25. Sonntag im Jahreskreis

Jes 55,6-9; Ps 145,2-3.8-9.17-18; Phil 1,20 ad-24.27a; Mt 20,1-16a

Jes 55
6 Sucht den HERRN, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!
7 Der Frevler soll seinen Weg verlassen, der Übeltäter seine Pläne. Er kehre um zum HERRN, damit er Erbarmen hat mit ihm, und zu unserem Gott; denn er ist groß im Verzeihen.
8 Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des HERRN.
9 So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch erhaben sind meine Wege über eure Wege und meine Gedanken über eure Gedanken.

Am heutigen Sonntag hören wir als erste Lesung aus dem Buch Jesaja. Gott ist Geheimnis, teilt sich aber den Menschen mit. Er ist ein sich offenbarender Gott. Das ist es, was Jesaja aussagen möchte, wenn er sagt: „Sucht den HERRN, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!“ Es ist schon zusammengefasst in dem Sch’ma Israel in Dtn 6,4-9. Auch Jesus sagt: Wer sucht, der findet. Gott möchte, dass wir zu ihm kommen, weil er schon längst bei uns ist. Zugleich ist er für die Israeliten jener Zeit auf dem Weg zu ihnen. Der Messias kommt bald und so ist Gott auch von seiner Menschwerdung her nah! Es ist aber auch sakramental und moralisch zu verstehen, die wir nun als Kirche der Ewigkeit entgegen gehen. Auch da ruft uns der Herr dazu auf, ihn von Herzen zu suchen – es meint nicht einfach die Suche nach etwas Verlorenem oder noch nicht Existentem. Es ist vielmehr ein Aufsuchen, eine Sehnsucht und ein Wunsch nach ihm. Es ist das, was Augustinus sein Leben lang getan hat, bis er in der Kirche angekommen ist mit den Worten: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, oh Gott.“ Auch wir Christen sollen Gott in allem suchen und unser Verhalten danach ausrichten, ihm den ersten Platz in unserem Leben zu geben. Die Gottesliebe sowie die Nächstenliebe sollen den Antrieb des Menschen darstellen. Und wenn wir in die Kirche kommen, wo Christus im Allerheiligsten auf uns wartet, sind wir ihm sehr nahe, sogar so nahe, dass wir ihn in uns aufnehmen dürfen bei der Kommunion! Dann nimmt er Wohnung im Tempel unseres Herzens, das ist die nächste Nähe, die er einnehmen kann.
Dass Jesajas Worte auch eine moralische Tragweite besitzen, erkennen wir an der Aufforderung: „Der Frevler soll seinen Weg verlassen, der Übeltäter seine Pläne.“ Das Bild des Weges ist eine gängige Metapher für den Lebenswandel des Menschen. Sünder sollen also den Weg der Sünde verlassen und die Gebote Gottes halten. Sie sollen eine Umkehr durchlaufen, damit sie Gottes Barmherzigkeit erfahren können. Dabei lehrt uns Jesaja: Reue und Umkehr sind Voraussetzungen für das Wirken der Barmherzigkeit Gottes in unserem Leben! Wir können nicht davon ausgehen, dass Gott uns schon die Sünden vergibt und beide Augen zudrückt, weil er ja die unendliche Liebe ist. Das wäre ein Missbrauch der Barmherzigkeit Gottes. Gottes Vergebungsbereitschaft ist unendlich, aber wenn wir ihr Schranken setzen, kann er nichts tun. Zu sehr ist ihm unser freier Wille heilig. Und die Barmherzigkeit Gottes muss aktiv angenommen werden durch das Bitten um Vergebung, durch Reue und Umkehr.
Auch wenn Gott sich den Menschen mitteilt und ihnen nahe sein will, wird er nicht zum durchschaubaren Objekt. Er bleibt Geheimnis, der ganz Andere, die absolute Transzendenz. Und seine Vorsehung übersteigt unseren menschlichen Verstand bei weitem. So sagt Jesaja ganz deutlich: „Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege – Spruch des HERRN.“ Das meint nicht nur die bösen Wege der Sünde, die ganz wesentlich von Gott zu unterscheiden sind. Das meint seinen göttlichen Willen, der autonom ist. Deshalb schließt sich auch der poetische Ausdruck über Himmel und Erde an: Gottes Wege überragen die menschlichen Wege wie der Himmel die Erde. Es heißt auch: Der Mensch denkt, Gott lenkt. Am deutlichsten wird es in unserer eigenen Biographie: Wie viel planen wir und wie oft haben wir unser Leben nicht unter Kontrolle! Dann durchkreuzt eine Krankheit unser Vorhaben, dann stellt sich nicht der erhoffte und erarbeitete Erfolg ein. Vieles läuft anders, als wir es möchten. Und doch wird alles vom universalen Heilswillen Gottes umschlossen.

Ps 145
2 Jeden Tag will ich dich preisen und deinen Namen loben auf immer und ewig.
3 Groß ist der HERR und hoch zu loben, unerforschlich ist seine Größe.
8 Der HERR ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld.
9 Der HERR ist gut zu allen, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken.
17 Gerecht ist der HERR auf all seinen Wegen und getreu in all seinen Werken.
18 Nahe ist der HERR allen, die ihn rufen, allen, die ihn aufrichtig rufen.

Als Antwort beten wir Ps 145. Er stellt den Abschluss des fünften Psalmenbuches dar. Er beginnt wie so oft mit einer Selbstaufforderung zum Lob, das täglich erfolgen soll „auf immer und ewig.“ Es ist ein Gelübde, das ewig anhalten soll, denn Gottes Güte, Huld und Treue sind es ja auch.
„Groß ist der HERR und hoch zu loben, unerforschlich ist seine Größe.“ Gott ist wirklich groß. Er hat die Macht, alles mit seinem Volk anzustellen. Er ist zugleich der absolut Gute. Deshalb dient alles, was er tatsächlich mit seinem Volk tut, dessen Heil. Oft murrt Israel über die vermeintlichen Umwege, die es einschlagen muss. Doch immer wieder wird es eines Besseren belehrt, wenn sich der Umweg als Weg des Heils herausgestellt hat. König David hat viele solcher Erfahrungen gemacht und dabei weniger gemurrt. Er stellt wirklich ein Glaubensvorbild dar, denn sein Gottvertrauen hat sich gerade in jenen Situationen bewährt.
Gott ist „gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Huld.“ Dass Gott zum Beispiel die Wüstenerfahrung Israels zulässt, überhaupt das Gespräch mit seiner untreuen Braut sucht, alles Mögliche unternimmt, damit sie zur Besinnung kommt, zeigt ja seine unendliche Geduld. Er hätte sie auch einfach verstoßen können, statt seine Zeit und Kraft an ihr zu verschwenden. Er hätte sie zerstören können, statt sie wieder zu sich zu nehmen. Doch selbst aus dem Exil holt er seine untreue Braut zurück. Gott ist auch mit König David barmherzig, der schwere Sünden begangen hat. Er hätte ihn längst vom Thron stoßen können, doch er hat ihn behalten – nicht weil er die Sünde nicht schlimm fand oder beide Augen zugedrückt hat, sondern weil König David von Herzen bereut hat! Er hat die Barmherzigkeit Gottes aktiv angenommen, indem er umgekehrt ist. Deshalb konnte Gott ihm seine ganze Vergebungsbereitschaft erweisen.
Gott ist auch wirklich gut zu allen. Wäre dem nicht so, hätte er nicht auf der Höhe der Zeit beschlossen, einen neuen Bund mit der ganzen Welt zu schließen. Seine geliebte Braut besteht somit nicht mehr nur aus den zwölf Stämmen Israels, sondern aus Menschen aller Stämme, Sprachen, Nationen und Völkern. Jeder Mensch, der die Erlösung annimmt, wird gleichsam hineingenommen in diese Brautschaft. Und Gott wirbt um jeden Menschen auf so unterschiedliche Weise, dass er ihn kennenlernt und auch zu seiner Kirche gehören möchte. Gott ruft sein Volk zusammen.
Gott ist nicht nur barmherzig, er ist auch gerecht. Beides ist nicht voneinander zu trennen. Wenn auch seine Wege oft unergründlich sind und wir ihn nicht verstehen, tut er nichts, was uns Menschen schadet. Er ist absolut gerecht, bei allem, was er tut.
Und zum Schluss wiederholt sich, was wir schon bei Jesaja gehört haben: Gott ist denen nahe, die ihn rufen. Wir müssen immer bedenken, dass Gott der Bräutigam seines Volkes ist. Er wirbt um Israel wie um eine Braut. Und ein Bräutigam möchte seiner Braut stets nahe sein. Gott ging deshalb so weit, Mensch zu werden, um seiner Braut noch näher zu sein. Rufen wir doch den Bräutigam, der uns so nahe sein will! Er ist für uns heute zum Greifen nahe, denn er macht sich klein in einer kleinen Hostie, um sich für uns hinzugeben! Und wenn wir ihn empfangen, kommt er uns so nahe, dass er in unser Herz einzieht. Das ist wie gesagt die nächste Nähe, die Gott einnehmen kann.

Phil 1
20 Denn ich erwarte und hoffe, dass vielmehr Christus verherrlicht werden wird in meinem Leibe, ob ich lebe oder sterbe.
21 Denn für mich ist Christus das Leben und Sterben Gewinn.
22 Wenn ich aber weiterleben soll, bedeutet das für mich fruchtbares Wirken. Was soll ich wählen? Ich weiß es nicht.
23 Bedrängt werde ich von beiden Seiten: Ich habe das Verlangen, aufzubrechen und bei Christus zu sein – um wie viel besser wäre das!
24 Aber euretwegen ist es notwendiger, dass ich am Leben bleibe.
27 Vor allem: Lebt als Gemeinde so, wie es dem Evangelium Christi entspricht!

In der zweiten Lesung hören wir erstmals nach langer Zeit aus einem anderen Brief, dem Philipperbrief. Es handelt sich dabei um den am persönlichsten geschriebenen Paulusbrief. Paulus schrieb ihn in der Gefangenschaft in Rom, was uns immer wieder durch Anspielungen und Aussagen verdeutlicht wird. Philippi war die erste paulinische Gemeinde auf europäischem Boden, die er im Kontext der zweiten Missionsreise gegründet hat. Sein Aufenthalt wurde jäh unterbrochen, denn er wurde zusammen mit Silas ins Gefängnis geworfen. Dort sind spektakuläre Dinge geschehen, wie uns die Apostelgeschichte in Kapitel 16 berichtet. Auch wenn Paulus sein Wirken nicht auf gewünschte Weise zuende führen konnte, ist aus den Philippern eine lebendige Christengemeinde geworden. Gottes Umwege durch die Verhaftung sind zu Wegen des Heils geworden! Die Philipper haben gleich zu Anfang ihre Bewährungsprobe erhalten und bestanden.
Und aus dem Brief an eben jene Christen hören wir heute einen Ausschnitt.
Paulus lebt in der Erwartung, dass Christus in seinem Leibe verherrlicht werde, tot oder lebendig. Er sitzt im Gefängnis. In seinem Leiden ist er Christus sehr nahe. Seine Erfahrung ist uns eine weitere große Lehre an dem heutigen Sonntag: Gott nahe sind wir auch ganz besonders im Leiden. Denn Christus hat aller durchgemacht, was wir Menschen durchmachen. Er hat alles gesühnt und so können wir unser gesamtes Leiden mit seinem vereinen. So wird er gleichsam verherrlicht in unserem eigenen Leiden.
Christus ist der Jackpot für Paulus. Und selbst wenn er für den Glauben sterben sollte – und auf die Vollstreckung des Urteils wartet er ja in Rom – ist das kein Verlust, sondern Gewinn für ihn. Er weiß, dass ihm der Kranz des ewigen Lebens geschenkt wird, wenn er sein Leben für Christus hingibt. Und wenn er dennoch freigelassen werden sollte, dann würde er weiter fruchtbar wirken. Das hat er in seinem Leben durch die vielen Missionsreisen und die gesamte Heidenmission getan. Er weiß nicht, was passieren wird, aber er überlässt es der Vorsehung Gottes. Seine Einstellung ist: „Ich habe nichts zu verlieren. Wo auch immer ich hinkomme, habe ich Christus und er ist mein Hauptgewinn.“
Er fühlt sich dennoch von beidem bedrängt, das heißt mal hat er die Sehnsucht, weiter zu missionieren, manchmal aber hat er die Sehnsucht, „aufzubrechen und bei Christus zu sein“. Den Gemeinden zuliebe sollte er aber noch weiterleben und missionieren.
Was auch immer mit ihm geschieht: Die Philipper sollen dem Evangelium Jesu Christi gemäß leben.
Paulus zeigt uns, wie es aussieht, das eigene Leben ganz in Gottes Hände zu übergeben. Kommt es so oder anders – alles soll man als den Willen Gottes annehmen.

Mt 20
1 Denn mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Gutsbesitzer, der früh am Morgen hinausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben.

2 Er einigte sich mit den Arbeitern auf einen Denar für den Tag und schickte sie in seinen Weinberg.
3 Um die dritte Stunde ging er wieder hinaus und sah andere auf dem Markt stehen, die keine Arbeit hatten.
4 Er sagte zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg! Ich werde euch geben, was recht ist.
5 Und sie gingen. Um die sechste und um die neunte Stunde ging der Gutsherr wieder hinaus und machte es ebenso.
6 Als er um die elfte Stunde noch einmal hinausging, traf er wieder einige, die dort standen. Er sagte zu ihnen: Was steht ihr hier den ganzen Tag untätig?
7 Sie antworteten: Niemand hat uns angeworben. Da sagte er zu ihnen: Geht auch ihr in meinen Weinberg!
8 Als es nun Abend geworden war, sagte der Besitzer des Weinbergs zu seinem Verwalter: Ruf die Arbeiter und zahl ihnen den Lohn aus, angefangen bei den Letzten, bis hin zu den Ersten!
9 Da kamen die Männer, die er um die elfte Stunde angeworben hatte, und jeder erhielt einen Denar.
10 Als dann die Ersten kamen, glaubten sie, mehr zu bekommen. Aber auch sie erhielten einen Denar.
11 Als sie ihn erhielten, murrten sie über den Gutsherrn
12 und sagten: Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen.
13 Da erwiderte er einem von ihnen: Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?
14 Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir.
15 Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?
16 So werden die Letzten Erste sein und die Ersten Letzte.

Im Evangelium hören wir nun ein bekanntes Gleichnis, das Jesus erzählt. Bei diesem Evangelium können wir wieder gut erkennen, wie wichtig eine sorgfältige Betrachtung ist. Wenn wir es nur oberflächlich lesen, werden wir Jesu Pointe nicht verstehen.
Zunächst einmal: Was ist der Kontext oder die Vorgeschichte? Jesus endete das 19. Kapitel des Matthäusevangeliums mit der Aussage, dass die Letzten die Ersten und die Ersten die Letzten sein werden. Darum geht es auch in diesem Gleichnis, bei dem Jesus dann dieselben Worte an den Schluss setzt. Petrus fragte nach dem Lohn für die Jüngerschaft, bei der sie alles zurückgelassen haben. Jesus antwortet mit diesem Gleichnis, bei dem es auch um den Lohn geht und wo er diesen genauer erklärt – es meint den Lohn des ewigen Lebens.
Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem Winzer, der Arbeiter für seinen Weinberg anwirbt. Er hat wahrscheinlich ein festes Personal, das für den Weinberg zuständig ist, doch zur Zeit der Traubenernte fällt mehr Arbeit an. Wenn man die Trauben nicht rechtzeitig aberntet, vertrocknen sie und sind nicht mehr zu gebrauchen. Deshalb muss er wohl Tagelöhner anwerben, um kurzfristig mehr Arbeiter zu haben.
So spricht er früh am Morgen die ersten Menschen an, für einen Denar in seinem Weinberg zu arbeiten. Der Tagespreis entspricht zu jener Zeit dem angemessenen Betrag für einen Tagelöhner. Was der Gutsherr mit den Arbeitern aushandelt, ist also nichts Ungewöhnliches, sondern der ganz normale Betrag, den sie zu erwarten haben. Gegen 9 Uhr morgens macht er sich wieder auf den Weg, um Verstärkung zu holen. Auch hier wird der übliche Tagespreis von einem Denar festgelegt. So geht der Gutsherr auch um 12 und um 15 Uhr los, um immer wieder neue Arbeiter zu beschäftigen. Egal, zu welcher Zeit er die Arbeiter beschäftigt, er verspricht ihnen, zu geben „was recht ist“.
Die letzte Mannschaft wird um 17 Uhr beschäftigt, also eine Stunde vor Feierabend.
Dann ist der Zeitpunkt der Auszahlung gekommen und der Verwalter beginnt bei jenen, die zuletzt gekommen sind. Jene, die früh am Morgen mit der Arbeit begonnen haben, denken bei sich, dass wenn jene einen Denar ausgezahlt bekommen, sie mehr erhalten werden. Schließlich haben sie den ganzen Tag gearbeitet, jene aber nur eine Stunde. Als sie dran sind, wird auch ihnen nur ein Denar ausgezahlt. Das regt sie auf und sie beschweren sich. Schließlich haben sie „die Last des Tages und die Hitze ertragen“. Sie reagieren ganz menschlich, weil das die menschliche Denkweise und das Verständnis von Gerechtigkeit ausmacht. Doch der Verwalter entgegnet ihnen: „Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denar mit mir vereinbart?“ Das ist ja tatsächlich so festgelegt worden. Zu jenem Zeitpunkt waren die anderen Arbeiter auch noch kein Thema. Der Verwalter bleibt dabei: „Ich will dem Letzten ebenso viel geben wir dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will? Oder ist dein Auge böse, weil ich gut bin?“ Der Verwalter hat recht. Das Vermögen gehört ja nicht den Arbeitern und so haben sie nicht das Recht, mitzuentscheiden, wie der Besitzer mit seinem Besitz umgeht. Es schadet ihnen ja nicht, wenn der Verwalter im Namen des Gutsherrn nett zu den anderen ist. Denn was können jene Arbeiter dafür, dass sie erst so spät angeworben wurden? Sie haben den ganzen Tag in der Hitze gewartet, in der Ungewissheit, ob sie den Lebensunterhalt eines Tages verdienen würden, um sich und vielleicht eine ganze Familie am Leben zu erhalten. Die ersten Arbeiter haben nicht das ganze Bild vor Augen. Sie sehen nur ihre eigene Situation und haben somit nicht die Kompetenz oder Berechtigung, dem Gutsherrn hineinzureden, wie er mit anderen umgehen soll. Der springende Punkt ist: Die ersten Arbeiter gönnen es den letzten Arbeitern nicht, dass sie dasselbe bekommen wie sie. Sie gönnen es jenen nicht, die die Barmherzigkeit des Gutsherrn empfangen haben. Aber diese Barmherzigkeit ist es, die den abschließenden Satz Jesu betrifft: „So werden die Letzten Erste sein.“
Dieses Gleichnis können wir mehrfach auslegen. Wen meint Jesus selbst denn mit diesen Arbeitergruppen? Wer ist der Gutsherr, was ist der Weinberg?
Jesus selbst spricht eine „religionspolitische“ Sache an. Er verkündet das Reich Gottes im ganzen Land und es kommen immer mehr Heiden zum Glauben an ihn. Es ist sogar so, dass viele Heiden zu Glaubensvorbildern für verstockte Juden werden. Ihnen wird das ewige Heil in Aussicht gestellt und das missfällt vielen Juden, die das mitbekommen. Warum sollen jene, die ihr Leben lang in Sünde waren, genauso belohnt werden wie sie, die sie ihr Leben lang die Gebote Gottes befolgt haben? Sie reagieren wie die Arbeiter im Weinberg, anstatt sich für jene zu freuen, denen so eine Barmherzigkeit zuteilgeworden ist. Das Problem wird noch viel akuter in der Zeit der frühen Kirche, in der Juden- und Heidenchristen gemeinsam Christus nachfolgen. Es kommt z.B. zu einem großen Streit zwischen Paulus und gewissen Judenchristen, weil Paulus den Heidenchristen keinen Nachteil nachsagt in dem Sinne, dass sie genauso das ewige Heil erwartet wie den Judenchristen, die beschnitten sind und die Torah halten. Diese bilden sich aber ein, dass sie durch ihre jüdische Identität einen Vorteil haben (sie sind die Arbeiter der ersten Stunde). Sie erwarten aber auch, dass die Heidenchristen dasselbe „durchmachen“ sollen wie sie (die Last des Tages und die Hitze sind demnach Bilder für die Beschneidung und das Halten der Torah mit den ganzen Erweiterungen), damit sie denselben Lohn wie sie empfangen. Paulus argumentiert aber in derselben Weise wie Jesus mit dem Gleichnis. Gottes Lohn ist für jeden Menschen derselbe. Wenn er jenen, die nicht beschnitten sind und die Torah halten müssen, denselben Lohn in Aussicht stellt wie den Judenchristen, ist das Ausdruck seiner Barmherzigkeit. Warum freuen sie sich nicht einfach mit jenen, die zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind? Der Weinberg ist seit alters her ein Bild für das Reich Gottes. „Arbeiter im Weinberg des Herrn“ ist ein ekklesiologischer Ausdruck, das heißt er bezeichnet jene, die als Geistliche und pastorale Mitarbeiter der Kirche an der Verbreitung des Evangeliums mitarbeiten. Somit ist es auch ein Bild für das Verhältnis zwischen den Aposteln der ersten Stunde und den pastoralen Mitarbeitern, die später dazugekommen sind. Sie alle wirken am Reich Gottes mit. Dass die Aposteln der ersten Stunde von Anfang an mit Jesus umhergezogen sind, ist ja nicht ihr Verdienst. Jesus hat sie „angeworben“, sie also erwählt. Und dass Paulus später zum Apostel geworden ist, ist auch nicht sein Verdienst. Hätte Gott ihn seiner eigenen Leistung überlassen, hätte er weiter die Christen verfolgt. Es ist letztendlich alles Gottes Vorsehung und so soll keiner einen Lohn einfordern, als ob er es besser wüsste als Gott selbst. Er ist es, der jedem Menschen den Lohn gibt. Und wenn er mit einem Menschen barmherzig ist, sollen wir uns für diesen Menschen freuen. Schließlich freut sich der ganze Himmel, wenn ein einzelner Sünder umkehrt.
Gottes Gerechtigkeit ist nicht wie unsere Gerechtigkeit. Sie ist vollkommen und übersteigt oft unsere menschliche Vernunft. Das heißt aber nicht, dass sie irrational ist, sondern überrational. Gott ist der gute Hirte, der im Gegensatz zum Menschen wirklich vollkommen ist. Er sucht nach jedem einzelnen verlorenen Schaf. Er stärkt das schwache Schaf. Er heilt das kranke Schaf. Wollen wir es diesen Schafen nicht gönnen? Es heilt doch schließlich die ganze Herde, wenn die schwachen Glieder gestärkt werden! So sollen wir uns mit einem Sünder freuen, der kurz vor seinem Tod noch zu Christus findet, anstatt sauer zu sein, dass jener ein Leben in Saus und Braus gelebt und kurz vor dem Ende noch vernünftig geworden ist, während wir uns ein Leben lang bemüht und das Kreuz getragen haben. Der in Aussicht gestellte Lohn ist für uns alle doch derselbe: ein Platz im Himmelreich.

Gottes Wille ist einzig und allein das Heil für die ganze Welt. Was wir davon nicht verstehen, müssen wir geduldig Gott überlassen. Er ist schließlich der Gute, der Vollkommene, der zugleich barmherzige und gerechte Gott. Seine Wege sind unerforschlich und wir sind nur begrenzte Geschöpfe. Doch wenn wir eines Tages vor ihm stehen, werden wir alles begreifen.

Ihre Magstrauss

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