Freitag der 6. Osterwoche

Apg 18,9-18; Ps 47,2-3.4-5.6-7; Joh 16,20-23a

Apg 18
9 Der Herr aber sagte nachts in einer Vision zu Paulus: Fürchte dich nicht! Rede nur, schweige nicht!
10 Denn ich bin mit dir, niemand wird dir etwas antun. Viel Volk nämlich gehört mir in dieser Stadt.
11 So blieb Paulus ein Jahr und sechs Monate und lehrte bei ihnen das Wort Gottes.
12 Als aber Gallio Prokonsul von Achaia war, traten die Juden einmütig gegen Paulus auf, brachten ihn vor den Richterstuhl
13 und sagten: Dieser verführt die Menschen zu einer Gottesverehrung, die gegen das Gesetz verstößt.

14 Als Paulus etwas erwidern wollte, sagte Gallio zu den Juden: Läge hier ein Vergehen oder Verbrechen vor, ihr Juden, so würde ich eure Klage ordnungsgemäß behandeln.
15 Streitet ihr jedoch über Lehre und Namen und euer Gesetz, dann seht selber zu! Darüber will ich nicht Richter sein.
16 Und er wies sie vom Richterstuhl weg.
17 Da ergriffen alle den Synagogenvorsteher Sosthenes und verprügelten ihn vor dem Richterstuhl. Gallio aber kümmerte sich nicht darum.
18 Paulus blieb noch längere Zeit. Dann verabschiedete er sich von den Brüdern und segelte zusammen mit Priscilla und Aquila nach Syrien ab. In Kenchreä hatte er sich aufgrund eines Gelübdes den Kopf kahl scheren lassen.

Heute setzen wir die Bahnlesung der Apostelgeschichte sowie die der Abschiedsreden fort.
Zuletzt wurde uns von Paulus‘ Areopagrede in Athen berichtet und es endete damit, dass er nach Korinth ging. Im weiteren Verlauf lernte er das jüdische Ehepaar Aquila und Priscilla kennen, das durch das Claudius-Edikt von 49 n.Chr. aus Rom verbannt worden ist. Sie teilen mit Paulus denselben Beruf der Zeltmacherei und arbeiteten mit ihm, bis seine Gefährten aus Mazedonien nachgereist kamen. Auch in Korinth gab es Anfeindungen durch die ansässigen Juden, weshalb er zu den Heiden ging. Dennoch ist es sehr bemerkenswert, dass ausgerechnet der Synagogenvorsteher sich mit seinem Haus zum Christentum bekehrt hat.
Heute beginnt es damit, dass Gott ihm in nächtlicher Vision seinen Beistand zusagt. Es wird ihm noch einiges zustoßen und doch möchte ihm der Herr versichern, dass alles gut wird. Er spricht ihm diese Worte auch deshalb zu, weil er in Korinth so viele Widerstände erfahren hat. Gott nimmt uns meistens nicht das Leid in unserem Leben. Was er aber voller Bereitschaft tut, ist uns die Kraft zu geben, das Leiden anzunehmen und es zu tragen. Er sichert auch uns immer wieder die Bereitschaft zu, uns beizustehen. Gott gibt ihm auch zu verstehen, dass Pauli Verkündigung seinem Willen entspricht und keiner Paulus etwas antun wird.
Er sagt Paulus in dem Kontext auch, dass in der Stadt viele ihm gehören. Das heißt nicht, dass nur auserwählte Menschen Gott gehören und der Rest nicht. Im Griechischen heißt es διότι λαός ἐστίν μοι πολὺς ἐν τῇ πόλει ταύτῃ dioti laos estin moi polys en te polei taute – in dieser Stadt ist dem Herrn viel Volk. Laos ist der Begriff für das auserwählte Volk Israel, nun aber angewandt auf das neue Volk Gottes, das ihm gehört. Er kündigt Paulus also an, dass eine große Gemeinde in der Stadt entstehen wird.
Nach eineinhalb Jahren wendet sich das Blatt, denn als Gallio Prokonsul wird, klagen die korinther Juden Paulus bei ihm an. Der Vorwurf lautet „Gottesverehrung, die gegen das Gesetz verstößt. Das Stichwort νόμος nomos zeigt uns, dass es die Torah meint. Die Juden haben ein religiöse Problem mit Paulus. Doch Gallio reagiert unbeeindruckt, denn es liegt außerhalb seines Aufgabenbereichs. Für religiöse Angelegenheiten haben die Juden ihre eigene Torah. Er selbst kümmert sich um Verbrechen und römische Gesetzesbrüche. So weist er die Ankläger ab und Paulus bleibt unbeschadet. Doch aus Wut und Frust ergreifen die Juden Sosthenes, der für sie als Hochverräter gelten muss. Ausgerechnet er als Synagogenvorsteher hat sich ja mit seinem Haus zum Christentum bekehrt. So prügeln sie vor Gallio auf ihn ein, doch den Prokonsul lässt es kalt. Er sagte, dass er „echte“ Verbrechen ordnungsgemäß fahnde. Angesichts der Gewalt, die sich vor seinen Augen abspielt und gegen die er nichts unternimmt, scheint dies nicht ganz zu stimmen.
Paulus verlässt die Stadt nicht sofort, sondern bleibt noch ein wenig bei den korinther Christen, bevor er sich mit Aquila und Priscilla auf den Weg nach Syrien begibt.
Zum Schluss wird noch von einem Gelübde berichtet, bei dem er sich die Haare schert. Zumeist wird angenommen, dass damit das Nasiräergelübde gemeint ist, das dann in Kenchreä durch das Scheren der Haare beendet wird. Vielleicht wollte sich Paulus dadurch unter den besonderen Schutz Gottes stellen und auch den judäischen Gegnern bei der Durchreise über Jerusalem seine Gesetzestreue beweisen (man musste bei einem Nasiräat auch nach Jerusalem reisen). Dies ist aber nicht ganz sicher und dann hätte Paulus auch am Herrenmahl das Blut Christi nicht empfangen können (Nasiräer dürfen keinen Wein trinken). Welches Gelübde auch gemeint sei: Paulus handelt nie nach eigenem Gutdünken und auch nicht aus eigener Kraft. Er tut alles mit der Gnade Gottes. Vielleicht hat er das Gelübde auch abgelegt aus Dank für den Schutz und Beistand des Herrn während seiner Zeit in Korinth.

Ps 47
2 Ihr Völker alle, klatscht in die Hände; jauchzt Gott zu mit lautem Jubel!
3 Denn Furcht gebietend ist der HERR, der Höchste, ein großer König über die ganze Erde.
4 Er unterwerfe uns Völker und zwinge Nationen unter unsere Füße.
5 Er erwähle für uns unser Erbland, den Stolz Jakobs, den er lieb hat.
6 Gott stieg empor unter Jubel, der HERR beim Schall der Hörner.
7 Singt unserm Gott, ja singt ihm! Singt unserm König, singt ihm!

Der Missionsabschnitt in Korinth ist sehr erfolgreich gewesen. Eine große Gemeinde ist daraus entstanden und Paulus ist unbeschadet wieder von dort abgereist. Dies ist für uns Anlass zum Lobpreis im Psalm.
Gott ist furchtgebietend. Das ist nicht dasselbe wie angsteinflößend. Es meint, dass sein Wirken in uns nur eine Reaktion von Ehrfurcht hervorrufen kann. Auch seine Erscheinung ist furchteinflößend, auch wenn wir ihn unverhüllt gar nicht sehen können, ohne zu sterben. Seine Manifestationen wie die Wolke oder der Rauch sind schon furchteinflößend, sodass zum Beispiel bei der Verklärung die drei anwesenden Jünger es mit der Angst zu tun bekommen, als sie von der Wolke Gottes umhüllt werden. Erst recht werden alle Menschen überwältigt werden, wenn Jesus am Jüngsten Tag mit dieser göttlichen Herrlichkeit wiederkehren wird…
Die Unterwerfung von Völkern und das Zwingen unter die Füße seiner Auserwählten ist zuvor wörtlich verstanden worden. Mit militärischer Gewalt und politischen Mitteln sind diese Dinge im Alten Israel umgesetzt worden. Sie sind nun aber viel mehr geistlich zu verstehen: Es geht um die Gewinnung von Christen für das Volk Gottes des Neuen Bundes. Dies soll nicht durch Gewalt geschehen, sondern durch Überzeugung. Es soll genauso wenig eine tyrannische Herrschaft sein wie der Herrschaftsauftrag der ersten Schöpfung. Dort meint die „Unterwerfung der Erde“ unter das erste Menschenpaar die Sorge um die ihnen anvertraute Schöpfung. Nun sind es die Apostel, die ersten Menschen der neuen Schöpfung nach dem Erstgeborenen Christus, die in liebender Fürsorge die neue Schöpfung versorgen sollen.
Auch das Erbland ist nicht mehr irdisch zu verstehen, sondern bezieht sich auf das Reich Gottes. In dieses gehen jene ein, die im Heiligen Geist neugeboren sind. Im Gegensatz zum irdischen Erbland ist genug Platz für jeden und kein bisher dort lebendes Land muss dem auserwählten Volk weichen.
„Gott stieg empor unter Jubel, der HERR beim Schall der Hörner.“ Dies ist heute ganz aktuell mit Christus gegeben, der in den Himmel aufgestiegen ist. Hörner und Jubel sind vielleicht nicht von den Jüngern betätigt worden, dafür aber können wir uns vorstellen, von welcher Freudenmusik begleitet der Menschensohn in die himmlische Heimat zurückgekehrt ist, aufgenommen in das Herz des Vaters!
„Singt unserm Gott, ja singt ihm! Singt unserm König, singt ihm!“ Auch hier wie in Vers 2 erklingt ein Lobpreisaufruf dessen, der der Allherrscher ist.
Psalm 47 beinhaltet Thronbesteigungsmotive, Elemente für die Krönungsfeier eines Herrschers. Mithilfe von Bildern des irdischen Königszeremoniells wird die kommende Herrschaft Gottes ausgedrückt. Es ist also absolut sinnvoll, diesen Psalm an Christi Himmelfahrt zu beten. Christus kommt wie bei einem Triumphzug der römischen Kaiser zurück in die Ewigkeit, als siegreicher Messias, der die Welt erlöst hat. Er wird begrüßt von den himmlischen Heerscharen und besteigt den Thron zur Rechten des Vaters. So können wir gut nachvollziehen, was Stephanus vor seinem Tod schauen durfte (Apg 7,56) und auch was Paulus meint, wenn er im Philipperhymnus betet: „Darum hat ihn Gott über alle anderen erhöht.“ (Phil 2,9).

Joh 16
20 Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, aber eure Trauer wird sich in Freude verwandeln.
21 Wenn die Frau gebären soll, hat sie Trauer, weil ihre Stunde gekommen ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.
22 So habt auch ihr jetzt Trauer, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude.
23 An jenem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen.

Im Evangelium hören wir einen weiteren Ausschnitt aus der dritten Abschiedsrede. Jesus macht weitere Andeutungen, dass die Apostel es um seines Namens willen schwer haben werden. Sie werden „weinen und klagen“. Hier werden eindeutig die schlimmen Christenverfolgungen angedeutet, die bis heute andauern. Wenn die Welt ihn schon gehasst hat, wird es seinen Jüngern nicht anders ergehen. In dieser Hinsicht ist auch zu verstehen, warum die Welt sich freuen wird: Dabei handelt es sich nämlich um die Schadenfreude. Diese ist aber nur von kurzer Dauer, denn die Trauer der Jünger wird sich in Freude umwandeln. Dies wird spätestens mit der Ewigkeit passieren, wo die Freude eine Frucht des Heiligen Geistes ist und den anhaltenden Zustand darstellen wird.
Diese Worte spricht Jesus kurz vor seinem Tod. Das bedeutet, dass die Trauer der Apostel zuallererst mit seinem Tod zu tun haben wird. Sie werden unter Schock stehen und traurig sein über Jesu Tod. Die Trauer wird nicht einmal 48 Stunden andauern und sich dann am Ostermorgen in Freude verwandeln. Die Schadenfreude der Welt (damit ist bei Johannes ja immer die gefallene Schöpfung gemeint) bezieht sich in dieser Lesart vor allem auf den Hohen Rat Jerusalems, der scheinbar triumphiert. Auch moralisch können wir diesen Vers verstehen, denn der Böse tut alles daran, uns von Gott wegzuziehen. Er ist es, der sich freut, wenn wir sündigen. Er redet uns dann ein, dass nichts mehr zu retten ist. Er will uns einreden, dass wir nach dem Fall liegenbleiben sollen. Seine Schadenfreude ist nur von kurzer Dauer (er ist schadenfroh, weil er uns von dem wegzieht, was ihm selbst weggenommen worden ist – das Himmelreich). Aber er hat die Rechnung ohne Gott gemacht, der uns im Sakrament der Versöhnung die Sünden vergeben und uns in den Stand der Gnade zurückversetzen kann! So wird unsere Trauer über unsere Sündhaftigkeit in Freude über die Versöhnung mit Gott umgewandelt.
Insbesondere die eschatologische Lesart wird uns durch den nächsten Vers verdeutlicht (also die Perspektive auf die Ewigkeit hin), aber auch die ekklesiologische (auf die Kirche bezogen). Dort vergleicht Jesus die vorübergehende Trauer mit dem Prozess einer Geburt, der sehr schmerzhaft ist, aber das Ergebnis reine Freude bereitet. Wenn nach den Geburtswehen das Kind dann da ist, vergisst die Frau voller Freude, was sie durchgemacht hat. So ist es mit der Ewigkeit und deshalb greift Paulus dieses Bild dann später wieder auf: Die ganze Welt liegt in Wehen und je näher sie der (geistlichen) Geburt der neuen Schöpfung entgegen geht, desto akuter wird es. Dies wird durch die zunehmenden Christenverfolgungen spürbar, aber auch durch immer deutlichere Zeichen der Endzeit politischer und kosmologischer Natur. Wenn die neue Schöpfung aber dann vollzogen ist durch die Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, wird nur noch die Freude des Himmels herrschen.
Aber auch in ekklesiologischer Perspektive ist es so zu verstehen, wie uns die Berichte der Apostelgeschichte besonders zeigen: Die Missionare müssen viel durchmachen, werden gesteinigt, ins Gefängnis gesteckt, vor die Gerichte gebracht, verunglimpft und immer wieder verspottet, doch all dies ist es Wert, wenn sich dafür die Menschen zu Christus bekehren.
Jesus wird seine Apostel wiedersehen – das ist wie gesagt auf seiner Auferstehung zu beziehen, ebenso auf das Ende der Zeiten. Gestern feierten wir Christi Himmelfahrt. Es ist ein Abschied auf Zeit, denn er wird wiederkommen als verherrlichter Menschensohn am Jüngsten Tag.
Und die Freude, die die Apostel sowie alle bis dahin standhaft gebliebenen Menschen erfüllen wird, kann ihnen keiner nehmen. Dies gilt vor allem jenen Christen, die um ihres Glaubens willen viel erleiden müssen und sogar ihr Leben geben. Die Freude der Märtyrer kann ihnen keiner nehmen, am wenigsten ihre Verfolger.
Und dann werden die Apostel Jesus nichts mehr fragen. Warum sagt er das? Wenn der Mensch vor Gott steht, wird er alles sehen und erkennen. Er wird alles begreifen und so bleiben keine Fragen mehr offen. Das gilt auch uns: Noch haben wir viele Fragen, weil wir die Entwicklungen nicht verstehen, unser Leben nicht im Überblick vor uns haben und das Geheimnis Gottes nicht erfassen können. Doch wenn wir sterben und vor ihn treten, werden wir ihn sehen, wie er ist. Und in der Schau Gottes werden wir auch unser Leben sehen, wie es ist – mit all dem, was uns bis dahin unklar war. Das wird viel Schmerz verursachen, weil wir uns unserer Sünde schmerzlich bewusst werden, ebenso der vielen verpassten Chancen, Gottes unendliche Liebe zu erwidern.

Ihre Magstrauss

4. Sonntag der Osterzeit

Apg 2,14a.36-41; Ps 23,1-3.4.5.6; 1 Petr 2,20b-25; Joh 10,1-10

Heute geht es in den Sonntagslesungen um den guten Hirten. Zugleich feiern wir an diesem Ostersonntag jedes Jahr den Weltgebetstag um geistliche Berufungen. Er wird ganz bewusst immer am 4. Ostersonntag begangen, weil auch die Nachfolge Christi „hirtlich“, das heißt lateinisch „pastoral“ sein muss.

Apg 2
14 Da trat Petrus auf, zusammen mit den Elf; er erhob seine Stimme und begann zu reden:
36 Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.
37 Als sie das hörten, traf es sie mitten ins Herz und sie sagten zu Petrus und den übrigen Aposteln: Was sollen wir tun, Brüder?
38 Petrus antwortete ihnen: Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.
39 Denn euch und euren Kindern gilt die Verheißung und all denen in der Ferne, die der Herr, unser Gott, herbeirufen wird.
40 Mit noch vielen anderen Worten beschwor und ermahnte er sie: Lasst euch retten aus diesem verdorbenen Geschlecht!
41 Die nun, die sein Wort annahmen, ließen sich taufen. An diesem Tag wurden ihrer Gemeinschaft etwa dreitausend Menschen hinzugefügt.

Heute am vierten Sonntag der Osterzeit hören wir erneut einen Ausschnitt aus der brennenden Pfingstrede des Petrus und die Reaktion der Anwesenden darauf.
Heute beendet er seine Rede, indem er erklärt:
„Mit Gewissheit erkenne also das ganze Haus Israel: Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ Ich habe schon öfter erklärt, was Petrus damit meint, wenn er die Zuhörer als Henker Jesu bezeichnet. Sie haben sich durch ihr „Kreuzige ihn“, durch das Manipuliertwerden und das Mitläufertum, durch die Verspottung des Ohnmächtigen am Kreuz mitschuldig gemacht.
Es geht ihm nicht darum, jemanden dadurch fertig zu machen. Er tut es vielmehr, damit die Menschen erkennen, wo sie gefehlt haben, und dadurch umkehren.
Und was er sagt, trifft sie mitten ins Herz. Sie erkennen vor dem Hintergrund der Heiligen Schrift, dass Jesus der angekündigte Messias ist. Sie realisieren, dass sie nicht mehr so leben können wie zuvor. Und deshalb fragen sie Petrus und die anderen Apostel:
„Was sollen wir tun, Brüder?“
Die Antwort ist klar: „Kehrt um und jeder von euch lasse sich auf den Namen Jesu Christi taufen zur Vergebung eurer Sünden; dann werdet ihr die Gabe des Heiligen Geistes empfangen.“
Mit „Umkehr“ ist die gläubige Hinkehr zu Jesus Christus gemeint. Als äußeres Zeichen dieses Gekommenseins zum Glauben an ihn sollen sie sich taufen lassen. Jesus hat seinen Aposteln vor seiner Heimkehr zum Vater aufgetragen, alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen und diese zu taufen. Petrus setzt also mit seiner Antwort gehorsam das um, was Jesus ihnen vorgegeben hat.
Die Taufe ist kein Zeichen der vorbereitenden Buße mehr wie bei Johannes dem Täufer. Es ist eine Taufe zur Vergebung der Sünden. Wer getauft wird, wird reingewaschen von seinen Sünden! Warum? Weil der Mensch auf den Tod Jesu Christi getauft wird und durch seinen Kreuzestod ist ja die Sühne für die Sünden aller Menschen erwirkt worden!
In diesem versöhnten Zustand sind sie dann empfängnisbereit für den Heiligen Geist, der ihnen in dem Sakrament geschenkt wird (man muss dazu sagen, dass Taufe und Firmung zunächst eins waren, aber natürlich wird der Hl. Geist einem schon allein bei der Taufe gespendet!). Dieser erwirkt die geistliche Wiedergeburt, denn die Getauften werden zum ewigen Leben bei Gott neugeboren.
Alle Menschen sind dazu berufen, dieses Heil zu empfangen, denn Jesus ist für sie alle gestorben.
So ermutigt Petrus die Zuhörerschaft, diesen Schritt zu unternehmen, unter anderem mit den Worten „Lasst euch retten aus diesem verdorbenen Geschlecht.“ Er meint damit die Menschheit der alten, gefallenen Natur. Diese hat nun die Chance, von diesem Zustand des ewigen Todes in das ewige Leben hinüberzugehen. Die Schwelle ist Jesus Christus, der Auferstandene von den Toten.
Petrus‘ Worte sind überzeugend. Dreitausend Menschen lassen sich an diesem einen Tag taufen! Der Geist Gottes hat am Pfingsttag vielen Menschen die Augen geöffnet!

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.
2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher.
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir den berühmten Psalm 23. Er passt perfekt zur Lesung, weil in diesem Vertrauenspsalm Gott als Hirte beschrieben wird. Immer wieder hören wir im AT davon, dass Gott sich als König für seine auserwählte Herde, sein Volk Israel, einen Hirten ausgesucht hat. Der König über die zwölf Stämme soll Gottes Stellvertreter in Israel sein. Er soll mit derselben Mentalität herrschen wie Gott es tut, nämlich als sorgender Diener aller. Das verkörpert auch der leidende Gottesknecht im Buch Jesaja, den die Kirche von Anfang an mit Jesus Christus identifiziert hat. Und auch Jesus selbst sagt im Johannesevangelium: „Ich bin der gute Hirte.“ Und zugleich mahnt er an: „Wer von euch der Erste sein will, soll der Diener aller sein.“ David hat diesen Psalm selbst gedichtet und man spürt, dass er diese Haltung selbst ganz gelebt hat. Gottes wunderbare Vorsehung hat alles so gefügt, dass er tatsächlich einen Hirten zum König erwählt hat.
Gott ist unser Hirte, der uns alles gibt, was wir brauchen. Es mangelt uns an nichts, wenn wir zuerst sein Reich suchen. Das sagt Jesus später nicht umsonst. Es ist vor dem Hintergrund des Psalms absolut nachvollziehbar. Gott lässt uns, seine Schafe, auf grünen Auen lagern. Er führt uns nicht ins Verderben, sondern nährt uns immer ausreichend, damit wir auf dem Weg durchs Leben hin zu ihm nicht zugrunde gehen. Auch wenn es zeitweise Wüstenlandschaften sind und nicht die grünen Auen, ist es für uns heilsam, damit wir die Auen wieder mehr zu schätzen lernen, in unserem Glauben gestärkt und in unserer Wachsamkeit geschärft werden. Konkret heißt das, dass Gott uns mit allen irdischen Gaben (Finanzen, Gesundheit, Nahrung und sauberes Trinkwasser, Frieden, Erfolg etc.), aber auch mit allen überirdischen Gaben ausstattet, die wir durch die Heilsmittel der Kirche erhalten. Dazu gehören die Sakramente, allen voran die Eucharistie, und die Sakramentalien, durch die er uns den Hl. Geist senden möchte. Nicht umsonst betet David zuerst „er lässt mich lagern auf grünen Auen“ und dann „und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“. Es sind einerseits zwei Bilder für das Essen und Trinken des Menschen, andererseits die Bilder für die wichtigsten überirdischen Güter – die Eucharistie und der Hl. Geist, das lebendige Wasser.
Gott bringt die Lebenskraft zurück. Das hebräische Stichwort ist an dieser Stelle wie so oft nefesch. Gott bringt das ganze Leben zurück. Wir dürfen es sowohl moralisch als auch anagogisch verstehen, das heißt einerseits die Rückführung in den Stand der Gnade und zugleich die Rettung des ewigen Lebens. Vor allem die moralische Ebene wird uns klar, wenn wir danach lesen: „Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit.“
Selbst der Psalm 23 greift die Situation auf, dass es nicht immer die ruhigen grünen Auen sind, auf denen die Herde sich bewegt, sondern auch mal das finstere Tal. So ist das Leben. Es gibt nicht nur schöne Tage, sondern auch die Krisen und dunklen Stunden. Doch selbst da begleitet Gott einen hindurch und hinaus. David selbst hat dunkle Stunden gehabt, doch gerade in diesen hat er sich umso mehr an Gott geklammert. Er wusste, wie entscheidend sich die Qualität eines Hirten in finsteren Tälern herausstellte. Er wusste auch, wie sicher sich ein Schaf bei einem guten Hirten fühlen konnte. Er ist in dieser Hinsicht nicht nur der Typos des guten Hirten Christus, sondern auch des Lammes Gottes, das sich ganz und gar in die Hände Gottes übergab und selbst am Kreuz noch betete: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Von David können wir das absolute Gottvertrauen lernen und mit ihm zusammen beten: „Dein Stock und dein Stab trösten mich.“
Gott beschenkt uns, seine Kinder. Er hat nur Gutes für uns bereit. All der Segen Gottes wird hier mit verschiedenen Bildern umschrieben wie dem Decken des Tisches, dem Salben des Hauptes und dem übervollen Becher. All dies können wir zusammenfassen mit den darauffolgenden Worten: „Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.“
Ins Haus des Herrn heimzukehren, bedeutet in diesem Kontext wörtlich den Tempel Gottes, der zu Davids Zeiten noch in Form des Offenbarungszeltes bestand. Wir lesen dies allegorisch weiter als das Reich Gottes und die Kirche. Moralisch verstehen wir damit unsere eigene Seele, die der Tempel Gottes ist und von wo aus die Entscheidungen zu einem Verhalten nach seinen Geboten getroffen werden. Schließlich kehren wir am Ende unseres Lebens heim in das Haus Gottes, den Himmel.

1 Petr 2
20 Wenn ihr aber recht handelt und trotzdem Leiden erduldet, das ist eine Gnade in den Augen Gottes.
21 Dazu seid ihr berufen worden; denn auch Christus hat für euch gelitten und euch ein Beispiel gegeben, damit ihr seinen Spuren folgt.
22 Er hat keine Sünde begangen und in seinem Mund war keine Falschheit.
23 Als er geschmäht wurde, schmähte er nicht; als er litt, drohte er nicht, sondern überließ seine Sache dem gerechten Richter.
24 Er hat unsere Sünden mit seinem eigenen Leib auf das Holz des Kreuzes getragen, damit wir tot sind für die Sünden und leben für die Gerechtigkeit. Durch seine Wunden seid ihr geheilt.
25 Denn ihr hattet euch verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch hingewandt zum Hirten und Hüter eurer Seelen.

Das Hirtenthema des heutigen Sonntags begleitet uns auch durch die zweite Lesung. Bei diesem Abschnitt handelt es sich um einen hymnenartigen Bekenntnistext, der gerne als Christuslied bezeichnet wird.
Petrus sagt, dass ein Leiden, das man unverdient erleiden muss (was man also nicht aus Konsequenz eigener Sünde, sondern vielmehr aufgrund des Glaubens an Christus erleidet), sehr viel Gnade bringt. Wir Getauften sind dazu berufen, Christus nachzufolgen, gleichsam seinen Spuren nachzugehen und diese führen unweigerlich nach Golgota. Christus hat für uns gelitten, damit wir überhaupt die Kraft haben, unser Kreuz durch den Tod hindurch zu tragen und in die Ewigkeit zu gelangen.
Jesus selbst ist gerecht und musste dennoch sehr schlimm leiden. Er ist ohne Sünde und doch wurde er geschmäht. Jesus wurde physisch, psychisch und seelisch sehr gequält. Er hat seinen Verfolgern aber in keinem Augenblick seines Lebens etwas Böses gewünscht, sondern noch am Kreuz für sie gebetet (Vater vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun). Er hat alles dem Richter überlassen und noch um ein mildes Urteil gebeten.
Er hat Übermenschliches getan, als er die Sünden der gesamten Menschheit bis ans Kreuz mitgenommen hat für unser ewiges Leben. Er hat alle nur erdenklichen Wunden erlitten, damit unsere Wunden geheilt werden mögen. Dank ihm konnten wir getauft werden und somit der Sünde und dem ewigen Tod sterben. Wir leben nun für ihn, der das ewige Leben ist.
Die Menschen sind wirklich wie eine zerstreute Schafsherde gewesen, die keinen Hirten hatte. Doch Christus ist der gute Hirte, der unsere Seelen hütet wie einen Augapfel. Er hat erwirkt, dass unsere Seelen nicht sterben (Hölle), sondern ewig bei Gott sein werden (Himmel). Darin ist er uns gegenüber wie ein Hirte. Er ist Hüter unserer Seelen und darin sollen es die Nachfolger seiner Apostel gleich tun. Denn das griechische Wort für „Hüter“ ist ἐπίσκοπος episkopos. Es ist dasselbe Wort für „Bischof.“ Sie sind es, die Jesus nachahmen sollen in seinem Hirtencharakter. Sie sollen keine Tyrannen sein, die ihre Schäfchen unterdrücken, sondern sie sollen ihr Leben für die Schafe hingeben. Sie sollen so sein wie Gott, der wunderbare Hirte aus Psalm 23.

Joh 10
1 Amen, amen, ich sage euch: Wer in den Schafstall nicht durch die Tür hineingeht, sondern anderswo einsteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.
2 Wer aber durch die Tür hineingeht, ist der Hirt der Schafe.
3 Ihm öffnet der Türhüter und die Schafe hören auf seine Stimme; er ruft die Schafe, die ihm gehören, einzeln beim Namen und führt sie hinaus.
4 Wenn er alle seine Schafe hinausgetrieben hat, geht er ihnen voraus und die Schafe folgen ihm; denn sie kennen seine Stimme.
5 Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern sie werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.
6 Dieses Gleichnis erzählte ihnen Jesus; aber sie verstanden nicht den Sinn dessen, was er ihnen gesagt hatte.
7 Weiter sagte Jesus zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Ich bin die Tür zu den Schafen.
8 Alle, die vor mir kamen, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe haben nicht auf sie gehört.
9 Ich bin die Tür; wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein- und ausgehen und Weide finden.
10 Der Dieb kommt nur, um zu stehlen, zu schlachten und zu vernichten; ich bin gekommen, damit sie das Leben haben und es in Fülle haben.

Und Jesus selbst offenbart sich als Hirte heute im Evangelium. Seine Rede heute ist voll von dem Bildfeld „Hirte, Stall, Herde“.
Wer nicht geregelt durch die Tür geht, ist ein Dieb. Er hat nicht vor, den Schafen im Stall etwas zu essen oder zu trinken zu geben, sondern sie zu rauben und ihnen zu schaden.
Der Hirte kommt dagegen durch die Tür in den Stall. Er wird vom Türhüter hereingelassen und an seiner Stimme erkennen die Tiere, dass er es ist. Er weiß genau, wie jedes einzelne Schaf heißt und er führt sie auf die Weide hinaus. Er lässt sie dort aber nicht alleine, sondern geht ihnen voran. Die Stimme des Hirten ist entscheidend. Wenn ein Fremder versucht, die Herde irgendwohin zu treiben, wird es nicht funktionieren. Die Schafe hören gar nicht auf die fremde Stimme.
Jesus greift ganz bewusst so ein Bildfeld auf. Es ist sehr lebensnah für die Menschen, die dort anwesend sind und seiner Rede lauschen. Sie sind vertraut mit dem innigen Verhältnis von Hirt und Herde.
Jesus spricht diese Worte im Anschluss an die Auseinandersetzungen mit den Juden von Jerusalem, die den geheilten Blindgeborenen aus der Synagoge hinausgestoßen haben. Sie wollen Jesu Worte nicht annehmen.
Sie haben ganz und gar nicht als gute Hirten gehandelt, sondern den armen Mann ausgeschlossen. Sie haben kein inniges Verhältnis zu ihren anvertrauten Gläubigen. Leider verstehen sie überhaupt gar nicht, was in dieser Situation richtig wäre, halten sich aber für wissend.
Jesus bringt dieses Bild nun an, um zu zeigen, wie sein inniges Verhältnis zu seinen Gläubigen ist. Der ausgestoßene Geheilte schließt sich Jesus an. Er wird zu einem Schaf in Jesu Stall. Jesu Schafe hören auf seine Stimme. Er ist der rechtmäßige Hirte, weil er vom Vater selbst gesandt worden ist. Er ist durch die Tür hineingekommen in den Stall. Es ist ein Bild für seine Menschwerdung: Durch die Tür der Geburt ist er in die Welt hineingeboren. Die Menschen, die die Schafe sind, kennen ihn. So viele Schriftstellen der jüdischen Bibel haben ihn vorausgesagt und angekündigt, was sich nun Schritt für Schritt mit seinem ganzen Dasein erfüllt – bis hin zu seinem Tod und seiner Auferstehung.
Es ist auch eucharistisch zu lesen, denn Jesus kommt als guter Hirte in jeder Heiligen Messe bei der Wandlung von Brot und Wein zu Leib und Blut durch die Tür der Ewigkeit in unsere Zeit. Wir erkennen ihn an seiner Stimme, die durch die Worte des Priesters am Altar erklingt: „Nehmet und esset, das ist mein Leib. Nehmet und trinket, das ist mein Blut.“
Jesus wird auch am Ende der Zeiten durch das Tor der Ewigkeit zurückkommen in unsere Welt, um das jüngste Gericht einzuberufen und seine Schafe auf die ewige Weide zu führen, die das Himmelreich ist.
Von sich grenzt er die Räuber ab, die den Schafen Böses wollen. Sie steigen woanders ein, das heißt sie haben nicht die göttliche Beauftragung und Sendung wie er. Sie sprechen nicht im Namen Gottes und haben auch eine ihm widerstrebende Botschaft. Der Räuber will die Schafe rauben und ihnen schaden. Die Schafe hören aber auch nicht auf den Fremden. Sie merken, dass da etwas nicht stimmt. So ist es mit jenen Gläubigen, die das Wort Gottes kennen und das Evangelium Jesu Christi in ihre Herzen eingeschrieben haben. Wenn sie ganz vertraut sind mit Gottes Lehre, wird ihnen auffallen, wenn jemand etwas anderes sagt. Die Alarmglocken werden angehen und sie werden auf diese falschen Messiasse nicht hören. Als solche Räuber deutet Jesus eben jene an, die den Blindgeborenen so schlecht behandelt haben. Sie wollen seinen Glauben mit Füßen zertreten, der viel mehr erkannt hat als sie (nämlich dass nur der Messias im Stande sein könnte, einen Blindgeborenen zu heilen). Er hat ihnen gegenüber sogar das Wort Gottes zitiert, das ganz deutlich Jesu Messianität bestätigt. Doch diese Menschen stießen ihn hinaus.
Die Anwesenden verstehen die Worte Jesu nicht. Er setzt dagegen wieder zum Sprechen an und bringt ein etwas abgewandeltes Wort: Er geht nicht nur durch die Tür, sondern er ist die Tür.
Wer durch ihn hindurchgeht, wird gerettet werden. Für den Blindgeborenen ist klar: Wo sich eine Tür geschlossen hat, öffnet sich diese wahre Tür für ihn – Jesus Christus.
Seine Selbstoffenbarung lehrt uns zweierlei: Erstens ist er die Tür zu den Schafen. Wer also mit pastoralen Aufgaben betraut wird, muss ganz und gar von Christus und seinem Evangelium durchdrungen sein. Erst wenn er durch diese Christustür gegangen ist, kann er ein guter Hirte für jene sein, die er als Hirten-Nachfolger Christi hüten möchte. Er muss Christus ganz nachfolgen, indem er denselben Weg wählt wie Christus – durch die Tür, nicht durchs Fenster.
Das Zweite, das es uns lehrt: Nur durch Christus hindurch können wir das ewige Leben haben. Wenn wir an ihn glauben und uns auf seinen Namen taufen lassen, nehmen wir die Erlösung an, die unser Exil vom Paradies bricht. Diese Tür der Taufe ist heilsnotwendig. Jesus sagt dann später: Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben. Niemand kommt zum Vater außer durch mich. Wir können das ewige Leben nur durch die Christustür hindurch erhalten. Das Himmelreich ist hinter dieser Tür. Wir müssen aber nicht bis zum Lebensende warten, um durch sie hindurchzugehen. Wenn wir die Sakramente und Sakramentalien empfangen, gehen wir jedes Mal durch diese Tür. Das endgültige Hindurchschreiten wird uns schließlich am Ende der Zeiten erwarten, wenn der verherrlichte Menschensohn als Weltenrichter zurückkehren wird.
Ein guter Hirte möchte nur das beste für seine Schafe. Der Dieb möchte ihnen dagegen schaden. Jesus beschreibt sich ganz mit den Eigenschaften Gottes in Psalm 23. Es ist wirklich eine Bestätigung dessen, dass König David bei der Komposition seines Psalms vom Heiligen Geist erfüllt worden ist – 1000 Jahre vor Christi Geburt! Und nun ist der Messias da und bestätigt all jene guten Eigenschaften Gottes, der seine Herde auf grüne Auen führen, an Quellen des Wassers führen möchte, den Tisch vor den Augen der Feinde decken, den Becher reichlich füllen möchte und selbst durch das finstere Tal des Todes hindurch den Menschen unversehrt ins Himmelreich führen möchte.

Heute lernen wir viel vom pastoralen Wesen des Vaters und des Sohnes. Wir lernen aber auch, wie die Nachfolger eines solchen guten Hirten sein müssen, wenn sie ihm nachahmen wollen. Beide Seiten gehören zu der einen Medaille und alles ist eingebettet in das freudige Osterereignis, das für uns den Grund für die felsenfeste Hoffnung darstellt. Beten wir um Menschen, die bereit sind, durch jene Christustür zu gehen und selbst zu Hirten der Schafe zu werden, damit die Herde niemals ohne Hirt bleibt. Beten wir um heilige Priester, die ganz durchdrungen sind vom Evangelium und die bereit sind, ihr Leben für die Herde hinzugeben, den Spuren Jesu nachzugehen bis nach Golgota. Und beten wir für die Geistlichen, die uns schon geschenkt worden sind. Mögen sie immer mehr Christus ähnlich werden und ihre Berufung wirklich ernst nehmen. Wir haben einen großen Anteil daran, denn ohne unser Gebet sind sie verloren.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 3. Osterwoche

Apg 7,51 – 8,1a; Ps 31,3c-4.6 u.7b-8a.17 u. 21ab; Joh 6,30-35

Apg 7-8
51 Ihr Halsstarrigen, unbeschnitten an Herzen und Ohren! Immerzu widersetzt ihr euch dem Heiligen Geist, eure Väter schon und nun auch ihr.
52 Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Sie haben die getötet, die die Ankunft des Gerechten geweissagt haben, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid,
53 ihr, die ihr durch die Anordnung von Engeln das Gesetz empfangen, es aber nicht gehalten habt.
54 Als sie das hörten, waren sie in ihren Herzen aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen gegen ihn.
55 Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen
56 und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.
57 Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten einmütig auf ihn los,
58 trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß.
59 So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!
60 Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.
1 Saulus aber war mit seiner Ermordung einverstanden.

Bereits gestern haben wir einen Ausschnitt aus der Apostelgeschichte gehört, in dem es um Stephanus ging. Nachdem er von seinen Neidern vor den Sanhedrin gebracht worden ist und der Hohepriester die Vorwürfe gegen ihn zur Sprache bringt, hält Stephanus eine lange Verteidigungsrede. Es handelt sich dabei um die längste Rede in der Apostelgeschichte. Er unternimmt darin einen gesamten Abriss der Heilsgeschichte Gottes mit dem Volk Israel angefangen mit Abraham. Zum Ende hin formuliert Stephanus harte Vorwürfe gegenüber dem Sanhedrin und den Juden:
„Ihr Halsstarrigen, unbeschnitten an Herzen und Ohren!“ Der Vorwurf der Unbeschnittenheit ist sehr provokativ, denn genau diese ist ja das Zeichen des Alten Bundes. Die physische Beschnittenheit ist aber keine automatische Rechtfertigung vor Gott, wenn man zugleich nicht auf Gottes Willen hört und seine Botschaft ans Herz heranlässt. Der Jude muss zusätzlich zu seiner physischen Beschnittenheit eine innere Beschnittenheit aufweisen, damit er vor Gott gerecht ist. Deshalb kritisiert Gott im Alten Testament so oft die Menschen, die fleißig Opfer darbringen, aber den Nächsten ausbeuten und sich nicht an die zehn Gebote halten. Das heißt nicht, dass Gott die Opfer nicht will, ebenso wenig hat er etwas gegen die Beschneidung, die er ja selbst angeordnet hat. Vielmehr möchte Gott eine Kongruenz von innen und außen. Und Stephanus kritisiert bei den anwesenden Juden jetzt eben jene Inkongruenz. Es ist die Verstocktheit, die Jesus schon deutlich kritisiert hat. Sie ist mehr als nur ein Weghören, sie ist eine Rebellion gegen den Heiligen Geist, der im Laufe der Heilsgeschichte immer wieder durch die Propheten gesprochen hat.
Und was ist passiert? Weil sie die Worte der Propheten nicht hören wollten, haben sie immer wieder die Propheten mundtot gemacht. Sie haben sie sogar umgebracht. Sie haben jene getötet, die den Messias angekündigt haben. Und auch den Messias selbst haben nun die anwesenden Juden, die Nachfahren der „Väter“, umgebracht.
Sie haben die Torah erhalten, ihnen hat Gott sich immer und immer wieder offenbart, doch sie haben sich nicht an die Gebote Gottes gehalten. Sie sind im Gegensatz zu den anderen Völkern um sie herum wunderbar begnadet worden, doch sie haben die Zeit der Gnade nicht erkannt.
Die Worte sind wirklich hart, aber Stephanus spricht sie als Aufruf zur Umkehr. Er möchte sie wachrütteln, die in ihrer Verstocktheit sich nur selbst schaden.
Doch das einzige, was er erreicht, ist äußerste Empörung und Zähneknirschen.
Er lässt sich gar nicht davon beirren. Stattdessen schaut er zum Himmel und erhält eine wunderbare Vision, in der er Christus zur Rechten des Vaters sitzen sieht. Ihm wird zuteil, was dem Propheten Daniel und später dann auch dem Seher in der Johannesoffenbarung geschenkt wird: Den Blick in den himmlischen Thronsaal.
Er spricht es auch aus in Anlehnung an den Propheten Daniel. Es ist eigentlich ein Schriftwort, das die Hohepriester und Schriftgelehrten kennen. Es ist auch jenes Schriftwort, dass sie beim Prozess Jesu in Rage gebracht hat und weshalb sie ihre Gewänder zerrissen haben. Es ist für sie der Höhepunkt der Blasphemie. Sie erkennen nicht, dass Jesus der Messias ist, oder vielmehr: Sie wollen es nicht einsehen, obwohl die Zeichen eindeutig sind.
Das bringt das Fass zum Überlaufen und so schreien die Anwesenden auf, treiben den Angeklagten zur Stadt hinaus und steinigen ihn. Es ist ein Fall von Lynchjustiz, der aber als heilige Handlung angesehen wird. Die Juden meinen, Gott mit dieser schrecklichen Tat einen Dienst zu erweisen. Sie verstehen nicht, was sie da tun. Und somit tun sie es ihren Vätern gleich, die schon nicht auf Gottes Stimme hören wollten und so seine auserwählten Knechte umgebracht haben.
Am Ende wird Saulus erwähnt, der später der größte Völkerapostel Paulus werden würde. Bis zu seiner Bekehrung ist er aber ein eifriger Christenverfolger und von seiner Bildung her Pharisäer. Ihm legen die Juden die Kleider zu Füßen. Er hat einen großen Anteil an dieser tragischen Geschichte, durch die eine Christenverfolgung in Jerusalem eingeleitet wird, die erste in der Geschichte der Christenheit.
Stephanus stirbt als Märtyrer. Er betet für seine Verfolger und übergibt Gott vertrauensvoll seinen Geist. Seine Haltung entspricht Jesus am Kreuz. Sein heroischer Mut hat ihn direkt an den Ort gebracht, den er unmittelbar vor seinem Tod schauen durfte.

Ps 31
3 Sei mir ein schützender Fels, ein festes Haus, mich zu retten!
4 Denn du bist mein Fels und meine Festung; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten.
6 In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue.

7 Ich setze auf den HERRN mein Vertrauen.
8 Ich will jubeln und deiner Huld mich freuen.
17 Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht, hilf mir in deiner Huld!
21 Du verbirgst sie im Schutz deines Angesichts vor den Verschwörungen der Leute.

Was Stephanus im Sterben noch gebetet hat, erinnert uns an die Worte Jesu am Kreuz, die er laut Lukasevangelium gebetet hat. Sie entstammen Psalm 31, den wir nun als Antwort auf die Ereignisse der Apostelgeschichte beten. Es ist ein Vertrauenspsalm. Wir beten genau diesen Psalm auch am zweiten Weihnachtstag, der zugleich der Gedenktag des Heiligen Stephanus ist. Er gehört einfach zu ihm. Wir haben diesen Psalm auch in der Fastenzeit und vor allem an Karfreitag gebetet, weil er das Vertrauen Jesu noch in den letzten Atemzügen am Kreuz ausdrückt.
Zu Beginn des Abschnitts formuliert König David, dem wir den Psalm zuschreiben, die Bitte um Schutz. Gott möge ihn retten, der für David wie ein „schützender Fels“ und „ein festes Haus“ ist. Diese Bilder bieten Geborgenheit. Nicht umsonst greift Jesus diese Bilder in seiner Verkündigung auf und erklärt in Gleichnissen, dass das Vertrauen auf Gott wie das Bauen auf Felsen sei. Die Stürme und Regengüsse des Lebens, die Angriffe des Bösen und die Leiden der Welt können das Leben des Gottvertrauenden nicht erschüttern. Und wenn die Versuchungen noch so groß sind – wenn er sein Leben ganz auf Gott ausrichtet und die Heilsmittel in Anspruch nimmt, sich um den Stand der Gnade bemüht und sein Gewissen immer wachhält, wird er nicht hereinfallen. Er wird weiterhin an Gott festhalten und den Glauben nicht verlieren. Das größte Vorbild darin ist Christus, der so heftig versucht worden ist, weil der Böse die Erlösung unbedingt aufhalten wollte. Doch er hat die Rechnung ohne die intime Beziehung zwischen Vater und Sohn gemacht! Jesus hat bis zum letzten Atemzug am Vater festgehalten, auch wenn er sich ganz alleingelassen gefühlt hat. So ist es auch mit dem Haus Gottes, der Kirche. Weil sie auf Felsen gebaut ist, dem von Christus selbst ausgewählten Gestein „Petrus und seine Nachfolger“, stürzt sie auch in den schlimmsten Stürmen nicht ein.
Gott selbst ist dieser Felsen, der dein einzelnen Menschen, aber auch die Gesamtheit des Volkes Gottes, die Kirche heißt, führen und leiten. Weil er selbst die Kirche gestiftet hat, wird sie auch nicht untergehen und zerstört werden.
„In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist“ war eines der letzten Worte des ersten Märtyrers. Er hatte dieses starke Gottvertrauen, das auch schon David ausgemacht hat.
Und so ist Stephanus direkt zum Herrn gekommen, dessen Herrlichkeit er in der Vision schon gesehen hatte. Nun kann er im Angesicht Gottes jubeln und dessen Huld sich freuen. Gott hat ihn für seine heldenhafte Tat belohnt. Nun darf Stephanus auf ewig bei Gott sein. Er ist Christus wirklich treu nachgefolgt, sogar in dessen unerschütterlichem Gottvertrauen.
Auch „in deiner Hand steht meine Zeit“ drückt diese Geborgenheit und das Vertrauen aus, das wir ausdrücken, wenn wir diesen Psalm beten.
Gott ist der einzige, der uns unseren Feinden entreißen kann. Er hat es bei Stephanus getan, der verfolgt worden ist für den Glauben an Jesus Christus. Auch uns wird der Herr erretten von unseren Feinden. Wir haben keine Garantie, dass er unser irdisches Leben bewahren wird. Oft wird uns ja gerade dieses genommen. Unseren Glauben und unser ewiges Leben kann aber kein Feind entreißen. Und wenn wir um Jesu willen umgebracht werden, kommen wir direkt zu ihm.
Beten wir diesen Psalm immer wieder, wenn wir in Not sind, vor allem in seelischer Not! Gott wird uns unserem wahren Feind entreißen: Dem Satan, der unsere Seele von Gott wegführen und uns den ewigen Tod, die Hölle bescheren will.
„Lass dein Angesicht leuchte über deinem Knecht“ – Ja das hat er ganz und gar getan. Er hat sich Stephanus gezeigt. Dieser durfte den himmlischen Thronsaal sehen und zugleich reflektierte sein Gesicht die Herrlichkeit Gottes. So konnten seine Feinde nicht anders, als sein Engelsgesicht tatsächlich anerkennen.
Gott hat die Seele des Stephanus bis zum Schluss beschützt. Die Verschwörungen seiner Neider haben zu seinem biologischen Tod geführt. Damit haben sie aber vor allem sich selbst geschadet, denn sie haben sich an dem Knecht Gottes versündigt. Sie haben aus der schrecklichen Untat der Kreuzigung Jesu Christi nicht gelernt, sondern sind weiterhin verstockt. Stephanus dagegen haben sie das sofortige Leben in Gottes Angesicht beschert. Er hat gewonnen, weil Gott über den Bösen gewinnt. Gott hat das letzte Wort und deshalb werden die Märtyrer auch mit einem Palmzweig dargestellt.

Joh 6
30 Sie sagten zu ihm: Welches Zeichen tust du denn, damit wir es sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?
31 Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.
32 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.
34 Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot!
35 Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

Im Evangelium hören wir die Fortsetzung der großen Brotrede Jesu in Kafarnaum. Gestern sagte Jesus den alles entscheidenden Satz: „Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird!“ Er möchte, dass wir alles daran setzen, das ewige Leben zu gewinnen – und dafür schenkt er uns die Eucharistie.
Wir müssen bei dieser umfangreichen Rede bedenken, dass es genauer gesagt ein Dialog mit den anwesenden Menschen ist, denn sie stellen Jesus immer wieder Fragen, die er beantwortet. Die Menschen sind noch unschlüssig, ob sie Jesu Worte, die er in göttlicher Vollmacht spricht, glauben sollen. Und so beginnt unser heutiger Abschnitt mit der Frage: „Welches Zeichen tust du denn, damit wir es sehen und dir glauben?“
Sie denken noch ganz in den Kategorien der jüdischen Überlieferung. Sie denken an das Manna, das die Väter in der Wüste gegessen haben. Das ist für sie die höchste Form von „übernatürlichem“ Brot: eines, dessen „Übernatürlichkeit“ in dem Ursprung besteht, weil es vom Himmel herabgeregnet ist. Es ist aber weiterhin eine Speise für den Leib. Sie denken also immer noch in irdischen Kategorien.
Daraufhin reagiert Jesus mit den Worten: „Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.“ Schon das Manna kommt von Gott dem Vater. Nicht Mose kann das Brot spenden, ihre höchste menschliche Autorität, auf die sie sich aufgrund der Torah berufen. Gott selbst nährt den Menschen, aber auch hier meint Jesus im zweiten Teil seines Satzes das „wahre Brot vom Himmel“ im Gegensatz zum Manna. Wir erkennen dies an dem nächsten Satz, in dem es heißt, dass Gott das Leben gibt. Und das wahre Leben besteht ja in dem ewigen Leben, das nie endet.
Das Gespräch hier in Kafarnaum ist analog zum Dialog am Jakobsbrunnen in Joh 4 zu sehen. Jesus greift irdisches und bekanntes auf, um die Menschen dort abzuholen, wo sie sind (am Jakobsbrunnen beginnt es mit Jesu Bitte um Wasser aus dem Brunnen, hier in Joh 6 beginnt es mit der wunderbaren Speisung mit Brot für den Leib). Davon ausgehend möchte er aber auf etwas Übernatürliches zu sprechen kommen, doch die Menschen missverstehen es und bleiben weiterhin dem Natürlichen verhaftet. So spricht auch die Frau die ganze Zeit von üblichem Wasser aus dem Brunnen, obwohl Jesus schon längst das lebendige Wasser meint. Sie beruft sich am Jakobsbrunnen auf eine menschliche Autorität (nicht Mose wie hier, dafür aber Jakob). Auch sie begreift nach und nach ein wenig mehr von Jesu Worten und kommt schließlich zu dem Wunsch: „Herr, gib mir von diesem lebendigen Wasser.“ Es ist analog zu jenem Wunsch der Anwesenden hier zu lesen, die sagen: „Herr, gib uns immer dieses Brot!“ Sie erkennen, dass es ein Brot ist, das qualitativ besser ist als das irdische Brot.
Und so wie bei der Frau offenbart sich Jesus hier direkt als jenes Brot, das vom Himmel herabkommt. Es meint zunächst ihn als fleischgewordenes Wort Gottes unter den Menschen. Nun verstehen wir es sakramental, denn in der Eucharistie ist er wirklich das Brot, das vom Himmel herabkommt – durch den Geist, der in der Epiklese auf die Gaben herabgerufen wird, werden sie in den Leib und das Blut Jesu Christi verwandelt. Er nimmt wie bei seiner Geburt in dem Moment „Fleisch“ an, also Materie, um ganz bei uns zu sein und vor allem, um das umzusetzen, was er versprochen hat – uns zu ernähren und zu bereiten für das ewige Leben!
Und wie es mit den Gaben Gottes im Gegensatz zu natürlichen Gütern so ist, nährt uns das Brot des Lebens vollkommen. Wir müssen nicht mehr hungern – es meint nicht den leeren Magen, sondern den Hunger des Lebens, den Hunger nach Liebe und Angenommensein, den Hunger nach der Gnade Gottes, nach seinem Frieden. Analog dazu hat Jesus die Frau am Jakobsbrunnen in ihrem Lebensdurst betrachtet, die durch die vielen Männergeschichten eigentlich eine ganz andere Sehnsucht offenbart – die Sehnsucht nach Sinn und nach einer Erfüllung des Lebens. Diese kann nicht gestillt werden durch Kompensationen wie Liebesbeziehungen, in denen der Partner den Menschen glücklich machen soll. Nur Gott kann dies tun. Und auch dort sagt Jesus, dass das lebendige Wasser umfassend tränkt, sodass man keinen Durst mehr bekommt.
Und am Ende dieses heutigen Abschnitts werden wir an seine Worte aus Joh 4 wieder erinnert, weil er auch hier sagt, dass der Mensch, der an ihn glaubt, keinen Durst mehr haben wird.

Die Beziehung zu Gott ist es, die uns nährt und tränkt – unsere Sehnsucht stillt. Sie ist es, die uns das ewige Leben schenkt. Wenn wir in diesem Leben schon ja zu ihm sagen, wird er gleichermaßen antworten am Ende unseres Lebens. Der Weg ist lang und beschwerlich. Wir haben an Stephanus gesehen, dass er sehr steinig ist. Wenn wir jedoch durch das Brot und das Wasser des Lebens gestärkt werden, können wir diesen Weg bis zum Schluss gehen wie die Märtyrer. Dann werden auch wir das ewige Leben haben. Für die Kirche heißt das, dass die Eucharistie entscheidend ist. Sie ist das Allerwichtigste! Ohne sie lässt die Kirche, die Mutter der Neugeborenen im Heiligen Geist, ihre Kinder verhungern und verdursten. Wie können die Gläubigen den Weg gehen ohne das lebendige Brot? Für unseren persönlichen Lebenswandel heißt das, dass wir ganz und gar diese übernatürlichen Güter anstreben sollen. Darin sollen wir unsere ganze Kraft und Zeit investieren. Das Maß der natürlichen Güter sollen wir dem anpassen, denn sie sind für uns insofern erstrebenswert, als sie diese übernatürlichen Gaben begünstigen oder zumindest diesen nicht entgegen stehen. Das ist keine Spaßverderberei, sondern Jesus selbst hat es den Menschen damals in Kafarnaum und auch uns Christen heute gesagt.

Danken wir dem Herrn, dass er sich uns in der Eucharistie schenkt und uns nähren will Tag für Tag. Wenn wir das Vaterunser sprechen und darin um das tägliche Brot bitten, meinen wir nicht nur das leibliche Wohl, sondern vor allem die Bitte um die Eucharistie. Sie zu erhalten, soll jeden Tag unsere höchste Priorität darstellen. Jetzt in dieser schwierigen Zeit ist es uns nicht möglich, doch diese erzwungene Enthaltsamkeit von den Sakramenten soll uns zum zukünftig bewussteren Empfang führen. Es ist wie das Fasten von irdischem Brot. Wenn man nach vielen Stunden des Fastens ein einfaches Stück Brot zu sich nimmt, schmeckt es besonders gut und intensiv. Man lernt das Brot wieder neu zu schätzen. Gebe Gott, dass es uns mit der Eucharistie so ergehen wird!

Ihre Magstrauss

Montag der 2. Osterwoche

Apg 4,23-31; Ps 2,1-3.4-6.7-9; Joh 3,1-8

Apg 4
23 Nach ihrer Freilassung gingen sie zu den Ihren und berichteten alles, was die Hohepriester und die Ältesten zu ihnen gesagt hatten.
24 Als sie das hörten, erhoben sie einmütig ihre Stimme zu Gott und sprachen: Herr, du hast den Himmel, die Erde und das Meer geschaffen und alles, was sie erfüllt;
25 du hast durch den Mund unseres Vaters David, deines Knechtes, durch den Heiligen Geist gesagt: Warum tobten die Völker, warum machten die Nationen nichtige Pläne?
26 Die Könige der Erde standen auf und die Herrscher haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Christus.
27 Wahrhaftig, verbündet haben sich in dieser Stadt gegen deinen heiligen Knecht Jesus, den du gesalbt hast, Herodes und Pontius Pilatus mit den Heiden und den Stämmen Israels,
28 um alles auszuführen, was deine Hand und dein Wille im Voraus bestimmt haben, dass es geschehe.
29 Doch jetzt, Herr, sieh auf ihre Drohungen und gib deinen Knechten, mit allem Freimut dein Wort zu verkünden!
30 Streck deine Hand aus, damit Heilungen und Zeichen und Wunder geschehen durch den Namen deines heiligen Knechtes Jesus!
31 Als sie gebetet hatten, bebte der Ort, an dem sie versammelt waren, und alle wurden mit dem Heiligen Geist erfüllt und sie verkündeten freimütig das Wort Gottes.

Heute hören wir davon, wie die Apostel sich nach ihrer Freilassung verhalten. Sie sind alles andere als eingeschüchtert. Sie berichten „den Ihren“, also den anderen Aposteln und Jüngern Jesu, von den Ereignissen.
Diese reagieren ganz vorbildlich – sie hadern nicht mit Gott oder verlieren den Glauben beim ersten Widerstand, sondern sie gehen damit sofort ins Gebet. Sie suchen den Kontakt zum Herrn und sprechen ganz im Psalmenstil, so wie sie es als fromme Juden gewohnt sind:
Dabei beginnen sie mit einem Lobpreis. Das ist nicht einfach zu überlesen oder zur Kenntnis zu nehmen, sondern wir müssen das ernst nehmen. Ganz unabhängig davon, wie es uns geht, was wir in unserem Leben durchmachen, Gott sei immer gelobt und gepriesen. Den Lobpreis schulden wir ihm immer! Dieser hängt nicht von unserem eigenen Befinden ab. Es gibt ja immer etwas, wofür wir ihm danken können, schon allein für die Existenz und für die Schöpfung. Und so beginnt ihr Gebet mit einem Lobpreis der Schöpfung Gottes.
Sie thematisieren daraufhin die Psalmen, die Gott König David eingegeben hat. Dabei zitieren sie den Beginn von Psalm 2, den sie auf ihre momentane Situation beziehen. Wir werden diesen Psalm nachher beten.
Der Psalm beginnt mit den Worten: „Warum toben die Völker, ersinnen die Nationen nichtige Pläne?“ Eigentlich geht es hier um die heidnischen Völker, die sich gegen Gott erheben (גֹויִ֑ם gojim). Umso schärfer ist die Kritik an jenen, die die Apostel haben festnehmen lassen. Sie benehmen sich, als ob sie Gott nicht kennen würden. Im zweiten Teil des Verses wird der Begriff וּ֝לְאֻמִּ֗ים ule’ummim gebraucht, wobei es keine bestimmte Einschränkung in „jüdisch“ und „nichtjüdisch“ umfasst. Es ist offen gehalten.
Auch den zweiten Vers dieses Psalms beten sie gemeinsam, wo es laut Apg heißt: „Die Könige der Erde standen auf und die Herrscher haben sich verbündet gegen den Herrn und seinen Christus.“ Es ist bemerkenswert, wie sie diese Psalmworte durch eine kleine Veränderung als erfüllt voraussetzen: Im Psalm selbst wird der Vers noch zukünftig gehalten, was wir an den hebräischen Verbformen erkennen können. Hier wird es nun als bereits geschehen formuliert. Wir sehen auch heute wieder, dass durch die Gabe des Hl. Geistes die Jünger Jesu Christi Dinge begreifen, die schon längst vorbereitet worden sind. Wie Jesus es ihnen angekündigt hat, erinnert der Geist Gottes sie an alles, was er gesagt und getan hat. Sie kombinieren dies mit der Hl. Schrift, mit den Verheißungen, den Ankündigungen und Warnungen des AT.
In Vers 27 wenden sie diese Psalmworte nun ganz explizit auf jene an, die für den Tod Christi verantwortlich sind: auf Pilatus, Herodes, die Nationen (die Heiden, also hier die Römer) und auf die Stämme (also die Juden, die „Kreuzige ihn!“ geschrien haben). Sie erkennen, dass die Geschehnisse um Christus herum eine einzige Auflehnung gegen Gott dargestellt hat. Dadurch, dass sie hier alles auf Christus beziehen, setzen sie voraus, dass die Anfeindungen gegen sich selbst eine logische Konsequenz der Anfeindung Christi sind. Schließlich folgen sie ihm nach und führen sein Evangelium weiter.
Was mit Christus passiert ist, musste geschehen. Jetzt nach dem Pfingstereignis begreifen die Apostel dies. Es musste so kommen, damit die universale Erlösung überhaupt erwirkt werden konnte.
Und dann formulieren sie Bitten, die überraschenderweise nichts von einer Schutzbitte erkennen lassen. Sie streben gar nicht die Verschonung ihres Lebens an. Sie gehen davon aus, ebenfalls in Gefahr zu geraten für die Botschaft, die Christus ans Kreuz gebracht hat. Was sie erbitten, ist das Wirken Gottes in Wort und Tat, damit so viele Menschen wie möglich zum Glauben an ihn kommen!
Sie bitten den Herrn nicht darum, das Leid von ihnen zu nehmen, sondern um Kraft, es tragen zu können! Sie beten um Freimut, ungetrübt das Evangelium Jesu Christi verkünden zu können.
Ihnen geht es zuerst um das Reich Gottes, wie es Christus geboten hat.
Als sie ihr kraftvolles Gebet beenden, bebt der Ort, an dem sie versammelt sind. Das ist ein Zeichen der Gegenwart Gottes. Sie werden mit dem Hl. Geist erfüllt und verkünden freimütig das Wort Gottes. Der Herr schenkt ihnen wirklich die Gnaden, die sie erbitten, weil sie in rechter Absicht bitten. Ihr Gebet ist ganz selbstlos und allein von der Verbreitung der frohen Botschaft bestimmt. Deshalb zögert Gott nicht, sie in Überfülle zu beschenken.

Ps 2
1 Warum toben die Völker, warum ersinnen die Nationen nichtige Pläne?
2 Die Könige der Erde stehen auf, die Großen tun sich zusammen gegen den HERRN und seinen Gesalbten:
3 Lasst uns ihre Fesseln zerreißen und von uns werfen ihre Stricke!
4 Er, der im Himmel thront, lacht, der HERR verspottet sie.
5 Dann spricht er in seinem Zorn zu ihnen, in seinem Grimm wird er sie erschrecken:
6 Ich selber habe meinen König eingesetzt auf Zion, meinem heiligen Berg.
7 Den Beschluss des HERRN will ich kundtun./ Er sprach zu mir: Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.
8 Fordere von mir und ich gebe dir die Völker zum Erbe und zum Eigentum die Enden der Erde.
9 Du wirst sie zerschlagen mit eisernem Stab, wie Krüge aus Ton wirst du sie zertrümmern.

Nun beten wir diesen Psalm, den die Apostel angeschnitten haben.
Es ist noch zukünftig formuliert (die grammatikalische Form lässt beide Zeitformen zu – Präsens und Futur).
Das Thema ist die Auflehnung und das Spinnen von Intrigen gegen Gott. Die Heiden machen Pläne gegen Gott und meinen, dass sie sich mit ihm anlegen können, der der Allmächtige ist. Dabei sind es „nichtige Pläne“.
Die Mächtigen dieser Welt versuchen eine Rebellion gegen Gott und seinen Gesalbten. In Davids Fall müssen wir sagen, es handelt sich um nichtjüdische Völker, die Israel besiegen wollen, obwohl Gott und sein gesalbter König David sich nur besiegen können. Wir beziehen es durch die Apostelgeschichte aber auch auf den Gesalbten schlechthin, auf Christus, den Sohn Gottes. Nun sind es die Gegner Jesu in Jerusalem. Im weiteren Sinne muss diese Feindseligkeit aber auf die ganze Welt ausgeweitet werden, denn Christus ist für alle Menschen gestorben. Wer sich gegen ihn auflehnt, rebelliert gegen Gott. Das passiert jedesmal, wenn wir Menschen sündigen. Wir verletzen den Herrn und lehnen uns gegen ihn auf. Dann sind wir nicht besser als jene, die Jesus ans Kreuz gebracht haben. Deshalb sagen wir auch, dass Jesus all die Leiden für uns am Kreuz auf sich genommen hat.
Diese Auflehnung gegen Gott erreich globale Dimensionen. Am Ende der Zeiten wird er nur einmal kurz eingreifen müssen und ihr nichtiger Plan zerfällt wie Staub, fällt in sich zusammen wie ein mikriges Kartenhaus.
Es ist im Grunde lächerlich, dass kleine Menschlein, die Gott selbst geschaffen hat, sich nun mit ihm messen wollen und sich einbilden, ihn besiegen zu können. Gott kann nur lachen (Vers 4).
Dann wird er in seinem Zorn sprechen – es ist sein Eingreifen in die Ungerechtigkeit der Weltgeschichte. Er wird den Menschen vorhalten, was sie ignoriert und verkannt haben: seinen eigens eingesetzten König für Zion. Dies ist wörtlich erst einmal auf den König von Juda zu beziehen, David, den sich Gott selbst ausersehen hat. Gott wird den Menschen vorwerfen, dass sie ihn nicht geachtet haben. Und wir beziehen es im weiteren Sinne und in Erfüllung dieses irdischen Königtums auf Christus, den König des himmlischen Zion, dem Reiche Gottes! Ihn haben die Menschen verkannt, indem sie voller Spott die Kreuzestafel mit dem Vorwurf angebracht haben „König der Juden“, aber nicht geglaubt haben, dass er tatsächlich ein König ist – nicht nur irgendeiner, sondern der König der Könige!
Noch viel mehr als mit David ist Gott der Vater mit seinem Sohn Jesus Christus.
Von ihm kann er wirklich wortwörtlich sagen: „Mein Sohn bist du. Ich selber habe dich heute gezeugt.“
Das „Heute“ ist ein entscheidendes Stichwort für die Ewigkeit. Bei Gott gibt es keine Zeit mehr. Diese ist eine irdische Kategorie, die Gott geschaffen hat (siehe Schöpfungsbericht in der Genesis durch die Himmelskörper und das Licht).
Der Sohn ist vor aller Zeit gezeugt worden, nicht geschaffen. Jesus ist wirklich der Sohn Gottes und somit ihm gleich. Das kann kein Geschöpf von sich sagen. Deshalb ist es mikrig, was die Menschen in Auflehnung gegen Gott alles versuchen…
Jesus kann von seinem Vater alles fordern, denn sie sind eins. Gott gibt ihm die Völker zum Erbe. Es meint die heidnischen Völker. Jesus werden sie aber nicht übergeben, um sie zu zerstören, sondern um sie zu Erben des Reiches Gottes zu machen! Er ist gekommen, damit jeder gerettet werde, bis zu den Enden der Erde!
Und wer bis zum Schluss Jesus ablehnt, der wird am Ende wie Ton zerschlagen. Das ist ein Bild für das Gericht Gottes. Gott nimmt die Menschen ernst. Wenn sie sich in aller Freiheit gegen ihn entscheiden, müssen sie die Konsequenzen ihrer Entscheidung tragen. Der eiserne Stab Christi ist ein Code für den Messias. Er wird auch bei den messianischen Verheißungen des Buches Jesaja aufgegriffen. Demnach wird der Messias mit eisernem Zepter herrschen.
Aus dem eisernen Stab wird mit der Zeit das zweischneidige Schwert. Es handelt sich nicht um ein echtes Schwert aus Metall, sondern um das Wort Gottes, das dadurch bildhaft ausgesagt wird. Christus herrscht mithilfe des Wortes Gottes. Was nicht gut ist am Menschen, wird dadurch zerschnitten und das ist schmerzhaft. Es schneidet dabei aber in die Seele ein, nicht in den Körper des Menschen. Das ist das Schmerzhafte daran.

Joh 3
1 Es war da einer von den Pharisäern namens Nikodemus, ein führender Mann unter den Juden.
2 Der suchte Jesus bei Nacht auf und sagte zu ihm: Rabbi, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, wenn nicht Gott mit ihm ist.
3 Jesus antwortete ihm: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht von oben geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.
4 Nikodemus entgegnete ihm: Wie kann ein Mensch, der schon alt ist, geboren werden? Kann er etwa in den Schoß seiner Mutter zurückkehren und noch einmal geboren werden?
5 Jesus antwortete: Amen, amen, ich sage dir: Wenn jemand nicht aus dem Wasser und dem Geist geboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes kommen.
6 Was aus dem Fleisch geboren ist, das ist Fleisch; was aber aus dem Geist geboren ist, das ist Geist.
7 Wundere dich nicht, dass ich dir sagte: Ihr müsst von oben geboren werden.
8 Der Wind weht, wo er will; du hörst sein Brausen, weißt aber nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist es mit jedem, der aus dem Geist geboren ist.

Im Evangelium wird uns von einem nächtlichen Gespräch erzählt, das Jesus mit einem Hohepriester des Hohen Rates geführt hat. Nikodemus ist „ein führender Mann unter den Juden“. Er ist Jünger Jesu, aber nur heimlich aufgrund seiner hohen Position.
Wir merken insgesamt, dass er in dem Gespräch die wichtigsten Dinge nicht begreift. Es ist wir ein Armutszeugnis für die religiöse Elite Israels zur Zeit Jesu. Und doch möchte der Mann Jesus verstehen und Jesus versucht alles, um ihm den Kern seiner Botschaft verständlich zu machen.
Warum hören wir dieses Gespräch in der Osterzeit? Wir haben in den letzten Tagen immer wieder realisiert, dass die einzig angemessene Reaktion auf das Osterereignis das Kommen zum Glauben an Christus sein kann. Es ist die Bejahung und das Eingehen des Neuen Bundes mit Gott, den Christus am Kreuz besiegelt hat. Und dies geschieht durch das Sakrament der Taufe. Deshalb hörten wir bereits viele Passagen aus der Apostelgeschichte, die die vielen Taufen direkt nach der Gabe des Hl. Geistes schildert.
Schauen wir uns das Gespräch im Einzelnen an:
Nikodemus bekennt zu Anfang des Dialogs, dass er an den göttlichen Ursprung Christi glaubt. Er erkennt an, dass dessen Heilstaten dies beweisen. Er zeigt dadurch, dass er anders ist als die anderen Männer des Sanhedrin. Er lässt sich auf Christus ein und setzt sich mit allem auseinander.
Jesus sagt ihm daraufhin einen wichtigen Satz, den er gründlich missversteht:
„Wenn jemand nicht von oben geboren wird, kann er das Reich Gottes nicht sehen.“ Was Jesus damit meint, ist die Wiedergeburt aus dem Hl. Geist, die durch die Taufe erwirkt wird. Dann werden wir nämlich zu Erben eingesetzt in seinem Reich. Neugeboren zu so einem geistlichen Leben haben die Menschen erst die Chance auf das Himmelreich. Es ist ein Wort, dass Christus nicht nur zu Nikodemus sagt, sondern auch zu uns, die wir manchmal vergessen, was für ein Geschenk uns durch die Taufe geschenkt worden ist. Es gilt auch jenen, die nicht getauft sind und meinen, dass sie es nicht nötig hätten.
Nikodemus versteht es wie gesagt falsch, denn er nimmt die Worte Jesu wörtlich: Natürlich kann ein erwachsener Mensch nicht in den Schoß seiner Mutter zurückkehren. Das ist natürlich unmöglich. Jesus meint ja eine geistliche Wiedergeburt, keine erneute Geburt aus dem Fleisch.
Diese Unterscheidung versucht er nun, Nikodemus klarzumachen:
Die Geburt, die Jesus meint, ist aus dem Wasser und dem Geist. Es ist das lebendige Wasser, das durch das Taufwasser symbolisiert wird und den Antitypos der Urflut sowie der Sintflut darstellt, ebenso einen Antitypos zum Roten Meer, durch das die Israeliten beim Auszug aus Ägypten gezogen sind.
Der Geist Gottes ist den Menschen an Pfingsten gegeben worden, sodass sie zu neuen Menschen geboren worden sind. Ein besonders eindrückliches Beispiel stellt Petrus dar. Wir sehen, dass der alte Petrus am See von Tiberias ein komplett anderer Petrus ist als jener, der am Pfingsttag durch seine brennende Rede 3000 Menschen zur Taufe geführt hat.
Besonders in Vers 6 macht Jesus den Unterschied klar, dass wer aus dem Fleisch geboren ist, Fleisch ist und wer aus dem Geist geboren ist, Geist ist. Mit „Fleisch“ und „Geist“ ist mehr gemeint als wirklich nur das Fleisch des Menschen. Es ist ein Stichwort, das ganz nach biblischem Stil den ganzen Menschen meint, seine gefallene Natur durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares. Wer aus dem Fleisch geboren ist, also in diese Welt auf biologische Weise eingegangen ist, unterliegt noch dieser sündigen Natur. Gott hat alles gut geschaffen und die Welt ist sein Werk. Aber durch die Sünde hat der Mensch die gute Schöpfung Gottes pervertiert. Dieses Gefallene ist hier mit „Fleisch“ gemeint, sodass man sich vor einer leibfeindlichen Interpretation hüten muss.
Mit Geist ist der Hl. Geist gemeint, der das ewige Leben schenkt und die Sphäre Gottes kennzeichnet.
Wer aus dem Geist geboren ist, lebt schon mit Blick auf dieses ewige Leben. Er ist vom Geist erfüllt, der im inneren Tempel Wohnung nimmt. Dieser kann wieder abhanden kommen, wenn der Mensch in Todsünde fällt, doch Gott ist so barmherzig, dass er durch das Sakrament der Versöhnung die Möglichkeit der Rückkehr zur Taufgnade schenkt.
Mit Geist ist nicht die Seele des Menschen gemeint, die ja unsterblich ist. Diese ist dem Menschen ja schon durch die biologische Geburt eingegeben. Es meint vielmehr den Hl. Geist, der einen erfüllt.
Moralisch heißt das, dass wir Menschen ohne den Blick auf die Ewigkeit, materialistisch und atheistisch leben, wenn wir „fleischlich“ leben. Wenn wir aber unser ganzes Leben auf die Ewigkeit ausrichten und uns stets bewusst machen, dass unser jetziges Leben Auswirkungen auf die Ewigkeit hat, dann leben wir „geistlich“.
Jesus sagt zu Nikodemus: „Wundere dich nicht“, doch ob der Pharisäer Jesu Erläuterung wohl verstanden hat? „Von oben geboren werden“ meint, vom Himmel her, der aber nicht das Gewölbe über einem meint, sondern die Sphäre Gottes.
Wir werden nie so sein wie Christus, der als einziger wirklich von Gott vor aller Zeit gezeugt worden ist. Wir bleiben Geschöpfe Gottes. Dieser Einwand ist hier klar zu benennen, denn es gibt genug Strömungen auch in katholischen Kreisen, die diese Grenze kühn zu überschreiten versuchen…
Zum Schluss führt Jesus deshalb einen Vergleich an, bei dem er den Hl. Geist mit dem Brausen des Windes vergleicht: Dieser weht, wo er will. Mein weiß nicht, woher er kommt und wohin er geht.
So ist es mit dem geistlichen Menschen, das heißt dem Getauften. Er hat weder einen irdischen Ursprung noch ein irdisches Ziel. Seine Herkunft ist Gott und sein Ziel ist Gott. Wir denken an Melchisedek, den Typos Christi. Schon von ihm ist dies alles nicht bekannt, was uns einen Hinweis auf seine Geistlichkeit gibt. Christus selbst hat seinen Ursprung in Gott und ebenso sein Ziel, auch wenn er selbst als Gott noch einmal zu unterscheiden ist von uns Getauften. Es sind wichtige Gedanken zum übernatürlichen Leben, das wir als dennoch Irdische begehen. Es ist eine Spannung, die deshalb durch den Grundsatz getragen wird „in dieser Welt, doch nicht von dieser Welt“.
Die „Welt“ meint dabei immer die gefallene Welt, die nicht auf die Ewigkeit ausgerichtet ist.

Diese Welt ist geprägt von der Auflehnung gegen Gott und seinen Gesalbten. Davon hörten wir bereits in der Lesung und im Psalm. Es geht auch nicht anders. Die Welt steht unter dem Einfluss des Widersachers. Er ist entmachtet, aber es bleibt ihm gewisse Macht, die Menschen von Gott wegzuziehen. Seine Versuche sind lächerlich, weil auch er nur Geschöpf ist so wie die Menschen, die seine Marionetten sind. So ist aber verständlich, warum die „Welt“ zum Gegensatz des Geistes Gottes wird. Wo wir die Widerstände erfahren, müssen wir umso mehr um den Beistand Gottes bitten. Mit ihm in uns können wir nur gewinnen, denn es ist Gott, der gegen den Bösen den Kampf austrägt. Damit die Menschen nicht mehr Marionetten des Bösen sind, muss es unser Anliegen sein, alle Menschen zu Jüngern Jesu zu machen, das heißt sie zur Wiedergeburt im Hl. Geist führen wie Petrus. Die Taufe ist heilsnotwendig.

Hadern wir nicht mit Gott und seien wir uns selbst nicht zu schade, mit den Mitteln, die uns der Geist geschenkt hat, Christus mutig zu bekennen. An uns soll die Osterfreude und das Wirken des „brausenden Windes“ ablesbar sein.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der Karwoche

Jes 50,4-9a; Ps 69,8-9.10 u. 12.21b-22.31 u. 33; Mt 26,14-25

Jes 50
4 GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören.
5 GOTT, der Herr, hat mir das Ohr geöffnet. Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.
6 Ich hielt meinen Rücken denen hin, die mich schlugen, und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen. Mein Gesicht verbarg ich nicht vor Schmähungen und Speichel.
7 Und GOTT, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden. Deshalb mache ich mein Gesicht hart wie einen Kiesel; ich weiß, dass ich nicht in Schande gerate.
8 Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer will mit mir streiten? Lasst uns zusammen vortreten! Wer ist mein Gegner im Rechtsstreit? Er trete zu mir heran.
9 Siehe, GOTT, der Herr, wird mir helfen.

Heute hören wir aus dem dritten Gottesknechtslied. Es ist bereits an Palmsonntag verlesen worden und sehr intensiv:
„GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort.“ Wir müssen es verstehen vor dem Hintergrund der Menschwerdung Gottes. Jesus ist Gott, ist aber durch seine Menschwerdung entäußert worden, das heißt er verzichtete auf seine Gottheit, um die Sünde der Welt zu sühnen. So hat er alles den Menschen vorgelebt und alles so getan, wie die Menschen es tun. Wenn es hier also heißt, „gab mir die Zunge von Schülern“, müssen wir es nicht so verstehen, dass Jesus etwas Neues lernen könnte oder Dinge zuerst nicht weiß und dann zur Erkenntnis kommt. Er weiß schon alles von Anfang an, weil er trotz Entäußerung immer noch Gott ist. Das hebräische Wort für „Zunge“ kann auch mit „Sprache“ übersetzt werden, was vielleicht passender ist: Der Vater hat dem Sohn die Sprache von Schülern gegeben, damit seine Schüler, das heißt seine Jünger, seine Worte verstehen können. Es heißt also, dass Gott die Sprache der Menschen angenommen hat, um sich ihnen zu offenbaren. Er tut es, um die Müden aufzurichten durch ein aufmunterndes Wort. Diese Müdigkeit hat weniger etwas mit physischer Erschöpfung zu tun als vielmehr mit Hoffnungslosigkeit durch Seelenmüdigkeit. Es geht um das Wecken der Menschen, damit sie wachsam werden, damit sie aus der Müdigkeit ihrer langen Warterei auf den Messias erwachen!
Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören. Jesus selbst hat gehorsam auf den Vater gehört und nichts gesagt oder getan, was nicht im Einklang mit dem Vater ist.
Er hat auf den Willen des Vaters gehört und es auch durchgehalten selbst in den Angriffen der Menschen: „Ich aber wehrte mich nicht und wich nicht zurück.“ – So ist es schon den Propheten des Alten Testaments ergangen. Sie haben auf die Stimme Gottes gehört und den Menschen seinen Willen kundgetan, zumeist um den Preis ihres eigenen Lebens. Umso mehr gilt das für den Sohn Gottes selbst, der der Gehorsamste von allen ist.
Jesus hielt wortwörtlich seinen Rücken hin denen, die ihn schlugen. Wie maßlos haben seine Gegner auf ihn eingeschlagen, statt sich an die gebotene Anzahl von Schlägen zu halten, wie sie das Recht vorsieht – sowohl mit Stöcken als auch mit Geißeln! (Wir wissen vom Grabtuch von Turin, dass er über hundert Mal geschlagen worden ist, statt der gebotenen 39 Schläge. Die Römer haben sich nicht daran gehalten).
„Und meine Wange denen, die mir den Bart ausrissen“ – Ja, er wurde ins Gesicht geschlagen durch den Diener der Hohepriesters. Von Privatoffenbarungen wissen wir, wie sehr sie ihm den Bart ausgerissen haben in der Nacht von Donnerstag auf Freitag. Laut diesen Offenbarungen stachen sie ihm sogar Nägel und Spitzen in die Löcher seines ausgerissenen Bartes. Unvorstellbar, was Jesus durchmachen musste! Es geht bei diesem Akt nicht nur um die Schmerzen, sondern auch um die Erniedrigung, die ihm dadurch widerfahren ist.
„Mein Gesicht verbarg ich nicht durch Schmähungen und Speichel.“ Wie oft Jesus wohl auf seinem Kreuzweg zum Golgota von der gaffenden Menge und von den Soldaten angespuckt und beschimpft worden ist? Er ist wirklich behandelt worden wie der schlimmste Verbrecher. Es blieb ihm nicht ein Funken Ehre. Er ist maximal erniedrigt worden, aber dann vom Vater über alle anderen erhöht worden. Stellen Sie sich vor, dass Sie allmächtig wären, über all jenen Peinigern stehen würden, aber alles mit sich machen lassen würden! Sie könnten jederzeit einmal schnipsen und sie alle in die Hölle hinabwerfen, sich vom Kreuz befreien und die ganzen Wunden augenblicklich heilen, weil Sie so allmächtig sind! Für Jesus gilt das alles tatsächlich, weil er Gott ist und doch greift er nicht ein! Er lässt alles mit sich machen, weil er uns so sehr liebt, dass er all das sühnt. So unbegreiflich groß ist seine Liebe!
„Und GOTT, der Herr, wird mir helfen; darum werde ich nicht in Schande enden.“ Ja, das ist nicht nur ein absolutes Vertrauensbekenntnis, sondern eine regelrechte Ankündigung. Jesus wird nicht in Schande enden, denn am dritten Tag wird er von den Toten auferstehen! Er wird den schandvollsten Tod sterben, aber er wird nicht in ihm bleiben. Der Vater wird ihn auferstehen lassen und über alle anderen erhöhen. Nun hat er ihn wieder zu sich geholt und er sitzt mit Leib und Seele zur Rechten des Vaters.
„Er, der mich freispricht, ist nahe. Wer will mit mir streiten?“ Der Vater spricht seinen Sohn sozusagen frei im Kampf gegen den Bösen, indem er ihn am dritten Tag auferstehen lässt. Der Tod wird überwunden. Er kann im Rechtsstreit nichts mehr unternehmen.
„Siehe, GOTT, der Herr, wird mir helfen.“ Das dürfen auch wir mit Gewissheit beten, denn wie er seinen eigenen Sohn aus den Klauen des Todes gerettet hat, so wird er auch uns retten, die wir nicht nur auf den Tod, sondern auch auf die Auferstehung Jesu Christi hin getauft sind.

Ps 69
8 Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.
9 Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.
10 Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.
12 Ich legte als Gewand ein Bußkleid an, ich wurde ihnen zum Spottvers.
21 Ich hoffte auf Mitleid, doch vergebens, auf Tröster, doch fand ich keinen.
22 Sie gaben mir Gift als Speise, für den Durst gaben sie mir Essig zu trinken.
31 Ich will im Lied den Namen Gottes loben, ich will ihn mit Dank erheben.
33 Die Gebeugten haben es gesehen und sie freuen sich! Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf!

Als Psalm wird heute wieder ein Klagepsalm gebetet, in dem zunächst das Leiden detailliert geklagt wird. Dann kommen mehrere Bittrufe, die in unserem heutigen Abschnitt nicht zu lesen sind, bevor es einen typischen Stimmungsumschwung gibt: Gott wird zum Ende des Psalms gepriesen.
„Denn deinetwegen erleide ich Hohn und Schande bedeckt mein Angesicht.“ Jesus ist dafür ausgeliefert und elendig getötet worden, dass er den Menschen gezeigt hat, wie der Vater ist. Er hat das Reich Gottes verkündigt mit göttlicher Vollmacht. Dafür ist er so schandvoll wie nur möglich gestorben.
„Entfremdet bin ich meinen Brüdern, den Söhnen meiner Mutter wurde ich fremd.“ Wir wissen von den Evangelien her, dass Jesu Großfamilie ihn von der Verkündigung abhalten wollte und sogar sagte: „Er ist von Sinnen.“ Seine biologischen Verwandten haben ihn nicht verstanden. Vielmehr hat Jesus gesagt, dass jene, die den Willen seines Vaters tun, seine wahre Familie sind. Maria, seine biologische Mutter, war die allererste Jüngerin und so lag der Idealfall vor: Biologie und geistige Gesinnung waren eins!
„Denn der Eifer für dein Haus hat mich verzehrt, die Verhöhnungen derer, die dich verhöhnen, sind auf mich gefallen.“ Das ist ein besonderer Vers, denn dies zitiert Johannes für Jesu Tempelreinigung. Es hat sich mit Jesus erfüllt. Aus Eifer für das Haus Gottes hat er die Händler aus dem Tempel vertrieben, die es zur Räuberhöhle gemacht haben. Dieser Eifer ist uns schon durch die Episode verdeutlicht worden, in der Jesus als Zwölfjähriger im Tempel zurückbleibt und mit den Ältesten und Schriftgelehrten debattiert. Als seine Eltern ihn voller Sorge im Tempel wiederfinden und ihn auf diese Aktion ansprechen, antwortet er ihnen: „Warum habt ihr mich gesucht? Wusstet ihr nicht, dass ich in dem sein muss, was meinem Vater gehört?“ Der Eifer für das Haus Gottes ist nicht nur auf einen irdischen Bau beschränkt. Vielmehr geht es ihm schließlich um das Reich Gottes, um das Himmelreich, dass des Vaters eigentliches Haus ist! Und für eben jene Botschaft vom Reich Gottes ist er verhöhnt worden. Damit haben die Spötter auch den Vater im Himmel verspottet, denn Jesus und der Vater sind eins.
„Ich legte als Gewand ein Bußkleid an“ – dies müssen wir bildlich verstehen, denn von Jesu Kleidung ist explizit nicht die Rede (nur am Ende, als es um sein durchgewebtes Untergewand geht). Die Buße ist Jesu „Gewand“ im Sinne der Verpackung. Es gehört zum Programm der Verkündigung und ist deren Kern. Bei seinem Antritt sagt Jesus in Mk 1,15: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe, kehrt um und glaubt an das Evangelium. Doch die wirklich Einflussreichen haben sich nicht bekehrt trotz der vielen vielen Chancen, Signale und Zeichen.
„Ich hoffte auf Mitleid“ – Jesus hat sich selbst dahingegeben, damit die harten Herzen der Menschen erweicht werden. Wie viele sind doch hart geblieben, obwohl er für sie gestorben ist!
„Sie gaben mir Gift als Speise“ – das erinnert uns an die verschiedenen Getränke, die sie Jesus angeboten haben. Das Wein-Myrrhe-Gemisch hat er abgelehnt, weil es ein Betäubungsmittel war und Jesus ganz für uns leiden wollte, das zweite sollte seinen Todesprozess verlängern und war Essig. Man kann durchaus von Gift sprechen, denn gesund war es sicherlich nicht….
„Ich will im Lied den Namen Gottes loben, ich will ihn mit Dank erheben.“ Mit dem Stimmungsumschwung wird auch für uns deutlich: Nach dem Leiden kommt das Heil. Nach Karfreitag kommt Ostern. Nach der Dunkelheit des Todes kommt das Licht des Lebens. Es gibt bei Gott immer ein Happy Ending, auch wenn es noch so weit weg erscheint. Gott wendet alles zum Guten, nur müssen wir ihm ganz vertrauen, egal, wie unwahrscheinlich es zu sein scheint.
„Die Gebeugten haben es gesehen und sie freuen sich! Ihr, die ihr Gott sucht, euer Herz lebe auf!“ Nicht nur Jesus, der am tiefsten Gebeugte, ist Zeuge für dieses Happy Ending. Auch die vielen vielen Märtyrer, die Johannes in der Offenbarung geschaut hat, die Apostel, die Glaubensvorbilder, sie alle sind mit einer unerschütterlichen Hoffnung in den Tod gegangen und wir glauben, dass sie direkt bei Gott sind und in der ewigen Anschauung seiner Herrlichkeit sein dürfen. Dies erwartet auch uns, wenn wir bis zum Schluss standhaft sind.

Mt 26
14 Darauf ging einer der Zwölf namens Judas Iskariot zu den Hohepriestern

15 und sagte: Was wollt ihr mir geben, wenn ich euch Jesus ausliefere? Und sie boten ihm dreißig Silberstücke.
16 Von da an suchte er nach einer Gelegenheit, ihn auszuliefern.
17 Am ersten Tag des Festes der Ungesäuerten Brote gingen die Jünger zu Jesus und fragten: Wo sollen wir das Paschamahl für dich vorbereiten?
18 Er antwortete: Geht in die Stadt zu dem und dem und sagt zu ihm: Der Meister lässt dir sagen: Meine Zeit ist da; bei dir will ich mit meinen Jüngern das Paschamahl feiern.
19 Die Jünger taten, wie Jesus ihnen aufgetragen hatte, und bereiteten das Paschamahl vor.
20 Als es Abend wurde, begab er sich mit den zwölf Jüngern zu Tisch.
21 Und während sie aßen, sprach er: Amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.
22 Da wurden sie sehr traurig und einer nach dem andern fragte ihn: Bin ich es etwa, Herr?
23 Er antwortete: Der die Hand mit mir in die Schüssel eintunkt, wird mich ausliefern.
24 Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt. Doch weh dem Menschen, durch den der Menschensohn ausgeliefert wird! Für ihn wäre es besser, wenn er nie geboren wäre.
25 Da fragte Judas, der ihn auslieferte: Bin ich es etwa, Rabbi? Jesus antwortete: Du sagst es.

Im heutigen Evangelium wird uns davon berichtet, wie Judas Iskariot Jesus an die Hohepriester verkauft. Der Deal geht von ihm selbst aus, indem er die Hohepriester aufsucht und als erstes einen Preis aushandelt. Darum geht es ihm vor allem. Er ist geblendet von seiner Habgier. Uns ist von den Evangelien bekannt, dass er ein Dieb ist, weil er als Kassenwart die Einkünfte veruntreut. Sein Herz schlägt für Geld. Und dann? Dann wollen die Hohepriester ihm den damaligen Preis für Sklaven auszahlen! Dreißig Silberstücke für den leidenden Gottesknecht….
Dann ist es soweit, dass das große Wallfahrtsfest gekommen ist und die Vorbereitungen für das Paschamahl getroffen werden.
Die Jünger bereiten alles dafür vor und dann wird uns davon berichtet, wie sie zu Tisch liegen.
Jesus sagt den Jüngern nun, dass einer von ihnen ihn verraten wird. Jesus weiß schon längst, wer es ist. Er könnte noch alles aufhalten, doch er weiß, dass es so geschehen muss. Er spricht es dennoch an, denn er möchte Judas noch eine letzte Chance geben, umzukehren.
Ganz aufgeregt fragen die Apostel Jesus, ob sie es sind. Dann gibt Jesus als Antwort den Code an, über den ich gestern schon gesprochen habe nach der Johannesversion: Er gibt hier einen Code aus Ps 41 wieder, wo es heißt, dass der Verräter vom selben Brot isst wie der Ausgelieferte. So soll den Jüngern nämlich klargemacht werden, dass die Schrift es schon angekündigt hat und dieser Verrat geschehen muss.
Dies erklärt Jesus dann auch, wenn er sagt: „Der Menschensohn muss zwar seinen Weg gehen, wie die Schrift über ihn sagt.“ Es muss geschehen, sonst kann Jesus nicht die Welt erlösen. Und als Petrus einige Kapitel zuvor die Leidensankündigung zurückweist (das muss verhütet werden), da vertrieb Jesus sogar den Satan, der hinter solchen Aussagen steckt. Es muss geschehen, nur so kommt das Heil. Das heißt aber nicht, dass es gut ist, der Verräter zu sein. Deshalb spricht Jesus diese sehr harten Worte (es wäre für ihn besser, wenn er nie geboren wäre). Jesus, den Sohn Gottes zu verraten, ist die schlimmste Sünde, die man tun kann. Deshalb spricht Jesus so drastische Worte. Judas soll wachgerüttelt werden und nicht nur er, sondern auch die anderen. Denn Petrus wird Jesus ebenso verraten. Wir sehen ja, dass diesem aber vergeben wird, weil er von Herzen seinen Verrat bereut. Judas wäre auch vergeben worden, wenn er die Vergebung angenommen hätte. Wir sehen also, dass Jesu Worte nicht wirklich bedeuten, dass Judas nie geboren werden sollte.
Judas fühlt sich wohl auch angesprochen und die Worte haben gesessen. Er fragt gerade heraus: „Bin ich es etwa, Rabbi?“ Jesus nimmt kein Blatt vor den Mund und antwortet ihm mit „du sagst es“. Er weiß, was Judas im Schilde führt. Auch Judas weiß nun, dass Jesus alles durchschaut hat. Und doch nutzt Judas diese Chance zur Umkehr nicht. Er zieht seinen Plan durch und so wird Jesus dennoch ausgeliefert.
Es ist eine tragische Geschichte, weil sie tragisch für Judas endet. Hätte er doch so gehandelt wie Petrus! Wie wichtig ist es auch für uns, auf Gottes Barmherzigkeit zu vertrauen und diese anzunehmen! Wie sehr redet der Satan auch uns ein, dass unsere Sünde ja so schlimm ist, dass Gott uns nie verzeihen würde! Egal wie groß die Sünde auch sein mag: Gottes Vergebung ist immer stärker. Sie wird uns zuteil, wenn wir von Herzen unsere Sünde bereuen, sie bekennen, Gott versprechen, sie nie wieder zu tun, sie wiedergutzumachen. Nutzen wir diese Barmherzigkeit wirklich ganz und bereiten wir uns auf eine gute Beichte vor! Gott ist bereit, uns von Herzen zu vergeben, selbst wenn wir ihn verraten haben!

Ihre Magstrauss

Dienstag der Karwoche

Jes 49,1-6; Ps 71,1-2.3.5-6.15 u. 17; Joh 13,21-33.36-38

Jes 49
1 Hört auf mich, ihr Inseln, merkt auf, ihr Völker in der Ferne! Der HERR hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.
2 Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert, er verbarg mich im Schatten seiner Hand. Er machte mich zu einem spitzen Pfeil und steckte mich in seinen Köcher.
3 Er sagte zu mir: Du bist mein Knecht, Israel, an dem ich meine Herrlichkeit zeigen will.
4 Ich aber sagte: Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan. Aber mein Recht liegt beim HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.
5 Jetzt aber hat der HERR gesprochen, der mich schon im Mutterleib zu seinem Knecht geformt hat, damit ich Jakob zu ihm heimführe und Israel bei ihm versammelt werde. So wurde ich in den Augen des HERRN geehrt und mein Gott war meine Stärke.
6 Und er sagte: Es ist zu wenig, dass du mein Knecht bist, nur um die Stämme Jakobs wieder aufzurichten und die Verschonten Israels heimzuführen. Ich mache dich zum Licht der Nationen; damit mein Heil bis an das Ende der Erde reicht.

Die heutige Lesung, die wir hören, ist wieder einem der Gottesknechtslieder entnommen, diesmal dem zweiten.
Es beginnt mit einer Aufforderung zum Hören auf den Propheten. Er spricht die „Inseln“ an und erklärt direkt im Anschluss, dass damit die „Völker in der Ferne“ gemeint sind. Das hebräische Wort לְאֻמִּ֖ים l’ummim bezieht sich dabei auf keine bestimmte Art von Volk (gemäß der sonstigen Abgrenzung von jüdisch und nichtjüdisch). Es heißt, dass nun eine universale Botschaft kommt, die allen gilt, auch jenen in der absoluten Peripherie.
„Der HERR hat mich schon im Mutterleib berufen; als ich noch im Schoß meiner Mutter war, hat er meinen Namen genannt.“ Es bezieht sich wörtlich verstanden zunächst auf den Propheten selbst, denn Gott hat so wie für jeden Menschen schon einen Heilsplan bereit, bevor er überhaupt erst geboren wird. Es bezieht sich auch auf Gottes auserwähltes Volk, auf Israel. Das ist eine absolute Vertrauensbekundung und Trostbotschaft des Geborgenseins ganz in Gott. Es ist aber auch auf Jesus zu beziehen, der vor Anfang der Schöpfung schon Sohn Gottes war und schon vor Beginn der Zeit sein Erlösungsplan feststand. Es bezieht sich auf die gesamte Menschheit, deren Erlösungsplan schon vor ihrem Hervorgehen feststand, vor allem der Neue Bund war schon längst geplant, durch den wir alle die Herrlichkeit Gottes schauen dürfen – durch den Taufbund. Deshalb ist sie heilsnotwendig. Und es bezieht sich auf jeden einzelnen Menschen, mit dem Gott seinen ganz besonderen Plan hat.
Gott hat uns schon beim Namen genannt, bevor unsere Eltern es getan haben. Er kennt uns schon, bevor wir beginnen, zu existieren. Das ist so eine tröstliche Botschaft, weil wir uns dann auf seinen absoluten Heilswillen verlassen können. Er wird uns deshalb nichts aufbürden oder geben, was uns nicht passt oder was uns zu viel ist.
„Er machte meinen Mund wie ein scharfes Schwert“ – an dieser Stelle werden verschiedene Waffenbilder verwendet, um zu umschreiben, dass zunächst wörtlich verstanden der Prophet Jesaja zum Werkzeug des Kampfes Gottes wird. Dieser Kampf ist vor allem ein geistiger. Das scharfe Schwert ist dahingehend besonderes auffällig, weil es uns in der gesamten Bibel immer wieder begegnet und eine typologische Entsprechung mit Christus selbst erhält. In der Johannesoffenbarung sieht Johannes sogar, dass aus Jesu Mund dieses Schwert herauskommt und zum Ende hin sieht er Jesus als Feldherrn mit dem Namen „das Wort Gottes“. Das Wort Gottes ist die Waffe, kein echtes Schwert, mit dem man Menschen tötet. Das Wort Gottes spaltet alles bis ins innerste Mark. Damit ist aber die Seele gemeint. Denn es bewirkt einen inneren Kampf. So kämpft Jesaja durch die Hl. Schrift gegen jene, die sich nicht daran halten. Er deckt die Missstände auf, die verdorbenen Herzen und die schweren Sünden des Volkes. Und so wird es auch Jesus tun. Er ist das fleischgewordene Wort Gottes. Seine bloße Anwesenheit provoziert jene, die sich hinter dem Gesetz verstecken und ihre Verdorbenheit bisher gut verbergen konnten. Jesus „seziert“ die Seelen der Menschen und so wird alles offengelegt. Es schmerzt vor allem da, wo entzündetes Gewebe, kranke Organe, ein kranker Organismus ist. Wer die Heilung annimmt, wird gesund, wer es nicht annimmt, stirbt an einer seelischen Sepsis. Mit seinem Heimgang zum Vater hinterlässt Jesus dieses Schwert seiner Kirche in Wort und Sakrament. Sie kämpft bis heute mit dieser Waffe und seziert die Seelen der Menschen. Damit ist sie der Gesellschaft zu jeder Zeit ein Dorn im Auge, denn der Mensch möchte seine Verdorbenheit nicht preisgeben. Er möchte auch nicht geheilt werden, weil die Behandlung schmerzhaft ist und er seine Lebensgewohnheiten umstellen muss. Lieber stirbt er den seelischen Tod, als sich behandeln zu lassen. Wir sehen an den schlimmen Christenverfolgungen unserer heutigen Zeit, dass die Abwehr gegen das Wort-Gottes-Schwert heutzutage besonders stark ist. Tendenz steigend. Am Ende der Zeiten wird es zum ultimativen Kampf kommen, doch es wird eher eine Abrechnung Christi mit den bösen Mächten sein, die blitzschnell überwältigt und besiegt werden. Dann wird es keiner Waffen mehr bedürfen, denn dann wird ewige Triumphfeier sein.
Vers 3 erinnert uns an die Worte, die wir am Fest der Taufe des Herrn gehört haben. Anders ist an dieser Stelle die direkte Adressierung des Gottesknechts („du bist“ statt „das ist“). Es wird auch expliziter gesagt, wer damit gemeint ist: „Du….Israel“. An dieser Stelle wird es auf Jakob bezogen, der den Namen Israel erhalten hat. Man kann darunter auch das Kollektiv Israel verstehen, d.h. die zwölf Stämme Israels. In dieser wörtlichen Leserichtung möchte Gott seinem auserwählten Volk seine Herrlichkeit zeigen. Das ist es, was Gott immer wieder tut und was für ihn bezeichnend ist – die Selbstoffenbarung. Diese gipfelt auf dem Höhepunkt der Heilsgeschichte mit dem Kommen seines Sohnes, der schließlich am Kreuz sterben wird. Nach drei Tagen wird er auferstehen und dadurch Gottes Herrlichkeit offenbaren. Am Ende der Zeiten wird er in Herrlichkeit wiederkommen, um die Lebenden und die Toten zu richten. Dann wird Gott seine Herrlichkeit unverschleiert offenbaren, wie sie ist. Lesen wir den Knecht Israel christologisch, dann ist es Jesus, dem Gott durch die Auferstehung seine Herrlichkeit zeigt.
Im Laufe der Heilsgeschichte wird der Adressat der göttlichen Offenbarung immer weiter ausgeweitet, sodass mit Jesus die ganze Welt zum Zeugen wird. Das auserwählte Volk, „Israel“ meint dann nicht mehr wörtlich die zwölf Stämme, sondern die ganze Welt.
In Vers 4 spricht das Volk Israel nun eine Art Bekenntnis, in dem es heißt: „Vergeblich habe ich mich bemüht, habe meine Kraft für Nichtiges und Windhauch vertan. Aber mein Recht liegt beim HERRN und mein Lohn bei meinem Gott.“ Bezieht man es auf das Volk Israel, kann man es als reumütiges Bekenntnis verstehen, in dem das Volk die Verschwendung der Ressourcen für Unwichtiges zugibt. Es kann aber auch die Klage darüber sein, dass Israel vermeintlich erfolglos für die Sache Gottes gewesen ist. In diesem Sinne kann man es vor allem auf Jesaja beziehen und weitergedacht auf Jesus, den leidenden Gottesknecht, der scheinbar verliert. Mit Ostern wird sich das Blatt aber wenden und wir erkennen, dass garnichts umsonst war! Und so können wir dieses Bekenntnis auch auf die Kirche anwenden, die einerseits ihr Leid über die ausbleibenden Früchte klagt, andererseits vor Gott bekennt, ihre Energie in die falschen Dinge gesteckt zu haben. Zweiteres müsste sie heutzutage besonders laut tun…
Ab Vers 5 wechselt die Perspektive, sodass der Gottesknecht selbst spricht. Der Knecht ist im Mutterleib von Gott geformt worden, d.h. er ist auserwählt von Anfang an. Sein Auftrag besteht dabei in der Heimführung Israels/Jakobs zu Gott. Lesen wir dies wörtlich-historisch, denken wir an einen König oder noch eher an einen Propheten, der zur Umkehr des auserwählten Volkes beiträgt. Seine Berufung steht schon fest, noch bevor er geboren wird. In dieser Hinsicht findet er beim HERRN Ehre und hat seine Stärke in Gott. Während die Ehre bei Gott durch eine Zukunftsform ausgedrückt wird (וְאֶכָּבֵד we’ekaved), stellt das Haben der Stärke in Gott eine Vergangenheitsform dar (הָיָ֥ה hajah). Gott WAR also die Stärke des Knechts, aber er wird ihn noch verherrlichen (es ist im Hebräischen dasselbe Wortfeld, das auch sonst für „Ehre“ gebraucht wird und im Griechischen durch δόξα doxa ausgedrückt wird, lateinisch gloria). Dies alles macht also Sinn, wenn wir mit dem Gottesknecht Jesus Christus identifizieren. Er wird am Ende der Zeiten als verherrlichter Menschensohn wiederkommen. Er ist zum Vater heimgekehrt, um verherrlicht zu werden. Zur Zeit des zweiten Gottesknechtsliedes steht es aber noch aus. Auch uns gelten diese Worte. Wir sind Knechte und Mägde des Herrn, die wir getauft worden sind. Auch uns hat der HERR dadurch schon verherrlicht, was wir aber erstens im Laufe unseres Lebens verlieren können, zweitens wird unsere Herrlichkeit erst am Ende der Zeiten offenbar.
Versuchen wir, die wörtliche Bedeutung des Verses 5 noch weiter zu verstehen, damit wir die Hoffnungsbotschaft für die Juden erkennen: Israel heimzuführen meint wörtlich gelesen zunächst die Heimführung aus dem babylonischen Exil. Die Juden haben also auch an dieser Stelle an eine königliche Figur gedacht, die eine politische Befreiung erzielen soll. Die Heimführung zu Gott bezieht sich dann auf sein gelobtes Land, also auf einen irdischen Ort. Christologisch gesehen gehen wir aber darüber hinaus: Jesus ist gekommen, um das auserwählte Volk zu Gott zurückzuführen. Er hat Sühne geleistet, um das Exil Israels zu beenden – nicht nur aus dem babylonischen Exil, sondern das viel schlimmere und aussichtslosere Exil außerhalb des Paradieses! Er ist gekommen, um die Söhne Israels zu Gott ins Himmelreich heimzuführen! Er macht damit wieder gut, was der erste Mensch verschuldet hat.
In Vers 6 legt das Gottesknechtslied noch einen drauf. Spätestens jetzt merkt man, dass der Gottesknecht nicht einfach ein politischer Herrscher oder ein Prophet sein kann. Denn er wird nicht nur zum Heimführer der „Verschonten“ Israels (die das Exil und die Fremdherrschaft bis dahin überlebt haben), sondern zum „Licht der Nationen“ (לְאֹ֣ור גֹּויִ֔ם le’or gojim). Der Gottesknecht bringt das Heil ALLEN Menschen, auch den Nichtjuden! Jesus ist wirklich das Licht, von dem vor allem das Johannesevangelium immer wieder spricht. Gott hat einen wunderbaren Plan und dieser wird schon 700 Jahre vor der eigentlichen Umsetzung dem Propheten Jesaja eingegeben! Gott will sein Heil יְשׁוּעָתִ֖י jeschuato – seinen Jesus – bis an die Enden der Erde bringen. Dazu möchte er die Menschen miteinbeziehen, die seine Jünger sind. Jesus wird vor seinem Heimgang zum Vater zu den Aposteln sagen: „Darum geht und macht alle Völker zu meinen Jüngern; tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes“ (Mt 28,19). Jesus führte schon zu seinen Lebzeiten die Menschen zum Vater, indem sie umkehrten. Er trug seinen Jüngern auf, die Gemeinschaft der Gläubigen zu sammeln, dass sie zum Vater „heimkommen“ in die Kirche, die das angebrochene Reich Gottes auf Erden darstellt. Durch die Kirche steht ihnen die Heimführung zum Vater nach ihrem Tod bereit und am Ende der Zeiten werden alle Menschen, die den Herrn angenommen haben, auf ewig im himmlischen Jerusalem zuhause sein. Das Heil Gottes ist dann an den Grenzen/Enden der Erde auch im eschatologischen Sinn: das Ende der alten Schöpfung und der Anfang der neuen, die Johannes in der Offenbarung schon gesehen hat.

Ps 71
1 Bei dir, o HERR, habe ich mich geborgen, lass mich nicht zuschanden werden in Ewigkeit!
2 Reiß mich heraus und rette mich in deiner Gerechtigkeit! Neige dein Ohr mir zu und hilf mir!
3 Sei mir ein schützender Fels, zu dem ich allzeit kommen darf! Du hast geboten, mich zu retten, denn du bist mein Fels und meine Festung.
5 Denn du bist meine Hoffnung, Herr und GOTT, meine Zuversicht von Jugend auf.
6 Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt, aus dem Schoß meiner Mutter hast du mich entbunden, dir gilt mein Lobpreis allezeit.
15 Mein Mund soll von deiner Gerechtigkeit künden, den ganzen Tag von deinen rettenden Taten, denn ich kann sie nicht zählen.
17 Gott, du hast mich gelehrt von Jugend auf und bis heute verkünde ich deine Wunder.

Der heutige Psalm ist ein Bittpsalm, bei dem Gott um Schutz und Rettung gebeten wird. Er beginnt jedoch mit einer Vertrauensbekundung („Bei dir, o HERR, habe ich mich geborgen“). Es ist die Zusage König Davids, der wirklich in jeder Lebenslage Gott vertraut hat. Wir können es weiterlesen und auf Jesus Christus beziehen, der mit den Psalmworten zu seinem Vater gebetet hat vor seinem Tod. Er hat während seines gesamten irdischen Daseins immer wieder seine innige Beziehung zum Vater gezeigt, der ihn nun nicht im Stich lassen soll. Dies wird sein Gebet im Garten Getsemani vor seiner Verhaftung gewesen sein. Es wird seine Lippen bis zum letzten Atemzug am Kreuz nicht verlassen haben, selbst als er sich ganz alleingelassen fühlte. Wir lesen im Lukasevangelium, dass Jesus dann sagen wird: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Es ist ein weiteres Psalmwort, das Jesu absolute Vertrauensbekundung ausdrückt. Und auch wir dürfen so beten, vor allem durch das Gebet, das Jesus uns beigebracht hat – das Vaterunser. Da bitten wir ja zunächst nicht, sondern preisen den Vater. Erst dann kommen die Bitten, die unser Leben betreffen. Dort heißt es ja: Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von den Bösen. Dies ist natürlich nicht nur auf die Erdenzeit beschränkt, sondern es soll eine umfassende Erlösung sein, damit wir auf ewig nicht zuschanden werden.
„Reiß mich heraus“ bezieht sich auf allerlei Nöte. David selbst hat so einige existenzielle Nöte erfahren, von der Verfolgung Sauls bis hin zur Verfolgung seines eigenen Sohnes Abschalom. Jesus Christus wird diese Worte ein wenig anders formulieren und zugleich seinen eigenen Willen dem des Vaters unterstellen: Herr, nimm diesen Kelch von mir, aber nicht mein, sondern dein Wille geschehe. So sollen auch wir beten. Selbstverständlich sollen wir Bittgebete formulieren, immer wieder. Jesus hat uns ermutigt mit den Worten: „Bittet, dann wird euch gegeben.“ Gleichzeitig sollen wir das letzte Wort Gott überlassen, auch das Wann und das Wie. Wir sollen also bitten unter dem Vorbehalt, „wenn du willst“. So hat schon der Aussätzige im Evangelium gebetet, als er Jesus um Heilung bat. „Neige dein Ohr mir zu“ ist bildhaft zu verstehen, da Gott kein Ohr hat. Es meint Gottes Gehör, das keinen Klageschrei überhört – weder damals in Ägypten noch in Babylon, noch in heutiger Zeit! Gottes Zorn und sein gerechtes Gericht sind ein Beweis dafür, dass Gott das Leiden seiner geliebten Menschen nicht ignoriert. Allem wird er in seiner Gerechtigkeit nachgehen und richtigstellen. Gericht ist also nichts Schlechtes, sondern Zeichen der Barmherzigkeit Gottes!
Das Wortfeld „retten“ wird auch hier wiederum mit der hebräischen Wurzel ישׁע ausgedrückt wie der Name Jesu. Dieser Psalm umfasst die Bitte um die Befreiung des Volkes aus der Hand des Feindes. Das Volk schreit um Erlösung und Gott ist so barmherzig, dass er sein Schreien hört. Obwohl die Propheten erklären, dass die Zeiten der Fremdherrschaft Konsequenz ihrer eigenen Sünden, vor allem ihres Götzendienstes sind. Und doch lässt Gott seine untreue Braut nicht im Stich, sondern sendet ihr Menschen wie Simson oder David, die die Feinde besiegen. Letztendlich sind solch heilsgeschichtliche Gestalten Gottes Antwort auf die Bitten des Volkes. Gott selbst vollbringt hier seine göttlichen Heilstaten.
Für Bittpsalmen ist bezeichnend, dass der Beter die Gründe aufzählt, weshalb Gott helfen soll, besonders auch die vergangenen Heilstaten. „Vom Mutterleib an habe ich mich auf dich gestützt“ zeigt, dass der Beter um Gottes Beistand ruft, weil er seine Gebote befolgt. Wir denken an die Worte des Gottesknechtsliedes, wo Gott diese Zusage dem Propheten Jesaja und dem gesamten Volk Israel macht. Wir denken auch an König David, dem wir diesen Psalm zuschreiben und der von Anfang an in der Gunst Gottes stand. Dass wir im Stand der Gnade alles von Gott erbitten dürfen, wird uns später auch Jesus erklären (als Rebe am Weinstock, dem Bild für diesen Stand der Gnade): Wenn ihr in mir bleibt und meine Worte in euch bleiben, dann bittet um alles, was ihr wollt: Ihr werdet es erhalten (Joh 15,7).
Unser Auftrag ist es, Gottes große Taten zu verkünden, wie es der Psalm auch sagt. Er ist es, der uns alles lehrt und dem wir unser Leben lang zurückgeben sollen, nicht aus Zwang, sondern aus Liebe.

Joh 13
21 Nach diesen Worten wurde Jesus im Geiste erschüttert und bezeugte: Amen, amen, ich sage euch: Einer von euch wird mich ausliefern.
22 Die Jünger blickten sich ratlos an, weil sie nicht wussten, wen er meinte.
23 Einer von den Jüngern lag an der Seite Jesu; es war der, den Jesus liebte.
24 Simon Petrus nickte ihm zu, er solle fragen, von wem Jesus spreche.
25 Da lehnte sich dieser zurück an die Brust Jesu und fragte ihn: Herr, wer ist es?
26 Jesus antwortete: Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde. Dann tauchte er das Brot ein, nahm es und gab es Judas, dem Sohn des Simon Iskariot.
27 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, fuhr der Satan in ihn. Jesus sagte zu ihm: Was du tun willst, das tue bald!
28 Aber keiner der Anwesenden verstand, warum er ihm das sagte.
29 Weil Judas die Kasse hatte, meinten einige, Jesus wolle ihm sagen: Kaufe, was wir zum Fest brauchen! oder Jesus trage ihm auf, den Armen etwas zu geben.
30 Als Judas den Bissen Brot genommen hatte, ging er sofort hinaus. Es war aber Nacht.
31 Als Judas hinausgegangen war, sagte Jesus: Jetzt ist der Menschensohn verherrlicht und Gott ist in ihm verherrlicht.
32 Wenn Gott in ihm verherrlicht ist, wird auch Gott ihn in sich verherrlichen und er wird ihn bald verherrlichen.
33 Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.
36 Simon Petrus fragte ihn: Herr, wohin gehst du? Jesus antwortete ihm: Wohin ich gehe, dorthin kannst du mir jetzt nicht folgen. Du wirst mir aber später folgen.
37 Petrus sagte zu ihm: Herr, warum kann ich dir jetzt nicht folgen? Mein Leben will ich für dich hingeben.
38 Jesus entgegnete: Du willst für mich dein Leben hingeben? Amen, amen, ich sage dir: Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.

Das Evangelium führt uns in diesen Tagen immer näher zum Kreuz. Heute hören wir eine Perikope, die sich direkt an die Fußwaschung im Abendmahlssaal anschließt. Jesus spricht Abschiedsworte, die die Apostel noch nicht ganz verstehen, aber sehr bald schmerzlich realisieren werden.
Jesus ist erschüttert. Die grammatikalische Form zeigt, dass er es zuerst nicht ist und dann in Bestürzung gerät. Es bricht ihm das Herz und deshalb bestürzt es ihn, was er nun auch ankündigt: Einer seiner engsten Freunde wird ihn verraten. Wir müssen uns Jesu emotionale Reaktion sehr zu Herzen nehmen. So reagiert Jesus auf jeden Menschen, der sich gegen Gott versündigt. Es ist jedesmal ein Verrat Gottes. Und auch dann ist er bestürzt, weil wir alle durch den Taufbund zu seinen ganz engen Freunden werden, ja zu seinen Familienmitgliedern. Je näher man sich steht, desto mehr trifft der Verrat den Menschen. Jesus weint auch über mich und ist ganz erschüttert über jede einzelne Liebesablehnung.
Die Jünger sind verwirrt und wissen nicht, wer von ihnen so etwas Schreckliches tun sollte. Petrus gibt Johannes ein Zeichen, der sich mit Jesus eine Liege teilt und der auch sonst ganz nah an Jesu Herz weilt im übertragenen Sinn. Er fragt ihn und dieser antwortet mit einem Code, den alle verstehen: „Der ist es, dem ich den Bissen Brot, den ich eintauche, geben werde.“ Jesus tut es und gibt das Stück Judas Iskariot, der es entgegennimmt. Diese Geste muss schriftkundigen Juden bekannt sein, denn es ist eine Anspielung an Ps 41,10: „Auch mein Freund, dem ich vertraute, der mein Brot aß, hat die Ferse gegen mich erhoben.“ Warum antwortet Jesus mit so einem Schriftwort, statt einfach zu sagen: „Judas wird mich verraten“? Schließlich wird er dies am Ende des Evangeliums unverblümt zu Petrus sagen. Er tut es, weil er den Aposteln die Erfüllung der Hl. Schrift verdeutlichen möchte und dass alles, was nun kommt, so geschehen muss.
Jesus gibt Judas eine letzte Chance, als er ihm den Bissen hinhält. Er hat Judas‘ böse Absichten ja freigelegt und dieser könnte in diesem Augenblick bereuen und alles ablegen. Der Satan hat ihn aber schon so sehr bearbeitet, dass dieser die letzte Chance nicht mehr nutzt, sondern den Bissen bereitwillig annimmt. Weil er hartnäckig an der schweren Sünde festhält, fährt der Satan in ihn. Lesen Sie, was Exorzisten über die häufigsten Ursachen von Besessenheit schreiben. Ein ganz großer Faktor besteht in genau diesem verstockten Zustand des Festhaltens an der Todsünde.
Wenn Jesus nun sagt: „Was du tun willst, das tue bald!“, dann kann man es entweder auf Judas selbst beziehen oder auf den Satan in ihm! Jesus kann diesem ja Befehle erteilen und schließlich bewegt sich der Teufel im Heilsradius Gottes. Selbst seine Machenschaften wendet Gott zum Heil. Würde die folgende Auslieferung nicht geschehen, könnte Jesus die Welt nicht erlösen.
Die anderen Aposteln verstehen Jesu Worte nicht und denken, Judas soll sich als Kassenwart mit irgendwelchen Einkäufen beeilen. Haben die Apostel die Geste Jesu nicht verstanden, als er Judas den Bissen überreichte oder wollten sie es nicht wahrhaben, was so unvorstellbar grausam sein musste?
Als Judas hinausgeht, ist es Nacht. Diese Bemerkung ist nicht einfach auf die Tageszeit zu beziehen, denn wir wissen ja, dass es sich um ein Abendmahl handelt. Das heißt, es muss schon dunkel sein, als sie mit dem Mahl fertig sind. Es geht vielmehr um die seelische Nacht des abgefallenen Apostels. Seine Seele gehört dem Satan, der die Nacht ist. Jesus dagegen ist der Messias, der aus dem Osten aufsteigt und somit die Sonne der Gerechtigkeit ist, die Morgenröte.
Als Judas weg ist, spricht Jesus von seiner Verherrlichung durch den Vater. Er spricht davon, weil sie unmittelbar bevorsteht und Jesus ja schon längst verherrlicht ist. Diese Verherrlichung ist nur verborgen und wird an Ostern offenbar – aber selbst da ist es noch nicht die vollkommene Offenbarung seiner Herrlichkeit. Diese wird erst am Ende der Zeiten mit seiner Rückkehr vonstatten gehen.
„Meine Kinder, ich bin nur noch kurze Zeit bei euch. Ihr werdet mich suchen, und was ich den Juden gesagt habe, sage ich jetzt auch euch: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.“ Jesus will seine Apostel schon für seinen Tod sensibilisieren. Mit seinem Tod wird seine Seele von der irdischen Welt gehen und deshalb können seine Jünger ihm dorthin nicht folgen, zumindest noch nicht. Petrus fragt nach (Vers 36) und Jesus wird ihm ankündigen, dass er diesen Weg später auch gehen wird (wenn er nämlich stirbt. Petrus lässt aber nicht locker, denn er ist immer ganz schnell im Sprechen und nimmt auch manchmal den Mund zu voll in seiner Selbstüberschätzung. Er sagt sogar, dass er Jesus sein Leben hingeben will. An sich sind das sehr lobenswerte Worte, doch Jesus sieht, dass es anders kommen wird. So sagt er ihm unverblümt ins Gesicht: „Amen, amen, ich sage dir: Noch ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen.“ Jesus tut es, um Petrus aus seiner Selbstüberschätzung herauszuholen. Petrus braucht das, um demütig zu werden und seine eigene Erlösungsbedürftigkeit zu erkennen. Dies fiel ihm schon bei der Fußwaschung schwer, weil sein Hochmut ihn daran hindert. Er braucht einen Fall, um vom hohen Ross herunter zu kommen. So wird passieren, was Jesus ihm vorhergesagt hat. Petrus wird es auch sofort erkennen und bitterlich weinen – nicht nur in dieser Situation, sondern sein ganzes restliches Leben lang. Er wird es von Herzen bereuen und endlich realisieren, wie er wirklich ist. Und dann wird er demütigen Herzens wirklich sein Leben für Jesus hingeben. Er wird sogar wie Jesus gekreuzigt werden, sogar kopfüber.

Jesus ist das Herz so sehr gebrochen worden. Er musste so viele Verrate erleiden und wird sich bis zum Kreuz im Stich gelassen gefühlt haben. Aber auch dies ist Bestandteil seiner Sühne. Jesus sühnt auch für die Sünde des Verrats. Er erlöst uns von den Hinterhalten unserer eigenen Freunde. Er erlöst die Sünde aller Brutusse bis in die heutige Zeit. All das musste geschehen, aber schmerzhaft ist es trotzdem, sowohl für Jesus als auch für uns, die wir es nachempfinden. Jesus hat heute im Abendmahlssaal wirklich mithilfe des Wortes Gottes, das ein scharfes Schwert ist, die verborgenen bösen Pläne des Judas aufgedeckt – nämlich mithilfe von Psalm 41. Er hat allerdings falsch reagiert, nämlich wie die Pharisäer und Schriftgelehrten lieber an dem Bösen festgehalten.

Denken wir heute darüber nach, wo wir zu Judas und wo wir zu Petrus werden in unserem Alltag. Wann verraten wir Jesus? Versuchen wir dann so zu reagieren wie Petrus, der bereut und die Barmherzigkeit Gottes angenommen hat. Werden wir nicht so wie Judas, der die Barmherzigkeit abgelehnt und stur an der Sünde festgehalten hat. Dies schadet unserer Seele auf ewig. Seien wir Petrus und sehen wir unsere Sünde im Nachhinein als Herabsteigen vom hohen Ross zu einem Wachsen in Demut!

Ihre Magstrauss

Montag der Karwoche

Jes 42,5a.1-7; Ps 27,1.2.3.13-14; Joh 12,1-11

Jes 42
So spricht Gott, der HERR:
1 Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Nationen das Recht.
2 Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen.
3 Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht.
4 Er verglimmt nicht und wird nicht geknickt, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf seine Weisung warten die Inseln.
5 So spricht Gott, der HERR, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der dem Volk auf ihr Atem gibt und Geist allen, die auf ihr gehen.
6 Ich, der HERR, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich schaffe und mache dich zum Bund mit dem Volk, zum Licht der Nationen,
7 um blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und die im Dunkel sitzen, aus der Haft.

Wir stehen in der Karwoche. Das bedeutet, die Zeit der Gottesknechtslieder ist gekommen! Heute hören wir in der Lesung aus dem ersten Gottesknechtslied, das in Jesaja 42 zu lesen ist.
Es ist aus der Sicht Gottes formuliert, der den leidenden Gerechten als seinen Knecht proklamiert. Das bedeutet, dass alles, was er über ihn sagt, in der dritten Person geschrieben ist.
„Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze“ – das hebräische Verb אֶתְמָךְ etmach bedeutet „ich stütze“ im Sinne von „ich unterstütze“. Gott ist mit ihm und steht ihm bei.
„Das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen.“ Die Verbform an dieser Stelle ist eigentlich eine Vergangenheitsform (wörtlich heißt es „an ihm fand meine Seele Gefallen“). Wenn wir dies auf Jesus beziehen, den die Kirche jederzeit mit dem leidenden Gottesknecht identifiziert hat, dann erinnern wir uns an die Taufe Jesu. Dort hat Gott ihm zugesagt, dass er sein geliebter Sohn sei, an dem er Gefallen gefunden hat. Dies bedeutet natürlich nicht, dass er zuvor nicht Gottes geliebter Sohn gewesen ist, sondern dass in dieser sehr prophetischen Zeichenhandlung der Taufe vor Johannes und den Anwesenden Gott typische Worte eines jüdischen Vaters spricht, der bei der Beschneidung und Namensgebung ein Kind offiziell als seines annimmt. Es war damals eine Lektion für die Anwesenden, die Taufe Jesu als eine Art Geburt kennen zu lernen. Und auf dieses Ereignis verweist Gott zurück, wenn wir das Lied auf Jesus anwenden. Auch der nächste Satz ist darauf zu beziehen, denn bei der Taufe Jesu kam der Hl. Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab. Der Vater sandte den Geist auf den Sohn herab und so erlebten die Menschen einen Moment der Dreifaltigkeit. Wenn wir dies alles aber zunächst wörtlich verstehen und aus der Sicht des Propheten Jesaja verstehen, dann ist es deshalb in der Vergangenheitsform, weil der Messias, der zukünftig erwartet wird, schon längst existiert. Er ist vor aller Zeit schon von Gott als geliebter Sohn proklamiert worden, der ihn gezeugt hat.
Jesus ist es, der den Nationen (das hebräische Wort für die heidnischen Völker) das Recht bringen wird. Die Verbform ist hier eine Zukunftsform. Jesus wird am Ende der Zeiten als verherrlichter Menschensohn zurückkehren und die Nationen (das heißt also alle Menschen) richten. Er wird Gericht bringen (מִשְׁפָּ֖ט mischpat „Gericht, Urteil“).
„Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen“ – all diese Dinge sind sowohl präsentisch als auch zukünftig interpretierbar. Wenn wir bedenken, dass hier der künftige Messias von Gott selbst angekündigt wird, der diese Worte ja spricht, dann lässt sich die Zukünftigkeit der Aussagen sehr gut nachvollziehen. Er ist so sein, dass er kein großes Drama um sich machen wird. Natürlich wird er Worte sagen, die eine große Durschlagskraft haben. Zugleich wird er wehrlos wie ein Lamm zu gegebener Zeit alles mit sich machen lassen, ohne sich zu wehren oder sich zu beschweren.
„Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ Auch hier handelt es sich wieder um Verbformen, die am ehesten als Zukunftsformen übersetzt werden müssten: Der zukünftige Messias wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den Docht nicht auslöschen. Er wird noch das kleinste Fünkchen Glauben fördern und das kleinste Glimmen wieder zu einer großen Flamme werden lassen, solange er Bereitschaft und Umkehr sehen wird. Er wird nicht wie die Pharisäer und Schriftgelehrten die offensichtlichen Sünder aufgeben und abstempeln. Er wird wirklich das Recht bringen, weil er wie der Gärtner im Weinberg den Feigenbaum noch umgraben und düngen, alles nur Erdenkliche unternehmen wird, um jeder Seele bis zum letzten Augenblick noch die Chance zur Umkehr zu geben. So ist Gottes Barmherzigkeit.
Auch er selbst verglimmt nicht und knickt nicht (beides wiederum zukünftig), bis er das Recht auf Erden begründen wird (auch Zukunftsform). Ja, wir denken schon an Karfreitag, wenn wir die Johannespassion hören werden, in der Jesus am Ende sagen wird: „Es ist vollbracht“. Dann wird sein glimmender Docht ausgehen, aber nur für eine kurze Zeit. Dann wird er das Recht etabliert haben, das sich am Ende der Zeiten aber erst durchsetzen wird.
„Auf seine Weisung warten die Inseln.“ Damit sind die Enden der Erde gemeint und dies bezieht sich auf die universale Sehnsucht nach dem Messias. Wenn dieser dann kommen wird, Jesus Christus, dann wird er wirklich die Weisung bringen, sein Evangelium, das kein anderes ist als die Torah. Er wird sie aber erfüllen und den Bäume zählenden Menschen wieder den gesamten Wald zeigen. Er wird auf das Wesentliche und Entscheidende hinweisen und erklären, worauf es wirklich ankommt. Er wird die Torah aber vor allem verkörpern mit seinem ganzen Leben. Er wird sie ganz vorleben, sodass sie an seiner Person ablesbar wird. Auf diese Weisung, die deshalb „seine“ Weisung ist, warten die Inseln zurzeit des ersten Gottesknechtsliedes, aber wir schauen schon rückblickend darauf. Jesus hat das Evangelium, die frohe Botschaft, für die ganze Menschheit verkündet und vor seinem Heimgang zum Vater seinen Jüngern aufgetragen, dieses universale Heil allen Menschen zu verkünden „bis an die Enden der Erde“, also auch „den Inseln“.
Der Vater hat seinen Sohn aus Gerechtigkeit gerufen – weil Gott uns so sehr liebt, hat er von Anfang an in seinem Heilsplan die Hingabe seines einzigen Sohnes eingeplant. Dieser Messias wird zugleich “ zum Bund mit dem Volk“ (לִבְרִ֥ית עָ֖ם livrit am) und “ zum Licht für die Völker (לְאֹ֥ור גֹּויִֽם le’or gojim). Jesu heilsgeschichtliche Bedeutung ist 1. der Mittler des Neuen Bundes mit dem Volk Israel (am) und 2. ebenso mit den Heiden (gojim)!
Der Gottesknecht, mit dem der Messias gemeint ist, wird Blinden die Augen öffnen – wortwörtlich mit Menschen wie Bartimäus, aber auch im übertragenen Sinne – die Augen des Glaubens mit all denen, die durch seine Worte und Taten zum Glauben an ihn kommen. Dieser Messias wird Gefangene befreien, die im Kerker sitzen. Das meint nicht nur das Volk Israel, das in der babylonischen Gefangenschaft ist, oder später das Volk unter römischer Fremdherrschaft. Es meint die Gefangenschaft der Sünde, die den Menschen in die Dunkelheit reißt, in das Verderben. Jesus ist gekommen, um uns von der Erbsünde zu befreien, damit wir das Himmelreich erben können. Damit uns das ermöglicht wird, geht er selbst in Haft, in die schlimmste Dunkelheit des Todes, nur um diesen zu überwinden am dritten Tag!

Ps 27
1 Von David. Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?
2 Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde; sie sind gestrauchelt und gefallen.
3 Mag ein Heer mich belagern: Mein Herz wird nicht verzagen. Mag Krieg gegen mich toben: Ich bleibe dennoch voll Zuversicht.
13 Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden.
14 Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den HERRN!

Der Psalm greift die Not und das Leiden auf, das der leidende Gottesknecht erfahren wird. Es greift aber auch das Licht des glimmenden Dochts auf, das Leben, das Gott dem Knecht verleihen wird. König David hat diesen Vertrauenspsalm gedichtet, als er selbst in tiefster Not war. Wir lesen hier seine tiefsten Herzensregungen, der mit Gott so innig verbunden war. Umso mehr sind es Worte, die der neue David, der Sohn Davids, Jesus Christus gebetet hat:
„Der HERR ist mein Licht und mein Heil“. Er ist dadurch die Hoffnung, die Wärme und die Orientierung in Zeiten der Trostlosigkeit, der Kälte und der Dunkelheit. Wer auch immer leidet, wird bei Gott Zuflucht finden, so auch der Sohn Gottes selbst. Er kann sich ganz beim Vater bergen und zu ihm hat er in seinem ganzen Leidensprozess von Getsemani an ununterbrochen Kontakt gehalten. Er hatte Todesangst und doch konnte er beten: „Vor wem sollte ich mich fürchten?“ Er wusste, dass trotz der schlimmen Leiden am Ende das Heil Gottes steht, dass der Böses besiegt werden würde.
„Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde; sie sind gestrauchelt und gefallen.“ Die Römer, die Jesu Geißelung ausgeführt haben, sind in einen regelrechten Blutrausch verfallen. Was sie mit ihm getrieben haben, ist total unmenschlich. Die Worte des Fleischverschlingens ist also gar nicht so weit hergeholt…und am Ende sind sie gefallen. Sie haben nicht triumphiert, denn Jesus ist am dritten Tage auferstanden! Aber nicht diese Feinde sind die eigentlichen Gegner: Es ist der Satan mit seinen Gefährten, die Jesus angegriffen haben und am Ende entmachtet worden sind!
„Mag ein Heer mich belagern: Mein Herz wird nicht verzagen.“ Dieses Heer bezieht sich ebenfalls vor allem auf die Heerscharen der unsichtbaren Welt – auf die Welt der Dämonen. Der ganze „Hofstaat“ Satans hat alle Register gezogen, den Sohn Gottes ins Verderben zu bringen mit ständigen Versuchungssituationen, durch die Grausamkeit der durch sie beeinflussten Menschen, durch die Spöttereien und Beleidigungen Gottes, die sie den Menschen eingegeben haben. Dieser geistige Krieg ist es, der hier vor allem zu nennen ist.
Wir lesen diesen Psalm jetzt in der Karwoche vor allem christologisch. Er hat auch wörtlich verstanden eine Bedeutung und diese ist zu allererst zu berücksichtigen. Die christologische Deutung so kurz vor der Passion Christi überlagert für uns in dieser Zeit alles. Und doch vergessen wir natürlich nicht, dass hinter diesem Psalm die Nöte des Volkes Israel stehen, das Heil und das Licht Gottes natürlich mit der messianischen Erwartung erklärt werden muss („Heil“ und der Name „Jesus“ haben im Hebräischen dieselbe Wurzel). Jesus ist das Licht, das die Heiden erleuchtet, wie wir im Gottesknechtslied Jesajas gehört haben. Er ist diese Hoffnung für all jene, deren Leiden vor allem aus der Hoffnungslosigkeit des Exils außerhalb des Paradieses besteht, das durch den ersten Sündenfall auf die gesamte Menschheit gekommen war. Jesus Christus hat durch seine Erlösung die Himmelstür wieder geöffnet und ist somit zum Licht geworden.
Und deshalb kann sowohl das Volk Israel, als auch wir Bundespartner des Neuen Bundes heute beten: „Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Lande der Lebenden.“ Dieses Land ist vor allem das Himmelreich, wo uns wahrlich das ewige Leben erwartet, auch wenn wir physisch sterben. Am Ende der Zeiten wird auch dies wegfallen, sodass wir mit unseren Leibern wieder vereint werden. Schon Jesus kann so beten, denn er schaut die Güte des Vaters nun, während er zu seiner Rechten sitzt. Er ist der Anfang der neuen Schöpfung und so erwartet auch uns das Schauen der Güte Gottes.
„Hoffe auf den HERRN!“ So hat auch David bis zum Schluss seine ganze Hoffnung auf Gott gesetzt, so hat auch Jesus am Kreuz die Hoffnung nicht aufgegeben, selbst wenn es so aussieht wegen seiner Psalmenrezitation (Ps 22 „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen…“). Er hat bis zum Schluss Kontakt zum Vater gehalten und im Sterben einen Psalm gebetet, der am Ende in einen Lobpreis und in Dank umschwingt! Und so dürfen auch wir als österliche Menschen bis zum letzten Atemzug auf den HERRN hoffen, der unsere unerschütterliche Basis ist. Und wenn die ganze Welt den Bach untergeht, wissen wir, das muss so geschehen, denn dann wird der Herr bald wiederkommen!

Joh 12
1 Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte.
2 Dort bereiteten sie ihm ein Mahl; Marta bediente und Lazarus war unter denen, die mit Jesus bei Tisch waren.
3 Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihren Haaren. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt.
4 Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später auslieferte, sagte:
5 Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?
6 Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.
7 Jesus jedoch sagte: Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses aufbewahrt!
8 Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer.
9 Eine große Menge der Juden hatte erfahren, dass Jesus dort war, und sie kamen, jedoch nicht nur um Jesu willen, sondern auch um Lazarus zu sehen, den er von den Toten auferweckt hatte.
10 Die Hohepriester aber beschlossen, auch Lazarus zu töten,
11 weil viele Juden seinetwegen hingingen und an Jesus glaubten.

Heute hören wir die Vorgeschichte des Einzugs in Jerusalem, was wir gestern an Palmsonntag gefeiert haben. Es ist der Tag vor seiner inszenierten Einreise in die Heilige Stadt. Er ist in dem 15 Stadien entfernten Betanien bei seinen Freunden, den drei Geschwistern Marta, Maria und Lazarus, den er von den Toten auferweckt hat.
Wir konzentrieren uns beim Hören dieser Episode immer darauf, was Maria hier tut, was nun auch im Folgenden erklärt wird. Aber zuvor wird noch eine wichtige Information erwähnt, die wir nicht überlesen dürfen! Und zwar geschieht die prophetische Geste Mariens während eines Mahls! Die Anwesenden liegen bei Tisch und Marta bewirtet alle. Und während dieses Mahls kommt nun Maria mit einem Pfund kostbaren Nardenöls (sehr teuer!) zu Jesus, salbt Jesus mit diesem die Füße und trocknet diese dann mit ihren Haaren ab. Es hat eine entscheidende Bedeutung, warum Maria das während des Essens tut. Dazu kommen wir gleich. Zunächst betrachten wir die Reaktion des Judas Iskariot, der hier auf den ersten Blick sehr solidarisch erscheint. Er reagiert auf die Verschwendung, die es in der Tat wirtschaftlich gesehen ist. Ihm geht es gar nicht um die Armen, denen man von dem Preis etwas hätte spenden können, sondern er war habgierig und räuberisch. Als Kassenwart veruntreute er die Einnahmen und sah in dieser Geste einen dicken Fisch davon schwimmen. Sein Herz ist unaufrichtig und Jesus hat es immer mit Schmerz betrachtet.
Auch heutzutage argumentieren viele so, dass wir weniger prunkvolle Gegenstände in der Kirche verwenden und das Ersparte lieber den Armen geben sollten. Der ein oder andere mag damit wirklich aufrichtig um die Armen besorgt sein, manche vielleicht so wie Judas eingestellt sein. Wichtig ist aber: Zuerst kommt die Gottesliebe und dann die Nächstenliebe. Gott steht an erster Stelle und ihm zu Ehre darf man auch etwas investieren. Wenn wir an Gott sparen, wie ist das mit der Gottesliebe vereinbar? Und wenn Gott Mensch geworden ist und zu einer bestimmten Zeit unter den Menschen ist, kann man da wirklich an ihm sparen? Natürlich nicht! Die Armen und Bedürftigen sind ein dauerhaftes Unrecht, das es natürlich zu beseitigen gilt, umso mehr für jene, die sich Christen nennen, aber jede Situation erfordert Prioritäten. Zu Jesu Zeit ist es kurz vor Zwölf. Er ist nur noch eine kurze Zeit bei ihnen, da hat er natürlich die oberste Priorität. In unserer Zeit muss mit Klugheit und Weisheit das Geld verwaltet werden. Und wenn die Kirche einsparen muss, dann an unangemessenem Luxus, nicht an der Liturgie und allem, was allein für den Herrn ist! Dann ist eine Rückbesinnung auf die Einfachheit Jesu und seiner Jünger geboten, was in erster Linie auf ein bescheideneres Leben der Geistlichen in unseren Breitengraden zu beziehen ist, nicht auf die Hostienschale oder den Kelch, in dem Christus selbst gegenwärtig ist!
Jesus sagt selbst, dass er nicht ewig bei ihnen bleiben wird und deshalb nimmt er Marias Denkweise vor seinem Jünger in Schutz.
Nun zur Salbung Mariens. Wir lernen sie kennen als eine kontemplative Frau, die ganz und gar Jesu Worten lauscht, sie in sich aufnimmt und sie betrachtet. Sie erkennt, dass Jesus der Messias ist, an dem sich die ganzen Verheißungen der Hl. Schriften der Juden erfüllt. Sie erkennt auch, dass die logische Konsequenz das Leiden und der Tod sind. Er hat es selbst immer wieder angedeutet, aber aus den Schriften weiß sie auch, dass der Gesalbte mit Füßen zertreten und abgelehnt werden würde. Sie ahnt und versteht bereits, was viele noch längst nicht verstehen – sie versteht sogar mehr als Jesu eigene Apostel: Jesaja, Daniel, Sacharja, die Propheten des AT bringen es schon auf den Punkt, was Jesus in der Hl. Stadt widerfahren wird. Maria weiß, dass Jesus am nächsten Tag dorthin aufbrechen würde. Und deshalb salbt sie ihn, wie man Könige salbt bei ihrem Begräbnis. Sie nimmt dies schon vorweg, was am darauffolgenden Freitagabend geschehen wird, seine Einbalsamierung. Jesus erklärt es sogar eindeutig – er spricht von seinem eigenen Begräbnis.
Maria muss ihr ganzes Wohlhaben geopfert haben, um dieses Öl auf so verschwenderische Weise für Jesus auf einmal auszugeben. Das zeigt ihre absolute Liebe für ihn. Liebe kennt keinen Preis. Liebe ist im wahrsten Sinne verschwenderisch. Sie ist immer in Überfülle. Das sehen wir an Gott, der die Liebe ist. Wenn er uns beschenkt, dann immer im Überfluss. Maria gibt Jesus nur ein wenig davon zurück, was Gott an ihr und an ihrer Familie Gutes getan hat. Sie gibt ihr alles. Und Jesus würdigt das. Er hat ihr Herz dahinter gesehen und er wird die Familie in Zukunft noch viel reicher beschenken, nämlich mit der Erlösung so wie uns alle!
Die Totenerweckung des Lazarus schlägt immer noch hohe Wellen. Es kommen immer wieder Juden zu den Geschwistern nach Betanien und werden Jünger Jesu, weil sie durch diese wunderbare Heilstat gläubig werden. Dies provoziert die religiöse Elite und sie plant sogar, über Jesus hinaus auch Lazarus zu töten, weil durch ihn die Menschen zu Christusgläubigen werden.

Wir gehen immer mehr auf die Passion zu und so werden die Worte Jesu immer mehr zu Abschiedsworten. Jede einzelne Silbe der Hl. Schrift müssen wir demnach in uns aufnehmen wie ein Schwamm. Jede Geste muss sich in unser Gedächtnis einbrennen und sich in unsere Seele eingravieren. Alles wird nämlich österlich gewendet werden und so wird alles Schmerzhafte zum Grund des Triumphes! So wird auch alles Schmerzhafte unseres eigenen Lebens aus dieser österlichen Perspektive an Bedrohlichkeit verlieren. Ich lade Sie herzlich dazu ein, wie Maria alles für Jesu Begräbnis „vorzubereiten“: Schenken Sie ihm ihr Kostbarstes in diesen Tagen. Und dieses Gut ist unsere Zeit, unsere Freiheit, die wir momentan global opfern. Schenken wir ihm einfach alles, was wir haben und geben wir uns ihm ganz hin, auf dass unser alter Mensch mit ihm den Kreuzweg begehen wird, auf dass unser alter Mensch mit ihm auf Golgota gekreuzigt und mit Christus bestattet wird. Am dritten Tag werden wir mit Christus auferstehen, das sind wir durch die Taufe schon sakramental, das sind wir durch die Beichte immer wieder, das werden wir liturgisch und somit mystagogisch auch dieses Mal wieder mit ihm gemeinsam durchleben. Das wird uns wieder stärken und eine neue österliche Hoffnung in dieser akuten Corona-Krise verleihen.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 5. Woche der in der Fastenzeit

Gen 17,1a.3-9; Ps 105,4-5.6-7.8-9; Joh 8,51-59

Gen 17
1 Als Abram neunundneunzig Jahre alt war, erschien der HERR dem Abram und sprach zu ihm:
3 Abram fiel nieder auf sein Angesicht. Und Gott redete mit ihm und sprach:
4 Ich bin es. Siehe, das ist mein Bund mit dir: Du wirst Stammvater einer Menge von Völkern.
5 Man wird dich nicht mehr Abram nennen. Abraham, Vater der Menge, wird dein Name sein; denn zum Stammvater einer Menge von Völkern habe ich dich bestimmt.
6 Ich mache dich über alle Maßen fruchtbar und lasse dich zu Völkern werden; Könige werden von dir abstammen.
7 Ich richte meinen Bund auf zwischen mir und dir und mit deinen Nachkommen nach dir, Generation um Generation, einen ewigen Bund: Für dich und deine Nachkommen nach dir werde ich Gott sein.
8 Dir und deinen Nachkommen nach dir gebe ich das Land, in dem du als Fremder weilst, das ganze Land Kanaan zum ewigen Besitz und ich werde für sie Gott sein.
9 Und Gott sprach zu Abraham: Du aber sollst meinen Bund bewahren, du und deine Nachkommen nach dir, Generation um Generation.

Heute hören wir aus der Genesis den Bundesschluss Gottes mit Abraham. Gott „erscheint“ ihm, auf welche Weise erfahren wir nicht. Wie so oft fällt der „Heimgesuchte“ auf sein Gesicht nieder. So ist es immer, wenn Menschen mit Gott, seinen Boten, mit Übernatürlichem in Kontakt kommen. Es ist deshalb auffällig, dass Maria nicht so reagiert, als der Engel Gabriel ihr die frohe Botschaft überbringt. Dies wird oft mit ihrer Sündenlosigkeit in Verbindung gebracht.
Gott spricht zu Abram, der heute den neuen Namen Abraham erhält, „ich bin es“. Es ist nicht das erste Mal, dass Gott zu ihm spricht. Er hat sich dem Mann zum ersten Mal offenbart, um ihn aufzufordern, von seiner Heimat wegzuziehen. Nun schaut Abraham aber etwas Übernatürliches, was eine neue Stufe der Offenbarung erreicht. Und so bestätigt Gott, dass er es ist.
Gott verheißt ihm, dass er der Stammvater einer Menge von Völkern sein werde. Aufgrund dieser Verheißung heißt er von nun an nicht mehr Abram, was „Der Vater ist erhaben“ heißt, sondern Abraham, was „Vater der Menge“ heißt.
Gott möchte ihn über alle Maßen fruchtbar machen, eine unglaubliche Verheißung für einen in die Jahre gekommenen Mann, dessen Frau unfruchtbar ist! Aber bei Gott ist nichts unmöglich und so wird er zum Typos der Jungfrau Maria. Dies wird uns auch durch den nächsten Satz deutlich, wo es heißt „Könige werden von dir abstammen.“ So ist bei Abraham David, Salomo etc. gemeint, bei Maria ist es ein König, nämlich der einzige ewige König des Gottesreiches!
Gott schließt nicht nur mit Abraham einen Bund, sondern auch mit seinen Nachkommen. Es ist sogar ein ewiger Bund, bei dem Gott den Bundespartnern Gott sein will.
Auch die Gabe des gelobten Landes Kanaan ist Inhalt der Bundesverheißung. Zu jener Zeit wohnt Abraham mit seiner Familie dort als Gast.
Gott stellt ihm diese Dinge nicht einfach in Aussicht, sondern erwartet im Gegenzug, dass Abraham und seine Nachkommen den Bund halten.
Im weiteren Verlauf, den wir heute nicht mehr hören, führt Gott als äußere Zeichen des Bundesschlusses die Beschneidung ein. Sie soll ihm als Zeichen dienen für alle nachfolgenden Generationen.
Uns wird heute wirklich klar, dass dieser Alte Bund, den Gott mit Abraham geschlossen und zu späterer Zeit immer wieder erneuern wird, weiterläuft. Der Bundesschluss, der von Zeit zu Zeit ausgeweitet wird, läuft wirklich ewig weiter und so dürfen wir nicht sagen, dass die Juden mit dem neuen Bundesschluss aus dem Heilsplan Gott herausgefallen seien. Das ist unbiblisch und das ist auch nicht Lehre der Kirche.

Ps 105
4 Fragt nach dem HERRN und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit!
5 Gedenkt der Wunder, die er getan hat, seiner Zeichen und der Beschlüsse seines Munds!
6 Ihr Nachkommen seines Knechts Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat.
7 Er, der HERR, ist unser Gott. Auf der ganzen Erde gelten seine Entscheide.
8 Auf ewig gedachte er seines Bundes, des Wortes, das er gebot für tausend Geschlechter,
9 des Bundes, den er mit Abraham geschlossen, seines Eides, den er Isaak geschworen hat.

Der heutige Psalm reflektiert wie so oft die Geschehnisse der Lesung. Der heutige Ausschnitt besteht aus mehreren Aufforderungen zu einem bestimmten Verhalten. Das macht ihn paränetisch:
„Fragt nach dem HERRN und seiner Macht“ – die hebräische Verbform דִּרְשׁ֣וּ dirschu ist eigentlich mit „suchet, forscht“ zu übersetzen. Es geht also darum, in allem immer den Herrn zu suchen.
„Sucht sein Angesicht allezeit!“- auch בַּקְּשׁ֖וּ baqschu kann mit „suchen“ übersetzt werden, aber auch mit „wollen, begehren, bitten“. Beide Sätze sagen etwas Ähnliches aus und sind ähnlich strukturiert, was wir Parallelismus nennen. Dem Menschen soll es immer nach dem Angesicht Gottes verlangen. Es umschreibt, was mit dem Sch’ma Israel zusammengefasst wird (Dtn 6,4ff.), die absolute Gottesliebe und deshalb das stete Interesse daran, ihn besser zu verstehen. Es geht daran, das Herz an ihn zu hängen.
So wie wir schon oft gebetet haben, ergeht auch hier die Aufforderung an uns, Gottes Heilstaten nie zu vergessen („Gedenkt der Wunder, die er getan hat…“). So werden wir nie undankbar und auch nie etwas für selbstverständlich nehmen, was Gott uns schenkt.
In Vers 6 erkennen wir einen Bezug zur Lesung, wo nämlich die Nachkommen Abrahams, die ihm heute in Gen 17 verheißen worden sind, direkt angesprochen werden. Auch wir sind dazu zu zählen. Auch wir sollen uns angesprochen fühlen mit diesen Worten. Wir denken der großen Taten Gottes mit dankbarem Herzen in jeder Eucharistie. Wir beten jeden Tag die Psalmen und loben Gott darüber hinaus mit Hymnen und anderen Lobliedern.
Gott ist der Herrscher des Alls und deshalb gilt, was er entscheidet. Alles ist seinem universalen Heilswillen unterworfen, was auch für uns sehr tröstlich ist! Das bedeutet nämlich, dass auch der Böse nur so viel anrichten kann, wie Gott zulässt. Sobald das Ende der Zeiten erreicht ist, wird Gott ihm sofort und ganz ohne Mühe Einhalt gebieten. Er wird den Bösen für immer zerstören und wir werden nie wieder leiden müssen.
Gott ist der Treue, der es wirklich ernst meinte, als er den Bund mit Abraham ewig nannte. Die tausend Geschlechter, die hier genannt werden, sind eine symbolische Zahl, sodass wir nicht anfangen müssen, Geschlechter auszurechnen. Es ist ein Code, der eine sehr lange Zeit umschreibt und im poetischen Kontext der Psalmen als Stilmittel fungiert.
Gott hält seine Versprechen und so dürfen wir gläubig ausharren, bis der verherrlichte Menschensohn wiederkommen wird am Ende der Zeiten. Er hat uns ja versprochen, dass er uns reich belohnen werde, wenn wir bis zum Schluss standhaft und wachsam gewesen sind. Und wenn es in unserem Leben schwer wird, trägt er uns hindurch, der vor dem Heimgang zum Vater sagte: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Joh 8
51 Amen, amen, ich sage euch: Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht schauen.

52 Da sagten die Juden zu ihm: Jetzt wissen wir, dass du von einem Dämon besessen bist. Abraham und die Propheten sind gestorben, du aber sagst: Wenn jemand an meinem Wort festhält, wird er auf ewig den Tod nicht erleiden.
53 Bist du etwa größer als unser Vater Abraham? Er ist gestorben und die Propheten sind gestorben. Für wen gibst du dich aus?
54 Jesus antwortete: Wenn ich mich selbst verherrliche, ist meine Herrlichkeit nichts. Mein Vater ist es, der mich verherrlicht, er, von dem ihr sagt: Er ist unser Gott.
55 Doch ihr habt ihn nicht erkannt. Ich aber kenne ihn, und wenn ich sagen würde: Ich kenne ihn nicht, so wäre ich ein Lügner wie ihr. Aber ich kenne ihn und halte an seinem Wort fest.
56 Euer Vater Abraham jubelte, weil er meinen Tag sehen sollte. Er sah ihn und freute sich.
57 Die Juden entgegneten: Du bist noch keine fünfzig Jahre alt und willst Abraham gesehen haben?
58 Jesus erwiderte ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich.
59 Da hoben sie Steine auf, um sie auf ihn zu werfen. Jesus aber verbarg sich und verließ den Tempel.

Im Evangelium hören wir heute den Schluss des achten Kapitels, das zum langen Streitgespräch Jesu mit den Juden in Jerusalem gehört.
Jesus verheißt den Juden hier, dass sie „ewig den Tod nicht schauen“ werden, wenn sie an seinem Wort festhalten. Dies sagte er bereits gestern schon zu den gläubig gewordenen Juden. Er meint damit den seelischen Tod, der die Hölle ist. Wer am Wort Jesu festhält, hält an ihm als Person fest. Erstens ist er nämlich das fleisch gewordene Wort Gottes, zweitens ist sein verkündetes Evangelium ganz und gar mit seiner Person verknüpft. Alles, was er verkündet hat, hat er auch gelebt.
Die Juden, die ihn nicht annehmen wollen und verstockt sind, ziehen aus seinen Worten erneut einen Fehlschluss. Sie unterstellen ihm Besessenheit. Sie erkennen leider nicht die messianische Codesprache, die er immer wieder an den Tag legt. Das ist so ironisch, da sie die Hl. Schriften eigentlich am besten studiert haben. In der jüdischen Tradition gibt es bereits Überlegungen zu einem Leben nach dem Tod. Einige jüdische Gruppierungen glauben an die Auferstehung. Das alles interessiert die Gegner Jesu aber nicht, denn sie suchen vielmehr nach einem Grund, Jesus anklagen zu können.
Anhand ihrer Reaktion erkennen wir, dass sie das ewige Leben auf das irdische Dasein beziehen und deshalb von einer Besessenheit ausgehen. Die Heilsgestalten des Alten Testaments, die für sie die höchsten Autoritäten darstellen, sind ja verstorben. Sie empfinden es als Gotteslästerung und Größenwahn, dass Jesus sich höher stellt als Abraham und die Propheten.
Jesus stellt klar, dass er sich nicht selbst verherrlicht. Es handelt sich bei seinen Worten nicht um Selbstlob, was seine Herrlichkeit ja entkräften würde. Stattdessen verherrlicht der Vater ihn. Wir erkennen an dieser Stelle, dass es eine prophetische Aussage ist. Verherrlichen wird der Vater ihn vollkommen erst nach seiner Auferstehung und Himmelfahrt. Doch jetzt schon ist es immer wieder ansatzweise zu erahnen – von der Taufe bis hin zu Kreuz und Auferstehung.
Er sagt den Juden noch einmal zu, was er im Abschnitt von gestern bereits gesagt hat: Sie haben den Vater nicht erkannt, sonst würden sie die Signale erkennen, die Jesus aussendet. Er offenbart den Vater und kennt ihn im Gegensatz zu den Juden. Er ist ja eins mit dem Vater, was unvergleichlich ist mit dem intensivsten und ausführlichsten Bibelstudium, durch das man nur einen kleinen Funken von Gott verstehen kann. Gott übersteigt den Buchstaben bei weitem! Und die Gegner Jesu, die eigentlich schriftgelehrt sein sollten, sind es ja eben nicht. Sie erkennen nicht mal die Erfüllung messianischer Verheißungen durch Jesus.
Jesus sagt, dass ihre hohe Autorität Abraham den Tag ersehnt hat, dass die Erlösung komme. Und nun jubelt er, weil Gott Mensch geworden ist in Jesus Christus. Die Übersetzung ist in Vers 56 ist etwas missverständlich, weil sie aus Vergangenheitsformen besteht. Die grammatikalische Form der Verben ist der sogenannte Aorist. Er drückt keine bestimmte Zeit, sondern einen Aspekt aus: Aspekte können ein punktuelles Geschehen, ein Zeitraum, ein immer wiederkehrendes Geschehen sein etc. Diese können zu jeder Zeit passieren, sodass wir hier genauer übersetzen sollten: „Abraham jubelt, weil er meinen Tag sieht“ – mit Tag kann die Menschwerdung Christi gemeint sein, aber vor allem der Tag der Auferstehung, die nämlich sein ewiges Leben bei Gott ermöglichen würde. Er wartete wie alle anderen Gerechten des Alten Testaments auf die Erlösung, damit die Tür zum Paradies sich öffne. Ebenso ist der zweite Satz zu übersetzen: „Er sieht ihn und freut sich“. Alles geschieht ja zum Zeitpunkt, als Jesus diese Worte spricht. Er wandelt als Mensch und vollbringt den Willen Gottes, bis er alles am Kreuz vollbracht hat. Statt einer normalen Gegenwartsform wird der Aorist gewählt, damit eben kein Zeitraum, sondern eine punktuelle Tätigkeit betont wird. Abraham freut sich in dem Augenblick der Erlösung! Den Aoristen kann man auch ingressiv verstehen. Das heißt er markiert den Anfang einer Tätigkeit: Abraham kann sich vom Zeitpunkt der Erlösung und schon zuvor mit der Menschwerdung Jesu Christi freuen, weil er endlich die Herrlichkeit Gottes schauen darf!
Alls das ist den Juden egal. Sie verstehen Jesu Wort überhaupt nicht, sondern sind noch verwirrter und fragen Jesus, wie er in seinen jungen Jahren schon den seit Jahrtausenden toten Abraham gesehen haben will. Da sagt Jesus eine tiefe Wahrheit, die sie aber wiederum provoziert: „Amen, amen, ich sage euch: Noch ehe Abraham wurde, bin ich.“ Da steht nicht „war ich“, sondern tatsächlich „bin ich“. Auch im Griechischen steht es so (εἰμί eimi). Jesus ist Gott, er ist nicht an eine Zeit gebunden. Er ist ewig und so gibt es bei Gott kein gestern, heute oder morgen. Diese Worte spricht Jesus als Gott, nicht als Mensch. Denn als Mensch ist er ja an Zeiten gebunden. Er ist ja in die Weltgeschichte hineingeboren. Als Gott ist er in der Ewigkeit, die ein einziges Jetzt, ein einziges Heute ist. Jesus will damit sagen, dass noch bevor Abraham geborgen wurde, er schon ist – nämlich als Gott. Er drückt hier seine Präexistenz aus, also seine Existenz schon vor seiner Menschwerdung. Dies ist von einigen häretischen Gruppen bereits in der frühen Kirche bestritten worden, die Jesu Gottheit geleugnet haben.
Die Worte sind höchst provokativ für die Juden. Schon greifen sie nach Steinen, um Jesus gemäß dem mosaischen Gesetz zu steinigen. Doch dieser verlässt den Ort, sodass sie ihn noch nicht umbringen können. Seine Zeit ist noch nicht gekommen.
Jesus hat keine Angst, Dinge zu sagen, die die Menschen in Rage versetzen. Er steht mit seinem Leben für die Wahrheit ein, die er ist. Davon können wir uns wirklich eine Scheibe abschneiden, wenn wir über unsere heutige kirchliche Verkündigung nachdenken. Was überwiegt bei uns? Die Gottesfurcht oder vielmehr die Menschenfurcht? Trauen wir uns, zu verkünden, was die Menschen von heute wütend macht, weil sie das Wort Gottes nicht in sich aufnehmen?

Jesus ist Gott und er steht weit über Abraham, der nur ein Mensch war. Gott hat sein Versprechen gehalten und so stammt von Abraham eine Masse von Menschen ab! Gott hat auch zur Zeit Jesu sein Versprechen gehalten, die Menschen zu erlösen. Er hat somit auch Abraham die ersehnte Rettung erwirkt. Er tut es auch für uns heute und wird es auch am Ende der Zeiten tun, wenn er einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen wird.

„Ehe Abraham wurde, bin ich.“ Auch ehe wir geboren sind, ist Jesus schon, ist Gott schon. Er hat uns schon geliebt, bevor wir geboren wurden. Er hatte schon den Heilsplan für uns bereit, bevor wir die Bühne dieser Welt betreten haben! Das ist ein Grund zum ewigen Lobpreis!

Ihre Magstrauss

Montag der 5. Woche der Fastenzeit

Dan 13,1-9.15-17.19-30.33-62; Ps 23,1-3.4.5.6; Joh 8,1-11 oder Joh 8,12-20

Dan 13
1 In Babylon wohnte ein Mann mit Namen Jojakim.

2 Er hatte Susanna, die Tochter Hilkijas, zur Frau; sie war sehr schön und gottesfürchtig.
3 Und ihre Eltern waren gerecht und hatten ihre Tochter nach dem Gesetz des Mose unterwiesen.
4 Jojakim war sehr reich; er besaß einen Garten nahe bei seinem Haus. Die Juden pflegten bei ihm zusammenzukommen, weil er der Angesehenste von allen war.
5 Als Richter amtierten in jenem Jahr zwei Älteste aus dem Volk, von denen galt, was der Herr gesagt hat: Ungerechtigkeit ging von Babylon aus, von den Ältesten, von den Richtern, die als Leiter des Volkes galten.
6 Sie hielten sich regelmäßig im Haus Jojakims auf und alle, die eine Rechtssache hatten, kamen zu ihnen.
7 Hatten sich nun die Leute um die Mittagszeit wieder entfernt, dann kam Susanna und ging im Garten ihres Mannes spazieren.
8 Die beiden Ältesten sahen sie täglich kommen und umhergehen; da regte sich in ihnen die Begierde nach ihr.
9 Ihre Gedanken gerieten auf Abwege und sie wandten ihre Augen davon ab, zum Himmel zu schauen und an die gerechten Strafen zu denken.
15 Während sie auf einen günstigen Tag warteten, kam Susanna eines Tages wie gewöhnlich in den Garten, nur von zwei Mädchen begleitet, und wollte baden; denn es war heiß.
16 Niemand war dort außer den beiden Ältesten, die sich versteckt hatten und ihr auflauerten.
17 Sie sagte zu den Mädchen: Holt mir Öl und Salben und verriegelt das Gartentor, damit ich baden kann!
19 Als die Mädchen weg waren, standen die beiden Ältesten auf, liefen zu Susanna hin
20 und sagten: Das Gartentor ist verschlossen und niemand sieht uns; wir sind voll Begierde nach dir: Sei uns zu Willen und gib dich uns hin!
21 Weigerst du dich, dann bezeugen wir gegen dich, dass ein junger Mann bei dir war und dass du deshalb die Mädchen weggeschickt hast.
22 Da seufzte Susanna und sagte: Ich bin bedrängt von allen Seiten: Wenn ich es tue, so droht mir der Tod; tue ich es aber nicht, so werde ich euch nicht entrinnen.
23 Es ist besser für mich, es nicht zu tun und euch in die Hände zu fallen, als gegen den HERRN zu sündigen.
24 Da schrie Susanna mit lauter Stimme auf. Aber zugleich mit ihr schrien auch die beiden Ältesten
25 und einer von ihnen lief zum Gartentor und öffnete es.
26 Als die Leute im Haus das Geschrei im Garten hörten, eilten sie durch die Seitentür herbei, um zu sehen, was ihr zugestoßen sei.
27 Als die Ältesten ihre Erklärung gaben, schämten sich die Diener sehr; denn noch nie war so etwas über Susanna gesagt worden.
28 Als am nächsten Morgen das Volk bei Jojakim, ihrem Mann, zusammenkam, erschienen auch die beiden Ältesten. Sie kamen mit der verbrecherischen Absicht, gegen Susanna die Todesstrafe zu erwirken. Sie sagten vor dem Volk:
29 Schickt nach Susanna, der Tochter Hilkijas, der Frau Jojakims! Man schickte nach ihr.
30 Und sie kam, begleitet von ihren Eltern, ihren Kindern und allen Verwandten.
33 Ihre Angehörigen aber und alle, die sie erblickten, weinten.
34 Die beiden Ältesten aber standen auf inmitten des Volkes und legten ihre Hände auf den Kopf Susannas.
35 Sie aber blickte weinend zum Himmel auf; denn ihr Herz vertraute dem HERRN.
36 Die Ältesten sagten: Während wir allein im Garten spazieren gingen, kam diese Frau mit zwei Mägden herein. Sie ließ das Gartentor verriegeln und schickte die Mägde fort.
37 Dann kam ein junger Mann zu ihr, der sich versteckt hatte, und legte sich zu ihr.
38 Wir waren gerade in einer abgelegenen Ecke des Gartens; als wir aber die Sünde sahen, eilten wir zu ihnen hin
39 und sahen, wie sie zusammen waren. Den Mann konnten wir nicht festhalten; denn er war stärker als wir; er öffnete das Tor und entkam.
40 Aber diese da hielten wir fest und fragten sie, wer der junge Mann war.
41 Sie wollte es uns aber nicht verraten. Das alles können wir bezeugen. Die versammelte Gemeinde glaubte ihnen, weil sie Älteste des Volkes und Richter waren, und verurteilte Susanna zum Tod.
42 Susanna aber schrie auf mit lauter Stimme und sagte: Ewiger Gott, du kennst auch das Verborgene; du weißt alles, noch bevor es geschieht.
43 Du weißt auch, dass sie eine falsche Aussage gegen mich gemacht haben. Darum muss ich jetzt sterben, obwohl ich nichts von dem getan habe, was diese Menschen mir vorwerfen.
44 Der HERR erhörte ihr Rufen.
45 Als man sie zur Hinrichtung führte, erweckte Gott den heiligen Geist in einem jungen Mann namens Daniel.
46 Dieser schrie mit lauter Stimme: Ich bin unschuldig am Blut dieser Frau.
47 Da wandten sich alle Leute nach ihm um und fragten ihn: Was soll das heißen, was du da gesagt hast?
48 Er trat mitten unter sie und sagte: Seid ihr so töricht, ihr Söhne Israels? Ohne Verhör und ohne Prüfung der Beweise habt ihr eine Tochter Israels verurteilt.
49 Kehrt zurück zum Ort des Gerichts! Denn diese Ältesten haben eine falsche Aussage gegen Susanna gemacht.
50 Eilig kehrten alle Leute wieder um und die Ältesten sagten zu Daniel: Setz dich hier mitten unter uns und sag uns, was du zu sagen hast! Denn dir hat Gott den Vorsitz verliehen.
51 Daniel sagte zu ihnen: Trennt diese beiden Männer, bringt sie weit auseinander! Ich will sie verhören.
52 Als man sie voneinander getrennt hatte, rief er den einen von ihnen her und sagte zu ihm: In Schlechtigkeit bist du alt geworden; doch jetzt kommt die Strafe für die Sünden, die du bisher begangen hast.
53 Ungerechte Urteile hast du gefällt, Schuldlose verurteilt, aber Schuldige freigesprochen; und doch hat der HERR gesagt: Einen Schuldlosen und Gerechten sollst du nicht töten.
54 Wenn du also diese Frau wirklich gesehen hast, sage: Unter welchem Baum hast du sie miteinander verkehren sehen? Er aber sagte: Unter einem Mastixbaum.
55 Da sagte Daniel: Mit deiner Lüge hast du dein eigenes Haupt getroffen. Der Engel Gottes wird dich zerspalten; schon hat er von Gott den Befehl dazu erhalten.
56 Dann ließ er ihn wegbringen und befahl, den andern vorzuführen. Zu ihm sagte er: Du Sohn Kanaans, nicht Judas, dich hat die Schönheit verführt, die Leidenschaft hat dein Herz verdorben.
57 So tatet ihr an den Töchtern Israels und jene verkehrten mit euch, weil sie sich fürchteten; aber eine Tochter Judas duldete eure Gesetzlosigkeit nicht.
58 Nun sag mir: Unter welchem Baum hast du sie ertappt, während sie miteinander verkehrten? Er sagte: Unter einer Eiche.
59 Da sagte Daniel zu ihm: Mit deiner Lüge hast auch du dein eigenes Haupt getroffen. Der Engel Gottes wartet schon mit dem Schwert in der Hand, um dich mitten entzweizuhauen. So wird er euch beide vernichten.
60 Da schrie die ganze Gemeinde laut auf und pries Gott, der alle rettet, die auf ihn hoffen.
61 Dann erhoben sie sich gegen die beiden Ältesten, die Daniel durch ihre eigenen Worte als falsche Zeugen entlarvt hatte. Das Böse, das sie ihrem Nächsten hatten antun wollen, tat man
62 nach dem Gesetz des Mose ihnen an: Man tötete sie. So wurde an jenem Tag unschuldiges Blut gerettet.

Heute hören wir aus dem Buch Daniel. Dabei handelt es sich nicht um einen prophetischen Abschnitt, sondern um eine Erzählung.
Es geht um die Frau Jojakims namens Susanna. Sie ist schön und fromm. Ihre Eltern haben sie zur Gottesfurcht erzogen und in der Torah unterwiesen. Was nun passiert, spielt sich zur Zeit des babylonischen Exils ab. Jojakim ist ein reicher Mann, bei dem viele Juden einkehren, unter anderem in Rechtsdingen. Es gibt nun zwei Älteste, die regelmäßig zu Jojakim kommen und nach seiner Frau begehren. Sie spannen sie regelmäßig aus, wenn sie um die Mittagszeit im Garten spazieren geht. Eines Tages möchte sie in der besonders heißen Mittagshitze baden und bittet ihre Bediensteten, die Türen abzuschließen. Die beiden Ältesten erkennen ihre Chance in dieser Situation des absoluten Ausgeliefertseins Susannas und bedrängen die Frau. Sie erpressen sie damit, dass sie sich ihren Gelüsten hingeben soll oder sie würden vor den anderen behaupten, sie hätte mit einem jungen Mann Ehebruch begangen. Sie ist „von allen Seiten bedrängt“, wie sie selbst es ausdrückt. Und doch reagiert sie in dieser Situation geistesgegenwärtig und gottesfürchtig: Sie fällt lieber den Machenschaften von Menschen zum Opfer, als Gott durch so eine schwere Sünde zu beleidigen. Durch diese Entscheidung können wir als Zuhörer schon erahnen, dass Gott sie reichlich segnen wird. Es ist wie eine Glaubensprüfung für sie und zugleich sollen viele weitere Menschen in dieser Situation die Herrlichkeit Gottes bezeugen.
Susanna schreit auf, um die Bediensteten im Haus auf sich aufmerksam zu machen. Blitzschnell reagieren auch die beiden Ältesten, indem auch sie laut aufschreien und den „Tatort“ inszenieren (das Gartentor öffnen). Als die Dienerinnen angelaufen kommen, behaupten die Männer, dass sie Susanna beim Ehebruch ertappt hätten, was die Bediensteten beschämt. Es wird betont, dass Susanna bisher noch nie negativ aufgefallen ist. Zu Anfang der Erzählung hörten wir ja auch, dass sie eigentlich eine sehr fromme Person ist.
Am nächsten Morgen findet ein Gerichtsprozess statt, bei dem die beiden Ältesten gegen die Frau aussagen. Alle Angehörigen und Susanna selbst weinen und sie schaut zum Himmel, denn sie vertraut auf Gott, dem sie durch ihre gestrige Entscheidung die Treue gehalten hat. Die beiden Männer denken sich eine Lüge aus und behaupten, ein junger Mann sei zu ihr gekommen, um mit ihr Ehebruch zu treiben. Er sei entkommen, weil er den Ältesten physisch überlegen gewesen sei. Diese beiden Männer nutzen ihre Position als Älteste, um einer unschuldigen Frau die Todesstrafe zu bringen. Weil die beiden Männer Älteste sind, glauben die Menschen ihnen auch. So wird sie zum Tode verurteilt und schreit ein ganz drastisches Bittgebet zum Herrn. Dieser erhört sie am Tag ihrer Hinrichtung, denn er erfüllt einen jungen Mann namens Daniel mit dem Hl. Geist, sodass dieser laut aufruft: „Ich bin unschuldig am Blut dieser Frau.“ Diese Aussage scheint für die Umstehenden rätselhaft und sie fragen ihn, was das zu bedeuten habe. Wir müssen es so verstehen, dass er sich der Blutschuld der Israeliten gegenüber distanziert, die im Begriff ist, aufgeladen zu werden. Diese lädt sich Israel nämlich dadurch auf, dass sie Susanna unschuldig zum Tod verurteilt. Er spricht die Worte also, bevor es zu spät ist und Israel sich diese Blutschuld aufbürdet. Wir müssen an dieser Stelle innehalten und weiter betrachten: Es ist auch so, dass Gott selbst diese Worte durch den jungen Daniel von sich gibt. Er ist unschuldig an diesem Blutvergießen. Gott ist nicht böse. Er verlangt nicht, dass wir etwas Böses tun. Er ist unschuldig und er ist gut, nur gut. Gott selbst distanziert sich also von dem menschlichen Gericht, das zu einem ungerechten Urteil gekommen ist, das insgesamt falsch abgelaufen ist.
Er erklärt ihnen, dass sie eine Tochter Israels ohne richtige Anhörung verurteilt haben und die Beweise bzw. Zeugnisse nicht richtig geprüft haben. Die Reaktion der Israeliten zeigt, dass sie nicht böse sind, sondern auf die Intrige der Ältesten hereingefallen sind. Sie nehmen Daniels Worte sofort an und erkennen, dass Gott durch ihn spricht. Woher sonst soll er auch wissen, dass die Ältesten eine Falschaussage gemacht haben?
Kurzerhand wird der Gerichtsprozess noch weiter fortgesetzt und Daniel zum Anhörer der Zeugnisse beauftragt. Er hat eine sehr kluge Idee, denn er trennt die beiden Männer voneinander, um sie einzeln anzuhören.
Daniel hört zunächst den ersten Ältesten an und wirft ihm vor, ihn Schlechtigkeit alt geworden zu sein. Er sagt ihm, dass es in der Schrift ja heißt, man solle keinen Menschen unschuldig verurteilen. Er wirft ihm sogar vor, Schuldige freigesprochen zu haben. Und dann stellt er die entscheidende Frage: „Unter welchem Baum hast du sie miteinander verkehren sehen?“ Der Älteste antwortet: „Unter einem Mastixbaum.“
Daraufhin spricht er mit dem zweiten Ältesten und wirft auch ihm Sünden vor. Dabei stellt sich heraus, dass dieser gar kein Israelit, sondern Kanaaniter ist. Er wirft ihm sogar vor, dass er schon zuvor mit anderen Frauen so verfahren hat wie mit Susanna, nur dass sie sich im Gegensatz zu den anderen nicht erpressen ließ. Auf die entscheidende Frage nach der Baumart hin antwortet der zweite Älteste mit einer Eiche. So hat er die Falschaussage und Intrige der beiden Männer selbst offenbart. Das ganze versammelte Volk realisiert, dass durch Daniel unschuldiges Blut gerettet worden ist. Sie preisen Gott und bestrafen die beiden Männer mit der Todesstrafe.
Daniel hat Susanna gerettet, doch es ist Gott selbst, der durch ihn gewirkt hat. Susannas Gebet ist erhört worden. Wir erkennen an dieser Geschichte, dass wir wirklich ganz auf Gott vertrauen dürfen. Wenn Jesus später sagt, dass es uns immer zuerst um das Reich Gottes gehen soll und Gott uns alles Andere dazugeben wird, dann dürfen wir das ganz wörtlich nehmen. Susanna ging es um den Willen Gottes, dem zuliebe sie sich den beiden bösen Männern ausgeliefert hat. Sie weiß, dass Gott stärker ist und für Gerechtigkeit sorgt. So hat er sie nicht im Stich gelassen und nicht nur vor der Todesstrafe gerettet, sondern die schon länger anhaltenden Missetaten der beiden Männer aufgedeckt. Susanna ist so zu einem Werkzeug geworden, ebenso wie Daniel, mithilfe derer Gott ein großes Übel aus seinem Volk entfernen konnte. Hinter jeder Krise können wir Menschen zu allen Zeiten eine Chance und einen Segen erkennen. Susanna musste leiden so wie auch der Blindgeborene im Johannesevangelium zum Beispiel leiden musste. Doch durch ihr Leiden ist ganz viel Segen auf die Menschen gekommen, der alles nicht nur entschädigt, sondern noch viel mehr darüber hinaus den Menschen geschenkt worden ist. Susanna ist nach diesem Ereignis womöglich noch viel mehr Ehre geschenkt worden als zuvor. Auch Daniel ist so zu einer großen Ehre gekommen. Werfen auch wir in unserem Leben nicht sofort das Handtuch, wenn es schwer wird. Versuchen wir in allem immer die Chance zu erkennen und so geistesgegenwärtig wie Susanna und Daniel zu handeln. Behalten wir die oberste Priorität im Blick und vertrauen wir ganz auf Gott, der uns nicht ins offene Messer laufen lassen wird. Im Nachhinein werden wir verstehen, warum Gott Krisen und Leiden in unserem Leben zugelassen hat.

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.

2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher.
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir den berühmten Psalm 23. Er passt perfekt zur Lesung, weil in diesem Vertrauenspsalm Gott als Hirte beschrieben wird. Zuvor hörten wir davon, dass Gott sich ganz um seine Schäfchen kümmert und Susannas unschuldiges Blut vor der Todesstrafe bewahrt hat.
König David hat diesen Psalm gedichtet und man spürt, dass er sich ganz mit Hirt und Herde identifizieren kann. Gottes wunderbare Vorsehung hat alles so gefügt, dass er mit David tatsächlich einen Hirten zum König erwählt hat.
Gott ist unser Hirte, der uns alles gibt, was wir brauchen. Es mangelt uns an nichts, wenn wir zuerst sein Reich suchen. Das sagt Jesus später nicht umsonst. Es ist vor dem Hintergrund des Psalms absolut nachvollziehbar. Gott lässt uns, seine Schafe, auf grünen Auen lagern. Dies tut er auch mit Susanna. Er führt uns nicht ins Verderben, sondern nährt uns immer ausreichend, damit wir auf dem Weg durchs Leben hin zu ihm nicht zugrunde gehen. Er bewahrt die junge Frau vor einem unschuldigen und ehrlosen Tod. Auch wenn es zeitweise Wüstenlandschaften sind und nicht die grünen Auen, ist es für uns heilsam, damit wir die Auen wieder mehr zu schätzen lernen, in unserem Glauben gestärkt und in unserer Wachsamkeit geschärft werden. So muss Susanna zeitweise die trockene Wüste zu spüren bekommen, doch wird sie am Ende mit umso grüneren Auen beschenkt!
Für uns heute heißt dies, dass Gott uns mit allen irdischen Gaben (Finanzen, Gesundheit, Nahrung und sauberes Trinkwasser, Frieden, Erfolg etc.), aber auch mit allen überirdischen Gaben ausstattet, die wir durch die Heilsmittel der Kirche erhalten. Dazu gehören die Sakramente, allen voran die Eucharistie, und die Sakramentalien, durch die er uns den Hl. Geist senden möchte. Nicht umsonst betet David zuerst „er lässt mich lagern auf grünen Auen“ und dann „und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“. Es sind einerseits zwei Bilder für das Essen und Trinken des Menschen, andererseits die Bilder für die wichtigsten überirdischen Güter – die Eucharistie und der Hl. Geist, das lebendige Wasser.
Gott bringt die Lebenskraft zurück. Das hebräische Stichwort ist an dieser Stelle ist wie so oft nefesch. Gott bringt das ganze Leben zurück. Wir dürfen es sowohl moralisch als auch anagogisch verstehen, das heißt einerseits die Rückführung in den Stand der Gnade und zugleich die Rettung des ewigen Lebens. Vor allem die moralische Ebene wird uns klar, wenn wir danach lesen: „Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit.“ All dies ist auch auf Susanna zu übertragen, deren nefesch Gott gerettet hat. Ihre ganze Existenz stand auf dem Spiel, denn nicht nur ihr irdisches Dasein sollte durch die Todesstrafe beendet werden, sondern auch ihre Ehre und ihr Ansehen vor Gott.
Selbst der Psalm 23 greift die Situation auf, dass es nicht immer die ruhigen grünen Auen sind, auf denen die Herde sich bewegt, sondern auch mal das finstere Tal. So ist das Leben. Es gibt nicht nur schöne Tage, sondern auch die Krisen und dunklen Stunden, von denen wir in der Lesung ein besonders drastisches Beispiel gehört haben. Doch selbst da begleitet Gott einen hindurch und hinaus. Auch David hat dunkle Stunden gehabt, doch gerade in diesen hat er sich umso mehr an Gott geklammert. Er wusste, wie entscheidend sich die Qualität eines Hirten in finsteren Tälern herausstellte. Er wusste auch, wie sicher sich ein Schaf bei einem guten Hirten fühlen konnte. Er ist in dieser Hinsicht nicht nur der Typos des guten Hirten Christus, sondern auch des Lammes Gottes, das sich ganz und gar in die Hände Gottes übergab und selbst am Kreuz noch betete: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Von David können wir das absolute Gottvertrauen lernen und mit ihm zusammen beten: „Dein Stock und dein Stab trösten mich.“
Gott beschenkt uns, seine Kinder. Er hat nur Gutes für uns bereit. All der Segen Gottes wird hier mit verschiedenen Bildern umschrieben wie dem Decken des Tisches, dem Salben des Hauptes und dem übervollen Becher. All dies können wir zusammenfassen mit den darauffolgenden Worten: „Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.“
Ins Haus des Herrn heimzukehren, bedeutet in diesem Kontext wörtlich den Tempel Gottes, der zu Davids Zeiten noch in Form des Offenbarungszeltes bestand. Wir lesen es auch vor dem Hintergrund der Lesung als Heimkehr aus dem babylonischen Exil, währenddessen der heutige Zwischenfall in der Lesung passiert ist. Wir lesen dies allegorisch weiter als das Reich Gottes und die Kirche. Moralisch verstehen wir damit unsere eigene Seele, die der Tempel Gottes ist und von wo aus die Entscheidungen zu einem Verhalten nach seinen Geboten getroffen werden. Schließlich kehren wir am Ende unseres Lebens heim in das Haus Gottes, den Himmel.

Joh 8
1 Jesus aber ging zum Ölberg.

2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.
3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte
4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.
5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6 Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.
10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?
11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Im Evangelium hören wir erneut von einem Fall von Ehebruch. Jesus ist in Jerusalem und kommt am frühen Morgen in den Tempel, um dort das Volk zu lehren. Plötzlich kommen Schriftgelehrte und Pharisäer mit einer Frau zu ihm, die diesmal tatsächlich in flagranti beim Ehebruch erwischt worden ist. Sie haben nicht im Sinn, einen gerechten Gerichtsprozess einzuleiten, sondern ihnen geht es darum, die Frau zu instrumentalisieren. Denn ihre Absicht ist es, Jesus auf die Probe zu stellen. Sie kommen mit der „Mose-Keule“, die sie immer wieder schwingen, um Jesus in die Bredouille zu bringen. Sie sagen zu ihm: „Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“ Sie möchten ihn dazu bringen, sich gegen Mose zu stellen und so angreifbar zu werden. Jesus lässt sich von dieser ganzen Provokation und Intrige aber überhaupt nicht beeindrucken. Stattdessen tut er etwas auf den ersten Blick Befremdliches: Er bückt sich und schreibt etwas auf die Erde. Wir müssen uns an dieser Stelle wieder daran erinnern, dass Jesus nie, wirklich nie etwas sagt oder tut, das nicht einen tieferen Sinn hat. Er nimmt diese Geste also vor, damit die Menschen sie als Signal erkennen. Es handelt sich also um eine prophetische Zeichenhandlung!
Vor dem Hintergrund der Schriften der Juden (unserem Alten Testament) fallen uns gleich mehrere Bibelstellen ein, in denen diese Geste erklärt wird. Erstens denken wir an Jeremia 17,13: „Alle, die dich verlassen, werden zuschanden. Die sich von mir abwenden, werden in den Staub geschrieben, denn sie haben den HERRN verlassen, den Quell lebendigen Wassers.“ Jesus kündigt somit ein Gerichtsurteil Gottes an! Dieser schreibt jene in den Staub, die sich von seinem Willen entfernt haben. Dies soll den Umstehenden zunächst als Warnung gelten. Es ist noch nicht zu spät, umzukehren. Jesus ist Gott und ruft allen Anwesenden dazu auf, umzukehren. Dieses Signal sollte den Pharisäern und Schriftgelehrten eigentlich als erstes auffallen, da sie sich mit der Schrift ja besonders gut auskennen. Sie sollten auch die Ersten sein, die an Gen 3,19 denken, wo Gott dem Menschen nach dem Sündenfall sagt: Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ JEDER Mensch ist von der Sünde betroffen. Alle Menschen neigen zum Bösen und können nicht sagen, dass sie von der ersten Sünde des Menschenpaares unberührt geblieben sind.
Doch eben jene, die diesen Code verstehen sollten, bleiben verständnislos. Sie haken vielmehr hartnäckig nach.
Und so richtet Jesus sich auf und sagt es nochmal mit deutlichen Worten: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Nicht nur die Worte an sich werden sie tief getroffen haben, sie werden es mit seiner Geste zusammengebracht haben, die er nach diesem einen Satz weiter fortgesetzt hat. Und so geht ein Ältester nach dem Anderen fort und lässt den Stein fallen, den er in der Hand gehalten hat, bereit zum Wurf. Vor dem Hintergrund der Lesung fällt uns auf, dass Johannes hier besonders betont, dass zuerst die Ältesten die Szene verlassen. Womöglich werden sie an die Episode aus dem Buch Daniel gedacht haben, die die Begierde und Schuld der Ältesten zutage gefördert hat. Sie entfernen sich beschämt, weil sie erstens ihre eigene Schuldhaftigkeit erkannt, zweitens eine öffentliche Entehrung im Stil des Daniel befürchtet haben.
Am Ende steht die beschuldigte Ehebrecherin alleine bei Jesus. Er richtet sich nach einiger Zeit auf und fragt sie: „Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?“ Er sagt es, damit sie antwortet: „Keiner, Herr.“ Sie soll sehen, dass sie nicht die einzige ist, die sündigt. Zugleich soll es aber nicht heißen, dass ihre Sünde relativiert wird. Jesus sagt nämlich zu ihr: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Jesus hat ihr die Schuld vergeben und an ihr barmherzig gehandelt. Er sagt ihr aber auch, dass sie ausgehend von dieser zweiten Chance von nun an ein Leben nach Gottes Geboten führen soll. So spricht Jesus auch zu uns, wenn wir voller Reue und aufrichtig zu ihm kommen im Sakrament der Beichte: Ich verurteile dich nicht. Gehe und sündige von nun an nicht mehr! Welch große Barmherzigkeit dürfen wir immer wieder erfahren! Gott liebt uns und er möchte nicht, dass wir verloren gehen. Unser Part ist es, immer wieder von unseren Sünden umzukehren, von denen auch wir nicht verschont sind. Wir sind als getaufte Christen von der Erbsünde zwar erlöst, doch die Folgen dieser Sünde sind noch da. Wir neigen immer noch zum Bösen und müssen deshalb immer wieder zum Herrn umkehren. Auch in unserem Fall schreibt Jesus in den Sand, damit an uns der Appell ergeht: „Kehr um, bevor es zu spät ist!“ Er schreibt zugleich unsere Sünden in den Sand, damit der Wind sie wegtrage, der Wind des Hl. Geistes, durch den wir in den Stand der Gnade zurückversetzt werden im Sakrament der Versöhnung! In Stein ist dagegen nur eines geschrieben – die Gebote Gottes! Sie bleiben auf ewig bestehen und ändern sich auch nicht. Jesus hat dies immer wieder betont. Wie soll man diese Episode dann richtig verstehen? Schließlich hat Jesus gegen das mosaische Gesetz gehandelt!
Wie bei der Frage nach der Ehescheidung kommen die Pharisäer und Schriftgelehrten mit einem mosaischen Gesetz zu ihm. Wie auch dort geht Jesus noch weiter zurück, nämlich zur Genesis, um nicht Mose zu zitieren, sondern Gott selbst. Dieser hat selbstverständlich eine höhere Autorität als Mose. Zu Jesu Zeit gibt es in der jüdischen Gelehrsamkeit die Tendenz, innerhalb der Torah unterschiedliche Prioritäten zu setzen. Und Jesus liegt ganz auf dieser Linie, wenn er eben jene Priorisierung vornimmt: Es heißt in dieser jüdischen Tradition, dass Gottes Gebote die höchste Priorität haben, das heißt die Zehn Gebote, die Mose den Berg hinuntergebracht hat. Und als die Israeliten dann das Goldene Kalb angebetet haben, musste Mose noch weitere Gebote erlassen, weil er merkte, dass das Volk nicht so weit ist, die Zehn Gebote richtig umzusetzen. So erließ er die vielen weitere Gebote, die natürlich auch sehr hohe Autorität besitzen, aber eben NACH dem Dekalog kamen. Jesus plädiert bei den Fallen, für die die Pharisäer ständig das mosaische Gesetz missbrauchen, immer wieder auf den Anfang, auf die Genesis, auf die Zehn Gebote, auf die Gottesreden, die uns aus den fünf Büchern Mose bekannt sind. Er stellt die Prioritäten wieder richtig. Es ist also nicht Gesetz gegen Gesetz („Steinige die Ehebrecherin“ gegen „Du sollst nicht töten“), sondern die Überbietung des mosaischen Gesetzes durch Gottes eigene Worte.

Welch Privileg dürfen die Pharisäer und Schriftgelehrten genießen, dass Jesus ihnen das richtige Verständnis der Schriften erklärt! Und doch lassen sie sich keinesfalls belehren, sondern eher provozieren. Sie erkennen nicht, dass er der Messias, dass er der Sohn Gottes ist, der in die Welt kommen soll. Sie erkennen seine göttliche Autorität nicht, die ihnen solche wertvollen Schätze mit auf den Weg geben will. Sie nutzen auch den Appell zur Umkehr nicht, der an alle Anwesenden ergeht.

Heute haben wir viel von Anschuldigungen, Gerichtsprozessen und Exekutionen gehört. Während die erste Frau tatsächlich unschuldig ist, handelt es sich bei der zweiten Frau tatsächlich um eine Ehebrecherin. Es geht heute um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes zugleich. Er sorgt dafür, dass die Unschuldigen gerettet werden und den Schuldigen, die von Herzen bereuen, vergeben wird. Was wir aus all dem lernen: Kein Mensch kann von sich aus sagen, er sei ohne Sünde. Jeder muss sich zuerst an die eigene Nase fassen und jederzeit umkehren. Das heißt natürlich nicht, dass jene, die die Aufgabe der Gerichtsbarkeit besitzen, diese nicht ausführen dürfen, weil sie selbst Sünde haben. Das Problem in beiden Fällen besteht ja darin, dass die Ältesten die Gerichtsbarkeit mit bösen Absichten ausführen. Im ersten Fall geht es um die Verurteilung einer Unschuldigen und Vertuschung der eigenen Schuld. Im zweiten Fall soll eine echte Täterin instrumentalisiert werden, um Jesus auf die Probe zu stellen. In beiden Fällen geht es also gar nicht um ein gerechtes Gericht. Uns Menschen, die wir keine Richter von Beruf sind, sagt Jesus sogar: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Menschen können gar kein gerechtes Gerichtsurteil im moralischen Sinne vornehmen, da sie das Herz des Anderen ja nicht erkennen. Sie sehen die Absichten nicht und können gar nicht richtig beurteilen, wie es zu der Sünde gekommen ist. Wir sollen das Richten Gott überlassen, der in die Erde schreibt. Wir sollen uns selbst von dieser überfordernden Bürde befreien und es ihm überlassen, der die Kompetenz hat. Nehmen wir diesen Gedanken mit in die restliche Fastenzeit.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 4. Woche der Fastenzeit

Ez 47,1-9.12; Ps 46,2-3.5-6.8-9; Joh 5,1-16

Ez 47
1 Dann führte er mich zum Eingang des Tempels zurück und siehe, Wasser strömte unter der Tempelschwelle hervor nach Osten hin; denn die vordere Seite des Tempels schaute nach Osten. Das Wasser floss unterhalb der rechten Seite des Tempels herab, südlich vom Altar.
2 Dann führte er mich durch das Nordtor hinaus und ließ mich außen herum zum äußeren Osttor gehen. Und siehe, das Wasser rieselte an der Südseite hervor.
3 Der Mann ging nach Osten hinaus, mit der Messschnur in der Hand, maß tausend Ellen ab und ließ mich durch das Wasser gehen; das Wasser reichte mir bis an die Knöchel.
4 Dann maß er wieder tausend Ellen ab und ließ mich durch das Wasser gehen; das Wasser reichte mir bis zu den Knien. Darauf maß er wieder tausend Ellen ab und ließ mich hindurchgehen; das Wasser ging mir bis an die Hüften.

5 Und er maß noch einmal tausend Ellen ab. Da war es ein Fluss, den ich nicht mehr durchschreiten konnte; denn das Wasser war tief, ein Wasser, durch das man schwimmen musste, ein Fluss, den man nicht mehr durchschreiten konnte.
6 Dann fragte er mich: Hast du es gesehen, Menschensohn? Darauf führte er mich zurück, am Ufer des Flusses entlang.
7 Als ich zurückging, siehe, da waren an beiden Ufern des Flusses sehr viele Bäume.
8 Er sagte zu mir: Diese Wasser fließen hinaus in den östlichen Bezirk, sie strömen in die Araba hinab und münden in das Meer. Sobald sie aber in das Meer gelangt sind, werden die Wasser gesund.
9 Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können und sehr viele Fische wird es geben. Weil dieses Wasser dort hinkommt, werden sie gesund; wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.
12 An beiden Ufern des Flusses wachsen alle Arten von Obstbäumen. Ihr Laub wird nicht welken und sie werden nie ohne Frucht sein. Jeden Monat tragen sie frische Früchte; denn ihre Wasser kommen aus dem Heiligtum. Die Früchte werden als Speise und die Blätter als Heilmittel dienen.

Heute hören wir in der Lesung eine wunderbare Vision des Propheten Ezechiel. Historisch ist das Ganze in die Zeit des babylonischen Exils einzuordnen. Umso verheißungsvoller erscheint folgende Vision:
Ezechiel sieht nämlich den Tempel, der ja zuvor zerstört worden ist. Und von diesem Tempel geht Wasser aus, das Richtung Osten fließt. Es kommt vom Altar und fließt sehr weit, sodass Ezechiel zum Nordtor und dann zum Osttor geführt wird, wo er es rieseln sieht. Das heißt aber nicht, dass es sich lediglich um ein kleines Rinnsal handelt, sondern es reicht dem Propheten bis zum Knöchel.
Je mehr Ellen (das ist eine Maßeinheit) der Prophet abmisst bzw. abgeht, desto tiefer wird der Fluss, sodass er am Ende sogar hindurchschwimmen muss.
Das Wasser mündet schließlich ins Meer. Wichtig an dem Strom ist, dass alles gesundet, was damit in Berührung kommt. Es wird viele Fische geben und der Prophet sieht viele Bäume, die an ihm wachsen. Das Laub dieser Gewächse verwelkt nicht und sie bringen viele Früchte.
All das soll für Ezechiel zunächst verdeutlichen, dass was vom Tempel ausgeht, dem Menschen Heil und Leben bringt. Gott versorgt von seinem Tempel aus die ganze Welt. Für den Propheten wird auf diese Weise klar, dass es einen neuen Tempel geben muss, damit Gottes Gegenwart die Welt auf besondere Weise fruchtbar werden lassen kann.
Wir sehen es aber noch weitreichender, nämlich allegorisch: Das Wasser, das vom Altar ausgeht, ist der Hl. Geist. Er war es, der in der Genesis über der Urflut schwebte. Es ist eine typologische Verbindung zur Schöpfungsgeschichte und eine Antizipation dessen, was Gott in unserer heutigen Zeit sakramental durch die Taufe, am Ende der Zeiten auf umfassende Weise bewirkt: Der Hl. Geist bringt eine neue Schöpfung hervor. Er erneuert die Welt. Und dieser Geist geht von Jesus aus, der ihn vom Vater sendet. Deshalb kommt der Geist vom Altar aus. Wir verstehen es schon sehr eucharistisch, denn auf dem Altar jeder Hl. Messe wird das Kreuzesopfer Jesu Christi immer wieder in die Gegenwart geholt. Dann ist seine Gegenwart in der Welt so intensiv wie sonst nie. Sie ist so dabei so real wie damals, als er Mensch geworden ist und unter den Menschen gelebt hat. Deshalb fließt das lebendige Wasser so stark bei jeder Hl. Messe.
Der Geist Gottes geht von der Kirche aus. Ohne sie gibt es keine Realpräsenz Gottes in der Welt. Sie atmet den Hl. Geist, der an Pfingsten wie ihr Lebensodem hineingekommen ist, analog zum Lebensodem in der Genesis, der in Adams Nase geblasen worden ist. Dieser Geist belebt und tränkt alle Lebewesen, auch gerade uns bei der Taufe. Dann kommt der Geist Gottes in uns und nimmt Wohnung auf eine umfassende Weise. So werden wir neugeschaffen zu einer unvergänglichen Schöpfung. Und dieser Geist hält uns am Leben, damit wir das ewige Leben haben. Sowohl die Blätter der Kirche verwelken nicht (Jesus hat uns versprochen, dass die Mächte der Finsternis die Kirche nicht überwältigen werden) als auch die Blätter jedes einzelnen Christen (denn wir sind mit einer unsterblichen Seele geschaffen und durch die Taufe zu Erben in Gottes Reich eingesetzt). Und diese neue Schöpfung, zu der wir gehören, wird ebenfalls ewig sein, da sie schon das Reich Gottes ist, wenn auch noch verborgen. Am Ende der Zeiten wird sie offenbar werden.
Gottes Geist schenkt uns Heil, in erster Linie seelisches, aber als Bonus oft auch physisches. Schließlich ist der Mensch nicht geteilt, sondern eine Leib-Seele-Einheit. Wir dürfen auch heutzutage glauben, dass Jesus die Menschen noch genauso heilen kann wie damals. Seine Realpräsenz ist ja dieselbe. Wichtig ist, dass wir uns zunächst mit Gott versöhnen, damit dieser an uns wirken kann. Die Früchte des Hl. Geistes an den Obstbäumen machen auch uns heute die Hoffnung, dass wenn wir den Geist Gottes in unserem Leben immer wieder an uns wirken lassen, Frucht bringen. Es ist absolut kein Zufall, dass hier die Rede von Obstbäumen und Früchten ist. Es ist eine typologische Analogie zum Garten Eden, in dem ebenfalls köstliche Früchte wachsen. Während im Garten die Früchte dazu dienen, die Menschen physisch zu nähren, und auch dort die Rede von Flüssen ist, die das Paradies tränken, haben wir es hier mit dem lebendigen Wasser zu tun. Es geht hier um den Hl. Geist, der neue Früchte bringt. Während im Garten Eden durch das Verspeisen verbotener Früchte das Unheil gekommen ist, möchte Gott durch die Früchte am Gnadenstrom des Hl. Geistes, die Menschen wieder heil machen. Und diese Früchte verstehen wir sakramental als die Heilsmittel der Kirche, allen voran die Hl. Eucharistie! Was Ezechiel hier sieht, hat also so weitreichende Volken, dass es nur siebenhundert Jahre später in das letzte Abendmahl, in den Kreuzestod Christi und in das Pfingstereignis mündet. Dort findet all das Geschaute seine sakramentale Erfüllung, die am Ende der Zeiten ihre endgültige Vollendung finden wird.

Ps 46
2 Gott ist uns Zuflucht und Stärke, als mächtig erfahren, als Helfer in allen Nöten.
3 Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres;
5 Eines Stromes Arme erfreuen die Gottesstadt, des Höchsten heilige Wohnung.
6 Gott ist in ihrer Mitte, sie wird nicht wanken. Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht.
8 Mit uns ist der HERR der Heerscharen, der Gott Jakobs ist unsre Burg.
9 Kommt und schaut die Taten des HERRN, der Schauder erregt auf der Erde.

Wir beten heute wieder einen Vertrauenspsalm. Begeben wir uns in die Situation des Gottesvolkes. Es befindet sich in babylonischer Gefangenschaft. Der Tempel ist zerstört. Gottes Gegenwart ist auf Erden getilgt worden. Die Hoffnung auf eine Rückkehr schwindet von Tag zu Tag. Doch in dieser Zeit lässt Gott sein Volk nicht im Stich. Er sendet Propheten wie Ezechiel, die den Menschen Mut und Hoffnung zusprechen. Und dann werden sie sich an die wunderbaren Psalmen ihres Vaters David erinnert haben und sie vertrauensvoll gebetet haben.
In einer absolut trostlosen Situation beten sie dennoch „Gott ist uns Zuflucht und Stärke“. Ja, in einem Zustand, wo das Volk die irdische Heimat verloren hat, ist Gott der Ort, an dem sie ihr Haupt ablegen können. Gott ist wirklich „Helfer in allen Nöten“. Wenn er sogar ein ganzes Volk aus dem Sklavenhaus Ägyptens herausführen konnte, ist es für ihn auch keine Schwierigkeit, das Volk aus Babylon herauszuführen.
Gott ist größer als seine Schöpfung, deshalb gibt es nichts zu fürchten, selbst wenn „die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres“. Er hat alles gemacht. Er erhält auch alles am Leben, vor allem das Volk, mit dem er einen Bund eingegangen ist.
Das Volk wird voller Erinnerung an Jerusalem im Exil gebetet haben: „Eines Stromes Arme erfreuen die Gottesstadt, des Höchsten heilige Wohnung“. So erkennen wir, dass Ezechiel seine Vision vom Tempel Gottes und vom Wasser zunächst wörtlich genommen und womöglich mit konkreten Begebenheiten in Verbindung gebracht haben wird. Wichtig ist, dass wir dabei nicht stehenbleiben, sondern das neue Jerusalem mit dem neuen Tempel erkennen.
Die Heilige Wohnung, die Davidsstadt mit den Flüssen, all dies dürfen wir weiterdenken und so ist es nicht an die reale Stadt Jerusalem gebunden. So können auch die Juden im Exil Hoffnung haben und auch wir, die wir getauft sind: So wird der Tempel allegorisch mit Jesus Christus in Verbindung gebracht (oben habe ich es schon ausführlich beschrieben), aber auch moralisch weitergedacht als seelische „Geographie“, denn der Geist Gottes ist durch die Taufe in unsere Herzen ausgegossen und reicht darüber hinaus zu allen Menschen um uns herum. Von diesem inneren Tempel aus können wir leben und überleben, selbst in Dürrezeiten unserer Welt, unserer Geschichte, unserer Gesellschaft. Wir denken es auch anagogisch weiter und erkennen den Tempel Gottes im Himmel, das Himmelreich, in dem wir selbst Gott loben und preisen werden, wenn wir dort Wohnung nehmen. Von diesem himmlischen Tempel aus geht der Hl. Geist aus und wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Dieser Tempel wird von oben auf die Erde herabkommen und Gott wird unter den Menschen wohnen, wie es Johannes in der Offenbarung geschaut hat.
So betet auch David und mit ihm die Juden im Exil: „Gott ist in ihrer Mitte.“ Ja, er ist es schon jetzt, auch wenn sie es nicht immer so verspüren und auch wir nicht immer merken, dass er da ist.
Anhand des nächsten Verses wird uns noch eine weitere Erkenntnis zum Tempel Gottes geschenkt: „Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht.“ Ja, der Tempel Gottes ist uns auch in der Episode der Tempelreinigung gelehrt worden als Tempel des Leibes Christi! Sein Leib ist ja der Tempel, der niedergerissen und nach drei Tagen wieder aufgebaut werden sollte. Ohne es schon in der Tiefe zu verstehen, hat König David vom Hl. Geist erfüllt diese Verse komponiert, die schon verheißen: Gott wird diesen leiblichen Tempel Christi bei Anbruch des Morgens wieder errichten! Es ist eine österliche Verheißung!
„Mit uns ist der Herr der Heerscharen“, Jahwe Zebaot. Er ist auf intensivste Weise mit den Menschen geworden, indem er Mensch geworden ist und als Immanuel unter den Menschen gelebt hat!
Gott wirkt Zeichen und Wunder zu allen Zeiten. Er hat das Meer geteilt und die Menschen hindurch geführt. Er wird auch das Exil beenden und das Volk zurückkehren lassen. Er wird ihnen einen gütigen Perserkönig senden, Kyros, der ihnen vieles erleichtern wird. Sie werden einen neuen Tempel errichten. Sie werden zwar immer wieder in Fremdherrschaft geraten, weil sie ihm untreu werden, aber er lässt sie nie im Stich. So sendet er am Ende der Zeiten seinen einzigen Sohn, der von den Toten auferstehen wird! Zuvor hat er so viele Zeichen und Wunder getan und tut es auch bis heute durch die Heilsmittel der Kirche. Die Eucharistie ist das größte Zeichen unserer Zeit.
So können wir diesen Vertrauenspsalm bis heute beten, denn er ist in seiner Tiefe absolut zutreffend auch für die Christen von heute. Wir, die wir uns jetzt in einer schwierigen Situation befinden, können auch heute auf Gottes große Taten vertrauen. Er lässt uns auch heute nicht im Stich und es wird alles gut werden.

Joh 5
1 Danach war ein Fest der Juden und Jesus ging hinauf nach Jerusalem.

2 In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda.
3 In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte, die auf die Bewegung des Wassers warteten.
4 Ein Engel des Herrn aber stieg zu bestimmter Zeit in den Teich hinab und brachte das Wasser zum Aufwallen. Wer dann als Erster hineinstieg, wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.

5 Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war.
6 Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein.
8 Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Liege und geh!
9 Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging. Dieser Tag war aber ein Sabbat.
10 Da sagten die Juden zu dem Geheilten: Es ist Sabbat, du darfst deine Liege nicht tragen.
11 Er erwiderte ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Liege und geh!
12 Sie fragten ihn: Wer ist denn der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm deine Liege und geh?
13 Der Geheilte wusste aber nicht, wer es war. Jesus war nämlich weggegangen, weil dort eine große Menschenmenge zugegen war.
14 Danach traf ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt!
15 Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte.
16 Daraufhin verfolgten die Juden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte.

Im heutigen Evangelium schließt sich wie so oft der Kreis der heutigen Tageslesungen: Auch hier geht es um Wasser, das den Menschen Heilung bringen soll.
Es ist Wallfahrtssaison und wie jeder fromme Jude macht sich auch Jesus mit seinen Jüngern auf den Weg nach Jerusalem. Dort gibt es am Schaftor einen Teich namens Betesda mit fünf Säulenhallen. In diesen liegen viele Kranke, die darauf hoffen, bei Bewegung des Wassers hineingetragen zu werden, um vom Wasser geheilt zu werden. Man glaubte, dass die Wasserbewegung auf einen Engel Gottes hindeutete und so heilsam wurde (die Rede von einem hinabfahrenden Engel ist sekundär eingeschoben worden und deutet auf einen damaligen Aberglauben hin). Und dort liegt nun auch ein Gelähmter, der nichts von dem aufwallenden Wasser hat, denn keiner trägt ihn hinein. Diesem Mann begegnet Jesus nun und er fragt ihn, ob er gesund werden möchte. Jesus fragt ihn nicht einfach so, sondern möchte damit verdeutlichen, dass Heilung vom Willen des Menschen abhängt. Er möchte, dass der Gelähmte von sich aus den Willen zur Heilung kundtut.
Jesus hat Mitleid mit ihm und fordert ihn deshalb auf: „Steh auf, nimm deine Liege und geht!“ Sofort wird der Mann geheilt.
Bis hierhin haben wir schon viele wichtige Dinge, die wir erst einmal verdauen müssen: Dieser Teich heißt Betesda. Das heißt auf Deutsch „Haus der Gnade“. Es fasst schon alles zusammen, was der Prophet Ezechiel heute schaut. Gottes Haus ist die Quelle der Gnade. Diese ist das lebendige Wasser, das vom Altar ausgeht und bis zum Meer fließt.
Das Schaftor ist identisch mit dem Nordosttor Jerusalems. Gott lässt Ezechiel mit der Messschnur erst durchs Nordtor gehen, dann zum äußeren Osttor. Die ganze Episode ist eine Lektion Gottes für alle schriftkundigen Juden: Hier geht es um einen Teich, dessen Wasser lebendig ist. Das liegt an unterirdischen Leitungen, die das Wasser in Bewegung hielten (der Teich war in herodianischer Zeit zu einer großen Mikwe umfunktioniert worden, also zum kultischen Reinigungsbad!). So hat Gottes Vorsehung alles so gefügt, dass Jesus die Lektion ausgerechnet an „lebendigem“ Wasser erteilen kann. Er möchte den Menschen das Wesen des Hl. Geistes erläutern. Er möchte, dass die Menschen einen Bezug zu Ezechiel herstellen. Er nutzt dafür auch einen Zeitpunkt, zu dem viele Pilger nach Jerusalem strömen und die Mikwe auch sehr stark in Anspruch nehmen. Die Heilung findet vor möglichst vielen Zeugen statt, die die Lektion Gottes verstehen sollen. Stattdessen sehen sie nur eines: eine Heilung am Sabbat. Vor einigen Tagen habe ich darüber geschrieben, warum die Juden es so streng mit dem Sabbatgebot halten, dass sie sogar über das Ziel hinausschießen. Es hat unter anderem damit zu tun, dass sie in genau jene babylonische Gefangenschaft geraten sind, weil sie den Sabbat nicht gehalten haben, diese Gefangenschaft, in der Ezechiel wirkt und Visionen hat.
Jesus ist zu dem Zeitpunkt, als der Geheilt befragt wird, nicht mehr anwesend. Der Geheilte kennt Jesus auch nicht, weil er den Anklägern keine Auskunft geben kann. Später trifft er diesen aber im Tempel (das ist ein gutes Zeichen. Der Geheilte geht wohl zum Tempel, um Gott für die Heilung zu danken). Dort sagt Jesus etwas Wichtiges, was auch uns zu denken gibt: „Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt!“ Jesus sagt hier selbst, dass es einen Zusammenhang zwischen Krankheit/Leiden und Sünde gibt. Es ist nicht immer so, erst vor einigen Tagen hörten wir von einem Unschuldigen, der aber blind ist. Hier ist es aber wohl so, dass der Gelähmte gesündigt hat. Jesus möchte mit dieser Ermahnung dem Geheilten verdeutlichen: Dir ist Gottes Barmherzigkeit zuteil geworden. Sündige von nun an nicht mehr, damit du keinen Rückfall bekommst.“ Und die Rückfälle sind bekanntlich immer drastischer als die Krankheit zuvor. Der Mann hat die Heilung erfahren, weil er zur Heiligkeit berufen ist. Gott möchte, dass er ein gutes Leben führt und Zeuge des Heils Gottes ist. Er soll die Chance nutzen, ein besserer Mensch zu werden. So heilt Gott auch uns, nicht damit wir in Luxus und Bequemlichkeit leben können, sondern damit wir etwas aus dieser gewonnenen Gesundheit machen. So ist es auch mit der geheilten Schwiegermutter des Petrus, die dann die Gäste bedienen kann.
Die Heilung, die dem Gelähmten in erster Linie zuteil geworden ist, ist die seelische Heilung. Seine von Sünde krank gewordene Seele hat in der Begegnung mit Jesus Heilung und Versöhnung erfahren. Als weiterführende Heilung ist dem Mann die Lähmung genommen worden. So möchte Jesus auch uns heilen, er möchte auch uns, die wir uns nach dem lebendigen Wasser sehnen, aber gelähmt sind, Gesundheit an Leib und Seele schenken.
Dies möchte er in besonderer Weise auch jetzt in der Fastenzeit. Nichts kann uns wirklich Heil und Leben schenken (vor allem das ewige Leben!), außer der Gnadenstrom Gottes, der von Christus kommt. Nehmen wir diesen in Anspruch. Tun auch wir Jesus unseren Willen kund, dass er uns heilen möge. Er stellt ja auch jedem von uns tagtäglich die Frage: „Willst du gesund werden?“

Ihre Magstrauss