Mittwoch der 26. Woche im Jahreskreis

Ijob 9,1-12.14-16; Ps 88,10b-11.12-13.14-15; Lk 9,57-62

Ijob 9
1 Da antwortete Ijob und sprach:

2 Wahrhaftig weiß ich, dass es so ist: Wie wäre ein Mensch bei Gott im Recht!
3 Wenn er mit ihm rechten wollte, nicht auf eins von tausend könnte er ihm Antwort geben.
4 Weisen Sinnes und stark an Macht – wer böte ihm Trotz und bliebe heil?
5 Er versetzt Berge; sie merken es nicht, dass er in seinem Zorn sie umstürzt.
6 Er erschüttert die Erde an ihrem Ort, sodass ihre Säulen erzittern.
7 Er spricht zur Sonne, sodass sie nicht strahlt, er versiegelt die Sterne.
8 Er spannt allein den Himmel aus und schreitet einher auf den Höhen des Meeres.
9 Er macht das Sternbild des Bären, den Orion, das Siebengestirn, die Kammern des Südens.
10 Er macht so Großes, es ist nicht zu erforschen, Wunderdinge, sie sind nicht zu zählen.
11 Zieht er an mir vorüber, ich sehe ihn nicht, fährt er daher, ich bemerke ihn nicht.
12 Rafft er hinweg, wer hält ihn zurück? Wer darf zu ihm sagen: Was machst du da?
14 Wie sollte denn ich ihm Antwort geben, wie meine Worte gegen ihn wählen?

15 Und wäre ich im Recht, ich könnte nicht antworten, um Gnade müsste ich bei meinem Richter flehen.
16 Wollte ich rufen, würde er mir Antwort geben? Ich glaube nicht, dass er auf meine Stimme hört.

Heute hören wir wieder aus dem Buch Ijob einen Ausschnitt. Er ist einem längeren Abschnitt entnommen, in dem Ijob Monologe und Dialoge mit seinen Freunden führt. Diese sind davon überzeugt und versuchen Ijob einzureden, dass sein Leiden darauf zurückzuführen ist, dass er gesündigt hat. Sie denken ganz im Tun-Ergehen-Zusammenhang. Wer Gott fürchtet, hat ein gutes Leben, wer sündigt, muss leiden. Das ist für sie der Grundsatz und so versuchen sie, ihm ein Geständnis zu entlocken oder von seiner Schuld zu überzeugen. Doch Ijob weiß, dass er sich nichts hat zu Schulden kommen lassen. Der Beginn des neunten Kapitels ist nun eine Antwort Ijobs auf die Worte Bildads von Schuach.
Er weiß, dass es den Tun-Ergehen-Zusammenhang gibt und dass kein Mensch vor Gott perfekt ist („Wie wäre ein Mensch bei Gott im Recht!“). Der Mensch könnte sich nie mit dem allmächtigen Gott messen. Dieser übersteigt die menschliche Moralität, Vernunft und Weisheit. Gott ist so mächtig, dass er Berge versetzen, die Erde erschüttern, die Sonne verdunkeln, die Sterne versiegeln, den Himmel ausspannen kann und noch vieles mehr. Seine Worte sind sehr poetisch. Es gleicht einem Psalm, wie er hier spricht. Er preist gleichsam die Allmacht Gottes in seinem schöpferischen Wirken.
Gott ist es, der die Sternbilder gemacht hat. Er vollbringt so viele Wunder, die die Menschen sich nicht erklären können. Er übersteigt den Menschen bei weitem. Gott ist zugleich reiner Geist. Man sieht ihn nicht, deshalb sagt Hiob: „Zieht er an mir vorüber, ich sehe ihn nicht, fährt er daher, ich bemerke ihn nicht.“ Gott ist nicht nur unsichtbar, sondern bleibt auch Geheimnis. Seine Vorsehung ist für den Menschen nicht vollkommen durchschaubar, sondern nur soweit, wie er sich ihm offenbart. Und aus dem Grund kann der Mensch es nicht kontrollieren, wenn Gott hinwegrafft. „Wer darf zu ihm sagen: Was machst du da?“ Kein Geschöpf hat das Recht, so etwas zum Schöpfer zu sagen und sein Wirken infrage zu stellen, ihn zu kritisieren. Gott ist nicht böse und Ijob fällt auf diese Versuchung nicht hinein, ihn böse zu nennen. Auch wenn ihm vieles widerfährt, weiß er, dass Gottes Allmacht, seine Moralität, seine Vorsehung das menschliche Denken übersteigen. Gott ist nicht unmoralisch, sondern moralischer, als der Mensch begreifen kann. Deshalb muss Ijob aushalten, was er nicht versteht. Das ist der Kern seiner Aussagen und seiner gesamten Antwort auf Bildad.
Hätte er das Recht, etwas zu Gott zu sagen, würde Gott ihm nicht antworten. Warum nicht? Gott ist doch ein mitteilungsbedürftiger Gott, der sich gerne seinen Geschöpfen offenbart! Doch Gott wird Ijob nicht auf die Frage seines Leidens antworten, weil gerade das Leiden und Schweigen Gottes Prüfung sind. Ijob versteht, dass sein Leiden ein anderes ist, als bei sündigen Menschen, die die Konsequenzen ihrer Schlechtigkeit tragen müssen. Er versteht, dass die Fragezeichen, die er hat, von Gott bewusst zugelassen werden. Deshalb versteht er auch, dass selbst wenn er dürfte, von Gott keine Antwort erhalten würde.
Ijob macht sich viele Gedanken über seine Situation, aber zu keinem Zeitpunkt hadert er mit Gott. Er betreibt eine intensive Gewissenserforschung, schon allein wegen seiner Freunde, die ihm weismachen wollen, dass er gesündigt haben muss. Er ist sich keiner Schuld bewusst und so hält er geduldig aus. Er versteht Gott nicht, vertraut aber darauf, dass er nicht böse ist. Das ist für uns ein ganz wichtiges Beispiel. Auch wir sind stets versucht, bei leidensvollen Erfahrungen im Leben Gott die Schuld zu geben, ihn als böse zu bezeichnen. Gott ist gut und in ihm ist nichts Böses. Was uns widerfährt, werden wir irgendwann verstehen. Anstatt Gott zu beschimpfen, müssen auch wir erst einmal in uns gehen und unser Gewissen prüfen. Am häufigsten sind wir es nämlich selbst, die das Leiden verursacht haben. Seltener handelt es sich um eine Prüfung wie bei Ijob. Und wenn diese doch auf uns zukommt, bitten wir den Herrn Tag für Tag um Kraft und Geduld. Vergessen wir dabei folgendes nie: Das Heil Gottes, der wahre Schalom, das Himmelreich sind ewig. Für sie wird stets die Zahl Sieben oder Zwölf gewählt, um die Fülle und Ewigkeit zu verdeutlichen. Für das Leiden und die Prüfung wird die Zahl Dreieinhalb gewählt. Als Hälfte der Sieben führt sie uns vor Augen, dass das Leiden und die Bedrängnis zeitlich begrenzt sind und bald ein Ende haben.

Ps 88
10 Den ganzen Tag, HERR, ruf ich zu dir, ich strecke nach dir meine Hände aus.

11 Wirst du an den Toten Wunder tun, werden Schatten aufstehn, um dir zu danken?
12 Erzählt man im Grab von deiner Huld, von deiner Treue im Totenreich?
13 Werden deine Wunder in der Finsternis erkannt, deine Gerechtigkeit im Land des Vergessens?
14 Ich aber, HERR, ich schreie zu dir um Hilfe, am Morgen komme zu dir mein Bittgebet.
15 Warum, HERR, verstößt du mich, verbirgst vor mir dein Angesicht?

Als Antwort beten wir einen Klagepsalm, in dem der leidende Beter zu Gott ruft.
„Den ganzen Tag, HERR, ruf ich zu dir, ich strecke nach dir meine Hände aus.“ Wenn wir leiden, sollen wir uns mit aller Kraft an Gott klammern, nicht über ihn schimpfen. Dann gibt er uns Kraft, das Leiden auszuhalten. Wir sollen das ernst nehmen und wirklich den ganzen Tag zu Gott rufen. Das muss nicht wörtlich gemeint sein, sonst sind wir jeden Tag heiser. Wir können es auch in unserem Herzen tun. Gemeint ist, dass wir den ganzen Tag in seiner Gegenwart leben sollen. Der Tag kann aber auch bildlich als das gesamte Leben verstanden werden. Dann ist damit gemeint, dass wir unser ganzes Leben lang zu Gott rufen sollen.
Wenn wir unsere Hände nach ihm ausstrecken, heißt es, dass wir uns an ihn klammern sollen und zugleich ihn um Hilfe bitten sollen. Jesus ergreift in den Evangelien nicht umsonst die Hand der Menschen, die er heilt. Halten wir Gott die Hände hin, damit er sie ergreife!
„Wirst du an den Toten Wunder tun, werden Schatten aufsteht, um dir zu danken?“ Das ist eine rhetorische Frage, denn für den Beter ist es unwahrscheinlich, dass wenn der Mensch erst einmal tot ist, von Gott noch ein Wunder zu erwarten hat. Erst mit der Zeit werden die Israeliten eines Besseren belehrt und es entwickelt sich eine Auferstehungshoffnung und Jenseitsvorstellungen wie bei den Christen. Die auferstehenden Schatten beziehen sich auf den Sche’ol, das Totenreich, wie die Juden es bezeichnen. Und dieses Reich ist ein Schattenreich, aus dem man nicht mehr herauskommt.
Auch Vers 13 greift mit weiteren Bildern und in Form einer rhetorischen Frage dieses Zu-spät auf, wenn der Mensch erst einmal verstorben ist. Die Wunder Gottes werden nicht mehr erkannt, wenn der Mensch erst einmal in der Finsternis, im Land des Vergessens ist.
So schreit der Beter noch in seinem Leben um Hilfe und bittet am Morgen um Gottes Beistand.
Der heutige Abschnitt endet mit einer typischen Aussage in Klagepsalmen – mit einem Warum: „Warum, HERR, verstößt du mich, verbirgst vor mir dein Angesicht?“
Wir können uns gut vorstellen, wie Ijob solch ein Gebet an Gott richtet. Er hat auch nach dem Warum gefragt und ausführlich darüber nachgedacht, als er auf dem Scherbenhaufen seines Lebens sitzt. Die Klagepsalmen des Psalters deuten uns nicht darauf hin, dass wir Gott anklagen sollen. Vielmehr geht es bei den Klagepsalmen darum, mit Gott in unbegreiflicher Situation in Kontakt zu sein, sich an ihn zu klammern und auch Dampf abzulassen. Aber ganz ohne Vorwürfe. Auch Jesus hat am Kreuz hängend seinem Vater keine Vorwürfe gemacht, als er betete „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Es ist auch dann ein Festhalten an dem Dialog mit Gott, selbst wenn er noch so weit weg zu sein scheint. Brechen auch wir nicht mit Gott in solchen Situationen, sondern klammern wir uns ganz fest an ihn. Halten wir die Unbegreiflichkeit aus, vertrauen wir auf seine Güte, auch wenn wir sie in Leidenssituationen nicht erfahren. Dann wird er uns danach reich beschenken und mit der Ewigkeit des Himmels entschädigen.

Lk 9
57 Als sie auf dem Weg weiterzogen, sagte ein Mann zu Jesus: Ich will dir nachfolgen, wohin du auch gehst.

58 Jesus antwortete ihm: Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.
59 Zu einem anderen sagte er: Folge mir nach! Der erwiderte: Lass mich zuerst weggehen und meinen Vater begraben!
60 Jesus sagte zu ihm: Lass die Toten ihre Toten begraben; du aber geh und verkünde das Reich Gottes!
61 Wieder ein anderer sagte: Ich will dir nachfolgen, Herr. Zuvor aber lass mich Abschied nehmen von denen, die in meinem Hause sind.
62 Jesus erwiderte ihm: Keiner, der die Hand an den Pflug gelegt hat und nochmals zurückblickt, taugt für das Reich Gottes.

Im heutigen Evangelium hören wir davon, wie Jesus mit seinen Jüngern unterwegs nach Jerusalem ist. Da kommt ein Mann zu ihm und möchte Jesus nachfolgen. Er möchte ihn dorthin begleitet, wohin Jesus geht. Dies nimmt Jesus zum Anlass, ihm und allen Umstehenden zu erklären, dass er keinen Ort in dieser Welt hat: „Die Füchse haben Höhlen und die Vögel des Himmels Nester; der Menschensohn aber hat keinen Ort, wo er sein Haupt hinlegen kann.“ Das sagt er nicht nur deshalb, weil er keinen festen Wohnsitz hat und den Mann vorwarnen will. Jesus sagt dies auch, um angesichts des kommenden Lebensendes sein Leiden und die Ablehnung der Menschen anzudeuten. Es ist zu erklären mit den Worten des Johannesprologs: Er kam in sein Eigentum, doch die Seinen nahmen ihn nicht auf. Dies musste Jesus bereits erfahren, noch bevor er geboren wurde. Denn als seine Eltern in Betlehem eine Unterkunft suchten, wurden sie von jeder Herberge abgewiesen. Eine Höhle war das einzige, was ihnen zur Verfügung gestellt worden ist. Und so wie Jesu Leben begann, so würde es auch enden – ohne ein eigenes Grab. Selbst dieses wird ihm nur geliehen, nämlich von Josef von Arimatäa. Sein Haupt wird dabei für nur kurze Zeit in das Troggrab gelegt, bevor der Herr von den Toten auferstehen wird! Und für uns Christen ist es ähnlich, die wir Christus nachfolgen: So wirklich zur Ruhe kommen wir in Gott. Unsere wahre Heimat ist im Himmel und auf Erden sind wir wirklich nur zu Gast. Es ist ein Durchgang, eine Pilgerreise ins himmlische Jerusalem, die wir als Kirche begehen. Unser Haupt können wir hinlegen in der Gegenwart Gottes. Alles, was wir hier erleben, was wir Heimat nennen, ist von einer Vorläufigkeit geprägt.
Es wird noch von einem anderen Fall berichtet, als nämlich Jesus von sich aus jemanden zur Nachfolge ruft und dieser Mensch zunächst seinen Vater bestatten möchte. Die Nachfolge Jesu ist radikaler als die Nachfolge Gottes im Alten Testament. Als Elischa zum Beispiel als Nachfolger des Elija berufen wird, wird ihm gestattet, sich von seiner Familie zu verabschieden. Er kocht aus dem Fleisch seiner Ackertiere noch ein Abschiedsmahl für seinen Vater. Jesus möchte eine radikalere Nachfolge. Der Gerufene soll das Begräbnis den Toten überlassen. Er selbst aber soll das Reich Gottes verkünden. Wie ist das zu verstehen, „lass die Toten ihre Toten begraben?“ Dafür muss man erst einmal erklären, wer die Toten sind: Es sind jene, die nicht das ewige Leben haben, die keine Hoffnung haben, die der ersten Schöpfung anhaften, die gefallen ist. Erst wer die Erlösung Jesu Christi, die kommen wird, annimmt, wird das ewige Leben erhalten, lebendig und nicht tot sein. Also sollen jene die Toten begraben, die nicht an das ewige Leben glauben. Zum Psalm erklärte ich bereits, dass erst mit der Zeit so etwas wie eine Auferstehungshoffnung entstand. Die Israeliten glaubten zunächst, dass mit dem Tod alles zuende gehe. Erst später kommt eine Auferstehungsvorstellung auf, die sich aber vor allem auf die Auferstehung am Ende der Zeiten bezieht. Jesus aber verkündet das Leben nach dem Tod schon vor dem Ende der Zeiten, denn er sagt, dass er die Auferstehung und das Leben ist. Wer ihm nachfolgt, entscheidet sich, ebenfalls lebendig zu sein.
Jesus möchte also von dem Mann, dass er sich von dem alten Leben absagt und nun an die Auferstehung glaubt. Auch ein dritter schaut bei seiner Berufung durch Jesus noch einmal zurück, weil er sich von seiner Familie verabschieden möchte wie Elischa damals. Doch Jesus sagt, dass wer eine Berufung hat, nicht noch einmal zurückschauen kann. Gemeint ist nicht, dass jene untauglich sind, die ihre Familien lieben. Vielmehr möchte Jesus damit sagen, dass wer das Reich Gottes angenommen hat, sich nicht nach dem alten, vielleicht sündhaften Leben zurücksehnen kann. Dann ist diese Person für die Verkündigung des Reiches Gottes nicht geeignet. Es benötigt ein radikal neues Leben.
Das Pflügen ist ein typisches Bild für die Evangelisierung. Jesus verwendet es öfter, um den Menschen seine eigene Verkündigung sowie die seiner Jünger begreiflich zu machen.

Wir dürfen Jesus nicht missverstehen, genauso wenig wie bei den Aussagen über seine Familie. Jesus hasst familiäre Bindungen nicht. Er liebt seine Mutter und ehrt sie so sehr, dass er auch von uns möchte, dass wir sie als unsere Mutter ehren. Doch ausgehend von der biologischen Familie möchte er die Wichtigkeit der geistigen Familie erklären. Wie innig sind wir miteinander, wenn wir durch den Geist Gottes als Familie vereint sind! Wasser (des Hl. Geistes) ist dicker als Blut. Und auch mit der Berufung ist es so. Natürlich sollen wir unsere Familie lieben und unsere Eltern ehren. Das vierte Gebot besteht nach wie vor und Jesus möchte nicht ein einziges Iota davon wegnehmen! Doch wenn wir eine besondere Berufung zur Verkündigung des Reiches Gottes haben, eine geistliche Berufung, dann muss die geistliche Familie höher stehen als die biologische. Gott steht höher als die menschlichen Eltern. Wenn er einen besonderen Auftrag hat, soll der Mensch diesen erfüllen und darf menschliche Bindungen nicht höher stellen.
Die Menschen, die Jesus im Evangelium beruft, ruft er zu einem geistlichen Leben. Und wenn sie an ihrer Familie hängen, können sie nicht Geistliche sein. Zwischen „an jemandem hängen“ und „jemanden hassen“ liegen aber Welten.

Schauen wir auf Ijob zurück und betrachten wir das Verhalten des klagenden Psalmenbeters, wird uns heute wirklich klar, was es heißt, sich an Gott zu klammern. Das sollen wir nicht nur in Leidsituationen, sondern in unserem ganzen Leben mit allen Erfahrungen, positiv und negativ. Und wenn wir uns aufgrund einer geistlichen Berufung besonders fest an ihn binden, dann passt kein Mensch mehr dazwischen. Das ist gewiss ein Weg, den nicht jeder gehen kann, sondern nur Ausgewählte. Und doch brauchen wir solche Menschen. Insbesondere Priester sind für uns existenziell wichtig. Pater Pio hat einmal gesagt: „Eher könnte die Welt ohne Sonne bestehen als ohne das Hl. Messopfer.“ Und dafür brauchen wir die Priester. Wer bringt sonst das Messopfer dar?

Wir alle leben als Getaufte in einem Bund mit Gott. Und wie beim Ehebund sollten wir nie vergessen, dass wir ganz Gott gehören. Und ganz wie beim Ehebund sollten wir uns immer an ihn binden – in guten wie in schlechten Tagen. Und wenn er einen besonderen Auftrag für uns hat, nehmen wir ihn dankbar an. Gottes Wege sind schließlich immer nur Wege des Heils für uns!

Ihre Magstrauss

Erzengel Michael, Gabriel, Rafael (Fest)

Dan 7,9-10.13-14 oder Offb 12,7-12a; Ps 138,1-2b.2c-3.4-5; Joh 1,47-51

Offb 12
7 Da entbrannte im Himmel ein Kampf; Michael und seine Engel erhoben sich, um mit dem Drachen zu kämpfen. Der Drache und seine Engel kämpften,

8 aber sie hielten nicht stand und sie verloren ihren Platz im Himmel.
9 Er wurde gestürzt, der große Drache, die alte Schlange, die Teufel oder Satan heißt und die ganze Welt verführt; der Drache wurde auf die Erde gestürzt und mit ihm wurden seine Engel hinabgeworfen.
10 Da hörte ich eine laute Stimme im Himmel rufen: Jetzt ist er da, der rettende Sieg, die Macht und die Königsherrschaft unseres Gottes und die Vollmacht seines Gesalbten; denn gestürzt wurde der Ankläger unserer Brüder, der sie bei Tag und bei Nacht vor unserem Gott verklagte.
11 Sie haben ihn besiegt durch das Blut des Lammes und durch ihr Wort und ihr Zeugnis. Sie hielten ihr Leben nicht fest, bis hinein in den Tod.
12 Darum jubelt, ihr Himmel und alle, die darin wohnen.

An diesem heutigen Festtag der Hl. Erzengel haben wir die Wahl zwischen einer Lesung aus dem Buch Daniel oder aus der Johannesoffenbarung. Ich wähle das Zweite aus, weil es hier expliziter um einen der Engel geht, nämlich um den Erzengel Michael. Sein Name bedeutet „Wer ist wie Gott“ und ist auf das Ereignis zurückzuführen, das wir hier in der Lesung hören:
Es entbrennt ein Kampf im Himmel. Was hier passiert, ist vor der Zeit geschehen, also bevor Gott die Erde geschaffen hat, wenn man das so sagen kann. Denn bevor es die Zeit überhaupt gibt, gibt es ja keine Zeit. Es ist also schwer, über Ereignisse in „Vorzeit“ zu sprechen. Es geht um etwas, das in der Ewigkeit geschehen ist und uns erklärt, warum der Böse die Schöpfung Gottes verderben konnte durch eine Schlange im Garten Eden. Der Teufel oder Satan ist von seiner Natur her zunächst ein Geist wie die Engel auch. Er ist ausgestattet mit einem freien Willen, einem eigenen Charakter, aber ohne Körper. Er ist gut geschaffen worden wie alles Andere, das Gott erschaffen hat. Doch mit seinem freien Willen stellt er sich dann irgendwann gegen Gott. Deshalb entbrennt der Kampf im Himmel. Er weigert sich zusammen mit einer ganzen Schar weiterer Engel, Gott anzubeten und ihm zu gehorchen. Das ist aber eigentlich, wofür er geschaffen worden ist. Dagegen möchte er selbst wie Gott sein. Das wird ihm zum Verhängnis und bei der Schlacht, von der wir in der Lesung hören, wird er zusammen mit den anderen Engeln hinabgeworfen auf die Erde. Das ist eine Vision, die Johannes schaut. Wie man sich das vorstellen muss, ist unklar, denn aus der Vision geht hervor, dass die Erde bereits besteht. Anders kann der Seher es aber gar nicht schauen. Er sieht viele Dinge, die vom zeitlichen Ablauf nicht wörtlich zu verstehen sind. Deshalb dürfen wir uns von diesen Ausführungen nicht verwirren lassen oder daran aufhängen, dass der Satan mit den anderen Engeln auf die Erde hinabgestürzt werden. Entscheidend ist: Die Erde ist nun ein Handlungsraum für sie geworden. Aus dem Himmel sind sie verbannt. Und der Anführer der Engelscharen, die zu Gott halten, ist nun dieser Erzengel Michael, dessen Name „Wer ist wie Gott“ als Mahnmal gegen den Bösen aufgestellt ist – eine Warnung auch an uns Menschen, dessen Urversuchung es ist, wie Gott sein zu wollen. Nicht umsonst ist genau dies das Versprechen, das die Schlange dem Menschenpaar macht – sie werden wie Gott sein, wenn sie von der Frucht essen.
Der Böse wird hier auch als Drache geschaut. Welche Gestalt auch immer er annimmt oder wie auch immer er geschaut wird – er ist eigentlich reiner Geist. Die Engel sind zu Dämonen geworden durch ihre Auflehnung gegen Gott. Der Engel, der als Feldherr Gottes die Angriffe gegen seinen Herrn abwehrt, ist auch für uns ein ganz mächtiger Wächter. So sehr wütet der Satan nun auf Erden, um die Menschen daran zu hindern, bei Gott zu sein. Was er nicht haben konnte, soll der Mensch nun auch nicht bekommen. Er geht wirklich umher wie ein brüllender Löwe oder um im hiesigen Bild zu sprechen, wie ein Feuer speiender Drache, bereit, jeden in seinem Feuer zu versengen. Doch er hat die Rechnung ohne den Hl. Erzengel Michael gemacht. Dieser beschützt uns auch hier auf Erden. Seine Waffen sind viel stärker als die Waffen des Satan, denn er ist der Heerführer Gottes höchstpersönlich! Nehmen wir seinen Schutz in Anspruch in einer Zeit, die immer gottloser wird! Papst Leo XIII hatte eine Vision, die ihm etwas Schreckliches aufgezeigt hat, weshalb er das folgende Gebet zum Hl. Erzengel Michael eingeführt hat. Wie schade, dass dieses Gebet heutzutage nicht mehr verpflichtend am Ende jeder Hl. Messe ist! Denn so machtvoll bitten wir darin den Hl. Erzengel um Schutz:
Heiliger Erzengel Michael, verteidige uns im Kampfe! Gegen die Bosheit und Nachstellungen des Teufels sei unser Schutz. »Gott gebiete ihm!«, so bitten wir flehentlich. Du aber, Fürst der himmlischen Heerscharen, stoße den Satan und die anderen bösen Geister, die in der Welt umhergehen, um die Seelen zu verderben, durch die Kraft Gottes in die Hölle. Amen.
Der sich anschließende Lobpreis ist nicht nur auf Michael und die Engel zu beziehen, sondern auf die Menschheit, die über die heilsgeschichtliche Entwicklung jubeln kann. Dadurch, dass die erzählte Vorgeschichte so verlaufen ist, ist der Menschheit die Erlösung geschenkt worden. Dadurch, dass der Böse die Menschen auf Erden ins Verderben gestürzt hat, ist Gott Mensch geworden, um die Menschen zu retten. Dies hätte er nicht getan, wenn der Mensch nicht gefallen wäre. Und weil der Himmel zum Ort des Triumphes geworden ist, können die Menschen über die Märtyrer jubeln. Denn sie wissen, dass jene, die für den Glauben ihr Leben hingegeben haben, direkt in diesen Triumph Gottes hineingenommen werden, sofort das Angesicht Gottes schauen dürfen. Die „Brüder“, wie es hier heißt, können jetzt auf ewig mit den Engeln, auch mit den Erzengeln, Gott loben und preisen in Ewigkeit.

Ps 138
1 Von David. Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen, vor Göttern will ich dir singen und spielen.

2 Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin, will deinem Namen danken für deine Huld und für deine Treue. Denn du hast dein Wort größer gemacht als deinen ganzen Namen.
3 Am Tag, da ich rief, gabst du mir Antwort, du weckst Kraft in meiner Seele.
4 Dir, HERR, sollen alle Könige der Erde danken, wenn sie die Worte deines Munds hören.
5 Sie sollen singen auf den Wegen des HERRN Die Herrlichkeit des HERRN ist gewaltig.

Der heutige Psalm ist ein Dankpsalm, der eine angemessene Antwort auf die Lesung darstellt. Was im Himmel schon erlangt ist, nämlich die absolute Durchsetzung der Herrschaft Gottes, wird auch eines Tages auf Erden erlangt werden, wenn der Satan und sein dämonisches Heer in die Hölle hinabgeworfen sein werden.
„Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen“ ist ein ganz angemessener Willensausdruck, den nicht nur König David bei seinen militärischen Siegen stets beten konnte. Wir sehen den himmlischen Urkampf vor Augen, der den Beginn aller Kämpfe auf Erden markiert. Ganz bildlich stellen wir es uns vor, wie nach dem Sieg über den Satan der Erzengel Michael mit den anderen Engeln Gott gelobt und gepriesen haben. Wir hören in unseren Ohren die Worte der Lesung „Jetzt ist er da, der rettende Sieg“. Der eigentliche Kampf, den wir auch auf Erden austragen müssen, ist ein geistiger. Es ist ein ständiges Duell zwischen Gott und seinem Widersacher, der sich einbildet, Gottes ebenbürtiger Gegner zu sein, und darin schon längst verloren hat. Denn diese absolute Selbstüberschätzung wird ihm den Todesstoß versetzen, wenn die Zeit gekommen ist.
„Vor Göttern will ich dir singen und spielen“ ist ganz klar ein Triumph Gottes über den Satan und die anderen ungehorsamen Engel. Es gibt nur einen Gott, das wird den Israeliten erst so richtig bewusst während des Babylonischen Exils. Unter diesem Vorbehalt müssen wir diesen Vers König Davids betrachten.
König David möchte sich zum heiligen Tempel hin niederwerfen. Niederwerfen möchte sich Israel nur vor Gott, nicht vor irdische Herrscher. Und darin tun sie es den Engeln gleich, die Gott gehorsam und in Liebe dienen. Es ist ihre anhaltende Beschäftigung im Himmel, sich vor Gott niederzuwerfen.
Gott ist treu und hält sein Versprechen, das eigene Volk aus der Not zu erretten. So ist es ein Grund, dem Namen Gottes zu danken (Vers 2).
Gott hat auch am Tag, an dem König David rief, seine Bitten erhört. Aus seiner Gnade heraus ist der überragende Sieg über den Satan und den Dämonen errungen worden.
Wir müssen in Vers 3 bedenken, dass es eigentlich wörtlich heißt „Kraft in meinem Leben“, denn das Wort für „in meiner Seele“ ist בְנַפְשִׁ֣י b’nafschi. Gott verleiht ihr nicht nur innerlich Kraft, sondern umfassend. So möchte Gott auch uns in unserem Leben stärken, nicht nur innerlich, sondern auch körperlich. Er möchte auch unsere Beziehungen stärken, also alles, was zum Menschen gehört. Es muss uns ganz und gar um ihn gehen und wir müssen ganz auf seine Allmacht und Treue vertrauen. Das ist entscheidend. Der Kampf zwischen Gott und dem Widersacher geht hier auf Erden weiter. Das betrifft nicht nur die globale Ebene, sondern ganz primär das Herz des Menschen. Dieses wird nämlich zum allerersten Austragungsort des geistigen Kampfes. Und auch dann dürfen wir auf die „militärische Stärke“ des Hl. Erzengels Michael vertrauen, indem wir seinen Schutz anrufen. Er soll auch in unserem Leben der Heerführer sein, damit auf den Sieg des Himmels der Sieg unseres Herzens folgt.
„Alle Könige der Erde“ und heute auch die ganzen anderen Herrscher der Welt, sollen Gott danken, denn er ist es, dem sie die Macht und Verantwortung zu verdanken haben. Ohne ihn, wäre keiner von ihnen so weit gekommen. Sie sollen erkennen, dass alles Gute von Gott kommt. Zugleich ist es eine Ermahnung jener, die auf eigene Faust regieren wollen und sich statt von Gott leiten zu lassen, auf die Stimme des Widersachers hören. Wenn sie zu Werkzeugen des Bösen werden, kämpfen sie einen bereits entschiedenen Kampf auf der Seite der Verlierer. Wir alle müssen wählen, zu welchem Heer wir gehören möchten – zum Heer Gottes oder zum Heer des Bösen. Und je höher wir in der Gesellschaft stehen, desto folgenreicher ist unsere Entscheidung.
Gottes Wille ist es, dass die Mächtigen der Welt ihm singen und Lobpreis entgegen bringen, denn „die Herrlichkeit des HERRN ist gewaltig.“ Die Illusion des Widersachers ist aber zum Scheitern verurteilt.

Joh 1
47 Jesus sah Natanaël auf sich zukommen und sagte über ihn: Sieh, ein echter Israelit, an dem kein Falsch ist.

48 Natanaël sagte zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete ihm: Schon bevor dich Philippus rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen.
49 Natanaël antwortete ihm: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König von Israel!
50 Jesus antwortete ihm: Du glaubst, weil ich dir sagte, dass ich dich unter dem Feigenbaum sah; du wirst noch Größeres als dieses sehen.
51 Und er sprach zu ihm: Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet den Himmel geöffnet und die Engel Gottes auf- und niedersteigen sehen über dem Menschensohn.

Im Evangelium hören wir einen Ausschnitt, der uns neulich bereits begegnet ist. Wir müssen heute unsere Aufmerksamkeit aber vor allem auf das Ende des Evangeliums richten, denn da geht es um die Engel.
Doch zunächst kommt Natanael auf Jesus zu und Jesus sagt zu ihm: „Sieh, ein echter Israelit, an dem kein Falsch ist.“ Jesus lehnt sich mit seinen Worten an Psalm 32,2 an, was eine ganz logische und passende Bemerkung für einen Schriftgelehrten wie Natanael ist. Jesus zeigt ihm somit, dass er die Hl. Schrift gut kennt, und macht ihm ein Kompliment. Jesus tut dies, weil er die Aufrichtigkeit erkennt, mit der der Schriftgelehrte den Messias sucht. Natanael fragt Jesus, woher er ihn kennt – denn die Aussage, dass er ohne Falschheit sei, kann er ja nur tätigen, wenn er dessen Lebenswandel kennt. Und so antwortet Jesus mit einer Sache, die er gar nicht wissen kann: „Schon bevor dich Philippus rief, habe ich dich unter dem Feigenbaum gesehen.“ Das heißt nicht, dass Philippus ihn von einem Feigenbaum weggeholt hat, den Jesus von weitem gesehen hat. Das hat eine viel tiefere Bedeutung: Unter dem Feigenbaum sitzen die Menschen unter anderem in der Bibel, um sich zu erholen. Das ist ein Bild auch für den salomonischen Frieden. Es bezieht sich aber auch auf die frommen Juden, die aufrichtig nach Gott nachsinnen und die Hl. Schrift betrachten. Unter Rabbinern hat sich die Redewendung „unter dem Feigenbaum sitzen“ für die Betrachtung der Hl. Schrift eingebürgert. Jesus sagt Natanael also, was er in seinem ganzen bisherigen Leben getan hat. Er wird sich ganz ertappt gefühlt haben, denn als Johannesjünger hat dieser Mann stets über den Messias nachgedacht. Und nun sagt der Messias selbst ihm gleichsam zu: „Ich habe dich gesehen, wie du aufrichtig nach mir gesucht hast.“ Das ist die Antwort, auf die Natanael gewartet hat, und so antwortet er Jesus mit einem emotionalen Messiasbekenntnis.
Jesus nimmt dies zum Anlass, eine wichtige Lektion zu erteilen: Natanael kam zum Glauben an ihn, weil Jesus prophetische Worte zu ihm gesprochen hat. Doch er verdeutlicht, dass sowohl Natanael als auch die anderen Apostel noch größere Dinge sehen werden: die vielen Heilungen, Exorzismen, die Totenheilung des eigenen Freundes, die Auferstehung Jesu Christi. Sie werden durch die ganzen Wundertaten seine Herrlichkeit sehen. Dies umschreibt Jesus mithilfe eines biblischen Bildes, das er ganz bewusst für den Schriftgelehrten Natanael aufgreift: Die geöffnete Himmelstür mit auf- und absteigenden Engeln über dem Menschensohn. Die Himmelsleiter ist ein Motiv, das schon in der Jakobserzählung erscheint. Dort sieht der Patriarch im Traum die Himmelsleiter mit den sich bewegenden Engeln und Gott selbst am oberen Ende der Leiter. Jesus erklärt mithilfe dieses Motivs, dass Gott ans andere Ende der Leiter gekommen ist – er ist Mensch geworden in Jesus Christus, um bei den Menschen zu wohnen und die ganze Welt zu retten.
In diesem Bild erkennen wir noch etwas anderes: Die Engel sind gesandt als Boten Gottes, wie ihr Name auch verrät. Gott hat für sie verschiedene Aufgaben und diese führen sie gehorsam aus. Das betrifft auch die Erzengel, die größten und wichtigsten Boten Gottes: Michael, von dem wir schon sehr viel heute gehört haben, ist der Feldherr im täglichen Kampf gegen den Widersacher. Er kämpft an unserer Seite, wenn wir in unserem Herzen den geistigen Kampf austragen, wenn wir aber auch in unserer Gesellschaft gegen die Mächte des Bösen angehen müssen. Gabriel ist der Bote im eigentlichen Sinn, denn er wird gesandt, um Botschaften zu verkünden. So ist er es, der zu Maria kommt, um ihre Berufung zur Mutter Gottes zu verkünden. Er ist es, der auch in den Träumen zu den Menschen spricht und Gottes Botschaften überbringt, so gegenüber Josef und den Magoi aus dem Morgenland. Rafael ist ein treuer Wegbegleiter, der den jungen Tobias auf dem Weg zu seiner zukünftigen Frau begleitet. Er ist es auch, der die Dämonen abwehrt, die aufgrund eines Fluchs die Familie Sarahs bedrängen. Die Engel, die wir heute feiern, sind wirklich die Himmelsleiter auf- und abgestiegen und tun es auch heute noch. Immer wieder sind sie ganz bei den Menschen und wirken als treue und stille Diener. Danken wir Gott heute für diese wunderbaren Helfer und nehmen wir ihre Stärke in Anspruch im Kampf gegen den Bösen in dieser Welt.

Ihre Magstrauss

Montag der 26. Woche im Jahreskreis

Ijob 1,6-22; Ps 17,1-2.3abu. 5.6-7; Lk 9,46-50

Ijob 1
6 Nun geschah es eines Tages, da kamen die Gottessöhne, um vor den HERRN hinzutreten; unter ihnen kam auch der Satan.

7 Der HERR sprach zum Satan: Woher kommst du? Der Satan antwortete dem HERRN und sprach: Die Erde habe ich durchstreift, hin und her.
8 Der HERR sprach zum Satan: Hast du auf meinen Knecht Ijob geachtet? Seinesgleichen gibt es nicht auf der Erde: ein Mann untadelig und rechtschaffen, er fürchtet Gott und meidet das Böse.
9 Der Satan antwortete dem HERRN und sagte: Geschieht es ohne Grund, dass Ijob Gott fürchtet?
10 Bist du es nicht, der ihn, sein Haus und all das Seine ringsum beschützt? Das Tun seiner Hände hast du gesegnet; sein Besitz hat sich weit ausgebreitet im Land.
11 Aber streck nur deine Hand gegen ihn aus und rühr an all das, was sein ist; wahrhaftig, er wird dich ins Angesicht segnen.
12 Der HERR sprach zum Satan: Gut, all sein Besitz ist in deiner Hand, nur gegen ihn selbst streck deine Hand nicht aus! Darauf ging der Satan weg vom Angesicht des HERRN.
13 Nun geschah es eines Tages, dass seine Söhne und Töchter im Haus ihres erstgeborenen Bruders aßen und Wein tranken.
14 Da kam ein Bote zu Ijob und meldete: Die Rinder waren beim Pflügen und die Eselinnen weideten daneben.
15 Da fielen Sabäer ein, nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit scharfem Schwert. Ich ganz allein bin entronnen, um es dir zu berichten.
16 Noch ist dieser am Reden, da kommt schon ein anderer und sagt: Feuer Gottes fiel vom Himmel, schlug brennend ein in die Schafe und Knechte und verzehrte sie. Ich ganz allein bin entronnen, um es dir zu berichten.
17 Noch ist dieser am Reden, da kommt schon ein anderer und sagt: Die Chaldäer stellten drei Rotten auf, fielen über die Kamele her, nahmen sie weg und erschlugen die Knechte mit scharfem Schwert. Ich ganz allein bin entronnen, um es dir zu berichten.
18 Noch ist dieser am Reden, da kommt schon ein anderer und sagt: Deine Söhne und Töchter aßen und tranken Wein im Haus ihres erstgeborenen Bruders.
19 Da kam ein gewaltiger Wind über die Wüste und packte das Haus an allen vier Ecken; es stürzte über die jungen Leute und sie starben. Ich ganz allein bin entronnen, um es dir zu berichten.
20 Da stand Ijob auf, zerriss sein Gewand, schor sich das Haupt, fiel auf die Erde, betete an
21 und sprach: Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück. Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen; gelobt sei der Name des HERRN.
22 Bei alldem sündigte Ijob nicht und gab Gott keinen Anstoß.

In der heutigen Lesung hören wir aus dem Buch Ijob, einer Schrift, die uns von allen Schriften der Bibel am besten lehrt, wie wir mit dem Leiden umgehen sollen. Es geht um einen gerechten Mann namens Ijob (auch Hiob), der ein gutes Leben führt, gleichsam ein Leben in Fülle. Er ist gesegnet, wie man nur gesegnet sein kann. Es wird dann davon erzählt, wie die „Gottessöhne“ vor Gott kommen, wobei auch der Satan vor ihn kommt. Hier müssen wir davon ausgehen, dass es narrativ gestaltet ist, denn der Böse ist aus dem Himmel verbannt worden. Er kann Gott auf ewig gar nicht mehr schauen. Und Gott wird keinen Deal mit dem Bösen machen, wie es hier beschrieben wird. Es ist also nicht wortwörtlich so aufzufassen. Wir können ja auch gar nicht wissen, was Gott und der Satan miteinander geredet haben. Also ist die Erzählung vom Autor ein wenig gestaltet worden. Das ist auch in Ordnung, denn in der Hl. Schrift finden wir nicht nur Gottes Wort, sondern auch menschliche Elemente sowie kulturell und historisch bedingte Elemente. Das ändert aber nichts daran, dass das Erzählte wahr ist.
Gott fragt den Satan aus und dieser erzählt von seinem Erdenstreifzug. Der Herr fragt auch explizit nach Ijob, den er als vollkommenen und gerechten Menschen beschreibt, der die Gebote Gottes hält und gottesfürchtig ist.
Der Satan fragt daraufhin, ob dieser grundlos so ist. Denn worauf er eigentlich hinaus möchte: Ijob ist so, weil Gott ihn von allem behütet und es ihn gut gehen lässt. Deshalb sei er so vollkommen. Mit anderen Worten: Wenn er mit der ein oder anderen Versuchung und Herausforderung konfrontiert, den ein oder anderen Schicksalsschlag erleidet etc., wird es ganz anders aussehen. Die Wendung „wahrhaftig, er wird dich ins Angesicht segnen“ ist eine verhüllende Rede, die das Gegenteil meint, aber verschönert. Was der Satan also meint, ist die Verfluchung Gottes in dessen Gesicht. Ijob wird Gott verfluchen, wenn es ihm nicht mehr so gut geht.
Gott lässt zu, dass der Böse Ijob ein paar Schläge versetzt, aber bittet ihn darum, nicht ihn selbst zu treffen. Bis hierhin wird etwas beschrieben, das jeder von uns kennt: Gott lässt zu, dass wir Menschen leiden müssen. Es ist nicht so, dass Gott ein Sadist ist. Vielmehr möchte er unseren Glauben erproben und vertiefen. Und er lässt nicht zu, dass das Leiden uns überfordert. Hier geht es nicht um das Leiden, das man selbst verschuldet hat – die zu tragenden Konsequenzen der eigenen Sünde – sondern es geht um das unschuldige Leiden, das Kreuz des Gerechten.
Nun geschieht es, dass mehrere Dinge gleichzeitig passieren: Ijobs pflügende Rinder (und wohl die Felder) sowie Eselinnen werden von Sabäern geraubt, seine Schafherden werden von Feuer getroffen, seine Kamele von Chaldäern gestohlen, und seine Kinder von einem Sturm getötet. Seine ganzen Knechte werden dahin gerafft. Allein vier Knechte sind übrig geblieben, die ihm die verschiedenen Unheilsbotschaften verkünden. Davon leitet sich der Begriff „Hiobsbotschaft“ ab. Es ist auf genau diese Situation zurückzuführen. Wie schlimm sich dieser Mann gefühlt haben muss, wenn er stets ein behütetes Leben hatte und dann auf einen Schlag alles verliert, vor allem seine geliebten Kinder!
Und so zerreißt er sein Gewand und schert sich das Haar, eine Geste der Trauer und Verzweiflung. Doch er verzweifelt nicht. Vielmehr sagt er: „Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter; nackt kehre ich dahin zurück. Der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen; gelobt sei der Name des HERRN.“ Dieser Mann hat absolute Stärke bewiesen. Er hat verstanden, dass alles, was Gott ihm geschenkt hat – seine Herden, seine Knechte, vor allem seine Kinder – nur geliehen sind. Sie gehören ihm nicht, sondern gehören Gott. Und so kann er sagen „der HERR hat gegeben, der HERR hat genommen“. Und obwohl er in absoluter Trauer ist, findet er noch die Kraft, Gott zu loben. Das ist etwas, das die Psalmen immer wieder kommunizieren: Gott steht das Lob zu jeder Zeit zu, unabhängig davon, wie es uns geht. Wer sind wir, dass wir da Vorbehalte haben? Warum sollte das Gotteslob von unserer eigenen Befindlichkeit abhängen? Sind wir wichtiger als Gott?
Und Ijob hat das vorbildlich vorgelebt.
Er hat diese Prüfung bestanden, denn er hat Gott nicht verflucht, nicht begonnen, mit ihm zu hadern oder ihm Vorwürfe zu machen.

Ps 17
1 Ein Bittgebet Davids. Höre, HERR, die gerechte Sache, achte auf mein Flehen, vernimm mein Bittgebet von Lippen ohne Falsch!

2 Von deinem Angesicht ergehe mein Urteil, deine Augen schauen, was recht ist.
3 Du hast mein Herz geprüft, bei Nacht es heimgesucht, du hast mich erprobt, nichts vermagst du zu finden.
5 Fest blieben meine Schritte auf deinen Bahnen, meine Füße haben nicht gewankt.

6 Ich habe zu dir gerufen, denn du, Gott, gibst mir Antwort. Wende dein Ohr mir zu, vernimm meine Rede!
7 Wunderbar erweise deine Huld! Du rettest, die sich an deiner Rechten vor Empörern bergen.

Als Antwort beten wir den Bittpsalm 17. Zu Beginn ruft König David Gott an, dass Gott sein Gebet erhören solle. Er betont, dass es ein reines Gebet ist („von Lippen ohne Falsch“). David begreift, dass die Aufrichtigkeit gegenüber Gott entscheidend ist. Nur wer reinen Herzens ist und keine bösen Absichten hat, kann Gott um etwas bitten, sodass dieser es auch erhört.
„Von deinem Angesicht ergehe mein Urteil, deine Augen schauen, was recht ist.“ Gott soll ein rechtes Urteil fällen bzw. David geben, was recht ist.
„Du hast mein Herz geprüft, bei Nacht es heimgesucht“ führt uns zurück auf Ijob. Auch dieser ist erprobt worden. Die Nacht ist hier nicht einfach nur wörtlich zu verstehen, sondern einerseits auf den Zustand des Schlafens zu beziehen, also wenn der Mensch „angreifbar“ ist und nicht aufpassen kann. Er ist gleichsam ausgeliefert. Die Nacht ist auch zu verstehen als Seelenzustand des Menschen. Es meint die Situation der Trauer und Verzweiflung. Man sieht kein Licht am Horizont. „Du hast mich erprobt, nichts vermagst du zu finden“: Und doch kann Gott bei ihm nichts Böses finden, so herzensrein ist König David. Und so ist es auch mit Ijob. Er prüft den Mann in der Tiefe seines Herzens, doch da ist keine Bitterkeit aufgrund der Glaubensprobe. Auch Ijob hat sie bestanden.
Er ist nicht „gestrauchelt“ – ein Wort, das im Psalter gerne verwendet wird -, sondern König David sowie Ijob sind auf Gottes Wegen geblieben, und zwar festen Schrittes.
Gott erhört wirklich die Bitten seiner Kinder. König David hat damit schon Erfahrungen gemacht. Wie sehr oft in Bittpsalmen thematisiert der Bittsteller vergangene Gebetserhörungen, um Gott damit zu sagen: „Du hast mich schon damals erhört, tue es auch jetzt.“ Die Aussage „ich habe zu dir gerufen“ kann aber auch so verstanden werden, dass David es soeben getan hat und zugleich sein Gottvertrauen bestätigt („denn du, Gott, gibst mir Antwort“). Erneut bittet er Gott um Gebetserhörung, indem er sagt: „Wende dein Ohr mir zu, vernimm meine Rede!“ Das ist bildlich zu verstehen, denn Gott ist Geist und hat keine Ohren wie seine Geschöpfe. Und doch besitzt Gott ein ganz feines Gehör. Er hört sogar die Worte unseres Herzens, die nicht einmal wir selbst hören.
Gott soll seine Huld wunderbar erweisen. Er hat dies im Laufe der Heilsgeschichte immer wieder getan. Ganz besonders deutlich wurde dies beim Exodus und später beim Babylonischen Exil. König David wurde von Gott beschützt, wenn seine Feinde ihm nach dem Leben trachteten. Er kann Gott wirklich als seinen Retter bezeichnen, der ihn vor allem vor Sauls und Abschaloms Mordplänen bewahrt hat. Wichtig ist, dass wir alle uns bei Gott bergen, seinen Schutz in Anspruch nehmen und uns ganz fest an ihn klammern. Das hat nicht nur David, sondern auch Ijob getan, als er so hart getroffen worden ist. Er hat Gott sogar noch gelobt und gepriesen in der Situation tiefster Trauer. Er hat den Kontakt zu ihm gesucht und gebetet. So sollen auch wir in solchen Situationen nicht mit Gott brechen, sondern im Gegenteil noch viel intensiver den Kontakt zu ihm suchen. Klammern wir uns an Gott wie auch Jesus am Kreuz, als er betete: „Mein Gott, mein Gott“.

Lk 9
46 Unter ihnen kam der Gedanke auf, wer von ihnen der Größte sei.
47 Jesus sah den Gedanken in ihren Herzen. Deshalb nahm er ein Kind, stellte es neben sich
48 und sagte zu ihnen: Wer dieses Kind in meinem Namen aufnimmt, der nimmt mich auf; und wer mich aufnimmt, der nimmt den auf, der mich gesandt hat. Denn wer unter euch allen der Kleinste ist, der ist groß.
49 Da sagte Johannes: Meister, wir haben gesehen, wie jemand in deinem Namen Dämonen austrieb, und wir versuchten, ihn daran zu hindern, weil er nicht mit uns zusammen nachfolgt.
50 Jesus antwortete ihm: Hindert ihn nicht! Denn wer nicht gegen euch ist, der ist für euch.

Im heutigen Evangelium wird uns zunächst vom Rangstreit der Jünger berichtet. Sie diskutieren, wer von ihnen der Größte sei. Jesus ist Gott. Er weiß genau, worüber seine Jünger sprechen und wie ihre Herzen aussehen. So wie Gott in das Herz Ijobs hineingesehen hat, um es ganz zu prüfen, so schaut Jesus nun die ruhmsüchtigen Absichten in den Herzen seiner Jünger. Doch anstatt ihnen Vorwürfe zu machen und sie auszuschimpfen, nimmt er ein Kind und stellt es neben sich.
Wer dieses Kind in seinem Namen annimmt (das griechische Wort δέχομαι heißt nicht nur empfangen im Sinne von Kinder bekommen, sondern auch jemandem Gehör schenken und achten), nimmt Christus auf. Denn das Annehmen von Kindern ist ein Ausdruck von Demut. Wer die Kleinsten der Gesellschaft ernst nimmt, der hat wirklich die Option für die Armen, die Gottes Einstellung darstellt, übernommen. Das ist nicht nur der größte Demutsbeweis, sondern auch Ausdruck von Gottes Barmherzigkeit. Wir sollen schließlich so barmherzig sein wie der Vater im Himmel. Die Aposteln sind also die Größten, wenn sie Gott fürchten durch den Dienst an den Geringsten. Wer also demütig eingestellt ist – mit einem Blick und Ohr für die Geringsten, der ist von allen der Größte. Im Abendmahlssaal wird Jesus seinen Aposteln die Füße waschen und sagen: „Wer von euch der Größte sein will, soll der Diener aller sein.“ Auch sie sollen einander die Füße waschen, das heißt der Sklave des anderen sein. Das gilt auch uns. Ist unser Denken von Schlichtheit geprägt? Sehen wir auf das Schön Anzusehende? Auf die reichen Gemeindemitglieder, auf die Beliebten der Gesellschaft? Dann übersehen wir, wem wir eigentlich dienen sollten – den Außenseitern, den sozial Schwachen und Unbeliebten. Dann gehen wir nämlich am tiefsten in die Knie. Von dort aus wird uns Gott aber am höchsten erhöhen.
Johannes thematisiert daraufhin einen Mann, der im Namen Jesu Exorzismen vornimmt. Die Jünger haben versucht, den Mann daran zu hindern, weil er kein offizieller Jünger Jesu ist. Doch Jesus entgegnet ihnen, dass wer nicht gegen sie ist, für sie ist. Das ist ein wichtiger Hinweis: Es ist ausschlaggebend, was ein Mensch tut, nicht was er dem Namen nach ist. Das heißt für uns Christen heute natürlich nicht, dass die Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes nicht mehr notwendig sei, denn Jesus hat den Taufauftrag vor seinem Heimgang zum Vater ja deutlich erteilt. Doch es gibt auch „anonyme Christen, die den Willen Gottes instinktiv befolgen, ohne dass sie jemals von ihm gehört haben. In heutiger Zeit wird es immer weniger solcher Menschen geben, da die sozialen Medien und Möglichkeiten der Globalisierung es einfach verunmöglichen, noch nie etwas von Jesus gehört zu haben. Womöglich ist dieser Mann aber auch ein Anlass für Jesus, die Jünger auf zukünftige Situationen vorzubereiten, in denen Heiden sich zu Jesus Christus bekennen werden. Auch dann werden die Jünger herausgefordert werden, über ihren jüdischen Tellerrand hinauszuschauen. Denn dieser Mann im Evangelium nimmt die Exorzismen ja im Namen Jesu vor. Er kennt ihn also und hat ihn als Messias angenommen. Sonst würde er die Taten nicht in seinem Namen vollbringen. Es ist also eher vom zweiten Fall auszugehen – ein Mann, der Jünger Jesu ist, ohne den bisher bekannten Weg zu gehen.

Auch wir müssen heute darauf achten, wie Menschen sich verhalten, nicht nur auf ihre offizielle Bezeichnung bzw. das Bekenntnis. Es reicht nicht, die Verpackung anzusehen, wir müssen in heutiger Zeit ganz besonders auf den Inhalt achten, denn die Diskrepanz von beidem ist heutzutage größer denn je. Nicht nur Gott schaut sich den Inhalt an und vergleicht ihn mit der Verpackung – unser Inneres und Äußeres, das Herz und das äußere Verhalten. Auch wir Menschen sollen das tun, so wie es uns möglich ist. Wir können ja nicht in die Seele von anderen hineinschauen, aber die Absichten werden uns auch auf andere Weise bekannt. Bei allem ist entscheidend, wie das Herz aussieht. Prüfen wir uns selbst deshalb jeden Tag neu, damit der Herr auch bei uns ein reines Herz findet wie bei Ijob, bei David, bei dem Kind im heutigen Evangelium oder bei dem unbekannten Mann, der im Namen Jesu Exorzismen vornimmt.

Ihre Magstrauss

26. Sonntag im Jahreskreis

Ez 18,25-28; Ps 25,4-5.6-7.8-9; Phil 2,1-11; Mt 21,28-32

Ez 18
25 Ihr aber sagt: Der Weg des Herrn ist nicht richtig. Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Weg soll nicht richtig sein? Sind es nicht eure Wege, die nicht richtig sind?

26 Wenn ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben.
27 Wenn ein Schuldiger von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren.
28 Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben.

In der ersten Lesung hören wir einen Abschnitt aus dem Buch Ezechiel. Der Kern dieses Kapitels besteht in Gottes Wunsch, dass jeder Mensch gerettet wird. Es hängt vom Willen des einzelnen Menschen ab, zu ihm umzukehren oder nicht. Es ist Gottes Wille, dass dies passiert, aber die Entscheidung kann Gott den Menschen nicht abnehmen. Wenn Gott dann aber zulässt, dass der Mensch die Konsequenz seiner eigenen Entscheidung trägt, ist es absolut falsch und unangebracht vom Menschen zu sagen: „Der Weg des Herrn ist nicht richtig.“ Warum sollte dieser falsch sein, wenn der Mensch ihn für sein eigenes Leben vorgegeben hat? Was hier also schiefläuft, der fehlende Segen, das Leiden und die Probleme, sie kommen von der falschen Entscheidung des Menschen, nicht von Gott. Dieser hat nur Wege des Heils für uns bereit. Ihm können wir nicht die Schuld für unser Versagen geben. Das ist eine ganz tiefsitzende Versuchung im Menschen. Schon Adam und Eva haben ihr erstes Verschulden von sich geschoben und Adam sagte sogar: „Die Frau, die DU mir gegeben hast“. Er hat Gott für die erste Sünde verantwortlich gemacht! Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen! Gott hat dem Menschen aber einen freien Willen geschenkt. Und mit diesem entscheidet er sich entweder für Gott oder gegen ihn.
Wenn ein Gerechter abfällt und dieselben Sünden begeht wie ein Ungläubiger, wird er sehr streng gerichtet. Schließlich saß er an der Quelle und ist von ganz oben hinabgefallen. Er hat alles gewusst und handelt nun doch so, als hätte er das alles nicht gewusst. Wer aber viel verstanden hat, wird auch für viele Dinge zur Rechenschaft gezogen. Dann nützen ihm die guten Taten von früher auch nichts, denn die Gnade ist abgeschnitten. Es ist ein Judasmoment, denn man war an der Seite Gottes und hat ihm dann einen Dolch in den Rücken gestoßen, ihn verraten.
Wir müssen aber auch bedenken, dass der Verrat nicht das Ende vom Lied sein muss. Denn auch Petrus hat Jesus verraten, doch ist umgekehrt. Auch dann dürfen wir also umkehren. Es ist also zeitlebens nie zu spät, sein Leben zu ändern. Das ewige Leben haben wir erst dann verspielt, wenn wir bis zum Schluss an der Sünde festgehalten haben. Deshalb ist es wichtig und heilsam, stets zur Umkehr bereit zu sein und sich eines Besseren belehren zu lassen. Dann werden wir nicht sterben, auch wenn wir sterben. Dann werden wir das ewige Leben haben, auch wenn unser Leib noch stirbt.
Die Worte Ezechiels sind für uns heute sehr wichtig: Möge die Sünde noch so groß sein – Gott vergibt uns alles, einfach alles, wenn wir in uns gehen, es von Herzen bereuen, bekennen, uns vornehmen, es nicht mehr zu tun und es büßen. Dann werden wir den seelischen Tod nicht schauen, sondern bei Gott im Himmel sein (auch wenn vielleicht nach einer Zeit der Läuterung).

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade!
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
6 Gedenke deines Erbarmens, HERR, und der Taten deiner Gnade; denn sie bestehen seit Ewigkeit!
7 Gedenke nicht meiner Jugendsünden und meiner Frevel! Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR, denn du bist gütig!
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg.
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg.

„Zeige mir, HERR, deine Wege“ ist in Krisensituationen die Bitte, in schwierigen Zeiten das richtige Verhalten zu übernehmen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gott zeige uns immer das richtige moralische Verhalten auf, indem er uns seinen Willen aufzeigt. Dies tut er durch sein Heiliges Wort und seine Gebote.
Dieser Psalm ist messianisch zu lesen, denn wir sehen das an der hebräischen Formulierung אֱלֹהֵ֣י יִשְׁעִ֑י elohe, jisch’i, was mit „Gott meines Heils“ übersetzt wird. Die Wurzel des Wortes „Heil“ ist dieselbe wie der Name Jesu. „Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist ein besonders intensiver Ausdruck messianischer Erwartung. Eine solche Sehnsucht sehen wir beim Volk Israel insbesondere in der Babylonischen Gefangenschaft. Das Buch Ezechiel mit seinen Gerichtsankündigungen und sich anschließenden Heilsverheißungen ist in diese Zeit hineingeschrieben. Auch wir hoffen den ganzen Tag auf den Messias. Der „Tag“ kann bildlich auf das gesamte Leben bezogen werden, das Leben des Einzelnen sowie der gesamten Menschheit. Und je drastischer die Weltsituation ist, desto lauter wird der Schrei nach dem Gott des Heils.
Mit der Erwartung Gottes kommt auch hier die Frage nach dem Zustand der Menschen auf: „Gedenke deines Erbarmens“ und „gedenke nicht meiner Jugendsünden“ zeigen das Verständnis auf, dass wenn Gott kommt, die Menschen vor ihm gut dastehen möchten. Auch hier ist der Wunsch spürbar, dass wenn Gott kommt, barmherzig mit den sündigen Menschen umgehen soll. So sollen auch wir beten und das tut die Kirche auch immer nach dem Vaterunser in der Hl. Messe: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke uns nach deinem Willen Einheit und Frieden.“ Das wird vor dem Kommen Jesu in der Kommunion gebetet, also bevor die Menschen ihn in ihr Herz aufnehmen. So sollen wir auch persönlich beten, auch dann, wenn Gottes Gegenwart ganz weit weg zu sein scheint. Denn er ist uns näher, als wir denken. Und bevor wir uns versehen, stehen wir vor ihm. Bekehren wir uns im steten Jetzt. Dann wird er auch barmherzig mit uns sein.

Phil 2
1 Wenn es also eine Ermahnung in Christus gibt, einen Zuspruch aus Liebe, eine Gemeinschaft des Geistes, ein Erbarmen und Mitgefühl,

2 dann macht meine Freude vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig,
3 dass ihr nichts aus Streitsucht und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst.
4 Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen.
5 Seid untereinander so gesinnt, wie es dem Leben in Christus Jesus entspricht:

6 Er war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein,
7 sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich. Sein Leben war das eines Menschen;
8 er erniedrigte sich und war gehorsam bis zum Tod, bis zum Tod am Kreuz.
9 Darum hat ihn Gott über alle erhöht und ihm den Namen verliehen, der größer ist als alle Namen,
10 damit alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde ihr Knie beugen vor dem Namen Jesu
11 und jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters.

In der zweiten Lesung reflektiert Paulus die Ohnmacht Gottes, die er freiwillig angenommen hat, als er Mensch geworden ist. Bevor er jedoch zum sogenannten „Philipperhymnus“ kommt, erfolgen Ausführungen paränetischer Art, also ethische Ermahnungen.
Die Philipper sollen eines Sinnes sein, das heißt in Eintracht und wahrem Frieden miteinander leben. Sie sollen zusammengeschweißt sein durch Jesus Christus, der die Gemeinschaft stiftet. Das wird die Gemeindemitglieder mit Freude erfüllen, wenn sie „einander in Liebe verbunden, einmütig, einträchtig“ leben. Sie sollen nicht stets auf Streit aus sein oder angeberisch leben. Die zentralen Stichworte sind die Demut sowie die Hingabe, die das Wohl des Nächsten dem eigenen vorzieht. Sie sind schließlich Jünger Jesu und er hat sowohl die Demut als auch die Hingabe vollkommen vorgelebt. Und so mündet Paulus nun in den genannten Hymnus, der die Menschwerdung Christi preisend betrachtet:
Jesus „war Gott gleich, hielt aber nicht daran fest, Gott gleich zu sein“. Das Verb für „daran festhalten“ ist ἡγέομαι egeomai. Es steht gemeinsam mit ἁρπαγμός arpagmos, was eigentlich wörtlich „Raub, Beute“ meint. Das heißt, dass Jesus als Gott es nicht als Beute erachtete, gottgleich zu sein (denn das Erbeutete ist ein Bild für das sehr Kostbare).
„Sondern er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich.“ Das Verb für die Entäußerung ist ἐκένωσεν ekenosen. Mit κενόω kenoo ist gemeint, dass man sich leer macht. Das heißt nicht, dass Jesus seine Gottheit abgelegt hat, sondern sich die Freiheit genommen hat, auf sie zu verzichten. Mit dieser Ausleerung ist also der Verzicht gemeint, der Verzicht auf seine göttliche Allmacht. Dadurch ist er wie ein Sklave geworden, was uns auf Jesaja zurückwirft. Dieses Bild ist ja schon dort das Hauptbild des leidenden Gottesknechtes. Jesus hat sich freiwillig die Fesseln der irdischen Beschränktheit anlegen lassen, um darin die Sünde der gesamten Menschheit wiedergutzumachen.
Er hat sich erniedrigt und war gehorsam bis zum Tod am Kreuz. Jesus hat nicht nur physisch unsägliches Leid erfahren, sondern auch psychisch und seelisch. Wie sehr haben die Menschen sein Herz gebrochen durch ihren Spott und ihre Undankbarkeit!
Weil Jesus diese Sklaverei durchgehalten hat, hat Gott ihn auch über alle anderen erhöht. Sein Name ist wirklich der allerheiligste! In seinem Namen geschehen auch heute noch Zeichen und Wunder.
Und seine Heilstat ist so groß, dass „alle im Himmel, auf der Erde und unter der Erde“ (typisch hymnische Sprache!) ihr Knie beugen vor seinem Namen und zum Bekenntnis kommen, dass er der Herr ist. Die ganze Schöpfung preist ihn und erkennt seinen göttlichen Namen an. Sogar die Dämonen, die mit „unter der Erde“ angedeutet werden, müssen vor ihm in die Knie gehen und seine Göttlichkeit bekennen. Das tun sie ja schon zu seinen Lebzeiten, sodass er ihnen das Schweigen gebieten muss.
Am Ende werden es alle erkennen, was sie zum Zeitpunkt seines Leidens und Sterbens noch so sehr verspottet haben, ironischerweise: Er ist wirklich ein König, aber nicht nur der Juden, sondern des ganzen Universums! Sie werden vor dem niederfallen, den sie durchbohrt haben, dem sie die Nägel durch Hände und Füße getrieben haben. Sie werden den bekennen müssen, den sie so sehr gequält und angespuckt, dem sie so sehr das Herz gebrochen haben.
Wenn nun die Philipper ebenfalls erhöht werden möchten, wenn sie den Siegeskranz erhalten und auf Thronen am Gottesthron Platz nehmen wollen, müssen auch sie durch diese Demütigung und Hingabe gehen. Zum Osterfest führt kein Weg an Karfreitag vorbei. Ohne die absolute Schande kann keine absolute Herrlichkeit erlangt werden. Wenn wir Christus nachfolgen, sollen wir es konsequent tun bis zum Kreuz. Das heißt nicht, dass jeder Christ im wahrsten Sinne gekreuzigt werden muss, aber die Demütigungen des eigenen Lebens und die absolute Selbstverschenkung an Andere, das sind die Situationen, in denen wir Christus ganz nahe sind.

Mt 21
28 Was meint ihr? Ein Mann hatte zwei Söhne. Er ging zum ersten und sagte: Mein Kind, geh und arbeite heute im Weinberg!

29 Er antwortete: Ich will nicht. Später aber reute es ihn und er ging hinaus.
30 Da wandte er sich an den zweiten und sagte zu ihm dasselbe. Dieser antwortete: Ja, Herr – und ging nicht hin.
31 Wer von den beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt? Sie antworteten: Der erste. Da sagte Jesus zu ihnen: Amen, ich sage euch: Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.
32 Denn Johannes ist zu euch gekommen auf dem Weg der Gerechtigkeit und ihr habt ihm nicht geglaubt; aber die Zöllner und die Dirnen haben ihm geglaubt. Ihr habt es gesehen und doch habt ihr nicht bereut und ihm nicht geglaubt.

Im heutigen Evangelium erzählt Jesus ein Gleichnis, dass zwei Söhne nebeneinander stellt, weil er den Pharisäern und Schriftgelehrten in Jerusalem etwas Wichtiges erklären möchte. Ein Mann hat zwei Söhne und bittet sie um Hilfe in seinem Weinberg. Während der erste Nein sagt, es sich nachher aber anders überlegt und doch hilft, sagt der zwei Ja, tut es aber im Endeffekt gar nicht. Die entscheidende Frage Jesu an die Jerusalemer lautet: „Wer von beiden hat den Willen seines Vaters erfüllt?“ Diese Frage ist entscheidend in allem, was Jesus erklärt. Er sagt einmal, dass nicht jene in das Himmelreich gelangen, die sagen „Herr, Herr!“, sondern jene, die den Willen seines Vaters erfüllen. Darauf kommt es an. Das Rufen von „Herr, Herr“ beherrschen gerade die Pharisäer sehr gut. Sie perfektionieren die Oberfläche, einfach alles, was zu sehen ist. Aber ihr Herz ist verdorben und sie tun gar nicht, was sie nach außen hin vermitteln.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten antworten korrekterweise auf die Frage des Gleichnisses „Der erste.“
Jesus möchte sie aufrütteln, denn sie wissen ganz genau, wie die Gebote Gottes lauten. Sie wissen es besser als das gewöhnliche Volk. Und doch halten sie sich nicht daran. Sie sind jene, von denen Ezechiel in der Lesung gesprochen hat. Gott ist besonders streng mit jenen, die viel verstehen. Jesu Verhalten ist ein Spiegel und eine Ankündigung für uns, wie das Gericht Gottes am Ende der Zeiten sein wird.
Weil die Pharisäer viel wissen, antwortet Jesus ganz streng: „Die Zöllner und die Dirnen gelangen eher in das Reich Gottes als ihr.“ Das ist ein verbaler Schlag ins Gesicht, aber anders dringt die Botschaft nicht zu ihnen durch. Für jene, die viel Erkenntnis besitzen und eine große Verantwortung tragen, ist das Himmelreich viel schwerer zu erreichen als für jene mit wenig Wissen. Kann ein Minderjähriger dieselbe Strafe für eine Straftat erhalten wie ein Erwachsener? Bei Gott macht es ebenso einen Unterschied.
Zöllner und Dirnen sind zwei Menschengruppen, die besonders verachtet werden. Sie leben in tiefer Sünde, denn während die Dirnen Unzucht treiben, bestehlen und belügen Zöllner regelmäßig die Steuerzahler. Die Spitze des Eisbergs, ihre Oberfläche ist offensichtlich schlecht. Doch den Rest des Eisbergs, das Herz, das Innenleben, kennt nur Gott. Das letzte Wort ist also nicht gesprochen und wenn diese Menschen umkehren, haben sie genau dieselbe Chance auf das Himmelreich wie jene, die nicht in diesen offensichtlichen Sünden leben. Sie sind die Nein sagenden Söhne des Vaters im Weinberg. Sie sagen für alle hörbar Nein, aber sie entscheiden sich wenigstens um. Sie sind echt und stehen zu dem, was sie nach außen hin sagen. Die Pharisäer und Schriftgelehrten dagegen haben eine sehr saubere Spitze des Eisbergs. Nach außen hin sichtbar und hörbar haben sie ein fehlerloses Image. Doch was sich unter dem Wasser befindet, ihr Innenleben, ihr Herz, das kennt nur Gott. Auch hier ist das letzte Wort noch nicht gesprochen, das Urteil „vollkommen“ nicht in Stein gemeißelt. Sie sind wie der andere Bruder, denn nach außen hin für alle hörbar sagt er Ja zu seinem Vater. Doch in Wirklichkeit arbeiten sie gar nicht im Weinberg. Sie sind Heuchler, weil sie sich nach außen so gehorsam geben, doch letztendlich ungehorsam sind. Im Gegensatz zum ersten Sohn sind sie nicht umkehrbereit und werden mit ihrer Haltung letztendlich böse Söhne bleiben. Die Pharisäer und Schriftgelehrten erkennen ihre Sünde nicht und kehren deshalb nicht um. Deshalb werden sie gar nicht ins Himmelreich können. Denn keiner kann von sich sagen, dass er keine Umkehr braucht. Jeder ist manchmal ungehorsam und muss es sich anders überlegen wie der erste Sohn im Gleichnis. Und wenn es ausgerechnet jene sind, die viel Erkenntnis haben und an der Quelle sitzen, ist der Ungehorsam besonders gravierend.

Gehen wir erneut in uns und prüfen wir, welcher Bruder wir aktuell in unserem Leben sind. Kehren wir um und nehmen wir die Barmherzigkeit Gottes wieder in Anspruch. Schauen wir ganz genau unsere Sündhaftigkeit an und kehren wir sie nicht unter den Teppich. Halten wir sie Gott hin und nehmen wir unsere Armseligkeit an, damit wir demütig werden. Nur so können wir Christus bis zum Kreuz nachfolgen und Heiligkeit erlangne.

Ihre Magstrauss

Samstag der 25. Woche im Jahreskreis

Koh 11,9 – 12,8; Ps 90,3-4.5-6.12-13.14 u. 17; Lk 9,43b-45

Koh 11
9 Freu dich, junger Mann, in deiner Jugend, sei heiteren Herzens in deinen frühen Jahren! Geh auf den Wegen, die dein Herz dir sagt, zu dem, was deine Augen vor sich sehen! Und sei dir bewusst, dass Gott über all dies mit dir ins Gericht gehen wird!

10 Halte deinen Sinn von Ärger frei und schütz deinen Leib vor Krankheit; denn die Jugend und das dunkle Haar sind Windhauch!
1 Denk an deinen Schöpfer in deinen frühen Jahren, ehe die Tage der Krankheit kommen und die Jahre dich erreichen, von denen du sagen wirst: Ich mag sie nicht!,

2 ehe Sonne und Licht und Mond und Sterne erlöschen und auch nach dem Regen wieder Wolken aufziehen:
3 am Tag, da die Wächter des Hauses zittern, die starken Männer sich krümmen, die Müllerinnen ihre Arbeit einstellen, weil sie zu wenige sind, es dunkel wird bei den Frauen, die aus den Fenstern blicken,
4 und das Tor zur Straße verschlossen wird; wenn das Geräusch der Mühle verstummt, steht man auf beim Zwitschern der Vögel, doch alle Töchter des Liedes ducken sich;
5 selbst vor der Anhöhe fürchtet man sich und vor den Schrecken am Weg; der Mandelbaum blüht, die Heuschrecke schleppt sich dahin, die Frucht der Kaper platzt, doch ein Mensch geht zu seinem ewigen Haus und die Klagenden ziehen durch die Straßen –
6 ja, ehe die silberne Schnur zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird, das Rad zerbrochen in die Grube fällt,
7 der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.
8 Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, das ist alles Windhauch.

In der Lesung aus dem Buch Kohelet hören wir heute von der Jugend und dem Alter, bevor der Abschnitt zum Anfang des Buches zurückkehrt mit dem Spruch über den Windhauch.
„Freu dich, junger Mann, in deiner Jugend, sei heiteren Herzens in deinen frühen Jahren!“ Es ist, als ob der alt gewordene Salomo sich selbst im Blick hat, wenn er an die Jugend appelliert, diese Zeit auszukosten. Er selbst hat wirklich eine goldene Jugend durchlebt. Sein Königtum war das prunkvollste von allen. Er war über und über vom Segen Gottes überschüttet.
Er sagt zugleich, dass die jungen Menschen auf ihr Herz hören sollen – gemeint ist nicht, den Trieben und Instinkten zu folgen, was heute meistens mit dieser Aussage gemeint ist. Dabei meint es in biblischer Metaphorik gerade nicht das Herz, sondern den Bauch. Was Salomo hier aber meint, ist das Gewissen des Menschen. Der Mensch soll sich für Gott entscheiden, für seine Gebote. Das Herz ist der Sitz von Entscheidungen, der Ausgleich von Kopf und Bauch, eine Vermittlung von Ratio und Emotio. Dass die Entscheidung für Gott getroffen werden soll, erkennen wir am nächsten Satz, dass wir in jungen Jahren schon das Gottesgericht im Blick haben sollen. Wir müssen uns unser Leben lang bewusst sein, dass wir für alles Rechenschaft ablegen werden. Das bedeutet, dass Gott auch die Eskapaden der Jugend nicht einfach ignorieren wird und der Mensch an Gott erst im Alter nachzudenken beginnt.
Egal ob im jungen oder fortgeschrittenen Alter – wir müssen Sorge um uns selbst tragen, indem wir nicht grollen und verantwortungsvoll mit unserer Gesundheit umgehen. Wenn wir nur an das Jetzt denken und meinen: „Ach, ist doch egal, ich bin noch jung, meine Leber verträgt den Alkoholgehalt schon irgendwie“, dann werden wir eine böse Überraschung im Alter erleben. Unser leichtsinniges Verhalten der Jugend wird uns dann einholen.
Noch einmal sagt Salomo, dass wir schon in jungen Jahren beginnen sollen, an Gott zu denken, nicht erst, wenn wir alt und krank sind. Gemeint ist vor allem, dass der Mensch noch rechtzeitig umkehren soll, bevor es zu spät ist. In mehreren poetischen Ausdrücken, in bildreicher Sprache sagt er, dass der Mensch sich bekehren soll, bevor die Welt aufhört, zu sein. Deshalb nennt er die Himmelskörper, die ihre Funktion einstellen, und das Zittern der Wächter. Das ist ein gängiges Bild für die kommende Endzeit auch im Neuen Testament.
Der Mensch soll auch umkehren, bevor sein eigenes Leben zuende geht, die „silberne Schnurr zerreißt, die goldene Schale bricht, der Krug an der Quelle zerschmettert wird“ etc. Der Mensch soll sich Gott wieder zuwenden, bevor er stirbt und seine Beerdigung stattfindet, bevor „das Rad zerbrochen in die Grube fällt, der Staub auf die Erde zurückfällt als das, was er war, und der Atem zu Gott zurückkehrt, der ihn gegeben hat.“ Das greift die Schöpfungsgeschichte auf: Gott hat den Menschen aus der Erde des Ackerbodens geformt und ihm den Geist eingehaucht. Beides gibt der Mensch mit dem Tod zurück an seinen Schöpfer.
Das Leben geht schnell vorbei, es ist wirklich wie ein vorbeiziehender Wind. So schließt Salomo seine Ausführungen, wie er sie begonnen hat, mit dem Ausruf „Windhauch, Windhauch“.

Ps 90
3 Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!

4 Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.
5 Du raffst sie dahin, sie werden wie Schlafende. Sie gleichen dem Gras, das am Morgen wächst:
6 Am Morgen blüht es auf und wächst empor, am Abend wird es welk und verdorrt.
12 Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.
13 Kehre doch um, HERR! – Wie lange noch? Um deiner Knechte willen lass es dich reuen!
14 Sättige uns am Morgen mit deiner Huld! Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.
17 Güte und Schönheit des Herrn, unseres Gottes, sei über uns! Lass gedeihen das Werk unserer Hände, ja, das Werk unserer Hände lass gedeihn!

Was wir in der Lesung betrachtet haben, fassen wir in dem Psalm 90 zusammen – die Vergänglichkeit unseres Lebens. Es handelt sich um einen Klagepsalm, der die Vergänglichkeit des Menschen gleichsam beklagt.
„Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!“ Das drückt den Kreislauf des Lebens gut aus, auch hier spielt es auf die Schöpfung des Menschen aus dem Ackerboden an. Deshalb heißt der Mensch ja auf Hebräisch auch Adam. Es leitet sich von dem Wort Adamah ab, das „Ackerboden“ heißt.
„Tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.“ Die Nachtwachen dauern laut jüdischer Zählung um die vier Stunden im Gegensatz zur römischen Zählung von drei. Das hängt damit zusammen, dass die Juden die Nacht in drei Phasen aufteilen. Bei Gott gibt es keine Zeit. Er lebt in der Ewigkeit und die Kategorie der Zeit gehört zum Bereich der Schöpfung. Bei Gott ist Timing also ganz anders als bei den Menschen. Das erkennt schon Mose, auch wenn er noch nicht so viele eschatologische Betrachtungen anstellt. Hier wird ein Bild aufgegriffen, dass wir schon bei Salomo gehört haben, wenn es um die zitternden Wachen geht.
Das Leben des Menschen ist schnell vorbei, es ist wie mit dem Gras, das schnell wächst, aber auch schnell verdorrt. Mose vergleicht den Tod mit dem Schlaf. Wer gestorben ist, wird wie ein Schlafender. Diese Tradition zieht sich durch die gesamte Bibel, soweit dass sogar Paulus von den Entschlafenen spricht und die Auferstehung Jesu von den Toten „Auferweckung“ genannt wird.
Mit Vers 12 erreichen wir den Kern des Psalms, denn er beinhaltet die zentrale Bitte an Gott: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ Gott möge den Israeliten damals wie uns Christen heute die Gnade schenken, das Leben bewusst zu leben. Jesus nennt es „wachsam sein“ und nüchtern bleiben statt berauscht von der Weltlichkeit der Welt. Wir sollen immer so leben, als wäre es unser letzter Tag. Dann werden wir ihn bewusst durchleben und uns von Herzen um ein Leben nach den Geboten bemühen. Wir sollen nicht so dahinvegetieren, als gebe es kein Morgen, perspektivlos und unmotiviert. Wir sollen stets sinnerfüllt leben. Wenn Gott uns seine Weisheit schenkt, wird unser Herz weise. Diese Weisheit ist ewig und vollkommen, weil sie eine Gabe Gottes darstellt.
„Kehre doch um, HERR! – Wie lange noch? Um deiner Knechte willen lass es dich reuen!“ Gott soll nicht umkehren wie ein Mensch im Sinne einer Bekehrung von den Sünden. Gott ist vollkommen und heilig, er ist nur gut. Aber er soll sein Angesicht den Israeliten wieder zuwenden. Mose betet diese Worte wohl im Kontext eines Leidens aufgrund der Sünden des Volkes. Wir verstehen heute, dass nicht Gott sein Angesicht von uns abwendet, sondern der Mensch sich von ihm entfernt. Gott muss nichts „bereuen“, weil das eine Eigenschaft ist, die sündige Menschen haben können, nicht der heilige Gott. Das ist eine menschliche Sichtweise auf Gott, die ihrer Zeit geschuldet ist. Wir erkennen an so einer Bibelstelle, dass es auch menschliche Einflüsse gibt, viele Anthropomorphismen, Gottesbilder aus Sicht von Menschen einer bestimmten Zeit und Kultur. Die Wendung „wie lange noch“ ist typisch für Klagepsalmen und beweist, dass die Menschen damals durchaus verstanden haben, dass Leiden zeitlich begrenzt ist. Gott lässt nicht zu, dass der Mensch ewig leiden muss. Jene, die Gott fürchten, werden das ewige Heil genießen, das Kreuz ist aber zeitlich streng begrenzt.
„Sättige uns am Morgen mit deiner Huld“ – Gott soll dem Israeliten Segen verleihen für den Tag. Das gilt auch für uns heute. Wenn wir den Morgen mit einer guten Meinung begehen und alles im Laufe des Tages Gott zur Ehre und in seiner Gegenwart tun, dann wird es geheiligt und gereinigt. Dann erfüllt es unseren Tag mit Sinn. Dann leben wir so, dass wir die Beschränktheit unseres Lebens stets vor Augen haben. Und wenn Gottes Segen über allem steht, dann ist der Mensch zeitlebens glücklich. Von Gott hängt ab, ob das Werk unserer Hände gedeiht, Früchte trägt, etwas Gutes bringt. Der Morgen kann mit Blick auf die Lesung auf die Jugend des Menschen bezogen werden. Nicht umsonst sagen wir ja auch „Lebensabend“. Lesen wir diesen Vers also biographisch heißt es, dass Gott uns in der Jugend seine Huld erweisen soll. Wenn Gott schon im frühen Alter Segen verleiht, wird dieser das ganze Leben hindurch anhalten.

Lk 9
43 Alle Leute staunten über das, was Jesus tat; er aber sagte zu seinen Jüngern:

44 Behaltet diese Worte in euren Ohren: Der Menschensohn wird nämlich in die Hände von Menschen ausgeliefert werden.
45 Doch die Jünger verstanden den Sinn seiner Worte nicht; er blieb ihnen verborgen, sodass sie ihn nicht begriffen. Aber sie scheuten sich, Jesus zu fragen, was er damit sagen wollte.

Im Evangelium hören wir eine Leidensankündigung Jesu. Bereits gestern sagte er seinen Jüngern unverblümt, dass er getötet werden würde. Es ist kurz vorher bereits geschehen. Die Jünger werden in der heutigen Episode bemerkt haben, dass Jesus sich wiederholt und damit wichtige Worte zu ihnen sagt. Doch sie verstehen ihn zum wiederholten Mal nicht und trauen sich nicht, ihn nach dem Sinn seiner Worte zu fragen. Diese sehr kurze Episode hat dennoch eine wichtige Bedeutung für uns. Wie oft ist es so, dass Gott uns seinen Willen kundtut und wir ihn nicht verstehen? Oft begreifen wir nicht, was für einen konkreten Plan er mit uns hat. Dann offenbart er es uns wiederholt, doch wir verstehen es einfach nicht. Erst mit dem Alter, mit der Reife, im Verlauf des Lebens, in Bewegung auf dem Weg seiner Gebote verstehen wir nach und nach, was Gott von uns möchte. Das ist sehr realistisch, denn wir Menschen sind begrenzte Wesen, dessen Ratio einen ganz kleinen Bruchteil der Intelligenz Gottes darstellt.
Doch Gott ist geduldig. Immer wieder gibt er uns seinen Willen zu verstehen. Der Geist Gottes gibt uns Dinge ein auf ganz verschiedenen Wegen – durch die Hl. Schrift, durch Ereignisse, durch andere Menschen, durch Gedanken und Träume. Und typisch für den Geist Gottes ist die Wiederholung. Wenn Gott uns etwas Entscheidendes mitteilen möchte, tut er dies nicht nur einmalig und dann heißt es „Pech gehabt“, wenn man es beim ersten Mal nicht verstanden hat. So ist es nicht, denn Gott möchte sicherstellen, dass wir ihn verstehen. So versucht er es immer wieder auf verschiedenen Wegen, sodass wir durch die Wiederholung irgendwann verstehen, dass es kein normaler Traum war, nicht unsere eigenen Gedanken sind, nicht zufällig diese Bibelstelle uns begegnet und die Worte des Mitmenschen nicht einfach dahergesagt sind.
Und damit wir Gottes Willen in unserem Leben erkennen, müssen wir, wie Salomo es uns heute erklärt hat, schon früh beginnen, die Ohren zu spitzen, nicht erst, wenn wir alt und krank geworden sind. Der Prophet Samuel hat schon als Heranwachsender die Stimme Gottes vernommen. Seine Hellhörigkeit soll auch uns heute ein Vorbild sein. Es geht um Ge-hor-sam, ein Hinhören auf Gottes Willen.

Ihre Magstrauss

Freitag der 25. Woche im Jahreskreis

Koh 3,1-11; Ps 144,1au. 2abc.3-4; Lk 9,18-22

Koh 3
1 Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit:

2 eine Zeit zum Gebären und eine Zeit zum Sterben, eine Zeit zum Pflanzen und eine Zeit zum Ausreißen der Pflanzen,
3 eine Zeit zum Töten und eine Zeit zum Heilen, eine Zeit zum Niederreißen und eine Zeit zum Bauen,
4 eine Zeit zum Weinen und eine Zeit zum Lachen, eine Zeit für die Klage und eine Zeit für den Tanz;
5 eine Zeit zum Steinewerfen und eine Zeit zum Steinesammeln, eine Zeit zum Umarmen und eine Zeit, die Umarmung zu lösen,
6 eine Zeit zum Suchen und eine Zeit zum Verlieren, eine Zeit zum Behalten/ und eine Zeit zum Wegwerfen,
7 eine Zeit zum Zerreißen/ und eine Zeit zum Zusammennähen, eine Zeit zum Schweigen und eine Zeit zum Reden,
8 eine Zeit zum Lieben und eine Zeit zum Hassen, eine Zeit für den Krieg und eine Zeit für den Frieden.
9 Wenn jemand etwas tut – welchen Vorteil hat er davon, dass er sich anstrengt?
10 Ich sah mir das Geschäft an, für das jeder Mensch durch Gottes Auftrag sich abmüht.
11 Das alles hat er schön gemacht zu seiner Zeit. Überdies hat er die Ewigkeit in ihr Herz hineingelegt, doch ohne dass der Mensch das Tun, das Gott getan hat, von seinem Anfang bis zu seinem Ende wiederfinden könnte.

In der heutigen Lesung aus dem Buch Kohelet hören wir Salomos Ausführungen über die Zeit. Seine zentrale Aussage in diesen Versen lautet: „Alles hat seine Stunde.“ Dies betrifft das irdische Dasein, denn dort stellt die Zeit eine wichtige Kategorie dar. Bei Gott gibt es dagegen keine Zeit. Er hat sie geschaffen, doch als Schöpfer ist er nicht in seine Schöpfung eingebunden.
So nennt Salomo nun verschiedene Begriffspaare, die oft Gegenteilpaare darstellen:
gebären und sterben, pflanzen und ernten, töten und heilen, niederreißen und bauen, weinen und lachen, klagen und tanzen. Das Leben ist dynamisch, weil es eben solche und solche Zeiten gibt. Wir sehen kreatives und destruktives nebeneinander, die Freude und das Leid. Diese Ambivalenz ist dabei nicht, wie Gott die Welt geschaffen hat. Ursprünglich sollte es nichts Destruktives oder Leidvolles geben. Doch durch die Sünde ist diese Gespaltenheit in die Schöpfung gekommen. Sie ist gefallen.
Und so sind auch einige der weiteren Begriffspaare zu verstehen: Steinewerfen, Steinesammeln, umarmen, Umarmung lösen, suchen und verlieren, behalten und wegwerfen, zerreißen und zusammennähen, schweigen und reden, lieben und hassen, Krieg und Frieden. Sie spiegeln die Zerrissenheit der Schöpfung wider, aber es gibt auch Begriffspaare, die zeigen, dass alles einmal ein Ende hat: So kann eine Umarmung nicht ewig anhalten und die Menschen können sich nicht ewig anschweigen. Alles in dieser Welt hat einmal ein Ende. Aber in Gottes Herrlichkeit herrscht die Ewigkeit. In der gefallenen Schöpfung gibt es Kreatives – das heißt Schöpferisches, doch es gibt auch Zerstörerisches. Dadurch wird der Neuaufbau immer wieder notwendig. Bei Gott gibt es nichts Zerstörerisches. Er muss diese gefallene Welt irgendwann beenden und abbauen, um eine neue Schöpfung zu errichten, aber das Himmelreich ist davon nicht betroffen. Während es in unserer Welt zugleich Liebe und Hass gibt, weil das erste Menschenpaar gesündigt hat, herrscht bei Gott allein die Liebe. Dort wird nicht mit Steinen geworden, dort herrscht auch kein Krieg, denn Gottes Gegenwart ist der wahre Frieden.
Salomo sagt das alles, um zu zeigen, dass man nichts erzwingen sollte und akzeptieren muss, dass es für all diese Aspekte eine Zeit gibt. Der Mensch kann es nicht krampfhaft ändern, denn dazu fehlt ihm die Kompetenz. In seinem Realismus stellt er die Frage, wofür man sich eigentlich so sehr anstrengt, wenn sowieso alles ein Ende hat. Man hat keinen Vorteil, über die eigenen Kräfte hinaus etwas anzugehen. Es endet genauso wie alle anderen Dinge.
Die Zeiten für alle oben aufgezählten Dinge und darüber hinaus hat Gott festgelegt. Er selbst hat ein bestimmtes Timing in seiner Heilsgeschichte und dieses ist immer vollkommen. Der Mensch kann Gottes Timing und Zeitvorgaben nur manchmal nicht durchschauen. Er hat einen gebrochenen Blick und kann der Transzendenz Gottes auch nicht nachkommen. Gott bleibt in seiner Vorsehung stets Geheimnis und was wir von ihm wissen, hat er uns selbst offenbart.

Ps 144
1 Von David. Gepriesen sei der HERR, mein Fels,
2 Er, meine Huld und meine Festung, meine Burg und mein Retter, mein Schild, dem ich vertraue,
3 HERR, was ist der Mensch, dass du ihn wahrnimmst, des Menschen Kind, dass du es beachtest?
4 Der Mensch gleicht einem Hauch, seine Tage sind wie ein flüchtiger Schatten.

Als Antwort beten wir den Lobpreispsalm 144. David preist zunächst Gottes Macht und Schutz. Dabei nennt er ihn seinen Fels, seine Huld und Burg. Nicht umsonst wird Jesus das Bild des Felsens aufgreifen, wenn er den Gehorsam gegenüber den Geboten Gottes als „Bauen auf Felsen“ bezeichnet und Petrus zum Felsen seiner Kirche beruft. Ein Fels bietet Stabilität und trotzt der Witterung. Er bietet Schutz vor der Hitze des Tages und der Kälte des Windes. Er speichert Wärme und hält den Menschen warm, der in der Felsspalte Schutz sucht. Gerade König David musste sich oft auf diese Weise verstecken, weil viele Menschen ihm nach dem Leben getrachtet haben. Gott ist für David auch seine Burg. Als König und Feldherr ist dieses Bild besonders zugänglich für ihn. Eine Burg soll nämlich vor Feinden beschützen. Und davon hatte David viele. Er hat aber einen Feind kennengelernt, den er nicht besiegt hat im Gegensatz zu den vielen militärischen Erfolgen. Und das ist der Widersacher Gottes, der mit spirituellen Waffen zuschlägt. David ist in die Falle getappt und hat schwer gesündigt. Und doch ist Gott seine Burg auch im spirituellen Sinne. Wenn man innig mit ihm verbunden ist, wird er nicht zulassen, dass der Mensch ganz und gar vom Weg abkommt. Auf Gott kann der König ganz vertrauen, wie seine Erfolge ihm bewiesen haben. Der Herr ist ihm wirklich ein Schild, auf das er vertrauen kann.
Und dann greift David Aspekte auf, die wir schon in der Lesung gehört haben: Der Mensch ist vergänglich und der Zeit unterworfen. Er ist ein Hauch, der verweht, und ein flüchtiger Schatten. Und doch ist Gott bereit, alles zu tun, um den Menschen zu beschützen, als ob er der einzige Mensch auf der Welt wäre! David bestaunt diese Hingabe Gottes an jeden Einzelnen. Seine Stärke besteht in der Demut und dem realistischen Selbstblick. Er schaut nüchtern auf sich und steht zu seiner Erlösungsbedürftigkeit. Umso mehr erstaunt ihn die Aufmerksamkeit, die Gott den Menschen schenkt, die es menschlich gedacht gar nicht verdienen.

Lk 9
18 Und es geschah: Jesus betete für sich allein und die Jünger waren bei ihm. Da fragte er sie: Für wen halten mich die Leute?

19 Sie antworteten: Einige für Johannes den Täufer, andere für Elija; wieder andere sagen: Einer der alten Propheten ist auferstanden.
20 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? Petrus antwortete: Für den Christus Gottes.
21 Doch er befahl ihnen und wies sie an, es niemandem zu sagen.
22 Und er sagte: Der Menschensohn muss vieles erleiden und von den Ältesten, den Hohepriestern und den Schriftgelehrten verworfen werden; er muss getötet und am dritten Tage auferweckt werden.

Jesus ist im heutigen Evangelium im Gebet und seine Jünger sind bei ihm. Als er sie fragt, für wen die Leute ihn halten, fassen sie die Gerüchteküche um Jesu Identität zusammen: Er sei Johannes der Täufer, Elija oder einer der alten Propheten.
Das ist teilweise sehr sinnlos und unlogisch, denn Johannes der Täufer war ja zusammen mit Jesus zu sehen. Wie kann Jesus also zugleich der Täufer sein? Die Elija-Frage ergibt als logische Konsequenz der Täufer-Aussage Sinn, denn Johannes ist als wiedergekommener Elija vermutet worden. Jesu Heilstaten lassen dies vermuten, denn er tut einige der von Elija bekannten Heilstaten. Wir merken hier, wie Gerüchte funktionieren: Ob sie überhaupt Sinn ergeben, wie hoch der Wahrheitsgehalt ist, spielt eine untergeordnete Rolle. Das Sensationelle daran erhält das Gerücht am Leben.
Dass Jesus ihnen die Frage überhaupt gestellt hat, ist eine Hinführung zu seiner eigentlichen Frage: Für wen haltet IHR mich?
Petrus ist wie so oft der erste, der sich zu Wort meldet. Dass er so schnell die treffende Antwort gibt, zeigt sein geisterfülltes Sprechen: Für den Christus Gottes. Das ist keine Schlussfolgerung aufgrund von logischem Nachdenken. Dies hätte mehr Zeit beansprucht. Es handelt sich um etwas, wofür ihm der Hl. Geist die Augen des Herzens geöffnet hat. Wie sonst kann ein ungebildeter Fischer aus Galiläa eine solch tiefe Wahrheit erkennen, wenn nicht aus dem Geist Gottes heraus?
Wie die Nachgeschichte des Messiasbekenntnisses ist, erfahren wir bei Lukas nicht, das erzählt uns dafür Matthäus sehr ausführlich. Stattdessen wird hier nur erwähnt, dass Jesus seinen Jüngern verbietet, seine Identität anderen Menschen preiszugeben. Zum Messiasgeheimnis habe ich schon oft etwas gesagt – es hat pragmatische Gründe, denn Jesus kann nicht auf halbem Wege bereits verhaftet und hingerichtet werden. Sein Werk ist noch nicht vollenden. Es hat zudem den viel tiefer gehenden Grund, dass die Menschen es von selbst erkennen sollen, indem er ihnen viele messianische Signale gibt.
Zum Ende hin erfolgt eine Leidensankündigung wie auch in der Matthäusversion. Wie Petrus sich dagegen sträubt und wie heftig Jesus darauf reagiert, wird uns bei Lukas nicht berichtet. Jesus erklärt den Jüngern, dass er von den Hohepriestern und Schriftgelehrten hingerichtet werde, aber am dritten Tag auferstehen werde. Das mag für die Jünger alles noch unglaublich oder unverständlich geklungen haben, doch im Nachhinein werden sie alles verstehen.

Heute offenbart sich Gott wirklich als ein leidenschaftlich Liebender, der alles gibt, um jeden Menschen zu behandeln wie den Einzigen auf der Welt. Er ist bereit, zu sterben und aufzuerstehen, damit die gesamte Menschheit gerettet werde. Das macht seine verschwenderische Liebe aus. Mit menschlicher Logik ist das nicht zu verstehen, weil wir „wirtschaftlich“ denken nach dem Motto „lohnt es sich, alles zu geben? Werde ich auch alles wieder zurückbekommen?“ Der Mensch ist so ein unvollkommenes und begrenztes Wesen, weil er eine gefallene Natur ist. Und doch ist Gott bereit, zu geben, was er rein mathematisch gesehen nicht verdient hat. So groß ist Gottes Gnade! Lassen wir uns täglich davon berühren, damit wir stets dankbar für alles sind, was er uns immer schenkt!

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 25. Woche im Jahreskreis

Koh 1,2-11; Ps 90,3-4.5-6.12-13.14 u. 17; Lk 9,7-9

Koh 1
2 Windhauch, Windhauch, sagte Kohelet, Windhauch, Windhauch, das ist alles Windhauch.

3 Welchen Vorteil hat der Mensch von all seinem Besitz, für den er sich anstrengt unter der Sonne?
4 Eine Generation geht, eine andere kommt. Die Erde steht in Ewigkeit.
5 Die Sonne, die aufging und wieder unterging, atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht.
6 Er weht nach Süden, dreht nach Norden, dreht, dreht, weht, der Wind. Weil er sich immerzu dreht, kehrt er zurück, der Wind.
7 Alle Flüsse fließen ins Meer, das Meer wird nicht voll. Zu dem Ort, wo die Flüsse entspringen, kehren sie zurück, um wieder zu entspringen. 8 Alle Dinge sind rastlos tätig, kein Mensch kann alles ausdrücken, nie wird ein Auge satt, wenn es beobachtet, nie wird ein Ohr vom Hören voll.
9 Was geschehen ist, wird wieder geschehen, was getan wurde, wird man wieder tun: Es gibt nichts Neues unter der Sonne.
10 Zwar gibt es bisweilen ein Ding, von dem es heißt: Sieh dir das an, das ist etwas Neues – aber auch das gab es schon in den Zeiten, die vor uns gewesen sind.
11 Nur gibt es keine Erinnerung an die Früheren und auch an die Späteren, die erst kommen werden, auch an sie wird es keine Erinnerung geben bei denen, die noch später kommen werden.

In der Lesung hören wir heute einen Abschnitt aus dem Buch Kohelet. Es ist geschrieben von König Salomo, der als Weisheitslehrer hier zum Realismus neigt. In diesem Buch betrachtet er die Vergänglichkeit des irdischen Daseins. Manche bewerten seine Worte hier als Pessimismus und Skeptizismus, andere wiederum erkennen eine heitere Gelassenheit gegenüber der Dinge, die man nicht ändern kann. Eines ist klar – es ist ein anderer Salomo als noch zu Beginn seiner Regierungsjahre. Womöglich vom Leben gezeichnet, denn er hat durch seine vielen Frauen viele Sünden begangen und ist unglücklich geworden, hat er einen anderen Blick auf das Leben als im jungen Alter.
So beginnt er seine Worte mit dem Ausruf „Windhauch, Windhauch“, um die Vergänglichkeit des Lebens zusammenzufassen. Ein Wehen, schon ist es vorbei. Was bringt es dem Menschen, viel irdischen Besitz anzuhäufen? Er selbst hat ein prunkvolles Königreich aufgebaut, sodass die Herrscher anderer Reiche dieses sogar wertschätzen und loben. Doch der Segen Gottes ist von ihm gewichen, weil er den vielen Götzen seiner Frauen geopfert hat. Es hat ihn unglücklich gemacht.
Der Tod ist allgegenwärtig. Keiner lebt für immer, sondern Menschen sterben, andere werden geboren. Es ist ein unaufhörlicher Kreislauf. Die Menschen kommen und verlassen die Erde, doch die Erde besteht ewig. Das ist eine Vorstellung jener Zeit, bevor apokalyptische Vorstellungen eines Weltenabbruchs vor allem durch die Propheten der Exilszeit aufkommen. Und eine solche Vorstellung besitzen auch wir Christen, denn in der Johannesoffenbarung wird es ebenso beschrieben. Gott wird die Schöpfung wieder auseinanderfallen lassen, nur um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Wie es typisch ist für weisheitliche Texte, verwendet er viele Beispiele aus der Schöpfung, um die Vergänglichkeit des Lebens zu vertiefen: Die Sonne nimmt täglich den Weg von Ost nach West, sie geht auf und unter, „atemlos jagt sie zurück an den Ort, wo sie wieder aufgeht.“ Das ist natürlich bildlich gemeint, denn weder bewegt die Sonne sich, noch hat sie einen Atem. Es ist die Beobachtung und Verbildlichung der Schöpfung. Es ist ein festes Naturgesetz, das sich nicht ändert. Oder hat die Sonne jemals versäumt, aufzugehen?
Der Wind weht in die verschiedenen Himmelsrichtungen, kehrt sozusagen zurück, wenn er in die entgegengesetzte Richtung weht. Die Flüsse münden ins Meer, ohne es zum Überfließen zu bringen. Vielmehr kommt das Wasser wieder am Ursprung an, sodass die Flüsse nicht mehr aufhören, zu sein. Wir würden nach heutigem Wissensstand erklären, dass es den Kreislauf von Verdunstung, Kondensation und Wolkenbildung sowie Niederschlag darstellt, weshalb das Wasser wieder in den Flüssen landet. Aber hier geht es nicht um wissenschaftliche Erklärungen, sondern um Beobachtungen der Schöpfung aus Sicht des Königs. Die ganze Schöpfung ist in Bewegung, „rastlos tätig“, die Naturgesetze sorgen für eine wunderbare Ordnung. Und doch erschöpft sich die Schöpfung nicht. Als Beispiel bringt der König das Gehör, das nie zuende gehört hat.
Und weil alles eine Dynamik besitzt, wiederholt sich auch die Geschichte. Was einmal geschehen ist, wird irgendwann wieder geschehen. „Es gibt nichts Neues unter der Sonne“ ist eine tiefe Weisheit. Die ganze Weltgeschichte wimmelt von Déjà vus, auch wenn es uns nicht immer auffällt. Schließlich gibt es so viele Menschen, die im Grunde dieselben Erfahrungen machen. Wir kennen einander aber nicht alle. Und doch sehen wir an historischen und politischen Entwicklungen, dass sich alles irgendwann wiederholt. Das hängt auch damit zusammen, dass der Mensch aufgrund der Erbsünde oft unfähig ist, aus seinen Fehlern zu lernen. Er vergisst die dunklen Zeiten der Geschichte, sodass diese von vorne beginnen. Was in heutiger Zeit geschieht, ist ein wunderbares Beispiel dafür…Auch die Beichtväter können ein Lied davon singen, dass es nichts Neues unter der Sonne gibt. Sie hören immer wieder dieselben Sünden, vielleicht in verschiedenen Variationen, aber doch im Kern gleich. Es gibt irgendwann nichts mehr, was sie nicht schon einmal gehört haben. Psychiater und Therapeuten ergeht es wohl ähnlich. Und wenn es auf den ersten Blick doch anders erscheint – beim zweiten Blick erkennen wir oft, dass es schon früher einmal so etwas gab.
Auch König Salomo spricht vom Vergessen des Geschehenen: Weil wir die Vergangenheit vergessen oder vieles in den kommenden Generationen einfach nicht mehr bekannt ist, wird es sich wiederholen, obwohl wir denken, es sei neu.
Das ist das irdische Dasein. Und wir mittendrin.

Ps 90
3 Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!

4 Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.
5 Du raffst sie dahin, sie werden wie Schlafende. Sie gleichen dem Gras, das am Morgen wächst:
6 Am Morgen blüht es auf und wächst empor, am Abend wird es welk und verdorrt.
12 Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.

13 Kehre doch um, HERR! – Wie lange noch? Um deiner Knechte willen lass es dich reuen!
14 Sättige uns am Morgen mit deiner Huld! Dann wollen wir jubeln und uns freuen all unsre Tage.
17 Güte und Schönheit des Herrn, unseres Gottes, sei über uns! Lass gedeihen das Werk unserer Hände, ja, das Werk unserer Hände lass gedeihn!

Als Antwort auf die sehr nachdenkliche Lesung beten wir Psalm 90. Er ist deshalb besonders, weil er Mose zugeschrieben wird. Es handelt sich um einen Klagepsalm, der die Vergänglichkeit des Menschen beklagt.
Zunächst kommen Aussagen, die uns an die Lesung erinnern, weil sie die Beschränktheit des irdischen Lebens betrachten.
„Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!“ Das drückt den Kreislauf des Lebens gut aus, denn laut Schöpfungsbericht ist der Mensch ja aus dem Ackerboden geschaffen worden. Deshalb heißt er ja auf Hebräisch auch Adam. Es leitet sich von dem Wort Adamah ab, das „Ackerboden“ heißt.
„Tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.“ Die Nachtwachen dauern laut jüdischer Zählung um die vier Stunden im Gegensatz zur römischen Zählung von drei. Das hängt damit zusammen, dass die Juden die Nacht in drei Phasen aufteilen. Bei Gott gibt es keine Zeit. Er lebt in der Ewigkeit und die Kategorie der Zeit gehört zum Bereich der Schöpfung. Bei Gott ist Timing also ganz anders als bei den Menschen. Das erkennt schon Mose, auch wenn er noch nicht so viele eschatologische Betrachtungen anstellt.
Das Leben des Menschen ist schnell vorbei, es ist wie mit dem Gras, das schnell wächst, aber auch schnell verdorrt. Mose vergleicht den Tod mit dem Schlaf. Wer gestorben ist, wird wie ein Schlafender. Diese Tradition zieht sich durch die gesamte Bibel, soweit dass sogar Paulus von den Entschlafenen spricht und die Auferstehung Jesu von den Toten „Auferweckung“ genannt wird.
Mit Vers 12 erreichen wir den Kern des Psalms, denn er beinhaltet die zentrale Bitte an Gott: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ Gott möge den Israeliten damals wie uns Christen heute die Gnade schenken, das Leben bewusst zu leben. Jesus nennt es „wachsam sein“ und nüchtern bleiben statt berauscht von der Weltlichkeit der Welt. Wir sollen immer so leben, als wäre es unser letzter Tag. Dann werden wir ihn bewusst durchleben und uns von Herzen um ein Leben nach den Geboten bemühen. Wir sollen nicht so dahinvegetieren, als gebe es kein Morgen, perspektivlos und unmotiviert. Wir sollen stets sinnerfüllt leben. Wenn Gott uns seine Weisheit schenkt, wird unser Herz weise. Diese Weisheit ist ewig und vollkommen, weil sie eine Gabe Gottes darstellt.
„Kehre doch um, HERR! – Wie lange noch? Um deiner Knechte willen lass es dich reuen!“ Gott soll nicht umkehren wie ein Mensch im Sinne einer Bekehrung von den Sünden. Gott ist vollkommen und heilig, er ist nur gut. Aber er soll sein Angesicht den Israeliten wieder zuwenden. Mose betet diese Worte wohl im Kontext eines Leidens aufgrund der Sünden des Volkes. Wir verstehen heute, dass nicht Gott sein Angesicht von uns abwendet, sondern der Mensch sich von ihm entfernt. Gott muss nichts „bereuen“, weil das eine Eigenschaft ist, die sündige Menschen haben können, nicht der heilige Gott. Das ist eine menschliche Sichtweise auf Gott, die ihrer Zeit geschuldet ist. Wir erkennen an so einer Bibelstelle, dass es auch menschliche Einflüsse gibt, viele Anthropomorphismen, Gottesbilder aus Sicht von Menschen einer bestimmten Zeit und Kultur.
„Sättige uns am Morgen mit deiner Huld“ – Gott soll dem Israeliten Segen verleihen für den Tag. Das gilt auch für uns heute. Wenn wir den Morgen mit einer guten Meinung begehen und alles im Laufe des Tages Gott zur Ehre und in seiner Gegenwart tun, dann wird es geheiligt und gereinigt. Dann erfüllt es unseren Tag mit Sinn. Dann leben wir so, dass wir die Beschränktheit unseres Lebens stets vor Augen haben. Und wenn Gottes Segen über allem steht, dann ist der Mensch zeitlebens glücklich. Von Gott hängt ab, ob das Werk unserer Hände gedeiht, Früchte trägt, etwas Gutes bringt. Wir können wirklich zusammenfassen: An Gottes Segen ist alles gelegen.

Lk 9
7 Der Tetrarch Herodes hörte von allem, was geschah, und wusste nicht, was er davon halten sollte. Denn manche sagten: Johannes ist von den Toten auferstanden.

8 Andere meinten: Elija ist erschienen. Wieder andere: Einer der alten Propheten ist auferstanden.
9 Herodes aber sagte: Johannes habe ich enthaupten lassen. Wer aber ist dieser, von dem man mir solche Dinge erzählt? Und er hatte den Wunsch, ihn zu sehen.

Heute hören wir in dem kurzen Abschnitt aus dem Lukasevangelium von König Herodes. Es ist so, dass Jesu Wirken im ganzen Heiligen Land Wellen schlägt und die Nachricht von seinen Heilstaten sich wie ein Lauffeuer verbreitet. So dringt es vor bis zum Tetrarchen. Er hört von Jesu Machttaten und von den Gerüchten, er sei der auferstandene Täufer, den er hatte hinrichten lassen. Bei Herodes handelt es sich um eine zutiefst gespaltene Person. Einerseits mochte er den Täufer, andererseits beunruhigte dieser ihn. Mit dessen Tod konnte er sein inneres Dilemma wohl kurzzeitig ein wenig verdrängen, doch nun kommt alles wieder hoch.
Jesus wird von den Menschen unterschiedlich bewertet, weshalb die Gerüchte in ganz unterschiedliche Richtungen verlaufen. Die einen setzen Jesus mit Johannes den Täufer in Beziehung, wiederum andere sehen in Jesus einen Propheten wie jene aus dem Alten Testament. Gerade Elija, so die jüdische Vorstellung, werde kurz vor dem kommenden Gottesgericht wiederkommen und dem Messias den Weg bereiten. Während die einen Johannes den Täufer als wiedergekommenen Elija identifiziert hatten, ziehen wiederum andere Jesus als den wiedergekommenen Propheten in Betracht.
Herodes hört von diesen ganzen Spekulationen und wird neugierig. Seine innere Offenheit, die Heilsgestalten seiner Zeit anzuhören, ist auch mit dem Tod des Johannes nicht verschwunden. So möchte er Jesus treffen.
An dem heutigen Abschnitt ist bemerkenswert, dass hier das Thema des Déjà vus aufgegriffen wird. Alles wiederholt sich. Elija kommt wieder und das schließt seine Botschaft mit ein. Wieder erhält der König die Chance, auf die Worte einer wichtigen Person zu hören, diesmal sogar von Gott selbst.

Nutzen wir die Chancen, die Gott uns heute schenkt. Und denken auch wir heute daran, dass unser Leben schnell vorüber geht. Sagen wir nicht „ach, ich kann noch morgen umkehren, heute genieße ich mein Leben“. Morgen kann es schon vorbei sein. Und wenn wir vom Schlafen in die Auferweckung kommen möchten, müssen wir in diesem Leben stets wachsam sein. Dann haben wir Segen und werden sinnerfüllt und glücklich ein irdisches Leben führen.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 25. Woche im Jahreskreis

Spr 30,5-9; Ps 119,29 u. 72.89 u. 101.104 u. 163; Lk 9,1-6

Spr 30
5 Jede Rede Gottes ist im Feuer geläutert; ein Schild ist er für alle, die bei ihm sich bergen.

6 Füg seinen Worten nichts hinzu, sonst überführt er dich und du stehst als Lügner da.
7 Um zweierlei bitte ich dich, versag es mir nicht, bevor ich sterbe:
8 Falschheit und Lügenwort halt fern von mir; gib mir weder Armut noch Reichtum, nähr mich mit dem Brot, das mir nötig ist,
9 damit ich nicht, satt geworden, dich verleugne und sage: Wer ist denn der HERR?, damit ich nicht als Armer zum Dieb werde und mich am Namen meines Gottes vergreife.

Im heutigen Abschnitt aus dem Buch der Sprichwörter hören wir die Worte nicht von Salomo selbst, sondern von einem gewissen Agur.
„Jede Rede Gottes ist im Feuer geläutert; ein Schild ist er für alle, die bei ihm sich bergen.“ Die Läuterung im Feuer zeigt bereits, was er damit meint: Gottesrede ist immer ganz rein und unverfälscht. Der Mensch kann irren und Dinge von sich geben, die nicht stimmen, von böser Absicht kommen oder einfach nur vergänglich sind. Agur spricht hier von sich selbst, denn er erkennt in Gottes Angesicht, wie armselig sein eigenes Tun im Gegensatz zu Gott ist.
Das reinigende Feuer, durch das die Worte Gottes zum Menschen kommen, kann auch als seine brennende Liebe verstanden werden: Gottes Offenbarung an uns ergeht immer aus seiner leidenschaftlichen Liebe zu uns. Alles, was er tut, dient uns zum Heil, weil Gott die Liebe ist. Deshalb ist Gott für uns ein Schild, die wir zu ihm kommen und seinen Schutz beanspruchen.
„Füg seinen Worten nichts hinzu, sonst überführt er dich und du stehst als Lügner da.“ Jede Lüge kommt irgendwann ans Tageslicht. Es lohnt sich vor allem nicht, Gottes Worte zu manipulieren. Er sorgt dafür, dass diese Lüge bekannt wird. Gottes Wort ist die Wahrheit. Nicht umsonst spricht das fleischgewordene Wort Jesus Christus zu seinen Jüngern: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Keiner kommt zum Vater, außer durch mich.“ Wer diese Offenbarung verändern will, und das geschieht in unserer Zeit sehr häufig durch „Verkürzungen“ und einer Konstruierung eines „Patchwork-Jesus“ als Sozialist, Klimaschützer oder sonst was, den wird Gott selbst korrigieren. Wer sind wir Menschen, dass wir es wagen, Gottes Identität zu verdunkeln?
Agur bittet Gott um zwei Dinge in seinem Leben: „Falschheit und Lügenwort halt fern von mir; gib mir weder Armut noch Reichtum, nähr mich mit dem Brot, das mir nötig ist.“ Das erste kann man als Versuchung verstehen, mit der Agur nicht konfrontiert werden möchte im Sinne einer Versuchung zum Lügenpropheten. Man kann es aber auch so verstehen, dass er von einem anderen Menschen nicht getäuscht werden möchte. Gott möge ihn vor einem Lügenpropheten bewahren. Die zweite Bitte könnte irritieren, wenn man den nächsten Vers nicht mitliest: Agur möchte, dass Gott ihm nur so viel Reichtum gibt, dass es für ihn ausreicht, um ein sorgenfreies Leben zu führen. Er möchte von Gott keinen Luxus erhalten, damit er nicht übersättigt wird, Gott vergisst und sich undankbar von ihm abwendet. Er möchte aber auch nicht, dass Gott ihn hungern lässt, damit er nicht aus Verzweiflung zum Dieb wird. Gott möge ihm genau das richtige Maß an allem schenken, damit seine Gottesbeziehung nicht verschlechtert wird. Agur sagt hier etwas Wichtiges aus: Wenn es dem Menschen zu gut geht, vergisst er Gottes Güte. Not lehrt beten. Aber zu viel Not stürzt den Menschen in Verbitterung und Sünde.
Wir können getrost sein, dass Gott uns so viel von allem schenkt, wie wir mit unserem Charakter „ertragen“ können – an Gnaden wie an Kreuzen. Er kennt unsere Herzen und wird keinem viel Reichtum schenken, wenn er weiß, dass jemand zur Habgier neigt. Er wird auch kein allzu schweres Kreuz auferlegen, wenn er weiß, dass ein Mensch psychisch labil ist. Gott kennt uns durch und durch und passt alles an uns an. Und wenn wir selbst etwas dafür tun möchten, dass unsere Beziehung zu ihm gut bleibt, können wir bewusst asketisch leben – das heißt nicht in purer Armut leben, sondern nur so viel von allen Gütern anstreben, wie wir wirklich brauchen. Gehen wir den Weg der Gebote Gottes, damit wir durch unsere Sünden keine zusätzlichen selbstgemachten Kreuze auferlegen, sondern nur die Kreuze Gottes tragen. Diese sind schließlich perfekt auf uns abgestimmt und lassen uns reifen.

Ps 119
29 Halte mich fern vom Weg der Lüge, begnade mich mit deiner Weisung!
72 Gut ist für mich die Weisung deines Munds, mehr als große Mengen von Gold und Silber.
89 O HERR, in Ewigkeit steht aufrecht dein Wort am Himmel.
101 Von jedem bösen Pfad hielt ich meine Füße zurück, damit ich dein Wort beachte.
104 Aus deinen Befehlen gewinne ich Einsicht, darum hasse ich alle Pfade der Lüge.
163 Ich hasse die Lüge, sie ist mir ein Gräuel, doch deine Weisung liebe ich.

Als Antwort beten wir Psalm 119, der sich den Worten aus dem Buch der Sprichwörter anschließt. Es handelt sich wieder um einige Verse aus dem längsten Psalm des Psalters. Der heutige Abschnitt beginnt mit einer Bitte: „Halte mich fern vom Weg der Lüge, begnade mich mit deiner Weisung!“ Auch König David bittet darum, von Lüge und Täuschung verschont zu bleiben. Schon Agur hat darum gebeten. Vielmehr soll Gott den Menschen seine Weisung geben, denn wenn Gott sich offenbart, wissen die Menschen besser, wie sie seinen Willen erfüllen sollen.
„Gut ist für mich die Weisung deines Munds, mehr als große Mengen von Gold und Silber.“ Irdische Schätze kann man nach dem Tod nicht in die Ewigkeit mitnehmen. Sie bleiben zurück. Das göttliche Wort ist aber ewig und verleiht dem Menschen erst das ewige Leben. Deshalb ist es so viel wertvoller als Silber und Gold.
„O HERR, in Ewigkeit steht aufrecht dein Wort am Himmel.“ Wir verstehen diesen Vers besonders christologisch. Das göttliche Wort ist von Anfang an, es ist beim Vater, es ist Schöpfungsmittler und es ist der himmlischen Sphäre zuzuordnen. Dieses göttliche Wort ist auf der Höhe der Zeit Fleisch geworden und hat unter uns sein Zelt aufgeschlagen. Jesus Christus ist dieses göttliche Wort, der nach seiner Himmelfahrt nun wieder beim Vater ist und am Ende der Zeiten wiederkommen wird. Er steht wirklich in Ewigkeit aufrecht beim Vater, denn er ist der verherrlichte Menschensohn.
„Von jedem bösen Pfad hielt ich meine Füße zurück, damit ich dein Wort beachte.“ Was wir Menschen aktiv tun können, auch wenn Versuchungen kommen, ist das Meiden des Bösen. Wir entscheiden doch aktiv, welchen Weg unsere Füße einschlagen. Wenn wir bewusst nein zur Sünde sagen und damit auf dem Weg Gottes bleiben, dann erteilen wir dem Bösen immer wieder eine Absage. Jeden Tag müssen wir Menschen Entscheidungen treffen, weshalb wir unbedingt ein reines Gewissen haben müssen. Ist unser Entscheidungsorgan – unser Herz – korrumpiert, benebelt oder betäubt, wird es für uns immer schwieriger, sich für das Gute zu entscheiden. Immer wieder müssen wir uns neu für Gott entscheiden und gegen den Bösen.
Einsicht erlangt der Mensch in seinem Leben, wenn er im Stand der Gnade ist. Auf dem Weg der Lüge, wird er nicht weiterkommen.
Das einzige, wofür der Mensch Hass empfinden soll, radikale Ablehnung, ist die Sünde. Aber der Mensch darf zu keiner Zeit Hass gegen einen Menschen empfinden, auch wenn dieser ein Sünder ist. Lieben soll der Mensch Gottes Weisung und Gott selbst, der sie dem Menschen verleiht.
Was uns Psalm 119 immer wieder aufzeigt, ist die richtige Beziehung zu Gott, eine Bemühung um den Stand der Gnade im gesamten Leben.

Lk 9
1 Dann rief er die Zwölf zu sich und gab ihnen Kraft und Vollmacht über alle Dämonen und um Krankheiten zu heilen.

2 Und er sandte sie aus, das Reich Gottes zu verkünden und die Kranken gesund zu machen.
3 Er sagte zu ihnen: Nehmt nichts mit auf den Weg, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche, kein Brot, kein Geld und kein zweites Hemd!
4 Bleibt in dem Haus, in dem ihr einkehrt, bis ihr den Ort wieder verlasst!
5 Wenn euch aber die Leute nicht aufnehmen, dann geht weg aus jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen, zum Zeugnis gegen sie!
6 Die Zwölf machten sich auf den Weg und wanderten von Dorf zu Dorf. Sie verkündeten das Evangelium und heilten überall.

Heute sendet Jesus seinen Zwölferkreis hinaus, weil die Evangelisierung so schneller vorangehen kann. Er tut es aber nicht nur aus pragmatischen Gründen. Das ist nie der Hauptgrund im Falle Jesu. Er möchte seine Jünger dafür sensibilisieren, dass sie nach seinem Tod, seiner Auferstehung und Himmelfahrt, nach der Geistsendung auf diese Weise das Reich Gottes bis an die Enden der Erde bringen sollen und dabei in seiner Vollmacht all die Heilstaten des Messias weiterführen werden. Es handelt sich also sozusagen um eine „Generalprobe“, die vorübergehend ist.
Jesus bevollmächtigt sie noch nicht zu allem, was dann später noch folgen wird, z.B. kommt die Sündenvergebung erst nach seiner Auferstehung. Er bevollmächtigt sie aber jetzt schon zum Exorzismus und zur Krankenheilung.
Wenn Jesus in Vers 3 seine Apostel dazu aufruft, keinen Wanderstab und keine Vorratstasche mitzunehmen, möchte er damit vermitteln: Ihr sollt ganz auf die Vorsehung Gottes vertrauen. Euch soll es zuerst um das Reich Gottes gehen, alles Andere wird euch dazugegeben. Sie sollen deshalb kein Brot, keine Vorratstasche oder Geld mitnehmen. Sie sollen darauf vertrauen, dass Gott ihnen das alles durch andere Menschen geben wird. Dadurch vollziehen seine Apostel für die Menschen eine prophetische Zeichenhandlung. So wie Jesus alles, was er verkündet, auch an seinem Leben verdeutlicht, so sollen seine Nachfolger ebenfalls an ihrer Lebensführung das Verkündete lebendig werden lassen. So können die Menschen an ihrer Person das Gesagte ablesen und werden es als authentisch annehmen.
Sie sollen zudem in dem Haus bleiben, in das sie einkehren. Das soll heißen, dass sie nicht schauen sollen, wo es angenehmer ist. Sie sollen dankbar annehmen, was ihnen angeboten wird.
Wenn man sie an dem Ort aber nicht annimmt, also ihre Botschaft nicht annimmt, sollen sie diesen Ort verlassen und selbst den Staub abschütteln. Sie sollen nicht mehr zurückschauen oder sich an den Ort gebunden fühlen. Wenn man sie nicht möchte, sollen sie stattdessen dorthin gehen, wo das Evangelium angenommen wird. Dieses Abschütteln des Staubs hat noch eine andere Bedeutung, die uns heutzutage nicht mehr so vor Augen steht. Es war nämlich eine Geste der Gerichtsankündigung. Damit wird also ausgesagt: Ihr sollt das Richten Gott überlassen, der mit ihnen tun wird, wie er es für richtig hält. Ihr sollt nicht verurteilen, sondern es Gott überlassen. Nehmt den Segen mit zu jenen, die ihn annehmen.

Gottes Weisung ist für die ganze Menschheit gedacht. Es geht aber nicht mehr um das geschriebene Wort Gottes, die Torah. Vielmehr ist Gott nun bereit, sich den Menschen selbst als Person hinzugeben. Was die Apostel verkünden, was sie an Heilstaten vollbringen, tun sie im Namen Jesu, der die fleischgewordene Torah ist. Er ist die Wahrheit und vertreibt jede Lüge. Das Heil, das Gott zu spenden bereit ist, ist mehr wert als Gold und Silber. Es eröffnet allen Menschen das ewige Leben, wenn sie sich für Gott entscheiden.

Heute begehen wir den Gedenktag des Hl. Pater Pio von Pietrelcina. Er ist wirklich ein Mensch, an dessen Leben und Person wir die Güte Gottes deutlich ablesen können, so sehr, dass er sogar die Wundmale Christi bekommen hat. So sehr hat er sich mit dieser fleischgewordenen Weisung Gottes, Jesus Christus vereint. Ihm hat Gott zudem das Charisma der Seelenschau geschenkt. Er hat die Lüge des Menschen mit einem Blick durchschaut und so viele Seelen zu einer guten Beichte verholfen. Möge Gott uns auf seine Fürsprache die Gnade verleihen, stets das Gute zu tun und das Böse zu meiden.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 25. Woche im Jahreskreis

Spr 21,1-6.10-13; Ps 119,1 u. 27.30 u. 34.35 u. 44; Lk 8,19-21

Spr 21
1 Wie ein Wasserbach ist das Herz des Königs in der Hand des HERRN; er lenkt es, wohin er will.
2 Jeder meint, sein Verhalten sei richtig, doch der HERR prüft die Herzen.
3 Gerechtigkeit üben und Recht ist dem HERRN lieber als Schlachtopfer.
4 Hoffart der Augen, Übermut des Herzens – die Leuchte der Frevler ist Sünde.
5 Die Pläne des Fleißigen bringen Gewinn, doch der hastige Mensch hat nur Mangel.
6 Schätze erwerben mit verlogener Zunge ist Jagen nach dem Windhauch und Suchen nach dem Tod.
10 Das Verlangen des Frevlers geht nach dem Bösen, sein Nächster findet bei ihm kein Erbarmen.
11 Muss der Zuchtlose büßen, so wird der Unerfahrene weise, belehrt man den Weisen, so nimmt er Einsicht an.
12 Der Gerechte handelt klug am Haus des Frevlers, wenn er die Frevler ins Unheil stürzt.
13 Wer sein Ohr verschließt vor dem Schreien des Armen, wird selbst nicht erhört, wenn er um Hilfe ruft.

Heute hören wir einen Ausschnitt aus dem Buch der Sprichwörter als Lesung. Das Kapitel ist einem Korpus verschiedener Sprüche Salomos entnommen.
Wie ein Wasserbach ist das Herz des Königs in der Hand des HERRN; er lenkt es, wohin er will. Der König von Israel ist eingesetzt von Gott. Dieser entscheidet den Kandidaten, den Regierungsstil, die Entscheidungen in allen Fragen. Er ist es, der dem König die Gnade und Kraft verleiht. Er sorgt dafür, dass durch den König das ganze Volk mit seinem Segen überschüttet wird – vorausgesetzt der König unterstellt sich seinem göttlichen Willen. Tut er dies, kann man wirklich sagen, dass er ein Bach ist, dessen Strömung Gott ist. Je nachdem, wie die Strömung ist, fließt das Wasser. Das Herz des Menschen ist dabei der Sitz der Entscheidungen. Deshalb wird dieses Organ hier als Wasserbach bezeichnet.
„Jeder meint, sein Verhalten sei richtig, doch der HERR prüft die Herzen.“ Wie fortschrittlich das Verständnis von Moral und Geboten bei Salomo ist! Wir sehen das bereits bei König David, dass er begreift, wie entscheidend Absichten sind. Schon er versteht, dass Taten nur die Spitze des Eisbergs sind. Gott sieht das Herz und entlarvt vermeintlich gute Taten, die aus schlechten Absichten erfolgen. Das bezieht sich vor allem auf die mangelnde Liebe. Wer die Zehn Gebote hält, aber nicht aus Liebe zu Gott, hat keine größere Gerechtigkeit als die der Pharisäer und Schriftgelehrten zur Zeit Jesu. Aber wir, die wir Jünger Christi sind, sollen gerechter sein, indem wir nicht nur die Gebote halten, sondern sie aus Liebe halten.
„Gerechtigkeit üben und Recht ist dem HERRN lieber als Schlachtopfer“. Dass Mose für das Volk Israel den Kult systematisiert hat und auch die vielen Ritualgebote eingeführt hat, ist Gottes Wille gewesen. Er hat sie sich nicht selbst ausgedacht, sondern auf Anordnung Gottes alles aufgeschrieben. Und doch zieht Gott es vor, dass der Mensch ein gerechtes Verhalten hat. Er möchte nicht, dass der Mensch der Versuchung erliegt, äußere Opfer darzubringen in der Hoffnung, dadurch schon genug gerechtfertigt zu sein und weiterhin ein sündhaftes Leben führen zu können. Dafür sind die Opfer nicht gedacht. Es wäre so, als ob Katholiken ein sündiges Leben führen und regelmäßig zur Beichte laufen, um wieder gerecht zu sein, aber keinen Willen zur Umkehr aufweisen. Die Beichte ist dadurch ungültig, die Opfer der Israeliten damals nimmt Gott nicht an. Viele Propheten kritisieren diese Haltung bei ihren Zeitgenossen, zum Beispiel Amos. Der erste Schritt zur Rechtfertigung ist die Reue sowie eine radikale Umkehr. Das muss sich im Verhalten niederschlagen. Die Opfer sind gottgewollt, ja, aber sie dürfen nicht missbraucht werden ohne inneren Willen zur Umkehr. Diese Versuchung ist auch heute sehr stark, weshalb viele Menschen sich der Esoterik zuwenden. Da müssen äußere Handlungen vollzogen werden, um ein gutes Karma zu bekommen, gute Energien, ein angenehmes Leben, aber ganz ohne innere Umkehr.
„Hoffart der Augen, Übermut des Herzens – die Leuchte der Frevler ist Sünde.“ Bei diesem Spruch lernen wir den Zusammenhang von Augen und Herz. Über den visuellen Reiz kommt viel Böses ins Herz, wenn der Mensch es zulässt. Das alte Wort „Hoffart“ bedeutet so viel wie Hochmut oder Überheblichkeit. Die Hochmütigen, die Stolzen lassen sich von der Sünde leiten, deshalb wird hier das Bild des Leuchters verwendet. Die Leuchte der Gerechten sollten aber die Gebote Gottes sein, wir Christen würden sagen, die Leuchte ist Jesus Christus selbst. Er ist das Licht der Welt und so sollen es auch seine Jünger sein. Das Stichwort soll die Demut sein, nicht die Hoffart.
„Die Pläne des Fleißigen bringen Gewinn, doch der hastige Mensch hat nur Mangel.“ Besser man nimmt sich mehr Zeit und macht etwas ordentlich, dann hält es auch. Wenn man auf die Schnelle etwas dahinschludert, wird es nur mangelhaft und nicht andauernd sein. Fleiß hat also auch etwas mit Geduld und Ausdauer zu tun. Wer keine Geduld hat, nimmt sich nicht die nötige Zeit, dass etwas von der Qualität her gut wird. Es handelt sich um eine Tugend, die der Mensch anstreben kann.
„Schätze erwerben mit verlogener Zunge ist Jagen nach dem Windhauch und Suchen nach dem Tod.“ Warum? Weil der Segen Gottes nicht drauf liegen wird. Dann werden wir alles wieder verlieren ganz nach dem Motto „Wie gewonnen, so zerronnen“. Es ist im Grunde ein Verstoß gegen die Gebote „Du sollst nicht stehlen“ und „Du sollst nicht lügen“. Denn man kommt auf unehrliche Weise an den Reichtum und was man an sich reißt (eigentlich auch ein Verstoß gegen das Gebot „Du sollst nicht begehren des Nächsten Hab und Gut“), nimmt man einem Anderen weg, dem es eigentlich zusteht. Das lässt Gott nicht zu. So wird dieser Mensch alles verlieren und das Erworbene ist ein kurzer Windhauch sowie der Tod. Denn moralisch geht man selbst aus dem Stand der Gnade heraus und verliert das ewige Leben, wenn es nicht vergeben und gesühnt wird.
„Das Verlangen des Frevlers geht nach dem Bösen, sein Nächster findet bei ihm kein Erbarmen.“ Der Frevler lässt sich vom Bösen leiten, was auch der Nächste zu spüren bekommt. Sünde schlägt immer Wellen, die die Unschuldigen treffen. Das ist die Natur der Sünde. Erbarmen ist dagegen etwas, das man durch die Gerechten erfährt, die sich vom Geist Gottes leiten lassen.
„Muss der Zuchtlos büßen, so wird der Unerfahrene weise, belehrt man den Weisen, so nimmt er Einsicht an.“ Der Gewinn an Weisheit durch den Unerfahrenen ist entweder darauf zurückzuführen, dass er selbst der Zuchtlose ist, der nun büßen muss. Seine Lebenserfahrung lehrt ihn, dass es sich nicht lohnt, den Weg der Zuchtlosigkeit zu gehen und dadurch unglücklich zu werden. Oder es meint eine weitere Person, die durch das Lebenszeugnis des Anderen die Erfahrung macht, wie man es nicht tun sollte. Wenn man so jemanden belehrt, wird sich die Person nicht stur verweigern, sondern darauf hören. Das Negativbeispiel eines anderen oder von sich selbst wird die Einsicht fördern.
„Der Gerechte handelt klug am Haus des Frevlers, wenn er die Frevler ins Unheil stürzt.“ Wie muss man das verstehen? Ist es gut, dem Anderen etwas Böses anzutun? Gemeint ist, dass der Gerechte den Sündern die Konsequenzen ihrer Sünde fühlen lässt. Jemandem in Liebe eine Lektion zu erteilen, ist heilsam für die Person. Dadurch wird sie nämlich zur Besinnung kommen und umkehren. Zur Zeit Jesu werden die Menschen aber realisieren, dass das Erteilen von Lektionen an die Sünder von Gott ausgehen sollte. Er ist es, der wirklich gerecht und kompetent ist.
„Wer sein Ohr verschließt vor dem Schreien des Armen, wird selbst nicht erhört, wenn er um Hilfe ruft.“ Alles fällt auf den Menschen zurück, das Gute und das Schlechte, das er tut. Doch es gibt noch einen Faktor, der die reine Berechnung im wahrsten Sinne des Wortes „durch-kreuzt“ – das ist die Liebe und Barmherzigkeit Gottes. Wenn wir bereuen und umkehren, wird das Böse, das wir getan haben, uns nicht in die Hölle stürzen. Wir müssen die Konsequenzen dennoch tragen, aber es wird uns nicht mehr so schaden, dass unsere Seele stirbt. Wenn wir möchten, dass auch uns in der Not geholfen wird, sollen wir damit anfangen, anderen in Not zu helfen. Das ist es, was die Goldene Regel Jesu besagt: Was ihr von Anderen erwartet, das tut auch ihnen.“

Ps 119
1 Selig, deren Weg ohne Tadel ist, die gehen nach der Weisung des HERRN.
27 Den Weg deiner Befehle lass mich begreifen, ich will nachsinnen über deine Wunder!
30 Ich wähle den Weg der Treue, deine Entscheide stelle ich mir vor Augen.
34 Gib mir Einsicht, damit ich deine Weisung bewahre, ich will sie beachten mit ganzem Herzen!
35 Führe mich auf dem Pfad deiner Gebote, denn an ihm hab ich Gefallen!
44 Ich will deine Weisung beständig beachten, auf immer und ewig.

Als Antwort beten wir einen Ausschnitt aus dem längsten Psalm. Er beginnt mit einem Makarismus, mit einer Seligpreisung, die das zentrale Thema zusammenfasst: „Selig, deren Weg ohne Tadel ist, die gehen nach der Weisung des HERRN.“ Es geht um eine lebenslange Gemeinschaft mit Gott und um das Bleiben im Stand der Gnade. Wir können uns schon auf Erden selig nennen, wenn wir im Stand der Gnade sind. Gott überschüttet uns schon in diesem Leben mit ganz viel Segen, mit allen Früchten, Gaben und Charismen. Wir haben eine innere Freude und den Frieden Gottes in unserem Herzen. Wir erfahren schon hier ein Leben in Fülle. Es wird uns erahnen lassen, wie das ewige Leben bei Gott aussehen wird – nur noch viel intensiver!
Damit wir den Stand der Gnade nicht verlieren, müssen wir wissen, was Gottes Wille ist. Deshalb beten wir in Vers 27 die Bitte um Kenntnis über die Befehle Gottes. Es ist wichtig, Gottes Wunder, die er auch in unserer heutigen Zeit erwirkt, zu betrachten. Wenn wir über sie nachsinnen, kommen wir immer tiefer darüber ins Staunen und werden dankbarer, ehrfürchtiger, tiefer berührt von seiner Liebe. Wie in einer Liebesbeziehung zwischen Menschen ist es auch in der Liebesbeziehung mit Gott entscheidend, ihn immer besser kennenzulernen. So wird unsere Liebe zu ihm immer mehr vertieft.
„Ich wähle den Weg der Treue, deine Entscheide stelle ich mir vor Augen.“ Immer wieder sollen wir ihm unser Jawort geben, eine Erneuerung des Bundes, den wir in der Taufe mit ihm eingegangen sind. Dieses Jawort ist nicht nur verbal auszudrücken – wir sollen ihm unser Ja stets durch unser ganzes Leben zeigen. Wenn wir unseren Geliebten „ich liebe dich“ sagen, ist das schön und heilsam. Doch diese Worte erlangen erst dadurch Gewicht, dass sie durch ein entsprechendes Verhalten bewiesen werden.
Damit wir Gottes Wege erkennen und unsere eigenen Sünden realisieren, brauchen wir Einsicht, deshalb die Bitte in Vers 34. Die „Weisung“, von der hier die Rede ist, stellt die Übersetzung des Wortes „Torah“ dar. Einsicht ist der erste Weg zur Besserung. Darüber haben wir im Buch der Sprichwörter bereits gehört. Wer einsichtig ist, zeigt den Willen zur Umkehr, die der einzige Weg zur Rechtfertigung ist. Wer sich innerlich nicht ändern will, wird den Stand der Gnade nicht erlangen. Das Herz ist der springende Punkt. Einsicht ist eine Herzenshaltung, der Wille zur Umkehr. Das Herz ist ja das Entscheidungsorgan des Menschen im biblischen Sinne.
Wer eine solche Herzenshaltung besitzt, dem gefällt der Weg der Gebote Gottes. Auf immer und ewig wird so ein Mensch Gottes Gebote bewahren oder sich zumindest von Herzen darum bemühen. „Ich will…beachten“ ist dabei ein Versprechen, das einem Gelübde gleichkommt. Es ist analog zu betrachten zu dem Ehegelübde, in dem es heißt „Ich will dich lieben, achten und ehren alle Tage meines Lebens“ und „in guten wie in schlechten Tagen“. Auch wenn es uns mal schwer fällt, Gottes Gebote zu halten, sollen wir bereit sein, sie zu halten. Gottes Gnade gibt uns die Kraft dazu. Wichtig ist der Wille und die Bereitschaft, Gott treu zu bleiben bis zum Ende.

Lk 8
19 Es kamen aber seine Mutter und seine Brüder zu ihm; sie konnten jedoch wegen der vielen Leute nicht zu ihm gelangen.

20 Da sagte man ihm: Deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und möchten dich sehen.
21 Er erwiderte ihnen: Meine Mutter und meine Brüder sind die, die das Wort Gottes hören und tun.

Im Evangelium hören wir heute eine Episode, die sehr oft missverstanden und instrumentalisiert wird. Jesus verleugnet seine Mutter und Familie nicht, wie gerne von Nichtkatholiken zur Beweisführung gegen die innige Beziehung zwischen Jesus und Maria behauptet wird, sondern er möchte die Priorität der geistlichen Familie herausstellen:
Der Ort, an dem Jesus sich gerade befindet, muss mal wieder überfüllt sein, denn Jesu Mutter und „Geschwister“ stehen draußen oder zumindest außerhalb der Menschenmenge. Im griechischen Text steht das Wort ἀδελφός, das unter anderem den direkten Bruder meint. Wir befinden uns im orientalischen Kontext, wo mit „Bruder“ alle möglichen Personen bezeichnet werden, auch Cousins oder entferntere Verwandte. Die Perspektive von „Familie“ ist weitergefasst als unsere heutige. Im Hebräischen und auch im Griechischen gibt es zu jener Zeit auch nur einen Begriff für männliche Verwandte, ob Bruder oder Cousin. Diese „Brüder“, von denen wir hier lesen, werden an anderer Stelle namentlich erwähnt. An wiederum anderer Stelle werden aber auch deren Eltern genannt und die Mutter ist eben NICHT Maria, die Mutter Jesu, sondern die andere Maria, die Frau des Kleopas. Wahrscheinlich sind es Jesu Cousins (mindestens zweiten Grades!). Maria ist immerwährende Jungfrau, so glaubt es die Kirche. Sie hat nur diesen einen Sohn zur Welt gebracht und auf eine andere Art und Weise als sonst gewöhnlich. Ihre biologische Jungfräulichkeit ist auch durch die Geburt nicht genommen worden.
Es geht also um die Großfamilie Jesu hier im Evangelium. Sie sucht Jesus auf und er serviert sie nicht ab. Dies können wir aus der heutigen Schriftstelle nur dann schließen, wenn wir oberflächlich lesen. Es geht Jesus um mehr. Er nimmt ihre Anwesenheit zum Anlass, etwas zu erklären, nämlich die geistliche Familie, die die Kirche ist. Alle, die den Willen Gottes tun, sind Geschwister, nämlich im Glauben. Und darin sind sie viel mehr zusammengeschweißt als die biologische Zusammengehörigkeit. Das muss Jesus den anwesenden Juden ganz behutsam beibringen, denn es ist keineswegs selbstverständlich. Für die Juden ist die Biologie alles. Als Jude wird man geboren. Zum Judentum gehörig ist der Beschnittene am Körper. Für die Anwesenden ist es also eine ganz große Herausforderung über ihren „jüdischen Tellerrand“ hinauszuschauen.
Jesus kann es sich erlauben, diese Dinge zu sagen. Er weiß, dass seine Mutter ihn versteht. Er weiß, dass sie nicht beleidigt reagieren wird, wenn er die anwesenden Menschen, die gekommen sind, den Willen Gottes zu erfahren, als seine Familie, sogar als seine Mutter bezeichnet. Wer, wenn nicht Maria wird dies alles schon sehr früh gelernt haben! Sie ist durch ein Gelübde „unfruchtbar“ und ist doch Mutter geworden. Schon von Kindheit auf ist Jesus einerseits den Eltern gehorsam, andererseits lehrt er seine Eltern als Gott. Sie sind nicht nur seine Eltern, sie sind auch seine Schüler, seine Kinder im Glauben. Jesus ist Marias Rabbi und Maria ist eine erste und beste Jüngerin. Sie wird ihm im heutigen Evangelium also absolut Recht gegeben haben. Wir wissen nicht, wie es ausgegangen ist. Vielleicht ist er danach hinausgegangen oder hat seine biologische Familie hinzugeholt. Denn was Jesus im Laufe seiner Verkündigung immer wieder vorlebt, ist die perfekte Kombination von biologischer und geistlicher Familie: Er ehrt in allem seine Mutter und ist zugleich mit ihr als geistliche Familie vereint. In ihrer Beziehung sehen wir, wie es bei uns der Idealfall sein kann: Unsere Familien sollen nicht nur biologischen, sondern gleichzeitig einen geistlichen Zusammenhang bilden. Dann haben wir einen Vorgeschmack des Himmels auf Erden. Wie schön ist es, wenn Geschwister gut miteinander auskommen, zugleich aber auch im Glauben zusammen wachsen, sich über Gott unterhalten und zusammen bzw. füreinander beten! Leider sehen wir oft, dass Geschwister überhaupt nicht gut miteinander auskommen, biologisch zwar verwandt, doch innerlich Fremde sind. Gleichzeitig haben wir Freunde, die mit uns den Glauben teilen und denen wir deshalb viel näher stehen. Die geistliche Familie ist eine viel stärkere Bindung als die Blutsverbindung. In diesem Fall greift das Sprichwort nicht: „Blut ist dicker als Wasser.“ Denn in diesem Fall ist das Wasser dicker als das Blut, nämlich das lebendige Wasser, das der Hl. Geist ist, aus dem wir neugeboren sind in der Taufe! Jesus möchte also kein Entweder-Oder kommunizieren, sondern im Idealfall ein Sowohl-Als-Auch.
Die ersten Christen haben diese geistliche Familie gelebt, indem sie einander als Brüder und Schwestern bezeichnet haben. Wir lesen dies immer wieder in den Briefen des Neuen Testaments. Dies verändert auch unser Verhalten heute, wenn wir uns immer bewusst sind, dass alle Getauften unsere Geschwister im Glauben sind. Dann werden wir die Verantwortung für sie spüren (vor allem für ihr Seelenheil). Wir werden sie dann nicht mehr schlecht behandeln, sondern werden ihnen mit einer geschwisterlichen Liebe begegnen, einer hingebenden und aufopfernden Liebe.

Heute hören wir in den Lesungen die verschiedensten Aussagen über Gottes- und Nächstenliebe. Es zeichnet sich ein Koordinatensystem der Familie Gottes ab. Durch die gelübdeartigen Aussagen wird die Gottesbeziehung zu einer Art „Ehe“ und das Verhältnis der Christen untereinander zu einem geschwisterlichen Miteinander. Der Geist Gottes schweißt uns zusammen, die Liebe ist das Band, das alles zusammenhält. Dass wir alle eine einzige Familie sein können, haben wir Christus zu verdanken, der den Neuen Bund zwischen Gott und allen Menschen am Kreuz besiegelt hat. Danken wir ihm dafür täglich und bemühen wir uns um ein gutes „Familienleben“, damit wir am Ende ein großes Wiedersehen beim himmlischen Familienfest haben werden!

Ihre Magstrauss

Matthäus, Apostel und Evangelist (Fest)

Eph 4,1-7.11-13; Ps 19,2-3.4-5b; Mt 9,9-13

Eph 4
1 Ich, der Gefangene im Herrn, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging.
2 Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe
3 und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!
4 Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung:
5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,
6 ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.
7 Aber jeder von uns empfing die Gnade in dem Maß, wie Christus sie ihm geschenkt hat.

11 Und er setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer,
12 um die Heiligen für die Erfüllung ihres Dienstes zuzurüsten, für den Aufbau des Leibes Christi,
13 bis wir alle zur Einheit im Glauben und der Erkenntnis des Sohnes Gottes gelangen, zum vollkommenen Menschen, zur vollen Größe, die der Fülle Christi entspricht.

Heute am Fest des Apostels und Evangelisten Matthäus hören wir als Lesung einige paränetische Aussagen des Epheserbriefs, das heißt ethische Unterweisungen. Der größere Kontext ist die Taufe, mit der der Christ nicht das Ziel erreicht, sondern erst den Anfang macht. Ab dann ist es am Getauften, durch die Befähigung des Heiligen Geistes ein gottgefälliges Leben zu führen. So sagt der „Gefangene im Herrn“ Paulus, dass es ein Leben sein soll, „das des Rufes würdig ist, der an euch erging.“ Er meint die Berufung zur Heiligkeit, die mit der Taufe verknüpft ist. Er zählt einige konkrete Verhaltensweisen auf, die der getaufte Mensch aufweisen sollte: Demut, Friedfertigkeit, Geduld, Langmut und Liebe. Das sind alles Punkte, die durch maximale menschliche Bemühungen angestrebt werden sollen (menschliche Tugenden aufgrund der Befähigung durch die Taufe). Zugleich wird Gott dem so eifrigen Menschen die maximale Gnade dafür schenken, was den Weg des Getauften zu einer Kooperation mit dem Geist Gottes führt (göttliche Tugenden, wir sagen auch Früchte des Heiligen Geistes).
Paulus ermahnt die Epheser, die er so lieb gewonnen hat, zur Einheit des Geistes und zum Band des Friedens. Der erste Begriff erinnert uns an die Bitte Jesu im hohepriesterlichen Gebet: „Lass sie eins sein, wie wir eins sind.“ Diese spendet der Geist Gottes, der Menschen an einen gemeinsamen Ort bringt, lokal und geistig gesehen. Das meint also nicht mehr nur die Versammlung an einem Ort, sondern die gemeinsame Gesinnung und Ausrichtung.
Die Christen sollen ein Leib und ein Geist sein. Ein Leib sind sie durch Christus, der die Kirche gestiftet hat und sie durch die Eucharistie immer mehr zu seinem Leib werden lässt. Ein Geist ist die Kirche nun durch die Einhauchung des Gottesgeistes an Pfingsten. Dadurch sind die Christen nun eine gemeinsame neue Schöpfung, die sich moralisch gesehen nun an der göttlichen Weisheit orientiert, nicht mehr an der Weisheit der Welt.
Sowohl Juden- als auch Heidenchristen haben nun eine gemeinsame Hoffnung – sie eint der Glaube an die Auferstehung von den Toten. Die Betonung der Einheit ist für uns heute besonders bemerkenswert, denn für die Apostel und Jünger Jesu ist das eine neue Herausforderung. Sie müssen sich an diese Einheit zwischen zwei bisher ganz unterschiedlich gesehenen Völkern erst einmal gewöhnen, die Gemeinschaft von Juden und Heiden. Sie müssen sich auch daran gewöhnen, zusammen zu halten, obwohl sie so unterschiedlich sind.
Die Einheit der Christen gründet in der Einheit des gemeinsamen Gottes und Vaters. Dieser ist es nun in der Familie Gottes, die der Neue Bund ist. Wir sind alle seine Kinder und Erben in seinem Reich.
Gott hat den Menschen unterschiedliche Begabungen und Berufungen geschenkt. Während die einen als Apostel eingesetzt worden sind, sind die anderen zu Evangelisten geworden, Hirten und Lehrer (das Hirtenamt ist der sakramentale Weihegrad des Bischofs, der der Nachfolger der Apostel ist). Wiederum andere sind mit dem Charisma der Prophetie ausgestattet worden. Paulus nennt hier Ämter sakramentaler und nichtsakramentaler Art. Wir denken heute natürlich besonders an den Hl. Matthäus, der sowohl Apostel als auch Evangelist ist. Was auch immer der Mensch für Begabungen und Berufungen von Gott geschenkt bekommt – sie dienen stets dem Aufbau der Gemeinde. Das erklärt Paulus auch sehr ausführlich im ersten Korintherbrief.
Die Charismen, die jeder Christ durch Taufe und Firmung erlangen kann im Gegensatz zu den Vollmachten Jesu Christi, die an die sakramentale Weihe geknüpft sind, dienen der Zeit bis zur Wiederkunft Christi. Sie helfen den Christen auf dem Weg zur Heiligkeit, zur Vervollkommnung des Menschen.

Ps 19
2 Die Himmel erzählen die Herrlichkeit Gottes und das Firmament kündet das Werk seiner Hände.

3 Ein Tag sagt es dem andern, eine Nacht tut es der andern kund,
4 ohne Rede und ohne Worte, ungehört bleibt ihre Stimme.
5 Doch ihre Botschaft geht in die ganze Welt hinaus, ihre Kunde bis zu den Enden der Erde.

Als Antwort beten wir Ps 19, in dem König David zunächst die Erkennbarkeit Gottes in der Schöpfung betrachtet. Die Psalmen reflektieren die Torah und hier wird der Schöpfungsbericht aufgegriffen. Wir betrachten hier aber nicht nur die erste Schöpfung, sondern denken bereits an die zweite Schöpfung im Hl. Geist, denn zuvor haben wir die Charismen und verschiedenen Ämter der Gemeinde betrachtet, die ja die neue Schöpfung markiert.
Die verschiedenen Elemente der Schöpfung verkünden gleichsam Gott als ihren Schöpfer. Er ist der kreative Ursprung, der die wunderbaren Dinge gemacht hat. So sind es die Himmel mit den Himmelskörpern, die die Herrlichkeit Gottes verkünden. Gott hat die Himmelskörper am vierten Tag an das Himmelsgewölbe gesetzt, den Himmel schuf er aber bereits am zweiten Tag.
Gottes Herrlichkeit wird von Tag zu Tag gepriesen. Die Tage und Nächte selbst sind seine Verkünder. Sie werden durch die verschiedenen Himmelskörper gesteuert, sodass Sonne und Mond bzw. Sterne sich mit der Verkündigung Gottes abwechseln.
Sie tun dies jedoch nicht verbal, sondern durch ihre wunderbare Ordnung und Schönheit. Die Sonne spendet Licht und Wärme. Ohne sie kann die Erde nicht bestehen. Sie ist ein wunderbares Bild für unsere Abhängigkeit von Gott. Seine Gnade erhält uns Tag für Tag am Leben. Ohne ihn gehen wir ganz schnell ein wie eine Pflanze ohne Sonnenlicht. Der Mond und die Sterne erleuchten die dunkle Nacht. Er ist uns Orientierung, denn an seinen Mondphasen erkennen wir die Zeit im Monat. An den Sternbildern können wir uns auch an den Himmelsrichtungen orientieren. Die Schönheit des Sternenhimmels lässt uns Gottes überwältigende Herrlichkeit erahnen. Nichts an Himmelskörpern ist chaotisch. Der Mond verläuft in geordneten Bahnen. Die Erde dreht sich unaufhörlich und so sehen wir die Sonne täglich auf- und untergehen. Diese mächtigen Himmelskörper tun nichts, was Gott ihnen nicht „angeordnet“ hat. Sie offenbaren uns Gottes Ordnung, seinen Logos, der die ganze Schöpfung ordnet, der die gesamten Naturgesetze verleiht hat.
Der Himmel spricht kein einziges Wort, doch verbreitet sich diese Art von Verkündigung weltweit, was mit den „Enden der Erde“ ausgedrückt wird. Die Ordnung gibt Gott auch für die zweite Schöpfung vor, wovon wir heute in der Lesung gehört haben. Auch da gibt es eine Gliederung, eine Hierarchie und Aufgabenverteilung. Wenn wir uns an das halten, was Gott selbst vorgegeben hat, wird die Schönheit seiner Schöpfung ihn selbst verkünden wie die Himmelskörper.
Verkündigung geschieht nicht einfach nur verbal. Es geht nicht darum, dass wir das Evangelium Christi mit Worten in die Welt hinaussagen, auch wenn das elementar ist. So ist auch Gottes gesprochenes Wort es, das die Schöpfung erwirkt und systematisiert hat. Wir haben es am Beispiel der Himmelskörper gesehen. Aber das Wort Gottes hat es auch konkret getan. So sollen auch wir den Menschen vor allem ein gutes Beispiel sein, die Gebote Gottes aus brennender Liebe halten und uns ganz den Menschen hingeben. Das wird unsere verbale Verkündigung authentisch machen und so werden wir viele Herzen anrühren. Das überzeugt Menschen, nicht nur leeres Gerede.

Mt 9
9 Als Jesus weiterging, sah er einen Mann namens Matthäus am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Und Matthäus stand auf und folgte ihm nach.

10 Und als Jesus in seinem Haus bei Tisch war, siehe, viele Zöllner und Sünder kamen und aßen zusammen mit ihm und seinen Jüngern.
11 Als die Pharisäer das sahen, sagten sie zu seinen Jüngern: Wie kann euer Meister zusammen mit Zöllnern und Sündern essen?
12 Er hörte es und sagte: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken.
13 Geht und lernt, was es heißt: Barmherzigkeit will ich, nicht Opfer! Denn ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder.

Im Evangelium hören wir nun von dem Apostel und Evangelisten Matthäus, der im Markusevangelium Levi genannt wird. Es handelt sich um einen Zöllner, dessen Berufsgruppe nicht gut angesehen ist. Das liegt daran, dass Zöllner immer mehr als nötig eintreiben müssen, um das Risiko von Missernten etc. zu berücksichtigen. Sie gelten deshalb als unehrlich, erhalten keine bürgerlichen Ehrenrechte und werden vor Gericht nie als zuverlässige Zeugen einbezogen. Jesus hat im heutigen Evangelium aber einen wunderbaren Plan mit diesem Menschen. Er sieht mehr als nur den unehrlichen Zöllner. Er sieht das Potenzial eines von Gott geliebten Kindes. So ist es auch bei uns Menschen. Wir drücken anderen schnell einen Stempel auf. Wir schreiben andere ab, obwohl wir sie erstens gar nicht richtig kennen können (also nicht in ihr Herz schauen können), zweitens noch so schlimme Menschen jederzeit eine Umkehr erleben, ein besserer Mensch werden können. Jeder hat jederzeit eine neue Chance verdient. Und wie Matthäus in Wirklichkeit ist, sieht nur Gott. Der sehr bekannte Billy Graham sagte es einmal sinngemäß: Es gibt drei Arten des Ichs – das Ich, das ich selbst kenne, das Ich, das die Menschen kennen und das Ich, das Gott kennt. Jesus sieht in Matthäus, was sonst keiner bisher gesehen hat – vielleicht nicht mal er selbst.
Warum eigentlich hat dieser Zöllner, der dann Jesu Jünger wird, zwei verschiedene Namen? Das hängt wohl damit zusammen, dass er beide Namen besaß. Die moderne Exegese bestreitet dies, weil im Gegensatz zu Paulus kein jüdischer und römischer Name vorlag, sondern zwei jüdische. Dem ist entgegen zu halten, dass es auch eine latinisierte Form gibt (nämlich eben Matthäus) und eine doppelte Namensgebung auch mit seiner römischen Bürgerschaft zusammenhängen kann wie bei Paulus. Eine andere Erklärung ist, dass er später von Jesus den Namen Matthäus erhalten hat. Das alles spielt für uns eine untergeordnete Rolle. Für uns ist es lehrreich, dass Jesus so einen Menschen überhaupt beruft.
Wie schon bei den anderen Aposteln steht der Berufene direkt auf und folgt Jesus nach, ohne zu zögern.
Wie auch bei Zachäus hält Jesus gemeinsames Mahl mit Matthäus und seinen Freunden. Da er bei den meisten Juden nicht beliebt ist, hat er in seinem Umfeld Menschen seines Berufsstandes.
Jesus isst mit Sündern, weil er Gott ist. Dieser ist so allmächtig, dass er höchstpersönlich tief in das sündige Leben von uns Menschen eintauchen kann, ohne dass es ihm irgendwie schadet. Er tut es, um uns Menschen aus der Sünde herauszuholen, nicht weil er die Sünde an sich gutheißt. Sein Verhalten ist also kein Anlass, Sünder zur Kommunion zuzulassen, wie heutzutage gerne instrumentalisiert wird. Jesus hält Mahl als „Rettungsaktion“ für die echten Sünder (die vor Gott Sünder sind, nicht die von den Menschen abgestempelt werden) und als prophetische Zeichenhandlung für die Selbstgerechten (Gott hält Mahl mit allen Menschen guten Willens, beim letzten Abendmahl mit seinem berufenen Zwölferkreis, in der eucharistischen Gemeinschaft mit allen Getauften und zur Eucharistie Gekommenen, am Ende des Lebens beim himmlischen Hochzeitsmahl). Wer daran teilnimmt, wird nicht automatisch nach den Maßstäben der Pharisäer und Schriftgelehrten entschieden, sondern allein nach Gottes Maßstab – mit so einigen Überraschungen. Warum Überraschungen? Weil nur Gott das Herz der Menschen sieht und genau weiß, wer wirklich gerecht ist (nicht nur nach außen so tut).
Sie sind es auch, die auf Jesu Mahlgemeinschaft mit den von ihnen bezeichneten „Sündern“ unzufrieden reagieren. Sie zeigen durch ihre Reaktion, dass sie Jesus als Messias und Gott nicht erkannt haben. Sie sehen Jesus als üblichen Rabbi, der sich an die jüdischen Gesetze halten soll. Sie sehen nicht, dass der Messias Herr über die Torah ist.
Jesus bekommt ihre Reaktion mit und weil er alle Menschen retten will, geht er auch auf diese Menschen zu mit den Worten: „Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken“. Gott ist der Arzt unserer Seelen. Er macht uns wieder heil, wo wir uns von ihm behandeln lassen. Jesu Mahlgemeinschaft ist also nicht nur „Rettungsaktion“ und prophetische Zeichenhandlung, sondern vor allem eine „Therapiesitzung“. Wir könnten uns jetzt fragen: „Heißt das, dass die Zöllner und Sünder bei Jesu Mahlgemeinschaft die Kranken sind und die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht?“ Wir können uns getrost selbst beantworten: Natürlich ist jeder Mensch krank, nämlich durch die Erbsünde. Es gibt niemanden, der ganz gesund ist. Jeder ist nur unterschiedlich „krank“. Das ist eine Sache. Die andere ist aber hier entscheidend: Wer erkennt die eigene Krankheit und lässt sich auf die Therapie Gottes ein? Wer meint, keine Umkehr nötig zu haben, weil er schon gerecht genug ist, wird die eigene Krankheit nicht sehen und deshalb nie therapiert. Jesus verrät uns durch seine Antwort jedoch wirklich, dass er die Sünde der Zöllner nicht bagatellisiert. Es ist Stehlen und Lügen. Das sind ernstzunehmende Sünden. Jesus redet uns unsere Sünden auch nicht weg. Er hält sie uns in Liebe vor, damit wir unser eigenes sündiges Spiegelbild sehen, betroffen sind und uns ändern. Die Zöllner sind in dieser Hinsicht wirklich krank, aber sie lassen sich wenigstens behandeln. Wie ist es mit uns? Reagieren wir auch unwirsch, wenn Gott anderen seine Barmherzigkeit zeigt? Sollten wir nicht froh sein und uns mit diesen Menschen mitfreuen, dass sie zu Gott umkehren? Uns erinnert diese ganze Situation an das Gleichnis vom verlorenen Sohn. Auch dort geht es nicht nur um einen einzigen Sohn, sondern um zwei, die je auf ihre Weise versöhnt werden müssen. Wollen wir zum unbarmherzigen großen Bruder werden, der dem jüngeren die Umkehr nicht gönnt?
Wenn Jesus dann am Ende noch sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte zu rufen, sondern Sünder“, müssen wir genau überlegen, was Jesus damit meint. Im griechischen Original steht es tatsächlich so: Gerechte und Sünder. Jesus beruft dabei Menschen, nicht ihre Sünde. Wen Jesus ruft, der wird dabei immer verändert. Wir denken z.B. an Zachäus, der am Ende alles, was er zuviel eingenommen hat, sogar noch vierfach zurückgezahlt hat. Wir denken auch an Maria Magdalena, die durch die Begegnung mit Jesus von sieben Dämonen befreit worden ist und von da an Jesu Verkündigung u.a. finanziell unterstützt hat. Die Sünder waren keine Sünder mehr, aber befreit wurden sie erst davon, als sie es einsahen und umkehrten. Deshalb sagt Jesus, dass er Sünder beruft, nicht Gerechte – Sünder ist jeder Mensch, aber nicht jeder erkennt sich als Sünder. Ihm nachfolgen kann nur, wer die Demut besitzt, sich zu sehen, wie man wirklich ist, arm und erlösungsbedürftig. Wer sich selbst aber als Gerechter bezeichnet, der keiner Umkehr bedarf, kann Jesus nicht nachfolgen. Es geht also bei der Aussage Jesu weniger darum, wie viel, wie arg, welche Art von Sünde man auf dem Konto hat, sondern vielmehr darum, wie viel man von den Sünden tatsächlich bereut. Gleichzeitig verharmlost er keine einzige Sünde. Sonst würde er nicht zu den großen Sündern sagen: „Geh und sündige von nun an nicht mehr.“ Und die Zehn Gebote möchte er ja nicht im Geringsten verändern. Das sagt er in der Bergpredigt mit aller Deutlichkeit.

Der Hl. Matthäus konnte nur dadurch heilig werden, dass er Gott an sich arbeiten ließ und von seinen Sünden umgekehrt ist. Das ist für uns ein großer Trost und eine Motivation, denn wir erkennen: Gott kann aus jedem Sünder einen Heiligen machen, wenn er nur will und bereit ist, selbst mitzuwirken. Paulus hat uns das Zusammenspiel von Gnade und Tugend gezeigt. Bitten wir auf die Fürsprache des Hl. Matthäus, dass Gott uns dieselbe Gnade der Umkehrbereitschaft und Demut schenke und wir jeden Tag ein Stück mehr zum vollkommenen Menschen werden, wie Gott uns gedacht hat.

Ihre Magstrauss