Freitag der 29. Woche im Jahreskreis

Eph 4,1-6; Ps 24,1-2.3-4.5-6; Lk 12,54-59

Eph 4
1 Ich, der Gefangene im Herrn, ermahne euch, ein Leben zu führen, das des Rufes würdig ist, der an euch erging.

2 Seid demütig, friedfertig und geduldig, ertragt einander in Liebe
3 und bemüht euch, die Einheit des Geistes zu wahren durch das Band des Friedens!
4 Ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen seid zu einer Hoffnung in eurer Berufung:
5 ein Herr, ein Glaube, eine Taufe,
6 ein Gott und Vater aller, der über allem und durch alles und in allem ist.

In der heutigen Lesung ruft Paulus die Epheser zur Einheit auf. Er hat in den bisherigen Kapiteln ausführlich über die gemeinsame Berufung zur Heiligkeit durch die Taufe gesprochen, über die Gnade, die allen Menschen gleichermaßen zuteilwerden sollte.
Er sagt über sich zu Anfang, er sei „der Gefangene im Herrn“, was auf seinen momentanen Gefängnisaufenthalt zu beziehen ist. Er ist oft inhaftiert worden, bevor er den Märtyrertod gestorben ist. Von diesem Zustand her konnte er immer gut die Analogie zu seiner Abhängigkeit von Christus herstellen, dem er ganz „verfallen“ ist. Diese „Sklaverei“ ist in Wirklichkeit die wahre Freiheit, die auch von den irdischen Ketten eines menschlichen Gefängnisses nicht beeinträchtigt werden kann.
Er ermahnt die Epheser zu einem Leben, „das des Rufes würdig ist“. Sie sollen so leben, dass es Christus gerecht wird, der sein Leben hingegeben hat für sie. Es handelt sich um den Ruf zur Heiligkeit. Sie sollen sich stets fragen: Ist mein jetziger Lebenswandel angemessen dafür, dass Christus sein Alles gegeben hat? Sollte ich nicht auch mein Alles geben? Oder halte ich noch etwas zurück?
Paulus erklärt auch ganz konkret, wie so ein Leben aussieht: Sie sollen „demütig, friedfertig und geduldig“ sein und einander in Liebe ertragen. Sie sollen sich um Einheit bemühen „durch das Band des Friedens“. Demut ist ein Begriff, den man so oft missversteht. Es heißt nicht, dass man sich bespuckt und wertlos fühlen muss, sondern im Gegenteil: Man soll den eigenen Wert vor Gott erkennen und in Gottes Licht sich selbst realistisch anschauen – mit allen Schwächen und Stärken. Der realistische Selbstblick soll dazu führen, dass man seine eigene Armut und Erlösungsbedürftigkeit sieht und sich ganz von Gott abhängig versteht. Wenn man den eigenen Wert in Gottes Angesicht erkennt, wird man unabhängig sein vom Lob und Tadel der Mitmenschen, weil man weiß, was man ist (so auch Mutter Teresa).
Friedfertig zu sein, bedeutet die stete Bereitschaft zur Versöhnung, auch dann den ersten Schritt zu unternehmen, wenn man gar nicht schuld ist. Das heißt aber nicht, dass man zugunsten einer falschen Harmonie alle Konflikte unter den Teppich kehrt. Konfrontation und Austragen eines Konflikts ist notwendig, damit der wahre Frieden einziehen kann. Aber es soll einem immer darum gehen, alles dafür zu tun, dass dieser wahre Frieden einkehren kann.
Geduldig zu sein und den anderen zu ertragen, benötigt ein gutes Maß an Selbstbeherrschung und Langmut. Diese muss man von Gott erbitten, der im Herzen der Getauften Wohnung genommen hat. Wenn die Epheser sich von Herzen bemühen, wird Gott dazu geben, was noch fehlt. Einander zu ertragen, ist nicht immer leicht, denn die charakterlichen Differenzen, die Schwächen reiben aneinander, die Unvollkommenheit und Sünde des einen zieht den anderen immer mit hinein. Doch die Epheser sind eine einzige Familie und sollen deshalb das Kreuz einander tragen helfen. Jeder sei der Simon von Zyrene des anderen.
Die Einheit zu wahren, bedeutet genauso wie die Friedfertigkeit nicht, ihr zuliebe alles Spalterische unter den Teppich zu kehren. Diese Verdrängung wird irgendwann hochkochen und alles noch verschlimmern. Diese Dinge müssen zur Sprache gebracht und ausgemerzt werden. Konfrontation ist unvermeidbar. Es muss in Liebe geschehen, aber es muss thematisiert werden. Und wenn das Sagen der Wahrheit zur Spaltung führt, muss diese eben sein, damit jene, die an der Lüge festhalten wollen, sich verabschieden. Das klingt brutal, aber jeder Mensch muss letztendlich seine Entscheidung treffen. Man kann als Gemeinde alles nur Erdenkliche unternehmen, um den Irrigen umzustimmen, aber wenn es nicht funktioniert, muss man die Person gehen lassen. Das ist schmerzhaft, aber es bringt nichts. Die Einheit in der Gemeinde wird garantiert durch den Heiligen Geist. Er ist auch das „Band des Friedens“ um die Gemeinde. Wir erkennen an den Worten des Paulus, dass die entscheidenden Dinge die Menschen nicht selbst machen. Frieden und Einheit sind Früchte des Geistes. Diese kann der Mensch anstreben, doch vollkommen kann nur Gott selbst Frieden spenden. Das ist ein Frieden, den die Welt nicht geben kann, wie der Auferstandene zu seinen Aposteln gesagt hat. Also: Einheit und Frieden muss die Gemeinde erbitten und das tut die Kirche bis heute in der Messe, nämlich nach dem Vaterunser.
Die Kirche als mystischer Leib Christi ist EIN Leib und EIN Geist. Es ist kein gespaltenes Gebilde. Sie ist ein gemeinsamer Leib durch Jesus Christus, der sich hingegeben hat, was in jeder Hl. Messe vergegenwärtigt wird und die Kirche so immerwährend ihre eigene Leibwerdung vornimmt. Deshalb ist die Eucharistie absolut entscheidend und grundlegend. Die Kirche ist ein Geist durch den Hl. Geist, der am Pfingsttag die Apostel erfüllt hat sowie die Heiden im Hause des Kornelius. Alles ist eins: Die Hoffnung ist eine gemeinsame aller Christen. Wir alle hoffen auf das ewige Leben und die leibliche Auferstehung am Ende der Zeiten. Wir glauben an den einen Herrn. Es ist ein gemeinsamer Glaube, den wir im Glaubensbekenntnis zusammengefasst haben, für das so viele Menschen ihr Leben geopfert haben.
Es ist eine gemeinsame Taufe, die alle Getauften empfangen haben, nämlich die Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes. Alles ist zusammengefasst in dem einen Gott, den Vater, der alles ins Dasein gerufen hat und der das letzte Wort hat.
Einheit in der Gemeinde zu leben – gerade über die heidnische oder jüdische Vergangenheit ihrer Christen hinaus – ist Abbild der Einheit, die Gott in sich ist.

Ps 24
1 Ein Psalm Davids. Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.

2 Denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.
3 Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?
4 Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt und keinen trügerischen Eid geschworen hat.
5 Er wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.
6 Das ist das Geschlecht, das nach ihm fragt, die dein Angesicht suchen, Jakob.

Als Antwort beten wir den liturgischen Psalm 24, der im Wechselgesang zwischen Gläubigen und Priestern im Tempel von Jerusalem gebetet worden ist. In den ersten Versen wird die Universalherrschaft Gottes thematisiert: „Dem HERRN gehört die Erde und was sie erfüllt, der Erdkreis und seine Bewohner.“ Es setzt an, wo die Lesung endete. Nicht nur der Planet ist Gottes Eigentum, sondern auch die Lebewesen auf der Erde. Alles gehört ihm, weil er alles geschaffen hat, „denn er hat ihn auf Meere gegründet, ihn über Strömen befestigt.“ Wir müssen bei diesen Worten bedenken, wie das Weltbild der Menschen damals aussah: Man glaubte, dass die Erde von Wasser umschlossen war, sodass unter der Erde sowie über dem Himmel Wasser vermutet worden ist. Man glaubte, dass die Erde auf Pfeilern über dem Urmeer errichtet worden sei. Das steckt hinter der Formulierung, dass der Erdkreis auf Meere gegründet sei.
„Wer darf hinaufziehn zum Berg des HERRN, wer darf stehn an seiner heiligen Stätte?“ ist eine Frage der Gläubigen, die sie an die Priester richten.
Daraufhin antworten die Priester: „Der unschuldige Hände hat und ein reines Herz, der seine Seele nicht an Nichtiges hängt“. Das ist eine sehr fortgeschrittene Antwort, da die Herzensreinheit zu jener Zeit oft ignoriert oder einfach noch nicht begriffen worden ist. Viele Propheten sprechen das Thema an und kritisieren die unreinen Opfer der Menschen aufgrund der fehlenden Aufrichtigkeit. Sie beuten die Schwachen aus und führen ein unmoralisches Leben, bringen aber zugleich Opfer dar in der Erwartung, dass Gott sie erhört. König David, der diesen Psalm gedichtet hat, versteht diesen Aspekt sehr gut und möchte deshalb, dass die Gläubigen die Herzensreinheit in der Liturgie ansprechen. Im zweiten Satzteil geht es um die Unabhängigkeit von Nichtigkeiten. Gemeint sind Güter, die vergänglich sind und die einen nicht näher zu Gott bringen. Götzen werden oft als Nichtigkeiten bezeichnet, doch das hebräische Wort ist an der Stelle nicht wie hier שָׁוְא shaw sondern אֱלִיל elil. Auch das Schwören eines Meineids macht den Menschen kultunfähig. Wer sich dagegen von alledem fernhält, „wird Segen empfangen vom HERRN und Gerechtigkeit vom Gott seines Heils.“ Wer also die Gebote Gottes hält, ist gerecht.
Und zum Ende hin sprechen die Priester im Grunde Gott selbst an mit verheißungsvollen Worten für die Gläubigen: Jakob trifft darauf zu. Es ist wahrlich ein Geschlecht, dass nach Gott fragt und somit würdig ist, zu seinem heiligen Tempel zu kommen. Wir müssen uns das hebräische Verb genauer anschauen: Das Verb an dieser Stelle ist דֹּרְשֹׁו darschu, was wir als ein sehnsuchtsvolles Fragen verstehen. Es kann auch mit „verlangen“ übersetzt werden. Es ist eine Sehnsucht nach Gott, die nur jener Mensch besitzen kann, dessen Herz an Gott hängt. Auch die zweite Verbform ist in diesem Duktus zu betrachten: מְבַקְשֵׁ֨י m’waqschej ist eine Suche nach dem Angesicht Gottes aus Sehnsucht nach ihm.
Blicken wir zurück auf die Lesung, muss man den Psalm so verstehen: Wer von Herzen Gottes Angesicht anstrebt und wie Paulus ihm ganz verfallen ist, wird in Gemeinschaft mit vielen so leidenschaftlich Gottliebenden eine Einheit bilden. Die gemeinsame Liebe zu Gott verbindet.

Lk 12
54 Außerdem sagte Jesus zu der Volksmenge: Wenn ihr im Westen eine Wolke aufsteigen seht, sagt ihr sofort: Es gibt Regen. Und so geschieht es.

55 Und wenn der Südwind weht, sagt ihr: Es wird heiß. Und es geschieht.
56 Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu deuten. Warum könnt ihr dann diese Zeit der Entscheidung nicht deuten?
57 Warum findet ihr nicht schon von selbst das rechte Urteil?
58 Denn wenn du mit deinem Gegner zum Gericht gehst, bemüh dich noch auf dem Weg, dich mit ihm zu einigen! Sonst wird er dich vor den Richter schleppen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und der Gerichtsdiener wird dich ins Gefängnis werfen.
59 Ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du auch die letzte Münze bezahlt hast.

Im Evangelium hören wir weitere Worte Jesu aus seiner endzeitlichen Rede, in der Jesus die letzten Tage zur Wachsamkeit aufgerufen hatte.
Heute bringt er Beispiele aus der Natur, was eine typisch weisheitliche Herangehensweise darstellt. In der weisheitlichen Literatur des Alten Testaments finden wir immer wieder Vergleiche mit der Fauna und Flora. Jesus bezieht sich auf den Regen, dessen Vorbote aufsteigende Wolken darstellen. Sieht man diese, weiß man schon, dass es regnen wird.
Und wenn der Südwind aufkommt, weiß man, dass das Wetter heiß wird. Der Mensch braucht also kein Hellseher zu sein, um diese Dinge zu erkennen. Das sagt Jesus, um der Volksmenge zu verdeutlichen, dass die Zeichen der Zeit ebenso deutbar sind, wenn man nur die Augen richtig aufmacht. Deshalb ruft er auch aus: „Ihr Heuchler! Das Aussehen der Erde und des Himmels wisst ihr zu deuten. Warum könnt ihr dann diese Zeit der Entscheidung nicht deuten?“ Die Zeit der Entscheidung zeigt, wie wichtig diese Phase nun ist. Christus ist unter ihnen und wirkt solch offensichtliche Zeichen, die jeder fromme Jude eigentlich erkennen müsste. Und doch sind sie blind dafür, indem sie seine Botschaft nicht annehmen und die Erfüllung der Verheißungen an ihm nicht erkennen. Diese Blindheit im Gegensatz zur Schöpfung macht sie zu Heuchlern.
Dann bringt Jesus ein weiteres Bild, das für uns alle sehr entscheidend ist: Wenn man mit einem Mitmenschen unterwegs zum Gericht ist, soll man diesen letzten Weg noch nutzen, um schon zuvor eine Einigung zu erzielen. Sonst wird man nämlich dem Gericht übergeben und am Ende im Gefängnis landen. Es ist besser, noch vorher Versöhnung zu schaffen. Was Jesus hier im Kontext der Endzeitrede damit meint, ist natürlich das Endgericht. Die Menschen sollen sich mit Gott versöhnen, noch bevor das Endgericht kommt. Denn dann ist es zu spät und man wird in das ewige Gefängnis geworfen werden, das die Hölle ist. Diese Versöhnung bedeutet Umkehr. Das ist nicht nur universal zu verstehen, sondern auch für jeden einzelnen Menschen, der noch Zeit zur Umkehr hat bis zu seinem Tod. Denn wenn man dann stirbt und vor Gott tritt, wird es zu spät sein, noch umzukehren. Bei diesem Individualgericht, wird man dann mit allem Unversöhnten schonungslos konfrontiert. Es ist für einen selbst besser, schon vor dem Tod Versöhnung zu schaffen. Das ist für uns eine wichtige Aussage. Anhand des letzten Verses erkennen wir, dass man nach dem Tod auch sühnen kann, ohne dass es auf ewig ist. Jesus bringt ja einen Vergleich und da ist es ja so, dass wenn Menschen Schulden nicht bezahlen konnten, im Gefängnis verbleiben mussten, bis alles beglichen ist. So haben auch wir nach dem Tod die Möglichkeit, noch zu sühnen, bevor wir die ewige Gemeinschaft mit Gott genießen dürfen. Das nennt die Kirche das Fegefeuer. Gewiss sind Bilder und Vergleiche immer begrenzt und können etwas nicht zu hundert Prozent vergleichen, aber hier bringt Jesus wirklich ein Bild an, das sich mit anderen Schriftverweisen deckt. Es gibt nicht nur die ewige Hölle, sondern auch eine Phase der Sühnung, die nicht ewig ist.
Und doch ist es angenehmer, wenn man vorher schon die Versöhnung geschaffen hat. Besser, man „sühnt“ die eigenen Vergehen noch in diesem Leben. Nach dem Tod wird es schmerzhaft.

Schauen wir zurück auf Paulus und die Epheser: Der Völkerapostel hat die Epheser zur Einheit und zum Frieden aufgerufen. Wenn die Epheser untereinander in Frieden sind, dann haben sie schon einen ganz großen Schritt in die Ewigkeit unternommen. Unfriede und Unversöhntheit kann bestehen zwischen Gott und Mensch, Mensch und Mitmensch oder Mensch mit sich selbst. All diese Dimensionen müssen versöhnt werden, damit wir den Frieden des Himmels empfangen können. Vergebung ist der Kern und die Voraussetzung zum ewigen Heil.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 29. Woche im Jahreskreis

Eph 3,14-21; Ps 33,1-2.4-5.11-12.18-19; Lk 12,49-53

Eph 3
14 Daher beuge ich meine Knie vor dem Vater,

15 von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde seinen Namen hat.
16 Er gebe euch aufgrund des Reichtums seiner Herrlichkeit, dass ihr in Bezug auf den inneren Menschen durch seinen Geist an Kraft und Stärke zunehmt.
17 Durch den Glauben wohne Christus in euren Herzen, in der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet.
18 So sollt ihr mit allen Heiligen dazu fähig sein, die Länge und Breite, die Höhe und Tiefe zu ermessen
19 und die Liebe Christi zu erkennen, die alle Erkenntnis übersteigt. So werdet ihr erfüllt werden in die ganze Fülle Gottes hinein.
20 Dem aber, der gemäß der Macht, die in uns wirkt, unendlich viel mehr tun kann, als wir erbitten oder erdenken,
21 ihm sei die Herrlichkeit in der Kirche und in Christus Jesus bis in alle Generationen für ewige Zeiten. Amen.

In der heutigen Lesung hören wir ein Fürbittgebet, in dem Paulus für alle Christen betet. Er beugt seine Knie vor dem Vater als Geste der Anbetung und der Demütigung vor dem Allmächtigen. Er richtet seine Fürbitten an den Schöpfer, „von dem jedes Geschlecht im Himmel und auf der Erde seinen Namen hat“. Das betrifft nicht die geographischen Angaben von Himmel und Erde in dem Sinne, dass Vögel und Landtiere gemeint sind. Vielmehr ist damit die Unterscheidung in die sichtbare und unsichtbare Schöpfung ausgesagt, also alle sichtbaren Geschöpfe von Pflanze bis zum Menschen und die unsichtbaren Geschöpfe wie die Engel. Diese Unterscheidung meinen wir übrigens auch, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, denn im großen, „nizänokonstantinopolitanischen“ Glaubensbekenntnis gibt es die Formulierung „die sichtbare und die unsichtbare Welt“ im Anschluss an die Schöpferaussagen Gottes.
Gott gebe den Ephesern und darüber hinaus allen Christen eine Zunahme an Kraft und Stärke durch seinen Hl. Geist. Er möchte, dass alle Christen, die im Bund mit Gott leben, immer heiliger, immer treuer, immer profilierter werden. Es kostet auch viel Kraft, gegen den Strom einer zunehmend antichristlichen Gesellschaft zu schwimmen. Das schaffen wir mitnichten aus eigener Kraft! Dafür brauchen wir die Kraft, die Gott uns verleihen will. Er schenkt uns alle Gnaden, die wir zum Überleben brauchen, vor allem den Mut zu einem steten Rückgrat.
Paulus erbittet auch das Wohnen Christi in ihren Herzen. Das ist es ja, was passiert ist bei der Taufe: Gott hat Wohnung genommen im inneren Tempel des Menschen, indem er sein Zelt aufgeschlagen hat in dessen „Herz“, gemeint ist die Seele. Diesen kann man aber auch wieder hinauswerfen, indem man sündigt und den Weg Gottes verlässt. Der Tempel kann verunreinigt und geschändet werden. Deshalb bittet Paulus auch darum, dass es mit den Ephesern nicht passiert. Das wird dadurch ausgeschlossen, dass die Epheser ihren Glauben nicht verlieren, der „in der Liebe verwurzelt und auf sie gegründet“ ist. Jesus hat bereits zu seinen Aposteln gesagt: „Bleibt in meiner Liebe.“ Das fasst die Worte des Paulus zusammen. Und einige Jahrzehnte später wird es leider wirklich anders aussehen in Ephesus. Es ist, als ob der Völkerapostel prophetisch gehandelt hat, als er dieses Fürbittgebet gesprochen hat. Vielleicht hat er vorausgesehen, was passieren würde: Die Epheser haben ihre erste Liebe verloren. Zwar haben sie ihr Rückgrat behalten, dafür aber wurzelt ihr Glaube nicht mehr in der Liebe und der inneren Begeisterung wie am Anfang. Johannes wird in den sieben Sendschreiben deshalb die Worte des Menschensohns aufschreiben: „Kehr zurück zu deinen ersten Taten!“ (Offb 2,5).
Was unbegreiflich ist mit menschlichem Verstand, die überragende und ewige Liebe Gottes, werden die Christen begreifen, wenn sie vom Hl. Geist erfüllt sind. Dann werden sie ihre Maße erkennen, was hier natürlich bildhaft zu verstehen ist. Liebe ist zunächst ein abstraktes Wort, das keine Gestalt besitzt und deshalb gar keine Maße besitzen kann. Doch zugleich hat sie ganz konkrete Maße – die des Kreuzes, an das der Herr sich festnageln ließ aus Liebe zu uns. Wenn man das Kreuz versteht – und in 1 Kor hat er darüber gesprochen, wie es mit weltlicher Weisheit unbegreiflich ist, für die Griechen Torheit, für die Juden Anstoß – dann hat man die Liebe Gottes verstanden. Und wer sich von diesem verdichteten Ort der Liebe Gottes berühren lässt, wird „in die ganze Fülle Gottes hinein“ erfüllt werden. Was bedeutet das? Das griechische Wort πλήρωμα pleroma für „Fülle“ ist entweder als Reichtum zu verstehen oder in diesem Kontext als Er-Füllung im Sinne einer Vervollkommnung und dem Eintreffen einer Verheißung. Der Mensch wird versöhnt zum Menschen, wie Gott ihn ursprünglich geschaffen hat, wenn er die Realität des Kreuzes Christi gläubig annimmt. Wer das Kreuz umarmt, wird zum Menschen und wird von der Barmherzigkeit Gottes umarmt. Sakramental heißt das für uns: Wer die Erlösung Jesu Christi gläubig annimmt und sich taufen lässt, wird neugeboren zur neuen Schöpfung, wird versöhnt und wiederhergestellt zum Original, wie Gott von Anfang an für die Menschen vorgesehen hat. Die Fülle der Gnade wird ihm geschenkt, die die Taufgnade verleiht. Der Mensch wird versöhnt und in den Stand der Gnade erhoben!
Gott wirkt in diesem Menschen und schenkt viel mehr Gnade, als der Mensch erbitten kann. Manchmal wissen wir Menschen ja gar nicht so recht, um was wir eigentlich bitten müssen, weil wir unsere Not nicht richtig diagnostizieren können. Dann müssen wir Gott um seine Gnade bitten in den Punkten, die allein er sieht.
Paulus beendet sein Fürbittgebet mit einer lobpreisenden Formel, die mit einer sogenannten Ewigkeitsformel abgeschlossen wird. Das ist der einzig angemessene Modus, den man als Christ im Anschluss an die geschenkte Taufgnade einnehmen kann. Das ist es auch, was wir ewig tun werden in der Ewigkeit.

Ps 33
1 Jubelt im HERRN, ihr Gerechten, den Redlichen ziemt der Lobgesang.

2 Preist den HERRN auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe spielt ihm!
4 Denn das Wort des HERRN ist redlich, all sein Tun ist verlässlich.

5 Er liebt Gerechtigkeit und Recht, erfüllt von der Huld des HERRN ist die Erde.
11 Der Ratschluss des HERRN bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens durch alle Geschlechter.

12 Selig die Nation, deren Gott der HERR ist, das Volk, das er sich zum Erbteil erwählt hat.
18 Siehe, das Auge des HERRN ruht auf denen, die ihn fürchten, die seine Huld erwarten,

19 dass er ihre Seele dem Tod entreiße und, wenn sie hungern, sie am Leben erhalte.

Der Psalm, den wir als Antwort auf den Epheserbrief beten, reflektiert Gottes Heilstaten. Wie so oft erfolgt zu Anfang eine Aufforderung zum Lob („Jubelt im HERRN“). Die Aufforderung umfasst sogar die Begleitung des Lobgesangs mit Instrumenten („auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe“). Dies beteten wir gestern bereits in einem anderen Psalm.
Das Wort und die Tat Gottes sind verlässlich. Gott ist treu und hält sich an seine Versprechen, auch wenn wir ihm untreu werden. Jesus hat seinen Aposteln angekündigt, dass sein Heil die ganze Welt erreichen wird. Es beginnt in Jerusalem und das Wachsen der Gemeinde bestätigt ihnen, dass Gott wirklich treu an ihnen handelt. Deshalb sendet der Vater den Hl. Geist jenen, die sich in seinem Namen taufen lassen. Dieser ist der Garant dafür, dass Gottes Worte wahr sind und er treu sein Versprechen hält. Um die Taufe und um das Erlösungswerk Jesu Christi geht es ja in der Lesung.
Gott liebt die Gerechtigkeit und das Recht. Das ist für uns keine Drohbotschaft im Sinne eines strengen Richterbildes. Gott sorgt für Gerechtigkeit, wo wir Unrecht erleiden. Sein Recht setzt sich durch, auch wenn es in unserem Leben aktuell nicht so erscheinen mag. Das ist eine totale Trostbotschaft, gerade in Zeiten der Bedrängnis und Christenverfolgung, die noch nie so schlimm war wie heute.
Gottes Pläne ändern sich auch nicht einfach. Sein Ratschluss „bleibt ewig bestehen“. Was die Propheten im AT angekündigt haben, erfüllt sich nach und nach. Von Anfang an stand für Gott fest, dass er die Menschheit erlösen würde, seinen einzigen Sohn dahingeben würde, damit sie gerettet werde. Gott hat sein „Herz“, seine innersten Absichten offenbart. Das ist das Besondere an unserem Glauben: Gott bleibt unterm Strich zwar immer noch Geheimnis, aber er hat seine Pläne stets mit den Menschen geteilt. Er ist ein sich offenbarender Gott, der stets den Dialog sucht. Er ist sogar Mensch geworden, um seinen Heilsplan zu verkünden. Und durch seine Apostel sollte dieser Plan allen Menschen zu allen Zeiten weitergesagt werden.
„Selig die Nation, deren Gott der HERR ist, das Volk, das er sich zum Erbteil erwählt hat.“ Wir können voller Glauben sagen, was die Israeliten zur Zeit der Abfassung noch gar nicht geahnt haben bzw. erst einmal lernen mussten: Gottes Volk ist nicht mehr verbunden durch eine biologische Abstammung. Sein Volk ist nicht mehr beschränkt auf die zwölf Stämme Israels, sondern es ist ein Volk, das durch den Hl. Geist „verwandt“ ist, eine geistliche Familie! Diese übernatürliche Nation ist zusammengesetzt aus Gläubigen jeder Sprache, jeden Volkes, jeder irdischen Nation. Und diese übernatürliche Familie tritt das Erbe an. Und wie geschieht das? Durch die Taufe! Das steckt ja hinter den Worten in der Lesung.
Gottes „Auge“ ruht auf den Gottesfürchtigen. Das ist wiederum bildhaft, da Gott Geist ist und keine Augen besitzt wie seine Geschöpfe. Aber er sieht viel besser als jedes Geschöpf. Er sieht alles, aber das ist nicht als Bedrohung und Voyeurismus zu verstehen. Gott sieht alles, auch das Verborgene unseres Herzens, das nicht einmal wir selbst sehen. Er kennt unsere Nöte und weiß, wie er uns helfen muss. Das ist doch tröstlich!
Aber sein Auge ruht vor allem auf den Gottesfürchtigen. Warum? Weil diese sich ansehen lassen und nicht vor ihm davonlaufen. Sie gehen auf seinem Weg und entscheiden sich für ihn. Deshalb schaut Gott sie auch an. Sich gegenseitig anzuschauen, zeugt von Beziehung. Wer mit Gott in einer Bundesbeziehung lebt, der schaut Gott an und Gott schaut ihn an. Das betrifft auch den Neuen Bund – und dort auf besonders intensive Weise! Wenn wir ihn anbeten im ausgesetzten Allerheiligsten, dann schauen wir ihn an in der Hl. Eucharistie und spüren seinen Blick auf uns. Dann setzen wir das um, was Jesus meinte mit den Worten „bleibt in meiner Liebe“. In dieser Situation lassen wir uns ganz von ihr erfüllen, um sie in den Alltag hineinzutragen und aus Gottes Liebesquelle heraus andere unseren Nächsten zu lieben.
In seiner Liebe zu bleiben, bedeutet auch die Nahrung, die die Eucharistie für uns darstellt. Wir empfangen ihn, der unser Himmelsbrot ist, der die Seele nährt und uns stärkt auf dem langen Pilgerweg ins himmlische Jerusalem. Stets in Gottes Liebe zu bleiben, heißt auch, im Stand der Gnade zu bleiben im moralischen Sinn. Und wenn wir doch gefallen sind und gesündigt haben, die Vergebung Gottes in Anspruch nehmen durch das Beichtsakrament. Es verhilft uns zurück zum Stand der Gnade. So bleiben wir am Leben, denn die Todsünde führt zum Tod.

Lk 12
49 Ich bin gekommen, um Feuer auf die Erde zu werfen. Wie froh wäre ich, es würde schon brennen!

50 Ich muss mit einer Taufe getauft werden und wie bin ich bedrängt, bis sie vollzogen ist.
51 Meint ihr, ich sei gekommen, um Frieden auf der Erde zu bringen? Nein, sage ich euch, sondern Spaltung.
52 Denn von nun an werden fünf Menschen im gleichen Haus in Zwietracht leben: Drei werden gegen zwei stehen und zwei gegen drei;
53 der Vater wird gegen den Sohn stehen und der Sohn gegen den Vater, die Mutter gegen die Tochter und die Tochter gegen die Mutter, die Schwiegermutter gegen ihre Schwiegertochter die Schwiegertochter gegen die Schwiegermutter.

Im Evangelium hören wir heute eine sehr drastische Passage. Jesus sagt ganz unverblümt, dass er gekommen ist, um Feuer zu bringen, nicht Frieden. Das muss man richtig verstehen, denn natürlich ist es im Gesamt doch so, dass Jesus Frieden bringt, nämlich als übernatürliche Gabe des Hl. Geistes. Aber Christus stellt die Menschen damals und auch heutzutage uns vor die Wahl. Bei Ihm gibt es kein Jein, entweder Ja oder Nein. Und das ist das „Spalterische“, was er meint. Die Einen werden Christus und seine Botschaft annehmen, die Anderen nicht. Deshalb kommt es zu Uneinigkeiten in den Familien. Jesus kündigt diese Probleme schon für die erste Christengeneration an. Es ist wirklich ein Kreuz, das man mit dem Glauben an Christus auf sich nimmt. Aber die Bereitschaft zu diesem Opfer macht den wahren Jünger Jesu Christi aus.
Jesus sagt, dass wer sein irdisches Leben krampfhaft festhält, das ewige Leben verlieren wird. Und wer um seinetwillen das irdische Leben verliert, dafür das ewige Leben gewinnen wird. Dazu zählen auch die Abstriche trotz Behalten des irdischen Lebens. Wer also Uneinigkeit in der Familie in Kauf nimmt und dadurch bereit zu vielen Leiden ist, wird mit dem ewigen Leben belohnt werden.
Gott muss an allererster Stelle stehen. Wer nämlich die Eltern oder Kinder über Gott stellt, kann nicht Jünger Jesu sein. Das würde nämlich bedeuten, dass Eltern oder Kinder zum Götzen werden. Vielmehr besteht die richtige Priorisierung in der Ableitung der Eltern- und Kinderliebe aus der Gottesliebe. So ist es ein Liebesdienst, der sich aus der ersten Liebe speist und übernatürlich ist. Das Doppelgebot der Liebe ist aber der Kern des Evangeliums, die Zusammenfassung des Gesetzes und der Propheten sowie das Gütesiegel der Jüngerschaft. Das heißt nicht, dass man seine Eltern als Christ nicht mehr lieben darf, ebenso wenig, dass man die Kinder lieben darf. Es geht darum, dass Gott trotz dieser Liebe immer wichtiger sein soll. Erstens soll es uns immer zuerst um das Reich Gottes gehen und in erster Linie sind wir als Christen Kinder Gottes. Er ist unser erster und eigentlicher Vater und unsere erste Mutter. Im zweiten Schritt sind wir Menschen in einer irdischen Familie, die physisch zusammenhängt. Nicht umsonst bestehen die ersten drei Gebote des Dekalogs aus Gottesliebe-Geboten. Das vierte bis zehnte Gebot fußt sodann auf der Nächstenliebe. Zweitens können wir nur aus der Gottesliebe heraus so richtig unsere Eltern und Kinder lieben. Alles andere ist auf menschliche Kapazitäten beschränkt. Wir sollen aber so weit gehen, sogar für sie zu sterben. Können wir das aus rein menschlicher Kraft? Würden Sie für Ihren Vater Ihr Leben hingeben, wenn er die Familie verlassen hat? Würden Sie für ihren Ehepartner sterben, wenn er fremdgegangen ist? Da merken wir dann, wie schnell wir mit unseren menschlichen Kapazitäten an unsere Grenzen kommen. Deshalb muss zuerst die Gottesliebe gegeben sein. Alles andere wird dann den richtigen Platz und das richtige Maß erhalten.
Jesus kommt nicht, um Friede, Freude, Eierkuchen zu bringen. Er möchte keinen faulen Frieden, bei dem die Uneinigkeit und Spaltung, die ja schon längst da ist, einfach unter den Teppich gekehrt werden. Er möchte den wahren Frieden bringen und dazu benötigt es manchmal das Aufkochen des Konflikts, die Konfrontation und Hochspülen des verdrängten Drecks. Das gilt auch für die Missstände in der Kirche von heute. Hier geht es aber zunächst um die Entscheidung für oder gegen ihn. Das ist ja schon das Thema in der Lesung gewesen und mit Blick auf die Taufe auch in der Lesung. Wir müssen aktiv Ja sagen zu ihm, denn es geht beim Bund mit Gott um Liebesbeziehung. Liebe kann aber nicht unter Zwang funktionieren und der Mensch muss Gott freiwillig annehmen. Wenn es die anderen Familienmitglieder aber nicht so sehen, kommt es zu Konflikten.
Das Besondere an Jesu Verkündigung ist: Er hat das Reich Gottes immer unverblümt und zutiefst realistisch verkündet. Er hat nie etwas beschönigt oder verharmlost. Er hat ganz klar gesagt, was die Christen erwartet – die Verfolgung, Beschimpfung in seinem Namen, ein Hindurchzwängen durch die enge Tür, ein Weg der Entsagung – aber auch des langfristigen Segens und ewigen Heils im Himmelreich.
Der Höhepunkt dieser schonungslosen Realität besteht im Kreuzestod. Was gibt es Unattraktiveres als das Kreuz! Und doch ist genau dies der Ort der Liebe, wie Paulus erklärt. Wer dieses Kreuz umarmt und sich berühren lässt von der unbegreiflichen Liebestat Gottes, der wird von der Fülle seiner Liebe überwältigt. Wer diesen Weg dennoch einschlägt, der wird wahren Frieden empfangen.
Wir merken: Jesus geht einen ganz anderen Weg als die Welt. Er bewirbt sich nicht mit den Strategien, die die Welt aufgreift. Und doch hat seine Heilstat die ganze Welt verändert. Gebe er uns, dass wir uns nie von der Logik Gottes abwenden und aus seiner Kraft und Gnade heraus den Weg in die Ewigkeit bestreiten. Dabei sind wir ja nie allein.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 29. Woche im Jahreskreis

Eph 3,2-12; Jes 12,2.3 u. 4bcd.5-6; Lk 12,39-48

Eph 3
2 Ihr habt doch gehört, welches Amt die Gnade Gottes mir für euch verliehen hat.

3 Durch eine Offenbarung wurde mir das Geheimnis kundgetan, wie ich es soeben kurz beschrieben habe.
4 Wenn ihr das lest, könnt ihr erkennen, welche Einsicht in das Geheimnis Christi mir gegeben ist.
5 Den Menschen früherer Generationen wurde es nicht kundgetan, jetzt aber ist es seinen heiligen Aposteln und Propheten durch den Geist offenbart worden:
6 dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und mit teilhaben an der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium.
7 Dessen Diener bin ich geworden dank des Geschenks der Gnade Gottes, die mir durch das Wirken seiner Macht verliehen wurde.
8 Mir, dem Geringsten unter allen Heiligen, wurde diese Gnade zuteil: Ich soll den Heiden mit dem Evangelium den unergründlichen Reichtum Christi verkünden
9 und enthüllen, was die Verwirklichung des geheimen Ratschlusses beinhaltet, der von Ewigkeit her in Gott, dem Schöpfer des Alls, verborgen war.
10 So soll jetzt den Fürsten und Gewalten des himmlischen Bereichs durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes kundgetan werden,
11 nach seinem ewigen Plan, den er durch Christus Jesus, unseren Herrn, ausgeführt hat.
12 In ihm haben wir den freien und vertrauensvollen Zugang, den der Glaube an ihn schenkt.

Im heutigen Abschnitt aus dem Epheserbrief geht es um die weltweite Verkündigung durch den Apostel Paulus. Dieser berichtet davon, dass ihm „das Geheimnis kundgetan“ worden ist, „dass nämlich die Heiden Miterben sind, zu demselben Leib gehören und mit teilhaben an der Verheißung in Christus Jesus durch das Evangelium.“ Dieses ist ihm offenbart worden, als er dem Auferstandenen vor den Toren von Damaskus begegnet ist. Er erklärt, dass diese tiefe Wahrheit, nämlich das universale Heil, früher nicht offenbart worden ist. Wir werden daran erinnert, dass Gott nicht alles auf einmal offenbart, sondern sich dem Fassungsvermögen einer Generation anpasst. So ist es kein Zufall, dass Jesus zu einer Zeit Mensch geworden ist, als die Menschen dazu bereit waren, sie zu verstehen. Sie lebten zu einer Zeit, in der sie nun die Öffnung ihres jüdischen Denkhorizonts vornehmen konnten.
Paulus erklärt, dass er Diener des Evangeliums ist, die ihm „durch das Wirken seiner Macht verliehen wurde.“ Wenn die Apostel die höchste Autorität in der Kirche besitzen, dann kommt ihnen diese nicht von ihnen selbst zu, sondern durch die Bevollmächtigung Gottes. Es ist also kein Selbstruhm, wenn Paulus seine Apostolizität zum Ausdruck bringt. Vielmehr unterstreicht er dadurch die Gnade Gottes, die sogar jemandem wie ihm, dem „Geringsten unter allen Heiligen“ zuteilwerden kann, und die Botschaft, die dadurch zur existenziell entscheidenden Botschaft wird.
Wenn Paulus betont, dass sogar so jemand wie er so eine große Aufgabe erhält, ist das der Ausdruck seiner Demut und der überwältigenden Gnade Gottes.
Von Anfang an war es schon der Wille Gottes, dass allen Menschen das Heil zuteilwerden soll. Es war ein „geheimer Ratschluss“, weil die Menschen erst darauf vorbereitet werden mussten. Die Geschichte der Bundesschlüsse ist uns ja durch die Hl. Schrift zugänglich und wir sehen, dass der erste Bund ein Ehebund des ersten Menschenpaares war. Von dort aus hat es sich immer mehr ausgeweitet, bis es auf der Höhe der Zeit in einen Bundesschluss mit der ganzen Welt gemündet hat.
Es ist wirklich ein geheimer Ratschluss Gottes gewesen, den auch die unsichtbare Schöpfung nicht kannte: Paulus sagt, dass nun „den Fürsten und Gewalten des himmlischen Bereichs durch die Kirche die vielfältige Weisheit Gottes kundgetan werden“ soll. Man kann von der griechischen Wortwahl her an dieser Stelle annehmen, dass nicht nur die Engel nun den Ratschluss Gottes erfahren, sondern auch die Dämonen (ja, auch Engel wissen nicht alles. In 1 Petr wird gesagt, dass die Engel ersehnen, das zu kennen, was die Menschen kennen).
Dieser ewige und geheime Ratschluss wird nun nicht mehr geheim sein und ist den Menschen durch Jesus Christus offenbart worden. Er hat den Zugang zum Vater ermöglicht. Der Schlüssel zu diesem Zugang ist der Glaube an ihn. Wer an Jesus Christus glaubt, wer ihn annimmt, auf ihn schaut und ihm nachahmt, der lernt den Vater kennen. Jesus sagte zu seinen Aposteln, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben sei, dass keiner zum Vater komme, außer durch ihn. An Christus zu glauben, bedeutet nicht einfach nur ein Fürwahrhalten seiner Worte, sondern den Bundesschluss durch die Taufe. Wer sie empfängt, begibt sich auf diesen Weg zum Vater. Und dabei spielt der Glaube die entscheidende Rolle, nicht die Volkszugehörigkeit oder Beschneidung.

Jes 12
2 Siehe, Gott ist mein Heil; ich vertraue und erschrecke nicht. Denn meine Stärke und mein Lied ist Gott, der HERR. Er wurde mir zum Heil.

3 Ihr werdet Wasser freudig schöpfen aus den Quellen des Heils.
4 An jenem Tag werdet ihr sagen: Dankt dem HERRN! Ruft seinen Namen an! Macht unter den Völkern seine Taten bekannt, verkündet: Sein Name ist erhaben!
5 Singt dem HERRN, denn Überragendes hat er vollbracht; bekannt gemacht sei dies auf der ganzen Erde.
6 Jauchzt und jubelt, ihr Bewohner Zions; denn groß ist in eurer Mitte der Heilige Israels.

Als Antwort auf die Lesung beten wir heute keinen Psalm, sondern ein „Danklied der Geretteten vom Zion aus,“ „Siehe, Gott ist mein Heil“ – ja, er ist es zunächst aufgrund von politischer Befreiung zur Zeit Jesajas. Aber wie dem hebräischen Begriff יְשׁוּעָתִ֛י jeschuati schon zu entnehmen ist, wird er zum umfassenden Heiland durch die Erlösungstat Jesu Christi, dessen Name ihn bereits als Heiland ausweist.
Die Wasser aus den „Quellen des Heils“, die die Israeliten freudig schöpfen werden, versteht man schon damals als übernatürliches Wasser und Bild für den Geist Gottes. Umso mehr begreifen wir, die wir „nachpfingstlich“ leben, dass es sich um das lebendige Wasser handelt, das Christus vom Vater sendet und von dem er immer wieder gesprochen hat. Er hat es vor allem auch der Samariterin am Jakobsbrunnen verheißen, die ja keine Jüdin ist! Das lebendige Wasser wird allen Menschen zuteil, die es gläubig annehmen. Wir begreifen es also auch sakramental als Wasser der Taufe. Und als die Zeit gekommen war, das universale Heil zu offenbaren, sodass alle Menschen die Taufe empfangen konnten, da hat sich realisiert, was hier noch zukünftig formuliert wird: „Dankt dem HERRN! Ruft seinen Namen an! Macht unter den Völkern seine Taten bekannt, verkündet: Sein Name ist erhaben!“ Paulus hat dies getan und viele Heiden haben sich auf diesen erhabenen Namen taufen lassen.
Gott hat wirklich Überragendes geleistet, als er für die gesamte Menschheit in den Tod gegangen ist. Der Wunsch Jesu Christi war, die Osterbotschaft, das Heil für alle Menschen bekannt zu machen. So hat er seinen Jüngern aufgetragen, in die ganze Welt hinauszugehen und allen Menschen diese Botschaft zu verkünden, sie alle zu seinen Jüngern zu machen und sie auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes zu taufen.
Und doch ist dieser Gesang in Jesaja zunächst ein Danklied der Geretteten von Zion aus. Besonders die Bewohner Jerusalems können sich freuen, da Gott in ihrer Mitte groß ist. Und doch weist dieses Lied schon über sich hinaus: Das Heil kommt von den Juden bzw. aus ihnen. Doch es wird sich verbreiten in der ganzen Welt. Christi Erlösung wird ihren Anfang nehmen in Jerusalem, dem Ort seines Todes und seiner Auferstehung, doch sein Heil reicht bis an die Grenzen der Erde.

Lk 12
39 Bedenkt: Wenn der Herr des Hauses wüsste, in welcher Stunde der Dieb kommt, so würde er verhindern, dass man in sein Haus einbricht.

40 Haltet auch ihr euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.
41 Da sagte Petrus: Herr, sagst du dieses Gleichnis nur zu uns oder auch zu allen?
42 Der Herr antwortete: Wer ist denn der treue und kluge Verwalter, den der Herr über sein Gesinde einsetzen wird, damit er ihnen zur rechten Zeit die Tagesration gibt?
43 Selig der Knecht, den der Herr damit beschäftigt findet, wenn er kommt!
44 Wahrhaftig, ich sage euch: Er wird ihn über sein ganzes Vermögen einsetzen.
45 Wenn aber der Knecht in seinem Herzen sagt: Mein Herr verspätet sich zu kommen! und anfängt, die Knechte und Mägde zu schlagen, auch zu essen und zu trinken und sich zu berauschen,
46 dann wird der Herr jenes Knechtes an einem Tag kommen, an dem er es nicht erwartet, und zu einer Stunde, die er nicht kennt; und der Herr wird ihn in Stücke hauen und ihm seinen Platz unter den Ungläubigen zuweisen.
47 Der Knecht, der den Willen seines Herrn kennt, sich aber nicht darum kümmert und nicht danach handelt, der wird viele Schläge bekommen.
48 Wer aber, ohne den Willen des Herrn zu kennen, etwas tut, was Schläge verdient, der wird wenig Schläge bekommen. Wem viel gegeben wurde, von dem wird viel zurückgefordert werden, und wem man viel anvertraut hat, von dem wird man umso mehr verlangen.

Im heutigen Evangelium geht es weiter mit den endzeitlichen Gleichnissen, die Jesus anbringt, um seine Jünger zur Wachsamkeit aufzurufen. Während es in den anderen Lesungen um das erste Kommen des Messias ging, der gekommen ist, nicht um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten, thematisiert Jesus selbst sein zweites Kommen, mit dem das Universalgericht anbrechen wird. Gericht und Heil sind zwei Seiten einer Medaille. Das eine ist ohne das andere nicht möglich.
Jesus sagt ganz deutlich, dass die Wachsamkeit unabdingbar ist: „Haltet euch bereit! Denn der Menschensohn kommt zu einer Stunde, in der ihr es nicht erwartet.“ Es ist wie mit einem Hausherrn, der sich auf die Lauer legt, weil er die Stunde des Einbrechers nicht kennt. Er wird sich ja nicht gemütlich schlafen legen und zulassen, dass sein Haus ausgeraubt wird. Das ist fahrlässig und schadet ihm. Das versteht jeder Mensch mit gesundem Menschenverstand. Und so sollen auch die Christen wachsam sein, sich nicht von der Weltlichkeit berauschen lassen, sondern immer im nüchternen Zustand sein, denn es ist für das ewige Leben fahrlässig, zu „schlafen“. Der Dieb, der ihnen nämlich das ewige Leben rauben will, ist heimtückisch und nutzt jede Gelegenheit ihres „Schlafes“ aus, sie auszurauben. Aber das Bild nutzt Jesus nicht für diese moralische Lesart (also auch wachsam sein, um nicht den Stand der Gnade zu verlieren, indem man den Versuchungen erliegt). Vielmehr möchte Jesus darauf hinaus, dass er selbst wiederkommt, um das Weltgericht einzuleiten. Die Christen sollen nicht fahrlässig sein und ihr Leben schleifen lassen. Denn wenn Jesus dann unerwartet wiederkommt und sie nicht im Stand der Gnade sind, wie soll er über sie ein gutes Gerichtsurteil verhängen? So sollen sie jeden Tag so leben, als wäre es ihr letzter. Das gilt für uns alle. Wir sollen nicht in Endzeitangst leben und jeden Tag panisch werden, weil es jeden Moment das Ende der Welt kommen könnte, sondern bewusst leben, uns immer um ein reines Herz bemühen und die Gebote Gottes halten und stets umkehren. Dann müssen wir auch keine Angst vor einer plötzlichen Parusie und einem schlechten Gerichtsurteil des Menschensohns haben.
Petrus hakt nach, ob Jesu Worte eine Offenbarung ausschließlich an sie darstellt oder ob es allen Menschen gilt. Jesus erklärt daraufhin ein weiteres Gleichnis, das die Antwort auf seine Frage beinhaltet:
Die Christen sind ein Knecht, den der Hausherr Christus während seiner Abwesenheit damit beauftragt, sich um sein Haus zu kümmern, das die Kirche ist. Wenn er dann länger auf sich warten lässt (und diese Erfahrung haben die frühen Christen ja irgendwann gemacht, denn sie dachten, das dauert nur paar Jahre), sollen sie dennoch treu ihre Aufgabe erfüllen und sich nicht darüber aufregen. Wenn sie ihre Aufgabe nämlich irgendwann schleifen lassen und Jesus dann unerwartet kommt, wird es für sie böse enden. Wenn ein Knecht nämlich anfängt, die Mitknechte zu schlagen und sich zu betrinken (Weltrausch!), dann wird es böse enden. Er wird „in Stücke gehauen“ und wo er landet, werden die Ungläubigen sein. Dabei muss es sich um die Hölle handeln. Ungläubig sind jene, die Gott aktiv abgelehnt haben, nicht jene, die nie die Chance erhalten haben, ihn kennenzulernen. Dessen müssen wir uns bewusst sein. Die Apostel sollen also treue und wachsame Knechte sein, egal, wie lange es dauern sollte, bis Christus wiederkommt. Auch wir sollen also treue Knechte sein, damit der Herr uns viel Verantwortung zutraut und wir am Ende die ewige Seligkeit erlangen. Die Antwort Jesu lautet also: „Ihr bekommt die besondere Verantwortung dafür, dass die Kirche treu ausharrt bis zu meiner Wiederkunft. Es ist kein Geheimnis, aber von euch hängt es eben besonders ab.“
Es ist sehr wichtig, was Jesus am Ende erklärt und was ich mit meiner Bemerkung über die Ungläubigen bereits angedeutet habe: Wer etwas Böses tut, ohne zu wissen, dass es böse ist, wird beim Gericht wenig Schläge bekommen. Auch wenn man aufgrund der Gottebenbildlichkeit ein Gespür dafür hat, dass etwas möglicherweise böse ist, kann man nicht vollständig dafür belangt werden. Wer aber genauestens Bescheid weiß und dennoch böse handelt, wird die volle Strafe erhalten. Wem viel erklärt worden ist, von dem wird beim Endgericht viel Rechenschaft verlangt. Die Apostel werden besonders viel Verantwortung tragen – nicht nur für sich selbst, sondern für den Ausgang der gesamten Kirche. Wenn sie kein stabiles Fundament, kein Felsen, sondern Sand gewesen wären, wäre die Kirche gemeinsam mit ihnen den Bach heruntergefahren. Doch sie haben sich als standhafte Glaubenszeugen erwiesen, die um ihres Glaubens willen in den Tod gegangen sind, außer Johannes, der eines natürlichen Todes starb. Dieses apostolische Fundament bekennen wir bis heute im Glaubensbekenntnis. Deren Verantwortung tragen gleichermaßen ihre Nachfolger bis heute. Werden diese ihrer Verantwortung gerecht? Beten wir für unsere Bischöfe, für alle Geistlichen. Wenn Christus wiederkommt, wird er von ihnen am meisten Rechenschaft verlangen.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 29. Woche im Jahreskreis

Eph 2,12-22; Ps 85,9-10.11-12.13-14; Lk 12,35-38

Eph 2
12 Zu jener Zeit wart ihr von Christus getrennt, der Gemeinde Israels fremd und von dem Bund der Verheißung ausgeschlossen; ihr hattet keine Hoffnung und lebtet ohne Gott in der Welt.

13 Jetzt aber seid ihr, die ihr einst in der Ferne wart, in Christus Jesus, nämlich durch sein Blut, in die Nähe gekommen.
14 Denn er ist unser Friede. Er vereinigte die beiden Teile und riss die trennende Wand der Feindschaft in seinem Fleisch nieder.
15 Er hob das Gesetz mit seinen Geboten und Forderungen auf, um die zwei in sich zu einem neuen Menschen zu machen. Er stiftete Frieden
16 und versöhnte die beiden durch das Kreuz mit Gott in einem einzigen Leib. Er hat in seiner Person die Feindschaft getötet.
17 Er kam und verkündete den Frieden: euch, den Fernen, und Frieden den Nahen.
18 Denn durch ihn haben wir beide in dem einen Geist Zugang zum Vater.
19 Ihr seid also jetzt nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.
20 Ihr seid auf das Fundament der Apostel und Propheten gebaut; der Eckstein ist Christus Jesus selbst.
21 In ihm wird der ganze Bau zusammengehalten und wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn.
22 Durch ihn werdet auch ihr zu einer Wohnung Gottes im Geist miterbaut.

Als Lesung hören wir heute wieder einen Abschnitt aus dem Epheserbrief. Es geht um die Versöhnung von Juden und Heiden in Christus. Dies geschieht in der Taufe, die hier den größeren Argumentationskontext darstellt.
Als die Epheser noch keine Christen waren, waren sie „von Christus getrennt, der Gemeinde Israels fremd und von dem Bund der Verheißung ausgeschlossen“, denn sie waren ja Heiden. Die Judenchristen standen wenigstens in einem Bundesverhältnis mit ein und demselben Gott, bevor sie den Neuen Bund eingegangen sind. Die Heiden waren ganz ohne Hoffnung, da sie keine vorausgehende Beziehung zu diesem Gott hatten.
Sie waren „in der Ferne“, was nicht geographisch zu verstehen ist, sondern im Sinne einer Beziehung. Wie heilsam muss es gerade für die Heiden gewesen sein, als sie durch die Taufe, „in Christus Jesus, nämlich durch sein Blut“ das erste Mal in Beziehung mit Gott treten konnten! Endlich haben sie einen Frieden geschenkt bekommen, den die Welt nicht geben kann. Durch diesen Neuen Bund ist auch die Trennwand zwischen Juden und Heiden eingerissen, denn Christus ist für alle Menschen gestorben. Durch die Erlösungstat Jesu Christi ist „das Gesetz mit seinen Geboten und Forderungen“ aufgehoben worden. Das müssen wir unbedingt richtig verstehen, denn Paulus selbst hat natürlich die Zehn Gebote weiterhin gehalten etc. Was er meint, ist erstens die Torah, wie sie die Pharisäer und Schriftgelehrten verstanden haben, nicht wie Christus sie erfüllt hat. Zweitens bezieht er sich auf die Funktion der Rechtfertigung, denn einige Verse zuvor (wir haben es gestern gehört) hat er von der Gnade Gottes als Wirkung für die Rechtfertigung gesprochen (Vers 8 „Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt“). In DIESEM Punkt hat Christus die Torah, die Paulus immer als „Gesetz“ bezeichnet aufgehoben – als Voraussetzung für die Rechtfertigung. Nach der Taufe muss man sie natürlich immer noch halten – aber in erfüllter Form, wie Christus es erklärt hat, und ohne die menschliche Verkomplizierung, die ursprünglich gar nicht gegeben war.
Christus hat bewirkt, dass beide – Juden und Heiden – „zu einem neuen Menschen“ gemacht wurden. Das bezieht sich auf die neue geistliche Schöpfung. Die gefallene Natur ist versöhnt und erneuert worden. In dieser neuen Familie Gottes herrscht der Friede Christi, der im sichtbaren Teil der Kirche auf Erden stets angegriffen wird vom Widersacher Gottes.
Juden und Heiden sind am Kreuz miteinander versöhnt und die Feindschaft getötet worden. Jesus kam als Auferstandener, um nicht nur den Juden den Frieden zu verkünden, sondern auch den Fernen, wie es Paulus hier sagt, also jene, die als Heiden zum Christentum gekommen sind.
Es ist der eine Hl. Geist, der beide Arten von Christen mit dem Vater vereint. Nun gibt es keinen Unterschied mehr dank der Taufe auf den Namen des Vaters, des Sohnes und des Hl. Geistes. Die Volkszugehörigkeit entscheidet nicht mehr über die Rechtfertigung vor Gott, sondern der Glaube an Gott. Das verteidigt Paulus mit seinem ganzen Leben und trägt schwere Konflikte mit radikalen Judenchristen aus, die behaupten, dass sie als Judenchristen einen Vorteil gegenüber der Heidenchristen besäßen. Ihre Beschneidung und ihr Torahgehorsam hat sie aber nicht erlöst. Wir hörten in den letzten Monaten immer wieder davon im Römer- und Galaterbrief.
Durch die Taufe sind die Angesprochenen „jetzt nicht mehr Fremde und ohne Bürgerrecht, sondern Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes.“ Das heißt, dass sie nun der Gemeinschaft der Heiligen angehören, die ihren sichtbaren Teil auf Erden besitzt, ein unsichtbarer Teil aber kann sich schon „Hausgenosse Gottes“ nennen. Sie sind schon bei Gott. Sie haben sein Reich geerbt und das Erbe nach dem Tod bezogen. Sie sind Erben, weil sie durch die Taufe zu Kindern Gottes geworden sind und zu seiner Familie gehören. Ihr „Bürgerrecht“ ist kein irdisches mehr, sondern ein viel kostbareres: Es geht schließlich um das Bürgerrecht im Himmel, das nie vergeht. Und dieses erhalten sie schon bei der Taufe auf Erden, auch wenn es erst nach dem Tod zum Einsatz kommt. Die Getauften sind auch keine „Fremden“ im Himmelreich im Sinne von Ausländern. Vielmehr handelt es sich um ihre Heimat, in die sie nach dem Tod zurückkehren. Sakramental und ekklesiologisch wird dieses Heimatgefühl durch das Leben in der Kirche bereits spürbar.
Die Getauften werden dabei nicht ins Vakuum hineingetauft. Sie treffen hier auf das apostolische Fundament. Es ist wie ein Gebäude, dessen Eckstein Christus selbst ist, während die Apostel und Propheten das Fundament darstellen. Das ganze Gebäude wird von Christus zusammengehalten und befindet sich im Wachstum. Das können wir so verstehen, dass immer mehr Menschen der Kirche zugesellt werden. Die „lebendigen Steine“ werden immer zahlreicher, die Stockwerke immer höher. So wächst der Tempel des Herrn und im Herrn. Es ist sein Bau, deshalb „des“ Herrn. Zugleich ist er es, der alles zusammenhält, mit einem anderen Bild ausgedrückt, dessen Leib die Kirche ist. In dieser Hinsicht ist es der Tempel „im“ Herrn.
Christus ist es, der uns „zu einer Wohnung Gottes im Geist miterbaut.“ Das heißt, dass der Mensch „Kirche“ nicht selbst macht. Christus ist der Baumeister und sein Geist ist es, der alles belebt. Wir können uns als Menschen nicht einbilden, dass wir das selbst errichtet haben. Dann ist der Bau zum Einsturz vorprogrammiert.

Ps 85
9 Ich will hören, was Gott redet: Frieden verkündet der HERR seinem Volk und seinen Frommen, sie sollen sich nicht zur Torheit wenden.

10 Fürwahr, sein Heil ist denen nahe, die ihn fürchten, seine Herrlichkeit wohne in unserm Land.
11 Es begegnen einander Huld und Treue; Gerechtigkeit und Friede küssen sich.
12 Treue sprosst aus der Erde hervor; Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder.
13 Ja, der HERR gibt Gutes und unser Land gibt seinen Ertrag.
14 Gerechtigkeit geht vor ihm her und bahnt den Weg seiner Schritte.

Als Antwort beten wir Psalm 85, der für die jüdische Liturgie bestimmt war. Es geht in diesen Versen um die Bitte um Gerechtigkeit.
„Ich will hören, was Gott redet“ ist ein Ausdruck der Bereitschaft des Beters. Gottes Willen anzuhören und nicht verstockt zu sein, ist eine wichtige Zusage an Gott. Es ist ein: „Rede HERR, dein Diener hört“ in Psalmensprache. Die Selbstaufforderung ist als Psalmenanfang ja häufig belegt. Gott verkündet seinem Volk den Frieden, das ist so eine große Verheißung, dass ihre Ablehnung eine einzige Torheit darstellt, einen absoluten Leichtsinn. Wer einen gesunden Menschenverstand besitzt, kann nur so reagieren. Wie kann man einen großen Schatz links liegen lassen und stattdessen im Kuhfladen herumstochern? Dieser Friede, der Schalom, ist Gottes Gabe, die hier noch als Gabe an das auserwählte Volk Israel verstanden wird. Bei Paulus weitet sich aber der Blick auf alle Menschen, die den Frieden Gottes in ihren Herzen willkommen heißen.
Im Folgenden hören wir von Heilsverheißungen: Huld und Treue begegnen einander. Das Begriffspaar wird üblicherweise auf Gott bezogen. Sie sind seine Eigenschaften. Ebenso kommen „Gerechtigkeit und Friede“ von Gott. Wenn hier bildlich-poetisch gesagt wird, dass sie sich küssen, meint das ihre Verbindung. Ich habe schon öfter erklärt, dass dem umfassenden Heil eine Gerichtsvollstreckung vorausgeht. Beides gehört zusammen. Gericht und Heil sind zwei Seiten einer Medaille. Der Friede des Gottesreiches kommt, nachdem alles Böse vernichtet und gerichtet worden ist. Es hat im Reich Gottes keinen Platz. Gottes Gerechtigkeit ist nicht als etwas Böses und Angsterfüllendes anzusehen, sondern als Erlösung von den Ungerechtigkeiten dieser Welt. Bedrohlich ist es nur für jene, die bis zum Schluss Gott abgelehnt haben. Diese erhalten dann ihre finale Abrechnung.
„Treue sprosst aus der Erde hervor“ ist eine wunderbare poetische Formulierung, die verdeutlicht: Egal, wie sehr nun alles in Trümmern liegt und zerstört ist – Gott ist dennoch treu und hält fest an dem Bund, den er mit seiner Braut geschlossen hat. Die Treue sprosst aus der Erde hervor, denn die Wurzeln sind trotz der Verwüstung intakt geblieben. Auch wenn die Bäume abgehauen worden sind (was ein Gerichtsbild ist, das auch Johannes der Täufer aufgreifen wird), wächst aufgrund der gebliebenen Wurzel ein neuer Baum hervor.
„Gerechtigkeit blickt vom Himmel hernieder“ ist wie bereits oben beschrieben keine bedrohliche Aussage, sondern ein tröstlicher Satz. Gott ist der Zustand auf Erden nicht egal. Er kümmert sich um seine Schöpfung und greift ein, wo Ungerechtigkeit herrscht. Er blickt vom Himmel herab, der sein „Wohnort“ ist, das heißt trotz seiner Existenz in der Ewigkeit sieht er alles, was im Diesseits geschieht. Das ist eine Aussage gegen deistische Konzepte.
Was von Gott kommt, ist immer gut. Auch das Gericht ist etwas Gutes, weil ohne es das umfassende Heil nicht kommen kann. Er gibt Gutes auch schon im Diesseits, indem er zum Beispiel für eine gute Ernte sorgt. Das ist Ausdruck seines Segens für die Menschen.
„Gerechtigkeit geht vor ihm her und bahnt den Weg seiner Schritte.“ Wie mehrfach gesagt kann Gott erst unter den Menschen wohnen im Himmlischen Jerusalem, wenn seine Gerechtigkeit alles Böse vernichtet, die gefallene Schöpfung komplett auf Null gebracht und eine neue Schöpfung hervorgebracht hat. Weil Gott der Gute ist, kann nichts Böses in seiner Gegenwart bestehen.
Für uns bedeutet diese Aussage ganz konkret: Der ganze Zustand in unserer Welt muss erst immer schlimmer werden, weil es wie die Geburtswehen ist, die dem Glück des geborenen Kindes vorausgehen. Diese werden auch immer stärker, bis das Kind endlich kommt. Es ist für uns in dieser Welt also sehr schmerzhaft und wird immer schlimmer, aber wir wissen, dass mit zunehmender Drastik das Kommen unseres Herrn immer näherrückt. Und sein Erbe, der Hl. Geist, trägt uns in diesen letzten Tagen hindurch. Darum wird es auch im Evangelium gehen:

Lk 12
35 Eure Hüften sollen gegürtet sein und eure Lampen brennen!

36 Seid wie Menschen, die auf ihren Herrn warten, der von einer Hochzeit zurückkehrt, damit sie ihm sogleich öffnen, wenn er kommt und anklopft!
37 Selig die Knechte, die der Herr wach findet, wenn er kommt! Amen, ich sage euch: Er wird sich gürten, sie am Tisch Platz nehmen lassen und sie der Reihe nach bedienen.
38 Und kommt er erst in der zweiten oder dritten Nachtwache und findet sie wach – selig sind sie.

Im Evangelium hören wir heute einen endzeitlichen Abschnitt. Jesus bringt ein Gleichnis an, das das Ende der Welt umschreibt und vor allem die Wachsamkeit aufgrund des unbekannten Datums verdeutlicht.
Zu Beginn bringt er zwei wichtige Bilder an: Seine Jünger sollen stets gegürtete Hüften und brennende Lampen haben. Gegürtet sein bedeutet einerseits, in den Krieg zu ziehen, zum Krieg gerüstet zu sein, andererseits bereit zur Reise zu sein, wie die Israeliten in der Nacht vor dem Exodus. Sie sollen also stets in dem Bewusstsein leben, dass sie geistlichen Anfechtungen ausgesetzt sind, durch die der Satan sie von Gott wegführen will. Zudem sollen sie stets bereit sein, als pilgerndes Gottesvolk unterwegs in die Ewigkeit zu sein. Das heißt auch, dass sie immer genug Reiseproviant dabei haben sollen, um unterwegs nicht zu verhungern und zu verdursten. Das sind die Heilsmittel der Kirche, die Eucharistie, das Himmelsbrot, und der Hl. Geist, das lebendige Wasser.
Sodann führt Jesus das Bild der Hochzeit an, das er sehr oft verwendet: Diese letzten Tage vor dem Ende der Welt sind wie das Warten von Menschen auf ihren Hausherrn, der von einer Hochzeit irgendwann zurückkehrt. Sie sollen wachsam sein und nicht einschlafen, um ihm aufmachen zu können. Es ist Christus selbst, der wiederkommen wird – aber dann der Bräutigam selbst ist! Mit ihm wird die Hochzeit erst losgehen. Und in der Johannesoffenbarung klopft er tatsächlich an und wartet auf Einlass. Das Ende der Welt ist nahe!
Und wenn die Knechte wach sind, wenn der Herr wiederkommt, dann können sie sich selig preisen. Wodurch können sie denn im schlafenden Zustand sein? Der Weltrausch ist es, der sie trunken macht, die „Begierden des Fleisches“, wie es Paulus gestern formuliert hat, bringen den Menschen von seiner Wachsamkeit und Nüchternheit ab. Wenn wir der Welt folgen, dann verlieren wir diese Wachsamkeit, diesen Blick auf die Welt mit Gottes Augen. Wir fragen dann nicht mehr danach, was Gottes Wille ist, wir erkennen die Angriffe des Bösen, die Versuchungen des Teufels nicht mehr, sondern erliegen ihnen. Wer bis zum Schluss wachsam ist, ist kritisch gegenüber der antichristlichen Entwicklungen unserer Zeit, schwimmt gegen den Strom der Sünde und Weltlichkeit, bleibt standhaft, auch wenn er alleine dasteht. Es ist schmerzhaft und wird immer schlimmer, je weiter die Welt sich von Gott entfernt, aber wer bis zur Wiederkunft Christi durchhält, wird mit der Ewigkeit des Himmels belohnt! Deshalb preist Jesus diese Knechte selig.
Es wird ein Festmahl sein, bei dem Jesus selbst sich gürten und die Gäste nacheinander bedienen wird und das auf ewig! Das vorübergehende Leid der letzten Tage wird vergessen sein.
Und wenn es auch so sein sollte, dass der Hausherr erst nach längerer Zeit wiederkommen sollte, was die zweite oder dritte Nachtwache meint: Die Knechte sollen solange wach bleiben.
Für uns bedeutet das also konkret, dass wir Gottes Willen zu jeder Zeit und in jeder Situation vor Augen haben sollen, ihn treu erfüllen sollen und uns stets mit ganzer Kraft bemühen sollen. Der Geist Gottes, der in uns wohnt, stattet uns dabei immer mit seiner Gnade aus, damit wir wach bleiben.

Ihre Magstrauss

Montag der 29. Woche im Jahreskreis

Eph 2,1-10; Ps 100,2-3.4-5; Lk 12,13-21

Eph 2
1 Ihr wart tot infolge eurer Verfehlungen und Sünden.

2 Ihr wart einst darin gefangen, wie es der Art dieser Welt entspricht, unter der Herrschaft jenes Geistes, der im Bereich der Lüfte regiert und jetzt noch in den Ungehorsamen wirksam ist.
3 Unter ihnen haben auch wir alle einmal unser Leben geführt, als wir noch von den Begierden unseres Fleisches beherrscht wurden. Wir folgten dem, was das Fleisch und der böse Sinn uns eingaben, und waren von Natur aus Kinder des Zorns wie auch die anderen.
4-5 Gott aber, der reich ist an Erbarmen, hat uns, die wir infolge unserer Sünden tot waren, in seiner großen Liebe, mit der er uns geliebt hat, zusammen mit Christus lebendig gemacht. Aus Gnade seid ihr gerettet.
6 Er hat uns mit Christus Jesus auferweckt und uns zusammen mit ihm einen Platz in den himmlischen Bereichen gegeben,
7 um in den kommenden Zeiten den überfließenden Reichtum seiner Gnade zu zeigen, in Güte an uns durch Christus Jesus.
8 Denn aus Gnade seid ihr durch den Glauben gerettet, nicht aus eigener Kraft – Gott hat es geschenkt – ,
9 nicht aus Werken, damit keiner sich rühmen kann.
10 Denn seine Geschöpfe sind wir, in Christus Jesus zu guten Werken erschaffen, die Gott für uns im Voraus bestimmt hat, damit wir mit ihnen unser Leben gestalten.

In der heutigen Lesung aus dem Epheserbrief geht es um Leben und Tod, um das existenzielle Thema schlechthin. Diese Begriffe verwendet Paulus in diesem Zusammenhang aber nicht biologisch oder auf dieses Dasein bezogen, sondern mit Blick auf die Ewigkeit und den hier bereits vorliegenden moralischen Zustand des Menschen, der über diese Ewigkeit entscheidet.
So waren die Epheser vor ihrer Bekehrung und Taufe tot aufgrund ihres sündhaften Zustands. Das erinnert uns an Jesu Gleichnis vom verlorenen Sohn. Auch da hieß es, dass der Sohn tot war und mit seiner Rückkehr (vor allem der inneren) wieder lebendig geworden ist. Von dieser Logik her kommt bis heute der Begriff der Todsünde. Sie führt den Menschen in den seelischen Tod, was eine endgültige Auswirkung darstellt und deshalb so drastisch ist. Das irdische Dasein ist vorübergehend, aber die Ewigkeit ist ewig.
Die Sünde tötet nicht nur, sie versklavt auch. Deshalb sagt Paulus auch, dass die Epheser gefangen waren, Sklaven der Herrschaft des „Geistes, der im Bereich der Lüfte regiert und jetzt noch in den Ungehorsamen wirksam ist.“ Wer ist denn damit gemeint? In den Lüften regiert doch Gott oder nicht? Das griechische Wort an dieser Stelle ist ἀήρ aer, das einerseits für die Luft als Element an sich zu verstehen ist oder für Nebel, Dunkelheit, bei antiken Autoren oft für die untere dicke Luft verwendet wird im Gegensatz zur oberen reinen Luft des Äthers. So oder so ist also nicht Gott gemeint, denn Paulus versteht ihn nie weltimmanent. Hier ist der Widersacher Gottes gemeint, der auf Erden eine gewisse Macht behält oder sogar als Herr der Unterwelt bezeichnet wird. Eine letzte Interpretationsmöglichkeit wäre, die „Lüfte“ auf die unsichtbare Welt zu beziehen. So ist er eine geistige Macht, die der Welt der „Lüfte“ zuzuordnen ist, aber nicht weniger versklavt als sichtbare Mächte.
Paulus bezieht diese Sklaverei der Sünde auf alle, die nicht getauft sind, weshalb er sich selbst miteinschließt. Wenn er von den „Begierden unseres Fleisches“ spricht und „wir folgten dem, was das Fleisch und der böse Sinn uns eingaben“, dann meint das nicht nur ein sündiges Verhalten gegen die Keuschheit. Fleischlich zu sein bedeutet bei Paulus nicht einfach nur Unzucht zu treiben, sondern der gefallenen Natur als Ganzer zu folgen. Den Begierden des Fleisches zu folgen, meint dann alles Weltliche, unter anderem das Streben nach Besitz, Anerkennung, Schönheit, alles Eitle, Macht etc. Und das Fleisch gibt dem Menschen Böses ein, das zu Lastern führt, nicht zu Tugenden. Neid/Eifersucht, Wolllust, Zorn, Habgier, Völlerei, Trägheit, Hochmut: Die sieben Hauptsünden entspringen dem Fleisch. Man mag denken: Paulus hat aber ein ganz schön pessimistisches Menschenbild. Die Sache ist die: Der Mensch ist wahrlich eine gefallene Natur. So ist er nicht geschaffen worden. Alles, was Gott geschaffen hat, ist gut, aber der Mensch hat durch seinen Ungehorsam alles verdorben. Deshalb kann man nicht anders, als so ein „pessimistisches“ Menschenbild an den Tag zu legen. Dabei bleibt Paulus aber nicht stehen und auch wir müssen nicht schwarz sehen. Denn Gott hat in seiner überreichen Barmherzigkeit der Menschheit die Befreiung aus diesem Sklavenhaus geschenkt, indem er Mensch geworden ist und am Kreuz die Sünde der ganzen Welt auf sich nahm. Seine Gnade hat uns erlöst und das bewirkt, was unsere gefallene Natur nicht mehr zustande bringt – unsere Rechtfertigung. Deshalb ist es eine absolut tiefe Wahrheit, wenn er sagt: „Aus Gnade seid ihr gerettet.“ Wir haben uns nicht selbst erlöst und werden das nie können. Das hat die Gnade erwirkt. Der Einwand gegen das reformatorische sola gratia (allein die Gnade) besteht in der Konsequenz der Gnade: Sie befähigt uns, nun mit Gottes Unterstützung gut zu sein und seine Gebote zu halten. Zurücklehnen können wir uns nicht, denn wir können die Taufgnade auch wieder verlieren.
Der getaufte Mensch erfährt im Moment seiner Taufe eine Auferstehung von den Toten, weil er vom Zustand der Todsünde in den Stand der Gnade erhoben wird. Durch diesen Gnadenakt Gottes steht ihm in Aussicht, Christus nach dem Tod in den Himmel zu folgen. Christus hat zu seinen Aposteln in den Abschiedsreden gesagt, dass er vorausgeht, um ihnen eine Wohnung zu bereiten, und dass es beim Vater viele Wohnungen gibt. Wir dürfen darauf vertrauen, dass es für uns einen Platz geben wird, wenn wir im Stand der Gnade aus dieser Welt geschieden sind. Wenn wir die Taufe betrachten, dann staunen wir über die überreiche Gnade Gottes an uns. Doch das ist nur der Anfang! Denn wie Paulus hier andeutet, wird uns im Himmelreich die Fülle der Gnade zuteilwerden, deren „Unterpfand“ wir in diesem Leben erfahren.
Noch einmal betont Paulus mit Nachdruck, dass die Epheser nicht aus eigener Kraft gerettet worden sind, sondern durch die Gnade Gottes, die man gläubig angenommen hat in der Taufe. Er betont es, „damit keiner sich rühmen kann“. Anscheinend gab es solche, die sich damit gerühmt haben. Wir haben uns nicht selbst erlöst. Das müssen wir Menschen heute immer wieder bedenken, da die Versuchung der Selbsterlösung sehr groß ist durch die vielen esoterischen Angebote. Wir sind ganz auf Gottes Gnade angewiesen, wenn wir gerecht sein wollen. Dass wir aber gerecht sein sollen, ist unsere Berufung – die Berufung zur Heiligkeit. Weil wir sie von unserer Natur her nicht mehr erlangen können, müssen wir sie zusammen mit der Gnade Gottes anstreben. Paulus bietet hier zum Schluss also eine Definition für die Heiligkeit an: „Mit guten Werken, die Gott für uns im Voraus bestimmt hat, unser Leben gestalten.“ Dabei sind wir nicht allein, genauso wenig wie die Epheser, die Paulus hier anspricht. Gottes Gnade entlastet uns, weshalb wir aber dennoch hundert Prozent geben müssen. Aber die Überforderung fällt weg. Gott heiligt und vervollkommnet unsere Begrenztheit.

Ps 100
2 Dient dem HERRN mit Freude! Kommt vor sein Angesicht mit Jubel!

3 Erkennt: Der HERR allein ist Gott. Er hat uns gemacht, wir sind sein Eigentum, sein Volk und die Herde seiner Weide.
4 Kommt mit Dank durch seine Tore, mit Lobgesang in seine Höfe! Dankt ihm, preist seinen Namen!
5 Denn der HERR ist gut, ewig währt seine Huld und von Geschlecht zu Geschlecht seine Treue.

 Als Antwort auf die Lesung beten wir Psalm 100, der betitelt wird als „Lobgesang der Völker beim Einzug ins Heiligtum“.
„Dient dem HERRN mit Freude! Kommt vor sein Angesicht mit Jubel!“ Diese Worte beziehen sich auf die Heiden, die zum Glauben an den Gott Israels kommen. Vor dem Hintergrund der Lesung gehen wir über die Heiden zur Zeit König Davids hinaus und betrachten die ephesischen Heidenchristen, die durch die Mission des Paulus Christen geworden sind. Sie sind es, die zu einem freudigen Dienst aufgefordert werden. Der Wortsinn dieses Psalms ist zunächst auf die Heiden in alttestamentlicher Zeit zu beziehen, die zum Tempel kommen sollen („vor sein Angesicht“). Dort gibt es einen eigens für sie bestimmten Tempelhof. Mit Blick auf die Heidenchristen zur Zeit des Paulus müssen wir uns fragen, was dann mit „Angesicht Gottes“ gemeint sein könnte. Jesus hat der samaritanischen Frau am Jakobsbrunnen schon angekündigt, dass in Zukunft weder der Tempel in Jerusalem noch die Kulthöhe auf dem Garizim die Anbetungsorte Gottes darstellen werden. Er hat angekündigt, dass er selbst den Ort der Anbetung darstellen wird und die rechte Weise der Anbetung im Geist und in der Wahrheit sein werde. Es wird keine örtliche Gebundenheit mehr geben, weil Jesus in jeder Heiligen Messe eucharistisch anwesend sein wird! Die Heidenchristen der Lesung treten also nun durch die Liturgie zum Angesicht Gottes, egal wo sie sich befinden – Lystra, Derbe, Ikonion, Jerusalem, Antiochia – oder eben Ephesus!
„Erkennt: Der HERR allein ist Gott. Er hat uns gemacht, wir sind sein Eigentum, sein Volk und die Herde seiner Weide.“ Dass es nur diesen einen Gott gibt, wird den Heiden gegenüber natürlich deshalb betont, weil sie den Monotheismus erst einmal lernen müssen. Sie kommen aus einem polytheistischen Kontext (Vielgötterei). Gerade die Epheser haben mit sehr vielen Gottheiten zu tun und ganz prominent ist die „Große Mutter“, die im ganzen Römischen Reich bekannt ist. Dagegen hat der eine wahre Gott die Welt geschaffen, auch die Menschen. Deshalb gehören alle Menschen ihm. Auch die Heiden gehören zum auserwählten Volk. Das Hebräische gibt dies wieder mit dem Wort עַ֝מֹּ֗ו ammo. Es geht wirklich um das auserwählte Volk. Dies ist bemerkenswert im Kontext des Alten Testaments! Nicht nur das Volk Israel gehört zum Volk Gottes, sondern nun auch die Heiden! Hier wird etwas deutlich, was mit dem Neuen Bund wahr wird: Gottes Volk setzt sich nicht mehr durch biologische Abstammung zusammen, sondern durch Menschen aller Nationen, Völker, Stämme und Sprachen, die durch die Taufe zur neuen Schöpfung werden, eine geistliche Familie. Als solche ist das neue Volk Gottes Herde des guten Hirten. Dieses Bild greift Jesus dann auf, wenn er sich selbst als diesen guten Hirten offenbart und seine Jünger als seine Herde.
„Kommt mit Dank durch seine Tore“ ist wörtlich zunächst auf die Stadttore Jerusalems und des Tempelareals gemeint, durch die die Heiden in die Höfe des Tempels gelangen. Im weiteren Sinn meint es auch die Heidenchristen des Neuen Bundes. Diese treten durch das Tor der Taufe hindurch in den Hof des Heiligtums Gottes, der in ihren Herzen Wohnung nimmt. Sie treten durch das Tor, wenn sie sich zur Eucharistie versammeln. So ist es mit allen Menschen, die bis heute die Liturgie feiern. Die ganze Menschheit tritt schließlich durch das Tor des Todes ein in die Ewigkeit.
„Dankt ihm, preist seinen Namen!“ Dazu haben vor allem die Getauften Anlass. Sie sind gerettet worden auf das ewige Leben hin. Dies veranlasst sie zu Lob und Dank.
Gott ist gut. Er hat das Heil jedes Menschen im Sinn. Er ist wirklich treu und verlässt seine Schäfchen nie. Deshalb können wir Menschen nicht anders, als zu jubeln über seine guten Taten an uns. Wir erkennen sie nicht immer und manchmal verdunkeln die Krisen unseres Lebens den dankbaren Blick auf das, was wir haben und was uns gelingt. Doch Gott ist immer der gleiche gute Gott, dem Ehre gebührt – gestern, heute und in Ewigkeit.

Lk 12
13 Einer aus der Volksmenge bat Jesus: Meister, sag meinem Bruder, er soll das Erbe mit mir teilen!

14 Er erwiderte ihm: Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt?
15 Dann sagte er zu den Leuten: Gebt Acht, hütet euch vor jeder Art von Habgier! Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt.
16 Und er erzählte ihnen folgendes Gleichnis: Auf den Feldern eines reichen Mannes stand eine gute Ernte.
17 Da überlegte er bei sich selbst: Was soll ich tun? Ich habe keinen Platz, wo ich meine Ernte unterbringen könnte.
18 Schließlich sagte er: So will ich es machen: Ich werde meine Scheunen abreißen und größere bauen; dort werde ich mein ganzes Getreide und meine Vorräte unterbringen.
19 Dann werde ich zu meiner Seele sagen: Seele, nun hast du einen großen Vorrat, der für viele Jahre reicht. Ruh dich aus, iss und trink und freue dich!
20 Da sprach Gott zu ihm: Du Narr! Noch in dieser Nacht wird man dein Leben von dir zurückfordern. Wem wird dann das gehören, was du angehäuft hast?
21 So geht es einem, der nur für sich selbst Schätze sammelt, aber bei Gott nicht reich ist.

Im Evangelium geht es heute um die Habgier, einer der fleischlichen Begierden, wie es Paulus in der Lesung erklärt hat. Ein Mensch bittet Jesus aus der Volksmenge heraus, dass dieser seinen Bruder ermahnen soll, damit dieser sein Erbe teilt. Dies nimmt Jesus zum Anlass das Volk vor Habgier zu warnen. Wer ist denn der Habgierige? Wohl ist jener Bruder gemeint, der das gesamte Erbe für sich will. Vielleicht sind aber auch beide gemeint, die überhaupt in Streit geraten.
Aber zunächst distanziert sich Jesus von der Bitte des Menschen, indem er sagt: „Mensch, wer hat mich zum Richter oder Erbteiler bei euch eingesetzt?“ Er macht deutlich, dass es nicht seine Aufgabe ist, die Menschen bei ihren fleischlichen Angelegenheiten zu unterstützen. Er ist gekommen, um das Reich Gottes zu verkünden, die Umkehr zu predigen und Erlösung zu schenken. Er ist gekommen, um den Menschen den Vater zu zeigen und durch viele prophetische Zeichenhandlungen Israels Brautschaft und seine Identität als Bräutigam zu verdeutlichen. Das alles geschieht mit Blick auf die Ewigkeit. Er lässt sich nie festnageln auf die Eitelkeiten dieser Welt. Deshalb distanziert er sich auch von Erbstreitigkeiten und warnt vor Habgier. „Denn das Leben eines Menschen besteht nicht darin, dass einer im Überfluss seines Besitzes lebt.“ Jesus verkündet stets das nahestehende Weltende und die Haltung, mit einem Bein bereits in der Ewigkeit zu stehen. Alles, was einen an das vergängliche Dasein festnagelt, soll man ausmerzen. Überfluss und der Drang, immer mehr haben zu wollen, behindert den Menschen auf dem Weg in die Ewigkeit. Dies verdeutlicht Jesus nun anhand eines Gleichnisses:
Ein reicher Mann fährt eine gute Ernte ein, so gut, dass seine Scheunen sie gar nicht fassen können. Wenn er so eine gute Ernte hat, könnte er sie ja mit den Bedürftigen teilen, da sie ja sowieso nicht in seine Scheunen passt. Doch er hängt so sehr daran, dass er lieber seine Scheunen abreißt und größere baut. So kann er alles behalten und muss nichts abgeben. Was er total verkennt: Dass er so eine gute Ernte einfährt, ist ein Geschenk Gottes. Er hat zwar alles Landwirtschaftliche getan, was er tun kann, aber das Wachsen und Gedeihen liegt nicht in seiner Hand. Dass die Ernte so gut ist, hat Gott zugelassen – doch nicht, damit der Mann alles habgierig an sich reißen kann. Der Mann hat nicht über sich hinausgeschaut. Sonst hätte er womöglich die Not der Menschen gesehen, die Gott durch diesen Mann lindern wollte. Hätte er die Not erkannt, hätte er mindestens den Überfluss abgegeben. Es ist ihm doch auch nur geschenkt worden! Jesus sagt zu seinen Aposteln an anderer Stelle: „Umsonst ist euch gegeben, umsonst sollt ihr geben.“ Das hätte seine Chance dargestellt, als Werkzeug Gottes zu fungieren. Doch er hat lieber habgierig gehandelt. Und jetzt kommt es: Der Mann wird die Nacht gar nicht überleben. Er wird sterben und vor Gott treten. Dann wird dieser Rechenschaft von ihm fordern. Und die reiche Ernte wird er in die Ewigkeit gar nicht mitnehmen können. Was hat es also gebracht, es so krampfhaft an sich zu drücken? Nicht umsonst gibt es das Sprichwort „das Totenhemd hat keine Taschen.“ Wir können rein garnichts von den weltlichen Besitztümern mitnehmen. Warum hängen wir also so sehr an sie? Wir wissen nicht, wann Gott unser Leben zurückfordert. Sollten wir die Zeit also nicht lieber nutzen, Besitztümer für die Ewigkeit anzuschaffen? Es ist genau diese Haltung, die Paulus den Ephesern erklärt: Wir sollen nicht den fleischlichen Begierden folgen, sondern uns vom Geist leiten lassen. Das entscheidet schließlich über unser Leben in der Ewigkeit. Was uns davon abhält, zum Vater zu kommen, sollen wir ganz aus unserem Leben ausmerzen.
Sich vom Geist leiten lassen, heißt konkret, sich Schätze bei Gott anzusammeln. Diese Schätze nennen wir Gnade. Es sind die Gnaden, die wir durch unsere Gebete, Liebesopfer und Liebestaten anhäufen. Was unser Ziel schon hier auf Erden sein soll, ist das Ansammeln eines übernatürlichen Reichtums. Die einzige Art von „Habgier“, die uns stets antreiben sollte, ist das Ansammeln dieser übernatürlichen Schätze. Davon kann es nie genug geben! Und je mehr das in unser Blickfeld gerät, desto weniger wird der Drang nach den Schätzen, die wir nicht mitnehmen können in das ewige Leben. Diese Dinge werden dann immer mehr zu vorübergehenden und geliehenen Gütern, die wir brauchen, um zu überleben, aber ohne eine innere Bindung an sie. Die einzige „Abhängigkeit“, die bleiben soll, ist die völlige Bindung an Gott. Das macht die Heiligkeit des Menschen aus.

Ihre Magstrauss

29. Sonntag im Jahreskreis

Jes 45,1.4-6; Ps 96,1 u. 3.4-5.7-8.9 u. 10abd; 1 Thess 1,1-5b; Mt 22,15-21

Jes 45
1 So spricht der HERR zu seinem Gesalbten, zu Kyrus: Ich habe ihn an seiner rechten Hand gefasst, um ihm Nationen zu unterwerfen; Könige entwaffne ich, um ihm Türen zu öffnen und kein Tor verschlossen zu halten:
4 Um meines Knechtes Jakob willen, um Israels, meines Erwählten, willen habe ich dich bei deinem Namen gerufen; ich habe dir einen Ehrennamen gegeben, ohne dass du mich kanntest.
5 Ich bin der HERR und sonst niemand; außer mir gibt es keinen Gott. Ich habe dir den Gürtel angelegt, ohne dass du mich kanntest,
6 damit man vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang erkennt, dass es außer mir keinen Gott gibt. Ich bin der HERR und sonst niemand.

In der ersten Lesung hören wir heute Gottesworte, die an den Perserkönig Kyrus gerichtet sind. Er wird hier bezeichnet als Gesalbter. Wir müssen bedenken, dass die Verheißungen des Propheten Jesaja, in denen ein Messias angekündigt wird (wörtlich eben ein „Gesalbter“), politisch verstanden worden sind. So ist Kyrus als so ein Gesalbter verstanden worden. Jesajas Worte gehen über diesen Literalsinn weit hinaus, aber in dieser Situation ist Kyrus wirklich ein Werkzeug Gottes, den Israeliten das Heil zu ermöglichen, eine Befreiung aus dem Exil und den Neubau eines Tempels.
Deshalb übermittelt Jesaja Kyrus auch die Botschaft Gottes, dass Gott den Perserkönig „an seiner rechten Hand gefasst“ hat, „um ihm Nationen zu unterwerfen“. Gott lässt also zu, dass die Perser militärische Siege erlangen und stärker als andere Königreiche werden. Warum? Weil Kyrus die Israeliten beschützen soll. Gott geht es also nach wie vor um sein auserwähltes Volk, wenn er „um meines Knechtes Jakob willen, um Israels, meine Erwählten, willen“ Kyrus zu seinem Werkzeug zu machen. Das ist schon sehr erstaunlich, denn dieser König ist ja kein Israelit. Er steht mit Gott nicht in einem Bundesverhältnis und doch wird er auserwählt. Er hat in der Heilsgeschichte Gottes sogar eine entscheidende Rolle. Das zeigt schon dem Alten Israel, dass Gott nicht bei der Grenze der Beschnittenheit stehenbleibt, sondern Pläne mit allen Menschen hat. Es ist eine Lektion, die nach und nach immer mehr auf den göttlichen Messias hinweist, der einen Neuen Bund zwischen Gott und allen Menschen besiegeln wird. Gott erwählt Menschen sogar dann, wenn sie ihn noch gar nicht kennen. Sie lernen ihn dann im Laufe ihres Auftrags so richtig kennen. So ist es auch mit Kyrus, dem der Gott Israels unbekannt ist. Dieser aber hat ihm sogar einen Ehrennamen gegeben.
Wenn es heißt, dass Gott Kyrus den Gürtel angelegt hat, meint es das Anlegen der Kriegsrüstung. Die Wendung „sich gürten“ heißt entweder „sich zur Reise fertigmachen“ oder „in den Kampf ziehen“. Gott rüstet also den Perserkönig zum Kampf gegen die Gegner Israels aus. Er wird zum irdischen Schutzpatron. Gott erwählt den Perserkönig Kyrus aber nicht nur zum Schutz seines Volkes, sondern auch zur Offenbarung vor der ganzen Welt: „damit man vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang erkennt, dass es außer mir keinen Gott gibt.“ Die ganze Welt soll erkennen, dass er der einzige Gott ist. Die Existenz anderer Gottheiten ist ausgeschlossen. Das ist eine Erkenntnis, die die Israeliten während und nach dem Exil allmählich realisieren. Gott ist nicht nur der einzige anzubetende Gott, sondern der einzig existierende!

Ps 96
1 Singt dem HERRN ein neues Lied, singt dem HERRN, alle Lande,
3 Erzählt bei den Nationen von seiner Herrlichkeit, bei allen Völkern von seinen Wundern!
4 Denn groß ist der HERR und hoch zu loben, mehr zu fürchten als alle Götter.
5 Denn alle Götter der Völker sind Nichtse, aber der HERR ist es, der den Himmel gemacht hat.
7 Bringt dar dem HERRN, ihr Stämme der Völker, bringt dar dem HERRN Ehre und Macht,
8 bringt dar dem HERRN die Ehre seines Namens! Bringt Gaben und tretet ein in die Höfe seines Heiligtums!
9 Werft euch nieder vor dem HERRN in heiligem Schmuck! Erbebt vor ihm, alle Lande!
10 Verkündet bei den Nationen: Der HERR ist König! Er richtet die Völker so, wie es recht ist.

Der heutige Psalm beginnt mit den signalhaften Worten „neues Lied“. Dadurch wissen wir, dass es messianische Aussagen geben wird:
„alle Land“ sollen dieses Lied singen und Gottes Heilstaten sollen „bei den Nationen“ bekannt werden. Die nichtjüdischen Völker sollen nun auch diesen einen wahren Gott kennenlernen!
„Verkündet sein Heil“ wird dann für uns Christen auffällig christologisch, weil in den Worten „sein Heil“ hier wieder der Name Jesus enthalten ist. Während hier wörtlich das Heil Gottes als messianische Verheißung verkündet werden soll, sind wir Christen dadurch aufgerufen, Jesus Christus zu verkünden, der das Heil ist (Nomen est omen). Das ist einer der drei Hauptvollzüge der Kirche – die Verkündigung (martyria). Jeder einzelne Christ bezeugt dieses Heil durch sein Handeln. Wo wir einander lieben und die Gebote Gottes halten, kommt das Heil in die Welt, das Reich Gottes wird dann schon jetzt spürbar. Am Ende der Zeiten werden wir das Heil verkünden – aber als ewigen Lobpreis in Gottes Gegenwart, mit allen Engeln und Heiligen.
Der Psalm verrät auch mehr darüber, das in Jesaja noch zwischen den Zeilen steht: Gott ist der König, der Herrscher. Die messianische Erwartung geht über eine menschliche Figur wie Kyrus hinaus.
Gott ist „mehr zu fürchten als alle Götter“, denn diese gibt es nicht einmal. Zu König Davids Zeiten, als dieser Psalm geschrieben wird, ist die Erkenntnis noch nicht erlangt worden, dass es nur einen Gott gibt. Die Israeliten haben aber zumindest eine Monolatrie begriffen, eine Anbetung allein des Gottes Israels.
Es stimmt aber nicht ganz, dass monotheistische Tendenzen erst nach dem Exil aufkamen. Schon König David schreibt unter dem Einfluss des Hl. Geistes: „Denn alle Götter der Völker sind Nichtse, aber der HERR ist es, der den Himmel gemacht hat.“ Selbst wenn diese Erkenntnis erst im Exil so richtig klar wird durch die sogenannte „Jahwe-allein-Bewegung“, erkennen wir schon hier die Erkenntnis, dass andere Götter Götzen sind. Das ist mit „Nichtse“ gemeint, menschengemachte Idole, die aber an sich tot sind. Sie können gar nichts bewirken im Gegensatz zum wunderbaren Schöpfer.
Es erfolgt eine Lobpreisaufforderung an die Völker, also an die nichtjüdischen Völker. Das ist bemerkenswert, weil der Psalm uns in die Richtung des Neuen Bundes lenkt. Mit diesem wird der weltweite und universale Lobpreis Gottes Realität. Schon im Laufe des Alten Bundes gibt es ja die Wertschätzung des Gottes Israels durch nichtjüdische Völker. Und in der Lesung haben wir vom Perserkönig Kyrus gehört, durch den dieser universale Lobpreis vorangetrieben werden soll.
Auch die nichtjüdischen Völker sollen zum Tempel kommen mit Gaben und sich vor den Herrn niederwerfen. Das betrifft zur Zeit der Juden den Vorhof, der für die Heiden gedacht ist. Doch wir sehen schon so viel mehr! Wir erkennen hier mit christologischen Augen die Szene in der Geburtsgrotte von Betlehem, in der die Magoi aus dem Morgenland zum Jesuskind kommen – mit Gaben und im Niederwerfen vor den göttlichen Kind. Das ist nicht zu weit hergeholt, denn Christus selbst wird der samaritischen Frau am Jakobsbrunnen erklären, dass der rechte Ort der Anbetung kein Tempel mehr sein wird, sondern er selbst. Wo Christus ist, da ist Anbetung. Was am Ende der Zeiten sein wird – die eschatologische Völkerwallfahrt aus allen Himmelsrichtungen – erfüllt sich bereits sakramental in der Liturgie. Aus allen Völkern, Sprachen, Nationen und Stämmen, aus allen Himmelsrichtungen, kommen die Menschen zum Hl. Berg, dem Altar, auf dem Christi Kreuzesopfer vergegenwärtigt wird. In der Eucharistie beten alle Menschen Gott an. Sie alle kommen mit den Gaben ihres eigenen Herzens.
Im Psalm fällt auch auf, dass das Gericht Gottes sehr positiv gesehen wird. Gottes Gerichtshandeln ist absolut gerecht und dadurch eine Erlösung von der Ungerechtigkeit, unter der das Volk Israel leidet. Das ist uns im Buch Jesaja angedeutet worden.

1 Thess 1
1 Paulus, Silvanus und Timotheus an die Kirche der Thessalonicher, die in Gott, dem Vater, und in Jesus Christus, dem Herrn, ist: Gnade sei mit euch und Friede!
2 Wir danken Gott für euch alle, sooft wir in unseren Gebeten an euch denken;
3 unablässig erinnern wir uns vor Gott, unserem Vater, an das Werk eures Glaubens, an die Mühe eurer Liebe und an die Standhaftigkeit eurer Hoffnung auf Jesus Christus, unseren Herrn.
4 Wir wissen, von Gott geliebte Brüder und Schwestern, dass ihr erwählt seid.
5 Denn unser Evangelium kam zu euch nicht im Wort allein, sondern auch mit Kraft und mit dem Heiligen Geist und mit voller Gewissheit.

In der zweiten Lesung hören wir heute erstmals aus einem anderen Paulusbrief, nämlich dem ältesten: aus dem ersten Thessalonicherbrief. Wie immer besteht der Briefeingang zunächst aus einem Präskript, in dem Sender (es gibt neben Paulus die Mitabsender Silvanus und Timotheus) und Empfänger genannt werden. Es schließt mit einem kurzen Gruß.
In einigen Briefen umschreibt Paulus sich bzw. ergänzt er seine Person im Präskript um Erweiterungen, die seine Legitimation als Absender unterstreichen sollen. Immer wieder nennt er dabei seine apostolische Sendung von Christus höchstpersönlich. In diesem Brief ist es offensichtlich nicht notwendig, da die Adressaten ihn und seine Mitarbeiter kennen. So nennt er nur die Namen. Die Thessalonicher werden dafür umschrieben, was schon eine Botschaft darstellt: Sie sind in Gott, dem Vater, und in Jesus Christus, dem Herrn. Das spielt auf ihre innige Gemeinschaft mit Gott hin, auf ihre Mitgliedschaft der Familie Gottes durch Taufe und Firmung sowie die Eucharistie.
Der Gruß ist eine Formulierung, wie man sie bei Paulus oft antrifft. Gnade und Friede sind dabei gängige Ausdrücke. Er wünscht ihnen diese beiden Dinge, aber nicht von sich, sondern von Christus her. Denn dieser hat als Auferstandener zu seinen Aposteln gesagt: Meinen Frieden gebe ich euch. Nicht einen Frieden, den die Welt euch gibt, gebe ich euch. Das griechische Wort „eirene“ muss somit umfassend verstanden werden und als Übersetzung des hebräischen Schalom. Mit diesem ist nicht einfach ein politischer Frieden gemeint, sondern ein umfassendes Heil, das eine übernatürliche Gabe Gottes ist. Die Gnade ist, was dem Menschen eingegossen ist durch die Taufe.
Sodann beginnt das Proömium, das einleitende Gedanken beinhaltet und in üblicher Lobpreisform geschrieben ist. Wie so oft dankt Paulus Gott in diesem Abschnitt für die Adressaten und lobt diese: Sie bemühen sich in der Liebe und Standhaftigkeit. Sie sind wirklich eine hoffende Gemeinde, die vom Osterereignis erfüllt ist. Sodann sagt er zu ihnen: „Wir wissen, von Gott geliebte Brüder und Schwestern, dass ihr erwählt seid.“ Das erinnert uns an König Kyrus, den Gott erwählt, obwohl er ihn nicht kennt. Gott hat mit allen Menschen einen wunderbaren Plan. Und die Erwählung der Thessalonicher ist eine besondere, da die Früchte in der Gemeinde besonders groß sind. Als Paulus mit seinen Mitarbeitern zu den Thessalonichern kam, haben sie ihre Verkündigung nicht nur angenommen, sondern es hat sofort Wirkung gezeigt. Wenn die Rede von Kraft und Geist ist, denken wir sofort an Taufe und Firmung. Der Hl. Geist hat besonders stark in dieser Gemeinde gewirkt. Warum? Das hängt davon ab, wie weit die Menschen ihre Herzen öffnen. Und wer die Tore sperrangelweit aufreißt, zu dem kommt der Hl. Geist mit seiner ganzen Fülle.

Mt 22
15 Damals kamen die Pharisäer zusammen und beschlossen, Jesus mit einer Frage eine Falle zu stellen.

16 Sie veranlassten ihre Jünger, zusammen mit den Anhängern des Herodes zu ihm zu gehen und zu sagen: Meister, wir wissen, dass du die Wahrheit sagst und wahrhaftig den Weg Gottes lehrst und auf niemanden Rücksicht nimmst, denn du siehst nicht auf die Person.
17 Sag uns also: Was meinst du? Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?
18 Jesus aber erkannte ihre böse Absicht und sagte: Ihr Heuchler, warum versucht ihr mich?
19 Zeigt mir die Münze, mit der ihr eure Steuern bezahlt! Da hielten sie ihm einen Denar hin.
20 Er fragte sie: Wessen Bild und Aufschrift ist das?
21 Sie antworteten ihm: Des Kaisers. Darauf sagte er zu ihnen: So gebt dem Kaiser, was dem Kaiser gehört, und Gott, was Gott gehört!
22 Als sie das hörten, staunten sie, ließen ihn stehen und gingen weg.

Wie so oft lesen wir heute im Evangelium von einer Begebenheit, die eine Versuchung des Bösen darstellt, der sich wie so oft der Mitmenschen um Jesus herum bemächtigt. Pharisäer und Anhänger des Herodes machen sich zur Aufgabe, Jesus eine Falle zu stellen, indem sie ihn mit einer schwierigen Frage in ein Dilemma bringen wollen. Zuerst schmeicheln sie ihm, indem sie ihm die Wahrhaftigkeit seiner Lehre versichern. Das meinen sie natürlich nicht so. Jesus kann in ihre Herzen sehen und erkennt sofort die Heuchelei, durch die er zu einer verurteilungswürdigen Aussage verleitet werden soll. So stellen sie ihm die entscheidende Frage: „Ist es erlaubt, dem Kaiser Steuer zu zahlen, oder nicht?“ Die Art der Frage ist politisch, denn vom Messias erwarteten die Juden die politische Befreiung von der Fremdherrschaft der Römer. Jesus lässt sich von all dem nicht beeindrucken oder täuschen. Vielmehr konfrontiert er sie mit ihrer gestellten Frage, die ihn versuchen soll. Stattdessen fragt er nach einem Denar. Er stellt eine Gegenfrage, was für Rabbiner eine gängige Vorgehensweise ist. Sie bezieht sich auf etwas Offensichtliches, nämlich darauf, was auf der Münze zu sehen ist. Wie für römische Münzen üblich, sehen die Fragesteller darauf die Büste des Kaisers. Auch die Legende betrifft die kaiserlichen Titel. Aus dem Grund entgegnet Jesus ihnen, dass sie dem Kaiser geben sollen, was ihm gehört, und Gott, was Gott gehört. Das erstaunt die Menschen, denn er hat es geschafft, ihrer Falle zu entgehen: Hätte er bejaht (also der Steuerabgabe an den Kaiser zugestimmt), hätte man ihn als falschen Messias entlarven können. Denn dann hätten sie den Beweis, dass er nicht der angekündigte Befreier von der römischen Fremdherrschaft ist. Hätte er jedoch verneint, hätten sie einen Anlass, ihn vor das Gericht zu bringen für seine Rebellion gegen den Kaiser.
Doch Jesus hat so geantwortet, dass er weder die eine noch die andere Antwort gegeben hat. Seine Gegner haben die möglichen Antworten nicht richtig durchdacht und Jesus hat mit göttlicher Weisheit geantwortet. Bei ihm ist ein entscheidender Punkt seine entschieden unpolitische Einstellung. Er ist kein politischer Messias, der mit politischen Mitteln das Reich Gottes herbeiführen will. Vielmehr sagt er, dass sein Reich nicht von dieser Welt ist und auch die Waffen, mit denen seine Leute kämpfen, spirituell sind. Und deshalb geht es ihm gar nicht darum, gegen den weltlichen Herrscher zu hetzen. Diesem soll man entrichten, was ihm zusteht. Doch zugleich bringt Jesus Gott ins Spiel, dem in gleichem Maße das ihm Zustehende zu entrichten ist, wenn nicht noch mehr – das Gebet, der Kult, die Lebensweise nach seinen Geboten, vor allem aber die Liebe zu ihm. In unserem Alltag haben wir oft solche Situationen, in denen wir der Welt geben sollen, was ihr zusteht und zugleich sollen wir Gott an die höchste Stelle setzen. Wo kein Konflikt vorliegt, sollen wir keinen Konflikt provozieren. Das Weltliche dem Weltlichen und das Geistliche dem Geistlichen. Wenn es aber antichristliche Tendenzen gibt, die durch meine Zustimmung Gott verraten (und dazu zählen Steuern nicht), heißt es zugleich, dass man Gott mehr gehorchen soll als dem Menschen. Wir Christen bewegen uns in der Spannung zwischen diesen beiden Faktoren und müssen immer aufs Neue abwägen.
Somit stellt das Evangelium eine Erweiterung dar im Gegensatz zu den restlichen Lesungen des Tages. König Kyrus ist ja eine Art irdischer, weltlicher und menschlicher Messias, der politische Befreiung bringt. Jesus ist mehr als ein Mensch, mehr als ein politischer Befreier, ja er ist der König des ganzen Universums. Und das Entscheidende, das die Juden seiner Zeit erst einmal lernen müssen: Sein Reich und Königtum sind nicht von dieser Welt. Die Versuchung zu einer politischen Messianität ist jederzeit gegeben. Diese Versuchung ist in unserer heutigen Zeit z.B. durch die Befreiungstheologie sehr stark vorhanden, die von der Kirche klar verurteilt worden ist. Bekannte Befreiungstheologen wie Leonardo Boff gerieten in Konflikt mit der Kirche. Das ist nicht der Weg, den wir einschlagen sollen. Vielmehr sollen wir es Christus gleichtun. Das hat Papst em. Benedikt in seiner wunderbaren Freiburger Rede 2011 ganz klar verdeutlicht mit dem Aufruf zu einer Entweltlichung der Kirche.

Sonst sind wir nicht anders als die Menschen, die sich bei der Wahl zwischen Jesus und Bar-Abbas (wörtlich „Sohn des Vaters“!) für den Zeloten entschieden haben. Sein Anliegen war es, das Reich Gottes mit politischen Mitteln, vor allem gewaltsamen Methoden, zu erzwingen. Erliegen wir dieser Versuchung nicht, sondern schauen wir immer auf den, dessen Reich nicht von dieser Welt ist.

Ihre Magstrauss

Samstag der 28. Woche im Jahreskreis

Eph 1,15-23; Ps 8,2-3.4-5.6-7; Lk 12,8-12

Eph 1
15-16 Darum höre ich nicht auf, für euch zu danken, wenn ich in meinen Gebeten an euch denke; denn ich habe von eurem Glauben an Jesus, den Herrn, und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört.

17 Der Gott Jesu Christi, unseres Herrn, der Vater der Herrlichkeit, gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.
18 Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid, welchen Reichtum die Herrlichkeit seines Erbes den Heiligen schenkt
19 und wie überragend groß seine Macht sich an uns, den Gläubigen, erweist durch das Wirken seiner Kraft und Stärke.
20 Er ließ sie wirksam werden in Christus, den er von den Toten auferweckt und im Himmel auf den Platz zu seiner Rechten erhoben hat,
21 hoch über jegliche Hoheit und Gewalt, Macht und Herrschaft und über jeden Namen, der nicht nur in dieser Weltzeit, sondern auch in der künftigen genannt wird.
22 Alles hat er ihm zu Füßen gelegt und ihn, der als Haupt alles überragt, über die Kirche gesetzt.
23 Sie ist sein Leib, die Fülle dessen, der das All in allem erfüllt.

In der heutigen Passage aus dem Epheserbrief hören wir den zweiten Teil des sogenannten Proömiums. Es ist nicht mehr im lobpreisenden Duktus verfasst, sondern nun als Fürbittgebet.
Der Übergang besteht zunächst noch aus der Bemerkung, dass Paulus unaufhörlich für die Epheser dankt und für sie betet. „Denn ich habe von eurem Glauben an Jesus, den Herrn, und von eurer Liebe zu allen Heiligen gehört.“ Eigentlich kennt er die Gemeinde ja persönlich, da er eine längere Zeit in Ephesus verbracht hat. Doch was er mit dieser Aussage meint, ist ihr Verhalten seit seiner Abwesenheit. Sie haben sich auch ohne ihn bewährt und sind der ersten Liebe treu geblieben. Diese verlassen sie aber nach einigen Jahrzehnten, sodass Johannes dann in der Offenbarung kritische Worte an sie richten muss.
Daraufhin erfolgt eine Reihe von Fürbitten: „Der Gott Jesu Christi (….) gebe euch den Geist der Weisheit und Offenbarung, damit ihr ihn erkennt.“ Das könnte eine Fürbitte für alle Christen darstellen, da wir alle und zu jeder Zeit Gottes Weisheit und Offenbarung brauchen. Dass wir ihn erkennen und zum Glauben an ihn kommen können, verdanken wir seiner überreichen Gnade, die immer vorausgeht. Wir müssen diese immer wieder erbitten – für uns und die Anderen.
„Er erleuchte die Augen eures Herzens, damit ihr versteht, zu welcher Hoffnung ihr durch ihn berufen seid“ – wir dürfen das ewige Leben erlangen! Uns kann also nichts umhauen, selbst wenn jemand unser biologisches Leben rauben will! Wir denken sofort an den Tagesheiligen Ignatius von Antiochien. Er ist von Löwen zerfressen worden und hat mit Sehnsucht das Martyrium angenommen. So sehr war er von dieser österlichen Hoffnung erfüllt! Er schreibt: „Freuen will ich mich auf die Tiere, die für mich bereit gehalten werden, und ich bete, dass sie sich scharf gegen mich zeigen; ich will sie noch locken, dass sie mich sogleich aufzehren, nicht dass sie, wie es bei einigen (geschah), aus Furcht nicht anpacken. Und wenn sie widerspenstig sind und nicht wollen, werde ich sie mit Gewalt dazu zwingen. Verzeiht mir; was mir zum Vorteil ist, weiß ich. Jetzt fange ich an, ein Jünger zu sein. Nichts möge sich um mich bemühen von dem Sichtbaren noch von dem Unsichtbaren, damit ich zu Jesus Christus gelange, Feuer, Kreuz, Kämpfe mit wilden Tieren, Zerschneidungen, Zerteilungen, Zerschlagen der Gebeine, Verzerrung der Glieder, Zermalmung des ganzen Körpers, des Teufels böse Plagen sollen über mich kommen, nur damit ich zu Jesus Christus gelange.“
Er hat verstanden, wie groß dieser Reichtum ist im Gegensatz zu allen Schätzen dieser Welt. So sollen die Epheser erkennen, womit sie beschenkt sind.
Er bittet auch für die Epheser, dass sie erkennen, dass Gott durch sie große Machttaten wirkt. So wie der Vater den Sohn auferweckt hat am Ostertag und über alle anderen erhöht hat, so wird jedem Menschen in der Taufgnade die Auferstehung und Verherrlichung zuteilwerden, auch wenn es natürlich zu unterscheiden ist von Christus, der ganz Gott und ganz Mensch ist, wir aber nur Geschöpfe.
Christus hat der Vater alles zu Füßen gelegt und als Haupt über die Kirche gesetzt. Zum Ende hin erklärt Paulus, dass die Kirche der Leib Christi ist. Das ist bis heute eine unumstößliche Wahrheit, die wir nie vergessen dürfen. Und der Leib des Allerhöchsten kann nicht böse sein. Und wenn es auch schwarze Schafe gibt, dürfen wir nie daran zweifeln, dass die Kirche heilig ist.

Ps 8
2 HERR, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde, der du deine Hoheit gebreitet hast über den Himmel.

3 Aus dem Mund der Kinder und Säuglinge hast du ein Bollwerk errichtet wegen deiner Gegner, um zum Einhalten zu bringen Feind und Rächer.
4 Seh ich deine Himmel, die Werke deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt:
5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.
7 Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße.

Im Psalm preisen wir nun den Namen Gottes auf der Erde. Es ist eben jener Name, der die Macht über das ganze Universum hat und auch über die Kirche herrscht. Der Name liegt auf der Erde wie der Rauch bzw. die Wolke Gottes auf dem Tempel. Gott ist überall und das ist eine Trostbotschaft für uns. Er ist bei uns, die wir seine Schöpfung sind.
Wir betrachten in dem Psalm vor allem die Schöpfung der Menschheit. Wie kostbar ist diese für den Herrn, dass er sich ihrer annimmt und eine durchgehende Beziehung zu ihr führt! Die ganze Heilsgeschichte, die wir von der Genesis bis zur Johannesoffenbarung vor uns haben, ist eine einzige Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Er wendet sich seinen Geschöpfen zu und tut alles, um deren (Gegen)Liebe zu erwerben.
Es ist natürlich bildlich zu verstehen, wenn die Rede von den Werken „deiner Finger“ ist. Gott ist Geist und hat keine Finger wie ein Mensch. Und doch enthält der Vers die tiefste Wahrheit: Gott hat alles wunderbar geschaffen und geordnet. Die Himmelskörper, die für Licht und für Zeit sorgen, sind Gottes Werk.
Der Mensch hat im Gesamt der Schöpfung eine besondere Stellung. Er ist wahrlich die Krone der Schöpfung, denn „du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.“ Dies wird im Schöpfungsbericht ja dadurch deutlich, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen worden ist. Die ewige Seele ist es, die ihm Herrlichkeit und Pracht verleiht.
„Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße“ – die restliche Schöpfung ist dem Menschen anvertraut, weil dieser befähigt ist, Verantwortung für sie zu übernehmen. Gott legte ihm die Schöpfung aber nicht unter die Füße, damit er sie wie ein Tyrann unterdrücke, sondern wie ein Hirte für sie sorge. Das führt uns zurück zum Epheserbrief. So wie der Mensch die Sorge um die Schöpfung hat, so ist Christus die Neue Schöpfung zu Füßen gelegt worden. Er ist der neue Adam, der zweite Mensch, der den Schaden des ersten Menschen wiedergutmacht. Er trägt Sorge für die zweite Schöpfung, die eine geistige ist. Jesus hat diese neue Schöpfung begründet und auch ihm legt der Vater die gesamte Schöpfung unter die Füße – ihm, dem Erhöhten am Kreuz!
Und diese gesamte Schöpfung ist zusammengefasst in Maria und Johannes, die unter dem Kreuz stehen. Maria ist der Archetyp der Kirche, sie ist das Vorbild der vollkommenen Jüngerschaft und durch die Zuteilung des Johannes zu Maria als Sohn wird Maria zur Mutter aller Glaubenden – sie ist dadurch die neue Eva, die Mutter der Lebenden, nicht mehr der irdisch Lebenden, sondern ewig Lebenden bei Gott.
Jesus Christus ist wahrlich Herrlichkeit und Pracht verliehen worden in einem Maße, den der alte Mensch nicht erfahren hat – schon allein durch den Sündenfall. Wir sprechen hier von Christus in seiner Menschheit, in seiner Gottheit ist er Gott gleich.
Jesus ist der Herrscher über die Schöpfung – die Neugeschaffenen durch den Hl. Geist in der Taufe. Er ist das Haupt und wir die Glieder. Er ist der König des Reiches Gottes.
Und Christus ist dies alles nicht nur für die Menschen: Durch sein Erlösungswirken erlöst er die ganze Welt, auch die Tierwelt, denn diese ist durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares auch ins Chaos gestürzt. Wir lesen bei der Friedensvision des Jesaja davon, wie die Tiere vor dem Sündenfall waren und wie sie mit Neuschöpfung Gottes wieder sein werden.
Es wird eine Versöhnung der gesamten Schöpfung sein!

Lk 12
8 Ich sage euch aber: Jeder, der sich vor den Menschen zu mir bekennt, zu dem wird sich auch der Menschensohn vor den Engeln Gottes bekennen.

9 Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, der wird auch vor den Engeln Gottes verleugnet werden.
10 Jedem, der ein Wort gegen den Menschensohn sagt, wird vergeben werden; wer aber den Heiligen Geist lästert, dem wird nicht vergeben werden.
11 Wenn man euch vor die Gerichte der Synagogen und vor die Herrscher und Machthaber schleppt, dann macht euch keine Sorgen, wie ihr euch verteidigen oder was ihr sagen sollt!
12 Denn der Heilige Geist wird euch in derselben Stunde lehren, was ihr sagen müsst.

Heute geht es weiter mit den Worten, die Jesus an seine Jünger richtet, als eine große Menschenmenge sich um ihn versammelt.
Ausgehend von einem Verhältnis absoluter Geborgenheit zwischen Gott und Mensch, wie der gestrige Abschnitt endete, können sich die Jünger freimütig zum Herrn bekennen, wie es ihr Nachfolger Ignatius von Antiochien dann gleichgetan hat. Sie wissen tief in ihren Herzen, dass sie nichts verlieren können. Und so werden sie dann nach ihrem Tod dieses innige Verhältnis fortführen, nun aber nicht mehr im Verborgenen, sondern ganz unverhüllt von Angesicht zu Angesicht mit Gott. Wer aber in diesem irdischen Leben in Misstrauen gegenüber Gott gelebt hat und ängstlich um sich selbst gekreist ist, der wird am Ende kein positives Gerichtsurteil von Gott erhalten. Jesus sagt sogar, dass er ihn vor seinem Vater verleugnen wird. Wir müssen bedenken, dass Jesus das mit aller Dramatik betont, weil es endgültig ist. Er tut das nicht, weil er seinen Jüngern Angst einjagen will, sondern weil er ihnen die drastischen Konsequenzen ihrer endgültigen Ablehnung Gottes aufzeigt. Gott bietet jedem Menschen seine bedingungslose Liebe und Geborgenheit an. Doch wer sie stets ablehnt, muss am Ende mit den entsprechenden Konsequenzen rechnen. Schließlich haben sie einen freien Willen geschenkt bekommen, um sich frei zu entscheiden.
Jesus erklärt daraufhin die Sünde gegen den Hl. Geist. In den Auferstehungserzählungen lesen wir davon, dass der auferstandene Jesus den Aposteln erscheint, sie anhaucht, ihnen sagt: „Empfangt den Heiligen Geist!“ und ihnen daraufhin die Vollmacht der Sündenvergebung überträgt („Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben, wem ihr die Vergebung verweigert, dem ist sie verweigert“). Wer den Geist Gottes leugnet, der leugnet die Vergebung Gottes. Nicht Gott selbst verweigert den Menschen also die Vergebung, sondern sie selbst stellen sich quer. Deshalb formuliert Jesus diese drastischen Worte. Die Pharisäer und Schriftgelehrten unterstellen ihm ja zum Beispiel bei einem Exorzismus, er hätte diesen mithilfe der Dämonen vorgenommen.
Hüten wir uns davor, ebenfalls in dieses Missverständnis zu fallen. Gott ist es, auf den alles Gute zurückgeht. Er ist es aber nicht, ich betone NICHT, der das Böse in der Welt tut, der für unser Leiden verantwortlich ist. Er ist gut, nur gut.

In den heutigen Lesungen hören wir sehr viel von inniger Gottesgemeinschaft, Wirken des Geistes durch die Getauften und über die wunderbare geistige Schöpfung, die das Reich Gottes ist. Große Vorbilder sind uns vorausgegangen in der brennenden Überzeugung, dass uns nichts von dieser Gemeinschaft Gottes trennen kann, und wie eine große Sehnsucht nach Christus aussieht. Das heißt natürlich nicht, dass wir alle nun aktiv das Martyrium suchen sollen, aber erstens müssen wir es annehmen, wenn es auf uns zukommt, zweitens sterben wir doch jeden Tag aufs Neue in seinem Namen ein wenig: Mit jeder Demütigung, die wir in seinem Namen erleiden, mit jedem Absterben unseres eigenen Egos und unserer Bequemlichkeit. Das Glaubenszeugnis ohne biologischen Tod ist eine große Herausforderung, doch viele Bekenner haben es uns vorgelebt. Wichtig ist bei beiden Wegen – dem biologischen Sterben oder dem Bekenntnis ohne Sterben – dass wir uns immer bewusst sind: Wir haben nichts zu verlieren, wenn wir uns an Christus klammern und uns zu ihm bekennen.

Ihre Magstrauss

Freitag der 28. Woche im Jahreskreis

Eph 1,11-14; Ps 33,1-2.4-5.12-13; Lk 12,1-7

Eph 1
11 In ihm sind wir auch als Erben vorherbestimmt nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt, wie er es in seinem Willen beschließt;

12 wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher in Christus gehofft haben.
13 In ihm habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von eurer Rettung; in ihm habt ihr das Siegel des verheißenen Heiligen Geistes empfangen, als ihr zum Glauben kamt.
14 Der Geist ist der erste Anteil unseres Erbes, hin zur Erlösung, durch die ihr Gottes Eigentum werdet, zum Lob seiner Herrlichkeit.

In der heutigen Lesung hören wir wieder einen Ausschnitt aus dem Epheserbrief. Es endete mit einigen Versen des Brief-Proömiums. Heute geht es weiter damit. Man muss hier anmerken, dass das Proömium dieses Briefes besonders ausführlich ist. Ab Vers 15 beginnt die zweite Hälfte, die bis Vers 23 geht und vom Lobpreis in ein Fürbittgebet übergeht. Hier bewegen wir uns aber noch in dem ersten, lobpreisenden Teil.
„In ihm“ bezieht sich auf Christus, dem Haupt, der zuvor genannt worden ist. In Christus sind die Getauften also als Erben vorherbestimmt. Das liegt daran, dass durch Christi Erlösungswirken der Neue Bund geschlossen worden ist. Und mit diesem Bundesschluss sind die Getauften zu Erben im Reiche Gottes eingesetzt worden. Das alles ist aber nicht willkürlich, sondern „nach dem Plan dessen, der alles so bewirkt, wie er es in seinem Willen beschließt.“ Gott hat diesen Heilsplan für alle Menschen vorgesehen, aber es liegt an jedem Einzelnen, dieser Berufung zur Erbschaft des Himmels zuzustimmen oder sie abzulehnen.
„Wir sind zum Lob seiner Herrlichkeit bestimmt, die wir schon früher in Christus gehofft haben.“ Das Lob der Herrlichkeit Gottes ist ein Ausdruck für den vorläufigen Lobpreis auf Erden, aber vor allem für den ewigen Lobpreis des Himmels. Alle Menschen sind dazu berufen, den Herrn im Himmelreich auf ewig zu lobpreisen. Hier geht es Paulus aber um jene, die schon früher in Christus gehofft haben, also die Juden. Denn diese haben jahrhundertelang auf den Messias gewartet. Diese sind also zum Lobpreis bestimmt, aber nicht nur sie, denn es heißt sofort im nächsten Vers: „In ihm habt auch ihr das Wort der Wahrheit gehört, das Evangelium von eurer Rettung“. Nicht nur jene, die zuvor Juden waren, sollen gerettet werden durch den Neuen Bund, sondern auch jene, die zuvor Heiden waren. Das universale Heil ist auf der Höhe der Zeit verkündet worden.
Paulus spricht vom „Siegel des verheißenen Heiligen Geistes“, den die Epheser empfingen, als sie zum Glauben kamen. Das ist für uns ein wichtiges Bild für die Taufe, das bis heute in der Tauftheologie verwendet wird und auch ins Kirchenrecht eingegangen ist. Dem Menschen wird ein unauslöschliches Siegel aufgedrückt durch den Hl. Geist, der in dessen Herz eingegossen wird. Der Geist Gottes setzt auf diese Weise den Menschen, der neugeboren wird, als Erben des Reiches Gottes ein. Durch Pauli Aussage wird uns etwas Entscheidendes vermittelt: Wer nicht zum Glauben an Jesus Christus gekommen ist, kann nicht getauft werden. Die Taufe ist sakramentales Zeichen dieses Glaubens.
Paulus bringt noch ein weiteres Bild ins Spiel, nämlich das des Unterpfands: Es ist so, dass das griechische Wort für „Anteil“, wie es die Einheitsübersetzung übersetzt ἀρραβὼν arrabon eigentlich so viel bedeutet wie Pfand, das eine Garantie oder Bürgschaft bedeutet. Wenn wir getauften Christen also den Geist Gottes in unserem irdischen Dasein erfahren, ist dieser so ein Pfand, das uns erahnen lässt, was uns nach dem Tod erwartet, insofern wir die Taufgnade bis zum Schluss aufrecht erhalten. Der Hl. Geist in unserem Leben mit seinen reichen Früchten und Manifestationen ist also schon eine Anzahlung des Erbes, das wir dann antreten. Zum Schluss bringt Paulus noch ein weiteres Bild ins Spiel: Die Getauften werden zu Gottes Eigentum. In der Antike ist es üblich, dass Gegenstände oder Vieh mit einem Siegel als Eigentum markiert hat. Wenn der Geist Gottes in der Taufe den Menschen also besiegelt – und uns muss bewusst sein, dass zu Anfang Taufe UND Firmung in einem Sakrament gespendet wurden, bis heute also auch die Firmung als Besiegelung! – dann markiert er diesen als sein Eigentum. Wir sind aber kein Vieh oder Ding, keine Objekte Gottes, sondern es ist ein Bild, das natürlich unzureichend ist. Wir werden sein Eigentum, ohne dass er uns unterdrückt oder ausnimmt. Wir dürfen ihm auf Augenhöhe begegnen. Das macht die Liebesbeziehung zwischen Gott und den Menschen aus.
Bei all den Bildern, die Paulus anführt, muss man sie stets als das betrachten, was sie sind – Bilder. Gott und seine wunderbare Gnade ist noch viel viel größer und ganz anders als die Vergleiche und Metaphern, die wir dafür heranziehen. Das muss uns immer bewusst sein.

Ps 33
1 Jubelt im HERRN, ihr Gerechten, den Redlichen ziemt der Lobgesang.

2 Preist den HERRN auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe spielt ihm!
4 Denn das Wort des HERRN ist redlich, all sein Tun ist verlässlich.

5 Er liebt Gerechtigkeit und Recht, erfüllt von der Huld des HERRN ist die Erde.
12 Selig die Nation, deren Gott der HERR ist, das Volk, das er sich zum Erbteil erwählt hat.

13 Der HERR blickt herab vom Himmel, er sieht alle Menschen.

Der Psalm, den wir als Antwort auf den Epheserbrief beten, reflektiert Gottes Heilsplan, um den es ja in der Lesung bereits ging.
Wie so oft erfolgt zu Anfang eine Aufforderung zum Lob („Jubelt im HERRN“). Die Aufforderung umfasst sogar die Begleitung des Lobgesangs mit Instrumenten („auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe“). Dies beteten wir gestern bereits in einem anderen Psalm.
Das Wort und die Tat Gottes sind verlässlich. Gott ist treu und hält sich an seine Versprechen, auch wenn wir ihm untreu werden. Jesus hat seinen Aposteln angekündigt, dass sein Heil die ganze Welt erreichen wird. Es beginnt in Jerusalem und das Wachsen der Gemeinde bestätigt ihnen, dass Gott wirklich treu an ihnen handelt. Deshalb sendet der Vater den Hl. Geist jenen, die sich in seinem Namen taufen lassen. Dieser ist der Garant dafür, dass Gottes Worte wahr sind und er treu sein Versprechen hält.
Gott liebt die Gerechtigkeit und das Recht. Das ist für uns keine Drohbotschaft im Sinne eines strengen Richterbildes. Gott sorgt für Gerechtigkeit, wo wir Unrecht erleiden. Sein Recht setzt sich durch, auch wenn es in unserem Leben aktuell nicht so erscheinen mag. Das ist eine totale Trostbotschaft, gerade in Zeiten der Bedrängnis und Christenverfolgung, die noch nie so schlimm war wie heute.
„Selig die Nation, deren Gott der HERR ist, das Volk, das er sich zum Erbteil erwählt hat.“ Wir können voller Glauben sagen, was die Israeliten zur Zeit der Abfassung noch gar nicht geahnt haben bzw. erst einmal lernen mussten: Gottes Volk ist nicht mehr verbunden durch eine biologische Abstammung. Sein Volk ist nicht mehr beschränkt auf die zwölf Stämme Israels, sondern es ist ein Volk, das durch den Hl. Geist „verwandt“ ist, eine geistliche Familie! Diese übernatürliche Nation ist zusammengesetzt aus Gläubigen jeder Sprache, jeden Volkes, jeder irdischen Nation. Und diese übernatürliche Familie tritt das Erbe an.
Gott schaut vom Himmel herab und übersieht keinen. Das sagt uns zweierlei: Er ist der ganz Andere, dessen Wohnort eine andere Dimension darstellt. Zugleich hat er Anteil an unserem Dasein. Er sieht alles und weiß um alles. Er ist kein ferner Gott, der für sich lebt, isoliert von seiner Schöpfung, desinteressiert und die Schöpfung sich selbst überlassend. Das ist die deistische Illusion, für die es biblisch gesehen keine Grundlage gibt. Gott ist zwar nicht mit seiner Schöpfung gleichzusetzen, ist aber Feuer und Flamme für sie! Wäre dem nicht so, wäre er nicht so weit gegangen, selbst Mensch zu werden und unter den Menschen zu wohnen. So sehr liebt er seine Schöpfung.

Lk 12
1 Unterdessen strömten Tausende von Menschen zusammen, sodass es ein gefährliches Gedränge gab. Jesus begann zu sprechen, vor allem zu seinen Jüngern: Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, das heißt vor der Heuchelei!

2 Nichts ist verhüllt, was nicht enthüllt wird, und nichts ist verborgen, was nicht bekannt wird.
3 Deshalb wird man alles, was ihr im Dunkeln redet, im Licht hören, und was ihr einander hinter verschlossenen Türen ins Ohr flüstert, das wird man auf den Dächern verkünden.
4 Euch aber, meinen Freunden, sage ich: Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten, danach aber nichts weiter tun können!
5 Ich will euch zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet euch vor dem, der nicht nur töten kann, sondern die Macht hat, euch auch noch in die Hölle zu werfen! Ja, das sage ich euch: Ihn sollt ihr fürchten.
6 Verkauft man nicht fünf Spatzen für zwei Pfennige? Und doch ist nicht einer von ihnen vor Gott vergessen.
7 Bei euch aber sind sogar die Haare auf dem Kopf alle gezählt. Fürchtet euch nicht! Ihr seid mehr wert als viele Spatzen.

Im Evangelium werden viele Aspekte aufgegriffen, die wir in Lesung und Psalm betrachtet haben. Jesus ist von vielen Menschen umgeben, die sich um ihn versammeln und ihn bedrängen. Doch Jesus hat etwas zu sagen – vor allem zu seinen Jüngern.
Er warnt seine Jünger nämlich vor dem Sauerteig der Pharisäer. Das ist ein Bild, das er sonst für das Reich Gottes verwendet. Aber auch schädliches Gedankengut kann wie ein Sauerteig wirken, also einen ganzen restlichen Teig durchsäuern. Die Pharisäer haben eine schädliche Einstellung, voller Selbstgerechtigkeit und Heuchelei. Weil sie nicht wahrhaftig und demütig sind, fällt es ihnen mit solch einer Haltung schwer, umzukehren. Das ist das Gefährliche an ihnen. Und davor sollen sich die Jünger hüten, damit sie stets reumütig und umkehrbereit bleiben. Wer nicht stets selbstkritisch ist, ohne sich selbst stets schlecht zu machen im Sinne eines mangelnden Selbstwertgefühls, wird auf dem Teppich bleiben und immer wieder die Vergebung Gottes suchen. So wird man im Stand der Gnade bleiben, statt im Stand der Todsünde zu verharren. Verstocktheit wird einem dagegen am Ende zum Verhängnis. Denn man will sich selbst nicht sehen, wie man ist. Die Heuchelei der Pharisäer wird aber eines Tages aufgedeckt werden. Es gibt nichts Geheimes, was nicht eines Tages ans Tageslicht kommt. Entweder wird es in diesem Leben schon bekannt, sodass einem die große Demütigung widerfährt, oder spätestens beim Gericht Gottes wird es eine böse Überraschung geben. Denn Gott hält jedem Menschen das Leben vor, sodass keiner sich mehr verstecken kann. Wenn dann ein Verstockter und Selbstgerechter seinen eigentlichen Zustand sieht, wird es sehr sehr schmerzhaft werden….
Dann kommt Jesus zu einer anderen Sache, nämlich der Verfolgung der Jünger aufgrund ihres Glaubens: Sie werden auf regen Widerstand treffen, doch Jesus erklärt hier, dass sie keine Angst vor dem biologischen Tod haben müssen. Ihre Beziehung zu Gott und das ewige Leben bei ihm können die Menschen den Jüngern nicht nehmen. Die größere Gefahr geht vom Bösen aus, dem Widersacher, der die Menschen von Gott wegreißen will.
Jesus wendet mehrere Beispiele an, um den Aposteln zu verdeutlichen, dass Gott ganz mit ihnen ist. Sie brauchen keine Angst zu haben, weil er alles in seiner wunderbaren Vorsehung regelt. Er hat alles nach seinem Willen gemacht und erhält auch alles durch seinen Willen. Sogar um die Spatzen kümmert sich Gott, die vermeintlich billige Vögel sind. Man bekommt fünf Spatzen für zwei Pfennige. Um wie viel mehr kümmert sich Gott um die Jünger, die mehr wert sind als Spatzen! Jedes einzelne Haar auf ihren Köpfen ist gezählt. Das ist eine absolute Vertrauenszusage. Und ausgehend von diesem Verhältnis absoluter Geborgenheit können sich die Jünger dann freimütig zum Herrn bekennen. Sie wissen tief in ihren Herzen, dass sie nichts verlieren können. Und so werden sie dann nach ihrem Tod dieses innige Verhältnis fortführen, nun aber nicht mehr im Verborgenen, sondern ganz unverhüllt von Angesicht zu Angesicht mit Gott. Dass die Jünger so freimütig den Glauben an Christus bekennen können, dafür hat Gott ihnen den Hl. Geist als Garant zur Seite gestellt. Davon hat Paulus ja im Epheserbrief schon gesprochen. Dieser ist das Pfand und doch ist es schon total überwältigend, was dieser dem Menschen schenkt! Um wie viel schöner muss dann das ewige Leben sein, wenn das Wirken des Geistes in diesem Leben erst der Anfang ist…

Wenn uns unser Leben manchmal schwerfällt, denken wir daran, das der Geist Gottes uns durchtränkt und innerlich stets aufrichten will. Lassen wir es zu und nehmen wir seine unerschöpfliche Lebensquelle in Anspruch. Und denken wir stets daran: Wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hand. Er kennt uns durch und durch, jedes einzelne Haar. Er wird uns nicht zugrunde gehen lassen. Denn er ist der gute Gott.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 28. Woche im Jahreskreis

Eph 1,1-10; Ps 98,1.2-3b.3c-4.5-6; Lk 11,47-54

Eph 1
1 Paulus, Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes, an die Heiligen in Ephesus, die Gläubigen in Christus Jesus,
2 Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!
3 Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus. Er hat uns mit allem Segen seines Geistes gesegnet durch unsere Gemeinschaft mit Christus im Himmel.
4 Denn in ihm hat er uns erwählt vor der Grundlegung der Welt, damit wir heilig und untadelig leben vor ihm.
5 Er hat uns aus Liebe im Voraus dazu bestimmt, seine Söhne zu werden durch Jesus Christus und zu ihm zu gelangen nach seinem gnädigen Willen,
6 zum Lob seiner herrlichen Gnade. Er hat sie uns geschenkt in seinem geliebten Sohn.
7 In ihm haben wir die Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade.
8 Durch sie hat er uns reich beschenkt, in aller Weisheit und Einsicht,
9 er hat uns das Geheimnis seines Willens kundgetan, wie er es gnädig im Voraus bestimmt hat in ihm.
10 Er hat beschlossen, die Fülle der Zeiten heraufzuführen, das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen, was im Himmel und auf Erden ist, in ihm.

Heute am Gedenktag der Hl. Teresa von Ávila beginnt eine Serie von Lesungen aus dem Epheserbrief. Sie beginnt heute mit dem Briefeingang. Zunächst erfolgt wie immer in antiken Briefen das Präskript, das den Sender und Empfänger sowie einen Gruß beinhaltet. Paulus ist der Absender, der in seinen Briefen oft eine Legitimation seines Auftrags als Apposition an seinen Namen hängt. So soll von Anfang an klar werden, welche Rolle er spielt und weshalb er das Recht hat, diesen Brief an die Gemeinde zu richten. Hier schreibt er an eine bekannte Gemeinde und muss nicht so weit ausholen. Deshalb besteht die Erweiterung aus einem kurzen Teil: „Apostel Christi Jesu durch den Willen Gottes“. Seine apostolische Sendung ist hier das Entscheidende. Daraufhin nennt er die Empfänger. Das sind die „Heiligen in Ephesus, die Gläubigen in Christus Jesus“. Heilig werden alle Getauften genannt. Dadurch darf aber nicht der Eindruck entstehen, dass Paulus eine derartige Heilsgewissheit der Taufe vertrete, dass man sie nicht mehr verlieren und sich entspannt zurücklehnen könne. Es meint die Heiligkeit der Taufgnade, die man aber auch wieder verlieren kann durch ein sündiges Leben. Aber der Getaufte ist zur Heiligkeit berufen.
Das Präskript wird wie immer mit einem Gruß abgeschlossen: „Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserem Vater, und dem Herrn Jesus Christus!“
Sodann beginnt das Proömium, das einen einleitenden Charakter hat und von Lobpreis durchzogen ist. Deshalb bestehen die ersten Worte im Epheserbrief aus: „Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus.“
Gott hat die Menschen zu allen Zeiten gesegnet, aber durch die Taufe ist dem Menschen nun wirklich die Fülle des Segens zuteilgeworden. Der Mensch hat dadurch den Zugang zum ewigen Leben zurückerhalten! Wenn das nicht die Fülle des Segens bedeutet! Paulus schreibt, dass dieser Segen durch den Hl. Geist bewirkt ist. Dieser ist es, der den Menschen ja ganz rein gemacht hat im Bad der Taufe und die gesamte Schuld getilgt hat. Durch den Hl. Geist ist auch die Verbindung zu Jesus Christus im Himmel hergestellt worden, denn durch den Geist sind wir neugeboren zur Familie Gottes und einer neuen geistlichen Schöpfung. Durch diese Verbundenheit mit Christus haben wir ein Leben in Fülle, die Fülle seiner Gnade. Wir sind verbunden mit dem wahren Weinstock, weshalb wir gute Reben sein können.
Dass wir als Getaufte in so einer innigen Gemeinschaft mit Christus leben, ist von Anfang an der Plan Gottes gewesen, der nur Wege des Heils für uns bereithält. Gott hat uns Menschen dazu erschaffen und „in Liebe im Voraus dazu bestimmt“, dass wir alle zu seiner Familie gehören.
Dafür war es ihm nicht zu schade, seinen geliebten Sohn für uns hinzugeben. Er hat uns die „Erlösung durch sein Blut, die Vergebung der Sünden nach dem Reichtum seiner Gnade“ erwirkt, sodass wir diese innige Gemeinschaft eingehen konnten.
Paulus schreibt diese Worte in einer hymnenartigen Sprache, voller preisender Ausdrücke und mit vielen Plerophorismen.
Gottes Plan ist zudem, „die Fülle der Zeiten heraufzuführen, „das All in Christus als dem Haupt zusammenzufassen.“ Das erwartet uns noch, wenn er als verherrlichter Menschensohn zurückkehren wird. Dann wird er den endgültigen Triumph davontragen und der Widersacher Gottes auf ewig in den Feuersee geworfen werden.

Ps 98
1 Ein Psalm. Singt dem HERRN ein neues Lied, denn er hat wunderbare Taten vollbracht! Geholfen hat ihm seine Rechte und sein heiliger Arm.

2 Der HERR hat sein Heil bekannt gemacht und sein gerechtes Wirken enthüllt vor den Augen der Völker.
3 Er gedachte seiner Huld und seiner Treue zum Haus Israel. Alle Enden der Erde sahen das Heil unsres Gottes.
4 Jauchzet dem HERRN, alle Lande, freut euch, jubelt und singt!
5 Spielt dem HERRN auf der Leier, auf der Leier zu lautem Gesang!
6 Mit Trompeten und lautem Widderhorn jauchzt vor dem HERRN, dem König!

Als Antwort beten wir Psalm 98, der betitelt ist als „Neues Lied auf den Schöpfer und Richter“. Paulus hat im Epheserbrief beide Eigenschaften Gottes indirekt genannt, als es um die Erwählung aus Liebe geht, nämlich zu einer neuen Schöpfung, die die innige Gemeinschaft des Getauften mit Christus bewirkt. Zugleich hat er das noch ausstehende Ende der Zeiten erwähnt, bei dem es zum Weltgericht kommen wird. Somit hat er die Eigenschaften Gottes als Schöpfer und Richter bereits thematisiert.
Gott hat bisher viele wunderbare Taten vollbracht, wie es in Ps 98 heißt. Er ist wirklich ein Gott des Heils und die gesamte Menschheitsgeschichte ist eine Heilsgeschichte. Gott hat sein Volk immer wieder gerettet aus den Klauen des Bösen mit seiner Rechten und seinem Heiligen Arm. Er hat seinen Plan immer wieder kundgetan, da er ein sich offenbarender Gott ist. Er hat dies auch vor den Augen der Völker getan, also die nichtjüdischen Menschen, die dadurch seine Größe bezeugt haben. Mit Jesus Christus hat diese Offenbarung, das heißt seine Selbstmitteilung, einen Höhepunkt erreicht. So kann man wortwörtlich sagen: Gott hat sein Heil (יְשׁוּעָתֹ֑ו  jeschuato), seinen Jesus, der Welt bekannt gemacht. Dieser ist „seine Rechte“ und „sein heiliger Arm“. Der Hl. Ignatius von Lyon hat den Sohn und den Geist als die Hände Gottes bezeichnet. Durch Christus hat Gott die Heilstaten vollbracht – sowohl die Schöpfung (deshalb nennen wir Jesus auch den Schöpfungsmittler) als auch die Erlösung.
„Alle Enden der Erde sahen das Heil“. Die ganze Welt sah die Heilstaten Gottes. Das betrifft die Israeliten, die aus Ägypten herausgeführt worden sind und bei den nichtjüdischen Völkern für Anerkennung gesorgt hat. Das betrifft umso mehr das ganze Erlösungsgeschehen Jesu Christi, das für eine weltweite Evangelisierung und flächendeckende Gemeindegründungen gesorgt hat. Es begann mit dem Hauptmann am Kreuz („wahrlich, dieser war Gottes Sohn“) und ging weiter bis an die damaligen „Enden der Erde“. Und es geht bis an die heutigen Enden!
Deshalb ist auch der Anfang des Psalms so signalhaft für christliche Ohren. Es ist ein „neues Lied“, das auf den Messias hinweist und über die Rettungsaktionen Gottes an seinem auserwählten Volk hinausgeht. Ganz konkret können wir hier an das babylonische Exil denken, das neben dem Exodusgeschehen bei den Nichtjuden für Anerkennung gesorgt hat.
Vor den Augen der Völker ( הַ֝גֹּויִ֗ם  hagojim, die nichtjüdischen Völker!) hat Gott schon Gericht gewirkt, indem er das unterdrückte Volk aus der Knechtschaft der Babylonier befreit hat. Er hat auch vor den Heiden die Erlösung erwirkt (die Römer staunten nicht schlecht, als das Grab leer war, und der Hauptmann kam unter dem Kreuz zum Glauben). Gott wirkt Wunder auch heute noch vor den Augen der Nichtgläubigen und benutzt uns dafür. Wir sind heute seine Hände in dieser Welt, die anderen Menschen zum Glauben an Christus verhelfen. Er tut das auch in der Taufe. Dann werden wir aus der Knechtschaft der Erbsünde, aus dem Exil der Paradieslosigkeit befreit. Am Ende der Zeiten, wenn Jesus als verherrlichter Menschensohn zurückkehrt, wird Gottes Gericht universal und für alle offenbar durchgesetzt werden. Dann wird es aber zu spät für die Umkehr sein.
Gott bleibt seinem Volk treu, auch jetzt noch. Unsere jüdischen Geschwister sind bis heute in einem bleibenden Bund mit dem Herrn und diesen können wir, die wir im neuen Bund mit Gott versöhnt sind, nicht antasten. Vergessen wir das nie, damit es nie wieder zu einem Holocaust kommt!
Gott bleibt auch uns treu, die wir ihm durch jede Sünde immer wieder untreu werden. So ist Gott. Er starb für uns, ohne sein Opfer davon abhängig zu machen, ob wir seine Liebe zurückgeben oder nicht.
Seine Erlösungstat ist ein Grund zur Freude. Unsere Existenz, vor allem auf die Ewigkeit hin, haben wir allein Gott zu verdanken. Diese ist uns durch die Taufe geschenkt. Dadurch sind wir als Kinder Gottes neugeboren und als Erben eingesetzt worden. Das ist jeden Tag den Lobpreis Gottes wert, auch schon hier auf Erden! Im Himmel wird es unsere ewige Beschäftigung sein.
Zum Ende des heutigen Abschnitts erfolgt ein Lobpreisaufruf, der typisch für Psalmen ist. Es ist eine Aufforderung zur instrumentalen Begleitung auf den gängigen Instrumenten (so die Leier, die König David meisterhaft beherrscht hat). Auch Trompeten und Widderhörner sollen eingesetzt werden zum Lobpreis Gottes. Für ihn ist der festlichste Lobpreis des Menschen gerade gut genug.

Lk 11
47 Weh euch! Ihr errichtet Denkmäler für die Propheten, die von euren Vätern umgebracht wurden.

48 Damit bestätigt und billigt ihr, was eure Väter getan haben. Sie haben die Propheten umgebracht, ihr errichtet ihnen Bauten.
49 Deshalb hat auch die Weisheit Gottes gesagt: Ich werde Propheten und Apostel zu ihnen senden und sie werden einige von ihnen töten und andere verfolgen,
50 damit das Blut aller Propheten, das seit der Erschaffung der Welt vergossen worden ist, von dieser Generation gefordert wird,
51 vom Blut Abels bis zum Blut des Zacharias, der zwischen Altar und Tempelhaus umgebracht wurde. Ja, das sage ich euch: An dieser Generation wird es gerächt werden.
52 Weh euch Gesetzeslehrern! Ihr habt den Schlüssel zur Erkenntnis weggenommen. Ihr selbst seid nicht hineingegangen und die, die hineingehen wollten, habt ihr daran gehindert.
53 Als Jesus von dort weggegangen war, begannen die Schriftgelehrten und die Pharisäer, ihn mit vielerlei Fragen hartnäckig zu bedrängen;
54 sie lauerten ihm auf, um ihn in seinen eigenen Worten zu fangen.

Heute hören wir so wie gestern Wehrufe gegen die Pharisäer und Schriftgelehrten. Ihre Worte und Taten unterscheiden sich diametral. Die letzten Tage hat Jesus sie als Gräber bezeichnet, die von außen als solche nicht erkennbar sind.
Die Pharisäer und Schriftgelehrten sind peinlich darauf bedacht, die Menschen bei der Einhaltung aller Gebote, insbesondere der Ritualgebote, zu überwachen und selbst eine perfekte Fassade zu wahren, obwohl sie selbst sich gar nicht um ein Leben nach Gottes Geboten bemühen.
Heute spricht Jesus noch einen weiteren Aspekt ihrer Heuchelei an: Sie schmücken die Gräber und Gedenkstätten der Propheten und Gerechten. Sie errichten den Vätern Bauten. Dabei haben jene Toten ihr Leben dafür geopfert, Gottes Willen treu zu verkünden, die Selbstgerechten anzuprangern und immer wieder zur Umkehr aufzurufen. Sie mussten sehr oft dafür ihr Leben lassen, weil Selbstgerechte wie jene Pharisäer und Schriftgelehrten mit derselben Haltung nicht umkehren wollten. Wie heuchlerisch ist es also nun, dass die Pharisäer, die jene Propheten genauso abgelehnt hätten wie ihre Vorfahren, ihre Gräber pflegen? Sie kümmern sich nicht nur darum, sondern behaupten auch noch, dass sie die Propheten nicht umgebracht hätten. Dabei ist das, was die Propheten verkündet haben, verdichtet mit Jesus Christus gegeben, den sie nun mit aller Kraft ablehnen! Dadurch, dass sie sich mit ihren Worten so weit aus dem Fenster lehnen, bestätigen sie, dass sie die Söhne der Prophetenmörder sind. Denn sie nehmen dieselbe heuchlerische Haltung ein wie ihre Väter. Sie haben nicht das Bedürfnis, irgendwie Buße zu tun und stellvertretend für ihre Vorfahren Gott um Verzeihung zu bitten. So wiederholen sie dieselben Väter. Es ist wie mit der gesamten Weltgeschichte. Die schlimmen Ereignisse, Fehler, konkret die totalitären Regime und Kriege, wiederholen sich im Laufe der Geschichte immer wieder (vielleicht unter anderem Namen und Deckmantel, aber im Kern auf dieselbe Weise), weil die Menschen aus ihren Fehlern nicht lernen, weil sie keine Sühne leisten und sich von Gott nicht belehren lassen wollen.
Weil sie die vielen Generationen hindurch nicht aus ihren Fehlern lernen und bis zu ihrer Generation die Propheten umbringen lassen, wird das Unrecht nun an ihrer Generation gerächt werden. Wie ist das zu verstehen? Wir könnten es als Ankündigung der Tempelzerstörung und der Zerstörung der gesamten Stadt verstehen, als komplette Niederlage gegen die Römer. Es könnte sich auch auf den Triumph der Erlösung beziehen, denn jenen, den sie so sehr beseitigen wollen, Jesus Christus, wird von den Toten auferstehen. Es ist in dieser Hinsicht keine Rache im eigentlichen Sinn, aber ihr Plan wird zunichte gemacht.
Jesus hat heute erneute Weherufe auch an die Schriftgelehrten. Sie sitzen an der Quelle, wollen aber nicht glauben. Sie selbst gehen nicht durch die Tür des Glaubens und hindern noch die anderen daran, zu glauben. Das ist ein sehr hartes Urteil, das Jesus formuliert, damit sie sich der drastischen Situation bewusst werden und umkehren.
Stattdessen beginnen die Pharisäer und Schriftgelehrten, Jesus mit vielen Fragen zu bedrängen und auf die Probe zu stellen. Sie sind komplett provoziert worden und voller Zorn. Sie möchten das alles nicht auf sich sitzen lassen und wollen Jesus Böses. Sie haben die Zeit der Gnade nicht erkannt. Wenn Gott uns harte Worte zu sagen hat, tut er dies allein um unseres Heils willen. Er tut es aus Liebe, nicht weil es ihm Spaß macht. Es ist aber alles umsonst, wenn die Angesprochenen nicht richtig reagieren.

Und so wird Jesus wie seine Propheten am Ende umgebracht werden. Gott wird mundtot gemacht. Und doch hat er am Ende das letzte Wort. Er besiegt den Tod und lässt diese selbstgerechten Menschen komplett sprachlos. Wenn Jerusalem zerstört wird, werden es ausgerechnet die Hohenpriester sein, die Sadduzäer, die so gegen Jesus waren, die plötzlich arbeitslos werden. Denn es wird keinen Tempelkult mehr geben.

Schauen wir heute auf uns selbst und prüfen wir uns, wie wir reagieren auf die Kritik, die Gott an uns richtet. Sind wir bereit zur Umkehr, wenn Gott uns dazu aufruft? Tut es uns leid, wenn wir ihn beleidigt haben? Bitten wir den Herrn um seine Liebe. Denn wer Liebe in sich hat, kann auch bereuen und umkehren.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 28. Woche im Jahreskreis

Gal 5,18-25; Ps 1,1-2.3.4 u. 6; Lk 11,42-46

Gal 5
18 Wenn ihr euch aber vom Geist führen lasst, dann steht ihr nicht unter dem Gesetz.

19 Die Werke des Fleisches sind deutlich erkennbar: Unzucht, Unreinheit, Ausschweifung,
20 Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen,
21 Neid, maßloses Trinken und Essen und Ähnliches mehr. Ich sage euch voraus, wie ich es früher vorausgesagt habe: Wer so etwas tut, wird das Reich Gottes nicht erben.
22 Die Frucht des Geistes aber ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue,
23 Sanftmut und Enthaltsamkeit; gegen all das ist das Gesetz nicht.
24 Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt.
25 Wenn wir im Geist leben, lasst uns auch im Geist wandeln!

Im heutigen Abschnitt aus dem Galaterbrief geht der Argumentationsgang weiter, der Torah und Taufe gegenüberstellt bzw. Fleisch und Geist. So sagt Paulus, dass wer sich vom Geist führen lässt, den man bei der Taufe empfangen hat, nicht unter dem Gesetz steht. Der getaufte Mensch ist in der Heilsgeschichte einen Schritt vorangeschritten. Er muss sich nicht mehr einbilden, aus eigener Kraft die Erlösung und Rechtfertigung fertigbringen zu müssen. Auch nach der Taufe ist die Torah in dem Sinne zu halten, wie Christus sie erfüllt hat. Es geht also nicht mehr darum, alle 600 Gebote und Verbote peinlichst genau einzuhalten, sondern um die Erfüllung der göttlichen Gebote. Das ist nicht weniger anspruchsvoll, sondern erstens eine Konzentration auf das Wesentliche, das zwischenzeitlich abhanden gekommen ist, zweitens sehr anspruchsvoll, weil Gott sogar die Intention des Menschen beurteilt. Mit Christus ist die Torah nicht nur auf das Wesentliche konzentriert, sondern auch verinnerlicht worden.
Der Mensch kann aus eigener Kraft nicht gut sein – er kann sich weder erlösen, noch den Zustand der Rechtfertigung von sich aus aufrecht erhalten. Das Problem ist die Neigung zur Sünde, die die Folge der Erbsünde ist. Deshalb brauchen wir die Taufgnade. Deshalb sagt Paulus auch, dass die „Werke des Fleisches“ aus Unzucht, Unreinheit und Ausschweifung bestehen. Das bezieht sich nicht auf das Fleisch als Körper. Das müssen wir richtig verstehen. Bei Paulus ist mit „Fleisch“ vielmehr diese vergängliche Natur gemeint, die aber alles betrifft, nicht nur den Körper. Die Sünde kommt ja vom Herzen her und die ausgeführte Tat ist ja das Ergebnis eines umfassenden Prozesses. Bis es dazu kommt, dass man sündigt, geht es ja vom Herzen in die Gedanken und von dort in die Worte, bevor es umgesetzt wird. Weitere Werke des Fleisches werden ab Vers 20 aufgezählt. Wir haben hier einen Sünden- bzw. Lasterkatalog: Götzendienst, Zauberei, Feindschaften, Streit, Eifersucht, Jähzorn, Eigennutz, Spaltungen, Parteiungen, Neid, maßloses Trinken und Essen und Ähnliches mehr. Er zählt hier die Hauptsünden auf. Diese sind es, die den Menschen in Beschlag nehmen und die früher oder später sein Verhalten beeinflussen. Jeder Mensch sündigt auf die ein oder andere Weise. Und sobald der Mensch sündigt, hat er die Torah ja nicht mehr vollständig gehalten, deshalb ist sie die ständige Anklägerin des Sünders.
Was der Geist Gottes aber gibt durch die Gnade, die der Mensch tagtäglich geschenkt bekommt, sind die Früchte des Hl. Geistes: Liebe, Freude, Friede, Langmut (Geduld), Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Enthaltsamkeit (Selbstbeherrschung). Die Früchte sind eine Synthese von menschlichem Bemühen und helfender Gnade. Die genannten Früchte sind nämlich einerseits als menschliche Tugenden, andererseits als Früchte des Hl. Geistes bekannt. Es ist also ein Teamwork, bei dem beide Teampartner hundert Prozent geben.
Paulus bringt eine entscheidende Sache zum Ausdruck: „Gegen all das ist das Gesetz nicht.“ Er meint die Früchte des Hl. Geistes. Es ist keine Konkurrenz zwischen Torah und Hl. Geist. Schließlich ist ja auch die Torah eine Gabe Gottes. Aber sie selbst kann aus sich heraus diese Früchte nicht geben. Sie kann nur vermitteln, dass es erstrebenswerte Tugenden für den Gläubigen sind. Deshalb ist die Torah „fleischlich“.
Wer nun zu Christus gehört, also die Getauften, die nun im Neuen Bund mit Gott leben, haben die gefallene Natur gekreuzigt, was mit „Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden“ gemeint ist. Die Sünde wird weiterhin begangen, weil die Folgen der Erbsünde bleiben. Aber der Mensch überwindet diese gefallene Natur durch die Gnade. Diese ist stärker als die Natur. Weil dem so ist, muss der Getaufte sich auch vom Geist leiten lassen, sich vollkommen anstrengen und vollkommen die helfende Gnade Gottes beanspruchen. Dann wird der Mensch in Heiligkeit wachsen.

Ps 1
1 Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt,

2 sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt.
3 Er ist wie ein Baum, gepflanzt an Bächen voll Wasser, der zur rechten Zeit seine Frucht bringt und dessen Blätter nicht welken. Alles, was er tut, es wird ihm gelingen.
4 Nicht so die Frevler: Sie sind wie Spreu, die der Wind verweht.
6 Denn der HERR kennt den Weg der Gerechten, der Weg der Frevler aber verliert sich.

Heute beten wir den allerersten Psalm des Psalters. David schreibt hier eine Seligpreisung an den, der sich für Gott entschieden hat. Da hören wir eine wunderbare Betrachtung dessen, wie gut es einem geht, wenn man Gott gewählt hat. Mit Paulus müsste man sagen: wer sich vom Geist leiten lässt und nicht vom Fleisch. Wir können nur glücklich sein, wenn wir uns für den Weg Gottes entschieden haben, ja, wir sind dann selig zu preisen.
Wer „Gefallen an der Weisung des HERRN“ hat und Gottes Gebote nicht nur hält, sondern darüber auch nachdenkt, dann ist dieser Mensch wie ein Baum am Wasser. Er wächst und gedeiht direkt an der Quelle und ist absolut fruchtbar. Diese Fruchtbarkeit wird biologisch gesehen von den Juden als Zeichen des Segens betrachtet, aber wir gehen über das Wörtliche hinaus und denken an Jesu Worte: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt (Joh 15,16).“ Es ist eine geistige Fruchtbarkeit, die andere Menschen zu Kindern Gottes macht und so das Volk Gottes immer größer werden lässt. Jesus sagt sogar, dass die Entscheidung für Gott nicht der erste Schritt ist, sondern die Reaktion auf die Erwählung Gottes.
Gottes Segen zeigt sich bei dem, der Gott gewählt hat, daran, dass ihm alles gelingt und die Gebete erhört werden. Die nie verwelkenden Blätter werden zum eschatologischen Zeichen, zum Symbol für das ewige Leben für Gott, das auch beim nie verwelkenden Siegeskranz aufgegriffen wird, einer Metapher des NT.
Dagegen sind die Frevler, die Gott ablehnen, wie vom Wind verwehte Spreu. Sie sind nicht unvergänglich, sondern absolut kurzlebig. Kommt ein Windstoß, sind sie dahin. Versucht man einen Weg ohne Gott, verläuft man sich in eine ganz böse Sackgasse. Es ist ein Holzweg, der ins Nirgendwo führt – beziehungsweise in die ewige Gottesferne, in die Hölle!
Dies stellt dann den ewigen Tod dar, nicht mehr das ewige Leben. Auch hier müssen wir auf Paulus zurückverweisen: Er weist darauf hin, dass man sich vom Geist leiten lassen soll, damit man wie ein Baum am Wasser mit nie verwelkenden Blättern ist. Man brennt nämlich nicht aus, da man die Kraft für das Gutsein, für den Lebenswandel nach dem Willen Gottes von Gott selbst holt, statt aus eigener Kraft. Aus eigener Kraft bringt man nicht viel zustande oder nur für kurze Zeit. Dann kommt die Sünde, die wir jeden Tag begehen. Was der Mensch aus eigener Kraft zustande bringt, ist von der gefallenen Natur geprägt. Es können keine Früchte des ewigen Lebens dabei herauskommen.
Die Torah ist ein erster Schritt, aber wir begreifen in unserer heilsgeschichtlichen Etappe, dass der Geist Gottes unbedingt notwendig ist, um selbst die Torah zu halten.

Lk 11
42 Doch weh euch Pharisäern! Ihr gebt den Zehnten von Minze, Gewürzkraut und allem Gemüse und geht am Recht und an der Liebe Gottes vorbei. Man muss das eine tun, ohne das andere zu unterlassen.

43 Weh euch Pharisäern! Ihr liebt den Ehrenplatz in den Synagogen und wollt auf den Straßen und Plätzen gegrüßt werden.
44 Weh euch: Ihr seid wie Gräber, die man nicht mehr sieht; die Leute gehen darüber, ohne es zu merken.
45 Darauf erwiderte ihm ein Gesetzeslehrer: Meister, mit diesen Worten beleidigst du auch uns.
46 Er antwortete: Weh auch euch Gesetzeslehrern! Ihr ladet den Menschen unerträgliche Lasten auf, selbst aber rührt ihr die Lasten mit keinem Finger an.

Heute werden die Wehrufe gegen die Pharisäer fortgesetzt, die gestern bereits eine scharfe Kritik von Jesus erfahren haben. Heute geht es nicht mehr um das saubere Geschirr, dafür aber um ihre Ruhmsucht.
Ein Zehntel an Kräutern geben diese zwar ab, doch den „Zehnten“ des ethischen Verhaltens ignorieren sie. Jesus bezieht sich hier auf Lev 27,30, wo der Zehnte des Ernteertrags Gott gehört. Er soll ihm sozusagen zurückgegeben werden als Zeichen der Dankbarkeit. Das ist ja auch richtig, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten das also tun. Das Problem ist die Doppelmoral, denn sie ignorieren zugleich die andere Seite der Medaille. Gott etwas vom Ertrag zurückzugeben, gründet ja auf der Gottesliebe. Diese ist aber zutiefst mit der Nächstenliebe verbunden. Wie kann man die Gottesliebe also im Falle der Pharisäer und Schriftgelehrten aufrichtig nennen, wenn sie zugleich die Nächstenliebe ignorieren? Jesus fasst deshalb zusammen: „Man muss das eine tun, ohne das andere zu lassen.“
Wie in der Bergpredigt in Mt kritisiert Jesus hier in Lk 11 die Ruhmsucht der Pharisäer. Sie lassen sich gerne in der Öffentlichkeit grüßen und nehmen in den Synagogen die Ehrenplätze ein. Das Problem ist nicht, dass sie gegrüßt werden oder diese Plätze einnehmen. Das Problem ist, dass sie das auch unbedingt wollen und darauf sehr viel Wert legen. Sie zeigen sich nach außen hin als religiöse Autoritäten, dabei haben sie die Basics ihres Glaubens noch gar nicht verstanden – die Liebe. Sie tun nach außen hin so vorbildlich, dabei sind sie innerlich tot. Deshalb gebraucht Jesus an dieser Stelle auch das Bild des Grabes. Die Menschen erkennen von außen nicht, dass es Gräber sind.
Jesus lehnt sich mit dieser harschen Kritik sehr weit aus dem Fenster, aber anders erreicht er diese verstockten Menschen nicht. Er möchte, dass auch sie betroffen sind und umkehren. Schließlich liebt Gott alle Menschen und möchte, dass wir alle gerettet werden.
So hinterlassen Jesu Worte auch ihre Spuren. Die Pharisäer beklagen sich über die Beleidigung, wie sie die Worte Jesu auffassen. Doch Jesus rudert nicht zurück nach dem Motto: „Oh, entschuldigung! Das war wohl zu hart von mir!“ Vielmehr legt er noch einen drauf und sagt nun auch zu den Gesetzeslehrer: „Ihr ladet den Menschen unerträgliche Lasten auf, selbst aber rührt ihr die Lasten mit keinem Finger an.“ Das ist nicht der Sinn der Torah und das hat mit Gottes Gabe nichts mehr zu tun. Vielmehr ist ein so kompliziertes Gerüst um die gottgegebene Torah entstanden, ein tonnenschweres selbstgebasteltes Kreuz, dass die Menschen gar nicht anders können, als unter seiner Last zusammenzubrechen. Wer kann da noch gerettet werden?
Und das führt uns zurück zu Paulus. Jesus ist nicht gekommen, die Torah aufzuheben, sondern um sie zu erfüllen. Er möchte den Blick auf das Wesentliche und Ursprüngliche zurücklenken und vor allem wieder auf den Kern zu sprechen kommen, den die Pharisäer und Schriftgelehrten komplett vergessen haben – die Liebe.

Die erfüllte Torah, das ist seine Person. Er ist das fleischgewordene Wort Gottes, das die Sünde auf sich nahm und uns den Geist gesandt hat. Zusammen mit der Gnade Gottes können wir nun die gefallene Natur überwinden und die Torah halten, wie er sie ausgelegt hat. Und wenn wir gefallen sind, weil die Folgen der Erbsünde noch da sind, dann dürfen wir Gott um Verzeihung bitten und von vorne anfangen. Das ist der Weg der Heiligkeit. Der Hl. Josemaria Escriva sagte treffend: „Ein Heiliger ist ein Sünder, der es immer wieder versucht.“ Das Entscheidende ist, dass wir es nicht aus eigener Kraft, sondern zusammen mit der Gnade Gottes tun.

Ihre Magstrauss