Montag der 2. Woche der Fastenzeit

Dan 9,4b-10; Ps 79,5 u. 8.9.11 u. 13; Lk 6,36-38

Dan 9
4 Herr, du großer und Furcht erregender Gott, der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren. 

5 Wir haben gesündigt und Unrecht getan, wir sind treulos gewesen und haben uns gegen dich empört; von deinen Geboten und Rechtsentscheiden sind wir abgewichen. 
6 Wir haben nicht auf deine Diener, die Propheten, gehört, die in deinem Namen zu unseren Königen und Vorstehern, zu unseren Vätern und zu allen Bürgern des Landes geredet haben. 
7 Du, Herr, bist im Recht; uns aber steht bis heute die Schamröte im Gesicht, den Leuten von Juda, den Einwohnern Jerusalems und allen Israeliten, seien sie nah oder fern in all den Ländern, wohin du sie verstoßen hast; denn sie haben dir die Treue gebrochen. 
8 Ja, HERR, uns steht die Schamröte im Gesicht, unseren Königen, Fürsten und Vätern; denn wir haben uns gegen dich versündigt. 
9 Beim Herrn, unserem Gott, ist das Erbarmen und die Vergebung, obwohl wir uns gegen ihn empört haben. 
10 Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN, unseres Gottes, nach seinen Weisungen zu wandeln, gehört, die er uns durch seine Diener, die Propheten, gegeben hat. 

Heute hören wir aus dem Buch Daniel einen Abschnitt, der zur Zeit des babylonischen Exils spielt, dem größten Trauma Israels in alttestamentlichen Zeiten. Zu jener Zeit kam Darius, der Sohn des Meders Xerxes an die Macht. Daniel hat in dem Kapitel zuvor eine Vision erhalten, die er noch nicht verstand. Und nachdem er die Schriften des Propheten Jeremia studiert hat, geht ihm nun auf, dass die babylonische Gefangenschaft nicht ewig anhalten soll, sondern siebzig Jahre. Daraufhin nimmt er eine Bußhaltung ein, geht in Sack und Asche, bittet und fleht den Herrn um Erbarmen an und bekennt unmittelbar vor dem heutigen Abschnitt, den wir hören, seine Sünden. Was wir nun hören, ist sein Bittgebet:
„Herr, du großer und furchterregender Gott“ – ja, er hat an den Schlägen auf das Haus Israel durch das babylonische Exil ganz deutlich zu spüren bekommen, dass Gott es ernst meint. Zugleich bekennt er, dass Gott der Treue ist, wenn er sagt: „der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren.“
Er bekennt stellvertretend für das ganze Volk Israel die Schuld, indem er die Untreue Israels bekennt. Er gibt zu, dass das babylonische Trauma selbstverschuldet ist, denn Israel ist von Gottes Geboten abgewichen.
Er bekennt im Namen des Volkes, dass Israel nicht auf die warnenden Propheten gehört hat, die das babylonische Exil vorausgesehen und das Volk zur Umkehr ermahnt haben.
Er sagt gleich zweimal „uns steht die Schamröte im Gesicht“. Das ist bemerkenswert. Scham ist etwas, das mit der Sünde in die Welt gekommen ist. Wir müssen uns schämen, weil wir uns vor Gott versündigen. Und Israel hat Gott die Treue gebrochen, weshalb es gleich mehrfach Scham empfindet: Dem einfachen Fußvolk sowie den Mächtigen des Volkes, „den Königen, Fürsten und Vätern“ treibt es die Schamröte ins Gesicht, dass sie Gottes Warnung immer wieder ignoriert haben und nicht rechtzeitig umgekehrt sind. Daniel bekennt eindeutig, dass das Exil sie getroffen hat, weil es heißt „wer nicht hören will, muss fühlen“. Er hadert nicht mit Gott und schreit ihn an: „Warum hast du das zugelassen? Gibt es dich überhaupt? Ich will die Freundschaft mit dir kündigen!“ So etwas sehen wir heutzutage sehr oft. Menschen kommen vom Glauben ab, wenn etwas Schlimmes in ihrem Leben passiert. Es ist nicht immer automatisch die eigene Schuld, wenn man im Leben leidet, sondern oft genug wird man als Unschuldiger hineingezogen. Doch viel zu selten nehmen wir die Haltung Daniels ein, gehen in uns und prüfen, ob wir nicht doch etwas damit zu tun haben…
Daniel bekennt dies alles, weil er weiß, dass Gott ein vergebender Gott ist. Er weiß, dass Gott die Schuld vergibt, wenn man sie von Herzen bereut und umkehrt. Das tut er ganz eindeutig ohne Verschönerung, indem er am Ende noch einmal bekennt: „Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN (…) gehört.“ Er selbst ist ja vielleicht nicht einmal betroffen, sondern die Generationen vor ihm, aber er hat ein kollektives Verantwortungsgefühl, das ihn dazu antreibt, stellvertretend für sein ganzes Volk um Verzeihung zu bitten. Das ist ein sehr lobenswertes Verhalten. Wie oft erleben wir das in unserem Umfeld, das jemand offensichtlich schuldig geworden ist, aber unbußfertig, uneinsichtig ist. Und dann dürfen auch wir, vor allem wenn es ein Familienmitglied ist, stellvertretend für diese Person um Verzeihung bitten. Gott möge ihr Herz erweichen und ihr Einsicht schenken, damit sie umkehrt und neu anfängt. Wir können Gott um Verzeihung für ihre Sünden bitten und sagen: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist das Mindeste, was wir als Familienmitglied dieser Person tun sollten, denn wir haben eine Verantwortung füreinander, nicht nur bezüglich des leiblichen Wohls, sondern umso mehr des seelischen Wohls. Es geht schließlich um das ewige Leben!

Ps 79
5 Wie lange noch, HERR? Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?

8 Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an! Mit deinem Erbarmen komm uns eilends entgegen! Denn wir sind sehr erniedrigt. 
9 Hilf uns, Gott unsres Heils, um der Herrlichkeit deines Namens willen! Reiß uns heraus und vergib uns die Sünden um deines Namens willen! 
11 Das Stöhnen des Gefangenen komme vor dein Angesicht! 
13 Wir aber, dein Volk und die Herde deiner Weide, wir wollen dir danken auf ewig, von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden.

Der heutige Psalm ist ebenfalls ein Bittgebet und ein Flehen, das ganz in die Situation des Volkes im babylonischen Exil passt.
„Wie lange noch, HERR?“ Ist ein typischer Ausdruck, den wir vor allem in Klagepsalmen lesen.
„Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?“ Diese Frage können wir als rhetorische Frage bewerten, denn anhand von prophetischen Schriften wie denen des Jeremia ist klar, dass auch die schweren Schicksalsschläge nicht ewig andauern.
Dann wird etwas gesagt, das die Haltung Daniels erklärt, obwohl er nicht mehr zur schuldig gewordenen Generation gehört: „Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an!“ Das ist eine tiefe Wahrheit, die auch heutzutage gerne ignoriert wird. Wir müssen die Konsequenzen der Sünde unserer Vorfahren mittragen. Das hat nichts mit Reinkarnation zu tun, sondern hängt mit der Natur der Sünde zusammen. Diese hat Generationen übergreifende Auswirkungen. Aber so wie wir unter den Vergehen unserer Eltern, Großeltern etc. zu leiden haben, können wir auch als ihre Nachkommen stellvertretend für sie Gott um Verzeihung bitten! Das ist sogar ganz wichtig und notwendig! Wir wissen nicht, ob sie immer noch dafür im Fegefeuer büßen müssen, und können so ihre Zeit im Fegefeuer verkürzen. Ein wenig Ahnenforschung ist dann absolut nützlich, weil wir so ihrer offensichtlichsten und größten Sünden gewahr werden (wenn es zum Beispiel einen Mord gab oder einen großen Streit, der öffentlich bekannt wurde, den man sogar in der Zeitung lesen konnte, der vielleicht bekannt wurde, weil die Personen berühmt sind). So können wir zumindest für diese bewusst um Vergebung bitten.
„Hilf uns, Gott unsres Heils“ – ja, Gott ist ein Gott, der nur das Heil für uns bereithält! Er ist es nicht, der uns dieses Unheil schickt, in dem wir uns befinden. Er ist allein der Gute. Alles Böse kommt vom Bösen und was uns Schlimmes widerfährt, haben wir sehr oft uns selbst zuzuschreiben. Dann sind es die Konsequenzen unserer falschen Entscheidungen. Gott ist aber so groß und barmherzig, dass er uns noch aus diesen selbstgemachten Katastrophen herausholt, obwohl wir sie eigentlich rein rechnerisch gesehen verdient haben. „Reiß uns heraus“ dürfen dann auch wir zu Gott rufen. Aber dann sollen wir ihm zugleich unsere Aufrichtigkeit zeigen, indem wir gleichzeitig sagen: „vergib uns die Sünden“.
Gott ist nicht gleichgültig gegenüber unserem Leiden. Es ist nicht sein Wille, dass wir leiden müssen. Er hat das Schreien seines Volkes in Ägypten gehört und er hört es auch im babylonischen Exil. Er hört auch unser Schreien unser Stöhnen, die wir gefangen sind – im Gefängnis unserer eigenen Sünden.
Gott erhört unser Gebet, vor allem wenn es durch und durch reumütig und aufrichtig ist. So können wir am Ende Gott für seine Rettung danken, wie es hier in Vers 13 geschieht: „Wir wollen dir danken auf ewig.“ Und wenn es dann heißt „von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden“, hat das in diesem Kontext eine besondere Wirkung: Durch die Vergebung unserer Vorfahren können auch diese dann ganz bei Gott sein und ihn auf ewig preisen. Gott ist groß. Er möchte unser Heil und tut alles dafür, dass wir zu ihm umkehren. Denn wir können nur dann glücklich sein, wenn wir bei ihm sind, wenn wir auf seinen Wegen gehen und nach unserem Tod dann ewig bei ihm im Himmel sind.

Lk 6
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! 
37 Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! 
38 Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.

Heute spricht Jesus uns im Evangelium wichtige Ermahnungen zu, die wir besonders jetzt in der Fastenzeit beherzigen sollen.
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ – wenn er uns aus der Katastrophe herausgeholt hat, die wir eigentlich verdient haben, ist das ein Zeichen seiner überreichen Barmherzigkeit. So hat es Gott ja mit dem Volk Israel immer wieder getan, das ihm untreu geworden war und deshalb in das babylonische Exil gekommen ist. Jesus möchte, dass wir aufgrund dieser Erfahrung (uns ist ja durch die Taufe ebenfalls ein riesiger barmherziger Akt geschenkt worden!) an unserem Nächsten ebenfalls so handeln: Wenn dieser an uns schuldig geworden ist, aber wirklich aufrichtig um Vergebung bittet, sollen auch wir ihm vergeben und keine Vergeltung mehr fordern. Und wenn jemand dann aufgrund der Missetaten uns gegenüber leidet, sollen auch wir ihm noch da heraushelfen. Das ist Ausdruck unserer Barmherzigkeit. Ein Beispiel: Ein Mann nimmt eine ganze Familie finanziell aus, hintergeht sie komplett. Die Familie gerät dadurch in Not, erkennt das Problem und bricht den Kontakt ab, vergibt diesem Mann aber von Herzen. Einige Jahre später ist dieser schuldig gewordene Mann ganz krank, kein Körperteil ist noch heile. Er ist nun total verarmt, hat alles verloren und viele Mitmenschen haben sich von ihm abgewandt. Die damalige Familie bekommt das nun mit und hilft ihm, obwohl er ja rein rechnerisch seine gerechte Strafe erhält. Die Familie unterstützt ihn finanziell, schenkt ihm ein offenes Ohr oder steht ihm auf andere Weise zur Seite. Dann ist das ein Ausdruck ihrer Barmherzigkeit. Gott sieht die Barmherzigkeit dieser Familie, so wie er auch schon ihre Vergebungsbereitschaft gesehen hat. Deshalb entschädigt er sie durch finanzielle Einkünfte aus unerwarteter Richtung. Er segnet sie und gibt ihr mehr als das, was ihr weggenommen worden ist. Gott ist barmherzig, wenn er sieht, dass auch wir es sind. Dann demonstrieren wir nämlich unsere Aufrichtigkeit. Der Mann sieht die Vergebungsbereitschaft und Barmherzigkeit seines ehemaligen Opfers und schämt sich für seine Vergehen. Er bittet Gott um Verzeihung und erkennt, dass all seine Leiden auf seine eigenen Sünden zurückzuführen sind. Gott hat die Familie gerettet, er hat aber auch den Mann gerettet, der ja auch sein geliebtes Kind ist.
So ist es auch mit dem Richten und Verurteilen: Wir sollen einander nicht richten, denn das ist Gottes Aufgabe. Wir können nicht einmal das Herz des Mitmenschen sehen. Wie wollen wir ein kompetentes Urteil fällen, wenn wir nur die Spitze des Eisbergs, die Worte und Taten einer Person sehen, aber nicht ihre Absicht? Zurück zum Beispiel: Die ausgenutzte Familie hat sich nicht zum Richter über den Mann aufgespielt. Sie hätte ihm auch nie ein kompetentes und gerechtes Urteil verhängen können. Sie weiß ja nicht, warum der Mann damals so gehandelt hat, was er in seinem Leben erlebt hat, dass er so geworden ist. Sie hat dies alles Gott überlassen und so hat dieser den Mann die Konsequenzen seines Handelns tragen lassen.
Wenn wir unseren Mitmenschen nicht verurteilen und ihn nicht richten, dann wird auch Gott uns nicht richten oder verurteilen. Das muss man richtig verstehen. In gewisser Hinsicht muss man ja sagen, dass jeder Mensch vor Gott stehen und gerichtet wird. Hier muss man es also so verstehen, dass ein negatives Gerichtsurteil Gottes gemeint ist. Wir werden am Ende unseres Lebens das Urteil bekommen, bei Gott sein zu dürfen, nicht in der Gottesferne der Hölle. So wie wir unseren Mitmenschen vergeben haben, wird Gott auch unsere Schuld vergeben, die wir begangen haben.
„Gebt, dann wird auch euch gegeben werden“ – das betrifft auch die Versöhnung. Geben wir unserem Missetäter die Hand, so wird auch Gott uns, die wir alle ausnahmslos Missetäter gegenüber Gott sind, die Hand reichen. Wir sind alle Sünder, nur unterschiedlich. All das betrifft nicht erst das Ende unseres Lebens. Schon im irdischen Dasein werden wir merken, dass Gott uns die Vergebung schenkt, dass wir in diesem Leben gesegnet werden. Im erzählten Beispiel hat es die Familie ja auch zu spüren bekommen, indem sie von Gott Segen erhalten hat. Sie wurde reichlich entschädigt.
Wenn wir wollen, dass Gott uns gegenüber großzügig, barmherzig, vergebungsbereit und wohlgesinnt ist, müssen wir all das unserem Mitmenschen gegenüber sein. Das ist nichts Anderes als die Goldene Regel: „Was ihr von Anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ Dies betrifft sowohl die Gottes- als auch die Nächstenliebe.

Jesus führt im heutigen Evangelium fort, was Daniel in der Lesung begonnen hat. Ja, man soll von Herzen bereuen, aber man muss auch dem Nächsten gegenüber dieselbe Vergebungsbereitschaft zeigen, die man von Gott erwartet. Wir können nicht das Vaterunser aufrichtig beten, wenn wir uns noch in einem unversöhnten Zustand mit einem anderen Menschen befinden. Leider kenne ich viele Menschen, die meinen, sie seien die besseren Katholiken, weil sie mehr beten als der Mainstream, doch zugleich sprechen sie kein Wort mit ihrem Vater oder ihrer Mutter. Sie sagen sogar, dass sie niemals mehr mit ihnen reden werden, obwohl besagter Elternteil krank und dem Tode nahe ist. Wie soll so einer Person die Vergebung Gottes zuteil werden, wenn sie nicht bereit ist, so kurz vor 12 diese Sache zu bereinigen? Jesus möchte, dass wir allen Menschen vergeben ohne Ausnahme. Manchmal ist es schon zu spät und die Person ist verstorben oder sie lebt am anderen Ende der Welt. Doch auch dann können wir von Herzen vergeben und der Person im Geiste zusagen:

„Ich vergebe dir alles von ganzem Herzen.
Ich löse mich von allen bösen Gedanken dir gegenüber,
auch wenn ich deine Missetaten nicht gutheiße.
Ich übergebe sie jetzt einfach Gott, der für Gerechtigkeit sorgen wird.
Ich gebe dich ab und löse mich von der Fessel des Nichtvergebens.

Herr, es fällt mir schwer, aber gib mir die Kraft,
von ganzem Herzen dieser Person vergeben zu können.
Gib mir deine vergebende Liebe ins Herz, damit ich es schaffe.“

Dann wird auch Gott uns alles vergeben und in dem Moment, wenn wir unsere ganze Vergebungsbereitschaft zeigen, dann spüren wir, wie Gottes vergebende Liebe unser Herz erfüllt. Wir merken, wie ein riesiger Stein uns vom Herzen fällt. Dann werden wir endlich frei von dem Gift der Unversöhntheit, das uns sogar physisch krank gemacht hat. Jesus erwartet das im heutigen Evangelium also nicht, weil er Unmögliches von uns verlangt und weil er uns quälen möchte. Er will nur das beste für uns. Er möchte, dass wir endlich frei werden und das Richten Gott überlassen. Er hat im Gegensatz zu uns die Kompetenz dazu. Wir müssen uns nicht maßlos überfordern.

Nutzen wir die Fastenzeit dazu, allen Menschen zu vergeben, denen wir noch nicht vergeben haben. Und wenn es schwer ist, mit ihnen ein Gespräch zu führen, können wir das auch im Geiste tun. Dann wird uns in der Beichte die Vergebung auf ganz vollkommene Weise zuteil und wir werden überreich gesegnet werden. Das gehört zu den in der Fastenzeit gebotenen „Werken der Barmherzigkeit“ dazu. Nehmen wir das ernst.

Ihre Magstrauss

Samstag der 1. Woche der Fastenzeit

Dtn 26,16-19; Ps 119,1-2.4-5.7-8; Mt 5,43-48

Dtn 26
16 Heute, an diesem Tag, verpflichtet dich der HERR, dein Gott, diese Gesetze und die Rechtsentscheide zu halten: Du sollst sie bewahren und sie halten mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele. 
17 Heute hast du der Erklärung des HERRN zugestimmt. Er hat dir erklärt: Er will dein Gott werden und du sollst auf seinen Wegen gehen, seine Gesetze, Gebote und Rechtsentscheide bewahren und auf seine Stimme hören. 
18 Und der HERR hat heute deiner Erklärung zugestimmt. Du hast ihm erklärt: Du möchtest das Volk werden, das ihm persönlich gehört, wie er es dir zugesagt hat. Du willst alle seine Gebote bewahren; 
19 er soll dich über alle Völker, die er geschaffen hat, erheben – zum Lob, zum Ruhm, zur Zierde – ; und du möchtest ein Volk werden, das ihm, dem HERRN, deinem Gott, heilig ist, wie er es zugesagt hat.

Die heutige Lesung ist aus dem Buch Deuteronomium, einer langen Abschlussansprache Moses. Er erklärt im heutigen Abschnitt den Grund für das Halten der Gebote.
Er hat das mosaische Gesetz noch einmal erklärt (deshalb der Name Deuteronomium, „zweites Gesetz“) und verpflichtet das Volk noch einmal auf die Einhaltung.
„Du sollst sie bewahren und sie halten mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele.“ Die Aussage ist dem Gebot der Gottesliebe sehr ähnlich, wo es heißt „mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft“. Das ist kein Zufall. Die Gottesliebe soll der Kern und die Absicht hinter dem Halten des mosaischen Gesetzes sein. So soll alles vom Herzen aus gehalten werden.
Im Vers darauf erinnert Mose das Volk daran, dass es seine Zustimmung gegeben hat, sozusagen sein Jawort. Das ist beim Bundesschluss entscheidend. Die Bedeutung eines Bundes ist, sich gegenseitig zu überantworten, sodass man dem Bündnispartner sagt: „Ich bin dein.“ Und so sagt Mose „Du möchtest das Volk werden, das ihm persönlich gehört, wie er es dir zugesagt hat.“ Von dieser tiefen Erkenntnis aus soll das Volk die Gebote Gottes halten.
Dann wird Gott Israel reichlich segnen (über alle Völker erheben). Dann möchte das Volk wirklich heilig sein, so wie Gott es berufen hat (schon in Lev 19,2).
Diese Worte sind auch an uns gerichtet, die wir durch die Taufe mit Gott einen Bund eingehen und diesen immer wieder erneuern. Auch wir sind dadurch zur Heiligkeit berufen und sollen diesen bestimmten Lebenswandel vom Wissen her führen, dass wir Gott gehören, der uns über alle erheben möchte – spätestens im Himmelreich.
Diese Heiligkeit bedeutet ein grundsätzliches Anderssein als der Mainstream, weil der Mainstream mit seinen Trends, Konventionen und Erwartungen nicht nach dem richtet, was Gott möchte. Das heißt das Anderssein soll nicht um des Andersseins willen geschehen, sondern ist die Folge davon, dass man eine andere Richtschnur hat als die Welt, nämlich Gottes Willen.
Wir gehören Gott, deshalb müssen wir nach seinem Willen leben. Dadurch werden wir aber reich beschenkt und es wird uns immer nur zum besten dienen.

Ps 119
1 Selig, deren Weg ohne Tadel ist, die gehen nach der Weisung des HERRN. 
2 Selig, die seine Zeugnisse bewahren, ihn suchen mit ganzem Herzen,
4 Du hast deine Befehle gegeben, damit man sie genau beachtet. 
5 Wären doch meine Schritte fest darauf gerichtet, deine Gesetze zu beachten.
7 Mit lauterem Herzen will ich dir danken, wenn ich deine gerechten Entscheide lerne. 
8 Deinen Gesetzen will ich folgen. Verlass mich nicht! Niemals! 

Im Psalm werden jene gepriesen, die nach Gottes Willen leben. Jene sind selig zu preisen, die Gottes Gebote halten, was mit „Zeugnisse bewahren“ gemeint ist. Das hebräische Wort עֵדָה edah kann Zeugnis, aber auch das Gebot/Gesetz meinen. Die spezielle Verbform für „bewahren“ נֹצְרֵי nozrej ist ein Partizip. Dadurch wird ausgesagt, dass die Betroffenen die Gebote dauerhaft halten. Es geht um einen gesamten Lebenswandel, der hier in Vers 1 mit „Weg“ umschrieben wird.
Gottes Gebote sind zur genauen Befolgung gegeben worden. Das ändert sich auch mit Jesus nicht, der eben genau das möchte: die Gebote so zu verstehen, wie Gott sie ursprünglich gedacht hat. Greifen wir nochmal auf Deuteronomium zurück, können wir diese genaue Befolgung mit dem Bundesgedanken „ich gehöre dir und du gehörst mir“ erklären: Wenn wir uns für einen Menschen ganz entscheiden, vor allem in der Trauung (auch ein Bund!), dann nehmen wir ihn vollständig an und nicht nur den Teil von ihm, der uns passt. Wenn wir einen Menschen wirklich von Herzen lieben, dann lieben wir alles an ihm und möchten auch alles für ihn tun, um ihm unsere Liebe zu erweisen/beweisen. So ist es auch mit Gott. Es ist eine Beziehung, die wir heute durch den Neuen Bund, die Juden damals durch den Alten Bund mit ihm eingegangen sind. Damit verbunden ist ja das Halten seiner Gebote und diese halten wir vollständig. Es ist analog zur zwischenmenschlichen Beziehung und vor allem Eheschließung zu betrachten.
Berücksichtigen wir dies, werden wir die genaue Befolgung der Gebote mit Liebe in Verbindung bringen und nicht mit Pflichtbewusstsein, Perfektionismus und toter Buchstabentreue.
In Vers 5 wird angedeutet, dass der Mensch nicht perfekt ist und die Gebote hält, wie er sollte: „Wären doch meine Schritte fest darauf gerichtet“ ist der Wunsch des Beters, Gott immer treu zu sein. Es impliziert, dass dies nicht immer gegeben ist. Der Mensch sündigt. Und diese Beobachtung macht er schon sehr früh, nicht erst mit den Psalmen, aber dort durchaus intensiv.
„Mit lauterem Herzen will ich dir danken“ zeigt, dass wir Gott für seine Gebote wirklich nur danken können. Sie sind nicht da, um uns einzuschränken, sondern uns ein Leben in Fülle zu schenken. Wir werden wirklich von Herzen glücklich sein, wenn wir Gottes Wege gehen. Er kennt uns und weiß, was wir brauchen.
„Deinen Gesetzen will ich folgen“ ist eine Willensbekundung, eine Art Ja-Wort. So sollten auch wir jeden Tag beten: Ich möchte heute deinen Willen tun und ja zu dir sagen. Und auch den zweiten Teil möchten auch wir beten: „Verlass mich nicht! Niemals!“ Gott verlässt uns nie. Wir sind es, die ihn verlassen, indem wir ihn ablehnen. Das verstehen wir heute, die wir Gottes Zusage im brennenden Dornbusch mit dem Immanuel (Gott mit uns) und die letzten Worte Jesu vor seiner Himmelfahrt „ich bin bei euch alle Tag bis zum Ende der Welt“ in Verbindung bringen. Gott ist immer derselbe, doch wir gehen weg von ihm wie der verlorene Sohn im Gleichnis Jesu. Und dennoch können auch wir so beten, denn wir zeigen Gott dadurch unseren Willen, immer in seiner Gegenwart sein zu wollen.

Mt 5
43 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. 

44 Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen, 
45 damit ihr Kinder eures Vaters im Himmel werdet; denn er lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten und er lässt regnen über Gerechte und Ungerechte. 
46 Wenn ihr nämlich nur die liebt, die euch lieben, welchen Lohn könnt ihr dafür erwarten? Tun das nicht auch die Zöllner? 
47 Und wenn ihr nur eure Brüder grüßt, was tut ihr damit Besonderes? Tun das nicht auch die Heiden? 
48 Seid also vollkommen, wie euer himmlischer Vater vollkommen ist!

Heute hören wir wieder einen Abschnitt aus der Bergpredigt.
Was Jesus heute erklärt, greift das mosaische Gesetz und die Nächstenliebe aus Levitikus auf: Wir sollen unsere Feinde lieben und für jene beten, die uns hassen. Es ist nicht nur so, dass wir unseren Nächsten lieben sollen, wie uns selbst und damit ist nicht mehr nur der Israelit gemeint. Es betrifft jetzt alle Menschen, egal welcher Nationalität oder Religiosität. Es ist sogar noch so – egal ob gutgesinnt oder feindlich.
Jeden Menschen zu lieben, ist Ausdruck für Barmherzigkeit (Gott „lässt seine Sonne aufgehen über Bösen und Guten“).
Den zurückzulieben, der mich auch liebt, ist keine große Leistung. Das ist, was alle tun. Dann ist es aber noch keine Liebe, sondern eine Win-Win-Situation. Die Liebe als Gabe Gottes, die Agape, ist dagegen dann wirksam, wenn man gehasst wird, wenn es schwierig wird, wenn man liebt, obwohl man keine Gegenliebe erwarten kann.
Wer gibt, weil er weiß, dass ihm zurückgegeben wird, hat seinen Lohn schon bekommen. Er braucht vom Vater im Himmel nichts mehr erwarten.
Jesu Worte dringen direkt ins Herz und sind eine Herausforderung. Man wird dazu aufgefordert, zu lieben, wo es einem gegen den eigenen Strich geht, gegen das eigene Ego. Die Menschen verhöhnen einen noch in der heroischen Tat des Wangehinhaltens. Wir werden dann nichts Anderes erwarten können, denn Jesus selbst ist noch am Kreuz ausgelacht worden, weil er als Messias sich nicht vom Kreuz herabgeholt hat. Und jene, die ein bisschen Wärme in ihren Herzen haben, werden von dieser entlarvenden Liebe berührt. Und wenn sie nach außen hin noch nichts zeigen werden, beginnt schon ein Prozess der Verwandlung in ihnen. Gott ist barmherzig und wir sollen durch unsere Hingabe und Vergebungsbereitschaft zu den verlängerten Armen der göttlichen Barmherzigkeit werden. Unser Lohn im Himmel wird groß sein, denn so wie der Vater den Sohn über alle anderen erhöht hat (Phil 2), so wird er auch uns erhöhen. Was ist im Gegensatz zur ewigen Erhöhung durch Gott der vorübergehende Spott derer, die voll der weltlichen Weisheit sind?

Wir gehören Gott durch den neuen Bund und keiner kann uns dies entreißen. Auch wenn wir angefeindet werden, auch wenn jemand uns verspottet, wenn wir die Feinde lieben und ihnen vergeben, haben wir die tiefe Gewissheit, dass Gott uns über alle anderen erheben wird. Wir wissen, dass es nicht umsonst ist, Gottes Gebote zu halten aus diesem Kern der Liebe heraus. Mit Jesus haben wir auch ein perfektes Vorbild, der diese Liebe gänzlich vorgelebt hat. Die Fastenzeit ist eine gute Gelegenheit, diese Liebe vermehrt zu praktizieren und in dem Kontext auch den Bund zu erneuern: „Fest soll mein Taufbund immer stehn. Zum Herrn will ich gehören. Er ruft mich seinen Weg zu gehen und will sein Wort mich lehren.“

Ihre Magstrauss

Zweiter Fastensonntag

Gen 22,1-2.9a.10-13.15-18; Ps 116,10 u. 15.16-17.18-19; Röm 8,31b-34; Mk 9,2-10

Gen 22
1 Nach diesen Ereignissen stellte Gott Abraham auf die Probe. Er sprach zu ihm: Abraham! Er sagte: Hier bin ich.

2 Er sprach: Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, geh in das Land Morija und bring ihn dort auf einem der Berge, den ich dir nenne, als Brandopfer dar!
9 Als sie an den Ort kamen, den ihm Gott genannt hatte, baute Abraham dort den Altar, schichtete das Holz auf, band seinen Sohn Isaak und legte ihn auf den Altar, oben auf das Holz.

10 Abraham streckte seine Hand aus und nahm das Messer, um seinen Sohn zu schlachten.
11 Da rief ihm der Engel des HERRN vom Himmel her zu und sagte: Abraham, Abraham! Er antwortete: Hier bin ich.
12 Er sprach: Streck deine Hand nicht gegen den Knaben aus und tu ihm nichts zuleide! Denn jetzt weiß ich, dass du Gott fürchtest; du hast mir deinen Sohn, deinen einzigen, nicht vorenthalten.
13 Abraham erhob seine Augen, sah hin und siehe, ein Widder hatte sich hinter ihm mit seinen Hörnern im Gestrüpp verfangen. Abraham ging hin, nahm den Widder und brachte ihn statt seines Sohnes als Brandopfer dar.
15 Der Engel des HERRN rief Abraham zum zweiten Mal vom Himmel her zu

16 und sprach: Ich habe bei mir geschworen – Spruch des HERRN: Weil du das getan hast und deinen Sohn, deinen einzigen, mir nicht vorenthalten hast,
17 will ich dir Segen schenken in Fülle und deine Nachkommen überaus zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand. Deine Nachkommen werden das Tor ihrer Feinde einnehmen.
18 Segnen werden sich mit deinen Nachkommen alle Völker der Erde, weil du auf meine Stimme gehört hast.

Die erste Lesung ist ein einziger Typos, der auf Christus verweist, vor allem auf seinen Kreuzestod, auf den wir ja in der Fastenzeit zugehen.
Es geht um die schwerste Bewährungsprobe, die Abraham durchzustehen hat: Nachdem er so viele Jahrzehnte auf die Erfüllung der Zusage Gottes gewartet hat – einen Sohn, der den Anfang des verheißenen Gottesvolkes markiert, soll er ihn opfern. Auf einem der Berge des Gebirges Morija. Was für ein Schock das für ihn gewesen sein muss!
Doch wir lesen nichts davon, dass er Gott widerspricht. Er setzt sofort um, was er von ihm erwartet. So macht er sich mit Isaak auf den Weg zu dem Ort, den Gott selbst als Opferungsort angibt. Es geht um das Bergland von Morija bzw. wird im zweiten Buch der Chroniken Morija auf einen einzelnen Berg bezogen. Dort errichtet Salomo seinen ersten Tempel. So wird uns bewusst: Der Ort, an dem der Vater seinen einzigen Sohn dahingeben soll, ist dort, wo später der Tempel von Jerusalem entsteht und immer wieder Opfer dargebracht werden! Ja, es geht sogar noch weiter und somit eröffnet sich uns der hermeneutische Rahmen, in dem wir diese Erzählung auffassen müssen: Es ist der Ort, an dem der himmlische Vater seinen einzigen Sohn Jesus Christus opfern wird am Kreuz. Betrachten wir die Episode also von diesem typologischen Zusammenhang her:
Abraham baut einen Altar, schichtet Holz auf, fesselt seinen Sohn und legt ihn auf den Altar. Er ist schon dabei, auszuholen, um mit dem Messer das Kind zu töten. Wir können uns nur ansatzweise vorstellen, was in ihm vorgegangen sein muss. Er leistet überhaupt keinen Widerstand, aber wie sehr sein Herz bei all dem blutet und wie sehr er gegen die Versuchung ankämpft, Gott zu misstrauen, das können wir erahnen. Und doch ist Gott bei ihm an erster Stelle. Er steht höher als sein eigener Sohn, auf den er so lange gewartet hat. Und sein Verhalten zeigt, dass er ganz und gar auf Gott vertraut. Es ist sogar so, dass viele Kirchenväter über diese Szene schreiben: Abraham hat ganz auf die Allmacht Gottes vertraut und geglaubt, dass dieser seinen Sohn von den Toten auferwecken kann! Das ist für uns einmal mehr ein Hinweis auf die typologische Verbindung zu Jesus Christus.
Bevor Abraham seinen Sohn opfern kann, gebietet ein Engel ihm Einhalt. Er hat die Glaubensprobe bestanden. Statt der Opferung des eigenen Sohnes soll er einen Widder opfern, der sich im Gestrüpp verfangen hat. Abraham hat bewiesen, dass er Gott ganz glaubt – durch sein Verhalten. Glaube ist zutiefst mit Gehorsam verbunden und zeigt sich in der praktischen Ausübung. Er war ganz bereit, seinen Sohn nicht zurückzuhalten.
Weil Abraham Gott den ersten Platz in seinem Leben gibt, wird ihm ganz großer Segen verheißen. So ist es auch mit uns. Wenn wir in allem das Reich Gottes suchen, so wird Jesus später sagen, dann wird uns alles dazugegeben. Dann werden wir nicht nur am Existenzminimum leben, sondern ein Leben in Fülle haben. Gott gibt immer im Übermaß. Sein Segen ist grenzenlos. Erneut wird ihm ein großes Volk verheißen, dass sogar zum Gegenstand des Segens aller anderen Völker sein wird. Die Nichtjuden werden mit der Zeit erkennen, was für einen großen Gott die Juden haben. Und der Nachkomme schlechthin, Jesus Christus, wird der ultimative Segen für alle Menschen sein. Das ist schon sehr messianisch, was Abraham hier verheißen wird!
Betrachten wir die typologischen Linien eingehender: Was uns heute leider nicht verlesen wird, ist der Weg auf den Berg Morija. Denn es ist so, dass Isaak selbst das Holz für seine Opferung den Berg hinauf trägt. So wird es Jesus Christus sein, der das Holz seines Kreuzes den Berg hinauf tragen wird, um darauf festgebunden und geopfert zu werden. Im Gegensatz zu Isaak, der verschont bleibt, wird Jesus Christus wahrlich geopfert werden und bis auf den letzten Blutstropfen für uns hingegeben werden. Für die ersten Christen war es offensichtlich, diese Verbindungslinien zu ziehen und davon ausgehend den Kreuzestod Jesu Christi als Opfertod zu bezeichnen. So wie über die Linie Isaaks das Volk Gottes entsteht, so entsteht über Jesus Christus das Volk des Neuen Bundes. Er ist der Erstgeborene dieser neuen Schöpfung. Wenn wir die Liebe Abrahams zu seinem Sohn betrachten – wie lange hat er auf ihn gewartet und wie sehr muss er an ihm gehangen haben – dann haben wir ansatzhaft eine Ahnung davon, wie sehr der himmlische Vater seinen Sohn liebt. Und doch war er bereit, diesen für unsere Erlösung hinzugeben! Je mehr wir darüber nachdenken, desto mehr begreifen wir, dass Gott die Liebe ist.
Es gibt noch eine weitere Sache, die man anhand dieser Erzählung realisiert: Der Böse greift stets Vorhandenes auf, um es zu pervertieren. So ist das größte Übel unserer heutigen Zeit die Opferung des eigenen Kindes durch die Abtreibung. Statt Jesu spätere Worte „das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird“ ertönt das „das ist mein Leib“ im Sinne von „mein Bauch gehört mir“, so als ob das ungeborene Kind zum eigenen Körper gehören würde.

Ps 116
10 Ich glaube – auch wenn ich sagen muss: Ich bin tief erniedrigt!
15 Kostbar ist in den Augen des HERRN der Tod seiner Frommen.
16 Ach HERR, ich bin doch dein Knecht, dein Knecht bin ich, der Sohn deiner Magd! Gelöst hast du meine Fesseln.
17 Ich will dir ein Opfer des Dankes bringen, ausrufen will ich den Namen des HERRN.
18 Meine Gelübde will ich dem HERRN erfüllen in Gegenwart seines ganzen Volks.

19 in den Höfen des Hauses des HERRN, in deiner Mitte, Jerusalem. Halleluja!

Heute beten wir einen Dankespsalm, der zum sogenannten Ägyptischen Hallel gehört (ein großes Loblied bestehend aus den Psalmen 113-118). Es wird so genannt, weil es an das erste Pessachfest in Ägypten erinnert. Das ägyptische Hallel ist zu den großen Wallfahrtsfesten gebetet worden, also haben die Juden zur Zeit Jesu dieses Hallel zum kommenden Pessachfest ebenfalls gebetet. Wir können uns durchaus vorstellen, dass Jesus auch im Abendmahlssaal dieses Hallel angestimmt hat, denn es war Tradition, dieses Loblied am Sederabend mit der Familie zu singen (und der Zwölferkreis war Jesu Familie). Es macht absolut Sinn, diesen Psalm im Anschluss an die Lesung zu beten. So wie Abraham bereit war, seinen Sohn dahinzugeben, ist der himmlische Vater bereit, seinen Sohn dahinzugeben. Dadurch wird der Neue Bund mit den Menschen besiegelt, dessen Einsetzung im Abendmahlssaal stattfindet, in dem Jesus mit seinen Aposteln Ps 116 betet. Nicht nur die Opferung Isaaks, sondern auch die Opferung des Passahlammes stellt einen Typos zum Opfertod Jesu Christi dar. So wie durch das Blut des Lammes die Israeliten vor dem Todesengel bewahrt werden, so werden wir durch das Blut des Lammes Gottes vor dem seelischen Tod gerettet.
„Wie kann ich dem HERRN vergelten all das Gute, das er mir erwiesen?“ Mit dieser rhetorischen Frage bringen schon die Israeliten zum Ausdruck, dass der Exodus mit der Befreiung aus dem Sklavenhaus Ägypten absoluter Gnadenerweis Gottes ist. Das Volk hätte es nie zustande gebracht, diese Befreiungsaktion erst einmal zu verdienen durch gute Taten und Opfer. Und auch wir können nur so beten, denn wer von uns hätte das Kreuzesopfer durch eigenes Gutsein zuerst verdienen können? Die übergroße Schuld mit den hohen Wellen ihrer todbringenden Konsequenzen hätte durch menschliche Kraft nie gesühnt werden können. Es war ein einziger Gnadenakt Gottes, seinen geliebten Sohn für uns dahinzugeben, um diese übergroße Schuld zu sühnen!
„Den Becher des Heils will ich erheben. Ausrufen will ich den Namen des HERRN.“ Jesus musste den Becher des Leidens und Todes trinken, von dem er voller Todesangst im Garten Getsemani noch gesagt hat: „Vater, nimm diesen Kelch von mir…doch nicht mein, sondern dein Wille geschehe“. Weil er ihn bereitwillig getrunken hat, ist er für uns zum Becher des Heils geworden! Wir rufen den Namen des HERRN an, bis er wiederkommt in Herrlichkeit. So geschehen in seinem Namen bis heute Zeichen und Wunder.
„Kostbar ist in den Augen des HERRN der Tod seiner Frommen.“ Das soll nicht heißen, dass Gott es gefällt, wenn Menschen sterben müssen. Es heißt vielmehr, dass der Preis für den Tod sehr hoch ist, weil die Frommen ihm kostbar sind. Und der Frommste ist Jesus Christus, sein eingeborener Sohn. Sein Tod ist so teuer, dass er mit dem Preis die Sünde der ganzen Welt loskaufen konnte!
„Gelöst hast du meine Fesseln.“ Dies bezieht sich zunächst auf die Fesseln des Sklavenhauses Ägypten, deren Lösung der Psalm ja dankend gedenkt. Der Kreis schließt sich aber mit der Befreiung aus der Sklaverei der Sünde durch die Erlösung Jesu Christi, der auf diese Weise noch viel existenziellere Fesseln gelöst hat! Er hat nicht nur unsere Fesseln des ewigen Todes gelöst, sondern wird am Ende der Zeiten dem Bösen endgültig die Fesseln anlegen!
„Ich will dir ein Opfer des Dankes bringen, ausrufen will ich den Namen des HERRN.“ Dies ist eine gelübdeartige Zusage, die liturgisch im Laufe der Wallfahrt ja umgesetzt wird. Es werden Opfer im Tempel von Jerusalem dargebracht. Wir lesen es an diesem heutigen Tag eucharistisch: Ja, wir bringen ein Opfer des Dankes dar, die Eucharistie, die Danksagung, die zwar auf den ersten Blick Mahl (ja, das darf man nicht vergessen), aber zutiefst vom Kern und Wesen her Opfer ist.
„Meine Gelübde will ich dem HERRN erfüllen in Gegenwart seines ganzen Volks.“ Diese Zusage im Kontext der Wallfahrt geschieht vor den Augen der anderen. Danksagung ist ein Opfervorgang, der nicht individuell bleibt, sondern in Versammlung. Deshalb feiern wir bis heute die Eucharistie in der Gemeinschaft der Heiligen – und damit sind nicht nur jene auf Erden gemeint, sondern auch die Heiligen, die bereits am Thron Gottes stehen, auch die Engel, die Gott dienen!

Röm 8
31 Ist Gott für uns, wer ist dann gegen uns?
32 Er hat seinen eigenen Sohn nicht verschont, sondern ihn für uns alle hingegeben – wie sollte er uns mit ihm nicht alles schenken?
33 Wer kann die Auserwählten Gottes anklagen? Gott ist es, der gerecht macht.
34 Wer kann sie verurteilen? Christus Jesus, der gestorben ist, mehr noch: Der auferweckt worden ist, er sitzt zur Rechten Gottes und tritt für uns ein.

In der zweiten Lesung hören wir nun die Konsequenz der Erlösung, die Auswirkungen für unser weiteres Leben: Weil Gott uns erlöst hat und wir diese durch die Taufe gläubig angenommen haben, sind wir sein Eigentum geworden. Wir gehören nun zu seiner Familie. Als österliche Menschen sind wir mit der Gabe einer unerschütterlichen Hoffnung und inneren Gewissheit beschenkt worden, dass egal was passiert, wir uns unserer Kindschaft Gottes sicher sein dürfen. Und wenn man uns auch für den Glauben umbringen sollte – wir würden direkt in die Arme des Vaters eingehen. Was können uns schon andere Menschen anhaben, wenn wir Gott an unserer Seite haben!
Er hat im Gegensatz zu Abraham seinen Sohn nicht verschont, damit wir alles nur erdenklich Gute erhalten konnten, vor allem das ewige Leben! Wenn er schon bereit war, sein Kostbarstes zu verschenken, wieso sollte er uns nicht in unserem weiteren Leben alles schenken, was wir brauchen! Jesus meinte es wirklich ernst, als er sagte, dass wir zuerst das Reich Gottes suchen sollen und uns alles andere dazugegeben werde.
Und wenn wir für den Glauben auch vor Gericht gestellt werden sollten und im weltlichen Sinne ungerecht genannt werden: In Gottes Augen sind wir gerecht, wenn wir seine Gebote halten. Durch die Taufgnade sind wir gerechtfertigt worden vor ihm. Wir sind reines weißes Leinen geworden, doch müssen uns im Laufe des Lebens bewähren so wie Abraham. Doch Gott verleiht uns die Gnade, gut zu sein.
Jesus Christus selbst tritt für uns ein beim eigentlichen Gericht, dem Gericht Gottes. Dagegen halten keine weltlichen Gerichte stand, die uns für den christlichen Glauben verurteilen wollen.
Heutzutage gibt es viele Staaten, die christenfeindlich sind. Im Laufe der gesamten Kirchengeschichte war die Christenverfolgung noch nie so schlimm wie in heutiger Zeit. Viele Menschen fühlen sich von Paulus‘ Worten angesprochen. Sie werden wirklich vor die Gerichte gestellt und verurteilt, müssen im Gefängnis sitzen, werden sogar gefoltert oder direkt umgebracht. Doch was die Menschen nicht töten können, ist ihr ewiges Leben. Gott hat das letzte Wort und sein Gericht verläuft ganz anders. Bei ihm trifft es jene mit einem negativen Urteil , die seine geliebten Kinder verfolgt haben.

Mk 9
2 Sechs Tage danach nahm Jesus Petrus, Jakobus und Johannes beiseite und führte sie auf einen hohen Berg, aber nur sie allein. Und er wurde vor ihnen verwandelt;
3 seine Kleider wurden strahlend weiß, so weiß, wie sie auf Erden kein Bleicher machen kann.
4 Da erschien ihnen Elija und mit ihm Mose und sie redeten mit Jesus.
5 Petrus sagte zu Jesus: Rabbi, es ist gut, dass wir hier sind. Wir wollen drei Hütten bauen, eine für dich, eine für Mose und eine für Elija.
6 Er wusste nämlich nicht, was er sagen sollte; denn sie waren vor Furcht ganz benommen.
7 Da kam eine Wolke und überschattete sie und es erscholl eine Stimme aus der Wolke: Dieser ist mein geliebter Sohn; auf ihn sollt ihr hören.
8 Als sie dann um sich blickten, sahen sie auf einmal niemanden mehr bei sich außer Jesus.
9 Während sie den Berg hinabstiegen, gebot er ihnen, niemandem zu erzählen, was sie gesehen hatten, bis der Menschensohn von den Toten auferstanden sei.
10 Dieses Wort beschäftigte sie und sie fragten einander, was das sei: von den Toten auferstehen.

Heute am zweiten Fastensonntag hören wir im Evangelium von der Verklärung des Herrn. Sie trägt sich sechs Tage nach dem Aufenthalt in Cäsarea-Philippi zu. Dabei nimmt Jesus die drei Apostel Jakobus, Johannes und Petrus mit. Dieses Trio begleitet Jesus immer zu Ereignissen, bei denen nur wenige Menschen Zutritt haben (z.B. im Haus des Jairus, als seine Tochter gestorben war).
Den Dreien wird heute ein unvergleichliches Privileg geschenkt: Sie erhaschen einen Blick nicht „nur“ auf den Auferstandenen, sondern sogar mehr – auf den Jesus, wie er nach der Himmelfahrt ist und den der Rest der Menschheit erst am Ende der Zeiten sehen wird. Dann wird er in seiner Herrlichkeit auf einer Wolke zu uns herabfahren.
Berge sind in der Hl. Schrift die Orte besonderer Gottesbegegnung. So wie Morija, das spätere Bergland von Judäa, zu einem besonders intensiven Ort Gottes wird, so ist der Tabor in der Verklärungsgeschichte Ort der besonderen Offenbarung. So wir Morija zwar einerseits Ort der Passion und des Opfertodes wird, nach drei Tagen aber zum Ort der Auferstehung und des Heils, so ist der Tabor ein Ausblick auf die Herrlichkeit Gottes.
Was dort auf dem Tabor geschehen ist, schließt übrigens einen Kreis, den Gott im Laufe der Heilsgeschichte zu zeichnen begonnen hat: Bereits im AT hat er sich in seiner Herrlichkeit gezeigt. Damals stieg Mose zusammen mit Aaron, Nadab, Abihu und den siebzig von den Ältesten Israels auf den Berg Sinai (Ex 24), um die Herrlichkeit zu schauen. Bis ganz nach oben durften sie aber nicht, sondern hielten einen Abstand ein. Nur Mose durfte ganz zu Gott vordringen, um die Gesetze des HERRN zu erhalten. Und doch konnte er Gottes Herrlichkeit nicht ganz schauen. Etwas später erfahren wir von der Gunst, die Gott dem Mose zuteil werden ließ: Er zeigte Mose beim Vorbeiziehen seinen Rücken (Ex 33).
Auch im ersten Buch der Könige war der Sinai Ort der Gottesbegegnung. Elija flüchtete dort hin, als man ihm nach dem Leben trachten wollte – zum Dank für sein Bemühen um das Gesetz Gottes. Und auch hier forderte Gott auf: „Komm heraus und stell dich auf den Berg vor den Herrn!“ Als Elija sich nach dem Vorüberziehen von Sturm, Erdbeben und Feuer beim leisen Säuseln bereit machte, verhüllte er sein Gesicht. Auch er sah Gottes Herrlichkeit nicht ganz.
Was diesen beiden Großen verwehrt blieb, dürfen nun die Apostel schauen: die Herrlichkeit Gottes. Lassen wir es uns auf der Zunge zergehen. Welche Gnade ist diesen drei einfachen Männern geschenkt worden, dass sie nicht auf der Stelle gestorben sind, als sie diese geballte Liebe schauen durften! Und das ist nicht alles. Plötzlich sehen sie zwei Gestalten bei Jesus. Und es sind ausgerechnet Mose und Elija! Die zwei, die das Gesetz und die Propheten repräsentieren, die den Messias so sehnlichst angekündigt haben, deren Lebensende so besonders war. Ausgerechnet sie beide stehen bei Jesus und unterhalten sich mit ihm. Die drei Apostel kannten die Hl. Schrift. Sie haben den Code verstanden. Der Kreis hat sich geschlossen. Oder er wird weiter gezeichnet:
Jesus zeigt jenen drei Aposteln seine Herrlichkeit, die wenig später mit ihm im Garten Getsemani ausharren würden. Er zeigt sich jenen drei Aposteln, die feste Säulen der Jerusalemer Urgemeinde und darüber hinaus werden würden. Es ist eine Stärkung vor der großen Versuchung – und ein Vorgeschmack auf das Ostergeheimnis.
Das Licht des Gesichts und der Kleider Jesu sind die Beschreibung der Gnade Gottes. Diese haftet so an ihm, dass man davon ganz geblendet wird.
Warum möchte Petrus drei Hütten bauen? Ist er so durcheinander, dass er nicht weiß, was er da von sich gibt? Im Griechischen heißt es eigentlich nicht „Hütten“, sondern „Zelte“ (σκηνάς skenas). Petrus möchte drei Zelte aufschlagen, was uns sehr an den Tempel in der Zeit der Wüstenwanderung erinnert. Petrus hat mit dieser Frage also eigentlich den Nagel auf den Kopf getroffen! Er hat den Bogen zum Sinai, zur Offenbarung Gottes und zum Offenbarungszelt geschlossen. Er hat die Typologie erkannt, die vom Wort Gottes aus Steintafeln bis zum fleischgewordenen und verklärten Wort Gottes führt. Er möchte Zelte aufschlagen, um diese Herrlichkeit festzuhalten wie das Allerheiligste in der Bundeslade einen Zeltort bekommen hat. Auch dies führt uns zurück zu Morija und dem später entstehenden Tempel zur Zeit Salomos. Gott hat bereits damals sein Zelt aufgeschlagen auf dem Berg.
Auch wir haben unsere Tabormomente in unserem Leben. Auch wir möchten diese Hoch-Zeiten festhalten und am liebsten nicht zurück in den grauen Alltag. Und auch die Kirche hält diese Herrlichkeit fest, indem sie den eucharistischen Herrn im Tabernakel aufbewahrt.
Im Grunde ist jede Heilige Messe ein einziger Tabormoment, denn auch dort wird Christus in Gestalt von Brot und Wein verherrlicht.
Dann passiert etwas, das die Jünger in Angst versetzt. Eine Wolke legt sich auf sie nieder. Das ist ein weiteres typologisches Signal! Auch auf dem Sinai stieg die Wolke Gottes nieder, als seine Gegenwart den Ort aufsuchte. So ist es auch auf dem Tabor, wo eine Stimme Jesus Christus als seinen geliebten Sohn proklamiert. Auch die Israeliten hatten mächtigen Respekt, als Gottes Gegenwart den Sinai erfüllte. Im Gegensatz zu ihnen dürfen die drei Aposteln mit Jesus oben sein und seine Herrlichkeit schauen!
Sie fallen mit dem Gesicht zu Boden. So überwältigend ist dieses ganze Ereignis. Und als sie wieder aufblicken, nachdem Jesus sie angefasst hat, ist alles wieder normal.
Jesus gebietet ihnen, das Ereignis bis zu seiner Auferstehung für sich zu behalten. Die ganze Rede von seiner messianischen Identität soll erst nach seinem Tod thematisiert werden. Immer wieder verbietet Jesus den Geheilten, sogar den Dämonen, von seiner messianischen Identität zu sprechen.
Warum aber hat Jesus die Aposteln mitgenommen und warum passierte dies zu so einem scheinbar willkürlichen Moment?
Nichts bei Gott ist zufällig und es hat sein perfektes Timing. Gott stärkt die drei zentralen Apostel vor dem Leiden, vor der großen Herausforderung. Ausgerüstet mit dieser Glaubensstärkung sollen sie in die große Katastrophe gehen, die uns im Nachhinein aber zur größten Erlösung geworden ist. So möchte Gott auch uns immer wieder mit ganz besonderen Gnaden und Hoch-Zeiten beschenken, damit wir beschwingt von diesen Dingen dann in der großen Bedrängnis, in der Versuchung, in dem schweren Leiden durchhalten. Passion und Auferstehung, Karfreitag und Ostern. Beides geht nicht ohne das andere. Deshalb hören wir einerseits Texte des Opfers und des Todes, andererseits von der Erlösung und Herrlichkeit des Himmels. Davon ausgehend betrachten wir unsere ganz persönliche Passion, um gestärkt zu werden im Durchleben unseres Karfreitags hin zu unserem Ostern. Davon ausgehend betrachten wir den Weg der österlichen Bußzeit bis hin in die Zuspitzung der Passion und der Auferstehung Jesu Christi am dritten Tag.

Warum aber hören wir an diesem heutigen Fastensonntag diese Zusammenstellung der Texte? Warum Abrahams Glaubensprüfung und Jesu Verklärung? Wie passt beides zueinander? Vielleicht kann man dafür ein Beispiel aus der Grabtuchforschung heranziehen. Es gibt ja verschiedene heilige Tücher, die uns das Mysterium Christi auf eindringliche Weise näherbringen. Dabei stechen zwei Tücher besonders hervor, die ein- und dasselbe Motiv zeigen: das Muschelseidentuch von Manopello und das Grabtuch von Turin. Beide Tücher zeigen dieselbe Person, sogar die Verletzungen sind identisch, vor allem der Nasenbruch. Es heißt ja, dass das Muschelseidentuch auf den einbalsamierten und ins Grabtuch eingewickelten Leichnam Jesu gelegt worden ist – als Zeichen einer königlichen Bestattung. So erklärt sich die Übereinstimmung der Gesichter. Nun ist es aber so: Während das Grabtuch von Turin vor allem die Wunden und die gesamte Passionsgeschichte Jesu erzählt (die Geiselmale, selbst den Straßenschmutz vom Fall unter dem Kreuz etc.), zeigt das Muschelseidentuch von Manopello den Moment der Auferstehung Jesu Christi. Jesus öffnet die Augen und setzt zum Sprechen an. Man vernimmt gleichsam sein „Abba“. Zwei Tücher – dasselbe Motiv – und doch zwei Seiten einer Medaille: Passion und Auferstehung.
Dies kann man meines Erachtens wunderbar auf die Zusammenschau der heutigen Lesungen beziehen. Während Genesis das Leiden und den Schmerz über den Tod des geliebten Sohnes ausdrückt, lesen wir die Verklärung als Vorgeschmack auf die Freude und Herrlichkeit des ewigen Lebens. Schließlich ist es ja auch der Grund, warum Jesus ausgerechnet Petrus, Johannes und Jakobus mitnimmt. Sie sollen gestärkt werden vor der großen Bewährungsprobe und dem großen Leiden beginnend im Garten Getsemani. Leiden und Auferstehungsfreude liegen ganz eng beieinander. Deshalb passen die Texte bei genauerem Hinsehen sehr gut zueinander. Auch in unserem Leben liegen Freude und Leid ganz eng beieinander. Und wie ich schon oft geschrieben habe: kein Ostern ohne Karfreitag. Kein Morgengrauen ohne vorausgehende Nacht.

Ihre Magstrauss

Freitag der 1. Woche der Fastenzeit

Ez 18,21-28; Ps 130,1-2.3-4.5-6b.6c-7a u. 8; Mt 5,20-26

Ez 18
21 Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, die er getan hat, abwendet, alle meine Satzungen bewahrt und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er bestimmt am Leben bleiben, er wird nicht sterben. 

22 Keines seiner Vergehen, die er begangen hat, wird ihm angerechnet. Wegen seiner Gerechtigkeit, die er geübt hat, wird er am Leben bleiben. 
23 Habe ich etwa Gefallen am Tod des Schuldigen – Spruch GOTTES, des Herrn – und nicht vielmehr daran, dass er umkehrt von seinen Wegen und am Leben bleibt? 
24 Wenn jedoch ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, all die Gräueltat, die auch der Schuldige verübt, sollte er dann etwa am Leben bleiben? Keine seiner gerechten Taten wird ihm angerechnet. Wegen seiner Treulosigkeit, die er verübt, und wegen der Sünde, die er begangen hat, ihretwegen muss er sterben. 
25 Ihr aber sagt: Der Weg des Herrn ist nicht richtig. Hört doch, ihr vom Haus Israel: Mein Weg soll nicht richtig sein? Sind es nicht eure Wege, die nicht richtig sind? 
26 Wenn ein Gerechter sich abkehrt von seiner Gerechtigkeit und Unrecht tut, muss er dafür sterben. Wegen des Unrechts, das er getan hat, wird er sterben. 
27 Wenn ein Schuldiger von dem Unrecht umkehrt, das er begangen hat, und nach Recht und Gerechtigkeit handelt, wird er sein Leben bewahren. 
28 Wenn er alle seine Vergehen, die er verübt hat, einsieht und umkehrt, wird er bestimmt am Leben bleiben. Er wird nicht sterben.

Heute hören wir aus dem Buch Ezechiel, einer prophetischen Schrift, die durch viele Bilder und Visionen all die Dinge aufgreift, die schon in den fünf Büchern Mose thematisiert worden sind. In diesen Fastentagen hören wir immer wieder Texte, die sich mit dem Thema Umkehr befassen, so auch hier:
„Wenn der Schuldige sich von allen Sünden, (…) abwendet, (…) wird er bestimmt am Leben bleiben, er wird nicht sterben.“ Das Wort „bestimmt“ ist nicht im Sinne einer unsicheren Aussage wie „wahrscheinlich“ oder „womöglich“ zu verstehen, sondern im Hebräischen wird das Verb für „leben“ gedoppelt durch eine sogenannte Absolutusform. Deshalb übersetzen wir im Deutschen mit einem Wort der Betonung wie „bestimmt“ oder „auf jeden Fall“ oder „sicherlich“.
Diese Aussage greift auf, was schon Mose z.B. in seiner Abschlussrede in Deuteronomium mit Segen und Fluch, Leben und Tod gemeint hat. Wenn wir von unseren Sünden umkehren, werden wir nicht sterben. Das ist eine tiefe Wahrheit, die uns Hoffnung schenkt. Der hier angesprochene Tod ist sowohl moralisch als auch anagogisch zu verstehen: Wir werden wieder zurück in den Stand der Gnade versetzt und erleiden nicht den totalen seelischen Tod in unserem irdischen Leben. Zugleich werden wir nach unserem Tod nicht die ewige Gottferne erfahren, sondern haben eine Aussicht auf das ewige Leben bei Gott (Himmel statt Hölle).
„Keines seiner Vergehen, die er begangen hat, wird ihm angerechnet.“ So ist es auch mit uns heute, die wir das Sakrament der Versöhnung in Anspruch nehmen dürfen. Was wir vor Gott bekannt haben und was er uns vergeben hat, wird er nach unserem Tod nicht mehr thematisieren. Es ist wie aus dem Gedächtnis gestrichen. Die „Gerechtigkeit, die er geübt hat“, bleibt dagegen immer präsent vor Gottes Augen.
Gott wünscht sich von Herzen, dass jeder Mensch gerettet wird. Es hängt vom Willen des einzelnen Menschen ab, zu ihm umzukehren oder nicht. Es ist Gottes Wille, dass dies passiert, aber die Entscheidung kann Gott den Menschen nicht abnehmen.
Wenn dagegen ein Gerechter abfällt und dieselben Sünden begeht wie ein Ungläubiger, wird dagegen sehr streng gerichtet. Schließlich saß er an der Quelle und ist von ganz oben hinabgefallen. Er hat alles gewusst und handelt nun doch so, als hätte er das alles nicht gewusst. Wer aber viel verstanden hat, wird auch für viele Dinge zur Rechenschaft gezogen. Dann nützen ihm die guten Taten von früher auch nichts, denn die Gnade ist abgeschnitten. Es ist ein Judasmoment, denn man war an der Seite Gottes und hat ihm dann einen Dolch in den Rücken gestoßen, ihn verraten.
Wir müssen aber auch bedenken, dass der Verrat nicht das Ende vom Lied sein muss. Denn auch Petrus hat Jesus verraten, doch ist umgekehrt. Auch dann dürfen wir also umkehren. Was hier angesprochen wird, ist jedoch das Verharren in der Situation, die ausbleibende Umkehr und Verstockung.
Die Worte Ezechiels sind für uns heute sehr wichtig: Mag die Sünde noch so groß sein – Gott vergibt uns alles, einfach alles, wenn wir in uns gehen, es von Herzen bereuen, bekennen, uns vornehmen, es nicht mehr zu tun und es büßen. Dann werden wir den seelischen Tod nicht schauen, sondern bei Gott im Himmel sein (auch wenn vielleicht nach einer Zeit der Läuterung).
Diese Worte sollten wir uns in dieser Fastenzeit besonders zu Herzen nehmen. In dieser Gnadenzeit sollten wir in uns gehen und schauen, wo noch unversöhnte Sünden in uns schlummern. Eine echte Versöhnung mit Gott, eine wirklich innige Beziehung ohne Vorbehalte können wir erst dann haben, wenn diese Konfliktpunkte vollständig ausgeräumt sind. Dieser Grundsatz gilt zu allen Zeiten. Das merken wir daran, dass Ezechiel im 6. Jh. v. Chr. für uns heute so aktuell ist.

Ps 130
1 Ein Wallfahrtslied. Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir: 

2 Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass deine Ohren achten auf mein Flehen um Gnade. 
3 Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn? 
4 Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient. 
5 Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort. 
6 Meine Seele wartet auf meinen Herrn mehr als Wächter auf den Morgen, ja, mehr als Wächter auf den Morgen. 
7 Israel, warte auf den HERRN, denn beim HERRN ist die Huld, bei ihm ist Erlösung in Fülle. 
8 Ja, er wird Israel erlösen aus all seinen Sünden.

Wir beten einen Bittpsalm an diesem heutigen Tag, der zu Wallfahrten nach Jerusalem gebetet worden ist. Wir beten diesen Psalm heute unter anderem bei Beerdigungen, also wenn es um den Tod geht. Und auch für uns ist er stets angemessen, die wir tagtäglich Gefahren des moralischen Todes ausgesetzt sind.
„Aus den Tiefen rufe ich, HERR, zu dir“ entspricht der Tiefe des Falls in moralischer Hinsicht, also wenn wir gesündigt haben. Es bezieht sich auf die gesamte Menschheit nach dem Sündenfall, die in die Tiefe gerissen worden ist und nun eine gefallene Schöpfung darstellt. Es bezieht sich auf die Menschheit, die nach Erlösung schreit und die Jesus dann gebracht hat. Aus der Tiefe rufen auch wir Menschen nach der Erlösungstat Christi, die weiterhin sündigen und die im Namen Jesu vieles erleiden müssen und das Ende der Zeiten ersehnen.
„Mein Herr, höre doch meine Stimme! Lass dein Ohren achten auf mein Flehen um Gnade.“ Gott hat natürlich keine Ohren, aber es ist bildhaft gemeint für Gottes Gehör. Nichts verklingt vor Gott unerhört. Er hilft allen Menschen aus ihrer Not, aber auf seine Weise und in seinem Timing.
„Würdest du, HERR, die Sünden beachten, mein Herr, wer könnte bestehn?“ – bringt es auf den Punkt. Kein Mensch hätte in den Himmel kommen können, wenn Jesus nicht alle Sünden der Welt auf sich genommen hätte. Wäre es ein reiner Kausalzusammenhang ohne diese barmherzige Intervention Gottes, wären alle Menschen ewig von Gott abgeschnitten gewesen. So ist es bei Gott aber nicht, sondern von Anfang an wollte er uns erlösen, weil sein Plan mit uns ist, dass wir alle gerettet werden. Er hat dafür alles vorbereitet, uns alles auf einem edlen Tablett serviert – nun liegt es an uns, die Erlösung, die Barmherzigkeit, die Vergebung Gottes anzunehmen und aufzustehen von unserem Fall.
„Doch bei dir ist Vergebung, damit man in Ehrfurcht dir dient“ – beschreibt den Grund unserer Erlösung: Wir sollen alle die Chance auf den Himmel haben, wo wir in ewiger Ehrfurcht Gott dienen. Aber auch jetzt schon in unserem irdischen Dasein vergibt uns Gott durch das Sakrament der Versöhnung immer wieder unsere Schuld, damit wir ihm mit versöhntem Herzen dienen können und er uns mit seinen Gnaden beschenken kann.
„Ich hoffe auf den HERRN, es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort.“ Es ist total messianisch zu lesen: Die Menschen, die sich auf den Weg nach Jerusalem zu den Wallfahrtsfesten im jüdischen Festkalender machen, sind zugleich in einer umfassenden Notsituation, denn sie warten auf den Messias, der sie aus ihrer jeweiligen Fremdherrschaft und politischen Spannung herausholt. Vor allem ist es zurzeit Ezechiels akut, als das Volk Israel in babylonischer Gefangenschaft ist und der erste Tempel ja zerstört ist. So warten die Juden auf den Messias, der dann aber ganz anders kam und ganz anders erlöste, als sie es erwartet haben. Jesus ist das fleischgewordene Wort Gottes, auf das der Psalmenbeter heute wartet. Auch wir warten auf den Messias, allerdings auf seine Wiederkehr am Ende der Zeiten.
Wir warten wie das Volk Israel dabei mehr als die Wächter auf den Morgen. Es ist ein schönes Bild, denn mit dem Morgen geht die Sonne auf und Christus ist die Sonne der Gerechtigkeit. Es ist auch kein Zufall, dass der Herr im Morgengrauen auferstanden ist – zusammen mit der Sonne.
Israel soll geduldig sein und warten, denn die Erlösung kommt. Ja, das Warten hat mit dem Kommen Christi ein Ende gehabt und der Welt ist wirklich die Erlösung in Fülle geschenkt worden – sie reicht bis in unsere heutige Zeit hinein und wird auch für die kommenden Generationen gelten!
Das Warten auf Gott zahlt sich immer aus. Die Geduld und die Standhaftigkeit bis dahin wird Gott sehen, er wird auch unser Rufen hören und so werden wir am Ende für das Warten überreich entschädigt. Gott wird uns in seine Arme schließen, sodass wir auf ewig mit ihm sein werden.

Mt 5
20 Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 
22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. 
23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 
24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe! 
25 Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist! Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins Gefängnis geworfen. 
26 Amen, ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast.

Im Evangelium hören wir erneut aus der Bergpredigt einen wichtigen Ausschnitt. Es geht um Gerechtigkeit, die mit Beziehung zu tun hat und nicht (nur) mit Buchstabentreue.
Wer vor Gott gerecht sein möchte, muss eine weitaus größere Gerechtigkeit als die der Pharisäer und Schriftgelehrten aufweisen. Denn diese halten erstens gar nicht die vollständige Lehre im ursprünglichen Sinne, zweitens bauen sie ein menschliches Konstrukt darum, das sie statt der göttlichen Gebote halten. Das größte Problem aber besteht in der fehlenden Beziehung. Sie halten die Gebote nicht aus Liebe zu Gott, sondern um der Gebote willen. Dies führt zu einer Äußerlichkeit ohne entsprechende innere Herzenshaltung.
Und dann konkretisiert Jesus, was er damit meint, indem er die Gebote so auslegt, wie Gott sie eigentlich gemeint hat:
Er nimmt als erstes Beispiel das fünfte Gebot „du sollst nicht töten“. „Die Alten“ haben es so ausgelegt, dass man niemanden töten soll. Jesus „radikalisiert“ es jetzt aber nach im Sinne einer von Grund auf erfolgten Wendung nach innen und stellt heraus, dass schon die Wut auf den Anderen, der Groll, die Rache, die bösen Wünsche gegenüber dem Anderen ein Verstoß gegen das Gebot sind. Ebenso ist es mit Beleidigungen. Er erklärt sie zum verbalen Mord. Nicht nur auf der Ebene des Handelns sündigt man gegen das fünfte Gebot, sondern auch auf den Ebenen der Gedanken und der Worte. Und diese Dinge reichen schon aus, kultisch unrein zu sein. Bevor man ein Opfer im Tempel darbringt, soll man zuerst Frieden schließen. Dabei soll man Friedensstifter sein selbst da, wo der Andere eigentlich die bösen Gedanken gegen einen selbst hegt.
Wenn Jesus dann das Bild des Wegs zum Gericht erwähnt, meint er damit nicht nur, dass man sich so schnell wie möglich versöhnen soll und es möglichst untereinander regeln soll, sondern auch die anagogische Ebene: Versöhne dich jetzt mit Gott und dem Nächsten, solange du noch lebst. Wenn du es bis zum Gericht Gottes nicht getan hast, wird es eine schmerzhafte Sache. Es ist selbst für die Angehörigen schmerzhaft, die einen unversöhnten Streit ihrer Familienmitglieder bis in den Tod begleiten müssen. So wie es besser ist, untereinander den Streit zu klären, bevor man im Gericht ankommt und dann ins Gefängnis muss, so ist es mit der Sühne eigener Sünden. Besser man sühnt sie noch in diesem Leben, denn danach wird es viel schmerzhafter, es im „Gefängnis“ des Fegefeuers abzubezahlen. Die Leiden des irdischen Daseins sind schmerzhaft genug. Wir dürfen diese annehmen und aufopfern zur Sühne unserer eigenen Sünden und der Sünden der ganzen Welt.

Die Dinge, die Jesus hier vor allem konkret als Beispiele anführt, sind für uns wichtig, die wir in der Fastenzeit wirklich in uns gehen und nach ganz vergessenen Leichen im Keller suchen. Er gibt in der Bergpredigt im Grunde Anleitungen, wie eine gründliche Gewissenserforschung aussehen muss. Sie muss dabei vom Grundsatz ausgehen, dass der Mensch eine Beziehung zu Gott hat und jede Sünde ein Streit, ein Konflikt, eine Beleidigung Gottes ist. Er hilft uns, auf unseren moralischen Lebenswandel zu schauen wie Gott. Auch wenn es schmerzhaft ist, sich dann in einem realistischen Bild zu sehen, auch wenn es Überwindung kostet, umzukehren – nur so können wir in eine wirklich innere Beziehung zu Gott kommen, der ja schon an der Schwelle steht und Ausschau nach uns hält – bereit, uns in die Arme zu nehmen, wenn wir zu ihm zurückkehren. Nur so wird es eine echte Versöhnung geben und ein großes Fest wie bei der Rückkehr des verlorenen Sohns.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 1. Woche der Fastenzeit

Est 4,17k.17l-m.17r-t; Ps 138,1-2b.2c-3.7c-8; Mt 7,7-12

Est 4
(k) Auch die Königin Ester wurde von Todesangst ergriffen und suchte Zuflucht beim Herrn. Sie legte ihre prächtigen Gewänder ab und zog die Kleider der Notzeit und Trauer an. Statt der kostbaren Salben tat sie Asche und Staub auf ihr Haupt, vernachlässigte ihren Körper, und wo sie sonst ihren prunkvollen Schmuck trug, hingen jetzt ihre Haare in Strähnen herab. Und sie betete zum Herrn, dem Gott Israels:

(l) Mein Herr, unser König, du bist der Alleinzige. Hilf mir! Denn ich bin hier einzig und allein und habe keinen Helfer außer dir; die Gefahr steht greifbar vor mir.
(m) Von Kindheit an habe ich in meiner Familie und meinem Stamm gehört, dass du, Herr, Israel aus allen Völkern erwählt hast; du hast dir unsere Väter aus allen ihren Vorfahren als deinen ewigen Erbbesitz ausgesucht und hast an ihnen gehandelt, wie du es versprochen hattest. 
(r) Denk an uns, Herr! Offenbare dich in der Zeit unserer Not und gib mir Mut, König der Götter und Herrscher über alle Mächte!
(s) Leg mir in Gegenwart des Löwen die passenden Worte in den Mund und stimm sein Herz um, damit er unseren Feind hasst und ihn und seine Gesinnungsgenossen vernichtet!
(t) Uns aber rette mit deiner Hand! Hilf mir, denn ich bin allein und habe niemand außer dir, o Herr!

Heute hören wir aus dem Buch Ester einen Ausschnitt aus dem Gebet Esters im Anschluss an das Gebet Mordechais. Der Kontext dieses Gebetes ist ein Vernichtungserlass des persischen Königs Artaxerxes über die Juden. Eigentlich ist er mit Ester verheiratet, die er sogar zur Königin einsetzte, obwohl sie Jüdin ist. Die Juden weigern sich, den königlichen Beamten oder dem König selbst zu huldigen, sodass das jüdische Volk ausgerottet werden soll. Es hat politische Gründe, da die Juden sich den königlichen Befehlen verweigern. Warum lässt sich der König zu so einem Edikt hinreißen, obwohl er an seiner Frau Ester so Gefallen hat? Der königliche Fürst Haman hat maßgeblich Einfluss, den der König zum zweitgrößten Mann in seinem Reich gemacht hat. Ihm hat der König seinen Siegelring überlassen und so ist der Vernichtungserlass auf Haman zurückzuführen, der sich vor allem an Mordechai rächen möchte. Seine Verweigerung hat ihn am meisten erzürnt.
Im vierten Kapitel lesen wir deshalb auch ein Gebet Mordechais, bevor wir vom Gebet Esters heute in der Lesung hören:
Sie legt ihre königlichen Gewänder ab und Bußgewänder an. Auch in dieser heutigen Episode beten die Menschen in Bußhaltung – mit entsprechenden Trauergewändern, Verzicht auf Schmuck und Körperhygiene sowie mit Asche auf dem Haupt.
So betet sie und spricht Gott als König an. Das zeigt ihre Einstellung: Gott ist der eigentliche König. Kein Artaxerxes, kein Satrape, kein sonstiger Mensch kann ihm so wirklich das Wasser reichen. Er steht über allen Herrschern der Welt. Sie bittet ihn um Hilfe in der bedrohlichen Situation. Sie hat keinen sonst, der mächtig genug wäre, einen königlichen Erlass rückgängig zu machen. Das Gebet der Ester ist nach einem gängigen Gebetsformular aufgebaut: Nach der Bitte zählt sie die Heilstaten Gottes der Vergangenheit auf und bekundet, dass sie von Anfang an den Gott des Heils erzählt bekommen hat. Sie stellt im Gebet Gott vor Augen, dass er das Volk Israel auf besondere Weise auserwählt hat und die Väter in der Vergangenheit immer wieder aus der Not errettet hat. Er war immer treu und hielt seine Versprechen und Verheißungen ein.
Das Volk Israel, Mordechai und Ester weigern sich, sich vor dem König oder irgendeinem Menschen niederzuwerfen und ihn anzubeten, weil sie Gott lieben. Sie sind ihm treu und sind aus diesem Grund nun in Gefahr. Deshalb bittet sie Gott um seinen Beistand, dass er sie rette, da die Israeliten das alles für ihn tun.
Und von diesem heilsgeschichtlichen Rückblick her formuliert sie nun ihre Bitte: „Denk an uns, Herr!“ Er soll auch in der jetzigen Generation sein Versprechen wahr machen, dass das Volk Israel sein besonderes Eigentum ist.
Interessant ist, dass Ester noch von einem Gottesbild ausgeht, das nicht monotheistisch, sondern monolatrisch zu sein scheint. Das bedeutet, dass sie die Existenz anderer Götter nicht ausschließt, der Gott Israels aber der einzige anzubetende Gott sei. Dies klingt durch die Bezeichnung „König der Götter“ an. Es könnte aber auch im Kontext eines Gebets als rhetorische Wendung gemeint sein, ohne wörtliche Bedeutung.
Sie bittet um die richtigen Worte „in Gegenwart des Löwen“. Das zeigt, dass sie den Plan geschmiedet hat, vor den König zu gehen (den Löwen) und ihn umzustimmen. Das ist es, was Jesus dann zu seinen Jüngern sagen wird: „Wenn sie euch aber ausliefern, macht euch keine Sorgen, wie und was ihr reden sollt; denn es wird euch in jener Stunde eingegeben, was ihr sagen sollt. Nicht ihr werdet dann reden, sondern der Geist eures Vaters wird durch euch reden.“ (Mt 10,19-20). Hinter dieser Erzählung ist zudem noch etwas anderes zu erkennen: Die eigentlichen Kämpfe, die wir auszutragen haben, sind geistlicher Natur. Hier kämpft nicht König Artaxerxes gegen die Israeliten, hier kämpft der Böse gegen Gott. Nicht umsonst heißt es im Neuen Testament, dass der Böse wie ein brüllender Löwe umhergeht, um zu sehen, wen er noch verschlingen kann. Dabei spielt die Epoche und der historische Kontext keine Rolle. Die Strategien des Bösen, die Auflehnung gegen Gott und der Hass gegen alles Heilige sind zu jeder Zeit gleich. Deshalb können wir uns mit dieser Geschichte sehr gut identifizieren. Ist nicht auch heute das Gottesvolk ganz und gar in Gefahr und muss viel erleiden im Namen Gottes?
Ester bittet auch darum, dass Gott das Herz des Königs erweicht und er sich so umstimmen lässt. Sie bittet darum, dass der König „unseren Feind hasst und ihn und seine Gesinnungsgenossen vernichtet“. Uns mag diese Art von Bitte befremdlich erscheinen, da sie Gott darum bittet, andere Menschen zu töten. Das ist für damalige Zeiten aber die übliche Weise, Gott um die Besiegung der Feinde zu bitten. Wir können solche Ausdrücke nicht von unserem heutigen modernen Verständnis her bewerten. Was sie damit meint ist die Besiegung Hamans und seiner Gleichgesinnten, denen das auserwählte Volk Gottes ein Dorn im Auge ist.
Ester setzt ihr ganzes Vertrauen und ihre ganze Hoffnung auf Gott, den sie als den Einzigen nennt, den sie hat. In der heutigen Lesung bleibt offen, wie es dann ausgeht. Wir wissen aber, dass ihre Gebete erhört werden und dass sie es schafft, mit Gottes Hilfe das ganze Volk Israel vor der Vernichtung zu bewahren. Mordechai wird sogar mit besonderer Ehre ausgestattet und erhält den Siegelring, den der König zuvor Haman überreicht hatte. So hat diese fromme Jüdin das ganze Volk gerettet, aber nicht sie selbst, sondern mit der Hilfe Gottes.

Ps 138
1 Von David. Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen, vor Göttern will ich dir singen und spielen. 

2 Ich will mich niederwerfen zu deinem heiligen Tempel hin, will deinem Namen danken für deine Huld und für deine Treue. Denn du hast dein Wort größer gemacht als deinen ganzen Namen. 
3 Am Tag, da ich rief, gabst du mir Antwort, du weckst Kraft in meiner Seele.

Der heutige Psalm ist ein Dankespsalm, der eine angemessene Antwort auf Gottes Heilstaten in der Lesung darstellt. David hat in seinem Leben viele Gründe, Gott zu danken, denn durch die innige Beziehung zu Gott gelingt ihm alles, was er angeht, z.B. militärische Siege.
„Ich will dir danken mit meinem ganzen Herzen“ ist ein ganz angemessener Willensausdruck, den auch das gesamte Volk Israel im Anschluss an den Sieg über Haman und seine Gesinnungsgenossen anstimmen konnte.
„Vor Göttern will ich dir singen und spielen“ ist ganz klar ein Triumph Gottes über die Götzen, im Falle Esters des Herrscherkults.
Dagegen möchte sich König David und ebenso Ester mit dem gesamten Volk Israel zum heiligen Tempel hin niederwerfen (der zweite Tempel ist zu jener Zeit bereits eingeweiht). Niederwerfen möchte sich Israel nur vor Gott, nicht vor irdische Herrscher, wie es bei den Persern üblich wird.
Gott ist wirklich treu und hält sein Versprechen, das eigene Volk aus der Not zu erretten. So ist es ein Grund, dem Namen Gottes zu danken (Vers 2).
Gott hat auch am Tag, an dem Ester rief (das Gebet hörten wir heute ja), ihre Bitten erhört. Er hat ihr auch die Kraft gegeben, gegen den Giganten aufzutreten, der ihr eigener Ehemann ist. Dabei heißt es wiederum „Kraft in meinem Leben“, denn das Wort für „in meiner Seele“ ist בְנַפְשִׁ֣י b’nafschi. Gott verleiht ihr nicht nur innerlich Kraft, sondern umfassend. So möchte Gott auch uns in unserem Leben stärken, nicht nur innerlich, sondern auch körperlich. Er möchte auch unsere Beziehungen stärken, also alles, was zum Menschen gehört. Es muss uns ganz und gar um ihn gehen und wir müssen ganz auf seine Allmacht und Treue vertrauen. Das ist entscheidend. Ester hat Gott ganz vertraut, ebenso König David. Und auch Jesus wird uns im folgenden Evangelium über das Gottvertrauen etwas erklären.

Mt 7
7 Bittet und es wird euch gegeben; sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet! 

8 Denn wer bittet, der empfängt; wer sucht, der findet; und wer anklopft, dem wird geöffnet. 
9 Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, 
10 oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet? 
11 Wenn nun ihr, die ihr böse seid, euren Kindern gute Gaben zu geben wisst, wie viel mehr wird euer Vater im Himmel denen Gutes geben, die ihn bitten.
12 Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen! Darin besteht das Gesetz und die Propheten.

Wir hören heute wieder einen Ausschnitt aus der Bergpredigt. Im Kapitel zuvor ging es bereits um das Vaterunser, das ein vertrauensvolles Gebet ist. Es ging im Anschluss daran auch um die rechte Sorge, also um das Vertrauen auf die wunderbare Vorsehung Gottes. Nun gibt Jesus Anweisungen zu einem vertrauensvollen Bitten. Er erklärt, was Ester heute wunderbar vorlebt:
„Bittet und es wird euch gegeben“ – Gott hat heute die Israeliten vor der Vernichtung bewahrt, weil eine mutige Jüdin ganz vertrauensvoll darum gebeten hat.
„Sucht und ihr werdet finden; klopft an und es wird euch geöffnet“ – Wie viele Personen aus der Bibel und auch viele Heilige haben ihr Leben lang Gott gesucht und ihn gefunden, weil er sie gefunden hat. Besonders eindrücklich sehen wir das am Leben des Augustinus, der verschiedene Stationen durchlaufen hat und jedes Mal gemerkt hat, dass es noch nicht das Ende war (von verschiedenen philosophischen Schulen bis hin zur Sekte der Manichäer).
Jesus möchte, dass seine Jünger Gott wirklich vertrauensvoll bitten und nicht meinen, dass es sowieso nichts bringt, Bittgebete an ihn zu richten.
Er vergleicht Gottes Großzügigkeit beim Geben mit den Menschen: Sogar unvollkommene Menschen („ihr, die ihr böse seid“) geben dem Anderen etwas, wenn er darum bittet. Dies verdeutlicht er durch rhetorische Fragen: „Oder ist einer unter euch, der seinem Sohn einen Stein gibt, wenn er um Brot bittet, oder eine Schlange, wenn er um einen Fisch bittet?“ Man gibt vor allem den eigenen Kindern, was sie brauchen. Jesus verwendet das Beispiel der Vater-Kind-Beziehung, weil er den Menschen seinen Vater nahebringen will. Auch sie dürfen ihn Vater nennen, so hat es Jesus sie ja durch das Vaterunser gelehrt.
Der Vater im Himmel ist nur gut und gibt umso mehr Gaben als ein unvollkommener Mensch, wenn man ihn darum bittet.
Man könnte sich zum Schluss nun fragen, warum Jesus in diesem Zusammenhang die Goldene Regel thematisiert: „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihnen!“ Das ist aber wichtig und entscheidend, wenn wir möchten, dass Gott unsere Bitten erhört. Wir können nicht total lieblos mit dem Nächsten umgehen und dann erwarten, dass Gott uns aber nur gute Gaben gibt. Nicht umsonst nennen wir das Liebesgebot ein Doppelgebot. Gottesliebe muss die Nächstenliebe zur Folge haben. Deshalb müssen wir auch das, was wir von Gott erwarten, auch unserem Nächsten geben, zumindest in dem Maß, wie wir fähig sind. Jesus sagt an anderer Stelle: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.“ Es muss kongruent sein, sonst brauchen wir eine Gebetserhörung nicht zu erwarten.

Heute hören wir sehr viel über das richtige Bittgebet und über die Notwendigkeit des Gottvertrauens. Lernen wir von Ester und von König David, die nicht nur absolut vertrauensvoll gebetet, sondern die ihr Leben für ihr Volk riskiert haben, um es zu retten (David z.B. vor Goliat, Ester vor dem König Artaxerxes). Sie haben sich ganz für die Anderen hingegeben und das von sich aus Mögliche getan, was sie umfassend von Gott erwartet haben – die Rettung des Volkes Israel. Wenn wir also so beten möchten wie unsere Vorbilder in den heutigen Lesungen, müssen wir zugleich die Initiative ergreifen: Wir können nicht zugleich um genug Geld bitten und gleichzeitig den Anderen finanziell ausnehmen, ob es unsere Familienmitglieder, Freunde oder Kollegen sind. Wenn wir Gott um Gesundheit bitten, können wir nicht gleichzeitig so leben, dass die Menschen um uns herum krank werden – indem wir uns z.B. nicht gut genug um unsere Kinder kümmern, dass sie krank werden oder indem wir die Menschen so schikanieren, dass sie Psychotheraphie benötigen. Was wir von Gott erwarten und auch von unserem Mitmenschen, das sollen wir ihnen in erster Linie selbst tun. Wollen wir, dass Gott uns beschützt, dann sollen wir alles daran setzen, auch unsere Mitmenschen zu beschützen. Wenn wir Segen von Gott haben wollen, sollen wir selbst unserem Nächsten ein Segen sein.
Entscheidend ist, dass wir Gott voller Vertrauen bitten und ihm dabei zutrauen, dass er alles tun kann. Ester hat es ihm zugetraut mit Blick auf all die spektakulären Heilstaten, die in den Generationen vor ihr geschehen sind. Auch wir dürfen auf die vergangenen Heilstaten Gottes zurückschauen – vor allem auf das Kreuzesopfer Christi, das in jeder Hl. Messe in die Gegenwart geholt wird! So können auch wir im Glauben gestärkt werden und mit neuem Mut Gott um etwas bitten.

Das können wir in der Fastenzeit auf neue Weise lernen, da wir durch den Verzicht Kapazitäten frei haben für mehr Gebet.

Ihre Magstrauss

Apostel Matthias (Fest)

Apg 1,15-17.20ac-26; Ps 113,1-2.3-4.5au. 6-7; Joh 15,9-17

Heute feiern wir das Apostelfest eines Nachzüglers, den Plan B Gottes, als einer der zwölf Apostel sich gegen Gott entschieden hat. Es ist Matthias, auf den das Los fällt, nachdem Judas Iskariot aus dem Kreis ausgeschieden ist.

Apg 1
15 In diesen Tagen erhob sich Petrus im Kreis der Brüder – etwa hundertzwanzig waren zusammengekommen – und sagte: 

16 Brüder! Es musste sich das Schriftwort erfüllen, das der Heilige Geist durch den Mund Davids im Voraus über Judas gesprochen hat. Judas wurde zum Anführer derer, die Jesus gefangen nahmen. 
17 Er wurde zu uns gezählt und hatte Anteil am gleichen Dienst. 
20 Denn es steht im Buch der Psalmen: Sein Amt soll ein anderer erhalten!
21 Es ist also nötig, dass einer von den Männern, die mit uns die ganze Zeit zusammen waren, als Jesus, der Herr, bei uns ein und aus ging, 
22 angefangen von der Taufe durch Johannes bis zu dem Tag, an dem er von uns ging und in den Himmel aufgenommen wurde – einer von diesen muss nun zusammen mit uns Zeuge seiner Auferstehung sein. 
23 Und sie stellten zwei Männer auf: Josef, genannt Barsabbas, mit dem Beinamen Justus, und Matthias. 
24 Dann beteten sie: Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, 
25 diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen! Denn Judas hat es verlassen und ist an den Ort gegangen, der ihm bestimmt war. 
26 Sie warfen das Los über sie; das Los fiel auf Matthias und er wurde den elf Aposteln zugezählt.

Petrus spricht vor dem ganzen „Kreis der Brüder“, es ist die Versammlung der Jünger, also nicht nur der Zwölferkreis. Wir lesen in den Versen vor unserem Ausschnitt auch davon, dass Maria, die Mutter Jesu, und die anderen Frauen anwesend sind. Petrus ist der Apostel, den Jesus auf besondere Weise berufen hat – das ist uns beim Fest Kathedra Petri noch einmal bewusst geworden. Und deshalb ist er es, der die ganze Prozedur nun in die Hand nimmt:
Er beginnt seine Worte mit dem Hinweis auf ein erfülltes Schriftwort, man muss genauer sagen, zweier Psalmworte: Ps 69,26 „Ihr Lagerplatz soll veröden, in ihren Zelten soll niemand mehr wohnen“ (Dieses Schriftwort wird in der heutigen Lesung jedoch ausgelassen). Zudem erfüllt sich Ps 109,8 „Nur gering noch sei die Zahl seiner Tage, sein Amt erhalte ein anderer.“ Das ist ganz typisch und ein Spiegel des Verständnisses auch der neutestamentlichen Autoren. Sie haben ebenso das ganze Leben Jesu und ihre kirchliche Situation von den Verheißungen der Hl. Schrift her betrachtet. Sie haben immer wieder Erfüllungen dieser Verheißungen erkannt. Petrus tut es deshalb an der Stelle mit den beiden Psalmworten. Es ist auch typisch und absolut im Sinne Jesu, unterschiedliche Schriftstellen des AT miteinander zu kombinieren. So tat es Jesus bei dem Doppelgebot der Liebe (er verband Levitikus und Deuteronomium) und so ist es auch bei den Lobgesängen wie dem Magnificat Mariens (eine Zusammenstellung verschiedenster Schriftstellen, v.a. aus den Psalmen).
Der Zwölferkreis ist der innerste Kreis um Jesus. Er bestand aus Männern, die ununterbrochen und von Anfang an mit Jesus zusammen waren. Da durch den Verrat und Selbstmord des Judas Iskariot nun ein Platz frei geworden ist, jedoch belegt sein soll, erklärt Petrus die Bedingungen für den Nachfolger: Die Person muss aus dem Jüngerkreis Jesu kommen und von Anfang an immer bei Jesus gewesen sein. Das hat auch einen ganz bestimmten Grund: Die Aposteln sind in erster Linie Augenzeugen. Sie werden nach dem Pfingstereignis in die ganze Welt hinausziehen, um alle Worte und Taten Jesu mit ihrem eigenen Augen- und Ohrenzeugnis zu verbreiten. Dabei muss der Nachfolger alles bezeugt haben, auch die Auferstehung und die Himmelfahrt Jesu. Gerade das Osterereignis ist ja entscheidend für den christlichen Glauben und somit absolut existenziell für die Evangelisierung.
Dass auch der dreizehnte Apostel ein Mann sein soll, ist selbstverständlich und kein Ausdruck von Diskriminierung. Die Aposteln sind nämlich nicht nur Augenzeugen, sondern die umfassenden Nachfolger Christi, die so wie er mit ihrem Leben und ihrer ganzen Natur die Bräutigamhaftigkeit Christi nachahmen sollen, um so den Partner der Braut abzubilden.
Wir erfahren nichts davon, warum ausgerechnet Josef Barsabbas und Matthias in die engere Auswahl kommen. Was wir aber sagen können: Gottes Finger sind im Spiel. Er wird diese Versammlung schon wie ein erstes Konklave mit seinem Geist erfüllt haben, sodass die Anwesenden von seinem Geist geleitet eine Entscheidung getroffen haben.
Dass sie sich für diesen Geist auch schon geöffnet haben, sehen wir an ihrem Gebet: „Du, Herr, kennst die Herzen aller; zeige, wen von diesen beiden du erwählt hast, diesen Dienst und dieses Apostelamt zu übernehmen!“ Die Versammlung überlässt die Entscheidung also Gott. So sollte es sein. Es ist seine Kirche, seine Braut. Er soll sie gestalten und nach seinem Willen formen. Das gilt auch bis heute. Wer welche Aufgabe in der Kirche erfüllt, sollte Gott entscheiden, der den Menschen seinen Willen durch den Hl. Geist kundtut. Für diesen muss die Kirche sich aber öffnen, sonst hat er keinen Raum. Auch hier gilt wie für die Seele des Menschen der freie Wille und die Entscheidung für Gott. Der Geist Gottes erfüllt den Menschen, wo dieser ihn einlädt. Umgekehrt sehen wir aber auch, dass Gottes Geist nicht automatisch dort hinkommt, wo wir ihn einladen: Der Stiftungswille Christi ist entscheidend. Wenn wir jetzt z.B. den Geist Gottes bei einer Frauenweihe herabrufen würden (also unseren freien Willen damit kundtun), dann kommt er nicht. Frauenweihen sind nicht Christi Stiftungswille für seine Braut, die Kirche.
Sie werfen das Los, denn bei dieser Methode kann man als Mensch nichts beeinflussen. So soll Gott das Los dem zuteilen, der für ihn als der geeignete Kandidat angesehen wird. Matthias wird auserwählt und so zum Nachfolger des Judas.
Wenn die Aposteln vor der Wahl beten und in einem Nebensatz das weitere Geschick des Judas erwähnen, müssen wir das richtig verstehen: „Er ist jetzt an dem Ort, der ihm bestimmt war.“ Diese Übersetzung ist ganz irreführend, denn kein Mensch ist für einen Ort schon bestimmt im Sinne einer Prädestination. Diese widerspricht dem freien Willen des Menschen. Protestanten vertreten eine Prädestination, sogar im doppelten Sinne (so die Calvinisten). Der Mensch kann also nicht nur für den Himmel vorherbestimmt sein, sondern sogar für die Hölle bzw. von Anfang an von Gott verworfen sein!
Das soll hier aber nicht ausgesagt werden und geht sprachlich aus dem Text auch nicht hervor: Es meint, dass Judas „an den eigenen Ort“ gegangen ist (εἰς τὸν τόπον τὸν ἴδιον eis ton topon ton idion). Es wird an dieser Stelle in der Apostelgeschichte also offen gelassen. Er ist an den Ort gekommen, zu dem er gehört und für den er sich entschieden hat.
Gottes Vorsehung ist es, die einen Nachfolger für Judas Iskariot ausgewählt hat. Und dieser Mensch hat in seinem Leben so viel Gutes bewirkt. Auch unser eigenes Leben wird maximal fruchtbar da, wo wir nicht selbst alles mit unserem engstirnigen, begrenzten Blick entscheiden. Wenn wir auf Gottes Vorsehung vertrauen und nach dieser in unserem Alltag Ausschau halten, werden wir immer wieder geleitet und bei Fehltritten eines Besseren belehrt. Mit Gottes Geist im Teamwork werden wir ein glückliches und erfülltes Leben haben. Unsere Seelen sind die Tempel des Hl. Geistes. Es ist also kein weiter Weg, den wir zum Geist Gottes zurücklegen. Wir müssen nur in uns gehen und auf ihn hören. Er wird uns alles eingeben, was wir für die richtigen Entscheidungen brauchen.

Ps 113
1 Halleluja! Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN! 

2 Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit. 
3 Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang sei gelobt der Name des HERRN. 
4 Erhaben ist der HERR über alle Völker, über den Himmeln ist seine Herrlichkeit. 
5 Wer ist wie der HERR, unser Gott, der wohnt in der Höhe, 
6 der hinabschaut in die Tiefe, auf Himmel und Erde? 
7 Den Geringen richtet er auf aus dem Staub, aus dem Schmutz erhebt er den Armen,

Wir beten heute aus dem Psalm 113, einem Lobpreispsalm. Er ist eine wunderbare Antwort auf das Ereignis der Lesung. Wir können uns wunderbar vorstellen, wie die versammelten Jünger zusammen Gott mit diesem Psalm lobpreisen, nachdem sie Matthias zum Nachfolger eingesetzt haben.
„Halleluja“ ist dabei die kürzeste Aufforderung zum Lobpreis („Preist Jahwe“). Und direkt im Anschluss erfolgt eine weitere Lobpreisaufforderung („Lobt, ihr Knechte des HERRN, lobt den Namen des HERRN!“). Denken wir an die Lesung, können wir uns richtig gut vorstellen, dass mit „Knechte des HERRN“ die versammelte Jüngerschar gemeint ist. Es klingt sehr liturgisch und passt in den Kontext des heutigen Festes. Das heißt auch wir haben Grund zum Lobpreis und werden als „Knechte des HERRN“ aufgefordert als Dank für die wunderbare Vorsehung Gottes. Hätte Gott uns nicht den Apostel Matthias geschenkt, wären wir um einen gnadenhaften Ort weniger beschenkt – Trier. Wie viele Pilgerströme sind schon damals im Mittelalter zu seinem Grab nach Trier geströmt, auch heute reißen die Ströme nicht ab. Mit ihm haben wir einen großen Heiligen und Fürsprecher in vielen Lebenslagen.
„Der Name des HERRN sei gepriesen von nun an bis in Ewigkeit“ ist eine Wendung, die die Kirche übernommen hat, nämlich als Teil des sogenannten apostolischen Segens (der Herr sei mit euch…der Name des Herrn sei gepriesen….unsere Hilfe ist im Namen des Herrn….). Diesen dürfen die Nachfolger der Apostel beten und auf besondere Weise der Papst als Nachfolger Petri. Mit diesem apostolischen Segen sind unter anderem Ablässe verbunden. Es ist ein schönes Zeichen, dass wir ausgerechnet heute, wo der Zwölferkreis der Apostel sich wieder schließt, diesen Vers beten.
„Vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang“ bezieht sich einerseits auf die Zeit: Vom Morgen bis zum Abend, also den ganzen Tag, soll der Lobpreis Gottes erfolgen. Immer wieder reflektieren wir die Haltung im gesamten Leben, alles als Gebet/Lobpreis zu sehen, damit man die guten Taten Gottes nie vergisst. Dies wird auch durch diese Wendung herausgestellt. Sie kann aber auch geographisch verstanden werden, denn mit Aufgang und Untergang werden die Himmelsrichtungen des Ostens und Westens umschrieben. So soll also der ganze Erdkreis Gott loben und preisen. Dadurch, dass man „sei gelobt“ als Partizip übersetzen kann, ist es zeitlos. Gottes Name soll dauerhaft gepriesen werden und zu allen Zeiten. Das sehen wir konkret jetzt an unserer Situation. Es wurde zu Davids Zeiten schon gebetet, es wurde von den Aposteln und Jüngern Jesu gebetet, von Jesus selbst! Und nun ist es Teil unserer heutigen Liturgie 2000 Jahre später! Und auch die zukünftigen Generationen werden den Namen Gottes loben und preisen. Es ist, als ob die grammatikalische Zeitlosigkeit des Verbs und des Verses so zur Andeutung der Ewigkeit wird. Denn dann wird es einen ewigen und umfassenden Lobpreis ohne Ende geben.
Gott ist erhaben über alle Völker, dies sehen wir an Jesus, der der König der Könige ist. Gott ist stärker als alle weltlichen Herrscher zusammen. Er muss nur einmal eingreifen und die Herrschaft aller fällt wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Gott ist auch höher als wir, die wir die Herrscher über unser eigenes Leben sind. Er ist der eigentliche Herr über unser Leben und weiß, was wir brauchen. Er bestimmt den Anfang und das Ende. Er beschenkt uns und begnadet uns. Er sieht das ganze Leben im Überblick, was wir nicht können. Und er sieht unsere Potenziale, die wir nicht einmal erahnen.
„Über den Himmeln ist seine Herrlichkeit“ bezieht sich auf die Himmel, die wir sehen können. Gottes Reich ist noch „über den Himmeln“ und somit ganz anders. Er ist der Transzendente. Gott ist Geist. Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Er ist nicht greifbar.
Er steht über der gesamten Schöpfung, zu der Himmel und Erde zugleich gehören (Gen 1,1). Deshalb schaut er sogar auf den Himmel herab, der für uns so hoch oben ist. Gott ist so unvergleichlich, dass hier im Psalm die rhetorische Frage gestellt wird „wer ist wie der Herr?“ Keiner ist wie er. Er ist als Schöpfer ganz anders als alles, was wir in dieser Welt erfahren. Und doch erahnen wir ihn, wenn wir den Menschen ansehen – in seinen guten Eigenschaften. Denn schon die Genesis mit ihrem ersten Schöpfungsbericht bezeugt uns den Menschen als Abbild Gottes.
Und doch ist er kein weit entfernter Gott, der sich nicht um seine Schöpfung kümmert. Das ist das Missverständnis eines deistischen Gottesbildes, das die Aufklärer vertreten haben und bis heute freimaurerisches Gedankengut ist. Gott, der am höchsten von allen steht, schaut auf die, die am tiefsten Boden liegen. Er richtet sie auf und erhebt sie aus dem Staub. So groß ist Gottes Liebe und Barmherzigkeit. Seine Allmacht schließt nicht das Interesse für den Kleinsten der Kleinen aus. Im Gegenteil. Gottes Option ist immer eine Option für die Armen jeglicher Form – arm im Geiste, finanziell arm, sozial arm. So sollen auch die Apostel sein: Von ihrer höchsten Position kirchlicher Hierarchie hinabsteigen zu jenem, der ganz am Boden ist. Jesus macht es vor im Abendmahlssaal, als er mit der Fußwaschung an seinen Aposteln einen Sklavendienst verrichtet. So soll auch der neugewählte Apostel Matthias zum Sklave aller werden.

Joh 15
9 Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe! 

10 Wenn ihr meine Gebote haltet, werdet ihr in meiner Liebe bleiben, so wie ich die Gebote meines Vaters gehalten habe und in seiner Liebe bleibe. 
11 Dies habe ich euch gesagt, damit meine Freude in euch ist und damit eure Freude vollkommen wird. 
12 Das ist mein Gebot, dass ihr einander liebt, so wie ich euch geliebt habe. 
13 Es gibt keine größere Liebe, als wenn einer sein Leben für seine Freunde hingibt. 
14 Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch auftrage. 
15 Ich nenne euch nicht mehr Knechte; denn der Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Vielmehr habe ich euch Freunde genannt; denn ich habe euch alles mitgeteilt, was ich von meinem Vater gehört habe. 
16 Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr euch aufmacht und Frucht bringt und dass eure Frucht bleibt. Dann wird euch der Vater alles geben, um was ihr ihn in meinem Namen bittet. 
17 Dies trage ich euch auf, dass ihr einander liebt. 

Den heutigen Abschnitt aus dem Johannesevangelium entnehmen wir der langen Abschiedsrede Jesu. Diese ist insofern heute passend, als Jesus seinen Jüngern wichtige Gedanken als Testament mitgibt.
„Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt.“ Es geht immer um das zuerst Geliebtsein. Jesus ist zuerst vom Vater geliebt und liebt aus dieser Liebe heraus seine Apostel. Diese sollen aus dem zuerst Geliebtsein durch Christus wiederum lieben, einander und die Menschen, zu denen sie dann später gesandt werden. Jesus hat ihnen gezeigt, wie Liebe funktioniert – wie das maßlose Maß an Hingabe konkret aussieht. Jesus weiß, dass er bald von ihnen gehen muss. Deshalb ruft er sie dazu auf, in seiner Liebe zu bleiben.
Dann erklärt er, was das konkret heißt: Es geht darum, den Willen Gottes zu tun. So wie Jesus den Aposteln seinen Gehorsam gegenüber den Vater vorgelebt hat, so sollen die Aposteln im Gehorsam gegenüber Jesus Christus leben. Die Gebote Gottes zu halten ist dabei der Ausdruck ihrer Liebe. Und wenn man die Gebote Gottes hält, bleibt man in seiner Liebe. Wir denken an die moralische Bedeutung dieser Worte: In Gottes Liebe bleiben ist dann das Bleiben im Stand der Gnade.
Das Bleiben in Gottes Liebe/im Stand der Gnade ist es, was den Menschen mit Freude erfüllt. Freude wiederum ist eine Frucht des Hl. Geistes. Wer also in seinem Leben froh sein möchte, muss alles tun, um in der Liebe Gottes zu bleiben. Sie ist wie Licht und Wasser für die Pflanze. Ohne beides geht sie ein.
Jesus gebietet seinen Jüngern, einander zu lieben. So bleiben sie in Gottes Liebe. Das Doppelgebot der Liebe ist der rote Faden aller Gebote Gottes, die sie zu halten haben.
Jesus erklärt auch genauer, wie die gegenseitige Liebe konkret aussieht: Es geht um die gegenseitige Hingabe bis hin zum eigenen Leben. Wir sollen füreinander sterben, so wie die Jünger damals. Wenn wir den anderen retten können durch unseren eigenen Tod, sterben wir füreinander, aber auch wenn wir immer mehr ein Stück selbst absterben, das heißt unser Ego, unsere Lebenszeit, unsere Kraft und unser eigener Wille. Wenn wir all diese Güter für den anderen hingeben, dann ist das unser Ausdruck von Liebe. Es geht um das Verschenken des eigenen Lebens.
Auch dies hat Jesus absolut vorgelebt, indem er für uns alle Menschen, die er zu seinen Freunden machen möchte, am Kreuz gestorben ist. Er hat unser aller Leben gerettet, denn durch seine Erlösung haben wir wieder eine Chance auf den Himmel.
Freunde Gottes werden wir dadurch, dass wir Gottes Gebote halten. Mit der Taufe sind wir zu seiner Familie geworden, aber dies zieht auch ein Leben nach den Geboten Gottes nach sich.
Freunde haben es an sich, dass sie keine Geheimnisse voreinander haben. Jesus hat seine Jünger nicht im Dunkeln gelassen, sondern alles offenbart, auch wenn sie noch nicht alles verstanden haben. Für den Rest kündigte Jesus ihnen den Hl. Geist an, der sie in alle Wahrheit einführen würde – nichts Neues, sondern das bessere Verständnis seiner vollständigen Offenbarung.
Wir sind Erwählte durch die Taufe. Erwählt heißt aber nicht vorherbestimmt im Sinne einer Prädestination, die man von der Lesung her missverstehen könnte (die Übersetzung ist einfach ungünstig). Wir sind zur Liebe berufen, weil wir zuerst geliebt sind. Dies drückt Jesus nun mit dem Begriff der Erwählung aus. Das sagt er auch uns heute: Nicht wir haben uns für ihn entschieden (doch, aber nicht zuerst). Er hat sich zuerst für uns entschieden und alles, was wir tun und lassen, ist eine Reaktion darauf.
Gott hat uns dazu berufen, fruchtbar zu sein. So wie er bei der ersten Schöpfung einen Bund mit Adam und Eva geschlossen und sie zur Fruchtbarkeit berufen hat, so werden auch wir, die wir Teil der neuen Schöpfung sind und mit Gott den neuen Bund schließen, zur Fruchtbarkeit berufen. Diese ist nun nicht mehr nur biologisch zu verstehen, sondern vom neuen Bund her geistig. Die Aposteln haben sich biologisch freiwillig zur Unfruchtbarkeit entschieden, als sie Jesus nachgefolgt sind. Sie haben ihre Familien zurückgelassen und keine Kinder mehr gezeugt, weil sie ihre Fruchtbarkeit auf die geistige Ebene verlagert haben. Dies meint Jesus hier. Die Fruchtbarkeit ist mit der Mission zu verbinden, die die Aposteln weltweit vorgenommen haben. Auch der Apostel Matthias hat missionarisch gewirkt und viele Kinder für Gott „gezeugt“, Kinder des neuen Bundes, der neuen geistigen Schöpfung!
Fruchtbar sein ist auch auf die moralische Ebene zu beziehen: Wir sollen fruchtbar sein durch das Halten der Gebote. So können wir verbunden mit Gott wie die Rebe am Weinstock alles vollbringen. Wenn wir die Gebote halten, dann sind wir im Stand der Gnade und können in diesem Zustand alles von Gott erbitten. Wenn es sein Wille ist, wird er unsere Bitten erfüllen.
Jesus schließt das heutige Evangelium mit der wiederholten Aufforderung zur Nächstenliebe. Diese werden sie nicht nur untereinander ausüben, sondern auch an all den Menschen, denen sie ihre Lebenszeit, Kraft und jegliche andere Ressourcen schenken werden bei all den Missionsreisen. Sie haben sich wahrhaft verschenkt – außer Johannes der Evangelist haben alle den Märtyrertod erlitten und so ihr Leben ganz hingegeben. Deshalb preisen wir sie heute selig, die sie bei Gott am Thron sein dürfen. Dies schaut der Seher Johannes in der großen Thronsaalvision in der Johannesoffenbarung (Offb 4-5).

Bleiben auch wir in Gottes Liebe und haben wir keine Angst, unser Leben an andere zu verschenken. Wie die Apostel schenken wir damit nämlich unser Leben Gott. Wir werden es in unendlich großem Maße zurückbekommen, wenn Gott uns am Ende unseres Lebens mit dem Siegeskranz ausstatten wird.

Heiliger Matthias, bitte für uns!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 1. Woche der Fastenzeit

Jes 55,10-11; Ps 34,4-5.6-7.16-17.18-19; Mt 6,7-15

Jes 55
10 Denn wie der Regen und der Schnee vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, ohne die Erde zu tränken und sie zum Keimen und Sprossen zu bringen, dass sie dem Sämann Samen gibt und Brot zum Essen, 
11 so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.

Wir hören heute aus dem Buch Jesaja. Das Kapitel, dem die hier vorliegenden Verse zugrunde liegen, handelt von der Wirksamkeit des göttlichen Wortes. Diese wird mit einem meteorologischen Bild verglichen: So wie Regen und Schnee auf die Erde kommen, diese tränken und die Früchte zum Keimen und Wachsen bringen und erst dann wieder in den Himmel zurückkehren, so ist das Wort Gottes ebenso fruchtbar, bringt die gesamte Schöpfung zum Keimen und Wachsen. Durch das gesprochene Wort Gottes geht in der Genesis überhaupt erst alles hervor. Und als das Wort dann Fleisch geworden ist, hat es so viel Frucht gebracht, dass es unzählige Seelen zum Keimen und Wachsen gebracht hat. Erst nachdem es endgültig Frucht gebracht hat am Kreuz und bei der Auferstehung, ist es zum Vater zurückgekehrt. Auch die Kirche ist wie dieses fruchtbringende Wasser, denn sie ist durchtränkt vom Hl. Geist. Sie sendet ihr lebendiges Wasser in alle Himmelsrichtungen hinaus und durchtränkt die ganze Erde. Bis sie zum Vater zurückkehrt am Ende der Zeiten, wird sie viele viele Seelen für ihn gewinnen. Und am Ende der Zeiten wird das lebendige Wasser, der Hl. Geist, die ganze zertrümmerte Schöpfung so durchtränken, dass er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird!
Jesus, das fleischgewordene Wort Gottes, hat wahrlich dem Sämann Brot zu essen gegeben. Er hat die Eucharistie gestiftet und nährt seine Sämänner, jeden einzelnen Getauften, dadurch dauerhaft. Gott ist so groß, danken wir ihm für sein Wort!

Ps 34
4 Preist mit mir die Größe des HERRN, lasst uns gemeinsam seinen Namen erheben! 

5 Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort, er hat mich all meinen Ängsten entrissen. 
6 Die auf ihn blickten, werden strahlen, nie soll ihr Angesicht vor Scham erröten. 
7 Da rief ein Armer und der HERR erhörte ihn und half ihm aus all seinen Nöten.
16 Die Augen des HERRN sind den Gerechten zugewandt, seine Ohren ihrem Hilfeschrei. 
17 Das Angesicht des HERRN richtet sich gegen die Bösen, ihr Andenken von der Erde zu tilgen. 
18 Die aufschrien, hat der HERR erhört, er hat sie all ihren Nöten entrissen. 
19 Nahe ist der HERR den zerbrochenen Herzen und dem zerschlagenen Geist bringt er Hilfe. 

Heute beten wir einen Lobpreispsalm. Die Lobaufforderung in Vers 4 ist typischer Psalmenstil. Oft ist diese auch so formuliert, dass der Psalmist die ganze Schöpfung oder Bereiche der Schöpfung zum Lob auffordert. Das ist auch die einzig angemessene Antwort der Schöpfung auf Gottes wirksames Wort!
„Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort“ ist, was Jesus in seiner Verkündigung aufgreift, wenn er sagt: „Wer sucht, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.“ Hier könnte man die Verbform דָּרַ֣שְׁתִּי daraschti mit „ich habe aufgesucht“ übersetzen, denn Gott antwortet dem Suchenden. Gott ist es, der auch unsere Ängste von uns nimmt. Angst ist nicht vom Hl. Geist und deshalb ist der Mut/die Tapferkeit auch eine Frucht des Hl. Geistes. Das Verb für die Suche muss zudem verstanden werden als ein Ausdruck der Sehnsucht, nicht der Suche nach einer verlorenen Sache. Wir alle suchen Gott, ob wir es merken oder nicht. Und wenn wir voller Sehnsucht unterwegs sind, bis wir bei ihm angekommen sind, empfängt er uns mit offenen Armen.
Vers 6 ist eine wunderbare Reflexion dessen, wen man eigentlich anschauen soll – nämlich Gott. Wenn man auf ihn schaut und von ihm aus dann auf die Menschen, dann ist es die richtige Haltung. Dann wird man die Mitmenschen mit denselben Augen sehen, wie Gott sie sieht. Denn Gottes Licht übertönt alles Andere. Es wird auch auf das eigene Gesicht zurückfallen, sodass das einzige Ansehen der Person, auf das wir bei unseren Mitmenschen achten sollen, die Reflektion des Lichtes Gottes ist. Und da ist es dann egal, ob es das Gesicht eines Armen oder Reichen ist. Und wenn sie die Ärmsten sind, so werden sie keinen Grund zur Scham haben. Gottes Gnade zeichnet sich in ihrem Gesicht ab, was gibt es Höheres?
So lesen wir in Vers 7, dass Gott die Gebete eines Armen erhört und ihn aus seinen Nöten erlöst.
Bei Gott gibt es kein „Nein“, nur ein „Ja“, „Anders“ oder „Später“.
„Die Augen des HERRN sind den Gerechten zugewandt“ muss richtig verstanden werden. Gott setzt seiner Barmherzigkeit keine Grenzen, aber König David versteht den „Stand der Gnade“ von Gott aus. Wenn der Mensch gerecht ist, also die Weisung Gottes befolgt, dann erhört Gott die Gebete eines solchen Menschen. Wir verstehen heute allerdings, dass dies nicht von Gott, sondern von uns abhängt, die wir uns durch die Übertretung der Gebote Gottes von ihm abschneiden. Gott setzt seiner Gnade also keine Grenzen, sondern wir selbst.
Ebenso muss der nächste Vers verstanden werden: „Das Angesicht des HERRN richtet sich gegen die Bösen, ihr Andenken von der Erde zu tilgen.“ Das ist das Gottesbild König Davids, der die Psalmen komponiert hat. Er spricht aus Erfahrung, denn seine schweren Sünden haben Unheil nach sich gezogen. Der eigene Sohn Abschalom trachtete ihm sogar nach dem Leben. Aber wir verstehen heute, dass dies nicht heißt, dass Gott sich von seinem Angesicht abgewandt hat. Vielmehr muss David, der durch die Sünde aus dem Stand der Gnade getreten ist, nun die Konsequenzen seiner Tat tragen und Gott muss es akzeptieren. Wenn die Wendung „ihr Andenken von der Erde zu tilgen“ verwendet wird, ist das ein Zeichen des Fluchs. Erinnert man sich dagegen auch nach dem Tod eines Menschen noch an ihn, ist es Zeichen des Segens.
„Die aufschrien, hat der HERR erhört, er hat sie all ihren Nöten entrissen.“ Gott ist barmherzig und er hört das Schreien seines Volkes. Er hat dies schon getan, als sein auserwähltes Volk unter der Sklaverei Ägyptens litt. Er hat das Schreien all der unfruchtbaren Frauen erhört, die dann auf wundersame Weise mit einem besonderen Kind beschenkt worden sind.
Und zum Ende hin macht David eine entscheidende Beobachtung: Gott bringt den zerschlagenen Geistern und zerbrochenen Herzen Hilfe. Erstens müssen wir das auf David selbst beziehen, der hier aus Erfahrung spricht. Seine Sünde hat ihn unglücklich gemacht, in erster Linie wegen der zerbrochenen Beziehung zu Gott. Er hat sich selbst gedemütigt, er hat sich selbst in seiner ganzen Unvollkommenheit und Erlösungsbedürftigkeit gesehen. Dieser realistische Selbstblick ist, was wir Demut nennen und das der fruchtbare Ausgangspunkt für Gottes Gnade ist. So ist es auch mit dem ganzen Volk Israel, das immer wieder schuldig geworden ist durch Götzendienst, das immer wieder die schmerzhaften Konsequenzen tragen musste und so nach dem Messias geschrien hat. Dieser ist gekommen, er ist die Hilfe, er ist Jesus, „Jahwe rettet“. Gott rettet auch die Menschen heute, indem er jenen die Taufgnade schenkt, die umkehren und an ihn glauben. Er rettet jeden einzelnen Menschen, der schuldig geworden ist und voller Reue, mit einem zerschlagenen Geist und einem zerbrochenen Herzen zu ihm zurückkehrt. Er ist sofort bereit, den Menschen zu vergeben, die von Herzen umkehren. Er versetzt uns alle dann wieder zurück in den Stand der Gnade. Das Sakrament der Versöhnung ist ein ganz großes Geschenk, das viel zu selten angenommen wird. Und am Ende der Zeiten wird Gott allen zerbrochenen Herzen und zerschlagenen Geistern die Tränen von den Augen abwischen. Sie alle werden das Heil schauen und in Ewigkeit bei Gott sein.

Mt 6
7 Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen. 

8 Macht es nicht wie sie; denn euer Vater weiß, was ihr braucht, noch ehe ihr ihn bittet. 
9 So sollt ihr beten: Unser Vater im Himmel, geheiligt werde dein Name, 
10 dein Reich komme, dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf der Erde. 
11 Gib uns heute das Brot, das wir brauchen! 
12 Und erlass uns unsere Schulden, wie auch wir sie unseren Schuldnern erlassen haben! 
13 Und führe uns nicht in Versuchung, sondern rette uns vor dem Bösen! 
14 Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, dann wird euer himmlischer Vater auch euch vergeben. 
15 Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, dann wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

Heute hören wir einen Abschnitt aus der Bergpredigt, der sehr wichtig ist, aber auch schnell missverstanden werden kann. Es geht um das richtige Beten.
„Wenn ihr betet, sollt ihr nicht plappern wie die Heiden, die meinen, sie werden nur erhört, wenn sie viele Worte machen.“ Jesus möchte, dass Christen anders beten als Heiden. Diese mussten allein schon deshalb viele Worte machen, um die richtige Gottheit ihres komplexen Pantheons anzusprechen. Aber Jesus geht es nicht einfach um Quantität. So müssten wir bestimmte Gebete ja abschaffen, die etwas länger sind. Nicht die Quantität ist hier die Hauptkritik, sondern die Qualität. Sie sollen nicht plappern. Das griechische Wort βατταρίζω battarizo, das mit „plappern“ übersetzt wird, heißt wörtlich „eine Sache immer wiederholen, stammeln“.
Es ist also nicht gut, wenn wir so stammeln, als ob wir Gott nicht zutrauen, er würde uns bei einer einmaligen Äußerung nicht verstehen. Dahinter steckt also eine bestimmte Haltung gegenüber dem, von dem wir etwas erbitten. Wenn wir z.B. den Rosenkranz oder Litaneien beten, wiederholen wir ja auch so einiges, aber dahinter steckt nicht die Einstellung, dass Gott uns sonst nicht erhört. Beim Rosenkranz wiederholt sich das Ave Maria ja z.B. im Kontext von Betrachtungen!
In Vers 8 wird deutlich, was ich mit der Haltung meine: Wir sollen vertrauensvoll beten, also mit der Haltung, dass wir Gott alles zutrauen. Er weiß ja schon längst, was wir erbitten wollen, bevor wir zu beten beginnen. Darum geht es. Wie viele Worte es dann letztendlich sind, wird Gott nicht zählen und sich dann ab einer gewissen Überschreitung die „Ohren zuhalten“…
Dann lehrt Jesus die Jünger das Gebet, das wir bis heute vertrauensvoll beten, das Vaterunser:
Die ersten Bitten sind im Grunde Wünsche, die sich auf Gott beziehen. Erst dann kommen Bitten für sich selbst. So soll es sein. Wir sollen nicht selbstzentriert beten, sondern zuerst auf den schauen, zu dem wir beten. Wir sollen ihn preisen und ihm die Ehre geben, bevor wir irgendetwas erbitten. Wir sagen Gott zu, dass sein Name geheiligt werden soll, deshalb der Konjunktiv „werde geheiligt“. Zudem soll sein Reich kommen im Himmel und auf der Erde. Was Jesus grundgelegt hat, soll sich ausweiten, sodass das angebrochene Reich Gottes sich überall durchsetzt und offenbar wird. Gottes Wille soll überall geschehen. Im Himmel und auf der Erde, in der unsichtbaren Welt sowie in der sichtbaren Welt. Es heißt wörtlich „wie im Himmel so auch auf Erden“ und bezieht sich auf die Durchsetzung des Willens Gottes bereits in der unsichtbaren Welt. Der Satan und seine gefallenen Engel sind aus dem Himmel verbannt, sodass hier Gottes Reich schon ganz und gar durchgesetzt ist. So wie es schon im Himmel ist, so soll es auch auf der Erde sein: Der Böse und seine Heerscharen sollen besiegt und von der Erde verbannt werden. Gottes Reich und sein Wille sollen ganz und gar auf Erden herrschen.
Dann beginnt der zweite Teil des Gebetes, der nun Bitten für die Menschen beinhaltet: „Gib uns heute das Brot, das wir brauchen“ ist im Griechischen etwas anders konstruiert: Es heißt eigentlich wortwörtlich: „Gib uns unser tägliches/ausreichendes Brot heute“ im Sinne von „das Brot, das heute ausreicht.“ Das griechische Wort ἐπιούσιον epiusion drückt die Haltung aus, die schon die Väter in der Wüste gelernt haben: Gott gab jeden Tag Manna vom Himmel und nur so viel, dass es für den jeweiligen Tag reichte. So lernten die Menschen, Tag für Tag auf Gottes Vorsehung zu vertrauen. Wir bitten also von Tag zu Tag um die Güter, die wir für den jeweiligen Tag brauchen. So ist unsere Bitte frei von Habgier. Die Gabe von Manna ist zudem typologisch zum Himmelsbrot Christi zu betrachten, der von sich aus sagt: „Eure Väter haben in der Wüste das Manna gegessen und sind gestorben. So aber ist es mit dem Brot, das vom Himmel herabkommt: Wenn jemand davon isst, wird er nicht sterben. Ich bin das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Wer von diesem Brot isst, wird in Ewigkeit leben. (Joh 6,49-51).“ Es geht also nicht mehr nur um das tägliche Brot zur Nährung des Leibes! Wir bitten also mit dieser Vaterunserbitte auch gerade um die tägliche Eucharistie! Sie nährt unsere Seele, auf dass auch wir nicht sterben werden, sondern das ewige Leben haben! Es ist das fleischgewordene Wort Gottes, von dem wir in der Jesajalesung gehört haben.
Gott soll uns ferner unsere Schuld vergeben, wie auch wir unseren Schuldigern vergeben. Im Griechischen steht dort ὡς καὶ hos kai, das bedeutet also wirklich „so wie auch“. Gott soll uns in dem Maß vergeben, wie wir unseren Mitmenschen vergeben. Wenn wir möchten, dass Gott uns vergibt, können wir also nicht gleichzeitig im unversöhnten Zustand mit unseren Mitmenschen sein. Wir setzen also die Bedingung, ob Gott uns vergibt, weil durch unser freiwillig verhärtetes Herz die vergebende Gnade nicht hineinkommt. Jesus sagt, wir sollen unsere Feinde lieben und für jene beten, die uns hassen. Das heißt aber nicht, dass wenn wir ihnen vergeben, wir ihre Taten gutheißen. Wir sagen uns nur von dem Zorn und den Rachegefühlen, dem Gift dieser schlechten Beziehung los. Wir überlassen Gott das Richten und sind plötzlich frei. Wir hängen nicht mehr an diesen schlechten Gefühlen, die uns von innen komplett vergiften. Es entlastet uns, wenn wir nicht selbst für Gerechtigkeit sorgen müssen, wo uns Unrecht geschehen ist. Wir überlassen es dem einzig kompetenten Richter Gott. Ich habe selbst viele Menschen kennengelernt, die aufgrund von unversöhntem Zustand viele Jahrzehnte gelitten haben, die so verbittert wurden, dass sie auch körperlich schwer zu leiden hatten. Als sie endlich dieses Gift der Unversöhntheit losgelassen haben, wurden sie endlich frei, glücklich und sogar körperlich geheilt. Was ihnen angetan worden ist, ist nicht einfach verschwunden, aber sie haben das Richten Gott überlassen. Und ich versichere Ihnen: Gott wird auch aktiv. Wie viele Missetäter, denen ich von Herzen vergeben und deren Untat ich einfach Gott überlassen habe, haben ihre Lektion von ihm bekommen – auf eine Art und Weise, die ich ihnen nie gewünscht hätte….Gott regelt das schon. Wir sind zu kostbar, als dass wir an den Rachegefühlen unser Leben zerstören lassen!
„Führe uns nicht in Versuchung“ heißt nicht, dass Gott selbst uns in Versuchung führt. Der Versucher ist immer nur der Böse. Gott ist nur gut. Gott kann uns aber erproben und das ist das Missverständliche an der Doppeldeutigkeit des griechischen Begriffs πειρασμός peirasmos: Es kann Versuchung (zur Sünde) meinen, aber eben auch Probe, Prüfung. Dabei bitten wir nicht darum, dass Gott uns nicht erproben soll, sondern dass wir dabei vor Verzweiflung bewahrt werden. Wir lesen diese Bitte auch gemeinsam mit der nächsten: „sondern rette uns vor dem Bösen“. Dieser ist der Versucher. Gott greift nicht ein, wenn der Böse uns versucht. Er ist aber mit uns, wenn wir versucht werden. Die Versuchung kann aber zur Erprobung des Glaubens beitragen und so bitten wir mit dieser Bitte um die Bestehung der Prüfung, indem wir beten: „erlöse uns von dem Bösen“. Der Teufel soll nicht über den Menschen siegen und der Mensch soll die Prüfung bestehen mithilfe des Beistands Gottes. Deshalb ermutigt Jesus uns auch dazu, zu beten, damit wir nicht in Versuchung geraten.

Jesus betont noch einmal, wie wichtig die Vergebung ist. Wenn wir einander nicht von Herzen vergeben, wird er uns nicht vergeben. Das liegt nicht an seiner mangelnden Kompetenz oder Vergebungsbereitschaft Gottes, sondern daran, dass der Mensch sich der Vergebung selbst verschließt. Wenn es uns schwerfällt, müssen wir bedenken, dass Vergebung eine übernatürliche Liebe erfordert, die über unsere begrenzte menschliche Liebe hinausgeht. Wir müssen um die göttliche Liebe, um die Agape bitten, damit Gott uns die Kraft zur Vergebung schenkt. Und wenn unsere Gefühle sich absolut dagegen sträuben – zunächst muss die Entscheidung fallen. Emotionen hinken immer hinterher. Hauptsache der Willensakt des Vergebens ist getan. Der Rest wird mit der Zeit auch geschehen.

Jetzt in der Fastenzeit ist es sehr wichtig, dass wir uns auch über die Vergebung Gedanken machen. Wenn wir möchten, dass Gott uns unsere Schuld vergibt, müssen auch wir den Schritt wagen, uns bei allen zu entschuldigen, denen wir jemals etwas angetan haben. Es ist dabei auch wichtig, dass wir uns selbst vergeben. Das fällt vielen Menschen schwer und auch dies kann uns ein Hindernis sein, Gottes vergebende Liebe vollends zu erfahren. Nutzen wir diese besondere Gnadenzeit dazu, diese Sache entschieden anzugehen.

Ihre Magstrauss

Kathedra Petri (Fest)

1 Petr 5,1-4; Ps 23,1-3.4.5.6; Mt 16,13-19

Heute feiern wir das Fest „Kathedra Petri“ und gedenken dabei des Lehrstuhls des Petrus, also dem Bischof von Rom. Benedikt XVI. sagte einmal über dieses Fest, dass es ganz sicher seit 450, vielleicht schon seit 300 n. Chr. gibt: „Die Kathedra des Petrus symbolisiert die Autorität des Bischofs von Rom, der innerhalb des ganzen Gottesvolkes zu einem besonderen Dienst berufen ist. Gleich nach dem Martyrium der heiligen Petrus und Paulus wurde der Kirche von Rom ein Primat in der ganzen katholischen Gemeinschaft zuerkannt – eine Rolle, die schon zu Anfang des zweiten Jahrhunderts vom heiligen Ignatius von Antiochien und vom heiligen Irenäus von Lyon bezeugt wird.“

1 Petr 5
1 Eure Ältesten ermahne ich, als Mitältester und Zeuge der Leiden Christi, der auch an der Herrlichkeit teilhaben soll, die sich offenbaren wird: 
2 Weidet die euch anvertraute Herde Gottes, nicht gezwungen, sondern freiwillig, wie Gott es will; auch nicht aus Gewinnsucht, sondern mit Hingabe; 
3 seid nicht Beherrscher der Gemeinden, sondern Vorbilder für die Herde! 
4 Wenn dann der oberste Hirt erscheint, werdet ihr den nie verwelkenden Kranz der Herrlichkeit empfangen.

Weil es beim heutigen Fest um Petrus geht, hören wir in der Lesung aus dem ersten Petrusbrief. Alles, was wir daraus hören, müssen wir heute ganz besonders aus der Perspektive der von Christus verliehenen Autorität des Petrus her betrachten:
Er ermahnt die Ältesten. Dabei müssen wir beachten, dass die Petrusbriefe sich an Diasporagemeinden Kleinasiens richten (die Provinzen, die in 1 Petr 1 genannt werden, sind Pontus, Galatien, Kappadokien, Asia und Bithynien). Was auch immer Petrus ihnen zu sagen hat, schreibt er kraft seiner Autorität als Bischof mit lehramtlicher Gewalt. Er nennt sich in Vers 1 hier „Mitältester und Zeuge der Leiden Christi“. Er ist συμπρεσβύτερος sympresbyteros in dem Sinne, dass auch er priesterliche Aufgaben in einer Gemeinde übernimmt im Sinne des Vorstehers einer Gemeinde. Er ist „Zeuge der Leiden Christi“ ist insofern richtig, als er die Verhaftung und Anhörung vor dem Hohen Rat bezeugt hat. Bei der Kreuzigung war er nicht dabei, sondern versteckte sich irgendwo. Im Nachhinein ist er aber zu einem ganz großen Zeugen geworden im ursprünglichen Sinn des Wortes μάρτυς martys und erlitt das Martyrium selbst am Kreuz. Wenn Petrus sich dann selbst so beschreibt, dass er an der Herrlichkeit teilhaben soll, dann hängt das mit seiner Zugehörigkeit zum Reich Gottes zusammen, da Jesus ihn als Apostel auserwählt hat und am Pfingsttag mit dem Hl. Geist ausgestattet hat.
Die Ermahnungen, die nun folgen, sind absolut aktuell und sollten jeden Priester in unserer Zeit ins Herz treffen: „Weidet die euch anvertraute Herde“, nicht „beherrscht die Herde“. Die Gemeindevorsteher sollen sich um die Gemeinden kümmern, sie mit allem versorgen wie ein Hirte die Herde. Sie sollen es freiwillig und nicht gezwungen tun. Das Wort ἀναγκαστός anangkastos kann man auch übersetzen mit „aus Pflicht“. Es soll also nicht einfach eine Pflichterfüllung sein, sondern wie er daraufhin schreibt, aus Hingabe. Das Wort dafür ist προθύμως prothymos und wörtlich heißt es „das Herz für etwas/jemanden (geben)“. Man soll nicht aus Pflicht Gemeindevorsteher sein, sondern mit Herz. Auch die Gewinnsucht soll nicht Antrieb für den priesterlichen Dienst sein. Es geht beim geistlichen Beruf nicht darum, den eigenen Vorteil zu suchen und sich nach dem zu richten, was man selbst daraus gewinnt, sondern ums Verschenken. Der Blick ist stets auf die Gemeinde gerichtet und weg von einem selbst.
Die Gemeinde soll nicht beherrscht werden. Das Wort an dieser Stelle ist κατακυριεύω katakyrieuo, was auch in der Septuaginta, dem Alten Testament in Psalmen verwendet wird. Es meint nicht nur „beherrschen“, es meint vor allem auch, über etwas Besitz zu ergreifen. Dem Ältesten (die griechische Übersetzung Presbyteros ist der Ursprung des Wortes „Priester“) gehört die Gemeinde nicht, sie ist vielmehr Gottes Eigentum. Er trägt Sorge für sie und wenn er hervorsticht als Vorsteher, dann nicht als Tyrann, sondern als Vorbild, als τύπος typos.
Das ist ihre Berufung in der Zeit bis zur Wiederkunft Christi. Das sollten wir nicht überlesen. Es bedeutet konkret, dass bis heute die Priester dieselbe Aufgabe innehaben und die hier aufgezählten Ermahnungen auch heute gelten. Wie weit sind wir manchmal von diesen Ermahnungen weg! Und doch gibt es leuchtende Vorbilder, wenn wir auch manchmal länger suchen müssen.
Wenn dann Jesus wiederkommt (der oberste Hirt), werden die Ältesten ihren Lohn erhalten. Und diesmal keinen verwelkenden Kranz wie bei den irdischen Agonen, von denen es gerade in Kleinasien viele gibt, und deren Lorbeerblätter oder Blüten mit der Zeit verblühen. Vielmehr erhalten sie dann den ewigen Preis, eine Siegerehrung mit Gaben, die nie vergehen. Sie werden dann zu Teilhabern an der Herrlichkeit Gottes.

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen. 

2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser. 
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen. 
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich. 
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher. 
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir aus gegebenem Anlass den wunderbaren und bekannten Psalm 23. Er zeigt uns, warum die Ältesten aus der Lesung Hirten sein sollen – weil Gott der oberste Hirte ist.
Der „HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen“. Er versorgt den Menschen, sodass er keinen Mangel leiden muss. Diese Versorgung ist auch Aufgabe der Ältesten in Gemeinden. Sie sollen mit geistigen Gaben ausstatten, mit den Sakramenten und Sakramentalien, mit der Verkündigung des Wortes Gottes. So müssen die Gemeindemitglieder keinen Mangel leiden.
„Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.“ Das Lagern auf grünen Auen ist ein Gegenbild zur trockenen Wüste. Gott führt uns auf Weiden, an denen wir uns sättigen können. Das Sättigen ermöglichen uns die Ältesten auch, indem sie uns täglich die Eucharistie ermöglichen, das tägliche Brot, das uns ernährt. Sie ermöglichen auch die Versorgung mit dem Wort Gottes durch die Erklärung und Vorlesung. Auch dies nährt den Menschen und vor allem den Glauben (denn Paulus sagt „Der Glaube kommt vom Hören“ Röm 10,17). Der Herr führt auch zum Ruheplatz am Wasser. Das ist ekklesiologisch gesehen ein Bild für den Hl. Geist, den Gott uns schenkt. Die Ruhe ist dabei eine Frucht des Hl. Geistes. Die Ältesten einer Gemeinde rufen den Hl. Geist in jeder Eucharistiefeier auf die Gaben von Brot und Wein herab und auch durch die anderen Sakramente spenden sie den Gläubigen den Hl. Geist. Dieser ruht auf den Ältesten selbst, die durch ihn zu ihrer Weihe gekommen sind.
Gott bringt die Lebenskraft zurück, die נֶפֶשׁ nefesch. Das ist umfassend zu verstehen, denn er bringt den ganzen Menschen zurück. Man kann es moralisch auffassen: Gott verhilft dem Menschen zur Umkehr, der sich von ihm entfernt hat und aus dem Stand der Gnade gefallen ist. Er holt dann das Leben, nämlich diesen Stand der Gnade zurück. Gott hat den ganzen Menschen wiederhergestellt, indem er seinen einzigen Sohn als neuen Adam in diese Welt gebracht hat. Er hat ihm nach dem Tod die Lebenskraft wieder zurückgegeben, indem er ihn von den Toten hat auferstehen lassen. Es ist auch auf Jesus selbst zu beziehen, der das Leben so vieler Menschen zurückgegeben hat – ob damit die Lebensqualität nach einer Krankenheilung oder nach einem Exorzismus gemeint ist oder ob es die Sündenvergebungen oder sogar die Totenerweckungen sind. Und schließlich hat Jesus seine Apostel bevollmächtigt, es ihm gleichzutun. Sie sind bevollmächtigt, die Sünden zu vergeben. So ist diese Aussage auch auf die Kirche zu beziehen: Die Ältesten vergeben den Gemeindemitgliedern die Sünden und bringen so deren Lebenskraft zurück. Schließlich können wir es anagogisch auslegen: Gott gibt uns das Leben zurück, wenn wir von den Toten auferstehen. Wir werden in das ewige Leben auferstehen und am Ende der Zeiten sogar mit unseren Leibern wieder vereint. Dann können wir maximal sagen, Gott hat uns unsere Lebenskraft zurückgegeben.
So wie Gott die Menschen „auf Pfaden der Gerechtigkeit“ führt, soll der Älteste die Gemeindemitglieder den von Gott gebotenen moralischen Lebenswandel aufzeigen. Er soll ihnen erklären und zugleich vorleben (als Vorbild der Gemeinde!), wie dieser Pfad der Gerechtigkeit auszusehen hat.
So wie Gott immer bei den Menschen ist (Jahwe „ich bin“, Jesus der Immanuel, „Gott mit uns“), so soll der Älteste immer für die Gemeindemitglieder da sein. Wenn sie in der Finsternis wandeln, weil sie eine schwere Zeit durchmachen, z.B. durch Krankheit, sollen die Ältesten als Seelsorger diese Belasteten tragen und sie trösten. Wir denken hier z.B. auch an das Sakrament der Krankensalbung, das den Gespendeten Trost gibt, sie innerlich aufrichtet und Hoffnung verleiht.
Der Älteste deckt den Gemeindemitgliedern den Tisch, nämlich zum eucharistischen Mahl, und tut dies wegen Gottes Tischdecken. Gott segnet uns mit allen Gaben vor den Augen unserer Feinde. Das heißt, dass er das letzte Wort hat und auch unsere Feinde das erkennen müssen. Obwohl sie uns so viel Böses wollten und unser Leben zerstören wollten, konnten sie unseren Glauben nicht antasten. Gott kompensiert die Leiden, die wir vor allem in seinem Namen erlitten haben, indem er uns überreich segnet. Er ist immer stärker als der Satan, unser eigentlicher Feind hinter all den bösen Menschen.
Wir sind gesalbt mit Öl, was in diesem Kontext zunächst eine Geste des Wohlstands ist. Gott sorgt dafür, dass es uns gut ergeht. Wir denken aber schon viel weiter und sehen in der Salbung eine liturgische Geste. Jesus ist der Messias, der Gesalbte, in dessen Nachfolge auch die Ältesten Gesalbte sind. Und auch bei anderen Sakramenten werden die Gläubigen gesalbt – bei Taufe und Firmung.
Die Ältesten salben ihre Gemeindemitglieder und erheben diese zu einem königlichen und priesterlichen Geschlecht.
Ein übervoller Becher ist Zeichen der ewigen Freude des Himmelreichs. Gott schenkt uns überreiche Freude, was wiederum eine Frucht des Hl. Geistes ist. Diese Freude wird uns schon ansatzweise in den Sakramenten geschenkt, besonders in der Eucharistie als antizipiertes Hochzeitsmahl des Lammes.
Weil Gott uns so sehr beschenkt und weil er treu ist, sind wir ein Leben lang mit diesem Segen ausgestattet. Seine Güte und Huld sind unendlich groß und deshalb setzt er keine Grenzen oder Bedingungen. Es liegt an uns, ob wir diesen Segen auch bekommen oder nicht – je nach unserer Entscheidung für oder gegen ihn.
Und wenn wir in Gemeinschaft mit Gott gelebt haben, werden wir heimkehren in sein Reich, den Himmel. Das ist unsere eigentliche Heimat, deshalb kehren wir zurück (nicht im Sinne, dass wir dort schon waren, höchstens im Sinne von „die Menschheit kehrt zurück, nachdem sie von dort verbannt worden ist, nämlich aus der Gemeinschaft mit Gott“). Diese Welt und dieses irdische Leben sind vorübergehend. Wir sind zu Gast und in Vorbereitung auf das eigentliche Leben in der Ewigkeit. Heimkehren in das Haus des HERRN muss aber nicht erst anagogisch verstanden werden – es kann auch den Tempel in Jerusalem meinen (so haben es auch schon die Juden verstanden). In typologischer Weiterführung ist mit dem Haus des HERRN seit der Stiftung Christi die Kirche gemeint. Ebenso kann es den Stand der Gnade meinen, indem wir heimkehren nach einer Umkehr zu Gott.
Insgesamt haben wir heute den Psalm einmal anders gelesen als sonst. Vor dem Hintergrund des vierfachen Schriftsinns und gerade als ekklesiologische Antwort auf die Lesung birgt er eine ganz andere Stoßrichtung. Das eine schließt das andere nicht aus, sondern es offenbart uns den unendlichen Schatz der Hl. Schrift.

Mt 16
13 Als Jesus in das Gebiet von Cäsarea Philippi kam, fragte er seine Jünger und sprach: Für wen halten die Menschen den Menschensohn? 

14 Sie sagten: Die einen für Johannes den Täufer, andere für Elija, wieder andere für Jeremia oder sonst einen Propheten. 
15 Da sagte er zu ihnen: Ihr aber, für wen haltet ihr mich? 
16 Simon Petrus antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! 
17 Jesus antwortete und sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel. 
18 Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Pforten der Unterwelt werden sie nicht überwältigen. 
19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.

Das heutige Evangelium berichtet von dem bekannten Messiasbekenntnis Petri.
Jesus und seine Jünger kommen nach Cäsarea Philippi, einem Ort mit deutlichen kaiserkultischen Ansätzen (so der politische Rahmen). Und ausgerechnet dort fragt Jesus seine Jünger nun, für wen die Leute ihn halten. Das Ganze läuft darauf hinaus, dass Jesus zum Gegenbild des römischen Kaisers wird, nämlich als der eigentlich Gesalbte, der König eines übernatürlichen Königreichs.
Der Ort ist noch für eine andere Sache bezeichnend: In der Nähe der Stadt befindet sich eine ganz bekannte Grotte zu Ehren des Gottes Pan, dem ursprünglichen Hirtengott. Das ist ein weiteres Stichwort. Jesus wird sich als der eigentliche Hirte, der gute Hirte charakterisieren, demgegenüber so eine pagane Gottheit verblasst. Beides kommt in Christus zusammen – Königtum und Hirtentum, ganz wie bei König David.
Die Jünger fassen die Gerüchteküche um Jesu Identität zusammen: Er sei Johannes der Täufer, Elija, Jeremia oder ein sonstiger Prophet.
Das ist teilweise sehr sinnlos und unlogisch, denn Johannes der Täufer war ja zusammen mit Jesus zu sehen. Wie kann Jesus also zugleich der Täufer sein? Die Elija-Frage ergibt als logische Konsequenz der Täufer-Aussage Sinn, denn Johannes ist als wiedergekommener Elija vermutet worden. Jesu Heilstaten lassen dies vermuten, denn er begeht einige der von Elija bekannten Heilstaten. Wir merken hier, wie Gerüchte funktionieren: Ob sie überhaupt Sinn ergeben, wie hoch der Wahrheitsgehalt ist, spielt eine untergeordnete Rolle. Das Sensationelle daran erhält das Gerücht am Leben.
Dass Jesus ihnen die Frage überhaupt gestellt hat, ist eine Hinführung zu seiner eigentlichen Frage: Für wen haltet IHR mich?
Petrus ist wie so oft der erste, der sich zu Wort meldet. Dass er so schnell die treffende Antwort gibt, zeigt sein geisterfülltes Sprechen: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Das ist keine Schlussfolgerung aufgrund von logischem Nachdenken. Dies hätte mehr Zeit beansprucht. Es handelt sich um etwas, wofür ihm der Hl. Geist die Augen des Herzens geöffnet hat. Und nicht umsonst heißt es ja in 1 Kor 2,10 „Uns aber hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.“ Wie sonst kann ein ungebildeter Fischer aus Galiläa eine solch tiefe Wahrheit erkennen, wenn nicht aus dem Geist Gottes heraus?
Und aus dem Grund entgegnet Jesus auch diesem Messiasbekenntnis: „Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel.“ Mit Fleisch und Blut ist die menschliche Natur gemeint, zu der alles gehört, auch die kognitiven Fähigkeiten. Der Vater im Himmel hat es ihm offenbart, nämlich durch seinen Geist. Diesen werden sie in vollem Umfang an Pfingsten empfangen, was nicht heißt, dass sie nicht jetzt schon von ihm erfüllt werden. „Barjona“ ist übrigens kein zweiter Vorname oder Nachname, sondern der Beiname, mit dem Menschen spezifiziert worden sind: Es heißt wörtlich „Sohn des Jona“, was der Name seines Vaters ist.
Aufgrund seines Bekenntnisses verleiht Jesus ihm nun den Namen, unter dem wir ihn auch kennen und verehren – Petrus, der Fels. Er erhält diesen neuen Namen aufgrund der besonderen Berufung. Er soll zum Fundament der Braut Christi werden („und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen“).
Die Mächte der Finsternis werden sie nicht überwältigen, was auf diesen besonderen Felsen zurückzuführen ist. Das macht den Unterschied zu all den Denominationen aus, die später entstanden sind. Sie gründen nicht auf diesem Felsen und sind deshalb nicht ewig.
Jesus verleiht Petrus so eine große Macht, dass sogar der Himmel sich nach seinen Entscheidungen richten wird: „19 Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben; was du auf Erden binden wirst, das wird im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird im Himmel gelöst sein.“ Diese Vollmacht hat nur er in seinem obersten Hirtenamt stellvertretend für Jesus, der zum Vater heimgekehrt und deshalb einen Stellvertreter auf Erden einsetzt. Diese Vollmacht überträgt sich jeweils auf den Nachfolger, denn dass Jesus dies nur für Petrus gesagt hat, ergibt keinen Sinn. Die Mächte der Finsternis werden die Kirche bestimmt nicht nur für die Lebenszeit des Petrus überwältigen. Das würde nicht zum Wesen Gottes passen, dessen Güte und Huld ewig sind. Auch die Kirchenväter haben die Schlüsselgewalt und den Primat des Petrusstuhles auch für die Nachfolger Petri als selbstverständlich vorausgesetzt.
Petrus ist mit einem unvergleichlichen Amt ausgestattet worden, das Jesus nur ihm verliehen hat. Diese Schlüsselgewalt gibt es nur in der katholischen Kirche, denn nur dort, wo der Gehorsam gegenüber dem Papst gelebt wird, gründen wir als Gläubige auf dem von Christus selbst gelegten Fundament. Diese Schlüsselgewalt wurde keinem Martin Luther, Joseph Smith, Charles T. Russell, Johannes Calvin, Ulrich Zwingli oder wie sie alle heißen, verliehen. Das macht den entscheidenden Unterschied aus. Das Haus, das auf Felsen gebaut ist, wird bei einem Sturm und bei Regengüssen nicht in sich zusammenfallen. Das ist für uns ein großer Trost, die wir heutzutage große Erschütterungen erleben. Diese werden die Kirche nicht zerstören, weil Jesus es uns versprochen hat.

Ihre Magstrauss

Samstag nach Aschermittwoch

Jes 58,9b-14; Ps 86,1-2.3-4.5-6; Lk 5,27-32

Jes 58
9 Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst, auf keinen mit dem Finger zeigst und niemandem übel nachredest, 

10 den Hungrigen stärkst und den Gebeugten satt machst, dann geht im Dunkel dein Licht auf und deine Finsternis wird hell wie der Mittag. 
11 Der HERR wird dich immer führen, auch im dürren Land macht er dich satt und stärkt deine Glieder. Du gleichst einem bewässerten Garten, einer Quelle, deren Wasser nicht trügt. 
12 Die Deinen bauen uralte Trümmerstätten wieder auf, die Grundmauern vergangener Generationen stellst du wieder her. Man nennt dich Maurer, der Risse schließt, der Pfade zum Bleiben wiederherstellt. 
13 Wenn du am Sabbat deinen Fuß zurückhältst, deine Geschäfte an meinem heiligen Tag zu machen, wenn du den Sabbat eine Wonne nennst, heilig für den HERRN, hochgeehrt, wenn du ihn ehrst, ohne Gänge zu machen und ohne dich Geschäften zu widmen und viele Worte zu machen, 
14 dann wirst du am HERRN deine Wonne haben. Dann lasse ich dich über die Höhen der Erde dahinfahren und das Erbe deines Vaters Jakob genießen. Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen.

Heute hören wir in der Lesung die Fortsetzung der gestrigen. Es ging um das Volk Israel, das sich schwer verschuldigt, ein unmoralisches Leben geführt und sich dann über die ausgebliebene Gebetserhörung Gottes gewundert hat. Jesaja soll dem Volk den Grund ausrichten und dazu auffordern, Werke der Barmherzigkeit zu tun, damit ihre dargebrachten Opfer aufrichtig vor Gott sind. Die Worte, die Jesaja dem Volk ausrichten soll, setzen sich heute fort.
„Wenn du Unterjochung aus deiner Mitte entfernst“ bezieht sich auf Unterdrückung der Ärmeren und Schwächeren einer Gesellschaft durch Reiche und Mächtige.
Die Israeliten sollen nicht mehr lästern und niemanden verurteilen (mit dem Finger auf sie zeigen).
Sie sollen denen etwas zu essen geben, die hungern, damit das passiert, was ich gestern schon angedeutet habe: damit ihr Licht aufgeht in der Finsternis. Dieses Licht ist moralisch zu sehen – es wird hell aufgrund der Tugenden der Israeliten, wo vorher Finsternis war, nämlich die Dunkelheit ihrer bösen Taten. Zugleich können wir das Licht mit der Gnade Gottes verbinden, die hell leuchtet an einem Ort, wo aufgrund der Sünde die Gnade nicht hinkam. Der Stand der Gnade wird wieder erlangt und von diesem aus wird „der HERR (…) dich immer führen“. Man lebt wieder in Gemeinschaft mit ihm und er zeigt einem den Weg. Gott wird einen nähren und die Glieder stärken. Das ist bemerkenswert, weil es den barmherzigen Taten ähnelt, die man zuvor an anderen Menschen getan hat. Gott gibt einem Gutes zurück, und zwar auch in unmöglichen Situationen wie der Dürre.
Es geht um den „Stand der Gnade“, in dem die Israeliten zuvor nicht waren wegen ihrer Vergehen. Das sehen wir nun auch an dem Bild des bewässerten Gartens. Wasser ist ein Symbol für den Hl. Geist – auch schon im Alten Testament. Gott erfüllt uns mit seinem Hl. Geist und deshalb sind wir wie ein bewässerter Garten. Wir wachsen durch ihn prächtig heran und bringen schöne Blüten und köstliche Früchte hervor.
In Vers 12 wird verheißen, dass die Israeliten „uralte Trümmer“ wieder aufbauen. Das ist ein Hinweis einerseits auf die Ruinen der Stadt und des Tempels, der von den Babyloniern zerstört werden wird. Andererseits sind die Ruinen geistig zu verstehen – als Symbol der Auferstehung Jesu, der „uralt“ ist und dessen Trümmer des Todes am dritten Tag wieder zum Leben erweckt werden, ebenso auf die Kirche bezogen, deren Trümmer durch die Krisenzeiten hervorgegangen sind und die durch den Hl. Geist eine Erneuerung erfahren hat. Wir denken an jeden einzelnen Menschen, der sein Leben durch die Sünde zu einem Trümmerhaufen gemacht hat, den der Hl. Geist aber wieder aufbauen kann. Und so ist es auch mit der ganzen gefallenen Welt. Durch den Hl. Geist werden die Trümmer der alten Schöpfung am Ende der Zeiten wieder aufgebaut zu einer neuen Schöpfung!
In den letzten zwei Versen wird noch einmal ein konkretes Verhalten angeführt, durch das man gerecht vor Gott wird: wenn man den Sabbat hält. Gott hat den Israeliten vorgeworfen, am Sabbat oder am Fastentag Geschäfte zu machen. Gott ist nicht an erster Stelle bei ihnen und sie vertrauen nicht darauf, dass er sie mit allem versorgen wird, auch wenn sie einen Tag nicht arbeiten. So war es doch damals bei den Vätern in der Wüste. Sie haben am sechsten Tag doppelt so viel bekommen (Manna oder Tauben), damit sie am Sabbat nicht arbeiten müssen und auch dann noch versorgt sind. Wer sich dem widersetzte und dennoch heimlich etwas angesammelt hat, bei dem verdarb das Vorrätige. Am Sabbat Geschäfte zu machen, ist ein Ausdruck von Misstrauen gegenüber der göttlichen Vorsehung. Das Ironische ist dabei, dass der Mensch alles verspielt, was er so krampfhaft für sich haben wollte. Wenn man dagegen am Sabbat Gott die Ehre gibt, der den ersten Platz im Leben des Menschen hat, dann wird er einen versorgen und man wird „das Erbe deines Vaters Jakob genießen“. Dann werden sie das verheißene Land ganz und gar haben. Und auch dies ist mehr als nur wörtlich zu verstehen. Das betrifft vor allem auch die moralische und anagogische Bedeutung: Wer das dritte Gebot hält, wird im Stand der Gnade sein, der Gemeinschaft mit Gott, der den Menschen dann mit Gnaden überschüttet. Und am Ende des Lebens wird man dann auf ewig das verheißene Land, das Erbe Jakobs, den Himmel genießen.
„Ja, der Mund des HERRN hat gesprochen“ signalisiert das Ende der Botschaft, die Jesaja dem Volk Gottes ausrichten soll.
Es sind insgesamt sehr eindrückliche Worte, die auch für uns jetzt in der Fastenzeit hochaktuell sind bzw. generell in heutiger Zeit. Gerade der letzte Teil sollte uns zu denken geben. Halten wir den Sonntag heilig? Danken wir an diesem Tag dem Herrn für die ganze Woche und tun dies in der Eucharistie – der Danksagung? Wie viele Katholiken gehen nicht mal jeden Sonntag zur Kirche. Das ist ein schweres Vergehen ohne einen gerechtfertigten Grund. Dann können wir kein gewässerter Garten sein, dann können wir nicht mit allem gesegnet sein, denn wir schneiden von uns von den Gnadenstrom ab! Dann kann Gott unsere Gebete nicht erhören.
So ist es mit allen Geboten. Wir können keinen Segen erwarten, wenn wir Gottes Gebote nicht halten. Die Fastenzeit ist eine ideale Gelegenheit, das eigene Verhalten zu überdenken, die uralten Trümmer wieder aufzubauen und die Beziehung zu Gott wieder zu erneuern.

Ps 86
1 Ein Bittgebet Davids. Neige dein Ohr, HERR, und gib mir Antwort, denn elend und arm bin ich! 

2 Beschütze mich, denn ich bin dir ergeben! Rette, du mein Gott, deinen Knecht, der auf dich vertraut! 
3 Mein Herr, sei mir gnädig, denn zu dir rufe ich den ganzen Tag! 
4 Erfreue die Seele deines Knechts, denn zu dir, mein Herr, erhebe ich meine Seele! 
5 Denn du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben, reich an Liebe für alle, die zu dir rufen. 
6 Vernimm, HERR, mein Bittgebet, achte auf mein lautes Flehen! 

Heute beten wir einen Bittpsalm passend zur Lesung. Wir können uns vorstellen, wie es das Volk Israel betet, nachdem es die Botschaft Gottes durch den Propheten Jesaja erhalten hat. Wir können es auch selbst beten als Kinder Gottes, die sich durch ein sündiges Verhalten von Gott entfremdet haben. Gott soll sein Ohr neigen, das heißt, die Bitten des Volkes erhören. „Elend und arm“ ist der Beter, weil er mit Gott im Streit liegt. Deshalb beten die Israeliten auch „beschütze mich, denn ich bin dir ergeben!“ Das hebräische Wort für „ergeben“ ist חָסִ֪יד chasid. Es heißt wörtlich „ich bin ein Jünger“. Die Israeliten bitten um Schutz, weil sie Gottes Jünger sind, weil sie ihm nachfolgen.
Sie rufen Gott „den ganzen Tag“. Das hat Jesaja bereits thematisiert. Die hebräische Verbform אֶ֝קְרָ֗א ekra ist dabei eine sogenannte PK-Form. Diese ist entweder präsentisch oder futurisch zu übersetzen. Einerseits besagt der Satz hier also, dass sie den ganzen Tag Gott anrufen, andererseits, dass sie es zukünftig tun werden. Es wird so zum Versprechen des Volkes, von nun an anders zu handeln. Ebenso ist es mit dem nachfolgenden Vers, da auch dort als Argumentation für die Bitte eine Handlung als PK-Form ausgedrückt wird („denn zu dir (…) erhebe ich meine Seele!“). Das Verb für „erheben“ ist אֶשָּֽׂא esa. Das Volk sagt also, dass es dies jetzt schon tut, es aber in Zukunft auch tun wird. Das Wort für Seele ist נַפְשִׁ֥י nafschi. Es ist eigentlich zu übersetzen mit „mein Leben“. Es meint die gesamte Existenz und nicht nur einen bestimmten Teil im Menschen. David erhebt also sein ganzes Leben zu Gott in dem Sinne, dass er sein ganzes Dasein auf Gott ausrichtet, ohne etwas für sich zu behalten. Und so tut es das Volk Israel immer wieder im AT, nachdem Gott ihm die Leviten gelesen hat. Gott soll die נֶ֣פֶשׁ nefesch, also das ganze Leben des Volkes erfreuen, weil es sein Leben Gott ganz widmet. Das ist für uns ein gutes Beispiel. Auch wir müssen Gott unser ganzes Leben hinhalten, wenn wir möchten, dass er es verwandelt. Dies tut er nur, wenn wir es ihm freiwillig überlassen. Und er tut es gern. Das bedeutet auch, dass er uns das ewige Leben schenken möchte.
„Denn du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben, reich an Liebe für alle, die zu dir rufen“ – das Volk hat Gottes Vergebung immer wieder erfahren und kann mit Vertrauen diese Worte beten.
Gott ist wirklich ein barmherziger Gott und bereit, unsere Schuld zu vergeben. Wir müssen seine Barmherzigkeit aber auch annehmen. So tut es David immer wieder, so tut es später auch Petrus, so tut es der verlorene Sohn im Gleichnis Jesu. So tun es die Gläubigen, die zur Beichte kommen. Dann umarmt Gott die Menschen bereitwillig mit seiner vergebenden Liebe und verändert das Leben jedes Reumütigen. Nutzen wir dafür die Fastenzeit, denn jetzt hat Gott ganz besondere Gnaden für uns bereit.

Lk 5
27 Danach ging Jesus hinaus und sah einen Zöllner namens Levi am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! 

28 Da verließ Levi alles, stand auf und folgte ihm nach. 
29 Und Levi gab für Jesus in seinem Haus ein großes Gastmahl. Viele Zöllner und andere waren mit ihnen zu Tisch. 
30 Da murrten die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten und sagten zu seinen Jüngern: Wie könnt ihr zusammen mit Zöllnern und Sündern essen und trinken? 
31 Jesus antwortete ihnen: Nicht die Gesunden bedürfen des Arztes, sondern die Kranken. 
32 Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen.

Auch das Evangelium thematisiert heute die Barmherzigkeit. Jesus beruft Levi/Matthäus zu seinem Apostel, der von Beruf Zöllner ist. Er sitzt gerade am Zoll, als Jesus ihn ruft. Er macht einen unbeliebten Job, bei dem es oft um kleinere und größere Betrügereien geht, also nichts Aufrichtiges. Und doch ist dieser Mensch herzensoffen. Als Jesus ihn ruft, lässt er alles stehen und liegen und folgt Jesus nach. Er hat die optimale Herzenshaltung, denn er lässt sich von Jesus etwas sagen.
Wie es oft bei Jesus der Fall ist, hält er mit den jeweiligen Menschen Mahl. Er ist bei Levis großem Gastmahl eingeladen und weil Levi ein Zöllner ist und diese seine einzigen Freunde sind (wer will sonst schon mit einem Betrüger und Lügner befreundet sein? Alle sind misstrauisch.), besteht Jesu Tischgemeinschaft aus sündigen Menschen.
Offensichtlich ist Jesus nicht alleine bei Levi, sondern auch die Jünger Jesu sind eingeladen. Dies wird daran deutlich, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten die Jünger so ansprechen, dass sie mit dabei sind. Ihre Kritik besteht darin, dass Jesus und seine Jünger mit Zöllnern und Sündern Tischgemeinschaft haben. Entweder ist diese aus moralischer oder aus ritueller Sicht verwerflich: Die genannten Personengruppen sind Sünder vor Gott und das Essen mit ihnen impliziert für einen Juden dann, dass man ihr Verhalten gutheißt. Die genannten Personengruppen als rituell Unreine können am Kult nicht teilnehmen und übertragen die eigene Unreinheit noch auf den Reinen, der mit ihnen am Tisch ist. Diese beiden Möglichkeiten müssen wir in Betracht ziehen, zugleich zeigen sie, dass die Pharisäer und Schriftgelehrten Jesus als Messias nicht erkannt haben. Diese Dinge mögen vielleicht für einen normalen Juden gelten, aber nicht für den Sohn Gottes, der im Gegenteil noch Menschen in den Zustand der Versöhnung zurückversetzen kann durch Sündenvergebung und der nicht kultisch unrein wird, sondern seine Heiligkeit auf die Menschen um sich herum abfärbt!
Jesus möchte durch sein Verhalten eben nicht gutheißen, dass die Sünder und Zöllner gegen die Gebote Gottes verstoßen. Er möchte sie in seiner entgegenkommenden Barmherzigkeit berühren, deren Herzen er ganz weit geöffnet sieht. Er erkennt, dass man mit ihnen „arbeiten“ kann, und verwandelt ihre Herzen in diesem ganzen Prozess. So ist es auch schon mit Zachäus, der dann umkehrt und seine ganze Schuld vielfach zurückzahlen möchte. Das ist der springende Punkt: Wenn Jesus mit ihnen fertig ist, sind sie keine Sünder mehr, sondern brennende Jünger für Gott.
Und was Jesus durch die Antwort auf die Kritik der Pharisäer und Schriftgelehrten verdeutlicht, ist ein therapeutisches Verständnis von Sünde im Gegensatz zu einem juristischen. Sünde ist wie eine Krankheit, die man heilen muss. Jesus ist der Arzt, der die Seele der Menschen wieder gesund macht. Sie sind dabei wie Patienten, die sich bereitwillig behandeln lassen. Sie sind nicht verstockt wie die Pharisäer und Schriftgelehrten, die sich einbilden, keinen Arzt zu benötigen. Dabei ist jeder Mensch krank durch die Erbsünde. Keiner kann von sich behaupten, sündlos und perfekt zu sein. Jeder und jede muss auf die je eigene Weise zum Arzt kommen.
Wenn Jesus zum Schluss sagt: „Ich bin nicht gekommen, um Gerechte, sondern Sünder zur Umkehr zu rufen“, dann heißt das nicht, dass die echten Gerechten Pech gehabt haben. Er meint diejenigen, die sich für gerecht halten. Er ist gekommen, um die zur Umkehr zu rufen, die erkennen, dass sie Sünder sind und der Umkehr auch wirklich bedürfen. Wer selbstgerecht ist, ist versteinert, sein Herz ist geschlossen und blockiert die Gnade Gottes. Dabei muss sich jeder seiner Sündigkeit und Umkehrbedürftigkeit bewusst werden.

Wir befinden uns jetzt in der österlichen Bußzeit, in der wir uns unsere eigene Schuldhaftigkeit auf besondere Weise bewusst machen. Gott möchte in dieser Zeit besondere Gnaden schenken, um auch den besonders harten Fällen die Herzen zu erweichen. Dann kommt Jesus auch in unser Leben und möchte mit uns Gemeinschaft haben. Dann arbeitet er in uns, bis wir unser eigenes Schlechtes erkennen, bereuen und umkehren. Er verwandelt uns, sodass wir immer mehr zu den ursprünglichen Menschen werden, die Gott geschaffen hat – Menschen wie er.

Ihre Magstrauss

Erster Fastensonntag (B)

Gen 9,8 -15; Ps 25,4 – 5.6-7.8-9; 1 Petr 3,18-22; Mk 1,12-15

Gen 9
8 Dann sprach Gott zu Noach und seinen Söhnen, die bei ihm waren:

9 Ich bin es. Siehe, ich richte meinen Bund auf mit euch und mit euren Nachkommen nach euch
10 und mit allen Lebewesen bei euch, mit den Vögeln, dem Vieh und allen Wildtieren der Erde bei euch, mit allen, die aus der Arche gekommen sind, mit allen Wildtieren der Erde überhaupt.
11 Ich richte meinen Bund mit euch auf: Nie wieder sollen alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden; nie wieder soll eine Flut kommen und die Erde verderben.
12 Und Gott sprach: Das ist das Zeichen des Bundes, den ich stifte zwischen mir und euch und den lebendigen Wesen bei euch für alle kommenden Generationen:
13 Meinen Bogen setze ich in die Wolken; er soll das Zeichen des Bundes werden zwischen mir und der Erde.
14 Balle ich Wolken über der Erde zusammen und erscheint der Bogen in den Wolken,
15 dann gedenke ich des Bundes, der besteht zwischen mir und euch und allen Lebewesen, allen Wesen aus Fleisch, und das Wasser wird nie wieder zur Flut werden, die alle Wesen aus Fleisch verdirbt.

In der ersten Lesung des heutigen ersten Fastensonntags hören wir einen Bundesschluss. Es geht um die Erneuerung des einen Bundes, den Gott bereits mit dem ersten Menschenpaar geschlossen hat. Was hier geschieht, ist eine Bekräftigung dessen. Gott schließt diesen Bund mit Noach, der bei ihm Wohlgefallen gefunden hat, wie wir vor einigen Tagen in der Sintfluterzählung gehört haben. Dieser Bundesschluss, von dem wir hier hören, ist ein Familienbund. Gott schließt einen Bund mit Noach und seiner ganzen Familie, also allen Menschen, die dank der Arche die Sintflut überlebt haben.
So sagt Gott zu Noach und seinen Söhnen, dass er den Bund mit ihnen und ihren Nachkommen schließt, auch mit allen Lebewesen, die anwesend sind. Noach sollte ja von allen Tieren ein Männchen und ein Weibchen mit auf die Arche nehmen, damit sie nach der „Zurücksetzung auf Werkseinstellungen“ sich wieder vermehren und die Erde erneut bevölkern können.
Gott verspricht, dass es so einen radikalen Cut nicht noch einmal geben wird. Gewiss kennen wir Überflutungen auch in unserer heutigen Zeit. Und doch sind das keine Fluten, die die gesamte Erde bedecken und dadurch alle Lebewesen auslöschen. Gott hat bei diesem Bundesschluss ja versprochen, dass nie wieder „alle Wesen aus Fleisch vom Wasser der Flut ausgerottet werden“. Es soll nie wieder „eine Flut kommen und die Erde verderben.“
Als Zeichen dieses Bundes – das ist ganz typisch, dass immer wieder auch Zeichen eingesetzt werden zur Bekräftigung des Bundesschlusses – setzt Gott einen Regenbogen in die Wolken. Dieser ist primär das Zeichen Gottes und nicht einer Ideologie unserer heutigen Zeit….
Wir beobachten Regenbögen ja immer wieder dann, wenn es regnet und zugleich die Sonne scheint. So möchte der Herr uns daran erinnern, dass auch wenn sich Wolken bilden und Niederschlag auf die Erde fällt, nie wieder das geschehen wird, was damals mit der Erde passiert ist.
Gott ist treu und er hält sein Versprechen.

Ps 25
4 Zeige mir, HERR, deine Wege, lehre mich deine Pfade!
5 Führe mich in deiner Treue und lehre mich; denn du bist der Gott meines Heils. Auf dich hoffe ich den ganzen Tag.
6 Gedenke deines Erbarmens, HERR, und der Taten deiner Gnade; denn sie bestehen seit Ewigkeit!
7 Gedenke nicht meiner Jugendsünden und meiner Frevel! Nach deiner Huld gedenke meiner, HERR, denn du bist gütig!
8 Der HERR ist gut und redlich, darum weist er Sünder auf den rechten Weg.
9 Die Armen leitet er nach seinem Recht, die Armen lehrt er seinen Weg.

Als Antwort beten wir Ps 25, der sehr weisheitlich ist. Er wird überschrieben mit dem Titel „Bitte um Vergebung und Leitung“. Aus diesem Grund erfolgt zu Anfang unseres Abschnitts auch die Bitte um Orientierung Gottes durch seine Gebote: „Zeige mir, HERR, deine Wege“ ist in Krisensituationen die Bitte, das richtige Verhalten zu übernehmen und die richtigen Entscheidungen zu treffen. Gott zeige uns immer das richtige moralische Verhalten auf, indem er uns seinen Willen aufzeigt. Dies tut er durch sein Heiliges Wort und seine Gebote. Der Weg ist stets eine Metapher für den Lebenswandel des Menschen.
Dieser Psalm ist messianisch zu lesen, denn wir sehen das an der hebräischen Formulierung אֱלֹהֵ֣י יִשְׁעִ֑י elohe, jisch’i, was mit „Gott meines Heils“ übersetzt wird. Die Wurzel des Wortes „Heil“ ist dieselbe wie der Name Jesu. „Auf dich hoffe ich den ganzen Tag“ ist ein besonders intensiver Ausdruck messianischer Erwartung. Eine solche Sehnsucht sehen wir beim Volk Israel insbesondere in der babylonischen Gefangenschaft. Wir sehen auch die Familie Noachs vor Augen, die nun einen Neuanfang begehen muss und ganz auf die Leitung Gottes angewiesen ist. Sie fragen sich: Wie soll es nun weitergehen?
Auch wir hoffen den ganzen Tag auf den Messias, insbesondere jetzt in dieser Fastenzeit und in dieser Extremsituation der Coronakrise. Je drastischer die Weltsituation ist, desto lauter wird der Schrei nach dem Gott des Heils. Und auch dann ist es entscheidend, sich ganz nach Gottes Willen auszurichten und nicht unseren eigenen Kopf durchzusetzen.
Mit der Erwartung Gottes kommt auch hier die Frage nach dem Zustand der Menschen auf: „Gedenke deines Erbarmens“ und „gedenke nicht meiner Jugendsünden“ zeigen das Verständnis auf, dass wenn Gott kommt, die Menschen vor ihm gut dastehen möchten. Auch hier ist der Wunsch spürbar, dass wenn Gott kommt, barmherzig mit den sündigen Menschen umgehen soll. So sollen auch wir beten und das tut die Kirche auch immer nach dem Vaterunser in der Hl. Messe: „Schau nicht auf unsere Sünden, sondern auf den Glauben deiner Kirche und schenke uns nach deinem Willen Einheit und Frieden.“ Das wird vor dem Kommen Jesu in der Kommunion gebetet, also bevor die Menschen ihn in ihr Herz aufnehmen. So sollen wir auch persönlich beten, auch dann, wenn Gottes Gegenwart ganz weit weg zu sein scheint.
Gott ruft jene zurück auf seinen Weg, die sich von ihm entfernt haben. Er ist wirklich der gute Hirte, der die 99 Schafe zurücklässt, um das eine verlorene Schaf zurückzuholen, ganz wie Jesus es später erklären wird. Dies drückt die Aussage in Vers 8 aus, wenn es heißt, dass Gott Sünder auf den rechten Weg führt. Alle sollen gerettet werden.
Wer benachteiligt und ausgeschlossen ist, auf welche Weise auch immer einen Mangel erleidet, ist als Armer zu bezeichnen. Gott hat ein besonderes Herz für diese. Er verschafft ihnen die Erquickung, die sie brauchen. Gott ist gerecht und barmherzig. Beides gehört zusammen und widerspricht einander nicht.

1 Petr 3
18 Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte, damit er euch zu Gott hinführe, nachdem er dem Fleisch nach zwar getötet, aber dem Geist nach lebendig gemacht wurde.

19 In ihm ist er auch zu den Geistern gegangen, die im Gefängnis waren, und hat ihnen gepredigt.
20 Diese waren einst ungehorsam, als Gott in den Tagen Noachs geduldig wartete, während die Arche gebaut wurde; in ihr wurden nur wenige, nämlich acht Menschen, durch das Wasser gerettet.
21 Dem entspricht die Taufe, die jetzt euch rettet. Sie dient nicht dazu, den Körper von Schmutz zu reinigen, sondern sie ist eine Bitte an Gott um ein reines Gewissen aufgrund der Auferstehung Jesu Christi,
22 der in den Himmel gegangen ist; dort ist er zur Rechten Gottes und Engel, Gewalten und Mächte sind ihm unterworfen.

Als zweite Lesung hören wir aus dem ersten Petrusbrief. Der Abschnitt unmittelbar davor ist sehr bekannt und wir haben ihn immer wieder gehört. Dort unterscheidet Petrus zwischen Leiden, das man selbst verschuldet, und Leiden, das man um des Himmelreiches willen erleidet. Dabei stellt er heraus, dass das zweite Leiden fruchtbar ist, während das erste die Konsequenz der eigenen Sünde.
In unserem heute gehörten Abschnitt bezieht er das „fruchtbare“ Leiden nun auf das Leiden Jesu Christi: „Denn auch Christus ist der Sünden wegen ein einziges Mal gestorben, ein Gerechter für Ungerechte“. Er ist zu einem makellosen Opfer geworden, was wir einerseits an der Bezeichnung „Gerechter“ erkennen, andererseits an dem Sterben „für Ungerechte“. Es ist ein Sühnopfer. Dieses ultimative Leiden hat einen Sinn, nämlich das Hinführen zu Gott. Sein Leiden hat die meiste Frucht gebracht, nämlich uns alle zur Geburt im Hl. Geist geführt. Wir sind zur Familie Gottes geworden, das ist die größte Frucht aller Zeiten!
Er ist vielleicht „dem Fleisch nach“ getötet, aber „dem Geist nach lebendig gemacht“ worden. Diese Gegenüberstellung ist nicht auf Körper und Seele zu beziehen, sondern es geht um die alte und die neue Schöpfung. „Fleisch“ meint in diesem Kontext also die gesamte gefallene Schöpfung, die zum Tod verurteilt war durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares. Er ist also ganz gestorben wie jeder Mensch der alten Schöpfung stirbt. Zugleich ist er auferweckt worden als Erstgeborener der neuen Schöpfung, die eine geistliche ist. Deshalb wird alles, was zur neuen Schöpfung gehört mit „Geist“ umschrieben. Es ist vor allem deshalb die richtige Bezeichnung, weil es auf den Hl. Geist zurückzuführen ist, dem Atem Gottes, der Christus auferweckt hat und der auch uns zum ewigen Leben neuschöpft in der Taufe. Wir leben als Erlöste bereits „dem Geist nach“, doch die Folgen der Erbsünde sind immer noch spürbar. Deshalb sterben wir biologisch weiterhin. Und doch dürfen wir nach dem Tod bereits das ewige Leben haben.
Wer aber sind die Geister im Gefängnis, denen Christus das Evangelium verkündet hat? Wir beten es auch im Glaubensbekenntnis: Christus ist nach seinem Tod hinabgestiegen in die Unterwelt, wie man „inferos“ wörtlich übersetzen muss. Gemeint ist nicht die Hölle im heutigen Sinn, denn dort sind ja nur jene, die sich endgültig gegen Gott entschieden haben. Vielmehr ist er zu jenen hinabgestiegen, die gerecht sind und doch nicht das Angesicht Gottes schauen konnten. Mit dem Sündenfall des ersten Menschenpaares ist die Paradiestür ja verschlossen worden. Christus ist der Schlüssel, durch den diese zugesperrte Tür wieder aufgeschlossen wurde. Die Gerechten wurden aus ihrem „Gefängnis“ befreit, theologisch auch Limbus genannt bzw. „Vorhölle“. Aber hier in 1 Petr hören wir, dass es sich um die Ungehorsamen, nicht um die Gerechten handelt. An anderer Stelle werden die Gerechten behandelt, hier geht es aber tatsächlich um jene, die noch eine Chance zur Umkehr haben, aber eben nicht gehorsam sind. Wie können wir uns das vorstellen? Wenn hier der Hinabstieg zu den Toten beschrieben wird, ist das ein allgemeiner Begriff für die Gesamtheit der Verstorbenen. Die Hölle nach heutigem Verständnis kann nicht gemeint sein, weil es sich ja wie gesagt um jene handelt, die sich endgültig von Gott abgesagt haben. Wenn es auch nicht die Gerechten des Alten Bundes handelt, so z.B. Noach etc., dann muss es sich um die „Armen Seelen“ handeln, jene also, die sich einer Reinigung unterziehen müssen, aber noch eine Chance auf das Himmelreich haben. Sonst würde Christus ihnen nicht predigen. Es geht also um den Bereich oder Zustand des Fegefeuers. Wenn wir zu diesem Thema sämtliche Bibelstellen zusammen lesen, werden wir erkennen, dass Christus in das Reich des Todes hinabgestiegen ist zu jenen, die ihn schon erwartet haben. Er hat eine gute Nachricht für sie, weil sie als Gerechte oder noch zu Läuternde das Angesicht Gottes schauen dürfen – entweder sofort oder nach der Läuterung.
Das ist an dieser Stelle aber nicht das Hauptaugenmerk. Vielmehr nimmt Petrus jetzt etwas vor, das uns auf die erste Lesung zurückführt: Er verbindet die Taufe und die Sintflut miteinander in einer typologischen Verhältnisbestimmung. So wie Noachs Familie durch die Arche vor der Sintflut gerettet worden ist, so rettet die Taufe aufgrund der Auferstehung Jesu Christi. Sie ist nicht einfach zum Abwaschen körperlichen Schmutzes, sondern reinigt die Seele, sodass wir ganz gerechtfertigt vor Gott stehen können.
Wir sind auf Christus getauft worden, der uns vorausgegangen ist zum Vater und der Macht hat über alle „Gewalten und Mächte“. Er sitzt zur Rechten Gottes, wie wir im christlichen Glaubensbekenntnis beten. Ganz wie er es in den johanneischen Abschiedsreden gesagt hat, ist er vorausgegangen, um seinen Jüngern eine Wohnung zu bereiten. Wir Christen dürfen zu allen Zeiten hoffen, dass wenn wir uns von Herzen bemühen, heilig zu werden, was unsere Berufung durch die Taufe ist, eine „Wohnung“ von Christus erhalten.

Mk 1
12 Und sogleich trieb der Geist Jesus in die Wüste.
13 Jesus blieb vierzig Tage in der Wüste und wurde vom Satan in Versuchung geführt. Er lebte bei den wilden Tieren und die Engel dienten ihm.
14 Nachdem Johannes ausgeliefert worden war, ging Jesus nach Galiläa; er verkündete das Evangelium Gottes
15 und sprach: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!

Im Evangelium hören wir von den Anfängen der Reich-Gottes-Verkündigung Jesu. Er beginnt damit, als Johannes ins Gefängnis geworfen wird. Zunächst aber führt ihn der Geist Gottes in die Wüste, wo er eine Bewährungsprobe durchmachen muss. Dies ist nicht notwendig, weil Christus unvollkommen ist, sondern er tut dies als einen Aspekt der Sühne. Er muss in allem dem Menschen gleich werden, um alles erlösen zu können. Und so muss auch er sein Leben lang Versuchungen ausgesetzt sein, noch bis zum Kreuz! Er ist es aber, der auf die Versuchungen nicht eingeht. Er triumphiert am Ende und besiegt somit den Bösen, der uns ununterbrochen quält mit seinen geistlichen Anfechtungen und Versuchungen.
Jesus ist bei den wilden Tieren, was für uns ein entscheidender Aspekt ist: Ganz wie in der Friedensvision des Jesaja ist der Nachkomme der Frau ganz freundschaftlich mit den wilden Tieren – Jesus Christus als Nachkomme der neuen Eva, der Hl. Muttergottes. Es ist ein Vorbote des umfassenden Friedens, den nur Gott geben kann! Er ist zudem Herr über die Schöpfung, denn durch ihn ist alles geschaffen worden. Er ist nicht nur Herr über die sichtbare Schöpfung, zu der die wilden Tiere gehören. Er ist auch Herr über die unsichtbare Schöpfung, zu der die Engel gehören. So macht es absolut Sinn, dass die Engel ihm in dieser Wüstenzeit dienen.
Dies führt uns zur Fastenzeit, die so wie im Falle Jesu vierzig Tage dauert. So wie er ganz in diese intensive Bewährung gerät, so sollen auch wir eine „Wüstenerfahrung“ machen, voller Entsagung und Intensivierung unserer Gottesbeziehung. So wie er gefastet hat (davon wird uns in der Markusversion nichts berichtet, aber wir wissen es von der ausführlicheren Matthäusversion), so sollen auch wir fasten, um mit unserem ganzen Sein, mit Seele, Geist und Leib, zu begreifen: Der Mensch lebt nicht nur von Brot allein, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt. Der Mensch lebt nicht nur für diese Welt und für seinen „Bauch“, das heißt zur Befriedigung körperlicher Bedürfnisse. Er lebt für die Ewigkeit und ist absolut abhängig von der Gnade Gottes.
Dann geht Jesus nach Galiläa und beginnt sein öffentliches Wirken. Der Kern der Verkündigung Jesu von Anfang an besteht aus Umkehr und Glaube, weil das Reich Gottes nahe ist (Vers 15). Ohne beide Elemente können wir nicht Teil des Gottesreiches werden. Es ist zugleich so einfach und doch so schwer in der Umsetzung. Die Umkehr ist so ziemlich das Unattraktivste, das man verkündigen kann. Umkehr ist anstrengend und unbequem. Man muss sein Leben ändern, um die Beziehung zu Gott zu retten.
Warum ist „die Zeit (…) erfüllt“ und „das Reich Gottes (…) nahe“? Es hängt mit der Person Jesu Christi ganz eng zusammen. Er ist nun mitten unter den Menschen, wodurch das Reich Gottes selbst angebrochen ist.
Jesu Existenz führt die Menschen immer zur Entscheidung. So appelliert er an sie „kehrt um und glaubt“. Nun liegt es an ihnen, dies zu befolgen und das Reich Gottes zu gewinnen oder ihn abzulehnen und mit ihm das Himmelreich.
Wie Simeon im Tempel angekündigt hat, wird Jesus zum Maßstab, an dem sich die Geister scheiden. Dies hat sich bis heute nicht geändert. Tag für Tag müssen wir dem Herrn aufs Neue unser Ja schenken, indem wir umkehren und an ihn glauben. Die tägliche Umkehr heißt, den gestrigen Menschen abzulegen und heute alles daran zu setzen, einen weiteren Schritt zur Heiligkeit zu machen: heute die Sünde zu vermeiden, die ich gestern noch getan habe, und die Liebe zu Gott und zu dem Nächsten besser umzusetzen.
In der Kirche geschieht die Umsetzung dessen, was Jesus hier sagt, durch die Taufe, die das sichtbare Zeichen des inneren Glaubens ist. Im Taufritus widersagt man dem Bösen mit seinen Versuchungen und wird daraufhin nach dem Glaubensbekenntnis gefragt. Durch diese Elemente wird die Umkehr (in Form von Abkehr vom Bösen) sowie der Glaube (an den dreifaltigen Gott) umgesetzt. Das angebrochene Reich Gottes wird sakramental durch die Gemeinschaft der Gläubigen (der Kirche) vorweggenommen. Erfüllen wird es sich am Ende der Zeiten, weil es dann für alle offenbar wird.

So wie die Sintflut ein einschneidendes Ereignis ist, durch das der Mensch entweder umkommt oder gerettet wird, so ist es die Taufe. So wie es eine Taube ist, die einen Zweig zum Zeichen für neues Leben zu Noach zurückbringt, so ist es der Geist Gottes, der bei der Taufe das neue Leben bewirkt, das ewige Leben bei Gott. Auch der Geist Gottes kommt in Gestalt einer Taube – bei der Taufe Jesu! In beiden Fällen geht es entscheidend um den Glauben: Glaubt man an Gott und handelt dementsprechend? Ändert man sein Leben, kehrt um und richtet sich nach Gott aus? Oder verlacht man die Gehorsamen, wie die Leute Noach ausgelacht haben? Wir werden täglich vor die Entscheidung gestellt. Gebe uns Gott, dass wir uns immer und überall für ihn entscheiden, damit wir am Ende ein Plätzchen beim Herrn im Himmelreich erhalten!

Ihre Magstrauss