Mittwoch der 6. Osterwoche

Apg 17,15.22 – 18,1; Ps 148,1-2.11-12.13-14; Joh 16,12-15

Apg 17
15 Die Begleiter des Paulus brachten ihn nach Athen. Mit dem Auftrag an Silas und Timotheus, Paulus möglichst rasch nachzukommen, kehrten sie zurück.
22 Da stellte sich Paulus in die Mitte des Areopags und sagte: Männer von Athen, nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromm.
23 Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.
24 Der Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr, er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind.
25 Er lässt sich auch nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas brauche, er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt.
26 Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt.
27 Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern.
28 Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir; wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seinem Geschlecht.
29 Da wir also von Gottes Geschlecht sind, dürfen wir nicht meinen, das Göttliche sei wie ein goldenes oder silbernes oder steinernes Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung.
30 Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen hat, gebietet jetzt den Menschen, dass überall alle umkehren sollen.
31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte.
32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören.
33 So ging Paulus aus ihrer Mitte weg.
34 Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig, unter ihnen auch Dionysius, der Areopagit, außerdem eine Frau namens Damaris und noch andere mit ihnen.
1 Hierauf verließ Paulus Athen und ging nach Korinth.

Gestern ging es in der Apostelgeschichte um das pfingstartige Ereignis im Gefängnis von Philippi. Am Ende bekehrte sich der Gefängniswärter, ließ sich mit seinem ganzen Haus taufen und nahm die Missionare bei sich auf. Um die Nachgeschichte ein wenig zusammenzufassen: Am nächsten Tag will man die beiden freilassen (es war wohl nicht bekannt geworden, dass die Missionare gar nicht mehr im Gefängnis saßen). Paulus lässt jene, die die Anordnung überbringen, wissen, dass Silas und er römische Bürger seien und eigentlich Anspruch auf einen Prozess gehabt hätten. So kommen die obersten Beamten, um Paulus und Silas hinauszuführen. Daraufhin gehen sie zu Lydia, wo sie den Brüdern Mut zusprechen. Das heißt, dass im Hause der Purpurhändlerin mittlerweile eine christliche Gemeinde entstanden ist. Daraufhin reisen Paulus und seine Gefährten weiter und kommen unter anderem nach Thessalonich und Beröa. Wie schon zuvor ernten sie eigentlich viel Offenheit und Verständnis, sodass viele zu Christen werden. Da aber auch viele Gottesfürchtige der Oberschicht den Glauben annehmen, stößt die Mission auf Eifersucht bei den ansässigen Juden. Diese hetzen die Stadt gegen die Missionare auf, sodass diese weiterziehen müssen. Jene Feinde kommen später dann in die Nachbarstadt, um auch dort gegen die Missionare anzugehen.
Dann bringen Silas und Timotheus Paulus nach Athen und bleiben selbst in Beröa zurück. folgen ihm später nach. So ist Paulus nun in der griechischen Stadt allein und ist aufgebracht wegen der vielen Götzenbilder. Er hat Kontakt zu den ansässigen Juden und tauscht sich gleichzeitig mit epikureischen und stoischen Philosophen aus. Diese bringen ihn eines Tages dann zum Areopag, von wo er eine ganz berühmte Bekenntnisrede hält.
Dabei setzt er rhetorisch sehr geschickt an, indem er den Zuhörern nicht gleich den Götzendienst vorwirft, sondern ihre Frömmigkeit lobt. Damit gewinnt er schon einmal die Gunst der Anwesenden. Dann kommt er auf den Altar für den Unbekannten Gott zu sprechen, den er in der Stadt gesehen hat. Dies dient ihm als Anknüpfungspunkt, über den Schöpfer des Himmels und der Erde zu sprechen, dem rein transzendenten Gott der Christen. Er braucht keinen Tempel, in dem er wohnt und in dem ihm geopfert wird (Kritik an den vielen Tempeln der Stadt). Er braucht auch nicht die Hilfe von Menschen, denn er ist der Helfer all seiner Geschöpfe. Er ist auch der Herr der ganzen Welt, nicht mehr nur eines bestimmten irdischen Bereichs wie bei den Griechen.
Dieser Gott hat die Menschen geschaffen, indem er sie alle von einem einzigen Menschen abstammen lässt (Adam).
Paulus erklärt sodann, dass in allen Menschen die Sehnsucht nach Gott eingepflanzt ist, sodass jeder nach Gott sucht. Er verweist auf griechische Philosophien, denen nach der Mensch von Gottes Geschlecht sei. Das heißt natürlich nicht, dass Paulus an die Göttlichkeit des Menschen glaubt, sondern dass er eine gemeinsame Basis schaffen möchte. So kann er auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen kommen: Wenn wir Menschen also von göttlichem Geschlecht sind, können wir nicht Gebilde aus irdischen Materialien und von Menschenhand verehren.
Deshalb ruft Gott universal zur Umkehr auf. Es werde nämlich ein Gericht geben und dieses wird mit Jesus Christus zu tun haben, den er von den Toten auferweckt hat. Als Paulus dies anspricht, spotten einige der Anwesenden darüber, andere wiederum lassen ihn nicht weiterreden und vertrösten ihn auf ein nächstes Mal. Durch die Blume sagen sie ihm eigentlich: Das interessiert uns nicht und geht zu weit.
Dies ist für Paulus jedoch kein Grund zur Kränkung, sondern er geht einfach weg. Einige Menschen bekehren sich auf seine Worte hin, so zum Beispiel Dionysios der Areopagit und eine Frau namens Damaris. Dann geht Paulus nach Korinth. Dort wird er eine Gemeinde gründen, die zu einer beachtlichen Größe heranwachsen wird.

Ps 148
1 Halleluja! Lobt den HERRN vom Himmel her, lobt ihn in den Höhen:
2 Lobt ihn, all seine Engel, lobt ihn, all seine Heerscharen,
11 ihr Könige der Erde und alle Völker, ihr Fürsten und alle Richter der Erde,
12 ihr jungen Männer und auch ihr jungen Frauen, ihr Alten mit den Jungen!
13 Loben sollen sie den Namen des HERRN,/ denn sein Name allein ist erhaben, seine Hoheit strahlt über Erde und Himmel.
14 Er hat erhöht die Macht seines Volks, zum Lob für all seine Frommen, für die Kinder Israels, das Volk, das ihm nahe ist. Halleluja!

Auch heute beten wir im Anschluss an die Lesung einen Lobpreispsalm. Trotz der abrupten Unterbrechung an entscheidender Stelle spricht Paulus inmitten der Heiden über den christlichen Glauben. Das muss man sich einmal genauer vorstellen: Er spricht hier zu Menschen, denen Athena Promachos und der olympische Zeus alles bedeuten. Nicht der griechische Vatergott ist der Vater, Herr und Geber von allem, sondern der sich offenbarende jüdisch-christliche Gott.
Der heutige Psalm gehört zum Schluss-Hallel, der Psalmengruppe, die von Halleluja-Rufen gerahmt wird.
„Lobt den HERRN vom Himmel her, lobt ihn in den Höhen“ ist ein Lobaufruf an die himmlischen Wesen, das heißt an die Engel und Heiligen, die bei Gott sind. Dies wird uns dann auch im nächsten Vers explizit gesagt („Lobt ihn, all seine Engel…“).
Auch die irdischen Wesen sollen Gott loben, vor allem die Mächtigen der Welt: „ihr Könige der Erde und alle Völker, ihr Fürsten und alle Richter der Erde“. Ihre Macht ist von Gott her betrachtet geringer als die königliche und richterliche Gewalt Gottes. So müssen selbst diese irdischen Mächte dem Allmächtigen die Ehre geben.
Alle Menschen werden zum Lobpreis aufgerufen, Jung und Alt, Mann und Frau, denn Gottes Name ist erhaben. Er ist zwar ganz und gar von der Schöpfung verschieden, doch seine Herrlichkeit erstrahlt das All. In seiner Macht hat er seinem auserwählten Volk, „das ihm nahe ist“, Israel, Macht verliehen. Er hat ihm besondere Gnaden zuteil werden lassen und diese sind Anlass für das Lob Gottes.
Paulus als Kind Israels hat auch heute Anlass, Gott für diese Gnade zu loben und zu preisen. Zwar haben die Athener ihn beim Thema Auferstehung abgelehnt, ihn die Heilsgeschichte bis dahin aber erzählen lassen. Sie haben ihm Gehör geschenkt, als er ihre vielen Götzenbilder und Tempel kritisiert und eben jenen Gott beschrieben hat, den dieser Psalm zeichnet: als Herrscher des Himmels und der Erde, dem allein die Ehre gebührt.
Für Psalmen ist bezeichnend, dass Lobaufforderungen formuliert werden, besonders auch die Aufforderung an die verschiedenen Bereiche der Schöpfung.
Das Halleluja schließt auch hier den Lobgesang ab.

Joh 16
12 Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.
13 Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.
14 Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.
15 Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.
16 Noch eine kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen.

Jesus spricht heute wieder einen Ausschnitt aus der dritten Abschiedsrede. Am liebsten möchte er noch so viel mehr sagen, kann seine Apostel aber nicht überfordern. Sie haben in den letzten Jahren schon so oft seine Worte nicht begriffen. Aus sich selbst heraus können sie die göttliche Weisheit nicht begreifen. Sie brauchen den Heiligen Geist dafür, der sie erfüllt und ihnen die Augen öffnet. Und so kündigt Jesus an, dass wenn der Geist der Wahrheit kommen wird, sie in der ganzen Wahrheit leiten wird. Das bedeutet nicht, dass er ihnen etwas Neues offenbaren, sondern Jesu verkündete Lehre begreiflich machen wird. Jesus erklärt ihnen auch, dass er mit dem Geist etwas gemeinsam hat: eine Lehre zu verkünden, die er nicht aus sich selbst besitzt, sondern vom Vater. Es ist eine gemeinsame Offenbarung, auch wenn der Geist und er nicht einfach identisch sind. So wie Christus der authentische Exeget des Vaters ist, weil er an dessen Herzen ruht, ist auch der Geist Zeuge der Wahrheit, weil er offenbart, was er „hört“. Auch er ist vom Vater gesandt und so bringt auch er authentische Kunde. Er wird den Jüngern seine Gaben geben, wodurch sie sehen werden „was kommen wird.“ Es klingt die Gabe der Prophetie an, die unter anderem eine Schau kommender Dinge ermöglicht. Man kann es auch so verstehen, dass Gottes Geist den Aposteln den göttlichen Willen in kommender Zeit aufzeigen wird.
Dieser Geist ist es, der Christus verherrlichen wird. Wir glauben, dass mit der Himmelfahrt Jesu dieser die Entäußerung ablegen wird, die er mit der Menschwerdung auf sich genommen hat. Dann wird er seine Göttlichkeit nicht mehr verbergen, sondern in seiner ganzen Macht und Herrlichkeit wieder beim Vater sein. Hier sagt Jesus selbst, dass dies durch den Heiligen Geist geschieht. Die Herrlichkeit Gottes hängt also mit dem Heiligen Geist zusammen, was uns den Psalm tiefer verstehen lässt. Dort heißt es, dass Gottes Hoheit über die ganze Erde erstrahlt. Es ist ein und dieselbe Glorie, der Glanz Gottes. Durch den Heiligen Geist ist Gott in der Welt gegenwärtig. Mit der umfassenden Geistgabe an Pfingsten wird seine Gegenwart auf Erden intensiviert. Dann wird er umfassend das Wort Gottes, Jesus Christus nach dessen Heimkehr zum Vater offenbaren. Er wird von dem nehmen, was Jesus gehört – gemeint ist die Fülle der Offenbarung (Jesus hat ALLES gelehrt, auch wenn die Jünger nicht alles verstanden haben). Von derselben Offenbarung wird er nehmen und den Jüngern zugänglich machen, sodass sie nichts Neues hören, sondern daran erinnert werden. Es wird eine pneumatische Wiederholung sein.
Zum Schluss spricht Jesus noch ein Wort, das die Apostel ziemlich verwirrt. Eine kurze Zeit wird bis zum Weggang Jesu vergehen, doch auch nur eine kurze Zeit bis zu seiner Wiederkehr. Dies können wir zunächst auf das Osterereignis beziehen: Die Worte spricht Jesus am Abend vor seinem Tod. Nicht einmal 24 Stunden später ist er tot, was die Apostel im Abendmahlssaal noch nicht erahnen. Und dann wird es keine 48 Stunden dauern, bis er von den Toten wieder auferstehen wird. In dieser wörtlichen Lesart können wir die „kurze Zeit“ wirklich auf wenige Stunden beziehen. Da er aber im Kontext des Heiligen Geistes diesen Vers spricht, müssen wir weitergehen: Er ist nicht mehr lange auf Erden, bevor er zum Vater heimgeht. Das feiern wir morgen! Dann wird er nur noch verborgen in eucharistischer Gestalt in der Welt sein, bis er als verherrlichter Menschensohn am Ende der Zeiten wiederkommt. Diese Zeiträume sind schon größer zu fassen, aber was ist von der Ewigkeit her gesehen schon ein Tag? Wir leben in der Endzeit, so können wir nachvollziehen, was er mit der kurzen Zeit meint. Seine Wiederkunft ist schon sehr bald. Und bei seinem zweiten Kommen werden nicht nur die Apostel ihn sehen, sondern die ganze Welt.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 6. Osterwoche

Apg 16,22-34; Ps 138,1-2b.2c-3.7c-8; Joh 16,5-11

Apg 16
22 Da erhob sich das Volk gegen sie und die obersten Beamten ließen ihnen die Kleider vom Leib reißen und befahlen, sie mit Ruten zu schlagen.
23 Sie ließen ihnen viele Schläge geben und sie ins Gefängnis werfen; dem Gefängniswärter gaben sie Befehl, sie in sicherem Gewahrsam zu halten.
24 Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihnen zu.
26 Plötzlich begann ein gewaltiges Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Mit einem Schlag sprangen die Türen auf und allen fielen die Fesseln ab.
27 Als der Gefängniswärter aufwachte und die Türen des Gefängnisses offen sah, zog er sein Schwert, um sich zu töten; denn er meinte, die Gefangenen seien entflohen.
28 Da rief Paulus laut: Tu dir nichts an! Wir sind alle noch da.
29 Jener rief nach Licht, stürzte hinein und fiel Paulus und Silas zitternd zu Füßen.
30 Er führte sie hinaus und sagte: Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?
31 Sie antworteten: Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.
32 Und sie verkündeten ihm und allen in seinem Haus das Wort des Herrn.
33 Er nahm sie in jener Nachtstunde bei sich auf, wusch ihre Striemen und ließ sich sogleich mit allen seinen Angehörigen taufen.
34 Dann führte er sie in sein Haus hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.

Zuletzt hörten wir von der Purpurhändlerin Lydia, die Paulus und seine Gefährten zu sich nach Hause einlud. Was wir dann nicht mehr gehört haben, ist die Begegnung mit einer Frau, die von einem Wahrsagegeist besessen ist. Diese läuft den Missionaren hinterher und bekennt öffentlich und laut: „Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes; sie verkünden euch den Weg des Heils.“ Nach einigen Tagen reißt Paulus der Geduldsfaden und er befiehlt dem Dämon, die Frau zu verlassen. Dies hat nun folgende Konsequenz: Mit der Befreiung von dem Dämon endet auch ihre Wahrsagefähigkeit – sehr zum Unmut ihrer Herren, die aus ihrer „Gabe“ ein Geschäft gemacht haben. Aus diesem Grund klagen diese Paulus und Silas bei den Stadtbehörden an und hetzen die ganze Bevölkerung gegen sie auf. Dabei ist bemerkenswert, dass diese Männer Paulus und sein Gefolge als Juden anklagen, mit deren Glauben sie als Römer nichts anfangen können.
Heute hören wir nun die Auswirkungen dieser Stimmungsmache gegen die Missionare: Diese werden gewaltsam entkleidet und mit Ruten geschlagen, bevor sie ins Gefängnis geworfen werden. Hier wird betont, dass die Missionare in sicheren Gewahrsam gehalten werden. Konkret bedeutet dies, dass ihre Füße in einen Block gesteckt und sie im inneren Gefängnis gehalten werden. Wir sehen nun also folgendes Bild: Zwei Missionare, die für das Evangelium Jesu Christi nicht nur ins Gefängnis, sondern in ein unterirdisches Loch gesteckt und dann auch noch bewegungsunfähig gemacht worden sind durch Holzblöcke, in denen ihre Füße stecken.
Wenn Paulus und Silas nun menschlich denken würden, könnten sie vor den Widerständen kapitulieren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Voller Gottvertrauen und Furchtlosigkeit beginnen sie, Gott zu loben und zu preisen. Die Mitgefangenen hören ihnen zu, ohne ihnen Schweigen zu gebieten.
Weil Paulus und Silas ihre ganze Hoffnung auf Gott setzen, selbst in einer ausweglosen Situation, wirkt Gott ein Wunder: Durch ein plötzliches Beben springen die Gefängnistüren und die Holzblöcke auf, in denen ihre Füße stecken. Es ist die Rede von abfallenden Fesseln. Hier muss betont werden, dass sich nicht nur die Türen und Fesseln des Paulus und Silas öffnen, sondern aller Gefangenen.
Betrachten wir diesen Vorgang ein wenig mehr: Die Missionare singen dem Herrn Loblieder. Dadurch lösen sich die Fesseln aller anwesenden Gefangenen. Dies ist über den wörtlichen Sinn hinaus geistlich zu verstehen: Die Apostel stoßen im Gefängnis auf offenherzige Gefangene. Sie lauschen ihren Liedern und diese sind gesalbter Gesang. Durch sie wirkt der Geist Gottes, der auch die Seelen der Menschen von inneren Fesseln befreien kann! Der Lobpreis Gottes darf nicht unterschätzt werden. In Erfahrungsberichten der Exorzisten lesen wir sehr oft davon, dass Dämonen mithilfe von Lobpreis gebunden werden können und Menschengruppen Exorzismen durch Lobpreis unterstützen. Diese weitere Lesart ist keineswegs aus den Fingern gesogen, wenn wir den weiteren Kontext der Ereignisse berücksichtigen: Paulus und Silas sind ja ins Gefängnis gekommen, weil sie eine Frau exorziert haben. Gott hat zugelassen, dass sie dafür nicht Lob, sondern Strafe geerntet haben, um zusätzlich die Seelen der Gefängnisinsassen zu retten. Dem so großen Wunder im Gefängnis von Philippi – nicht nur der äußeren, sondern vor allem der inneren Befreiung der Insassen! – geht ein großes Leiden vonseiten der Missionare aus. Wie oft hören wir von Sühneseelen, die die Bekehrung von Menschen durch Leiden begleiten. Von Pater Pio wissen wir, dass er viel für seine Pönitenten gelitten hat, damit sie eine gute Beichte und tiefe Bekehrung erfahren dürfen.
Was mit Paulus und Silas in Philippi passiert, ist also gar kein Misserfolg bei ihrer Mission, sondern ein besonders großer Erfolg durch Umwege.
Nachdem dieses unglaubliche Ereignis geschehen ist, wacht der Gefängniswärter auf und sieht die offenen Türen des Gefängnisses. In der Annahme, dass die Insassen alle geflohen seien, zückt er das Schwert, um sich umzubringen. Zu sehr fürchtet er die harte Strafe und den Verdacht, die Insassen aufgrund von Bestechung freigelassen zu haben. Vielleicht ist der Wärter ein städtischer Sklave, wie es bei diesem Beruf oft der Fall ist, zumindest ein Mann aus der Unterschicht.
Doch Paulus ruft ihm zu, sich nichts anzutun, da sich alle noch in ihren Zellen befinden. Zitternd stürzt er in das Loch der Missionare und fällt ihnen zitternd zu Füßen.
Die Geschehnisse haben dem Mann bewiesen, dass hier höhere Mächte am Werk sind. Der Gott der Missionare ist real! Und so fragt er, was er tun muss, um gerettet zu werden. Ihre Antwort ist: „Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.“ Dies deutet an, dass das gesamte Haus des Wärters getauft wird – also auch seine Kinder!
Anscheinend nimmt der Wärter die Missionare mit zu sich nach Hause, wo sie seinem ganzen Haushalt das Evangelium Jesu Christi verkünden. Sie lassen sich tatsächlich alle taufen und der Wärter versorgt die Wunden der Missionare von den Schlägen. Auch erhalten sie etwas zu essen. Im Haus des Wärters kehrt Freude über den gewonnenen Glauben ein. Die Freude ist ein gängiger Begleiter bei Bekehrungs- und Taufgeschichten. Sie ist eine Frucht des Heiligen Geistes, der die Bekehrten erfüllt.

Ps 138
1 Von David. Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen, vor Göttern will ich dir singen und spielen. 2 Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin, will deinem Namen danken für deine Huld und für deine Treue. Denn du hast dein Wort größer gemacht als deinen ganzen Namen.

3 Am Tag, da ich rief, gabst du mir Antwort, du weckst Kraft in meiner Seele.
7 Du streckst deine Hand aus, deine Rechte hilft mir.
8 Der HERR wird es für mich vollenden. HERR, deine Huld währt ewig. Lass nicht ab von den Werken deiner Hände!

Der auf Umwegen gekommene Missionserfolg bei den Römern von Philippi veranlasst uns dazu, Gott dafür zu danken und ihn zu loben.
„Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen“. Wie gut ist unser Gott! Auch wenn wir seine Wege manchmal nicht verstehen, so hat er doch stets Pläne des Heils für uns. Auch wenn Paulus und Silas einiges durchmachen mussten, haben sie durch eben jene Umwege ein ganzes Haus gerettet – und dies hat einen Dominostein angestoßen, der wiederum weitere anstoßen würde.
Diese Worte können wir alle beten, denen uns das ewige Leben ermöglicht worden ist. Das sind Worte, die das Haus des Gefängniswärters als Dankgebet für die empfangene Taufe beten konnten.
„Vor Göttern will ich dir singen und spielen“ – genau dies haben die Missionare im Gefängnis getan. Sie haben inmitten der Römer den Lobpreis Gottes angestimmt. Von Herzen haben sie gebetet und der Geist Gottes hat diesen Gesang gesalbt.
„Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin“ – Diese Worte verraten uns, dass der Psalm in einem liturgischen Kontext gebetet worden ist. Das Loblied ist im Vorhof des Tempels gesungen worden. Seitdem es den Tempel aber nicht mehr gibt und Jesus den Anbetungsort mit seiner Person verknüpft hat (nämlich vor der Frau am Jakobsbrunnen in Joh 4), beten wir den Psalm nun, indem wir uns vor Jesus Christus niederwerfen, dem wahren Anbetungsort mit eucharistischer Gegenwart hier auf Erden. Und in der Ewigkeit braucht es dann nicht mal mehr einen Tempel, da Gott unverhüllt gegenwärtig sein wird.
„Am Tag, da ich rief, gabst du mir Antwort.“ Gott erhört Bitten, immer. Die Art und Weise ist uns nur nicht immer bewusst, ebenso der Zeitpunkt seiner Erhörung. Paulus und Silas haben Gottes Erhörung ziemlich schnell erfahren – durch wackelnde Gefängnismauern und aufspringende Zellentüren!
„Du streckst deine Hand aus, deine Recht hilft mir.“ Diese Geste ist auf Gott bezogen sinnbildlich zu verstehen, denn er ist Geist. Er hat keine Hand, die er ausstrecken kann. Doch als menschgewordener Gott zeigt er uns diese Geste wortwörtlich! Wie oft werden wir Zeugen von Heilungswundern Jesu Christi, bei denen er seine Hand ausstreckt und die Menschen berührt. Sehr oft ergreift er die rechte Hand der zu Heilenden, sodass diese sich erheben können – so die tote Tochter des Jairus oder die Gelähmten.
Die Aussage in Vers 8 ist eine tiefe Vertrauensbekundung, dass Gott dem Beter helfen wird. Schließlich endet der Psalm mit der Bitte, auf ewig sein göttliches Wirken walten zu lassen. Gottes Taten sind so groß! Er hat immer wieder Überraschungen für den Menschen bereit und überschüttet ihn mit seinem Heil.

Joh 16
5 Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du?

6 Vielmehr hat Trauer euer Herz erfüllt, weil ich euch das gesagt habe.
7 Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden.
8 Und wenn er kommt, wird er die Welt der Sünde überführen und der Gerechtigkeit und des Gerichts;
9 der Sünde, weil sie nicht an mich glauben;
10 der Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht;
11 des Gerichts, weil der Herrscher dieser Welt gerichtet ist.

Gestern endete das Evangelium damit, dass Jesus seinen Aposteln wiederholt die kommenden Widerstände angekündigt hat, durch die sie aber nicht ins Straucheln kommen sollen.
Nun wendet sich Jesus erneut seinem Weggang zu.
Er konfrontiert die Apostel mit ihrer Traurigkeit über die Abschiedsstimmung. Sie sind von ihrer Trauer so vereinnahmt, dass sie sich gar nicht fragen, wohin Jesus eigentlich gehen will.
Er versichert ihnen aber, dass sein Weggang für seine Jünger gut ist. Nur so kann der Paraklet zu ihnen kommen, den Jesus vom Vater senden wird. Ohne diesen Geist werden sie als Leib Christi nicht zum Leben erweckt. Wir gehen mit großen Schritten auf das Pfingstfest zu, deshalb mehren sich die Aussagen über den Heiligen Geist. Jesus muss an Christi Himmelfahrt zum Vater heimkehren, damit er vom Vater aus den Geist senden kann.
Dessen Funktion wird unter anderem sein, die Sünde der Welt aufzudecken und Gerechtigkeit und Gericht zu bringen. Der Geist deckt auf – das heißt, er hat mit Erkenntnis zu tun. Erfüllt vom Heiligen Geist wird Petrus in der Halle Salomos z.B. die Schuld artikulieren, die die Anwesenden durch ihre Mitläuferschaft am Tod Jesu tragen. Er wird sie zur Umkehr aufrufen, was der Weg aus der Schuld ist. Auch im Falle Paulus ist der Geist Gottes am Werk. Er ist es, der die Gefängnismauern zum Wackeln bringt und die Türen und Fesseln aufspringen lässt. Er sorgt für Gerechtigkeit, wo Paulus und Silas ungerechterweise wie Schwerverbrecher behandelt werden.
Der Geist wird Gericht und Gerechtigkeit bringen, weil er der Geist der Wahrheit ist. So erklärte es Jesus zuvor in den Abschiedsreden. Wer zum Glauben kommt und sich taufen lässt, muss vor dem Gericht aber keine Angst haben, da die Erben, die ihrem Erbe treu geblieben sind, ein positives Gerichtsurteil empfangen werden. Wer aber nicht an Jesus Christus glaubt, den wird der Geist der Sünde überführen. Im Falle des Paulus und Silas haben wir das deutlich gehört: Sie haben das Wort Gottes in Philippi verkündet und den Geist gespendet. Dieser legt das Innenleben der Menschen offen, denn die mit dem Wahrsagegeist besessene Frau schreit tagelang ein Bekenntnis heraus, wer die Missionare sind. Auch das Verhalten der Ankläger stellt die Offenlegung dar, nämlich des Unglaubens. Christus scheidet zwar die Geister (indem man sich für oder gegen ihn entscheidet), doch der Geist offenbart diese Gespaltenheit. Bei Johannes sind „Gerechtigkeit“ und „Sünde“ ein Gegensatzpaar. Der Geist Gottes wird also aufdecken, ob ein Mensch gerecht oder sündig ist. Die Gerechtigkeit als Belohnung für die Standhaftigkeit im Glauben erwirkt Jesus dadurch, dass er beim Vater für seine Apostel einsteht. Deshalb wird es in Vers 10 als Begründung angeführt.
Der letzte Vers meint mit dem „Herrscher der Welt“ wie zuvor auch schon den Satan, den Widersacher Gottes. Seine Macht wird gebannt durch das Erlösungswirken Jesu Christi und so kann mit allen seinen menschlichen „Handlangern“ abgerechnet werden.


Man merkt, dass Jesus langsam auf das Endgericht zu sprechen kommt, von dem wir demnächst noch mehr hören werden. Mit ihm ist die Endzeit angebrochen und durch die Geistgabe wird diese letzte Phase der Welt, die immer schlimmer wird, von Gott getragen. Paulus und Silas sind in der Apostelgeschichte ein anschauliches Beispiel dafür. Die Widerstände sind teilweise sehr drastisch. Im Namen Jesu Christi werden sie geschlagen und gedemütigt sowie ihrer Freiheit beraubt. Doch der Geist Gottes steht ihnen bei. Er erwirkt mitten in der Ausweglosigkeit ein neues Pfingsten inmitten der Gefängnisinsassen. Gott lässt die Seinen wirklich nicht im Stich.

Ihre Magstrauss

5. Sonntag der Osterzeit

Apg 6,1-7; Ps 33,1-2.4-5.18-19; 1 Petr 2,4-9; Joh 14,1-12

Apg 6
1 In diesen Tagen, als die Zahl der Jünger zunahm, begehrten die Hellenisten gegen die Hebräer auf,
weil ihre Witwen bei der täglichen Versorgung übersehen wurden.
2 Da riefen die Zwölf die ganze Schar der Jünger zusammen und erklärten: Es ist nicht recht, dass wir das Wort Gottes vernachlässigen und uns dem Dienst an den Tischen widmen.
3 Brüder, wählt aus eurer Mitte sieben Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit; ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen.
4 Wir aber wollen beim Gebet und beim Dienst am Wort bleiben.
5 Der Vorschlag fand den Beifall der ganzen Gemeinde und sie wählten Stephanus, einen Mann, erfüllt vom Glauben und vom Heiligen Geist, ferner Philippus und Prochorus, Nikanor und Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia.
6 Sie ließen sie vor die Apostel hintreten und diese legten ihnen unter Gebet die Hände auf.
7 Und das Wort Gottes breitete sich aus und die Zahl der Jünger in Jerusalem wurde immer größer; auch eine große Anzahl von den Priestern nahm gehorsam den Glauben an.

Heute am fünften Ostersonntag hören wir in der ersten Lesung wieder aus der Apostelgeschichte, in der zweiten Lesung dann aus dem ersten Petrusbrief. Der obige Abschnitt behandelt die Wahl eines Diakonenkreises für die griechischsprachigen Juden. Es ist so, dass sich im Laufe des Gemeindelebens ein Missstand herauskristallisiert, den es zu beheben gilt. Die Witwen der Hellenisten (damit sind die griechischsprachigen Juden Jerusalems gemeint) werden bei der täglichen Versorgung übersehen. Das heißt es gibt eine caritative Arbeit der Jerusalemer Urgemeinde, bei der die Bedürftigen im Mittelpunkt stehen. Diese Aufgabe wird von Diakonen übernommen. Nun ist es aber so, dass eine spezifische Gruppe von Witwen ausgelassen wird, was wohl nicht aus Boswillen, sondern aus Versehen passiert. Wir müssen bedenken, dass die Gemeinde von Jerusalem sehr schnell anwächst und der Überblick bei solch rasantem Anstieg schnell verlorengeht. So kommt die Gemeinde um die Apostel herum zusammen, um das Problem anzugehen. Die Apostel haben die Berufung, dem Wort Gottes zu dienen. Sie sollen verkündigen. Damit sie diese Aufgabe nicht vernachlässigen, weil sie sich dem „Dienst an den Tischen“ widmen müssen, schlagen sie vor, einen Kreis von sieben Männern zu wählen, der sich mit diesem Dienst beschäftigen soll. Damit ist nicht der Dienst am Altar, also dem Tisch der Eucharistie, gemeint. Es meint den Tisch der bedürftigen Menschen, um die sie sich kümmern, also die Aufgaben des Diakons. Die Wähler des Diakonenkreises sind nicht die Apostel, sondern die „Jünger“. Damit sind die anderen Gemeindemitglieder gemeint, die nicht zum Zwölferkreis gehören.
Diese Männer sollen geeignete Kandidaten sein, von gutem Ruf sowie voll Geist und Weisheit. Die Aufgabe ist also nicht einfach nur ein caritativer Dienst, den jeder ausführen kann, der Hände hat. Es geht um einen Dienst, der noch viel tiefgründiger ist. Die Kandidaten sind Vorbilder in ihrer Tätigkeit, denn so sollen ja alle Getauften einander dienen. Deshalb müssen sie von gutem Ruf sein, sonst ist ihr Dienst ein heuchlerisches Schauspiel. Sie müssen zudem ausgestattet sein mit allen Gaben des Heiligen Geistes (voll Geist), gleichsam charismatisch. Und sie müssen erfüllt sein von der Weisheit Gottes, um sich nicht nur um das leibliche Wohl der Bedürftigen zu kümmern, sondern auch seelische Nahrung zu bringen. Gewiss müssen sie imstande sein, den zu Dienenden Rede und Antwort zu stehen, wann immer sie Fragen zum Glauben haben und nach den Erzählungen Jesu verlangen.
Das muss uns selbst zu denken geben, die wir heutzutage Gefahr laufen, die Diakonia als Selbstvollzug der Kirche aufs Äußere und Irdische zu verengen. Selbst das Dienen am leiblichen Wohl der Menschen ist auf das Seelenheil der Menschen ausgerichtet.
Mit der Aussage „ihnen werden wir diese Aufgabe übertragen“ ist nicht einfach nur eine Ernennung gemeint. Im weiteren Verlauf erkennen wir, dass es eine sakramentale Bevollmächtigung ist. Die sakramentale Weihe wird von den Aposteln durch Handauflegung gespendet (Vers 6).
Die Apostel wollen sich währenddessen ihrer eigentlichen Berufung widmen („beim Gebet und beim Dienst am Wort“).
Dies gefällt der Gemeinde und so werden als erste Diakone Stephanus und Philippus gewählt, von denen wir in den letzten Wochen schon gehört haben, sodann Prochorus, Nikanor, Timon, Parmenas und Nikolaus, einen Proselyten aus Antiochia. Proselyten sind Juden, die zuvor Heiden waren. Wie schon öfter erwähnt gibt es im synagogalen Kontext häufig sogenannte Gottesfürchtige, Heiden, die dem Judentum nahe stehen, aber den letzten Schritt der Beschneidung nicht wagen. Proselyten sind solche, die diesen Schritt unternommen haben, sich beschneiden ließen und die Torah halten. Solch ein Proselyt ist nun Christ geworden und soeben von der Jerusalemer Urgemeinde als Diakon für griechischsprachige Witwen ausgewählt worden.
Das Wort Gottes verbreitet sich und die Gemeinde wächst immer weiter. Interessant ist, dass auch eine große Anzahl von den Priestern zum Glauben kommt. Hier ist die Frage, wer mit πολύς τε ὄχλος τῶν ἱερέων polys te ochlos ton hiereon gemeint ist. „Priester“ als sakramentaler Weihegrad würde keinen Sinn ergeben, denn wieso sollte jemand geweiht worden sein und der Gemeinde angehören, der nicht einmal gläubig ist? Der Glaube ist ja schon Voraussetzung für die Taufe. Diese Bedeutung ergibt auch deshalb keinen Sinn, weil der sakramentale Weihegrad im Neuen Testament mit dem Wort presbyteros, nicht mit hiereus wiedergegeben wird. Hiereis sind dagegen Priester der paganen Religionen oder die Priester des Judentums. Im griechischen Alten Testament lesen wir für das hebräische Wort כהן kohen dieses griechische Wort ἱερεύς hiereus. Es bezeichnet also jene, die zum aaronitischen Priestertum gehören und ihren Dienst im Tempel ausübten. Hier wird also gesagt, dass mehrere solcher Priester Christen geworden sind!

Ps 33
1 Jubelt im HERRN, ihr Gerechten, den Redlichen ziemt der Lobgesang.
2 Preist den HERRN auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe spielt ihm!
4 Denn das Wort des HERRN ist redlich, all sein Tun ist verlässlich.
5 Er liebt Gerechtigkeit und Recht, erfüllt von der Huld des HERRN ist die Erde.
18 Siehe, das Auge des HERRN ruht auf denen, die ihn fürchten, die seine Huld erwarten,
19 dass er ihre Seele dem Tod entreiße und, wenn sie hungern, sie am Leben erhalte.

Der Psalm, den wir als Antwort auf die Apostelgeschichte beten, reflektiert Gottes Heilsplan.
Wie so oft erfolgt zu Anfang eine Aufforderung zum Lob („Jubelt im HERRN“). Die Aufforderung umfasst sogar die Begleitung des Lobgesangs mit Instrumenten („auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe“).
Das Wort und die Tat Gottes sind verlässlich. Gott ist treu und hält sich an seine Versprechen, auch wenn wir ihm untreu werden. Jesus hat seinen Aposteln angekündigt, dass sein Heil die ganze Welt erreichen wird. Es beginnt in Jerusalem und das Wachsen der Gemeinde bestätigt ihnen, dass Gott wirklich treu an ihnen handelt.
Gott liebt die Gerechtigkeit und das Recht. Das ist für uns keine Drohbotschaft im Sinne eines strengen Richterbildes. Gott sorgt schon für Gerechtigkeit, wo wir Unrecht erleiden. Sein Recht setzt sich durch, auch wenn es in unserem Leben aktuell nicht so erscheinen mag. Das ist eine totale Trostbotschaft.
Auch die Rede vom „Auge des HERRN“ muss als Geborgenheitsausdruck verstanden werden. Gott sieht auf die Gottesfürchtigen, die sich um den Stand der Gnade bemühen. Die anderen verstecken sich wie Adam und Eva im Garten Eden oder meinen, Gott sehe sie nicht. Er sieht alles und jeden. Gemeint ist aber, dass die Gottesfürchtigen eine Beziehung zu Gott haben und er in ihrem Leben Gutes wirkt, denn sie heißen ihn willkommen. Gott entreißt ihre Seele dem Tod (נַפְשָׁ֑ם nafscham, also eigentlich „ihr Leben“, denn nefesch meint immer das gesamte Leben, nicht nur einen Teil). Gott entreißt auch unser Leben dem Tod – sowohl dem moralischen Tod durch die regelmäßige Sündenvergebung im Beichtsakrament als auch vom ewigen Tod am Ende des Lebens. Wenn wir uns nämlich voller Glauben immer um den Stand der Gnade, um eine gute Beziehung zu Gott bemühen und mit einem umkehrbereiten Herzen durchs Leben gehen, dann wird seine Barmherzigkeit uns auffangen, sodass wir den ewigen Tod nicht schauen müssen.
Gott erhält die Gottesfürchtigen am Leben, wenn sie hungern. Dies ist wörtlich zu verstehen im Sinne von Segen im Leben. Gott sorgt dafür, dass man genug zu essen hat, wenn man seinen Willen tut. Jesus wird es später aufgreifen, wenn er sagt: „Zuerst muss es euch um das Reich Gottes gehen. Alles Andere wird euch dazugegeben.“ Auch die griechischsprachigen Witwen in der Apostelgeschichte machen die Erfahrung, dass Gott sich um sie kümmert durch die Diakone, die zu ihrem Dienst bestellt werden. Und auch wir Christen heute werden am Leben erhalten, denn Gott nährt uns nicht nur leiblich, sondern auch mit seinem Wort Gottes in Schrift und Sakrament, in der Eucharistie! Beides nährt uns auf unserem Lebensweg seelisch, sodass die Seele nicht stirbt, ebenso wenig die Hoffnung!
Und diese Hoffnung ist eine Hoffnung auf Gott, der „Hilfe und Schild“ ist. Gott leitet nicht nur den Weg, er beschützt auch auf diesem Weg, er unterstützt uns mit seiner helfenden Gnade, damit wir trotz unserer Schwächen den Willen Gottes in unserem Leben umsetzen können.

1 Petr 2
4 Kommt zu ihm, dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen, aber von Gott auserwählt und geehrt worden ist!

5 Lasst euch als lebendige Steine zu einem geistigen Haus aufbauen, zu einer heiligen Priesterschaft, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen!
6 Denn es heißt in der Schrift: Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde.
7 Euch, die ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glauben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden,
8 zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt. Sie stoßen sich an ihm, weil sie dem Wort nicht gehorchen; doch dazu sind sie bestimmt.
9 Ihr aber seid ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm, ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde, damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.

In der zweiten Lesung hören wir heute wieder aus dem ersten Petrusbrief. Der heutige Abschnitt ist voll von wichtigen theologischen Begriffen. Er ist sehr dicht und somit sehr sorgfältig zu lesen/hören.
Petrus fordert die Adressaten auf, zum lebendigen Stein zu kommen, der von Menschen verworfen, von Gott aber auserwählt worden ist. Er greift die Steinmetapher auf, weil er hier sehr ekklesiologische Worte findet. Es geht also um die Kirche und diese ist errichtet auf dem Felsen, der Christus ist. Es ist aber keine tote Materie, sondern Jesus ist ein lebendiger Stein. Er lebt, er ist auferstanden und er ist Person. Kirche ist also mehr als nur ein Gebäude aus totem Material. Es ist ein lebendiger Leib, in dem ein Herz schlägt, das Herz Jesu!
Hier deutet Petrus auch das häufig zu lesende Schriftwort vom Eckstein an, den die Bauleute verworfen haben. Dies ist uns in den letzten Wochen schon einmal begegnet. Im Folgenden faltet er dieses Schriftwort, das ursprünglich aus Psalm 118 kommt, weiter aus.
Es gibt bei einem Bau viele Steine, nicht nur den entscheidenden Eckstein. So sind alle Gläubigen lebendige Steine dieses Hauses, das die Kirche ist. Die Gläubigen sind nicht nur deshalb lebendige Steine, weil sie biologisch existieren und Personen sind. Es geht viel mehr um das ewige Leben, zu dem sie durch die Taufe neugeboren sind und somit die Ewigkeit der Kirche erklärt werden kann! Die Kirche ist ein geistiges Haus, keines aus echten Steinen. Sie ist ein Mysterium, das unter anderem eine sichtbare Seite hat – die Kirche, die wir hier auf Erden wahrnehmen, die aber nicht die ganze Kirche ist!
Petrus sagt uns hier auch ganz klar, dass der Bau dieses Hauses nicht durch die Steine selbst geschieht. Der Baumeister ist Gott selbst. Er macht die Kirche. Die Menschen können sich nicht selbst die Kirche schenken. Sie sind Teil von ihr, doch der Leib Christi ist gestiftet von Christus selbst, der ihr Fundament gegossen hat durch den Tod und die Auferstehung. So sollen die Getauften sich zu einem Haus und zu einer heiligen Priesterschaft aufbauen lassen. Hier müssen wir genau hinschauen, um ideologischen Einflüssen standzuhalten. Diese Bibelstelle wird nämlich gerne herangezogen, um eine sakramentale Priesterweihe durch die Taufe zu erklären. Diese wird im Neuen Testament aber wie gesagt mit dem Presbyterbegriff ausgedrückt. Hier steht im Griechischen aber: εἰς ἱεράτευμα ἅγιον eis hierateuma hagion. Hierateuma meint die priesterliche Würde, die jedem Getauften zusammen mit der königlichen Würde geschenkt wird. Diese Würde hat aber nichts mit der sakramentalen Weihe zu tun. Es sind zwei verschiedene Begriffe für zwei verschiedene Dinge, die sich aus zwei verschiedenen Sakramenten speisen. Im Deutschen gibt es nur leider ein einziges Wort, das für beides verwendet wird.
Als Getaufte sind wir alle befähigt, geistige Opfer darzubringen. Alles, was uns im Alltag widerfährt sowie die gläubige Teilnahme an der Eucharistie können solche geistigen Opfer sein. Es sind Ausdrücke unserer Gegenliebe und somit Liebesopfer.
Dann zitiert Petrus Jes 28,16: „Siehe, ich lege in Zion einen auserwählten Stein, einen Eckstein, den ich in Ehren halte; wer an ihn glaubt, der geht nicht zugrunde.“ Diese Verheißung, die in der Geschichte Israels typologische Vorläufer erfahren hat, ist mit Christus zur Vollendung gekommen. Er ist dieser Eckstein, der in Ehren gehalten zum entscheidenden Stein des Gebäudes wird, doch zum Verhängnis den Ungläubigen. Jesus stellt den Menschen immer vor die Entscheidung. Es gibt kein Dazwischen und keiner kann in einer Grauzone dahinwandeln. Sie ist eine Illusion, die einem ebenfalls zum Verhängnis wird. Christus wird wirklich in Ehren gehalten. Der Vater hat ihn über allen anderen erhöht. Doch auch über die Gemeindemitglieder sagt Petrus dies aus, die ja ebenfalls Steine sind durch die Taufe. Deshalb sagt er: „Euch, die ihr glaubt, gilt diese Ehre. Für jene aber, die nicht glauben, ist dieser Stein, den die Bauleute verworfen haben, zum Eckstein geworden,
zum Stein, an den man anstößt, und zum Felsen, an dem man zu Fall kommt.“ Sie sind nicht nur nicht zugrunde gegangen, da sie gläubig die Taufe empfangen haben, sondern sie erfahren ebenfalls die Ehre Gottes. Sie sind ja zu einem heiligen Priestertum getauft worden. Gott hat sie bereits mit einer unvergleichlichen Würde ausgestattet, der sie durch einen rechten Lebenswandel nun gerecht werden müssen. Dies hat er in dem Kapitel zuvor schon beschrieben.
Er sagt am Ende von Vers 8 über die Ungläubigen, denen der Stein zum Verhängnis wird: „Doch dazu sind sie bestimmt.“ Wir müssen auch hier wieder genau lesen. Hier steht im Griechischen das Wort ἐτέθησαν etethesan. Die Grammatik des Wortes, was hier mit „bestimmt“ übersetzt wird, ist einerseits etwas Einmaliges, andererseits ein tatsächlich passives Wort. Wir müssen es also wirklich so übersetzen, wie es hier auch steht. Doch wer ist gemeint? Der Kontext zeigt, dass es ganz bestimmte Menschen sind, die den Eckstein nicht angenommen haben. Es sind jene, die Christus abgelehnt haben und ihn den Römern ausgeliefert haben. Und dazu sind sie bestimmt gewesen. Gottes Erlösungsplan stand schon vor aller Zeit fest und so war auch schon klar, dass der Messias abgelehnt werden würde durch jene, die ihn dann umbringen würden. In dieser Hinsicht waren sie dazu bestimmt. Ein nachdenkenswerter Aspekt, der uns Demut lehrt. Gott bleibt ein Geheimnis und ebenso die Gleichzeitigkeit von Heilsplan und freiem Willen des Menschen.
Warum die Menschen ebenfalls an der Ehre teilhaben, wird nun im letzten Vers noch einmal explizit erklärt: Die Getauften sind ein „auserwähltes Geschlecht“, ein γένος ἐκλεκτόν genos eklekton. Es meint kein irdisches Geschlecht im Sinne einer Volksgruppe oder Familienzugehörigkeit. Es ist nun geistig zu verstehen als Familie Gottes. Die Getauften sind die neue Schöpfung aus dem Heiligen Geist, deren Anfang Jesus und Maria markieren als das erste neue Menschenpaar. Das heißt nicht, dass sie auserwählt sind im Gegensatz zu den anderen. Es heißt, dass sie jene sind, die zu diesem auserwählten Geschlecht dazugehören wollten durch die Annahme des Glaubens und den Empfang der Taufe. Auserwählt sind sie durch den Ruf Gottes. Der springende Punkt ist nur: Gott ruft alle Menschen und deshalb hat Jesus seinen Jüngern vor dem Heimgang zum Vater aufgetragen, ALLEN Menschen das Evangelium zu verkünden und die Menschen zu taufen.
 Die Getauften sind „eine königliche Priesterschaft“, βασίλειον ἱεράτευμα basileion hierateuma. Auch hier kommt wieder das Wort hierateuma und nicht der presbyteros-Begriff. Man kann aus dem Petrusbrief kein allgemeines sakramentales Priestertum herauslesen, das alle Getauften zur Priesterweihe befähigt. Hier wird diese besondere Würde durch die Taufe thematisiert. Sie ist königlich und priesterlich, weshalb bis heute bei der Taufe das Chrisamöl verwendet wird.
Die Getauften sind „ein heiliger Stamm“, ἔθνος ἅγιον ethnos hagion. Der Stammbegriff wird mit dem typischen Begriff ausgedrückt, der für nichtjüdische Völker verwendet wird. Das macht Petrus vielleicht deshalb, weil er sich vor allem an heidenchristliche Diasporagemeinden wendet. Heilig ist dieser geistige Stamm durch die Heiligung, das heißt durch die Herauslösung aus dem Rest der Welt. Die Getauften sind anders, weil sie schon für die Ewigkeit leben. Ihr Lebensstil zeigt dieses Anderssein, das Petrus in seinem Brief oft mit dem Begriff des Fremden ausdrückt.
Die Getauften sind auch „ein Volk, das sein besonderes Eigentum wurde“, λαὸς εἰς περιποίησιν laos eis peripoiesin. Hier beruft sich Petrus auf Jes 43,21. Das Verb περιποιέω peripoieo ist wörtlich zu übersetzen mit „sich verschaffen, erwerben“. Gott hat es erworben durch das kostbare Blut Jesu Christi. Hier spielt Petrus mit alttestamentlichem Vokabular, denn laos ist der Terminus technicus für das Volk Israel. Dieser Begriff für das Volk Gottes wird nun auf die Kirche angewandt, die das Volk des Neuen Bundes ist. Die überwältigende Gnade, die Gott den Getauften geschenkt hat, soll Anlass sein, von seinen großen Taten zu verkünden. Die Erlösung Jesu Christi ist Grund für den missionarischen Kern der Kirche!
Petrus gebraucht für die Erlösung – wie sehr oft auch Johannes – das Bild des Kommens von der Finsternis ins Licht.
Die heutige zweite Lesung ist sehr dicht und theologisch auch sehr anspruchsvoll. Wenn wir sie richtig verstehen, geht uns aber sehr viel über unsere eigene Identität als Getaufte auf. Diese Würde widerspricht aber nicht der besonderen Berufung einzelner zu einer Weihe in den verschiedenen Graden. Die Diakone in der ersten Lesung haben diese Weihe empfangen. Beides ist getrennt zu betrachten und doch sagt uns die zweite Lesung aus dem Petrusbrief heute, dass wir uns nicht einfach auf die Geweihten verlassen sollen und selbst keine Berufung haben. Auch wir sind mit einer Würde ausgestattet und auch mit einer Berufung, nämlich Christi Heilstaten zu verkünden, die er an uns erwirkt hat.

Joh 14
1 Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!

2 Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. Wenn es nicht so wäre, hätte ich euch dann gesagt: Ich gehe, um einen Platz für euch vorzubereiten?
3 Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.
4 Und wohin ich gehe – den Weg dorthin kennt ihr.
5 Thomas sagte zu ihm: Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?
6 Jesus sagte zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.
7 Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.
8 Philippus sagte zu ihm: Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.
9 Jesus sagte zu ihm: Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater?
10 Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist? Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke.
11 Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!
12 Amen, amen, ich sage euch: Wer an mich glaubt, wird die Werke, die ich vollbringe, auch vollbringen und er wird noch größere als diese vollbringen, denn ich gehe zum Vater.
13 Alles, um was ihr in meinem Namen bitten werdet, werde ich tun, damit der Vater im Sohn verherrlicht wird.
14 Wenn ihr mich um etwas in meinem Namen bitten werdet, werde ich es tun.

Im Evangelium hören wir heute einen Abschnitt aus der ersten Abschiedsrede Jesu. Das Schriftwort ist sehr bekannt und stets sehr aktuell:
„Euer Herz lasse sich nicht verwirren. Glaubt an Gott und glaubt an mich!“ Jesus sagt dies zu seinen Aposteln im Abendmahlssaal, weil er die vielen Verwirrungen und Angriffe schon vorhersieht, mit denen der Zwölferkreis konfrontiert werden wird. Und dann sollen sie an dem festhalten, was Jesus sie gelehrt hat und was die Heiligen Schriften erfüllt hat. Er spricht dies über die Apostel hinaus auch zu uns. In Zeiten zunehmender Verwirrung sollen auch wir uns nicht ablenken lassen, sondern weiterhin unbeirrt am Glauben festhalten. Antichristliche Lehren werden immer salonfähiger und das besonders Heimtückische – unter dem katholischen Deckmantel wird sehr viel Häretisches verbreitet. Man kann sich auf das Deckblatt „katholisch“ längst nicht mehr verlassen, sondern muss alles auf die Goldwaage legen, wachsam sein, die Gabe der Unterscheidung der Geister haben. Und je tiefer die Wurzeln des Glaubens sind, desto schwieriger wird es für den Widersacher, uns von Gott zu entfernen. Dies ist nicht einfach nur die Aufgabe der Geweihten, die ein geistliches Leben führen. Dies ist die Aufgabe von uns allen, die wir getauft sind!
Jesus motiviert seine Apostel und darüber hinaus auch uns damit, dass er zum Vater vorausgeht. Wir werden ihm also folgen dürfen, wenn wir schon hier auf Erden seinen Spuren nachgegangen sind! Beim Vater bereitet er uns schon eine Wohnung. Damit ist ein Platz im Himmelreich gemeint. Und zu gegebener Zeit wird Christus wiederkommen, um die Apostel und alle Erben des Reiches zu sich zu holen. Das alles werden die Apostel noch nicht richtig verstanden haben. Erst mit seiner Auferstehung und Himmelfahrt, spätestens nach der Geistgabe, wird es ihnen aufgegangen sein. Christus ist heimgekehrt zum Vater ins Himmelreich, um am Ende der Tage wiederzukommen. Deshalb haben die ersten Christen bereits in einer Naherwartung gelebt.
Jesus sagt, dass sie den Weg kennen. Doch sie verstehen ihn nicht. Deshalb fragt Thomas nach: „Herr, wir wissen nicht, wohin du gehst. Wie können wir dann den Weg kennen?“ Was meint Jesus damit? Zu jenem Zeitpunkt hat Jesus seinen Jüngern immer wieder Leidensankündigungen gemacht. Er hat ihnen gesagt, wie leidvoll er sterben, aber am dritten Tage auferstehen würde. Zudem ist all dies in den Heiligen Schriften angekündigt worden. Nicht nur die Apostel, sondern jeder fromme Jude müsste diesen Weg also kennen. Was ihn am Ende widerfahren würde, hat sich sein ganzes Leben hindurch schon gezeigt. Vom Moment seiner Geburt an war er von den Mächtigen dieser Welt unerwünscht und sein Leben wurde bedroht. Nicht nur das Ende, schon sein ganzes Leben zuvor ist ein einziger Sühneweg und Prozess der Erlösung. Er ist der leidende Gerechte aus den jesajanischen Gottesknechtsliedern sein ganzes Leben hindurch!
Doch die Apostel sind wie mit Blindheit geschlagen und so spricht Jesus das entscheidende Wort: „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater außer durch mich.“ Der Weg zum Vater ist die Person Jesu Christi mit seinem ganzen Leben, seinen Worten und Taten. Wenn wir ihn in unserem Leben nachahmen, gehen wir diesen Weg zum Vater. Es ist aber nicht nur eine ethische Frage, sondern eine Sache der gläubigen Annahme. Wenn wir Christus als den Messias gläubig annehmen und die Wahrheit, die er ist, erkannt haben, sind wir auch bereit, ihm auf unserem Lebensweg ganz zu gehorchen. Dann erwartet uns das Leben – das ewige Leben bei Gott!
Jesus ist nicht nur eine Option unter vielen auf dem Weg ins Himmelreich – er ist DER Weg. Es gibt keinen anderen. Nur durch die Christustür hindurch können wir in die Ewigkeit eingehen. Dies hat er schon bei seiner Rede über den guten Hirten verdeutlicht. Wenn wir in diesem Leben durch die sakramentale Christustür schreiten und so den Christusweg beginnen, dann sind wir schon eingesetzt als Kinder der Familie Gottes, von der Petrus so ausführlich geschrieben hat. Den Weg nun zu beschreiten ist zugleich eine Sendung. Sendung heißt zugleich Mission.
„Wenn ihr mich erkannt habt, werdet ihr auch meinen Vater erkennen. Schon jetzt kennt ihr ihn und habt ihn gesehen.“ Jesus zu begegnen ist schon ein Laufen auf dem Weg zum Vater. Die Apostel haben so viele Jahre Zeit mit Jesus verbracht, sein Wesen ganz kennengelernt, seine Worte verinnerlicht und so viele Heilstaten bezeugt. In all diesen Aspekten haben sie den Vater kennengelernt! Er und der Sohn sind eins. Das ist der springende Punkt, den Jesus immer wieder herausstellt. Deshalb sagt Jesus auch, dass die Apostel den Vater „schon jetzt“ kennen. Sie sind jene Menschen, denen der Vater durch den Sohn am meisten offenbart worden ist und die sich mitten auf dem Weg befinden.
Doch die Apostel begreifen Jesu Worte noch nicht ganz und wie so oft entsteht ein Missverständnis. Philippus sagt nämlich: „Herr, zeig uns den Vater; das genügt uns.“ Er hat nicht verstanden, dass Jesus durch sein ganzes Sein den Vater kontinuierlich zeigt und mit ihm eins ist.
Wir müssen uns klar werden, wann das alles passiert: Sie befinden sich beim letzten Abendmahl, kurz vor dem Leiden, Tod und der Auferstehung Jesu Christi. Es ist also alles am Ende der langen dreijährigen Phase des Umherziehens mit Jesus. Bis dahin müssten die Apostel also schon sehr viel verstanden haben, denn Jesus hat ihnen so viel erklärt und auch wiederholt. Wenn jemand Jesus erkannt haben müsste, dann also die Apostel. Doch Philippus offenbart, dass er den Kern von allem nicht begriffen hat. Deshalb sagt Jesus die folgenden Worte: „Schon so lange bin ich bei euch und du hast mich nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, hat den Vater gesehen. Wie kannst du sagen: Zeig uns den Vater?“ Es gilt natürlich nicht nur Philippus, sondern auch den anderen Aposteln, die so ähnlich denken. Ebenfalls richtet Jesus diese Worte auch an uns, die wir schon so lange auf seinem Weg gehen und die Basics noch nicht einmal begriffen haben – wir als einzelne Christen sowie die ganze Kirche als Leib Christi. Mit einem Seitenblick auf die erste Lesung könnte man als wichtiges Beispiel das Dienen nennen statt das Herrschen…
Jesus erklärt geduldig noch einmal, wie sein Verhältnis zum Vater ist und konfrontiert Philippus mit der Frage des Glaubens: „Glaubst du nicht, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist?“ Er sieht das Problem des Philippus also nicht auf der Ebene des Verstehens, sondern des gläubigen Annehmens. Jesu Erklärung zeigt uns, dass er nicht nur Philippus anspricht, sondern alle seine Apostel, wenn er sagt: „Die Worte, die ich zu euch sage, habe ich nicht aus mir selbst. Der Vater, der in mir bleibt, vollbringt seine Werke. Glaubt mir doch, dass ich im Vater bin und dass der Vater in mir ist; wenn nicht, dann glaubt aufgrund eben dieser Werke!“ Die Art und Weise, wie Jesus die Apostel adressiert, ist vergleichbar mit der Rede vor den vielen Menschenmassen, die er wenigstens von seinen Werken zu überzeugen versuchte. Wir merken hier, dass die Apostel nicht irgendwie besser sind als der Rest der Menschen. Sie sind nicht aus solchem Grund zum Zwölferkreis auserwählt worden. Es hängt nicht mit einer gewissen Leistung zusammen, sondern mit der Gnade Gottes, die unverdientes Geschenk ist. So müssen wir auch verstehen, dass Geweihte unserer heutigen Zeit nicht automatisch bessere Menschen sind, nur weil sie Priester sind. Die Würde ist eine sehr hohe und deshalb müssen wir ihnen mit ganz großer Achtung begegnen. Doch ihre Priesterweihe ist kein Ergebnis einer vorausgegangenen Leistung. Sie ist die Weihe eines Menschen, der sein ganzes Leben Gott schenken möchte und dafür auf eine Familie verzichtet.
Jesus sagt weiter, dass wenn sie ihm Glauben schenken werden, in seinem Namen dieselben Heilstaten und darüber hinaus vollbringen. Zweiteres begründet er mit seinem Heimgang zum Vater. Wie müssen wir das verstehen? Warum werden die Apostel aufgrund der Himmelfahrt Jesu noch größere Zeichen wirken? Das hängt mit dem Pfingstereignis zusammen. An anderer Stelle erklärt Jesus, dass er gehen muss, damit der Vater den Geist senden kann, der der Beistand ist (Joh 16,7ff.). Wenn der Geist erst einmal auf die Apostel kommen wird, dann werden sie mit der Fülle der Gnade ausgestattet, wodurch sie erst so richtig reiche Frucht bringen werden.
Und dieser Geist wird sie befähigen, alles im Namen Jesu zu erbitten, der zur Rechten des Vaters sitzen wird.

Heute hören wir sehr viel von Würde, von Berufung, Taufe und Weihe. Diese Dinge sind wichtig und müssen gut auseinandergehalten werden. Besonders wichtig ist für uns heute der Gedanke, dass wir als Getaufte eine so große Würde erhalten haben, die uns keiner nehmen kann. Zudem lernen wir heute vor allem, dass wir uns als Getaufte nicht einfach zurücklehnen und ausruhen können, weil wir ja nicht Priester sind. Nein, auch wir haben eine Berufung und dieser müssen wir gerecht werden, so gut wir können. Denn wenn wir am Ende unseres Lebens vor Gott stehen, wird er uns fragen, was wir aus der großen Verantwortung gemacht haben.

Ihre Magstrauss

Freitag der 3. Osterwoche

Apg 9,1-20; Ps 117,1.2; Joh 6,52-59

Heute am 1. Mai feiern wir Josef den Arbeiter. Doch in diesen Tagen hören wir aus der Brotrede Jesu, die so wichtig ist, dass wir deshalb die Lesungen des Tages nehmen. Gestern am Fest der Heiligen Katharina haben wir sie ja schon unterbrochen.

Apg 9
1 Saulus wütete noch immer mit Drohung und Mord gegen die Jünger des Herrn. Er ging zum Hohepriester
2 und erbat sich von ihm Briefe an die Synagogen in Damaskus, um die Anhänger des Weges Jesu, Männer und Frauen, die er dort finde, zu fesseln und nach Jerusalem zu bringen.
3 Unterwegs aber, als er sich bereits Damaskus näherte, geschah es, dass ihn plötzlich ein Licht vom Himmel umstrahlte.
4 Er stürzte zu Boden und hörte, wie eine Stimme zu ihm sagte: Saul, Saul, warum verfolgst du mich?

5 Er antwortete: Wer bist du, Herr? Dieser sagte: Ich bin Jesus, den du verfolgst.
6 Steh auf und geh in die Stadt; dort wird dir gesagt werden, was du tun sollst!
7 Die Männer aber, die mit ihm unterwegs waren, standen sprachlos da; sie hörten zwar die Stimme, sahen aber niemanden.
8 Saulus erhob sich vom Boden. Obwohl seine Augen offen waren, sah er nichts. Sie nahmen ihn bei der Hand und führten ihn nach Damaskus hinein.
9 Und er war drei Tage blind und er aß nicht und trank nicht.
10 In Damaskus lebte ein Jünger namens Hananias. Zu ihm sagte der Herr in einer Vision: Hananias! Er antwortete: Siehe, hier bin ich, Herr.
11 Der Herr sagte zu ihm: Steh auf und geh zu der Straße, die man Die Gerade nennt, und frag im Haus des Judas nach einem Mann namens Saulus aus Tarsus! Denn siehe, er betet
12 und hat in einer Vision gesehen, wie ein Mann namens Hananias hereinkommt und ihm die Hände auflegt, damit er wieder sieht.
13 Hananias antwortete: Herr, ich habe von vielen gehört, wie viel Böses dieser Mann deinen Heiligen in Jerusalem angetan hat.
14 Auch hier hat er Vollmacht von den Hohepriestern, alle zu fesseln, die deinen Namen anrufen.
15 Der Herr aber sprach zu ihm: Geh nur! Denn dieser Mann ist mir ein auserwähltes Werkzeug: Er soll meinen Namen vor Völker und Könige und die Söhne Israels tragen.
16 Denn ich werde ihm zeigen, wie viel er für meinen Namen leiden muss.
17 Da ging Hananias hin und trat in das Haus ein; er legte ihm die Hände auf und sagte: Bruder Saul, der Herr hat mich gesandt, Jesus, der dir auf dem Weg, den du gekommen bist, erschienen ist; du sollst wieder sehen und mit dem Heiligen Geist erfüllt werden.
18 Sofort fiel es wie Schuppen von seinen Augen und er sah wieder; er stand auf und ließ sich taufen.
19 Und nachdem er etwas gegessen hatte, kam er wieder zu Kräften. Einige Tage blieb er bei den Jüngern in Damaskus;
20 und sogleich verkündete er Jesus in den Synagogen: Dieser ist der Sohn Gottes.

In der Lesung hören wir von der wunderbaren Bekehrung des Paulus/Saulus. In der Osterzeit hören wir ja immer einen Ausschnitt aus der Apostelgeschichte und da ist uns neulich bereits angedeutet worden, dass mit der Tötung des Stephanus gleichsam eine Christenverfolgung in Jerusalem begann. Dort wurde schon gesagt, dass Saulus einen großen Anteil daran hat. Heute hören wir, dass er mittlerweile die Christen im Hl. Land und rings umher verfolgt, weil er meint, Gott damit einen heiligen Dienst zu leisten (vgl. Joh 16,2). Er versucht sogar, mehr Systematik in die Tötung der Christen zu erlangen, indem er beim Hohepriester um Briefe für die Synagogen in Damaskus erbittet, damit auch dort die Christen festgenommen und in Jerusalem verurteilt würden.
Dann passiert etwas, das sein ganzes Leben ändern wird: „Ein Licht vom Himmel umstrahlte“ ihn. Alles, was himmlisch ist, wird von Visionären und Mystikern voller Licht beschrieben. Es ist die Gnade und Herrlichkeit Gottes, die heller ist als jegliches irdische Licht. Deshalb ist die Lichtmetapher auch so verbreitet für den Messias und in den vielen Himmelsvisionen des Alten und Neuen Testaments.
Er stürzt zu Boden, was ebenfalls eine typische Manifestation der Gegenwart Gottes ist. Wir kennen das aus charismatischen Kreisen. Dort fallen auch Menschen zu Boden, weil sie keine Kontrolle mehr über ihren Körper haben. Sie werden nicht ohnmächtig, sondern für einen kurzen Moment gelähmt. Das ist weder etwas Gutes noch etwas Schlechtes, sondern einfach die Reaktion eines schwachen Menschen auf die überwältigende Kraft des Hl. Geistes. Und dann spricht Jesus zu ihm. Er fragt ihn gerade heraus: „Warum verfolgst du mich?“ So ist der Herr. Er konfrontiert uns mit einer Frage, damit wir uns selbst hinterfragen. Er hat dies vor dem Hohen Rat getan, als der Diener des Hohepriesters ihm ins Gesicht geschlagen hat („Warum schlägst du mich?“). Dabei ruft er Saulus auch beim Namen. Dadurch fühlt er sich nicht nur persönlich angesprochen, sondern weiß auch, dass Jesus ihn kennt. Er wird sich in dem Moment ganz und gar durchschaut gefühlt haben.
Auf die Frage hin, wer er sei, antwortet Jesus ihm: „Ich bin Jesus, den du verfolgst.“ Er sagt nicht: „Ich bin Jesus, dessen Jünger du verfolgst.“ Das ist wichtig. Jesus hat einmal erklärt, dass was wir den geringsten Brüdern getan haben, wir ihm getan haben und umgekehrt. Derjenige, den Saulus also am meisten verletzt, ist Jesus selbst.
Jesus fordert den Christenverfolger auf, nach Damaskus zu gehen, wo ihm alles Weitere aufgetragen werde. Die Begleiter des Saulus müssen total irritiert sein, weil sie Jesu Stimme hören, jedoch nichts sehen.
Sie merken aber, dass etwas passiert sein muss, denn Saulus ist blind. Das Licht der Herrlichkeit Gottes hat ihn so geblendet, dass er nichts sehen kann. Er muss nach Damaskus geführt werden. Insgesamt hat die Begegnung mit Jesus ihre Folgen. Er kann drei Tage weder etwas sehen noch etwas zu sich nehmen. Auch dies ist eine Manifestation des Hl. Geistes. Viele Menschen berichten, dass sie bei Exerzitien oder anderen geistlichen Veranstaltungen kaum etwas essen, weil sie kein Hungergefühl oder keinen Appetit verspüren.
Gott führt daraufhin Saulus mit einem Christen namens Hananias zusammen so wie an anderer Stelle Petrus und Kornelius. Gott bereitet den Jünger darauf vor, dem großen Christenverfolger die Hände aufzulegen, damit er wieder sieht. Er hakt beim Herrn nach, weil er nur Schlimmes von Saulus gehört hat, doch Gott ermutigt ihn. Er kündigt Hananias an, dass Saulus noch ein großes Werkzeug Gottes werden würde. Er wird dabei den Christus nicht nur den „Söhnen Israels“ bringen, sondern gerade den „Völkern“.
Hananias gehorcht dem Herrn und geht zur Unterkunft des Saulus. Er legt ihm die Hände auf, was eventuell schon auf einen sakramentalen Akt hinweist (Hananias ist wahrscheinlich geweiht, also Diakon, Priester oder Bischof). Denn bei der Gabe des Hl. Geistes kann er wieder sehen, steht auf und lässt sich taufen. Dieses „wie Schuppen von den Augen“ können wir mehrfach verstehen. Der Geist Gottes hat ihm die biologischen Augen geöffnet, aber dadurch, dass er sich sofort taufen lässt, müssen auch die Augen seines Glaubens geöffnet worden sein. Er wird erkannt haben, dass er sein bisheriges Leben falsch gelebt hat. Nun kann er auch wieder essen und zu Kräften kommen. Er verbringt noch einige Tage bei der Gemeinde in Damaskus und beginnt sehr schnell mit der Verkündigung Jesu Christi in den Synagogen. Man muss sich vorstellen, wie verwirrt die dort Ansässigen gewesen sein mussten, dass der eifrige Christenverfolger, der ein richtiger Prominenter war, plötzlich FÜR Christus gesprochen hat.
So groß ist Gottes Gnade. Er kann in einem kurzen Moment unser ganzes Leben auf den Kopf stellen und aus dem größten Sünder den begeistertsten Jünger machen. Das Problem ist, dass Menschen das oft nicht anerkennen und immer noch den alten Menschen sehen. Sie haben einen schon längst in eine bestimmte Schublade gesteckt und einen Stempel aufgedrückt. Sie werden einen unter Umständen ewig als diesen alten Menschen betrachten, so als ob man sich nicht ändern könne. Gott ist aber anders. Er sieht immer das Potenzial und möchte dieses immer aus uns herauskitzeln, uns zu echten Diamanten schleifen, zu wunderbaren Werkzeugen seines Heils. Freuen wir uns heute darüber, dass Saulus alias Paulus sich bekehrt hat! Ohne ihn wären wir womöglich gar keine Christen geworden. Die Heidenmission ist größtenteils ja ihm zu verdanken.

Ps 117
1 Lobt den HERRN, alle Völker, rühmt ihn, alle Nationen!

2 Denn mächtig waltet über uns seine Huld, die Treue des HERRN währt in Ewigkeit. Halleluja!

Der heutige Psalm ist sehr kurz. Er besteht aus nur zwei Versen. Er ist betitelt mit „Aufruf an alle Völker zum Lob Gottes“. Genau darin knüpft er an die Bekehrung des Paulus an. Wir, die wir im Grunde zu den sogenannten „Heidenchristen“ gehören, die also nicht zuvor Juden waren, haben allen Grund, Gott zu loben. Er hat Paulus zum Werkzeug der Heidenmission eingesetzt, sodass der Glaube in unseren Breitengraden überhaupt ankommen konnte. Auch wenn er nicht direkt hier gewirkt hat, hat Paulus die Weichenstellungen gesetzt. Hier lesen wir die Aufforderung zum Lob an die heidnischen Völker, das hebräische Wort גֹּויִם gojim wird verwendet.
Gott ist treu. Er hat schon damals mit Paulus an unsere Gotteskindschaft gedacht und alles schon so geplant, dass das Evangelium wirklich allen Geschöpfen verkündet werden konnte. Das ist immer und überall den Hallelujaruf wert!

Joh 6
52 Da stritten sich die Juden und sagten: Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?
53 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.
54 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.
55 Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank.
56 Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der bleibt in mir und ich bleibe in ihm.
57 Wie mich der lebendige Vater gesandt hat und wie ich durch den Vater lebe, so wird jeder, der mich isst, durch mich leben.
58 Dies ist das Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Es ist nicht wie das Brot, das die Väter gegessen haben, sie sind gestorben. Wer aber dieses Brot isst, wird leben in Ewigkeit.
59 Diese Worte sprach Jesus, als er in der Synagoge von Kafarnaum lehrte.

Nun hören wir die letzten Ausführungen aus der Brotrede Jesu. Die Juden streiten sich, gemeint ist untereinander. Dieser Streit muss in verbalen Auseinandersetzungen bestehen, wie das Wort μάχομαι machomai unter anderem verstanden werden kann. Sonst wird im Johannesevangelium auch gerne gesagt, dass „unter ihnen Spaltung entsteht“. Es gibt viele Zuhörer, die Jesus widersprechen und das nicht annehmen wollen, was er sagt. Sie fragen deshalb ganz verwirrt nach: „Wie kann er uns sein Fleisch zu essen geben?“ Jesus könnte jetzt schon einhaken und sagen, dass er es symbolisch meint. Stattdessen setzt er noch einen drauf: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.“ Wir können also nur das ewige Leben haben, wenn wir ihn essen und trinken. Es ist auch logisch: Er ist das ewige Leben und es ist nur in uns, wenn wir es in uns aufnehmen.
Jesus rudert nicht zurück und versucht sich zu erklären, damit die Menschen keinem kannibalistischen Missverständnis aufsitzen. Sie können es noch nicht verstehen, weil Jesus die Eucharistie erst viel später etablieren wird.
Er spricht weiter: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.“ Sein Fleisch und Blut sind für uns existenziell. Wir werden mit unseren Leibern wieder vereint und als neue Schöpfung ewig bei Gott leben in seinem Reich, wenn wir Jesus in uns aufgenommen haben. Auch jetzt sagt Jesus nichts davon, dass er es symbolisch meint.
Im Gegenteil. Er betont noch einmal und stellt klar: „Denn mein Fleisch ist wahrhaft eine Speise und mein Blut ist wahrhaft ein Trank.“ Nichts mit reinem Gedächtnismahl. Er selbst ist es, den wir als wahre Speise und wahren Trank in uns aufnehmen sollen, um das ewige Leben zu haben! Es ist wahre Nahrung für den Leib (also essen und trinken wir es wortwörtlich). Doch sie nährt und tränkt nicht nur den Leib, sondern vor allem auch die Seele des Menschen auf dem Lebensweg bis hin in die Ewigkeit.
Das Essen und Trinken Jesu ist ein Akt, der uns ganz mit ihm vereinigt, so dass er wirklich in uns ist und wir in ihm. Das ist die intimste Begegnung, die wir mit ihm haben können. In ihm zu sein und umgekehrt ist bei Johannes auch immer die Wendung für den Stand der Gnade. Uns werden überreiche Gnaden geschenkt, wenn wir ihn immer wieder in uns aufnehmen. In dieser intimen Vereinigung mit Jesus können wir wirklich durch ihn leben, ihn, den der Vater gesandt hat.
Auch heute lesen wir davon, dass Jesus sich als Himmelsbrot mit dem Manna der Väter in der Wüste vergleicht. Sie sind leiblich gestärkt worden durch dieses Brot, doch irgendwann sind sie gestorben. Ja noch mehr: Sie konnten auch in Ewigkeit nicht leben (das ewige Leben meint das Himmelreich). Sie mussten ausharren, bis das wahre Himmelsbrot kommt, Jesus Christus! Durch ihn würden sie aus dem Exil befreit.
Wer aber dieses Himmelsbrot isst, das auch leiblich stärkt, wird zugleich seelisch am Leben gehalten. Seine Identität als Himmelsbrot führt die Menschen ins Himmelreich.
Wir brauchen dieses Himmelsbrot so sehr, dass wir ohne es das ewige Leben beim Vater nicht haben können. Denn es verhilft uns zu einem Ineinandersein mit Jesus Christus.
Diese Predigt hält Jesus in Kafarnaum und danach werden viele Menschen von ihm weggehen. Sie haben ihn gefeiert, als er sie mit reichlich Brot und Fisch satt gemacht hat. Nun, wo er die Pointe dieser Heilstat erklärt, wollen sie ihm nicht mehr folgen. So ist es bis zum Schluss: Wo Jesus angenehme Sachen predigt, viele Menschen heilt und spektakuläre Wunder vollbringt, kommen die Menschen in Scharen zu ihm. Je mehr es aber um die entscheidenden Dinge geht und je mehr es um Umkehr, Leiden und Opfer geht, desto mehr verringert sich der Kreis um ihn. Je näher er dem Kreuz kommt, desto mehr Menschen wenden sich von ihm ab. Am Ende steht nur ein einziger von zwölf Aposteln unter dem Kreuz und einige Frauen mit der Mutter Jesu.

Wählen wir. Wollen wir zu jenen gehören, die bei Jesus bleiben, solange seine Botschaft unsere Komfortzone nicht überschreitet? Oder sind wir bereit, mit ihm den ganzen Weg bis zum Kreuz auf Golgota zu gehen, um mit ihm gekreuzigt zu werden? Paulus hat gewählt. Nachdem es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen ist, hat er sein restliches Leben ganz hingegeben für die Sendung Jesu Christi. Er hat alles gegeben und ist am Ende hingerichtet Worten für das Evangelium Jesu Christi. Er ist den Weg bis Golgota gegangen. Und auch in seinem Fall sind viele Menschen von ihm weggegangen, als er dieselbe Botschaft Jesu Christi fortgeführt hat. Auch ihn haben die Menschen sehr oft abgelehnt, weil ihnen das Evangelium einfach zu radikal oder unverständlich erschien. Doch er hat weitergemacht, weil er begriffen hat, worum es geht. Bitten wir den Herrn auf die Fürsprache seiner treuen Zeugen um Mut und Standhaftigkeit, auf dass auch wir diesen Weg bis zum Ende gehen können.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 3. Osterwoche

Apg 8,26-40; Ps 66,8-9.16-17.19-20; Joh 6,44-51

Apg 8
26 Ein Engel des Herrn sagte zu Philippus: Steh auf und geh nach Süden auf der Straße, die von Jerusalem nach Gaza hinabführt! Sie führt durch eine einsame Gegend.
27 Und er stand auf und ging. Und siehe, da war ein Äthiopier, ein Kämmerer, Hofbeamter der Kandake, der Königin der Äthiopier, der über ihrer ganzen Schatzkammer stand. Dieser war gekommen, um in Jerusalem anzubeten,
28 und fuhr jetzt heimwärts. Er saß auf seinem Wagen und las den Propheten Jesaja.
29 Und der Geist sagte zu Philippus: Geh und folge diesem Wagen!
30 Philippus lief hin und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen. Da sagte er: Verstehst du auch, was du liest?
31 Jener antwortete: Wie könnte ich es, wenn mich niemand anleitet? Und er bat den Philippus, einzusteigen und neben ihm Platz zu nehmen.
32 Der Abschnitt der Schrift, den er las, lautete: Wie ein Schaf wurde er zum Schlachten geführt; und wie ein Lamm, das verstummt, wenn man es schert, so tat er seinen Mund nicht auf.
33 In der Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben. Seine Nachkommen, wer wird von ihnen berichten? Denn sein Leben wurde von der Erde fortgenommen.
34 Der Kämmerer wandte sich an Philippus und sagte: Ich bitte dich, von wem sagt der Prophet das? Von sich selbst oder von einem anderen?

35 Da tat Philippus seinen Mund auf und ausgehend von diesem Schriftwort verkündete er ihm das Evangelium von Jesus.
36 Als sie nun weiterzogen, kamen sie zu einer Wasserstelle. Da sagte der Kämmerer: Siehe, hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?
37 Da sagte Philippus zu ihm: Wenn du aus ganzem Herzen glaubst, ist es möglich. Er antwortete: Ich glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist.
38 Er ließ den Wagen halten und beide, Philippus und der Kämmerer, stiegen in das Wasser hinab und er taufte ihn.
39 Als sie aber aus dem Wasser stiegen, entrückte der Geist des Herrn den Philippus. Der Kämmerer sah ihn nicht mehr und er zog voll Freude auf seinem Weg weiter.
40 Den Philippus aber sah man in Aschdod wieder. Und er wanderte durch alle Städte und verkündete das Evangelium, bis er nach Cäsarea kam.

Heute hören wir von einem gewissen Philippus, der auf Anweisung Gottes (durch einen Engel) die Reise auf der Straße von Jerusalem nach Gaza antritt. Gott führt ihn dort hin, weil er durch ihn einen äthiopischen Kämmerer zu seinem geliebten Sohn und Erben machen möchte. Dieser Philippus ist nicht einer der zwölf Apostel, sondern bezieht sich auf einen der sieben Diakone der Urgemeinde in Jerusalem (so wie Stephanus). Zuvor verkündete Philippus das Wort Gottes in Samarien, dem Gebiet, das von den Juden als aus dem Heilsplan herausgefallen gilt. Zuvor schon waren die Bewohner der Stadt Sychar zum Glauben an Christus gekommen, nachdem Jesus dort mit einer Frau am Jakobsbrunnen ein Gespräch über das lebendige Wasser geführt hat. Als nach Philippus‘ Früchten die Apostel Petrus und Johannes dort hinkommen und den gläubig Gewordenen den Heiligen Geist spenden, erfüllt sich nun, was Jesus schon angekündigt hat. Sie werden mit dem lebendigen Wasser getränkt, das sie nie mehr dürsten lässt.
Und nun ist Philippus also unterwegs, um einen neuen Plan Gottes umzusetzen.
Auf dieser besagten Straße begegnet er nun einem Kämmerer, also einem Schatzmeister, der äthiopischen Königin. Er ist auf dem Rückweg von Jerusalem, wo er angebetet hat. Das zeigt uns: Es handelt sich um einen sogenannten Gottesfürchtigen. Das sind Menschen, die sich dem jüdischen Glauben sehr verbunden wissen, sogar die jüdische Ethik umsetzen, aber den letzten Schritt der Beschneidung und Einhaltung der Torah scheuen.
Er liest laut aus dem Buch Jesaja und Philippus, der die Eingebung bekommt, dem Wagen des Kämmerers zu folgen, spricht ihn an mit der entscheidenden Frage: „Verstehst du auch, was du liest?“
Der Kämmerer ist sehr aufgeschlossen und überhaupt nicht hochmütig. Er sagt offen, dass er es nicht versteht, weil ihm keiner den Sinn davon erschließt. Er hat ein offenes und bereites Herz, nur keinen Lehrer oder Katecheten. Darin ist er ein perfekter Nährboden für die Gnade Gottes.
Der Mann ist auf der Suche. Er strebt nach Erkenntnis und lädt von sich aus Philippus auf seinen Wagen ein.
Dieser erkennt, was für eine messianische Stelle der Kämmerer liest: „Wie ein Schaf wurde er zum Schlachten geführt; und wie ein Lamm, das verstummt, wenn man es schert, so tat er seinen Mund nicht auf. In der Erniedrigung wurde seine Verurteilung aufgehoben. Seine Nachkommen, wer wird von ihnen berichten? Denn sein Leben wurde von der Erde fortgenommen.“
Dieser Abschnitt ist aus dem vierten Gottesknechtslied, das wir an Karfreitag gehört haben. Der Kämmerer versteht, dass es eine wichtige Person sein muss, die hier so betrachtet wird. Er möchte verstehen, wer das ist. Ausgehend davon erklärt ihm Philippus, dass es sich mit Jesus Christus erfüllt hat. Er nimmt diesen Wissensdurst und die Offenheit des Kämmerers zum Anlass, das Evangelium Jesu Christi zu verkünden. Was er inhaltlich sagt, wird uns hier nicht überliefert, aber wir können uns denken, was er alles sagt.
Jesus Christus ist dieses makellose Lamm, das sich nicht gewährt hat und das zum Opferlamm für die ganze Welt geworden ist. Er ist wirklich gerecht und ohne Sünde. Er ist für die ganze Menschheit gekreuzigt worden, blieb aber nicht im Tod. Er hat allen Menschen die Erlösung erwirkt und hat gesagt: Wer an mich glaubt und sich taufen lässt, wird auf ewig nicht sterben, wird das ewige Leben haben. Philippus wird von der ersten Urgemeinde, vor allem von den vielen Augenzeugen der Auferstehung berichtet haben. Er wird von den vielen wunderbaren Dingen erzählt haben, die Jesus gesagt und getan hat, von den vielen Heilstaten, Exorzismen und Sündenvergebungen.
Und als sie dann an eine Wasserstelle kommen, sagt der eifrige Kämmerer nun: „Siehe, hier ist Wasser. Was steht meiner Taufe noch im Weg?“ Er bittet von sich aus um die Taufe, doch zuvor erklärt der Diakon ihm die wichtigste Bedingung: „Wenn du aus ganzem Herzen glaubst, ist es möglich.“ Die Taufe ist ein äußeres Zeichen für den inneren Glauben des Menschen. Deshalb wird ein Taufbewerber bis heute vor der Taufe zur Widersagung des Bösen aufgefordert und daraufhin nach dem Glauben an Gott Vater, Sohn und Heiligem Geist gefragt.
Der Kämmerer antwortet klar und deutlich mit einem Glaubensbekenntnis: „Ich glaube, dass Jesus Christus der Sohn Gottes ist.“
Kurzerhand steigen sie ins Wasser und Philippus tauft den Kämmerer.
Als er wieder auftaucht, hat der Geist den Diakon schon woanders hin entrückt. Das ist ein Charisma, das wir von einigen Heiligen überliefert haben. Dazu ist Gott fähig, der die Naturgesetze geschaffen und deshalb auch überbieten kann. Philippus taucht in Aschdod wieder auf.
Der Kämmerer zieht weiter heim, und zwar voller Freude. Das ist nicht einfach nur eine banale Nebensächlichkeit, sondern es handelt sich dabei um eine tiefgründige Aussage. In den letzten Wochen habe ich immer wieder über die Freude gesprochen, die dem Menschen als übernatürliche Gabe Gottes geschenkt wird und der Inbegriff von Ostern ist. Durch die Taufe ist sie nun auch dem Äthiopier geschenkt worden.
Philippus verkündet und missioniert unermüdlich weiter, bis er nach Cäsarea kommt.

Ps 66
8 Preist unseren Gott, ihr Völker, lasst laut sein Lob erschallen!
9 Er erhielt uns am Leben und ließ unseren Fuß nicht wanken.
16 Alle, die ihr Gott fürchtet, kommt und hört; ich will euch erzählen, was er mir Gutes getan hat.
17 Mit meinem Mund habe ich zu ihm gerufen, da lag das Rühmen mir schon auf der Zunge.
19 Gott aber hat gehört, auf mein drängendes Bittgebet geachtet.
20 Gepriesen sei Gott; denn er hat mein Bittgebet nicht unterbunden und mir seine Huld nicht entzogen.

Die Taufe des Äthiopiers ist ein Grund zum Lobpreis Gottes, der die Menschen wirklich an sich zieht. Er möchte alle Menschen retten und sie zu seinen Kindern machen. Das ist der Sinn ihres Lebens. Die Universalität der Erlösung Jesu Christi wird immer deutlicher, da nun auch „Ausländer“ zum Glauben an ihn kommen.
Der Lobpreis ist besonders, denn die psalmentypische Aufforderung zum Lobpreis richtet sich heute an die „Völker“. Im Hebräischen wird nicht das Wort für heidnische Völker gojim verwendet, sondern עַמִּ֥ים ammim. Dieser Plural bezieht sich auf alle Völker der Erde in ihrer Gesamtheit, ist in der Mehrzahl also ein allgemeiner Begriff. Alle Völker sollen Gott danken für das, was er an seinem auserwählten Volk getan hat. Wir lesen es schon christologisch, was wörtlich hier natürlich erst einmal die Rettung des Volkes Israel aus der Knechtschaft Ägyptens und später aus dem babylonischen Exil meint. Gott hat sein auserwähltes Volk, was nun aus allen Menschen egal welcher Nation besteht, die die Erlösung Jesu Christi annehmen. Die Rettung, die allen Menschen angeboten wird, ist eine Rettung aus dem Exil des irdischen Lebens hinein in das ewige Leben bei Gott!
So ist es wirklich existenziell zu verstehen, wenn es in Vers 9 heißt: „Er erhielt uns am Leben und ließ unseren Fuß nicht wanken.“ Es meint wörtlich zunächst das irdische Leben im verheißenen Land, in politischem Frieden und in einem unbeschwerten, wohlhabenden Leben. Doch mit Christus ist eine neue Etappe erreicht worden: Unser ewiges Leben ist nun erhalten worden, was zuvor nicht der Fall war. Selbst die Gerechten des Alten Testaments durften das Angesicht Gottes nicht schauen, was der Inbegriff des ewigen Lebens ist.
„Alle, die ihr Gott fürchtet, kommt und hört“ bezieht sich heute in ganz besonderer Weise auf den Kämmerer! Eigentlich ist ursprünglich der gottesfürchtige Jude gemeint, der die Torah hält und die Opfer darbringt. Nun geht es über den jüdischen Tellerrand hinaus, denn der Neue Bund ist nicht mehr an eine einzige Nation gebunden. Er steht bereit für alle Menschen guten Willens. Und der äthiopische Kämmerer in der Apostelgeschichte stellt ein wunderbares Beispiel dafür dar. Gott hat ihn gleichsam zu sich gezogen, indem er den Diakon Philippus zu ihm gesandt hat. Dieser hat die Vollmacht, Menschen zu Kindern Gottes zu machen, indem er sie als Gläubige tauft. Wir brauchen die geweihten Männer. Das sehen wir an dieser Lesung noch einmal deutlich. Auch wenn wir zum Glauben an Gott kommen – das Sakrament der Taufe, das unauslöschliche Siegel auf unseren Seelen, das uns das ewige Leben ermöglicht, können wir uns nicht selbst geben. Dafür brauchen wir die Geweihten, also die Bevollmächtigten der Sakramente.
„Mit meinem Mund habe ich zu ihm gerufen, da lag das Rühmen mir schon auf der Zunge.“ Mit dem Mund gerufen haben all jene, die zum Herrn vertrauensvoll ihre Bitten gebracht haben. Da war das Rühmen schon auf der Zunge, weil Gott die Gebete erhört. Jesus hat diese Art von Beten wunderbar vorgelebt, indem er bei der Auferweckung des Lazarus nicht mal ein Bittgebet formuliert. Er dankt dem Vater schon für seine Gebetserhörung, weil er von ganzem Herzen gewiss ist, dass dieser ihm alles gewährt. Mit so einem Vertrauen hat womöglich auch der Kämmerer in Jerusalem gebetet, als er zur Anbetung zum Tempel gegangen ist. Dort gibt es für die Heiden einen eigenen Hof.
Auch Vers 19 bringt dies auf den Punkt. Gott erhört das Bittgebet. Er hat das Schreien seiner geliebten Kinder in Ägypten gehört, die unter der Last der Sklaverei gelitten haben. Er hat das Schreien seiner geliebten Kinder in Babylon gehört, die fernab von ihrer Heimat und ohne Tempel ganz verloren und verzweifelt sind. Er hat das Schreien seines Volkes gehört, das unter den Römern gelitten hat. Aber vor allem hat er den Schrei jener gehört, die sein Angesicht nicht schauen durften, die aus dem Paradies verbannt im Exil der Vorhölle verharren mussten.
Gott sei gelobt und gepriesen, weil er das Gebet der gesamten Menschheit erhört hat. Er hat seinen einzigen Sohn dahingegeben, damit alle Menschen gerettet werden würden auf das ewige Leben hin! Gott ist so gütig und barmherzig, dass unser ganzes Leben eine einzige lobpreisende Antwort auf dieses überwältigende Heil darstellen soll.
Der freudige Duktus dieses Psalms fasst in poetischen Worten die Freude des Neugetauften in der Apostelgeschichte zusammen. Nun kann er sein weiteres Leben ganz im dankenden Lobpreis verbringen, denn er ist als Erbe im Reiche Gottes eingesetzt worden!

Joh 6
44 Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht; und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag.
45 Bei den Propheten steht geschrieben: Und alle werden Schüler Gottes sein. Jeder, der auf den Vater hört und seine Lehre annimmt, wird zu mir kommen.
46 Niemand hat den Vater gesehen außer dem, der von Gott ist; nur er hat den Vater gesehen.
47 Amen, amen, ich sage euch: Wer glaubt, hat das ewige Leben.
48 Ich bin das Brot des Lebens.
49 Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben.
50 So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben.
51 Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. Das Brot, das ich geben werde, ist mein Fleisch für das Leben der Welt.

Im Evangelium hören wir heute einen weiteren Abschnitt aus der wunderbaren Brotrede Jesu in Kafarnaum. Gestern habe ich erwähnt, dass es eigentlich ein Dialog mit den dort versammelten Menschen ist und analog zum Gespräch Jesu mit der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen zu betrachten ist.
Jesus sagt hier etwas Entscheidendes, was einen Bogen zum Kämmerer zieht: „Niemand kann zu mir kommen, wenn nicht der Vater, der mich gesandt hat, ihn zieht.“ Kornelius hat sich aufrichtig bemüht, die Wahrheit zu erkennen. Er liest laut, er geht nach Jerusalem zur Anbetung. Er sehnt sich nach der Wahrheit, aber er schafft es von sich aus nicht, sie zu erhalten. Der Vater hat ihn wirklich gezogen, zu sich! Dafür hat er den Diakon Philippus zu seinem Werkzeug gemacht. Dieser ist sein Sprachrohr, das Sprachrohr des Heiligen Geistes, der durch ihn spricht und dem Kämmerer die Augen öffnet. So wie der Vater den Sohn gesandt hat (Jesus Christus als Mensch in diese Welt, nun als Leib Christi in jede Heilige Messe), so sendet er in dessen Nachfolge seine Jünger, auf dass sie den Menschen die frohe Botschaft verkünden, die Jesus zuvor verkündet hat.
Er wird jene, die der Vater an sich gezogen hat, auferwecken am jüngsten Tag. Dann werden sie mit Leib und Seele vereint für immer Gottes Angesicht schauen.
Jesus verweist dann auf die Propheten, wo geschrieben steht: „Alle werden Schüler Gottes sein.“ Es bezieht sich auf die Schriftstelle Jes 54,13, die die künftige Herrlichkeit Zions thematisiert. Der Kämmerer ist einer von diesen Schülern und deshalb beauftragt Jesus seine Apostel vor seiner Himmelfahrt auch damit, alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen. Wir alle sind anhaltende Schüler in der Schule Gottes. Er lehrt uns durch seinen Heiligen Geist Tag für Tag immer mehr von seiner göttlichen Weisheit. Wir begreifen täglich ein wenig mehr von seiner Offenbarung. Am Ende werden wir ihn dann sehen, wie er ist. Dann brauchen wir keine Unterweisung mehr, sondern werden alles erkennen.
Jesus betont heute noch einmal, dass nur er ein authentische Kunde vom Vater geben kann, weil er beim Vater war, bevor er Mensch wurde. Er ist der Sohn, der am väterlichen Herzen ruht auch jetzt in seiner Zeit auf Erden.
Jesus bringt auf den Punkt, warum der Kämmerer sich taufen ließ und nun voller Freude den Rest seines irdischen Daseins leben kann: Er glaubt an Jesus Christus und dieser Glaube bringt ihn zum ewigen Leben! Das ist der größte Grund zur Freude.
Jesus sagt explizit, dass er das Brot des Lebens ist. Direkt im Anschluss an den Satz über das ewige Leben wird uns klar, dass Jesus damit das Brot des EWIGEN Lebens ist.
Er als Brot des Lebens ist abzugrenzen von dem Manna in der Wüste, was das höchste Brot für die Juden war. Es ist wirklich eine physische Stärkung des Volkes Israels in der Wüstenzeit, aber immerhin kam es vom Himmel. Doch es kann sich nicht mit Christus messen, denn diese physische Stärkung verhinderte nicht, dass die Väter irgendwann gestorben sind.
Wer aber von dem Brot des Lebens isst, hat er das ewige Leben! Das Essen ist eindeutig eucharistisch gemeint. Wenn wir den Leib Christi, der wirklich und real ist, essen, werden wir nicht sterben (zumindest seelisch nicht, bis zum jüngsten Tag, wo auch unser gestorbener Leib wiederhergestellt wird). Das Essen des Leibes ist kein Kannibalismus. Gerne verlinke ich Ihnen hier mein Video, in dem ich erkläre, warum die Eucharistie eben kein Kannibalismus ist und doch das Brot des Lebens wirklich Jesus selbst ist: https://www.youtube.com/watch?v=Pq8dTMK5kT4 (ab Min. 10).
Jesu Brotsein impliziert keinesfalls eine tote Materie. Dieses Brot führt nicht nur zum Leben, sondern ist selbst lebendig.
Er sagt selbst von sich aus, dass er vom Himmel herabgekommen ist. Das ist eine Typologie zum Manna der Wüstenväter mit eben jenem Unterschied, dass er lebendig ist – eine Person! Er spricht seine eigene Präexistenz aus, von der wir im Johannesprolog feierlich bekennen.
Jesus deutet noch eine weitere wichtige Sache an, die Gründonnerstag und Karfreitag miteinander verbindet: Jesus ist das lebendige Brot, das er geben wird – nicht nur im Abendmahlssaal, wenn er die Eucharistie stiften wird. Es ist sein eigenes Fleisch, das er am Kreuz dahingeben wird. Das Fleisch, das ganz zerschunden und bis auf den letzten Tropfen grausam ausgeblutet wird. Es ist wie ein Schächtvorgang bei den Opferlämmern, die für den Jerusalemer Tempel geschlachtet wurden.
Was im Abendmahlssaal gestiftet wird, erfüllt sich erst so richtig am Tag darauf mit dem Opfertod auf Golgota.

Jesus spricht hier schon sehr tiefgründige und existenzielle Dinge an, doch die Menschen werden lange brauchen, das alles zu begreifen. Viele werden sich auch von ihm abwenden, weil sie sagen, seine Worte seien unerträglich. Und doch gibt es immer mehr Menschen, die von seiner Botschaft berührt werden und darin den Sinn ihres Lebens erkennen – und das ewige Leben nur durch den Glauben an Christus ermöglicht sehen.

Wir brauchen das lebendige Brot, das das Fleisch Jesu Christi ist und das er hingegeben hat für das Leben der Welt, für Sie und mich! Danken wir ihm für seine große Liebe, aufgrund der er uns sein Leben geschenkt hat.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der Osteroktav

Apg 3,11-26; Ps 8,2 u. 5.6-7.8-9; Lk 24,35-48

Apg 3
11 Da er sich Petrus und Johannes anschloss, lief das ganze Volk bei ihnen in der sogenannten Halle Salomos zusammen, außer sich vor Staunen.
12 Als Petrus das sah, wandte er sich an das Volk: Israeliten, was wundert ihr euch darüber? Was starrt ihr uns an, als hätten wir aus eigener Kraft oder Frömmigkeit bewirkt, dass dieser gehen kann?
13 Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott unserer Väter, hat seinen Knecht Jesus verherrlicht, den ihr ausgeliefert und vor Pilatus verleugnet habt, obwohl dieser entschieden hatte, ihn freizulassen.
14 Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders erbeten.
15 Den Urheber des Lebens habt ihr getötet, aber Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Dafür sind wir Zeugen.
16 Und aufgrund des Glaubens an seinen Namen hat dieser Name den Mann hier, den ihr seht und kennt, zu Kräften gebracht; der Glaube, der durch ihn kommt, hat ihm vor euer aller Augen die volle Gesundheit geschenkt.
17 Nun, Brüder, ich weiß, ihr habt aus Unwissenheit gehandelt, ebenso wie eure Anführer.
18 Gott aber hat auf diese Weise erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten im Voraus verkündet hat: dass sein Christus leiden werde.

19 Also kehrt um und tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden
20 und der Herr Zeiten des Aufatmens kommen lässt und Jesus sendet als den für euch bestimmten Christus!
21 Ihn muss freilich der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten der Wiederherstellung von allem, die Gott von jeher durch den Mund seiner heiligen Propheten verkündet hat.
22 Mose hat gesagt: Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, aus euren Brüdern erwecken. Auf ihn sollt ihr hören in allem, was er zu euch sagt.
23 Jeder, der auf jenen Propheten nicht hört, wird aus dem Volk ausgemerzt werden.
24 Und auch alle Propheten von Samuel an und alle, die später auftraten, haben diese Tage angekündet.
25 Ihr seid die Söhne der Propheten und des Bundes, den Gott mit euren Vätern geschlossen hat, als er zu Abraham sagte: Durch deine Nachkommenschaft sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.
26 Für euch zuerst hat Gott seinen Knecht erweckt und gesandt, damit er euch segnet und jeden von seiner Bosheit abbringt.

Heute hören wir die Fortsetzung der ersten Heilung im Namen Jesu. Diese schlägt hohe Wellen.
Viele Menschen sammeln sich in der Halle Salomos und staunen über das Wunder.
Petrus nutzt diese Gelegenheit und setzt zu einer Bekenntnisrede an:
Er beginnt diese mit einer rhetorischen Frage („Was wundert ihr euch darüber?“). Er bekennt freimütig, dass die Tat nicht aus eigener Kraft geschehen ist, sondern dass durch ihn Christus selbst gehandelt hat.
Er beginnt daraufhin eine Erklärung der Verheißungen des Alten Testaments, die sich mit Christus erfüllt haben. Ausgehend von dem, was die anwesenden Juden kennen, wendet er die Heilsgeschichte auf Christus an.
Dafür benutzt er bekannte Wendungen wie „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott unserer Väter“ und „sein Knecht Jesus“, den er somit als den leidenden Gottesknecht identifiziert.
Er erklärt, dass Jesus der Messias ist, den Gott verherrlicht hat, der aber von den Menschen verkannt worden ist – und rhetorisch klug bezieht er dies auf eben jene, die in der Halle Salomos anwesend sind. Sie sollen von seinen Worten betroffen sein, damit sie umkehren und die Wahrheit erkennen. Er wirft ihnen vor, den Heiligen und Gerechten durch eine Intrige umgebracht zu haben, den Urheber des Lebens. Diese Titel sind typisch göttlich. Nur dieser ist der Heilige, Gerechte und der Urheber des Lebens. Petrus bekennt, dass Christus Gott ist.
Dieser blieb nicht im Tod. Petrus bekennt, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und die Apostel Zeugen dafür sind.
Weil Petrus und Johannes an den Namen Jesu glauben, ist dieses Heilungswunder geschehen. Jesus selbst hat durch sie diese Heilstat begangen und dem Gelähmten die volle Gesundheit geschenkt, wofür nun die Anwesenden in der Halle Salomos Zeugen darstellen.
Petrus sagt dabei auch aus, dass der Glaube durch ihn komme. Das heißt, dass der Glaube ein Geschenk ist und nicht selbst gemacht werden kann. Er ist eine Gabe Gottes.
Im weiteren Verlauf räumt er den Anwesenden ein, dass sie nicht aus Boswillen, sondern Unwissenheit die Hinrichtung des Messias gefordert hätten. Ihm ist klar, dass hinter ihrem „Kreuzige ihn!“ die religiöse Elite steckt, die die Volksmenge manipuliert und aufgehetzt hat. Er räumt sogar ein, dass eben jene religiöse Elite unwissend war, denn sie haben Jesus als den Messias nicht erkannt. Aus demselben Grund hat Jesus ja auch am Kreuz gebetet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Diese tragischen Umstände hat Gott aber wiederum genutzt, um das universale Heil zu erwirken. Gott kann die größte Katastrophe in den größten Segen umwandeln, weil er ein Gott des Heils ist. Dieser Heilsplan stand schon von Anfang an fest und die Propheten haben es schon angekündigt. Es ist aufgeschrieben in den Hl. Schriften der Juden, die die Anwesenden alle kennen. Sie haben vor allem sein Leiden angekündigt (wir denken natürlich besonders an die Gottesknechtslieder des für sie sehr bekannten Propheten Jesaja).
Und dies alles erklärt Petrus, um sie auf das Hauptanliegen seiner Ansprache zu führen – die Umkehr und Sühne der Sünden.
Und wenn sie dies tun, dann wird der Herr Zeiten des Aufatmens schenken (das heißt Segen) verbunden mit der Wiederkunft Christi. Wenn er wiederkommt, wird Gott alles wiederherstellen, wie es ebenfalls die Propheten vorhersagen.
So führt Petrus einige konkrete Beispiele an wie Mose, der von einem künftigen Propheten spricht, oder Samuel, der sehr ähnliche Dinge prophezeit hat.
Er spricht die Menge direkt an, indem er sie als die Nachkommen jener großen Heilsgestalten Mose und Samuel bezeichnet. Es ist verheißen worden, dass durch sie die ganze Welt Segen erlangen werde („das Heil kommt von den Juden“ – Jesus, das Heil in Person, ist selbst als Jude in diese Welt eingegangen!). Und weil die Juden das Volk sind, in das er hineingeboren wurde, das auserwählte Volk Gottes des Alten Bundes, ist Jesus zuerst für sie gekommen, damit sie von ihrem sündigen Weg abrücken.
Er ist für alle gestorben, das weiß Petrus auch. Aber er betont, was Jesus selbst in Anwesenheit der Syrophönizierin gesagt hat, damit die anwesenden Juden das Heil erkennen und annehmen.
Wie es weitergeht, hören wir heute nicht, aber uns ist ja bekannt, dass die Heilstaten bis zu den Hohepriestern und Schriftgelehrten vordringen. Wie diese sich wohl gefühlt haben? Sie dachten, sie hätten den Aufruhr im Volk, die ganze Bewegung um diesen für sie falschen Messias herum durch seine Hinrichtung endlich beendet und nun beginnt alles von vorne! Das Heil Gottes ist nicht mundtot zu kriegen. Das soll auch uns zum Nachdenken bringen!

Ps 8
2 HERR, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde, der du deine Hoheit gebreitet hast über den Himmel.
5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.
7 Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße:
8 Schafe und Rinder, sie alle und auch die wilden Tiere,
9 die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.

Im Psalm preisen wir nun den Namen Gottes auf der Erde. Es ist eben jener Name, durch den Petrus und Johannes den Gelähmten geheilt haben. Der Name liegt auf der Erde wie der Rauch bzw. die Wolke Gottes auf dem Tempel. Gott ist überall und das ist eine Trostbotschaft für uns. Er ist bei uns, die wir seine Schöpfung sind.
Wir betrachten in dem Psalm vor allem die Schöpfung der Menschheit. Wie kostbar ist diese für den Herrn, dass er sich ihrer annimmt und eine durchgehende Beziehung zu ihr führt! Die ganze Heilsgeschichte, die wir von der Genesis bis zur Johannesoffenbarung vor uns haben, ist eine einzige Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Er wendet sich seinen Geschöpfen zu und tut alles, um deren (Gegen)Liebe zu erwerben.
Dabei hat der Mensch im Gesamt der Schöpfung eine besondere Stellung. Er ist wahrlich die Krone der Schöpfung, denn „du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.“ Dies wird im Schöpfungsbericht ja dadurch deutlich, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen worden ist. Die ewige Seele ist es, die ihm Herrlichkeit und Pracht verleiht.
„Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße“ – die restliche Schöpfung ist dem Menschen anvertraut, weil dieser befähigt ist, Verantwortung für sie zu übernehmen. Gott legte ihm die Schöpfung aber nicht unter die Füße, damit er sie wie ein Tyrann unterdrücke, sondern wie ein Hirte für sie sorge.
In den letzten zwei Versen werden dann Bereiche der Schöpfung aufgezählt, die dem Menschen anvertraut werden.
All das sind wichtige und gute Ausführungen, werden aber erst dann zur Lesung in Bezug gebracht, wenn der Psalm über den wörtlichen Sinn hinaus in seinem geistlichen Sinn betrachtet wird:
Der Mensch, den Gott nur wenig geringer als sich geschaffen hat, ist auch mit der neuen Schöpfung gegeben – den Anfang dieser neuen Schöpfung kennzeichnet ebenfalls ein Menschenpaar – Jesus und Maria. Jesus hat diese neue Schöpfung begründet und auch ihm legt der Vater die gesamte Schöpfung unter die Füße – ihm, dem Erhöhten am Kreuz!
Und diese gesamte Schöpfung ist zusammengefasst in Maria und Johannes, die unter dem Kreuz stehen. Maria ist der Archetyp der Kirche, sie ist das Vorbild der vollkommenen Jüngerschaft und durch die Zuteilung des Johannes zu Maria als Sohn wird Maria zur Mutter aller Glaubenden – sie ist dadurch die neue Eva, die Mutter der Lebenden, nicht mehr der irdisch Lebenden, sondern ewig Lebenden bei Gott.
Jesus Christus ist wahrlich Herrlichkeit und Pracht verliehen worden in einem Maße, den der alte Mensch nicht erfahren hat – schon allein durch den Sündenfall. Wir sprechen hier von Christus in seiner Menschheit, in seiner Gottheit ist er Gott gleich.
Jesus ist der Herrscher über die Schöpfung – die Neugeschaffenen durch den Hl. Geist in der Taufe. Er ist das Haupt und wir die Glieder. Er ist der König des Reiches Gottes.
Und Christus ist dies alles nicht nur für die Menschen: Durch sein Erlösungswirken erlöst er die ganze Welt, auch die Tierwelt, denn diese ist durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares auch ins Chaos gestürzt. Wir lesen bei der Friedensvision des Jesaja davon, wie die Tiere vor dem Sündenfall waren und wie sie mit Neuschöpfung Gottes wieder sein werden.
Es wird eine Versöhnung der gesamten Schöpfung sein!

Lk 24
35 Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.
36 Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
37 Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen.
38 Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen Zweifel aufkommen?
39 Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht.
40 Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße.
41 Als sie es aber vor Freude immer noch nicht glauben konnten und sich verwunderten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier?
42 Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch;
43 er nahm es und aß es vor ihren Augen.
44 Dann sagte er zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesprochen habe, als ich noch bei euch war: Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht.
45 Darauf öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften.
46 Er sagte zu ihnen: So steht es geschrieben: Der Christus wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen
47 und in seinem Namen wird man allen Völkern Umkehr verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden. Angefangen in Jerusalem,
48 seid ihr Zeugen dafür.

Im Evangelium hören wir nun die Fortsetzung der Emmauserzählung. Die Emmausjünger sind in Jerusalem eingetroffen und erzählen von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen, nachdem es schon die in Jerusalem gebliebenen Apostel getan haben.
Während sie erzählen, kommt der Auferstandene in ihre Mitte und begrüßt sie mit den Worten „Friede sei mit euch!“
Sie reagieren mit Furcht, denn sie denken, einen Geist zu sehen. Das ist eine allzu menschliche Reaktion, denn dass jemand mit Leib und Seele aufersteht, ist bis dato etwas ganz Neues.
Jesus konfrontiert sie mit ihren Zweifeln, denn eigentlich haben sie ihn ja schon leibhaftig erfahren.
Er geht auf ihre Zweifel ein und zeigt ihnen die Hände und Füße, an denen die Male der Kreuzigung noch zu sehen sind und ihn als denselben ausweisen, den sie vor dem Tod gesehen haben.
Da sie es vor lauter Freude immer noch nicht fassen können, isst er vor ihren Augen sogar ein Stück gebratenen Fisch. Ein Geist kann ja nichts essen, denn er ist ja nicht einmal materiell.
Als Auferstandener erklärt Jesus ihnen ausgehend von der Hl. Schrift und den Verheißungen der Propheten, dass alles, was passiert ist, passieren musste und die Schrift erfüllt hat.
Insbesondere sein Leiden ist von den Propheten angekündigt worden als Voraussetzung für die Erlösung und Sühne aller Sünden. Er ist so weit gegangen, um die ganze Welt zur Umkehr zu bewegen, angefangen in Jerusalem.
Damit die Menschen diese Heilstat gläubig annehmen, sollen die Apostel mit ihrem Zeugnis einstehen. Deshalb erscheint er ihnen nach seiner Auferstehung immer wieder und erklärt ihnen ausgehend von der Schrift den Plan Gottes.
Er muss es immer wieder tun, denn den Aposteln ist der Hl. Geist in umfassender Weise noch nicht geschenkt worden, der ihnen die Augen für diese Zusammenhänge öffnet. Wenn Jesus „die Propheten“ andeutet, sind vor allem die Prophezeiungen der Gottesknechtslieder aus dem Buch Jesaja gemeint. Gerade dort wird der Sühnetod des Gerechten angekündigt, durch den die Sünde der Welt getragen wird.

Alles hat einen Sinn, auch wenn dieser oft erst im Nachhinein erkannt wird. Die schlimmste Katastrophe ist zum größten Heilsakt aller Zeiten geworden und Jesus ist leibhaftig auferstanden. Er verdeutlicht seinen Aposteln den Sinn seines Leidens und deutet es im Licht der Heilsgeschichte, die sie als fromme Juden aus den Hl. Schriften kennen. Dies wird Petrus nicht vergessen, wenn er dann nach dem Pfingstereignis voller Beherztheit vor die Menschenmengen tritt und mutig für Christus und das Osterereignis einsteht. Er setzt das um, was Jesus als Auferstandener in ihrer Mitte gesagt hat: „Ihr seid Zeugen dafür.“

Wie ist es mit uns? Auch wir sind Zeugen seiner Auferstehung, nämlich in jeder Heiligen Eucharistie. Was wir dort schauen und was wir empfangen – tragen wir es in die Welt hinaus und stehen mutig dafür ein? Herr, gib auch uns den Hl. Geist, damit wir so mutig bekennen, dass du ein Gott des Lebens bist und sich auch heute in Zeiten einer Kultur des Todes nichts daran ändert!

Ihre Magstrauss

Freitag der 5. Woche der Fastenzeit

Jer 20,10-13; Ps 18,2-3.4-5.6-7b.7cdu. 20; Joh 10,31-42

Jer 20
10 Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihn überwältigen und an ihm Rache nehmen können.

11 Doch der HERR steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und können nicht überwältigen. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergesslicher Schmach.
12 Aber der HERR der Heerscharen prüft den Gerechten, er sieht Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen; denn dir habe ich meinen Rechtsstreit anvertraut.
13 Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.

Heute hören wir aus dem Buch Jeremia einen Abschnitt aus der fünften Konfession. Dort beschreibt er die bösen Absichten seiner Gegner, die darauf warten, dass er stürzt. Sie sind es, die ihn verleumden und somit auch Gott. Sie wollen ihn anzeigen und sich an ihm Rächen, weil er immer wieder eine Botschaft verkündet, die sie nicht hören wollen. Jeremia muss wirklich viel für das Wort Gottes leiden und wird somit zum Typos Christi.
Gott lässt ihn nicht allein, genauso wenig wie er seinen eigenen Sohn am Kreuz allein gelassen hat. Er ist „wie ein gewaltiger Held.“ Zwar erweckt er Jeremia nicht zum Leben, doch er sorgt für Gerechtigkeit. Er wird Jeremias Gegnern keinen Segen verleihen und ihre Missetaten auf sie zurücklenken.
Gott prüft den Gerechten, er schaut auf sein Inneres, was mit „Nieren und Herz“ immer gemeint ist. Gott schaut die innersten Regungen des Menschen. Jeremia versteht sein Leiden somit als Prüfung Gottes.
Er vertraut darauf, dass Gott das Unrecht vergelten wird, das dem Propheten widerfährt. Er begründet es damit dass er Gott seinen „Rechtsstreit anvertraut“. Gott ist ein gerechter Richter. Wenn man das Gericht ihm überlässt, erhält jeder Beteiligte ein absolut angemessenes Urteil. Menschliche Gerichte sind dagegen ungerecht, wie Jeremia am Anfang der Lesung ja herausgestellt hat. Er steht für eine gute Sache ein, nämlich für Gottes Botschaft, doch die Menschen möchten ihn anzeigen, vor die Gerichte bringen.
Er vertraut Gott ganz und fordert sogar zum Lobpreis auf: „Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.“ Ja, er wird auch Jesus aus der Hand seiner Übeltäter befreien und ihn über alle anderen erhöhen. Er wird auch uns immer wieder aus den Klauen des Bösen retten, der unsere Seele von Gott wegführen will. Er rettet uns vom seelischen Tod durch die Heilsmittel und schließt dafür den Taufbund mit uns. Er wird uns schließlich auch am Ende der Zeiten retten, wenn alles zusammenbrechen wird. Dann werden wir ein für allemal aus den Fängen des Bösen befreit. Dann werden wir erst recht Gott loben und preisen in Ewigkeit.

Ps 18
2 Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke,
3 HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht.
4 Ich rufe: Der HERR sei hoch gelobt! und ich werde vor meinen Feinden gerettet.
5 Mich umfingen die Fesseln des Todes und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.
6 Mich umstrickten die Fesseln der Unterwelt, über mich fielen die Schlingen des Todes.
7 In meiner Not rief ich zum HERRN und schrie zu meinem Gott, er hörte aus seinem Tempel meine Stimme, mein Hilfeschrei drang an seine Ohren.

Der Psalm stellt einen schönen Lobpreis dar, sozusagen als Fortsetzung und Vertiefung der Lesung.
„Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke“ ist ein typischer Psalmbeginn. Nicht nur die Selbstaufforderung zum Lob ist oft am Anfang zu lesen, sondern auch eine Liebesbekundung oder eine Willenszusage. Gott ist Davids Stärke, dem wir diesen Lobpreis verdanken. All die Siege hat er durch die Stärke des HERRN zustande gebracht. Er hat sich auch nie angemaßt, dass es von ihm selbst komme. Er hat seine Macht und Stärke immer von Gottes Allmacht her gesehen. So können auch wir alles, was wir zustande bringen, auf Gott verweisen, der uns die Kraft gegeben hat. So werden wir nie überheblich und sind Gott immer dankbar für den Beistand, den er uns tagtäglich sendet.
In diesem Sinne ist auch Vers 3 zu verstehen. Gott ist der Fels, die Burg und der Retter. Er ist also auch die Zuflucht, die wir suchen sollen. Wenn wir uns auf Menschen verlassen und erwarten, dass diese uns glücklich machen, werden wir immer unglücklich und unzufrieden sein. Nur Gott kann uns wirklich dauerhaft trösten und beschützen. Er ist wirklich der Verlässliche, der uns entlasten will.
Es gibt keinen unangemessenen Zeitpunkt, Gott zu loben und zu preisen, denn ihm steht es immer zu. „Und ich werde vor meinen Feinden gerettet.“ Gott rettet seine geliebten Geschöpfe wirklich immer aus allen Gefahren. Diese betreffen den ganzen Menschen, nicht nur sein irdisches Dasein. Gott rettet nämlich auch unsere Seele vor dem ewigen Tod, er rettet uns aus dem Zustand der Todsünde, er rettet uns Menschen durch die Taufe. Diese Gefahren sind alle auf ihre Weise die „Fesseln des Todes“ und „die Fluten des Verderbens“. Wir denken zurück an die Sintflut, die die Folge der Sünde der ganzen Menschheit darstellte. Diese Flut bedeckt auch die Sünde der Menschheit bei der Taufe Jesu, als dieser untertaucht. Durch sein Untertauchen ist das Wasser der Wiedergeburt im Hl. Geist für uns zum Heil geworden und nicht mehr bedrohlich. Der Geist Gottes überflutet uns in jeder Hl. Messe, durch die Heilsmittel der Kirche, jedesmal, wenn wir wieder den Stand der Gnade geschenkt bekommen. Dann wird unser Inneres, die Seele als Gefäß, mit den Fluten jenes Wassers gefüllt, sodass wir nicht verdursten in einer Welt der Wüste. Was David also rückblickend schreibt, können wir auf unser Leben vor der Taufe, vor der Versöhnung mit Gott, auf die Menschen vor der Erlösung durch Jesus Christus beziehen – und schließlich auf die gesamte Menschheit in den Wehen der Endzeit, bevor der wiederkommende verherrlichte Menschensohn sie endgültig aus den Schlingen des Todes errettet.
David rief in seiner Not zum Herrn, der ihn aus dem Tempel her erhörte. Dieser Tempel war noch kein fest erbautes Gebäude, sondern das Offenbarungszelt. Auf Jeremia bezogen können wir schon den fest erbauten ersten Tempel hier identifizieren: Gott erhört auch ihn vom Tempel aus, der ja Gottes Wohnstatt auf Erden darstellt. Dieser salomonische Tempel wird jedoch bald zerstört, weil die Israeliten auf die Warnrufe der Propheten wie Jeremia nicht gehört und weiterhin den Baalen Opfer dargebracht haben. Wir können es auch auf Jesus Christus beziehen, der in seiner Todesnot am Kreuz zum Vater geschrien hat. Dieser hat ihn erhört vom Tempel her, der aber nicht nur den herodianischen Tempel Jerusalems meint, sondern vor allem vom Tempel des Leibes Jesu Christi her. Diesen meint Jesus ja auch bei der Tempelreinigung. Vom Tempel her, der nun jede Kirche mit Tabernakel ist, erhört Gott auch auf besondere Weise unsere Rufe, die wir bei ihm in der Eucharistie Zuflucht suchen. Und am Ende der Zeiten wird Gott das Schreien der leidenden Menschen auf Erden vom himmlischen Tempel aus erhören, wenn er in die Geschichte eingreift, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Gott ist unsere Welt nicht egal. Sie ist seine Schöpfung, die er zum Heil führen will. Deshalb zürnt er und reagiert auf das Unrecht – im Kleinen wie im Großen. Das ist uns ein Trost und so dürfen wir auf das Heil am Ende schauen, auch wenn die derzeitige Situation alles andere als gut ist.

Joh 10
31 Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen.
32 Jesus hielt ihnen entgegen: Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?

33 Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.
34 Jesus erwiderte ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?
35 Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann,
36 dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott – weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?
37 Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt mir nicht!
38 Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt! Dann werdet ihr erkennen und einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin.
39 Wieder suchten sie ihn festzunehmen; er aber entzog sich ihrem Zugriff.
40 Dann ging Jesus wieder weg auf die andere Seite des Jordan, an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte; und dort blieb er.
41 Viele kamen zu ihm. Sie sagten: Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, erwies sich als wahr.
42 Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.

Im heutigen Evangelium ist es wieder so, dass die Worte Jesu, die sich aus seiner göttlichen Autorität speisen, die Juden sehr provozieren. So beginnt die Lesung heute mit einem Steinigungsversuch.
Jesus hält den Juden furchtlos entgegen: „Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?“ Das trifft es auf den Punkt. Jesus hat viel verkündet, er hat aber vor allem durch seine Heilstaten überzeugt. Nun fragt er also ganz ironisch, was der Grund für seine Hinrichtung sein soll.
Die Juden entgegnen ihm, dass sie ihn aber nicht wegen der Taten, sondern der blasphemischen Worte steinigen wollen. Diese bestehe in seinem Anspruch, Gottes Sohn zu sein.
Sie haben durch ihre eigenen Worte etwas erkennen lassen: Sie haben die Einheit zwischen Jesu Worten und Werken nicht erkannt. Hätten sie von den Werken auf seine Worte geschlossen, hätte es bei ihnen Klick machen müssen und sie hätten die Erfüllung all der messianischen Verheißungen ihrer Hl. Schriften erkannt. Stattdessen sehen sie rot bei den Worten Jesu, die er mit göttlicher Autorität gesprochen hat.
Jesus verweist daraufhin auf Psalmworte, die von ihrer Formulierung her noch viel provokativer sind, die sie aber als Gotteswort einstufen und nicht abändern. Es geht um Ps 82,6. Da heißt es sogar „ihr seid Götter.“ Dies ist noch viel radikaler als Jesu Worte der Gottessohnschaft.
Bei Psalm 82 geht es um die abgefallenen Israeliten. Sie hätten „Götter“ sein können im Sinne des ewigen Lebens, doch werden wie Menschen sterben, weil sie gesündigt haben. Hier geht es um die Gegenüberstellung von „Gott“ und „Mensch“. Das Ganze ist eingebettet in einen poetischen Rahmen. Psalmensprache ist voll von rhetorischen Stilmitteln, die natürlich nicht wortwörtlich genommen werden kann. Das verstehen die Juden auch, aber im Falle Jesu zeigen sie nicht einmal den Willen, ihn zu verstehen.
Jesus nennt diese Schriftstelle, um herauszustellen: Wenn die Juden schon das Wort Gottes annehmen, selbst wenn solche Bibelstellen von ihrer Sprache her provokativ sind, umso mehr sollten sie das fleischgeworden Wort Gottes annehmen, das direkt vom Vater kommt! Seine Autorität steht doch über dem Buchstaben! Ihn sollten die Juden noch viel mehr gläubig annehmen, doch sie zeigen nicht einmal den Willen, diese scheinbare Provokation zu verstehen. Jesus will sie lehren, doch sie sind unbelehrbar. Lieber greifen sie zu Steinen und machen das fleischgewordene Wort Gottes mundtot.
Jesus versucht, von ihnen wenigstens ein Mindestmaß an Glauben zu erlangen, nämlich dem Glauben seiner Werke. Denn allein schon jene Heilstaten müssten sie erkennen lassen, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, der alles in Einheit mit dem Vater tut.
Es bringt nichts. Die Juden wollen ihm wieder etwas antun und so muss Jesus das Gebiet verlassen. Er geht auf die andere Seite des Jordan, in das Gebiet der Johannestaufe. Dort wirkt er offensichtlich viele weitere Heilstaten, denn die Menschen dort erkennen, dass alle Vorhersagen des Täufers auf Jesus zutreffen. So werden viele der Johannesjünger in jenem Gebiet Jünger Jesu.
Diese Menschen stellen heute ein Positivbeispiel dar. Sie glauben den Werken Jesu im Gegensatz zu den Juden in Jerusalem (mit „Juden“ ist im Johannesevangelium an solchen Stellen oft die religiöse Elite gemeint, die sich aus den Hohepriestern, Ältesten, Pharisäern und Schriftgelehrten zusammensetzt). Sie empfinden Jesu Wirken nicht als blasphemisch, sondern erkennen die Erfüllung messianischer Verheißungen. Sie verstehen mehr von der Hl. Schrift als die eigentlichen Gelehrten. Das ist eine einzige tragische Ironie.

Wie ist es bei uns?

Nehmen wir das Wort Gottes an, auch wenn es Kritik an uns richtet? Uns herausfordert? Uns zur Umkehr aufruft? Nehmen wir es an, wenn Gott uns durch die Propheten heutiger Zeit anspricht? Oder wollen wir sie lieber mundtot machen, weil sie in der Welt einen Störfaktor darstellen, der unsere Komfortzone bedroht?
Schauen wir immer genau hin, denn Gott spricht auch auf unerwartete Weise zu uns. Und jene, auf die wir uns allzu sehr verlassen, könnten uns in die Irre führen. Es gibt viele falsche Propheten und es werden immer mehr. Beten wir um die Gabe der Unterscheidung der Geister und suchen wir in allem immer Zuflucht bei Gott. Vergessen wir auch in unserer heutigen Zeit nie, das der Kern des Evangeliums in der Umkehr besteht und Gott uns aus unserer Not immer heraus hilft, egal was passiert.

Mit diesem Vertrauen dürfen wir auf die Karwoche zugehen.

Ihre Magstrauss

Samstag der 3. Woche der Fastenzeit

Hos 6,1-6; Ps 51,3-4.18-19.20-21; Lk 18,9-14

Hos 6
1 Auf, lasst uns zum HERRN zurückkehren! Denn er hat gerissen, er wird uns auch heilen; er hat verwundet, er wird uns auch verbinden.
2 Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht.
3 Lasst uns ihn erkennen, ja lasst uns nach der Erkenntnis des HERRN jagen! Er kommt so sicher wie das Morgenrot; er kommt zu uns wie der Regen, wie der Frühjahrsregen, der die Erde tränkt.
4 Was soll ich mit dir tun, Efraim? Was soll ich mit dir tun, Juda? Eure Liebe ist wie eine Wolke am Morgen und wie der Tau, der bald vergeht.
5 Darum habe ich durch die Propheten zugeschlagen, habe sie durch die Worte meines Mundes umgebracht. Dann wird mein Recht hervorbrechen wie das Licht.
6 Denn an Liebe habe ich Gefallen, nicht an Schlachtopfern, an Gotteserkenntnis mehr als an Brandopfern.

Heute hören wir noch einmal aus dem Buch Hosea. Auch das heutige Kapitel stellt im Kern einen Aufruf zur Umkehr dar. So ist auch die erste Aussage ein Appell (Auf, lasst uns zum HERRN zurückkehren!“).
Wenn es dann heißt „Denn er hat gerissen“, dann meint das hebräische Wort טָרָ֖ף taraf mit „reißen“ das Reißen von Beute durch Raubtiere (alternative Übersetzung „verschlingen“). Anhand des Parallelismus erkennen wir die Aussage: Sinngemäß heißt es, dass Gott das Leiden zugelassen hat, den Menschen dann aber auch entschädigen wird. Hoseas Gottesbild ist ganz typisch für seine Zeit. Er drückt es so aus, dass Gott selbst dieses Leiden verursacht habe. Das heißt aber nicht, dass wir als Leser einer solchen alten Schrift hier einen tatsächlichen Beleg für Gottes Wirken haben. Gott ist derselbe gestern, heute und in Ewigkeit. Er ist der Gute, der nichts Böses tut.
Der nächste Vers ist total österlich! „Nach zwei Tagen gibt er uns das Leben zurück, am dritten Tag richtet er uns wieder auf und wir leben vor seinem Angesicht.“ Die beiden Zeitangaben sind identisch, denn „am dritten Tag“ heißt „übermorgen“. So ist es auch im griechischen Kontext, wenn z.B. von der Hochzeit zu Kana berichtet wird. Da heißt „am dritten Tag“ auch „übermorgen“. Auf wörtlich-historischer Ebene möchte Hosea damit sagen, dass Gott nach und nach alles wieder in Ordnung bringen wird und sein Volk mit Segen beschenken wird. Das ist das dieses neue Leben, das den Menschen geschenkt wird. Wir lesen es aber schon weiter, nämlich allegorisch und auf Christus bezogen. Dieser hat Leiden und Auferstehung durchgemacht stellvertretend für uns. Das ist dann aber im wahrsten Sinne des Wortes geschehen und nicht sinnbildlich gemeint wie bei Hosea. Jesus ist der Erstgeborene der Toten, von uns, die wir das Angesicht Gottes schauen werden. Er ist uns zum Vater vorausgegangen. Wir, die wir auf seinen Namen getauft sind, werden auch so wie er nach dem Tod auferstehen. Zunächst wird nur unsere Seele weiterleben, aber am Ende der Zeiten wird sie sich mit ihrem Leib wieder vereinen.
Hosea ruft dazu auf, den HERRN zu erkennen, der Gotteserkenntnis gleichsam nachzujagen. Auch wir sollen ihn von ganzem Herzen suchen, dann wird er sich finden lassen. Jesus sagt es uns zu, wenn er formuliert: „Wer suchet, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.“ Und auch das Hohelied ist voll der Sehnsucht nach Gott, wenn es heißt „Ich suchte, den meine Seele liebt.“
„Er kommt so sicher wie das Morgenrot“ ist ein verbreitetes messianisches Motiv. Man erwartete, dass der Messias aus dem Osten komme, die Sonne der Gerechtigkeit mit dem Sonnenaufgang komme (Mal 4,2). Es ist also nicht nur ein Bild für das ganz sichere Kommen Gottes. Auch das Kommen als Regen ist messianische Motivik. In Ps 72,6 heißt es über ihn: „Er ströme wie Regen herab auf die Felder, wie Regenschauer, die die Erde benetzen.“
Gott spricht die Stämme Juda und Efraim an, deren Bundestreue vergänglich sind wie eine Wolke oder Morgentau (das hebräische Wort חֶסֶד chesed heißt „Treue“). Warum eigentlich werden diese beiden Stichworte genannt? Sie fassen das Nord- und Südreich zusammen, denn Israel ist zu jener Zeit ja zweigeteilt.
Weil Gott die Untreue sieht, hat er durch die Propheten immer wieder zugeschlagen. Dieses Zuschlagen geschieht dabei hauptsächlich durch das Wort Gottes, das wie ein zweischneidiges Schwert die Herzen der Menschen „seziert“. Es ist also in erster Linie eine spirituelle Waffe, mit der Gott durch die Propheten dreinschlägt. Wo sie nicht hörten, mussten sie auch am Leib die Konsequenzen zu spüren bekommen – durch die Fremdherrschaften, Kriege, manchmal auch durch Seuchen.
Das Recht Gottes wird „hervorbrechen wie das Licht“, weil es in der Finsternis aufleuchten wird. Dann werden sich die Menschen danach sehnen, dass endlich Gerechtigkeit kommt. So ist jede Gerichtsankündigung Gottes eine Erlösung für die ungerecht Behandelten damals und in unserer heutigen Zeit. Dieses Recht ist hervorgebrochen wie das Licht, als Gott Mensch geworden ist und sein Recht Person wurde. Jesus hat das wirklich das Recht gebracht, weil er den Menschen die Torah richtig erklärt und vor allem selbst vollkommen vorgelebt hat. Jesus hat dann auch den Beziehungsaspekt als den Kern hinter allen göttlichen Geboten herausgestellt – das Doppelgebot der Liebe. Und diese Liebe ist es, die Gott von uns verlangt, ebenso damals von seinen auserwählten Kindern Israels. Das ist es, was er will, die Rückkehr der Herzen zu ihm, eine persönliche Umkehr statt eine Besänftigung durch Schlachtopfer. Das ist auch für uns heute, die wir in der Fastenzeit stehen, absolut notwendig und heilsam. Das ist umso mehr für die heutige Welt vonnöten, die durch die Pandemie ganz und gar in Not gerät. Jetzt ist es höchste Zeit, zu Gott umzukehren und ihn um Vergebung zu bitten!

Ps 51
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen!
4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde!
18 Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen.
19 Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen.
20 Nach deinem Wohlgefallen tu Gutes an Zion, erbaue wieder die Mauern Jerusalems!
21 An Schlachtopfern der Gerechtigkeit, an Brandopfern und an Ganzopfern hast du Gefallen, dann wird man auf deinem Altar Stiere opfern.

Im heutigen Psalm bittet König David um Gottes Barmherzigkeit. Er nimmt genau die Haltung hier ein, die Hosea von den Israeliten des Nord- und Südreiches verlangt. Sie ist auch perfekt für jeden Einzelnen von uns, die wir uns vornehmen, in diesen Tagen in Vorbereitung auf Ostern ebenfalls diesen Bußmodus einzunehmen.
„Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde“, ist ein Vers, den die Priester bei der Gabenbereitung zum Schluss beten, während der Messdiener ihnen Wasser über die Hände gießt. Diese Worte sind ganz wichtig für jeden Büßer und wir stellen uns vor, wie die Israeliten angesichts der assyrischen Bedrohung die Hinwendung zum assyrischen Götzendienst vor Gott bereuen. Auch wir beten dies jedesmal, wenn wir uns in der Hl. Messe befinden, denn das kostbare Blut wäscht uns mehrfach rein. Wir beten es auch jedesmal, wenn wir Weihwasser verwenden und uns damit bekreuzigen.
„Erschaffe mir Gott ein reines Herz“ ist die Erkenntnis, dass der Mensch sich selbst nicht gut machen kann. Vor allem wenn man sich schuldig gemacht hat, kann man nicht selbstständig wieder den Zustand der Schuldlosigkeit zurückerlangen. Gott ist es, der uns wieder in den Stand der Gnade zurückversetzen kann, indem er uns die Schuld vergibt, uns reinigt, uns erneuert durch den Hl. Geist. Er kann unser Herz wieder rein machen und uns einen „neuen beständigen Geist“ schenken. Dies sollten auch die Israeliten lernen, die sich von Gott und ihrer Bundestreue entfernt haben.
David bittet Gott darum, die Freundschaft mit ihm nicht zu kündigen („verwirf mich nicht von deinem Angesicht“). Er bittet ihn darum, die Salbung nicht zurückzunehmen, seinen gesamten Heilsplan mit David („nimm deinen Hl. Geist nicht von mir“, denn Salbung bedeutet Geistgabe). Er bittet Gott insgesamt darum, den Bund mit ihm nicht zu kündigen wegen dem, was er ihm angetan hat. Gott hat ihm aber zugesagt, dass er treu ist und einen Bund nicht zurücknimmt. Er braucht keine Schlachtopfer und Brandopfer, wenn man sie tut, um Gott zu besänftigen, gleichzeitig aber ganz viele Leichen im Keller hat. Gerade König David hat schwere Sünden begangen und versteht, dass er die Beziehung zu Gott zerstört hat. Er konzentriert sich darauf, diese Beziehung wieder zu kitten, nicht einfach nur paar Opfer darzubringen und dann passt das schon. Das heißt nicht, dass wir das jetzt wortwörtlich nehmen müssen und David keine Opfer mehr darbringen soll. Wir sind hier in einem Psalm, einer poetischen Textgattung, die mit solchen rhetorischen Stilmitteln bestückt ist. Wir sehen an Davids Verhalten und an dem seines Sohnes Salomo, dass er diese Verse rhetorisch meint. Er hat den Festkalender mit all den Opfern ja noch ausgebaut und Salomo hat den Tempel gebaut, in dem weiterhin viele Opfer dargebracht wurden!
Es heißt vielmehr, dass Gott keine solchen Opfer braucht, wenn die Menschen ihr Leben nicht ändern wollen, wenn ihr Herz nicht umkehrbereit und reuevoll ist. Das ist sehr aktuell, denn auch heute locken viele Angebote aus der Esoterik damit, dass man Heil, Glück, Erfolg etc. haben kann ohne Umkehr: ob es Meditationen und körperliche Übungen sind (Yoga, Qigong etc), die Umstellung der Möbel im Haus für Glück im Leben (Fengshui) oder sogar Diäten für besseres Karma…
Vielmehr wünscht sich Gott einen zerbrochenen Geist und ein zerschlagenes Herz, das heißt eine innere Bußhaltung und Bereitschaft zur Umkehr. Das ist ihm viel wertvoller. David hat das wirklich vorgelebt und ist deshalb bis heute ein Vorbild im Prozess der Umkehr sowie im Gebet, auch wenn er schlimme Sünden begangen hat.
Für uns heißt das heute nicht, dass wir keine Messen besuchen sollen, dem einzigen Opfer, das wir als Christen noch haben, das alle anderen Opfer der Juden abgelöst hat. Das heißt vielmehr, dass hinter dem knienden Menschen in der Kirchenbank (oder momentan dem Knienden vor dem Livestream), dem Gläubigen, der sich ein Aschekreuz abholt und gesenkten Kopfes die Messe mitmacht, auch ein reuiges Herz stecken muss, ein zerschlagener Geist, der bereit zur Umkehr ist und dies auch durch Taten im Alltag zeigt. Wir alle sollen uns nicht einfach nur zurücknehmen – und schon gar nicht für eitle Gründe wie im säkularen Kontext für die Fastenzeit angepriesen wird! -, sondern dieses Minus auch durch ein Plus barmherziger Taten kompensieren! In der Fastenzeit muss man uns anmerken, dass wir uns darum bemühen, den anderen Menschen gegenüber netter zu sein, ihnen zu helfen, besonders das zu verschenken, das heutzutage zu den Wertvollsten Gütern zählt – unsere Zeit. Das tun wir momentan zum Beispiel dadurch, dass wir den Älteren, Angeschlagenen, Bedürftigen bei den Einkäufen helfen, selber auf Hamsterkäufe verzichten und Kleinunternehmen unterstützen. Tun wir alles aus Liebe zu Gott, weil wir ihm zuliebe ein besserer Mensch werden möchten, dann wird er uns segnen und verwandeln.

Lk 18
9 Einigen, die von ihrer eigenen Gerechtigkeit überzeugt waren und die anderen verachteten, erzählte Jesus dieses Gleichnis:
10 Zwei Männer gingen zum Tempel hinauf, um zu beten; der eine war ein Pharisäer, der andere ein Zöllner.
11 Der Pharisäer stellte sich hin und sprach bei sich dieses Gebet: Gott, ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.
12 Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.
13 Der Zöllner aber blieb ganz hinten stehen und wollte nicht einmal seine Augen zum Himmel erheben, sondern schlug sich an die Brust und betete: Gott, sei mir Sünder gnädig!
14 Ich sage euch: Dieser ging gerechtfertigt nach Hause hinab, der andere nicht. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.

Heute hören wir im Evangelium von zwei Menschen mit ganz unterschiedlichen Haltungen. Jesus führt sie in einem Gleichnis an, um die Rechtfertigung vor Gott zu erklären. Er beobachtet nämlich die Selbstgerechtigkeit einiger Juden, die die anderen verachten.
Es handelt sich im Gleichnis um zwei Männer, die zum Gebet in den Tempel gehen. Er eine ist Pharisäer und betet: „Gott ich danke dir, dass ich nicht wie die anderen Menschen bin, die Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner dort.“ Er verweist damit auf den zweiten Mann, der ganz hinten stehen bleibt. Doch zunächst zum Pharisäer. Was er hier zu Anfang betet, ist noch nicht das Falsche. Auch wir dürfen Gott danken, dass wir noch nicht gefallen sind. Aber der entscheidende Unterschied ist dabei, worauf wir diese Gerechtigkeit zurückführen – auf Gott, der uns die Gnade und Kraft geschenkt hat, der Versuchung zu widerstehen, oder auf uns selbst, die wir durch unsere eigenen Taten diese Gerechtigkeit erreicht haben. Und das ist der springende Punkt, weshalb Jesus den Pharisäer als Negativbeispiel anführt: Er zählt nämlich auf: „Ich faste zweimal in der Woche und gebe den zehnten Teil meines ganzen Einkommens.“ Der Pharisäer zählt vor Gott auf, was er Gutes getan hat, und setzt dabei voraus, dass dies ihn vor Gott gerecht macht. Er gibt mit den guten Seiten an und blendet komplett aus, was er noch nicht gut gemacht hat. Vor allem aber zählt er Dinge auf, die nichts mit der Beziehung zu Gott zu tun haben. In Psalm und Lesung haben wir heute ja bereits gelernt, dass es Gott auf diese Beziehung ankommt. Also noch einmal: Wir dürfen beten: „Gott, ich danke dir, dass ich nicht in schwere Sünde gefallen bin.“ Aber dann müssen wir anerkennen, dass es nicht allein unser Verdienst ist, sondern eine Kooperation mit der Gnade Gottes. Dabei können wir auch nicht stehenbleiben, sondern wir müssen uns ganz sehen, auch mit unserem Scheitern. Das vermissen wir beim Pharisäer. Er setzt nicht nach und bittet Gott um Verzeihung, wo er nicht nach dessen Willen gehandelt hat, so als ob er perfekt wäre und keiner Umkehr bedürfe.
Und da sehen wir nun den anderen Mann, der von Beruf Zöllner ist. Er kommt mit einer ganz anderen Haltung zu Gott. Er weiß genau, dass er Unrechtes getan hat. Er kommt mit einem absolut reumütigen Herzen. Er schämt sich seiner Sünde so wie Adam und Eva nach dem ersten Sündenfall, als sie sich vor Gott verstecken. Dieser Mann kommt mutig zu Gott, traut sich aber nicht, den Blick zu erheben. Er schlägt sich an die Brust und betet: „Gott, sei mir Sünder gnädig!“ Dies ist eine Haltung, mit der Gott „arbeiten“ kann. Hier kommt jemand zu ihm, weil er sich von Gott verwandeln lassen will. Er kehrt aktiv um, er möchte sein Leben ändern und da kann Gott seine helfende Gnade fließen lassen. Er kann zu einem besseren Menschen werden, weil er sich von Gott helfen lässt.
Der Pharisäer dagegen meint, dass er keine Umkehr nötig hat, deshalb kann Gott ihm keine Gnade erweisen. Er öffnet sich gar nicht dafür und lässt sich nicht helfen, obwohl er ein Mensch ist wie der Zöllner auch. Kein Mensch ist ohne Sünde, nur dass die Sünden unterschiedlich verteilt sind. Der Pharisäer sündigt auch, nur anders als der Zöllner. Er erkennt seine Erlösungsbedürftigkeit nur nicht. Er ist blind und somit verweist das heutige Evangelium auf die Lesungen des morgigen Laetare-Fastensonntags. Dort wird es ebenfalls um biologische und innere Blindheit gehen…
Jesus schließt das Gleichnis damit, dass der Zöllner gerechtfertigt nach Hause geht, der Pharisäer aber nicht. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn einige Kapitel zuvor hat Jesus bereits erklärt, dass dem, der von Herzen bereut und umkehrt, Gott alles vergeben will. Er kann aber nur vergeben, wer um Vergebung bittet.
Und so sagt Jesus zum Schluss: „Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt, wer sich aber selbst erniedrigt, wird erhöht werden.“ Erniedrigung heißt aber nicht, dass der Mensch das „Aschenputtel-Syndrom“ bekommen soll, sondern dass der Mensch sich realistisch sieht, mit dem Guten UND vor allem dem Bösen. Erst wenn wir uns so sehen, wie wir wirklich sind – das nennen wir Demut: wissen, was man kann und was man nicht kann; erkennen, wo die Tugenden und die Laster sind – dann können wir Gott das hinhalten und ihn bitten, uns dabei zu helfen, die Schwächen, die Laster, das Schlechte an uns zu überwinden. Nur so können wir ihm immer ähnlicher werden. Wenn wir aber in der Selbstillusion eines unfehlbaren Menschen verharren, wird der Dreck unserer Seele nie zutage kommen, um gereinigt zu werden. Dann gibt es spätestens am Ende unseres Lebens eine böse Überraschung, denn im Angesicht Gottes wird der gesamte angesammelte Dreck auf einmal zutage treten. Dann werden wir selbst uns so sehr schämen und so einen überwältigenden Schmerz verspüren, dann werden wir die ultimative Erniedrigung verspüren. Ändern wir uns jetzt, solange es noch geht! Demütigen wir uns und bitten wir den Herrn um Verzeihung, dann werden wir am Ende unseres Lebens Ehrengäste im himmlischen Hochzeitsmahl sein!

Ihre Magstrauss

Freitag der 3. Woche der Fastenzeit

Hos 14,2-10; Ps 81,6c-8b.8c-9.10-11b.14 u. 17; Mk 12,28b-34

Hos 14
2 Kehr um, Israel, zum HERRN, deinem Gott! Denn du bist zu Fall gekommen durch deine Schuld.

3 Nehmt Worte der Reue mit euch, kehrt um zum HERRN und sagt zu ihm: Nimm alle Schuld hinweg und nimm an, was gut ist: Anstelle von Stieren bringen wir dir unsere Lippen dar.
4 Assur kann uns nicht retten, wir wollen nicht mehr auf Pferden reiten und zum Machwerk unserer Hände sagen wir nie mehr: Unser Gott. Denn nur bei dir findet ein Waisenkind Erbarmen.
5 Ich will ihre Untreue heilen und sie aus freiem Willen wieder lieben. Denn mein Zorn hat sich von Israel abgewandt.
6 Ich werde für Israel da sein wie der Tau, damit es sprosst wie die Lotosblüte und seine Wurzeln schlägt wie der Libanon.
7 Seine Zweige sollen sich ausbreiten, sodass seine Pracht wie die des Ölbaums wird und sein Duft wie der des Libanon.
8 Die in seinem Schatten wohnen, bauen wieder Getreide an und sie sprossen wie der Weinstock, dessen Wein so berühmt ist wie der Wein vom Libanon.
9 Efraim, was habe ich noch mit den Götzen zu tun? Ich, ja, ich habe ihm geantwortet und achte auf ihn: Ich bin wie der grünende Wacholder, an mir findest du reiche Frucht.
10 Wer weise ist, begreife dies alles, wer klug ist, erkenne es. Ja, die Wege des HERRN sind gerade; die Gerechten gehen auf ihnen, die Treulosen aber kommen auf ihnen zu Fall.

Heute hören wir als Kern der Lesung wie so oft in der Fastenzeit den Aufruf zur Umkehr. Die Propheten Israels haben zumeist die Aufgabe, Gottes Umkehrappell an sein auserwähltes Volk zu richten. Deshalb hören wir viele prophetische Lesungen in der Fastenzeit. Heute hören wir vom Propheten Hosea: „Kehr um, Israel, zum HERRN, deinem Gott! Denn du bist zu Fall gekommen durch deine Schuld.“ Dies sagt er auch uns zu, die wir uns immer wieder vor Gott versündigen. Und weil wir jeden Tag sündigen, müssen wir auch jeden Tag neu umkehren.
„Nehmt Worte der Reue mit euch“ – das ist schon fortschrittlich, denn es ist oft so, dass stattdessen Tieropfer dargebracht werden, um Gott zu besänftigen. Stattdessen schaut Hosea auf die Beziehungsebene Gottes mit den Israeliten. Er fordert die Israeliten auf, sich zu entschuldigen wie nach einem Streit in einer Beziehung. Er gibt sogar die Worte vor: „Anstelle von Stieren bringen wir dir unsere Lippen dar.“ Er trifft es genau. Der Bundesschluss bringt eine Beziehung mit sich, die gepflegt werden muss.
Offensichtlich besteht die Sünde im freundschaftlichen Umgang mit Assur und der entsprechenden Götzen. Israel ist den assyrischen Gottheiten verfallen, was wir an der Wendung „Machwerk unserer Hände“ erkennen können. Es ist ironisch, wie Israel mit den Assyrern anbandelt, obwohl es dann zum assyrischen Vasallen werden sollte, gewiss mit bestimmten Rechten, aber vor allem unfrei.
Hosea hat eine gute Nachricht für die Israeliten, wenn sie so die Beziehung zu Gott kitten möchten. Er sagt seinem Volk nämlich zu: „Ich will ihre Untreue heilen und sie aus freiem Willen wieder lieben. Denn mein Zorn hat sich von Israel abgewandt.“ Gott möchte barmherzig sein und seinem Volk vergeben.
Er hat noch weitere Verheißungen für sein Volk, die Hosea übermittelt: „Ich werde für Israel da sein wie der Tau“ – Das heißt, er sorgt dafür, dass das Volk mit Feuchtigkeit versorgt wird. Es ist ein Zeichen von Segen, genauso wie der Regen. Wir erinnern uns einerseits an den Messias, der wie Tau auf die Erde herabkommt und wir in der Adventszeit auch besingen (Rorate caeli), andererseits an den Hl. Geist, der ja das lebendige Wasser ist, das uns tränkt.
Wenn Gott seinem Volk zusagt, dass es wachsen wird und die Zweige ausbreiten soll, dann denken wir historisch-wörtlich an die Ausbreitung geographischer Art, von der Bevölkerung oder vom politischen Einfluss her etc. Der Baum, der sich ausbreitet, erinnert uns an Jesu Worte vom Senfkorn. Das Reich Gottes ist es, das sich verbreitet, vor allem durch den Tau Gottes, den Hl. Geist. Nach dem Pfingstereignis sehen wir, wie schnell sich das Evangelium Jesu Christi verbreitet hat.
Wenn Israel endlich von den Götzen ablässt, wird es so kommen und dann wird es reiche Frucht bringen.
Gottes Wege sind gerade – sie sind also eigentlich leicht zu beschreiten. Sie sind deutlich und nachvollziehbar. Gott erwartet nie etwas, was er geheim offenbart, sondern er spricht immer offen und öffentlich. Die Gerechten gehen auf ihnen, weil mit diesem Weg moralisch ein gottgefälliger Lebenswandel gemeint ist. Deshalb kommen auch die Treulosen auf ihnen zu Fall. Sie bestehen den Weg nicht, weil sie sich nicht an die Gebote Gottes halten.
Auch uns sagt Gott zu: Wenn du meine Gebote hältst, wenn du von deinen Götzen ablässt, dann kannst du wachsen zu einem mächtigen Baum und du wirst ganz viel Segen haben. Entscheiden wir uns heute für Gott, der uns wirklich glücklich machen und überreich beschenken will.

Ps 81
6 Eine Stimme höre ich, die ich noch nie vernahm:
7 Seine Schulter hab ich von der Bürde befreit, seine Hände kamen los vom Lastkorb.
8 Du riefst in der Not und ich riss dich heraus; ich habe dich aus dem Versteck des Donners erhört, an den Wassern von Meríba geprüft.
9 Höre, mein Volk, ich will dich mahnen! Israel, wolltest du doch auf mich hören!
10 Kein fremder Gott soll bei dir sein, du sollst dich nicht niederwerfen vor einem fremden Gott.
11 Ich bin der HERR, dein Gott, der dich heraufgeführt hat aus Ägypten.
14 Ach, dass mein Volk doch auf mich hörte, dass Israel gehen wollte auf meinen Wegen!
17 Ich würde es nähren mit bestem Weizen, dich sättigen mit Honig aus dem Felsen.

Wir beten heute Psalm 81, in dem wir eine heilsgeschichtliche Rückschau erhalten. Dabei handelt es sich um ein Zeugnis, dass Gott Josef hinterlassen hat. Deshalb steht es in der Ich-Form Gottes und ist an Israel in der dritten Person gerichtet: „Seine Schulter habe ich von der Bürde befreit, seine Hände kamen los vom Lastkorb.“ Gott hat Israel aus der Sklaverei Ägyptens befreit, als er Mose dazu beauftragte, das Volk herauszuführen, einhergehend mit vielen großen Zeichen und Plagen. So hat Gott auch die Schulter Christi von der Bürde des Kreuzes befreit, das er mühevoll nach Golgota schleppen musste. Gott entlastet unsere Schulter auch in unserem Leben immer wieder, denn Jesus hat gesagt: „Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken.“
„Du riefst in der Not und ich riss dich heraus“ – Gott hat das Schreien seines Volkes in Ägypten gehört, er hörte auch das Schreien seines Volkes im babylonischen Exil. Er hörte auch den Schrei seines Sohnes am Kreuz, als er seinen Geist aushauchte. Und auch unseren Schrei hört Gott. Er reißt auch uns aus der Not heraus, die wir vor allem in seinem Namen erleiden müssen.
„Aus dem Versteck des Donners“ ist eine Beobachtung, die immer wieder als Theophaniezeichen im Alten und Neuen Testament erscheint. Gottes Gegenwart, die ein Geheimnis ist (deshalb Versteck), wird immer wieder von Donner begleitet. Und trotz dieses Lärms hört er die Schreie seiner Kinder. Und dieses Gedonner erfuhr das Volk am Sinai, als ein großes Gewitter sich auf dem Gipfel abspielt und Gottes Gegenwart darauf hinabfuhr.
Er hat sein Volk auch auf die Probe gestellt, nämlich in Massa und Meriba, als das Volk dürstete und eben nicht den Tau Gottes zu spüren bekam. Gott prüfte auch seinen eigenen Sohn, als dieser am Kreuz die absolute Gottverlassenheit zu spüren bekam. Er prüft auch uns in unserem Leben, um unseren Glauben zu stärken. Dann spüren auch wir das Schweigen Gottes und werden bewusst einer Durststrecke ausgesetzt. Gott möchte auch dann, dass wir ihm vertrauen, dass er uns nicht verdursten lässt.
Gott hat so viel Gutes für sein Volk getan und es immer wieder aus der Not gerettet. Deshalb bittet er es eindringlich, ihm treu zu sein und nicht fremden Göttern nachzulaufen. Er hat alles für sein Volk getan, so kann er doch erwarten, dass es ihm treu bleibt und auf seinen Wegen wandelt. Dies ist durchaus moralisch zu verstehen, denn es meint das Halten der Torah, die er dem Volk am Sinai durch Mose vermittelt hat.
Gott hat für sein Volk nur das beste bereit und möchte es überreich segnen. („mit bestem Weizen“, „Honig aus dem Felsen“). Dafür muss es sich aber entscheiden, auf seinen Wegen zu gehen.

Mk 12
28 In jener Zeit ging ein Schriftgelehrter zu Jesus hin und fragte ihn: Welches Gebot ist das erste von allen?
29 Jesus antwortete: Das erste ist: Höre, Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.
30 Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.
31 Als zweites kommt hinzu: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Kein anderes Gebot ist größer als diese beiden.
32 Da sagte der Schriftgelehrte zu ihm: Sehr gut, Meister! Ganz richtig hast du gesagt: Er allein ist der Herr und es gibt keinen anderen außer ihm
33 und ihn mit ganzem Herzen, ganzem Verstand und ganzer Kraft zu lieben und den Nächsten zu lieben wie sich selbst, ist weit mehr als alle Brandopfer und anderen Opfer.
34 Jesus sah, dass er mit Verständnis geantwortet hatte, und sagte zu ihm: Du bist nicht fern vom Reich Gottes. Und keiner wagte mehr, Jesus eine Frage zu stellen.

Heute hören wir im Evangelium von dem wichtigsten Gebot. Ein Schriftgelehrter geht mit dieser Frage zu Jesus und dieser antwortet wie jeder andere fromme Jude mit dem Sch’ma Israel, der Aussage in Dtn 6,4: „Höre , Israel, der Herr, unser Gott, ist der einzige Herr.“ Diese Aussage soll jeder fromme Jude täglich beten. Es geht um die Gottesliebe. Sie steht immer an erster Stelle. Sie ist deshalb der Kern der ersten drei Gebote des Dekalogs (der Zehn Gebote). Es ist der Kern dessen, was wir in Lesung und Psalm betrachtet haben. Gott verlangt unsere ganze Liebe, weil er uns zuerst geliebt hat. Unsere Antwort, nicht nur die der Juden damals, soll deshalb sein: „Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen und ganzer Seele, mit deinem ganzen Denken und mit deiner ganzen Kraft.“ Wir haben viele Erfahrungen zwischenmenschlicher Art, die man mit dieser Gottesliebe vergleichen kann. Wenn wir verliebt sind, beherrscht diese Person unser ganzes Denken, wir investieren uns ganz in die Beziehung zu ihr, emotional, von unserer Kraft und Zeit. Wir lieben die Person mit unserem ganzen Sein. So sollen wir in erster Linie Gott lieben. Er soll an erster Stelle kommen. Und sodann sollen wir unseren Nächsten lieben, wie uns selbst. Jesus führt also zusätzlich zu Dtn 6,4 Lev 19,18 heran. Dadurch dass Jesus diese beiden Gebote zusammenführt, zeigt er ein tiefes Schriftverständnis und erklärt dadurch auch den Kern der Gebote 4-10 des Dekalogs als Nächstenliebe.
Das Doppelgebot der Liebe, das er in diesem Gespräch vermittelt verleitet den Schriftgelehrten dazu, ihn zu loben. Er erkennt, dass Jesus den gesamten Sinn richtig verstanden hat. Dieser Mann hat verstanden, worum es den Propheten im Alten Testament ging, vor allem Hosea mit den vielen Beziehungsbildern. Er hat auch erkannt, worum es König David in den vielen Psalmen ging. Es geht um Beziehung und darum, diese aufrechtzuerhalten. So sagt Jesus dem Schriftgelehrten zu: „Du bist nicht fern vom Reich Gottes.“ Er hat die besten Voraussetzungen, Erbe in diesem neuen Reich zu sein, nicht nur wegen seiner Einsicht, sondern auch wegen seiner Offenheit gegenüber den Worten Christi. Viele andere Schriftgelehrten sind so voll von sich selbst, dass sie gar nicht erkennen, dass Jesus all das erfüllt, was sie in den Schriften so intensiv studieren. Sie lassen sich nicht belehren, weil sie sich für wissend genug halten. So können sie nicht in das Reich Gottes eingehen. Dieser Mann dagegen ist offen für die Worte Jesu und stellt ihm erst gar keine hinterhältigen Fragen. Sonst erfahren wir in den Evangelien immer wieder davon, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten durch ihre Fragen Jesus auf die Probe stellen wollen. Dieser ist ganz anders und deshalb ist Jesus auch ganz anders zu ihm.

Lassen auch wir uns belehren, arbeiten auch wir daran, unsere Liebe zu Gott zu erneuern. Wenn wir wieder gefestigt sind in der Beziehung zu Gott, können wir auch unsere Beziehung zum Nächsten verbessern. Dann werden wir immer mehr verwandelt in sein Bild.

Ihre Magstrauss