Sechster Tag der Weihnachtsoktav

1 Joh 2,12-17; Ps 96,7-10; Lk 2,36-40

1 Joh 2
12 Ich schreibe euch, ihr Kinder: Euch sind die Sünden vergeben um seines Namens willen. 

13 Ich schreibe euch, ihr Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Ich schreibe euch, ihr jungen Männer: Ihr habt den Bösen besiegt. 
14 Ich habe euch geschrieben, ihr Kinder: Ihr habt den Vater erkannt. Ich habe euch geschrieben, ihr Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Ich habe euch geschrieben, ihr jungen Männer: Ihr seid stark und das Wort Gottes bleibt in euch und ihr habt den Bösen besiegt. 
15 Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist! Wer die Welt liebt, in dem ist die Liebe des Vaters nicht. 
16 Denn alles, was in der Welt ist, die Begierde des Fleisches, die Begierde der Augen und das Prahlen mit dem Besitz, ist nicht vom Vater, sondern von der Welt. 
17 Die Welt vergeht und ihre Begierde; wer den Willen Gottes tut, bleibt in Ewigkeit.

Der heutige Abschnitt aus dem ersten Johannesbrief beschreibt das neue Leben, das den Getauften geschenkt ist – jung und alt. Uns, die wir Kinder Gottes geworden sind („ihr Kinder“), sind die Sünden vergeben. Das ist uns durch die Taufe auf den Namen Jesu geschenkt worden. Es ist auch interessant, dass im Laufe der heutigen Lesung verschiedene Altersgruppen oder Generationen angesprochen werden. Wenn hier die „Kinder“ nicht nur auf die Taufe bezogen die Wiedergeborenen im Heiligen Geist meint, sondern wörtlich verstanden werden muss, dann haben wir sogar einen Hinweis darauf, dass schon damals Kinder getauft worden sind, nicht nur Erwachsene (Diesen Hinweis haben wir ohnehin, wenn es heißt, dass Menschen mit ihrem ganzen Haus getauft werden, also auch mit den Kindern).
Die Väter haben Gott erkannt und sich deshalb zu ihm bekannt. Und die jungen Männer haben den Bösen besiegt, nämlich durch die Taufe. Der Unheilsplan des Bösen ist durch die Erlösung Jesu Christi zunichte gemacht worden. Jeder Mensch, der sich taufen lässt, wird von dem Fluch der Erbsünde befreit. Er hat die Chance und die Berufung, in das Himmelreich zu gelangen.
Erneut an die Kinder gerichtet schreibt Johannes: Ihr habt den Vater erkannt. Das bezieht sich weniger auf ihren irdischen Vater, denn den kannten sie ja von Anfang an. „Erkennen“ ist in der Bibel entweder auf den Geschlechtsverkehr zu beziehen oder auf das Erkennen Gottes und die darauf folgende Bekehrung. Hier muss es sich also auf den himmlischen Vater beziehen, den die Kinder erkannt haben und sich deshalb haben taufen lassen. Auf denselben Vater bezieht sich Johannes auch bei den Worten an die Väter: Ihr habt den erkannt, der von Anfang an ist. Die Taufe macht stark, v.a. im Kampf gegen den Bösen, den die jungen Männer schon besiegt haben. Das Wort Gottes bleibt in ihnen, das heißt, Jesus bleibt in ihnen. Durch die Taufe ist Jesus auf besondere Weise in unseren Herzen. Er wohnt in unserer Seele und nimmt so viel Raum ein, wie wir ihm zugestehen.
Ab Vers 15 thematisiert Johannes jetzt die Konsequenz dieser Taufe: Das Leben in der Welt kann nicht mehr dasselbe sein wie vor der Taufe.
„Liebt nicht die Welt und was in der Welt ist.“ Das heißt natürlich nicht, dass wir gleichgültig oder sogar hasserfüllt gegenüber allem sein sollen, was in der Welt ist, oder alles verteufeln sollen. Das wäre gnostisch und die Gnostiker waren der Erzfeind des Johannes, wie man in den johanneischen Schriften ganz deutlich lesen kann. Es geht darum, dass wir den weltlichen Dingen keine so große Priorität geben sollen wie dem ewigen Leben, in das wir durch die Taufe ja hineingeboren sind. „Lieben“ meint in diesem Kontext also das, was wir auf unserer Prioritätenliste ganz oben haben. Lieben heißt, „im Herzen tragen“. Das Wort Gottes wohnt ja jetzt in uns und wir sollen ihm den ganzen Raum geben. Wie soll es diesen aber haben, wenn wir unser Herz mit weltlichen Dingen füllen, die doch vergänglich sind? Wo diese Dinge den Raum füllen, ist kein Platz mehr für Gottes Liebe. Deshalb sagt Johannes auch „in dem ist die Liebe des Vaters nicht“. Es bleibt einfach kein Platz mehr übrig.
Die Wendung in Vers 16 „in der Welt“ umfasst, was weltlich ist. Es meint nicht nur, was dem ewigen Leben nicht nur nicht dient, sondern es sogar verhindert. Es handelt sich nicht um die „weltlichen“ Dinge im positiven Sinn, also was Gott geschaffen hat, sondern die Dinge im negativen Sinn: was sich durch die Erbsünde in die Welt eingeschlichen hat. Das ist ein wichtiger Unterschied. Wo wir diesen ignorieren, werden wir weltfeindlich, was aber nicht der christlichen Lehre entspricht. Hier meint „Welt“ diese negativen Dinge und das erkennen wir auch an dem Wort „Begierde“. Diese ist mit dem Sündenfall des ersten Menschenpaares in die Welt gekommen. Die Begierden, die hier aufgezählt werden, sind eben nicht Teil der guten Schöpfung, die vom Vater kommt (Begierde der Augen, des Fleisches, Prahlerei mit Besitz). Es kommt nicht vom Vater, sondern von der „Welt“, genauer von der gefallenen Welt, die vom Bösen infiltriert ist. Diese wird aber vergehen. Am Ende wird Gott alles zusammenbrechen lassen, nur um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen – eine unvergängliche Welt, in der nichts Böses mehr Platz haben wird. Und wenn wir den Willen des Vaters tun – eben auch bezogen auf unser Verhalten in dieser Welt, die nicht mehr die gute Schöpfung des Vaters ist (nur noch teilweise), dann werden wir auch eingehen in die neue Schöpfung, in die wir schon hineingeboren sind durch die Taufe. Es reicht also nicht nur, getauft zu sein. Wir müssen uns auch dementsprechend verhalten! Das spricht Johannes nicht nur zu den damaligen Christen, sondern auch zu uns. Auch wir können nicht leben wie die anderen Menschen. Wir sind in dieser Welt, aber wir sind getauft für die Ewigkeit. Auf diese hin sollen wir leben.
Dabei sind wir zur Freiheit berufen – zu der wahren Freiheit, nicht zur Anarchie. Begierde, die die Welt bietet, macht immer unfrei. Man ist gedrängt und wird immer wieder getrieben. Es ist nie genug. Wir werden Sklaven unserer Selbst. Wenn wir aber diese Begierden nicht haben, dann sind wir frei für Gott. Unser Leben erreicht dann schon hier auf Erden eine Weite, die sich in der Ewigkeit vollenden wird.

Ps 96
7 Bringt dar dem HERRN, ihr Stämme der Völker, bringt dar dem HERRN Ehre und Macht,
8 bringt dar dem HERRN die Ehre seines Namens! Bringt Gaben und tretet ein in die Höfe seines Heiligtums! 
9 Werft euch nieder vor dem HERRN in heiligem Schmuck! Erbebt vor ihm, alle Lande! 
10 Verkündet bei den Nationen: Der HERR ist König! Fest ist der Erdkreis gegründet, er wird nicht wanken. Er richtet die Völker so, wie es recht ist. 

Heute loben und preisen wir den HERRN nochmal ganz besonders. Es erinnert uns daran, dass wir noch mitten in der Weihnachtsoktav sind. Der HERR ist König und nur er. Es klingt, als wäre der heutige Psalm ein Appell an die Weisen aus dem Morgenland: „Bringt Gaben und tretet ein in die Höfe seines Heiligtums!“ Klar ist damit zunächst ein Aufruf an alle Juden zum Lobpreis Gottes im Tempel von Jerusalem gemeint. Es geht um Darbringung und Opfer. Die Höfe des Heiligtums deuten die Architektur des Tempelgeländes an, das von außen nach innen mehrere Schichten besitzt, die nach innen immer heiliger werden. Den innersten Kern, das Allerheiligste, darf nur einmal im Jahr, nämlich an Jom Kippur (dem Versöhnungstag) der Hohepriester betreten.
Wir denken aber auch weiter und sehen die Höhle von Bethlehem, in der das Allerheiligste nun in einer Krippe liegt. Das Wort Gottes, die Steintafeln vom Sinai, die Mose übergeben worden sind, sind nun nicht mehr Stein, sondern eine Person! Und es kommt noch besser. Dieser heilige Ort ist jüdisch gesehen gar nicht so kultisch rein. Voller Viehmist und natürlich auch als Ort einer Geburt ist er eigentlich unzugänglich. Dann sind da noch die Hirten, gesellschaftlich Randständige, die in das Heiligtum eingehen, ganz und gar ohne „heiligen Schmuck“. Dieses Heiligtum ist nicht nur für Auserwählte, sondern für jeden offen! Das ist jüdisch gesehen etwas Unerhörtes und Skandalöses, aber das ist die Wahrheit!
Eine Gruppe von Menschen kommt tatsächlich in voller Montur, dass man sie in der Tradition sogar als königlich bezeichnet hat – die Magoi aus dem Osten! Sie kommen und treten ein in das Heiligtum Gottes, der Grotte von Bethlehem. Sie sind voller Prunk gekleidet und bringen dem Kind Gaben: Weihrauch, Myrrhe und Gold.
Es ist dennoch nicht ganz analog, denn „alle Lande“ bezieht sich nicht auf die Länder um Israel herum. Es meint eigentlich wörtlich „das ganze Land“ im Sinne des Hl. Landes (כָּל־הָאָֽרֶץ kol ha’arez). Der nächste Vers lässt dennoch erahnen, dass die Botschaft dieses Königs der Könige über die Juden hinausgeht: „Verkündet bei den Nationen“ ist nämlich auf die nichtjüdischen Völker bezogen ( אִמְר֤וּ בַגֹּויִ֨ם imru hagojim, gojim meint immer die nichtjüdischen Völker). Die Juden haben das tatsächlich gemacht. Als sie in babylonischer Gefangenschaft waren, haben die Babylonier deren Messiaserwartung übernommen und Jahrhunderte später aufgrund des aufgehenden Sterns erkannt, dass dieser Messias nun geboren ist. Deshalb haben sich ihre Priester/Sterndeuter auf den Weg gemacht und huldigen dem Messias nun tatsächlich in der Grotte von Bethlehem!
Dieser König ist nicht nur Weltenherrscher, sondern auch Weltenrichter.

Lk 2
36 Damals lebte auch Hanna, eine Prophetin, eine Tochter Penuëls, aus dem Stamm Ascher. Sie war schon hochbetagt. Als junges Mädchen hatte sie geheiratet und sieben Jahre mit ihrem Mann gelebt; 
37 nun war sie eine Witwe von vierundachtzig Jahren. Sie hielt sich ständig im Tempel auf und diente Gott Tag und Nacht mit Fasten und Beten. 
38 Zu derselben Stunde trat sie hinzu, pries Gott und sprach über das Kind zu allen, die auf die Erlösung Jerusalems warteten. 
39 Als seine Eltern alles getan hatten, was das Gesetz des Herrn vorschreibt, kehrten sie nach Galiläa in ihre Stadt Nazaret zurück.
40 Das Kind wuchs heran und wurde stark, erfüllt mit Weisheit und Gottes Gnade ruhte auf ihm.

Heute hören wir von einem wichtigen jüdischen Brauch, eigentlich von zwei Bräuchen: Der Opferung des Kindes im Tempel und der kultischen Reinigung der Mutter. Den Hinweis auf beides erhalten wir schon in Vers 22, den wir heute nicht hören. Eine Frau, die einen Sohn geboren hat, ist die ersten vierzig Tage nach der Geburt kultisch unrein und muss sich nach Ablauf dieser Zeit einem Reinigungsritual im Tempel unterziehen. Wir lesen die genauen Vorschriften bei Levitikus (Lev 12). Gleichzeitig sieht das Judentum ein weiteres Ritual vor, das die Opferung der Erstgeborenen betrifft und Pidjon haBen heißt: Als Zeichen der Dankbarkeit für den Auszug aus Ägypten werden das erstgeborene Vieh Jahwe dargebracht und die erstgeborenen Söhne ausgelöst. Das bedeutet, dass anstelle von ihnen entweder ein Lamm oder zwei (Turtel)Tauben geopfert werden (Ex 13,14-15; Num 18,15). Kinderopfer sind im Judentum nämlich verboten und ja auch gar nicht erwünscht. Jesus wird also im Tempel ausgelöst und so sagen seine Eltern deutlich aus: Dieses Kind gehört Gott. Und im Falle Jesu trifft es nicht nur im übertragenen Sinne zu, sondern ist wortwörtlich zu verstehen. Jesus gehört seinem Vater im Himmel!
Das ist die Vorgeschichte des heutigen Evangeliums. Die heilige Familie ist also im Tempel und heute hören wir von Hanna, der Prophetin, die dem Tempel dient. Sie kommt aus dem Stamm Ascher und ist schon alt. Sie ist eine Witwe von 84 Jahren und hat sich ganz dem Tempel hingegeben. Ihr Dienst ist eremitisch bzw. kontemplativ. Sie betet und fastet, womit sie der Menschheit einen besonders großen Dienst erweist. Ihre Rolle sowie die des greisen Simeon ist nicht zu unterschätzen. Da beide in hohem Alter noch so wichtige Aufgaben übernehmen, sind sie beide ein gutes Vorbild für alle Großeltern bis heute. Nicht umsonst hören wir von Hanna einen Tag nach dem Fest der Hl. Familie und zwei Tage nach dem Fest der unschuldigen Kinder. Bis heute haben die Großeltern dann, wenn sie alt und schwach geworden sind, noch eine Berufung. Nur weil sie nicht mehr so rüstig sind wie in ihren frischesten Jahren, heißt das nicht, dass sie nicht mehr am Reich Gottes mitwirken. Die Aufgaben ändern sich, sind aber nicht weniger wichtig wie die der jungen und aktiven Menschen. Die Lebenserfahrung des Simeon und der Hanna, ihr Wirken im Verborgenen und ihre Weisheit, die das Geschehen im Lichte des göttlichen Heilsplans deutet, sind Vorbild für heutige Großeltern. Auch sie können jetzt, wo ihr beruflicher Stress abfällt, mehr beten und im Verborgenen Gottes Reich mit aufbauen. Sie können den jungen Menschen mit ihrer Lebenserfahrung helfen und in ihren Familien prophetisch wirken. Das heißt, sie können das Geschehen in und um ihre Familien herum im Lichte des Willens Gottes deuten und auch warnen, wo sich die Familie von Gott entfernt.
Hanna tut dies, indem sie zu allen über das Kind spricht. Ihr Reden ist kein Tratschen, sondern prophetische Deutung! Sie erklärt allen, die den Messias erwartet haben, dass er nun da ist! Sie verkündet das Evangelium. Das ist so eine große Aufgabe, zu der jeder und jede berufen ist, egal welchen Alters!
Nachdem Jesu Eltern ihre Pflicht als fromme Juden erledigt haben, kehren sie nach Nazaret zurück, wo sie leben. Lukas erwähnt die Flucht nach Ägypten nicht, weil er die Prioritäten anders setzt als Matthäus.
Er sagt auch kaum etwas über die Kindheit Jesu, nur dass Jesus heranwächst und stark wird. Diese Stärke ist nicht nur physisch zu verstehen, sondern vor allem geistig/seelisch. Er ist erfüllt mit Weisheit und Gnade Gottes. Wie sich diese zeigt, erfahren wir in einer Episode, die heute nicht mehr verlesen wird: der Debatte Jesu im Tempel mit den Schriftgelehrten.

Was wir von der hl. Familie heute lesen, ist sehr schlicht. Sie tut, was sie zu tun hat aus jüdischer Sicht. Maria und Josef sprechen nicht ein einziges Wort, dafür kommen andere zu Wort wie Hanna, die die heilsgeschichtliche Bedeutung dieses Kindes den Juden erklärt. Sowohl Simeon als auch Hanna, die von ihrem Lebensstand gesehen unfruchtbar sind, werden durch ihre „Evangelisierung“ fruchtbarer denn je. Insbesondere Hanna, die ihren Mann in jungen Jahren verloren hat und deshalb keine eigenen Kinder bekam, hat durch ihre Verkündigung so viele Menschen zu Jesus gebracht. Wer weiß, wie viele dieser Juden, die ihre Worte gehört haben, sich nachher haben taufen lassen! Dann hat sie wirklich dafür gesorgt, dass diese Menschen zum ewigen Leben neugeboren worden sind, wie wir im ersten Johannesbrief heute gelesen haben!

Beten wir heute für alle Großeltern, die sich nutzlos und einsam fühlen.
Beten wir auch für die Großeltern, die ihre Enkel nicht sehen dürfen oder nicht sehen wollen. Beten wir in diesem Jahr vor allem für jene Großeltern, die wegen Corona ihre Familien nicht sehen können.
Beten wir für alle Familien auf der ganzen Welt, in denen die Generationen-Solidarität nicht mehr so gegeben ist, wie sie sein sollte.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 2. Osterwoche

Apg 5,17-26; Ps 34,2-3.4-5.6-7.8-9; Joh 3,16-21

Apg 5
17 Da erhoben sich voll Eifersucht der Hohepriester und alle, die auf seiner Seite standen, nämlich die Partei der Sadduzäer.
18 Und sie legten Hand an die Apostel und nahmen sie in öffentlichen Gewahrsam.
19 Ein Engel des Herrn aber öffnete nachts die Gefängnistore, führte sie hinaus und sagte:
20 Geht, tretet im Tempel auf und verkündet dem Volk alle Worte dieses Lebens!
21 Sie gehorchten und gingen bei Tagesanbruch in den Tempel und lehrten. Währenddessen kam der Hohepriester mit seinen Begleitern. Sie riefen den Hohen Rat und alle Ältesten der Söhne Israels zusammen; man schickte Boten zum Gefängnis, um die Apostel vorführen zu lassen.

22 Die Diener gingen, fanden sie aber nicht im Gefängnis. Sie kehrten zurück und meldeten:
23 Wir fanden das Gefängnis sorgfältig verschlossen und die Wachen vor den Toren stehen; als wir aber öffneten, fanden wir niemanden darin.
24 Der Tempelhauptmann und die Hohepriester waren ratlos, als sie das hörten, und wussten nicht, was nun werden sollte.
25 Da kam jemand und meldete ihnen: Siehe, die Männer, die ihr ins Gefängnis geworfen habt, stehen im Tempel und lehren das Volk.
26 Da ging der Tempelhauptmann mit seinen Leuten hin und holte sie, allerdings nicht mit Gewalt; denn sie fürchteten, vom Volk gesteinigt zu werden.

Durch die Apostel geschehen viele Zeichen und Wunder. Es kommt immer mehr zu einer Volksbewegung um sie herum. Die Menschen kommen zum Glauben an Christus und strömen dorthin, wo die Apostel sich aufhalten, um selbst von ihren Schatten geheilt zu werden. Dies stellt die Vorgeschichte der heutigen Lesung dar. So verstehen wir nun, warum der Hohepriester und die gesamte Tempellobby eifersüchtig reagieren.
Sie haben sich bis zum öffentlichen Auftreten der Apostel endlich in Sicherheit gewähnt, als sie Jesus Christus ans Kreuz gebracht haben. Sie dachten, dass sie nun endlich wieder das alleinige Sagen und den religiösen Einfluss auf die Bevölkerung hätten. Doch sie haben die Rechnung ohne die Apostel und vor allem den Hl. Geist gemacht. Ganze Volksscharen hören nun wieder nicht auf sie, sondern auf die Anhänger dieses Jesus, den sie beseitigt haben! Diese sind furchtlos und treten weiterhin öffentlich auf, obwohl sie ihnen unter Drohungen eingeschärft haben, es nicht zu tun.
So nehmen sie sie fest.
Doch Gott steht ihnen bei und befreit sie durch einen Engel aus dem Gefängnis. Dieser entsendet sie zum Tempel, das Wort Gottes zu predigen. Wenn der Engel sagt: „Verkündet dem Volk alle Worte dieses Lebens“, dann meint er damit das ewige Leben, auf das hin die Apostel leben.
Die Apostel hören darauf, was der Engel ihnen gebietet, und stehen schon bei Tagesanbruch wieder im Tempel, um das Wort Gottes zu verkünden. Man könnte aus menschlicher Logik heraus denken: „Ganz schön leichtsinnig!“ Aber so ist es nicht, wenn es um die Sache Gottes geht! Wenn er einem vorschreibt, etwas vermeintlich Riskantes zu tun, dann ist es das einzig Richtige! Und wenn man sein eigenes Leben dabei riskiert, sichert man sich dafür das ewige Leben, was doch so viel mehr wert ist!
Während sie also im Tempel lehren, trifft der Hohepriester und der Sanhedrin ein, um die verhafteten Apostel zu vernehmen. Als man die Apostel holen lässt, findet man sie in ihren Zellen nicht, obwohl diese verschlossen sind und Wächter sie bewachen.
Es ist also unmöglich, dass die Apostel den Ort hätten verlassen können. Deshalb lässt es den ganzen Hohen Rat sowie den Tempelhauptmann ratlos.
Und dann kommt die Pointe – ihnen wird gemeldet, dass eben jene vermissten Gefängnisinsassen im Tempel das Wort Gottes verkünden! Da das ganze Volk versammelt ist, werden die Gesuchten gewaltlos abgeführt, um vom Volk nicht gesteinigt zu werden. Dieses ist nämlich begeistert von dem, was sie verkünden.
Die Episode ist bemerkenswert, weil sie zeigt, dass der Geist Gottes in den Aposteln alle möglichen Wunder vollbringt, sogar die Befreiung aus einem geschlossenen Raum! Es erinnert an den auferstandenen Christus, der durch verschlossene Türen einen Raum betreten kann. Bei Gott ist nichts unmöglich und er sorgt wirklich für den Menschen, wenn es ihm ganz und gar um sein Reich geht.

Ps 34
2 Ich will den HERRN allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund. 

3 Meine Seele rühme sich des HERRN; die Armen sollen es hören und sich freuen. 
4 Preist mit mir die Größe des HERRN, lasst uns gemeinsam seinen Namen erheben! 
5 Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort, er hat mich all meinen Ängsten entrissen. 
6 Die auf ihn blickten, werden strahlen, nie soll ihr Angesicht vor Scham erröten. 
7 Da rief ein Armer und der HERR erhörte ihn und half ihm aus all seinen Nöten.
8 Der Engel des HERRN umschirmt, die ihn fürchten, und er befreit sie.
9 Kostet und seht, wie gut der HERR ist! Selig der Mensch, der zu ihm sich flüchtet!

Heute beten wir einen wunderbaren Lobpreispsalm, mit dem wir Gottes große Taten rühmen.
„Ich will preisen“ ist ein typischer Psalmenbeginn – die Selbstaufforderung zum Lob. David bekundet sein „Jawort“ gegenüber Gott durch einen andauernden Lobpreis.
Mit „meine Seele“ wird das hebräische Wort נַפְשִׁ֑י nafschi übersetzt, was eigentlich viel mehr als nur die Seele meint. Das biblische Menschenbild ist nicht geteilt, sodass man sagen kann, er hat einen Körper und eine Seele. Vielmehr ist der Mensch ein Körper und eine Seele. Das hebräische Wort ist also umfassender zu übersetzen im Sinne von „mein Leben“. Es meint die gesamte Existenz des Menschen, die sich des HERRN rühmen soll. David möchte Gott in allen Lebenslagen, mit seinem ganzen Sein preisen. Er möchte das tun, was wir Menschen in der Ewigkeit dauerhaft vornehmen werden – den Lobpreis Gottes.
„Die Armen sollen es hören und sich freuen“ – warum haben die Armen einen Grund zur Freude? Wenn ein Mensch Gott mit allem preist, was er ist und hat, dann tut er dies auch durch die gelebte Nächstenliebe. Und deshalb können die Armen aufatmen, das heißt die Randständigen, Rechtlosen, die Witwen und Waisen, die Fremden und Kranken. Hier geht es um das Doppelgebot der Liebe. Je mehr jemand in Gott lebt, desto mehr gibt er sich auch für den Nächsten hin.
Auch die Lobaufforderung in Vers 4 ist typischer Psalmenstil. Oft ist diese auch so formuliert, dass der Psalmist die ganze Schöpfung oder Bereiche der Schöpfung zum Lob auffordert.
„Ich suchte den HERRN und er gab mir Antwort“ ist, was Jesus in seiner Verkündigung aufgreift, wenn er sagt: „Wer sucht, der findet. Wer anklopft, dem wird aufgetan.“ Hier könnte man die Verbform דָּרַ֣שְׁתִּי daraschti mit „ich habe aufgesucht“ übersetzen, denn Gott antwortet dem Suchenden. Gott ist es, der auch unsere Ängste von uns nimmt. Angst ist nicht vom Hl. Geist und deshalb ist der Mut/die Tapferkeit auch eine Frucht des Hl. Geistes.
Vers 6 ist eine wunderbare Reflektion dessen, wen man eigentlich anschauen soll – nämlich Gott. Wenn man auf ihn schaut und von ihm aus dann auf die Menschen, dann ist es die richtige Haltung. Dann wird man nicht auf das Ansehen der Person achten und sich vom Strahlen des Reichen beeinflussen lassen. Denn Gottes Licht übertönt alles Andere. Es wird auch auf das eigene Gesicht zurückfallen, sodass das einzige Ansehen der Person, auf die wir bei unseren Mitmenschen beachten sollen, die Reflektion des Lichtes Gottes ist. Und da ist es dann egal, ob es das Gesicht eines Armen oder Reichen ist. Und wenn sie die Ärmsten sind, so werden sie keinen Grund zur Scham haben. Gottes Gnade zeichnet sich in ihrem Gesicht ab, was gibt es Höheres?
So lesen wir in Vers 7, dass Gott die Gebete eines Armen erhört und ihn aus seinen Nöten erlöst.
Bei Gott gibt es kein „Nein“, nur ein „Ja“, „Anders“ oder „Später“.
Vers 8 greift einen wichtigen Gedanken auf, der uns an die Lesung erinnert: „Der Engel des HERRN umschirmt, die ihn fürchten, und er befreit sie.“ Er hat die Apostel wortwörtlich befreit und beschützt. Weil die Apostel Gott fürchten und sich ganz seinem Willen unterstellen, ist ihnen eine so spektakuläre Befreiung geschenkt worden.
„Kostet und seht, wie gut der HERR ist! Selig der Mensch, der zu ihm sich flüchtet!“ Dieses Schriftwort wird vom Priester sehr oft direkt vor dem Kommunionempfang gebetet, also eucharistisch ausgelegt. Ja, wir können kosten, wie gut der HERR ist, wenn wir ihn in uns aufnehmen und uns mit ihm vereinen. Er ist wie Balsam für unsere Seele und umhüllt uns ganz mit seiner Liebe und Barmherzigkeit. Dann ist es wirklich ein Zufluchtnehmen im Meer seiner Barmherzigkeit, ein Eintauchen in den tiefsten Grund seines für uns durchbohrten Herzens. Das sehen wir bei den Aposteln, die von dort ausgehend in die Freiheit geführt worden sind – im wahrsten Sinne des Wortes!

Joh 3
16 Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn hingab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat.

17 Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, damit er die Welt richtet, sondern damit die Welt durch ihn gerettet wird.
18 Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht an den Namen des einzigen Sohnes Gottes geglaubt hat.
19 Denn darin besteht das Gericht: Das Licht kam in die Welt, doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse.
20 Jeder, der Böses tut, hasst das Licht und kommt nicht zum Licht, damit seine Taten nicht aufgedeckt werden.
21 Wer aber die Wahrheit tut, kommt zum Licht, damit offenbar wird, dass seine Taten in Gott vollbracht sind.

Heute hören wir den Abschluss des Gesprächs Jesu mit Nikodemus. Dort werden mehrere wichtige Themen angeschnitten:
Zunächst geht es um die Liebe Gottes zu uns Menschen, aufgrund derer er sein Allerliebstes abgegeben hat – seinen einzigen Sohn. Gott möchte für uns alle, dass wir das ewige Leben haben, von dem wir schon in der Lesung gehört haben. Er möchte, dass wir alle gerettet werden, denn zu einem ewigen Leben bei ihm hat er uns alle ja berufen. Dafür sind wir geschaffen worden. Und für dieses Ziel ist ihm kein Mittel zu schade, auch wenn er das Kostbarste für den Menschen opfern muss. Das ist der Ausdruck der größten Liebe!
Jesus ist nicht in die Welt gekommen, um die Welt zu richten, sondern um sie zu retten. Hier muss man genau lesen. Das Verb κρίνω krino heißt tatsächlich „richten“, muss in diesem Kontext aber richtig verstanden werden. Jesus wird die ganze Welt richten, was wir ja auch im Glaubensbekenntnis beten. Doch es ist zu unterscheiden, wann er was tut. Mit seinem ersten Kommen soll das Erlösungswerk vollbracht werden. Das meint sein Wort „damit die Welt gerettet werde.“ Wenn er als verherrlichter Menschensohn wiederkommen wird, dann wird er als Weltenrichter wirken. Im Johannesevangelium sagt Jesus aber jetzt schon immer wieder, dass die Menschen durch die Ablehnung des Evangeliums und seiner Person schon gerichtet sind – weil sie sich selbst gerichtet haben. Aber die Chancen zur Umkehr sind jetzt noch gegeben, solange Jesus noch nicht wiedergekommen ist. Solange wird auch keiner endgültig verurteilt – bis zum letzten Atemzug. Wir wissen nicht, was ein sterbender Mensch bis zu seinem Tod im Herzen bedacht hat, ob er seine Sünden bereut und sich der Barmherzigkeit Gottes anvertraut hat.
Jesus erklärt daraufhin Nikodemus, worin das Gericht besteht. Dafür gebraucht er Metaphern, die diesem etwas sagen: „Das Licht kam in die Welt (er meint damit sich selbst!), doch die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht; denn ihre Taten waren böse.“ Wer ins Licht kommt, der zeigt, wie dreckig er wirklich ist. Deshalb bevorzugt er die Finsternis, weil man den Dreck dann nicht sieht. Wer zu Jesus kommt, sieht sich in erster Linie selbst mit seinem Dreck. Das hält der Mensch aber nicht aus, weil er dann dazu gedrängt wird, sich zu säubern. Das heißt, wer Christus zulässt, wird zur Umkehr berufen. Man wird vor die Entscheidung gestellt, sein Leben zu ändern. Das ist anstrengend und kostet Überwindung. Dabei ist es viel einfacher, weiterzumachen wie bisher. Was Jesus hier sagt, betrifft vor allem die religiöse Elite Israels. Diese Menschen genießen vor dem Volk hohe Achtung, doch wenn Jesus mit seinem Licht sie anstrahlt, sieht man plötzlich, wie dreckig sie eigentlich sind – wie korrupt und unwahrhaftig, wie heuchlerisch und ungläubig.
Das wollen sie aber vermeiden und tun alles daran, das Licht auszulöschen, um nicht entlarvt zu werden. Dies geschieht auch nach dem Tod Jesu, als nämlich die Apostel das Licht weitertragen in die ganze Welt. Licht und Wahrheit sind dabei dasselbe. Die Apostel verkünden die Wahrheit, die Jesus Christus ist, und sind dadurch selbst das Licht der Welt. Jesus hat es ihnen schon angekündigt. Die Menschen nehmen es bereitwillig auf und so werden ihnen die Augen aufgetan. Mit diesem erhellten Blick schauen die Menschen aber auch anders auf die religiöse Elite, die ihre gesellschaftliche Stellung gefährdet sieht. Deshalb muss auch bei den Aposteln das Licht ausgelöscht werden, bevor sie entlarvt werden.
Jesus spricht zum Schluss davon, dass wer die Wahrheit tut, kein Problem mit dem Licht hat. Wer wahrhaftig lebt, bei dem wird nichts entlarvt, sondern höchstens anerkannt. Und das ist ja sogar etwas Erstrebenswertes.
Deshalb ist es auch für uns Menschen heute so wichtig, dass wir wahrhaftig leben, in erster Linie uns selbst gegenüber. Petrus musste das besonders intensiv lernen, indem er sein wahres Ich kennen lernen musste (seine feige Natur, die ängstlich um sich selbst kreist). Erst als er diese Ehrlichkeit zu sich selbst gelernt hat, wurde er zu einem Menschen, den Gott als sein Werkzeug des Heils in dieser Welt einsetzen konnte.
Es gibt nichts, was nicht ans Licht kommt. Deshalb ist es entscheidend, ehrlich zu leben, auch in den kleinsten Dingen. Was dann ans Licht kommt, ist unser reines Herz, dem ein aufrichtiges Verhalten entspringt. Dann werden wir keine Angst haben, entlarvt zu werden, da es nichts gibt, was entlarvt werden muss.

Jesus spricht vor Nikodemus sehr viel über Licht und Dunkel im Kontext eines Nachtgesprächs. Es sind Anregungen und Appelle an den Pharisäer, auf dass er von der Dunkelheit ins Licht komme. Nach Jesu Tod wird dieser Mensch immer mehr zum Licht kommen und sich bekehren.
So führt Jesus uns alle vom Dunkel ins Licht, das heißt zur Erkenntnis. Jesus lehrt uns alle, damit wir ihn immer besser begreifen und ausgehend davon immer mehr in Liebe zu ihm wachsen.

Er möchte, dass alle gerettet werden, dass ich gerettet werde. Dafür hat er sein ganzes Blut bis auf den letzten Tropfen für mich ausgeblutet.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der Osteroktav

Apg 3,11-26; Ps 8,2 u. 5.6-7.8-9; Lk 24,35-48

Apg 3
11 Da er sich Petrus und Johannes anschloss, lief das ganze Volk bei ihnen in der sogenannten Halle Salomos zusammen, außer sich vor Staunen.
12 Als Petrus das sah, wandte er sich an das Volk: Israeliten, was wundert ihr euch darüber? Was starrt ihr uns an, als hätten wir aus eigener Kraft oder Frömmigkeit bewirkt, dass dieser gehen kann?
13 Der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott unserer Väter, hat seinen Knecht Jesus verherrlicht, den ihr ausgeliefert und vor Pilatus verleugnet habt, obwohl dieser entschieden hatte, ihn freizulassen.
14 Ihr aber habt den Heiligen und Gerechten verleugnet und die Freilassung eines Mörders erbeten.
15 Den Urheber des Lebens habt ihr getötet, aber Gott hat ihn von den Toten auferweckt. Dafür sind wir Zeugen.
16 Und aufgrund des Glaubens an seinen Namen hat dieser Name den Mann hier, den ihr seht und kennt, zu Kräften gebracht; der Glaube, der durch ihn kommt, hat ihm vor euer aller Augen die volle Gesundheit geschenkt.
17 Nun, Brüder, ich weiß, ihr habt aus Unwissenheit gehandelt, ebenso wie eure Anführer.
18 Gott aber hat auf diese Weise erfüllt, was er durch den Mund aller Propheten im Voraus verkündet hat: dass sein Christus leiden werde.

19 Also kehrt um und tut Buße, damit eure Sünden getilgt werden
20 und der Herr Zeiten des Aufatmens kommen lässt und Jesus sendet als den für euch bestimmten Christus!
21 Ihn muss freilich der Himmel aufnehmen bis zu den Zeiten der Wiederherstellung von allem, die Gott von jeher durch den Mund seiner heiligen Propheten verkündet hat.
22 Mose hat gesagt: Einen Propheten wie mich wird euch der Herr, euer Gott, aus euren Brüdern erwecken. Auf ihn sollt ihr hören in allem, was er zu euch sagt.
23 Jeder, der auf jenen Propheten nicht hört, wird aus dem Volk ausgemerzt werden.
24 Und auch alle Propheten von Samuel an und alle, die später auftraten, haben diese Tage angekündet.
25 Ihr seid die Söhne der Propheten und des Bundes, den Gott mit euren Vätern geschlossen hat, als er zu Abraham sagte: Durch deine Nachkommenschaft sollen alle Geschlechter der Erde Segen erlangen.
26 Für euch zuerst hat Gott seinen Knecht erweckt und gesandt, damit er euch segnet und jeden von seiner Bosheit abbringt.

Heute hören wir die Fortsetzung der ersten Heilung im Namen Jesu. Diese schlägt hohe Wellen.
Viele Menschen sammeln sich in der Halle Salomos und staunen über das Wunder.
Petrus nutzt diese Gelegenheit und setzt zu einer Bekenntnisrede an:
Er beginnt diese mit einer rhetorischen Frage („Was wundert ihr euch darüber?“). Er bekennt freimütig, dass die Tat nicht aus eigener Kraft geschehen ist, sondern dass durch ihn Christus selbst gehandelt hat.
Er beginnt daraufhin eine Erklärung der Verheißungen des Alten Testaments, die sich mit Christus erfüllt haben. Ausgehend von dem, was die anwesenden Juden kennen, wendet er die Heilsgeschichte auf Christus an.
Dafür benutzt er bekannte Wendungen wie „der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs, der Gott unserer Väter“ und „sein Knecht Jesus“, den er somit als den leidenden Gottesknecht identifiziert.
Er erklärt, dass Jesus der Messias ist, den Gott verherrlicht hat, der aber von den Menschen verkannt worden ist – und rhetorisch klug bezieht er dies auf eben jene, die in der Halle Salomos anwesend sind. Sie sollen von seinen Worten betroffen sein, damit sie umkehren und die Wahrheit erkennen. Er wirft ihnen vor, den Heiligen und Gerechten durch eine Intrige umgebracht zu haben, den Urheber des Lebens. Diese Titel sind typisch göttlich. Nur dieser ist der Heilige, Gerechte und der Urheber des Lebens. Petrus bekennt, dass Christus Gott ist.
Dieser blieb nicht im Tod. Petrus bekennt, dass Jesus von den Toten auferstanden ist und die Apostel Zeugen dafür sind.
Weil Petrus und Johannes an den Namen Jesu glauben, ist dieses Heilungswunder geschehen. Jesus selbst hat durch sie diese Heilstat begangen und dem Gelähmten die volle Gesundheit geschenkt, wofür nun die Anwesenden in der Halle Salomos Zeugen darstellen.
Petrus sagt dabei auch aus, dass der Glaube durch ihn komme. Das heißt, dass der Glaube ein Geschenk ist und nicht selbst gemacht werden kann. Er ist eine Gabe Gottes.
Im weiteren Verlauf räumt er den Anwesenden ein, dass sie nicht aus Boswillen, sondern Unwissenheit die Hinrichtung des Messias gefordert hätten. Ihm ist klar, dass hinter ihrem „Kreuzige ihn!“ die religiöse Elite steckt, die die Volksmenge manipuliert und aufgehetzt hat. Er räumt sogar ein, dass eben jene religiöse Elite unwissend war, denn sie haben Jesus als den Messias nicht erkannt. Aus demselben Grund hat Jesus ja auch am Kreuz gebetet: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“
Diese tragischen Umstände hat Gott aber wiederum genutzt, um das universale Heil zu erwirken. Gott kann die größte Katastrophe in den größten Segen umwandeln, weil er ein Gott des Heils ist. Dieser Heilsplan stand schon von Anfang an fest und die Propheten haben es schon angekündigt. Es ist aufgeschrieben in den Hl. Schriften der Juden, die die Anwesenden alle kennen. Sie haben vor allem sein Leiden angekündigt (wir denken natürlich besonders an die Gottesknechtslieder des für sie sehr bekannten Propheten Jesaja).
Und dies alles erklärt Petrus, um sie auf das Hauptanliegen seiner Ansprache zu führen – die Umkehr und Sühne der Sünden.
Und wenn sie dies tun, dann wird der Herr Zeiten des Aufatmens schenken (das heißt Segen) verbunden mit der Wiederkunft Christi. Wenn er wiederkommt, wird Gott alles wiederherstellen, wie es ebenfalls die Propheten vorhersagen.
So führt Petrus einige konkrete Beispiele an wie Mose, der von einem künftigen Propheten spricht, oder Samuel, der sehr ähnliche Dinge prophezeit hat.
Er spricht die Menge direkt an, indem er sie als die Nachkommen jener großen Heilsgestalten Mose und Samuel bezeichnet. Es ist verheißen worden, dass durch sie die ganze Welt Segen erlangen werde („das Heil kommt von den Juden“ – Jesus, das Heil in Person, ist selbst als Jude in diese Welt eingegangen!). Und weil die Juden das Volk sind, in das er hineingeboren wurde, das auserwählte Volk Gottes des Alten Bundes, ist Jesus zuerst für sie gekommen, damit sie von ihrem sündigen Weg abrücken.
Er ist für alle gestorben, das weiß Petrus auch. Aber er betont, was Jesus selbst in Anwesenheit der Syrophönizierin gesagt hat, damit die anwesenden Juden das Heil erkennen und annehmen.
Wie es weitergeht, hören wir heute nicht, aber uns ist ja bekannt, dass die Heilstaten bis zu den Hohepriestern und Schriftgelehrten vordringen. Wie diese sich wohl gefühlt haben? Sie dachten, sie hätten den Aufruhr im Volk, die ganze Bewegung um diesen für sie falschen Messias herum durch seine Hinrichtung endlich beendet und nun beginnt alles von vorne! Das Heil Gottes ist nicht mundtot zu kriegen. Das soll auch uns zum Nachdenken bringen!

Ps 8
2 HERR, unser Herr, wie gewaltig ist dein Name auf der ganzen Erde, der du deine Hoheit gebreitet hast über den Himmel.
5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.
7 Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße:
8 Schafe und Rinder, sie alle und auch die wilden Tiere,
9 die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.

Im Psalm preisen wir nun den Namen Gottes auf der Erde. Es ist eben jener Name, durch den Petrus und Johannes den Gelähmten geheilt haben. Der Name liegt auf der Erde wie der Rauch bzw. die Wolke Gottes auf dem Tempel. Gott ist überall und das ist eine Trostbotschaft für uns. Er ist bei uns, die wir seine Schöpfung sind.
Wir betrachten in dem Psalm vor allem die Schöpfung der Menschheit. Wie kostbar ist diese für den Herrn, dass er sich ihrer annimmt und eine durchgehende Beziehung zu ihr führt! Die ganze Heilsgeschichte, die wir von der Genesis bis zur Johannesoffenbarung vor uns haben, ist eine einzige Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Er wendet sich seinen Geschöpfen zu und tut alles, um deren (Gegen)Liebe zu erwerben.
Dabei hat der Mensch im Gesamt der Schöpfung eine besondere Stellung. Er ist wahrlich die Krone der Schöpfung, denn „du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.“ Dies wird im Schöpfungsbericht ja dadurch deutlich, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen worden ist. Die ewige Seele ist es, die ihm Herrlichkeit und Pracht verleiht.
„Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße“ – die restliche Schöpfung ist dem Menschen anvertraut, weil dieser befähigt ist, Verantwortung für sie zu übernehmen. Gott legte ihm die Schöpfung aber nicht unter die Füße, damit er sie wie ein Tyrann unterdrücke, sondern wie ein Hirte für sie sorge.
In den letzten zwei Versen werden dann Bereiche der Schöpfung aufgezählt, die dem Menschen anvertraut werden.
All das sind wichtige und gute Ausführungen, werden aber erst dann zur Lesung in Bezug gebracht, wenn der Psalm über den wörtlichen Sinn hinaus in seinem geistlichen Sinn betrachtet wird:
Der Mensch, den Gott nur wenig geringer als sich geschaffen hat, ist auch mit der neuen Schöpfung gegeben – den Anfang dieser neuen Schöpfung kennzeichnet ebenfalls ein Menschenpaar – Jesus und Maria. Jesus hat diese neue Schöpfung begründet und auch ihm legt der Vater die gesamte Schöpfung unter die Füße – ihm, dem Erhöhten am Kreuz!
Und diese gesamte Schöpfung ist zusammengefasst in Maria und Johannes, die unter dem Kreuz stehen. Maria ist der Archetyp der Kirche, sie ist das Vorbild der vollkommenen Jüngerschaft und durch die Zuteilung des Johannes zu Maria als Sohn wird Maria zur Mutter aller Glaubenden – sie ist dadurch die neue Eva, die Mutter der Lebenden, nicht mehr der irdisch Lebenden, sondern ewig Lebenden bei Gott.
Jesus Christus ist wahrlich Herrlichkeit und Pracht verliehen worden in einem Maße, den der alte Mensch nicht erfahren hat – schon allein durch den Sündenfall. Wir sprechen hier von Christus in seiner Menschheit, in seiner Gottheit ist er Gott gleich.
Jesus ist der Herrscher über die Schöpfung – die Neugeschaffenen durch den Hl. Geist in der Taufe. Er ist das Haupt und wir die Glieder. Er ist der König des Reiches Gottes.
Und Christus ist dies alles nicht nur für die Menschen: Durch sein Erlösungswirken erlöst er die ganze Welt, auch die Tierwelt, denn diese ist durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares auch ins Chaos gestürzt. Wir lesen bei der Friedensvision des Jesaja davon, wie die Tiere vor dem Sündenfall waren und wie sie mit Neuschöpfung Gottes wieder sein werden.
Es wird eine Versöhnung der gesamten Schöpfung sein!

Lk 24
35 Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.
36 Während sie noch darüber redeten, trat er selbst in ihre Mitte und sagte zu ihnen: Friede sei mit euch!
37 Sie erschraken und hatten große Angst, denn sie meinten, einen Geist zu sehen.
38 Da sagte er zu ihnen: Was seid ihr so bestürzt? Warum lasst ihr in eurem Herzen Zweifel aufkommen?
39 Seht meine Hände und meine Füße an: Ich bin es selbst. Fasst mich doch an und begreift: Kein Geist hat Fleisch und Knochen, wie ihr es bei mir seht.
40 Bei diesen Worten zeigte er ihnen seine Hände und Füße.
41 Als sie es aber vor Freude immer noch nicht glauben konnten und sich verwunderten, sagte er zu ihnen: Habt ihr etwas zu essen hier?
42 Sie gaben ihm ein Stück gebratenen Fisch;
43 er nahm es und aß es vor ihren Augen.
44 Dann sagte er zu ihnen: Das sind meine Worte, die ich zu euch gesprochen habe, als ich noch bei euch war: Alles muss in Erfüllung gehen, was im Gesetz des Mose, bei den Propheten und in den Psalmen über mich geschrieben steht.
45 Darauf öffnete er ihren Sinn für das Verständnis der Schriften.
46 Er sagte zu ihnen: So steht es geschrieben: Der Christus wird leiden und am dritten Tag von den Toten auferstehen
47 und in seinem Namen wird man allen Völkern Umkehr verkünden, damit ihre Sünden vergeben werden. Angefangen in Jerusalem,
48 seid ihr Zeugen dafür.

Im Evangelium hören wir nun die Fortsetzung der Emmauserzählung. Die Emmausjünger sind in Jerusalem eingetroffen und erzählen von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen, nachdem es schon die in Jerusalem gebliebenen Apostel getan haben.
Während sie erzählen, kommt der Auferstandene in ihre Mitte und begrüßt sie mit den Worten „Friede sei mit euch!“
Sie reagieren mit Furcht, denn sie denken, einen Geist zu sehen. Das ist eine allzu menschliche Reaktion, denn dass jemand mit Leib und Seele aufersteht, ist bis dato etwas ganz Neues.
Jesus konfrontiert sie mit ihren Zweifeln, denn eigentlich haben sie ihn ja schon leibhaftig erfahren.
Er geht auf ihre Zweifel ein und zeigt ihnen die Hände und Füße, an denen die Male der Kreuzigung noch zu sehen sind und ihn als denselben ausweisen, den sie vor dem Tod gesehen haben.
Da sie es vor lauter Freude immer noch nicht fassen können, isst er vor ihren Augen sogar ein Stück gebratenen Fisch. Ein Geist kann ja nichts essen, denn er ist ja nicht einmal materiell.
Als Auferstandener erklärt Jesus ihnen ausgehend von der Hl. Schrift und den Verheißungen der Propheten, dass alles, was passiert ist, passieren musste und die Schrift erfüllt hat.
Insbesondere sein Leiden ist von den Propheten angekündigt worden als Voraussetzung für die Erlösung und Sühne aller Sünden. Er ist so weit gegangen, um die ganze Welt zur Umkehr zu bewegen, angefangen in Jerusalem.
Damit die Menschen diese Heilstat gläubig annehmen, sollen die Apostel mit ihrem Zeugnis einstehen. Deshalb erscheint er ihnen nach seiner Auferstehung immer wieder und erklärt ihnen ausgehend von der Schrift den Plan Gottes.
Er muss es immer wieder tun, denn den Aposteln ist der Hl. Geist in umfassender Weise noch nicht geschenkt worden, der ihnen die Augen für diese Zusammenhänge öffnet. Wenn Jesus „die Propheten“ andeutet, sind vor allem die Prophezeiungen der Gottesknechtslieder aus dem Buch Jesaja gemeint. Gerade dort wird der Sühnetod des Gerechten angekündigt, durch den die Sünde der Welt getragen wird.

Alles hat einen Sinn, auch wenn dieser oft erst im Nachhinein erkannt wird. Die schlimmste Katastrophe ist zum größten Heilsakt aller Zeiten geworden und Jesus ist leibhaftig auferstanden. Er verdeutlicht seinen Aposteln den Sinn seines Leidens und deutet es im Licht der Heilsgeschichte, die sie als fromme Juden aus den Hl. Schriften kennen. Dies wird Petrus nicht vergessen, wenn er dann nach dem Pfingstereignis voller Beherztheit vor die Menschenmengen tritt und mutig für Christus und das Osterereignis einsteht. Er setzt das um, was Jesus als Auferstandener in ihrer Mitte gesagt hat: „Ihr seid Zeugen dafür.“

Wie ist es mit uns? Auch wir sind Zeugen seiner Auferstehung, nämlich in jeder Heiligen Eucharistie. Was wir dort schauen und was wir empfangen – tragen wir es in die Welt hinaus und stehen mutig dafür ein? Herr, gib auch uns den Hl. Geist, damit wir so mutig bekennen, dass du ein Gott des Lebens bist und sich auch heute in Zeiten einer Kultur des Todes nichts daran ändert!

Ihre Magstrauss

Mittwoch der Osteroktav

Apg 3,1-10; Ps 105,1-2.3-4.6-7.8-9; Lk 24,13-35

Die Osteroktav greift weiterhin Texte der letzten Tage auf. So hören wir das Evangelium von Ostermontag, das wunderbare Emmaus-Ereignis. In diesen Tagen wird uns als Lesung immer ein Ausschnitt aus der Apostelgeschichte vorgelesen.

Apg 3
1 Petrus und Johannes gingen zur Gebetszeit um die neunte Stunde in den Tempel hinauf.
2 Da wurde ein Mann herbeigetragen, der von Geburt an gelähmt war. Man setzte ihn täglich an das Tor des Tempels, das man die Schöne Pforte nennt; dort sollte er bei denen, die in den Tempel gingen, um Almosen betteln.
3 Als er nun Petrus und Johannes in den Tempel gehen sah, bat er sie um ein Almosen.
4 Petrus und Johannes blickten ihn an und Petrus sagte: Sieh uns an!
5 Da wandte er sich ihnen zu und erwartete, etwas von ihnen zu bekommen.
6 Petrus aber sagte: Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, das gebe ich dir: Im Namen Jesu Christi, des Nazoräers, steh auf und geh umher!
7 Und er fasste ihn an der rechten Hand und richtete ihn auf. Sogleich kam Kraft in seine Füße und Gelenke;
8 er sprang auf, konnte stehen und ging umher. Dann ging er mit ihnen in den Tempel, lief und sprang umher und lobte Gott.
9 Alle Leute sahen ihn umhergehen und Gott loben.
10 Sie erkannten ihn als den, der gewöhnlich an der Schönen Pforte des Tempels saß und bettelte. Und sie waren voll Verwunderung und Staunen über das, was mit ihm geschehen war.

Die Apostel haben an Pfingsten den Heiligen Geist empfangen. Er hat ihnen die Früchte, Gaben und Charismen geschenkt, die sie für ihre Aufgabe in der Evangelisierung der Welt benötigen. Heute hören wir von einer Episode, in der sich diese Ausstattung mit dem Hl. Geist das erste Mal zeigt (ausgenommen die mutige Pfingstpredigt des Petrus und zuvor die Manifestationen des Geistes in Form von Feuerzungen und Sprachengebet).
Petrus und Johannes gehen zu drei Uhr nachmittags in den Tempel zum Gebet. Sie sind zwar Christen, aber ihre jüdischen Praktiken behalten sie bei. Sie sehen sich gar nicht so, als ob sie nun einer neuen Religion angehören. Es ist vielmehr so, dass Jesus ihrer Ansicht nach das Judentum erfüllt hat. Erst später wird es so viel Uneinigkeit und Spaltung mit den Juden geben, dass sich zwei unterschiedliche Stränge entwickeln – das Judentum, das Jesus als Messias nicht anerkennt und deshalb auch seine Anhänger als Sektierer ablehnt. Die Gemeinschaft der Christgläubigen wird dagegen immer unabhängiger betrachtet und erhält in Antiochien dann das erste Mal die Bezeichnung „Christen“.
Die beiden Apostel gehen also wie üblich in den Tempel und treffen dort auf einen gelähmten Mann am Tor des Tempels, das „die schöne Pforte“ genannt wird. Er verharrt dort, weil viele Menschen an ihm vorübergehen und ihm beim Betreten oder Verlassen des Tempelareals das ein oder andere Almosen spendet. Wir sehen über diese wörtliche Leserichtung hinaus noch viel mehr. Der Mann sitzt an der Schwelle vom Judentum, das auf den Messias wartet, zur Jüngerschaft Jesu Christi. Er ist an der Schwelle und die Heilung wird den Ausschlag geben, dass dieser Mensch Jesus als den Christus erkennen wird. Jesus hat zu seinen Jüngern gesagt: „Ich bin die Tür. Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden.“ Für Petrus und Johannes wird das folgende Ereignis zur Bestätigung der Worte Jesu. Ja, die Menschen, die zum Glauben an Jesus Christus kommen, übertreten wahrhaft diese Schwelle vom ewigen Tod zum ewigen Leben. Ihnen ist es schon beim Pfingstereignis aufgegangen, als nach der kraftvollen Pfingstpredigt des Petrus ganze 3000 Menschen die Taufe empfingen und so die existenzielle Schwelle übertraten, gleichsam durch die Tür Christi hindurchgeschritten sind.
Der Mann bittet die vorbeigehenden Apostel um ein Almosen. Petrus, der immer zuerst das Wort ergreift, bittet den Mann, ihn anzusehen. Dieser rechnet damit, dass er nun etwas bekommt.
Doch WAS er bekommt, übersteigt alle seine Erwartungen!
„Silber und Gold besitze ich nicht. Doch was ich habe, gebe ich dir.“ So sollen auch wir geben. Wir sollen aus Liebe zu Gott alles geben, was wir haben. Und damit ist nicht einfach nur materieller Besitz gemeint, sondern alles an Ressourcen, die es gibt: Zeit, Energie, Finanzen, ein zuhörendes Ohr, Bereitschaft, den eigenen Willen.
Und Petrus gibt dem Mann nun umsonst die Heilung im Namen Jesu des Nazoräers! Jesus hat seinen Jüngern schon damals gesagt: Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben (Mt 10).
Und so spricht Petrus die Heilungsworte im Namen Jesu, der ja der eigentlich Heilende ist. Petrus tut nichts aus eigener Kraft, sondern in der Vollmacht Jesu Christi. Er ist es, der durch seine Hände heilt, er ist es, der durch seinen Mund spricht.
So tut Petrus genau dasselbe, was Jesus immer getan hat: Er fasst den Mann bei der rechten Hand und richtet ihn auf. Die Kraft des Heiligen Geistes durchströmt seine kranken Glieder und festigt sie. Der Mann kann aufrecht stehen und umhergehen!
Petrus hat ihn geheilt und die Reaktion des Mannes ist ideal. Die erste Tat nach seiner Heilung besteht im Lobpreis an den allmächtigen Gott, dem er dies zu verdanken hat.
Sein Umhergehen, Herumspringen und Lobpreis bleibt nicht unbemerkt. Die Menschen, die ihn noch von früher kennen, wie er an der Schönen Pforte gebettelt hat, staunen darüber, was mit ihm geschehen ist.
Gott wirkt Wunder, damit die jeweiligen Zeugen dadurch zum Glauben an ihn kommen und seine großen Taten loben.
Jesus hat angekündigt, dass in seinem Namen diese Zeichen geschehen werden. Petrus erfüllt vom Heiligen Geist erkennt die Zeit des Handelns und lässt sich von Gott als Werkzeug des Heils verwenden. So sollen auch wir sein. Uns soll es in jeder Lebenslage immer darum gehen, den Menschen die Liebe Gottes zu vermitteln. Und wohin auch immer Gott uns entsendet – wir sollen die Situation erkennen und uns gebrauchen lassen, damit er auch heute seine großen Taten offenbaren kann. Seien wir dabei ein Spiegel oder Fenster dieser Heilstaten Gottes wie Petrus! In Jesu Namen geschehen auch heute noch Zeichen und Wunder!

Ps 105
1 Von David. Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen!
2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!
3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt,

4 fragt nach dem HERRN und seiner Macht, sucht sein Angesicht allezeit!
6 Ihr Nachkommen seines Knechts Abraham, ihr Kinder Jakobs, die er erwählt hat.
7 Er, der HERR, ist unser Gott. Auf der ganzen Erde gelten seine Entscheide.
8 Auf ewig gedachte er seines Bundes, des Wortes, das er gebot für tausend Geschlechter,
9 des Bundes, den er mit Abraham geschlossen, seines Eides, den er Isaak geschworen hat
.

Der heutige Psalm ist eine wunderbare Antwort auf die Lesung. Man könnte sagen, dass diese Psalmworte aus dem Mund des geheilten Gelähmten gekommen sein könnten, als er voller Freude in den Tempel gegangen ist und Gott gedankt hat.
Der Psalm beginnt wie so oft mit einer Selbstaufforderung zum Lob: „Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen!“ Dieser heilige Name ist es, durch den die Heilung am Gelähmten an der „Schönen Pforte“ erwirkt worden ist.
„Und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat!“ Der Geheilte aus der Apostelgeschichte wird sein Leben lang nicht vergessen, was für ein Wunder an ihm geschehen ist. Ihm ist im Grunde ein ganz neues Leben geschenkt worden, weil er nun arbeiten gehen kann. Er kann für sich selbst sorgen und muss nicht mehr betteln. Auch in der Gesellschaft wird er nun mehr Achtung bekommen.
„Der dir all deine Schuld vergibt und deine Gebrechen heilt“ – es ist genau diese Reihenfolge, die wir bemerken müssen. Zuerst vergibt Gott uns die Schuld. Dies ist nämlich die wichtigste Form von Heilung – die seelische. Wenn wir wieder mit Gott versöhnt sind und zurückversetzt sind in den Radius seiner Gnade, kann diese uns auch umfassend heilen. Die psychischen und körperlichen Auswirkungen unserer im Kern seelischen Probleme, können nun auch geheilt werden, weil der seelische Kern wiederhergestellt ist.
„Fragt nach dem HERRN und seiner Macht“ – die hebräische Verbform דִּרְשׁ֣וּ dirschu ist eigentlich mit „suchet, forscht“ zu übersetzen. Es geht also darum, in allem immer den Herrn zu suchen.
„Sucht sein Angesicht allezeit!“- auch בַּקְּשׁ֖וּ baqschu kann mit „suchen“ übersetzt werden, aber auch mit „wollen, begehren, bitten“. Beide Sätze sagen etwas Ähnliches aus und sind ähnlich strukturiert, was wir Parallelismus nennen. Dem Menschen soll es immer nach dem Angesicht Gottes verlangen. Es umschreibt, was mit dem Sch’ma Israel zusammengefasst wird (Dtn 6,4ff.), die absolute Gottesliebe und deshalb das stete Interesse daran, ihn besser zu verstehen. Es geht daran, das Herz an ihn zu hängen. Wenn man dies tut, wird das Herz immer wieder Heilung erfahren.
So wie wir schon oft gebetet haben, ergeht auch hier die Aufforderung an uns, Gottes Heilstaten nie zu vergessen („Gedenkt der Wunder, die er getan hat…“). So werden wir nie undankbar und auch nie etwas für selbstverständlich nehmen, was Gott uns schenkt. Dies macht der geheilte Gelähmte in der Apostelgeschichte uns heute vor. Wir gedenken der großen Taten Gottes mit dankbarem Herzen in jeder Eucharistie. Wir beten jeden Tag die Psalmen und loben Gott darüber hinaus mit Hymnen und anderen Lobliedern.
Gott ist der Herrscher des Alls und deshalb gilt, was er entscheidet. Alles ist seinem universalen Heilswillen unterworfen, was auch für uns sehr tröstlich ist! Das bedeutet nämlich, dass auch der Böse nur so viel anrichten kann, wie Gott zulässt. Sobald das Ende der Zeiten erreicht ist, wird Gott ihm sofort und ganz ohne Mühe Einhalt gebieten. Er wird den Bösen für immer zerstören und wir werden nie wieder leiden müssen.
Gott ist der Treue, der es wirklich ernst meinte, als er den Bund mit Abraham ewig nannte. Die tausend Geschlechter, die hier genannt werden, sind eine symbolische Zahl, sodass wir nicht anfangen müssen, Geschlechter auszurechnen. Es ist ein Code, der eine sehr lange Zeit umschreibt und im poetischen Kontext der Psalmen als Stilmittel fungiert.
Gott hält seine Versprechen und so dürfen wir gläubig ausharren, bis der verherrlichte Menschensohn wiederkommen wird am Ende der Zeiten. Er hat uns ja versprochen, dass er uns reich belohnen werde, wenn wir bis zum Schluss standhaft und wachsam gewesen sind. Und wenn es in unserem Leben schwer wird, trägt er uns hindurch, der vor dem Heimgang zum Vater sagte: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt.“

Lk 24
13 Und siehe, am gleichen Tag waren zwei von den Jüngern auf dem Weg in ein Dorf namens Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt ist.
14 Sie sprachen miteinander über all das, was sich ereignet hatte.
15 Und es geschah, während sie redeten und ihre Gedanken austauschten, kam Jesus selbst hinzu und ging mit ihnen.
16 Doch ihre Augen waren gehalten, sodass sie ihn nicht erkannten.
17 Er fragte sie: Was sind das für Dinge, über die ihr auf eurem Weg miteinander redet? Da blieben sie traurig stehen
18 und der eine von ihnen – er hieß Kleopas – antwortete ihm: Bist du so fremd in Jerusalem, dass du als Einziger nicht weißt, was in diesen Tagen dort geschehen ist?
19 Er fragte sie: Was denn? Sie antworteten ihm: Das mit Jesus aus Nazaret. Er war ein Prophet, mächtig in Tat und Wort vor Gott und dem ganzen Volk.

20 Doch unsere Hohepriester und Führer haben ihn zum Tod verurteilen und ans Kreuz schlagen lassen.
21 Wir aber hatten gehofft, dass er der sei, der Israel erlösen werde. Und dazu ist heute schon der dritte Tag, seitdem das alles geschehen ist.
22 Doch auch einige Frauen aus unserem Kreis haben uns in große Aufregung versetzt. Sie waren in der Frühe beim Grab,
23 fanden aber seinen Leichnam nicht. Als sie zurückkamen, erzählten sie, es seien ihnen Engel erschienen und hätten gesagt, er lebe.
24 Einige von uns gingen dann zum Grab und fanden alles so, wie die Frauen gesagt hatten; ihn selbst aber sahen sie nicht.
25 Da sagte er zu ihnen: Ihr Unverständigen, deren Herz zu träge ist, um alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben.
26 Musste nicht der Christus das erleiden und so in seine Herrlichkeit gelangen?
27 Und er legte ihnen dar, ausgehend von Mose und allen Propheten, was in der gesamten Schrift über ihn geschrieben steht.

28 So erreichten sie das Dorf, zu dem sie unterwegs waren. Jesus tat, als wolle er weitergehen,
29 aber sie drängten ihn und sagten: Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt! Da ging er mit hinein, um bei ihnen zu bleiben.
30 Und es geschah, als er mit ihnen bei Tisch war, nahm er das Brot, sprach den Lobpreis, brach es und gab es ihnen.
31 Da wurden ihre Augen aufgetan und sie erkannten ihn; und er entschwand ihren Blicken.
32 Und sie sagten zueinander: Brannte nicht unser Herz in uns, als er unterwegs mit uns redete und uns den Sinn der Schriften eröffnete?
33 Noch in derselben Stunde brachen sie auf und kehrten nach Jerusalem zurück und sie fanden die Elf und die mit ihnen versammelt waren.
34 Diese sagten: Der Herr ist wirklich auferstanden und ist dem Simon erschienen.
35 Da erzählten auch sie, was sie unterwegs erlebt und wie sie ihn erkannt hatten, als er das Brot brach.

Im Evangelium hören wir wieder das Emmausereignis. Kleopas ist unterwegs mit einem weiteren Jünger. Sie reisen nach Emmaus, das sechzig Stadien von Jerusalem entfernt liegt. Sie planen, über Nacht in einem Haus einzukehren.
Als sie unterwegs über die ganzen Ereignisse reden, stößt der auferstandene Christus zu ihnen. Sie erkennen ihn aber nicht. Das ist nicht ungewöhnlich. Auch Maria Magdalena hat ihn nicht erkannt und sogar gedacht, er sei der Gärtner. Das liegt daran, dass Jesu Leib nach der Auferstehung ein anderer ist als vor seinem Tod. Sein Aussehen müssen wir uns so vorstellen, dass er wie das erste Menschenpaar vor dem Sündenfall ist – nicht ganz, da er noch nicht zum Vater heimgekehrt ist, wo er verherrlicht wird (also in ein so helles Lichtkleid gehüllt ist, wie er es bei der Verklärung auf dem Berg Tabor war).
Er fragt nun nach, worüber sie reden. Er weiß natürlich ganz genau, worum es geht, aber Jesus geht es immer darum, dass die Menschen von sich aus selbst Dinge aussprechen, mit eigenen Worten etwas bekennen (so auch beim Sakrament der Buße).
Die Jünger sind traurig. Das ist aber nicht die richtige Reaktion auf das Osterereignis. Jesus kritisiert ihre mangelnde Erkenntnis und erklärt ihnen ausgehend von den Propheten, von all den messianischen Verheißungen, dass sein Tod und seine Auferstehung notwendig waren, um die Welt von ihren Sünden zu erlösen.
Den Jüngern dämmert es und im Nachhinein werden sie auch sagen: „Brannte uns nicht das Herz, als der Herr unterwegs mit uns redete?“ Das Wort Gottes zu hören, es erklärt zu bekommen – all das entzündet in uns schon das Feuer seiner Liebe. Aber „erkennen“ können wir Christus erst so richtig, wenn er vor unseren Augen das Brot bricht, in der Eucharistie. Dann gehen auch uns die Augen auf und wir erkennen den Auferstandenen.
Doch zunächst noch einmal zurück zum Weg. Gott begleitet auch uns auf unserem Lebensweg, auch wenn wir ihn manchmal gar nicht erkennen. Er spricht durch die Heilige Schrift zu uns, auch gerade durch jene, die sie für uns auslegen. Gott schickt uns auf unserem Lebensweg Menschen, durch die er uns etwas sagen möchte – ob Kritik, Lob, Trost, Ermutigung oder Warnung.
Die Kirche ist ebenfalls unterwegs – zum himmlischen Emmaus am Ende der Zeiten. Sie ist das pilgernde Gottesvolk, das gegürtet und mit dem Stab in der Hand das Passahlamm isst – Jesus Christus, den eucharistischen Herrn. Und unterwegs zur Begegnung mit dem Leib Christi hört auch sie das Wort Gottes, dass auf Christus vorbereitet, den die Christen dann in der Kommunion in sich aufnehmen. Deshalb ist die Liturgie im Emmaus-Stil aufgebaut: Zuerst kommt der Wortgottesdienst, dann der Mahlgottesdienst.
Als sie in Emmaus ankommen, möchte Jesus weitergehen, doch die Jünger bitten ihn, mit ihm im Haus einzukehren. Was sie zu ihm sagen, hat in der Wirkungsgeschichte mehrfache Vertonungen erfahren: „Bleibe bei uns; denn es wird Abend, der Tag hat sich schon geneigt!“ Es ist eine Bitte, die wir auf mehrfache Weise verstehen können. Es ist ein Bittgebet der gesamten Kirche darum, dass Jesus seine Braut nie verlasse. Der Tag, der sich geneigt hat und der Abend, der gekommen ist, sind Bilder für die Endzeit, die mit Christus angebrochen ist. Wir gehen der Ewigkeit entgegen. Diese bricht mit dem neuen Tag an. Im Übergang vom alten Tag der alten Schöpfung zum neuen Tag der neuen Schöpfung möge Christus uns beistehen und bei uns sein. Und auch jeder einzelne Christ bei seinem Lebenswandel bittet den Herrn, bei ihm zu bleiben – Tag für Tag und deshalb ist dieses Schriftwort auch ein Abendgebet. Es bezieht sich aber auch auf das gesamte irdische Dasein und wird so zum Abschiedsgebet des Lebens, wenn der Lebensabend angebrochen ist und die Nacht des Todes unmittelbar bevorsteht.
Als sie dann bei Tisch sind, tut Jesus genau das, was er schon beim letzten Abendmahl getan hat – ein Beweis, dass seine Gesten damals wirklich die Begründung eines neuen Bundes mit festem Ritus darstellt.
Von dem eucharistischen Mahl her haben sie im Nachhinein die Auslegung der Schriften verstanden. Es ist analog zu Petrus zu betrachten, der im Nachhinein erkennt, was Jesus die ganze Zeit über gemeint hat, als er von Leiden, Tod und Auferstehung gesprochen hat. Das ist der wunderbare Verstehensprozess der Menschen, den Gott geduldig mit ihnen geht – er erklärt ihnen vieles und sensibilisiert sie für jeden heilsgeschichtlichen Schritt. Durch seinen Heiligen Geist erinnert er sie dann zu späteren Zeiten an das, was er ihnen zuvor erklärt hat. So realisiert der Mensch nach und nach immer mehr von der Offenbarung Gottes.
Die Jünger bleiben nicht in Emmaus, sondern machen sich sofort auf den Heimweg nach Jerusalem, um den Aposteln und den anderen Jüngern von ihrem Erlebnis zu erzählen. Dort erfahren sie zudem, dass Jesus auch ihnen erschienen ist.
Jesus ist nicht mehr so wie vor seinem Tod. Er kann an mehreren Orten gleichzeitig erscheinen und kann plötzlich verschwinden. Er kann durch geschlossene Türen hindurch in einem Raum erscheinen und ist doch kein Geist. Er kann nämlich essen und ist berührbar, wie wir bald in der Episode des Apostels Thomas explizit erfahren werden. Jesu Auferstehungsleib gibt uns Aufschluss darüber, wie der Mensch vor dem Sündenfall war.

Die österliche Freude, das Heil und die Gegenwart des Auferstandenen setzen sich auch heute fort. Jesus bleibt wirklich bei den Menschen und wirkt auch weiter, obwohl er nicht mehr in Menschengestalt auf Erden wandelt. Das ist wichtig vor allem auch für uns heute! Jesus verlässt auch uns nicht und ist in der Kirche bis heute gegenwärtig, auch wenn er nicht mehr in Menschengestalt, sondern in Gestalt der eucharistischen Gaben da ist.

Schauen wir genau hin. Er tut auch heute viele Wunder. Lassen wir uns wie Petrus gebrauchen als Werkzeuge des Heils, damit die österliche Freude nie versickert, sondern immer mehr Menschen ansteckt!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 5. Woche der Fastenzeit

Num 21,4-9; Ps 102,2-3.16-17.18-19.20-21; Joh 8,21-30

Num 21
4 Die Israeliten brachen vom Berg Hor auf und schlugen die Richtung zum Roten Meer ein, um Edom zu umgehen. Das Volk aber verlor auf dem Weg die Geduld,
5 es lehnte sich gegen Gott und gegen Mose auf und sagte: Warum habt ihr uns aus Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.
6 Da schickte der HERR Feuerschlangen unter das Volk. Sie bissen das Volk und viel Volk aus Israel starb.
7 Da kam das Volk zu Mose und sagte: Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt. Bete zum HERRN, dass er uns von den Schlangen befreit! Da betete Mose für das Volk.
8 Der HERR sprach zu Mose: Mach dir eine Feuerschlange und häng sie an einer Stange auf! Jeder, der gebissen wird, wird am Leben bleiben, wenn er sie ansieht.
9 Mose machte also eine Schlange aus Kupfer und hängte sie an einer Stange auf. Wenn nun jemand von einer Schlange gebissen wurde und zu der Kupferschlange aufblickte, blieb er am Leben.

Heute hören wir von einem Zwischenfall des Volkes Israel zur Zeit der Wüstenwanderung. Die Israeliten sind unterwegs zum Roten Meer und umgehen dabei das Gebiet Edom. Gott führt es in der Wüste umher und so murrt das Volk Mose gegenüber: „Warum habt ihr uns auf Ägypten heraufgeführt? Etwa damit wir in der Wüste sterben? Es gibt weder Brot noch Wasser und es ekelt uns vor dieser elenden Nahrung.“ Was hier passiert, ist nicht einfach nur Unzufriedenheit. Das Volk hadert mit Gott, der ihm doch nur das Beste möchte, der den Israeliten das Heil schenken will. Doch stattdessen stellen sie den Willen Gottes infrage. Gott hat an ihnen bereits so große Heilstaten erwiesen und spektakuläre Zeichen gewirkt. Sie tun so, als wäre dies nie gewesen, als hätten sie schon längst all dies vergessen. Dieses Vergessen ist aber fatal, weil auch wir Menschen dann undankbar gegenüber Gott werden. Die Erinnerung der Heilstaten Gottes ist also auch für uns Christen heute heilsam. So sollen wir die Eucharistie zu seinem Gedächtnis tun, wie es Jesus seinen Aposteln im Abendmahlssaal aufgetragen hat. Auch im persönlichen Gebetsleben ist der dankende Lobpreis über vergangene Gnaden, die Gott einem geschenkt hat, unerlässlich. So bleibt der Mensch Gott gegenüber dankbar und erhebt sich nicht über ihn.
Gott möchte seinem auserwählten Volk die Chance geben, diese Fehlhaltung abzulegen, und so lässt er zu, dass die Israeliten von Schlangen gebissen werden. Viele sterben sogar an dem Schlangengift.
Hier heißt es in Vers 6, dass Gott diese Schlangen zum Volk schickte. Wir müssen hier wieder bedenken, dass Gott aktiv nichts Böses tut. Er ist der gute Gott und tut nur Gutes, was dem Menschen nicht schadet. Hier haben wir wieder eine Bibelstelle, die ein gutes Beispiel für die menschlichen Einflüsse in der Bibel darstellt. Gott hat sich zu allen Zeiten der menschlichen Fähigkeiten, kulturellen Verständnisse und dem historischen Kontext der Autoren bedient, als er durch sie das ewige Gotteswort in Menschenworte gefasst hat. Und so lesen wir hier die Vorstellung heraus, dass die bösen Dinge, die dem Menschen widerfahren, von Gott aktiv gewirkt werden. Später werden Propheten und schließlich Jesus selbst dieses Missverständnis klarstellen, sodass wir solche Bibelstellen vor dem Hintergrund jenes Verständnisses lesen müssen. Hier wird es bewusst so stehen gelassen, denn es ist ein Lernprozess der Menschheit. So ist es ja auch mit dem Monotheismus, dessen Entwicklungsstufen im Laufe des Alten Testaments ganz unterschiedlich sind und bewusst so stehen gelassen werden. So können wir den Verstehensprozess des Volkes Israel nachlesen.
Zurück zu Mose, dem Volk und den Giftschlangen: Das Volk ist zwar stur und beginnt schnell zu murren, doch genauso schnell erkennt es die Missetaten. Es kommt zu Mose in der akuten Leidenssituation und bekennt die Sünde: „Wir haben gesündigt, denn wir haben uns gegen den HERRN und gegen dich aufgelehnt.“ Sie haben die Chance sofort genutzt, die Gott ihnen geschenkt hat. Sie erkennen sofort, was sie falsch gemacht haben, und bitten Gott um Verzeihung. Er zögert auch nicht, ihnen auf das Fürbittgebet des Mose hin sofort aus dem Leiden heraus zu helfen: Mose soll eine Kupferschlange herstellen und auf eine Stange aufhängen. Das Gebilde soll aufgestellt werden und wenn jemand von einer Schlange gebissen wird, soll er sie anschauen.
Es geschieht so, wie Gott es vorgegeben hat: Mose stellt die Schlange her und stellt sie auf. Wer nun gebissen wird, schaut die Schlange an und bleibt am Leben.
Gottes wunderbare Vorsehung hat immer einen tieferen Sinn. Wir erahnen vielleicht schon, worauf Gott sein auserwähltes Volk vorbereiten will: Mose soll ein Gebilde herstellen, das den schadenden Schlangen gleich ist, eben auch eine Schlange. Das Sehen auf dieses Bild rettet die Gebissenen, auch wenn die Schlangen immer noch da sind und beißen.
So ist Jesus für uns zur Sünde geworden – dem, was uns den Tod bringt (nämlich den ewigen Tod fernab von der Herrlichkeit Gottes). Er ist selbst zur Sünde geworden, indem er den schändlichsten Tod gestorben ist, nämlich ans Kreuz geschlagen. Die Sünde ist noch weiterhin in der Welt so wie die Schlangen beim Volk Israel, doch sie bringen dem Menschen keinen ewigen Tod mehr, wenn sie auf das Kreuz schauen – und so wie das Volk ihre Sünden bekennen!
Es ist natürlich auch kein Zufall, dass das Volk Israel ausgerechnet durch Schlangen heimgesucht werden und dass die Schlange zum Typos des Kreuzes Christi wird: Sie ist der Inbegriff der Sünde, da der Satan das erste Menschenpaar durch ausgerechnet dieses Tier zur Sünde verführt hat. Dadurch, dass Jesus Christus selbst zur Sünde geworden ist – die ganze Sünde auf sich genommen hat – hat er der Schlange den Kopf zertreten (Gen 3,15: „Er trifft dich am Kopf“). Gemeint ist natürlich nicht das Tier an sich, sondern der Satan, der Widersacher Gottes! Durch die Taufe hat er die Giftschlangen unseres Lebens entmachtet, sodass ihr Gift uns nicht mehr zum ewigen Tod führen können. Es ist aber so wie in der Wüste zur Zeit des Mose: Die Kupferschlange ist da, Jesus ist für uns gestorben, aber das Heilmittel des Anschauens muss von uns ausgehen! Uns ist alles auf einem Silbertablett angerichtet. Nun müssen wir die Erlösung gläubig annehmen und durch den Bundesschluss der Taufe auch treu dazu stehen. Sonst werden die Schlangen uns auch weiterhin zum ewigen Tod führen.
Gott hat mit dem Volk Israel einen Bund geschlossen, doch nach einiger Zeit hat es diesen Bund wieder vergessen. Es hat Gottes Güte infrage gestellt und so schwer gegen ihn gesündigt. Das Volk musste die Konsequenzen dieser Sünde tragen und kam so in die Notlage durch die Giftschlangen. Das Volk hat sofort verstanden, warum das passiert. Auch in unserer heutigen Zeit müssen wir uns fragen, warum wir jetzt so eine globale Not erleiden müssen. Nutzen auch wir heutzutage diese Chance zur Umkehr und bekennen wir dem HERRN unsere Sünde! Dann wir er auch heute nicht zögern, uns aus de Not zu befreien.

Ps 102
2 HERR, höre mein Bittgebet! Mein Schreien dringe zu dir!
3 Verbirg dein Angesicht nicht vor mir! Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu! Wenn ich dich rufe, eile und erhöre mich!
16 Dann fürchten die Völker den Namen des HERRN und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.
17 Denn der HERR hat Zion dann wieder aufgebaut, er ist erschienen in seiner Herrlichkeit.
18 Er hat sich dem Bittgebet der verlassenen Stadt zugewandt, ihre Bittgebete hat er nicht verschmäht.
19 Dies sei aufgeschrieben für das kommende Geschlecht, damit den HERRN lobe das Volk, das noch erschaffen wird.
20 Denn herabgeschaut hat der HERR aus heiliger Höhe, vom Himmel hat er auf die Erde geblickt,
21 um das Seufzen der Gefangenen zu hören, zu befreien, die dem Tod geweiht sind
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Wir beten heute aus dem Psalm 102 als Antwort auf die Lesung. Es handelt sich um ein Bittgebet in Notlage:
„Mein Schreien dringe zu dir!“ Ja, das Volk Israel hat sehr oft zum HERRN geschrien in der Sklaverei Ägyptens, später im babylonischen Exil, es hat immer wieder in den verschiedenen Fremdherrschaften geschrien und so schreit das Volk Israel auch jetzt in der Wüste bei den vielen Giftschlangen, die das Volk ausrotten.
„Wenn ich in Not bin, wende dein Ohr mir zu!“ Gott hat ein Gehör, kein Klageschrei seiner geliebten Kinder bleibt unerhört. Er greift immer ein – nur zu seiner Zeit und auf seine Weise. Eines können wir ganz sicher sagen: Es tut ihm immer weh, uns leiden zu sehen, denn Gott hat Mitleid mit uns Menschen. Ein anderes Wort für dieses Mitleid heißt Barmherzigkeit. Im Griechischen ist es ein und dasselbe Wort, wenn wir es im Neuen Testament lesen.
„Wenn ich dich rufe, eile und erhöre mich!“ Gott hat immer wieder geholfen. Die ganze Heilige Schrift ist ein einziges Zeugnis für Gottes Hilfe. Er hat ein ganzes Volk aus Ägypten ausziehen lassen, er hat dieses gesamte Volk durch ein Meer geführt. Er hat es vierzig Jahre am Leben erhalten, um es dann in das verheißene Land zu führen. Er hat es immer wieder von den Fremdherrschern und Feinden gerettet und sogar aus dem Exil wieder zurück in die Heimat geführt. Er hat die ultimative Rettungsaktion eingeleitet, als er seinen einzigen Sohn in die Welt gesandt hat, der allen Menschen gestern, heute und morgen die Erlösung erwirkt hat!
„Dann fürchten die Volker den Namen des HERRN und alle Könige der Erde deine Herrlichkeit.“ Durch die spektakulären Heilstaten Gottes zum Beispiel bei dem Auszug aus Ägypten haben die  גֹ֭ויִם gojim, die heidnischen Völker, die Macht des Gottes der Israeliten anerkannt. Ein Beispiel für Könige sehen wir zur Zeit des Salomo, als die Königin von Saba sein Reich begutachtet. Spätestens mit der Geburt Jesu Christi wird sich dieses Schriftwort noch einmal deutlicher erfüllen, wenn die Repräsentanten der östlichen Könige vor dem neugeborenen Messias niederknien werden.
„Denn der HERR hat Zion wieder aufgebaut, er ist erschienen in seiner Herrlichkeit.“ Dies ist zunächst wörtlich auf die Situation der Israeliten zu beziehen, als der Psalm geschrieben worden ist. Es geht um den Wiederaufbau der Stadt Jerusalem nach dem babylonischen Exil. Gottes Herrlichkeit wurde durch seine Gegenwart im Tempel wieder geschaut. Wir lesen es noch weiter, denn bei der Tempelreinigung sagt Jesus zu den Menschen: Reißt den Tempel nieder. Ich werde ihn in drei Tagen wieder aufbauen. Es geht nicht mehr um ein Gebäude, sondern um den Tempel seines Leibes. Er ist es. Mit diesem Leib, der dann sakramental weitergeführt die Kirche wird, ist das Reich Gottes ganz eng verbunden, der das neue Zion ist. Die sakramentale Antizipation dieses Reiches ist mit der Gemeinschaft der Gläubigen gegeben, die die Kirche ist. In ihr sehen die Gläubigen die Herrlichkeit Gottes verborgen in der Eucharistie. Die Kirche nimmt die endzeitliche Durchsetzung des Gottesreiches vorweg, die mit der Rückkehr des verherrlichten Menschensohnes einsetzen wird. Dann werden es alle sehen, dass Gott die Herrlichkeit ist.
„Er hat sich dem Bittgebet der verlassenen Stadt zugewandt, ihre Bittgebete hat er nicht verschmäht.“ Auch hier bezieht es sich wörtlich-historisch auf Jerusalem, das durch die Babylonier zerstört worden ist, aber auch dieser Vers ist in seinem geistigen Sinn weiterzudenken: Die verlassene Stadt ist zurückverwiesen auf Mose und das Volk Israel auf das Wohlergehen des Volkes und dessen Bund mit Gott zu beziehen. Durch die Leidenssituation mit den Giftschlangen ist das Volk zur Besinnung gekommen und hat sich wieder mit Gott versöhnt. In dieser Hinsicht ist die verlassene Stadt wieder zurückgekehrt. Wir müssen es vor allem auf Jesus Christus zu beziehen, der durch sein Erlösungswirken das Paradies wieder ermöglicht hat. Es war wie eine verlassene Stadt, aus der die Menschheit verbannt wurde. Sie lebte bis zur Erlösung im Exil, doch nun können die Menschen die Stadt wieder beziehen. Es gilt für jeden von uns auf moralischer Ebene: In jedem getauften Christen hat Gott Wohnung bezogen. Unsere Seele wird zum inneren Zion, in dem die Herrlichkeit Gottes wohnt. Das nennen wir moralisch auch den Stand der Gnade. Mit jeder Sünde verbannen wir uns selbst aus diesem Zustand und so wird die Seele zu einer verlassenen Stadt. Dies geschieht nicht sofort mit jeder lässlichen Sünde, sondern natürlich erst mit der Todsünde, doch auch die kleinen Beleidigungen und Lieblosigkeiten gegenüber Gott und dem Nächsten lassen die Stadtmauer immer mehr zerfallen und angreifbar werden. Dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis alles in sich zusammenfällt und der Feind uns aus der Stadt hinausjagt.
Am Ende der Zeiten werden wir voller Dankbarkeit in der Anschauung Gottes sagen: „Er hat sich unserem Bittgebet zugewandt und uns aus dem Exil des sündhaften und untergehenden irdischen Daseins herausgeholt und in die verlassene Stadt gebracht, die wir nun beziehen dürfen – das himmlische Jerusalem, das der Himmel ist!
„Dies sei aufgeschrieben für das kommende Geschlecht“ – der Psalm gibt selbst preis, dass die Worte nicht nur historisch-wörtlich zu verstehen sind und nur für eine bestimmte Generation gelten. Es bestätigt, was wir zum vorherigen Vers bedacht haben.
„Das Volk, das noch erschaffen wird“, wird Gott loben. Das sind wir, die wir im Neuen Bund mit Gott leben! Wir gehören schon zu der neuen Schöpfung, die Jesus begründet hat! Wir werden am Ende der Zeiten aber noch vollendet, wenn wir mit Leib und Seele bei Gott sein werden.
Gott hat aus der Höhe herabgeschaut – so hat er die Israeliten von den Giftschlangen gerettet, er hat das Volk Israel aus dem babylonischen Exil gerettet, er hat die ganze Menschheit vor der Verderbnis der Erbsünde gerettet, indem er seinen Sohn dahingegeben hat! Er rettet uns aus der Verderbnis durch die Taufe, aber auch immer wieder durch das Sakrament der Buße. Er wird uns am Ende aus den Wirren dieser Welt retten, wenn wir sterben und vor ihm stehen, aber auch am Ende der Zeiten, wenn er in die Weltgeschichte eingreifen wird, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Die Gefangenen, die dem Tod geweiht sind, betrifft einerseits die Gebissenen in der heutigen Lesung, andererseits die ganze Menschheit, die nicht mehr ins Paradies durfte wegen der Sünde des ersten Menschenpaares, es betrifft die Gerechten des Alten Testaments, die bis zur Erlösung Jesu Christi auf die Anschauung Gottes warten mussten, was wir die „Vorhölle“ nennen. Es betrifft auch uns, die wir gefangen sind in unserer eigenen Sünde, die uns dem Tod weiht (nämlich dem seelischen Tod ganz von Gott abgeschnitten!).
Der heutige Psalm ist so reich und so tief in seiner Bedeutung. Was wir über die Buchstaben hinaus erkennen reicht ganz weit zurück bis in den Garten Eden und ganz weit voraus bis zum Leben in der ewigen Glückseligkeit des Himmelreiches!

Joh 8
21 Ein andermal sagte Jesus zu ihnen: Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben. Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.
22 Da sagten die Juden: Will er sich etwa umbringen? Warum sagt er sonst: Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen?
23 Er sagte zu ihnen: Ihr stammt von unten, ich stamme von oben; ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt.
24 Ich habe euch gesagt: Ihr werdet in euren Sünden sterben; denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.
25 Da fragten sie ihn: Wer bist du denn? Jesus antwortete: Warum rede ich überhaupt noch mit euch?
26 Ich hätte noch viel über euch zu sagen und viel zu richten, aber er, der mich gesandt hat, ist wahrhaftig, und was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.
27 Sie verstanden nicht, dass er damit den Vater meinte.
28 Da sagte Jesus zu ihnen: Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, dass Ich es bin. Ihr werdet erkennen, dass ich nichts von mir aus tue, sondern nur das sage, was mich der Vater gelehrt hat.
29 Und er, der mich gesandt hat, ist bei mir; er hat mich nicht alleingelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.
30 Als Jesus das sagte, kamen viele zum Glauben an ihn.

Der heutige Abschnitt aus dem Evangelium steht im Kontext verschiedener Streitgespräche, die Jesus mit den Juden in Jerusalem führt. Der Ort des Geschehens ist die Stadt, die so eine tiefe Bedeutung hat: Sie war verlassen während des Exils, sie ist es, wo das davidische Königreich sich etablierte, die Stadt, in der die Herrlichkeit Gottes im Tempel wohnhaft geworden ist, die Stadt, in der die Erlösung erwirkt werden sollte. Schließlich wird sich hier der Kreis schließen, der mit der Kupferschlange aus der Lesung begonnen worden ist:
Jesus kündigt den Menschen an: „Ich gehe fort und ihr werdet mich suchen und ihr werdet in eurer Sünde sterben.“ Er sagt es nicht, weil er die Juden verwirft. Er möchte sie wachrütteln, damit sie umkehren. Wenn sie ihn nämlich weiterhin so ablehnen, wird eintreffen, was er hier sagt. Wer die Erlösung und somit die Vergebung Gottes nicht annimmt, wird in den eigenen Sünden ertrinken. Dann wird die Konsequenz dieser Ablehnung die ewige Abgeschnittenheit von Gott sein, was wir Hölle nennen.
„Wohin ich gehe, dorthin könnt ihr nicht gelangen.“ Die Juden verstehen überhaupt nicht, was Jesus ihnen erklärt. Er meint, dass er sterben und dann zum Vater heimkehren werde ins Himmelreich. Und wenn sie ihn bis zum Schluss ablehnen werden, dann können sie ihm dorthin nicht folgen. Er sagt ihnen also, dass er der Weg zum Vater ist! Stattdessen interpretieren sie Jesu Worte als Suizidgedanken.
Jesus erklärt die Banalität ihrer Gedankengänge damit, dass sie von unten sind, er aber von oben. Das meint zunächst einmal die Natur: Er ist vom Vater, er ist zuerst Gott, der er schon immer war, bevor er Mensch geworden ist. Diese göttliche Herkunft macht ihn gegenüber der Menschen kategorisch anders. Sie sind von Anfang an Menschen und nur Menschen. Wir könnten jetzt einwenden, dass wir Menschen ja eine ewige Seele haben und dadurch ja auch ein wenig „von oben“ sind. Ja, aber die gefallene Natur des Menschen, die noch nicht erlöst ist, ist noch sehr viel „unten.“ Sie hat die Gnade verloren und die Denkweise ist dem „unteren“ sehr verhaftet. Es ist also auch heilsgeschichtlich zu deuten: Jesus ist „von oben“, weil er voll der Gnade ist. Die Menschheit ist „von unten“, weil sie die ganze Gnade verloren hat.
„Ihr seid aus dieser Welt, ich bin nicht aus dieser Welt“ – muss in demselben Sinne verstanden werden. Einerseits betrifft es die Natur, andererseits das Maß an Gnade, schließlich auch die Denkweise, die sich daraus ergibt. Jesus denkt göttlich, er denkt vom Willen Gottes aus, der er ja ist. Die Menschen denken weltlich, sie denken nicht von dem aus, was Gott will, sondern was die Menschen wollen. Letztendlich wissen wir ja, dass dieses aber vom Satan kommt (denn Jesus hat diesen von Petrus weggejagt, der ihm gegenüber forderte, „was die Menschen wollen“. Mt 16).
Jesus hat viel Geduld mit den hartherzigen Juden. Er erklärt noch genauer, was er mit dem Appell meint. Er rüttelt sie mit Nachdruck auf: „Denn wenn ihr nicht glaubt, dass ich es bin, werdet ihr in euren Sünden sterben.“ – Er erläutert, dass es mit dem Glauben an ihn zusammenhängt, ob die Menschen das ewige Leben haben oder nicht. Dieser Glaube an ihn ist der Glaube an die Messianität Jesu, die sie ja die ganze Zeit nicht erkennen. Deshalb echauffieren sie sich ja über seine Heilstaten, statt sie auf die Verheißungen des Alten Testaments zu beziehen.
Sie fragen ihn immer noch ahnungslos oder vielleicht bewusst gestellt ahnungslos (?), wer er denn sei, so als ob sie ihn dazu bringen wollen, die „Gotteslästerung“ aus dem eigenen Mund auszusprechen. Jesus lässt sich von dieser Provokation überhaupt nicht beeindrucken, sondern sagt vielmehr zu sich selbst: „Warum rede ich überhaupt noch mit euch? Ich hätte noch viel über euch zu sagen, aber …was ich von ihm gehört habe, das sage ich der Welt.“ Jesus tut alles in vollem Gehorsam und in Einheit mit dem Vater. Die Juden verstehen das aber gar nicht.
Und dann sagt Jesus etwas, das die frommen und schriftkundigen Juden eigentlich mit dem Buch Numeri in Verbindung bringen sollten, so wie wir bei folgenden Worten einen Aha-Effekt haben:
„Wenn ihr den Menschensohn erhöht habt, dann werdet ihr erkennen, das Ich es bin.“ Der Menschensohn ist er selbst. Er ist der Sohn des Menschen, zu Hebräisch Adam. Er ist der Nachkomme Adams und so ebenfalls der erste Mensch, nun aber der neuen Schöpfung. Und so wie die Schlange in der Wüste werden die Menschen ihn erhöhen – am Kreuz auf Golgota. Und dann werden sie erkennen, dass Er es ist – dass er der Messias ist, den die Propheten schon so lange angekündigt haben! Doch es werden nicht die Juden sein, die dies zuerst bekennen werden, sondern der Hauptmann beim Kreuz, der dann sagen wird: „Wahrlich, dieser war Gottes Sohn.“
Jesus sagt auch „er hat mich nicht alleingelassen, weil ich immer das tue, was ihm gefällt.“ Ja, Gott hat ihn auch in der dunkelsten Stunde am Kreuz nicht alleingelassen, auch wenn Jesus als Teil des Leidens und der Versuchungen die absolute Gottverlassenheit verspüren musste. Er hat weiterhin mit seinem Vater Kontakt gehalten, indem er zu ihm gebetet hat „Eli, Eli, lema sabachtani“, das im Laufe des Psalms in einen Lobpreis umschwingt. Der Vater hat den Sohn nie allein gelassen und ihn am dritten Tag von den Toten auferweckt! Gott lässt auch uns nie allein, selbst in der dunkelsten Stunde nicht. Wenn wir uns ganz an ihn klammern und uns selbst nicht von ihm entfernen, ist er immer da. Wenn wir ihn dagegen von uns wegschieben, dann schätzt er unseren freien Willen, auch wenn es ihn sehr schmerzt. Und doch geht er uns dann nach und ruft uns, wirbt um uns, tut alles, damit wir unsere Meinung noch ändern, bevor es zu spät ist.
Es ist sehr bemerkenswert, was wir am Ende lesen: Viele Menschen kommen bei diesen Worten Jesu zum Glauben an ihn. Es gibt also durchaus Menschen, bei denen es zu einem Aha-Effekt gekommen ist. Sie verstehen, dass Jesus die Verheißungen der Propheten erfüllt, dass er der Messias ist.
Auch wenn Jesus immer wieder angefeindet wird, bringen seine Worte vor seinem Tod schon reiche Frucht. Sein Tod und seine Auferstehung werden dagegen dann aber ein regelrechter Weinberg voller Früchte sein.

Was Jesus den Juden heute sagt, gilt auch uns: Fühlen auch wir uns angesprochen durch seine Worte! Glauben wir an ihn und leben wir entsprechend, damit wir nicht in unseren Sünden sterben. Das meint nicht nur den biologischen Tod auf moralischer Ebene (dass wir im Zustand der Todsünde sterben), das meint vor allem den seelischen Tod der Hölle nach unserem biologischen Tod! Mit den Bildern des Psalms könnten wir sagen, dann sterben wir im Exil und bleiben auf ewig in diesem Exil außerhalb des Himmels. Nur Jesus ist es, der uns aus dem Exil ins verheißene Land zurückführen kann, das das Himmelreich ist. Nutzen auch wir die Zeit der Gnade und kehren wir um von unserem sündigen Leben. Dieser Umkehr bedarf jeder Mensch, denn tagtäglich beleidigen wir den Herrn durch größere und kleinere Dinge. Und auch die kleinen Dinge können auf Dauer die Mauer zum Einreißen bringen…nehmen wir auch die kleinen Dinge ernst und vertrauen wir uns bei allem immer der Barmherzigkeit Gottes an, mit der er uns umarmen will!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 4. Woche der Fastenzeit

Ez 47,1-9.12; Ps 46,2-3.5-6.8-9; Joh 5,1-16

Ez 47
1 Dann führte er mich zum Eingang des Tempels zurück und siehe, Wasser strömte unter der Tempelschwelle hervor nach Osten hin; denn die vordere Seite des Tempels schaute nach Osten. Das Wasser floss unterhalb der rechten Seite des Tempels herab, südlich vom Altar.
2 Dann führte er mich durch das Nordtor hinaus und ließ mich außen herum zum äußeren Osttor gehen. Und siehe, das Wasser rieselte an der Südseite hervor.
3 Der Mann ging nach Osten hinaus, mit der Messschnur in der Hand, maß tausend Ellen ab und ließ mich durch das Wasser gehen; das Wasser reichte mir bis an die Knöchel.
4 Dann maß er wieder tausend Ellen ab und ließ mich durch das Wasser gehen; das Wasser reichte mir bis zu den Knien. Darauf maß er wieder tausend Ellen ab und ließ mich hindurchgehen; das Wasser ging mir bis an die Hüften.

5 Und er maß noch einmal tausend Ellen ab. Da war es ein Fluss, den ich nicht mehr durchschreiten konnte; denn das Wasser war tief, ein Wasser, durch das man schwimmen musste, ein Fluss, den man nicht mehr durchschreiten konnte.
6 Dann fragte er mich: Hast du es gesehen, Menschensohn? Darauf führte er mich zurück, am Ufer des Flusses entlang.
7 Als ich zurückging, siehe, da waren an beiden Ufern des Flusses sehr viele Bäume.
8 Er sagte zu mir: Diese Wasser fließen hinaus in den östlichen Bezirk, sie strömen in die Araba hinab und münden in das Meer. Sobald sie aber in das Meer gelangt sind, werden die Wasser gesund.
9 Wohin der Fluss gelangt, da werden alle Lebewesen, alles, was sich regt, leben können und sehr viele Fische wird es geben. Weil dieses Wasser dort hinkommt, werden sie gesund; wohin der Fluss kommt, dort bleibt alles am Leben.
12 An beiden Ufern des Flusses wachsen alle Arten von Obstbäumen. Ihr Laub wird nicht welken und sie werden nie ohne Frucht sein. Jeden Monat tragen sie frische Früchte; denn ihre Wasser kommen aus dem Heiligtum. Die Früchte werden als Speise und die Blätter als Heilmittel dienen.

Heute hören wir in der Lesung eine wunderbare Vision des Propheten Ezechiel. Historisch ist das Ganze in die Zeit des babylonischen Exils einzuordnen. Umso verheißungsvoller erscheint folgende Vision:
Ezechiel sieht nämlich den Tempel, der ja zuvor zerstört worden ist. Und von diesem Tempel geht Wasser aus, das Richtung Osten fließt. Es kommt vom Altar und fließt sehr weit, sodass Ezechiel zum Nordtor und dann zum Osttor geführt wird, wo er es rieseln sieht. Das heißt aber nicht, dass es sich lediglich um ein kleines Rinnsal handelt, sondern es reicht dem Propheten bis zum Knöchel.
Je mehr Ellen (das ist eine Maßeinheit) der Prophet abmisst bzw. abgeht, desto tiefer wird der Fluss, sodass er am Ende sogar hindurchschwimmen muss.
Das Wasser mündet schließlich ins Meer. Wichtig an dem Strom ist, dass alles gesundet, was damit in Berührung kommt. Es wird viele Fische geben und der Prophet sieht viele Bäume, die an ihm wachsen. Das Laub dieser Gewächse verwelkt nicht und sie bringen viele Früchte.
All das soll für Ezechiel zunächst verdeutlichen, dass was vom Tempel ausgeht, dem Menschen Heil und Leben bringt. Gott versorgt von seinem Tempel aus die ganze Welt. Für den Propheten wird auf diese Weise klar, dass es einen neuen Tempel geben muss, damit Gottes Gegenwart die Welt auf besondere Weise fruchtbar werden lassen kann.
Wir sehen es aber noch weitreichender, nämlich allegorisch: Das Wasser, das vom Altar ausgeht, ist der Hl. Geist. Er war es, der in der Genesis über der Urflut schwebte. Es ist eine typologische Verbindung zur Schöpfungsgeschichte und eine Antizipation dessen, was Gott in unserer heutigen Zeit sakramental durch die Taufe, am Ende der Zeiten auf umfassende Weise bewirkt: Der Hl. Geist bringt eine neue Schöpfung hervor. Er erneuert die Welt. Und dieser Geist geht von Jesus aus, der ihn vom Vater sendet. Deshalb kommt der Geist vom Altar aus. Wir verstehen es schon sehr eucharistisch, denn auf dem Altar jeder Hl. Messe wird das Kreuzesopfer Jesu Christi immer wieder in die Gegenwart geholt. Dann ist seine Gegenwart in der Welt so intensiv wie sonst nie. Sie ist so dabei so real wie damals, als er Mensch geworden ist und unter den Menschen gelebt hat. Deshalb fließt das lebendige Wasser so stark bei jeder Hl. Messe.
Der Geist Gottes geht von der Kirche aus. Ohne sie gibt es keine Realpräsenz Gottes in der Welt. Sie atmet den Hl. Geist, der an Pfingsten wie ihr Lebensodem hineingekommen ist, analog zum Lebensodem in der Genesis, der in Adams Nase geblasen worden ist. Dieser Geist belebt und tränkt alle Lebewesen, auch gerade uns bei der Taufe. Dann kommt der Geist Gottes in uns und nimmt Wohnung auf eine umfassende Weise. So werden wir neugeschaffen zu einer unvergänglichen Schöpfung. Und dieser Geist hält uns am Leben, damit wir das ewige Leben haben. Sowohl die Blätter der Kirche verwelken nicht (Jesus hat uns versprochen, dass die Mächte der Finsternis die Kirche nicht überwältigen werden) als auch die Blätter jedes einzelnen Christen (denn wir sind mit einer unsterblichen Seele geschaffen und durch die Taufe zu Erben in Gottes Reich eingesetzt). Und diese neue Schöpfung, zu der wir gehören, wird ebenfalls ewig sein, da sie schon das Reich Gottes ist, wenn auch noch verborgen. Am Ende der Zeiten wird sie offenbar werden.
Gottes Geist schenkt uns Heil, in erster Linie seelisches, aber als Bonus oft auch physisches. Schließlich ist der Mensch nicht geteilt, sondern eine Leib-Seele-Einheit. Wir dürfen auch heutzutage glauben, dass Jesus die Menschen noch genauso heilen kann wie damals. Seine Realpräsenz ist ja dieselbe. Wichtig ist, dass wir uns zunächst mit Gott versöhnen, damit dieser an uns wirken kann. Die Früchte des Hl. Geistes an den Obstbäumen machen auch uns heute die Hoffnung, dass wenn wir den Geist Gottes in unserem Leben immer wieder an uns wirken lassen, Frucht bringen. Es ist absolut kein Zufall, dass hier die Rede von Obstbäumen und Früchten ist. Es ist eine typologische Analogie zum Garten Eden, in dem ebenfalls köstliche Früchte wachsen. Während im Garten die Früchte dazu dienen, die Menschen physisch zu nähren, und auch dort die Rede von Flüssen ist, die das Paradies tränken, haben wir es hier mit dem lebendigen Wasser zu tun. Es geht hier um den Hl. Geist, der neue Früchte bringt. Während im Garten Eden durch das Verspeisen verbotener Früchte das Unheil gekommen ist, möchte Gott durch die Früchte am Gnadenstrom des Hl. Geistes, die Menschen wieder heil machen. Und diese Früchte verstehen wir sakramental als die Heilsmittel der Kirche, allen voran die Hl. Eucharistie! Was Ezechiel hier sieht, hat also so weitreichende Volken, dass es nur siebenhundert Jahre später in das letzte Abendmahl, in den Kreuzestod Christi und in das Pfingstereignis mündet. Dort findet all das Geschaute seine sakramentale Erfüllung, die am Ende der Zeiten ihre endgültige Vollendung finden wird.

Ps 46
2 Gott ist uns Zuflucht und Stärke, als mächtig erfahren, als Helfer in allen Nöten.
3 Darum fürchten wir uns nicht, wenn die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres;
5 Eines Stromes Arme erfreuen die Gottesstadt, des Höchsten heilige Wohnung.
6 Gott ist in ihrer Mitte, sie wird nicht wanken. Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht.
8 Mit uns ist der HERR der Heerscharen, der Gott Jakobs ist unsre Burg.
9 Kommt und schaut die Taten des HERRN, der Schauder erregt auf der Erde.

Wir beten heute wieder einen Vertrauenspsalm. Begeben wir uns in die Situation des Gottesvolkes. Es befindet sich in babylonischer Gefangenschaft. Der Tempel ist zerstört. Gottes Gegenwart ist auf Erden getilgt worden. Die Hoffnung auf eine Rückkehr schwindet von Tag zu Tag. Doch in dieser Zeit lässt Gott sein Volk nicht im Stich. Er sendet Propheten wie Ezechiel, die den Menschen Mut und Hoffnung zusprechen. Und dann werden sie sich an die wunderbaren Psalmen ihres Vaters David erinnert haben und sie vertrauensvoll gebetet haben.
In einer absolut trostlosen Situation beten sie dennoch „Gott ist uns Zuflucht und Stärke“. Ja, in einem Zustand, wo das Volk die irdische Heimat verloren hat, ist Gott der Ort, an dem sie ihr Haupt ablegen können. Gott ist wirklich „Helfer in allen Nöten“. Wenn er sogar ein ganzes Volk aus dem Sklavenhaus Ägyptens herausführen konnte, ist es für ihn auch keine Schwierigkeit, das Volk aus Babylon herauszuführen.
Gott ist größer als seine Schöpfung, deshalb gibt es nichts zu fürchten, selbst wenn „die Erde auch wankt, wenn Berge stürzen in die Tiefe des Meeres“. Er hat alles gemacht. Er erhält auch alles am Leben, vor allem das Volk, mit dem er einen Bund eingegangen ist.
Das Volk wird voller Erinnerung an Jerusalem im Exil gebetet haben: „Eines Stromes Arme erfreuen die Gottesstadt, des Höchsten heilige Wohnung“. So erkennen wir, dass Ezechiel seine Vision vom Tempel Gottes und vom Wasser zunächst wörtlich genommen und womöglich mit konkreten Begebenheiten in Verbindung gebracht haben wird. Wichtig ist, dass wir dabei nicht stehenbleiben, sondern das neue Jerusalem mit dem neuen Tempel erkennen.
Die Heilige Wohnung, die Davidsstadt mit den Flüssen, all dies dürfen wir weiterdenken und so ist es nicht an die reale Stadt Jerusalem gebunden. So können auch die Juden im Exil Hoffnung haben und auch wir, die wir getauft sind: So wird der Tempel allegorisch mit Jesus Christus in Verbindung gebracht (oben habe ich es schon ausführlich beschrieben), aber auch moralisch weitergedacht als seelische „Geographie“, denn der Geist Gottes ist durch die Taufe in unsere Herzen ausgegossen und reicht darüber hinaus zu allen Menschen um uns herum. Von diesem inneren Tempel aus können wir leben und überleben, selbst in Dürrezeiten unserer Welt, unserer Geschichte, unserer Gesellschaft. Wir denken es auch anagogisch weiter und erkennen den Tempel Gottes im Himmel, das Himmelreich, in dem wir selbst Gott loben und preisen werden, wenn wir dort Wohnung nehmen. Von diesem himmlischen Tempel aus geht der Hl. Geist aus und wird einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen. Dieser Tempel wird von oben auf die Erde herabkommen und Gott wird unter den Menschen wohnen, wie es Johannes in der Offenbarung geschaut hat.
So betet auch David und mit ihm die Juden im Exil: „Gott ist in ihrer Mitte.“ Ja, er ist es schon jetzt, auch wenn sie es nicht immer so verspüren und auch wir nicht immer merken, dass er da ist.
Anhand des nächsten Verses wird uns noch eine weitere Erkenntnis zum Tempel Gottes geschenkt: „Gott hilft ihr, wenn der Morgen anbricht.“ Ja, der Tempel Gottes ist uns auch in der Episode der Tempelreinigung gelehrt worden als Tempel des Leibes Christi! Sein Leib ist ja der Tempel, der niedergerissen und nach drei Tagen wieder aufgebaut werden sollte. Ohne es schon in der Tiefe zu verstehen, hat König David vom Hl. Geist erfüllt diese Verse komponiert, die schon verheißen: Gott wird diesen leiblichen Tempel Christi bei Anbruch des Morgens wieder errichten! Es ist eine österliche Verheißung!
„Mit uns ist der Herr der Heerscharen“, Jahwe Zebaot. Er ist auf intensivste Weise mit den Menschen geworden, indem er Mensch geworden ist und als Immanuel unter den Menschen gelebt hat!
Gott wirkt Zeichen und Wunder zu allen Zeiten. Er hat das Meer geteilt und die Menschen hindurch geführt. Er wird auch das Exil beenden und das Volk zurückkehren lassen. Er wird ihnen einen gütigen Perserkönig senden, Kyros, der ihnen vieles erleichtern wird. Sie werden einen neuen Tempel errichten. Sie werden zwar immer wieder in Fremdherrschaft geraten, weil sie ihm untreu werden, aber er lässt sie nie im Stich. So sendet er am Ende der Zeiten seinen einzigen Sohn, der von den Toten auferstehen wird! Zuvor hat er so viele Zeichen und Wunder getan und tut es auch bis heute durch die Heilsmittel der Kirche. Die Eucharistie ist das größte Zeichen unserer Zeit.
So können wir diesen Vertrauenspsalm bis heute beten, denn er ist in seiner Tiefe absolut zutreffend auch für die Christen von heute. Wir, die wir uns jetzt in einer schwierigen Situation befinden, können auch heute auf Gottes große Taten vertrauen. Er lässt uns auch heute nicht im Stich und es wird alles gut werden.

Joh 5
1 Danach war ein Fest der Juden und Jesus ging hinauf nach Jerusalem.

2 In Jerusalem gibt es beim Schaftor einen Teich, zu dem fünf Säulenhallen gehören; dieser Teich heißt auf Hebräisch Betesda.
3 In diesen Hallen lagen viele Kranke, darunter Blinde, Lahme und Verkrüppelte, die auf die Bewegung des Wassers warteten.
4 Ein Engel des Herrn aber stieg zu bestimmter Zeit in den Teich hinab und brachte das Wasser zum Aufwallen. Wer dann als Erster hineinstieg, wurde gesund, an welcher Krankheit er auch litt.

5 Dort lag auch ein Mann, der schon achtunddreißig Jahre krank war.
6 Als Jesus ihn dort liegen sah und erkannte, dass er schon lange krank war, fragte er ihn: Willst du gesund werden?
7 Der Kranke antwortete ihm: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich, sobald das Wasser aufwallt, in den Teich trägt. Während ich mich hinschleppe, steigt schon ein anderer vor mir hinein.
8 Da sagte Jesus zu ihm: Steh auf, nimm deine Liege und geh!
9 Sofort wurde der Mann gesund, nahm seine Liege und ging. Dieser Tag war aber ein Sabbat.
10 Da sagten die Juden zu dem Geheilten: Es ist Sabbat, du darfst deine Liege nicht tragen.
11 Er erwiderte ihnen: Der mich gesund gemacht hat, sagte zu mir: Nimm deine Liege und geh!
12 Sie fragten ihn: Wer ist denn der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm deine Liege und geh?
13 Der Geheilte wusste aber nicht, wer es war. Jesus war nämlich weggegangen, weil dort eine große Menschenmenge zugegen war.
14 Danach traf ihn Jesus im Tempel und sagte zu ihm: Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt!
15 Der Mann ging fort und teilte den Juden mit, dass es Jesus war, der ihn gesund gemacht hatte.
16 Daraufhin verfolgten die Juden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte.

Im heutigen Evangelium schließt sich wie so oft der Kreis der heutigen Tageslesungen: Auch hier geht es um Wasser, das den Menschen Heilung bringen soll.
Es ist Wallfahrtssaison und wie jeder fromme Jude macht sich auch Jesus mit seinen Jüngern auf den Weg nach Jerusalem. Dort gibt es am Schaftor einen Teich namens Betesda mit fünf Säulenhallen. In diesen liegen viele Kranke, die darauf hoffen, bei Bewegung des Wassers hineingetragen zu werden, um vom Wasser geheilt zu werden. Man glaubte, dass die Wasserbewegung auf einen Engel Gottes hindeutete und so heilsam wurde (die Rede von einem hinabfahrenden Engel ist sekundär eingeschoben worden und deutet auf einen damaligen Aberglauben hin). Und dort liegt nun auch ein Gelähmter, der nichts von dem aufwallenden Wasser hat, denn keiner trägt ihn hinein. Diesem Mann begegnet Jesus nun und er fragt ihn, ob er gesund werden möchte. Jesus fragt ihn nicht einfach so, sondern möchte damit verdeutlichen, dass Heilung vom Willen des Menschen abhängt. Er möchte, dass der Gelähmte von sich aus den Willen zur Heilung kundtut.
Jesus hat Mitleid mit ihm und fordert ihn deshalb auf: „Steh auf, nimm deine Liege und geht!“ Sofort wird der Mann geheilt.
Bis hierhin haben wir schon viele wichtige Dinge, die wir erst einmal verdauen müssen: Dieser Teich heißt Betesda. Das heißt auf Deutsch „Haus der Gnade“. Es fasst schon alles zusammen, was der Prophet Ezechiel heute schaut. Gottes Haus ist die Quelle der Gnade. Diese ist das lebendige Wasser, das vom Altar ausgeht und bis zum Meer fließt.
Das Schaftor ist identisch mit dem Nordosttor Jerusalems. Gott lässt Ezechiel mit der Messschnur erst durchs Nordtor gehen, dann zum äußeren Osttor. Die ganze Episode ist eine Lektion Gottes für alle schriftkundigen Juden: Hier geht es um einen Teich, dessen Wasser lebendig ist. Das liegt an unterirdischen Leitungen, die das Wasser in Bewegung hielten (der Teich war in herodianischer Zeit zu einer großen Mikwe umfunktioniert worden, also zum kultischen Reinigungsbad!). So hat Gottes Vorsehung alles so gefügt, dass Jesus die Lektion ausgerechnet an „lebendigem“ Wasser erteilen kann. Er möchte den Menschen das Wesen des Hl. Geistes erläutern. Er möchte, dass die Menschen einen Bezug zu Ezechiel herstellen. Er nutzt dafür auch einen Zeitpunkt, zu dem viele Pilger nach Jerusalem strömen und die Mikwe auch sehr stark in Anspruch nehmen. Die Heilung findet vor möglichst vielen Zeugen statt, die die Lektion Gottes verstehen sollen. Stattdessen sehen sie nur eines: eine Heilung am Sabbat. Vor einigen Tagen habe ich darüber geschrieben, warum die Juden es so streng mit dem Sabbatgebot halten, dass sie sogar über das Ziel hinausschießen. Es hat unter anderem damit zu tun, dass sie in genau jene babylonische Gefangenschaft geraten sind, weil sie den Sabbat nicht gehalten haben, diese Gefangenschaft, in der Ezechiel wirkt und Visionen hat.
Jesus ist zu dem Zeitpunkt, als der Geheilt befragt wird, nicht mehr anwesend. Der Geheilte kennt Jesus auch nicht, weil er den Anklägern keine Auskunft geben kann. Später trifft er diesen aber im Tempel (das ist ein gutes Zeichen. Der Geheilte geht wohl zum Tempel, um Gott für die Heilung zu danken). Dort sagt Jesus etwas Wichtiges, was auch uns zu denken gibt: „Sieh, du bist gesund geworden; sündige nicht mehr, damit dir nicht noch Schlimmeres zustößt!“ Jesus sagt hier selbst, dass es einen Zusammenhang zwischen Krankheit/Leiden und Sünde gibt. Es ist nicht immer so, erst vor einigen Tagen hörten wir von einem Unschuldigen, der aber blind ist. Hier ist es aber wohl so, dass der Gelähmte gesündigt hat. Jesus möchte mit dieser Ermahnung dem Geheilten verdeutlichen: Dir ist Gottes Barmherzigkeit zuteil geworden. Sündige von nun an nicht mehr, damit du keinen Rückfall bekommst.“ Und die Rückfälle sind bekanntlich immer drastischer als die Krankheit zuvor. Der Mann hat die Heilung erfahren, weil er zur Heiligkeit berufen ist. Gott möchte, dass er ein gutes Leben führt und Zeuge des Heils Gottes ist. Er soll die Chance nutzen, ein besserer Mensch zu werden. So heilt Gott auch uns, nicht damit wir in Luxus und Bequemlichkeit leben können, sondern damit wir etwas aus dieser gewonnenen Gesundheit machen. So ist es auch mit der geheilten Schwiegermutter des Petrus, die dann die Gäste bedienen kann.
Die Heilung, die dem Gelähmten in erster Linie zuteil geworden ist, ist die seelische Heilung. Seine von Sünde krank gewordene Seele hat in der Begegnung mit Jesus Heilung und Versöhnung erfahren. Als weiterführende Heilung ist dem Mann die Lähmung genommen worden. So möchte Jesus auch uns heilen, er möchte auch uns, die wir uns nach dem lebendigen Wasser sehnen, aber gelähmt sind, Gesundheit an Leib und Seele schenken.
Dies möchte er in besonderer Weise auch jetzt in der Fastenzeit. Nichts kann uns wirklich Heil und Leben schenken (vor allem das ewige Leben!), außer der Gnadenstrom Gottes, der von Christus kommt. Nehmen wir diesen in Anspruch. Tun auch wir Jesus unseren Willen kund, dass er uns heilen möge. Er stellt ja auch jedem von uns tagtäglich die Frage: „Willst du gesund werden?“

Ihre Magstrauss

Dienstag der 5. Woche im Jahreskreis

1 Kön 8,22-23.27-30; Ps 84,3.4.5 u. 10.11; Mk 7,1-13

1 Kön 8
22 Dann trat Salomo in Gegenwart der ganzen Versammlung Israels vor den Altar des HERRN, breitete seine Hände zum Himmel aus 

23 und betete: HERR, Gott Israels, im Himmel oben und auf der Erde unten gibt es keinen Gott, der so wie du Bund und Huld seinen Knechten bewahrt, die mit ungeteiltem Herzen vor ihm leben.
27 Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe. 
28 Wende dich, HERR, mein Gott, dem Beten und Flehen deines Knechtes zu! Höre auf das Rufen und auf das Gebet, das dein Knecht heute vor dir verrichtet! 
29 Halte deine Augen offen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast, dass dein Name hier wohnen soll! Höre auf das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte verrichtet! 
30 Achte auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, wenn sie an dieser Stätte beten! Höre sie im Himmel, dem Ort, wo du wohnst! Höre sie und verzeih!

Gestern haben wir davon gehört, dass die Bundeslade in den neu errichteten Tempel überführt worden ist. Das ganze Geschehen ist in einen liturgischen Kontext eingebettet worden. Sobald die Lade in den Tempel gebracht worden ist, legt sich die Wolke der Herrlichkeit Gottes auf ihn. Salomo hält daraufhin eine Ansprache, die wir heute nicht hören. Stattdessen setzt die heutige Lesung bei dem sich anschließenden Weihegebet des Königs an.
Er tritt „in Gegenwart der ganzen Versammlung Israels vor den Altar“, was eine ganz klare liturgische Handlung beschreibt. Sein Gebet, das wir gleich hören, wird von seinem Stehen vor dem Altar und durch die Ausbreitung seiner Hände begleitet.
Das Gebet beginnt mit dem Bekenntnis Salomos, dass es keinen Treueren als Gott gibt. Die Bezeichnung „im Himmel oben und auf der Erde unten“ bezieht sich dabei auf Irdisches und Überirdisches. Das Begriffspaar „Himmel und Erde“ stehen für die sichtbare und die unsichtbare Welt, die beide von Gott geschaffen worden sind. Er ist der Treue, der seinen Bund aufrecht erhält, der sein Versprechen gegenüber seinen Bündnispartnern nicht bricht.
Salomo hat die Erkenntnis, dass selbst der Himmel Gott nicht fassen kann. Der Himmel ist von Gott geschaffen und kann ihn nicht übersteigen. Gott lässt sich nicht fassen und wenn schon der Himmel ihn nicht umgeben kann, umso weniger der irdische Tempel Salomos. Auch wenn der König ein so prunkvolles Heiligtum errichtet hat, maßt er sich nicht an, wie die Menschen beim Turmbau zu Babel den Himmel erreichen zu können. Er weiß, dass das Beste und ihm nur Mögliche für Gott gerade gut genug ist. Das ist eine Demutsbekundung und bezeugt Salomos Gottesfurcht. Die Gottesfurcht ist wiederum der Anfang jeder Weisheit (Ps 111,10). Und im gestrigen Psalm haben wir schon dieses Bild vom Fußschemel gehört. Ein Tempel ist zwar Wohnstatt Gottes und doch kann man Gott darin nicht einfangen.
Salomo bittet Gott um Aufmerksamkeit und Erhörung („Wende dich (…) zu“; „Höre auf das Gebet“). Die Art seines Betens erinnert sehr stark an Psalmen.
Gott soll seine Augen offenhalten bei Tag und Nacht. Das ist bildlich gesprochen, denn Gott ist Geist und hat keine Augen. Was Salomo sich wünscht, ist Gottes Allsehen. Er soll die Opfer sehen und registrieren. Er soll alle Gebete mitbekommen, damit kein Gebet unerhört bleibt.
Dabei setzt Salomo voraus, dass Gott trotz Gegenwart im Tempel eigentlich im Himmel wohnt. Denn er sagt hier „im Himmel, dem Ort, wo du wohnst.“ Das Hören soll auf Vergebung abzielen. Gott soll das Flehen der Menschen hören, damit er ihnen verzeihe. Es geht um die ganze Opferpraxis, die sich im und um den Tempel herum abspielen wird.
Die ganze Situation ist bemerkenswert. Es handelt sich um ein Weihegebet. Der Tempel wird Gott geweiht. Derjenige, der die Weihe aber vornimmt, ist der König und nicht ein Hohepriester! Salomos ist gesalbt und hat als Gesalbter die Gnadengaben Gottes erhalten. Und doch ist es ungewohnt, weil sein Gebet an das hohepriesterliche Gebet Jesu in Joh 17 erinnert. Die typologische Verbindung zwischen Salomo und Jesus ist unverkennbar, insbesondere bei Betrachtung des Königtums.

Ps 84
3 Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach den Höfen des HERRN. Mein Herz und mein Fleisch, sie jubeln dem lebendigen Gott entgegen. 

4 Auch der Sperling fand ein Haus und die Schwalbe ein Nest, wohin sie ihre Jungen gelegt hat – deine Altäre, HERR der Heerscharen, mein Gott und mein König. 
5 Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben.
11 Ja, besser ist ein einziger Tag in deinen Höfen als tausend andere. Lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als wohnen in den Zelten der Frevler. 
12 Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild. Der HERR schenkt Gnade und Herrlichkeit. Nicht versagt er Gutes denen, die rechtschaffen wandeln. 

Der heutige Psalm ist dem Tempel in Jerusalem gewidmet. Gleich zu Beginn wird uns dies durch die „Höfe des Herrn“ verdeutlicht. Es meint die verschiedenen Bereiche des Tempelgeländes. Der ganze Beter verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel. Er jubelt mit seiner ganzen Existenz („mein Herz und mein Fleisch“).
Er vergleicht seine Freude über den Tempel und seine damit verbundenen Heimatgefühle mit Sperling und Schwalbe, die ein Nest gebaut und ihre Jungen hineingelegt haben. Dabei ist die Anrede HERR der Heerscharen (Jahwe Zebaot) eine kultische Bezeichnung für Gott. Auch wir bezeichnen ihn so, wenn wir das Sanctus singen. Es ist ein liturgischer Titel auch bei den Christen.
„Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben“ führt uns über den Buchstabensinn hinaus. Wir preisen jene selig, die ewig das Sanctus im Himmel singen. Nicht umsonst kündigt der Priester in der Präfation das Sanctus z.B. mit den Worten an: „Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit.“ Jene sind es, die wirklich selig sind und im Hause Gottes wohnen und ihn allezeit preisen. Neben dieser anagogischen Lesart können wir es schon allegorisch-ekklesiologisch verstehen, also auf die Kirche beziehen. Sie ist das Haus Gottes auf Erden, der Antitypos des Tempels. Hier wohnt Christus in der Eucharistie- Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Gott allezeit preisen. Hier wird ein Funke der eschatologischen Freude schon sakramental vorweggenommen.
Der Beter des Psalms bevorzugt diese Zeit im Tempel gegenüber vielen Tagen vom Tempel entfernt. Die Wallfahrtszeiten sind sein Höhepunkt. Er freut sich schon darüber, wenn er „an der Schwelle“ stehen darf, solange er nicht in den „Zelten der Frevler“ verbringen muss. Es ist wiederum anagogisch weiterzudenken: Selbst wenn wir an der Schwelle zum Himmelreich stehen, ist es besser, als in der ewigen Verdammnis zu verbringen. Selbst wenn wir noch geläutert werden müssen, aber schon mit einem Fuß im Himmelreich sind, haben wir Trost. Denn wir sind uns sicher, dass wir danach bei Gott sein dürfen. Es ist wie mit den Höfen des Tempels. Es muss zunächst die Reinigung erfolgen, damit wir weiter vordringen können. Der irdische Tempel ist wirklich nach dem Vorbild der Ewigkeit gebaut worden!
„Gott der HERR ist Sonne und Schild“. Er ist also Orientierung, Wärme und Schutz. Er schenkt Gnade und Herrlichkeit. Wer in den Tempel kommt, der wird beschenkt und wieder neu ausgerüstet. So ist es auch mit uns, die wir in die Kirche gehen, um in der Eucharistie neu ausgestattet zu werden mit Gnade und Herrlichkeit. Wir werden immer mehr gewandelt in den Leib Christi, den wir empfangen. So werden wir Gott immer ähnlicher, auch wenn wir nie Götter werden. Stattdessen werden wir immer mehr zu Menschen, wie Gott sie gedacht hat. Gott gibt Überfülle an Gnaden, wenn der Mensch rechtschaffen wandelt. Das Wandeln ist im biblischen Kontext immer ein moralischer Begriff und bezieht sich auf den Lebenswandel. Wer also die Gebote Gottes hält und somit im Stand der Gnade ist, wird immer mehr beschenkt. Der Kanal zwischen Gott und Mensch ist ja frei durch den einwandfreien Seelenzustand. Wenn der Mensch aber im Zustand schwerer Sünde ist, dann ist der Kanal verstopft. Dann kann Gott ihm diese Gnaden nicht schenken, nicht weil er es nicht möchte, sondern weil der Mensch sich selbst blockiert.
Wollen wir selig sein und das schon in diesem Leben, dann kommen wir zur Quelle, machen den Weg frei für Gottes Gnaden in der Beichte und empfangen wir Christus in der Eucharistie. Dann wird er in unserem inneren Tempel Wohnung nehmen. Dann werden wir schon hier auf Erden Heimatgefühle des Himmels haben.

Mk 7
1 Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, versammelten sich bei Jesus. 

2 Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. 
3 Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben; so halten sie an der Überlieferung der Alten fest. 
4 Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. 
5 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen? 
6 Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte, wie geschrieben steht: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. 
7 Vergeblich verehren sie mich; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. 
8 Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. 
9 Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Überlieferung aufzurichten. 
10 Denn Mose hat gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Wer Vater oder Mutter schmäht, soll mit dem Tod bestraft werden. 
11 Ihr aber lehrt: Wenn einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Korbán – das heißt: Weihgeschenk sei, was du von mir als Unterstützung erhalten solltest – , 
12 dann lasst ihr ihn nichts mehr für Vater oder Mutter tun. 
13 So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.

Heute lesen wir von einer Konfliktsituation zwischen Jesus/seinen Jüngern und den Pharisäern und Schriftgelehrten. Jesus und seine Jünger halten sich nicht an die Reinheitsgebote und anderen Überlieferungen der Alten. Das stört die Pharisäer, die sehr viel Wert auf die Einhaltung der jüdischen Gebote legen. An sich ist dies nicht verwerflich, denn dafür hat Gott die Menschen diese Gebote zur gegebenen Zeit auch gelehrt. Das Problem ist nicht, dass die Pharisäer sich vor dem Essen die Hände waschen und das auch von anderen erwarten. Das Problem ist, dass sie ihre Hände waschen, aber nicht ihr Herz. Sie sind Heuchler, weil sie sich um äußere Dinge kümmern, aber das Entscheidende nicht tun. Er vergleicht sie mit dem, was Jesaja schon beklagt hat: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“ Was bringen die noch so perfekt eingehaltenen äußeren Handlungen ohne entsprechende innere Haltung? Ganz wichtig: Jesus will nicht irgendwelche Gebote entkräften, zumindest nicht die göttlichen! Er kritisiert zurecht das von den Pharisäern errichtete menschliche Konstrukt um die göttlichen Gebote herum. Diese menschlich herbeigeführte Verkomplizierung führt vom wesentlichen Kern und von der ursprünglichen Absicht der Gebote Gottes weg. So greift Jesus als Beispiel das vierte Gebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ auf und stellt heraus, wie die Pharisäer dieses Gebot durch eigene Gesetze entkräften. In diesem Fall würden sie z.B. ihren ganzen Besitz Gott weihen, was auf Hebräisch Korban heißt. Damit hätten sie dann einen Vorwand, ihre Eltern nicht mehr zu unterstützen, denn das dafür benötigte Geld etc. ist ja schon Gott geweiht worden. Auf diese Weise würden die Pharisäer das vierte Gebot entkräften, weil sie die Juden zur Umgehung des vierten Gebots provozieren würden. Jesus sagt nicht, dass Gebote überflüssig sind. Das wird aus solchen Episoden gerne geschlossen. Er sagt vielmehr, dass Gottes Gebote höchste Priorität haben und kein Mensch sie antasten kann. Anhand des Beispiels der Korban-Regelung möchte Jesus verdeutlichen, dass der pharisäische Umgang mit Geboten ihr von Gott weit entferntes Herz offenbart.
An anderer Stelle drückt Jesus es so aus: „21 Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Mt 7,21). Die Pharisäer sind gut darin, ganz besonders laut und fromm „Herr, Herr“ zu sagen. Und die Sache an sich ist nicht falsch. Was Jesus möchte, ist aber die Kongruenz, die Deckungsgleichheit von innen und außen, von Lippen und Herz. Er selbst hat sich ja auch unter das Gesetz gestellt. Er hat auch gesagt, dass er von der Torah nichts ändern möchte. Im Falle der Korban-Regelung gilt dasselbe: Nicht jedes Weihegebet ist jetzt verwerflich und er möchte natürlich nicht damit sagen, dass man seinen Besitz jetzt nicht mehr Gott weihen soll. Sonst hätte er im Nachhinein auch das Weihegebet Salomos aus der heutigen Lesung verworfen. Er möchte vermeiden, dass wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Stattdessen sollen wir uns darauf besinnen, dass die Gebote Gottes Priorität Nummer eins haben. Wir sollen diese mit der rechten Absicht halten, also aus Liebe zu Gott und unserem Nächsten. Wenn wir aber Liebe haben, dann werden wir nicht unseren Besitz Gott weihen aus habgierigen Gründen, damit wir uns vor der Verantwortung für die Eltern drücken können. Dann werden wir gerade aus Liebe für unsere Eltern da sein und sie auch mit den nötigen Mitteln unterstützen. Gott weihen kann und muss man gerade deshalb alles. Man gibt ihm dankbar zurück, was man von ihm bekommen hat. Das wäre die richtige Handhabung in diesem Beispiel.

Wenn wir über Liturgie, über Frömmigkeitsformen etc. nachdenken, müssen wir uns das auch immer fragen: Wollen wir alles korrekt haben, weil wir Gott lieben? Dann ist unser Bestreben gut und richtig. Wollen wir es um der Liturgie selbst willen? Dann müssen wir uns fragen: Wer ist größer: Gott oder die Liturgie? Wollen wir es um unserer Selbst willen? Um uns selbst besser darzustellen als diejenigen, die nicht alles richtig machen bei äußerlich sichtbaren Handlungen? Preisen wir Gott laut „Herr, Herr“ und leben im Alltag dennoch genauso weltlich wie jene, die wir für die schlechteren Anbeter halten? Was bringt dann unser lautes „Herr, Herr“, wenn wir nicht mal den Willen des Vaters tun?

Wir sind auf dem Weg in die Fastenzeit. Ich lade uns alle dazu ein, den Weg in die Deckungsgleichheit von Lippen und Herz einzuschlagen, damit wir zu jenen Menschen werden, die Gott gedacht hat und die er selig machen möchte. Ich lade dazu ein, unser ganzes Bestreben wirklich auf die Liebe zu Gott und zu dem Nächsten auszurichten und bei allem wirklich nur Gott die Ehre zu geben. Ich bin sicher, dass Sie das alle schon tun. Und doch können wir uns immer noch verbessern. Erbitten wir dazu die Gnade Gottes, die uns dabei hilft, immer mehr zu Abbildern Gottes zu werden.

Ihre Magstrauss

Montag der 5. Woche im Jahreskreis

1 Kön 8,1-7.9-13; Ps 132,6-7.8-9.10 u. 13; Mk 6,53-56

1 Kön 8
1 Damals versammelte Salomo die Ältesten Israels, alle Stammesführer und die Häupter der israelitischen Großfamilien bei sich in Jerusalem, um die Bundeslade des HERRN aus der Stadt Davids, das ist Zion, heraufzuholen. 

2 Am Fest im Monat Etanim, das ist der siebte Monat, kamen alle Männer Israels bei König Salomo zusammen. 
3 Alle Ältesten Israels kamen und die Priester nahmen die Lade 
4 und brachten sie zugleich mit dem Offenbarungszelt und den heiligen Geräten, die im Zelt waren, hinauf. Die Priester und die Leviten übernahmen den Trägerdienst. 
5 König Salomo aber und die ganze Gemeinde Israels, die bei ihm vor der Lade versammelt war, schlachteten Schafe und Rinder, die man wegen ihrer Menge nicht zählen und nicht berechnen konnte. 
6 Darauf stellten die Priester die Bundeslade des HERRN an ihren Platz, an den hochheiligen Ort des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Kerubim. 
7 Denn die Kerubim breiteten ihre Flügel über den Ort, wo die Lade stand, und bedeckten sie und ihre Stangen von oben her. 
9 In der Lade befanden sich nur die zwei steinernen Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit den Israeliten beim Auszug aus Ägypten geschlossen hatte. 
10 Als dann die Priester aus dem Heiligtum traten, erfüllte die Wolke das Haus des HERRN. 
11 Sie konnten wegen der Wolke ihren Dienst nicht verrichten; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus des HERRN. 
12 Damals sagte Salomo: Der HERR hat gesagt, er werde im Wolkendunkel wohnen. 
13 Erbaut habe ich ein fürstliches Haus für dich, eine Wohnstätte für ewige Zeiten.

Seit der Bitte um Weisheit in 1 Kön 3 sind viele Kapitel vergangen. Wir hören heute erst wieder aus Kapitel 8. In der Zwischenzeit hat sich z.B. die Weisheit Salomos in der berühmten Situation der zwei Frauen gezeigt, die beide behaupteten, die Mutter desselben Kindes zu sein. Es wird von seiner Innenpolitik und dem dauerhaften Frieden berichtet, von dem Reichtum des gesamten Reiches und der Herrschaft über alle Könige. Wir lesen auch davon, dass Salomos Weisheit die der Weisen Ägyptens und des Ostens übertrifft und er viele Sprüche und Lieder verfasst hat. Dann schließlich werden die Vorbereitungen zum Tempelbau geschildert, z.B. die Beschaffung von Holz aus Sidon. Daraufhin wird der Tempel innerhalb von sieben Jahren errichtet. Im Anschluss baut Salomo 13 Jahre lang an seinem Palast. Als alles fertiggestellt ist, bringt er die Weihegaben seines Vaters David in den Tempel und füllt die Schatzkammern mit den heiligen Geräten. Die Bauarbeiten werden sehr ausführlich geschildert, weshalb die Auslassung dieser Kapitel nachvollziehbar ist.
Heute hören wir nun davon, wie die Bundeslade, das heißt das Allerheiligste zum Tempel gebracht wird. Der Tempel wird erst durch sie zur Wohnstatt Gottes.
Es versammeln sich zu diesem Anlass die Ältesten Israels, die Stammesführer und die Häupter der Großfamilien. Es wird hier so geschildert wie ein liturgischer Rahmen, in den dieses Ereignis eingebettet ist. Das sehen wir daran, dass sich die Repräsentanten des Volkes versammeln und viele Opfer darbringen.
Die Priester und Leviten sind dabei die Träger der Bundeslade und stellen sie ihm Allerheiligsten des Tempels ab. In der Lade befinden sich „nur“ die Steintafeln mit den Geboten Gottes. Dieses „nur“ deutet an, dass später noch Manna und auch der Aaronstab dort hineingelegt werden.
Dann passiert etwas, das auch uns heute zu denken gibt: Gottes Herrlichkeit legt sich in Form einer Wolke auf den Tempel nieder. Die Priester und Leviten können nicht einmal mehr hinein, um ihre kultischen Dienste zu vollziehen.
Die Heiligkeit des Gottesortes wird nicht dadurch erzielt, dass Menschen ihn heiligen. Gott selbst ist es, der einen Ort heilig macht. Zuerst kommt Gottes Herrlichkeit, dann erst unser menschliches Bemühen, dieser Herrlichkeit liturgisch gerecht zu werden. Wann zudem Kult ausgeübt werden soll, hängt von Gott ab, der dies vorgibt. Wenn er mit seiner dunklen Wolke den Ort erfüllt, sodass keiner ihn betreten kann, signalisiert es dies zum Beispiel.
Für die Kirche ist es eine wichtige Lektion. Heutzutage gibt es viel Aktivismus in der Kirche und insgesamt denken viele Gemeinden sehr menschlich. Nicht sie bestimmen Liturgie, sondern Gott. Er ist es, der die Vorgaben macht und die Menschen können nur ihr bestes geben, seiner Heiligkeit gerecht zu werden durch eine angemessene Liturgie. Die Heiligkeit des Ortes hängt aber nicht von den Menschen ab, sondern von Gott, dessen Gegenwart die Kirche erfüllt – im Allerheiligsten, das nun eucharistisch ist.

Ps 132
 6 Siehe, wir hörten von seiner Lade in Efrata, fanden sie im Gefilde von Jáar. 

7 Lasst uns hingehen zu seiner Wohnung, uns niederwerfen am Schemel seiner Füße! 
8 Steh auf, HERR, zum Ort deiner Ruhe, du und deine machtvolle Lade! 
9 Deine Priester sollen sich in Gerechtigkeit kleiden und deine Frommen sollen jubeln. 
10 Um Davids willen, deines Knechts, weise nicht ab das Angesicht deines Gesalbten! 
13 Denn der HERR hat den Zion erwählt, ihn begehrt zu seinem Wohnsitz:

Heute beten wir im Anschluss an die Lesung einen Wallfahrtspsalm, der auf die Gegenwart Gottes im Tempel Bezug nimmt.
Die beiden Stichpunkte „Efrata“ und „Jaar“ deuten auf den Ort Kirjat-Jearim bzw. Baala hin, wo die Bundeslade vor der Überführung nach Jerusalem stand. König David hat sie laut 2 Sam 6 damals nach Jerusalem gebracht, wobei es einen Zwischenstopp geben musste. Ihre Heiligkeit ist so groß, dass als einer der Träger sie aus Versehen berührte, gestorben ist. Und diese Bundeslade ist auch der Grund, warum sich in der Lesung die Herrlichkeit Gottes als Wolke auf den Tempel gelegt hat. Es ist nicht die Lade selbst, sondern ihr Inhalt – das Wort Gottes, das Gott selbst in die Steintafeln vom Sinai geschrieben hat.
Der Wallfahrtscharakter des Psalms entsteht durch die Aufforderung zum Gehen „zu seiner Wohnung“. Die Wohnung Gottes ist dabei eine gängige Bezeichnung für den Tempel in Jerusalem. Dass Gott wirklich in diese Wohnung eingezogen ist, wurde ja durch diese den Israeliten bereits bekannte Theophanie der Wolke signalisiert.
Das Niederwerfen zeigt, dass das Ziehen zum Tempel auf die Anbetung Gottes abzielt. Der „Schemel seiner Füße“ ist dabei natürlich metaphorisch zu verstehen, denn Gott hat keine Füße. Was dadurch aber ausgedrückt wird, ist nicht einmal die Spitze des Eisbergs. Gottes Herrlichkeit kann kein Tempel der Welt vollständig fassen, sondern es ist lediglich ein Funke, den wir in seiner Wohnung sehen. All die noch so sakrale und würdige, angemessene Liturgie bringt die Anbeter höchstens an den Fußschemel des göttlichen Throns. Die Kirchenväter haben es für die Kirche so ausgedrückt, dass der Kult des Alten Israel ein Schatten der himmlischen Liturgie sei, die Liturgie der Kirche dagegen ein Bild. So kann selbst im Neuen Bund, der das Fleisch und das Blut des menschgewordenen Gottes umfasst, nicht mehr nur zwei Steintafeln, der himmlische Kult allenfalls erahnt werden.
Im Folgenden fordert der Beter Gott auf, Wohnung im Tempel zu nehmen. Dabei setzt der Psalm voraus, dass seine Herrlichkeit mit der Bundeslade zusammenhängt („du und deine machtvolle Lade“). Dies ist geschehen, als die Bundeslade von Kirjat-Jearim letztendlich nach Jerusalem ins Offenbarungszelt gekommen ist. Dies geschieht heute auch, als Salomo für Gott schließlich einen festen Tempel gebaut hat.
Die „Priester“ und „Frommen“ deuten an, wer den Tempel frequentiert: Die Diener des Kultes und die Gläubigen, die zu den großen Festen und sonstigen Anlässen in den Tempel zum Opfern kommen. Das Gewand der Priester soll dabei die Gerechtigkeit sein. An ihnen soll man die Heiligkeit Gottes erkennen. Sie sollen mit ihrem ganzen Dasein Gott gehorchen und seinen Willen tun. Diese Gedanken können wir durchaus auf unsere heutigen Priester übertragen, auch wenn sich ihr Weihepriestertum nicht vom Priestertum Aarons, sondern Melchisedeks ableitet. Wer wenn nicht sie soll in die Gerechtigkeit Gottes gekleidet sein!
Das „Angesicht des Gesalbten“ kann man unterschiedlich deuten. Wörtlich-historisch kann man es auf den aktuellen König Salomo beziehen, dem Gott aufgrund seines Vaters David wohlgesinnt sein soll. Wir lesen es aber auch schon messianisch, sodass das Antlitz des Gesalbten auf Jesus zu beziehen ist. Wir lesen den Vers dann so: „Um Davids willen, deines Knechts, weise nicht ab das Angesicht Christi.“ Jesus ist der Sohn Davids und so ist eine heilsgeschichtliche Verbindung zwischen beiden geschaffen. Wir beten auch für jeden von uns, die wir durch Taufe und Firmung gesalbt sind.
Auch der nächste Vers ist dahingehend mehrfach zu deuten: Denn Gott hat sich den Zion als Wohnstätte ausgesucht. Das ist wörtlich auf den Zionsberg zu beziehen, auf dem die Stadt Jerusalem erbaut ist. Es meint aber darüber hinaus die Person, in der Gott als Mensch Wohnung beziehen wird – Maria. Sie ist das Zion, die heilige Stadt, und sie ist der Tempel, auf den sich die Herrlichkeit Gottes legt. Der Geist Gottes zeugt in ihr den Sohn Gottes und so nimmt Gott selbst Wohnung in ihr wie im Tempel. Sie ist die Bundeslade, in der das Wort Gottes nun nicht mehr durch zwei Steintafeln in sie hineingelegt wird, sondern als das fleischgewordene Wort Gottes! Und damit legt sie archetypisch den Grund für die Kirche, die all das ist. Die Kirche hat Gott sich ausgesucht, gebaut, gestiftet. Er hat sie sich erwählt und sie deshalb zu seiner Wohnung gemacht. In jeder katholischen Kirche, die Sie betreten, sehen Sie das ewige Licht und den Tabernakel. In ihm wird der Leib Christi aufbewahrt. Es ist Gott selbst, der in jeder Kirche wohnt und deshalb ist es ein heiliger Ort. Gott hat auch jeden einzelnen Menschen erwählt zu seiner Wohnstatt. Er möchte in der Seele jedes Menschen wohnen. Dabei zieht er nur dann ein, wenn wir ihm den Tempel unserer Seele auch zur Verfügung stellen so wie Salomo, der sieben Jahre daran gebaut hat. Wenn wir in Gerechtigkeit gekleidet durch dieses Leben gegangen sind und ihm die Ehre gegeben haben, werden wir am Ende die letzte und endgültige Wallfahrt unternehmen zum himmlischen Zion.

Mk 6
53 Sie fuhren auf das Ufer zu, kamen nach Gennesaret und legten dort an. 

54 Als sie aus dem Boot stiegen, erkannte man ihn sogleich. 
55 Die Menschen eilten durch die ganze Gegend und brachten die Kranken auf Liegen zu ihm, sobald sie hörten, wo er war. 
56 Und immer, wenn er in ein Dorf oder eine Stadt oder zu einem Gehöft kam, trug man die Kranken auf die Straße hinaus und bat ihn, er möge sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren lassen. Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt.

Heute hören wir von weiteren Heilungen Jesu. Wo auch immer er hinkommt, bleibt die Gnade Gottes nicht tatenlos. Die Menschen strömen in Scharen zu ihm und bringen voller Glauben die Kranken zu ihm. Dieser große Glaube wird z.B. daran deutlich, dass die Kranken wenigstens den Saum seines Gewandes berühren möchten und sich schon davon Heilung versprechen. Weil Gott diesen großen Glauben bei den Menschen sieht, werden sie geheilt.
Diese Geheilten und ihre Begleiter sind von ihrer Einstellung her mit dem Gelähmten zu vergleichen, der durch ein abgedecktes Dach zu Jesus hinabgelassen wird. Die Menschen unternehmen alles ihnen Mögliche, um Jesus zu begegnen. Sie tun es nicht aus Sensationsgier, Neugier oder sonstigen unreinen Absichten, sondern weil sie ganz darauf vertrauen, dass Gott sie heilen kann.
Diese Episode des Evangeliums erinnert uns an den Transport der Bundeslade durch die Straßen hindurch zum Tempel in Jerusalem. Auch sie ist durch die Straßen getragen worden. Während ihre Begleiter die Priester und Leviten darstellen, sind es in Jesu Fall seines Jünger. Während in der Bundeslade das Wort Gottes in Buchstabenform durch die Straßen getragen wird, ist es hier das Wort Gottes in Menschenform, das durch die Straßen geht. Wir lesen dieses Evangelium eucharistisch und fühlen uns an Fronleichnam erinnert. Dort wird das Wort Gottes in Form des Leibes Christi durch die Straßen getragen. Und auch heutzutage möchte Jesus die Menschen heilen, die ihm so einen großen Glauben entgegenbringen wie die Kranken im Evangelium. Er möchte so wie damals zuerst unsere Seele heilen und reinigen. Und unseren großen Glauben bekunden wir dadurch, dass wir sagen: Nicht den Saum des Gewandes zu berühren reicht aus, sondern die Hostie in uns aufzunehmen, in der Jesu Gegenwart verborgen ist. Wir sehen ihn nicht mit unseren Augen (in Ausnahmefällen dann doch, siehe die eucharistischen Wunder…) und doch glauben wir, dass er genauso durch die Straßen zieht wie damals, als er in Menschengestalt unter uns gelebt hat.
Und wenn Jesus auf dem Weg zu unserem inneren Tempel ist, halten auch wir ihm die kranken Seiten unseres Lebens hin, damit er sie heile, ob es die Verwundungen unserer Seele sind, unsere Schwächen, durch die wir ständig in dieselben Sünden fallen oder ober es die Bereiche unseres Lebens sind, in denen wir Gott noch nicht den ersten Platz geben, in denen wir ihn vielleicht gar nicht erst hineinlassen. So werden auch wir ganz heil und ganz zu seiner Wohnung.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 3. Woche im Jahreskreis

2 Sam 6,12b-15.17-19; Ps 24,7-8.9-10; Mk 3, 31-35

Liebe Freunde, heute ist der Gedenktag des Hl. Thomas von Aquin. Die Lesungen des Tages, die wir heute betrachten, sind absolut passend zu ihm: Er war ein großer eucharistischer Denker und ihm haben wir die großen eucharistischen Gesänge zu verdanken, die bei der Anbetung und während der Fronleichnamsprozession gesungen werden. Eine typologische Brücke zu Fronleichnam schlagen wir dabei zurück zu König David. Lesen Sie selbst:

2 Sam 6
12 Als man König David berichtete: Der HERR hat das Haus Obed-Edoms und alles, was ihm gehört, um der Lade Gottes willen gesegnet, da ging David hin und brachte die Lade Gottes voll Freude aus dem Haus Obed-Edoms in die Davidstadt hinauf. 
13 Sobald die Träger der Lade des HERRN sechs Schritte gegangen waren, opferte er einen Stier und ein Mastkalb. 
14 Und David tanzte mit ganzer Hingabe vor dem HERRN her und trug dabei das leinene Efod. 
15 So brachten David und das ganze Haus Israel die Lade des HERRN unter Jubelschall und unter dem Klang des Widderhorns hinauf. 
17 Man trug die Lade des HERRN in das Zelt, das David für sie aufgestellt hatte, und setzte sie an ihren Platz in der Mitte des Zeltes und David brachte dem HERRN Brandopfer und Heilsopfer dar. 
18 Als David mit dem Darbringen der Brandopfer und Heilsopfer fertig war, segnete er das Volk im Namen des HERRN der Heerscharen 
19 und ließ an das ganze Volk, an alle Israeliten, Männer und Frauen, je einen Laib Brot, einen Dattelkuchen und einen Traubenkuchen austeilen. Dann gingen alle wieder nach Hause.

Um die heutige Lesung verstehen zu können, muss man die Vorgeschichte ein wenig zusammenfassen: Die Bundeslade war zunächst noch bei Abinadab in Baala. Von dort aus möchte David die Bundeslade zu sich nach Jerusalem holen. Dann passiert es aber, dass die Rinder ausbrechen, die den Wagen mit der Bundeslade ziehen. Usa, einer der beiden Söhne Abinadabs, der den Wagen lenkt, berührt dabei die Bundeslade, um sie vor dem Umkippen zu bewahren. Dabei stirbt er aber. Es soll nämlich kein Mensch die Bundeslade berühren. David bekommt es mit der Angst zu tun und sagt: „Wie soll die Lade des HERRN jemals zu mir kommen?“ Er lässt sie deshalb für drei Monate bei Obed-Edom in Gat zurück, dessen Haus wegen der Gegenwart Gottes gesegnet wird.
Die heutige Lesung setzt dort nun an: David hört von dem Segen, den Gott dem Haus Obed-Edoms schenkt, und holt voller Freude die Bundeslade zu sich nach Jerusalem. Und bei diesem Ereignis sehen wir den Gottesfrommen in voller Aktion. Es gibt Opferdarbringungen und einen ausgiebigen Lobpreis. David tanzt. Das ist so wunderbar zu lesen. Er tanzt voller kindlicher Freude vor der Bundeslade und trägt dabei ein leinenes Efod. Wie muss man das verstehen, da er ja kein Levit ist und ein Efod normalerweise die Priesterkleidung der Leviten darstellt? Es ist ein anders beschaffenes priesterliches Gewand, nämlich ein einfaches weißes. Dieses wird von priesterähnlichen Personen getragen, die nicht zum Stamm Aarons gehören. Neben David trägt auch Samuel als Kind so ein Gewand. Ich las einmal, dass es das Priestertum des Melchisedek repräsentiere. Damit haben wir wiederum einen starken Bezug zu Jesus, der Hohepriester nach der Ordnung des Melchisedek, nicht des aaronitischen Priestertums ist. Wir haben auch einen Bezug zum heutigen Priestertum, das ja in persona Christi ist und deshalb ebenfalls auf Melchisedek zurückgeht.
David vollzieht heute einen liturgischen Akt. Es ist ein Gottesdienst, der uns ein wenig an Fronleichnam erinnert. Die Gegenwart Gottes wird in die Stadt hineingetragen, durch die Straßen hindurch wird allen Menschen die Bundeslade offen gezeigt. Das ist eigentlich etwas Unerhörtes, denn die Lade soll im Allerheiligsten der Stiftshütte stehen und keiner darf sie betreten außer der Hohepriester am Versöhnungstag. Was wir heute also hören, ist ein Gnadenakt Gottes, der sich ausnahmsweise für alle sichtbar macht. An Fronleichnam tragen wir ebenfalls die Gegenwart Gottes durch die Straßen. Auch wir loben und preisen ihn dabei, auch die Priester, die die Monstranz tragen, sind in weiße Gewänder gekleidet.
Was wir heute lesen, hat auch einen typologischen Bezug zum NT: Dort wird der ungeborene Jesus hinausgetragen durch seine Mutter Maria. Bei der Begegnung mit Elisabet hüpft Johannes der Täufer so wie David vor der Bundeslade. So wie David sagt „wie soll die Lade des HERRN jemals zu mir kommen“, spricht Elisabet „wer bin ich, dass die Mutter des Herrn zu mir kommt?“ In beiden Fällen kommt die Bundeslade für drei Monate in ein Haus im Bergland von Judäa – die Bundeslade des Alten Bundes mit der Torah Gottes sowie die neue Bundeslade Maria, die nun die fleischgewordene Torah in sich trägt. David ist priesterlich gekleidet, Elisabet ist Levitin.
Die Lade wird in das Zelt gebracht, also in den Tempel, der noch in Zeltform existiert. Von nun an ist sie vor den Menschen verborgen, so wie es Gott angeordnet hat. Sie ist in die Mitte des Zeltes abgestellt worden, denn der Tempel ist konzentrisch angeordnet. Von außen nach innen verläuft im Zwiebelprinzip eine Steigerung der Räume in ihrer Heiligkeit. Je innerer/mittiger ein Raum desto weniger Menschen haben Zugang zu ihm.
David bringt Opfer dar, wobei wir uns fragen, wie das gemeint ist. Er selbst hat ja keine Befugnis, die Opfer darzubringen. Also ist es eher so zu verstehen, dass David die Opfer „in Auftrag“ gibt und die Darbringung selbst von den zuständigen Priestern vorgenommen wird.
Was er aber darf und tut ist die Segnung des Volkes im Namen Gottes. Warum ist er befugt? Er ist ein Gesalbter. Gott hat ihn mit den Gnadengaben des Hl. Geistes ausgestattet, sodass er die Gnade Gottes auf besondere Weise auf die Menschen herabrufen kann.
Diese wunderbare Lesung wird noch spannender. Nachdem alle gesegnet worden sind, wird an die Anwesenden jeweils ein Laib Brot und zwei Kuchen ausgeteilt, bevor sie nach Hause gehen. Das ist ein richtiger Typos für die Eucharistie! Dabei spielt es keine Rolle, dass es kein geweihtes Brot im Sinne der Schaubrote ist. Dies wird zumindest nicht explizit gesagt. Die eucharistische Typologie ensteht auch dadurch, dass nach dem Austeilen der Nahrung die Menschen nach Hause gehen. In der Hl. Messe wird die Kommunion auch zum Ende hin empfangen und kurz danach werden die Menschen „hinaus gesandt“. Es heißt am Ende der Liturgie nämlich ite, missa est – „geht, es ist eine Sendung.“ (im Deutschen leider verdunkelt durch die Formulierung „gehet hin in Frieden – dank sei Gott dem Herrn“). Wir werden wie die Aposteln in die Welt hinausgesandt, um das Evangelium zu den anderen Menschen zu tragen. Die Gegenwart Christi, die Einzug in unsere Herzen gehalten hat, soll zu allen Menschen gebracht werden. Sie endet nicht an der Kirchentür. Es ist wie mit Maria, die den Leib Christi „in die Welt“ hinausträgt.

Ps 24
7 Ihr Tore, hebt eure Häupter, hebt euch, ihr uralten Pforten, denn es kommt der König der Herrlichkeit! 
8 Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Der HERR, stark und gewaltig, der HERR, im Kampf gewaltig. 
9 Ihr Tore, hebt eure Häupter, hebt euch, ihr uralten Pforten, denn es kommt der König der Herrlichkeit! 
10 Wer ist er, dieser König der Herrlichkeit?/ Der HERR der Heerscharen: Er ist der König der Herrlichkeit.

Psalm 24 ist ein ganz liturgischer Psalm. Er passt wunderbar zu dem heute beschriebenen Ereignis im zweiten Samuelbuch. Gerade die heutigen Verse stellen die Grundlage dar für viele adventliche Gesänge, so z.B. das Lied „Macht hoch die Tür“. Er ist adventlich und deshalb auch aktuell für uns, die wir heute in einem zweiten Advent stehen.
Die Tore sollen sich heben, gemeint sind in Bezug auf das zweite Samuelbuch und auf den ursprünglichen Anlass des Psalms die Tore der Stadt Jerusalem. Durch die Tore hindurch kommt nämlich der „König der Herrlichkeit“. Damit ist NICHT David gemeint. Er ist der irdische König, den Gott sich ausersehen hat. Aber der wahre König – und das sieht David absolut genauso, deshalb formuliert er diesen Psalm so – ist Gott selbst. Deshalb gab es so lange ja keinen irdischen König. Wir hörten davon in der letzten Woche. ER ist der König der Herrlichkeit. David sagt es in Vers 8 noch einmal explizit: „Wer ist dieser König der Herrlichkeit? Der HERR, stark und gewaltig…“.
Er wiederholt es noch einmal „ihr Tore, hebt eure Häupter“. Die Wiederholung in den Versen 9 und 10 ist bewusst gesetzt. Wir sollen es uns einprägen. Denn dieser Psalm, diese Worte sind auch für uns heute! Als Kirche beten wir „König ist Christus.“ Er ist der Herrscher, er ist die Mitte. Die Tore, die wir heben, sind nicht nur die Kirchentüren, das heißt die Einladung zur Hl. Messe, sondern vor allem die Türen unseres Herzens. Wir werden aufgerufen, unsere Herzen zu öffnen für das Kommen des Herrn in unsere Seele hinein. Und dies gilt nicht nur für den Moment der Liturgie, dies soll für unser ganzes Leben gelten. Heben wir die Tore unserer gesamten Existenz, damit der Herr Einzug halten kann in jeden Bereich unseres Lebens. Öffnen wir uns dafür, dass der Herr unser Verhalten in jeder Lebenslage bestimmt, dass er ganz und gar gegenwärtig ist, in jeder Begegnung, in der Erfüllung unserer alltäglichen Pflichten, in unseren Familien und besonders in unseren Notlagen.

Mk 3
31 Da kamen seine Mutter und seine Brüder; sie blieben draußen stehen und ließen ihn herausrufen. 
32 Es saßen viele Leute um ihn herum und man sagte zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen dich. 
33 Er erwiderte: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder?
34 Und er blickte auf die Menschen, die im Kreis um ihn herumsaßen, und sagte: Das hier sind meine Mutter und meine Brüder. 
35 Wer den Willen Gottes tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.

Im Evangelium hören wir heute von der geistlichen Familie. Es ist so, dass Jesus sich wie so oft in einem Haus aufhält und lehrt. Dieser Ort muss mal wieder überfüllt sein, denn Jesu Mutter und „Geschwister“ stehen draußen und suchen Jesus. Die Suche ist entweder darauf zu beziehen, dass die Menschenmasse einen Überblick verunmöglicht, oder es ist ein Aufsuchen Jesu. Im griechischen Text steht das Wort ἀδελφός, das unter anderem den direkten Bruder meint. Wir befinden uns im orientalischen Kontext, wo mit „Bruder“ alle möglichen Personen bezeichnet werden, auch Cousins oder entferntere Verwandte. Die Perspektive von „Familie“ ist weitergefasst als unsere heutige. Im Hebräischen und auch im Griechischen gibt es zu jener Zeit auch nur einen Begriff für männliche Verwandte, ob Bruder oder Cousin. Diese „Brüder“, von denen wir hier lesen, werden an anderer Stelle namentlich erwähnt. An wiederum anderer Stelle werden aber auch deren Eltern genannt und die Mutter ist eben NICHT Maria, die Mutter Jesu, sondern die andere Maria, die Frau des Kleopas. Wahrscheinlich sind es Jesu Cousins (mindestens zweiten Grades!). Maria ist immerwährende Jungfrau, so glaubt es die Kirche. Sie hat nur diesen einen Sohn zur Welt gebracht und auf eine andere Art und Weise als sonst gewöhnlich. Ihre biologische Jungfräulichkeit ist auch durch die Geburt nicht genommen worden.
Es geht also um die Großfamilie Jesu hier im Evangelium. Sie sucht Jesus auf und er serviert sie nicht ab. Dies können wir aus der heutigen Schriftstelle nur dann schließen, wenn wir oberflächlich lesen. Es geht Jesus um mehr. Er nimmt ihre Anwesenheit zum Anlass, etwas zu erklären, nämlich die geistliche Familie, die die Kirche ist. Alle, die den Willen Gottes tun, sind Geschwister, nämlich im Glauben. Und darin sind sie viel mehr zusammengeschweißt als die biologische Zusammengehörigkeit. Das muss Jesus den anwesenden Juden ganz behutsam beibringen, denn es ist keineswegs selbstverständlich. Für die Juden ist die Biologie alles. Als Jude wird man geboren. Zum Judentum gehörig ist der Beschnittene am Körper. Für die Anwesenden ist es also eine ganz große Herausforderung über ihren „jüdischen Tellerrand“ hinauszuschauen.
Jesus kann es sich erlauben, diese Dinge zu sagen. Er weiß, dass seine Mutter ihn versteht. Er weiß, dass sie nicht beleidigt reagieren wird, wenn er die anwesenden Menschen, die gekommen sind, den Willen Gottes zu erfahren, als seine Familie, sogar als seine Mutter bezeichnet. Wer, wenn nicht Maria wird dies alles schon sehr früh gelernt haben! Sie ist durch ein Gelübde „unfruchtbar“ und ist doch Mutter geworden. Schon von Kindheit auf ist Jesus einerseits den Eltern gehorsam, andererseits lehrt er seine Eltern als Gott. Sie sind nicht nur seine Eltern, sie sind auch seine Schüler, seine Kinder im Glauben. Jesus ist Marias Rabbi und Maria ist eine erste und beste Jüngerin. Sie wird ihm im heutigen Evangelium also absolut Recht gegeben haben. Wir wissen nicht, wie es ausgegangen ist. Vielleicht ist er danach hinausgegangen oder hat seine biologische Familie hinzugeholt. Denn was Jesus im Laufe seiner Verkündigung immer wieder vorlebt, ist die perfekte Kombination von biologischer und geistlicher Familie: Er ehrt in allem seine Mutter und ist zugleich mit ihr als geistliche Familie vereint. In ihrer Beziehung sehen wir, wie es bei uns der Idealfall sein kann: Unsere Familien sollen nicht nur biologischen, sondern gleichzeitig einen geistlichen Zusammenhang bilden. Dann haben wir einen Vorgeschmack des Himmels auf Erden. Wie schön ist es, wenn Geschwister gut miteinander auskommen, zugleich aber auch im Glauben zusammen wachsen, sich über Gott unterhalten und zusammen bzw. füreinander beten! Leider sehen wir oft, dass Geschwister überhaupt nicht gut miteinander auskommen, biologisch zwar verwandt, doch innerlich Fremde sind. Gleichzeitig haben wir Freunde, die mit uns den Glauben teilen und denen wir deshalb viel näher stehen. Die geistliche Familie ist eine viel stärkere Bindung als die Blutsverbindung. In diesem Fall greift das Sprichwort nicht: „Blut ist dicker als Wasser.“ Denn in diesem Fall ist das Wasser dicker als das Blut, nämlich das lebendige Wasser, das der Hl. Geist ist, aus dem wir neugeboren sind in der Taufe!
Die ersten Christen haben diese geistliche Familie gelebt, indem sie einander als Brüder und Schwestern bezeichnet haben. Wir lesen dies immer wieder in den Briefen des Neuen Testaments. Dies verändert auch unser Verhalten heute, wenn wir uns immer bewusst sind, dass alle Getauften unsere Geschwister im Glauben sind. Dann werden wir die Verantwortung für sie spüren (vor allem für ihr Seelenheil). Wir werden sie dann nicht mehr schlecht behandeln, sondern werden ihnen mit einer geschwisterlichen Liebe begegnen, einer hingebenden und aufopfernden Liebe.

Während bei David die Einheit der Menschen durch das Königtum Gottes gekennzeichnet wird, geht es hier um die Einheit der Familie. Beide Bilder sind uns gestern begegnet, als Jesus über die Gespaltenheit des Teufels spricht, der deshalb keinen Bestand hat. Wenn ein Reich und eine Familie Einheit hat, so der Umkehrschluss, dann haben beide Bestand. Die Einheit wird durch Gott selbst garantiert, der uns die Frucht des Hl. Geistes schenkt. Durch seine Gnade bleiben wir eins und überwinden die temporären Spaltungen, die durch die Versuchung und die Nachstellungen des Teufels verursacht werden. Einheit kann nur Gott schaffen. Wo der Mensch es selbst probiert, entsteht nur noch mehr Spaltung.

Ihre Magstrauss