sagt dies auch über sich. Er ist aber zugleich das Lamm, das im Stall geboren wird und am Ende geopfert wird für die Versöhnung der ganzen Welt! Lassen wir uns heute schon und umso mehr zu Weihnachten berühren von seiner davidischen Abstammung und zugleich seiner ganz anderen unerwarteten Königsherrschaft. Wie der König der Könige, der Weltenherrscher sich die Freiheit nimmt, auf all den Prunk zu verzichten und an einem heruntergekommenen Ort, der für Juden auch noch absolut unrein ist, geboren zu werden.

Ihre Magstrauss

Montag der dritten Adventswoche (A)

Num 24,2-7.15-17a; Ps 25,4-9; Mt 21,23-27

Num 24
2 Als Bileam aufblickte, sah er Israel im Lager, nach Stämmen geordnet. Da kam der Geist Gottes über ihn, 
3 er begann mit seinem Orakelspruch und sagte: Spruch Bileams, des Sohnes Beors, Spruch des Mannes mit geöffnetem Auge, 
4 Spruch dessen, der Gottesworte hört, der eine Vision des Allmächtigen sieht, der niedersinkt mit entschleierten Augen: 
5 Jakob, wie schön sind deine Zelte, deine Wohnungen, Israel! 
6 Wie Bachtäler ziehen sie sich hin, wie Gärten an einem Strom, wie Aloebäume, vom HERRN gepflanzt, wie Zedern am Wasser. 
7 Von seinen Schöpfeimern rinnt das Wasser, reichlich Wasser hat seine Saat. Sein König möge Agag überlegen sein und seine Königsherrschaft sich erheben.
15 Und er begann mit seinem Orakelspruch und sagte: Spruch Bileams, des Sohnes Beors, Spruch des Mannes mit geöffnetem Auge, 
16 Spruch dessen, der Gottesworte hört und die Kunde des Höchsten kennt, der eine Vision des Allmächtigen sieht, der niedersinkt mit entschleierten Augen:
17 Ich sehe ihn, aber nicht jetzt, ich erblicke ihn, aber nicht in der Nähe: Ein Stern geht in Jakob auf, ein Zepter erhebt sich in Israel. Er zerschlägt Moab die Schläfen und allen Söhnen Sets den Schädel.

Wir haben in der Lesung gestern gehört, dass Gott seinen Hl. Geist schon im AT ausgegossen hat und in Zukunft auf ganz umfassende Weise ausgießen wird. Dies wird z.B. dort erfahrbar, wo in seinem Namen Propheten auftreten. Heute hören wir ein wunderbares Beispiel dafür: Bileam ist ein nichtisraelitischer Prophet, in Jos 13 allerdings als Wahrsager bezeichnet. Er erkennt Jahwe als seinen persönlichen Gott an und wird deshalb von seinem Geist erfüllt. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass Gottes Geist weht, wo er will und auch im AT schon außerhalb des Volkes Israel wirkt. Bileam wird vom moabitischen König Balak beauftragt, Israel zu verfluchen. Gottes Hand ist aber auf dem Volk. Kein Fluch kann etwas anrichten. Bileam kann es nicht einmal versuchen. Stattdessen wird ihm immer nur Segen von Gott eingegeben. Es heißt, dass der Geist Gottes auf Bileam kommt. Sogar so jemand wie Bileam, der zu etwas Bösem beauftragt wird, wird zum Werkzeug des Heils. Letztendlich läuft alles auf den Heilsplan Gottes hinaus, auch wenn die Gegenspieler es noch so sehr versuchen, zu vereiteln. Wir müssen bedenken, dass hinter dem Auftrag König Balaks eigentlich die alte Schlange, der Satan steckt. Er ist der Gegenspieler Gottes, der zu allen Zeiten versucht, sich gegen Gott aufzulehnen. Er bedient sich verschiedener Menschen, verkleidet sich in immer neuem Gewand und doch ist es immer derselbe Versuch, Gottes Heil zu zerstören. Es ist dieselbe Feindschaft, die in Gen 3 bereits angekündigt wird – die Feinschaft zwischen der Schlange und den Nachkommen der Frau – Israel. Aber es bringt alles nichts. Gott ist immer stärker und wird am Ende siegen. So ist es auch mit der Kirche, dem neuen Israel. Die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen. Denn sie ist von Christus gestiftet worden, der selbst von den Toten auferstanden ist. Der Satan hat gerade in diesem Fall verloren. Jesus blieb nicht im Tod, sondern besiegte ihn. Und wenn jeder einzelne Mensch ständig kämpfen muss, um nicht in Sünde zu fallen, ist das ein vorübergehender Kampf. Am Ende wird Gott siegen, mit dessen Hilfe wir die Sünde überwinden können. Wenn wir wirklich kämpfen und die Waffen Gottes dabei verwenden, wird unsere Seele nicht verloren gehen. Und am Ende der Zeiten wird die Feindschaft den Höhepunkt erreichen. Dann wird es zu einer großen Schlacht kommen, die aber kein Kampf mehr sein wird, sondern ein Abrechnen Gottes mit dem Bösen. Im Nu wird er den Satan mit seinem Heer und sogar den Tod vernichten. Dann wird er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, in der es nichts Böses und deshalb keinen Kampf mehr geben wird.
Bileam versucht, Israel zu verfluchen, aber es klappt nicht. Gott erfüllt ihn und auch dessen Mund kommt stattdessen ein Segen. Dabei ist bemerkenswert, dass das Volk Israel wieder mit Wassermetaphern umschrieben wird. Das ist ein Zeugnis für diejenigen, die es hören. Sie sollen begreifen: Israel sitzt an der Quelle, die Gott ist. Wir denken hier wieder an den Hl. Geist und führen es weiter auf die Kirche. Sie ist der Ort der Quelle, weil in ihrer Mitte Gott Materie annimmt in der Eucharistie, weil Gott leibhaftig da ist und weil der Geist Gottes in ihr lebt und wirkt. Alles begann mit dem Pfingstereignis und es ist ein viel umfassenderes Wirken als im AT. Dort wirkt der Geist an vereinzelten Menschen.Gott gibt Bileam daraufhin einen Orakelspruch ein, der es in sich hat. Er sieht einen aufgehenden Stern in Jakob, ein Zepter in Israel, aber nicht jetzt. Es geht also um etwas, das sich in weiterer Zukunft ereignen wird. Liest man vor allem das Zerschlagen der Schläfen Moabs, kommt einem eine politische Figur in den Sinn, die die Moabiter besiegen wird, ebenso die Söhne Sets. Dies ist eine Verheißung für Israel, in Zukunft politisch stark zu sein und sich gegenüber der Fremdvölker zu behaupten. Zugleich lernen wir aus dieser Erzählung, dass der Fluch, den wir aussenden, auf uns zurückfallen wird (die Schläfe Moabs wird getroffen!). Die Israeliten werden diesen Stern womöglich mit König David erfüllt gesehen haben. Wir lesen es aber über diese irdische Herrschaft hinaus messianisch. Mitten in die Intrige hinein wirkt Gott mit der messianischen Verheißung eines aufgehenden Sterns in Jakob. Dies ist einerseits wörtlich zu verstehen – es geht tatsächlich ein Stern auf bzw. wird am Himmel sichtbar (Sterne sind ja Fixpunkte) und wird zum Wegweiser für die Magoi aus dem Osten, die auf diese Weise zum kleinen Kind nach Bethlehem geführt werden. Es ist aber auch im übertragenen Sinne zu verstehen: Der Messias ist selbst ein Stern, ein Wegweiser ins Reich Gottes. Jesus wird als Erwachsener selbst sagen: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich (Joh 14,6). Er wird für uns zum wegweisenden Stern bei der christlichen Lebensführung. Er hat erklärt, wie die Gebote Gottes richtig verstanden werden müssen. Jesus ist auch der Wegweiser für die Kirche. Wenn sie in seinem Namen verkündet, Liturgie feiert und caritativ tätig ist, wird sie nicht untergehen. Wenn sie die Sakramente nach seinem Stiftungswillen feiert, wird sie Frucht bringen und sich vermehren. Und am Ende der Zeiten werden wir duch diesen Stern in das Reich Gottes eingehen, in das himmlische Jerusalem. Die Zerschlagung Moabs ist der Böse, der entmachtet wird am Ende der Zeiten, als Verführer unserer Seelen und als Feind der Kirche.

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade! 
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
6 Gedenke deines Erbarmens, HERR, und der Taten deiner Gnade; denn sie bestehen seit Ewigkeit! 
7 Gedenke nicht meiner Jugendsünden und meiner Frevel! Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR, denn du bist gütig! 
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg. 
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg.

Der Psalm greift die Sternmetapher zwar nicht explizit auf, dafür aber implizit. „Zeige mir, HERR, deine Wege“ ist die Bitte, die Gott durch den aufgehenden Stern in Jakob erfüllen wird. Gott zeigt seine Wege, also seinen Plan durch die Propheten des AT und wird dies zeigen durch Jesus Christus, der der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Gott wird den hellen Stern zum Orientierungspunkt dieses Weges machen. Der Weg ist dann nicht nur sein Heilsplan, sondern auch der moralische Weg, die Weise, wie wir leben sollen. Dies wird Jesus erklären, insbesondere durch die Gleichnisse und die Bergpredigt. Es ist der Weg ins Himmelreich, ins ewige Leben.
Dass auch dieser Psalm messianisch zu lesen ist, sehen wir an der hebräischen Formulierung אֱלֹהֵ֣י יִשְׁעִ֑י elohe, jisch’i. Die Wurzel des Wortes „Heil“ ist dieselbe wie der Name Jesu. „Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist ein besonders intensiver Ausdruck messianischer Erwartung. Wir hoffen auch den ganzen Tag auf den Messias, insbesondere jetzt in diese Adventszeit. Ganz eindrücklich können wir es an den Kindern sehen, die es kaum abwarten können, dass endlich Weihnachten ist. Wir warten liturgisch auf das erste Warten des Messias, aber auch auf das zweite Kommen am Ende der Zeiten. Je drastischer die Weltsituation ist, desto lauter wird der Schrei nach dem Gott des Heils.
Mit der Erwartung Gottes kommt auch hier die Frage nach dem Zustand der Menschen auf: „Gedenke deines Erbarmens“ und „gedenke nicht meiner Jugendsünden“ zeigen das Verständnis auf, dass wenn Gott kommt, die Menschen vor ihm gut dastehen möchten. Das ist, was wir vor allem in dem gestrigen Abschnitt aus dem Jakobusbrief gelesen haben. In diesem fordert Jakobus die Christen auf, ein moralisch gutes Verhalten an den Tag zu legen, um mit reinem Herzen Gott zu begegnen. Auch hier ist der Wunsch spürbar, dass wenn Gott kommt, barmherzig mit den sündigen Menschen umgehen soll. So sollen auch wir beten und das tut die Kirche auch immer nach dem Vaterunser in der Hl. Messe: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke uns nach deinem Willen Einheit und Frieden.“ Das wird vor dem Kommen Jesu in der Kommunion gebetet, also bevor die Menschen ihn in ihr Herz aufnehmen. Es ist dieselbe Haltung wie die Davids in dem Psalm. Leben wir mit dieser Einstellung und tun wir von uns aus das Nötige, damit der HERR Glauben vorfindet, wenn er kommt – sowohl zu Weihnachten als auch am Ende der Zeiten.

Mt 21
23 Als er in den Tempel ging und dort lehrte, kamen die Hohepriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und fragten: In welcher Vollmacht tust du das und wer hat dir diese Vollmacht gegeben? 
24 Jesus antwortete und sprach zu ihnen: Auch ich will euch eine Frage stellen. Wenn ihr mir darauf antwortet, dann werde ich euch sagen, in welcher Vollmacht ich das tue. 
25 Woher stammte die Taufe des Johannes? Vom Himmel oder von den Menschen? Da überlegten sie und sagten zueinander: Wenn wir antworten: Vom Himmel!, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm dann nicht geglaubt? 
26 Wenn wir aber antworten: Von den Menschen!, dann müssen wir uns vor den Leuten fürchten; denn alle halten Johannes für einen Propheten. 
27 Darum antworteten sie Jesus: Wir wissen es nicht. Da erwiderte er: Dann sage auch ich euch nicht, in welcher Vollmacht ich das tue.

Heute hören wir wieder etwas von Johannes dem Täufer. Jesus bezieht sich auf ihn, als er mit der Frage konfrontiert wird, mit welcher Vollmacht er im Tempel lehre. Jesus ist manchmal sehr schlau und antwortet entweder mit Codes, Gleichnissen oder wie hier mit Gegenfragen.
Er würdigt im Nachhinein die Johannestaufe und weist in seinem Gespräch dieselben zurecht wie Johannes am Jordan. Jesus sagt zwar nicht „Schlangenbrut“ zu ihnen, aber liegt dennoch mit seiner Kritik auf einer Linie mit Johannes. Ich betone das an dieser Stelle deshalb, weil die Exegese die beiden gerne gegeneinander ausspielt. Das ist absolut unhaltbar.
Jesus macht einen Deal, der auf den ersten Blick riskant erscheint. Er verrät seine Vollmacht den Pharisäern und Schriftgelehrten nur, wenn sie die richtige Antwort auf seine Frage geben. So riskant ist das nicht, weil Jesus als Gott ihre Antwort erstens schon kennt und zweitens genau weiß, dass sie keine Antwort geben werden. Er verursacht absichtlich ein Dilemma, sodass er auch keine direkte Antwort geben muss. Dies hat unter anderem einen pragmatischen Grund: Würde er inmitten des Tempels sagen, dass er Gott ist, würde es sofort zu einer Verhaftung kommen. Er könnte dann nicht mehr zuende führen, was der Vater ihm aufgetragen hat. Jesu Verhalten dient den Umstehenden und auch uns Bibellesern immer zur Unterweisung. Er will uns dadurch etwas beibringen. In diesem Fall geht es darum, den Hörern der rhetorischen Frage zum Nachdenken zu bringen. Es ist insgesamt bemerkenswert, dass Jesus auf den schon verstorbenen Johannes Bezug nimmt, wenn es eigentlich um seine geht! Damit lehrt uns Jesus, dass sie beide in derselben Vollmacht aufgetreten sind. Dies ergibt deshalb Sinn, weil Jesus in den letzten Tagen schon angekündigt hat, dass ihn dasselbe Schicksal ereilen wird wie dem Täufer.
Das entstehende Dilemma – Johannes‘ Vollmacht anzuerkennen oder nicht, wird auch bei Jesu Tod und Auferstehung aufkommen. Durch Jesu Antwort werden die Menschen schon darauf vorbereitet, was mit ihm passieren wird und wie sie selbst in seine gegenwärtige Situation kommen werden. Man wird auch sie fragen: In welchem Namen tust du das? Wir lesen in der Apg von Heilstaten im Namen Jesu, bei denen die Aposteln sich vor dem Hohen Rat rechtfertigen müssen.
Jesus möchte mit dem Dilemma die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht bloßstellen oder niedermachen. Er will ihnen helfen, dass auch sie zum Glauben an ihn kommen. Er gibt ihnen die Chance, die Sünde zu bereuen, Johannes nicht geglaubt zu haben. Gott liebt jeden Menschen und kämpft um sein Herz. Er weiß, dass sie das in dem Moment nicht tun werden, aber der Same ist gelegt. Einzelne dieser Menschen werden sich zu ihm bekennen und auch im Nachhinein Johannes anerkennen. Wir lesen z.B. davon, dass Jesus bei einem Pharisäer zum Essen eingeladen wird. Wir hören in der Apg dann von der Bekehrung des eifrigsten Pharisäers Paulus, der die Christen verfolgt hatte.

Machen wir uns heute Gedanken darüber, ob wir Gottes Taten auch in unserem Leben anerkennen. Erkennen wir, dass alles Gute von Gott kommt? Trauen wir Jesus zu, dass er auch in unserem Herzen, dem Tempel des Hl. Geistes, lehren kann? Glauben wir, dass er uns verwandeln kann? Halten wir ihm unser Leben an und er wird in unserem Herzen Mensch werden. Dann werden wir in wenigen Tagen auch ein inneres Weihnachtsfest erleben.

Dritter Adventssonntag (A)

Jes 35,1-6.10; Ps 146,6-10; Jak 5,7-10; Mt 11,2-11

Liebe Freunde, wir feiern an diesem Sonntag Gaudete, „Freuet euch!“ Am dritten Adventssonntag sind wir voller Vorfreude auf Weihnachten und das vermitteln auch die Lesungen. Gleichzeitig freuen wir uns über die Barmherzigkeit, die der Herr uns schon erwiesen hat, und auf das zweite Kommen unseres Herrn als erhöhter Menschensohn.

Jes 35
1 Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie. 
2 Sie wird prächtig blühen und sie wird jauchzen, ja jauchzen und frohlocken. Die Herrlichkeit des Libanon wurde ihr gegeben, die Pracht des Karmel und der Ebene Scharon. Sie werden die Herrlichkeit des HERRN sehen, die Pracht unseres Gottes. 
3 Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie! 
4 Sagt den Verzagten: Seid stark, fürchtet euch nicht! Seht, euer Gott! Die Rache kommt, die Vergeltung Gottes! Er selbst kommt und wird euch retten. 
5 Dann werden die Augen der Blinden aufgetan und die Ohren der Tauben werden geöffnet. 
6 Dann springt der Lahme wie ein Hirsch und die Zunge des Stummen frohlockt, denn in der Wüste sind Wasser hervorgebrochen und Flüsse in der Steppe. 
10 Die vom HERRN Befreiten kehren zurück und kommen zum Zion mit Frohlocken. Ewige Freude ist auf ihren Häuptern, Jubel und Freude stellen sich ein, Kummer und Seufzen entfliehen.

Jesajas Worte sind heute wieder sehr tröstlich und lassen das Herz höher schlagen. Es sind auch wieder markante messianische Verheißungen, deren Aussagekraft sich vor allem im Evangelium erfüllen wird. „Jubeln werden die Wüste und das trockene Land, jauchzen wird die Steppe und blühen wie die Lilie.“ Was hier umschrieben wird, ist das Hineinkommen von Leben inmitten des Todes. Das ist bereits sehr messianisch und der Inbegriff der Erlösung: aus dem Tod ins Leben kommen. Es ist dabei bemerkenswert, wie immer wieder die Wüste zum Ort der Gottesbegegnung wird. Gottes Methodik, den Menschen seinen Plan zu offenbaren, umfasst selbst die Orte, an denen er sich offenbart. So ist Gottes Schule. Es ist also keinesfalls zufällig, dass dann auch Johannes der Täufer in der Wüste das Kommen des Gottesreiches ankündigt.
Wenn die Rede davon ist, dass es mitten in der Wüste zum Blühen kommt, liegt es daran, dass dort die Begegnung mit Gott stattfindet: weil die Israeliten „die Herrlichkeit des HERRN sehen“ werden.
„Er selbst kommt“ muss man wirklich wörtlich nehmen. Gott ist schon unterwegs. Er wird nicht einfach irgendwann sein – deshalb heißt es auch in der Offb in der Dreizeitenformel auch nicht „er, der war, der ist und der sein wird“, sondern „er war, er ist und er kommt“. Gott ist schon auf dem Weg zu uns! Dieses Kommen verbinden wir mit dem Messias Jesus, der in die Welt gekommen ist und unter uns gelebt hat. Gott kommt auch heute zu uns, wenn wir die Sakramente feiern, v.a. in der Eucharistie. Jesus kommt physisch zu uns, wie er auch damals leibhaftig unter uns war. Wir sehen ihn nur nicht mehr in der Gestalt des Menschen, sondern von Brot und Wein. Solange es die Kirche gibt, kommt Gott physisch zu uns. Deshalb brauchen wir die Priester. Ohne sie kann es keine Eucharistie geben. Gott kommt in unser Herz, wenn wir ihn in der Kommunion empfangen. Er vereinigt sich mit unserer Seele. Gott ist immer bei uns, wie er es Mose im Dornbusch versprochen hat, als er sich selbst als Jahwe „ich bin der ich bin/ich bin der ich werde sein“ vorgestellt hat (das hebräische Wort ist sowohl als Gegenwarts- als auch als Zukunftsform übersetzbar). Es macht deshalb auch absolut Sinn, dass der Messias mit dem Namen „Immanuel“ angekündigt wurde, „Gott mit uns“. Vater und Sohn sind eins. Gott wird auch zu uns kommen am Ende der Zeiten. Der verherrlichte Menschensohn wird so kommen, dass alle es sehen werden. Das wird ein endgültiges Kommen sein, bei dem Gott ewig in unserer Mitte sein wird im himmlischen Jerusalem.
Weil Gott wiederkommen wird – wir nennen das Parusie -, sind wir in einem nachösterlichen Zustand der Erwartung, in einem zweiten Advent. Dies bedenken wir immer mit, wenn wir liturgisch Advent feiern. Wir gehen nicht nur auf das liturgische Weihnachtsfest zu, sondern darüber hinaus auf die endzeitliche Wiederkunft Christi.
Weiter heißt es bei Jesaja, dass Gott uns retten wird. Auch hier haben wir im Hebräischen wieder dieselbe Wurzel wie im Namen Jesu. Umso mehr handelt es sich um einen messianischen Code, wenn Gott selbst kommt, um uns zu retten. Jesus ist Gott selbst und das verstehen wir durch Jesaja!
Diese Rettung wird sich anhand von den markanten messianischen Heilstaten zeigen: Blinde sehen, Taube hören, Stumme reden, Lahme gehen. Diese vier Taten werden uns nachher noch einmal beschäftigen.
Wenn in der Wüste dann Wasser hervorgebrochen sind und Flüsse in der Steppe, dann ist das nicht nur ein Zeichen der Gegenwart Gottes, sondern vor allem des Hl. Geistes. Wir interpretieren dieses Wasser dann nämlich als das lebendige Wasser. Die Wasser in der Wüste sind schon hervorgebrochen. Das hebräische Verb נִבְקְע֤וּ  nivke’u ist als Vergangenheitsform zu übersetzen. Gott hat seinen Hl. Geist auch schon vor dem Kommen des Messias und vor dem Pfingstfest in die Welt gesandt. Vereinzelte Personen wie die Propheten sind mit dem Hl. Geist begabt worden. Mit dem Pfingstereignis kam der Hl. Geist aber noch einmal auf eine viel umfassendere Weise, und dies für jeden, der ihn annimmt.
Wo hier die Einheitsübersetzung „die Befreiten“ übersetzt, muss es eigentlich wörtlich heißen „die Freigekauften“. Dies ist klassische Erlösungsterminologie! Sie erscheint dort, wo es um die Erlösung der Menschheit geht, insbesondere im NT (1 Kor 6; 7; 2 Petr 2; Offb 5). Hier ist der Freikauf zunächst historisch auf das Volk Israel zu beziehen, das nach dem Exil endlich zurückkehren darf und gerade Jerusalem mit dem Tempel wieder aufbauen darf, um dem Herrn zu opfern. Über dieses einmalige historische Ereignis hinaus bezieht es sich auf die Losgekauften durch Jesus Christus. Er hat uns vom Fluch der Erbsünde befreit, indem er für uns gestorben und auferstanden ist. „Zion“ ist dann das Reich Gottes, dass Jesus verkündet hat und dessen Mitte er selbst ist. In seiner Nachfolge ist Zion seine Braut, die Kirche, in der er lebt und wirkt. Die Menschen, die durch die kirchliche Verkündigung zum Glauben an Christus kommen und sich taufen lassen, sind die Losgekauften, die zum Zion zurückkehren. Das betrifft auch jeden einzelnen Menschen, der aus der Knechtschaft der Sünde v.a. durch die Beichte befreit wird und zum Zion, dem Stand der Gnade, zurückkehren darf. Schließlich meint es die Losgekauften von den Leiden der Welt, die das ewige Leben bei Gott haben dürfen. Zion meint in diesem Sinne den Himmel, das offenbar gewordene Reich Gottes.
„Ewige Freude ist auf ihren Häuptern“. Durch den Begriff der Ewigkeit handelt es sich hier um eine v.a. anagogische Aussage. Bleibende Freude ist immer nur bei Gott, irdische Freude ist vorübergehend. Wir dürfen auf Erden jedoch auch schon eine dauerhafte Freude genießen, wo sie vom Hl. Geist als Frucht gegeben wird. Diese wird sich am Ende der Zeiten aber noch vollenden. Historisch gesehen handelt es sich um ein Stilmittel, die Freude der Israeliten über die Rückkehr zum verheißenen Land und in die Hl. Stadt Jerusalem zu verdeutlichen. Für Jesus war es eine große Freude, zu Menschen sagen zu können: „Deine Sünden sind dir vergeben. Geh und sündige nicht mehr!“ Es ist eine große Freude für Gott, wenn jemand zu ihm findet. Jesus hat dies durch unzählige Gleichnisse immer wieder gesagt, vor allem im Gleichnis vom verlorenen Sohn. Der Vater veranstaltet ein großes Fest, weil sein Sohn wieder lebt. Auch die Kirche freut sich über jeden Bekehrten. Sie ist eine einzige Familie, die unter jeder Sünde leidet. Sie leidet, wenn es einem einzigen Mitglied nicht gut geht. Umso mehr ist es ein Grund zur Freude, wenn es zu einer Versöhnung mit Gott in der Beichte kommt – und mit der Gemeinschaft der Heiligen! Das geschieht nämlich beides gleichermaßen durch das Beichtsakrament. Im Anschluss an diese Versöhnung feiert auch sie ein großes Fest, die Eucharistie! Nicht umsonst wird sie mit einem Hochzeitsmahl verglichen. Erstens hat Gott im AT und Jesus Christus im NT immer wieder um seine Braut geworben und sich selbst als Bräutigam bezeichnet. Zweitens ist die Hochzeit der Anlass zur Freude schlechthin! Nicht umsonst steht die Hochzeit zu Kana am Anfang des öffentlichen Wirkens Jesu (Joh 2). Und diese Freude wird sich vollenden und erreicht eine unvergleichlich höhere Qualität am Ende der Zeiten, wenn die Hochzeit des Lammes kommen wird (Offb 19).

Ps 146
6 Er ist es, der Himmel und Erde erschafft, das Meer und alles, was in ihm ist. Er hält die Treue auf ewig. 
7 Recht schafft er den Unterdrückten, Brot gibt er den Hungernden, der HERR befreit die Gefangenen. 
8 Der HERR öffnet die Augen der Blinden, der HERR richtet auf die Gebeugten, der HERR liebt die Gerechten. 
9 Der HERR beschützt die Fremden, er hilft auf den Waisen und Witwen, doch den Weg der Frevler krümmt er. 
10 Der HERR ist König auf ewig, dein Gott, Zion, durch alle Geschlechter. Halleluja!

Der Psalm führt die Gedanken aus Jesaja weiter und reflektiert die Heilstaten noch ausführlicher. Er gibt an, dass all die Heilstaten auf ein und denselben Gott zurückzuführen sind, der auch die Welt geschaffen hat.
Zu diesen Heilstaten gehören unter anderem dieselben Taten, die Jesaja aufzählt: Blinde sehen wieder (Vers 8). Was hier neu ist und mindestens genauso wichtig wie körperliche Heilstaten ist, ist die soziale Heilung: Gott hilft Witwen und Waisen auf, die im Alten Israel nämlich rechtlos waren. Er beschützt die Fremden, die keinen Schutz genossen. Auch wenn nicht eins zu eins dieselben Heilstaten dann im NT aufgegriffen werden, wird den schriftkundigen Juden, die mit den Psalmen ganz vertraut waren, dieser entscheidende Punkt aufgegangen sein: All diese Dinge gehen auf Gott zurück! Jesus ist nicht einfach nur ein Mensch, sondern er ist Gott!
Auch hier ist die Rede von Befreiung. Die befreiten Gefangenen sind wiederum vierfach zu verstehen: Historisch-wörtlich ist es zunächst auf die Israeliten zu beziehen, die aus der babylonischen Gefangenschaft befreit werden. Es ist aber auch allegorisch weiterzudenken. Dann ist es die Befreiung aus dem Exil Adams und Evas außerhalb des Paradieses, also die Befreiung von dem Fluch der Erbsünde dank Jesu Erlösungstat. Es meint auch die Befreiung aus dem Zustand der Sünde zurück in den Stand der Gnade durch das Beichtsakrament und es meint nach dem Tod das Eingehen in das himmlische Jerusalem und die Befreiung von den Leiden des irdischen Daseins. Am Ende der Zeiten sogar die Befreiung vom Tod, wenn Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird.
Wenn es dann heißt: „Der HERR ist König auf ewig“, dann ist das absolut tröstlich. Wir können uns freuen, dass Gottes Gerechtigkeit über alles siegen wird. Gott herrscht schon längst, aber seine Herrschaft wird noch offenbar werden.

Jak 5
7 Darum, Brüder und Schwestern, haltet geduldig aus bis zur Ankunft des Herrn! Siehe, auch der Bauer wartet auf die kostbare Frucht der Erde, er wartet geduldig auf sie, bis Frühregen oder Spätregen fällt. 
8 Ebenso geduldig sollt auch ihr sein; macht eure Herzen stark, denn die Ankunft des Herrn steht nahe bevor. 
9 Klagt nicht übereinander, Brüder und Schwestern, damit ihr nicht gerichtet werdet! Seht, der Richter steht schon vor der Tür.
10 Brüder und Schwestern, im Leiden und in der Geduld nehmt euch die Propheten zum Vorbild, die im Namen des Herrn gesprochen haben!

Im Jakobusbrief wird diese Herrschaft Gottes als unmittelbar bevorstehend erwartet. Es ist ein anagogischer Duktus zu lesen und zugleich die moralische Konsequenz dieser absoluten Naherwartung der Wiederkunft Christi: Wir sollen unsere Herzen stark machen. Das ist analog zu Jesaja zu lesen, wo es heißt: Stärkt die schlaffen Hände und festigt die wankenden Knie. Bei beiden geht es um eine vorbereitende Haltung für das Kommen des Messias. Während Jesaja aber auf das erste Kommen anspielt, bezieht sich die Vorbereitung in Jak auf das zweite Kommen.
Die vorbereitende Haltung kann in beiden Fällen wiederum vierfach betrachtet werden: Die Kirche als Testament und Sakrament Christi muss sich bereithalten für die Wiederkunft Christi, wie das Volk Israel sich auf die Menschwerdung Gottes bereithalten musste. Für die Kirche ergibt sich jedoch der Unterschied, dass Jesus bereits in den Sakramenten immer kommt. Gerade in der Eucharistie kommt er physisch zu uns, genauso wie er als Mensch unter uns gewandelt ist – nur jetzt in der Gestalt von Brot und Wein! Auf dieses sakramentale Kommen muss sich die Kirche immer wieder vorbereiten. Wenn Menschen Sakramente empfangen, müssen sie zuvor einen Katechumenat hinter sich bringen. Sie werden auf das Sakrament vorbereitet, eben weil Jesus zu ihnen kommt! Jeder einzelne Christ bereitet sich auf das Kommen Christi in seine Seele vor, wenn er ihn in der Kommunion empfängt. Deshalb muss man zuvor auch beichten und sich prüfen, ob man wirklich im Stand der Gnade ist. Dazu gehören auch das persönliche Gebet, die Bibellesung, alle anderen Sakramentalien, die einen auf diesem Weg stärken. Und anagogisch gesehen – das wird hier ja besonders betont – müssen wir den Tag immer so leben, als wäre es unser letzter. Wir müssen wachsam sein und immer bereit sein, die Braut, die sich für ihren Mann geschmückt hat. Wir wissen ja weder, wann das Ende der Welt kommt noch, wann unser Todeszeitpunkt gekommen ist. Das muss uns keine Angst machen, sondern zu einem bewussten Leben in ständiger Bemühung um die Beziehung zu Gott motivieren. Deshalb schreibt Jakobus, dass wir geduldig sein sollen und über unseren Mitmenschen nicht klagen sollen. Er gibt konkrete Anweisungen, wie wir miteinander leben sollen, damit wir als Braut des Lammes vorbereitet sind.
Er nennt zum Ende hin die Propheten, die diese vorbereitende, gleichsam eschatologische Haltung auf vorbildliche Weise gelebt haben. Dazu gehört auch die Enthaltsamkeit als Vorwegnahme unserer Ehelosigkeit im Himmel (Mt 22,30).

Mt 11
2 Johannes hörte im Gefängnis von den Taten des Christus. Da schickte er seine Jünger zu ihm 
3 und ließ ihn fragen: Bist du der, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten? 
4 Jesus antwortete ihnen: Geht und berichtet Johannes, was ihr hört und seht: 
5 Blinde sehen wieder und Lahme gehen; Aussätzige werden rein und Taube hören; Tote stehen auf und Armen wird das Evangelium verkündet. 
6 Selig ist, wer an mir keinen Anstoß nimmt.
7 Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt? 
8 Oder was habt ihr sehen wollen, als ihr hinausgegangen seid? Einen Mann in feiner Kleidung? Siehe, die fein gekleidet sind, findet man in den Palästen der Könige. 
9 Oder wozu seid ihr hinausgegangen? Um einen Propheten zu sehen? Ja, ich sage euch: sogar mehr als einen Propheten. 
10 Dieser ist es, von dem geschrieben steht: Siehe, ich sende meinen Boten vor dir her, der deinen Weg vor dir bahnen wird. 
11 Amen, ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er.

Das Evangelium verdichtet all die Gedanken der bisherigen Lesungen und wendet sie auf den gekommenen Messias an. Wir lesen hier nun von dem größten aller Propheten, die diese vorbereitende Haltung mit seinem ganzen Sein gelebt hat: Johannes der Täufer.
Er hat in seiner gesamten Verkündigung kein Blatt vor den Mund genommen, so auch vor Herodes, den Jesus mit dem schwankenden Schilfrohr angedeutet hat. Weil Johannes sein ehebrecherisches Verhalten angeprangert hatte, ließ dieser den Täufer ins Gefängnis werfen.
Wir lesen im heutigen Abschnitt nun, wie Johannes vom Gefängnis aus von Jesus hört und deshalb seine Jünger ihn nach dessen messianischer Identität fragen lässt. Jesus antwortet aber nicht einfach mit „ja, ich bin es“, sondern mit einem Code – genau dem Code, den wir von Jesaja her kennen! Die Juden kannten die messianischen Heilstaten, die angekündigt wurden: Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören, Lahme gehen. Warum codiert Jesus seine Antwort, anstatt eine direkte Antwort zu geben? Jesus tut dies für die Menschen – für die Johannesjünger und diejenigen, die das Gespräch mitbekommen. Gottes Pädagogik ist immer so feinfühlig, dass er es uns begreifen lässt: Die Juden kannten die Schriften, sie wussten von dem Messias und konnten sich zudem von Jesu Worten und Taten selbst überzeugen (berichtet, was ihr hört und seht!). Sie sollten von selbst einen Aha-Effekt bekommen, indem sie eins und eins zusammenzählten. Hätte Jesus darüber hinaus „ja, ich bin es“ geantwortet, wäre er sofort zum Zellengenossen des Johannes geworden und hätte nicht noch drei Jahre wirken können. Das war aber nicht der Hauptgrund für Jesu Antwort. Jesu Aufzählung von messianischen Heilstaten beinhaltet über Jesaja hinaus noch weitere neue Taten wie die Totenerweckung. Dies kann nur Gott, wodurch er selbst sich als göttlich kennzeichnet. Jesus erweckt seinen Freund Lazarus zum Leben, wodurch seine Aufzählung wahrlich durch Taten erfüllt wird.
Im zweiten Teil des Evangeliums spricht Jesus über Johannes. Dabei stellt er unter anderem die rhetorische Frage: „Was habt ihr denn sehen wollen? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?“ Auch an dieser Stelle hat Jesus codiert gesprochen und doch haben es alle Umstehenden verstanden: Das Schilfrohr in der Wüste macht nämlich keinen Sinn, da es ja keinen See in der Trockenheit gibt. Es handelte sich vielmehr um das Symbol des Herodes, das er auch auf seinen Münzen hat prägen lassen. Und dass gerade Herodes unbeständig war, kein eigenes Rückgrat besaß und sein Fähnchen nach dem Wind richtete, erfahren wir ja in den Erzählungen über Johannes‘ Enthauptung: Herodes traut sich nicht einmal, ein Versprechen zurückzunehmen, durch das er den Täufer umbringen sollte. Eigentlich mochte er Johannes nämlich. Johannes dagegen war das Gegenteil eines wankenden Schilfrohrs. Er hat gesagt, was er sagen musste. Er traute sich, zu seinem Glauben zu stehen, obwohl er total political incorrect verkündete.
Dann sagt Jesus etwas, über das sich bis heute viele Exegeten den Kopf zerbrechen: Johannes ist der Größte der Geborenen, die jemals aufgetreten sind, doch ist der Kleinste im Himmel größer als er. Der erste Teil bezieht sich auf die Aussage Jesu, dass Johannes mehr als ein Prophet sei. Kein anderer Prophet der gesamten Heilsgeschichte hatte das Privileg, den von ihm Angekündigten persönlich zu erleben. Kein anderer Prophet durfte Gott taufen, kein anderer Prophet war mit ihm verwandt! Und kein Prophet durfte ihm schon begegnen, bevor er überhaupt geboren worden ist! Johannes gehört als Prophet noch zum alten Bund, wenn wir ihn in die Reihe aller anderen Propheten einordnen. Er ist zugleich der Anfang des neuen Bundes, weil er dem Messias unmittelbar vorausgeht. Er ist somit ein Scharnier zwischen den Bünden. Und doch hat er nicht das Privileg, erlöst zu werden durch das Kreuzesopfer Christi. Jesus besiegelt den neuen Bund Gottes mit der ganzen Menschheit erst nach dem Tod des Täufers. Gewiss ist Jesus für alle Menschen gestorben, auch für jene, die vor ihm gelebt haben. Aber diese sind noch nicht Teil der neuen Schöpfung, deren Anfang Jesus und Maria sind! In diese neue Schöpfung werden wir durch die Taufe hineingeboren, die Johannes nicht mehr erhalten hat. Er selbst hat mit Wasser getauft, aber die von ihm selbst angekündigte Taufe mit Feuer und Geist wird er nicht mehr miterleben. Insofern ist auch der Kleinste dieser neuen Schöpfung, des Himmelreiches, größer als er.

Wir dürfen uns heute besonders freuen über Gottes große Heilstaten. Zugleich werden wir heute dazu aufgefordert, dieselbe vorbereitende Haltung einzunehmen wie Jesaja, Jakobus und Johannes. Die Haltung ist weniger ein ängstliches Warten auf den Tod, vielmehr eine hoffnungsvolle und FREUDIGE Erwartung auf die wunderbare Hochzeit! Freuen wir uns heute ganz besonders wie eine Braut sich auf ihren Bräutigam freut. Gaudete, meine Lieben!

Ihre Magstrauss

Samstag der zweiten Adventswoche (A)

Sir 48,1-4.9-11; Ps 80,2-3.15-16.18-19; Mt 17,9.10-13

Sir 48
1 Da stand Elija auf, ein Prophet wie Feuer, sein Wort brannte wie eine Fackel.
2 Er ließ über sie eine Hungersnot hereinbrechen und verringerte sie mit seinem Eifer; 
3 durch das Wort des Herrn verschloss er den Himmel, ebenso ließ er dreimal Feuer herabfallen.
4 Wie wurdest du verherrlicht, Elija, durch deine Wunder! Wer wird sich gleich dir rühmen können?
9 der mit einem Wirbelsturm aus Feuer hinweggenommen wurde in einem Wagen mit feurigen Pferden; 
10 der aufgeschrieben ist für Zurechtweisungen für künftige Zeiten, um den Zorn vor dem Ausbruch zu besänftigen, um das Herz des Vaters dem Sohn zuzuwenden und um die Stämme Jakobs aufzurichten. 
11 Selig, die dich gesehen haben und die in Liebe entschlafen sind; denn auch wir werden gewiss leben
.

Heute hören wir einmal nicht aus dem Buch Jesaja, sondern aus einer weisheitlichen Schrift, dem Buch Jesus Sirach. Sie reflektiert die heilsgeschichtliche Bedeutung Elijas. Knüpfen wir dies an die gestrigen Lesungen an, denken wir sofort an Johannes den Täufer, der als wiedergekommener Elija bezeichnet worden ist. Auch in den heutigen Lesungen geht es weiterhin um diese Verknüpfung, aber warum? Johannes ist der unmittelbare Vorläufer Jesu und bereitet uns auf das Kommen des Messias vor.
In dieser Lesung erfahren wir Eigenschaften des Elija, die auch für Johannes gelten: Sein Wort brannte wie Feuer, weil er für Gott brannte. Feuer hat die Eigenschaft, alles zu verbrennen, das ihm nicht standhält. Nur echtes Gold bleibt bestehen. Wo wir uns an seiner Verkündigung stören, ist noch etwas an uns, das in diesem Feuer geläutert werden muss. Das betraf auch seine Zeitgenossen. Und so war es auch mit Johannes. Seine Verkündigung war ohne Beschönigung und er nannte die Sünde beim Namen. Die Sadduzäer und Pharisäer störten sich an seinen Worten, weil er den Nagel auf den Kopf traf. Besonders störte es auch Herodes, dessen ehebrecherisches Verhalten Johannes ihm wie einen Spiegel vorhielt. Er wollte es sich nicht eingestehen und ließ Johannes ins Gefängnis werfen. Herodias nahm es ihm sogar so übel, dass sie durch eine geschickte Intrige Johannes einen Kopf kürzer machen ließ. Was Johannes tat, ist nicht von Jesus abzugrenzen, was die heutige Forschung gerne vornimmt. Jesus sprach im selben Geist wie sein Vorgänger und nahm auch kein Blatt vor den Mund. Er provozierte mit seiner Verkündigung seine Zeitgenossen auch, bis auch er schließlich hingerichtet worden ist. Es handelte sich um dasselbe Feuer, das der Hl. Geist ist! Die kirchliche Verkündigung soll in der Nachfolge Christi stehen und brennen. Leider geschieht das nicht immer. Wie sollen die Menschen von allem gereinigt werden, was sie vom Reich Gottes abhält, wenn das Feuer nicht mehr lodert? Das Reinigungsmittel schlechthin sind das Wort Gottes und die Heilsmittel der Kirche. Wo das Wort Gottes aber nicht mehr verkündigt wird und v.a. die Beichte nicht mehr zum kirchlichen Leben gehört, gerät dieser heilsame Prozess immer mehr ins Stocken. Beten wir um den Hl. Geist, der die Kirche wieder neu entzünden kann! Gottes Feuer verbrennt Tag für Tag auch in unserer Seele, was dort nicht hineingehört. Er schenkt uns Mitmenschen, deren Worte wie bei Johannes oder Elija brennen. Es tut manchmal richtig weh, sie zu hören, aber wir müssen es zu hören bekommen. Auf diese Weise wird unser Hochmut immer mehr abgebaut und wir werden immer heiliger. Manchmal sind auch wir so ein Johannes oder Elija und werden zu Werkzeugen der Heiligung unserer Mitmenschen. So wie die beiden Heilsgestalten müssen auch wir davon ausgehen, dass Konflikte vorprogrammiert sind und wir unter Umständen einen Kopf kürzer gemacht werden könnten. Sind wir bereit, unseren Kopf um des Himmelreiches willen hinzuhalten?
Elija hat viele Wunder vollbracht, um Gottes Herrlichkeit den Menschen zu vermitteln. Die Vollmacht, die er von Gott erhalten hat, vollbrachte die Hungersnöte, Dürren und Feuer. Dies alles ließ Gott nicht zu, weil er sadistisch ist, sondern weil er die Menschen von sich überzeugen wollte.
Elija erhielt noch ein weiteres, seltenes Privileg. Er starb nicht, sondern wurde entrückt. Wir lesen in 2 Kön 2 von der Entrückungsepisode und erinnern uns an eine weitere Person, die so aus dem Leben schied: Henoch in Gen 4 und 5. Anhand dieser Einzelfälle wurde die Menschheit schon darauf vorbereitet, dass es eine leibliche Auferstehung aller Menschen geben wird.
Jesus Sirach erklärt mithilfe dieser Andeutungen, wofür es aufgeschrieben worden ist: als Zurechtweisung und um den Zorn Gottes zu besänftigen. Wir sollen aus der Lebensgeschichte des Elija lernen, so auch zuvor das Volk Israel. Es sollte zudem aufgerichtet werden. Elijas Geschichte ist eine Hoffnungsgeschichte!
Weil Elija nicht gestorben, sondern entrückt worden ist, glaubten die Juden auch, dass er wiederkommen würde. Deshalb konnte Jesus auch den Elija-Code auf Johannes den Täufer anwenden, um zu erklären, dass dieser mit derselben Kraft und Vollmacht aufgetreten ist.

Ps 80
2 Du Hirte Israels, höre! Der du auf den Kerubim thronst, erscheine!
3 Wecke deine gewaltige Kraft und komm zu unserer Rettung!
15 Gott der Heerscharen, kehre doch zurück,/ blicke vom Himmel herab und sieh, sorge für diesen Weinstock! 
16 Beschütze, was deine Rechte gepflanzt hat, und den Sohn, den du dir stark gemacht!
18 Deine Hand sei über dem Mann zu deiner Rechten, über dem Menschensohn, den du dir stark gemacht. 
19 Wir werden nicht von dir weichen. Belebe uns und wir rufen deinen Namen an.

Psalm 80 ist durch und durch von der Messiassehnsucht durchtränkt. Es ist ein einziger Ruf nach Gottes Kommen. Man sieht es sprachlich anhand der vielen Imperative wie „höre“, „erscheine“, „wecke“, „kehre doch zurück“, „blicke herab“, „sieh“, „sorge“ etc. Die Menschen schreien zu Gott und dieser erhört sie. Er wird seinen Sohn schicken. Er hört, er blickt herab und sieht. Er erscheint als kleines Kind in einem Stall, er sorgt wie ein Hirte für seine Herde und sagt über sich „ich bin der gute Hirte“ und „ich bin der Weinstock“. Wir beten diesen Psalm aus der Perspektive der Gebetserhörung und zugleich mit Blick auf sein zweites Kommen. So beten auch wir „kehre doch zurück“ und „komm zu unserer Rettung“.
Es ist bemerkenswert, wie hier bestimmte Metaphern verwendet werden, die später Jesus aufgreift. Dies zeigt erneut die pädagogische Sensibilität Gottes, denn Jesus greift das auf, was Tradition ist, was bekannt ist. Es verschafft den frommen Juden einen Aha-Effekt nach dem anderen. Wir erkennen diese überwältigenden Querverweise nicht so intensiv wie diejenigen, die ganz mit den Psalmen und dem AT lebten, die die Schriften durch und durch auswendig kannten, die ihnen dachten. Der Weinstock ist ein absolut traditionelles Bild. Ebenso verhält es sich mit dem Bild des Hirten für Gott. Wenn Jesus von sich aus sagt, dass er der gute Hirte sei, deutet er für die Juden verständlich an, dass er Gott ist! Wir lesen Vers 18 mit besonderer Aufmerksamkeit: Dies ist ja zunächst auf keine bestimmte Person zu beziehen, sondern die Hand auf dem Mann zur Rechten bezieht sich auf den Schutz und Beistand Gottes für all jene, die der Weisung folgen. Diese sind „zur Rechten“ Gottes. So ist jeder Mensch dann als Menschensohn zu bezeichnen. Dies ist der Literalsinn, den auch die Zeitgenossen so zunächst verstanden haben. Wir lesen so eine Aussage, aber vor allem christologisch: Die Hand Gottes liegt auf dem, von dem wir glauben, dass er nun zur Rechten Gottes sitzt, Jesus Christus! Er ist der Menschensohn, wie er sich selbst zu Lebzeiten immer bezeichnet hat. Er ist der Sohn des Menschen – der Nachkomme Adams. Wenn Jesus sich so nannte, dann aus der Perspektive seines vollen Menschseins. Auch wir sind Nachkommen Adams und erbitten den Beistand Gottes, seine Hand auf uns, die wir uns darum bemühen, an seiner Rechten zu sein, also seine Gebote zu halten. Am Ende der Zeiten erhoffen wir uns, zur Rechten Gottes auf ewig bestehen zu dürfen – nicht so wie Christus, aber doch in deren Gemeinschaft.
Auch wir versprechen dem Herrn, nicht von ihm zu weichen. Dies ist nicht nur ein Versprechen, das die Israeliten JHWH gemacht haben. Gewiss brechen wir dieses Versprechen mit jeder Sünde, aber doch bemühen wir uns. Gott ist so barmherzig mit uns, dass er uns die Schuld vergibt, wenn wir ihn aufrichtig um Vergebung bitten.
Bemerkenswert ist auch der letzte Satz: Wir bitten um Belebung. Dies lesen wir sehr ekklesiologisch: Wir bitten als Christen um den Hl. Geist, der uns belebt, sodass wir seinen Namen anrufen können. Dies wird in der Apg wieder aufgegriffen, als die Aufforderung an Paulus ergeht: „Was wartest du? Lass dich taufen und deine Sünden abwaschen und rufe seinen Namen an!“ (Apg 22,16). Die Belebung verstehen wir sakramental als die Wiedergeburt im Hl. Geist, die Taufe! Zugleich lässt es uns an die Firmung denken, das ein persönliches Pfingsten in der Seele des Menschen ist. Diese beiden Sakramente waren ursprünglich eines. So verwundert das nicht. Wir bitten auch um Belebung der Kirche. Wir beten um Erneuerung durch den Geist Gottes, der das Feuer neu aufflammen lässt. Diese Erneuerung wird den angemessenen Lobpreis Gottes mit sich bringen. Dieser Satz ist auch auf die persönliche Umkehr jedes Menschen zu beziehen: Durch die (sakramentale) Umkehr erlangt der Mensch den Stand der Gnade, was eine Belebung der Seele ist. Der Zustand der Todsünde wird nicht umsonst in der Bibel Tod der Seele bezeichnet. Und am Ende der Zeiten werden wir belebt zum ewigen Leben, eines Tages sogar mit Leib und Seele! Dann werden wir auf ewig den Namen Gottes anrufen, in dessen Gegenwart wir leben werden.

Mt 17
9 Während sie den Berg hinabstiegen, gebot ihnen Jesus: Erzählt niemandem von dem, was ihr gesehen habt, bis der Menschensohn von den Toten auferweckt ist!
10 Da fragten ihn die Jünger: Warum sagen denn die Schriftgelehrten, zuerst müsse Elija kommen? 
11 Er gab zur Antwort: Ja, Elija kommt und er wird alles wiederherstellen. 
12 Ich sage euch aber: Elija ist schon gekommen, doch sie haben ihn nicht erkannt, sondern mit ihm gemacht, was sie wollten. Ebenso wird auch der Menschensohn durch sie leiden müssen. 
13 Da verstanden die Jünger, dass er zu ihnen von Johannes dem Täufer sprach.

Auch das Evangelium greift die Elija-Johannes-Typologie auf. Der heutige Abschnitt ist einzuordnen im Anschluss an die Verklärung auf dem Berg Tabor. Dort haben die Apostel Petrus, Jakobus und Johannes schon den verherrlichten Menschensohn gesehen, wie wir ihn erst am Ende der Zeiten schauen werden. Mit ihm sahen die drei auch Mose und Elija, ausgerechnet die beiden Menschen, von denen wir eine Entrückung annehmen (bei Mose ist es nochmal besonders, weil nicht klar ist, ob er zuerst tot war und dann lebendig wurde). Das war für die drei frommen Juden von besonderer Aussagekraft, denn Elija sollte ja nach jüdischer Vorstellung wiederkommen.
Auch wenn es den dreien bekannt war, wussten sie nicht um das Warum. Jesus erklärte ihnen, was es mit der Wiederkunft des Elija auf sich hat: Dieser soll alles wiederherstellen. Damit ist gemeint, dass er alles wieder in den richtigen Zustand versetzen soll. Schauen wir auf Johannes als wiedergekommenen Elija, verstehen wir, um welchen Zustand es sich handelt. Die Menschen sollen umkehren und ihren Seelenzustand auf das Kommen Gottes ordnen. In diesem Sinne trat Johannes als Bußprediger auf und predigte das unmittelbar bevorstehende Kommen des Messias.
Jesus erklärte den Jüngern, das Elija wiedergekommen ist. Dabei wird deutlich, dass er nicht von der Verklärungsszene sprach, sondern von Johannes dem Täufer. Dieser ist nicht gehört, sondern mundtot gemacht worden.
Es ist bemerkenswert, dass Jesus den Lebensweg des Johannes zum Anlass nimmt, sich selbst anzuschließen. So wird auch der Menschensohn leiden – das bezieht sich zunächst auf ihn selbst. Das ist ein Gegenbeweis für all jene, die zwischen Jesus und Johannes eine Rivalität erkennen wollen. Dies betrifft im weiteren Sinne all jene, die Menschensohn sind, also die Nachkommen des Adam – jeden Menschen, der im Namen Gottes spricht. Dies betrifft auch die Nachkommen des NEUEN Adam, Jesus Christus. Das ist die Kirche, die im Namen Jesu das Reich Gottes verkündigt. Wir sehen es besonders akut in unserer heutigen Zeit. Noch nie gab es so schlimme Christenverfolgung wie heutzutage. Es wird noch schlimmer kommen und der Satan wird noch sehr heftig wüten. Doch dann wird Gott am Ende siegen. Die Verfolgten werden ein ewiges Siegeslied singen und in ewiger Seligkeit bei Gott sein.

Was wir in den heutigen Lesungen hören, betrifft auch uns in der momentanen Adventszeit: Wir werden vor die Entscheidung gestellt, ob wir zur Rechten Gottes sein wollen und dafür unseren Kopf hinhalten wollen oder nicht. Wir können nicht beten: „Belebe uns!“, wenn wir nicht zugleich das absolute Risiko für ihn eingehen wollen. Vor allem aber kann er uns erst dann beleben, wenn wir uns bereit machen. Zuvor muss es auch mal wehtun, wenn Gott unser Ego Stück für Stück abbaut. Die Früchte werden dies aber alles wettmachen. Die kurzzeitigen Schmerzen sind nichts im Gegensatz zur ewigen Freude des Himmels.

Ihre Magstrauss

Freitag der zweiten Adventswoche (A)

Jes 48,17-19; Ps 1,1-4.6; Mt 11,16-19

Jes 48
17 So spricht der HERR, dein Erlöser, der Heilige Israels: Ich bin der HERR, dein Gott, der dich lehrt, was Nutzen bringt, und der dich auf den Weg führt, den du gehen sollst. 
18 Hättest du doch auf meine Gebote geachtet! Dein Heil wäre wie ein Strom und deine Gerechtigkeit wie die Wogen des Meeres.
19 Deine Nachkommen wären wie der Sand und die Sprösslinge deines Leibes wie seine Körner. Ihr Name wäre in meinen Augen nicht getilgt und gelöscht.

Die heutige Jesajalesung ist ein wenig drastischer als die Texte zuvor. Sie ist in den Kontext eines längeren Tadels Gottes eingebettet. Gott erklärt durch Jesaja den Israeliten, dass ihre eigene Halsstarrigkeit sie ins Exil gebracht habe und er sie ja im Vorfeld vorgewarnt habe.
Gott kritisiert das Volk nicht, um es niederzumachen. Er erklärt ihnen im Nachhinein, welchen Fehler es begangen hat, um es in Zukunft zu vermeiden. Er lässt aber auch jetzt das Volk nicht allein, sondern nennt sich selbst „dein Erlöser“ ( גֹּאַלְךָ֖  go’alcha, dasselbe Wort wie gestern). Gott erlöst sein Volk in erster Linie von der babylonischen Gefangenschaft und erklärt zugleich, dass es die Folge ihrer Sünde sei (Vers 18). Damit verweist er auf Christi Erlösung: Er hat die ganze Menschheit von der Sünde erlöst. Freilich nehmen nicht alle diese Erlösung an und die Neigung zur Sünde ist immer noch da. Aber wir haben die Chance, durch seine Gnade dennoch das Himmelreich zu erlangen. Der Fluch der Erbsünde ist von uns genommen. In Christi Nachfolge tut die Kirche das immer noch, wenn sie Menschen tauft und zu Erben des Reiches Gottes einsetzt. Die Kirche vergibt in der Vollmacht Christi die Sünden in der Beichte und spendet in der Vollmacht Christi die Heilsmittel auf dem Weg zur Heiligkeit.
Gott erklärt hier durch Jesaja, dass er den richtigen Weg erklärt hat. Er hat die Gebote vorgegeben und das Heil in Aussicht gestellt. In erster Linie leidet der Mensch deshalb, weil er die Konsequenzen für seine Sünden tragen muss – oder die der anderen! Das verpasste Heil wird wie in der gestrigen Jesajaperikope mit Wassermetaphern umschrieben. Das ist kein Zufall. Moralisch nennen wir den heilsamen Zustand, den wir durch das Halten der Gebote durchleben, Stand der Gnade. In diesem Stand kann Gottes Geist in/durch uns wirken. Und eine ganz prominente Metapher für den Hl. Geist stellt das lebendige Wasser dar! Hätten die Israeliten auf die Gebote Gottes gehört (in den Versen vor diesem Abschnitt wird z.B. Götzendienst genannt), hätte das Volk Segen gehabt. Es wäre nicht in die babylonische Gefangenschaft gekommen. Dies betrifft uns als Kirche heute auch noch. Wo wir uns von Gottes Geboten verabschieden, haben wir keinen Segen. Wenn wir nicht mehr verkündigen, keine Katechese mehr anbieten, die Predigten eher an Parteireden erinnern und die Geistlichen die zehn Gebote für nicht mehr gültig erachten, dann laufen ihnen die Gläubigen weg. Dann schrumpft die Kirche und wird angreifbar für ideologische, atheistische oder andersgläubige Angriffe. Wenn Kirche die Zügel selbst in die Hand nehmen will, bleibt kein Raum mehr für den Hl. Geist, der ihr „Wogen des Meeres“ und „Ströme“ des Heils hätte geben können.
Für die Israeliten war es entscheidend, den eigenen Namen durch Nachkommenschaft weiter zu geben. Fruchtbarkeit und viele Nachkommen waren deshalb Ausdruck des Segens Gottes. Diese hat sich das Volk durch die eigenen Sünden selbst verwehrt, so erklärt Gott. Dies betrifft auch die Kirche. Sie ist die Mutter der Gläubigen, die durch die Taufe neues Leben ins Dasein ruft. Wo in ihr aber Menschen gegen Gottes Willen leben, wird sie unfruchtbar, weil sie nicht mehr missionarisch wirkt. Es kommen immer weniger Menschen, um sich taufen zu lassen. Diese sind die Nachkommenschaft der Kirche, die ausbleibt. Und auch wir sollen Frucht bringen. Nicht nur biologisch, sondern auch in den Menschen. Wir sollen dies in Christi Nachfolge, der sagte, dass wir nur in Verbindung mit ihm, dem wahren Weinstock, Frucht bringen können (Joh 15). Es geht über das Biologische hinaus, weil Jesus hier von der neuen Schöpfung redet. Er ist die erste Frucht dieser neuen Schöpfung. Fruchtbarkeit im geistigen Sinne ist auch für uns heute ein Zeichen des Segens Gottes. Am Ende unseres Lebens werden wir das ganze Ausmaß sehen. Wenn wir uns in unserem Leben von der Quelle entfernt haben, werden wir jetzt voller Schmerz und Reue sehen, was wir verpasst haben und wo wir jetzt sein könnten. Stattdessen werden wir von der Quelle abgeschnitten sein. Kehren wir noch heute um, damit es erst gar nicht so weit kommt.

Ps 1
1 Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, 
2 sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt. 
3 Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen. 
4 Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht. 
6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.

Der Psalm führt diesen Gedanken des Segens Gottes weiter. Wer nach Gottes Geboten lebt, ist ganz an der Quelle und gedeiht. Er bringt Frucht! Es bezieht sich hier im Text auf die Torah und ist als Paränese für die Juden gedacht. Doch darüber hinaus werden auch wir damit angesprochen. Wir haben Segen in unserem Leben, wenn wir die Gebote halten. Denn dann sind wir mit dem Weinstock verbunden, der Jesus ist. Wir sind dann im Stand der Gnade und können darin Frucht bringen. Das bezieht sich auch auf unser Gebet. Wo wir im Stand der Gnade um etwas bitten, wird es uns gegeben (, wenn es Gottes Wille entspricht). Jesus sagt in Joh 15: „Getrennt von mir könnt ihr nichts tun“. Auch die Kirche muss mit dem Weinstock verbunden sein, wenn sie Frucht bringen will. Würde jemand ein Sakrament nicht gemäß Jesu Stiftungswillen spenden, wäre es ungültig. Wenn wir auch als Kirche nach Gottes Willen suchen, wird sie Bestand haben. Christi Kirche werden die Mächte der Finsternis dann nicht überwältigen.
Ganz nach dem zwei-Wege-Schema werden dann die Frevler beschrieben, die nicht nach den Geboten Gottes leben. Sie werden als „Spreu“ bezeichnet, „die der Wind verweht“. Das erinnert sehr stark an die Zerstreuung des Volkes Israel. Durch die babylonische Gefangenschaft wurden die Israeliten wie Spreu vom Wind verweht. Gott ist barmherzig und hat sie wieder gesammelt. So ist es auch mit der Kirche. Ihre Schafe zerstreuen sich in alle Richtungen, wenn sie keinen guten Hirten haben. Dieser ist Jesus, auf den sie hören sollen. Er hat Stellvertreter eingesetzt, doch diese werden ihrem Amt oft nicht gerecht. Wir Menschen kommen vom rechten Weg ab, wenn wir Gottes Gebote nicht halten. Dieser Weg hätte uns aber zum Himmelreich geführt. Gott ist so groß, dass er uns auch auf Abwegen immer wieder zurück auf den richtigen Weg navigiert, aber irgendwann ist es zu spät. Dann werden wir am Ende unseres Lebens an einem anderen Ziel ankommen, als uns lieb ist. Hören wir auf das Navigationssystem Gottes und wenden wir!

Mt 11
16 Mit wem soll ich diese Generation vergleichen? Sie gleicht Kindern, die auf den Marktplätzen sitzen und anderen zurufen: 
17 Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben die Totenklage angestimmt und ihr habt euch nicht an die Brust geschlagen. 
18 Denn Johannes ist gekommen, er isst nicht und trinkt nicht und sie sagen: Er hat einen Dämon. 
19 Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt und sie sagen: Siehe, ein Fresser und Säufer, ein Freund der Zöllner und Sünder! Und doch hat die Weisheit durch ihre Taten Recht bekommen.

Auch im Evangelium geht es heute drastisch zu. Jesus wirft „dieser Generation“ vor, dass man es ihm nicht recht machen könne. Das Verhalten dieser Generation ist kindisch, deshalb wird auch der Vergleich mit Kindern auf dem Marktplatz verwendet. Gott liebt und wirbt immer noch um sein Volk, versucht verschiedene Methoden, es zu erweichen, doch es funktioniert nicht. Er schickt ihnen Johannes und versucht es, seine Braut mithilfe von Bußpredigt und Askese zur Umkehr zu bewegen. Stattdessen wirft man Johannes Besessenheit vor. Dann kommt Gott selbst und wird Mensch. Er kommt als Bräutigam, der Hochzeit feiert, damit die Braut endlich versteht, dass sie seine Braut ist! Doch Christus wird als Fresser und Säufer beschimpft. Die Braut hat die Zeit der Gnade nicht erkannt.
Es heißt zum Schluss, dass die Weisheit Recht bekommen habe. Gemeint ist, dass Gottes Vorsehung hinter beiden steht, Johannes und Jesus. Sie legitimiert beide Verhaltensweisen, unabhängig davon, ob die Menschen es annehmen oder nicht. Dies deutet schon an, dass diese göttliche Weisheit sich durchsetzen und sich offenbaren wird. Dies wird schon mit der Auferstehung Jesu der Fall sein, dies wird umso mehr offenbar am Ende der Zeiten, wenn der Menschensohn in seiner Herrlichkeit wiederkommen wird. Dann werden es alle sehen und sich an die Brust schlagen. Auch wenn Jesus sehr drastische Bilder verwendet, ist es für uns eine Trostbotschaft: Auch wenn in unserer heutigen Zeit so viel Unrecht, Gottlosigkeit und Grausamkeit die Oberhand ergreift, wird sich am Ende die göttliche Weisheit sich durchsetzen. Alles ist eingebettet in den Heilsplan Gottes für die ganze Menschheit. Und auch so in der Kirche: Auch wenn wir jetzt so viele schwarze Schafe sehen, auch gerade unter den Geistlichen, auch wenn wir so viel liturgischen Missbrauch, Ignoranz gegenüber der Gebote Gottes, so wenig Liebe und Barmherzigkeit sehen, dürfen wir uns sicher sein: Gott ist größer als das alles und er wird die Kirche erneuern. Die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen.

Was hat das alles mit Advent zu tun und warum müssen auch wir uns angesprochen fühlen? Wie sind in der Zeit vor dem Kommen des Herrn. Jetzt ist fünf vor zwölf. Jetzt wirbt Gott besonders stark um uns, seine Braut. Legen wir in dieser Zeit unsere Starallüren ab, lassen wir das Divagehabe und hören wir auf, uns über alles zu beklagen, was Gott schenkt oder zulässt. Nehmen wir alles als seinen Willen an oder als Umweg hin zu ihm, der das Ziel ist. Schauen wir auf uns selbst und fragen wir uns stattdessen, ob wir nicht einen Anteil an unserem eigenen Leiden haben. Auch da kann man nicht mathematisch vorgehen und längst nicht jedes Leid ist selbstverschuldet! Natürlich nicht. Aber wenn wir jetzt in diesem Advent vermehrt in eine Gewissenserforschung gehen, werden uns gewiss viele Dinge einfallen, die wir von uns aus ändern können. Dann werden wir uns wieder näher an die Quelle verpflanzen. Dann werden wir wieder Frucht bringen. Schauen wir auf Maria, die so sehr an der Quelle verpflanzt war, dass Gott in ihr sogar biologisch Frucht gebracht hat, nicht nur geistig. Lernen wir von ihr und werden wir ganz offen für seine Gnade. Dann wird Jesus auch in uns Frucht werden, in unserer Seele. Dann werden wir zu einem inneren Ort der Weihnacht.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der zweiten Adventswoche (A)

Jes 41,13-20; Ps 145,1.9-13; Mt 11,7.11-15

Jes 41
13 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und der zu dir sagt: Fürchte dich nicht, ich habe dir geholfen. 
14 Fürchte dich nicht, du armer Wurm Jakob, du kleines Israel! Ich habe dir geholfen – Spruch des HERRN. Und dein Erlöser ist der Heilige Israels. 
15 Siehe, zu einem Dreschschlitten mache ich dich, zu einem neuen Schlitten mit vielen Schneiden. Berge wirst du dreschen und sie zermalmen und Hügel machst du zu Spreu. 
16 Du worfelst sie und es verweht sie der Wind, es zerstreut sie der Sturm. Du aber jubelst über den HERRN, du rühmst dich des Heiligen Israels.
17 Die Elenden und Armen suchen Wasser, doch es ist keines da; ihre Zunge vertrocknet vor Durst. Ich, der HERR, will sie erhören, ich, der Gott Israels, verlasse sie nicht. 
18 Auf den kahlen Hügeln lasse ich Ströme hervorbrechen und Quellen inmitten der Täler. Ich mache die Wüste zum Wasserteich und das ausgetrocknete Land zu sprudelnden Wassern. 
19 In der Wüste pflanze ich Zedern, Akazien, Ölbäume und Myrten. In der Steppe setze ich Zypressen, Platanen und auch Eschen, 
20 damit alle sehen und erkennen, begreifen und verstehen, dass die Hand des HERRN dies gemacht hat, dass der Heilige Israels es erschaffen hat.

Der Jesajatext heute ist ein großer Trost und eine einzige Verheißung Gottes. In dem Kapitel geht es um den gnädigen Perserkönig Kyros, der den Israeliten viele Freiheiten und vor allem den Bau eines neuen Tempels erlaubt. Sein Kommen wird als Gebetserhörung gedeutet, so vermittelt Jesaja Gottes Worte: „Ich habe dir geholfen“. Gott erhört die Gebete und nach einer vermeintlichen Krise werden auch wir beschenkt, wenn wir durchhalten und an Gott festhalten. Es ist auffällig, dass hier das Wortfeld „Erlöser“ genannt wird (hebr. גאל ga’al). Im Kontext des Kapitels und der Geschichte Israels bezieht es sich auf Kyros. Er erlöst das Volk aus der Fremdherrschaft und ist somit ein politischer Erlöser. Zugleich fragen wir uns, warum der Perserkönig „Heiliger Israels“ sein soll. Schon an dieser Stelle merkt man, dass der Text über sich selbst hinausweist. Der Titel ist im AT ein typischer Gottestitel. Somit wird die Erlösergestalt als göttlich gekennzeichnet. Hier wird eindeutig schon der Messias angekündigt!
Die vielen Erntemetaphern, die sich anschließen, sind wiederum gängige Bilder im messianischen und endzeitlichen Kontext. Israel wird zur Exekutivgewalt göttlichen Gerichts, zum Ausführungsorgan des Arms Gottes. Im NT wird das Motiv erneut aufgegriffen, vor allem in der Offb, wo die Stämme Israels an dem Gericht teilnehmen werden. Neben dieser anagogischen Auslegung ist „Israel“ auch schon allegorisch und moralisch als die Kirche bzw. das Gewissen im Menschen zu verstehen. Gott ist der Richter und wir selbst werden zu unserem eigenen „Staatsanwalt“, wenn wir ein schlechtes Gewissen bekommen, uns selbst anklagen. Die Kirche „richtet“ durch die Verkündigung und hat selbst auch ein eigenes Rechtssystem, das vorläufig ist. Gott wird nämlich derjenige sein, der am Ende des Lebens und am Ende der Zeiten das letzte Wort haben wird. Johannes der Täufer war so ein mächtiger Dreschschlitten, der kein Blatt vor den Mund genommen und alles daran getan hat, die Menschen zur Umkehr zu bewegen. Auch Jesus hat in seiner Reich-Gottes-Verkündigung gerichtet, in dem er seinen Finger z.B. in die Wunde der Tempellobby gelegt hat.
Die Ankündigung des Gerichts wird aber keinesfalls als Bedrohung empfunden, sondern das Volk Israel jubelt über das Eingreifen Gottes, des Heiligen Israels.
Neben dieser Gerichtsankündigung ist Jesajas Prophetie deshalb so tröstlich, weil Gott seine Gebetserhörung ankündigt. Es ist sein Wille, die Menschen zu erhören und nicht zu verlassen. Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang die Rede vom Vertrocknen und vom Tränken, von Bächen und Quellen. Die Verwendung von Wassermetaphern führt über den wörtlichen Sinn hinaus: Gott will nicht nur echte Wasserquellen für die Israeliten schaffen, damit sie und ihr Vieh, ihr Lebensraum getränkt werden. Er will ihnen auch den Hl. Geist geben, der erneuert. Dies ist für die Israeliten zunächst ein Hinweis darauf, dass er den Kult wieder neu aufblühen lassen will. Auch bei Ezechiel wird mit diesem Bild die Herrlichkeit Gottes in einem neuen Tempel verheißen. Gott wird in einem neuen Tempel wieder unter ihnen wohnen! Aber darüber hinaus wird der Geist Gottes auch eine bestimmte Person als exemplarisches Israel mit dem Geist Gottes tränken, so sehr, dass auch in ihr Gott wohnen wird – Maria. Mitten in die Wüste der Fremdherrschaft der Römer wird der Messias durch eine fromme Jüdin aus dem Stamm Juda geboren! Sie ist nicht nur Exemplum Israels, sondern auch der Kirche. Maria ist ein Scharnier, ein Verbindungsglied zwischen den beiden Bünden. Mit Jesus kommt der Geist Gottes in die Hoffnungslosigkeit und die Spannungen des Volkes Israel um die Zeitenwende. Er tränkt die Menschen mit dem Geist, wo er die messianischen Heilstaten vollbringt, die im AT immer wieder angekündigt worden waren. In seiner Nachfolge spendet die Kirche den Geist Gottes, durch den sie selbst entstanden ist, den Menschen in der Wüste. Gott lässt in den Wüsten unseres Lebens neues Leben entstehen und tränkt es mit Wasser – mit dem lebendigen Wasser des Hl. Geistes. Dies geschieht vor allem dort, wo wir aus der Wüste der Sündhaftigkeit zurückkehren in den Stand der Gnade. Dort ist Oase, weil dort Gott ist.
Gott vollbringt auch im AT schon deshalb Wunder, damit die Menschen seine Herrlichkeit erkennen und zum Glauben an den kommen, der alles geschaffen hat. Auch im NT wird sich dies fortsetzen, wenn Jesus Wunder tut. Dann heißt es über das erste Wunder in Joh 2, dem Weinwunder von Kana: „So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.“ Jesu Herrlichkeit ist dieselbe, die Gott im AT den Israeliten offenbart. Er und der Vater sind eins (Joh 10,30). Auch in der Kirche geschehen so viele Wunder und das größte ist die Eucharistie. Der Herr macht sich so klein, dass er als eine kleine Hostie zu uns kommen möchte. Er tut es, damit wir zum Glauben kommen. Ich persönlich kenne so einige Konvertiten, die durch die Eucharistie zum katholischen Glauben gekommen sind, entweder weil sie bei Nightfever in die Kirche zum ausgesetzten Allerheiligsten kamen oder weil sie eine Fronleichnamsprozession erlebt haben. Der Herr tut all diese Wundertaten, um unser Herz zu gewinnen. Er brennt so sehr für uns und wirbt auf diese Weise wie ein Bräutigam um seine Braut.

Ps 145
1 Ein Loblied Davids. Ich will dich erheben, meinen Gott und König, ich will deinen Namen preisen auf immer und ewig.
9 Der HERR ist gut zu allen, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken. 
10 Danken sollen dir, HERR, all deine Werke, deine Frommen sollen dich preisen. 
11 Von der Herrlichkeit deines Königtums sollen sie reden, von deiner Macht sollen sie sprechen,
12 um den Menschen bekannt zu machen seine machtvollen Taten und die glanzvolle Herrlichkeit seines Königtums. 
13 Dein Königtum ist ein Königtum aller Zeiten, von Geschlecht zu Geschlecht währt deine Herrschaft.

Auch der Psalm greift diesen Gedanken auf. Es ist wiederum ein Lobespsalm. Wir Menschen, so auch schon die Israeliten, haben jeden Grund, Gott zu preisen. Denn „sein Erbarmen waltet über all seinen Werken“. Alles, was Gott tut, tut er zu unserem Heil. So ist es mit der Schöpfung, so ist es auch mit der Neuschöpfung. Er wird aus diesem Grund Mensch und vollbringt all die Wundertaten. Er stiftet aus diesem Grund die Kirche und die Sakramente. Gott hat durch die Erlösungstat Christi einen Bund mit allen Menschen geschlossen, deshalb ist dieses Psalmwort wirklich wörtlich zu verstehen, wenn es heißt: „Der HERR ist gut zu allen.“ Er will das Heil jedes Menschen und bietet es deshalb jedem an.
Es ist auch bemerkenswert, dass die Rede vom Königtum Gottes ist. Gott ist ein Herrscher und seine Königswürde ist Herrlichkeit. Das hebräische Wort כָּבוֹד kavod ist auch dasselbe, das für die Gegenwart Gottes im Tempel verwendet wird und das zum Gottesprädikat δόξα doxa wird – sowohl im griechischen AT als auch im NT. Die Herrlichkeit des Reiches Gottes macht auch Jesus zum Kern seine Verkündigung. Und am Ende seines Wirkens, bevor er nämlich zum Vater zurückkehrt, trägt er seinen Jüngern auf, diese Herrlichkeit des Gottesreiches allen Menschen zu verkünden. Somit wird das umgesetzt, was hier im Psalm schon gesagt wird: „Von der Herrlichkeit deines Königtums sollen sie reden…um den Menschen bekannt zu machen“. Die Kirche tut dies in ihren Vollzügen: Sie verkündet das Reich Gottes (martyria), sie feiert das Reich Gottes (leiturgia), sie lebt das Reich Gottes (diakonia). Und wir Menschen ersehnen das Reich Gottes jedes Mal, wenn wir im Vaterunser beten „dein Reich komme“. Das Reich Gottes ist ewig, so sagt es schon der Psalm. Es ist das Himmelreich, das unter anderem auch mit dem Begriff „himmlisches Jerusalem“ bezeichnet wird.

Mt 11
7 Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?
11 Amen, ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er. 
12 Seit den Tagen Johannes’ des Täufers bis heute wird dem Himmelreich Gewalt angetan und Gewalttätige reißen es an sich. 
13 Denn alle Propheten und das Gesetz bis zu Johannes haben prophetisch geredet. 
14 Und wenn ihr es annehmen wollt: Er ist Elija, der wiederkommen soll. 
15 Wer Ohren hat, der höre! 

Es ist sehr faszinierend, wie Jesus nun über Johannes den Täufer spricht, der genau diese großen Taten Gottes verkündet hat – in der Wüste! So wird Johannes zur Quelle, die Gott aufkommen lässt inmitten der Trockenheit und Dürre. Man könnte ihn auch als den Stock bezeichnen, der die Wasserquelle erst aufschlägt. Denn er ist es nicht, der kommen soll, sondern er kündet den Messias an.
Das Wort vom Größten und Kleinsten scheint auf den ersten Blick rätselhaft und viele Experten zerbrechen sich darüber den Kopf. Johannes ist der Größte unter denen, die von einer Frau geboren worden sind, also der größte Prophet unter den Menschen, die es jemals gab. Er ist es deshalb, weil er Jesus als einziger aller Propheten des Alten Bundes mit eigenen Augen sehen, ihn berühren durfte – und auch mit ihm verwandt war! Er durfte ihm sogar schon begegnen, bevor er überhaupt geboren wurde, als nämlich die schwangere Maria die schwangere Elisabeth besuchte. Johannes war der unmittelbare Vorläufer Jesu und stand wie Maria als Scharnier zwischen den Bünden. Einerseits muss man ihn in die Reihe der alttestamentlichen Propheten einordnen (er wurde sogar mit dem Code des wiedergekommenen Elija umschrieben), andererseits ist er schon der Vorläufer des Neuen Bundes, zu dem er einen großen Beitrag geleistet hat. Das Entscheidende wird er aber nicht mehr miterleben – den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Deshalb wird er als der Kleinste unter denen im Himmel bezeichnet: Der Himmel – so haben wir durch die Texte des AT heute kennengelernt – ist das Königtum Gottes. Durch den Neuen Bund bricht es an, am Ende der Zeiten wird es vollendet (bzw. offenbar für alle). Johannes ist der Kleinste derer, die zum Neuen Bund gehören, weil der Neue Bund zu seiner Zeit noch nicht geschlossen ist. Er stirbt, noch bevor Jesus den Bund am Kreuz besiegeln kann. Johannes hat noch nicht das Privileg der Erlösung erhalten. In dieser heilsgeschichtlichen Erklärung ist Johannes der Kleinste im Himmelreich. Darin ist jeder erlöste Mensch des Königtums Gottes ihm voraus.
Jesus deutet an, wie sehr dem Himmelreich bisher Gewalt angetan worden ist. Dies ist auf verschiedenen Ebenen zu sehen: Erstens ist dem Volk Israel viel Gewalt angetan worden, das das auserwählte Volk und die Braut Gottes ist. Israel selbst hat „von innen“ das Reich angegriffen jedesmal, wenn es anderen Göttern hinterhergelaufen ist. „Von außen“ haben genug Völker um Israel herum Gottes Reich Gewalt angetan durch Unterdrückung und vor allem Götzendienst. Überall, wo Sünden begangen wurden, ist dem Gottesreich Gewalt angetan worden. Dies gilt zu allen Zeiten und besonders da, wo Gottes auserwählte Propheten umgebracht und nicht gehört werden. Die allerschlimmste Gewalt wird dem Reich jedoch angetan mit der Tötung seines einzigen Sohnes, den er ihnen gesandt hat, um ihnen das Reich Gottes in Person zu zeigen.
Zum Ende des Evangeliums hin verwendet Jesus den Code des wiedergekommenen Elija, um den Schriftkundigen, den Juden in Messiaserwartung, die heilsgeschichtliche Bedeutung des Johannes zu verdeutlichen. Er spricht in ihrer Sprache, um ihnen die Erfüllung der messianischen Verheißung klarzumachen.

Wenn Jesus sagt, dass dem Himmelreich viel Gewalt angetan wird, müssen auch wir uns angesprochen fühlen. Die Gewalt endet nicht mit Jesu Erlösungswirken. Jedesmal, wenn wir sündigen, tun wir dem Himmelreich Gewalt an. Gott ist aber so barmherzig, dass er uns vergibt. Nehmen wir seine Vergebung an und tun wir alles, was in unserer Macht steht, um die Gewalt zu beenden. Den Schlussstrich wird aber Jesus selbst ziehen, wenn er am Ende der Zeiten in seiner Herrlichkeit wiederkommen wird.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der zweiten Adventswoche (A)

Jes 40,25-31; Ps 103,1-4.8.10; Mt 11,28-30

Liebe Freunde, die heutigen Schrifttexte sind einerseits ein Zeugnis gegen pantheistische und anthropomorphe Gottesvorstellungen. Andererseits wird deutlich, dass Gott jedes einzelne Leben so unendlich wichtig ist, als wäre es das einzige. Der Grundduktus von gestern wird heute fortgesetzt und nicht zufällig so: Gott ist unser Leben schließlich so wichtig, dass er seinen einzigen Sohn für uns an Weihnachten Mensch werden lässt!

Jes 40
25 Mit wem wollt ihr mich vergleichen, dass ich ihm gleich wäre, spricht der Heilige. 
26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat diese Gestirne erschaffen? Der vollzählig herausführt ihr Heer, er ruft sie alle beim Namen. Wegen seiner Fülle an Kraft und mächtiger Stärke fehlt kein einziges. 
27 Warum sagst du, Jakob, warum sprichst du, Israel: Verborgen ist mein Weg vor dem HERRN, meinem Gott entgeht mein Recht? 
28 Weißt du es nicht, hörst du es nicht? Der HERR ist ein ewiger Gott, der die Enden der Erde erschuf. Er wird nicht müde und matt, unergründlich ist seine Einsicht. 
29 Er gibt dem Müden Kraft, dem Kraftlosen verleiht er große Stärke. 
30 Die Jungen werden müde und matt, junge Männer stolpern und stürzen. 
31 Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.

Die heutige Passage aus dem Buch Jesaja beginnt mit einer rhetorischen Frage. Gott erwartet keine Antwort darauf, denn es ist klar – er ist unvergleichlich. Jesaja vermittelt weitere rhetorische Fragen Gottes, die dessen Andersartigkeit gegenüber der Schöpfung verdeutlichen: ER hat alles geschaffen, die Enden der Erde und die Gestirne. Dass er ausgerechnet den Sternenhimmel thematisiert, hat einen wichtigen Grund. Die Babylonier, unter deren Fremdherrschaft die Juden kamen, besaßen eine komplexe Astrallehre. Auch die Assyrer, die zuvor zu Fremdherrschern Israels wurden, betrieben Astronomie und Astrologie – sie machten die Gestirne verantwortlich für das ganze Leben. Gott spricht durch Jesaja nun zu seinem Volk und ordnet diese Gestirne ihm selbst unter! ER hat das Sagen, nicht die Sterne.
Gott erinnert das Volk, das die Hoffnung aufgeben will, an die vergangenen Heilstaten wie den Auszug aus Ägypten (Vers 26). Gott weiß alles, sieht alles und interessiert sich für alles (Vers 28). Auch wenn das Volk jetzt kurzzeitig in die Knie gezwungen wird, gibt Gott ihm wieder neue Kraft. Bei Gott gibt es im Schenken auch keine Grenzen („sie laufen und werden nicht müde…“). Das erinnert sehr stark an Jesu Verheißung am Jakobsbrunnen: Das Wasser, das er geben wird, tränkt, ohne dass man danach wieder Durst bekommt (Joh 4,14). Was Gott gibt, ist immer im maximalen Überfluss!
Jesajas Prophetie gibt den Hoffnungslosen wieder eine neue Perspektive in trostlosen Zeiten. Wir lesen die Verheißung vor allem christologisch: Der Messias wird zu einer Zeit kommen, in der die Römer das Volk unterdrücken. Er wird den Hoffnungslosen wieder Hoffnung machen, aber nicht politischer Art, sondern geistiger. Er wird die Menschen aus der Hoffnungslosigkeit ihres sündhaften Lebens befreien. Er tat es bereits und tut es auch heute noch durch die Kirche. Jesus spendet durch die Priester Versöhnung in der Beichte und stärkt das pilgernde Gottesvolk auf dem Weg in die Ewigkeit durch die Eucharistie. Der Geist, den wir durch die Heilsmittel geschenkt bekommen, verleiht jedem Einzelnen Flügel, sodass wir über uns selbst hinauswachsen. Unsere Laster werden wir Hand in Hand mit dem Hl. Geist zu Tugenden umwandeln und die Sünder werden immer mehr zu Heiligen gemäß ihrer Berufung. Gott versagt seine Gnade keinem Menschen, doch die Menschen öffnen sich nicht immer dafür. Wir Katholiken haben die Chance, die „Leitung“ wieder reparieren zu lassen, die durch die Sünde zerschnitten worden ist. Wenn wir wieder im Stand der Gnade sind, kann der Geist Gottes uns wieder ganz durchdringen. Am Ende der Zeiten wird Gott uns ganz und gar durchdringen, denn wir werden ganz in ihm sein und er in uns – ungleich viel mehr als jetzt.
Kennen auch wir nicht diese Versuchung, dass wenn im Leben vieles schief geht und wir Gottes Anwesenheit nicht spüren, wir zu murren beginnen? Sagen wir nicht auch so schnell „Gott sieht mich gar nicht, er hat mich vergessen, ich bin ganz allein, er hilft mir NIE“? Gott will durch Jesaja auch uns zusagen, dass wir ihm nicht egal sind. Er sieht unser ganzes Leben und will auch uns stärken, damit wir unser Kreuz tragen können. Er erinnert uns an all die Gnaden, die er uns in unserem Leben bereits geschenkt hat. Wie schnell werden wir vergesslich in dem, was wir Gutes erhalten haben! Auch als Kirche sind wir schnell darin, uns zu beschweren, wenn wir von innen und außen Bedrängnis erfahren. Mit der zunehmenden Gottlosigkeit resigniert so manche Gemeinde mehr und mehr. Das ist nicht der richtige Weg. Gott ist doch in ihrer Mitte durch die Eucharistie. Er handelt, auch wenn wir die Früchte gerade nicht sehen. Auch diese Zeit – oder gerade diese Zeit! – ist eine Gnadenzeit. Wir müssen nicht resignieren, sondern dürfen bei ihm Kraft holen. Und durchhalten. Es wird alles gut.

Ps 103
1 Von David. Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! 
2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 
3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt,
4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt.
8 Der HERR ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld. 
10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.

Auch der Psalm greift die allzu menschliche Versuchung auf, schnell zu meckern über das, was man nicht hat und zu vergessen, was man schon alles erhalten hat. Wir haben immer Grund zum Lobpreis, weil Gott uns so viel Gutes getan hat. Er vergibt uns jeden Tag, wirklich JEDEN TAG, jeden Moment unseres Lebens unsere Sünden, wo wir umkehren! Wie unendlich viel Geduld hat Gott mit uns! Schon das Volk Israel kann viele Geschichten darüber erzählen…Wie oft ist es anderen Göttern nachgelaufen, wie oft hat es undankbar gehandelt. Und doch ist Gott seinem auserwählten Volk treu geblieben, hielt sein Versprechen, seinen Bund! Wie oft hat er es zurückgeholt, in dem er eine Fremdherrschaft nach der anderen zugelassen hat! Würden wir die Kraft haben, unserem Partner zu vergeben, wenn er/sie mir fremdgegangen ist? Nichts anderes tat und tut Gott mit uns, mit seiner geliebten Braut. Auch die Kirche als Volk Gottes schaut anderen hinterher und wird untreu, wo auch immer sie der Welt gefällt, sich von Gottes Willen entfernt. Und doch bleibt Christus seiner Braut treu und hält sein Versprechen, bei ihr zu sein alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt 28). Er kommt trotzdem in der Eucharistie zu uns und spendet auch die anderen Sakramente. Gott vergibt uns immer und immer wieder die Schuld in der Beichte, auch wenn wir immer dieselben Sünden begehen. So geduldig ist er mit uns! Er gibt uns jedes Mal auch noch die Kraft durch das Beichtsakrament, das nächste Mal der Sünde zu widerstehen. Seine Gnade kennt keine Grenzen. Seine Barmherzigkeit ist auch noch so unendlich, dass er uns sogar die Chance auf das Himmelreich gibt, wenn wir noch nicht alles gesühnt haben. Das, was wir Fegefeuer nennen, mit Blick auf die Ewigkeit DER Beweis seiner vergebenden Barmherzigkeit!
Gott heilt all unsere Gebrechen. Ja, er heilt in erster Linie unsere Seele, das ewige Leben. Er heilte die Beziehung zwischen seinem Volk und ihm. Er heilte auch damals schon körperliche Gebrechen und soziale Ausgrenzung. Er heilte die Seele derer, die keine Hoffnung mehr hatten und er stärkte die Ängstlichen mit dem Geist des Mutes. Gott heilte ganz besonders durch Jesus Christus. Dieser heilte in erster Linie auch die Seele und die Beziehung der Menschen zu Gott durch die Sündenvergebung. Der Gelähmte, der über das Dach auf einer Trage hinabgelassen wurde, wurde zunächst seelisch geheilt, bevor Jesus ihm als Bonus auch die körperliche Heilung schenkte. Jesus sagte: „Euch soll es zunächst um das Reich Gottes gehen, alles Andere wird euch dazu gegeben.“ Jesus heilte auch die vielen Ausgegrenzten von ihren sozialen Gebrechen, in dem er sie körperlich heilte – sei es die blutflüssige Frau, die Blinden oder die vielen Aussätzigen. Vor allem trieb er auch Dämonen aus, die den Geplagten seelische Folter bescherten.
Jesus heilt auch heute noch durch die Sakramente. Wenn Sie sich mit dem Heilungs- und Befreiungsdienst der Kirche befassen, werden Sie oft zu hören bekommen: Das größte Heilungsgebet – auch gerade um körperliche Heilung – sind die Beichte und die Eucharistie. Wenn die Beziehung zu Gott wieder versöhnt ist, kann Gottes Kraft im Menschen wirken. Gott wird auch am Ende der Zeiten alles heil machen, sodass es nicht mal mehr den Tod geben wird.
Alles, was Gott an uns Menschen tat, tut und tun wird, hat das Ziel, uns das ewige Leben zu ermöglichen. Er will uns vor dem Untergang retten. Das ist für das Volk Israel zunächst das Ende des Fortbestehens, der Generationenabfolge und des Kultes. Es betrifft später auch das Leben nach dem Tod, als die Israeliten nach und nach eschatologische Zusammenhänge begriffen. Dies betrifft den Fortgang der Kirche als Leib Christi. Jesus hat Petrus zugesagt, dass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen werden. Es meint im Hinblick auf jeden Einzelnen den moralischen Untergang, der nach dem Tod dann den Untergang der Seele zur Folge hat. Er rettet uns vor dem seelischen Tod, der Hölle, in dem er uns immer wieder Anlass zur Umkehr schenkt und wir noch bis zum Moment des Todes bereuen können. Gott ist wirklich langmütig, das heißt unendlich geduldig mit uns. Sein Gericht ist kein Berechnen im Sinne von: „Dies und das hast du getan, das ergibt so und so viel Strafe.“ Er richtet vor allem nach unserem Herzen, nach unserer Absicht und diese gibt Aufschluss über die Konsequenz. Und darüber hinaus währt seine Barmherzigkeit nach dem Maß unserer aufrichtigen Reue. Es ist wirklich ein entlarvender Psalm, der nämlich das Vorurteil entkräftet, im Alten Testament komme nur der strenge Richtergott vor. Schon hier lesen wir von Gottes unendlicher Barmherzigkeit.

Mt 11
28 Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. 
29 Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. 
30 Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

In Jesus verdichtet und personifiziert sich nun alles, was wir in den Texten des AT gelesen haben. Er ist die Güte und Barmherzigkeit in Person. Er will Ruhe verschaffen. Wenn wir zu leiden haben, müssen wir es nicht alleine tragen, sondern er lädt uns ein, damit zu ihm zu kommen. Wir müssen nicht resignieren wie die Israeliten im babylonischen Exil oder die Juden zurzeit der Römerherrschaft. Wir müssen es gar nicht so weit kommen lassen, dass wir zu hadern beginnen und verbittern. Auch diese Einladung Jesu ist Zeichen der großen Barmherzigkeit Gottes.
Von ihm lernen wir heute noch etwas Anderes: Eine Last zu tragen, ist notwendig. Wir alle müssen ein Joch tragen, aber es kommt darauf an, welches! Gottes Kreuz, das er uns auferlegt, ist auf uns abgestimmt. Wir haben bei Jesaja gelesen, dass Gott uns durch und durch kennt. Er hat uns schließlich geschaffen und kennt so auch unsere Grenzen. Sein auferlegtes Kreuz, das „Joch“, ist leicht und drückt nicht. An anderer Stelle sagt Jesus, dass wer sein Jünger sein will, sein Kreuz auf sich nehmen und tragen muss. Wenn wir Gottes Kreuz tragen, werden wir inneren Frieden haben und vor allem gibt er uns Kraft. Wir werden über uns hinauswachsen. Dies betrifft einerseits den einzelnen Christen, der die Gebote Gottes auf sich nimmt. Gottes Willen zu leben, ist nicht schwer und gibt uns inneren Frieden. Wir erhalten die Kraft und die Gnade, seinen Willen zu tun. Wo wir an unsere Grenzen stoßen, wachsen wir über uns hinaus durch seine helfende Gnade. Auch als ganze Kirche dürfen wir und müssen wir zu ihm kommen. Wir leben in einer Glaubenskrise. Immer mehr Menschen sind dem Namen nach Mitglied der Katholischen Kirche, leben aber nicht mehr nach den Geboten und nehmen die Heilsmittel nicht in Anspruch. Immer weniger Menschen glauben an Christus und daran, dass er in der Kirche lebt und wirkt. Auch diese Last müssen wir zum Herrn bringen und um Bekehrung und Erneuerung der Kirche beten! Wie oft werden stattdessen Sitzungen und Gespräche abgehalten, menschliche Krisenbewältigung und Anstrengungen unternommen, als ob diese Dinge das eigentliche Problem lösen könnten! Dabei müssen wir zuerst zu Christus zurückkehren. In erster Linie muss der Klerus wieder geistlich werden und auf Knien um Vergebung bitten. Und auch wir, jedes einzelne Glied des Leibes, muss bei sich anfangen und umkehren. Eine im Glauben erneuerte Kirche wird wieder authentisch und missionarisch sein. Auch als Kirche das Joch Christi auf sich zu nehmen, wird fruchtbar sein, nicht das Ablegen des Jochs durch die Angleichung an den Zeitgeist.

Kommen wir in diesen adventlichen Wochen zu ihm, der uns Ruhe verschaffen will. Schauen wir nicht auf den Stress, den Menschen sich im Advent jetzt freiwillig antun, in dem sie den Konsumrausch, die Oberflächlichkeit und die Gereiztheit der Welt mitmachen. In diesen Wochen geht es um die Vorbereitung auf das Kommen des Herrn. Er wird uns innerlich vorbereiten durch die Sakramente, auf die wir uns jetzt vermehrt vorbereiten sollten. Lernen wir von ihm, der von Herzen sanftmütig und demütig ist.

Ihre Magstrauss

Dienstag der zweiten Adventswoche (A)

Jes 40,1-11; Ps 96,1-3.10-13; Mt 18,12-14

Jes 40
1 Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott. 

2 Redet Jerusalem zu Herzen und ruft ihr zu, dass sie vollendet hat ihren Frondienst, dass gesühnt ist ihre Schuld, dass sie empfangen hat aus der Hand des HERRN Doppeltes für all ihre Sünden! 
3 Eine Stimme ruft: In der Wüste bahnt den Weg des HERRN, ebnet in der Steppe eine Straße für unseren Gott! 
4 Jedes Tal soll sich heben, jeder Berg und Hügel sich senken. Was krumm ist, soll gerade werden, und was hüglig ist, werde eben. 
5 Dann offenbart sich die Herrlichkeit des HERRN, alles Fleisch wird sie sehen. Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen. 
6 Eine Stimme sagt: Rufe! Und jemand sagt: Was soll ich rufen? Alles Fleisch ist wie das Gras und all seine Treue ist wie die Blume auf dem Feld. 
7 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, wenn der Atem des HERRN darüber weht. Wahrhaftig, Gras ist das Volk. 
8 Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, doch das Wort unseres Gottes bleibt in Ewigkeit. 
9 Steig auf einen hohen Berg, Zion, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme mit Macht, Jerusalem, du Botin der Freude! Erheb deine Stimme, fürchte dich nicht! Sag den Städten in Juda: Siehe, da ist euer Gott. 
10 Siehe, GOTT, der Herr, kommt mit Macht, er herrscht mit starkem Arm. Siehe, sein Lohn ist mit ihm und sein Ertrag geht vor ihm her. 
11 Wie ein Hirt weidet er seine Herde, auf seinem Arm sammelt er die Lämmer, an seiner Brust trägt er sie, die Mutterschafe führt er behutsam.

Der heutige Jesajatext kündigt die babylonische Gefangenschaft an, mit der eine große Bedrängnis für die Juden kommen wird. Ihr Tempel wird ihnen weggenommen werden und sie werden Gott nicht mehr opfern können. Wenn es heißt: „Redet zum Herzen Jerusalems“, dann meint es wohl zu den Herzen der Menschen, ihnen ins Gewissen zu reden. Denn das, was genannt wird, betrifft ihr Verhalten: Jesajas Worte deutet Jerusalems Zustand als Folge ihrer Sünde. Die Sühne ist mit dem Abschluss des Exils jedoch abgeschlossen, sodass sie dafür doppelt so viel erhalten. Ihr Frondient ist zuende. Diese Übersetzung ist nicht die Primäre, aber passt sehr gut für den Literalsinn in diesem Kontext: Die Juden sind von den Babyloniern gefangen genommen worden und mussten ihnen gewiss dienen. Jesaja kündigt in dem Kapitel zuvor König Hiskija an, dass dessen Söhne als Eunuchen im babylonischen Palast dienen würden. Das hebräische Wortצְבָאָ֔הּ  zwa’ah bedeutet primär „Drangsal, Not“. Das griechische AT sagt an der Stelle tapeinosis, in der Offb wird stattdessen tlipsis geschrieben. Es umschreibt eine Bedrängnis, die mit dem leidvollen Dasein dieser Welt zu tun hat. Es ist ein eschatologischer Begriff und deshalb eschatologisch auszulegen. Die Zeit der Bedrängnis ist auch allegorisch gelesen vorbei, denn bald kommt der Messias. Das perspektivlose Volk hat wieder Grund zur Hoffnung. Heilsgeschichtlich gesehen kommt mit dem Messias die Wende. Vom Sündenfall bis zu Gottes Menschwerdung war der Himmel verschlossen. Kein Mensch hatte Zugang. Dies ändert sich mit der messianischen Heilszeit. Jesus ist gekommen und hat uns erlöst. Durch die Kirche bringt er auch heute noch Hoffnung in eine Zeit der Perspektivlosigkeit und Verzweiflung. Der Frondienst der Sünde hat ein Ende, wo die Menschen Jesus als Herrn und Erlöser akzeptieren und umkehren. Dies zeigen sie durch die Sakramente, in denen sie sich taufen lassen und ein christliches Leben mit regelmäßiger Beichte und Eucharistie führen. So werden sie immer wieder von der Bedrängnis befreit. Das Wort zwa’ah kann auch mit Kampf, Heer, Kriegsdienst übersetzt werden. Die Menschen stehen untereinander und in sich selbst im Zwiespalt. Von diesem werden sie durch Christus befreit. Wir bekommen inneren Frieden und können von dort aus auch mit anderen Menschen in Frieden leben. Wir kämpfen auch nicht mehr gegen Gott durch die Sünde, sondern versöhnen uns mit ihm in der Beichte. Schließlich ist die Zeit des Kampfes am Ende der Zeiten ganz vorbei, wenn Jesus wiederkommt. Dann werden wir nicht mehr die streitende Kirche, sondern die triumphierende oder leidende Kirche sein (mit Aussicht auf die triumphierende Kirche). Diese endgültige Befreiung der gesamten Weltgeschichte vom Bösen am Ende der Zeiten sowie das Kommen des Messias als Mensch werden durch eine Stimme angekündigt, die in der Wüste ruft. Dieser ist ein Ruf zur Umkehr und Vorbereitung auf den Messias. Nach dem Literalsinn könnte man meinen, dass es sich auf Jesaja und die Propheten nach ihm bezieht. Das Rufen aus der Wüste bezieht sich dann auf die judäische Wüste, die später dann auch zum Schauplatz des Täufers wird. Dieser ist dann typologisch auf Jesaja zu beziehen. Er ruft nämlich gerade zu Umkehr und Vorbereitung auf den Messias. Ekklesiologisch weitergedacht wird die Kirche immer wieder zur Stimme, die in der Wüste die Menschen ruft, damit sie an die Quelle lebendigen Wassers kommen, die eine Oase mitten in der Dürre der Wüste sind. Hier handelt es sich um geistige Dimensionen. Schauen wir auf unsere Welt, die seelisch vertrocknet. Die Kirche ruft die Menschen konkret zu den Sakramenten, insbesondere der Beichte als Umkehr und der Eucharistie als Begegnung mit dem fleischgewordenen Wort Gottes. Gott ruft jeden Menschen durch die eigene innere Stimme des Gewissens zu sich, sodass er umkehrt und wieder in den Stand der Gnade kommt.

Wenn es dann heißt „die Welt wird ihn sehen“, meint es zunächst den Messias, der Mensch geworden ist und unter den Menschen gelebt hat. Es mein aber auch sakramental das Sehen in der Eucharistie. Die Welt sieht ihn auch im liebenden Mitmenschen, im Nächsten. Diese moralische Perspektive hat er ihnen selbst durch seine Rede eröffnet, dier er mit den Worten beschließt: „Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan (Mt 25).“ Schließlich meint es am Ende der Zeiten das Kommen des verherrlichten Menschensohns. Es heißt bei der Ankündigung, dass jedes Auge ihn sehen werde (Offb 1). Interessant ist der Nachsatz: Denn der Mund des Herrn hat geredet. Das Wort, das Gott spricht, ist ja der Sohn, der Mensch geworden ist. Das bezieht sich wiederum auf Christus. Durch die Vergleiche mit der vergehenden Schöpfung wird dieses Wort Gottes als ewig gekennzeichnet, wodurch Jesu Existenz als ewig mitgesagt wird. Jesus selbst sagt an einer Stelle dann: „Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Wort werden nicht vergehen (Mt 24).“
Weiter heißt es, dass der Messias mit Kraft kommt und sein Arm seine Herrschaft ausübt. Das ist nicht nur wörtlich zu verstehen im Sinne einer politischen Befreiungsaktion. Sonst könnte man auch an Kyros denken, der das Volk ja kurzzeitig befreit und den Bau eines neuen Tempels ermöglicht. Es muss sich um eine umfassende Befreiung handeln und bezieht sich deshalb auf einen Messias mit übermenschlicher, eschatologischer Macht. Er wird nicht innerpolitisch (im Sinne von „innerhalb der Welt“) herrschen. Er wird auch nicht mit Gewalt herrschen, wie wir es von weltlichen Regenten gewohnt sind, sondern mit einer Liebeskraft, die in der Ohnmacht und Schwachheit zutage tritt. Dass wir solch einen Messias erwarten und eben nicht so einen Kyros, zeigt sich an der Aussage, dass er wie ein Hirte sein und weiden wird. Dies wird sich mit Jesus erfüllen, der selbst sagen wird: „Ich bin der gute Hirte (Joh 10).“ In seiner Nachfolge wird er Petrus dazu aufrufen, wie ein Hirte zu sein: „Weide meine Lämmer (Joh 21).“

Ps 96
1 Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Lande, 

2 singt dem HERRN, preist seinen Namen! Verkündet sein Heil von Tag zu Tag!
3 Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit, bei allen Völkern von seinen Wundern! 10 Verkündet bei den Nationen: Der HERR ist König! Fest ist der Erdkreis gegründet, er wird nicht wanken. Er richtet die Völker so, wie es recht ist. 
11 Der Himmel freue sich, die Erde frohlocke, es brause das Meer und seine Fülle. 
12 Es jauchze die Flur und was auf ihr wächst. Jubeln sollen alle Bäume des Waldes 
13 vor dem HERRN, denn er kommt, denn er kommt, um die Erde zu richten. Er richtet den Erdkreis in Gerechtigkeit und die Völker nach seiner Treue.

Auch der heutige Psalm beginnt mit den signalhaften Worten „neues Lied“. Dadurch wissen wir, dass es messianische Aussagen geben wird: „Verkündet sein Heil“ wird dann für uns Christen auffällig christologisch, weil in den Worten „sein Heil“ hier wieder der Name Jesus enthalten ist. Während hier wörtlich das Heil Gottes als messianische Verheißung verkündet werden soll, sind wir Christen dadurch aufgerufen, Jesus Christus zu verkünden, der das Heil ist (Nomen est omen). Das ist einer der drei Hauptvollzüge der Kirche – die Verkündigung (martyria). Jeder einzelne Christ bezeugt dieses Heil durch sein Handeln. Wo wir einander lieben und die Gebote Gottes halten, kommt das Heil in die Welt, das Reich Gottes wird dann schon jetzt spürbar. Am Ende der Zeiten werden wir das Heil verkünden – aber als ewigen Lobpreis in Gottes Gegenwart, mit allen Engeln und Heiligen.
Der Psalm verrät auch mehr darüber, das in Jesaja noch zwischen den Zeilen steht: Gott ist der König, der Herrscher. Die messianische Erwartung geht über eine menschliche Figur hinaus. Ganz in typischem Psalmenstil ruft der Psalmist die ganze Schöpfung dazu auf, den Herrn zu lobpreisen, denn der Messias kommt, der universales Heil bringt.
Was auffällig ist und auch in der Offb so formuliert wird: Gott wird nicht sein, sondern er kommt. Gleich zweimal wird dies hier ausgesagt. Gott ist schon unterwegs zu uns, statt in unbestimmter Zukunft erwartet zu werden. Das ist der Kern adventlicher Erwartung, sowohl auf Weihnachten hin als auch auf das Ende der Zeiten hin. Schließlich befinden wir uns momentan in einem doppelten Advent – dem des Kirchenjahres und dem zweiten Advent bis zur Wiederkunft Christi. Wir leben auch in adventlicher Erwartung auf die Eucharistie. Jesus Kommt sakramental immer wieder zu uns und wir leben in eucharistischer Mentalität. Meine Oma hat dies sehr intensiv gelebt. Für sie war nach der Eucharistie vor der Eucharistie. Sie bereitete sich nach der Messe schon auf die nächste Messe vor, was für sie sehr beschwerlich war. Sie war sehr krank und schwach, dennoch sammelte sie jeden Tag von neuem ihre ganze Kraft, um das Highlight des Tages, die Heilige Messe, miterleben zu können. Gott kommt auch immer wieder in unser alltägliches Leben. Wir müssen nur genau hinschauen. Wie viele Wunder geschehen von Tag zu Tag, an denen man Gottes Eingreifen erkennen kann. Wir empfangen den Herrn in der Kommunion und wenn wir es zulassen, dann bleibt er bei uns. Er bestimmt unser Leben und stärkt uns in den täglichen Kämpfen.
Im Psalm fällt auch auf, dass das Gericht Gottes sehr positiv gesehen wird. Gottes Gerichtshandeln ist absolut gerecht und dadurch eine Erlösung von der Ungerechtigkeit, unter der das Volk Israel leidet. Auch wir haben nichts zu befürchten, wenn wir uns aufrichtig um unsere Beziehung zu Gott bemühen. Konkret zeigt sich dies durch unsere Früchte – aus Liebe seine Gebote zu halten und die Heilsmittel dafür in Anspruch zu nehmen.

Mt 18
12 Was meint ihr? Wenn jemand hundert Schafe hat und eines von ihnen sich verirrt, lässt er dann nicht die neunundneunzig auf den Bergen zurück, geht hin und sucht das verirrte? 
13 Und wenn er es findet – Amen, ich sage euch: Er freut sich über dieses eine mehr als über die neunundneunzig, die sich nicht verirrt haben. 
14 So will auch euer himmlischer Vater nicht, dass einer von diesen Kleinen verloren geht.

Das heutige Evangelium ist kurz, aber sehr inhaltsreich. Es handelt sich um das Gleichnis vom verlorenen Schaf. Jesus greift damit eine Metapher auf, die wir bereits bei Jesaja gelesen haben. Gottes Liebe brennt für jeden einzelnen und ist so groß, dass er ein einziges verlorenes Schaf so lange sucht, bis er es findet. Es handelt sich um ein Gleichnis und solche hinken immer etwas. Gott ist ja allmächtig im Gegensatz zu einem menschlichen Hirten. Er kann auch hinter jedem verlorenen Schaf herlaufen, ohne neunundneunzig Schafe zurückzulassen. Das ist dem Bild geschuldet. Das Entscheidende, das Jesus sagen will, ist: Gott liebt jeden einzelnen Menschen so sehr, als wäre er der einzige auf der ganzen Welt! Gott unternimmt alles, einfach alles, um die Liebe dieses Schafes zu gewinnen. Er wird so weit gehen, am Kreuz zu sterben, damit dieses Schaf nicht verloren geht. Und seien wir ehrlich. Wir sind nie nur eines der neunundneunzig Schafe. Weil wir Sünder sind, werden wir immer wieder zum verlorenen Schaf. Jesus erfüllt mit dieser ganzen Rede vom Hirten und der Schafe das Schriftwort aus Jesaja und die Leute werden es erkannt haben. Im Gegensatz zu den meisten Menschen heutzutage kannten sie ihre Hl. Schrift durch und durch. Jesus hat in seine Nachfolge Hirten berufen, die mit derselben Weise Menschen für Gott gewinnen sollen. Wie oben erwähnt hat er Petrus explizit zum Weiden berufen (Joh 21). Die Kirche sucht nach jedem verlorenen Schaf und bietet ihm die Versöhnung an in der Beichte, in den Sakramenten, durch ihre Pastoral. Auch jeden einzelnen Menschen ruft Gott zu sich zurück durch das Gewissen. Er geht jedem Menschen in seinem Leben nach und ruft ihn unermüdlich bis zur letzten Sekunde seines Lebens. Er versucht alles, damit der Mensch sich selbst noch im Augenblick seines Todes bekehrt. Am Ende der Zeiten wird Gott die Versprengten Schafe zum himmlischen Jerusalem sammeln wie ein eschatologischer Hirte. Dann wird die Herde versammelt sein und das ewige Heil schauen. Und dann wird ewige Freude über jeden Bekehrten herrschen.

Hochfest der ohne Erbsünde empfangenen Jungfrau und Gottesmutter Maria

Gen 3,9-15.20; Ps 98,1-4; Eph 1,3-6.11-12; Lk 1,26-38

Liebe Freunde,
was wir heute feiern, ist nicht die Empfängnis Jesu im Leib Mariens. Dies wird manchmal verwechselt, weil wir im heutigen Evangelium davon hören. Dagegen feiern wir heute die Empfängnis Mariens im Leib ihrer Mutter Anna! Gott hat die Mutter Jesu schon von Anfang an von der Sünde bewahrt, weil sie so wie Jesus Teil der neuen Schöpfung sein sollte. Dieses Hochfest ist deshalb so wichtig, weil es eine Weichenstellung in der Heilsgeschichte darstellt. Es ist sogar so wichtig, dass es dieses Jahr um einen Tag verschoben wird. So haben es die deutschen Bischöfe entschieden. Wenn ein Hochfest auf einen Sonntag fällt, wird es von diesem verdrängt. Hiermit also den Hinweis für alle Katholiken in Deutschland – heute gilt die Gottesdienstpflicht wie an Sonntagen!

Gen 3
 9 Aber Gott, der HERR, rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du? 
10 Er antwortete: Ich habe deine Schritte gehört im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.
11 Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen? 
12 Der Mensch antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen. 
13 Gott, der HERR, sprach zu der Frau: Was hast du getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt. So habe ich gegessen. 
14 Da sprach Gott, der HERR, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch wirst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.
15 Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.

An diesem Hochfest hören wir von der Tragweite des Sündenfalls des ersten Menschenpaares. Dies ist wichtig, weil es die Vorgeschichte dessen darstellt, warum Maria als auserwählte Muttergottes vorbereitet und Jesus überhaupt Mensch geworden ist. Wir erhalten in den heutigen Lesungen eine Einordnung des Festes und der Person Mariens in den Gesamtkontext der Heilsgeschichte!
Der heutige Abschnitt beginnt mit Gottes Frage „Wo bist du?“ Er fragt den Menschen, was „Adam“ wörtlich heißt. Der Literalsinn ist an dieser Stelle das Rufen Gottes nach Adam, nachdem dieser gesündigt und sich versteckt hat. Auch Jesus ruft die Menschen später zu sich v.a. ruft er nach den Sündern – er ruft Matthäus/Levi, er ruft Zachäus, er ruft aber auch seine Aposteln, ihm nachzufolgen. Gott ist immer im Dialog mit seinen Geschöpfen und ruft umso lauter, wenn sie sich von ihm entfernen. So ruft auch die Kirche in der Nachfolge Christi, der seinen Jüngern auftrug, in die ganze Welt hinauszugehen, das Evangelium zu verkünden und alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen. Die Kirche ruft die Menschen zur Umkehr, auch wenn sie sich dadurch unbeliebt macht (so wie gestern Johannes der Täufer). Gott ruft auch jeden einzelnen Menschen – zur Umkehr und in seine Nachfolge (in Berufung steckt der Ruf). Wenn wir gegen Gottes Gebote gehandelt haben, kriegen wir ein schlechtes Gewissen. Das ist der Ruf Gottes in unserer Seele. Gott ruft uns auch zum heiligen Berg, zum himmlischen Jerusalem am Ende der Zeiten. Dann werden die Engel ihm zur Seite stehen und mit Posaunen Gottes Ruf unterstützen. Dann wird uns Gott auch fragen, wo wir stehen – auf seiner Seite oder nicht.
Warum aber versteckt sich das Menschenpaar? Es hat Angst – und das ist etwas Neues, das Gott so nicht geschaffen hat. Die Angst ist eine Folge der Sünde. Ein weiteres hängt damit zusammen und ist ebenfalls Folge der Sünde – die Scham. Das Menschenpaar erkennt mit dem Sündenfall ihre Nacktheit und will nicht, dass Gott es so sieht. Das bezieht sich nicht nur auf die körperliche Nacktheit, sondern auf die gesamte menschliche Existenz. Der Mensch fühlt sich in Gottes Angesicht nun nicht mehr geborgen, weil er ihn ganz sieht, sondern er fühlt sich ausgeliefert, dadurch dass Gott in sein Innerstes sehen kann. Er hat jetzt einen Bereich im Leben, den er Gott nicht zeigen will. Gott fragt Adam, ob er von dem Baum gegessen habe. Diese Frage ist für ihn eigentlich überflüssig, da er allwissend ist und die Antwort bereits kennt. Er fragt aber wegen des Menschen. Dieser soll bekennen und erhält die Chance, Reue zu zeigen! Doch was macht Adam? Er redet sich heraus und macht die Frau dafür verantwortlich („die FRAU, die du mir beigesellt hast“). Es ist noch schlimmer, als wir auf den ersten Blick sehen: Er macht sogar Gott verantwortlich („die Frau, die DU mir beigesellt hast“). Adam gesteht seine eigene Schuld nicht ein, die er ja hat. Schließlich hatte Gott beide Menschen mit einem freien Willen ausgestattet und beide hätten ablehnen können von ihrer Disposition her. Auch die Frau erhält eine Frage von Gott, auf die er ja bereits die Antwort kennt „was hast du getan“. Dies hat Jesus auch sehr oft getan: Er fragte die Menschen, obwohl er deren Antwort bereits kannte. Z.B. fragte er den Blinden „was willst du, dass ich dir tue?“ Er tat es um des Befragten willen. Der Blinde sollte von sich aus, also freiwillig und mit eigenen Worten aussprechen, was er sich wünschte. Die Kirche tut dies in Christi Vollmacht, die er den Aposteln übertragen hat („Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“ etc.). Dies geschieht im Sakrament der Beichte. Der Priester fragt vielleicht nicht so direkt, aber erwartet die Antwort durch den Beichtenden in dessen Bekenntnis. Denn eigentlich fragt der Priester stellvertretend für die ganze Kirche, mit der sich dann der Beichtende am Ende versöhnt (also nicht nur mit Gott!). Der Herr gibt uns auf diese Weise die Chance, umzukehren. Wie oft nutzen wir das aber nicht…wir sehen die leeren Beichtstühle, falls es sie überhaupt noch gibt. Umso tröstlicher, dass an anderen Orten wie in Medjugorje die Beichtstühle übervoll sind und Menschen umkehren! Gott fragt uns „was hast du getan“ auch durch unser Gewissen. Stellen wir uns nicht manchmal selbst die Frage „was habe ich nur getan?“. Eigentlich ist es Gott in uns, der das zur Sprache bringt, damit wir uns selbst anklagen und bereuen mit der Absicht, es nicht wieder zu tun. Bei uns Menschen bleibt der Gewissensruf oft unerhört oder wird dadurch erstickt, dass wir uns die Schuld nicht eingestehen, sie anderen in die Schuhe schieben und ganz besonders auch dadurch, dass wir es Gott in die Schuhe schieben. Wie schnell machen wir ihn dafür verantwortlich, wenn in unserem Leben etwas nicht gut läuft. Wir hadern ganz schnell mit dem, der die Quelle unseres Lebens ist. Schließlich wird uns Gott am Ende fragen „was hast du getan“, wenn wir nach unserem Tod vor ihm stehen. Dann werden wir im Feuer seiner Liebe unser eigenes Verschulden sehen und es wird uns so sehr schmerzen, wie nichts anderes. Dann werden wir uns eben nicht mehr herausreden können, weil wir uns nicht mehr verstecken können.
Das Motiv des Essens vom Baum ist heilsgeschichtlich gesehen unendlich wichtig und wir müssen es unbedingt im Hinterkopf behalten. Denn der Baum wird antitypisch erfüllt, ebenso wie Adam und Eva. Die Kirchenväter werden eine typologische Brücke zum Holz des Kreuzes ziehen, an dem Jesus, der neue Adam gestorben ist. Sie erkennen im Baum des Kreuzes den Baum des ewigen Lebens.
Es ist bemerkenswert, wie die Schlange bestraft wird. Den Worten Gottes nach müssen wir davon ausgehen, dass sie ursprünglich Gliedmaßen besaß und kein Kriechtier war. Die selige Anna Katharina Emmerick hat in ihren Visionen die Schlange als intelligentes Tier auf zwei Beinen gesehen, das Eva überall hin begleitet hat.
Mit dem Sündenfall tritt zwischen der Frau und der Schlange eine Feindschaft in Kraft, die Gott hier nun verkündet. Diese wird sich fortsetzen mit dem Nachkommen der Frau. Was Gott hier verkündet, ist der ewige Kampf, in dem sich die gesamte Menschheit, ja die gesamte Schöpfung befindet, bis der neue Himmel und die neue Erde ins Dasein gerufen werden. Diese Feindschaft wird sich aber auch zunächst historisch zeigen, in dem das auserwählte Volk ständig im Kampf gegen andere Völker sein wird. Das heißt natürlich nicht, dass die anderen Völker vom Teufel sind, aber dass dieser im Hintergrund seine Fäden zieht und der Kern aller Kämpfe der Welt ein geistiger ist. So hetzt er Menschen gegeneinander auf, Familienmitglieder gegeneinander auf (so wird auch Jesus später verkünden) und so hetzt er auch Menschen im neuen Bund gegeneinander auf. Jesu gesamte Verkündigung und seine messianische Identität betonen diese geistige Realität. Die Menschen haben das mehrheitlich nicht verstanden und einen Messias als politischen Freiheitskämpfer erwartet. Auch heute schimpfen wir und klagen wir über die Nöte unserer Welt und vergessen dabei manchmal, dass das eigentliche Problem ein geistiges ist. Hier in Gen 3 ist trotz dieser weiterreichenden Dimensionen ganz spezifisch die Feindschaft der Frau und der Schlange sowie ihres Nachkommens mit der Schlange die Rede. Das ist kein Zufall. Von Anfang an hat die Kirche damit eine typologische Brücke zu Jesus und Maria geschlagen, die zu Erzfeinden des Teufels werden. Dann ist Maria der Antitypos der Frau, die hier zum Feind der Schlange wird – dem Teufel. Nicht umsonst hat mir meine Mutter schon von klein auf beigebracht, dass der Engel des Herrn als Gebet den Teufel ganz schnell vertreibt und erzittern lässt. Er hat Angst vor dieser Frau! Und Jesus wird antitypisch als der Nachkomme der Frau aus Gen 3 verstanden. Er macht dem Teufel einen Strich durch die Rechnung. Beide – Frau und Kind – werden zum neuen Menschenpaar, nämlich der neuen Schöpfung, die zuvor die alte mit Gott versöhnt. Im Anschluss an Gottes Worte wird erzählt, dass die Frau den Namen Eva erhält – Mutter aller Lebenden. Auch dies wird antitypisch mit Maria erfüllt, die zur Mutter aller Lebenden wird im Sinne des ewigen Lebens!

Ps 98
1 Ein Psalm. Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht! Geholfen hat ihm seine Rechte und sein heiliger Arm. 
2 Der HERR hat sein Heil bekannt gemacht und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker. 
3 Er gedachte seiner Huld und seiner Treue zum Haus Israel. Alle Enden der Erde sahen das Heil unsres Gottes. 
4 Jauchzet dem HERRN, alle Lande, freut euch, jubelt und singt!

Es ist typische Psalmensprache und ein üblicher Beginn von Psalmen, zum Lobpreis aufzufordern (entweder andere oder sich selbst, die eigene Seele). Wenn aber in der Bibel ein neues Lied angestimmt wird, ist das immer ein messianisches Signal. In der Offb gibt es zum Beispiel auch das Lied des Mose (15,3), das Exodusmotive aufgreift und im Stil eines Psalms geschrieben ist. Zugleich gibt es ein neues Lied mit dem Lobpreis des Lammes (5,9). Für die Juden war es zunächst ein Signal, dass die messianische Endzeit besungen wird, die konkret die Befreiung des Volkes aus der Fremdherrschaft bedeutet. Wenn in dieser Leserichtung es dann heißt „vor den Augen der Völker“, dann meint es, dass die anderen Völker den guten Ausgang für das Volk Israel sehen. So war es damals mit dem Auszug aus Ägypten. Die anderen Völker erkannten dadurch den Gott Israels an. Allegorisch gelesen bedeutet es, dass sich nicht nur Juden, sondern auch Heiden zu Christus bekennen werden. Wir denken unwillkürlich an den Hauptmann, der das Kreuzesopfer Christi bezeugt hat und daraufhin sagte: „Wahrlich, dieser war Gottes Sohn.“ Wir denken auch an die vielen Heidenchristen, die durch die Heidenmission des Paulus hinzugekommen sind. Auch jetzt ist die Kirche das sichtbare Zeichen, der Leib Christi vor den Augen der Völker. Im Namen Jesu geschehen so viele Zeichen und Wunder, dass immer mehr Menschen Christen werden. Jede Bekehrung eines Sünders ist ein Wunder. Wenn Menschen nach vierzig Jahren wieder beichten und ihr Leben ändern, dann ist das ein Wunder. Und wenn Gott einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird, dann wird dies ein Wunder sein. Am heutigen Tag ist das Wunder, das wir bestaunen, der Anfang dieses neuen Himmels und dieser neuen Erde – Maria wird im paradiesischen, vorsündlichen Zustand im Leib ihrer Mutter empfangen. Und im kommenden Evangelium werden wir ein weiteres Wunder erfahren – Jesus wird gezeugt ohne menschlichen Vater, sondern durch den Hl. Geist, und das ganze in einer Jungfrau. Das „Heil unseres Gottes“, im Hebräischen steht יְשׁוּעַ֥ת jeschuat, was dieselbe Wurzel hat wie der Name Jesu und beim Hören des Textes umso mehr! Das Heil, die Rettung wird sichtbar sein! Die Juden haben dieses Heil als politisches, zumindest irdisches Heil verstanden, deshalb würde es sichtbar sein. Wir Christen erkennen darin die Sichtbarkeit Gottes, der in Jesus Christus Mensch geworden ist. Und sichtbar wird das Heil auch in unserem Leben, wenn Gott eingreift. Dann wird in ein chaotisches, leidvolles und krankes Leben Ordnung, Heilung und Trost hineinkommen. Es wird für alle Umstehenden auffällig sein. Und am Ende der Zeiten wird der Schleier des Jenseits ganz weggenommen, sodass wir Gott sehen werden, wie er ist! Denken wir an das kommende Weihnachtsfest und an die Magoi aus dem Osten, wird die Rettung, die jeschuah auch sichtbar, nämlich als kleines Kind in einem Stall – mit dem Namen Jesus! Sie sind exemplarisch für die Nationen zu betrachten.

Eph 1
3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel. 
4 Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm. 
5 Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen, 
6 zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn. 11 In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt, wie er es in seinem Willen beschließt; 
12 wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher in Christus gehofft haben.

Was wir durch die alttestamentlichen Lesungen bedacht haben, wurde auch in der neutestamentlichen Briefliteratur reflektiert. Paulus sagt heute ganz deutlich, dass der Heilsplan Gottes von Ewigkeit her feststand. Ganz konkret hat er uns zur Sohnschaft berufen (das betrifft natürlich auch die Töchter). Durch diese Aussagen wird uns klar: Dass Jesus die ganze Menschheit erlösen würde, stand schon von Anfang an fest.
Gott hat uns mit der Fülle seiner Gnade beschenkt, ganz besonders wird dieses Potenzial heute in Maria deutlich. An ihr sehen wir, wie der Mensch gedacht war, bevor er in Sünde fiel. Das werden wir an dem Gruß des Engels gleich lesen. Wir haben alle diese Fülle der Gnade bekommen, auch wenn durch die Folgen der Erbsünde das Potenzial nicht voll ausgeschöpft werden kann. Es liegt also an uns, nicht an Gott. Diese Gnadenfülle erhielten wir, um die Berufung Realität werden zu lassen – mit Gott in Gemeinschaft zu leben. Dies bezieht sich auf den Himmel am Ende unseres Lebens und am Ende der Zeiten, wenn wir dies anagogisch lesen. Dies wird aber auch jetzt schon Realität, auch wenn wir diese Gemeinschaft nicht durch unsere Natur erlangen können, sondern durch die Gnade der Erlösung. Wir leben in seiner Gemeinschaft, wenn wir im Stand der Gnade sind, also nicht in Todsünde leben, sondern nach Gottes Geboten. Die Gemeinschaft mit Gott wird ganz besonders intensiv in den Sakramenten der Kirche, in denen vor allem in der Eucharistie Jesus in unserer Mitte wohnt. Er kommt sogar in unser Herz, wenn wir ihn in der Kommunion empfangen. Die Gaben des Geistes erhalten wir durch die Sakramente der Taufe und Firmung in vollem Maße und damit beginnt auch unser Weg der Heiligkeit.
Die Sohnschaft, zu der wir berufen sind, ist dieser Weg der Heiligkeit und bezieht sich auf das neue ewige Leben, zu dem wir in der Taufe wiedergeboren worden sind. Damit werden wir als Söhne und Töchter Gottes und Erben des Himmelreiches hineingeboren.
„Zum Lob der Herrlichkeit bestimmt“ deutet an, was unsere Tätigkeit im Himmel sein wird – der ewige Lobpreis in Gottes Gegenwart.

Lk 1
26 Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret 
27 zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria. 
28 Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir. 
29 Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. 
30 Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden. 
31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben. 
32 Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben. 
33 Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben. 
34 Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne? 
35 Der Engel antwortete ihr: Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden. 
36 Siehe, auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar gilt, ist sie schon im sechsten Monat. 
37 Denn für Gott ist nichts unmöglich. 
38 Da sagte Maria: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

Nun kommen wir zum Höhepunkt des Tages, den die bisherigen Texte vorbereitet haben: Der Engel des Herrn kommt zu einer Jungfrau nach Nazaret. Für den schriftkundigen Hörer erklingt schon mit dem ersten Satz ein Signal: Von Jesaja haben wir die letzten Tage von einem nezer, einer Wurzel gehört, die nun im Namen des Ortes Nazaret wieder auftaucht. Eine Jungfrau – das ist bis heute ein heißes Eisen und doch müssen und dürfen wir dieses Wort wörtlich nehmen. Das griechische Wort παρθένος, ist mit „Jungfrau“, also auch dem biologischen Zustand der Unberührtheit, zu übersetzen. Es ist schon in der Verheißung aus Jesaja zu lesen („die Jungfrau wird ein Kind empfangen“). Das griechische AT, die Septuaginta verwendet an dieser Stelle bei Jesaja dasselbe Wort παρθένος. Im Hebräischen steht הָעַלְמָ֗ה ha-almah „die Jungfrau“. Interessant auch, dass eine bestimmte Jungfrau gemeint ist. Das zeigt der bestimmte Artikel. Das Wort wird von heutigen Exegeten gerne bagatellisiert und in der Einheitsübersetzung steht bei Jes 7 deshalb auch eine Fußnote, in der behauptet wird, man müsse das hebräische Wort mit „junge Frau“ übersetzen. Ich kritisiere die Fußnote, weil sie irreführend ist. Sie wird nämlich gerne zum Anlass genommen, die biologische Jungfräulichkeit abzulehnen. Eine junges Mädchen im heiratsfähigen Alter (was mit almah gemeint ist), schließt den jungfräulichen Zustand selbstverständlich ein. Alles Andere wäre undenkbar (für heutige Zustände ja leider nicht mehr…).
Dass Maria verlobt ist, wird nicht gesagt, um ihren Zustand der Jungfräulichkeit zu erklären, sondern die Wunderhaftigkeit der Empfängnis. Vom Protevangelium des Jakobus wissen wir, dass die Eltern Mariens ihr Kind dem Tempel geweiht haben und Maria lebenslang Jungfrau bleiben sollte. Die Ehe mit Josef sollte ebenfalls eine jungfräuliche Ehe werden. Deshalb war ihre Schwangerschaft so drastisch für die Gesellschaft, nicht in erster Linie, dass es ein uneheliches Kind war (das auch). Es ging darum, dass sie überhaupt ein Kind erwartete.
Es ist auch kein Füllsatz, wenn es heißt „der Name der Jungfrau war Maria“. Zwar ist die Herleitung des Namens nicht ganz eindeutig, aber zwei Möglichkeiten sind „die Wohlgenährte“ und „die Geliebte“. Gerade die erste Übersetzungsmöglichkeit stellt einen Bezug zur Mutter der Lebenden her, wie Eva, die erste Frau bezeichnet worden ist. Damit wird schon durch den Namen Mariens ein typologischer Bezug hergestellt.
Der Engel spricht Maria an mit den Worten χαῖρε, κεχαριτωμένη chaire, kecharitomene „freue dich, du Begnadete/die, der Gnade erwiesen worden ist“. Auch Christen haben die Begrüßung χαῖρε von Anfang an verwendet, so auch Paulus in den Briefanfängen. Die Bezeichnung κεχαριτωμένη ist, was uns theoretisch allen geschenkt ist, die volle Ausstattung mit der Gnade Gottes, also die Berufung jedes Getauften, von der wir im Epheserbrief gelesen haben. Dass der Engel sie jetzt so anspricht (das ist neu), macht für uns deutlich, dass sie nicht nur theoretisch, sondern im vollen, gleichsam paradiesischen Sinne, Begnadete ist. Die Kirche liest diese Anrede als Hinweis auf ihre Bewahrung vor der Erbsünde. Dass es sich um eine unübliche Aussage handelt, sehen wir an Marias Reaktion – sie erschrickt nicht vor dem Engel selbst, sondern vor der Anrede. Man kennt es von anderen Engelserscheinungen, dass die jeweiligen Personen auf ihr Gesicht fallen und eine heftige Reaktion zeigen. Maria dagegen fällt nicht auf ihr Gesicht, sondern fragt sich, was die Anrede zu bedeuten habe. Und dass sie keine Angst vor dem Engel hat, der ja voll der Herrlichkeit Gottes leuchtet, zeigt einen weiteren Hinweis auf ihre paradiesische, sündlose Natur. Wir hatten von Gen 3 kennengelernt, dass Angst ein nachsündlicher Zustand ist, der mit dem Sündenfall in den Menschen gekommen ist. In diesem Kontext ist die Aussage „fürchte dich nicht, Maria“ auf die Anrede zu beziehen. Das ist ja eine Aufforderung, die Engel den Menschen für gewöhnlich machen. Hier erhält sie eine neue Dimension.
Der Engel sagt ihr dann: „Der Herr (ist) mit dir.“ Im Griechischen handelt es sich um einen Nominalsatz, bei dem das Verb fehlt und deshalb steht das „ist“ in Klammern. Es ist sinngemäß hinzuzufügen und lässt eine Überzeitlichkeit zu: Es könnte sowohl eine Vergangenheitsform sowie eine Präsens- oder Zukunftsform eingesetzt werden. Gott war schon mit ihr, da er seinen Heilsplan für sie schon von Anbeginn der Zeit bereitet hat (siehe Epheser) und ist jetzt mit ihr – auf so eine intensive Weise, dass er in ihr Fleisch annimmt. Er wird auch mit ihr sein, wenn Jesus dann von ihr geht und vorausgeht zum himmlischen Vater und Gott wird auch mit ihr sein am Ende der Zeiten, wenn sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wird. Auch mit uns ist der Herr, in unserem Herzen, in der Eucharistie, sogar physisch beim Kommunionempfang! Und auch wir werden am Ende der Zeiten ganz bei Gott sein. Wir glauben an eine leibliche Auferstehung, die der neuen Schöpfung verheißen wird und deren erste Exemplare Jesus und Maria sind.
Der Engel erklärt ihr, welchen Plan Gott mit ihr hat. Bemerkenswert ist wiederum ihre Reaktion. Sie stellt diese wunderbare Verheißung nicht infrage und zweifelt nicht daran. Im Gegenteil, sie versucht, es zu verstehen (Anselm von Canterbury hätte sich gefreut!) und fragt nach dem Wie. Bei ihrer Nachfrage wird das deutlich, was ich vorhin angeschnitten habe: Maria ist eine geweihte Jungfrau. Deshalb heißt es auch: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann ERKENNE“. Es steht eindeutig ein dauerhaftes Verb in der Gegenwart (οὐ γινώσκω u ginosko „nicht erkenne“). Da steht nicht „noch nicht“. Es bestätigt, was das zuvor erwähnte Protevangelium sagt. Die außerbiblischen Schriften bezeugen, dass Marias Familie den Essenern nahestand, die den Messias am stärksten erwartet haben und bei denen die Enthaltsamkeit einen hohen Stellenwert hatte. Die Essener lebten eine mönchische Askese und standen der hasmonäischen Tempellobby kritisch gegenüber. Sie hielten fest an dem mosaisch eingesetzten Priestertum fest. Auch Johannes der Täufer sowie seine Familie, die ja mit Maria verwandt war, stand den Essenern nahe. Maria ist als Tempeljungfrau geweiht worden als Dank dafür, dass ihre Eltern zuerst kein Kind bekommen konnten. Gemäß Numeri 30 war der Plan, ihr Gelübde in die Ehe hineinzutragen. Davon kommt auch bis heute der Begriff der „Josefsehe“, also eine Ehe, die aus religiösen Gründen nicht vollzogen wird. Selbst wenn wir diese außerbiblischen Quellen nicht berücksichtigen, wird es uns über den Bibeltext verständlich: Warum sollte Maria nach dem Wie fragen, wenn sie in absehbarer Zeit heiraten würde und eine baldige Schwangerschaft erwarten konnte? Das würde ja nichts Wundersames bedeuten, sondern den natürlichen Lauf der Dinge.
Die Erklärung des Engels ist voll von alttestamentlichen Anspielungen. Maria hat als fromme und schriftkundige Jüdin (das sehen wir am besten am Magnificat, das eine geniale Kompilation verschiedenster Schriftzitate ist) diese erkannt und verstanden, dass es um den Messias geht.
Dadurch dass der Engel auf Elisabeth verweist, wird Maria die übernatürliche Weise des Handelns Gottes verdeutlicht. Dieser kann über die von ihm selbst geschaffenen Naturgesetze hinweggehen und Wunder vollbringen. Für ihn ist alles möglich. Als wiederum fromme Jüdin kennt sie diese Art von Wunder bei heilsgeschichtlich bedeutenden Personen (so wie bei Isaak, Simson oder Samuel). Deshalb gibt sie voller Glauben ihr Ja. Und mit dieser schlichten Zusage „mir geschehe, wie du es gesagt hast“ wird der Vernichtungsplan des Teufels zunichte gemacht. Was der Böse mit dem ersten Menschenpaar erreicht hatte, ist mit einem einzigen Satz zerfallen. Der Ungehorsam und das Nein der ersten Frau, die auf die Schlange gehört hat, ist mit dem Ja dieser neuen Eva wieder gutgemacht worden. Während die erste Frau von der verbotenen Frucht aß und dadurch das ewige Leben verloren hat, empfing die zweite Frau die ewige Frucht, Jesus, der das ewige Leben wiederherstellen sollte.

Heute habe ich sehr viel geschrieben, aber das musste einfach sein. Das heutige Fest ist so unendlich wichtig für uns und zugleich so umstritten, dass wir uns umso intensiver damit befassen mussten. In neun Monaten werden wir die Geburt Mariens feiern (am 8. September). Diese paradiesische Frau, an der wir sehen können, wie wir einmal sein werden, ist so ein Hoffnungsträger, dass wir auch mit Blick auf Weihnachten eine größere Freude auf das Kommen des Messias erhalten. Ohne sie könnten wir uns gar nicht darauf freuen.

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Hochfest und lade Sie heute besonders dazu ein, den Engel des Herrn ganz aufmerksam zu beten – und jagen wir dadurch dem Teufel heute mal so richtig Angst ein. Er erzittert vor ihrem Ja und sucht das Weite.

Ihre Magstrauss