Ostersonntag (am Tag)

Apg 10,34a.37-43; Ps 118,1-2.16-17.22-23; Kol 3,1-4 oder 1 Kor 5,6b-8; Joh 20,1-9 oder Joh 20,1-18

Christus ist auferstanden, er ist wahrhaft auferstanden, Halleluja! Ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes Osterfest!

Apg 10
34 Da begann Petrus zu reden und sagte:

37 Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist, angefangen in Galiläa, nach der Taufe, die Johannes verkündet hat:
38 wie Gott Jesus von Nazaret gesalbt hat mit dem Heiligen Geist und mit Kraft, wie dieser umherzog, Gutes tat und alle heilte, die in der Gewalt des Teufels waren; denn Gott war mit ihm.
39 Und wir sind Zeugen für alles, was er im Land der Juden und in Jerusalem getan hat. Ihn haben sie an den Pfahl gehängt und getötet.
40 Gott aber hat ihn am dritten Tag auferweckt und hat ihn erscheinen lassen,
41 zwar nicht dem ganzen Volk, wohl aber den von Gott vorherbestimmten Zeugen: uns, die wir mit ihm nach seiner Auferstehung von den Toten gegessen und getrunken haben.
42 Und er hat uns geboten, dem Volk zu verkünden und zu bezeugen: Dieser ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten.
43 Von ihm bezeugen alle Propheten, dass jeder, der an ihn glaubt, durch seinen Namen die Vergebung der Sünden empfängt.

Als erste Lesung hören wir eine Ansprache des Apostels Petrus, wie sie die Apostelgeschichte überliefert. Er nimmt dabei eine Rückschau der Osterereignisse vor:
„Ihr wisst, was im ganzen Land der Juden geschehen ist…“ Er bezieht sich auf Jesu ganze Verkündigung in ganz Israel, die in Galiläa begonnen hat nach der Johannestaufe. Jesus hat mit seiner Verkündigung ja begonnen, nachdem man Johannes ins Gefängnis geworfen hat. Dieser war der unmittelbare Vorläufer, der die Umkehr als Vorbereitung auf den Messias gepredigt hat.
Dann spielt Petrus auf die Taufe Jesu im Jordan an und erklärt dabei auch, dass die eigentliche Tat nicht in der Taufe durch Johannes, sondern in der Salbung Gottes mit dem Hl. Geist besteht.
Er blickt dann darauf zurück, wie Jesus umherzog und Gutes tat – das bezieht sich auf seine ganzen Heilstaten. Er thematisiert auch die Exorzismen („die in der Gewalt des Teufels waren“).
Wenn Petrus sagt: „Wir sind Zeugen für alles, was er im Land der Juden und in Jerusalem getan hat“, dann bezieht es sich auf die ganze Jüngerschaft, die Augenzeugen Jesu darstellen.
„Ihn haben sie an den Pfahl gehängt und getötet.“ Dies lässt offen, wer damit gemeint ist, aber für die Zuhörerschaft ist klar, dass damit die Tempelelite gemeint ist, denen Jesus ein Dorn im Auge war. Das heißt nicht, dass er antisemitische Dinge hier andeutet. Es bezieht sich ja nicht auf das gesamte jüdische Volk. Dies wäre ja auch sinnlos, da er selbst dazugehört.
Dann kommt die österliche Aussage: „Gott aber hat ihn am dritten Tag von den Toten auferweckt und hat ihn erscheinen lassen, zwar nicht dem ganzen Volk, wohl aber den von Gott vorherbestimmten Zeugen: uns, die wir mit ihm nach seiner Auferstehung von den Toten gegessen und getrunken haben.“ Jesus ist am dritten Tage auferweckt worden und seine Gestalt, die nicht nur ein Geist war, sondern mit Leib, haben die Aposteln bezeugt. Wir hören bei Paulus, der noch ältere Augenzeugnisse der Ostererscheinungen überliefert, dass Jesus sogar 500 Menschen zugleich erschienen ist. Dass Jesus lebt, ist kein Märchen, sondern eine historische Tatsache!
Die Jünger haben mit ihm gegessen und getrunken, was beweist, dass er mehr ist als nur eine Vision, ein Geist oder eine Halluzination trauernder Männer.
Bevor Jesus zu seinem Vater heimgegangen ist, hat er seinen Aposteln aufgetragen, sein Evangelium zu verkündigen und zu bezeugen: „Dieser ist der von Gott eingesetzte Richter der Lebenden und der Toten.“ So beten wir bis heute im Glaubensbekenntnis: „Von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.“
Zum Schluss sagt Petrus noch etwas Wichtiges: Was Jesus anbelangt, haben die Propheten schon vorhergesagt. Ihn haben sie angekündigt. In Jesu Namen werden die Menschen die Vergebung der Sünden empfangen. Dies geschieht in erster Linie durch die Taufe auf den Namen Jesu Christi. Diese wäscht nämlich den alten Menschen ab. Sie ist der Bundesschluss mit Gott, den Jesus durch seinen Tod und seine Auferstehung besiegelt hat.

Ps 118
1 Dankt dem HERRN, denn er ist gut, denn seine Huld währt ewig!
2 So soll Israel sagen: Denn seine Huld währt ewig.
16 die Rechte des HERRN, sie erhöht, die Rechte des HERRN, Taten der Macht vollbringt sie.
17 Ich werde nicht sterben, sondern leben, um die Taten des HERRN zu verkünden.
22 Ein Stein, den die Bauleute verwarfen, er ist zum Eckstein geworden.
23 Vom HERRN her ist dies gewirkt, ein Wunder in unseren Augen.

Heute beten wir wie gestern in der Osternacht den so wunderbaren Psalm 118, der durch die Auferstehung Jesu Christi zu unserem Lebensprogramm geworden ist. Ja, Gottes Huld währt ewig, denn er ist gut. Kein anderer Gott hat sich jemals von seinen geliebten Kindern umbringen lassen, um ebenjene von allen Sünden zu erlösen!
Gott hat durch die Auferstehung seines Sohnes wirklich seine Macht bewiesen. Das war die größte Heilstat aller Zeiten, die die Menschen gestern, heute und morgen erlöst hat!
Und deshalb darf der Mensch voller Freude sagen: „Ich werde nicht sterben, sondern leben, um die Taten des HERRN zu verkünden.“ Ja, das ist die einzig angemessene Antwort auf die Erlösung, die uns zuteilgeworden ist – ihn zu verkünden und immerfort Zeugnis für ihn abzulegen.
Jesus Christus ist wirklich zum Eckstein geworden, nachdem die Bauleute ihn verworfen haben. Dies greifen die Autoren des Neuen Testaments auf wie Petrus im ersten Petrusbrief oder Paulus im Römerbrief. Ja, Jesus selbst hat dieses Schriftwort aufgegriffen und auf sich bezogen, wie wir in allen synoptischen Evangelien lesen. Die Menschen haben ihn nicht angenommen, aber Gott hat diese Ablehnung wiederum ins Heil umgekehrt. Gott ist ein Gott des Heils und hat somit der gesamten Menschheit die Rettung gebracht.

Kol 3
1 Seid ihr nun mit Christus auferweckt, so strebt nach dem, was oben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt!
2 Richtet euren Sinn auf das, was oben ist, nicht auf das Irdische!
3 Denn ihr seid gestorben und euer Leben ist mit Christus verborgen in Gott.
4 Wenn Christus, unser Leben, offenbar wird, dann werdet auch ihr mit ihm offenbar werden in Herrlichkeit.

Als zweite Lesung gibt es eine Auswahl, entweder einen Aussschnitt aus dem Kolosserbrief oder aus dem ersten Korintherbrief. Ich schreibe gerne einige Gedanken zu beiden Texten:
Die Taufe, mit der die Ansprache des Petrus endet, wird hier weiter fortgesetzt: Durch dieses heilsnotwendige Sakrament sind wir Getaufte mit Christus auferweckt. Deshalb sage ich so gern, dass wir Christen österliche Menschen sind. Mit dem Sakrament ist es aber nicht getan. Wir müssen nun auch entsprechend leben als Antwort auf diese unfassbar große Liebestat Jesu Christi. Als Österliche sollen wir unseren Blick schon auf die Ewigkeit richten, die das wahre Leben ist. Das Irdische soll nicht unsere Aufmerksamkeit erhalten – zumindest nicht in dem Ausmaß, dass es unserem ewigen Leben im Weg steht. Es geht um die richtigen Prioritäten. Ganz oben steht das Bestreben „nach dem, was oben ist, wo Christus zur Rechten Gottes sitzt“.
Unser alter Mensch ist gestorben und mit Christus in Gott verborgen. Da können wir nicht mehr so leben, als wären wir immer noch dieser alte Mensch.
Christus ist unser Leben, denn durch ihn sind wir im Hl. Geist wiedergeboren. Und wenn Christus offenbar wird – gemeint ist am Ende der Zeiten bei seiner Wiederkunft -, dann wird diese neue Identität durch die Taufe an uns für alle offenbar. Man wird das unlöschbare Siegel in unserer Seele erkennen. Dann werden alle sehen, dass wir Erben des Reiches Gottes sind.

1 Kor 5
6 Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert?
7 Schafft den alten Sauerteig weg, damit ihr neuer Teig seid! Ihr seid ja schon ungesäuertes Brot; denn als unser Paschalamm ist Christus geopfert worden.
8 Lasst uns also das Fest nicht mit dem alten Sauerteig feiern, nicht mit dem Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit den ungesäuerten Broten der Aufrichtigkeit und Wahrheit!

Der erste Korintherbrief vermittelt im Grunde dieselbe Botschaft wie der Ausschnitt aus dem Kolosserbrief. Jetzt, wo wir getauft sind, können wir nicht mehr so leben wie zuvor. Wir müssen konsequent und radikal den alten Menschen hinter uns lassen. Schließlich ist unser alter Mensch gestorben. Wenn wir nicht radikal den alten Menschen von uns abschneiden, dann wird dessen Bosheit uns irgendwann wieder ganz befallen so wie ein bisschen Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert. Dabei sind wir ja durch den Neuen Bund zu ungesäuerten Broten geworden, denn Christus ist das Passahlamm (dazu gehören ja die Mazzen, die man in Kräuter eintaucht). Und dieses Bild ist als Gegenbild zu dem gesäuerten Brot zu betrachten als Sinnbild für die Aufrichtigkeit und Wahrheit des christlichen Lebenswandels. Ostern hat seine Konsequenzen – nicht nur sakramental in Form der Taufe, sondern auch im moralischen Sinne.

Joh 20
1 Am ersten Tag der Woche kam Maria von Magdala frühmorgens, als es noch dunkel war, zum Grab und sah, dass der Stein vom Grab weggenommen war.
2 Da lief sie schnell zu Simon Petrus und dem anderen Jünger, den Jesus liebte, und sagte zu ihnen: Sie haben den Herrn aus dem Grab weggenommen und wir wissen nicht, wohin sie ihn gelegt haben.
3 Da gingen Petrus und der andere Jünger hinaus und kamen zum Grab;
4 sie liefen beide zusammen, aber weil der andere Jünger schneller war als Petrus, kam er als Erster ans Grab.
5 Er beugte sich vor und sah die Leinenbinden liegen, ging jedoch nicht hinein.
6 Da kam auch Simon Petrus, der ihm gefolgt war, und ging in das Grab hinein. Er sah die Leinenbinden liegen
7 und das Schweißtuch, das auf dem Haupt Jesu gelegen hatte; es lag aber nicht bei den Leinenbinden, sondern zusammengebunden daneben an einer besonderen Stelle.
8 Da ging auch der andere Jünger, der als Erster an das Grab gekommen war, hinein; er sah und glaubte.
9 Denn sie hatten noch nicht die Schrift verstanden, dass er von den Toten auferstehen müsse.
10 Dann kehrten die Jünger wieder nach Hause zurück.
11 Maria aber stand draußen vor dem Grab und weinte. Während sie weinte, beugte sie sich in die Grabkammer hinein.

12 Da sah sie zwei Engel in weißen Gewändern sitzen, den einen dort, wo der Kopf, den anderen dort, wo die Füße des Leichnams Jesu gelegen hatten.
13 Diese sagten zu ihr: Frau, warum weinst du? Sie antwortete ihnen: Sie haben meinen Herrn weggenommen und ich weiß nicht, wohin sie ihn gelegt haben.
14 Als sie das gesagt hatte, wandte sie sich um und sah Jesus dastehen, wusste aber nicht, dass es Jesus war.
15 Jesus sagte zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie meinte, es sei der Gärtner, und sagte zu ihm: Herr, wenn du ihn weggebracht hast, sag mir, wohin du ihn gelegt hast! Dann will ich ihn holen.
16 Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister.
17 Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.
18 Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.

Das Evangelium vom Ostertag berichtet von Maria Magdalena, die voller Liebe zu Christus um ihren verstorbenen Herrn trauert. Sie kommt frühmorgens noch vor Sonnenaufgang zum Grab, doch da sieht sie, dass der Stein weggerollt worden ist! Sie denkt, dass man den Leichnam woanders hingelegt hat, und rennt ganz entsetzt zu den Aposteln. Petrus und Johannes machen sich sofort auf den Weg zum Grab, wobei Johannes schneller dort ankommt als Petrus. Man könnte es auf den Altersunterschied schieben (Johannes ist jünger als Petrus), doch daran liegt es nicht. Es drückt vielmehr aus, wie sehr Johannes Jesus geliebt hat – er ist wie die männliche Version von Maria Magdalena…Johannes kommt früher an, geht jedoch nicht hinein. Er weiß, dass Petrus eine Vorrangstellung hat. Jesus hat ihm die Schlüssel des Himmelreiches übergeben, er hat ihn den Fels genannt, auf dem er seine Kirche bauen will. Deshalb lässt er Petrus den Vortritt, der hineingeht und die Leinenbinden dort liegen sieht. Sie sehen auch das Schweißtuch (das Wort an dieser Stelle ist σουδάριον Soudarion). Es liegt an einer besonderen Stelle und wir erfahren, dass es zusammengebunden dort liegt. Das kann nur eines heißen: Der Leichnam ist nicht einfach weggenommen worden, sondern Jesus ist von den Toten auferstanden! Er hat dieses besondere Tuch sorgsam präpariert und dort hingelegt, damit die Jünger den Code verstehen: „Ich komme wieder!“ Ein Rabbi hat bei einem Mahl seine Serviette auf eine bestimmte Weise hinterlassen, wenn er sich vom Tisch erhob. War er mit dem Essen fertig, warf er die Serviette ganz ungeordnet auf den Tisch. Wollte er nach einer Weile das Mahl fortsetzen, legte er sie sorgsam zusammen, was dem Schüler signalisierte: „Ich komme gleich zurück und esse weiter.“ Jesus hat seinen Jüngern den Code gegeben und deshalb heißt es, dass Johannes sah und glaubte. Er kommt wieder und wird mehrfach mit seinen Jüngern Mahl halten, aber dieses wird nur die Antizipation dessen sein, was im Himmel geschehen wird: Das Hochzeitsmahl des Lammes!
Nun geht ihnen also auf, was Jesus meinte, als er sagte, er müsse von den Toten auferstehen.
Danach gehen sie zurück, denn ihnen bleibt nichts weiter zu tun, als abzuwarten.
Maria Magdalena bleibt am Grab. Sie hat Jesus sehr geliebt und so weint sie an seinem offenen Grab. Sie hat offensichtlich noch nicht verstanden, dass Jesus von den Toten auferstanden ist. Als sie hineinsieht, erblickt sie zwei Engel, die sie nach ihren Tränen fragen. Sie erklärt daraufhin, dass sie ratlos ist, weil der Leichnam Jesu irgendwo hingebracht worden ist.
Nun tritt Jesus selbst an sie heran. Sie hat die Ehre, ihm zuerst zu begegnen. Ihr wird diese große Gnade zuteil, weil sie ihn mit so inniger Liebe geliebt hat.
Auch er fragt sie, warum sie weint. Sie erkennt den Auferstandenen zunächst nicht, denn sein Auferstehungsleib ist anders als vor seinem Tod. Sie denkt, es sei der Gärtner. Deshalb fragt sie ihn, wohin er den Leichnam Jesu gelegt habe. Erst als Jesus sie beim Namen nennt (ein unbekannter Gärtner wird schwerlich ihren Namen gekannt haben!), erkennt sie den auferstandenen Jesus.
Wir lesen zwar nicht davon, aber offensichtlich möchte sie Jesus voller Freude festhalten. Er ist aber noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Das heißt, dass sie Jesus ganz festhalten darf und soll, wenn er zum Vater in den Himmel aufgefahren ist. Jetzt ist er mal hier und da und vor allem: Er ist noch nicht verherrlicht.
Jesus hat eine wichtige Aufgabe für sie. Sie soll seinen Aposteln, dem engsten Jüngerkreis die Osterbotschaft bringen, dass er lebt und vor allem, dass er heimgehen muss „zu meinem Vater und zu eurem Vater, zu meinem Gott und zu eurem Gott“. Das ist ein wichtiger Hinweis. Als Jesus vor den Aposteln das Mahl des Neuen Bundes etabliert hat, hat er schon angedeutet, dass dadurch ein neuer Bund geschlossen werde. Sie sind nun Erlöste, sie sind zu Kindern Gottes geworden. Jesus hat ihnen das Vaterunser beigebracht und somit schon sensibilisiert, was durch seine Erlösungstat nun Realität geworden ist: Sie sind Kinder Gottes und dürfen Gott ihren Vater nennen! Sie gehören nun zur Familie Gottes, sodass nicht mehr nur Jesus Gott seinen Vater nennt, sondern auch die Apostel es nun dürfen. Das betrifft alle, die den Glauben an Jesus Christus angenommen haben und sich haben taufen lassen. Wir sind nun Teil der Familie Gottes und wir dürfen Gott unseren Vater nennen. Jesus ist nicht nur unser Herr und König, er ist auch unser Bruder.
Maria von Magdala eilt nun zu den Jüngern und berichtet, dass sie den Herrn gesehen habe. Sie übergibt den Aposteln die Botschaft und wird so zur Apostolin der Apostel.

Ostern bedeutet Freiheit und Leben, aber durch die geschenkte Fähigkeit zum Gutsein auch Verantwortung. Weil Jesus diese unfassbar große Liebe allen Menschen erwiesen hat, konnten wir bzw. unsere Eltern stellvertretend für uns diese Liebe bejahen und als Antwort darauf die Taufe empfangen. Jesus lässt uns wirklich nicht als Waisen zurück, wie er schon angekündigt hat!

Halleluja!

Ihre Magstrauss

Montag der Karwoche

Jes 42,5a.1-7; Ps 27,1.2.3.13-14; Joh 12,1-11

Jes 42
So spricht Gott, der HERR:
1 Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze; das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt, er bringt den Nationen das Recht.
2 Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen.
3 Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus; ja, er bringt wirklich das Recht.
4 Er verglimmt nicht und wird nicht geknickt, bis er auf der Erde das Recht begründet hat. Auf seine Weisung warten die Inseln.
5 So spricht Gott, der HERR, der den Himmel erschaffen und ausgespannt hat, der die Erde gemacht hat und alles, was auf ihr wächst, der dem Volk auf ihr Atem gibt und Geist allen, die auf ihr gehen.
6 Ich, der HERR, habe dich aus Gerechtigkeit gerufen, ich fasse dich an der Hand. Ich schaffe und mache dich zum Bund mit dem Volk, zum Licht der Nationen,
7 um blinde Augen zu öffnen, Gefangene aus dem Kerker zu holen und die im Dunkel sitzen, aus der Haft.

Wir stehen in der Karwoche. Das bedeutet, die Zeit der Gottesknechtslieder ist gekommen! Heute hören wir in der Lesung aus dem ersten Gottesknechtslied, das in Jesaja 42 zu lesen ist.
Es ist aus der Sicht Gottes formuliert, der den leidenden Gerechten als seinen Knecht proklamiert. Das bedeutet, dass alles, was er über ihn sagt, in der dritten Person geschrieben ist.
„Siehe, das ist mein Knecht, den ich stütze“ – das hebräische Verb אֶתְמָךְ etmach bedeutet „ich stütze“ im Sinne von „ich unterstütze“. Gott ist mit ihm und steht ihm bei.
„Das ist mein Erwählter, an ihm finde ich Gefallen.“ Die Verbform an dieser Stelle ist eigentlich eine Vergangenheitsform (wörtlich heißt es „an ihm fand meine Seele Gefallen“). Wenn wir dies auf Jesus beziehen, den die Kirche jederzeit mit dem leidenden Gottesknecht identifiziert hat, dann erinnern wir uns an die Taufe Jesu. Dort hat Gott ihm zugesagt, dass er sein geliebter Sohn sei, an dem er Gefallen gefunden hat. Dies bedeutet natürlich nicht, dass er zuvor nicht Gottes geliebter Sohn gewesen ist, sondern dass in dieser sehr prophetischen Zeichenhandlung der Taufe vor Johannes und den Anwesenden Gott typische Worte eines jüdischen Vaters spricht, der bei der Beschneidung und Namensgebung ein Kind offiziell als seines annimmt. Es war damals eine Lektion für die Anwesenden, die Taufe Jesu als eine Art Geburt kennen zu lernen. Und auf dieses Ereignis verweist Gott zurück, wenn wir das Lied auf Jesus anwenden. Auch der nächste Satz ist darauf zu beziehen, denn bei der Taufe Jesu kam der Hl. Geist in Gestalt einer Taube auf Jesus herab. Der Vater sandte den Geist auf den Sohn herab und so erlebten die Menschen einen Moment der Dreifaltigkeit. Wenn wir dies alles aber zunächst wörtlich verstehen und aus der Sicht des Propheten Jesaja verstehen, dann ist es deshalb in der Vergangenheitsform, weil der Messias, der zukünftig erwartet wird, schon längst existiert. Er ist vor aller Zeit schon von Gott als geliebter Sohn proklamiert worden, der ihn gezeugt hat.
Jesus ist es, der den Nationen (das hebräische Wort für die heidnischen Völker) das Recht bringen wird. Die Verbform ist hier eine Zukunftsform. Jesus wird am Ende der Zeiten als verherrlichter Menschensohn zurückkehren und die Nationen (das heißt also alle Menschen) richten. Er wird Gericht bringen (מִשְׁפָּ֖ט mischpat „Gericht, Urteil“).
„Er schreit nicht und lärmt nicht und lässt seine Stimme nicht auf der Gasse erschallen“ – all diese Dinge sind sowohl präsentisch als auch zukünftig interpretierbar. Wenn wir bedenken, dass hier der künftige Messias von Gott selbst angekündigt wird, der diese Worte ja spricht, dann lässt sich die Zukünftigkeit der Aussagen sehr gut nachvollziehen. Er ist so sein, dass er kein großes Drama um sich machen wird. Natürlich wird er Worte sagen, die eine große Durschlagskraft haben. Zugleich wird er wehrlos wie ein Lamm zu gegebener Zeit alles mit sich machen lassen, ohne sich zu wehren oder sich zu beschweren.
„Das geknickte Rohr zerbricht er nicht und den glimmenden Docht löscht er nicht aus.“ Auch hier handelt es sich wieder um Verbformen, die am ehesten als Zukunftsformen übersetzt werden müssten: Der zukünftige Messias wird das geknickte Rohr nicht zerbrechen und den Docht nicht auslöschen. Er wird noch das kleinste Fünkchen Glauben fördern und das kleinste Glimmen wieder zu einer großen Flamme werden lassen, solange er Bereitschaft und Umkehr sehen wird. Er wird nicht wie die Pharisäer und Schriftgelehrten die offensichtlichen Sünder aufgeben und abstempeln. Er wird wirklich das Recht bringen, weil er wie der Gärtner im Weinberg den Feigenbaum noch umgraben und düngen, alles nur Erdenkliche unternehmen wird, um jeder Seele bis zum letzten Augenblick noch die Chance zur Umkehr zu geben. So ist Gottes Barmherzigkeit.
Auch er selbst verglimmt nicht und knickt nicht (beides wiederum zukünftig), bis er das Recht auf Erden begründen wird (auch Zukunftsform). Ja, wir denken schon an Karfreitag, wenn wir die Johannespassion hören werden, in der Jesus am Ende sagen wird: „Es ist vollbracht“. Dann wird sein glimmender Docht ausgehen, aber nur für eine kurze Zeit. Dann wird er das Recht etabliert haben, das sich am Ende der Zeiten aber erst durchsetzen wird.
„Auf seine Weisung warten die Inseln.“ Damit sind die Enden der Erde gemeint und dies bezieht sich auf die universale Sehnsucht nach dem Messias. Wenn dieser dann kommen wird, Jesus Christus, dann wird er wirklich die Weisung bringen, sein Evangelium, das kein anderes ist als die Torah. Er wird sie aber erfüllen und den Bäume zählenden Menschen wieder den gesamten Wald zeigen. Er wird auf das Wesentliche und Entscheidende hinweisen und erklären, worauf es wirklich ankommt. Er wird die Torah aber vor allem verkörpern mit seinem ganzen Leben. Er wird sie ganz vorleben, sodass sie an seiner Person ablesbar wird. Auf diese Weisung, die deshalb „seine“ Weisung ist, warten die Inseln zurzeit des ersten Gottesknechtsliedes, aber wir schauen schon rückblickend darauf. Jesus hat das Evangelium, die frohe Botschaft, für die ganze Menschheit verkündet und vor seinem Heimgang zum Vater seinen Jüngern aufgetragen, dieses universale Heil allen Menschen zu verkünden „bis an die Enden der Erde“, also auch „den Inseln“.
Der Vater hat seinen Sohn aus Gerechtigkeit gerufen – weil Gott uns so sehr liebt, hat er von Anfang an in seinem Heilsplan die Hingabe seines einzigen Sohnes eingeplant. Dieser Messias wird zugleich “ zum Bund mit dem Volk“ (לִבְרִ֥ית עָ֖ם livrit am) und “ zum Licht für die Völker (לְאֹ֥ור גֹּויִֽם le’or gojim). Jesu heilsgeschichtliche Bedeutung ist 1. der Mittler des Neuen Bundes mit dem Volk Israel (am) und 2. ebenso mit den Heiden (gojim)!
Der Gottesknecht, mit dem der Messias gemeint ist, wird Blinden die Augen öffnen – wortwörtlich mit Menschen wie Bartimäus, aber auch im übertragenen Sinne – die Augen des Glaubens mit all denen, die durch seine Worte und Taten zum Glauben an ihn kommen. Dieser Messias wird Gefangene befreien, die im Kerker sitzen. Das meint nicht nur das Volk Israel, das in der babylonischen Gefangenschaft ist, oder später das Volk unter römischer Fremdherrschaft. Es meint die Gefangenschaft der Sünde, die den Menschen in die Dunkelheit reißt, in das Verderben. Jesus ist gekommen, um uns von der Erbsünde zu befreien, damit wir das Himmelreich erben können. Damit uns das ermöglicht wird, geht er selbst in Haft, in die schlimmste Dunkelheit des Todes, nur um diesen zu überwinden am dritten Tag!

Ps 27
1 Von David. Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?
2 Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde; sie sind gestrauchelt und gefallen.
3 Mag ein Heer mich belagern: Mein Herz wird nicht verzagen. Mag Krieg gegen mich toben: Ich bleibe dennoch voll Zuversicht.
13 Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden.
14 Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den HERRN!

Der Psalm greift die Not und das Leiden auf, das der leidende Gottesknecht erfahren wird. Es greift aber auch das Licht des glimmenden Dochts auf, das Leben, das Gott dem Knecht verleihen wird. König David hat diesen Vertrauenspsalm gedichtet, als er selbst in tiefster Not war. Wir lesen hier seine tiefsten Herzensregungen, der mit Gott so innig verbunden war. Umso mehr sind es Worte, die der neue David, der Sohn Davids, Jesus Christus gebetet hat:
„Der HERR ist mein Licht und mein Heil“. Er ist dadurch die Hoffnung, die Wärme und die Orientierung in Zeiten der Trostlosigkeit, der Kälte und der Dunkelheit. Wer auch immer leidet, wird bei Gott Zuflucht finden, so auch der Sohn Gottes selbst. Er kann sich ganz beim Vater bergen und zu ihm hat er in seinem ganzen Leidensprozess von Getsemani an ununterbrochen Kontakt gehalten. Er hatte Todesangst und doch konnte er beten: „Vor wem sollte ich mich fürchten?“ Er wusste, dass trotz der schlimmen Leiden am Ende das Heil Gottes steht, dass der Böses besiegt werden würde.
„Dringen Böse auf mich ein, um mein Fleisch zu verschlingen, meine Bedränger und Feinde; sie sind gestrauchelt und gefallen.“ Die Römer, die Jesu Geißelung ausgeführt haben, sind in einen regelrechten Blutrausch verfallen. Was sie mit ihm getrieben haben, ist total unmenschlich. Die Worte des Fleischverschlingens ist also gar nicht so weit hergeholt…und am Ende sind sie gefallen. Sie haben nicht triumphiert, denn Jesus ist am dritten Tage auferstanden! Aber nicht diese Feinde sind die eigentlichen Gegner: Es ist der Satan mit seinen Gefährten, die Jesus angegriffen haben und am Ende entmachtet worden sind!
„Mag ein Heer mich belagern: Mein Herz wird nicht verzagen.“ Dieses Heer bezieht sich ebenfalls vor allem auf die Heerscharen der unsichtbaren Welt – auf die Welt der Dämonen. Der ganze „Hofstaat“ Satans hat alle Register gezogen, den Sohn Gottes ins Verderben zu bringen mit ständigen Versuchungssituationen, durch die Grausamkeit der durch sie beeinflussten Menschen, durch die Spöttereien und Beleidigungen Gottes, die sie den Menschen eingegeben haben. Dieser geistige Krieg ist es, der hier vor allem zu nennen ist.
Wir lesen diesen Psalm jetzt in der Karwoche vor allem christologisch. Er hat auch wörtlich verstanden eine Bedeutung und diese ist zu allererst zu berücksichtigen. Die christologische Deutung so kurz vor der Passion Christi überlagert für uns in dieser Zeit alles. Und doch vergessen wir natürlich nicht, dass hinter diesem Psalm die Nöte des Volkes Israel stehen, das Heil und das Licht Gottes natürlich mit der messianischen Erwartung erklärt werden muss („Heil“ und der Name „Jesus“ haben im Hebräischen dieselbe Wurzel). Jesus ist das Licht, das die Heiden erleuchtet, wie wir im Gottesknechtslied Jesajas gehört haben. Er ist diese Hoffnung für all jene, deren Leiden vor allem aus der Hoffnungslosigkeit des Exils außerhalb des Paradieses besteht, das durch den ersten Sündenfall auf die gesamte Menschheit gekommen war. Jesus Christus hat durch seine Erlösung die Himmelstür wieder geöffnet und ist somit zum Licht geworden.
Und deshalb kann sowohl das Volk Israel, als auch wir Bundespartner des Neuen Bundes heute beten: „Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Lande der Lebenden.“ Dieses Land ist vor allem das Himmelreich, wo uns wahrlich das ewige Leben erwartet, auch wenn wir physisch sterben. Am Ende der Zeiten wird auch dies wegfallen, sodass wir mit unseren Leibern wieder vereint werden. Schon Jesus kann so beten, denn er schaut die Güte des Vaters nun, während er zu seiner Rechten sitzt. Er ist der Anfang der neuen Schöpfung und so erwartet auch uns das Schauen der Güte Gottes.
„Hoffe auf den HERRN!“ So hat auch David bis zum Schluss seine ganze Hoffnung auf Gott gesetzt, so hat auch Jesus am Kreuz die Hoffnung nicht aufgegeben, selbst wenn es so aussieht wegen seiner Psalmenrezitation (Ps 22 „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen…“). Er hat bis zum Schluss Kontakt zum Vater gehalten und im Sterben einen Psalm gebetet, der am Ende in einen Lobpreis und in Dank umschwingt! Und so dürfen auch wir als österliche Menschen bis zum letzten Atemzug auf den HERRN hoffen, der unsere unerschütterliche Basis ist. Und wenn die ganze Welt den Bach untergeht, wissen wir, das muss so geschehen, denn dann wird der Herr bald wiederkommen!

Joh 12
1 Sechs Tage vor dem Paschafest kam Jesus nach Betanien, wo Lazarus war, den er von den Toten auferweckt hatte.
2 Dort bereiteten sie ihm ein Mahl; Marta bediente und Lazarus war unter denen, die mit Jesus bei Tisch waren.
3 Da nahm Maria ein Pfund echtes, kostbares Nardenöl, salbte Jesus die Füße und trocknete sie mit ihren Haaren. Das Haus wurde vom Duft des Öls erfüllt.
4 Doch einer von seinen Jüngern, Judas Iskariot, der ihn später auslieferte, sagte:
5 Warum hat man dieses Öl nicht für dreihundert Denare verkauft und den Erlös den Armen gegeben?
6 Das sagte er aber nicht, weil er ein Herz für die Armen gehabt hätte, sondern weil er ein Dieb war; er hatte nämlich die Kasse und veruntreute die Einkünfte.
7 Jesus jedoch sagte: Lass sie, damit sie es für den Tag meines Begräbnisses aufbewahrt!
8 Die Armen habt ihr immer bei euch, mich aber habt ihr nicht immer.
9 Eine große Menge der Juden hatte erfahren, dass Jesus dort war, und sie kamen, jedoch nicht nur um Jesu willen, sondern auch um Lazarus zu sehen, den er von den Toten auferweckt hatte.
10 Die Hohepriester aber beschlossen, auch Lazarus zu töten,
11 weil viele Juden seinetwegen hingingen und an Jesus glaubten.

Heute hören wir die Vorgeschichte des Einzugs in Jerusalem, was wir gestern an Palmsonntag gefeiert haben. Es ist der Tag vor seiner inszenierten Einreise in die Heilige Stadt. Er ist in dem 15 Stadien entfernten Betanien bei seinen Freunden, den drei Geschwistern Marta, Maria und Lazarus, den er von den Toten auferweckt hat.
Wir konzentrieren uns beim Hören dieser Episode immer darauf, was Maria hier tut, was nun auch im Folgenden erklärt wird. Aber zuvor wird noch eine wichtige Information erwähnt, die wir nicht überlesen dürfen! Und zwar geschieht die prophetische Geste Mariens während eines Mahls! Die Anwesenden liegen bei Tisch und Marta bewirtet alle. Und während dieses Mahls kommt nun Maria mit einem Pfund kostbaren Nardenöls (sehr teuer!) zu Jesus, salbt Jesus mit diesem die Füße und trocknet diese dann mit ihren Haaren ab. Es hat eine entscheidende Bedeutung, warum Maria das während des Essens tut. Dazu kommen wir gleich. Zunächst betrachten wir die Reaktion des Judas Iskariot, der hier auf den ersten Blick sehr solidarisch erscheint. Er reagiert auf die Verschwendung, die es in der Tat wirtschaftlich gesehen ist. Ihm geht es gar nicht um die Armen, denen man von dem Preis etwas hätte spenden können, sondern er war habgierig und räuberisch. Als Kassenwart veruntreute er die Einnahmen und sah in dieser Geste einen dicken Fisch davon schwimmen. Sein Herz ist unaufrichtig und Jesus hat es immer mit Schmerz betrachtet.
Auch heutzutage argumentieren viele so, dass wir weniger prunkvolle Gegenstände in der Kirche verwenden und das Ersparte lieber den Armen geben sollten. Der ein oder andere mag damit wirklich aufrichtig um die Armen besorgt sein, manche vielleicht so wie Judas eingestellt sein. Wichtig ist aber: Zuerst kommt die Gottesliebe und dann die Nächstenliebe. Gott steht an erster Stelle und ihm zu Ehre darf man auch etwas investieren. Wenn wir an Gott sparen, wie ist das mit der Gottesliebe vereinbar? Und wenn Gott Mensch geworden ist und zu einer bestimmten Zeit unter den Menschen ist, kann man da wirklich an ihm sparen? Natürlich nicht! Die Armen und Bedürftigen sind ein dauerhaftes Unrecht, das es natürlich zu beseitigen gilt, umso mehr für jene, die sich Christen nennen, aber jede Situation erfordert Prioritäten. Zu Jesu Zeit ist es kurz vor Zwölf. Er ist nur noch eine kurze Zeit bei ihnen, da hat er natürlich die oberste Priorität. In unserer Zeit muss mit Klugheit und Weisheit das Geld verwaltet werden. Und wenn die Kirche einsparen muss, dann an unangemessenem Luxus, nicht an der Liturgie und allem, was allein für den Herrn ist! Dann ist eine Rückbesinnung auf die Einfachheit Jesu und seiner Jünger geboten, was in erster Linie auf ein bescheideneres Leben der Geistlichen in unseren Breitengraden zu beziehen ist, nicht auf die Hostienschale oder den Kelch, in dem Christus selbst gegenwärtig ist!
Jesus sagt selbst, dass er nicht ewig bei ihnen bleiben wird und deshalb nimmt er Marias Denkweise vor seinem Jünger in Schutz.
Nun zur Salbung Mariens. Wir lernen sie kennen als eine kontemplative Frau, die ganz und gar Jesu Worten lauscht, sie in sich aufnimmt und sie betrachtet. Sie erkennt, dass Jesus der Messias ist, an dem sich die ganzen Verheißungen der Hl. Schriften der Juden erfüllt. Sie erkennt auch, dass die logische Konsequenz das Leiden und der Tod sind. Er hat es selbst immer wieder angedeutet, aber aus den Schriften weiß sie auch, dass der Gesalbte mit Füßen zertreten und abgelehnt werden würde. Sie ahnt und versteht bereits, was viele noch längst nicht verstehen – sie versteht sogar mehr als Jesu eigene Apostel: Jesaja, Daniel, Sacharja, die Propheten des AT bringen es schon auf den Punkt, was Jesus in der Hl. Stadt widerfahren wird. Maria weiß, dass Jesus am nächsten Tag dorthin aufbrechen würde. Und deshalb salbt sie ihn, wie man Könige salbt bei ihrem Begräbnis. Sie nimmt dies schon vorweg, was am darauffolgenden Freitagabend geschehen wird, seine Einbalsamierung. Jesus erklärt es sogar eindeutig – er spricht von seinem eigenen Begräbnis.
Maria muss ihr ganzes Wohlhaben geopfert haben, um dieses Öl auf so verschwenderische Weise für Jesus auf einmal auszugeben. Das zeigt ihre absolute Liebe für ihn. Liebe kennt keinen Preis. Liebe ist im wahrsten Sinne verschwenderisch. Sie ist immer in Überfülle. Das sehen wir an Gott, der die Liebe ist. Wenn er uns beschenkt, dann immer im Überfluss. Maria gibt Jesus nur ein wenig davon zurück, was Gott an ihr und an ihrer Familie Gutes getan hat. Sie gibt ihr alles. Und Jesus würdigt das. Er hat ihr Herz dahinter gesehen und er wird die Familie in Zukunft noch viel reicher beschenken, nämlich mit der Erlösung so wie uns alle!
Die Totenerweckung des Lazarus schlägt immer noch hohe Wellen. Es kommen immer wieder Juden zu den Geschwistern nach Betanien und werden Jünger Jesu, weil sie durch diese wunderbare Heilstat gläubig werden. Dies provoziert die religiöse Elite und sie plant sogar, über Jesus hinaus auch Lazarus zu töten, weil durch ihn die Menschen zu Christusgläubigen werden.

Wir gehen immer mehr auf die Passion zu und so werden die Worte Jesu immer mehr zu Abschiedsworten. Jede einzelne Silbe der Hl. Schrift müssen wir demnach in uns aufnehmen wie ein Schwamm. Jede Geste muss sich in unser Gedächtnis einbrennen und sich in unsere Seele eingravieren. Alles wird nämlich österlich gewendet werden und so wird alles Schmerzhafte zum Grund des Triumphes! So wird auch alles Schmerzhafte unseres eigenen Lebens aus dieser österlichen Perspektive an Bedrohlichkeit verlieren. Ich lade Sie herzlich dazu ein, wie Maria alles für Jesu Begräbnis „vorzubereiten“: Schenken Sie ihm ihr Kostbarstes in diesen Tagen. Und dieses Gut ist unsere Zeit, unsere Freiheit, die wir momentan global opfern. Schenken wir ihm einfach alles, was wir haben und geben wir uns ihm ganz hin, auf dass unser alter Mensch mit ihm den Kreuzweg begehen wird, auf dass unser alter Mensch mit ihm auf Golgota gekreuzigt und mit Christus bestattet wird. Am dritten Tag werden wir mit Christus auferstehen, das sind wir durch die Taufe schon sakramental, das sind wir durch die Beichte immer wieder, das werden wir liturgisch und somit mystagogisch auch dieses Mal wieder mit ihm gemeinsam durchleben. Das wird uns wieder stärken und eine neue österliche Hoffnung in dieser akuten Corona-Krise verleihen.

Ihre Magstrauss

Verkündigung des Herrn

Jes 7,10-14; Ps 40,7-8.9-10.11; Hebr 10,4-10; Lk 1,26-38

Jes 7
10 Der HERR sprach weiter zu Ahas und sagte:
11 Erbitte dir ein Zeichen vom HERRN, deinem Gott, tief zur Unterwelt oder hoch nach oben hin!
12 Ahas antwortete: Ich werde um nichts bitten und den HERRN nicht versuchen.
13 Da sagte er: Hört doch, Haus Davids! Genügt es euch nicht, Menschen zu ermüden, dass ihr auch noch meinen Gott ermüdet?
14 Darum wird der Herr selbst euch ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau hat empfangen, sie gebiert einen Sohn und wird ihm den Namen Immanuel geben.

Heute ist das Hochfest „Verkündigung des Herrn“. Es ist neun Monate vor der Geburt Jesu Christi, denn heute empfängt Maria nach ihrem Jawort den Messias in ihrem Leib, der vom Hl. Geist gezeugt wird. Es ist ein großes Fest und wir danken heute Maria so sehr, dass sie zugestimmt hat. So konnte der Messias in die Welt kommen und uns alle erlösen! Danke, unsere Mutter Maria!
In der ersten Lesung hören wir von König Ahas und Jesaja, der dem ängstlichen und an Gottvertrauen mangelndem König eine große Verheißung macht.
Lesen wir diese Verheißung zunächst einmal historisch und betrachten auch den Kontext dieses Ausschnitts. König Ahas von Juda sieht sich von seinen Feinden bedroht, die gegen ihn Krieg führen wollen. Jesaja übermittelt ihm die Zusage Gottes, dass er sich nicht fürchten muss. Die geplante Bekämpfung Judas und Ersetzung des Königs durch den Sohn Tabeals wird nicht zustande kommen, so lässt Gott Aram sagen. In der sukzessiven Eroberung des Nordreichs und der wachsenden Bedrohung Judas wendet Gott die Gefahr ab, doch Ahas lässt es kalt. Er glaubt Gott nicht und ist immer noch ängstlich. Gott fordert ihn dann auf, um ein Zeichen zu bitten. Gott ist bereit, dem König von Juda seine Pläne zu offenbaren. Dieser lehnt das Angebot zunächst ab, was Gott dennoch nicht davon abhält, ihm durch Jesaja die Botschaft zu vermitteln. Und nun kommt dieser Vers, den wir absolut messianisch weiterdenken und auf Jesu Menschwerdung beziehen: Die Jungfrau wird ein Kind empfangen, in der neuen Einheitsübersetzung „hat empfangen“ und wird ihm den Namen Immanuel geben. Dieses Kind wird es verstehen, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen. So heißt es im weiteren Verlauf, den wir heute nicht mehr hören. Historisch gesehen könnten die Juden im Nachhinein die Ankündigung König Hiskijas, den Sohn des Ahas, erkannt haben. Er war ein frommer König, der es wirklich verstand, das Richtige zu tun im Gegensatz zu seinem Vater. Und doch können wir bei dieser Leserichtung nicht stehen bleiben. Schon allein die Prophezeiung einer Jungfrau lässt weiterdenken: Hier steht im Hebräischen das Wort הָעַלְמָ֗ה  ha’alma „die Jungfrau“, was ein junges Mädchen im heiratsfähigen Alter meint. Natürlich ist eine alma biologisch gesehen dann auch eine Jungfrau! Dies wird im griechischen AT deshalb mit ἡ παρθένος übersetzt, was ganz eindeutig „Jungfrau“ heißt. Hier wird ein übernatürlicher Zeugungsvorgang angekündigt, von dem wir bei Hiskija noch nicht lesen. Hier handelt es sich um einen Typos, der in Jesus Christus einen Antitypos erhält! So wie durch die Geburt Hiskijas die davidische Dynastie am Leben erhalten wurde, wird durch Jesus, dem Sohn Davids, die Genealogie der neuen Schöpfung eingeleitet, der wir durch die Taufe angehören! Und das Zeichen der Menschwerdung Christi wird zum größten Zeichen Gottes aller Zeiten. Er wird wahrlich der Immanuel sein, Gott, der mit uns ist. Dies hat er bereits im Dornbusch durch den Namen Jahwe verheißen und nun mit dem Messias noch einmal bestätigt. Jesus wird auch am Ende seines Wirkens vor der Himmelfahrt noch einmal bekräftigen: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“ So ist Gott. Dies ist nicht nur eine heilsgeschichtliche Entwicklung für die ganze Menschheit, sondern auch für das alltägliche Leben jedes Einzelnen. Gott ist mit uns, auch da, wo wir von allen Seiten bedrängt werden wie Juda in der heutigen Lesung. Er gibt uns viele Zeichen, die wir im Rausch des Alltags manchmal gar nicht wahrnehmen. Je mehr wir aber aus seinem Geist heraus leben, erkennen wir Gottes Handschrift in allem, was uns widerfährt. Seien wir dankbar und vertrauen wir auf seine wunderbare Vorsehung. Seien wir nicht wie König Ahas und bleiben skeptisch, obwohl Gottes Verheißung so offensichtlich vor uns ist.

Ps 40
7 An Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen, doch Ohren hast du mir gegraben, Brand- und Sündopfer hast du nicht gefordert.
8 Da habe ich gesagt: Siehe, ich komme. In der Buchrolle steht es über mich geschrieben.
9 Deinen Willen zu tun, mein Gott, war mein Gefallen und deine Weisung ist in meinem Innern.
10 Gerechtigkeit habe ich in großer Versammlung verkündet, meine Lippen verschließe ich nicht; HERR, du weißt es.
11 Deine Gerechtigkeit habe ich nicht in meinem Herzen verborgen. Ich habe gesprochen von deinem Heil und deiner Treue, nicht verschwiegen deine Huld und deine Treue vor großer Versammlung.

Im heutigen Psalm drückt König David seine Dankbarkeit über die Gebetserhörung Gottes aus. Der HERR „neigte sich zu“ und „hörte das Schreien“. So eine Formulierung lesen wir auch bei dem unterdrückten Volk Israel in Ägypten. Gott selbst spricht zu Mose im Dornbusch: „Ich habe das Schreien meines Volkes gehört.“ (Ex 3,7).
Die Aussage „an Schlacht- und Speiseopfern hattest du kein Gefallen…“ ist darauf zu beziehen, was dann in Vers 9 geschrieben steht: „deinen Willen zu tun“, also den Willen Gottes zu befolgen, ist das Entscheidende, ohne dass die Opfertätigkeit überflüssig wird. Dies müssen wir als rhetorische Wendung verstehen. Uns geht dies vor allem auf, wenn wir an das heutige Hochfest und den Gehorsam Mariens denken. Sie ist eine fromme Jüdin und begeht die ganzen Wallfahrten und Opfer. Und doch ist nicht dies entscheidend für den Herrn, sondern ihr Ja, als der Erzengel Gabriel ihr die wunderbare Botschaft überbringt, als geweihte Jungfrau die Mutter des Messias zu werden.
Gott hat uns „Ohren gegraben“ (Vers 7), damit wir nämlich seinen Willen hören und ge-hor-sam sein können. Es geht vor allem um die Ohren unseres Glaubens. Jesus wird immer wieder sagen: „Wer Ohren hat, der höre“. Er meint damit weniger die organischen Ohren, sondern vielmehr die Fähigkeit, gehorsam zu sein. So steht es auch bei den sieben Sendschreiben in der Johannesoffenbarung. Wenn Jesus diese Wendung immer wieder aufgreift, werden die frommen Juden eine Anspielung auf diesen Psalm erkannt haben. Diese Ohren haben zum Hören hat Maria vollkommen gelebt. Sie hat auf den Willen Gottes gehört, nicht nur hingehört, sondern auch auf ihn gehört.
„Siehe ich komme“ und „in der Buchrolle steht es über mich geschrieben“ klingt ebenfalls wie die Johannesoffenbarung. Dort sagt der Menschensohn in Offb 22,17 „siehe ich komme bald“. Und die Buchrolle ist ein Leitmotiv gerade in der himmlischen Thronsaalvision der Kapitel 4-5. So kann es sich auf den Messias beziehen, besonders heute an diesem sehr adventlichen Fest. Denn von jetzt an erwarten wir auf besondere Weise den Messias und tatsächlich haben wir durch Jesaja ein Beispiel dafür erhalten, dass in der Schrift von Jesus geschrieben ist. Er ist es, von dem in der Buchrolle geschrieben ist, nämlich in der gesamten Torah wird er schon bezeugt. Deshalb kann er bei seiner „Antrittspredigt“ in Nazaret über die Jesajarolle sagen: „Das Schriftwort, das ihr gerade gehört habt, hat sich heute erfüllt.“ Und Jesus ist es auch, der „in großer Versammlung verkündet.“ Er lehrt in den Synagogen das Reich Gottes und wie der Vater ist. König David hat auch öffentlich gesprochen, auch er ist angekündigt worden als ersehnter König für das gesamte Volk Israel.
Aber nicht nur Christus wird bei Jesaja angekündigt, sondern auch die Jungfrau. Und so können wir diese Aussage auch auf die Muttergottes beziehen!
Auch wir sollen unseren Mund auftun und den HERRN vor allen bekennen. Auch wir sollen das Wort Gottes in unserem Herzen tragen („in meinem Innern“). Dann werden auch wir Gottes Willen stets erkennen und möchten ihn auch immer erfüllen. Dann haben wir „gegrabene Ohren“, sodass wir im Stand der Gnade bleiben können. Das Wort Gottes haben wir nicht nur in geschriebener Form im Herzen, sondern wir haben das Privileg, das fleischgewordene Wort zu empfangen. Wenn wir die Kommunion empfangen, kommt Jesus in unser Herz. Er bleibt dort, wenn wir es ihm erlauben, wenn wir Gottes Willen tun und nicht den Bösen in unser Herz lassen. Die Kirche hat das Wort Gottes in ihrem Innern, nämlich die Eucharistie. Sie ist ihr Herzschlag, die sie am Leben erhält. Jesus ist das größte und endgültige Opfer, sodass wir jetzt keine Brand- und Schlachtopfer mehr bringen müssen wie das Alte Israel. Jesu Opfer wird in jeder Messe vergegenwärtigt, er stirbt nicht immer wieder, sondern sein einmaliger Tod wird in die jeweilige Gegenwart geholt. Von diesem Heilsereignis her sollen wir ein entsprechendes Leben führen und Gottes Willen erfüllen. Wir sollen von seiner Gerechtigkeit auch vor anderen bezeugen. Was David hier betet, sind die drei kirchlichen Grundvollzüge: Wir feiern Gottes Herrlichkeit, was Leiturgia genannt wird („ein neues Lied“, „einen Lobgesang“). Dies hat Jesus schon getan, wenn er gebetet hat, wenn er vor allem die Eucharistie eingesetzt hat am Abend vor seinem Tod und in seiner Kreuzigung. Wir setzen Gottes Willen um in der tätigen Liebe, was Diakonia heißt („deinen Willen zu tun war mein Gefallen“). Jesus hat immer wieder Menschen seelisch, psychisch und körperlich geheilt. Er hat sie in die Gemeinschaft zurückgeführt und dabei den heiligen Sabbat übergangen. So sehr hatte er Mitleid mit den Menschen. Schließlich verkünden wir als Kirche die Weisung Gottes, was Martyria genannt wird („in großer Versammlung verkündet“). Diese große Versammlung ist in erster Linie die Eucharistiefeier, zu der die Gläubigen sich am Sonntag versammeln. Deshalb gibt es gerade dann eine Predigt. Genau dies hat Jesus in den Synagogen getan und überall, wo er das Reich Gottes verkündet hat. Die Kirche tut, was Jesus getan hat, was er von Davids Psalm erfüllt hat. Die Kirche folgt Jesus in den drei Grundvollzügen nach! Und jetzt kommt der springende Punkt: All das hat Maria schon getan! Sie ist deshalb der Archetyp, das heißt das Urbild der Kirche: Sie hat die Leiturgia gelebt durch ihr intensives Gebetsleben, das bis in ihr Herz hineingeht (denn sie bewahrt alles im Herzen und denkt darüber nach). Sie betet das Magnificat, das eine Kompilation verschiedenster Schritstellen des Alten Testaments ist. Maria vollzieht die tätige Liebe, die Diakonia, weil sie sich um ihre schwangere Verwandte Elisabet kümmert. Sie verkündet auch das Wort Gottes, am Anfang sogar ganz ohne Worte, sondern einfach durch ihr Tragen des fleischgewordenen Wortes in die Welt hinaus! Sie verkündet als lebendiger Tabernakel, was man in Worte gar nicht fassen kann. Und ein ungeborenes Kind, nämlich der kleine Johannes der Täufer, empfängt als erstes diese Botschaft. Er reagiert mit Freude über diese Verkündigung und hüpft im Leib seiner Mutter Elisabet. Maria ist wahrlich das Urbild der Kirche und uns ein großes Vorbild! Insgesamt können wir wirklich sagen: Davids Psalm zeugt mal wieder durch und durch vom Hl. Geist. Danken wir Gott für dieses Gebet!

Hebr 10
4 denn das Blut von Stieren und Böcken kann unmöglich Sünden wegnehmen.
5 Darum spricht er bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, doch einen Leib hast du mir bereitet;
6 an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen.
7 Da sagte ich: Siehe, ich komme – so steht es über mich in der Schriftrolle – , um deinen Willen, Gott, zu tun.
8 Zunächst sagt er: Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer forderst du nicht, du hast daran kein Gefallen, obgleich sie doch nach dem Gesetz dargebracht werden;
9 dann aber hat er gesagt: Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun. Er hebt das Erste auf, um das Zweite in Kraft zu setzen.
10 Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi geheiligt – ein für alle Mal.

In der zweiten Lesung hören wir erneut davon, dass nicht das Blut von Opfertieren die Sühnung unserer Sünden erwirkt hat. Für die Juden war es das Maximum an Sühne, die sie erlangen konnten. Das war auch eine lange Zeit die einzige Möglichkeit. Doch dann hat Gott in die Menschheitsgeschichte eingegriffen, indem er seinen einzigen Sohn hingegeben hat. Der Hebräerbrief greift die Worte des Psalms auf, über die wir bereits intensiv nachgedacht haben: „Siehe, ich komme – so steht es über mich in der Schriftrolle – , um deinen Willen, Gott, zu tun.“
Das ist das Entscheidende: den Willen Gottes zu tun.
In diesem Brief wird reflektiert, dass das erste (nämlich die ganze Opfertätigkeit Israels) aufgehoben wird für das zweite (nämlich das Kommen des Messias). Der Messias ist gehorsam gewesen und hat bis zum Schluss den Willen des Vaters umgesetzt. Weil er gehorsam war bis zum Tod am Kreuz, „sind wir (…) geheiligt – ein für alle Mal.“ DAS hat unsere Sühne erwirkt, nicht die Opfer Israels. Dies wird im Hebräerbrief deshalb so reflektiert, weil es auch nach dem Erlösungswirken Jesu Christi, nach der Gründung der Kirche und während des missionarischen Wirkens der ersten Christen Bestrebungen gab, die Opfertätigkeit, die Torah, alles Jüdische weiterzuführen wie bisher. Die ersten Christen sind ja auch noch in den Tempel zum Beten gegangen, haben den Sabbat gehalten und zugleich am ersten Tag der Woche „das Brot gebrochen“. Was der Hebräerbrief aber ausdrücken möchte, ist: Wir können nicht mehr so tun, als ob wir heilsgeschichtlich dort stehen, wo die Juden vor dem Kommen des Messias standen. Das bedeutet die Leugnung des Erlösungswirkens Jesu Christi. Wir Christen sind nun Erlöste und Nachösterliche. Wir können nicht mehr so tun, als ob Brand- und Schlachtopfer heilsnotwendig sind und unsere Sünden hinwegnehmen können. Dann würden wir Gott nicht zutrauen, dass er dies durch den Tod und die Auferstehung Jesu Christi bereits ein für alle Mal erwirkt habe.
All das konnte erst durch Marias Jawort in die Tat umgesetzt werden. Sie war zuerst gehorsam, damit ihr Sohn gehorsam sein konnte bis zum Tod am Kreuz. Herr, wir danken dir für unsere himmlische Mutter!

Lk 1
26 Im sechsten Monat wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt in Galiläa namens Nazaret
27 zu einer Jungfrau gesandt. Sie war mit einem Mann namens Josef verlobt, der aus dem Haus David stammte. Der Name der Jungfrau war Maria.
28 Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
29 Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe.
30 Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.
31 Siehe, du wirst schwanger werden und einen Sohn wirst du gebären; dem sollst du den Namen Jesus geben.
32 Er wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden. Gott, der Herr, wird ihm den Thron seines Vaters David geben.
33 Er wird über das Haus Jakob in Ewigkeit herrschen und seine Herrschaft wird kein Ende haben. 34 Maria sagte zu dem Engel: Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann erkenne?
35 Der Engel antwortete ihr: Heiliger Geist wird über dich kommen und Kraft des Höchsten wird dich überschatten. Deshalb wird auch das Kind heilig und Sohn Gottes genannt werden.
36 Siehe, auch Elisabet, deine Verwandte, hat noch in ihrem Alter einen Sohn empfangen; obwohl sie als unfruchtbar gilt, ist sie schon im sechsten Monat.
37 Denn für Gott ist nichts unmöglich.
38 Da sagte Maria: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe, wie du es gesagt hast. Danach verließ sie der Engel.

Im Evangelium hören wir nun von diesem wunderbaren Ereignis, von dieser Weichenstellung der Heilsgeschichte:
Der Engel des Herrn, der Bote Gabriel, kommt zu einer geweihten Jungfrau nach Nazaret. Ihre Eltern haben ihre Tochter aus Dank für die Gebetserhörung Gottes nach langer Kinderlosigkeit dem Tempel geweiht. Sie ist dort aufgewachsen, erhielt eine intensive Ausbildung in der Hl. Schrift und arbeitete an dem Tempelvorhang bis zu ihrem zwölften Lebensjahr. Aus kultischen Gründen musste sie dann ihre Aufgaben von außerhalb weiterführen. Dazu bedurfte es einen Vormund und so wurde das Mädchen einem Mann aus derselben Sippe, einem Sohn Davids namens Josef versprochen. Er wird gemäß Num 30 ihrer Jungfrauenweihe zugestimmt haben, sodass sie eine enthaltsame Ehe führen würden. Womöglich war er selbst ein geweihter Mann.
Der Engel des Herrn kommt zu einer Jungfrau nach Nazaret. Für den schriftkundigen Hörer erklingt schon mit dem ersten Satz ein Signal: Von Jesaja haben hören wir von einem nezer, einer Wurzel, die nun im Namen des Ortes Nazaret wieder auftaucht. Eine Jungfrau – wir dürfen dieses Wort wörtlich nehmen. Das griechische Wort παρθένος, ist mit „Jungfrau“, also auch dem biologischen Zustand der Unberührtheit, zu übersetzen. Es ist schon in der Verheißung aus Jesaja zu lesen („die Jungfrau hat ein Kind empfangen“). Das griechische AT, die Septuaginta verwendet an dieser Stelle bei Jesaja dasselbe Wort παρθένος. Im Hebräischen steht הָעַלְמָ֗ה ha-almah „die Jungfrau“. Interessant auch, dass eine bestimmte Jungfrau gemeint ist. Das zeigt der bestimmte Artikel. Das Wort wird von heutigen Exegeten gerne bagatellisiert und in der Einheitsübersetzung steht bei Jes 7 deshalb auch eine Fußnote, in der behauptet wird, man müsse das hebräische Wort mit „junge Frau“ übersetzen. Ich kritisiere die Fußnote, weil sie irreführend ist. Sie wird nämlich gerne zum Anlass genommen, die biologische Jungfräulichkeit abzulehnen. Eine junges Mädchen im heiratsfähigen Alter (was mit almah gemeint ist), schließt den jungfräulichen Zustand selbstverständlich ein. Alles Andere wäre undenkbar (für heutige Zustände ja leider nicht mehr…).
Dass Maria verlobt ist, wird nicht gesagt, um ihren Zustand der Jungfräulichkeit zu erklären, sondern die Wunderhaftigkeit der Empfängnis. Deshalb war ihre Schwangerschaft so drastisch für die Gesellschaft, nicht in erster Linie, dass es ein uneheliches Kind war (das auch). Es ging darum, dass sie als geweihte Jungfrau überhaupt ein Kind erwartete.
Es ist auch kein Füllsatz, wenn es heißt „der Name der Jungfrau war Maria“. Zwar ist die Herleitung des Namens nicht ganz eindeutig, aber zwei Möglichkeiten sind „die Wohlgenährte“ und „die Geliebte“. Gerade die erste Übersetzungsmöglichkeit stellt einen Bezug zur Mutter der Lebenden her, wie Eva, die erste Frau bezeichnet worden ist. Damit wird schon durch den Namen Mariens ein typologischer Bezug hergestellt.
Der Engel spricht Maria an mit den Worten χαῖρε, κεχαριτωμένη chaire, kecharitomene „freue dich, du Begnadete/die, der Gnade erwiesen worden ist“. Auch Christen haben die Begrüßung χαῖρε von Anfang an verwendet, so auch Paulus in den Briefanfängen. Die Bezeichnung κεχαριτωμένη ist, was uns theoretisch allen geschenkt ist, die volle Ausstattung mit der Gnade Gottes, also die Berufung aller Getauften. Dass der Engel sie jetzt so anspricht (das ist neu), macht für uns deutlich, dass sie nicht nur theoretisch, sondern im vollen, gleichsam paradiesischen Sinne, Begnadete ist. Die Kirche liest diese Anrede als Hinweis auf ihre Bewahrung vor der Erbsünde. Dass es sich um eine unübliche Aussage handelt, sehen wir an Marias Reaktion – sie erschrickt nicht vor dem Engel selbst, sondern vor der Anrede. Man kennt es von anderen Engelserscheinungen, dass die jeweiligen Personen auf ihr Gesicht fallen und eine heftige Reaktion zeigen. Maria dagegen fällt nicht auf ihr Gesicht, sondern fragt sich, was die Anrede zu bedeuten habe. Und dass sie keine Angst vor dem Engel hat, der ja voll der Herrlichkeit Gottes leuchtet, zeigt einen weiteren Hinweis auf ihre paradiesische, sündlose Natur. Wir wissen von Gen 3, dass Angst ein nachsündlicher Zustand ist, der mit dem Sündenfall in den Menschen gekommen ist. In diesem Kontext ist die Aussage „fürchte dich nicht, Maria“ auf die Anrede zu beziehen. Das ist ja eine Aufforderung, die Engel den Menschen für gewöhnlich machen. Hier erhält sie eine neue Dimension.
Der Engel sagt ihr dann: „Der Herr (ist) mit dir.“ Im Griechischen handelt es sich um einen Nominalsatz, bei dem das Verb fehlt und deshalb steht das „ist“ in Klammern. Es ist sinngemäß hinzuzufügen und lässt eine Überzeitlichkeit zu: Es könnte sowohl eine Vergangenheitsform sowie eine Präsens- oder Zukunftsform eingesetzt werden. Gott war schon mit ihr, da er seinen Heilsplan für sie schon von Anbeginn der Zeit bereitet hat und ist jetzt mit ihr – auf so eine intensive Weise, dass er in ihr Fleisch annimmt. Er wird auch mit ihr sein, wenn Jesus dann von ihr geht und vorausgeht zum himmlischen Vater und Gott wird auch mit ihr sein am Ende der Zeiten, wenn sie mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommen wird. Auch mit uns ist der Herr, in unserem Herzen, in der Eucharistie, sogar physisch beim Kommunionempfang! Und auch wir werden am Ende der Zeiten ganz bei Gott sein. Wir glauben an eine leibliche Auferstehung, die der neuen Schöpfung verheißen wird und deren erste Exemplare Jesus und Maria sind.
Der Engel erklärt ihr, welchen Plan Gott mit ihr hat. Bemerkenswert ist wiederum ihre Reaktion. Sie stellt diese wunderbare Verheißung nicht infrage und zweifelt nicht daran. Im Gegenteil, sie versucht, es zu verstehen (Anselm von Canterbury hätte sich gefreut!) und fragt nach dem Wie. Bei ihrer Nachfrage wird das deutlich, was ich vorhin angeschnitten habe: Maria ist eine geweihte Jungfrau. Deshalb heißt es auch: „Wie soll das geschehen, da ich keinen Mann ERKENNE“. Es steht eindeutig ein dauerhaftes Verb in der Gegenwart (οὐ γινώσκω u ginosko „nicht erkenne“). Da steht nicht „noch nicht“. Die außerbiblischen Schriften bezeugen, dass Marias Familie den Essenern nahestand, die den Messias am stärksten erwartet haben und bei denen die Enthaltsamkeit einen hohen Stellenwert hatte. Die Essener lebten eine mönchische Askese und standen der hasmonäischen Tempellobby kritisch gegenüber. Sie hielten fest an dem mosaisch eingesetzten Priestertum. Auch Johannes der Täufer sowie seine Familie, die ja mit Maria verwandt war, stand den Essenern nahe. Selbst wenn wir außerbiblische Quellen nicht berücksichtigen, wird es uns über den Bibeltext verständlich: Warum sollte Maria nach dem Wie fragen, wenn sie in absehbarer Zeit heiraten würde und eine baldige Schwangerschaft erwarten konnte? Das würde ja nichts Wundersames bedeuten, sondern den natürlichen Lauf der Dinge.
Die Erklärung des Engels ist voll von alttestamentlichen Anspielungen. Maria hat als fromme und schriftkundige Jüdin (ich erinnere nochmal an das Magnificat) diese erkannt und verstanden, dass es um den Messias geht.
Dadurch dass der Engel auf Elisabet verweist, wird Maria die übernatürliche Weise des Handelns Gottes verdeutlicht. Dieser kann über die von ihm selbst geschaffenen Naturgesetze hinweggehen und Wunder vollbringen. Für ihn ist alles möglich. Als wiederum fromme Jüdin kennt sie diese Art von Wunder bei heilsgeschichtlich bedeutenden Personen (so wie bei Isaak, Simson oder Samuel). Deshalb gibt sie voller Glauben ihr Ja. Und mit dieser schlichten Zusage „mir geschehe, wie du es gesagt hast“ wird der Vernichtungsplan des Teufels zunichte gemacht. Was der Böse mit dem ersten Menschenpaar erreicht hatte, ist mit einem einzigen Satz zerfallen. Der Ungehorsam und das Nein der ersten Frau, die auf die Schlange gehört hat, ist mit dem Ja dieser neuen Eva wieder gutgemacht worden. Während die erste Frau von der verbotenen Frucht aß und dadurch das ewige Leben verloren hat, empfing die zweite Frau die ewige Frucht, Jesus, der das ewige Leben wiederherstellen sollte.
Es ist so wunderbar, dass dieses große Hochfest, das Marias Ja und die Weichenstellung unserer Erlösung zum Thema hat, ausgerechnet in die Fastenzeit fällt. Gottes Timing ist nie willkürlich und auch die Kirche, die vom Hl. Geist geleitet wird, hat nicht zufällig die liturgischen Feste so gelegt. Jesus wird geboren, um zu sterben. Weihnachten und Ostern liegen so nah beieinander, dass Johann Sebastian Bach in seinem Weihnachtsoratorium die Melodie von „O Haupt voll Blut und Wunden“ eingebaut hat. Ich könnte Ihnen jetzt nochmal einen langen Vortrag über die Verbindungen zwischen Weihnachten und Ostern, zwischen Krippe und Grab, zwischen Windeln und Grabtuch halten. Das wird zu einer anderen Zeit erfolgen.
Wir dürfen diese heilsgeschichtlichen Knotenpunkte miteinander verbinden und so noch einmal bewusster dem Herrn danken für alles, was er uns geschenkt hat. Danken können wir heute auch besonders unserer lieben Mutter Maria, dass sie Ja gesagt hat, die wie eine Braut am Traualtar ihr Jawort gegeben hat – in guten wie in schlechten Zeiten – und gewiss waren ihre schlechten Zeiten die schmerzhaftesten, die eine Mutter unter dem Kreuz ihres Sohnes erleiden musste!

Ich wünsche Ihnen ein gesegnetes Hochfest und lade Sie heute besonders dazu ein, den Engel des Herrn ganz aufmerksam zu beten – und lassen wir dabei den Teufel erzittern, der so große Angst vor der Frau hat, vor ihr, die seinen ganzen Plan zerstört hat!

Ihre Magstrauss

Heiliger Josef, Bräutigam der Gottesmutter Maria

2 Sam 7,4-5a.12-14a.16; Ps 89,2-3.4-5.27 u. 29; Röm 4,13.16-18.22; Mt 1,16.18-21.24a

Heute feiern wir ein ganz besonderes Hochfest, nämlich zu Ehren des Pflegevaters und Bräutigams Josef. Er ist unter anderem der Schutzpatron der Kirche und somit ein besonders großer Fürsprecher in der momentanen Coronakrise. Heiliger Josef, bitte für uns!

2 Sam 7
4 Aber in jener Nacht erging das Wort des HERRN an Natan:
5 Geh zu meinem Knecht David und sag zu ihm: So spricht der HERR:
12 Wenn deine Tage erfüllt sind und du dich zu deinen Vätern legst, werde ich deinen leiblichen Sohn als deinen Nachfolger einsetzen und seinem Königtum Bestand verleihen.
13 Er wird für meinen Namen ein Haus bauen und ich werde seinem Königsthron ewigen Bestand verleihen.
14 Ich werde für ihn Vater sein und er wird für mich Sohn sein.
16 Dein Haus und dein Königtum werden vor dir auf ewig bestehen bleiben; dein Thron wird auf ewig Bestand haben.

In der ersten Lesung hören wir die Worte des Propheten Natan, die ihm im Anschluss an Davids Unterredung mit Gott eingegeben werden. Zuvor hat dieser nämlich Gott zu verstehen gegeben, dass er ihm ein festes Heiligtum bauen möchte, da bis dato der Tempel aus dem Offenbarungszelt bestand. Natan erhält nun die Antwort Gottes auf Davids Vorhaben. Dieser gibt ihm ein:
Nicht er selbst wird der Tempel errichten, sondern sein Sohn. Später werden wir erfahren, dass es sein Sohn Salomo sein wird. In den Chronikbüchern erfahren wir zudem noch weitere Details, warum nicht David selbst den Tempel errichten soll: An seinen Händen klebt zu viel Blut. Er hat so viele Schlachten geführt, zu viel Blut vergossen. Gottes Tempel ist heilig und deshalb muss der König von der Blutschuld verschont sein. Salomo wird zeitlebens keine Kriege führen müssen, weil Gottes wunderbare Vorsehung für eine friedliche Zeit sorgen wird. So wird er sich ganz auf den Tempelbau konzentrieren können.
Natan vermittelt David, dass wenn er sich zu den Vätern legt, das heißt wenn er stirbt, wird Salomo zum König eingesetzt werden und das Königtum Bestand haben. Er wird den Tempel errichten und er wird für Gott Sohn, Gott für ihn Vater sein. Dieser Königsthron wird auf ewig bestehen.
Diese Worte sind zunächst wörtlich zu nehmen und gelten unter der Voraussetzung, dass dieser König im Stand der Gnade ist, also sich an den Bund hält und sich nicht schwer versündigt. Wir wissen allerdings, dass Salomo sich einen riesigen Harem anlegen wird, wobei viele Frauen anderer Religionen angehören, zu denen er dann verführt wird. Er wird Götzen Altäre und Heiligtümer errichten und so die Gnade Gottes verspielen.
Wir lesen diese Botschaft Gottes an David heute noch weiter, nämlich allegorisch. So erkennen wir einen Typos Christi in Salomo! In dieser Leserichtung ist das Sterben Davids mit dem frühen Tod Josefs in Analogie zu setzen, der als Sohn Davids den König des Reiches Gottes als Sohn haben wird. Erst nach seinem Tod wird Jesus sein öffentliches Wirken antreten. Er wird das Reich Gottes verkünden und am Ende als „König der Juden“ hingerichtet werden. Er wird zur Tempellobby sagen: Reißt diesen Tempel nieder und ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen. Es wird der Tempel seines Leibes sein und mit der Auferstehung wahr werden. Der Tempel, den er begründen wird, ist die Kirche. Er wird den neuen Bund besiegeln, den alle Christen mit Gott in der Taufe eingehen. So wird Gott auch in uns Wohnung nehmen in dem Tempel unserer Seele. Diese ist ewig, sie hat Bestand, wie Natan Salomo angekündigt hat. Auch die Kirche hat Bestand, denn Jesus verheißt an anderer Stelle, dass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen werden.
Was Natan hier von Gott eingegeben bekommt, ist also mehr als nur die Antwort auf Davids Vorhaben. Es ist eine heilsgeschichtlich weitreichende Verheißung!

Ps 89
2 Von der Huld des HERRN will ich ewig singen, von Geschlecht zu Geschlecht mit meinem Mund deine Treue verkünden.

3 Denn ich bekenne: Auf ewig ist Huld gegründet, im Himmel deine Treue gefestigt.
4 Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Erwählten und David, meinem Knecht, geschworen:
5 Auf ewig gebe ich deinem Haus festen Bestand und von Geschlecht zu Geschlecht gründe ich deinen Thron.
27 Er wird zu mir rufen: Mein Vater bist du, mein Gott, der Fels meiner Rettung.
29 Auf ewig werde ich ihm meine Huld bewahren, mein Bund mit ihm ist verlässlich.

Wir beten aus gegebenem Anlass wieder den sogenannten Königspsalm 89. Die Psalmen reflektieren ja immer die Lesung aus dem AT. So beginnt der Abschnitt heute mit einer für Psalmen typischen Lobaufforderung an sich selbst (will ich ewig singen). Gottes Treue ist ewig, sie ist „im Himmel…gefestigt“. Gott hält seine Versprechen. Er ist es, aus dessen Sicht ab Vers 4 beschrieben wird: „Ich habe einen Bund geschlossen mit meinem Erwählten und David“. Wörtlich steht hier „Ich schnitt einen Bund (im Hebräischen schneidet man, כָּרַ֣תִּֽי karati „ich schnitt“) mit meinem Erwählten, ich schwor meinem Knecht David.“ Es handelt sich also nicht um zwei Personen, sondern bezieht sich beides auf ein und dieselbe Person. Gott hat einen Bund mit diesem besonderen König geschlossen. Es handelt sich um die Bekräftigung und Ausweitung des Alten Bundes zu einer gesamtstämmischen Einheit. Das ganze ist aber auch typologisch zu betrachten – der Erwählte (hier ist wieder das Wort בָּחִיר bachir enthalten, der Jüngling im heiratsfähigen Alter) ist nun auf Jesus zu beziehen, der sich freiwillig zum bachir macht um des Himmelreiches willen. Er bezeichnet sich sogar als Eunuchen, meint dies aber natürlich nicht wörtlich, sondern sinnbildlich. Dieser Bund, den Gott geschlossen hat durch Christus, ist der Neue Bund mit allen Menschen. Im griechischen AT wird sogar mit Plural übersetzt, was linguistisch gesehen auch möglich ist. Dadurch wird nicht Christus in den Blick genommen, DURCH den der Neue Bund besiegelt worden ist, sondern die „Erwählten“, wir Menschen, MIT denen er ja den Bund geschlossen hat. Der griechische Begriff an dieser Stelle ist ἐκλεκτοῖς eklektois und wird auch im NT sowohl für Christus als auch für die Getauften verwendet (Lk 23,35; 1 Petr 1,1).
Auch hier wird die Zusage Gottes aufgegriffen, dem davidischen Königshaus Bestand zu verleihen. Dies wird der Fall sein, aber anders als die Menschen denken: Es wird ewig bestehen durch Christus, den Sohn Davids, der tatsächlich leiblicher „Sohn“ Davids ist. Wir lesen dies ja im Stammbaum nach Matthäus. Er trägt Davids Gene in sich. Und doch ist dies ein anderes Königtum als das des David. Es geht hier um den König des Reiches Gottes. Sein Reich ist nicht von dieser Welt, wie er selbst vor Pilatus erklärt hat (vgl. Joh 18,36). „Von Geschlecht zu Geschlecht“, d.h. in diesem Fall dann zu allen Zeiten, wird Christus der König derer sein, die an ihn glauben und sich auf seinen Namen taufen lassen. Das „Haus“, das hier erwähnt wird, ist wörtlich gesehen zunächst das Königshaus. Wir müssen es aber tiefer verstehen als Kirche. Sie ist als Gemeinschaft der Gläubigen das Königreich Christi auf Erden, die sakramentale Antizipation der Ewigkeit. Sie wird auf ewig nicht untergehen – solange die Welt besteht, wird der Satan sie nicht überwältigen, das hat der treue Christus uns versprochen – und am Ende der Zeiten wird sie sich durchsetzen und ihren Wohnsitz einnehmen in der neuen Schöpfung Gottes.

Röm 4
13 Denn Abraham und seine Nachkommen erhielten nicht aufgrund des Gesetzes die Verheißung, Erben der Welt zu sein, sondern aufgrund der Glaubensgerechtigkeit.
16 Deshalb gilt: aus Glauben, damit auch gilt: aus Gnade. Nur so bleibt die Verheißung für die ganze Nachkommenschaft gültig, nicht nur für die, welche aus dem Gesetz, sondern auch für die, welche aus dem Glauben Abrahams leben. Er ist unser aller Vater,
17 wie geschrieben steht: Ich habe dich zum Vater vieler Völker bestimmt – im Angesicht des Gottes, dem er geglaubt hat, des Gottes, der die Toten lebendig macht und das, was nicht ist, ins Dasein ruft.
18 Gegen alle Hoffnung hat er voll Hoffnung geglaubt, dass er der Vater vieler Völker werde, nach dem Wort: So zahlreich werden deine Nachkommen sein.
22 Darum wurde es ihm auch als Gerechtigkeit angerechnet.

In der zweiten Lesung des heutigen Hochfestes reflektiert Paulus die Gunst, die uns Menschen durch den alten Bund erwiesen worden ist: Abraham und seinen Nachkommen, mit denen Gott den Bund immer wieder erneuert hat, ist diese besondere Ehre nicht deshalb zuteil geworden, weil sie es sich zuvor verdient hätten. Ebenso können wir Christen sagen, dass wir nicht deshalb durch das Kreuzesopfer Jesu Christi erlöst worden sind, weil wir das zunächst irgendwie verdient hätten. Das wird durch die Wendung „aufgrund des Gesetzes“ ausgedrückt, was meint, dass die Torah gehalten wird. Abraham und seinen Nachkommen wurde die Gnade aufgrund der Glaubensgerechtigkeit verliehen. Zu Abrahams Zeiten gab es die Torah noch gar nicht. Er hat Gott ganz geglaubt und ihm vertraut, deshalb hat Gott mit ihm den Bund geschlossen.
Paulus erklärt, dass Glaube und Gnade zusammenspielen. Abraham erhielt die Gnade wegen seines bedingungslosen Vertrauens auf Gott. So ist es auch mit allen anderen Menschen, die die Gnade Gottes dadurch erhalten, dass sie ihm bedingungslos vertrauen. Dabei müssen sie nicht notwendigerweise beschnitten sein und die Torah halten. Das ist zumindest nicht die Voraussetzung für die Gnade Gottes. Das wäre Werksgerechtigkeit. Auch wir als Christen sagen, dass die Taufe als sichtbares Zeichen unseres inneren Glaubens heilsnotwendig ist. Dass wir erlöst sind, kommt zuerst und der Glaube an Jesus Christus ist die Antwort auf die Erlösung. Diese ist uns geschenkt und deshalb unverdiente Gnade. Das bedeutet aber nicht, dass Paulus das Halten der Gebote für überflüssig erklärt. Es geht darum, was zuerst ist. Und die Gnade Gottes ist immer zuerst – sowohl bei Abraham als auch bei uns.
Es geht in diesem Ausschnitt aus dem Römerbrief um den Glauben Abrahams, der entgegen aller biologischen Voraussetzungen eine unglaubliche Verheißung erhält und dennoch daran glaubt. Trotz ausbleibender Nachkommen wurde ihm nämlich eine unzählbare Nachkommenschaft verheißen. Er ist Vater vieler Völker geworden und wir müssen seinen Glauben heute in Analogie zu Josef setzen, der ebenfalls Gott geglaubt hat in einer unglaublichen Situation. So ist auch er zum Vater vieler Völker geworden, wenn auch nur geistig – nämlich zum Patron des neuen Volkes, zum Schutzpatron der Kirche. Gott hat ihn auserwählt, nicht weil er es sich zuvor verdient hat, sondern weil es die Vorsehung so wollte. Es ist ein absolutes Geschenk Gottes. Auch Josef nennen wir einen gerechten Mann, nicht weil er sich die Gerechtigkeit durch das Halten der Torah verdient hat (die Torah hat er gewissenhaft gehalten!), sondern weil er Gott ganz geglaubt hat. Dies hören wir nun im Evangelium:

Mt 1
16 Jakob zeugte den Josef, den Mann Marias; von ihr wurde Jesus geboren, der der Christus genannt wird.
18 Mit der Geburt Jesu Christi war es so: Maria, seine Mutter, war mit Josef verlobt; noch bevor sie zusammengekommen waren, zeigte sich, dass sie ein Kind erwartete – durch das Wirken des Heiligen Geistes.
19 Josef, ihr Mann, der gerecht war und sie nicht bloßstellen wollte, beschloss, sich in aller Stille von ihr zu trennen.
20 Während er noch darüber nachdachte, siehe, da erschien ihm ein Engel des Herrn im Traum und sagte: Josef, Sohn Davids, fürchte dich nicht, Maria als deine Frau zu dir zu nehmen; denn das Kind, das sie erwartet, ist vom Heiligen Geist.
21 Sie wird einen Sohn gebären; ihm sollst du den Namen Jesus geben; denn er wird sein Volk von seinen Sünden erlösen.
24 Als Josef erwachte, tat er, was der Engel des Herrn ihm befohlen hatte, und nahm seine Frau zu sich.

Zu Beginn des Evangeliums hören wir den Abschluss des Stammbaums Jesu Christi. Dieser Stammbaum ist jüdisch und patrilinear orientiert. Das heißt wir hören immer wieder von einem Vater, der einen Sohn zeugt. Dies wird dreimal in vierzehn Generationen strukturiert, sodass für uns deutlich wird – Jesus ist der Sohn Davids. Am Ende des Stammbaums stutzen wir allerdings. Denn da heißt es ausgerechnet an der wichtigsten Stelle nicht mehr „Josef zeugte den Jesus“, sondern es wird gesagt, dass dieser der Mann Mariens ist und von ihr Jesus geboren wurde! Das fällt in einem typisch jüdischen Stammbaum auf. Hier ist also etwas Besonderes geschehen.
Dann hören wir von der Geburt des Messias. Das Matthäusevangelium berichtet sie vor allem aus der Sicht Josefs. Dies macht absolut Sinn, wenn wir an den patrilinearen, also väterorientierten Stammbaum denken. Wenn es also um die Geburt eines Kindes geht, macht es Sinn, dass das Matthäusevangelium die Vaterperspektive betont. Wir lesen heute auch wieder solche Formulierungen, die die biologische Vaterschaft Josefs ausschließen: „Maria, seine Mutter“ ist eine Andeutung solcher Art, die im Stammbaum durch das Auslassen des Satzes „Josef zeugte den Jesus“ und den Verweis auf seine Frau Maria ausgedrückt worden ist. Dies wird noch viel eindeutiger im weiteren Verlauf des Evangeliums, wo immer wieder „das Kind und seine Mutter“ gesagt wird, nicht „Josefs Sohn“ (z.B. in Mt 2,13-14) – in einem Evangelium, das eigentlich sehr patrilinear orientiert ist! Das fällt auf.
Josef ist ein gerechter Mann und somit ist die Verbindung zu Abraham geschaffen. Gott hat sich etwas dabei gedacht, ausgerechnet diesen Menschen als Ziehvater seines Sohnes vorzubereiten. Josef wollte seine Frau nicht bloßstellen – denn erstens war Maria vor der Ehe schwanger geworden und zweitens als geweihte Jungfrau! Um ihre Ehre zu bewahren, möchte er sich von ihr trennen. Wir verstehen seine noble Tat erst, wenn wir die jüdischen Gesetze kennen:
Wenn ein unberührtes Mädchen, das einem Mann versprochen ist, von einem anderen Mann schwanger wird, sollen der andere Mann sowie die Frau gesteinigt werden (Dtn 22,23f.). Dem Betrogenen wird keine Schuld zugeschrieben. Warum will sich Josef dann von ihr trennen? Josefs Gerechtigkeit ist eine größere als die der buchstabentreuen Juden seiner Zeit, die auch Paulus im Römerbrief kritisiert. Er denkt keinen Moment daran, das mosaische Gesetz auszuführen, sondern er überlegt, die ganze Schuld auf sich zu nehmen. Indem er sich nämlich in aller Stille von Maria getrennt hätte, hätte es nach außen hin so ausgesehen, als hätte er sie verlassen, nachdem er mit ihr ein Kind gezeugt hatte. So hätte sie als „Verführte“ und „Verlassene“ keine Schuld getroffen. Er wäre bestraft, Marias Leben und das des Kindes aber gerettet worden. DAS meine Lieben, ist ein würdiger Ziehvater, den sich Gott auserwählt hat. Er hat seine Gerechtigkeit schon vor der Geburt des Gotteskindes unter Beweis gestellt und das alles, noch bevor er von Gottes Plan gehört hat! Josef hat wirklich ein reines Herz.
Er führt seine Überlegungen nicht aus, weil ihm im Traum ein Engel des Herrn den Heilsplan Gottes offenbart hat. Bei den Worten des Engels ist sehr auffällig, dass er Josef „Sohn Davids“ nennt. Die jüdischen Hörer dieses Evangeliums werden eins und eins zusammengezählt haben. Das Kind, das in die Welt kommen soll, erhält auf Erden einen davidischen Vater. Somit erfüllen sich die messianischen Verheißungen der Hl. Schriften. Dieser Messias wird von einem davidischen Vater erzogen werden, der selbst ein gerechter Mann ist. Josef wird zum Antitypos des alternden David aus der Lesung. So wird der Messias selbst gerecht sein, als Gott durch die göttliche Eigenschaft der Gerechtigkeit, als Mensch dank Josef und seiner Tugend der Gerechtigkeit. Diese Zweidimensionalität reflektiert Paulus am Anfang seines Römerbriefs. Josef handelt nach Gottes Willen ohne Widerrede und Skepsis. Er hat diesen Glaubensgehorsam, von dem Paulus spricht. Dieser macht ihn gerecht. Die Steinigung seiner schwangeren Verlobten als Ausführung des mosaischen Gesetzes hätte ihn nicht gerecht gemacht.
Das Kind ist vom Hl. Geist, aber Josef soll es benennen. Damit wird deutlich, dass er es als sein Kind adoptieren soll.
Der Engel gibt ihm auch den Namen vor und erklärt dessen Bedeutung: Dieses Kind wird das Volk von seinen Sünden erlösen. Das ist eine Verheißung, die immer und immer wieder im AT genannt wird. Damit wird dem frommen Juden Josef klar: Das Kind ist der Messias und muss deshalb Jesus heißen.

Lassen wir uns heute berühren von Gottes großen Heilstaten. Er hat das lange jahrhundertelange Schreien seines auserwählten Volkes erhört und ist wie verheißen als davidisches Kind in dieser Welt Mensch geworden. Er hat für die Umsetzung seines Heilsplans sowohl die Jungfrau bereitet als auch den gerechten Mann, der sie mit allen Mitteln beschützt. Diese Familie ist besonders. Sie ist eine geistige Familie, da alles Biologische, was im Judentum sonst üblich ist, hier komplett entfällt. Das Kind hat keinen menschlichen Vater, es wird nicht auf natürliche Weise gezeugt, es wird nicht auf natürliche Weise geboren. Die Eltern führen keine natürliche, sondern übernatürliche Ehe.
Danken wir heute besonders dem Hl. Josef, der so wunderbar gehandelt hat. Sonst wäre Jesus nicht in diese Welt gekommen, dessen Leben schon von Anfang an bedroht gewesen ist. Wir können wirklich viel von ihm lernen, besonders für unsere eigenen Familien. Sein Glaubensgehorsam, der Taten sprechen lässt, hat uns die Erlösung ermöglicht. Bitten auch wir um diesen Glaubensgehorsam, durch den auch wir zu Werkzeugen des Heils Gottes werden. Danke du heiliger Ziehvater und treuer Bräutigam, beschütze auch uns, die Braut Christi, die Kirche, wie du Maria, deine Braut beschützt hast. Versorge du uns geistig, wie du deine Familie mit allen Mitteln versorgt hast.

Ihre Magstrauss

Hochfest der Gottesmutter Maria

Num 6,22-27; Ps 67,2-3.5.6.8; Gal 4,4-7; Lk 2,16-21

Meine Lieben,
ich wünsche Ihnen allen ein gesegnetes neues Jahr 2020! Möge der Segen Gottes immer auf Ihnen ruhen und Sie nie verlassen!

Num 6
22 Der HERR sprach zu Mose: 
23 Sag zu Aaron und seinen Söhnen: So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen: 
24 Der HERR segne dich und behüte dich. 
25 Der HERR lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
26 Der HERR wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Frieden. 
27 So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen.

„An Gottes Segen ist alles gelegen.“ Und dieses Sprichwort trifft insbesondere auf den Jahreswechsel zu. Dann hören wir immer die erste Lesung aus dem Buch Numeri. Der aaronitische Segen ist besonders, weil Gott selbst ihn Mose beigebracht hat. Warum aber soll dieser Segen von Aaron gespendet werden? Aaron ist Gottes auserwählter Priester. Sein Geschlecht ist es, von dem Segen ausgehen soll. Auch wenn die heutigen Priester nicht von dieser aaronitischen Linie kommen, gilt das auch für sie: Von unseren geweihten Priestern geht ein besonderer Segen aus, als ob Gott selbst uns segnet. Jesus hat sie nämlich beauftragt, in seiner Vollmacht seine messianischen Heilstaten fortzusetzen, wenn er zum Vater geht. Am Anfang des Jahres ist der Segen Gottes ganz besonders entscheidend. Wir beginnen jetzt ein neues Jahr, das neue Herausforderungen, Prüfungen, Geduldsproben, geistige Anfechtungen und viele Gnaden bereithält. All das werden wir aber meistern können, wenn Gottes Segen auf uns liegt. Denn Jesus sagte „getrennt von mir könnt ihr nichts tun.“ und „Wer in mir bleibt und in wem ich bleibe, der bringt reiche Frucht.“ Wir sind zwar keine Priester, aber auch wir können Gottes Segen weitertragen zu den Menschen, denen wir begegnen. Segnen wir andere, so kehrt der Segen Gottes auch zu uns zurück.
Gehen wir die einzelnen Verse des Segens einmal durch:
Gott soll uns segnen und behüten – beide Verben stehen im Hebräischen in der Zukunftsform. Er wird uns auch in diesem Jahr segnen und behüten im Sinne von „beschützen“. Gott wird uns die Angriffe und Gefahren dieses Jahres nicht nehmen, aber er wird uns hindurchtragen.
Gott wird sein Angesicht über uns leuchten. Das ist einerseits bildlich zu verstehen – Gott ist Geist und hat kein Angesicht. Es meint seine Gegenwart. Andererseits kann man diesen Vers womöglich messianisch deuten, denn mit Jesus Christus wird er ein Angesicht bekommen, womit er vielen Menschen leuchten wird. Durch die erneute Zukunftsform passt diese Deutung sogar ziemlich gut. Dass Gottes Angesicht leuchten wird, werden vor allem die Apostel Petrus, Jakobus und Johannes auf dem Berg Tabor bei der Verklärung sehen und am Ende der Zeiten wird Jesus für alle offenbar sein Angesicht über die ganze Welt leuchten lassen, wenn er als verherrlichter Menschensohn zurückkehren wird.
Gott wendet sein „Angesicht“ den Menschen zu allen Zeiten der Heilsgeschichte zu. Er wird es auch zukünftig tun, vor allem auf dem Höhepunkt der Heilsgeschichte, wenn er der Welt seinen einzigen Sohn schenken wird. Das feiern wir momentan in dieser Weihnachtszeit. Und mit dem fleischgewordenen Wort Gottes – Jesus Christus – schenkt Gott uns seinen Frieden, der himmlisch ist und den die Welt nicht geben kann. Dieser Frieden ist eschatologisch, er ist ewig. Während die Israeliten den Friedenswunsch des aaronitischen Segens noch irdisch und politisch verstanden haben, ist mit dem Kommen Christi klargeworden, dass es ein viel umfassenderer Frieden ist, der anhält und in unseren Herzen beginnt.
Die Priester des Volkes Israel sollen mit dem Segen Gottes Namen auf die Menschen legen. Das tun unsere Priester bis heute, wenn auch sie immer wieder diesen aaronitischen Segen auf die Menschen herabrufen. Wir sind getauft auf den Namen Gottes und somit wird jeder priesterliche Segen zur Bekräftigung, Erneuerung und Erinnerung dieses allumfassenden Segens.

Ps 67
2 Gott sei uns gnädig und segne uns. Er lasse sein Angesicht über uns leuchte
n,
3 damit man auf Erden deinen Weg erkenne, deine Rettung unter allen Völkern. 
5 Die Nationen sollen sich freuen und jubeln, denn du richtest die Völker nach Recht und leitest die Nationen auf Erden.  
6 Die Völker sollen dir danken, Gott, danken sollen dir die Völker alle. 
8 Es segne uns Gott! Fürchten sollen ihn alle Enden der Erde.

Der aaronitische Segen hatte für die Israeliten so eine hohe Bedeutung und eine so einschneidende Wirkungsgeschichte, dass er auch in den Psalmen verarbeitet worden ist.
Der Vers 25 aus Num 6 wird hier sehr ähnlich wiederholt: Die beiden Bestandteile „Gnädigsein“ und „Leuchten seines Angesichts“ sind wieder zu erkennen. Es wird aber nicht nur wiederholt, sondern reflektiert. Der Zweck des Wunsches wird nämlich an dieser Stelle erklärt: Die Israeliten sollen durch das Leuchten des Angesichts Gottes seinen Weg erkennen, das heißt seinen Willen. Der aaronitische Segen wird paränetisch fortgesetzt, also zur Unterweisung im moralischen Verhalten. Der nächste Nebensatz geht darüber hinaus. Die Rettung unter allen Völkern klingt in unseren christlichen Ohren sehr messianisch (hebr. בְּכָל־גֹּ֝ויִ֗ם יְשׁוּעָתֶֽךָ b’chol-gojim jeschu’atecha, der Name Jesu ist enthalten und wird auf die nichtjüdischen Völker bezogen). So müssen wir den Vers mit folgender Interpretation lesen: Lass dein Angesicht leuchten, damit wir den Messias erkennen, der die ganze Welt erlösen wird.
Im Anschluss erkennen wir wieder die positive Sicht auf das göttliche Gericht, über das die „Nationen“ sich freuen. Hier sind die „Nationen“ die Stämme Israels ( עַמִּ֥ים ammim meint immer die Stämme Israels). Die Stämme können dann endlich aufatmen, nachdem sie so viel Leid durch Fremdherrschaft und Tyrannei erleiden mussten. Gott bringt endlich die ersehnte Gerechtigkeit!
Der Psalm wird mit einem Segenswunsch abgeschlossen, der wiederum an den aaronitischen Segen von Num 6 anknüpft.
Die Psalmen bringen immer wieder zum Ausdruck, dass Gottes Erlösungsplan, der sich mit Jesus erfüllt hat, über die jüdischen Grenzen hinausgeht, aber v.a. dort beginnt.

Gal 4
4 Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt,
5 damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen. 
6 Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater.  
7 Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.

Die Lesung aus dem Galaterbrief ist besonders schön anzuknüpfen an die Lesungen des AT, die wir bereits besprochen haben. Paulus schreibt an Heidenchristen, die durch judaisierende Missionare unter Druck gesetzt werden, sich beschneiden zu lassen und die Torah zu halten. Paulus greift jüdische Elemente durchaus auf, möchte die Galater jedoch versichern, dass sie als Heidenchristen keinen jüdischen Zwischenschritt vornehmen müssen.
Die Argumentation des Paulus wird ersichtlich, wenn man ein Kapitel vorher beginnt zu lesen: Er erklärt, warum es das jüdische Gesetz überhaupt gibt und wie es im heilsgeschichtlichen Gesamtkontext zu bewerten ist: Es wurde wegen der Übertretungen gegeben, als „Erzieher“ ( παιδαγωγός paidagogos), als Vorbereitung der „Unmündigen“, das heißt der geistig noch „Minderjährigen“ auf das „Mündigsein“. Dies fassen folgende Verse zusammen: „23 Ehe der Glaube kam, waren wir vom Gesetz behütet, verwahrt, bis der Glaube offenbar werden sollte. 24 So ist das Gesetz unser Erzieher auf Christus hin geworden, damit wir aus dem Glauben gerecht gemacht werden. 25 Nachdem aber der Glaube gekommen ist, stehen wir nicht mehr unter dem Erzieher.“ Das heißt natürlich nicht, dass die Juden keinen Glauben hatten, sondern dass ihr „Rettungsanker“ ein anderer war – nämlich die Gesetzestreue. Das ist nicht falsch. Sie hatten das Wort Gottes in schriftlicher Form, aber dann ist die ganze Menschheit in der Heilsgeschichte einen großen Schritt vorangekommen: Das Wort Gottes ist Fleisch geworden – eine Person! Und wenn es diese jetzt gibt, ist es doch kontraproduktiv, das erfüllte geschriebene Wort Gottes in Person zu ignorieren und so zu tun, als ob dieser heilsgeschichtliche Schritt nicht begangen worden sei.
Was wir nun in Gal 4 hören, ist der Übergang von der einen zur anderen heilsgeschichtlichen Etappe – von der Erziehung durch das geschriebene Wort Gottes hin zum Erreichen der „Volljährigkeit“ durch Christus:
Jesus hat diesen Schritt selbst vollzogen, in dem er zunächst als Jude in einen Stamm und in eine Sippe hineingeboren worden ist. Er ist als davididisches Kind aus dem Stamm Juda Mensch geworden „durch eine Frau“, das heißt biologisch in diese Welt eingegangen. Er ist nicht aus dem Nichts plötzlich dagewesen, sondern geboren worden. „Durch eine Frau“ ist in diesem Kontext natürlich nicht abwertend gemeint (, was einige Forscher hier hineinlesen wollen. Ist aber sinnlos, denn darum geht es doch gar nicht in der Argumentation). Man muss diesen Abschnitt zusammen mit dem nächsten lesen – „dem Gesetz unterstellt“. Dabei wird für „geboren“ und „unterstellt“ im Griechischen dasselbe Wort verwendet ( γενόμενον genomenon, „geworden“). Jesus ist nicht nur Mensch, sondern auch Jude geworden. Das war der Heilsplan Gottes und somit betont auch Paulus, dass er keineswegs antijüdisch eingestellt ist.
Jesus wurde beides, um als erster Mensch vom Gesetz (νόμος nomos ist das griechische Wort, das für die Torah verwendet wird) in die neue Schöpfung überzugehen. Er „kauft frei“, die unter dem Gesetz stehen, also die Juden. Gemeint ist nicht, dass er sie von den „lästigen Verboten endlich befreit“, sondern sie davon loskauft, dass die Torah ihr „Erlöser“ ist. Nicht mehr ein geschriebenes Gesetz soll der Rettungsanker oder ihr Rettungsring sein, sondern er selbst! Der Glaube an ihn rettet, nicht der Gehorsam gegenüber Buchstaben. Er ist dabei nicht gekommen, um das Gesetz aufzuheben. Das sagt Jesus in den Evangelien ganz deutlich. Er erfüllt es aber nun und lebt es so vor, dass wir gleich die praktische Umsetzung vor uns sehen!
Jesus geht von einer Etappe in die andere über, um uns zu Erben zu machen – durch die Taufe, die er gestiftet hat, werden wir zu Kindern Gottes, die das Reich Gottes erben! Jesus ist der Anfang der neuen Schöpfung, wir werden durch die Taufe ebenfalls zu Kindern der neuen Schöpfung! Der Hl. Geist ist es, der nun durch Taufe und Firmung in unsere Herzen „geblasen“ wird wie damals der Odem Gottes in die Nase Adams – weil Jesus der neue Adam ist! Das ist die „Belebung“ der neuen Geschöpfe, durch die wir sagen können „Abba“ – Papa. Gott wird zu unserem Vater, den wir ganz persönlich so ansprechen dürfen. Das gibt es in keiner anderen Religion. Das dürfen wir nie vergessen! Seien wir dankbar!
Wir sind Erben Gottes, aber wie auch bei irdischen Erben kann man die Erbschaft verlieren, wenn man aus dem Testament gestrichen wird. „Benehmen“ wir uns, damit dies nicht geschieht!
Paulus erklärt dies alles den Galatern, damit sie erkennen: Sie müssen nicht so tun, als ob Jesus noch nicht gekommen wäre. Das ist eine Versuchung, die sie vom ewigen Heil abbringen kann. Das „Gesetz“ ist nun mit den Augen Christi zu betrachten und zu halten. „Gott rettet“ (Jesus) nicht der Buchstabe.

Lk 2
16 So eilten sie hin und fanden Maria und Josef und das Kind, das in der Krippe lag. 

17 Als sie es sahen, erzählten sie von dem Wort, das ihnen über dieses Kind gesagt worden war. 
18 Und alle, die es hörten, staunten über das, was ihnen von den Hirten erzählt wurde. 
19 Maria aber bewahrte alle diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen. 
20 Die Hirten kehrten zurück, rühmten Gott und priesen ihn für alles, was sie gehört und gesehen hatten, so wie es ihnen gesagt worden war. 
21 Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, bevor das Kind im Mutterleib empfangen war.

Heute ist der achte Tag der Weihnachtsoktav. Wir feiern ihn als Hochfest der Jungfrau und Gottesmutter Maria! Wie sehr hat die Kirche im 4. Jahrhundert gekämpft, um dieses Dogma durchzusetzen gegenüber verschiedenen Häresien! Maria ist nicht nur die Mutter des Menschen Jesus, sondern auch des Gottes! Sie ist Theotokos – „Gottesgebärerin“. Das ist Grundlage des Christentums.

Wir hören zu Anfang des Evangeliums nochmal, dass wir uns mitten in der Weihnachtszeit befinden. Die Hirten kommen zur Grotte, in der die hl. Familie ist, und finden alles so, wie es ihnen verkündet worden ist. Die Anwesenden staunen über die Dinge, die sie nun erzählen. Die Hirten werden zu Verkündern der frohen Botschaft! Sie sind diejenigen, die das Evangelium weitertragen – und zwar als erste Zeugen des kleinen Kindes!
„Maria bewahrte alles in ihrem Herzen.“ Das ist keine Floskel. Wir müssen das weiter bedenken. Was heißt das denn? Maria hat es betrachtet. Sie war eine fromme und schriftkundige Jüdin. Sie ist im Tempel aufgewachsen und kannte die Hl. Schriften so gut wie nicht unbedingt jeder andere „normale“ Jude. Sie wird all die Dinge im Lichte der Tradition und der messianischen Verheißung reflektiert und alles durchgebetet haben. Sie „bewahrte“ all diese Worte (συντηρέω syntereo „bewahren, bewachen“) und „erwog“ sie im Herzen (συμβάλλω symballo „zusammenwerfen“). Sie zählte also eins und eins zusammen! Sie erkannte die Symbolik verschiedener heilsgeschichtlicher „Mosaiksteinchen“ und fügte sie nach und nach zu einem Mosaikbild zusammen. Das heißt dieser bedeutungsvolle Vers.
Die Hirten haben nicht nur verkündet, sondern sind durch dieses ganze Ereignis mit Freude und Glauben erfüllt worden. Ihr Leben wird sich nach all dem verändert haben.
Dann hören wir das, was im Galaterbrief Paulus reflektiert: Jesus ist am achten Tag beschnitten worden, wie es jüdischer Brauch ist. Bei dem Ritual der Beschneidung erhält das Kind den Namen und dadurch, dass Josef ihn nennt, nimmt er Jesus vor dem jüdischen Gesetz als Adoptivsohn an. Maria und Josef nennen das Kind so, wie Gott es wollte: Jesus. Das heißt „Jahwe rettet“. Damit erhält das Kind das Lebensprogramm – es rettet als Gott die ganze Menschheit. Es ist der Anfang dieser neuen heilsgeschichtlichen Etappe, die mit dem Leiden, dem Tod und der Auferstehung Christi vollendet werden wird. Von da an werden wir durch die fleischgewordene Torah gerettet, nicht mehr durch die geschriebene Torah.

Maria hat als fromme Jüdin alles gehorsam umgesetzt, was die Torah vorschreibt.
Maria hat zugleich Gott geglaubt, dass er seine Verheißung wahr macht.
Maria hat ge-hor-sam (von „hören“) alles in ihrem Herzen gesammelt und eins und eins zusammengezählt. Sie ist die perfekte Schülerin des Pädagogen – nicht nur der Torah, sondern v.a. des Schreibers der Torah, nämlich Gott!
So ist Maria selbst nach Jesus zur ersten Neuschöpfung geworden, die vom „Gesetz“ zum „Glauben“ übergegangen ist – in die neue heilsgeschichtliche Etappe.

Könnten wir heute etwas zu den Galatern sagen, damit sie der Versuchung einer Rejudaisierung nicht erliegen, würden wir auf Maria verweisen. Sie ist das perfekte Vorbild beim Überschreiten der alten heilsgeschichtlichen Phase hinüber zur neuen.

Bitten wir heute Maria um ihre Fürsprache, damit auch hier so ge-hor-sam werden und das Talent des „symballein“ erhalten – eins und eins zusammenzählen zu können, was Gott in unserem Leben wirkt.
Bitten wir auch um ihre Fürsprache, dass wir gute Schüler in der Schule Gottes werden. Er leitet uns auch heute an und möchte uns seinen Willen lehren.
Seien wir gehorsam in der Situation, in der wir uns befinden. Tun wir unser bestes, den christlichen Glauben umzusetzen und die kirchlichen Gebote zu halten. Am Ende der Zeiten werden wir in eine weitere neue Etappe treten, in der es keine Kirche mehr geben wird in der Form wie jetzt. Dann kommen wir vom Glauben zum Schauen.

Ihre Magstrauss

Fest der Heiligen Familie

Sir 3,2-6.12-14 (oder 3,3-7.14-17a); Ps 128,1-5; Kol 3,12-21; Mt 2,13-15.19-23

Liebe Freunde,
heute ist das Fest der Heiligen Familie. Das bezieht sich auf Josef, Maria und Jesus. Dieses Fest feiern wir immer am Sonntag nach Weihnachten (früher am Sonntag nach Erscheinung des Herrn). Wir betrachten diese Familie als unser Vorbild. Alles, was schon im AT über das ideale Familienleben geschrieben steht, können wir auf besonders eindrückliche Weise an der Heiligen Familie erfüllt sehen. Dabei ist sie wiederum nur Abbild der göttlichen Familie: der heiligsten Dreifaltigkeit. Zwar glauben wir, dass Jesus und Maria ohne Sünde sind, Josef aber von der Erbsünde nicht bewahrt ist. Die Eltern Jesu sind zudem nicht allwissend und müssen deshalb so einiges mit einem Fragezeichen hinnehmen. Und dennoch kann uns diese Familie gerade darin ein Vorbild sein: Wie halten wir in Krisen zusammen?

Sir 3
2 Denn der Herr hat dem Vater Ehre verliehen bei den Kindern und das Recht der Mutter bei den Söhnen bestätigt. 
3 Wer den Vater ehrt, sühnt Sünden,
4 und wer seine Mutter ehrt, sammelt Schätze. 
5 Wer den Vater ehrt, wird Freude haben an den Kindern und am Tag seines Gebets wird er erhört. 
6 Wer den Vater ehrt, wird lange leben, und seiner Mutter verschafft Ruhe, wer auf den Herrn hört. 
7 Wer den Herrn fürchtet, ehrt den Vater. So wie Herren dient er seinen Eltern.
12 Kind, nimm dich deines Vaters im Alter an und kränke ihn nicht, solange er lebt! 
13 Wenn er an Verstand nachlässt, übe Nachsicht und verachte ihn nicht in deiner ganzen Kraft! 
14 Denn die dem Vater erwiesene Liebestat wird nicht vergessen; und statt der Sünden wird sie dir zur Erbauung dienen. 
15 Am Tag deiner Bedrängnis wird man sich deiner erinnern; wie heiteres Wetter auf Frost folgt, so werden sich deine Sünden auflösen. 
16 Wie ein Gotteslästerer ist, wer den Vater im Stich lässt, und ein vom Herrn Verfluchter ist, wer seine Mutter erzürnt.
17 Kind, bei all deinem Tun bleibe bescheiden und du wirst geliebt werden von anerkannten Menschen!

Das Buch Jesus Sirach ist eine weisheitliche Schrift und liefert uns sehr sehr wichtige Aspekte, die zum vierten Gebot auch im Katechismus zusammengefasst werden: Wir sollen Vater und Mutter ehren. Das ist nicht einfach nur eine Floskel, sondern führt uns zum Heil!
Es ist sogar so, dass wir unsere eigenen Sünden sühnen, wenn wir gehorsam sind! Das muss man sich auf der Zunge zergehen lassen. Wer den Eltern gehorsam ist, sammelt sich zudem Schätze – himmlische Schätze, gemeint ist die Gnade. Warum eigentlich? Unsere Eltern haben uns das Leben geschenkt. Dass wir da sind, haben wir ihnen zu verdanken. Ganz unabhängig davon, wie sie uns behandeln, was sie uns geben und was nicht, sie verdienen unsere Ehre einfach schon dadurch, dass wir dank ihnen existieren.
Wenn wir unsere Eltern behandeln, wie es Gott gefällt, werden wir Segen haben und im Stand der Gnade sein: Dann wird Gott unsere Gebete erhören und wir werden selbst Kinderreichtum genießen. Viele Kinder sind im AT immer ein Zeichen des Segens Gottes. Wenn es im AT zudem heißt, dass man lange leben wird, meint es zu Beginn noch das irdische Leben oder das Weiterleben in den Nachfahren. Mit der Zeit werden die Juden es aber als ein Weiterleben nach dem Tod verstehen, wenn sie nach und nach die Auferstehung begreifen. Hier im Buch Jesus Sirach darf man Jenseitsvorstellungen schon voraussetzen! Wir gewinnen das Himmelreich, wenn wir unseren Eltern gehorsam sind und ihnen die Ehre geben, die ihnen zusteht. Das hat Jesus getan, wie wir nachher noch lesen werden. Er als Gott (!) hat sich seinen irdischen Eltern unterworfen und den Beruf seines Ziehvaters Josef erlernt. Er wird sich nach dem Tod Josefs um seine Mutter kümmern und noch am Kreuz dafür sorgen, dass nach seinem eigenen Tod der Apostel Johannes Maria zu sich nehmen wird. Für uns sind das ganz wichtige Aussagen in einer Zeit, in der Kinder immer weniger Respekt vor ihren Eltern haben. In einer Zeit, in der Eltern sogar Angst vor ihren Kindern haben müssen. In einer Zeit, in der die Kinder die „Herren“ (Vers 7) sind und nicht die Eltern. Am Ende der Zeiten ist es unser Ziel, dem himmlischen Vater, dem Herrn, auf ewig die Ehre zu geben, in dem wir mit allen Engeln und Heiligen ihn loben und preisen. Dann werden wir das nicht mehr abbildhaft tun wie bei unseren irdischen Eltern, sondern vollkommen.
Es schließen sich an die bisher grundsätzlichen Überlegungen ganz konkrete Anweisungen an: Wir sollen uns um unsere Eltern im Alter kümmern. Warum? Als wir klein und hilflos waren, waren sie es, die sich um uns gekümmert haben. Sie haben auf so vieles verzichtet, um uns großzuziehen: auf Schlaf, auf eigenen Luxus, auf eigene Pläne, auf Selbstverwirklichung, auf den eigenen Willen. Wenn sie mit dem Alter nun immer hilfloser werden, wendet sich das Blatt. Nun liegt es an uns, ganz für sie da zu sein, bis sie aus diesem Leben scheiden. Das ist der Lauf der Dinge.
Als wir kleine Kinder waren und herumgenörgelt haben, als wir noch nicht sprechen konnten und unseren eigenen Kopf durchs laute Schreien und Weinen kundgetan haben, nahmen unsere Eltern alles geduldig hin. Sie gaben uns zu essen, wechselten unsere Windeln und sangen uns stundenlang in den Schlaf. Haben unsere Eltern es nicht verdient, dass wir nachsichtig und geduldig mit ihnen umgehen, wenn ihr Verstand nachlässt und sie uns immer schlechter hören? Haben sie es nicht verdient, dass wir ihre mit dem Alter wachsende Sturheit ertragen? Unsere Eltern verachteten uns doch auch nicht, als wir kleine schwache Babys waren. So steht es uns auch nicht zu, in der Fülle unseres Lebens verachtend auf unsere alternden Eltern zu schauen.
Unser respektvoller Umgang als erwachsene Kinder wird nicht unerkannt bleiben. Gott wird sich dies merken und uns dafür reich beschenken.
Wer die Eltern im Stich lässt, wird als Gotteslästerer angesehen. Das ist wichtig: Die Gottesfurcht wird nämlich durch die Elternfurcht umgesetzt, die Abbild Gottes in unserer Familie sind. Furcht meint in diesem Fall nicht Angst, also etwas Pathologisches, sondern den Respekt und das Bemühen, den Anderen nicht zu verletzen. Gott hat uns unsere Eltern geschenkt. Dieses sollen wir dankbar annehmen und gut damit umgehen, sonst beleidigen wir den, der uns das Geschenk gemacht hat. Unsere Eltern sind Gottes Hände und Füße in unserer Familie. Sie sind sein Ausführungsorgan. Er liebt uns durch unsere Eltern. Und wir lieben ihn durch unsere Eltern. Das ist der Wille Gottes für die Familien.
Diese Elternliebe soll schlicht sein und kein Grund zur Angeberei. Das ist nicht etwas, womit man angeben kann, sondern das Mindeste, das wir unseren Eltern schulden. Wie können wir da Lob erwarten?

Ps 128
1 Ein Wallfahrtslied. Selig jeder, der den HERRN fürchtet, der auf seinen Wegen geht! 
2 Was deine Hände erarbeitet haben, wirst du genießen; selig bist du – es wird dir gut ergehn. 
3 Deine Frau ist wie ein fruchtbarer Weinstock im Innern deines Hauses. Wie Schösslinge von Ölbäumen sind deine Kinder rings um deinen Tisch herum. 
4 Siehe, so wird der Mann gesegnet, der den HERRN fürchtet. 
5 Es segne dich der HERR vom Zion her. Du sollst schauen das Glück Jerusalems alle Tage deines Lebens.

Der Psalm betont das, was den Kern der Elternliebe aus dem Buch Jesus Sirach darstellt: Es geht letztendlich um Gottesfurcht. Selig sind wir, wenn wir Gottes Gebote halten. Das ist die konkrete Umsetzung der Gottesfurcht. Wir werden Segen haben, wenn wir „auf seinen Wegen“ gehen. Dieser Segen wird sich z.B. am Erntereichtum zeigen. Vielleicht erinnern Sie sich an die Worte Gottes in Gen 3 nach dem Sündenfall? Eine Folge der Erbsünde ist die mühevolle Arbeit, um das tägliche Brot essen zu können. Erntereichtum ist dagegen ein Zeichen der Gnade Gottes.
Wenn die Frau als fruchtbarer Weinstock bezeichnet wird, ist das ebenfalls ein Zeichen des Segens Gottes. Kinderreichtum wird immer zum Indikator vor allem für die Frau, dass sie den Segen Gottes auf sich hat. Die Kinder als Ölbäume deuten auf deren Langlebigkeit und Fruchtbarkeit hin. Der Ölbaum ist deshalb ein Bild, das häufig zusammen mit dem Weinstock genannt wird.
Was nach jüdischem Verständnis Ausdruck des Segens Gottes war, ist christologisch erfüllt worden, jedoch auf eine neue und unerwartete Weise: Maria und Josef, zwei gottesfürchtige Menschen, erlangen eine Fruchtbarkeit, die ungleich größer ist als die biologische. Ein Ehepaar, das lebenslange Enthaltsamkeit lebt, zieht Gott selbst auf, Jesus Christus. Maria, die gottgeweiht ist und von allen Menschen die größte Gottesfurcht gehabt hat, ist zur Mutter aller und zum Urbild der Kirche geworden, die Menschen durch die Taufe zum neuen Leben gebiert. Diese geistige Fruchtbarkeit, wie man das Führen von Menschen zu Jesus nennen kann, übertrifft die biologische Fruchtbarkeit als Segen, wie er in diesem Psalm zum Ausdruck kommt.
Wenn es dann zum Ende hin heißt „Es segne dich der HERR vom Zion her“, dann ist das ein besonderer Segen. Für die Israeliten war das die maximale Form von Segen, denn „vom Zion“ meint „vom Tempel“. Und dort wohnte die Herrlichkeit Gottes. Wir Christen sehen darin eine typologische Verbindung zum eucharistischen Segen. „Zion“ ist nun die Kirche, in der das Allerheiligste nicht mehr die Bundeslade, sondern der Tabernakel mit den konsekrierten Hostien ist – das fleischgewordene Wort Gottes. Und zuvor müssen wir auf eine entscheidende Typologie hinweisen, die das ganze heutige Fest erklärt! Nämlich die Muttergottes selbst als Zion! Sie trägt den Sohn Gottes, das fleischgewordene Wort Gottes. Gottes Segen geht von ihrem Leib aus! Sie ist die neue Bundeslade, in der nicht mehr die Torah in Steintafelform, sondern als Mensch geborgen ist, nicht mehr die Schaubrote, sondern das lebendige Brot, das vom Himmel herabgekommen ist. Von diesem Zion geht Segen aus, weil der HERR selbst mit ihr ist. Schauen wir auf dieses Vorbild, verstehen wir die besondere Bedeutung des mütterlichen Segens, auch den Segen unserer irdischen Mutter. Sie hat uns geboren, die wir Abbild Gottes sind, wenn auch nicht Gottes Sohn wie Jesus. Wenn wir Gottes Willen tun, in diesem Fall das Ehren der Eltern, dann geht von diesen Eltern der Segen Gottes auf uns über!
Das ewige Schauen des Glücks Jerusalems ist dann auch mehr als nur wörtlich zu verstehen: Es bezieht sich auf die Glückseligkeit des himmlischen Jerusalems. Dann werden wir mit der himmlischen Familie, also in Gemeinschaft der Heiligsten Dreifaltigkeit leben. Dann kommen wir von der Abbildhaftigkeit zur Vollendung. Das dürfen wir sakramental schon jetzt erfahren in der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Wir sind eine einzige Familie, bei der der Priester unser Vater ist. Er sorgt für die Sakramente und Sakramentalien. Die Kirche gebärt uns, zieht uns auf und nährt uns mit den Heilsmitteln seelisch. Alle Gläubigen sind Geschwister im Glauben und bilden so die geistliche Familie, von der Jesus gesprochen hat (Mt 12,50; Mk 3,35).

Kol 3
12 Bekleidet euch also, als Erwählte Gottes, Heilige und Geliebte, mit innigem Erbarmen, Güte, Demut, Milde, Geduld! 
13 Ertragt einander und vergebt einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat! Wie der Herr euch vergeben hat, so vergebt auch ihr! 
14 Vor allem bekleidet euch mit der Liebe, die das Band der Vollkommenheit ist! 
15 Und der Friede Christi triumphiere in euren Herzen. Dazu seid ihr berufen als Glieder des einen Leibes. Seid dankbar! 
16 Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch. In aller Weisheit belehrt und ermahnt einander! Singt Gott Psalmen, Hymnen und geistliche Lieder in Dankbarkeit in euren Herzen! 
17 Alles, was ihr in Wort oder Werk tut, geschehe im Namen Jesu, des Herrn. Dankt Gott, dem Vater, durch ihn!
18 Ihr Frauen, ordnet euch den Männern unter, wie es sich im Herrn geziemt!
19 Ihr Männer, liebt die Frauen und seid nicht erbittert gegen sie! 
20 Ihr Kinder, gehorcht euren Eltern in allem, denn das ist dem Herrn wohlgefällig!
21 Ihr Väter, schüchtert eure Kinder nicht ein, damit sie nicht mutlos werden!

Auch der Paulusbrief gibt uns heute konkrete Anweisungen, wie wir als Familie zusammenleben sollen. Er sagt auch aus, warum wir wie beschrieben leben sollen: „als Erwählte Gottes, Heilige“. Durch die Taufe sind wir zur Heiligkeit berufen und dies soll sich an unserem Lebensstil bemerkbar machen.
Wir sollen einander ertragen. Wir können uns die Familienmitglieder nicht aussuchen und es kommt manchmal zu Spannungen. Charaktere treffen aufeinander, die nicht immer kompatibel sind. Wir sollen das aber aushalten.
Ein entscheidender Aspekt ist die Vergebung. Wir sollen einander immer verzeihen, jeden Tag aufs Neue. Wir sollen das bedingungslos tun, weil wir in der Nachfolge Christi stehen. Er hat immer und überall vergeben. Er hat noch seinen Henkern am Kreuz vergeben und für sie gebetet. Das soll unser Vorbild auch im Familienleben sein.
Zu dieser Voraussetzung tritt das Band, das alles zusammenhält – die Liebe. Diese ist nicht immer nur ein schönes Gefühl. Spätestens da, wo wir einander vergeben müssen, obwohl wir uns gegenseitig am liebsten auf den Mond schießen würden. Liebe ist manchmal harte Arbeit, und stets die Entscheidung füreinander, auch wo unsere momentanen Gefühle dagegen sprechen.
Der Wunsch einer friedlichen Familie kann nur in Erfüllung gehen, wo Gott Einzug in sie hält. Wo Gott das Zentrum der Familie ist, kann auch sein Frieden, der vollkommen ist, in ihr wirken.
Wir sollen dankbar sein. Das ist nicht zu unterschätzen. Das hat nämlich zur Folge, dass wir nichts, ich wiederhole, NICHTS für selbstverständlich nehmen sollen. Das zeigen wir im Alltag dadurch, dass wir uns für die Dinge bedanken, die uns der andere gibt und tut.
„Das Wort Christi wohne mit seinem ganzen Reichtum bei euch“ heißt, dass das Evangelium ganz und gar Realität in unseren Familien sein soll. Es soll davon geredet werden, aber vor allem soll es gelebt werden.
Wir sollen uns gegenseitig belehren (natürlich mit Liebe) und Gott loben mit Liedern und Gebeten. Das alles klingt, als ob hier nicht die Rede von Familie, sondern Kirche ist. Beides stimmt. Die Familie ist nämlich eine Hauskirche, eine Zelle des Leibes Christi. Diese geistige Dimension von Familie dürfen wir nicht vergessen. Deshalb ist das gemeinsame Gebet analog zur Leiturgia zu betrachten, die gegenseitige Ermahnung analog zur Martyria und das gegenseitige Lieben und Verzeihen analog zur Diakonia. Diese drei wiederum sind die kirchlichen Grundvollzüge. Und so wie alles in der Kirche im Namen Jesu geschehen soll, gilt es für das Familienleben.
Es schließt sich dann eine „Haustafel“ an, das heißt eine Erklärung, wie die Mitglieder des Hauses zueinander stehen sollen. Auch dies ist analog zur Hierarchie der Kirche zu verstehen: Frauen sollen sich ihren Männern unterordnen, die Männer sollen das aber nicht missbrauchen, sondern ihre Frauen lieben. Sie sollen auch die Kinder nicht einschüchtern, obwohl die Kinder den Eltern gehorchen sollen. Das ist die christliche Ordnung der Familie. Leben wir so, haben wir Segen und den Frieden Christi. Das Haupt der Kirche ist Christus, der vor seinem Heimgehen zum Vater Apostel bevollmächtigt hat, an seiner Statt die Rolle des Hauptes einzunehmen. Die Frau ist die Kirche, die Kinder gebärt, sie erzieht und nährt. Der Priester soll seine Frau, die Kirche lieben und nicht über sie herrschen. Die Kirche soll sich dem Mann, dem Priester in persona Christi unterordnen. Die Kinder, die geboren werden, die Täuflinge, diejenigen, die noch im Begriff sind, in die volle Gemeinschaft der Gläubigen aufgenommen zu werden, sollen der Kirche gehorchen, das heißt die Gebote Gottes und Voraussetzungen für den sakramentalen Empfang erfüllen. Sie sollen auch dem Priester gehorsam sein und auf ihn hören. Das hat aber nichts mit Machtgefüge zu tun, weil diese Art von Unterordnung und Hauptsein Christus zum Zentrum hat. Wo dieser aus der Mitte entfernt wird – sowohl in der Kirche als auch in der Familie – gerät diese Hierarchie aus den Fugen. Dann kommt Missbrauch, Hass und Gewalt hinein. Und diejenigen, die am meisten darunter leiden, sind die Kinder – sowohl in der Familie als auch in der Kirche.

Mt 2
13 Als die Sterndeuter wieder gegangen waren, siehe, da erschien dem Josef im Traum ein Engel des Herrn und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und flieh nach Ägypten; dort bleibe, bis ich dir etwas anderes auftrage; denn Herodes wird das Kind suchen, um es zu töten. 
14 Da stand Josef auf und floh in der Nacht mit dem Kind und dessen Mutter nach Ägypten. 
15 Dort blieb er bis zum Tod des Herodes. Denn es sollte sich erfüllen, was der Herr durch den Propheten gesagt hat: Aus Ägypten habe ich meinen Sohn gerufen.
19 Als Herodes gestorben war, siehe, da erschien dem Josef in Ägypten ein Engel des Herrn im Traum 
20 und sagte: Steh auf, nimm das Kind und seine Mutter und zieh in das Land Israel; denn die Leute, die dem Kind nach dem Leben getrachtet haben, sind tot. 
21 Da stand er auf und zog mit dem Kind und dessen Mutter in das Land Israel. 
22 Als er aber hörte, dass in Judäa Archelaus anstelle seines Vaters Herodes regierte, fürchtete er sich, dorthin zu gehen. Und weil er im Traum einen Befehl erhalten hatte, zog er in das Gebiet von Galiläa 
23 und ließ sich in einer Stadt namens Nazaret nieder. Denn es sollte sich erfüllen, was durch die Propheten gesagt worden ist: Er wird Nazoräer genannt werden.

Im Evangelium hören wir heute davon, dass die Hl. Familie von Anfang an bedroht wird. Herodes sieht mit der Geburt Jesu Christi sein Königtum in Gefahr und trachtet deshalb nach dem Leben des Kindes. Gott lässt die Familie aber auch in dieser schweren Stunde nicht im Stich, sondern gibt dem Gerechten erneut einen Traum. Er wird gewarnt und flieht deshalb mit dem Kind und „dessen Mutter“ nach Ägypten. Hier haben wir übrigens wieder eine Formulierung, die zeigt, dass er nicht der Vater des Kindes ist. Erst nach dem Tod des Königs ist die Lage wieder sicher, sodass er mit seiner Familie nach Nazaret zurückkehren kann. Hier heißt es sogar, dass die Familie anscheinend darüber nachgedacht hatte, nach Judäa zu gehen. Das verwundert vielleicht, weil wir bisher gehört haben, dass Josef und Maria in Nazaret gelebt hatten. Verstehen können wir dies erst, wenn wir die messianischen Verheißungen wieder berücksichtigen. Die Eltern Jesu wussten, dass ihr Sohn der Messias ist, von dem es heißt, dass er als Sohn Davids nach Jerusalem gehört. Dies wird sich erst im Erwachsenenalter realisieren, wenn er auf einer Eselin nach Jerusalem hinein geritten kommen wird und die Menschen ihn mit Hosannarufen begrüßen werden. Bis dahin wird er als Spross (nezer) in Nazaret aufwachsen. Deshalb wird man ihn auch Jesus von Nazaret oder den Nazoräer nennen – Jesus, den Spross!
Die ganzen Umstände werden hier im Matthäusevangelium aus heilsgeschichtlicher Sicht betrachtet und gedeutet. Die Schrift erfüllt sich auch hier.
Wie wir in den letzten Wochen schon öfter gehört haben, betont das Matthäusevangelium die Ereignisse aus der Sicht Josefs und aus der Sicht der alttestamentlichen Verheißungen. Wir sehen hier, wie ein Vater sein soll. Er soll beschützen. Insofern soll er das Haupt der Familie sein. Ein Vater soll zudem gehorsam sein – nämlich Gott. So wie Josef ohne Zögern den Willen Gottes direkt umsetzt, so soll der Vater sein eigenes „Herrschen“ der Herrschaft Gottes unterstellen. So wird er seine „Macht“ nie missbrauchen, sondern mit seinem ganzen Sein dienen. Dann wird sich die Frau ihrem Mann auch gerne unterordnen. Maria hat nie Einwände gezeigt (so wird es jedenfalls nie berichtet). Sie macht alles mit, weil sie weiß, dass ihr Mann nach dem Willen Gottes Entscheidungen trifft.
Was Paulus im Kolosserbrief schildert, sehen wir anhand der Hl. Familie vorgelebt. Sie ist uns wirklich ein Vorbild, dem wir nacheifern können. Gewiss werden wir das Ideal nie ganz erfüllen, weil wir sündige Menschen sind. Väter missbrauchen ihre Macht leider doch manchmal und schüchtern ihre Kinder ein. Mütter ordnen sich alles andere als unter, sondern tragen einen regelrechten Konkurrenzkampf mit dem Vater aus. Kinder gehorchen ihren Eltern nicht und haben auch keinen Respekt vor ihnen. Die Ordnung der Familie, die Frieden bringen würde, ist oft nicht gegeben. Und doch ist die Hl. Familie unser Maßstab, unser Ziel, unser Wunsch. Wir dürfen trotz der Missstände unser Ideal nicht aufgeben, sonst sind wir verloren! So wie Josef, Maria und Jesus müssen wir wieder lernen, Gott in unsere Mitte zu stellen, dann wird er nach und nach die Ordnung in unser Familienleben bringen, die uns Frieden bringt.

Ihre Magstrauss

Samstag der dritten Adventswoche (A)

Hld 2,8-14 oder Zef 3,14-17 (14-18a); Ps 33,2-3.11-12.20.21; Lk 1,39-45

Liebe Freunde,
heute gibt es zwei Möglichkeiten für die alttestamentliche Lesung: Hohelied oder Zefanja. Wir werden einen Blick in beide Texte werfen, weil sie beide sehr interessant sind.

Hld 2
8 Horch! Mein Geliebter! Sieh da, er kommt. Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel. 
9 Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch. Sieh da, er steht hinter unserer Mauer, er blickt durch die Fenster, späht durch die Gitter. 
10 Mein Geliebter hebt an und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! 
11 Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. 
12 Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land.
13 Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte, die blühenden Reben duften. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! 
14 Meine Taube in den Felsklüften, im Versteck der Klippe, dein Gesicht lass mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.

Der Ausschnitt aus dem Hohelied ist wie das ganze Buch voll von bräutlicher Sprache. Dies ist eine bewusst verwendete Metaphorik, die das Verhältnis der Braut Israel zu ihrem Bräutigam Gott verbildlicht. Was wir in diesen vielen blumigen Aussagen erkennen können, ist das Kommen des Messias:
Der „Geliebte“ kommt, und zwar schnell. Er hüpft und rennt wie eine Gazelle bzw. ein junger Hirsch. Er blickt schon durchs Fenster und durchs Gitter. Das erinnert uns an Jesus, wie er in Offb 3,20 sagt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Es ist dasselbe Bild und meint das Kommen des Messias, das unmittelbare bevorsteht. Dort wird es sich aber auf das zweite Kommen beziehen. Hier geht es noch um das erste Kommen, das das Volk Israel erwartet hat.
Der Herr fordert Israel auf, aufzustehen, da der Winter vorbei und die Anzeichen der Natur eindeutig sind. Das hebräische Verb קום kann unterschiedlich übersetzt werden und später verwendet es Jesus, als er das verstorbene Mädchen wieder zum Leben erweckt: Es kann „aufstehen“ im Sinne von „aufwachen“ und „sich erheben“ meinen, aber auch „durchhalten“, „errichtet werden“, „ins Dasein gerufen werden“. Durch diese schillernde Vielfalt kann man diese Aufforderung Gottes mehrfach verstehen: Erstens ruft Gott sein Volk ins Dasein durch die Schöpfung und den Bundesschluss , den er immer wieder erneuert. Dann ruft Gott zur Errichtung der zwölf Stämme und zum Tempelbau auf. Gott möchte immer wieder schon im AT, dass das Volk endlich aus der Trance des Götzendienstes aufwacht. Er ruft sein Volk auch immer wieder auf, durchzuhalten in Zeiten der Bedrängnis, besonders im Exil. Er wird diese verschiedenen Rufe auch an uns richten, die wir das Volk Gottes im Neuen Bund sind. So wie in der Offb wird er uns zum Ausharren aufrufen, die wir auf seine Wiederkunft warten.
Was das Hohelied uns immer wieder vermittelt, ist nicht nur die Sehnsucht des Volkes Israel nach Gott, sondern auch Gottes Liebe zu seinem Volk. Er möchte das Gesicht seiner Braut sehen. Gott brennt vor Liebe zu uns und möchte uns sehen. Er sehnt sich nach uns und unserer Gegenliebe. Er ist eifersüchtig, wenn wir Götzen schöne Augen machen. Er möchte unsere ganze Liebe für sich allein. Und er ist bald da. Ja, der Messias wird Mensch in wenigen Tagen!
Ich möchte noch etwas zur Geliebten sagen: Gewiss ist sie ein Bild für Israel. Dieses verdichtet sich aber in einer einzelnen Person, die zur Stellvertreterin des Volkes, des Alten Bundes wird – Maria. Sie ist wahrlich eine Braut Gottes, da sie dem Tempel geweiht worden ist. In diesen Tagen denken wir sehr viel an sie, weil sie kurz vor ihrer Niederkunft steht. Sie trägt Gott unter ihrem Herzen und ersehnt ihn. Sie ruft „Horch! Mein Geliebter!“ Sie hat die Bräutlichkeit des Volkes Israel mit ihrem ganzen Wesen ausgedrückt.

Zef 3
4 Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! 
15 Der HERR hat das Urteil gegen dich aufgehoben und deine Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der HERR, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten. 
16 An jenem Tag wird man zu Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! 
17 Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er schweigt in seiner Liebe, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.

Zefanja gehört zu den „kleinen Propheten“, deren Botschaft aber mindestens genauso bedeutsam ist wie die der großen Propheten: Es ist fast schon ein Freudengesang, den wir bei ihm lesen. Die Tochter Zion wird zum Lobpreis aufgefordert, weil der Tag der Freude gekommen ist. Historisch gelesen erkennen wir das Ende der assyrischen Fremdherrschaft. Zefanja wirkt in Jerusalem um das Jahr 630 v.Chr. Wie viele Propheten vor und nach ihm hat er das Leiden des Volkes durch die Assyrer als Urteil Gottes gedeutet, das Israel durch die eigenen Sünden verdient hat. Er sagt in diesem heutigen Abschnitt nun, dass Gott das Urteil aufgehoben hat. Die Zeit der Bedrängnis ist vorbei. Stattdessen wohnt der König Israels nun in ihrer Mitte. Es ist bemerkenswert, dass Gott nun als König bezeichnet wird. Das ist eine Metapher, die wir mit Jesus, dem Messias wiedererkennen werden. Er, der sogar ans Kreuz geschlagen wird als König der Juden. Gott ist der Herrscher der Welt und er ist es, der Israel leitet.
Gott wird auch als Held bezeichnet, der Rettung bringt. Bei solchen messianischen Aussagen wird stets das hebräische Wortfeld um יֹושִׁיעַ joschia „Rettung“ verwendet. Gott bringt uns Jesus, den Heiland.
Wenn es dann heißt: „Er freut sich und jubelt über dich“, ist das vergleichbar mit dem Ausschnitt aus dem Hohelied. Gott freut sich und sehnt sich nach seiner Braut. Er freut sich besonders, wenn sie umkehrt von den Götzen und ihren Blick wieder Gott zuwendet. Womöglich kann man diesen letzten Vers schon als Hochzeit deuten, die der Anlass der größten Freude darstellt. Dann klingt hier prophetisch schon die Hochzeit des Lammes an.
Auch hier ist der Hinweis zu machen, dass die Tochter Zion auf eine reale Person bezogen werden kann – Maria. Sie ist eine Tochter Zion als Zugehörige zum Volk Israel, vielmehr aber durch ihre Zugehörigkeit zum Stamm Juda und zur Dynastie König Davids. Sie verkörpert das Volk Israel auf eine ganz besondere Weise. Denn sie macht keinen Götzen schöne Augen. Sie schaut nur auf den HERRN und tut in allem nur seinen Willen.

Ps 33
2 Preist den HERRN auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe spielt ihm!
3 Singt ihm ein neues Lied, spielt kunstvoll mit Jubelschall!
11 Der Ratschluss des HERRN bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens durch alle Geschlechter. 
12 Selig die Nation, deren Gott der HERR ist, das Volk, das er sich zum Erbteil erwählt hat. 20 Unsre Seele hofft auf den HERRN; er ist unsere Hilfe und unser Schild. 
21 Ja, an ihm freut sich unser Herz, wir haben vertraut auf seinen heiligen Namen.

Je näher wir dem Weihnachtsfest kommen, desto mehr Lobgesang hören wir in den Psalmen und Lesungen des Tages. Im heutigen Lobpsalm werden wir aufgefordert, Gott zu loben mit Gesang und Instrumenten. Das Besondere hier: Wir sollen ein neues Lied singen. Das ist immer ein Hinweis auf den Messias.
Der ewige Ratschluss des HERRN, also sein Wille, ist ein wunderbar tröstliches Wort, denn es besagt, dass Gottes HEIL ewig bestehen bleibt. Er hat immer nur Pläne des Heils, nicht des Unheils (Jer 29,11). Dies können wir wirklich bestätigen: Der Höhepunkt der Heilsgeschichte kam mit der Menschwerdung Gottes, was wir in wenigen Tagen feiern werden. Er hat einen Bund zwischen allen Menschen und Gott geschlossen, der auf ewig Bestand haben wird.
„Selig die Nation, deren Gott der HERR ist“ – alle Menschen können theoretisch selig sein, weil Jesus für sie alle gestorben ist. Sie müssen diese Erlösung aber annehmen, wenn sie sein Erbe antreten wollen.
„Unsere Seele hofft auf den HERRN“ ist ein typisches Psalmwort und ist zeitlos. Sowohl die Israeliten haben auf den Herrn gehofft, insbesondere in Zeiten der Bedrängnis durch feindliche Völker. Die Kirche betet dies heute in der Zeit der größten Christenverfolgung aller Zeiten. Jeder einzelne Mensch betet dies in Zeiten der ganz persönlichen Bedrängnis, insbesondere in Versuchungssituationen. Wir beten es auch mit Blick auf das Ende der Zeiten, wenn Jesus zum zweiten Mal wiederkommen wird.
Und wenn wir bis zum Schluss auf seinen heiligen Namen vertraut haben, wenn wir standhaft geblieben sind, werden wir am Ende wirklich Grund zum ewigen Jubel haben. Dann werden wir Gottes Angesicht schauen und ihn loben bis in alle Ewigkeit.

Lk 1
39 In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. 
40 Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. 
41 Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt 
42 und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. 
43 Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 
44 Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. 
45 Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

Alles, was wir bisher gehört haben, läuft auf das heutige Evangelium hinaus: Maria besucht ihre Verwandte Elisabet, die ja im sechsten Monat schwanger mit Johannes dem Täufer ist.
Als Maria ins Haus kommt und Elisabet begrüßt, hüpft das Kind in ihrem Leib. Elisabet wird vom Heiligen Geist erfüllt und tut das, zu dem der Psalm auffordert: Sie unternimmt einen Lobpreis. Dabei segnet sie Maria, die sie als die Muttergottes erkennt. Es ist bemerkenswert, dass sie sich selbst niedriger einstuft als Maria („Wer bin ich…“). Das ist insofern besonders, als sie nach jüdischer Vorstellung eigentlich höhersteht. Sie ist ja älter als Maria. Elisabet beginnt den Lobpreis, nachdem sie gemerkt hat, dass ihr ungeborenes Kind den Messias preist.
Vergleichen wir diese Begegnung zwischen dem Täufer und Jesus sowie Elisabet und Maria mit den Lesungen des Alten Testaments, geht uns einiges auf. Im Hohelied wurde schon verheißen, dass Gott an der Schwelle steht und durchs Gitter schaut. Er ist unmittelbar vor der Ankunft. Und dies erfüllt sich nun mit Maria und dem ungeborenen Jesuskind an der Schwelle des Hauses des Zacharias! Jesus kehrt ein, auch wenn er noch nicht geboren ist. Das erkennt schon das andere ungeborene Kind. Es kommt noch besser. Im Hohelied heißt es, der Geliebte „springt über die Berge und hüpft über die Hügel“. Maria geht ins Bergland von Judäa, um ihre Verwandte zu besuchen. Sie bringt den „Geliebten“ tatsächlich in die Berge und Hügel!
Auch die Verheißungen aus Zefanja realisieren sich in dieser Situation: Freuen und jubeln kann sich heute Elisabet, denn der HERR ist in ihrer Mitte. Maria hat ihn zu ihr gebracht. Nicht nur Maria wird so zur Tochter Zion, in deren Mitte, nämlich in ihrem Leib, der Messias heranwächst, sondern auch ihre Verwandte und auch Johannes der Täufer.
Elisabet erkennt, dass die Personifikation der Tochter Zion ihre Verwandte Maria ist. Sie ist ganz anders als alle anderen Frauen. Sie trägt kein normales Kind unter ihrem Herzen, sondern den Messias, Gott den HERRN. Sie erkennt Marias Glauben an die gute Vorsehung Gottes. Sie erkennt, dass Maria wirklich darauf vertraut hat, dass Gottes Ratschluss immer auf das Heil hinausgeht und dass Gott sein Versprechen hält.
Was wir heute nicht mehr hören, was sich aber an Elisabets Worte anschließt, ist das Magnificat. Maria, die Tochter Zion, preist Gott mit Worten der Heiligen Schrift für die großen Taten, die er seinem ganzen Volk erwiesen hat. Sie betet stellvertretend für das ganze Volk, wodurch ihre Identität als Tochter Zion ganz und gar offenbar wird.

Heute ist es wirklich nur noch einen Katzensprung von der Menschwerdung Gottes entfernt. Freuen wir uns und jubeln zusammen mit Johannes dem Täufer, Elisabet, Maria und David. Jubeln wir und glauben auch wir, dass Gottes Ratschluss immer nur das Heil für uns bereithält. Er hält sein Versprechen. Er tat es damals und er wird es auch in unserem Leben tun.

Ihre Magstrauss

Fronleichnam – nachgeholtes Hochfest

Fronleichnam – nachgeholtes Hochfest

Heute ist Fronleichnam. Was ist das eigentlich für ein Fest und was bedeutet das Wort „Fronleichnam“?

Der Begriff kommt von dem mittelhochdeutschen vrône lîcham und heißt „des Herren Leib“. Eigentlich heißt der Feiertag im liturgischen Kalender „Hochfest des Leibes und Blutes Jesu Christi“ (Sollemnitas Sanctissimi Corporis et Sanguinis Christi). Daran erkennen wir schon, was wir feiern – die Eucharistie. Vielleicht denken Sie direkt an Gründonnerstag, an dem wir ja bereits die Einsetzung der Eucharistie gefeiert haben. Das stimmt auch, nur können wir in der Karwoche so kurz vor dem Tod Christi nicht richtig in Feststimmung verfallen. Deshalb holen wir dies an Fronleichnam nach.


Es ist ein Hochfest, das heißt, alle Katholiken sind verpflichtet, an diesem Tag zur Hl. Messe zu gehen. Es gehört zum dritten Gebot, also zur Heiligung des Sonntags, zu dem auch alle anderen Hochfeste zählen. Bei Verletzung dieses göttlichen Gebotes begehen wir eine schwere Sünde. Schließlich feiern wir den Leib Christi, der der Herzschlag unserer Kirche ist.

An Fronleichnam wird der Leib Christi, für uns sichtbar als kleine unscheinbare Oblate, in einer kostbaren Monstranz durch die Straßen unserer Orte getragen. Wir gehen hinter dem Herrn her, beten und singen. Wir preisen ihn, dem wir alles zu verdanken haben und der es wert ist, unser Lob und unsere Anbetung zu empfangen.

Warum tun Katholiken das auf diese Weise? Könnte man nicht auch anders den Leib Christi anbeten?

Gehen wir doch einmal zurück zur Hl. Schrift. Wir lesen davon, dass als Maria Jesus empfing, als Gott sich mit Materie verband, Maria nicht zuhause blieb. Sie machte sich auf den Weg ins Bergland von Judäa und brachte den Herrn zu Elisabeth, zu Johannes den Täufer, zum Hause derer, die als erstes den physisch gegenwärtigen Gott anbeteten. Maria war sozusagen der erste Tabernakel. Sie war die erste Monstranz.

Wenn wir von dieser wörtlichen Ebene weitergehen und diese Erzählung allegorisch betrachten, sehen wir darin einen Typos der Kirche. Die Kirche ahmt diesen Gang Mariens mit Jesus unter ihrem Herzen nach, in dem sie den Herrn nicht in der Kirche, dem Haus Gottes lässt, sondern ihn in die Welt hinausträgt, damit auch wir wie Elisabeth sagen können: “ Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes.“ (Lk 1,42). Der Antitypos der „Frau“, wie es in dem Ausruf Elisabeths heißt, ist die Kirche. Sie ist nun die Frau, die Braut Christi und sie „gebärt“ mit jeder Eucharistiefeier den Herrn, der „Fleisch annimmt“ (Joh 1,14). Diese Geburt ist natürlich nicht wörtlich, dennoch physisch zu verstehen.


Betrachten wir die Episode des Besuches Mariens bei Elisabeth noch weiter, nämlich moralisch: Wir bleiben nicht in der Rolle der Elisabeth stehen. Als Katholiken haben wir diese überwältigende Ehre, den Herrn selbst zu empfangen! Wie sehr muss der Herr uns lieben, dass er auch in uns Fleisch annehmen will? Nach jeder Hl. Messe gehen wir als Tabernakel und Monstranz hinaus in die Welt und tragen den Herrn zu den Menschen. Ist uns das bewusst? Wir bringen Jesus zu allen Menschen, denen wir begegnen. Wenn wir uns durch die Eucharistie verwandeln lassen und durch unser Verhalten immer mehr zum Resonanzkörper Gottes werden, dann werden die Menschen, zu denen wir den Herrn bringen, wie Elisabeth vom Hl. Geist erfüllt werden und Gott die Ehre geben. Unser Glaube wird sie anstecken.


Schließlich ergibt sich für uns noch eine weitere Perspektive, nämlich die anagogische: Der Herr ist uns vorausgegangen in die Ewigkeit, hat uns aber vom Vater den Hl. Geist gesandt, durch den die Kirche lebt und wirkt. Wir leben in der Endzeit und warten auf die Wiederkunft Christi. Und wenn wir wachsam und bereit leben im Bewusstsein, dass das eigentliche Leben in der Ewigkeit beginnt, werden wir – jeder einzelne nach dem Tod und die ganze Menschheit am Ende der Zeiten – voller Begeisterung über die Gegenwart Gottes wie Elisabeth vom Hl. Geist erfüllt dem Herrn die Ehre geben – bis in alle Ewigkeit. Das wird unsere „Tätigkeit“ im Himmel sein. Der Hl. Geist, die Liebesglut Gottes, wird für den ein oder anderen gewiss so überwältigend sein, dass es wehtut. Schon Elisabeth hat gesagt: „Wer bin ich, dass die Mutter des Herrn zu mir kommt (Lk 1,43)?“Aber durchs Feuer geläutert (1 Kor 3,13-15) werden wir bereitet, vor Gott bestehen zu können und den Elisabeth-Maria-Moment ewig auskosten zu können. Dann werden wir Gott nicht mehr sakramental sehen, nicht mehr als ungeborenes Kind, sondern so wie er ist (1 Joh 3,2).


Um nun also auf Fronleichnam zurückzukommen: Wenn wir mit dem Leib Christi durch die Straßen ziehen, nehmen wir sakramental vorweg, was wir im Himmel ewig erfahren werden – die Wohnung Gottes unter den Menschen (Offb 21,3). In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein gesegnetes Fronleichnamsfest.

Ihre Magstrauss