Donnerstag der ersten Adventswoche (A)

Jes 26,1-6; Ps 118,1-2.8-9.19-20.25-27a; Mt 7,21.24-27

Liebe Freunde, die heutigen Lesungen thematisieren weiterhin die Stadt. Heute geht es aber noch weiter, denn Jesus spricht vom Hausbau.

Jes 26
1 An jenem Tag wird dieses Lied im Land Juda gesungen: Wir haben eine starke Stadt. Zum Heil setzt er Mauern und Wall. 

2 Öffnet die Tore, damit eine gerechte Nation einzieht, die Treue bewahrt. 
3 Festem Sinn gewährst du Frieden, ja Frieden, denn auf dich verlässt er sich. 
4 Verlasst euch stets auf den HERRN; denn GOTT, der Herr, ist ein ewiger Fels. 
5 Denn die Bewohner der Höhe hat er niedergebeugt, die hoch aufragende Stadt erniedrigt; er hat sie erniedrigt bis zur Erde, sie bis in den Staub gestoßen. 
6 Füße zertreten sie, die Füße der Armen, die Tritte der Schwachen.

Das erste Verb in diesem Abschnitt aus dem Buch Jesaja zeigt wieder an, dass es sich um eine Verheißung handelt, denn es steht im Futur, in der Zukunft (יוּשַׁ֥ר juschar „er/es wird gesungen werden“). Einerseits ist es eine Verheißung für das Volk Israel, das von der Fremdherrschaft frei sein und die Stadt Jerusalem wieder für sich haben wird. Andererseits ist es eine messianische Verheißung, die die Stadt Jerusalem dann als seinen Leib, die Kirche, voraussetzt. Es heißt im Hebräischen an der Stelle „Zum Heil setzt er Mauern und Wall“ יְשׁוּעָ֥ה  jeschuah, was denselben Stamm besitzt wie der Name Jesu! Wenn man diese Jesajastelle hört, klingt es identisch und die Zuhörer verstehen sofort diese messianische Tragweite. Das starke Gebäude meint natürlich nicht die Kirchenmauern, sondern den mystischen Leib, dessen Stabilität und Schutzmechanismus von höchster Qualität sind. Es ist auch ein weiterer messianischer Hinweis durch die Ortszuschreibung „im Land Juda“ gegeben, da sich dies mit Jesus Christus erfüllt hat: Er kommt aus dem Stamm Juda. Es heißt weiter dann „öffnet die Tore“, was sich ja primär auf die Tore der Stadt beim Einzug des Volkes bezieht, das endlich in die Stadt zurückkehren darf. Diese Aufforderung hat jedoch auch eine größere Tragweite: Wir singen im Advent schließlich auch „macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ aus messianischer Sicht. Der Messias soll durch das Tor der Welt hindurch kommen und in dieser Welt gegenwärtig sein. Dies hat wiederum mehrere Dimensionen: Einerseits bezieht es sich auf Christi Menschwerdung durch Maria (dann ist sie das Tor), andererseits auf das geöffnete Tor zum Himmel, das er durch seine Erlösungstat wieder ermöglicht hat (das Tor war ja durch den Sündenfall versperrt). Die Tore des himmlischen Jerusalem sollen geöffnet werden, sodass die ewigen Bürger einziehen können. Es meint schließlich auch das Tor zum Herzen, das für das Kommen Jesu Christi in der Eucharistie geöffnet werden soll.
Es ist dann in Vers 3 die Rede vom festen Sinn. Jüdisch gelesen bezieht es sich auf jene, die nach der Torah leben. Diesen wird Frieden (שָׁלֹום schalom) verheißen. Dieser Satz ist für uns sehr wichtig im Hinblick auf die weiteren Lesungen. Behalten wir es im Hinterkopf. Denn allegorisch lesen wir hier die Torah als fleischgewordenes Wort Gottes, der später dann sagen wird: Frieden gebe ich euch, MEINEN Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, wie die Welt ihn gibt. Wahre Schalom kommt von Jesus und wir als Kirche haben diesen Frieden anfangshaft schon in den Sakramenten. Als Zeichen dafür geben wir uns den Friedensgruß – den österlichen Frieden, den wir weitergeben sollen. Und im Herzen haben wir echten Frieden, wenn wir die Gebote Gottes halten und im Stand der Gnade sind. Ewigen Frieden dürfen wir am Ende der Zeiten haben, wenn wir bei Gott sind.
Das Bildfeld der Stadt wird weitergeführt, wenn es ab Vers 4 heißt, dass Gott der Fels ist. Dies erinnert uns schon an Jesu Verkündigung, in der er vom Felsen als Fundament des Hausbaus spricht. Wir werden es gleich noch gemeinsam lesen.
Ein wichtiger Aspekt ist noch die Zerstörung der hochragenden Stadt. Dies erinnert uns jüdisch gelesen an Babel, die Stadt, die einen hohen Turm errichten wollte. Es bezieht sich auch auf die Feinde Israels, die das Volk unterdrückt haben, ob es die Assyrer, die Babylonier, die Perser oder später dann die Römer meint. Doch Hochmut kommt vor dem Fall und Gott greift ein. Solche Babels, Babylons und Assurs gibt es auch im NT. Rom als städtisches Symbol einer ganzen Herrschaft ist auch in seiner (vermeintlichen, weil weltlich begrenzten) Pracht und Schönheit schließlich untergegangen. In der Offb wird die Zerstörung Roms ganz und gar Gott zugeschrieben, der damit einen Akt der Gerechtigkeit für die bedrängten Christen vollzogen hat. Rom hat, um es mit neutestamentlichen Worten zu formulieren, auf Sand gebaut. Nun zertreten es diejenigen, die zuvor zertreten worden sind. Wir haben es bereits in den Lesungen der letzten Tage kennengelernt. Gottes Gericht ist unerwartet und verläuft nach ganz anderen Maßstäben, die die Welt kennt. Das ist für uns jetzt schon ein Trost, denn es wird ganz anders ausgehen, wie es jetzt offensichtlich erscheint. Und wenn auch die Christen, insbesondere die Katholiken scheinbar überall abgelehnt und schlechtgeredet werden, wird es am Ende ganz anders ausgehen. Die Zerstörung der hochragenden Stadt bezieht sich auch auf die Seele des Menschen. Gott beschneidet uns, wo wir hochmütig sind. Er lässt zu, dass wir in Situationen gedemütigt werden, um vom hohen Ross herabzusteigen. Er tut es aus Liebe, weil wir nur so für die himmlische Stadt bereitgemacht werden können. Gott wird am Ende der Zeiten die hochragende Stadt, also die gottlose Welt zunichte machen. Nur so wird Platz sein für das himmlische Jerusalem, für einen neuen Himmel und eine neue Erde, in der es keine bösen Taten mehr geben wird.

Ps 118
1 Dankt dem HERRN, denn er ist gut, denn seine Huld währt ewig! 
2 So soll Israel sagen: Denn seine Huld währt ewig.
8 Besser, sich zu bergen beim HERRN, als zu vertrauen auf Menschen. 
9 Besser, sich zu bergen beim HERRN, als zu vertrauen auf Fürsten. 
19 Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit, ich will durch sie hineingehn, um dem HERRN zu danken! 
20 Dies ist das Tor zum HERRN, Gerechte dürfen hineingehn. 
25 Ach, HERR, bring doch Rettung! Ach, HERR, gib doch Gelingen!
26 Gesegnet sei, der da kommt im Namen des HERRN! Wir segnen euch vom Haus des HERRN her. 
27 Gott ist der HERR. Er ließ Licht für uns leuchten. Tanzt den Festreigen mit Zweigen bis zu den Hörnern des Altars! 

Dieser Psalm muss uns Christen stets vor Augen stehen. Wir haben immer, ich wiederhole, immer Grund, Gott zu danken. Wir existieren dank ihm. Wir atmen dank ihm. Wir werden geliebt, ohne dafür etwas getan zu haben. Er beschenkt uns jeden Tag mit so vielen Gaben. Das ist immer den Lobpreis Gottes wert, unabhängig davon, wie wir uns fühlen oder was wir gerade durchmachen. Wenn wir uns das bewusst machen, werden wir nicht mehr fälschlicherweise denken, dass wir ein Recht auf irgendwelche eingeforderten Dinge haben.
Der Psalm thematisiert ebenfalls das Thema aus Jes 26, das Verlassen auf Gott statt auf Menschen (ab Vers 8). Was hier mit Fürsten übersetzt wird, meint Edle, Wohltätige. Das heißt wir sollen uns auch nicht auf jene verlassen, die uns Gutes tun. Wir gewöhnen uns zu schnell daran und vergessen, dass ihre Wohltätigkeit eine Grenze hat. Gottes Güte ist dagegen unendlich. Bemerkenswert ist das auch hier verwendete Tor-Motiv. Der Psalm ist ja ein Wallfahrtspsalm, weshalb in diesem Kontext zunächst auch wieder die Stadttore Jerusalems und des Tempels gemeint sind. Dass v.a. das zweite zu verstehen ist, sieht man an der Bemerkung, dass nur Gerechte hineingehen dürfen. Dem HERRN zu danken, meint nicht nur mit Worten, sondern auch mit Dankopfern. Umso mehr ist also der Tempel in Jerusalem gemeint. Wir Christen beten auch diesen Psalm, also müssen wir ihn auch allegorisch betrachten. Die Tore sind dann die Kirchentore, durch die wir zum Allerheiligsten gelangen, das die Eucharistie im Tabernakel/in der Monstranz oder in der Hl. Messe ist. Der entscheidende und berührende Unterschied: Jeder darf zum Allerheiligsten kommen, auch die Ungetauften. Bei den Juden gab es verschiedene Bereiche auf dem Tempelgelände, die, je näher man dem Allerheiligsten (der Bundeslade) kam, von immer weniger Befugten betreten werden durften. Hier dürfen nun alle kommen (wir lasen davon die letzten Tage bei Jes 2 z.B.: alle Nationen werden zu ihm strömen…). Empfangen dürfen aber auch heute nur die Gerechten, wir sagen theologisch die im Stand der Gnade Seienden. In dieser moralischen Auslegung versteht man die Aussage „Tore der Gerechtigkeit“. Durch die Taufe und danach durch die Beichte öffnen sich diese Tore der Gerechtigkeit, sodass man in Gemeinschaft mit Gott sein kann.
Wenn die Bitte erfolgt „Ach, HERR, bring doch Rettung“, dann horchen wir wieder auf. Das hebräische Wort für Rettung hat wieder dieselbe Wurzel wie der Name Jesu. Das Volk ruft nach der Rettung. Am Ende kommt Gott selbst, um zu retten. Sein Name Jesus ist Programm.
Zum Ende hin wird ein wichtiger Hinweis gegeben: „Wir segnen euch vom Haus des HERRN her.“ Das heißt wörtlich zunächst vom Tempel her. Dieser Segen hat besondere Kraft, da er direkt ausgeht von der Herrlichkeit Gottes, die im Tempel wohnt. Der Segen erhält eine neue Dimension durch den Messias, der unter uns Menschen gelebt und sie gesegnet hat. Vom Haus des HERRN her bezieht sich dann auf den Tempel seines Leibes. Diese noch direktere Form des Segens erhalten auch wir heute, wenn er uns im eucharistischen Segen segnet. Dann ist vom Haus der HERRN her, vom Allerheiligsten, vom Herzen der Kirche her. Schließlich segnet uns Gott vom Inneren unserer Seele her, wenn wir im Stand der Gnade sind. Wenn wir nach seinen Geboten leben, segnet er unser Leben. Diese moralische Ebene ist keine Nebensache, wie wir gleich im Evangelium erfahren werden. Schließlich segnet uns der HERR von seinem himmlischen Haus her. Von diesem geht das eschatologische Heil aus, das ewige Heil des Himmels, seine ewige Gegenwart unter den Menschen.

Mt 7
21 Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut. 
24 Jeder, der diese meine Worte hört und danach handelt, ist wie ein kluger Mann, der sein Haus auf Fels baute. 
25 Als ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es nicht ein; denn es war auf Fels gebaut. 
26 Und jeder, der diese meine Worte hört und nicht danach handelt, ist ein Tor, der sein Haus auf Sand baute. 
27 Als ein Wolkenbruch kam und die Wassermassen heranfluteten, als die Stürme tobten und an dem Haus rüttelten, da stürzte es ein und wurde völlig zerstört.

Die moralische Auswirkung des gerade besprochenen Psalms verdeutlicht Jesus zu Anfang des heutigen Evangeliums: Das ewige Heil erhalten wir nicht durch schöne Worte, sondern durch Taten. Diesen Segen vom Haus des HERRN her erhalten wir, wenn wir unseren Glauben und unsere Liebe (Herr, Herr) durch Taten unter Beweis stellen, und zwar durch das Tun des Willens Gottes. Dies bedeutet konkret, nach Gottes Geboten zu leben. Wenn wir Gott gehorchen, nicht nur theoretisch (Herr, Herr), sondern auch praktisch („Willen meines Vaters“ tun), dann bauen wir auf Felsen, statt auf Sand. Jesus lässt durch seine Worte übrigens durchblicken, dass der Vater und er eins sind („Willen meines Vaters“, aber auch „meine Worte“).
Jesus warnt auch vor, dass es beim Halten der Gebote Gottes Widerstände geben wird. Dies zeigt er im Gleichnis des Hausbaus durch die Stürme und Wassermassen auf. Dies ist in diesem moralischen Grundduktus zunächst auf die Versuchungen zu beziehen, die jeder Mensch erfährt. Allegorisch meint es aber darüber hinaus auch die Kirche, die Verfolgung erleiden wird, wenn sie ihm nachfolgt. Hat sie ihn zur Mitte (Felsen), dann wird sie nicht untergehen. Dies hat er ja auch in Mt 16 verheißen (die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen, da seine Kirche auf Petrus gebaut wird). Wo die Eucharistie das Zentrum kirchlichen Lebens bleibt, allgemein die Sakramente, Sakramentalien, die Liturgie, die Inanspruchnahme der Heilsmittel, dann baut die Kirche auf Felsen. Die Angriffe von außen und innen werden sie dann nicht einstürzen lassen. Eine Kirche, die das alles nicht hat, ist zum Einsturz vorherbestimmt. Sie hat kein Fundament (sondern Sand). Dies betrifft jeden Menschen. Der Mensch, der getauft ist, der an Christus glaubt und ihm nachfolgt, baut auf Felsen. Mit Blick auf die Ewigkeit wird dieser Mensch gerettet werden. Durch die Stürme und Wassermassen hindurch (der Teufel und seine begrenzte Herrschaft) wird der Mensch in das himmlische Jerusalem eingehen.

Nutzen wir die Adventszeit, um an unserem Fundament zu bauen. Schaufeln wir den Sand weg und kehren wir um. Erneuern wir unsere Beziehung zu Christus und holen wir uns das Felsenmaterial vom HERRN. Die größten und stabilsten Steine sind die der Eucharistie. Tragen wir den Sand zunächst ab durch die Beichte und fangen wir von vorne an. Auch Jesus ist in einem Felsen geboren, nämlich in einer Höhle aus Stein (laut historischen Zeugnissen eben nicht in einem Holzstall). Bereiten wir in unseren Herzen diese Grotte vor, damit der HERR zu Weihnachten dann auch in uns geboren werden kann.

Ihre Magstrauss

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