Kreuzweg nach Erzbischof Fulton Sheen

Vorbereitungsgebet

O Herr Jesus, der Vorhang hebt sich nun über dem ernsten und erschütternden Drama deiner erlösenden Liebe. Und wenn ich eine Worte höre: „Nimm dein Kreuz auf dich und folge mir nach“, erschrecke ich vor seiner Last – und selbst seine Schmach erscheint mir zu bitter. Könnte ich doch erkennen, dass dein Ruf, dir nach Golgota zu folgen, nicht aus grausamer Notwendigkeit geboren ist, sondern die Bedingung ewiger Seligkeit darstellt – vielleicht vermöchte ich dann den Weg zu gehen. Doch ich fürchte, lieber Jesus,
dass ich, wenn ich dich gewinne, alles andere verlieren muss. Lass meine Furcht weichen, da ich erkenne, dass der Tod der Anfang des Lebens ist. Denn durch deinen Apostel Paulus hast du uns gelehrt, dass die Freude am Ziel es ist, die uns das Kreuz ertragen lässt. So will ich denn mein Kreuz auf mich nehmen. O Jesus, warum müssen wir dich so sehr lieben?

1.Station – Jesus wird zum Tode verurteilt

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Pilatus, der gefällige Politiker, trat auf seinen sonnenbeschienenen Altan hinaus. Zu seiner Rechten stand Christus, der Gerechte,
der gekommen war, sein Leben hinzugeben zur Erlösung vieler. Zu seiner Linken stand Barabbas, der Böse, der einen Aufruhr angestiftet und ein Leben vernichtet hatte. Pilatus ließ die Menge zwischen beiden wählen: „Wen soll ich euch freigeben – Barabbas oder Jesus?“

Wie hätte ich auf diese Frage geantwortet, wenn ich an jenem Karfreitagmorgen im Hof gestanden hätte? Ich kann mich der Antwort nicht entziehen, indem ich sage, die Frage gehöre nur der Vergangenheit an. Denn sie ist heute ebenso wirklich wie damals. Mein Gewissen ist das Tribunal des Pilatus. Täglich, stündlich, in jeder Minute des Tages tritt Christus vor dieses Gericht – als Tugend, Ehrlichkeit und Reinheit. Barabbas tritt heran als Laster, Unredlichkeit und Unlauterkeit. Sooft ich das lieblose Wort spreche, die unehrliche Tat vollbringe oder dem bösen Gedanken zustimme, sage ich mit anderen Worten: „Gebt mir Barabbas frei.“ Und Barabbas wählen heißt: Christus kreuzigen.

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

O Jesus, oft in meinem Leben habe ich Barabbas dir vorgezogen. Es gibt keinen Weg, diese Entscheidungen rückgängig zu machen, außer zu deinen Füßen zu kommen und dich um Vergebung zu bitten. Aber wie demütigend ist das, da du das Gewand eines Narren trägst und in deiner Hand das Rohrzepter eines Spottkönigs! Wie schwer fällt es mir, Buße zu tun und einzugestehen, dass ich schuldig bin! Wie schwer ist es, an deiner Seite gesehen zu werden, da du die Dornenkrone trägst. Schwer ist es!
Doch lass mich sehen, Jesus, dass es schwerer ist, die Dornenkrone zu tragen.

2.Station – Jesus nimmt das Kreuz auf sich

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Unser gebenedeiter Herr war erst vierzig Tage auf Erden, als Simeon in prophetischer Schau verkündete, dieses Kind werde einst ein Zeichen des Widerspruchs sein. Nun war jener Tag gekommen; denn „Er kam in sein Eigentum, aber die Seinen nahmen ihn nicht auf.“ Als Sinnbild für die Verwerfung seiner lebensspendenden Botschaft gaben seine Feinde ihm ein Kreuz, dessen ein Balken dem anderen entgegensteht: der waagrechte Balken als Zeichen des Todes – denn aller Tod liegt flach und ausgestreckt –, der senkrechte Balken als Zeichen des Lebens – denn alles Leben ist aufgerichtet und steht. Doch durch einen göttlichen Akt machte unser Herr aus dem Zeichen des Widerspruchs das Zeichen der Erlösung und verwandelte das Kreuz in das Kruzifix. Das Kreuz ist das Problem von Schmerz und Tod; das Kruzifix aber ist die Antwort. Denn als der Gottmensch es durch seine Gegenwart adelte,
offenbarte er, dass Schmerz die Bedingung der Freude ist, dass der Tod der Auftakt zum Leben ist, und dass wir seine Jünger nicht sein können, wenn wir nicht unser eigenes Kreuz auf uns nehmen und ihm nachfolgen.

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

Ich weiß, lieber Herr, wie Kreuze entstehen. Dein Wille ist der senkrechte Balken, mein Wille der waagrechte. Wenn ich meinen Willen deinem entgegenstelle, mache ich ein Kreuz. Bis jetzt, lieber Jesus, habe ich nichts anderes getan, als Kreuze zu formen, indem ich deinem heiligen Gesetz ungehorsam war und meine selbstsüchtigen Wünsche behauptete. Gib, dass ich dir keine Kreuze mehr bereite, sondern fortan den Balken meines Willens an den Balken deines Willens füge und so ein Joch bilde, das immer sanft, und eine Last, die immer leicht ist.

3.Station – Jesus fällt zum ersten Mal unter dem Kreuz

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Dreimal wurde unser Heiland auf dem Berg versucht, und dreimal fiel er auf dem Weg zum Kalvarienberg. So leistete er Sühne für unsere dreifachen Stürze: unter den Versuchungen des Fleisches, der Welt und des Teufels. Nach vierzig Tagen Fasten in der Wüste hungerte unser gebenedeiter Herr. Satan versuchte ihn zuerst von Seiten des Fleisches, indem er ihn aufforderte, das Naheliegende zu tun, nämlich, in seinem Hunger seine Macht zu gebrauchen und die Steine zu Brot werden zu lassen. Doch der Meister wies den Satan zurück und sagte, die Speise, welche die Sehnsucht unseres Herzens stillt, komme nicht aus dem Fleisch, sondern vom Geiste Gottes. Wie oft sind auch wir versucht worden, den Forderungen unserer niederen Natur nachzugeben, wo doch der Geist hätte bedient werden sollen. Doch anders als unser göttlicher Meister sind wir gefallen, indem wir den Regungen des Fleisches zustimmten statt den Antrieben der Gnade und taten, was natürlich ist, wo wir hätten tun sollen, was übernatürlich ist. Und ach, wir haben immer wieder erfahren, dass das Nachgeben gegenüber egoistischen Regungen uns hungrig zurücklässt statt gesättigt. Vom Brot der niederen Begierden kann niemand leben.

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

Wenn mein leibliches Wesen von der Macht Satans bedrängt wird, versiegle meine Sinne, o Herr, und halte mir gegenwärtig, dass mein Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist und dass nur das reine Herz dich schauen wird. Verleihe mir fortan, kraft der Verdienste dieses Falles unter dem Kreuz, vor den Stürzen des Fleisches bewahrt zu werden – nicht durch Brot aus Steinen, sondern durch das Brot des Lebens.

4.Station – Jesus begegnet seiner Mutter

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Beim Hochzeitsmahl zu Kana, als Maria zum ersten Mal die Verlegenheit der Gastgeber bemerkte und ihren göttlichen Sohn bat,
sein erstes Wunder zu wirken, antwortete er: „Meine Stunde ist noch nicht gekommen.“ Doch auf ihre Bitte hin kam er seiner Stunde zuvor und verwandelte Wasser in Wein. Seine Stunde, so sagte er, sei „noch nicht gekommen“. Doch seine Stunde war auch ihre Stunde, und jetzt war sie gekommen. In Kana hatte er Wasser in Wein verwandelt; auf dem Weg nach Kalvaria wird der Wein in Blut verwandelt. Es ist die feierliche Stunde der Konsekration, in der sie sich mit dem Leiden ihres geliebten Sohnes vereint, um die Welt zu retten aus der entsetzlichen Verlegenheit der Sünde und aus dem Mangel an Gottes erlösendem Wein seiner Liebe. Dies ist die Stunde, in der die Vorstellung der Welt von Liebe umgekehrt wird: in der der Sohn seine Mutter zum Leiden ruft. Liebe bedeutet also nicht „haben“, sondern „hingegeben werden“. Sie ist die Hingabe seiner selbst für den anderen. Kein Mensch hat Jesus je so sehr geliebt wie Maria; also müssen wir auch sagen, dass niemand je so sehr für Jesus gelitten hat wie Maria.

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

Maria, liebe Mutter, in dieser deiner Stunde des Schmerzes bezahlst du teuer für das Vorrecht deiner Unbefleckten Empfängnis. Deine gegenwärtigen Schmerzen sind die Geburtswehen, durch die du zur Mutter der Menschheit wirst, so wie du in Bethlehem die Mutter Jesu, deines Erstgeborenen, geworden bist. Du bist also wirklich auch meine Mutter. Lehre mich, Mutter, zu erkennen, dass Jesus jene zum Leiden ruft, die er liebt. Und gewähre, dass Jesus, wie er den besten Wein seiner Liebe für die Stunde aufbewahrt, in der wir ihn am meisten brauchen, so auch dich uns nahe halte, wenn wir dich am meisten brauchen – in allen Prüfungen und Versuchungen, besonders aber in der Stunde des Todes.

5.Station – Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Die sündigen Menschen wünschten unserem gebenedeiten Heiland nicht bloß den Tod, sondern eine bestimmte Art des Todes: am Zeichen des Widerspruchs. Aus Furcht, Erschöpfung und Schwäche könnten sie daran hindern, ihn gleichsam als warnendes Banner auf dem Gipfel des Kalvarienbergs aufzurichten, zwangen sie Simon von Cyrene, ihm bei dieser Last zu helfen. Simon sah im Kreuz nur eine schändliche Last aus Holz, nicht aber die Last der Sünden der Welt. Darum war er zunächst ein Helfer wider Willen. Doch wenige Minuten in der süßen Gemeinschaft Jesu wandelten seinen Blick: seine Knechtschaft wurde zur Freiheit, sein Zwang zur Liebe, sein Widerstreben zur seligen Hingabe. Auch wir gleichen Simon in seinen ersten Augenblicken: wir wissen von Jesus, aber wir kennen Jesus nicht. Wir haben uns gefürchtet, Anteil an seinem Kreuz zu haben, und haben ihn darum nur wenig geliebt, weil wir ihn nur wenig gekannt haben. Allzu oft wollten wir mit der Freude beginnen, wo wir doch mit ihr hätten enden sollen.

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

Gib mir, o Jesus, das Verständnis dieses großen Geheimnisses: dass das Kreuz nur aus der Ferne erschreckt; dass sein Schatten in Wahrheit furchtbarer ist als seine Wirklichkeit; dass seine Splitter mehr schrecken als seine Balken; dass es leichter ist, das Ganze zu tragen als einen Teil. Du hast uns gesagt, lieber Heiland, dass jeder sein Kreuz täglich auf sich nehmen und dir nachfolgen muss. Gewähre also, dass ich, wenn sich ein Kreuz zwischen dich und mich stellt, wie zwischen dich und Simon, bereit sei, deinen Spuren zu folgen, wie Simon es tat, bis ich zuletzt für immer ein nicht entkommener Gefangener in deinen liebenden Händen bin.

6.Station – Veronika reicht Jesus das Schweißtuch

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Simon von Cyrene half Jesus, seine Last zu tragen. Für uns ist dies ein Zeichen, dass jeder Mensch zur erhabenen Berufung gerufen ist, ein Kreuz zu tragen. An jenem schrecklichen Tag blickte Veronika mit dem besonderen Blick der Frau auf ein Antlitz, gezeichnet und befleckt von Staub und Blut, und sie erkannte darin das wahre Antlitz der Gottheit. Ohne darauf zu achten, was andere denken mochten, hielt sie ein Tuch an das Gesicht Jesu; und als wolle er uns daran erinnern, dass die Ähnlichkeit zwischen Christus und uns in Leiden und Schmerz am vollkommensten ist, hinterließ der göttliche Heiland auf seinem Weg nach Kalvaria den Abdruck dieses göttlich schmerzvollen Antlitzes. Durch diese eine Tat offenbarte unser gebenedeiter Herr, dass wir ihm niemals gleichförmig werden können in der Würde seiner Geburt, als Engel den Hirten sangen, noch in der Herrlichkeit seiner Verklärung, als sein Gesicht wie die Sonne leuchtete und seine Kleider weiß wie Schnee wurden. Es gibt nur einen Weg, auf dem wir ihm ganz gleich werden können: durch das Leiden.

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

O Herr, an dem Tag, da ich aus Wasser und Heiligem Geist neu geboren wurde, wurde das Bild deines Kreuzes meiner Seele eingeprägt und die Inschrift deines Schmerzes meinem Herzen eingeschrieben. Heute fragst du mich: „Wessen Inschrift steht darauf?“ Ist es die deine, dann lass mich Gott zurückgeben, was Gottes ist. Gib, dass ich wie Veronika aller Menschenrücksicht trotze, um dein Bild mit mir zu tragen, nicht auf einem Schleier, sondern auf der Tafel meines Herzens. Schenke mir die Gnade, dir so ähnlich zu werden, dass andere, unter denen ich lebe, etwas von dir in mir sehen, wie die Magd etwas von dir in Petrus sah. Wenn sie in mir nicht die Male deiner Passion sehen, dann lass sie wenigstens die Funken deiner Liebe sehen.

7.Station – Jesus fällt zum zweiten Mal unter dem Kreuz

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Bei der zweiten Versuchung auf dem Berg forderte der Teufel unseren gebenedeiten Herrn auf, sich ganz Gott zu überlassen und keinerlei Sorge für sich selbst zu tragen, indem er sprach: „Stürze dich hinab, denn die Engel werden dich tragen.“ Doch der Heiland antwortete: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, nicht versuchen“, und erinnerte den Satan – und uns –, dass Gott uns niemals gegen unseren Willen rettet, sondern nur dann, wenn wir mit seiner Gnade mitwirken. Diese Versuchung kam nicht vom Fleisch, sondern von der Welt, die so oft zu uns gesagt hat: „Stürze dich auf die Felsen der Sünde; überlass dich Gott; Gott ist barmherzig; er wird dich schon auffangen; zur Umkehr ist noch genug Zeit – Gott wird schon für dich sorgen.“ Und oft haben wir, anders als der Meister, solchen Einflüsterungen nachgegeben. Wir haben aus Vermessenheit gesündigt, dann einen halbherzigen Vorsatz zur Besserung gefasst – und dann wieder gesündigt.

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

Lieber Heiland, durch diesen deinen zweiten Fall hast du Sühne geleistet für meine übergroße Liebe zur Welt und für die vielen Male, da ich deine Barmherzigkeit und Güte missbrauchte als Entschuldigung, wieder zu sündigen. Indem du dich wieder erhobst, hast du mir die Gnade verdient, auch mich wieder zu erheben und den Weg mit dir nach Kalvaria fortzusetzen. Befreie mich vom Geist der Welt. Lass mich erkennen, dass es mir nichts nützt, die ganze Welt zu gewinnen und meine unsterbliche Seele zu verlieren. Du hast mir gesagt, dass die Welt mich hassen wird, wenn ich dich liebe. Darum bitte ich, wenn die Welt mich am meisten verachtet, möge mich die Erinnerung trösten, dass sie dich gehasst hat, ehe sie mich hasste.

8.Station – Jesus begegnet den weinenden Frauen

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Von allen Dingen auf Erden kennen wir uns selbst am wenigsten. Die Sünden und Fehler anderer kennen wir tausendmal besser als die eigenen; den Splitter im Auge unseres Nächsten sehen wir sogleich, den Balken im eigenen Auge aber nicht. Diese große Wahrheit wurde auf dem Weg nach Kalvaria erhellt. Die frommen Frauen von Jerusalem, die sich nicht scheuten, ihre Frömmigkeit vor gottlosen Männern zu zeigen, sahen nur den leidenden Jesus, den sie liebten; sie sahen nicht den liebenden Christus, der für sie litt. Sie hatten Mitleid mit seinem Schmerz, aber sie erkannten nicht, dass sie selbst die Ursache dieses Schmerzes waren. Ihre Sünden – und auch die unsrigen – hatte er auf sich genommen. Und als wolle er uns allen diese Wahrheit einprägen, stiegen aus der Tiefe seines heiligsten Herzens die Worte auf: „Weint nicht über mich, sondern weint über euch selbst.“

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

O Jesus, lass mich den Zusammenhang sehen zwischen meinen Sünden und deinem Kalvaria. Lass mich nicht über dich weinen,
getrennt von mir selbst, sondern um deinetwillen gerade wegen meiner selbst. Lass mich erkennen: Wäre ich weniger stolz gewesen, die Dornenkrone wäre weniger schmerzlich gewesen; wäre ich weniger selbstsüchtig gewesen, das Kreuz wäre weniger schwer gewesen; wäre ich weniger sündig gewesen, der Weg nach Kalvaria wäre kürzer gewesen. Gib mir die Gnade, über meine Sünden zu weinen. Und möge meine Tränenquelle durch das Beispiel deiner Liebe zur Quelle ewiger Freude werden.

9.Station – Jesus fällt zum dritten Mal unter dem Kreuz

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Die dritte Versuchung auf dem Berg war weder die Versuchung des Fleisches noch die der Welt, sondern die des Teufels selbst. Satan forderte unseren gebenedeiten Herrn auf, vor ihm niederzufallen und ihn anzubeten, und versprach ihm dafür alle Reiche der Erde. Doch Jesus sprach zu ihm: „Den Herrn, deinen Gott, sollst du anbeten, und ihm allein dienen.“ Unzählige Male in unserem Leben haben wir den unschätzbaren Schatz göttlicher Gnade gegen irgendein vergängliches Spielzeug oder Vergnügen eingetauscht. Anders als Christus haben wir den Lügen des Teufels geglaubt und die Ewigkeit gegen die Zeit vertauscht, den Frieden gegen Gewissensbiss und unsere Freiheit als Kinder Gottes gegen die schreckliche Knechtschaft der Sünde. Und jedes Mal haben wir erfahren, dass Satan zwar ein Reich des Vergnügens verspricht, tatsächlich aber nur eine Öde von Unglück und Schmerz gibt.

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

So oft, lieber Jesus, habe ich dir, nachdem ich unter den Versuchungen des Fleisches und der Welt gefallen war, versprochen, nie wieder zu fallen. Dein dritter Fall, lieber Jesus, bezeugt, dass ich in den Schlingen des Teufels gefallen bin. Doch indem du wieder aufstandest, hast du mir einen neuen Grund zur Hoffnung gegeben. Du hast mich gelehrt, dass es zwei Arten von Menschen gibt, die ich sein kann: einen Menschen, der fällt und liegen bleibt, oder einen Menschen, der fällt und wieder aufsteht. Durch diesen deinen dritten Fall hast du mir die Gnade erkauft, jedes Mal wieder aufzustehen, wenn ich falle. Der Teufel würde die Welt hingeben, nur um mich zu besitzen. Du aber hast dein eigenes Leben hingegeben, um mich für dich zu bewahren und mir zu zeigen, dass ich der Rettung wert bin.

10.Station – Jesus wird seiner Kleider beraubt

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Gottes Umgang mit der Menschheit ist ein fortwährender Strom, in Bewegung gehalten durch seine überfließende Güte. Das erste Überströmen bestand darin, den Dingen Dasein zu geben: das war die Schöpfung. Das zweite Überströmen bestand darin, uns das Geheimnis seiner Liebe zu offenbaren: das war die Offenbarung. Schließlich führte diese grenzenlose Liebe zur Menschwerdung.
Wie der heilige Paulus schreibt, hat Gott „sich entäußert“, seine Herrlichkeit in den Hintergrund treten lassen und die menschliche Gestalt und Lebensweise angenommen. Nun, auf dem Hügel namens Kalvaria, wollte Jesus sich nicht nur seiner göttlichen Herrlichkeit entäußern, sondern auch auf jeden Anspruch auf irdischen Besitz verzichten. Er, der himmlische Wanderer, der keinen Ort hatte, wohin er sein Haupt legen konnte, wurde seiner Kleider beraubt, damit er im Tod nichts mehr habe als alles hinzugeben.

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

Jesus, mein Heiland, wenn du dich entäußert hast, damit ich göttliches Leben haben kann, wolltest du dann nicht, dass ich von ihm erfüllt werde? Gib also, lieber Jesus, dass ich mich der Selbstsucht entäußere, damit ich mit deiner Selbstlosigkeit erfüllt werde; dass ich mich der Sünde entäußere und mit deinen Gnaden erfüllt werde; dass ich mich des Irdischen entäußere und mit Himmlischem erfüllt werde. Nimm mir die Gewänder der Weltlichkeit und bekleide mich mit dem weißen Gewand der Taufe. Durch Armut an irdischen Dingen kann ich reich werden im Geist. Stärke mich, damit ich das Opfer gern annehme und leibliches Leiden als meinen Weg akzeptiere, dir Vergeltung zu leisten und mich dem Verdienst deiner Passion anzuschließen.

11.Station – Jesus wird ans Kreuz genagelt

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Unser gebenedeiter Herr besteigt zum letzten Mal seine Kanzel. Diesmal ist es weder das Boot des Petrus noch die Hügellandschaft Galiläas, sondern die Kanzel des Kreuzes. Wie die Worte, die er von dort sprechen wird, wird auch diese Kanzel selbst beredt bleiben, selbst wenn die Zeit zu Ende ist. Der Prediger ist das lebendige Wort Gottes. Die Gemeinde besteht aus Soldaten,
die um sein nahtloses Gewand würfeln; aus Ungläubigen, deren Münder Trompeten von Hass und Lästerung sind; und aus den drei Getreuen: Maria, Magdalena und Johannes. Diese drei Getreuen sind die drei Arten von Seelen, die man immer unter dem Kreuz findet: sie stehen für Unschuld, Buße und Priestertum. Die letzten Worte Jesu werden zuerst für die Spötter und Lästerer gesprochen: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Dann für die Sünder: „Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.“ Und schließlich für die Heiligen: „Frau, siehe, dein Sohn.“

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

Lieber Jesus, die Worte, die du vom Kreuz gesprochen hast, offenbaren deinen gewaltigen Durst nach dem Heil aller Menschen. An deinem Beispiel beginne ich zu erkennen, was Liebe wirklich ist, und mir wird bewusst, wie oft ich die Liebe gekreuzigt habe. Deine Hände, zum Segen über mich erhoben, habe ich festgenagelt. Deine Füße, die mich suchten, als ich in den Schlingen der Sünde gefangen war, habe ich mit eisernen Nägeln durchbohrt. Deine Lippen, die mich so oft von den Wegen des Bösen zurückgerufen haben, habe ich mit Staub versengt. Deine Worte der Vergebung beginne ich erst jetzt zu hören. Und ich beginne zu begreifen,
dass ich, als ich dein Herz durchbohrte, mein eigenes tötete. So kehre ich nun zum Kreuz zurück, zum Kelch aller Leiden, zur Hoffnung fast hoffnungsloser Sünder. Ich stehe unter deinem Kreuz, o Herr, damit ich lerne, dass es wenig Zeit braucht, ein Heiliger zu werden, aber viel Liebe. Und jetzt begreife ich: Hätte ich nie gesündigt, ich hätte dich niemals „Heiland“ nennen können.

12.Station – Jesus stirbt am Kreuz

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Der große Scheiterhaufen des Leidens verzehrt sich allmählich selbst, und das Blut des Gottmenschen trocknet am Holz des Kreuzes als Zeichen seines Hinscheidens. Seine Kleider sind seinen Henkern überlassen, sein Blut der Erde, sein Leib dem Grab, seine Mutter dem Johannes und seine Seele dem himmlischen Vater. Nachdem er das letzte Wort seines Testamentes gesprochen hat, neigt er das Haupt und stirbt. Sein Geist steigt hinab in die Vorhölle, und ein Schächer begleitet ihn. Nun ist alles vollbracht. Gott hat Rache genommen an Satan und an der Sünde. Drei Dinge wirkten mit am Fall des Menschengeschlechts aus der Gnade: der ungehorsame Mann Adam, die stolze Frau Eva und der Baum. Um uns diese Gnade zurückzugeben, hat Gott sich gestützt auf den gehorsamen Mann Christus, die demütige Frau Maria und den Baum des Kreuzes. Doch im Augenblick des Todes Christi blieb sein Triumph noch den menschlichen Augen verborgen. Eine spöttische Stimme rief: „Anderen hat er geholfen,
sich selbst kann er nicht helfen.“

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

O Jesus, wie wahr hast du uns gelehrt: Kein Mensch kann sich selbst retten, wenn er einen anderen retten will. Deine Ohnmacht angesichts des Todes war nur ein Zeichen jenes Gehorsams, den das Gesetz des Opfers verlangt. Die Blätter eines Baumes können sich nicht selbst retten, wenn sie durch ihr Fallen Stamm und Zweige nähren sollen. Die Eichel kann sich nicht selbst bewahren, wenn sie zur Eiche werden soll. So scheint es, lieber Jesus, dass du dich nicht vor dem Tod retten konntest, wenn du uns von der Sünde retten wolltest. Gib mir eine bleibende Liebe zu der Erlösung, die du für mich errungen hast. Und lass mich immer daran denken, dass ich, indem ich in diesem Leben mein eigenes Kreuz annehme, – o seligstes Paradox – mein Leben für die Ewigkeit rette.

13.Station – Jesus wird vom Kreuz abgenommen und in den Schoß seiner Mutter gelegt

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Mehr als dreißig Jahre zuvor hatte Jesus die himmlische Heimat seines Vaters verlassen und war in diese Welt gekommen. Wir mögen ihn als den verlorenen Sohn Gottes betrachten, der in ein fernes Land zog und sich selbst verausgabte zum Heil der Menschen dieses Landes. Er öffnete ihre blinden Augen dem Licht Gottes und ihre Ohren den Worten des Evangeliums. Schließlich gab er auf einem kleinen Erdhügel namens Kalvaria die Substanz seines Leibes und Blutes hin für dieses sündige Volk. Vom Kreuz herabgenommen, wurde sein Leib in die Arme seiner Mutter gelegt, die sich gewiss an das erste Mal erinnerte, als sie ihn in Bethlehem in ihren Armen hielt. Ist es möglich, dass sie sich auch daran erinnerte, wie der Atem der Ochsen einst die durchbohrten Hände Jesu gewärmt hatte? Ist es möglich, dass ihre Augen sich mit neuen Tränen füllten, als sie sich daran erinnerte, dass sie seinen Leib einst mit Nahrung aus ihrem eigenen Leib genährt hatte?

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

Ja, Maria, dies ist nicht Bethlehem, sondern Kalvaria. Jene Hände, die einst die Gaben der Magier empfingen, sind nun von rohen Nägeln durchbohrt. Jene Stirn, auf der göttliche Majestät ihren Thron hatte, trägt nun eine Krone stechender Dornen. Jene Kinderfüße, die einst zu klein waren, das Gewicht göttlicher Allmacht zu tragen, vermögen jetzt wiederum nicht mehr zu gehen. Zwischen Bethlehem und Kalvaria, liebe Maria, liegt der Abgrund der Sünde. Sei meine Fürsprecherin am Thron der Gerechtigkeit und der Barmherzigkeit, o Mutter der Schmerzen und Hilfe der Sünder. Ich komme jetzt zu dir, Maria, als reuiger verlorener Sohn
und möchte aus deinem Herzen die sieben Schwerter ziehen.

14.Station – Jesus wird ins Grab gelegt

Wir beten dich an, Herr Jesus Christus, und preisen dich, denn durch dein heiliges Kreuz hast du die Welt erlöst.

Die Welt gewährte unserem gebenedeiten Herrn, dem Herrn über Leben und Tod, nur geringe Gastfreundschaft. Für seine Geburt stand nur eine rohe Unterkunft für Tiere bereit. Für seinen Tod erhielt er das harte Lager des Kreuzes, mit einer Dornenkrone als Kissen; Hände und Füße wurden mit Nägeln auf dieses Lager geheftet. Die Herrlichkeit seiner Geburt blieb verborgen in der geringsten Stadt Israels. Die Bedeutung seines Todes blieb den menschlichen Augen verborgen in der größten Stadt der Welt. Geboren in einer fremden Höhle, bestattet in einem fremden Grab – so lehrte uns Christus, dass menschliche Geburt und menschlicher Tod ihm gleichermaßen fremd waren. Denn diese Dinge sind Gott fremd.

Heilge Mutter, drück die Wunden, die dein Sohn am Kreuz empfunden, tief in meine Seele ein!

Süßer Jesus, jetzt verstehe ich, da dein lebloser Leib in das Grab eines Fremden gelegt wird, dass das Gesetz des Lebens auch das Gesetz des Todes ist; dass alles, was lebt, auch sterben muss; und dass nichts stirbt, ohne dass etwas anderes zum Leben kommt. Du hast mir durch dein Leben gezeigt, dass es ohne Kreuz kein leeres Grab geben kann; dass es ohne Dornenkrone keine himmlische Krone gibt; und dass der Leib, wenn er nicht gegeißelt wird, niemals verherrlicht werden kann. In der Freude deiner Auferstehung vor Augen bitte ich um die Kraft, mein Kreuz zu ertragen und an deinem Leiden teilzuhaben, bis zu jenem nächsten Auferstehungstag, da in dem himmlischen Jerusalem alle Tränen abgewischt sein werden. Ich bete auch, o Herr, für alle, die diese Welt verwirft und denen sie jede Gastfreundschaft verweigert. Nimm du sie auf, liebender Heiland, in dein Reich, in dem du herrschest von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

Abschlussgebet auf die Meinung des Hl. Vaters

Lieber Jesus,
du bist das lebendige Wort Gottes. Du hast uns gesagt, dass das Wort Gottes ein Same ist,
der nur dann Leben hervorbringt, wenn er in die Erde fällt.

Du bist der Same des ewigen Lebens, und durch deinen Tod an jenem ersten Karfreitag
bist du in die Erde gefallen.

Doch am ersten Ostersonntag bist du zu herrlichem Leben auferstanden.

Du hast uns gelehrt, dass christliches Leben in Wahrheit ein Sterben für diese Welt ist
in dieser Zeit des Kalvaria, und dass dieses Leben nur das Vorspiel ist
zu dem österlichen Leben ohne Ende, das uns in deinem himmlischen Reich erwartet.

Gib, dass ich am letzten Tag, wenn du wiederkommst in Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels,
um die Lebenden und die Toten zu richten, und dein Kreuz trägst
als Zeichen deines Sieges über Sünde und Tod, dir mein Kreuz zeigen kann und dich sagen höre:

„Kommt, ihr Gesegneten meines Vaters, in das Reich, das euch bereitet ist von Anbeginn der Welt.“

Amen.

Vater unser …
Gegrüßet seist du, Maria …
Ehre sei dem Vater …

Kommentar verfassen