2. Januar in der Weihnachtszeit

1 Joh 2,22-28; Ps 98,1-4; Joh 1,19-28

1 Joh 2
22 Wer ist der Lügner, wenn nicht der, der leugnet, dass Jesus der Christus ist? Das ist der Antichrist, der den Vater und den Sohn leugnet.
23 Jeder, der den Sohn leugnet, hat auch den Vater nicht; wer den Sohn bekennt, hat auch den Vater. 
24 Für euch gilt: Was ihr von Anfang an gehört habt, soll in euch bleiben; wenn in euch bleibt, was ihr von Anfang an gehört habt, dann werdet auch ihr im Sohn und im Vater bleiben. 
25 Und das ist die Verheißung, die er uns verheißen hat: das ewige Leben. 
26 Dies habe ich euch über die geschrieben, die euch in die Irre führen. 
27 Was euch betrifft, so bleibt die Salbung, die ihr von ihm empfangen habt, in euch und ihr braucht euch von niemandem belehren zu lassen; wie euch vielmehr seine Salbung über alles belehrt, so ist es auch wahr und keine Lüge. Und wie er euch belehrt hat, so bleibt ihr in ihm.
28 Und jetzt, meine Kinder, bleibt in ihm, damit wir, wenn er erscheint, Zuversicht haben und bei seinem Kommen von ihm nicht beschämt werden!

Heute hören wir die Fortsetzung des ersten Johannesbriefes. Es geht dabei um die Identität Jesu als Messias (hebr.) bzw. Christus (griech.). Ganz drastisch formuliert Johannes hier, dass Jesu messianische Identität zu leugnen vom Antichristen kommt. Es gab innerhalb der Kirche von Anfang an häretische Tendenzen, die von innen die christliche Lehre zerstören wollten. So musste die Kirche bezüglich der Identität Christi gegen Arianismus („Jesus war nur ein Geschöpf, aber nicht Gott gleich“), Monophysitismus („Jesus hatte nur eine Natur, nämlich die Göttliche“), Adoptianismus („Jesus war Mensch und ist dann von Gott adoptiert worden“), Modalismus („Gott ist nur eine Person, die sich im Laufe der Geschichte auf verschiedene Weise gezeigt hat“), Nestorianismus („Jesus bestand aus zwei getrennten Persönlichkeiten, von denen Maria nur die Mutter der menschlichen war“) etc. kämpfen. Gerade der Monophysitismus unter der Bezeichnung „Doketismus“ (eine Art Frühgnosis) war für Johannes eine große Herausforderung. Deshalb betont er in seinen Schriften immer wieder, dass Jesus „im Fleisch“ gekommen ist und eben keinen Scheinleib hatte.
Johannes erklärt, dass Vater und Sohn gleichermaßen bekannt werden müssen. Man kann sie nicht gegeneinander ausspielen (, was die Arianer ja versuchten und was heute noch die Zeugen Jehovas übrigens auch tun!).
„Was ihr von Anfang an gehört habt“, ist ein Hinweis darauf, dass die Lehre der Kirche, wie sie bis heute besteht, apostolisch ist bzw. ihren Ursprung in Jesus selbst hat. Alle anderen Versuche, die ich hier z.B. aufgezählt habe, bestanden eben nicht „von Anfang an“. Es sind Fälschungen, die im Nachhinein eingefädelt worden sind, Verfälschungen des Originals.
Die Wendung „von Anfang an“ bezieht sich darüber hinaus auf die Verkündigung in der angesprochenen Gemeinde. Was dort seit der Gemeindegründung verkündet worden ist, gilt. Was sich später durch Irrlehrer verbreitet hat, gilt nicht.
„Im Vater und im Sohn bleiben“ ist bei Johannes immer die Formulierung für den Stand der Gnade. In diesem befinden wir uns, wenn wir der ursprünglichen Lehre treu bleiben, weil sie wirklich Gott beschreibt, wie er ist und ihn nicht leugnet. Wenn wir dabei bleiben, wird uns das ewige Leben in Aussicht gestellt. Johannes schreibt dies vor allem deshalb, um vor denen zu warnen, die solche Irrlehren verbreiten.
Auch heute noch haben wir mit dieser Versuchung zu kämpfen. Unter dem katholischen Deckmantel werden allerlei falsche Lehren vom Ambo verkündet, die im Grunde dieselben Irrlehren der ersten Jahrhunderte wiederholen (als ob es irgendetwas Neues geben könnte….). Das Problem ist dabei, dass es nicht nur vereinzelte Priester betrifft, sondern eben auch ihre Bischöfe. Wenn wir aber „im Vater und im Sohn bleiben“, wenn wir das ewige Leben haben wollen, müssen wir an dem festhalten, „was von Anfang an verkündet worden ist.“ Wir müssen auch heute (oder gerade heute!) wachsam sein und um die Unterscheidung der Geister bitten, damit wir die Irrlehren der heutigen Zeit erkennen.
Johannes erklärt, dass wir das Potenzial dazu auch wirklich haben: Wir haben die Salbung erhalten – die Firmung. Gott hat uns seinen Geist geschenkt und uns mit dessen Gnadengaben ausgestattet. Wir sind ausgerüstet, um in diesen geistigen Kampf treten zu können. Und der Geist wird in uns wirken, sodass er uns Alarmsignale geben wird. Je mehr wir aus diesem Geist leben, desto mehr werden wir ein Gespür dafür bekommen, was Wahrheit und was Irrlehre ist.
In Vers 27 haben wir KEINE Bestätigung dafür, dass wir als Christen Individualisten sein sollen ohne ein Lehramt oder allgemein eine äußere Instanz, die uns etwas vorschreiben soll. Man muss erstens den Kontext berücksichtigen (Salbung) und zweitens den griechischen Urtext (da steht nicht „belehren“ im Sinne von „besserwissen“, sondern „unterrichten“): Wenn hier erklärt wird, dass die Christen die Salbung des Hl. Geistes erhalten haben, bezieht sich das auf die Firmung. Am Anfang waren Taufe und Firmung ein Sakrament, das gleichzeitig gespendet worden ist (, weil es am Anfang mehr Erwachsenentaufen gab als Kindertaufen. Heutzutage wird bei Erwachsenentaufen auch beides zusammen gespendet). Zuvor musste man einen Katechumenat durchlaufen, bei dem einem die Grundlagen des Glaubens beigebracht wurden und man nach und nach in das kirchliche Leben eingeführt worden ist. Nach jahrelanger gründlicher Vorbereitung wurde man in die Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen. Man hat schon alles beigebracht bekommen, also muss man sich im Nachhinein nicht von Irrlehrern in eine ganz andere Lehre einführen lassen. Mit der Taufe und Firmung erhalten sie dann den Unterweiser schlechthin, den Hl. Geist. Dieser führt sie in die ganze Wahrheit ein und hilft ihnen auch, die Irrlehre zu erkennen. Es ist an dieser Stelle zu überlegen, ob Johannes mit dieser Salbungsbetonung nicht auf Praktiken der Doketisten anspielt, eine neue Salbung zu vollziehen, die „echter“ sein soll als die Firmung.
Zum Schluss macht Johannes deutlich, dass Jesu Wiederkunft bevorsteht, weshalb die Christen sich umso mehr darum bemühen müssen, in ihm zu bleiben. Sonst werden sie „beschämt“. Das Wort αἰσχύνω aischyno steht hier in einer reflexiven Form und muss also mit „sich schämen“ übersetzt werden. Die Christen werden in diesem Sinne „beschämt“. Dann werden sie nämlich die Wahrheit erkennen und die Verirrung bereuen.

Ps 98
1 Ein Psalm. Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht! Geholfen hat ihm seine Rechte und sein heiliger Arm. 
2 Der HERR hat sein Heil bekannt gemacht und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker. 
3 Er gedachte seiner Huld und seiner Treue zum Haus Israel. Alle Enden der Erde sahen das Heil unsres Gottes. 
4 Jauchzet dem HERRN, alle Lande, freut euch, jubelt und singt!

Der heutige Psalm ist die Begründung für die Lesung, über die wir gerade nachgedacht haben. „Alle Enden der Erde sahen das Heil“. Die ganze Welt sah die Heilstaten Gottes. Das betrifft die Israeliten, die aus Ägypten herausgeführt worden sind und bei den nichtjüdischen Völkern für Anerkennung gesorgt hat. Das betrifft umso mehr das ganze Erlösungsgeschehen Jesu Christi, das für eine weltweite Evangelisierung und flächendeckende Gemeindegründungen gesorgt hat. Es begann mit dem Hauptmann am Kreuz („wahrlich, dieser war Gottes Sohn“) und ging weiter bis an die damaligen „Enden der Erde“.
Deshalb ist auch der Anfang des Psalms so signalhaft für christliche Ohren. Es ist ein „neues Lied“, das auf den Messias hinweist und über die Rettungsaktionen Gottes an seinem auserwählten Volk hinausgeht. Ganz konkret können wir hier an das babylonische Exil denken, das neben dem Exodusgeschehen bei den Nichtjuden für Anerkennung gesorgt hat.
Gott hat sein Heil zu allen Zeiten bekannt gemacht – er ist ein sich offenbarender Gott. Immer wieder hat er sich preisgegeben durch die Propheten. Sein Heilsplan war nie ganz verborgen. Mit Jesus Christus hat diese Offenbarung, das heißt seine Selbstmitteilung, einen Höhepunkt erreicht. So kann man wortwörtlich sagen: Gott hat sein Heil (יְשׁוּעָתֹ֑ו  jeschuato), seinen Jesus, der Welt bekannt gemacht. Dieser ist „seine Rechte“ und „sein heiliger Arm“. Der Hl. Ignatius von Lyon hat den Sohn und den Geist als die Hände Gottes bezeichnet. Durch Christus hat Gott die Heilstaten vollbracht – sowohl die Schöpfung (deshalb nennen wir Jesus auch den Schöpfungsmittler) als auch die Erlösung.
Vor den Augen der Völker ( הַ֝גֹּויִ֗ם  hagojim, die nichtjüdischen Völker!) hat Gott schon Gericht gewirkt, indem er das unterdrückte Volk aus der Knechtschaft der Babylonier befreit hat. Er hat auch vor den Heiden die Erlösung erwirkt (die Römer staunten nicht schlecht, als das Grab leer war, und der Hauptmann kam unter dem Kreuz zum Glauben). Gott wirkt Wunder auch heute noch vor den Augen der Nichtgläubigen und benutzt uns dafür. Wir sind heute seine Hände in dieser Welt, die anderen Menschen zum Glauben an Christus verhelfen. Am Ende der Zeiten, wenn Jesus als verherrlichter Menschensohn zurückkehrt, wird Gottes Gericht universal und für alle offenbar durchgesetzt werden. Dann wird es aber zu spät für die Umkehr sein.
Gott bleibt seinem Volk treu, auch jetzt noch. Unsere jüdischen Geschwister sind bis heute in einem bleibenden Bund mit dem Herrn und diesen können wir, die wir im neuen Bund mit Gott versöhnt sind, nicht antasten. Vergessen wir das nie, damit es nie wieder zu einem Holocaust kommt!
Gott bleibt auch uns treu, die wir ihm durch jede Sünde immer wieder untreu werden. So ist Gott. Er starb für uns, ohne sein Opfer davon abhängig zu machen, ob wir seine Liebe zurückgeben oder nicht.
Das ist ein Grund zur Freude. Unsere Existenz, vor allem auf die Ewigkeit hin, haben wir allein Gott zu verdanken. Das ist jeden Tag den Lobpreis Gottes wert, auch schon hier auf Erden! Im Himmel wird es unsere ewige Beschäftigung sein.

Joh 1
19 Und dies ist das Zeugnis des Johannes, als die Juden von Jerusalem aus Priester und Leviten zu ihm sandten mit der Frage: Wer bist du? 
20 Er bekannte und leugnete nicht; er bekannte: Ich bin nicht der Christus. 
21 Sie fragten ihn: Was dann? Bist du Elija? Und er sagte: Ich bin es nicht. Bist du der Prophet? Er antwortete: Nein. 
22 Da sagten sie zu ihm: Wer bist du? Wir müssen denen, die uns gesandt haben, Antwort geben. Was sagst du über dich selbst? 
23 Er sagte: Ich bin die Stimme eines Rufers in der Wüste: Ebnet den Weg für den Herrn!, wie der Prophet Jesaja gesagt hat. 
24 Die Abgesandten gehörten zu den Pharisäern.  
25 Sie fragten Johannes und sagten zu ihm: Warum taufst du dann, wenn du nicht der Christus bist, nicht Elija und nicht der Prophet? 
26 Johannes antwortete ihnen: Ich taufe mit Wasser. Mitten unter euch steht einer, den ihr nicht kennt, 
27 der nach mir kommt; ich bin nicht würdig, ihm die Riemen der Sandalen zu lösen. 
28 Dies geschah in Betanien, jenseits des Jordan, wo Johannes taufte.

Das heutige Evangelium stellt die Fortsetzung des Johannes-Prologs dar. Es geht um Johannes den Täufer und seine Taufe.
Sein gesamtes Wirken bezeichnet Johannes der Evangelist als „Zeugnis“, was die Übersetzung des Wortes μαρτυρία martyria ist. Er ist wirklich zum Blutzeugen geworden, der für den Glauben enthauptet worden ist.
Priester und Leviten sind zu ihm gekommen, um nach seiner Identität zu fragen. Das ist ja auch das Thema der Lesung und des Psalms – die Identität Christi. Johannes verdeutlicht, dass er NICHT der Messias, der Christus sei.
Dies ist ein Bekenntnis, da er durch seine Antwort Platz für den wahren Messias macht. Das Verb ὁμολογέω  homologeo ist nicht nur mit „bekennen“ übersetzbar, sondern auch mit „zustimmen“. Er stimmt dahingehend mit denen überein, die ebenfalls der Meinung sind, dass er nicht der Messias sei.
Die Priester und Leviten haken weiter nach, denn sie haben den Auftrag vom Tempel erhalten, seine Identität zu klären. Er verneint auch die Fragen, ob er Elija oder „der Prophet“ sei. Er wird ja sonst mit dem wiedergekommenen Elija gleichgesetzt. Jesus hat dies selbst ausgesagt. Aber er ist nicht Elija selbst. Er tritt nur mit derselben Kraft auf. Jesus und der Täufer widersprechen sich also nicht (, was hier wieder gerne behauptet wird, um zwischen beide einen Keil zu treiben). Johannes ist auch nicht „der Prophet“. Wer ist denn damit gemeint? Die meisten Forscher vermuten damit Jesaja, weil er der bedeutendste Prophet des AT ist. Johannes ist keine Reinkarnation von irgendwem, den es schon vorher gab. Deshalb sagt er zu allem nein. Er ist Johannes der Täufer, jemand mit eigener Identität. Und doch ist er angekündigt worden. So wie Jesus nachher als Antwort auf die Frage „bist du es, der kommen soll?“ mit einem Schriftwort antwortet, so tut es Johannes im heutigen Evangelium: Er zitiert Jesaja und verdeutlicht dadurch, dass er der Vorläufer des Messias ist! Er ist die Stimme des Rufers in der Wüste.
Es waren aber auch Pharisäer unter den Abgesandten. Wörtlich steht da nicht „die Abgesandten gehörten zu den Pharisäern“, sonst wäre ein Widerspruch gegeben. Die Pharisäer waren keine Priester, sondern Laien. Wörtlich heißt es „Auch/und waren Abgesandte aus den Pharisäern“. Diese fragen den Täufer nach seiner Berechtigung zur Taufe, so als ob nur die messianische Identität dazu befuge. Sie fragen das nicht wegen der Tätigkeit selbst, sondern wegen der Botschaft dahinter.
Er erklärt, dass er nur mit Wasser taufe. Das ist für uns die Erklärung, dass seine Taufe kein Sakrament ist. Es ist nur Wasser – also ein sichtbares Zeichen, das an sich noch keine übernatürliche Gnade nach sich zieht (zumindest nicht in dem Maße, wie es die von Christus gestifteten Sakramente tun!). Es ist ein vorbereitender Akt auf den Messias, der die innere Buße nach außen hin sichtbar macht.
Er definiert seine Identität dann vom Messias aus: Seine Würde ist nicht mal so groß wie die eines Sklaven im Vergleich zum Messias! Sklaven dürfen ihrem Meister wenigstens die Sandalen lösen. So demütig ist der Täufer! Das hat nichts mit „ich fühle mich so wertlos!“ zu tun, sondern er sieht sich im Lichte Gottes, wie er wirklich ist – arm und erlösungsbedürftig.
Wenn Johannes sagt „mitten unter euch steht einer“, kann das entweder darauf hinweisen, dass Jesus in dieser Szene tatsächlich gegenwärtig ist. Er geht ja auch zum Jordan, um sich von Johannes taufen zu lassen. Es kann in dieser Szene aber auch heißen, dass Jesus mitten unter den Menschen im Leben „steht“. Dann ist die Aussage im übertragenen Sinne zu verstehen. Jesu öffentliches Wirken wird jedenfalls „nach Johannes“ beginnen, wenn dieser nämlich im Gefängnis sitzt.
Zum Ende hin erfahren wir noch den Ort, wo diese Szene stattfindet: in Betanien, dem Ort, wo Jesus auch wirken wird. Dort leben die Geschwister und Freunde Jesu Maria, Marta und Lazarus, den Jesus sogar von den Toten erwecken wird. Diese Bemerkung ist also mehr als eine Floskel. Wir werden auf Jesu späteres Wirken vorbereitet.

Heute erfahren wir in den Lesungen vieles darüber, wer Jesus ist und wer Jesus nicht ist. Von seiner Identität hängt aber alles ab. Er ist Gott und Mensch, unvermischt (Monophysitismus) und ungetrennt (Nestorianismus, Arianismus). Er ist wirklich das Heil Gottes und war schon bei der Schöpfung dabei (siehe Psalm 98). Er ist auch nicht Johannes der Täufer (siehe Evangelium). Unser Heil kommt von Gott, das heißt Jesus kommt vom Vater und wir sind auf diesen Jesus und auf sein Evangelium getauft worden. Bleiben wir ihm und seiner Lehre treu, damit wir in ihm bleiben und am Ende der Zeiten nicht beschämt werden. All das begann mit seinem Erscheinen als kleines Kind in der Krippe. All das wird sich vollenden bei seinem zweiten Erscheinen als verherrlichter Menschensohn!

Ihre Magstrauss

Sechster Tag der Weihnachtsoktav

1 Joh 2,12-17; Ps 96,7-10; Lk 2,36-40

1 Joh 2
12 Ich schreibe euch, ihr Kinder: Euch sind die Sünden vergeben um seines Namens willen. 

13 Ich schreibe euch, ihr Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch, ihr jungen Männer: Ihr habt den Bösen besiegt. 
14 Ich habe euch geschrieben, ihr Kinder: Ihr habt den Vater erkannt. Ich habe euch geschrieben, ihr Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Ich habe euch geschrieben, ihr jungen Männer: Ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch und ihr habt den Bösen besiegt. 
15 Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, in dem ist die Liebe des Vaters nicht. 
16 Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. 
17 Die Welt vergeht und ihre Begierde; wer den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.

Der heutige Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief beschreibt das neue Leben, das den Getauften geschenkt ist – jung und alt. Uns, die wir Kinder Gottes geworden sind („ihr Kinder“), sind die Sünden vergeben. Das ist uns durch die Taufe auf den Namen Jesu geschenkt worden. Es ist auch interessant, dass im Laufe der heutigen Lesung verschiedene Altersgruppen oder Generationen angesprochen werden. Wenn hier die „Kinder“ nicht nur auf die Taufe bezogen die Wiedergeborenen im Heiligen Geist meint, sondern wörtlich verstanden werden muss, dann haben wir sogar einen Hinweis darauf, dass schon damals Kinder getauft worden sind, nicht nur Erwachsene (Diesen Hinweis haben wir ohnehin, wenn es heißt, dass Menschen mit ihrem ganzen Haus getauft werden, also auch mit den Kindern).
Die Väter haben Gott erkannt und sich deshalb zu ihm bekannt. Und die jungen Männer haben den Bösen besiegt, nämlich durch die Taufe. Der Unheilsplan des Bösen ist durch die Erlösung Jesu Christi zunichte gemacht worden. Jeder Mensch, der sich taufen lässt, wird von dem Fluch der Erbsünde befreit. Er hat die Chance und die Berufung, in das Himmelreich zu gelangen.
Erneut an die Kinder gerichtet schreibt Johannes: Ihr habt den Vater erkannt. Das bezieht sich weniger auf ihren irdischen Vater, denn den kannten sie ja von Anfang an. „Erkennen“ ist in der Bibel entweder auf den Geschlechtsverkehr zu beziehen oder auf das Erkennen Gottes und die darauf folgende Bekehrung. Hier muss es sich also auf den himmlischen Vater beziehen, den die Kinder erkannt haben und sich deshalb haben taufen lassen. Auf denselben Vater bezieht sich Johannes auch bei den Worten an die Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Die Taufe macht stark, v.a. im Kampf gegen den Bösen, den die jungen Männer schon besiegt haben. Das Wort Gottes bleibt in ihnen, das heißt, Jesus bleibt in ihnen. Durch die Taufe ist Jesus auf besondere Weise in unseren Herzen. Er wohnt in unserer Seele und nimmt so viel Raum ein, wie wir ihm zugestehen.
Ab Vers 15 thematisiert Johannes jetzt die Konsequenz dieser Taufe: Das Leben in der Welt kann nicht mehr dasselbe sein wie vor der Taufe.
„Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist.“ Das heißt natürlich nicht, dass wir gleichgültig oder sogar hasserfüllt gegenüber allem sein sollen, was in der Welt ist, oder alles verteufeln sollen. Das wäre gnostisch und die Gnostiker waren der Erzfeind des Johannes, wie man in den johanneischen Schriften ganz deutlich lesen kann. Es geht darum, dass wir den weltlichen Dingen keine so große Priorität geben sollen wie dem ewigen Leben, in das wir durch die Taufe ja hineingeboren sind. „Lieben“ meint in diesem Kontext also das, was wir auf unserer Prioritätenliste ganz oben haben. Lieben heißt, „im Herzen tragen“. Das Wort Gottes wohnt ja jetzt in uns und wir sollen ihm den ganzen Raum geben. Wie soll es diesen aber haben, wenn wir unser Herz mit weltlichen Dingen füllen, die doch vergänglich sind? Wo diese Dinge den Raum füllen, ist kein Platz mehr für Gottes Liebe. Deshalb sagt Johannes auch „in dem ist die Liebe des Vaters nicht“. Es bleibt einfach kein Platz mehr übrig.
Die Wendung in Vers 16 „in der Welt“ umfasst, was weltlich ist. Es meint nicht nur, was dem ewigen Leben nicht nur nicht dient, sondern es sogar verhindert. Es handelt sich nicht um die „weltlichen“ Dinge im positiven Sinn, also was Gott geschaffen hat, sondern die Dinge im negativen Sinn: was sich durch die Erbsünde in die Welt eingeschlichen hat. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wo wir diesen ignorieren, werden wir weltfeindlich, was aber nicht der christlichen Lehre entspricht. Hier meint „Welt“ diese negativen Dinge und das erkennen wir auch an dem Wort „Begierde“. Diese ist mit dem Sündenfall des ersten Menschenpaares in die Welt gekommen. Die Begierden, die hier aufgezählt werden, sind eben nicht Teil der guten Schöpfung, die vom Vater kommt (Begierde der Augen, des Fleisches, Prahlerei mit Besitz). Es kommt nicht vom Vater, sondern von der „Welt“, genauer von der gefallenen Welt, die vom Bösen infiltriert ist. Diese wird aber vergehen. Am Ende wird Gott alles zusammenbrechen lassen, nur um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen – eine unvergängliche Welt, in der nichts Böses mehr Platz haben wird. Und wenn wir den Willen des Vaters tun – eben auch bezogen auf unser Verhalten in dieser Welt, die nicht mehr die gute Schöpfung des Vaters ist (nur noch teilweise), dann werden wir auch eingehen in die neue Schöpfung, in die wir schon hineingeboren sind durch die Taufe. Es reicht also nicht nur, getauft zu sein. Wir müssen uns auch dementsprechend verhalten! Das spricht Johannes nicht nur zu den damaligen Christen, sondern auch zu uns. Auch wir können nicht leben wie die anderen Menschen. Wir sind in dieser Welt, aber wir sind getauft für die Ewigkeit. Auf diese hin sollen wir leben.
Dabei sind wir zur Freiheit berufen – zu der wahren Freiheit, nicht zur Anarchie. Begierde, die die Welt bietet, macht immer unfrei. Man ist gedrängt und wird immer wieder getrieben. Es ist nie genug. Wir werden Sklaven unserer Selbst. Wenn wir aber diese Begierden nicht haben, dann sind wir frei für Gott. Unser Leben erreicht dann schon hier auf Erden eine Weite, die sich in der Ewigkeit vollenden wird.

Ps 96
7 Bringt dar dem HERRN, ihr Stämme der Völker, bringt dar dem HERRN Ehre und Macht,
8 bringt dar dem HERRN die Ehre seines Namens! Bringt Gaben und tretet ein in die Höfe seines Heiligtums! 
9 Werft euch nieder vor dem HERRN in heiligem Schmuck! Erbebt vor ihm, alle Lande! 
10 Verkündet bei den Nationen: Der HERR ist König! Fest ist der Erdkreis gegründet, er wird nicht wanken. Er richtet die Völker so, wie es recht ist. 

Heute loben und preisen wir den HERRN nochmal ganz besonders. Es erinnert uns daran, dass wir noch mitten in der Weihnachtsoktav sind. Der HERR ist König und nur er. Es klingt, als wäre der heutige Psalm ein Appell an die Weisen aus dem Morgenland: „Bringt Gaben und tretet ein in die Höfe seines Heiligtums!“ Klar ist damit zunächst ein Aufruf an alle Juden zum Lobpreis Gottes im Tempel von Jerusalem gemeint. Es geht um Darbringung und Opfer. Die Höfe des Heiligtums deuten die Architektur des Tempelgeländes an, das von außen nach innen mehrere Schichten besitzt, die nach innen immer heiliger werden. Den innersten Kern, das Allerheiligste, darf nur einmal im Jahr, nämlich an Jom Kippur (dem Versöhnungstag) der Hohepriester betreten.
Wir denken aber auch weiter und sehen die Höhle von Bethlehem, in der das Allerheiligste nun in einer Krippe liegt. Das Wort Gottes, die Steintafeln vom Sinai, die Mose übergeben worden sind, sind nun nicht mehr Stein, sondern eine Person! Und es kommt noch besser. Dieser heilige Ort ist jüdisch gesehen gar nicht so kultisch rein. Voller Viehmist und natürlich auch als Ort einer Geburt ist er eigentlich unzugänglich. Dann sind da noch die Hirten, gesellschaftlich Randständige, die in das Heiligtum eingehen, ganz und gar ohne „heiligen Schmuck“. Dieses Heiligtum ist nicht nur für Auserwählte, sondern für jeden offen! Das ist jüdisch gesehen etwas Unerhörtes und Skandalöses, aber das ist die Wahrheit!
Eine Gruppe von Menschen kommt tatsächlich in voller Montur, dass man sie in der Tradition sogar als königlich bezeichnet hat – die Magoi aus dem Osten! Sie kommen und treten ein in das Heiligtum Gottes, der Grotte von Bethlehem. Sie sind voller Prunk gekleidet und bringen dem Kind Gaben: Weihrauch, Myrrhe und Gold.
Es ist dennoch nicht ganz analog, denn „alle Lande“ bezieht sich nicht auf die Länder um Israel herum. Es meint eigentlich wörtlich „das ganze Land“ im Sinne des Hl. Landes (כָּל־הָאָֽרֶץ kol ha’arez). Der nächste Vers lässt dennoch erahnen, dass die Botschaft dieses Königs der Könige über die Juden hinausgeht: „Verkündet bei den Nationen“ ist nämlich auf die nichtjüdischen Völker bezogen ( אִמְר֤וּ בַגֹּויִ֨ם imru hagojim, gojim meint immer die nichtjüdischen Völker). Die Juden haben das tatsächlich gemacht. Als sie in babylonischer Gefangenschaft waren, haben die Babylonier deren Messiaserwartung übernommen und Jahrhunderte später aufgrund des aufgehenden Sterns erkannt, dass dieser Messias nun geboren ist. Deshalb haben sich ihre Priester/Sterndeuter auf den Weg gemacht und huldigen dem Messias nun tatsächlich in der Grotte von Bethlehem!
Dieser König ist nicht nur Weltenherrscher, sondern auch Weltenrichter.

Lk 2
36 Damals lebte auch Hanna, eine Prophetin, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; 
37 nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. 
38 Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. 
39 Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück.
40 Das Kind wuchs heran und wurde stark, erfüllt mit Weisheit und Gottes Gnade ruhte auf ihm.

Heute hören wir von einem wichtigen jüdischen Brauch, eigentlich von zwei Bräuchen: Der Opferung des Kindes im Tempel und der kultischen Reinigung der Mutter. Den Hinweis auf beides erhalten wir schon in Vers 22, den wir heute nicht hören. Eine Frau, die einen Sohn geboren hat, ist die ersten vierzig Tage nach der Geburt kultisch unrein und muss sich nach Ablauf dieser Zeit einem Reinigungsritual im Tempel unterziehen. Wir lesen die genauen Vorschriften bei Levitikus (Lev 12). Gleichzeitig sieht das Judentum ein weiteres Ritual vor, das die Opferung der Erstgeborenen betrifft und Pidjon haBen heißt: Als Zeichen der Dankbarkeit für den Auszug aus Ägypten werden das erstgeborene Vieh Jahwe dargebracht und die erstgeborenen Söhne ausgelöst. Das bedeutet, dass anstelle von ihnen entweder ein Lamm oder zwei (Turtel)Tauben geopfert werden (Ex 13,14-15; Num 18,15). Kinderopfer sind im Judentum nämlich verboten und ja auch gar nicht erwünscht. Jesus wird also im Tempel ausgelöst und so sagen seine Eltern deutlich aus: Dieses Kind gehört Gott. Und im Falle Jesu trifft es nicht nur im übertragenen Sinne zu, sondern ist wortwörtlich zu verstehen. Jesus gehört seinem Vater im Himmel!
Das ist die Vorgeschichte des heutigen Evangeliums. Die heilige Familie ist also im Tempel und heute hören wir von Hanna, der Prophetin, die dem Tempel dient. Sie kommt aus dem Stamm Ascher und ist schon alt. Sie ist eine Witwe von 84 Jahren und hat sich ganz dem Tempel hingegeben. Ihr Dienst ist eremitisch bzw. kontemplativ. Sie betet und fastet, womit sie der Menschheit einen besonders großen Dienst erweist. Ihre Rolle sowie die des greisen Simeon ist nicht zu unterschätzen. Da beide in hohem Alter noch so wichtige Aufgaben übernehmen, sind sie beide ein gutes Vorbild für alle Großeltern bis heute. Nicht umsonst hören wir von Hanna einen Tag nach dem Fest der Hl. Familie und zwei Tage nach dem Fest der unschuldigen Kinder. Bis heute haben die Großeltern dann, wenn sie alt und schwach geworden sind, noch eine Berufung. Nur weil sie nicht mehr so rüstig sind wie in ihren frischesten Jahren, heißt das nicht, dass sie nicht mehr am Reich Gottes mitwirken. Die Aufgaben ändern sich, sind aber nicht weniger wichtig wie die der jungen und aktiven Menschen. Die Lebenserfahrung des Simeon und der Hanna, ihr Wirken im Verborgenen und ihre Weisheit, die das Geschehen im Lichte des göttlichen Heilsplans deutet, sind Vorbild für heutige Großeltern. Auch sie können jetzt, wo ihr beruflicher Stress abfällt, mehr beten und im Verborgenen Gottes Reich mit aufbauen. Sie können den jungen Menschen mit ihrer Lebenserfahrung helfen und in ihren Familien prophetisch wirken. Das heißt, sie können das Geschehen in und um ihre Familien herum im Lichte des Willens Gottes deuten und auch warnen, wo sich die Familie von Gott entfernt.
Hanna tut dies, indem sie zu allen über das Kind spricht. Ihr Reden ist kein Tratschen, sondern prophetische Deutung! Sie erklärt allen, die den Messias erwartet haben, dass er nun da ist! Sie verkündet das Evangelium. Das ist so eine große Aufgabe, zu der jeder und jede berufen ist, egal welchen Alters!
Nachdem Jesu Eltern ihre Pflicht als fromme Juden erledigt haben, kehren sie nach Nazaret zurück, wo sie leben. Lukas erwähnt die Flucht nach Ägypten nicht, weil er die Prioritäten anders setzt als Matthäus.
Er sagt auch kaum etwas über die Kindheit Jesu, nur dass Jesus heranwächst und stark wird. Diese Stärke ist nicht nur physisch zu verstehen, sondern vor allem geistig/seelisch. Er ist erfüllt mit Weisheit und Gnade Gottes. Wie sich diese zeigt, erfahren wir in einer Episode, die heute nicht mehr verlesen wird: der Debatte Jesu im Tempel mit den Schriftgelehrten.

Was wir von der hl. Familie heute lesen, ist sehr schlicht. Sie tut, was sie zu tun hat aus jüdischer Sicht. Maria und Josef sprechen nicht ein einziges Wort, dafür kommen andere zu Wort wie Hanna, die die heilsgeschichtliche Bedeutung dieses Kindes den Juden erklärt. Sowohl Simeon als auch Hanna, die von ihrem Lebensstand gesehen unfruchtbar sind, werden durch ihre „Evangelisierung“ fruchtbarer denn je. Insbesondere Hanna, die ihren Mann in jungen Jahren verloren hat und deshalb keine eigenen Kinder bekam, hat durch ihre Verkündigung so viele Menschen zu Jesus gebracht. Wer weiß, wie viele dieser Juden, die ihre Worte gehört haben, sich nachher haben taufen lassen! Dann hat sie wirklich dafür gesorgt, dass diese Menschen zum ewigen Leben neugeboren worden sind, wie wir im ersten Johannesbrief heute gelesen haben!

Beten wir heute für alle Großeltern, die sich nutzlos und einsam fühlen.
Beten wir auch für die Großeltern, die ihre Enkel nicht sehen dürfen oder nicht sehen wollen. Beten wir in diesem Jahr vor allem für jene Großeltern, die wegen Corona ihre Familien nicht sehen können.
Beten wir für alle Familien auf der ganzen Welt, in denen die Generationen-Solidarität nicht mehr so gegeben ist, wie sie sein sollte.

Ihre Magstrauss

Fest der unschuldigen Kinder

1 Joh 1,5-2,2; Ps 124,2-5.7-8; Mt 2,13-18

1 Joh 1-2
5 Das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkünden: Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm. 
6 Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben und doch in der Finsternis wandeln, lügen wir und tun nicht die Wahrheit. 
7 Wenn wir im Licht wandeln, wie er im Licht ist, haben wir Gemeinschaft miteinander und das Blut seines Sohnes Jesus reinigt uns von aller Sünde. 
8 Wenn wir sagen, dass wir keine Sünde haben, führen wir uns selbst in die Irre und die Wahrheit ist nicht in uns.

9 Wenn wir unsere Sünden bekennen, ist er treu und gerecht; er vergibt uns die Sünden und reinigt uns von allem Unrecht. 
10 Wenn wir sagen, dass wir nicht gesündigt haben, machen wir ihn zum Lügner und sein Wort ist nicht in uns.
1 Meine Kinder, ich schreibe euch dies, damit ihr nicht sündigt. Wenn aber einer sündigt, haben wir einen Beistand beim Vater: Jesus Christus, den Gerechten. 
2 Er ist die Sühne für unsere Sünden, aber nicht nur für unsere Sünden, sondern auch für die der ganzen Welt.

In den johanneischen Schriften wird im Kontext von Gott oft die Lichtmetaphorik verwendet. Gott ist Licht und keine Finsternis ist in ihm. Mit dem Gegensatz „Licht“ – „Finsternis“ drückt Johannes aus, dass Gott nur Liebe ist. Nichts Böses ist in ihm.
Die Konsequenz davon ist auch auf uns Menschen zu beziehen: Wir können nicht Gemeinschaft mit dem Licht haben und selber in uns Finsternis haben. Das heißt, dass wir nicht zugleich in Todsünde leben (Finsternis) und im Stand der Gnade sein können (Gemeinschaft mit ihm). Wer das behauptet, belügt sich selbst.
Wir können nur Gemeinschaft haben, wenn wir „im Licht wandeln“ wie Gott. Das Wandeln ist ein Ausdruck für den Lebenswandel und somit ein moralischer Begriff. Wenn wir uns mit ganzer Kraft bemühen, auf dem Weg Gottes zu bleiben, d.h. seine Gebote halten, dann wandeln wir im Licht und Jesus reinigt uns von unseren Sünden. Dass überhaupt von Sünde die Rede ist, macht die ganze Rede so realistisch. Niemand sagt, dass wir ohne Sünde sind, nur weil wir uns bemühen, im Licht zu wandeln. Wir fallen trotzdem. Wenn wir aber aufstehen, d.h. umkehren und weitergehen, dann zeigen wir unsere Aufrichtigkeit und Gott vergibt uns unsere Sünden.
Diese Aufrichtigkeit zeigen wir vor allem daran, dass wir unsere Sünden bekennen (ὁμολογέω homologeo). Wir sollen das nicht einfach nur bereuen, was Gott sowieso schon von uns weiß, er sieht ja alles. Gott möchte auch, dass wir die Dinge beim Namen nennen. Das sollen wir nicht deshalb, weil er es unbedingt braucht, sondern weil wir es unbedingt brauchen.
Wer behauptet, ohne Sünde zu sein, lügt. Jeder Mensch ist gefährdet, zu fallen. Wir sind zwar von der Erbsünde erlöst, aber die Folgen der Erbsünde sind noch da. Wir haben immer noch die Neigung dazu, Böses zu tun. Wir sündigen weiter. Gottes Wort (also Jesus) ist nicht in uns, wenn wir behaupten, ohne Sünde zu sein.
Johannes schreibt diese Worte, um zur Ablegung der Sünde aufzurufen. Aber auch für jene, die es dennoch tun, hat er eine zuversichtliche Botschaft: Wir haben einen Beistand beim Vater, Jesus Christus. Er ist es ja, der durch sein Kreuzesopfer die Vergebung der Sünden ermöglicht hat. Er ist gestorben zur Sühne für unsere Sünden und die der ganzen Welt, wie wir auch im Barmherzigkeitsrosenkranz beten. Interessant ist dabei, dass der Begriff παράκλητος parakletos verwendet wird. Diese Umschreibung wird ja sonst für den Hl. Geist gebraucht. Aber auch im wortwörtlichen Sinn ist Jesus unser Beistand, gerade wo wir schuldig geworden sind.
Diese Worte sind sehr tröstlich, weil wir selbst in Schuld und Sünde nicht verzweifeln müssen. Wenn es uns von Herzen leidtut und wir umkehren, dann wird uns Gott die Sünden vergeben. Es ist bemerkenswert, wie die Worte des Johannes das Sakrament der Beichte erklärt: Wir sollen unsere Sünden bereuen, wir sollen sie bekennen, unsere Schuld muss gesühnt werden, wofür Jesus ja gestorben ist. Unsere Aufrichtigkeit soll sich dadurch zeigen, dass wir uns bemühen, nicht mehr zu sündigen. Und wir sollen in uns gehen, um zu erkennen, wo wir uns selbst belügen. Die heutige Lesung ist eine richtige Beichtparänese, die Johannes mit Deutlichkeit formuliert, aber auch mit Liebe.

Ps 124
2 wäre es nicht der HERR gewesen, der da war für uns, als sich gegen uns Menschen erhoben, 
3 dann hätten sie uns lebendig verschlungen, als gegen uns ihr Zorn entbrannte, 
4 dann hätten die Wasser uns weggespült, hätte sich über uns ein Wildbach ergossen, 
5 dann hätten sich über uns ergossen die wilden und wogenden Wasser.
7 Unsre Seele ist wie ein Vogel dem Netz des Jägers entkommen; das Netz ist zerrissen und wir sind frei. 
8 Unsere Hilfe ist im Namen des HERRN, der Himmel und Erde erschaffen hat. 

Heute danken wir mit dem Psalm Gott, der uns aus der Gefahr rettet. Diese Rettung betrifft wiederum nicht das irdische Leben, sondern das ewige. Wir werden davon gleich im Evangelium hören und wir lasen bereits in der Lesung davon, was wir von uns aus tun können, damit unsere Seele gerettet wird.
Der Herr ist es, der das Volk Israel gerettet hat von den Feinden, die es sonst lebendig verschlungen hätten. Es ist politisch zu verstehen als Rettung aus dem babylonischen Exil.
Es bezieht sich auch auf die Menschheit, die ohne die Erlösung Jesu Christi das ewige Leben nicht gehabt hätte. Es bezieht sich auch auf die Kirche, durch die die Erlösung den Menschen angeboten wird in der Taufe. Das bezieht sich auf die Möglichkeit zur Beichte, um Versöhnung zu erlangen und so in den Stand der Gnade zurückkehren zu können. Das bezieht sich auch auf das Ende des Lebens, wenn wir vom ewigen Kampf erlöst sein werden und nicht mehr leiden müssen (im besten Fall).
In diesem Psalm wird die Wassermetapher nicht wie sonst als lebendiges Wasser und Bild für den Hl. Geist verwendet, sondern als lebensbedrohlicher Faktor. Wenn wir auch gerade über Sünde und ewiges Leben sprechen, macht das Bild absolut Sinn und erinnert an die Sintflut, die auch die Konsequenz der Sünde war.
Wir, die wir erlöst sind, können wirklich sagen, dass wir frei sind. Frei von dem unausweichlichen Schicksal der Hölle. Dort kommt nur hinein, wer es auch will. Wenn wir getauft sind und uns immer um unsere Berufung bemühen, müssen wir dieses letzte Los nicht fürchten.
„Unsere Hilfe ist im Namen des HERRN, der Himmel und Erde geschaffen hat“. Diese Hilfe (hebr. עֵזֶר ezer) kann man in Analogie zum Beistand aus dem ersten Johannesbrief verstehen. Gott, der Vater, der alles geschaffen hat, ist unser Beistand! Somit schließt sich der Kreis der Trinität: Der Paraklet, wie es im Griechischen heißt, ist nicht nur der Hl. Geist, wie Jesus ankündigen wird (Johannesevangelium), sondern auch Jesus selbst (erster Johannesbrief) und auch der Vater (Psalm 124).

Mt 2
13 Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, siehe, da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. 
14 Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. 
15 Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
16 Als Herodes merkte, dass ihn die Sterndeuter getäuscht hatten, wurde er sehr zornig und er sandte aus und ließ in Betlehem und der ganzen Umgebung alle Knaben bis zum Alter von zwei Jahren töten, genau der Zeit entsprechend, die er von den Sterndeutern erfahren hatte. 
17 Damals erfüllte sich, was durch den Propheten Jeremia gesagt worden ist: 
18 Ein Geschrei war in Rama zu hören, lautes Weinen und Klagen: Rahel weinte um ihre Kinder und wollte sich nicht trösten lassen, denn sie waren nicht mehr.

Heute lesen wir die drastische Episode der Wahnvorstellungen des Herodes: Dieser König ist in seinem letzten Lebensabschnitt immer paranoider geworden. Er verdächtigte alles und jeden, irgendwie einen Komplott gegen ihn zu schmieden. Er ließ so viele umbringen, sogar seine eigenen Familienmitglieder (unter anderem drei seiner Söhne!). Er beauftragte viele Spione, die in der ganzen Stadt nach möglichen Revolten Ausschau halten sollten, und verkleidete sich sogar selbst als Bürger, um sich dahingehend umzuschauen.
Und dieser paranoide Herrscher reagiert im heutigen Evangelium natürlich dementsprechend, als die Sterndeuter aus dem Osten zu ihm kommen und von einem neuen Herrscher sprechen. Er hat ihnen aufgetragen, ihm Bescheid zu geben, wenn sie das Kind gefunden haben. Diese spüren aber die Gefahr und ziehen auf einem anderen Weg zurück in ihre Heimat. Dies ist die „Vorgeschichte“ des heutigen Evangeliums.
Josef, der sich ganz dem Willen Gottes öffnet und alles dafür tut, seine Familie zu beschützen, wird im Traum vor Herodes gewarnt, der Jesus umbringen will. Also flieht Josef nach Ägypten – ganz wie sein Namensvetter aus dem AT nach Ägypten gelangte. Gott hat auch dies zugelassen, „damit sich die Schrift erfülle“ und die Juden zum Glauben an Jesus kommen. Wir Christen glauben, dass Jesu ganzes Leben schon eine einzige Sühne ist, die mit dem Leiden und Kreuzestod ihren Höhepunkt erreicht. Deshalb ergibt es absolut Sinn, dass Jesus auch nach Ägypten fliehen musste wie das auserwählte Volk. Seine schwierige frühe Kindheit ist ein Akt, den er später erklären wird: Er kommt, um aus der Knechtschaft zu befreien, so wie das Volk Israel aus Ägypten befreit worden ist. Er befreit nun aber aus der Sklaverei der Sünde! Auch dies lehrt Gott die Juden durch die Flucht der Hl. Familie. Er bereitet sein auserwähltes Volk darauf vor. Das ist typisch göttliche Pädagogik.
Herodes reagiert wie zu erwarten auf die Täuschung der Sterndeuter. Er lässt in seiner Rage alle Jungen bis zum zweiten Lebensjahr umbringen. Diese armen, unschuldigen Kinder haben nichts Böses getan und mussten ihr Leben lassen wegen eines verrückt gewordenen Menschen! Was muss der Himmel geweint haben über diese große Schandtat! So weint der ganze Himmel über jedes getötete Kind bis heute. Wie viele unschuldige Kinder müssen ihr Leben lassen, bevor sie geboren werden? DAS ist der schlimmste Genozid aller Zeiten!
Ein Merkmal von Geschichte ist, dass sie sich wiederholt. Die Menschheit hat es nun mal an sich, aus vergangenen Zeiten nicht zu lernen. Deshalb passieren dieselben Dinge immer wieder neu, nur unter einem anderen Namen und unter anderen historischen Umständen. Dies sagt auch Matthäus, wenn er auf Jeremias Prophezeiung in Jer 31 verweist. Rahel wird dann als Personifikation Israels. Bei Jeremia geht es noch um die Juden, die vor dem babylonischen Exil stehen. Dies wird jetzt typologisch auf die unschuldigen Kinder in Bethlehem übertragen. Es wiederholt sich auch der Knabenmord von Ägypten. Die erstgeborenen Söhne der Israeliten werden in den Nil geworfen und ein einziges bestimmtes Kind überlebt. Mose. Jesus wird typologisch mit ihm in Verbindung gebracht. Auch das ist absolut wichtig und eine Lektion Gottes für die vor allem judenchristlichen Adressaten des Matthäusevangeliums!
Nach heutigem Stand stirbt Herodes der Große 4 n.Chr. So lange bleibt die Heilige Familie in Ägypten und kann dann wieder zurückkehren.
An dem heutigen Evangelium erkennen wir, wie Sünde funktioniert: Sie zieht immer Unschuldige mit hinein und bleibt nie auf den Sünder beschränkt. Sie ist wie ein hochansteckendes Virus, das um sich treibt. Man kann niemanden in Quarantäne stecken und ist den Konsequenzen der Sünde auch als Unschuldiger ausgeliefert. Und doch können wir auf den HERRN schauen. Er ist immer – ich wiederhole – immer größer und mächtiger als die Sünde und ihre schlagenden Wellen. Seine Gnade siegt über den Satan und sein Unwesen. Immer.

Ihr unschuldigen Kinder, bittet für uns!
Bittet für alle heutzutage gefährdeten Kinder, die in den Sog der Sünde unschuldig mit hineingezogen werden und ihre größten Opfer sind.
Bittet für alle Frauen, die über eine Abtreibung nachdenken,
bittet für alle Familien, die zerrüttet sind und in denen das Leben wie die Hölle ist wegen Missbrauch, Gewalt und Verwahrlosung.
Bittet für alle Kinder auf der ganzen Welt.
Gott, steh und allen bei!

Ihre Magstrauss

Zweiter Weihnachtstag (Stephanus, erster Märtyrer)

Apg 6,8-10; 7,54-60; Ps 31,3b-4.6.8.16-17; Mt 10,17-22

Apg 6
8 Stephanus aber, voll Gnade und Kraft, tat Wunder und große Zeichen unter dem Volk. 
9 Doch einige von der sogenannten Synagoge der Libertiner und Kyrenäer und Alexandriner und Leute aus Kilikien und der Provinz Asien erhoben sich, um mit Stephanus zu streiten; 
10 aber sie konnten der Weisheit und dem Geist, mit dem er sprach, nicht widerstehen.  54 Als sie das hörten, waren sie in ihren Herzen aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen gegen ihn. 
55 Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen 
56 und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen. 
57 Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten einmütig auf ihn los,
58 trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß. 
59 So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! 
60 Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.

Heute am zweiten Weihnachtstag hören wir von dem ersten Märtyrer, von Stephanus, der für Jesus gestorben ist.
Dieser Mensch war „voll Gnade und Kraft“, war also mit übernatürlichen Gaben ausgestattet bei allem, was er tat. Er erwirkte mit der Kraft Jesu Christi die ganzen Wundertaten, ganz wie Jesus angekündigt hatte: „In meinem Namen werden sie Dämonen austreiben; sie werden in neuen Sprachen reden; wenn sie Schlangen anfassen oder tödliches Gift trinken, wird es ihnen nicht schaden; und die Kranken, denen sie die Hände auflegen, werden gesund werden.“ (Mk 16,17f.).
Es gab aber Juden aus dem synagogalen Kontext, die etwas gegen ihn hatten. In der Einheitsübersetzung wird das Verb συζητέω syzeteo  mit „streiten“ übersetzt. Wörtlich heißt es aber eher „suchen“ oder „untersuchen“. Sie wollen ihn prüfen. Es ist freilich so etwas wie eine Debatte, denn die genannten Juden können seiner Weisheit, die die göttliche ist, nicht widerstehen. Das an dieser Stelle verwendete Verb ἀνθίστημι anthistemi heißt „widerstehen“ im Sinne von Abwehr, Verteidigung im Krieg. Anhand dieser Situation sehen wir, was mit dem Bild des zweischneidigen Schwertes in Hebr und Offb gemeint ist: Das Wort Gottes ist die größte Waffe, mit der man die Menschen besiegen kann.
Die Niederlage macht die Feinde des Stephanus wütend, sodass das Folgende sie noch mehr provoziert: Stephanus sieht eine Vision, als er in den Himmel schaut: Er sah Gottes Herrlichkeit und vor allem, was die Juden am meisten provoziert haben wird, Jesus zur Rechten Gottes sitzen. Warum aber schenkt Gott ihm in dem Moment so eine Vision? Das ist sehr wichtig und wiederum ein Zeichen der überragenden Pädagogik Gottes: Er tut es für die Juden, die gegen Stephanus sind. Als fromme Juden war ihnen bekannt, dass durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares der Himmel für alle Menschen geschlossen war. Sie glaubten an die Erlösung von diesem Bann durch einen angekündigten Messias. Nun gibt Gott ihnen die Chance, anhand der Vision des Stephanus zu erkennen, dass der Himmel eben nicht mehr geschlossen ist! Jesus, den sie nicht als Messias anerkennen wollten, hat den Zugang zum Vater wieder eröffnet und sitzt ihm zur Rechten. Der Himmel steht offen, das heißt, Jesus IST der Messias, auf den die Juden so lange gewartet haben!
Sie haben die „Zeit der Gnade nicht erkannt“ (Lk 19,44). Die Vision bringt statt Erkenntnis das Fass zum Überlaufen und die Juden steinigen Stephanus. Wir müssen uns dies weniger als affektiven, pogromartigen Übergriff vorstellen, sondern eher als Befolgung des mosaischen Gesetzes. Auf Blasphemie (Gotteslästerung) steht die Todesstrafe. Wir lesen ähnliche Situationen in den Evangelien, in denen Jesus fast gesteinigt worden ist, nachdem er z.B. die vorgelesene Jesajalesung auf sich bezogen hat.
Wir lesen heute schon davon, dass die Tat von einem besonders frommen Juden angeführt worden ist und dem die anderen deshalb die Kleider zu Füßen gelegt haben – Saulus. Es handelt sich um den Pharisäer Paulus, der bei dem berühmten Gamaliel ausgebildet worden war und nach gnadenloser Verfolgung von Christen vor Damaskus eine Bekehrung erleben wird.
Die heroische Kraft, die Stephanus in dem Moment seines Todes aufbringt und Märtyrer ausmacht, ist erstens sein absolutes Gottvertrauen („Herr Jesus, nimm meinen Geist auf“) und seine Vergebungsbereitschaft. Er betet noch im Moment seiner Exekution für seine Henker („Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an.“). Er ist wirklich zum Zeugen für Jesus Christus geworden, weil er ihm in allem nachgefolgt ist, auch in den Tod.
Wir könnten uns fragen: Was hat das mit Weihnachten zu tun? Warum müssen wir das unbedingt am zweiten Weihnachtstag hören? Das hat absolut mit Weihnachten zu tun und wir sollten uns mit dem Gedanken anfreunden, dass dieses große Fest eben nichts Glamouröses und Kuscheliges an sich hat. Jesus ist in einem stinkenden kultisch unrein machenden Stall geboren. Seine ersten Gäste waren die Hirten, gesellschaftlich ganz Randständige. Von Anfang an war Jesu Leben bedroht und die Hl. Familie musste nach Ägypten fliehen. Wir wissen auch, dass Jesus geboren worden ist, um zu sterben. Den qualvollsten und schändlichsten Tod, den es gab. An Stephanus sehen wir die Konsequenz von Weihnachten auch für uns. Auch unser Leben ist von Anfang an bedroht, nämlich unser ewiges Leben. Wenn wir Jesus nachfolgen, müssen wir mit all jenen Konsequenzen rechnen, die auch in seinem Leben gegolten haben.
Die christliche „Radikalität“, also die Konsequenz der Weihnachtsbotschaft und des Christseins ist eben nicht die Macht über andere, sondern die Ohnmacht der Liebe. Sie geht so weit, sich kreuzigen zu lassen. Im Gegensatz zu anderen „fanatischen“ Religionen tötet der Christ nicht, sondern er wird getötet. Überall, wo es anders ausgegangen ist, wurde der christliche Glaube missbraucht.

Ps 31
3 Sei mir ein schützender Fels, ein festes Haus, mich zu retten!
4 Denn du bist mein Fels und meine Festung; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten. 
6 In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue.  
8 Ich will jubeln und deiner Huld mich freuen; denn du hast mein Elend angesehn, du kanntest die Ängste meiner Seele. 
16 In deiner Hand steht meine Zeit; entreiß mich der Hand meiner Feinde und Verfolger! 
17 Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht, hilf mir in deiner Huld! 

Passend zu diesem heutigen ersten Märtyrer-Fest beten wir einen Bittpsalm, der dann in einen Lobpreis umschwenkt.
Unser einziger wahrer Schutz ist beim Herrn. Er ist unser Fels, der uns rettet. König David bittet um diesen Schutz, ebenso wird Stephanus gebetet haben und so beten auch wir.
„In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist“ war eines der letzten Worte des ersten Märtyrers. Er hatte dieses starke Gottvertrauen, das auch schon David ausgemacht hat.
Und so ist Stephanus direkt zum Herrn gekommen, dessen Herrlichkeit er in der Vision schon gesehen hatte. Nun kann er im Angesicht Gottes jubeln und dessen Huld sich freuen. Gott hat ihn für seine heldenhafte Tat belohnt. Nun darf Stephanus auf ewig bei Gott sein.
Auch „in deiner Hand steht meine Zeit“ drückt diese Geborgenheit und das Vertrauen aus, das wir ausdrücken, wenn wir diesen Psalm beten.
Gott ist der einzige, der uns unseren Feinden entreißen kann. Er hat es bei Stephanus getan, der verfolgt worden ist für den Glauben an Jesus Christus. Auch uns wird der Herr erretten von unseren Feinden. Wir haben keine Garantie, dass er unser irdisches Leben bewahren wird. Oft wird uns ja gerade dieses genommen. Unseren Glauben und unser ewiges Leben kann aber kein Feind entreißen. Und wenn wir um Jesu willen umgebracht werden, kommen wir direkt zu ihm.
Beten wir diesen Psalm immer wieder, wenn wir in Not sind, vor allem in seelischer Not! Gott wird uns unserem wahren Feind entreißen: Dem Satan, der unsere Seele von Gott wegführen und uns den ewigen Tod, die Hölle bescheren will.

Mt 10
17 Nehmt euch aber vor den Menschen in Acht! Denn sie werden euch an die Gerichte ausliefern und in ihren Synagogen auspeitschen. 
18 Ihr werdet um meinetwillen vor Statthalter und Könige geführt werden, ihnen und den Heiden zum Zeugnis. 
19 Wenn sie euch aber ausliefern, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. 
20 Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.
21 Der Bruder wird den Bruder dem Tod ausliefern und der Vater das Kind und Kinder werden sich gegen die Eltern auflehnen und sie in den Tod schicken.
22 Und ihr werdet um meines Namens willen von allen gehasst werden; wer aber bis zum Ende standhaft bleibt, der wird gerettet.

Im heutigen Evangelium hören wir, dass Jesus das Geschick des Stephanus und so vielen anderen vorhersagt. Er spricht von der Radikalität seiner Liebe – der Ohnmacht und der Passion.
Die ersten Christen, die ja auch immer noch Juden sind (es sollte ja keine neue Religion werden), werden von den anderen Juden bestraft und verfolgt werden – nämlich jenen, die Jesus als Messias nicht anerkennen.
Jesus kündigt diese schlimmen Verfolgungen nicht einfach nur schonungslos an, sondern gibt seinen Jüngern auch zu verstehen, dass Gott sie nicht alleine lassen wird.
Er lädt die Jünger dazu ein, Vertrauen zu haben und sich vom Geist leiten zu lassen. Dieser wird ihnen eingeben, was sie vor Gericht sagen sollen.
Das besonders Drastische, was Jesus ankündigt, ist die Auslieferung von eigenen Familienmitgliedern. Da, wo vor allem einzelne Personen sich bekehren, die Ehepartner, Kinder oder Eltern aber nicht, wird dies vorprogrammiert sein. „Dem Tod ausliefern“ könnte durchaus die direkte Steinigung durch das Familienmitglied andeuten. Bei Stephanus bewahrheitet sich dies ja. Er wird direkt in den Tod geschickt – und direkt in den Himmel zu Gott!
Aber das Sterben für Gott wird nicht negativ dargestellt. Jesus sagt, wir werden gerettet, wenn wir standhaft bleiben trotz der Widerstände. Das bezieht sich nicht auf das irdische, sondern auf das ewige Leben. Es ist also sogar besser, für den Glauben zu sterben, um dafür das ewige Leben bei Gott zu sichern. Wo wir Gott nämlich abschwören, um unsere leibliche Unversehrtheit zu erhalten, verlieren wir unsere Seele. Wir sind dann nicht besser als Judas oder Petrus. Aber auch dann wäre es nicht zu spät. Petrus hat es bereut und wurde sogar mit dem Papstamt betraut („Weide meine Lämmer“).
Wir werden von allen gehasst werden. Das sehen wir ja in heutiger Zeit besonders. Die Christen haben ein sehr schlechtes Image in unserer Gesellschaft und erfahren wenige Solidarität oder Mitgefühl in einer Zeit, in der es die heftigste Christenverfolgung aller Zeiten gibt. Wir müssen uns nicht wundern und doch sollen wir auch jetzt standhaft bleiben.

Beten wir heute besonders auf die Fürsprache des Hl. Stephanus, dass Gott uns in Zeiten der Bedrängnis auch mit einem heldenhaften Mut beschenkt und wir zu ihm stehen können. Sind wir ihm in den kleinen Dingen treu, damit wir es auch in den großen sein können! Das ist schließlich die letzte Konsequenz von Weihnachten.

Ihre Magstrauss

Apostel Thomas (Fest)

Eph 2,19-22; Ps 117,1.2; Joh 20,24-29

Heute feiern wir einen der zwölf Apostel, dem viel Unrecht getan worden ist. Thomas genannt Didymus ist oft als der „ungläubige Thomas“ bezeichnet worden, dabei ist er es gar nicht. Er zeigt seine Zweifel, aber eigentlich geht es ihm darum, etwas verstehen zu wollen. Es dient in seinem Fall also einer Glaubensvertiefung. Ihm fällt es schwerer, etwas vorbehaltlos anzunehmen, aber er möchte es gerne annehmen.

Eph 2
19 Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.
20 Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Eckstein ist Christus Jesus selbst.
21 In ihm wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn.
22 Durch ihn werdet auch ihr zu einer Wohnung Gottes im Geist miterbaut.

Als Lesung hören wir heute einen Abschnitt aus dem Epheserbrief. Es geht um die Versöhnung von Juden und Heiden in Christus. Dies geschieht in der Taufe, die hier den größeren Argumentationskontext darstellt.
Durch die Taufe sind die Angesprochenen „jetzt nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.“ Das heißt, dass sie nun der Gemeinschaft der Heiligen angehören, die ihren sichtbaren Teil auf Erden besitzt, ein unsichtbarer Teil aber kann sich schon „Hausgenosse Gottes“ nennen. Sie sind schon bei Gott. Sie haben sein Reich geerbt und das Erbe nach dem Tod bezogen. Sie sind Erben, weil sie durch die Taufe zu Kindern Gottes geworden sind und zu seiner Familie gehören. Ihr „Bürgerrecht“ ist kein irdisches mehr, sondern ein viel kostbareres: Es geht schließlich um das Bürgerrecht im Himmel, das nie vergeht. Und dieses erhalten sie schon bei der Taufe auf Erden, auch wenn es erst nach dem Tod zum Einsatz kommt. Die Getauften sind auch keine „Fremden“ im Himmelreich im Sinne von Ausländer. Vielmehr handelt es sich um ihre Heimat, in die sie nach dem Tod zurückkehren. Sakramental und ekklesiologisch wird dieses Heimatgefühl durch das Leben in der Kirche bereits spürbar.
Die Getauften werden dabei nicht ins Vakuum hineingetauft. Sie treffen hier auf das apostolische Fundament. Es ist wie ein Gebäude, dessen Eckstein Christus selbst ist, während die Apostel und Propheten das Fundament darstellen. Das ganze Gebäude wird von Christus zusammengehalten und befindet sich im Wachstum. Das können wir so verstehen, dass immer mehr Menschen der Kirche zugesellt werden. Die „lebendigen Steine“ werden immer zahlreicher, die Stockwerke immer höher. So wächst der Tempel des Herrn und im Herrn. Es ist sein Bau, deshalb „des“ Herrn. Zugleich ist er es, der alles zusammenhält, mit einem anderen Bild ausgedrückt, dessen Leib die Kirche ist. In dieser Hinsicht ist es der Tempel „im“ Herrn.
Christus ist es, der uns „zu einer Wohnung Gottes im Geist miterbaut.“ Das heißt, dass der Mensch „Kirche“ nicht selbst macht. Christus ist der Baumeister und sein Geist ist es, der alles belebt. Wir können uns als Menschen nicht einbilden, dass wir das selbst errichtet haben. Dann ist der Bau zum Einsturz vorprogrammiert.

Ps 117
1 Lobt den HERRN, alle Völker, rühmt ihn, alle Nationen!
2 Denn mächtig waltet über uns seine Huld, die Treue des HERRN währt in Ewigkeit. Halleluja!

Als Antwort auf die Lesung beten wir den kürzesten Psalm im gesamten Psalter. Er ist betitelt mit „Aufruf an alle Völker zum Lob Gottes“. Wir, die wir im Grunde zu den sogenannten „Heidenchristen“ gehören, die also nicht zuvor Juden waren, haben allen Grund, Gott zu loben. Während der Alte Bund zwischen Gott und den Stämmen Israels geschlossen worden ist, eint der Neue Bund nun Juden und Heiden zugleich. Das stellt besonders für jene ein Gnadenakt Gottes dar, die zuvor in keinem Bund mit ihm standen, deshalb die besondere Freude der Heidenchristen! Gemeinsam besingen wir den, dessen Huld und Treue allen Menschen gilt. Wie die Propheten angekündigt haben, werden wirklich Menschen aus allen Sprachen, Stämmen, Nationen und Völkern zum heiligen Tempel Gottes kommen – und nicht mehr als heterogene Pilgergruppe, die im Tempel schön getrennte Bereiche einhalten muss, sondern als ein gemeinsames Volk Gottes, als eine einzige Familie. Gott möchte alle Menschen mit sich in einem Bund vereinen und deshalb sendet er seinen Geist nicht nur auf die Juden von Jerusalem herab. Er ist wirklich ein guter Vater, der alle Durstigen mit seinem lebendigen Wasser versorgt. Dies ist ein Hallelujaruf wert, mit dem dieser kurze Psalm endet.

Joh 20
24 Thomas, der Didymus genannt wurde, einer der Zwölf, war nicht bei ihnen, als Jesus kam.
25 Die anderen Jünger sagten zu ihm: Wir haben den Herrn gesehen. Er entgegnete ihnen: Wenn ich nicht das Mal der Nägel an seinen Händen sehe und wenn ich meinen Finger nicht in das Mal der Nägel und meine Hand nicht in seine Seite lege, glaube ich nicht.
26 Acht Tage darauf waren seine Jünger wieder drinnen versammelt und Thomas war dabei. Da kam Jesus bei verschlossenen Türen, trat in ihre Mitte und sagte: Friede sei mit euch!
27 Dann sagte er zu Thomas: Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!
28 Thomas antwortete und sagte zu ihm: Mein Herr und mein Gott!
29 Jesus sagte zu ihm: Weil du mich gesehen hast, glaubst du. Selig sind, die nicht sehen und doch glauben.

Heute hören wir noch einmal von der Erscheinung des auferstandenen Jesus bei den Aposteln. Als er am Ostertag bei ihnen erscheint, ist Thomas nicht dabei. Wir erfahren nicht, wo er ist, aber als er dann wieder zu den anderen stößt, berichten diese ihm ganz aufgeregt von der Begegnung mit ihrem Herrn. Doch Thomas reagiert mit Unwillen. Weil er Jesus nicht selbst gesehen hat, will er es nicht glauben. Er sagt, dass er erst dann glaubt, wenn er ihn mit eigenen Augen gesehen und die Spuren der Kreuzigung mit seinen eigenen Händen berührt hat. Es ist nicht die vollständige Ablehnung des Glaubens, sondern Thomas braucht mehr Auseinandersetzung damit. Ihm fehlt die Glaubenskraft ohne die „Hilfestellung“ des Sehens. Er ist ein Mensch, der nicht blind vertrauen kann. Man muss ihm aber zugute halten, dass er dennoch den Willen zeigt, glauben zu wollen. Wäre dem nicht so, würde er nicht von dem Schauen der Kreuzigungswunden und von dem Berühren der Seitenwunde sprechen. Er möchte diese Dinge tun und dann glauben. Das zeigt, dass er eben nicht der „ungläubige Thomas“ ist!
Jesus möchte, dass alle seine Apostel an ihn glauben. Deshalb kommt er diesen Zweifeln des Thomas entgegen. Eine Woche später erscheint er den Aposteln noch einmal, als Thomas dabei ist.
Jesus antwortet mit dem üblichen „Friede sei mit euch!“ Doch dann richtet er seine Aufmerksamkeit ganz auf Thomas, indem er ihm sagt: „Streck deinen Finger hierher aus und sieh meine Hände! Streck deine Hand aus und leg sie in meine Seite und sei nicht ungläubig, sondern gläubig!“ So ist Gott. Er geht uns entgegen, wenn es uns schwerfällt, an ihn zu glauben. Wo auch nur das kleinste Bisschen Wille zum Glauben da ist, verhilft er dem Menschen zu einem brennenden Glauben an ihn. Es ist ganz nach dem Motto: „Herr, ich glaube, hilf meinem Unglauben“ (Mk 9,24).
Thomas realisiert in diesem Moment wirklich, dass Jesus leibhaftig auferstanden ist. Und so bleibt ihm nichts anderes zu sagen, als „mein Herr und mein Gott!“ Ja, er hat die Gottheit Jesu explizit bekannt. Er ist kein Ungläubiger. Er hatte seine Zweifel, aber er wollte wirklich aufrichtig glauben. So hat Gott ihm geholfen, denn wo der Wille da ist, da kann Gott auch die Gabe schenken.
Jesus greift die ganze Sache auf, um zu erklären: Selig, die nicht sehen und doch glauben. Das gilt heute auch uns. Wir haben nicht das Privileg, wie Thomas mit eigenen Augen und Händen Jesus zu erleben. Wir können Jesus nur in den eucharistischen Gestalten sehen, jedoch nicht in Menschengestalt. Wir haben den irdischen Jesus vor seinem Tod nie getroffen und doch setzen wir unsere ganze Existenz auf ihn, den Auferstandenen.
Schauen wir zurück auf die Lesung, erkennen wir eine wichtige Gemeinsamkeit: Die Taufe eint viele unterschiedliche Menschen. Einerseits hat sie gerade in der ersten Generation Juden- und Heidenchristen als eine Familie Gottes vereint, andererseits auch unterschiedliche Charaktere, Mentalitäten, unterschiedlich charismatisch begabte Menschen. So eint schon der Zwölferkreis viele unterschiedliche Männer. Der eine braucht Gottes Entgegenkommen – Thomas. Der andere versteht Jesu mystische Seite, bevor die anderen sie überhaupt erahnen – Johannes. Der eine ist total voreilig und trägt sein Herz auf der Zunge – Petrus, wiederum andere sind aufbrausend und werden nicht umsonst „Donnersöhne“ genannt. Und doch sind sie alle eins in Christus. Gemeinsam bilden sie den Bau und den heiligen Tempel Gottes. Wichtig ist für unsere heutige Zeit, dass wir einander in der Kirchengemeinde gut ergänzen, wie es der Wille Gottes ist: Wer mehr kritische Auseinandersetzung braucht – die Thomasse der Gemeinde – brauchen einen Ort, wo sie aufgefangen werden und dies tun können – nicht um alles anzuzweifeln und dies zu ihrem Zielpunkt zu machen (davon kenne ich etliche), sondern um zu einem tiefen Glauben zu kommen wie Thomas („Mein Herr und mein Gott!“). Wer mystisch veranlagt ist, soll einen Raum bekommen, diese Gabe in das Gemeindeleben einzubringen, damit sie ihre übernatürliche Existenz nicht vergisst. Wer eine theologische Stärke hat und wissenschaftlich versiert, muss denen Rede und Antwort stehen dürfen, die dahingehend Fragen haben, die den „Theologen“ wiederum mit ihrer tiefen Frömmigkeit etwas beibringen können.
Nicht umsonst hat die Kirche ganz unterschiedliche Heilige, die uns Vorbilder sind. Es gibt die studierten Heiligen, es gibt die ganz ungebildeten Heiligen, es gibt Heilige in allen Ständen – vom Priestertum bis hin zum Ehepaar. Es gibt Heilige in allen Altersgruppen – vom Kind über Teenager bis hin zum Greis.

Was wir von Thomas lernen können: Nehmen wir die Inhalte nie für selbstverständlich, sondern glauben wir bewusst! Uns Katholiken, die wir als Kinder getauft und im Glauben groß geworden sind, wird das nicht so auffallen, aber wir nehmen die Glaubensinhalte oft an, ohne sie zu hinterfragen. Wir sind ja gleichsam in sie hineingewachsen. Doch wenn wir mal von einem Nichtkatholiken angesprochen werden oder von einem „Thomas“ unter den Katholiken, können wir dann antworten? „Warum ist das eigentlich so, dass wir ein dreifaltiges Gottesbild haben? Warum ist Maria eigentlich die Himmelskönigin? Warum halten wir überhaupt die Zehn Gebote? Wer hat gesagt, dass die Katholische Kirche die einzig wahre ist? Warum muss man denn auf den Papst hören? Wer hat beschlossen, dass der Papst in Rom sein soll?“ Bei vielen solcher grundsätzlichen Fragen stocken wir.
Und dann sehen wir brennende Konvertiten, die sich vor ihrer Konversion zum katholischen Glauben intensiv damit auseinandergesetzt haben, die es eben nicht von Kindheit auf so beigebracht bekommen haben. Diese sind es, die wirklich bewusst an all diese Dinge glauben, nachdem sie die Antwort erst einmal selbst finden mussten. Und Thomas ist so eingestellt: Er fragt nach dem Warum und möchte es genau wissen. Jedes Temperament des Menschen kann entweder zum Positiven oder zum Negativen entwickelt werden, was wir Charakterbildung nennen. Thomas‘ Veranlagung ist ein Hang zum Zweifeln. Mit Gottes Hilfe kann er genau dies zu einer Stärke entwickeln, was er auch getan hat: es genau wissen wollen, um tiefer zu glauben.

Beten wir heute für alle Thomasse unserer heutigen Zeit. Möge der Hl. Thomas ihnen zu einem tiefen und bewussten Glauben verhelfen und sie davor bewahren, aufgrund ihrer Zweifel vom Glauben abzufallen.

Ihre Magstrauss

7. Sonntag der Osterzeit

Apg 1,12-14; Ps 27,1.4.7-8; 1 Petr 4,13-16; Joh 17,1-11a

Apg 1
12 Dann kehrten sie von dem Berg, der Ölberg genannt wird und nur einen Sabbatweg von Jerusalem entfernt ist, nach Jerusalem zurück.
13 Als sie in die Stadt kamen, gingen sie in das Obergemach hinauf, wo sie nun ständig blieben: Petrus und Johannes, Jakobus und Andreas, Philippus und Thomas, Bartholomäus und Matthäus, Jakobus, der Sohn des Alphäus, und Simon, der Zelot, sowie Judas, der Sohn des Jakobus.
14 Sie alle verharrten dort einmütig im Gebet, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und seinen Brüdern.

In der ersten Lesung wird von dem berichtet, was die Apostel zwischen der Himmelfahrt Christi und dem Pfingstereignis tun.
Gemäß dem Auftrag Jesu, in Jerusalem zu warten, verharren sie in Jerusalem in einem Obergemach. Dabei handelt es sich zunächst um die elf verbliebenen Apostel, die hier mit Namen aufgezählt werden. Petrus wird als erstes genannt, weil er unter ihnen eine Vorrangstellung hat. Auch die Frauen sind dort, die Jesus begleitet haben. Ganz entscheidend ist, dass die Mutter Maria anwesend ist. Sie ist der Leib, in dem sich der Geist Gottes ganz entfalten konnte – so sehr, dass Gott in ihr Mensch werden konnte. Wenn nicht sie also im Gebet verharrt und um den Geist Gottes bittet, wer sonst! Sie kann den Aposteln helfen, diese notwendige Haltung einzunehmen, die Pforten des Herzens ganz weit aufzureißen, damit die Fülle des Geistes dort einziehen kann. Sie hält alles zusammen und ist als erste „Pfingstliche“ der Archetyp der Kirche.
Auch die Brüder Jesu sind dort, das bedeutet die Verwandtschaft mütterlicherseits. Der berühmteste von diesen „Brüdern“ ist Jakobus (ich habe über das griechische Wort ἀδελφός adelphos schon oft gesprochen. Es meint im altorientalischen Kulturkreis längst nicht nur den leiblichen Bruder und die Brüder Jesu haben andere Eltern. Es sind Verwandte Jesu.). Er war Nasiräer und lebte besonders asketisch. Er leitete die Jerusalemer Urgemeinde, nachdem Petrus von Jerusalem abgereist ist.
Die Apostel und der weitere Jüngerkreis bereiten sich auf das Geburtsfest der Kirche vor, tun auch wir das?

Ps 27
1 Von David. Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?
4 Eines habe ich vom HERRN erfragt, dieses erbitte ich: im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens; die Freundlichkeit des HERRN zu schauen und nachzusinnen in seinem Tempel.
7 Höre, HERR, meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und gib mir Antwort!

8 Mein Herz denkt an dich: Suchet mein Angesicht! Dein Angesicht, HERR, will ich suchen.

Wir beten heute einen ganz bekannten Psalm, der das Vertrauensverhältnis Davids zu Gott offenbart. Es gibt hier messianische Hinweise bzw. erkennen wir Christus im Psalm: Der HERR, Jahwe, ist mein Heil. Das hebräische Wort weist denselben Stamm auf wie der Name Jesu. Das ist kein Zufall. Der Psalm ist ganz und gar von Vertrauen geprägt („vor wem sollte mir bangen“, „Zuflucht“, „Hoffe auf den HERRN“). Es ist eben jenes unerschütterliche Vertrauen, das auch die Apostel Gott gegenüber besitzen und weshalb sie Jesu Einladung folgen, den Vater um den Geist zu bitten.
Zugleich wird die Sehnsucht nach dem ewigen Leben deutlich: „im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens“; die Freundlichkeit des HERRN zu schauen“. Das entspricht unseren anagogischen Gedanken zum Beispiel bei den vielen Jesajatexten, in denen das Leben bei Gott im Himmelreich die ultimative Befreiung vom drückenden Joch ist. Es ist auch auf die Apostel zu beziehen, die mit einer brennenden Sehnsucht nach der Wiederkunft Christi und in einer absoluten Naherwartung leben.
Dann wird eine Bitte formuliert: „Höre, HERR, meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und gib mir Antwort!“ Das ist es ja, was Jesus seinen Aposteln in den Abschiedsreden besonders eindringlich erklärt hat: Bittet den Vater. Ich werde für euch einstehen und wenn ihr dann im Heiligen Geist neugeboren seid, werdet ihr eine solche Intimität zum Vater als seine geliebten Kinder haben, dass er euch alles geben wird in meinem Namen. Wie der Psalmist schreibt, suchen die Apostel im Pfingstsaal verharrend das Angesicht Gottes. Sie sehnen sich nach seiner umfassenden Manifestation. Sie dürsten nach dem Heiligen Geist, der sie beleben kann. Auch wir dürsten nach dem Wasser des ewigen Lebens, das uns so umfassend tränkt, dass wir keinen Durst mehr haben müssen. Der Mensch ist auf der Suche nach dem Heiligen Geist, manchmal ohne es zu merken. So hält er instinktiv die Gebote Gottes, um im Liebesradius Gottes zu bleiben. Durch die Sünde entfernt sich der Mensch davon. Der Geist Gottes wird in den Heilsmitteln der Kirche ausgegossen, besonders aber in Taufe und Firmung. Diese Sakramente sind einmalig zu spenden und so muss auch die Eucharistie als besondere Zeit der Geistgabe genannt werden. In Vorbereitung darauf wird der Geist auch in der Beichte in unsere Herzen ausgegossen. Ein sakramentales Leben bringt Freude. Und wenn wir sterben, werden wir mir dem Geist Gottes unverhüllt und in vollem Maße durchdrungen, dass es ein einziges Pfingstereignis sein wird.

1 Petr 4
13 Stattdessen freut euch, dass ihr Anteil an den Leiden Christi habt; denn so könnt ihr auch bei der Offenbarung seiner Herrlichkeit voll Freude jubeln.

14 Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen; denn der Geist der Herrlichkeit, der Geist Gottes, ruht auf euch.
15 Wenn einer von euch leiden muss, soll es nicht deswegen sein, weil er ein Mörder oder ein Dieb ist, weil er Böses tut oder sich in fremde Angelegenheiten einmischt.
16 Wenn er aber leidet, weil er Christ ist, dann soll er sich nicht schämen, sondern Gott darin verherrlichen.

Es geht in der zweiten Lesung weiter mit dem Petrusbrief. Im vierten Kapitel behandelt Petrus weiterhin das Thema Leiden für Christus. Dies tut er wieder in einem paränetischen Rahmen, also in Form von ethischen Unterweisungen. In den vorherigen Versen, die nicht zum heutigen Abschnitt gehören, sagt er, dass die Getauften vor ihrer Taufe genug Zeit mit irdischen Begierden zugebracht haben und nun die Zeit gekommen ist, sich nach dem Willen Gottes zu richten. Nun ein anderes Leben zu führen als früher wird jene erzürnen, mit denen man so ein Leben geführt hat. Ganz konkret heißt das für die Adressaten des Briefes primär ihre Familienmitglieder, die nicht mit ihnen zusammen Christen geworden sind. Da ist Konflikt und Leiden vorprogrammiert.
Und doch ermutigt Petrus die Adressaten und heute auch uns, die wir diese Lesung hören: Wir sollen uns freuen, dass wir auf diese Weise an dem Leiden Christi teilhaben. Er ist verspottet und von seinen engsten Freunden verraten worden. So können wir unsere eigene Situation mit seiner sehr gut identifizieren. Wie oft leiden auch heutige Christen darunter, dass sie die einzigen Gläubigen in ihrer Familie sind. Der Zustand selbst ist nicht gut und Gott leidet mit uns zusammen darunter, dass die Kinder trotz christlicher Erziehung einen anderen Weg gehen wollen. Doch in Situationen, die man nicht ändern kann, weil Glaube nicht erzwungen werden kann, ist es ein Trost, zu wissen, dass dieses Leiden nicht sinnlos ist. Denn wer für Christus leidet, wird auch mit Christus am Ende der Zeiten jubeln. Ein gemeinsamer Karfreitag bedeutet auch ein gemeinsames Ostern.
Petrus formuliert sogar eine Selipreisung, die an die Bergpredigt Jesu erinnert: „Wenn ihr wegen des Namens Christi beschimpft werdet, seid ihr seligzupreisen.“ Das hat nichts Pathologisches an sich, so als ob man das Leiden aktiv suchen und sich daran ergötzen soll. Vielmehr meint es, dass es für uns ein Zeichen ist, dass wir auf dem richtigen Weg sind. In den vergangenen Kapiteln des ersten Petrusbriefes hat Petrus die Fremdheit und Andersartigkeit der Getauften im Gegensatz zur gefallenen Welt herausgestellt. Die Heimat ist ins Himmelreich verlegt worden und so leben die Christen nun in der Fremde. Konflikte wegen des Glaubens signalisieren den Getauften, dass sie vom weltlichen Standpunkt aus gesehen wirklich ein Leben in der Fremde, vom göttlichen Standpunkt aus nach Gottes Willen leben.
Der entscheidende Aspekt für das Anderssein ist der „Geist der Herrlichkeit“. Dieser ruht auf den Getauften, denn in ihm sind sie eine neue Schöpfung geworden. Er belebt sie ganz und richtet sie auf die Ewigkeit aus. In Fülle empfangen bleibt er in ihnen.
Petrus sprach schon im Abschnitt von letzter Woche davon, dass es unterschiedliche Ursachen für das Leid gibt. Und so spricht er auch hier an, dass die Seligpreisung nur für das Leiden um des Himmelreiches willen gilt, nicht „weil er ein Mörder oder ein Dieb ist, weil er Böses tut oder sich in fremde Angelegenheiten einmischt.“ Dann handelt es sich um die natürliche Konsequenz der Sünde. Sie zieht von ihrem Wesen her weite Kreise. So muss der Sünder selbst sowie Unschuldige um ihn herum unter ihren Folgen leiden. Das ist dann aber keine Teilhabe am Leiden Christi, das ein Sühneleiden stellvertretend für andere ist.
Als Christ zu leiden soll dagegen kein Grund zur Scham sein, sondern Anlass, im Leiden Gott zu verherrlichen. Das haben in verdichteter Weise die Märtyrer der Kirche vorbildlich umgesetzt. Doch auch die vielen Bekenner, die zeitlebens für das Evangelium gelitten haben, doch eines natürlichen Todes gestorben sind, haben Gott dadurch verherrlicht. Es ist eine große Herausforderung, das Leiden zu umarmen und bereitwillig anzunehmen. Doch dies ist keine Aufgabe, die allein aus eigener menschlicher Kraft umgesetzt werden muss. Gott gibt dazu die Kraft, denn nicht umsonst ist bei Taufe und Firmung der Mensch mit der Fülle des Heiligen Geistes ausgestattet worden.

Joh 17
1 Dies sprach Jesus. Und er erhob seine Augen zum Himmel und sagte: Vater, die Stunde ist gekommen. Verherrliche deinen Sohn, damit der Sohn dich verherrlicht!
2 Denn du hast ihm Macht über alle Menschen gegeben, damit er allen, die du ihm gegeben hast, ewiges Leben schenkt.
3 Das aber ist das ewige Leben: dass sie dich, den einzigen wahren Gott, erkennen und den du gesandt hast, Jesus Christus.
4 Ich habe dich auf der Erde verherrlicht und das Werk zu Ende geführt, das du mir aufgetragen hast.
5 Jetzt verherrliche du mich, Vater, bei dir mit der Herrlichkeit, die ich bei dir hatte, bevor die Welt war!
6 Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast. Sie gehörten dir und du hast sie mir gegeben und sie haben dein Wort bewahrt.
7 Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist.
8 Denn die Worte, die du mir gabst, habe ich ihnen gegeben und sie haben sie angenommen. Sie haben wahrhaftig erkannt, dass ich von dir ausgegangen bin, und sie sind zu dem Glauben gekommen, dass du mich gesandt hast.
9 Für sie bitte ich; nicht für die Welt bitte ich, sondern für alle, die du mir gegeben hast; denn sie gehören dir.
10 Alles, was mein ist, ist dein, und was dein ist, ist mein; in ihnen bin ich verherrlicht.
11 Ich bin nicht mehr in der Welt, aber sie sind in der Welt und ich komme zu dir.

Das heutige Evangelium ist ein Ausschnitt aus dem hohepriesterlichen Gebet Jesu. Dieses Gebet vervollständigt die „Liturgie“ Jesu am Abend vor seinem Tod. Er hat die Eucharistie eingesetzt und dabei das Pessachfest typologisch erfüllt. Mit seinem Kreuzestod wird die Versöhnung der Welt mit Gott erwirkt und so verbindet sich die Pessachtypologie des letzten Abendmahls mit der des Jom Kippur, des Versöhnungstages. Bei diesem Fest, das das höchste Fest der Juden darstellt, ist es zur Zeit Jesu so, dass der Hohepriester ausnahmsweise zum Allerheiligsten vordringen darf und mit dem Blut von zwei Opfertieren den Deckel der Bundeslade besprengt. Er tut dies stellvertretend für die ganze Gemeinde und bittet um Vergebung der Sünden des Volkes Israel. Unter anderem wird auch ein Sündenbockritual vorgenommen, bei dem die Sünden des Hohepriesters öffentlich bekannt werden, auf das Tier „übertragen“ und dieses dann in die Wildnis geschickt wird. An diesem Festtag wurde auch ein Opfer zur Reinigung des Tempels dargebracht.
Dies alles müssen wir bedenken, wenn wir Jesu Gebet betrachten. Dann geht uns auf, was den Aposteln in dem Moment vielleicht aufgegangen ist, mindestens dem Mystiker Johannes: Dass Jesus nicht nur Pessach in den Neuen Bund integriert, sondern auch Jom Kippur.
Bevor er zum Gebet ansetzt, hören wir als erstes: „Dies sprach Jesus“. Es signalisiert uns, dass die Reihe der Abschiedsreden nun abgeschlossen ist.
Jesus erhebt die Augen zum Himmel, weil er nun zum Vater sprechen wird. „Die Stunde ist gekommen.“ Im Johannesevangelium hat die Rede von der „Stunde“ eine heilsgeschichtliche Bedeutung. Als Maria ihren Sohn bei der Hochzeit zu Kana auf den ausgegangenen Wein hinweist, entgegnet er ihr: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Es ist nicht wörtlich zu verstehen, denn Jesus meint nie eine bestimmte Stunde des Tages, sondern einen Zeitpunkt im Heilsplan Gottes. Im heutigen Evangelium ist die Stunde des Leidens gekommen, das sehr bald beginnen würde. Und der ganze Vorgang bis zum letzten Atemzug am Kreuz ist ein Prozess der Verherrlichung. Jesus wird über alle anderen erhöht. Der Erhöhung durch den Vater bei der Himmelfahrt geht die Erhöhung am Kreuzesholz voraus. Die „Stunde“ meint zugleich das Hinübergehen zum Vater, zu dem er im Gebet spricht. Und Jesus verherrlicht im Gegenzug den Vater dadurch, dass an ihm Gottes große Taten offenbar werden. Dadurch werden wiederum viele Menschen Gott die Ehre geben.
Jesus spricht über sich in der dritten Person, wenn er als Grund für seine Verherrlichung die Bevollmächtigung durch den Vater nennt. Dieser vertraut ihm alle Menschen an, damit er ihnen das ewige Leben schenke.
Jesus erklärt, worin das ewige Leben besteht – in der Erkenntnis Gottes und seines Gesalbten. Die Erkenntnis eröffnet das ewige Leben, denn wer Gott erkannt hat, kommt zum Glauben an ihn und lässt sich taufen. Wer getauft ist, nimmt die Erlösung Christi an und wird zum Erben des Reiches Gottes eingesetzt.
Dieses Erkennen hat im gesamtbiblischen Zeugnis eine tiefe Bedeutung: Adam und Eva erkennen einander und so wird Eva schwanger. Es ist die liebende Vereinigung zwischen Mann und Frau. Erkennen ist aber auch eine Liebe auf seelischer Ebene. So erkennen z.B. die Emmausjünger beim Brechen des Brotes und Maria Magdalena Jesus am Grab. Es ist eine liebende Vereinigung der Seelen. Und wenn wir nach unserem Tod vor Gott stehen, werden wir ihn erkennen, sodass wir ihn sehen, wie er ist. So werden wir in der ewigen Erkenntnis leben – der ewigen Liebesgemeinschaft mit Gott. Diese ultimative Erkenntnis erfahren wir auf Erden stückhaft schon sakramental, wenn wir Eucharistie feiern. Dann erkennen wir in den eucharistischen Gestalten Jesus Christus. Wir erkennen ihn auch in der Liebe, die uns andere Menschen erweisen.
Jesus hat den Vater auf der Erde verherrlicht, weil er seinen Willen ganz erfüllt hat, der ein Heilswille ist. Er hat alles bis zum letzten Atemzug nach dem Willen des Vaters getan und dann zuletzt gesagt: „Es ist vollbracht.“
Und nun bittet er den Vater darum, dass auch dieser treu alles bis zum Ende vollbringt, sodass der Sohn dann wieder verherrlicht an seiner Seite sitzen wird. Hier spricht Jesus auch seine eigene Präexistenz aus („die ich bei dir hatte, bevor die Welt war“). Jesus ist das fleischgewordene Wort und dieses Wort war im Anfang bei Gott, wie es der Johannesprolog feierlich erklärt.
„Ich habe deinen Namen den Menschen offenbart.“ Jesus hat den Vater wirklich authentisch ausgelegt. Er hat die Jünger „aus der Welt“ berufen zur Nachfolge (Welt ist hier wieder Ausdruck der gefallenen Schöpfung), damit sie das Herz des Vaters durch die Offenbarung Jesu Christi immer mehr kennenlernen. Mit „Name Gottes“ ist dessen innerstes Wesen gemeint. Auch am brennenden Dornbusch hat sich Gott dem Mose mit einer Eigenschaft oder Tätigkeit als Namensbezeichnung vorgestellt: Jahwe, „ich bin/ich werde sein“. Er ist ein Gott, der für die Menschen da ist und sie nie verlässt. Die Apostel haben das Wort bewahrt, das heißt das Evangelium Jesu Christi in ihre Herzen geschrieben. Nun brauchen sie nur noch den Heiligen Geist, der zur gegebenen Zeit alles wieder hervorholt.
„Sie haben jetzt erkannt, dass alles, was du mir gegeben hast, von dir ist.“ Der Vater hat den Sohn gesandt, er hat ihn mit allen Vollmachten ausgestattet. Und die Apostel haben einen langen Prozess durchlaufen, bis sie soweit sind, Jesu Herkunft ansatzweise zu begreifen. Selbst in den Abschiedsreden ist ihre Schwerbegrifflichkeit noch durchgesickert.
Konkret nennt Jesus dann das Wort, das Jesus vom Vater empfangen und den Aposteln weitergegeben hat. Man spürt förmlich, dass Jesus beim Vater ein gutes Wort für die Apostel einlegen möchte. Es ist wie eine Apologie oder ein Plädoyer vor Gericht. Nachdem er sie mehrfach gelobt hat, kommt er nun zur Fürbitte: Jesus bittet für seine Apostel, denn sie gehören nun dem Vater.
Der Vater und der Sohn teilen alles miteinander. Alles gehört auch jeweils dem Anderen. Das macht die innige Liebe des dreifaltigen Gottes aus. Und das gemeinsame Werk des Vaters und des Sohnes wird im Glauben der Gläubigen fortgesetzt und deshalb wird Christus in ihnen verherrlicht.
Sie werden weiterführen, was er getan hat, weil sie in der Welt sind (als neue Schöpfung inmitten der gefallenen Schöpfung). Jesus aber geht zurück zum Vater.

Betrachten wir all das vor dem Hintergrund des Jom Kippur, erkennen wir in Christus den Hohepriester, der Gott um Vergebung der Sünden des Volkes bittet – zu diesem neuen Volk Gottes zählt zunächst sein Kern, der Apostelkreis. Jesus bittet im Voraus schon um Vergebung für den Verrat, den seine eigenen Freunde an ihm begehen werden. Er bittet auch für uns alle als Hohepriester, der aber seine eigenen Sünden nicht bekennt. Jesus ist ohne Sünde und kann gar kein Sündenbekenntnis ablegen. Das unterscheidet ihn von den Hohepriestern des Alten Bundes. Und wenn wir dann weiterschauen, was passieren wird, gibt es noch einen entscheidenden Unterschied. Nicht mehr das Blut von Opfertieren wird auf den Deckel der Bundeslade gesprengt, sondern Jesus selbst wird zum Opfer, das seine Gläubigen mit dem kostbaren Blut besprengt. Dies berichtet Johannes im Passionsbericht sehr anschaulich, als durch den Lanzenstoß eines Soldaten ins Herz Jesu Blut und Wasser hervorfließen – sein kostbares Blut der Versöhnung und das Wasser des Heiligen Geistes, auf den wir uns vorbereiten! Jesus ist Hohepriester und Opfer zugleich. Als Makelloser hat er ein ultimatives Jom Kippur erwirkt, den Versöhnungstag, der keinen weiteren mehr notwendig machen wird. Jom Kippur wird lediglich erneuert und in die jeweilige Gegenwart geholt, wenn wir die Eucharistie begehen. Jom Kippur wird auch immer dort Gegenwart, wo wir das Sakrament der Versöhnung empfangen und wo uns die Sünde vergeben wird. Der Tag der Versöhnung wird vor allem dann offenbar, wenn wir in die Ewigkeit eingehen, wo wir Gott unverhüllt erkennen werden, wie er uns erkannt hat.

Jesus betet für seine Apostel, die nach seinem Tod und der Spendung des Heiligen Geistes als Gott ganz Geweihte Christi Werk fortsetzen werden. Bis dahin wird noch sehr viel passieren und die Apostel sind noch längst nicht so weit, dass man sie als brennende Zeugen für Christus bezeichnen kann. Der eine verrät seinen Rabbi, der andere leugnet, ihn zu kennen. Nur einer von zwölf Aposteln steht Jesus bis zum Schluss bei. Und doch schreibt Gott auf krummen Seiten gerade. Sein Werk ist es, in der Schwachheit des Menschen seine Gnade walten zu lassen, damit jeder erkennt, dass er es ist, der durch die Menschen wirkt.
Auf die Fülle dieser Gnade warten die Apostel zusammen mit dem erweiterten Jüngerkreis nach der Himmelfahrt Christi. Es ist im wahrsten Sinne die Ruhe vor dem Sturm. Aber wenn sie den Geist erst einmal empfangen haben, werden sie die Worte Davids im Psalm wirklich beherzigen: „Der Herr ist mein Licht und mein Heil. Vor wem sollte ich mich fürchten?“

Ihre Magstrauss

Freitag der 6. Osterwoche

Apg 18,9-18; Ps 47,2-3.4-5.6-7; Joh 16,20-23a

Apg 18
9 Der Herr aber sagte nachts in einer Vision zu Paulus: Fürchte dich nicht! Rede nur, schweige nicht!
10 Denn ich bin mit dir, niemand wird dir etwas antun. Viel Volk nämlich gehört mir in dieser Stadt.
11 So blieb Paulus ein Jahr und sechs Monate und lehrte bei ihnen das Wort Gottes.
12 Als aber Gallio Prokonsul von Achaia war, traten die Juden einmütig gegen Paulus auf, brachten ihn vor den Richterstuhl
13 und sagten: Dieser verführt die Menschen zu einer Gottesverehrung, die gegen das Gesetz verstößt.

14 Als Paulus etwas erwidern wollte, sagte Gallio zu den Juden: Läge hier ein Vergehen oder Verbrechen vor, ihr Juden, so würde ich eure Klage ordnungsgemäß behandeln.
15 Streitet ihr jedoch über Lehre und Namen und euer Gesetz, dann seht selber zu! Darüber will ich nicht Richter sein.
16 Und er wies sie vom Richterstuhl weg.
17 Da ergriffen alle den Synagogenvorsteher Sosthenes und verprügelten ihn vor dem Richterstuhl. Gallio aber kümmerte sich nicht darum.
18 Paulus blieb noch längere Zeit. Dann verabschiedete er sich von den Brüdern und segelte zusammen mit Priscilla und Aquila nach Syrien ab. In Kenchreä hatte er sich aufgrund eines Gelübdes den Kopf kahl scheren lassen.

Heute setzen wir die Bahnlesung der Apostelgeschichte sowie die der Abschiedsreden fort.
Zuletzt wurde uns von Paulus‘ Areopagrede in Athen berichtet und es endete damit, dass er nach Korinth ging. Im weiteren Verlauf lernte er das jüdische Ehepaar Aquila und Priscilla kennen, das durch das Claudius-Edikt von 49 n.Chr. aus Rom verbannt worden ist. Sie teilen mit Paulus denselben Beruf der Zeltmacherei und arbeiteten mit ihm, bis seine Gefährten aus Mazedonien nachgereist kamen. Auch in Korinth gab es Anfeindungen durch die ansässigen Juden, weshalb er zu den Heiden ging. Dennoch ist es sehr bemerkenswert, dass ausgerechnet der Synagogenvorsteher sich mit seinem Haus zum Christentum bekehrt hat.
Heute beginnt es damit, dass Gott ihm in nächtlicher Vision seinen Beistand zusagt. Es wird ihm noch einiges zustoßen und doch möchte ihm der Herr versichern, dass alles gut wird. Er spricht ihm diese Worte auch deshalb zu, weil er in Korinth so viele Widerstände erfahren hat. Gott nimmt uns meistens nicht das Leid in unserem Leben. Was er aber voller Bereitschaft tut, ist uns die Kraft zu geben, das Leiden anzunehmen und es zu tragen. Er sichert auch uns immer wieder die Bereitschaft zu, uns beizustehen. Gott gibt ihm auch zu verstehen, dass Pauli Verkündigung seinem Willen entspricht und keiner Paulus etwas antun wird.
Er sagt Paulus in dem Kontext auch, dass in der Stadt viele ihm gehören. Das heißt nicht, dass nur auserwählte Menschen Gott gehören und der Rest nicht. Im Griechischen heißt es διότι λαός ἐστίν μοι πολὺς ἐν τῇ πόλει ταύτῃ dioti laos estin moi polys en te polei taute – in dieser Stadt ist dem Herrn viel Volk. Laos ist der Begriff für das auserwählte Volk Israel, nun aber angewandt auf das neue Volk Gottes, das ihm gehört. Er kündigt Paulus also an, dass eine große Gemeinde in der Stadt entstehen wird.
Nach eineinhalb Jahren wendet sich das Blatt, denn als Gallio Prokonsul wird, klagen die korinther Juden Paulus bei ihm an. Der Vorwurf lautet „Gottesverehrung, die gegen das Gesetz verstößt. Das Stichwort νόμος nomos zeigt uns, dass es die Torah meint. Die Juden haben ein religiöse Problem mit Paulus. Doch Gallio reagiert unbeeindruckt, denn es liegt außerhalb seines Aufgabenbereichs. Für religiöse Angelegenheiten haben die Juden ihre eigene Torah. Er selbst kümmert sich um Verbrechen und römische Gesetzesbrüche. So weist er die Ankläger ab und Paulus bleibt unbeschadet. Doch aus Wut und Frust ergreifen die Juden Sosthenes, der für sie als Hochverräter gelten muss. Ausgerechnet er als Synagogenvorsteher hat sich ja mit seinem Haus zum Christentum bekehrt. So prügeln sie vor Gallio auf ihn ein, doch den Prokonsul lässt es kalt. Er sagte, dass er „echte“ Verbrechen ordnungsgemäß fahnde. Angesichts der Gewalt, die sich vor seinen Augen abspielt und gegen die er nichts unternimmt, scheint dies nicht ganz zu stimmen.
Paulus verlässt die Stadt nicht sofort, sondern bleibt noch ein wenig bei den korinther Christen, bevor er sich mit Aquila und Priscilla auf den Weg nach Syrien begibt.
Zum Schluss wird noch von einem Gelübde berichtet, bei dem er sich die Haare schert. Zumeist wird angenommen, dass damit das Nasiräergelübde gemeint ist, das dann in Kenchreä durch das Scheren der Haare beendet wird. Vielleicht wollte sich Paulus dadurch unter den besonderen Schutz Gottes stellen und auch den judäischen Gegnern bei der Durchreise über Jerusalem seine Gesetzestreue beweisen (man musste bei einem Nasiräat auch nach Jerusalem reisen). Dies ist aber nicht ganz sicher und dann hätte Paulus auch am Herrenmahl das Blut Christi nicht empfangen können (Nasiräer dürfen keinen Wein trinken). Welches Gelübde auch gemeint sei: Paulus handelt nie nach eigenem Gutdünken und auch nicht aus eigener Kraft. Er tut alles mit der Gnade Gottes. Vielleicht hat er das Gelübde auch abgelegt aus Dank für den Schutz und Beistand des Herrn während seiner Zeit in Korinth.

Ps 47
2 Ihr Völker alle, klatscht in die Hände; jauchzt Gott zu mit lautem Jubel!
3 Denn Furcht gebietend ist der HERR, der Höchste, ein großer König über die ganze Erde.
4 Er unterwerfe uns Völker und zwinge Nationen unter unsere Füße.
5 Er erwähle für uns unser Erbland, den Stolz Jakobs, den er lieb hat.
6 Gott stieg empor unter Jubel, der HERR beim Schall der Hörner.
7 Singt unserm Gott, ja singt ihm! Singt unserm König, singt ihm!

Der Missionsabschnitt in Korinth ist sehr erfolgreich gewesen. Eine große Gemeinde ist daraus entstanden und Paulus ist unbeschadet wieder von dort abgereist. Dies ist für uns Anlass zum Lobpreis im Psalm.
Gott ist furchtgebietend. Das ist nicht dasselbe wie angsteinflößend. Es meint, dass sein Wirken in uns nur eine Reaktion von Ehrfurcht hervorrufen kann. Auch seine Erscheinung ist furchteinflößend, auch wenn wir ihn unverhüllt gar nicht sehen können, ohne zu sterben. Seine Manifestationen wie die Wolke oder der Rauch sind schon furchteinflößend, sodass zum Beispiel bei der Verklärung die drei anwesenden Jünger es mit der Angst zu tun bekommen, als sie von der Wolke Gottes umhüllt werden. Erst recht werden alle Menschen überwältigt werden, wenn Jesus am Jüngsten Tag mit dieser göttlichen Herrlichkeit wiederkehren wird…
Die Unterwerfung von Völkern und das Zwingen unter die Füße seiner Auserwählten ist zuvor wörtlich verstanden worden. Mit militärischer Gewalt und politischen Mitteln sind diese Dinge im Alten Israel umgesetzt worden. Sie sind nun aber viel mehr geistlich zu verstehen: Es geht um die Gewinnung von Christen für das Volk Gottes des Neuen Bundes. Dies soll nicht durch Gewalt geschehen, sondern durch Überzeugung. Es soll genauso wenig eine tyrannische Herrschaft sein wie der Herrschaftsauftrag der ersten Schöpfung. Dort meint die „Unterwerfung der Erde“ unter das erste Menschenpaar die Sorge um die ihnen anvertraute Schöpfung. Nun sind es die Apostel, die ersten Menschen der neuen Schöpfung nach dem Erstgeborenen Christus, die in liebender Fürsorge die neue Schöpfung versorgen sollen.
Auch das Erbland ist nicht mehr irdisch zu verstehen, sondern bezieht sich auf das Reich Gottes. In dieses gehen jene ein, die im Heiligen Geist neugeboren sind. Im Gegensatz zum irdischen Erbland ist genug Platz für jeden und kein bisher dort lebendes Land muss dem auserwählten Volk weichen.
„Gott stieg empor unter Jubel, der HERR beim Schall der Hörner.“ Dies ist heute ganz aktuell mit Christus gegeben, der in den Himmel aufgestiegen ist. Hörner und Jubel sind vielleicht nicht von den Jüngern betätigt worden, dafür aber können wir uns vorstellen, von welcher Freudenmusik begleitet der Menschensohn in die himmlische Heimat zurückgekehrt ist, aufgenommen in das Herz des Vaters!
„Singt unserm Gott, ja singt ihm! Singt unserm König, singt ihm!“ Auch hier wie in Vers 2 erklingt ein Lobpreisaufruf dessen, der der Allherrscher ist.
Psalm 47 beinhaltet Thronbesteigungsmotive, Elemente für die Krönungsfeier eines Herrschers. Mithilfe von Bildern des irdischen Königszeremoniells wird die kommende Herrschaft Gottes ausgedrückt. Es ist also absolut sinnvoll, diesen Psalm an Christi Himmelfahrt zu beten. Christus kommt wie bei einem Triumphzug der römischen Kaiser zurück in die Ewigkeit, als siegreicher Messias, der die Welt erlöst hat. Er wird begrüßt von den himmlischen Heerscharen und besteigt den Thron zur Rechten des Vaters. So können wir gut nachvollziehen, was Stephanus vor seinem Tod schauen durfte (Apg 7,56) und auch was Paulus meint, wenn er im Philipperhymnus betet: „Darum hat ihn Gott über alle anderen erhöht.“ (Phil 2,9).

Joh 16
20 Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, aber eure Trauer wird sich in Freude verwandeln.
21 Wenn die Frau gebären soll, hat sie Trauer, weil ihre Stunde gekommen ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.
22 So habt auch ihr jetzt Trauer, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude.
23 An jenem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen.

Im Evangelium hören wir einen weiteren Ausschnitt aus der dritten Abschiedsrede. Jesus macht weitere Andeutungen, dass die Apostel es um seines Namens willen schwer haben werden. Sie werden „weinen und klagen“. Hier werden eindeutig die schlimmen Christenverfolgungen angedeutet, die bis heute andauern. Wenn die Welt ihn schon gehasst hat, wird es seinen Jüngern nicht anders ergehen. In dieser Hinsicht ist auch zu verstehen, warum die Welt sich freuen wird: Dabei handelt es sich nämlich um die Schadenfreude. Diese ist aber nur von kurzer Dauer, denn die Trauer der Jünger wird sich in Freude umwandeln. Dies wird spätestens mit der Ewigkeit passieren, wo die Freude eine Frucht des Heiligen Geistes ist und den anhaltenden Zustand darstellen wird.
Diese Worte spricht Jesus kurz vor seinem Tod. Das bedeutet, dass die Trauer der Apostel zuallererst mit seinem Tod zu tun haben wird. Sie werden unter Schock stehen und traurig sein über Jesu Tod. Die Trauer wird nicht einmal 48 Stunden andauern und sich dann am Ostermorgen in Freude verwandeln. Die Schadenfreude der Welt (damit ist bei Johannes ja immer die gefallene Schöpfung gemeint) bezieht sich in dieser Lesart vor allem auf den Hohen Rat Jerusalems, der scheinbar triumphiert. Auch moralisch können wir diesen Vers verstehen, denn der Böse tut alles daran, uns von Gott wegzuziehen. Er ist es, der sich freut, wenn wir sündigen. Er redet uns dann ein, dass nichts mehr zu retten ist. Er will uns einreden, dass wir nach dem Fall liegenbleiben sollen. Seine Schadenfreude ist nur von kurzer Dauer (er ist schadenfroh, weil er uns von dem wegzieht, was ihm selbst weggenommen worden ist – das Himmelreich). Aber er hat die Rechnung ohne Gott gemacht, der uns im Sakrament der Versöhnung die Sünden vergeben und uns in den Stand der Gnade zurückversetzen kann! So wird unsere Trauer über unsere Sündhaftigkeit in Freude über die Versöhnung mit Gott umgewandelt.
Insbesondere die eschatologische Lesart wird uns durch den nächsten Vers verdeutlicht (also die Perspektive auf die Ewigkeit hin), aber auch die ekklesiologische (auf die Kirche bezogen). Dort vergleicht Jesus die vorübergehende Trauer mit dem Prozess einer Geburt, der sehr schmerzhaft ist, aber das Ergebnis reine Freude bereitet. Wenn nach den Geburtswehen das Kind dann da ist, vergisst die Frau voller Freude, was sie durchgemacht hat. So ist es mit der Ewigkeit und deshalb greift Paulus dieses Bild dann später wieder auf: Die ganze Welt liegt in Wehen und je näher sie der (geistlichen) Geburt der neuen Schöpfung entgegen geht, desto akuter wird es. Dies wird durch die zunehmenden Christenverfolgungen spürbar, aber auch durch immer deutlichere Zeichen der Endzeit politischer und kosmologischer Natur. Wenn die neue Schöpfung aber dann vollzogen ist durch die Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, wird nur noch die Freude des Himmels herrschen.
Aber auch in ekklesiologischer Perspektive ist es so zu verstehen, wie uns die Berichte der Apostelgeschichte besonders zeigen: Die Missionare müssen viel durchmachen, werden gesteinigt, ins Gefängnis gesteckt, vor die Gerichte gebracht, verunglimpft und immer wieder verspottet, doch all dies ist es Wert, wenn sich dafür die Menschen zu Christus bekehren.
Jesus wird seine Apostel wiedersehen – das ist wie gesagt auf seiner Auferstehung zu beziehen, ebenso auf das Ende der Zeiten. Gestern feierten wir Christi Himmelfahrt. Es ist ein Abschied auf Zeit, denn er wird wiederkommen als verherrlichter Menschensohn am Jüngsten Tag.
Und die Freude, die die Apostel sowie alle bis dahin standhaft gebliebenen Menschen erfüllen wird, kann ihnen keiner nehmen. Dies gilt vor allem jenen Christen, die um ihres Glaubens willen viel erleiden müssen und sogar ihr Leben geben. Die Freude der Märtyrer kann ihnen keiner nehmen, am wenigsten ihre Verfolger.
Und dann werden die Apostel Jesus nichts mehr fragen. Warum sagt er das? Wenn der Mensch vor Gott steht, wird er alles sehen und erkennen. Er wird alles begreifen und so bleiben keine Fragen mehr offen. Das gilt auch uns: Noch haben wir viele Fragen, weil wir die Entwicklungen nicht verstehen, unser Leben nicht im Überblick vor uns haben und das Geheimnis Gottes nicht erfassen können. Doch wenn wir sterben und vor ihn treten, werden wir ihn sehen, wie er ist. Und in der Schau Gottes werden wir auch unser Leben sehen, wie es ist – mit all dem, was uns bis dahin unklar war. Das wird viel Schmerz verursachen, weil wir uns unserer Sünde schmerzlich bewusst werden, ebenso der vielen verpassten Chancen, Gottes unendliche Liebe zu erwidern.

Ihre Magstrauss

Christi Himmelfahrt

Apg 1,1-11; Ps 47,2-3.6-7.8-9; Eph 1,17-23; Mt 28,16-20

Apg 1
1 Im ersten Buch, lieber Theophilus, habe ich über alles berichtet, was Jesus von Anfang an getan und gelehrt hat,
2 bis zu dem Tag, an dem er in den Himmel aufgenommen wurde. Vorher hat er den Aposteln, die er sich durch den Heiligen Geist erwählt hatte, Weisung gegeben.
3 Ihnen hat er nach seinem Leiden durch viele Beweise gezeigt, dass er lebt; vierzig Tage hindurch ist er ihnen erschienen und hat vom Reich Gottes gesprochen.
4 Beim gemeinsamen Mahl gebot er ihnen: Geht nicht weg von Jerusalem, sondern wartet auf die Verheißung des Vaters, die ihr von mir vernommen habt!
5 Denn Johannes hat mit Wasser getauft, ihr aber werdet schon in wenigen Tagen mit dem Heiligen Geist getauft werden.
6 Als sie nun beisammen waren, fragten sie ihn: Herr, stellst du in dieser Zeit das Reich für Israel wieder her?
7 Er sagte zu ihnen: Euch steht es nicht zu, Zeiten und Fristen zu erfahren, die der Vater in seiner Macht festgesetzt hat.
8 Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommen wird; und ihr werdet meine Zeugen sein in Jerusalem und in ganz Judäa und Samarien und bis an die Grenzen der Erde.
9 Als er das gesagt hatte, wurde er vor ihren Augen emporgehoben und eine Wolke nahm ihn auf und entzog ihn ihren Blicken.
10 Während sie unverwandt ihm nach zum Himmel emporschauten, siehe, da standen zwei Männer in weißen Gewändern bei ihnen
11 und sagten: Ihr Männer von Galiläa, was steht ihr da und schaut zum Himmel empor? Dieser Jesus, der von euch fort in den Himmel aufgenommen wurde, wird ebenso wiederkommen, wie ihr ihn habt zum Himmel hingehen sehen.

Heute am Hochfest Christi Himmelfahrt hören wir den Beginn der Apostelgeschichte, die ja ähnlich beginnt wie das Lukasevangelium. Es wird in beiden Schriften Theophilus als Adressat der Schrift direkt angesprochen. In Rückbezug auf das „erste Buch“, das heißt auf das Lukasevangelium, fasst Lukas für Theophilus noch einmal den Inhalt zusammen und rekurriert auf das Himmelfahrtsereignis. Aus Anlass des Festes hören wir heute diese Lesung.
„Vorher hat er den Aposteln, die er sich durch den Heiligen Geist erwählt hatte, Weisung gegeben.“ Lukas schreibt diese Worte nach dem Pfingstereignis nieder. Er ist selbst mit diesem Geist beschenkt worden in der Taufe und so weiß er, wovon er spricht. Jesus hat nie etwas Zufälliges gesagt oder getan. All sein irdisches Wirken ist geistgewirkt und bedacht.
Jesus hat den Aposteln und Jüngern nach seiner Auferstehung mehrfach bewiesen, dass er lebt und nicht einfach eine Vision oder Wunschvorstellung ist. So hat er zum Beispiel vor ihren Augen gegessen und sich von Thomas berühren lassen. In dieser Zeitspanne, die Lukas explizit mit vierzig Tagen ausweist, hat Jesus auch über das Reich Gottes gesprochen. Weil die Heilige Schrift das Himmelfahrtsereignis auf vierzig Tage nach der Auferstehung datiert, feiert die Kirche bis heute vierzig Tage nach Ostern Christi Himmelfahrt.
Lukas rekurriert auch auf das letzte Abendmahl, bei dem Jesus seinen Aposteln gebot, in Jerusalem zu bleiben, bis er vom Vater den Heiligen Geist sendet. Dass dieser mit der „Verheißung des Vaters“ meint ist, sehen wir an dem folgenden Vers, der von Johannes‘ Wassertaufe im Gegensatz zur Geisttaufe mit dem Heiligen Geist an Pfingsten spricht.
Die Apostel haben Jesus damals gefragt, ob er dann auch das Reich für Israel wiederherstellen würde. Die Frage ist falsch gestellt. Jesus ist nicht gekommen, das Reich für das irdische Volk Gottes wiederherzustellen im Sinne einer politischen Befreiung aus der Fremdherrschaft. Er ist gekommen, um das Reich Gottes zu etablieren, das nicht von dieser Welt ist. Und da geht es nicht mehr nur um das Volk Israel, sondern um das neue geistige Volk Gottes. Aber nicht dies kritisiert Jesus, sondern die Tatsache, dass die Apostel das Kommen des Gottesreiches zeitlich erfragen. Das ist nämlich eine Sache, die kein Mensch wissen kann, nur Gott. Er sagt dies mit aller Deutlichkeit, weil es zu allen Zeiten Spekulationen und Berechnungen des Weltendes gibt. Dabei ist es ein unerwarteter Zeitpunkt, den Gott sich auswählen kann. Nicht umsonst hat Jesus so oft zur Wachsamkeit aufgerufen: Weil die Menschen den Zeitpunkt nicht errechnen können, müssen sie jederzeit damit rechnen.
Für diese Zeit bis dahin verheißt Jesus den Jüngern aber den Geist Gottes, der auf sie herabkommen wird. Dieser wird ihnen dabei helfen, Zeugnis für Christus abzulegen in Jerusalem und von dort ausgebreitet in der ganzen Welt. Dieser wird die Menschen bis zum Ende der Zeiten führen und leiten, erfüllen und beleben, damit der Weg in die Ewigkeit erträglich ist.
Und dann ist Jesus laut Lukas in den Himmel aufgefahren. In diesem Moment ist eine Wolke zu sehen, die Jesus aufnimmt. Das ist ein Theophaniezeichen – Zeichen der Gegenwart Gottes. Schon im Alten Testament lesen wir immer wieder von dieser Wolke, die sich auf den Gottesberg Sinai, auf die Stiftshütte und dann auf den fertigen Tempel legt. Es ist zugleich die Wolkensäule, die das Volk Israel beim Exodus anführt. Es ist auch die Wolke, die bei Jesu Taufe und Verklärung zu sehen ist. Gott ist gegenwärtig. Die Jünger Jesu, die allesamt fromme Juden sind, können dieses Phänomen zuordnen. Sie verstehen, dass sich hier ein Kreis schließt.
Während sie noch wie gebannt nach oben schauen, stehen Engel bei ihnen, die ihnen erklären, dass Jesus auf dieselbe Weise wiederkommen wird, also auf der Wolke und vom Himmel her. Ihre Frage „Was steht ihr da und schaut zum Himmel empor?“ Ist mehrfach zu betrachten: Die Jünger sollen nicht dort stehen bleiben, sondern Jesu Auftrag erfüllen. Sie sind gesandt – apostolos. Sie können nicht Jesus hinterher schauen, der seinen Heimweg in die Ewigkeit antritt. Vielmehr sollen sie nach vorne schauen, wo eine große Mission auf sie wartet. Dies ist auch im übertragenen Sinne zu verstehen: Jesus ist nun von ihnen gegangen und durch die Abschiedsreden im Johannesevangelium wissen wir ja, dass der Abschied sie mit Trauer erfüllt hat. Es meint also auch ihr inneres Hängen an Christus, der in die Ewigkeit gegangen ist. Die Engel helfen ihnen dabei, nicht an dem irdischen Christus zu hängen, weil er auf geistliche sowie eucharistische Weise bei ihnen sein wird. In dieser Lesart verstehen wir auch die Verheißung des nächsten Verses: Er wird wiederkommen – nicht nur am Ende der Zeiten, sondern schon in eucharistischer Gestalt! Dann werden sie ihn durch den Schleier der Wolke – also durch die Herrlichkeit Gottes hindurch wiedersehen. Visuell wird es in der katholischen Liturgie besonders deutlich, wenn Weihrauch eingesetzt wird. Dann kommt er tatsächlich durch „die Wolke“ hindurch zu uns! Seine Herrlichkeit wird dann noch verborgen sein (ausgenommen bei den eucharistischen Wundern!), doch wir erahnen sie mit gläubigem Herzen hinter dem Verborgenen.

Ps 47
2 Ihr Völker alle, klatscht in die Hände; jauchzt Gott zu mit lautem Jubel!
3 Denn Furcht gebietend ist der HERR, der Höchste, ein großer König über die ganze Erde.
6 Gott stieg empor unter Jubel, der HERR beim Schall der Hörner.
7 Singt unserm Gott, ja singt ihm! Singt unserm König, singt ihm!
8 Denn König der ganzen Erde ist Gott. Singt ihm ein Weisheitslied!
9 Gott wurde König über die Völker, Gott hat sich auf seinen heiligen Thron gesetzt.

Heute ist ein Tag der Freude, auch wenn er einen kurzen Abschied von Christus bedeutet. Jesus verspricht uns unglaubliche Gnade. Durch seine Apostel soll der ganzen Welt das Heil verkündet werden, das er bereits erwirkt hat.
Gott ist furchtgebietend. Das ist nicht dasselbe wie angsteinflößend. Es meint, dass sein Wirken in uns nur eine Reaktion von Ehrfurcht hervorrufen kann. Auch seine Erscheinung ist furchteinflößend, auch wenn wir ihn unverhüllt gar nicht sehen können, ohne zu sterben. Seine Manifestationen wie die Wolke oder der Rauch sind schon furchteinflößend, sodass zum Beispiel bei der Verklärung die drei anwesenden Jünger es mit der Angst zu tun bekommen, als sie von der Wolke Gottes umhüllt werden. Erst recht werden alle Menschen überwältigt werden, wenn Jesus am Jüngsten Tag mit dieser göttlichen Herrlichkeit wiederkehren wird…
„Gott stieg empor unter Jubel, der HERR beim Schall der Hörner.“ Dies ist heute ganz aktuell mit Christus gegeben, der in den Himmel aufgestiegen ist. Hörner und Jubel sind vielleicht nicht von den Jüngern betätigt worden, dafür aber können wir uns vorstellen, von welcher Freudenmusik begleitet der Menschensohn in die himmlische Heimat zurückgekehrt ist, aufgenommen in das Herz des Vaters!
„Singt unserm Gott, ja singt ihm! Singt unserm König, singt ihm!“ Auch hier wie in Vers 2 erklingt ein Lobpreisaufruf dessen, der der Allherrscher ist.
Psalm 47 beinhaltet Thronbesteigungsmotive, Elemente für die Krönungsfeier eines Herrschers. Mithilfe von Bildern des irdischen Königszeremoniells wird die kommende Herrschaft Gottes ausgedrückt. Es ist also absolut sinnvoll, diesen Psalm an Christi Himmelfahrt zu beten. Christus kommt wie bei einem Triumphzug der römischen Kaiser zurück in die Ewigkeit, als siegreicher Messias, der die Welt erlöst hat. Er wird begrüßt von den himmlischen Heerscharen und besteigt den Thron zur Rechten des Vaters. So können wir gut nachvollziehen, was Stephanus vor seinem Tod schauen durfte (Apg 7,56) und auch was Paulus meint, wenn er im Philipperhymnus betet: „Darum hat ihn Gott über alle anderen erhöht.“ (Phil 2,9).
Von dort wird er am Jüngsten Tag wiederkommen zu richten die Lebenden und die Toten, wie wir im Glaubensbekenntnis beten. Gott ist schon der „König der ganzen Erde“, doch seine Herrschaft wird erst am Ende der Zeiten offenbar werden. Das Reich Gottes wird sich dann endgültig durchsetzen.
„Gott wurde König über die Völker, Gott hat sich auf seinen heiligen Thron gesetzt.“ Ja, Christus, der Auffahrende in den Himmel, ist nicht nur Mensch, sondern auch wahrer Gott. Er ist gegangen, um sich auf seinen Thron zu setzen. Was mit Jesus passiert, als er in den Himmel eingeht, durften drei seiner Apostel schon auf dem Tabor schauen – die Verklärung. Jesus streift den Schleier der verborgenen Gottheit ab und seine Herrlichkeit erstrahlt. So wird er zurückkommen und alle werden es sehen.

Eph 1
17 Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.
18 Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt
19 und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke.
20 Er ließ sie wirksam werden in Christus, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat,
21 hoch über jegliche Hoheit und Gewalt, Macht und Herrschaft und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird.
22 Alles hat er ihm zu Füßen gelegt und ihn, der als Haupt alles überragt, über die Kirche gesetzt.
23 Sie ist sein Leib, die Fülle dessen, der das All in allem erfüllt.

Als zweite Lesung hören wir heute aus dem Epheserbrief. Paulus reflektiert dort nicht nur das Ereignis der Himmelfahrt, sondern stellt auch die Bedeutung für die Christen heraus.
„Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit“ – Gott Vater ist wirklich Vater der Herrlichkeit, weil diese von ihm ausgeht. Er ist die Arche, der Anfang und so geht alles von ihm aus. Er „gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.“ Vom Vater gehen der Sohn und der Geist aus. Dieser Geist verleiht dem Menschen viele Geistesgaben, so auch die Weisheit. Der Geist ist es auch, der den Menschen den Schleier der Verborgenheit nimmt, auf dass sie einen Einblick in das Wesen Gottes erhalten. Er ist es, der Offenbarung erwirkt hat durch die ganze Heilsgeschichte hindurch. Er öffnet die Augen des Glaubens, nicht nur des Verstandes. Gott sendet seinen Geist, damit die Menschen ihn, den ganz Anderen, der alles Denken übersteigt, erkennen können. Das ist Zeichen der Güte Gottes, der aus Liebe die Menschen an sich zieht wie ein Magnet.
Dass der Geist die Augen des Glaubens öffnen soll, sagt Paulus dann explizit in Vers 18. Mit „Herz“ ist nicht das Organ gemeint und im biblischen Kontext meint „Herz“ auch nicht den Ort der Gefühle. Vielmehr ist damit der Ort der Entscheidungen gemeint – zur Liebe sowie zum Glauben. Es wird hier sehr bildlich ausgedrückt, denn ein Herz hat ja auch keine Augen. Es geht um Herzenserkenntnis. Der Mensch soll erkennen, was ihm durch das Erlösungswirken Christi überhaupt geschenkt worden ist – die Hoffnung auf das ewige Leben! Es ist kein Freifahrtschein, so als ob jeder Mensch nun automatisch in den Himmel kommt. Es ist eine geöffnete Paradiestür, doch hindurchgehen müssen wir schon selbst. Und auf sie bewegen wir uns nur dann zu, wenn wir Gottes Gebote aus Liebe halten. Jede Sünde führt uns vom Eingang zum Himmel weg. Wie so oft geht es in dem Brief um die paränetischen Folgen dessen, was Jesus für uns getan hat: Was bedeutet das für mein jetziges Verhalten als Christ? Ich denke sehr gerne an den englischen Impuls: “Are the things you are living for worth Christ dying for?“ Das fasst es sehr gut zusammen.
Durch das Geschenk des Ostermorgens ist die Macht des Bösen gebannt und durch die Taufe uns das Erbe des Himmelreiches geschenkt. Wir sind durch die Taufe geheiligt und dazu berufen, Heilige zu werden.
Gottes Macht zeigt sich uns durch das Wirken des Heiligen Geistes bis heute. Dieser ist es, der die Kraft und Stärke Gottes zu allen Zeiten manifestiert. Sie werden mal mehr, mal weniger spektakulär sichtbar. Es ist nicht immer eine Wolke oder ein Sturm, auch manchmal ein sanftes Säuseln. Und doch erweist sich darin die Herrlichkeit Gottes.
Diese Macht hat er an uns schon dadurch erwiesen, dass er die Sünde der Welt mit ans Kreuz nahm, um als Sühne für alle Menschen zu sterben und wieder aufzuerstehen. Das ist der Höhepunkt des Machterweises Gottes für alle Zeiten. Und in der Taufe nehmen wir diese Erlösung an! In ihr manifestiert sich dieser Akt sakramental. Der getaufte Mensch wird reiner als das reinste Quellwasser, abgewaschen vom Fluch der Sünde mitsamt ihrer verheerenden Folgen.
Mit jeder Sündenvergebung im Sakrament der Beichte offenbart der Geist Gottes die Kraft und Stärke Gottes. Das „Geh hin und sündige nicht mehr“ Christi zu den Sündern wie der Ehebrecherin hallt nach bis in die Gegenwart.
Als erstes ist Christus selbst diese Kraft und Stärke Gottes zuteil geworden, als er von den Toten auferweckt worden, in den Himmel aufgenommen und inthronisiert worden ist. Paulus schreibt es hier so, dass der Vater dies durch die Gabe des Heiligen Geistes getan hat. Das heißt nicht, dass Paulus nicht an die Gottheit Jesu Christi geglaubt hat, sondern dahinter steht die Konsequenz der Kenosis: Wenn Christus sich entäußert und seine Gottheit verborgen hat, ist dies auch der Fall bei der Auferstehung und Himmelfahrt – bis er verherrlicht wird. Das ist der Moment, wo er diesen freiwilligen Verzicht abstreift. Dies hat aber nun zur Folge, dass Vater und Geist an ihm wirken. Schauen wir auf ihn, der der Anfang der neuen Schöpfung ist, erkennen wir, wie es bei uns sein wird. Jesus ist diesen Weg gegangen, damit wir ihn eines Tages gehen können!
Der Name Jesu wird über alle anderen Namen erhöht. Dies wird uns konkret deutlich an den vielen Wundern, die in seinem Namen geschehen, angefangen schon zu seinen Lebzeiten, als er seine Jünger in die Städte schickt, um die Heilstaten zu tun und das Evangelium dort zu verkünden, wo er nicht selbst hingehen kann. Dort tun sie diese Dinge schon in seinem Namen und sind überwältigt von dem, was durch sie geschieht. Dies wird auf umfassende Weise aber erst nach dem Pfingstereignis geschehen, bei dem sie mit allen Früchten, Gaben und Charismen des Geistes ausgestattet werden. Das Wirken im Namen Jesu birgt in sich eine gewisse Vorläufigkeit, denn diese „Weltzeit“ (das griechische Wort ist Äon), wie es Paulus ausdrückt, ist zeitlich umgrenzt. Wenn sein Name auch im kommenden Äon angerufen wird, dann meint das die Ewigkeit!
Der Vater hat dem Sohn alles zu Füßen gelegt, vor allem die Kirche, dessen Haupt er darstellt und die Christi Leib darstellt.
Blicken wir zurück auf die Abschiedsreden, die wir in den letzten Wochen immer wieder gehört haben, wird uns hier deutlich, warum es also gut ist, dass Jesus gehen muss. Wenn er nicht geht, kann er nicht verherrlicht werden, kann er nicht das Haupt der Kirche sein, die es nicht ohne das Pfingstereignis geben kann! Und ohne Kirche in ihrer sakramentalen Identität kann Christus in der Eucharistie nicht mitten unter den Menschen sein.

Mt 28
16 Die elf Jünger gingen nach Galiläa auf den Berg, den Jesus ihnen genannt hatte.
17 Und als sie Jesus sahen, fielen sie vor ihm nieder, einige aber hatten Zweifel.

18 Da trat Jesus auf sie zu und sagte zu ihnen: Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.
19 Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes
20 und lehrt sie, alles zu befolgen, was ich euch geboten habe. Und siehe, ich bin mit euch alle Tage bis zum Ende der Welt.

Nun hören wir das Evangelium nach Matthäus. Dort wird das heutige Ereignis folgendermaßen beschrieben:
Der Kreis der Apostel (ohne Judas Iskariot, dieser ist tot) gehen auf einen von Christus vorgegebenen Berg in Galiäa. Jesus erscheint daraufhin, aber einige zweifeln, dass er es ist. Jesus geht auf sie zu und sagt nun das, was wir bei Paulus in sehr festlichen Worten gehört haben: „Mir ist alle Vollmacht gegeben im Himmel und auf der Erde.“ Er erklärt, was bei seiner Verherrlichung geschehen wird. Die universale Bevollmächtigung wird durch das Bild der Inthronisation ausgedrückt, die wir schon in der Apostelgeschichte und im Psalm bedacht und nun bei Paulus gelesen haben. Weil Christus die Vollmacht bekommt, trägt er den Aposteln auf: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern.“ Das ist ein expliziter Aufruf zur Mission. Wir sollen die Menschen aber nicht unter Druck oder mit gewalttätigen Mitteln zu Jüngern machen. Die Menschheit soll aus freien Stücken, Überzeugung und Liebe ja sagen zu Christus. Und wenn diese zum Glauben kommen, sagt Jesus „tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“. Die Taufe ist das Zeichen des zum Glauben gekommenen Menschen. Wenn wir getauft werden, drückt uns Gott ein unauslöschbares Siegel in die Seele ein. Dadurch werden wir zu seinem Eigentum, zu Kindern der Familie Gottes und dies wiederum bedeutet, dass wir zu Erben werden.
Jesus möchte, dass seine Apostel den Menschen alles lehren, was er gesagt und getan hat. Gerne empfehle ich Ihnen meinen kath.net-Videoblog im Mai: https://www.youtube.com/watch?v=6-1c0f6Olqk Dort fasse ich zusammen, was es mit dem letzten Satz auf sich hat: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt!“ Es schließt sich ein Kreis, der am brennenden Dornbusch begann mit der Offenbarung Gottes als „ich bin“. Es ragte hinein in die Verkündigung des Erzengels Gabriels vor der Jungfrau Maria, den Immanuel zu empfangen („Gott mit uns“). Und nun spricht der scheidende Jesus diese Worte noch einmal „ich bin bei euch“. Und dies bezieht sich nicht mehr auf sein irdisches Wirken – er ist ja im Begriff, seine Apostel zu verlassen -, sondern auf sein Wirken von der Ewigkeit her. Nur so kann er in der Eucharistie real gegenwärtig sein und nur so können wir ihn in uns aufnehmen. Das ist so eine neue Dimension von Nähe, die bisher keinem Menschen außer Maria zuteil werden durfte (denn Gott selbst weilte unter ihrem Herzen ganze neun Monate lang!). In der Eucharistie kommt Christus in unser Herz – wenn das seine Abschiedsworte nicht erfüllt, was dann! Wenn es dann heißt „bis zum Ende der Welt“, verstehen wir das nicht so, dass er ausschließlich die Phase der Kirche meint und er ab dem Ende der Zeiten nicht mehr bei uns ist. Wenn wir in die Ewigkeit des Himmels eingehen, dürfen wir ihn nämlich unverhüllt und ewig schauen. Wir werden dann gemeinsam mit ihm Gemeinschaft haben bei der Hochzeit des Lammes. Dann werden wir Gott sehen, wie er ist und niemals mehr von ihm getrennt sein. Mit diesen wunderbaren Aussichten motiviert können wir Menschen eigentlich gar nicht die Hoffnung verlieren und werden alles unternehmen, um in dieses Himmelreich eingehen zu dürfen. Dafür brauchen wir den Heiligen Geist und der kündigt sich schon sehr bald an.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 6. Osterwoche

Apg 17,15.22 – 18,1; Ps 148,1-2.11-12.13-14; Joh 16,12-15

Apg 17
15 Die Begleiter des Paulus brachten ihn nach Athen. Mit dem Auftrag an Silas und Timotheus, Paulus möglichst rasch nachzukommen, kehrten sie zurück.
22 Da stellte sich Paulus in die Mitte des Areopags und sagte: Männer von Athen, nach allem, was ich sehe, seid ihr sehr fromm.
23 Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch.
24 Der Gott, der die Welt erschaffen hat und alles in ihr, er, der Herr über Himmel und Erde, wohnt nicht in Tempeln, die von Menschenhand gemacht sind.
25 Er lässt sich auch nicht von Menschenhänden dienen, als ob er etwas brauche, er, der allen das Leben, den Atem und alles gibt.
26 Er hat aus einem einzigen Menschen das ganze Menschengeschlecht erschaffen, damit es die ganze Erde bewohne. Er hat für sie bestimmte Zeiten und die Grenzen ihrer Wohnsitze festgesetzt.
27 Sie sollten Gott suchen, ob sie ihn ertasten und finden könnten; denn keinem von uns ist er fern.
28 Denn in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir; wie auch einige von euren Dichtern gesagt haben: Wir sind von seinem Geschlecht.
29 Da wir also von Gottes Geschlecht sind, dürfen wir nicht meinen, das Göttliche sei wie ein goldenes oder silbernes oder steinernes Gebilde menschlicher Kunst und Erfindung.
30 Gott, der über die Zeiten der Unwissenheit hinweggesehen hat, gebietet jetzt den Menschen, dass überall alle umkehren sollen.
31 Denn er hat einen Tag festgesetzt, an dem er den Erdkreis in Gerechtigkeit richten wird, durch einen Mann, den er dazu bestimmt und vor allen Menschen dadurch ausgewiesen hat, dass er ihn von den Toten auferweckte.
32 Als sie von der Auferstehung der Toten hörten, spotteten die einen, andere aber sagten: Darüber wollen wir dich ein andermal hören.
33 So ging Paulus aus ihrer Mitte weg.
34 Einige Männer aber schlossen sich ihm an und wurden gläubig, unter ihnen auch Dionysius, der Areopagit, außerdem eine Frau namens Damaris und noch andere mit ihnen.
1 Hierauf verließ Paulus Athen und ging nach Korinth.

Gestern ging es in der Apostelgeschichte um das pfingstartige Ereignis im Gefängnis von Philippi. Am Ende bekehrte sich der Gefängniswärter, ließ sich mit seinem ganzen Haus taufen und nahm die Missionare bei sich auf. Um die Nachgeschichte ein wenig zusammenzufassen: Am nächsten Tag will man die beiden freilassen (es war wohl nicht bekannt geworden, dass die Missionare gar nicht mehr im Gefängnis saßen). Paulus lässt jene, die die Anordnung überbringen, wissen, dass Silas und er römische Bürger seien und eigentlich Anspruch auf einen Prozess gehabt hätten. So kommen die obersten Beamten, um Paulus und Silas hinauszuführen. Daraufhin gehen sie zu Lydia, wo sie den Brüdern Mut zusprechen. Das heißt, dass im Hause der Purpurhändlerin mittlerweile eine christliche Gemeinde entstanden ist. Daraufhin reisen Paulus und seine Gefährten weiter und kommen unter anderem nach Thessalonich und Beröa. Wie schon zuvor ernten sie eigentlich viel Offenheit und Verständnis, sodass viele zu Christen werden. Da aber auch viele Gottesfürchtige der Oberschicht den Glauben annehmen, stößt die Mission auf Eifersucht bei den ansässigen Juden. Diese hetzen die Stadt gegen die Missionare auf, sodass diese weiterziehen müssen. Jene Feinde kommen später dann in die Nachbarstadt, um auch dort gegen die Missionare anzugehen.
Dann bringen Silas und Timotheus Paulus nach Athen und bleiben selbst in Beröa zurück. folgen ihm später nach. So ist Paulus nun in der griechischen Stadt allein und ist aufgebracht wegen der vielen Götzenbilder. Er hat Kontakt zu den ansässigen Juden und tauscht sich gleichzeitig mit epikureischen und stoischen Philosophen aus. Diese bringen ihn eines Tages dann zum Areopag, von wo er eine ganz berühmte Bekenntnisrede hält.
Dabei setzt er rhetorisch sehr geschickt an, indem er den Zuhörern nicht gleich den Götzendienst vorwirft, sondern ihre Frömmigkeit lobt. Damit gewinnt er schon einmal die Gunst der Anwesenden. Dann kommt er auf den Altar für den Unbekannten Gott zu sprechen, den er in der Stadt gesehen hat. Dies dient ihm als Anknüpfungspunkt, über den Schöpfer des Himmels und der Erde zu sprechen, dem rein transzendenten Gott der Christen. Er braucht keinen Tempel, in dem er wohnt und in dem ihm geopfert wird (Kritik an den vielen Tempeln der Stadt). Er braucht auch nicht die Hilfe von Menschen, denn er ist der Helfer all seiner Geschöpfe. Er ist auch der Herr der ganzen Welt, nicht mehr nur eines bestimmten irdischen Bereichs wie bei den Griechen.
Dieser Gott hat die Menschen geschaffen, indem er sie alle von einem einzigen Menschen abstammen lässt (Adam).
Paulus erklärt sodann, dass in allen Menschen die Sehnsucht nach Gott eingepflanzt ist, sodass jeder nach Gott sucht. Er verweist auf griechische Philosophien, denen nach der Mensch von Gottes Geschlecht sei. Das heißt natürlich nicht, dass Paulus an die Göttlichkeit des Menschen glaubt, sondern dass er eine gemeinsame Basis schaffen möchte. So kann er auf sein eigentliches Anliegen zu sprechen kommen: Wenn wir Menschen also von göttlichem Geschlecht sind, können wir nicht Gebilde aus irdischen Materialien und von Menschenhand verehren.
Deshalb ruft Gott universal zur Umkehr auf. Es werde nämlich ein Gericht geben und dieses wird mit Jesus Christus zu tun haben, den er von den Toten auferweckt hat. Als Paulus dies anspricht, spotten einige der Anwesenden darüber, andere wiederum lassen ihn nicht weiterreden und vertrösten ihn auf ein nächstes Mal. Durch die Blume sagen sie ihm eigentlich: Das interessiert uns nicht und geht zu weit.
Dies ist für Paulus jedoch kein Grund zur Kränkung, sondern er geht einfach weg. Einige Menschen bekehren sich auf seine Worte hin, so zum Beispiel Dionysios der Areopagit und eine Frau namens Damaris. Dann geht Paulus nach Korinth. Dort wird er eine Gemeinde gründen, die zu einer beachtlichen Größe heranwachsen wird.

Ps 148
1 Halleluja! Lobt den HERRN vom Himmel her, lobt ihn in den Höhen:
2 Lobt ihn, all seine Engel, lobt ihn, all seine Heerscharen,
11 ihr Könige der Erde und alle Völker, ihr Fürsten und alle Richter der Erde,
12 ihr jungen Männer und auch ihr jungen Frauen, ihr Alten mit den Jungen!
13 Loben sollen sie den Namen des HERRN,/ denn sein Name allein ist erhaben, seine Hoheit strahlt über Erde und Himmel.
14 Er hat erhöht die Macht seines Volks, zum Lob für all seine Frommen, für die Kinder Israels, das Volk, das ihm nahe ist. Halleluja!

Auch heute beten wir im Anschluss an die Lesung einen Lobpreispsalm. Trotz der abrupten Unterbrechung an entscheidender Stelle spricht Paulus inmitten der Heiden über den christlichen Glauben. Das muss man sich einmal genauer vorstellen: Er spricht hier zu Menschen, denen Athena Promachos und der olympische Zeus alles bedeuten. Nicht der griechische Vatergott ist der Vater, Herr und Geber von allem, sondern der sich offenbarende jüdisch-christliche Gott.
Der heutige Psalm gehört zum Schluss-Hallel, der Psalmengruppe, die von Halleluja-Rufen gerahmt wird.
„Lobt den HERRN vom Himmel her, lobt ihn in den Höhen“ ist ein Lobaufruf an die himmlischen Wesen, das heißt an die Engel und Heiligen, die bei Gott sind. Dies wird uns dann auch im nächsten Vers explizit gesagt („Lobt ihn, all seine Engel…“).
Auch die irdischen Wesen sollen Gott loben, vor allem die Mächtigen der Welt: „ihr Könige der Erde und alle Völker, ihr Fürsten und alle Richter der Erde“. Ihre Macht ist von Gott her betrachtet geringer als die königliche und richterliche Gewalt Gottes. So müssen selbst diese irdischen Mächte dem Allmächtigen die Ehre geben.
Alle Menschen werden zum Lobpreis aufgerufen, Jung und Alt, Mann und Frau, denn Gottes Name ist erhaben. Er ist zwar ganz und gar von der Schöpfung verschieden, doch seine Herrlichkeit erstrahlt das All. In seiner Macht hat er seinem auserwählten Volk, „das ihm nahe ist“, Israel, Macht verliehen. Er hat ihm besondere Gnaden zuteil werden lassen und diese sind Anlass für das Lob Gottes.
Paulus als Kind Israels hat auch heute Anlass, Gott für diese Gnade zu loben und zu preisen. Zwar haben die Athener ihn beim Thema Auferstehung abgelehnt, ihn die Heilsgeschichte bis dahin aber erzählen lassen. Sie haben ihm Gehör geschenkt, als er ihre vielen Götzenbilder und Tempel kritisiert und eben jenen Gott beschrieben hat, den dieser Psalm zeichnet: als Herrscher des Himmels und der Erde, dem allein die Ehre gebührt.
Für Psalmen ist bezeichnend, dass Lobaufforderungen formuliert werden, besonders auch die Aufforderung an die verschiedenen Bereiche der Schöpfung.
Das Halleluja schließt auch hier den Lobgesang ab.

Joh 16
12 Noch vieles habe ich euch zu sagen, aber ihr könnt es jetzt nicht tragen.
13 Wenn aber jener kommt, der Geist der Wahrheit, wird er euch in der ganzen Wahrheit leiten. Denn er wird nicht aus sich selbst heraus reden, sondern er wird reden, was er hört, und euch verkünden, was kommen wird.
14 Er wird mich verherrlichen; denn er wird von dem, was mein ist, nehmen und es euch verkünden.
15 Alles, was der Vater hat, ist mein; darum habe ich gesagt: Er nimmt von dem, was mein ist, und wird es euch verkünden.
16 Noch eine kurze Zeit, dann seht ihr mich nicht mehr, und wieder eine kurze Zeit, dann werdet ihr mich sehen.

Jesus spricht heute wieder einen Ausschnitt aus der dritten Abschiedsrede. Am liebsten möchte er noch so viel mehr sagen, kann seine Apostel aber nicht überfordern. Sie haben in den letzten Jahren schon so oft seine Worte nicht begriffen. Aus sich selbst heraus können sie die göttliche Weisheit nicht begreifen. Sie brauchen den Heiligen Geist dafür, der sie erfüllt und ihnen die Augen öffnet. Und so kündigt Jesus an, dass wenn der Geist der Wahrheit kommen wird, sie in der ganzen Wahrheit leiten wird. Das bedeutet nicht, dass er ihnen etwas Neues offenbaren, sondern Jesu verkündete Lehre begreiflich machen wird. Jesus erklärt ihnen auch, dass er mit dem Geist etwas gemeinsam hat: eine Lehre zu verkünden, die er nicht aus sich selbst besitzt, sondern vom Vater. Es ist eine gemeinsame Offenbarung, auch wenn der Geist und er nicht einfach identisch sind. So wie Christus der authentische Exeget des Vaters ist, weil er an dessen Herzen ruht, ist auch der Geist Zeuge der Wahrheit, weil er offenbart, was er „hört“. Auch er ist vom Vater gesandt und so bringt auch er authentische Kunde. Er wird den Jüngern seine Gaben geben, wodurch sie sehen werden „was kommen wird.“ Es klingt die Gabe der Prophetie an, die unter anderem eine Schau kommender Dinge ermöglicht. Man kann es auch so verstehen, dass Gottes Geist den Aposteln den göttlichen Willen in kommender Zeit aufzeigen wird.
Dieser Geist ist es, der Christus verherrlichen wird. Wir glauben, dass mit der Himmelfahrt Jesu dieser die Entäußerung ablegen wird, die er mit der Menschwerdung auf sich genommen hat. Dann wird er seine Göttlichkeit nicht mehr verbergen, sondern in seiner ganzen Macht und Herrlichkeit wieder beim Vater sein. Hier sagt Jesus selbst, dass dies durch den Heiligen Geist geschieht. Die Herrlichkeit Gottes hängt also mit dem Heiligen Geist zusammen, was uns den Psalm tiefer verstehen lässt. Dort heißt es, dass Gottes Hoheit über die ganze Erde erstrahlt. Es ist ein und dieselbe Glorie, der Glanz Gottes. Durch den Heiligen Geist ist Gott in der Welt gegenwärtig. Mit der umfassenden Geistgabe an Pfingsten wird seine Gegenwart auf Erden intensiviert. Dann wird er umfassend das Wort Gottes, Jesus Christus nach dessen Heimkehr zum Vater offenbaren. Er wird von dem nehmen, was Jesus gehört – gemeint ist die Fülle der Offenbarung (Jesus hat ALLES gelehrt, auch wenn die Jünger nicht alles verstanden haben). Von derselben Offenbarung wird er nehmen und den Jüngern zugänglich machen, sodass sie nichts Neues hören, sondern daran erinnert werden. Es wird eine pneumatische Wiederholung sein.
Zum Schluss spricht Jesus noch ein Wort, das die Apostel ziemlich verwirrt. Eine kurze Zeit wird bis zum Weggang Jesu vergehen, doch auch nur eine kurze Zeit bis zu seiner Wiederkehr. Dies können wir zunächst auf das Osterereignis beziehen: Die Worte spricht Jesus am Abend vor seinem Tod. Nicht einmal 24 Stunden später ist er tot, was die Apostel im Abendmahlssaal noch nicht erahnen. Und dann wird es keine 48 Stunden dauern, bis er von den Toten wieder auferstehen wird. In dieser wörtlichen Lesart können wir die „kurze Zeit“ wirklich auf wenige Stunden beziehen. Da er aber im Kontext des Heiligen Geistes diesen Vers spricht, müssen wir weitergehen: Er ist nicht mehr lange auf Erden, bevor er zum Vater heimgeht. Das feiern wir morgen! Dann wird er nur noch verborgen in eucharistischer Gestalt in der Welt sein, bis er als verherrlichter Menschensohn am Ende der Zeiten wiederkommt. Diese Zeiträume sind schon größer zu fassen, aber was ist von der Ewigkeit her gesehen schon ein Tag? Wir leben in der Endzeit, so können wir nachvollziehen, was er mit der kurzen Zeit meint. Seine Wiederkunft ist schon sehr bald. Und bei seinem zweiten Kommen werden nicht nur die Apostel ihn sehen, sondern die ganze Welt.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 6. Osterwoche

Apg 16,22-34; Ps 138,1-2b.2c-3.7c-8; Joh 16,5-11

Apg 16
22 Da erhob sich das Volk gegen sie und die obersten Beamten ließen ihnen die Kleider vom Leib reißen und befahlen, sie mit Ruten zu schlagen.
23 Sie ließen ihnen viele Schläge geben und sie ins Gefängnis werfen; dem Gefängniswärter gaben sie Befehl, sie in sicherem Gewahrsam zu halten.
24 Auf diesen Befehl hin warf er sie in das innere Gefängnis und schloss ihre Füße in den Block.
25 Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und sangen Loblieder; und die Gefangenen hörten ihnen zu.
26 Plötzlich begann ein gewaltiges Erdbeben, sodass die Grundmauern des Gefängnisses wankten. Mit einem Schlag sprangen die Türen auf und allen fielen die Fesseln ab.
27 Als der Gefängniswärter aufwachte und die Türen des Gefängnisses offen sah, zog er sein Schwert, um sich zu töten; denn er meinte, die Gefangenen seien entflohen.
28 Da rief Paulus laut: Tu dir nichts an! Wir sind alle noch da.
29 Jener rief nach Licht, stürzte hinein und fiel Paulus und Silas zitternd zu Füßen.
30 Er führte sie hinaus und sagte: Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden?
31 Sie antworteten: Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.
32 Und sie verkündeten ihm und allen in seinem Haus das Wort des Herrn.
33 Er nahm sie in jener Nachtstunde bei sich auf, wusch ihre Striemen und ließ sich sogleich mit allen seinen Angehörigen taufen.
34 Dann führte er sie in sein Haus hinauf, ließ ihnen den Tisch decken und war mit seinem ganzen Haus voll Freude, weil er zum Glauben an Gott gekommen war.

Zuletzt hörten wir von der Purpurhändlerin Lydia, die Paulus und seine Gefährten zu sich nach Hause einlud. Was wir dann nicht mehr gehört haben, ist die Begegnung mit einer Frau, die von einem Wahrsagegeist besessen ist. Diese läuft den Missionaren hinterher und bekennt öffentlich und laut: „Diese Menschen sind Knechte des höchsten Gottes; sie verkünden euch den Weg des Heils.“ Nach einigen Tagen reißt Paulus der Geduldsfaden und er befiehlt dem Dämon, die Frau zu verlassen. Dies hat nun folgende Konsequenz: Mit der Befreiung von dem Dämon endet auch ihre Wahrsagefähigkeit – sehr zum Unmut ihrer Herren, die aus ihrer „Gabe“ ein Geschäft gemacht haben. Aus diesem Grund klagen diese Paulus und Silas bei den Stadtbehörden an und hetzen die ganze Bevölkerung gegen sie auf. Dabei ist bemerkenswert, dass diese Männer Paulus und sein Gefolge als Juden anklagen, mit deren Glauben sie als Römer nichts anfangen können.
Heute hören wir nun die Auswirkungen dieser Stimmungsmache gegen die Missionare: Diese werden gewaltsam entkleidet und mit Ruten geschlagen, bevor sie ins Gefängnis geworfen werden. Hier wird betont, dass die Missionare in sicheren Gewahrsam gehalten werden. Konkret bedeutet dies, dass ihre Füße in einen Block gesteckt und sie im inneren Gefängnis gehalten werden. Wir sehen nun also folgendes Bild: Zwei Missionare, die für das Evangelium Jesu Christi nicht nur ins Gefängnis, sondern in ein unterirdisches Loch gesteckt und dann auch noch bewegungsunfähig gemacht worden sind durch Holzblöcke, in denen ihre Füße stecken.
Wenn Paulus und Silas nun menschlich denken würden, könnten sie vor den Widerständen kapitulieren. Doch das Gegenteil ist der Fall. Voller Gottvertrauen und Furchtlosigkeit beginnen sie, Gott zu loben und zu preisen. Die Mitgefangenen hören ihnen zu, ohne ihnen Schweigen zu gebieten.
Weil Paulus und Silas ihre ganze Hoffnung auf Gott setzen, selbst in einer ausweglosen Situation, wirkt Gott ein Wunder: Durch ein plötzliches Beben springen die Gefängnistüren und die Holzblöcke auf, in denen ihre Füße stecken. Es ist die Rede von abfallenden Fesseln. Hier muss betont werden, dass sich nicht nur die Türen und Fesseln des Paulus und Silas öffnen, sondern aller Gefangenen.
Betrachten wir diesen Vorgang ein wenig mehr: Die Missionare singen dem Herrn Loblieder. Dadurch lösen sich die Fesseln aller anwesenden Gefangenen. Dies ist über den wörtlichen Sinn hinaus geistlich zu verstehen: Die Apostel stoßen im Gefängnis auf offenherzige Gefangene. Sie lauschen ihren Liedern und diese sind gesalbter Gesang. Durch sie wirkt der Geist Gottes, der auch die Seelen der Menschen von inneren Fesseln befreien kann! Der Lobpreis Gottes darf nicht unterschätzt werden. In Erfahrungsberichten der Exorzisten lesen wir sehr oft davon, dass Dämonen mithilfe von Lobpreis gebunden werden können und Menschengruppen Exorzismen durch Lobpreis unterstützen. Diese weitere Lesart ist keineswegs aus den Fingern gesogen, wenn wir den weiteren Kontext der Ereignisse berücksichtigen: Paulus und Silas sind ja ins Gefängnis gekommen, weil sie eine Frau exorziert haben. Gott hat zugelassen, dass sie dafür nicht Lob, sondern Strafe geerntet haben, um zusätzlich die Seelen der Gefängnisinsassen zu retten. Dem so großen Wunder im Gefängnis von Philippi – nicht nur der äußeren, sondern vor allem der inneren Befreiung der Insassen! – geht ein großes Leiden vonseiten der Missionare aus. Wie oft hören wir von Sühneseelen, die die Bekehrung von Menschen durch Leiden begleiten. Von Pater Pio wissen wir, dass er viel für seine Pönitenten gelitten hat, damit sie eine gute Beichte und tiefe Bekehrung erfahren dürfen.
Was mit Paulus und Silas in Philippi passiert, ist also gar kein Misserfolg bei ihrer Mission, sondern ein besonders großer Erfolg durch Umwege.
Nachdem dieses unglaubliche Ereignis geschehen ist, wacht der Gefängniswärter auf und sieht die offenen Türen des Gefängnisses. In der Annahme, dass die Insassen alle geflohen seien, zückt er das Schwert, um sich umzubringen. Zu sehr fürchtet er die harte Strafe und den Verdacht, die Insassen aufgrund von Bestechung freigelassen zu haben. Vielleicht ist der Wärter ein städtischer Sklave, wie es bei diesem Beruf oft der Fall ist, zumindest ein Mann aus der Unterschicht.
Doch Paulus ruft ihm zu, sich nichts anzutun, da sich alle noch in ihren Zellen befinden. Zitternd stürzt er in das Loch der Missionare und fällt ihnen zitternd zu Füßen.
Die Geschehnisse haben dem Mann bewiesen, dass hier höhere Mächte am Werk sind. Der Gott der Missionare ist real! Und so fragt er, was er tun muss, um gerettet zu werden. Ihre Antwort ist: „Glaube an Jesus, den Herrn, und du wirst gerettet werden, du und dein Haus.“ Dies deutet an, dass das gesamte Haus des Wärters getauft wird – also auch seine Kinder!
Anscheinend nimmt der Wärter die Missionare mit zu sich nach Hause, wo sie seinem ganzen Haushalt das Evangelium Jesu Christi verkünden. Sie lassen sich tatsächlich alle taufen und der Wärter versorgt die Wunden der Missionare von den Schlägen. Auch erhalten sie etwas zu essen. Im Haus des Wärters kehrt Freude über den gewonnenen Glauben ein. Die Freude ist ein gängiger Begleiter bei Bekehrungs- und Taufgeschichten. Sie ist eine Frucht des Heiligen Geistes, der die Bekehrten erfüllt.

Ps 138
1 Von David. Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen, vor Göttern will ich dir singen und spielen. 2 Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin, will deinem Namen danken für deine Huld und für deine Treue. Denn du hast dein Wort größer gemacht als deinen ganzen Namen.

3 Am Tag, da ich rief, gabst du mir Antwort, du weckst Kraft in meiner Seele.
7 Du streckst deine Hand aus, deine Rechte hilft mir.
8 Der HERR wird es für mich vollenden. HERR, deine Huld währt ewig. Lass nicht ab von den Werken deiner Hände!

Der auf Umwegen gekommene Missionserfolg bei den Römern von Philippi veranlasst uns dazu, Gott dafür zu danken und ihn zu loben.
„Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen“. Wie gut ist unser Gott! Auch wenn wir seine Wege manchmal nicht verstehen, so hat er doch stets Pläne des Heils für uns. Auch wenn Paulus und Silas einiges durchmachen mussten, haben sie durch eben jene Umwege ein ganzes Haus gerettet – und dies hat einen Dominostein angestoßen, der wiederum weitere anstoßen würde.
Diese Worte können wir alle beten, denen uns das ewige Leben ermöglicht worden ist. Das sind Worte, die das Haus des Gefängniswärters als Dankgebet für die empfangene Taufe beten konnten.
„Vor Göttern will ich dir singen und spielen“ – genau dies haben die Missionare im Gefängnis getan. Sie haben inmitten der Römer den Lobpreis Gottes angestimmt. Von Herzen haben sie gebetet und der Geist Gottes hat diesen Gesang gesalbt.
„Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin“ – Diese Worte verraten uns, dass der Psalm in einem liturgischen Kontext gebetet worden ist. Das Loblied ist im Vorhof des Tempels gesungen worden. Seitdem es den Tempel aber nicht mehr gibt und Jesus den Anbetungsort mit seiner Person verknüpft hat (nämlich vor der Frau am Jakobsbrunnen in Joh 4), beten wir den Psalm nun, indem wir uns vor Jesus Christus niederwerfen, dem wahren Anbetungsort mit eucharistischer Gegenwart hier auf Erden. Und in der Ewigkeit braucht es dann nicht mal mehr einen Tempel, da Gott unverhüllt gegenwärtig sein wird.
„Am Tag, da ich rief, gabst du mir Antwort.“ Gott erhört Bitten, immer. Die Art und Weise ist uns nur nicht immer bewusst, ebenso der Zeitpunkt seiner Erhörung. Paulus und Silas haben Gottes Erhörung ziemlich schnell erfahren – durch wackelnde Gefängnismauern und aufspringende Zellentüren!
„Du streckst deine Hand aus, deine Recht hilft mir.“ Diese Geste ist auf Gott bezogen sinnbildlich zu verstehen, denn er ist Geist. Er hat keine Hand, die er ausstrecken kann. Doch als menschgewordener Gott zeigt er uns diese Geste wortwörtlich! Wie oft werden wir Zeugen von Heilungswundern Jesu Christi, bei denen er seine Hand ausstreckt und die Menschen berührt. Sehr oft ergreift er die rechte Hand der zu Heilenden, sodass diese sich erheben können – so die tote Tochter des Jairus oder die Gelähmten.
Die Aussage in Vers 8 ist eine tiefe Vertrauensbekundung, dass Gott dem Beter helfen wird. Schließlich endet der Psalm mit der Bitte, auf ewig sein göttliches Wirken walten zu lassen. Gottes Taten sind so groß! Er hat immer wieder Überraschungen für den Menschen bereit und überschüttet ihn mit seinem Heil.

Joh 16
5 Jetzt aber gehe ich zu dem, der mich gesandt hat, und keiner von euch fragt mich: Wohin gehst du?

6 Vielmehr hat Trauer euer Herz erfüllt, weil ich euch das gesagt habe.
7 Doch ich sage euch die Wahrheit: Es ist gut für euch, dass ich fortgehe. Denn wenn ich nicht fortgehe, wird der Beistand nicht zu euch kommen; gehe ich aber, so werde ich ihn zu euch senden.
8 Und wenn er kommt, wird er die Welt der Sünde überführen und der Gerechtigkeit und des Gerichts;
9 der Sünde, weil sie nicht an mich glauben;
10 der Gerechtigkeit, weil ich zum Vater gehe und ihr mich nicht mehr seht;
11 des Gerichts, weil der Herrscher dieser Welt gerichtet ist.

Gestern endete das Evangelium damit, dass Jesus seinen Aposteln wiederholt die kommenden Widerstände angekündigt hat, durch die sie aber nicht ins Straucheln kommen sollen.
Nun wendet sich Jesus erneut seinem Weggang zu.
Er konfrontiert die Apostel mit ihrer Traurigkeit über die Abschiedsstimmung. Sie sind von ihrer Trauer so vereinnahmt, dass sie sich gar nicht fragen, wohin Jesus eigentlich gehen will.
Er versichert ihnen aber, dass sein Weggang für seine Jünger gut ist. Nur so kann der Paraklet zu ihnen kommen, den Jesus vom Vater senden wird. Ohne diesen Geist werden sie als Leib Christi nicht zum Leben erweckt. Wir gehen mit großen Schritten auf das Pfingstfest zu, deshalb mehren sich die Aussagen über den Heiligen Geist. Jesus muss an Christi Himmelfahrt zum Vater heimkehren, damit er vom Vater aus den Geist senden kann.
Dessen Funktion wird unter anderem sein, die Sünde der Welt aufzudecken und Gerechtigkeit und Gericht zu bringen. Der Geist deckt auf – das heißt, er hat mit Erkenntnis zu tun. Erfüllt vom Heiligen Geist wird Petrus in der Halle Salomos z.B. die Schuld artikulieren, die die Anwesenden durch ihre Mitläuferschaft am Tod Jesu tragen. Er wird sie zur Umkehr aufrufen, was der Weg aus der Schuld ist. Auch im Falle Paulus ist der Geist Gottes am Werk. Er ist es, der die Gefängnismauern zum Wackeln bringt und die Türen und Fesseln aufspringen lässt. Er sorgt für Gerechtigkeit, wo Paulus und Silas ungerechterweise wie Schwerverbrecher behandelt werden.
Der Geist wird Gericht und Gerechtigkeit bringen, weil er der Geist der Wahrheit ist. So erklärte es Jesus zuvor in den Abschiedsreden. Wer zum Glauben kommt und sich taufen lässt, muss vor dem Gericht aber keine Angst haben, da die Erben, die ihrem Erbe treu geblieben sind, ein positives Gerichtsurteil empfangen werden. Wer aber nicht an Jesus Christus glaubt, den wird der Geist der Sünde überführen. Im Falle des Paulus und Silas haben wir das deutlich gehört: Sie haben das Wort Gottes in Philippi verkündet und den Geist gespendet. Dieser legt das Innenleben der Menschen offen, denn die mit dem Wahrsagegeist besessene Frau schreit tagelang ein Bekenntnis heraus, wer die Missionare sind. Auch das Verhalten der Ankläger stellt die Offenlegung dar, nämlich des Unglaubens. Christus scheidet zwar die Geister (indem man sich für oder gegen ihn entscheidet), doch der Geist offenbart diese Gespaltenheit. Bei Johannes sind „Gerechtigkeit“ und „Sünde“ ein Gegensatzpaar. Der Geist Gottes wird also aufdecken, ob ein Mensch gerecht oder sündig ist. Die Gerechtigkeit als Belohnung für die Standhaftigkeit im Glauben erwirkt Jesus dadurch, dass er beim Vater für seine Apostel einsteht. Deshalb wird es in Vers 10 als Begründung angeführt.
Der letzte Vers meint mit dem „Herrscher der Welt“ wie zuvor auch schon den Satan, den Widersacher Gottes. Seine Macht wird gebannt durch das Erlösungswirken Jesu Christi und so kann mit allen seinen menschlichen „Handlangern“ abgerechnet werden.


Man merkt, dass Jesus langsam auf das Endgericht zu sprechen kommt, von dem wir demnächst noch mehr hören werden. Mit ihm ist die Endzeit angebrochen und durch die Geistgabe wird diese letzte Phase der Welt, die immer schlimmer wird, von Gott getragen. Paulus und Silas sind in der Apostelgeschichte ein anschauliches Beispiel dafür. Die Widerstände sind teilweise sehr drastisch. Im Namen Jesu Christi werden sie geschlagen und gedemütigt sowie ihrer Freiheit beraubt. Doch der Geist Gottes steht ihnen bei. Er erwirkt mitten in der Ausweglosigkeit ein neues Pfingsten inmitten der Gefängnisinsassen. Gott lässt die Seinen wirklich nicht im Stich.

Ihre Magstrauss