Freitag der 6. Osterwoche

Apg 18,9-18; Ps 47,2-3.4-5.6-7; Joh 16,20-23a

Apg 18
9 Der Herr aber sagte nachts in einer Vision zu Paulus: Fürchte dich nicht! Rede nur, schweige nicht!
10 Denn ich bin mit dir, niemand wird dir etwas antun. Viel Volk nämlich gehört mir in dieser Stadt.
11 So blieb Paulus ein Jahr und sechs Monate und lehrte bei ihnen das Wort Gottes.
12 Als aber Gallio Prokonsul von Achaia war, traten die Juden einmütig gegen Paulus auf, brachten ihn vor den Richterstuhl
13 und sagten: Dieser verführt die Menschen zu einer Gottesverehrung, die gegen das Gesetz verstößt.

14 Als Paulus etwas erwidern wollte, sagte Gallio zu den Juden: Läge hier ein Vergehen oder Verbrechen vor, ihr Juden, so würde ich eure Klage ordnungsgemäß behandeln.
15 Streitet ihr jedoch über Lehre und Namen und euer Gesetz, dann seht selber zu! Darüber will ich nicht Richter sein.
16 Und er wies sie vom Richterstuhl weg.
17 Da ergriffen alle den Synagogenvorsteher Sosthenes und verprügelten ihn vor dem Richterstuhl. Gallio aber kümmerte sich nicht darum.
18 Paulus blieb noch längere Zeit. Dann verabschiedete er sich von den Brüdern und segelte zusammen mit Priscilla und Aquila nach Syrien ab. In Kenchreä hatte er sich aufgrund eines Gelübdes den Kopf kahl scheren lassen.

Heute setzen wir die Bahnlesung der Apostelgeschichte sowie die der Abschiedsreden fort.
Zuletzt wurde uns von Paulus‘ Areopagrede in Athen berichtet und es endete damit, dass er nach Korinth ging. Im weiteren Verlauf lernte er das jüdische Ehepaar Aquila und Priscilla kennen, das durch das Claudius-Edikt von 49 n.Chr. aus Rom verbannt worden ist. Sie teilen mit Paulus denselben Beruf der Zeltmacherei und arbeiteten mit ihm, bis seine Gefährten aus Mazedonien nachgereist kamen. Auch in Korinth gab es Anfeindungen durch die ansässigen Juden, weshalb er zu den Heiden ging. Dennoch ist es sehr bemerkenswert, dass ausgerechnet der Synagogenvorsteher sich mit seinem Haus zum Christentum bekehrt hat.
Heute beginnt es damit, dass Gott ihm in nächtlicher Vision seinen Beistand zusagt. Es wird ihm noch einiges zustoßen und doch möchte ihm der Herr versichern, dass alles gut wird. Er spricht ihm diese Worte auch deshalb zu, weil er in Korinth so viele Widerstände erfahren hat. Gott nimmt uns meistens nicht das Leid in unserem Leben. Was er aber voller Bereitschaft tut, ist uns die Kraft zu geben, das Leiden anzunehmen und es zu tragen. Er sichert auch uns immer wieder die Bereitschaft zu, uns beizustehen. Gott gibt ihm auch zu verstehen, dass Pauli Verkündigung seinem Willen entspricht und keiner Paulus etwas antun wird.
Er sagt Paulus in dem Kontext auch, dass in der Stadt viele ihm gehören. Das heißt nicht, dass nur auserwählte Menschen Gott gehören und der Rest nicht. Im Griechischen heißt es διότι λαός ἐστίν μοι πολὺς ἐν τῇ πόλει ταύτῃ dioti laos estin moi polys en te polei taute – in dieser Stadt ist dem Herrn viel Volk. Laos ist der Begriff für das auserwählte Volk Israel, nun aber angewandt auf das neue Volk Gottes, das ihm gehört. Er kündigt Paulus also an, dass eine große Gemeinde in der Stadt entstehen wird.
Nach eineinhalb Jahren wendet sich das Blatt, denn als Gallio Prokonsul wird, klagen die korinther Juden Paulus bei ihm an. Der Vorwurf lautet „Gottesverehrung, die gegen das Gesetz verstößt. Das Stichwort νόμος nomos zeigt uns, dass es die Torah meint. Die Juden haben ein religiöse Problem mit Paulus. Doch Gallio reagiert unbeeindruckt, denn es liegt außerhalb seines Aufgabenbereichs. Für religiöse Angelegenheiten haben die Juden ihre eigene Torah. Er selbst kümmert sich um Verbrechen und römische Gesetzesbrüche. So weist er die Ankläger ab und Paulus bleibt unbeschadet. Doch aus Wut und Frust ergreifen die Juden Sosthenes, der für sie als Hochverräter gelten muss. Ausgerechnet er als Synagogenvorsteher hat sich ja mit seinem Haus zum Christentum bekehrt. So prügeln sie vor Gallio auf ihn ein, doch den Prokonsul lässt es kalt. Er sagte, dass er „echte“ Verbrechen ordnungsgemäß fahnde. Angesichts der Gewalt, die sich vor seinen Augen abspielt und gegen die er nichts unternimmt, scheint dies nicht ganz zu stimmen.
Paulus verlässt die Stadt nicht sofort, sondern bleibt noch ein wenig bei den korinther Christen, bevor er sich mit Aquila und Priscilla auf den Weg nach Syrien begibt.
Zum Schluss wird noch von einem Gelübde berichtet, bei dem er sich die Haare schert. Zumeist wird angenommen, dass damit das Nasiräergelübde gemeint ist, das dann in Kenchreä durch das Scheren der Haare beendet wird. Vielleicht wollte sich Paulus dadurch unter den besonderen Schutz Gottes stellen und auch den judäischen Gegnern bei der Durchreise über Jerusalem seine Gesetzestreue beweisen (man musste bei einem Nasiräat auch nach Jerusalem reisen). Dies ist aber nicht ganz sicher und dann hätte Paulus auch am Herrenmahl das Blut Christi nicht empfangen können (Nasiräer dürfen keinen Wein trinken). Welches Gelübde auch gemeint sei: Paulus handelt nie nach eigenem Gutdünken und auch nicht aus eigener Kraft. Er tut alles mit der Gnade Gottes. Vielleicht hat er das Gelübde auch abgelegt aus Dank für den Schutz und Beistand des Herrn während seiner Zeit in Korinth.

Ps 47
2 Ihr Völker alle, klatscht in die Hände; jauchzt Gott zu mit lautem Jubel!
3 Denn Furcht gebietend ist der HERR, der Höchste, ein großer König über die ganze Erde.
4 Er unterwerfe uns Völker und zwinge Nationen unter unsere Füße.
5 Er erwähle für uns unser Erbland, den Stolz Jakobs, den er lieb hat.
6 Gott stieg empor unter Jubel, der HERR beim Schall der Hörner.
7 Singt unserm Gott, ja singt ihm! Singt unserm König, singt ihm!

Der Missionsabschnitt in Korinth ist sehr erfolgreich gewesen. Eine große Gemeinde ist daraus entstanden und Paulus ist unbeschadet wieder von dort abgereist. Dies ist für uns Anlass zum Lobpreis im Psalm.
Gott ist furchtgebietend. Das ist nicht dasselbe wie angsteinflößend. Es meint, dass sein Wirken in uns nur eine Reaktion von Ehrfurcht hervorrufen kann. Auch seine Erscheinung ist furchteinflößend, auch wenn wir ihn unverhüllt gar nicht sehen können, ohne zu sterben. Seine Manifestationen wie die Wolke oder der Rauch sind schon furchteinflößend, sodass zum Beispiel bei der Verklärung die drei anwesenden Jünger es mit der Angst zu tun bekommen, als sie von der Wolke Gottes umhüllt werden. Erst recht werden alle Menschen überwältigt werden, wenn Jesus am Jüngsten Tag mit dieser göttlichen Herrlichkeit wiederkehren wird…
Die Unterwerfung von Völkern und das Zwingen unter die Füße seiner Auserwählten ist zuvor wörtlich verstanden worden. Mit militärischer Gewalt und politischen Mitteln sind diese Dinge im Alten Israel umgesetzt worden. Sie sind nun aber viel mehr geistlich zu verstehen: Es geht um die Gewinnung von Christen für das Volk Gottes des Neuen Bundes. Dies soll nicht durch Gewalt geschehen, sondern durch Überzeugung. Es soll genauso wenig eine tyrannische Herrschaft sein wie der Herrschaftsauftrag der ersten Schöpfung. Dort meint die „Unterwerfung der Erde“ unter das erste Menschenpaar die Sorge um die ihnen anvertraute Schöpfung. Nun sind es die Apostel, die ersten Menschen der neuen Schöpfung nach dem Erstgeborenen Christus, die in liebender Fürsorge die neue Schöpfung versorgen sollen.
Auch das Erbland ist nicht mehr irdisch zu verstehen, sondern bezieht sich auf das Reich Gottes. In dieses gehen jene ein, die im Heiligen Geist neugeboren sind. Im Gegensatz zum irdischen Erbland ist genug Platz für jeden und kein bisher dort lebendes Land muss dem auserwählten Volk weichen.
„Gott stieg empor unter Jubel, der HERR beim Schall der Hörner.“ Dies ist heute ganz aktuell mit Christus gegeben, der in den Himmel aufgestiegen ist. Hörner und Jubel sind vielleicht nicht von den Jüngern betätigt worden, dafür aber können wir uns vorstellen, von welcher Freudenmusik begleitet der Menschensohn in die himmlische Heimat zurückgekehrt ist, aufgenommen in das Herz des Vaters!
„Singt unserm Gott, ja singt ihm! Singt unserm König, singt ihm!“ Auch hier wie in Vers 2 erklingt ein Lobpreisaufruf dessen, der der Allherrscher ist.
Psalm 47 beinhaltet Thronbesteigungsmotive, Elemente für die Krönungsfeier eines Herrschers. Mithilfe von Bildern des irdischen Königszeremoniells wird die kommende Herrschaft Gottes ausgedrückt. Es ist also absolut sinnvoll, diesen Psalm an Christi Himmelfahrt zu beten. Christus kommt wie bei einem Triumphzug der römischen Kaiser zurück in die Ewigkeit, als siegreicher Messias, der die Welt erlöst hat. Er wird begrüßt von den himmlischen Heerscharen und besteigt den Thron zur Rechten des Vaters. So können wir gut nachvollziehen, was Stephanus vor seinem Tod schauen durfte (Apg 7,56) und auch was Paulus meint, wenn er im Philipperhymnus betet: „Darum hat ihn Gott über alle anderen erhöht.“ (Phil 2,9).

Joh 16
20 Amen, amen, ich sage euch: Ihr werdet weinen und klagen, aber die Welt wird sich freuen; ihr werdet traurig sein, aber eure Trauer wird sich in Freude verwandeln.
21 Wenn die Frau gebären soll, hat sie Trauer, weil ihre Stunde gekommen ist; aber wenn sie das Kind geboren hat, denkt sie nicht mehr an ihre Not über der Freude, dass ein Mensch zur Welt gekommen ist.
22 So habt auch ihr jetzt Trauer, aber ich werde euch wiedersehen; dann wird euer Herz sich freuen und niemand nimmt euch eure Freude.
23 An jenem Tag werdet ihr mich nichts mehr fragen.

Im Evangelium hören wir einen weiteren Ausschnitt aus der dritten Abschiedsrede. Jesus macht weitere Andeutungen, dass die Apostel es um seines Namens willen schwer haben werden. Sie werden „weinen und klagen“. Hier werden eindeutig die schlimmen Christenverfolgungen angedeutet, die bis heute andauern. Wenn die Welt ihn schon gehasst hat, wird es seinen Jüngern nicht anders ergehen. In dieser Hinsicht ist auch zu verstehen, warum die Welt sich freuen wird: Dabei handelt es sich nämlich um die Schadenfreude. Diese ist aber nur von kurzer Dauer, denn die Trauer der Jünger wird sich in Freude umwandeln. Dies wird spätestens mit der Ewigkeit passieren, wo die Freude eine Frucht des Heiligen Geistes ist und den anhaltenden Zustand darstellen wird.
Diese Worte spricht Jesus kurz vor seinem Tod. Das bedeutet, dass die Trauer der Apostel zuallererst mit seinem Tod zu tun haben wird. Sie werden unter Schock stehen und traurig sein über Jesu Tod. Die Trauer wird nicht einmal 48 Stunden andauern und sich dann am Ostermorgen in Freude verwandeln. Die Schadenfreude der Welt (damit ist bei Johannes ja immer die gefallene Schöpfung gemeint) bezieht sich in dieser Lesart vor allem auf den Hohen Rat Jerusalems, der scheinbar triumphiert. Auch moralisch können wir diesen Vers verstehen, denn der Böse tut alles daran, uns von Gott wegzuziehen. Er ist es, der sich freut, wenn wir sündigen. Er redet uns dann ein, dass nichts mehr zu retten ist. Er will uns einreden, dass wir nach dem Fall liegenbleiben sollen. Seine Schadenfreude ist nur von kurzer Dauer (er ist schadenfroh, weil er uns von dem wegzieht, was ihm selbst weggenommen worden ist – das Himmelreich). Aber er hat die Rechnung ohne Gott gemacht, der uns im Sakrament der Versöhnung die Sünden vergeben und uns in den Stand der Gnade zurückversetzen kann! So wird unsere Trauer über unsere Sündhaftigkeit in Freude über die Versöhnung mit Gott umgewandelt.
Insbesondere die eschatologische Lesart wird uns durch den nächsten Vers verdeutlicht (also die Perspektive auf die Ewigkeit hin), aber auch die ekklesiologische (auf die Kirche bezogen). Dort vergleicht Jesus die vorübergehende Trauer mit dem Prozess einer Geburt, der sehr schmerzhaft ist, aber das Ergebnis reine Freude bereitet. Wenn nach den Geburtswehen das Kind dann da ist, vergisst die Frau voller Freude, was sie durchgemacht hat. So ist es mit der Ewigkeit und deshalb greift Paulus dieses Bild dann später wieder auf: Die ganze Welt liegt in Wehen und je näher sie der (geistlichen) Geburt der neuen Schöpfung entgegen geht, desto akuter wird es. Dies wird durch die zunehmenden Christenverfolgungen spürbar, aber auch durch immer deutlichere Zeichen der Endzeit politischer und kosmologischer Natur. Wenn die neue Schöpfung aber dann vollzogen ist durch die Schaffung eines neuen Himmels und einer neuen Erde, wird nur noch die Freude des Himmels herrschen.
Aber auch in ekklesiologischer Perspektive ist es so zu verstehen, wie uns die Berichte der Apostelgeschichte besonders zeigen: Die Missionare müssen viel durchmachen, werden gesteinigt, ins Gefängnis gesteckt, vor die Gerichte gebracht, verunglimpft und immer wieder verspottet, doch all dies ist es Wert, wenn sich dafür die Menschen zu Christus bekehren.
Jesus wird seine Apostel wiedersehen – das ist wie gesagt auf seiner Auferstehung zu beziehen, ebenso auf das Ende der Zeiten. Gestern feierten wir Christi Himmelfahrt. Es ist ein Abschied auf Zeit, denn er wird wiederkommen als verherrlichter Menschensohn am Jüngsten Tag.
Und die Freude, die die Apostel sowie alle bis dahin standhaft gebliebenen Menschen erfüllen wird, kann ihnen keiner nehmen. Dies gilt vor allem jenen Christen, die um ihres Glaubens willen viel erleiden müssen und sogar ihr Leben geben. Die Freude der Märtyrer kann ihnen keiner nehmen, am wenigsten ihre Verfolger.
Und dann werden die Apostel Jesus nichts mehr fragen. Warum sagt er das? Wenn der Mensch vor Gott steht, wird er alles sehen und erkennen. Er wird alles begreifen und so bleiben keine Fragen mehr offen. Das gilt auch uns: Noch haben wir viele Fragen, weil wir die Entwicklungen nicht verstehen, unser Leben nicht im Überblick vor uns haben und das Geheimnis Gottes nicht erfassen können. Doch wenn wir sterben und vor ihn treten, werden wir ihn sehen, wie er ist. Und in der Schau Gottes werden wir auch unser Leben sehen, wie es ist – mit all dem, was uns bis dahin unklar war. Das wird viel Schmerz verursachen, weil wir uns unserer Sünde schmerzlich bewusst werden, ebenso der vielen verpassten Chancen, Gottes unendliche Liebe zu erwidern.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 4. Osterwoche

Apg 12,24 – 13,5; Ps 67,2-3.5.7-8; Joh 12,44-50

Apg 12
24 Das Wort Gottes aber wuchs und breitete sich aus.
25 Nachdem Barnabas und Saulus in Jerusalem den Dienst erfüllt hatten, kehrten sie zurück; Johannes, mit dem Beinamen Markus, nahmen sie mit.
1 In der Gemeinde von Antiochia gab es Propheten und Lehrer: Barnabas und Simeon, genannt Niger, Lucius von Kyrene, Manaën, ein Jugendgefährte des Tetrarchen Herodes, und Saulus.
2 Als sie zu Ehren des Herrn Gottesdienst feierten und fasteten, sprach der Heilige Geist: Wählt mir Barnabas und Saulus zu dem Werk aus, zu dem ich sie berufen habe!
3 Da fasteten und beteten sie, legten ihnen die Hände auf und ließen sie ziehen.
4 Vom Heiligen Geist ausgesandt, zogen sie nach Seleukia hinab und segelten von da nach Zypern.
5 Als sie in Salamis angekommen waren, verkündeten sie das Wort Gottes in den Synagogen der Juden. Johannes hatten sie als Helfer bei sich.

Zwischen der gestrigen und der heutigen Lesung passiert sehr viel in der Apostelgeschichte: Jakobus wird hingerichtet, Herodes wütet gegen die Christen in Jerusalem und lässt Petrus inhaftieren, der auf wundersame Weise befreit wird. Und Herodes stirbt. Das Wort Gottes verbreitet sich weiter trotz der Bedrängung der Christen. Paulus und Barnabas sind nach Jerusalem entsandt worden, um eine Kollekte für die Jerusalemer Gemeinde durch die Antiochener zu überbringen. Dieser Dienst ist gemeint, der in der heutigen Lesung erwähnt wird. Sie kommen also zurück nach Antiochia, von deren Gemeinde uns heute ein bisschen mehr beschrieben wird. Es gibt dort nämlich Propheten und Lehrer, die der Gemeinde dienen. Es werden sogar ganz konkrete Namen genannt, wobei auch Paulus und Barnabas dazugezählt werden. Sie gelten als Lehrer, denn sie erklären das Wort Gottes.
Während der Liturgie und der Fastenzeiten erhalten Geistbegabte die Eingebung, dass Barnabas und Saulus (Paulus) zu einer Mission berufen sind. Uns ist schon klar, worum es geht, nämlich um die erste Missionsreise. Die Reaktion der Gemeinde darauf ist das Fasten und Beten. Das ist bemerkenswert. Auch Jesus hat vor seinem öffentlichen Wirken eine Zeit lang im Fasten und Beten verharrt, sich dabei sogar in die Wüste zurückgezogen. Immer wenn er große Massen vor sich hat und viele Heilstaten tut, lange Predigten hält etc., zieht er sich für das Gebet zurück. Er holt sich immer wieder die Kraft von seinem Vater, der ihn gesandt hat. Und auch hier ist es eine Sendung zur Verkündigung des Reiches Gottes. Auch dies ist eine wichtige Mission, die viel Kraft und Mut kosten wird. Zu dieser Sendung werden die beiden Missionare vorbereitet, nicht nur durch das Fasten und Beten, sondern auch durch die Handauflegung der Gemeindevorsteher. Es muss sich um eine sakramentale Weihe handeln, durch die die beiden dann befähigt sind, anderen Menschen die Sakramente zu spenden. Weil wir später davon lesen werden, dass sie Älteste weihen, ihnen die Hände auflegen, handelt es sich bei ihrer eigenen Weihe um den höchsten Grad, die Bischofsweihe. Durch sie sind sie beide bevollmächtigt, alle Sakramente zu spenden (die es auch schon gibt, auch wenn noch nicht in der Form oder Bezeichnung wie heute). Der Geist führt sie zunächst nach Seleukia, von wo aus sie nach Zypern reisen. In der zyprischen Stadt Salamis lehren sie in den Synagogen das Wort Gottes. Johannes Markus begleitet sie auf ihrer ersten Missionsreise als Helfer. Die kirchliche Tradition identifiziert diesen Johannes Markus mit dem Evangelisten Markus und auch mit dem Gefährten des Petrus.
Wir lernen aus diesem heutigen Bericht der Apostelgeschichte, dass das Leben mit Gott nie langweilig ist. Er hat große Pläne mit jedem Menschen und sendet ihn dort hin, wo er ihn braucht. Wichtig ist, dass der Mensch diese Berufung einerseits erkennt, andererseits gehorsam umsetzt und dabei die Gnade Gottes in Anspruch nimmt. Es führt ganz schnell in eine Sackgasse, wenn man aus eigener Kraft versucht, die Berufung zu leben. Es ist auch entscheidend, dass der Mensch nicht nur betet, sondern auch in dem Anliegen fastet. Dies birgt ein ganz großes Potenzial, das nicht zu unterschätzen ist. Je größer der Anlass/die Mission, desto mehr muss der Mensch sich im Vorfeld darauf vorbereiten. Und dann wird er sich wundern, welche großen Zeichen durch ihn geschehen!

Ps 67
2 Gott sei uns gnädig und segne uns. Er lasse sein Angesicht über uns leuchten,
3 damit man auf Erden deinen Weg erkenne, deine Rettung unter allen Völkern.
5 Die Nationen sollen sich freuen und jubeln, denn du richtest die Völker nach Recht und leitest die Nationen auf Erden.
7 Die Erde gab ihren Ertrag. Gott, unser Gott, er segne uns!
8 Es segne uns Gott! Fürchten sollen ihn alle Enden der Erde.

Der heutige Psalm, den wir als Antwort auf die Lesung beten, stellt die Bitte um Gottes Segen dar. Er erinnert uns an den aaronitischen Segen aus dem Buch Numeri. Die beiden Bestandteile „Gnädigsein“ und „Leuchten seines Angesichts“ werden auch dort verwendet. Es wird aber nicht nur wiederholt, sondern hier weitergeführt. Der Zweck des Wunsches wird nämlich an dieser Stelle erklärt: Die Israeliten sollen durch das Leuchten des Angesichts Gottes seinen Weg erkennen, das heißt seinen Willen. Der aaronitische Segen wird hier paränetisch fortgesetzt, also zur Unterweisung im moralischen Verhalten. Der nächste Nebensatz geht darüber hinaus. Die Rettung unter allen Völkern klingt in unseren christlichen Ohren sehr messianisch (hebr. בְּכָל־גֹּ֝ויִ֗ם יְשׁוּעָתֶֽךָ b’chol-gojim jeschu’atecha, der Name Jesu ist enthalten und wird auf die nichtjüdischen Völker bezogen). So müssen wir den Vers mit folgender Interpretation lesen: Lass dein Angesicht leuchten, damit wir den Messias erkennen, der die ganze Welt erlösen wird.
Im Anschluss erkennen wir wieder die positive Sicht auf das göttliche Gericht, über das die „Nationen“ sich freuen. Hier sind die „Nationen“ die Stämme Israels ( עַמִּ֥ים ammim), kann in der Mehrzahl aber auch allgemein alle Nationen der Erde bezeichnen. Die Stämme können dann endlich aufatmen, nachdem sie so viel Leid durch Fremdherrschaft und Tyrannei erleiden mussten. Gott bringt endlich die ersehnte Gerechtigkeit! Und wenn alle Völker gemeint sind, dann lesen wir hier die Erleichterung der ganzen Welt, da nun die Weltmission startet, durch die sie mit der erlösenden Botschaft Jesu Christi in Berührung kommen.
Der Psalm wird mit einem Segenswunsch abgeschlossen, der wiederum an den aaronitischen Segen von Num 6 anknüpft.
Die Psalmen bringen immer wieder zum Ausdruck, dass Gottes Erlösungsplan, der sich mit Jesus erfüllt hat, über die jüdischen Grenzen hinausgeht, aber v.a. dort beginnt.
Es ist ein Gebet, das wir uns so richtig aus dem Mund der Gemeinde Antiochias vorstellen können. Sie beten um den Segen für die kommende Mission und auch für die Menschen, die mit dem Evangelium in Kontakt treten werden.

Joh 12
44 Jesus aber rief aus: Wer an mich glaubt, glaubt nicht an mich, sondern an den, der mich gesandt hat,
45 und wer mich sieht, sieht den, der mich gesandt hat.
46 Ich bin als Licht in die Welt gekommen, damit jeder, der an mich glaubt, nicht in der Finsternis bleibt.
47 Wer meine Worte nur hört und sie nicht befolgt, den richte nicht ich; denn ich bin nicht gekommen, um die Welt zu richten, sondern um die Welt zu retten.
48 Wer mich verachtet und meine Worte nicht annimmt, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich gesprochen habe, wird ihn richten am Jüngsten Tag.
49 Denn ich habe nicht von mir aus gesprochen, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir aufgetragen, was ich sagen und reden soll.
50 Und ich weiß, dass sein Auftrag ewiges Leben ist. Was ich also sage, sage ich so, wie es mir der Vater gesagt hat.

Im Evangelium geht es ebenfalls um Sendung, nämlich um die ursprüngliche, an die die Apostel lediglich anknüpfen: die Sendung des Sohnes durch den Vater. Jesus ist von seinem Vater gesandt worden. Dies erklärt er besonders im Johannesevangelium den Menschen. Er ist vom Vater auf die Erde gesandt worden und hat somit die höchste Autorität und Bevollmächtigung. Was er über Gott aussagt, ist absolut authentisch. Und wer an ihn glaubt, glaubt an den Sender. Denn Jesus und der Vater sind eins. Jesus ist die Auslegung Gottes in Person. Deshalb kann man Gottes Wesen erkennen, wenn man ihn anschaut.
Jesus sagt, dass er das Licht der Welt ist, durch das keiner mehr in der Finsternis bleiben muss. Er ist Licht als Orientierung, Wahrheit/Erkenntnis, Reinheit von der Sünde, Beginn des ewigen Lebens (mit dem Tagesanbruch wird es hell). Wenn Jesus diese Worte spricht, knüpft er an Jesaja an, der prophezeit hat: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht (Jes 9,1).“ Er spricht hier also ein Stichwort aus, das für die Zuhörer ein Signal darstellt.
Jesus kritisiert die Haltung, das Wort zu hören, es aber nicht zu befolgen. Er kritisiert noch mehr, wenn man nicht einmal die Worte hören will. Er selbst ist es aber nicht, der richtet. Es ist das Wort selbst, das zum Richter wird. Wer sich nicht danach richtet, hat sich letztendlich selbst gerichtet – das heißt durch die eigene Entscheidung gegen Jesus schon das Urteil gewählt.
Jesus sagt, dass er in die Welt gekommen ist, um sie zu retten, nicht um sie zu richten. Das ist ein wichtiger Punkt: Das heißt nicht, dass jeder gerettet wird und wir hier dem zugrunde liegenden Text eine Allversöhnungslehre unterstellen können. Das bedeutet, dass Jesus alles tut, damit wir gerettet würden, bis zum Tod am Kreuz! Er ist nicht gekommen, um zu richten, weil die Zeit noch gar nicht da ist. Sein erstes Kommen durch die Menschwerdung hatte den Zweck, das Erlösungswerk zu vollbringen, das vor aller Zeit schon feststand. Das meint die Rede vom Retten. Er wird aber wiederkommen als verherrlichter Menschensohn am Ende der Tage und dann wird er die Welt richten. Und dann wird er nicht nach eigenem Gutdünken richten wie ein korrupter Richter, sondern der Maßstab ist ein ganz klarer – das Wort Gottes. Die Sache ist nur: Letztendlich IST er das Wort Gottes in Person und aus dieser Perspektive ist er es doch wieder persönlich, der richtet. Jesus macht hier aber die Abgrenzung, um zu betonen, dass die Richtschnur eine ganz objektive ist und er diese Richtschnur den Menschen klar und deutlich erklärt hat. Wenn sie dieses Wort hören und sich dennoch nicht daran halten, haben sie ihr Urteil schon gesprochen.
Wenn Jesus betont, dass er nichts Anderes sagt als das, was der Vater ihm aufgetragen hat, möchte er die Einheit von Vater und Sohn verdeutlichen. Alles, was Jesus sagt und tut, ist in Einklang mit dem Vater. Für die Juden ist das wichtig, weil wer in absoluter Übereinstimmung mit dem transzendenten Gott ist, der muss autoritär nicht nur ganz hoch angesehen werden, sondern auch absolut authentisch sein.
Jesus erklärt auch, was für ein Auftrag es ist: das ewige Leben. Wer sich also an Jesu Worte hält, für den steht dieses ewige Leben bereit.

All diese Worte spricht Jesus, bevor das letzte Abendmahl und die Leidensgeschichte beginnen. Es ist ein letzter Appell an die Menschen, bevor er seinen Weg der vollkommenen Vollendung antritt.

Die Texte fügen sich zusammen zu einem Sendungskorpus. Heute geht es um den Auftrag Gottes, die Verkündigung und die Rettung der Menschen. Wenn die Apostel im Namen Gottes auftreten und das Wort Gottes verkündigen, sprechen sie dasselbe authentisch aus, was Jesus gesprochen hat. Ihr Wort ist von höchster Autorität und Relevanz. Wer sich an die gehörte Verkündigung hält, der verhängt über sich schon ein positives Gerichtsurteil für das Ende der Zeiten, wenn Jesus wiederkommt.

Fragen wir uns selbst heute, ob wir nicht in manchen Bereichen unseres Lebens so sind, dass wir hören, aber nicht befolgen. Kehren wir um von falschen Haltungen und vom Ungehorsam und werden wir wieder zu Hörenden und Gehorsamen!

Ihre Magstrauss

Dienstag der 3. Osterwoche

Apg 7,51 – 8,1a; Ps 31,3c-4.6 u.7b-8a.17 u. 21ab; Joh 6,30-35

Apg 7-8
51 Ihr Halsstarrigen, unbeschnitten an Herzen und Ohren! Immerzu widersetzt ihr euch dem Heiligen Geist, eure Väter schon und nun auch ihr.
52 Welchen der Propheten haben eure Väter nicht verfolgt? Sie haben die getötet, die die Ankunft des Gerechten geweissagt haben, dessen Verräter und Mörder ihr jetzt geworden seid,
53 ihr, die ihr durch die Anordnung von Engeln das Gesetz empfangen, es aber nicht gehalten habt.
54 Als sie das hörten, waren sie in ihren Herzen aufs Äußerste über ihn empört und knirschten mit den Zähnen gegen ihn.
55 Er aber, erfüllt vom Heiligen Geist, blickte zum Himmel empor, sah die Herrlichkeit Gottes und Jesus zur Rechten Gottes stehen
56 und rief: Siehe, ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen.
57 Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten einmütig auf ihn los,
58 trieben ihn zur Stadt hinaus und steinigten ihn. Die Zeugen legten ihre Kleider zu Füßen eines jungen Mannes nieder, der Saulus hieß.
59 So steinigten sie Stephanus; er aber betete und rief: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!
60 Dann sank er in die Knie und schrie laut: Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an! Nach diesen Worten starb er.
1 Saulus aber war mit seiner Ermordung einverstanden.

Bereits gestern haben wir einen Ausschnitt aus der Apostelgeschichte gehört, in dem es um Stephanus ging. Nachdem er von seinen Neidern vor den Sanhedrin gebracht worden ist und der Hohepriester die Vorwürfe gegen ihn zur Sprache bringt, hält Stephanus eine lange Verteidigungsrede. Es handelt sich dabei um die längste Rede in der Apostelgeschichte. Er unternimmt darin einen gesamten Abriss der Heilsgeschichte Gottes mit dem Volk Israel angefangen mit Abraham. Zum Ende hin formuliert Stephanus harte Vorwürfe gegenüber dem Sanhedrin und den Juden:
„Ihr Halsstarrigen, unbeschnitten an Herzen und Ohren!“ Der Vorwurf der Unbeschnittenheit ist sehr provokativ, denn genau diese ist ja das Zeichen des Alten Bundes. Die physische Beschnittenheit ist aber keine automatische Rechtfertigung vor Gott, wenn man zugleich nicht auf Gottes Willen hört und seine Botschaft ans Herz heranlässt. Der Jude muss zusätzlich zu seiner physischen Beschnittenheit eine innere Beschnittenheit aufweisen, damit er vor Gott gerecht ist. Deshalb kritisiert Gott im Alten Testament so oft die Menschen, die fleißig Opfer darbringen, aber den Nächsten ausbeuten und sich nicht an die zehn Gebote halten. Das heißt nicht, dass Gott die Opfer nicht will, ebenso wenig hat er etwas gegen die Beschneidung, die er ja selbst angeordnet hat. Vielmehr möchte Gott eine Kongruenz von innen und außen. Und Stephanus kritisiert bei den anwesenden Juden jetzt eben jene Inkongruenz. Es ist die Verstocktheit, die Jesus schon deutlich kritisiert hat. Sie ist mehr als nur ein Weghören, sie ist eine Rebellion gegen den Heiligen Geist, der im Laufe der Heilsgeschichte immer wieder durch die Propheten gesprochen hat.
Und was ist passiert? Weil sie die Worte der Propheten nicht hören wollten, haben sie immer wieder die Propheten mundtot gemacht. Sie haben sie sogar umgebracht. Sie haben jene getötet, die den Messias angekündigt haben. Und auch den Messias selbst haben nun die anwesenden Juden, die Nachfahren der „Väter“, umgebracht.
Sie haben die Torah erhalten, ihnen hat Gott sich immer und immer wieder offenbart, doch sie haben sich nicht an die Gebote Gottes gehalten. Sie sind im Gegensatz zu den anderen Völkern um sie herum wunderbar begnadet worden, doch sie haben die Zeit der Gnade nicht erkannt.
Die Worte sind wirklich hart, aber Stephanus spricht sie als Aufruf zur Umkehr. Er möchte sie wachrütteln, die in ihrer Verstocktheit sich nur selbst schaden.
Doch das einzige, was er erreicht, ist äußerste Empörung und Zähneknirschen.
Er lässt sich gar nicht davon beirren. Stattdessen schaut er zum Himmel und erhält eine wunderbare Vision, in der er Christus zur Rechten des Vaters sitzen sieht. Ihm wird zuteil, was dem Propheten Daniel und später dann auch dem Seher in der Johannesoffenbarung geschenkt wird: Den Blick in den himmlischen Thronsaal.
Er spricht es auch aus in Anlehnung an den Propheten Daniel. Es ist eigentlich ein Schriftwort, das die Hohepriester und Schriftgelehrten kennen. Es ist auch jenes Schriftwort, dass sie beim Prozess Jesu in Rage gebracht hat und weshalb sie ihre Gewänder zerrissen haben. Es ist für sie der Höhepunkt der Blasphemie. Sie erkennen nicht, dass Jesus der Messias ist, oder vielmehr: Sie wollen es nicht einsehen, obwohl die Zeichen eindeutig sind.
Das bringt das Fass zum Überlaufen und so schreien die Anwesenden auf, treiben den Angeklagten zur Stadt hinaus und steinigen ihn. Es ist ein Fall von Lynchjustiz, der aber als heilige Handlung angesehen wird. Die Juden meinen, Gott mit dieser schrecklichen Tat einen Dienst zu erweisen. Sie verstehen nicht, was sie da tun. Und somit tun sie es ihren Vätern gleich, die schon nicht auf Gottes Stimme hören wollten und so seine auserwählten Knechte umgebracht haben.
Am Ende wird Saulus erwähnt, der später der größte Völkerapostel Paulus werden würde. Bis zu seiner Bekehrung ist er aber ein eifriger Christenverfolger und von seiner Bildung her Pharisäer. Ihm legen die Juden die Kleider zu Füßen. Er hat einen großen Anteil an dieser tragischen Geschichte, durch die eine Christenverfolgung in Jerusalem eingeleitet wird, die erste in der Geschichte der Christenheit.
Stephanus stirbt als Märtyrer. Er betet für seine Verfolger und übergibt Gott vertrauensvoll seinen Geist. Seine Haltung entspricht Jesus am Kreuz. Sein heroischer Mut hat ihn direkt an den Ort gebracht, den er unmittelbar vor seinem Tod schauen durfte.

Ps 31
3 Sei mir ein schützender Fels, ein festes Haus, mich zu retten!
4 Denn du bist mein Fels und meine Festung; um deines Namens willen wirst du mich führen und leiten.
6 In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist; du hast mich erlöst, HERR, du Gott der Treue.

7 Ich setze auf den HERRN mein Vertrauen.
8 Ich will jubeln und deiner Huld mich freuen.
17 Lass dein Angesicht leuchten über deinem Knecht, hilf mir in deiner Huld!
21 Du verbirgst sie im Schutz deines Angesichts vor den Verschwörungen der Leute.

Was Stephanus im Sterben noch gebetet hat, erinnert uns an die Worte Jesu am Kreuz, die er laut Lukasevangelium gebetet hat. Sie entstammen Psalm 31, den wir nun als Antwort auf die Ereignisse der Apostelgeschichte beten. Es ist ein Vertrauenspsalm. Wir beten genau diesen Psalm auch am zweiten Weihnachtstag, der zugleich der Gedenktag des Heiligen Stephanus ist. Er gehört einfach zu ihm. Wir haben diesen Psalm auch in der Fastenzeit und vor allem an Karfreitag gebetet, weil er das Vertrauen Jesu noch in den letzten Atemzügen am Kreuz ausdrückt.
Zu Beginn des Abschnitts formuliert König David, dem wir den Psalm zuschreiben, die Bitte um Schutz. Gott möge ihn retten, der für David wie ein „schützender Fels“ und „ein festes Haus“ ist. Diese Bilder bieten Geborgenheit. Nicht umsonst greift Jesus diese Bilder in seiner Verkündigung auf und erklärt in Gleichnissen, dass das Vertrauen auf Gott wie das Bauen auf Felsen sei. Die Stürme und Regengüsse des Lebens, die Angriffe des Bösen und die Leiden der Welt können das Leben des Gottvertrauenden nicht erschüttern. Und wenn die Versuchungen noch so groß sind – wenn er sein Leben ganz auf Gott ausrichtet und die Heilsmittel in Anspruch nimmt, sich um den Stand der Gnade bemüht und sein Gewissen immer wachhält, wird er nicht hereinfallen. Er wird weiterhin an Gott festhalten und den Glauben nicht verlieren. Das größte Vorbild darin ist Christus, der so heftig versucht worden ist, weil der Böse die Erlösung unbedingt aufhalten wollte. Doch er hat die Rechnung ohne die intime Beziehung zwischen Vater und Sohn gemacht! Jesus hat bis zum letzten Atemzug am Vater festgehalten, auch wenn er sich ganz alleingelassen gefühlt hat. So ist es auch mit dem Haus Gottes, der Kirche. Weil sie auf Felsen gebaut ist, dem von Christus selbst ausgewählten Gestein „Petrus und seine Nachfolger“, stürzt sie auch in den schlimmsten Stürmen nicht ein.
Gott selbst ist dieser Felsen, der dein einzelnen Menschen, aber auch die Gesamtheit des Volkes Gottes, die Kirche heißt, führen und leiten. Weil er selbst die Kirche gestiftet hat, wird sie auch nicht untergehen und zerstört werden.
„In deine Hand lege ich voll Vertrauen meinen Geist“ war eines der letzten Worte des ersten Märtyrers. Er hatte dieses starke Gottvertrauen, das auch schon David ausgemacht hat.
Und so ist Stephanus direkt zum Herrn gekommen, dessen Herrlichkeit er in der Vision schon gesehen hatte. Nun kann er im Angesicht Gottes jubeln und dessen Huld sich freuen. Gott hat ihn für seine heldenhafte Tat belohnt. Nun darf Stephanus auf ewig bei Gott sein. Er ist Christus wirklich treu nachgefolgt, sogar in dessen unerschütterlichem Gottvertrauen.
Auch „in deiner Hand steht meine Zeit“ drückt diese Geborgenheit und das Vertrauen aus, das wir ausdrücken, wenn wir diesen Psalm beten.
Gott ist der einzige, der uns unseren Feinden entreißen kann. Er hat es bei Stephanus getan, der verfolgt worden ist für den Glauben an Jesus Christus. Auch uns wird der Herr erretten von unseren Feinden. Wir haben keine Garantie, dass er unser irdisches Leben bewahren wird. Oft wird uns ja gerade dieses genommen. Unseren Glauben und unser ewiges Leben kann aber kein Feind entreißen. Und wenn wir um Jesu willen umgebracht werden, kommen wir direkt zu ihm.
Beten wir diesen Psalm immer wieder, wenn wir in Not sind, vor allem in seelischer Not! Gott wird uns unserem wahren Feind entreißen: Dem Satan, der unsere Seele von Gott wegführen und uns den ewigen Tod, die Hölle bescheren will.
„Lass dein Angesicht leuchte über deinem Knecht“ – Ja das hat er ganz und gar getan. Er hat sich Stephanus gezeigt. Dieser durfte den himmlischen Thronsaal sehen und zugleich reflektierte sein Gesicht die Herrlichkeit Gottes. So konnten seine Feinde nicht anders, als sein Engelsgesicht tatsächlich anerkennen.
Gott hat die Seele des Stephanus bis zum Schluss beschützt. Die Verschwörungen seiner Neider haben zu seinem biologischen Tod geführt. Damit haben sie aber vor allem sich selbst geschadet, denn sie haben sich an dem Knecht Gottes versündigt. Sie haben aus der schrecklichen Untat der Kreuzigung Jesu Christi nicht gelernt, sondern sind weiterhin verstockt. Stephanus dagegen haben sie das sofortige Leben in Gottes Angesicht beschert. Er hat gewonnen, weil Gott über den Bösen gewinnt. Gott hat das letzte Wort und deshalb werden die Märtyrer auch mit einem Palmzweig dargestellt.

Joh 6
30 Sie sagten zu ihm: Welches Zeichen tust du denn, damit wir es sehen und dir glauben? Was für ein Werk tust du?
31 Unsere Väter haben das Manna in der Wüste gegessen, wie es in der Schrift heißt: Brot vom Himmel gab er ihnen zu essen.
32 Jesus sagte zu ihnen: Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.
33 Denn das Brot, das Gott gibt, kommt vom Himmel herab und gibt der Welt das Leben.
34 Da baten sie ihn: Herr, gib uns immer dieses Brot!
35 Jesus antwortete ihnen: Ich bin das Brot des Lebens; wer zu mir kommt, wird nie mehr hungern, und wer an mich glaubt, wird nie mehr Durst haben.

Im Evangelium hören wir die Fortsetzung der großen Brotrede Jesu in Kafarnaum. Gestern sagte Jesus den alles entscheidenden Satz: „Müht euch nicht ab für die Speise, die verdirbt, sondern für die Speise, die für das ewige Leben bleibt und die der Menschensohn euch geben wird!“ Er möchte, dass wir alles daran setzen, das ewige Leben zu gewinnen – und dafür schenkt er uns die Eucharistie.
Wir müssen bei dieser umfangreichen Rede bedenken, dass es genauer gesagt ein Dialog mit den anwesenden Menschen ist, denn sie stellen Jesus immer wieder Fragen, die er beantwortet. Die Menschen sind noch unschlüssig, ob sie Jesu Worte, die er in göttlicher Vollmacht spricht, glauben sollen. Und so beginnt unser heutiger Abschnitt mit der Frage: „Welches Zeichen tust du denn, damit wir es sehen und dir glauben?“
Sie denken noch ganz in den Kategorien der jüdischen Überlieferung. Sie denken an das Manna, das die Väter in der Wüste gegessen haben. Das ist für sie die höchste Form von „übernatürlichem“ Brot: eines, dessen „Übernatürlichkeit“ in dem Ursprung besteht, weil es vom Himmel herabgeregnet ist. Es ist aber weiterhin eine Speise für den Leib. Sie denken also immer noch in irdischen Kategorien.
Daraufhin reagiert Jesus mit den Worten: „Amen, amen, ich sage euch: Nicht Mose hat euch das Brot vom Himmel gegeben, sondern mein Vater gibt euch das wahre Brot vom Himmel.“ Schon das Manna kommt von Gott dem Vater. Nicht Mose kann das Brot spenden, ihre höchste menschliche Autorität, auf die sie sich aufgrund der Torah berufen. Gott selbst nährt den Menschen, aber auch hier meint Jesus im zweiten Teil seines Satzes das „wahre Brot vom Himmel“ im Gegensatz zum Manna. Wir erkennen dies an dem nächsten Satz, in dem es heißt, dass Gott das Leben gibt. Und das wahre Leben besteht ja in dem ewigen Leben, das nie endet.
Das Gespräch hier in Kafarnaum ist analog zum Dialog am Jakobsbrunnen in Joh 4 zu sehen. Jesus greift irdisches und bekanntes auf, um die Menschen dort abzuholen, wo sie sind (am Jakobsbrunnen beginnt es mit Jesu Bitte um Wasser aus dem Brunnen, hier in Joh 6 beginnt es mit der wunderbaren Speisung mit Brot für den Leib). Davon ausgehend möchte er aber auf etwas Übernatürliches zu sprechen kommen, doch die Menschen missverstehen es und bleiben weiterhin dem Natürlichen verhaftet. So spricht auch die Frau die ganze Zeit von üblichem Wasser aus dem Brunnen, obwohl Jesus schon längst das lebendige Wasser meint. Sie beruft sich am Jakobsbrunnen auf eine menschliche Autorität (nicht Mose wie hier, dafür aber Jakob). Auch sie begreift nach und nach ein wenig mehr von Jesu Worten und kommt schließlich zu dem Wunsch: „Herr, gib mir von diesem lebendigen Wasser.“ Es ist analog zu jenem Wunsch der Anwesenden hier zu lesen, die sagen: „Herr, gib uns immer dieses Brot!“ Sie erkennen, dass es ein Brot ist, das qualitativ besser ist als das irdische Brot.
Und so wie bei der Frau offenbart sich Jesus hier direkt als jenes Brot, das vom Himmel herabkommt. Es meint zunächst ihn als fleischgewordenes Wort Gottes unter den Menschen. Nun verstehen wir es sakramental, denn in der Eucharistie ist er wirklich das Brot, das vom Himmel herabkommt – durch den Geist, der in der Epiklese auf die Gaben herabgerufen wird, werden sie in den Leib und das Blut Jesu Christi verwandelt. Er nimmt wie bei seiner Geburt in dem Moment „Fleisch“ an, also Materie, um ganz bei uns zu sein und vor allem, um das umzusetzen, was er versprochen hat – uns zu ernähren und zu bereiten für das ewige Leben!
Und wie es mit den Gaben Gottes im Gegensatz zu natürlichen Gütern so ist, nährt uns das Brot des Lebens vollkommen. Wir müssen nicht mehr hungern – es meint nicht den leeren Magen, sondern den Hunger des Lebens, den Hunger nach Liebe und Angenommensein, den Hunger nach der Gnade Gottes, nach seinem Frieden. Analog dazu hat Jesus die Frau am Jakobsbrunnen in ihrem Lebensdurst betrachtet, die durch die vielen Männergeschichten eigentlich eine ganz andere Sehnsucht offenbart – die Sehnsucht nach Sinn und nach einer Erfüllung des Lebens. Diese kann nicht gestillt werden durch Kompensationen wie Liebesbeziehungen, in denen der Partner den Menschen glücklich machen soll. Nur Gott kann dies tun. Und auch dort sagt Jesus, dass das lebendige Wasser umfassend tränkt, sodass man keinen Durst mehr bekommt.
Und am Ende dieses heutigen Abschnitts werden wir an seine Worte aus Joh 4 wieder erinnert, weil er auch hier sagt, dass der Mensch, der an ihn glaubt, keinen Durst mehr haben wird.

Die Beziehung zu Gott ist es, die uns nährt und tränkt – unsere Sehnsucht stillt. Sie ist es, die uns das ewige Leben schenkt. Wenn wir in diesem Leben schon ja zu ihm sagen, wird er gleichermaßen antworten am Ende unseres Lebens. Der Weg ist lang und beschwerlich. Wir haben an Stephanus gesehen, dass er sehr steinig ist. Wenn wir jedoch durch das Brot und das Wasser des Lebens gestärkt werden, können wir diesen Weg bis zum Schluss gehen wie die Märtyrer. Dann werden auch wir das ewige Leben haben. Für die Kirche heißt das, dass die Eucharistie entscheidend ist. Sie ist das Allerwichtigste! Ohne sie lässt die Kirche, die Mutter der Neugeborenen im Heiligen Geist, ihre Kinder verhungern und verdursten. Wie können die Gläubigen den Weg gehen ohne das lebendige Brot? Für unseren persönlichen Lebenswandel heißt das, dass wir ganz und gar diese übernatürlichen Güter anstreben sollen. Darin sollen wir unsere ganze Kraft und Zeit investieren. Das Maß der natürlichen Güter sollen wir dem anpassen, denn sie sind für uns insofern erstrebenswert, als sie diese übernatürlichen Gaben begünstigen oder zumindest diesen nicht entgegen stehen. Das ist keine Spaßverderberei, sondern Jesus selbst hat es den Menschen damals in Kafarnaum und auch uns Christen heute gesagt.

Danken wir dem Herrn, dass er sich uns in der Eucharistie schenkt und uns nähren will Tag für Tag. Wenn wir das Vaterunser sprechen und darin um das tägliche Brot bitten, meinen wir nicht nur das leibliche Wohl, sondern vor allem die Bitte um die Eucharistie. Sie zu erhalten, soll jeden Tag unsere höchste Priorität darstellen. Jetzt in dieser schwierigen Zeit ist es uns nicht möglich, doch diese erzwungene Enthaltsamkeit von den Sakramenten soll uns zum zukünftig bewussteren Empfang führen. Es ist wie das Fasten von irdischem Brot. Wenn man nach vielen Stunden des Fastens ein einfaches Stück Brot zu sich nimmt, schmeckt es besonders gut und intensiv. Man lernt das Brot wieder neu zu schätzen. Gebe Gott, dass es uns mit der Eucharistie so ergehen wird!

Ihre Magstrauss

Freitag der 2. Osterwoche

Apg 5,34-42; Ps 27,1.4.13-14; Joh 6,1-15

Apg 5
34 Da erhob sich im Hohen Rat ein Pharisäer namens Gamaliël, ein beim ganzen Volk angesehener Gesetzeslehrer; er befahl, die Apostel für kurze Zeit hinausführen.
35 Dann sagte er: Israeliten, überlegt euch gut, was ihr mit diesen Leuten tun wollt!
36 Vor einiger Zeit nämlich trat Theudas auf und behauptete, er sei etwas Besonderes. Ihm schlossen sich etwa vierhundert Männer an. Aber er wurde getötet und sein ganzer Anhang wurde zerstreut und aufgerieben.
37 Nach ihm trat in den Tagen der Volkszählung Judas, der Galiläer, auf; er brachte viel Volk hinter sich und verleitete es zum Aufruhr. Auch er kam um und alle seine Anhänger wurden zerstreut.
38 Darum rate ich euch jetzt: Lasst von diesen Männern ab und gebt sie frei; denn wenn dieses Vorhaben oder dieses Werk von Menschen stammt, wird es zerstört werden;
39 stammt es aber von Gott, so könnt ihr sie nicht vernichten; sonst werdet ihr noch als Kämpfer gegen Gott dastehen. Sie stimmten ihm zu,
40 riefen die Apostel herein und ließen sie auspeitschen; dann verboten sie ihnen, im Namen Jesu zu predigen, und ließen sie frei.
41 Sie aber gingen weg vom Hohen Rat und freuten sich, dass sie gewürdigt worden waren, für seinen Namen Schmach zu erleiden.
42 Und sie ließen nicht ab, Tag für Tag im Tempel und in den Häusern zu lehren, und verkündeten das Evangelium von Jesus, dem Christus.

Heute hören wir in der Lesung den weiteren Verlauf der Anhörung der Apostel vor dem Hohen Rat. Es kommt heute eine neue Person ins Blickfeld, die der Lehrer des Paulus ist: Gamaliel. Er bildet Männer zur Pharisäern aus und ist im Hohen Rat vertreten. Er lässt die Apostel hinausschicken, um mit den Mitgliedern des Hohen Rates eine Strategie auszumachen.
Er erzählt den Anwesenden, dass vor einiger Zeit ein gewisser Theudas mit messianischem oder prophetischem Anspruch aufgetreten war und ebenso ein gewisser Judas. Beide haben eine Menschenmenge um sich versammelt, doch wurde diese nach deren Tod zerstreut. In Bezug auf diese Ereignisse schlägt Gamaliel vor, die Apostel freizulassen, da auch sie diesem natürlich Prozess anheimfallen würden (dass sie irgendwann sterben und ihre Anhängerschaft sich zerstreuen werde). Wenn auch diese ganze Bewegung menschengemacht ist, wird auch sie so enden. Es ist bemerkenswert, dass Gamaliel die Möglichkeit stehenlässt, dass es doch ein gottgewirktes Werk sein könnte. Für jenen Fall sollte der Hohe Rat nicht dagegen ankämpfen, um nicht zu Kämpfern gegen Gott zu werden. Dann können sie ja sowieso nichts dagegen ausrichten, weil Menschen gegen Gott nicht ankommen. Das ist sehr interessant und wir Leser bzw. Hörer bestätigen seine Rede: Es ist von Gott gewirkt und die Apostel gehorchen seinem Willen. Hier ist der Heilige Geist am Werk und so kann auch der Hohe Rat nichts dagegen tun.
Seine Worte scheinen Anklang zu finden. Der Hohe Rat beschließt, diese Strategie umzusetzen: Die Apostel werden ausgepeitscht und dann freigelassen, wieder unter dem Verbot, weiter im Namen Jesu zu predigen.
Die Apostel sind überhaupt nicht eingeschüchtert von der ganzen Situation. Vielmehr fühlen sie sich geehrt, dass sie im Namen Jesu dieses Leiden durchmachen mussten. Davon unbeeindruckt gehen sie auch weiter in den Tempel und predigen das Evangelium Jesu Christi. Sie verkünden ihn auch in den Häusern, wahrscheinlich im Kontext der Hausgemeinschaften und der Eucharistiefeier. Ihre Sichtweise auf das Leid ist sehr reif. Sie nehmen es nicht nur an, sondern tragen es sogar mit Freude. Sie fühlen sich geehrt, an dem Leiden Jesu Christi mitzutragen, weil sie ihm nachfolgen und in seinem Namen das Werk Gottes weiterführen.

Ps 27
1 Von David. Der HERR ist mein Licht und mein Heil: Vor wem sollte ich mich fürchten? Der HERR ist die Zuflucht meines Lebens: Vor wem sollte mir bangen?
4 Eines habe ich vom HERRN erfragt, dieses erbitte ich: im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens; die Freundlichkeit des HERRN zu schauen und nachzusinnen in seinem Tempel.
13 Ich aber bin gewiss, zu schauen die Güte des HERRN im Land der Lebenden.
14 Hoffe auf den HERRN, sei stark und fest sei dein Herz! Und hoffe auf den HERRN!

Wir beten heute einen ganz bekannten Psalm, der das Vertrauensverhältnis Davids zu Gott offenbart. Es gibt hier messianische Hinweise bzw. erkennen wir Christus im Psalm: Der HERR, Jahwe, ist mein Heil. Das hebräische Wort weist denselben Stamm auf wie der Name Jesu. Das ist kein Zufall. Der Psalm ist ganz und gar von Vertrauen geprägt („vor wem sollte mir bangen“, „Zuflucht“, „Hoffe auf den HERRN“). Es ist eben jenes unerschütterliche Vertrauen, das auch die Apostel Gott gegenüber besitzen und weshalb sie freimütig mit der Verkündigung des Evangeliums fortfahren – trotz der Drohungen und Gefahren.
Zugleich wird die Sehnsucht nach dem ewigen Leben deutlich: „im Haus des HERRN zu wohnen alle Tage meines Lebens“; die Freundlichkeit des HERRN zu schauen“. Das entspricht unseren anagogischen Gedanken zum Beispiel bei den vielen Jesajatexten, in denen das Leben bei Gott im Himmelreich die ultimative Befreiung vom drückenden Joch ist. Es ist auch auf die Apostel zu beziehen, die mit einer brennenden Sehnsucht nach der Wiederkunft Christi leben und in einer absoluten Naherwartung leben.
Im Psalm wird die Lichtmetapher verarbeitet, die im Johannesevangelium dann sehr wichtig wird. Hier wird auch der Übergang von der Dunkelheit ins Licht thematisiert, denn er beinhaltet die Einladung zur Hoffnung auf den HERRN. Diese Auslegung vom Licht Gottes sehen wir indirekt in der Apostelgeschichte. Sie steht hinter der Einstellung der Apostel, die in der Dunkelheit des irdischen Daseins umhergehen, aber aus dem Inneren so viel Licht ausstrahlen, dass es um sie herum ganz hell wird. Jesus ist die Hoffnung der Menschen. Er schenkt dem Menschen eine Perspektive, einen Sinn im Leben, eine Berufung – nämlich die Berufung zur Heiligkeit. Und diesen Sinn möchten die Apostel auch weitergeben, indem sie alle Menschen zu Jesu Jüngern machen wollen.
„Das Land der Lebenden“ ist durch und durch ein Zeugnis für die Auferstehungshoffnung von Christen. Dies zeigt, dass David mal wieder geisterfüllt diesen Psalm formuliert. Wie kann ein israelitischer König 1000 Jahre vor Christi Geburt so etwas Österliches sonst sagen? Lob sei Gott, dass er schon damals diesen König mit seinen wunderbaren Verheißungen erfüllt hat! Das Land der Lebenden ist das Himmelreich. Wir werden leben, auch wenn wir sterben. Das wird Jesus immer wieder erklären. Denn Gott ist ein Gott der Lebenden, nicht der Toten.

Joh 6
1 Danach ging Jesus an das andere Ufer des Sees von Galiläa, der auch See von Tiberias heißt.

2 Eine große Menschenmenge folgte ihm, weil sie die Zeichen sahen, die er an den Kranken tat.
3 Jesus stieg auf den Berg und setzte sich dort mit seinen Jüngern nieder.
4 Das Pascha, das Fest der Juden, war nahe.
5 Als Jesus aufblickte und sah, dass so viele Menschen zu ihm kamen, fragte er Philippus: Wo sollen wir Brot kaufen, damit diese Leute zu essen haben?
6 Das sagte er aber nur, um ihn auf die Probe zu stellen; denn er selbst wusste, was er tun wollte.
7 Philippus antwortete ihm: Brot für zweihundert Denare reicht nicht aus, wenn jeder von ihnen auch nur ein kleines Stück bekommen soll.
8 Einer seiner Jünger, Andreas, der Bruder des Simon Petrus, sagte zu ihm:
9 Hier ist ein kleiner Junge, der hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; doch was ist das für so viele?
10 Jesus sagte: Lasst die Leute sich setzen! Es gab dort nämlich viel Gras. Da setzten sie sich; es waren etwa fünftausend Männer.
11 Dann nahm Jesus die Brote, sprach das Dankgebet und teilte an die Leute aus, so viel sie wollten; ebenso machte er es mit den Fischen.
12 Als die Menge satt geworden war, sagte er zu seinen Jüngern: Sammelt die übrig gebliebenen Brocken, damit nichts verdirbt!
13 Sie sammelten und füllten zwölf Körbe mit den Brocken, die von den fünf Gerstenbroten nach dem Essen übrig waren.
14 Als die Menschen das Zeichen sahen, das er getan hatte, sagten sie: Das ist wirklich der Prophet, der in die Welt kommen soll.
15 Da erkannte Jesus, dass sie kommen würden, um ihn in ihre Gewalt zu bringen und zum König zu machen. Daher zog er sich wieder auf den Berg zurück, er allein.

Im Evangelium wird uns heute von der wunderbaren Brotvermehrung berichtet, wie sie Johannes schildert. Sie ist die Vorgeschichte der sogenannten Himmelsbrotrede, in der Jesus zutiefst eucharistische Dinge erklärt, was aber nicht jeder Zuhörer ertragen kann.
Jesus geht an das andere Ufer des Sees Gennesaret. Er zieht weiter nördlich, dorthin, wo die Menschen seine Botschaft annehmen. Zuvor war er nämlich in Jerusalem und hat ein Streitgespräch mit der religiösen Elite geführt. Oft zieht er nach solch ablehnenden Situationen in Gegenden, wo er angenommen wird – vor allem nach Galiläa.
Er ist nun am See und viele Menschen folgen ihm dorthin wegen der Heilstaten, die er vor allem an den Kranken tut. Nun ist für Jesus wieder die Zeit für prophetische Zeichenhandlungen gekommen, weshalb er so kurz vor dem Paschafest auf einen Berg steigt und sich mit seinen Jüngern dort niederlässt. Da fragt man sich vielleicht, warum er ausgerechnet so einen Ort aufsucht. Schließlich müssen die vielen Menschen ihm folgen, die dort mit Beschwerden zu ihm kommen. Der springende Punkt ist: Jesus tut nie etwas ohne tieferen Sinn. Es gibt so viele Verheißungen des Messias und auch der Gabe der Torah vom Zion aus (statt vom Sinai). Es ist eine Verheißung, die mit dem Tempel zu tun hat. Und nun unterweist Jesus vom Berg aus die Menschen (er setzt sich, was die Geste des Lehrers bei der Unterweisung ist!). Wir erkennen auch eine typologische Verbindung zum Volk Israel am Sinai, das von Mose gelehrt wird. Die Anwesenden werden über diese Dinge nachgedacht haben und den Ort sowie das Verhalten Jesu viel signalhafter wahrgenommen haben als wir.
Das Lehren Jesu wie ein Rabbi erinnert auch an die Bergpredigt, die typologisch zur Unterweisung des Volkes durch Mose zu betrachten ist. Jesus ist die Personifikation der Torah und erfüllt dieses Wort. Jesus erfüllt noch mehr. Es heißt, dass er heilt. Die Menschen sehen dies und staunen, denn über den Messias heißt es, dass er diese Heilstaten tun wird.
Dann stellt Jesus irgendwann Philippus die Frage, woher sie genug Brot für die Anwesenden hernehmen sollen. Dies fragt er aber, um Philippus zu testen. Dieser rechnet den Preis für die Verpflegung aus und realisiert, dass es unmöglich sei. Andreas macht daraufhin auf den Proviant eines kleinen Jungen aufmerksam, der aber auch viel zu wenig für die Menschenmasse ist: fünf Gerstenbrote und zwei Fische.
Dann tut Jesus aber etwas Unerwartetes in der Wüste: Jesus bittet die Menge, sich hinzusetzen. Eigentlich steht da wörtlich das Verb ἀναπίπτω anapipto, was unter anderem die Bedeutung „sich zu Tisch legen“ aufweist und verwendet wird, wenn man sich zu Tisch begibt. In dem Kulturkreis lag man am Tisch, anstatt zu sitzen. Sich niederlegen in der Wüste auf einem Berg scheint absurd? Nicht für den Messias, der in seiner pädagogischen Feinfühligkeit den Juden zu verstehen geben will, dass sich nun ein weiteres Schriftwort erfüllt, nämlich Jesajas Schriftworte zum endzeitlichen Festmahl (z.B. Jes 25)! Jesus lädt zum Festmahl ein und bittet seine Gäste sozusagen „zu Tisch“. Hier ist die Endstation der Erfüllung noch nicht erreicht. Sie endet im Abendmahlssaal mit den zwölf Aposteln. Und doch werden die Menschen dafür schon vorbereitet, wenn Jesus neben den Fischen ausgerechnet Brot nimmt und dem Vater dafür dankt (die Danksagung heißt im Griechischen εὐχαριστία eucharistia!). Daraufhin lässt er die Jünger die übrigen Stücke wieder einsammeln. Bemerkenswert und wiederum ein göttliches Wunder ist, dass ganze zwölf Körbe voll von den Brotstücken übrig bleiben! Auch dies ist den Menschen ein Zeichen: Wenn Gott gibt, dann gibt er im Überfluss. Die Zahl Zwölf ist biblisch und immer eine Zahl der Fülle, Vollkommenheit und Vollständigkeit. Dies verdeutlicht das in dem Kontext stehende Verb ἐνεπλήσθησαν eneplesthesan „sie wurden gefüllt“. Die dort Anwesenden werden begriffen haben, dass die Verheißung der „fetten Speisen“ aus Jesaja sich nun vor ihren Augen erfüllt hat. Die frommen Juden werden vielleicht auch an das Manna in der Wüste gedacht haben. Dies erklärt auch, warum Jesus diese Speisung ausgerechnet in der Wüste vorgenommen hat. Auch damals war es zunächst eine Sättigung der Leiber und doch ging es damals schon darüber hinaus. Das alte Israel ist darauf vorbereitet worden, was nun mit Jesus geschah. Die Menschen mit ihm sind nicht nur körperlich, sondern auch im Glauben gesättigt worden – durch die Unterweisung, die Heilungen und die Speisung. Ein letzter Impuls, den dieses Evangelium gibt und den ich Ihnen heute besonders ans Herz legen möchte: In jeder Hl. Messe ist zunächst ein Wortgottesdienst vorgesehen, bei dem das Wort Gottes verkündigt wird. Es wird auch ausgelegt, die Menschen sozusagen unterwiesen. Und im Anschluss werden die Gaben bereitet und ein eucharistisches Festmahl gefeiert! Jesus bereitet im heutigen Evangelium auf das vor, was die Kirche nun sakramental nachempfindet!

Jesus hat mitten in der Finsternis der Wüste das Licht gebracht. Er hat Hoffnung in die Öde gebracht. Er hat gesättigt, wer erschöpft und hungrig ist. Jesus sättigt die ersten Christen der Apostelgeschichte durch die Eucharistie, wodurch sie die Kraft haben, bei den Anfeindungen und geistigen Anfechtungen standhaft zu bleiben und mutig für Christus einzustehen. Selbst gestärkt von der Eucharistie stehen die Apostel nun vor dem Hohen Rat, ebenfalls auf einem Berg, nämlich auf dem Zionsberg! Sie verkünden freimütig das Evangelium und unterweisen die religiöse Elite in Jerusalem. Sie tragen wirklich weiter, was Jesus begonnen hat – nun aber nicht mehr in der Wüste als Landschaft, sondern in der Wüste der mangelnden Erkenntnis der Hohepriester, Pharisäer und Schriftgelehrten!

Unterschätzen auch wir nicht die Kraft, die uns der Herr durch die Eucharistie und das Wort Gottes schenkt. Diese ist nicht dafür da, dass wir sie für uns selbst genießen, sondern sie strebt immer über uns hinaus zur Hingabe und zum Dienst am Nächsten.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 2. Osterwoche

Apg 5,27-33; Ps 34,2 u. 9.17-18.19-20; Joh 3,31-36

Apg 5
27 Man führte sie herbei und stellte sie vor den Hohen Rat. Der Hohepriester verhörte sie

28 und sagte: Wir haben euch streng verboten, in diesem Namen zu lehren; und siehe, ihr habt Jerusalem mit eurer Lehre erfüllt; ihr wollt das Blut dieses Menschen über uns bringen.
29 Petrus und die Apostel antworteten: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.
30 Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt.
31 Ihn hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken.
32 Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen.
33 Als sie das hörten, gerieten sie in Zorn und beschlossen, sie zu töten.

Gestern endete die Lesung damit, dass die Apostel von den Dienern des Hohen Rates zum Verhör gebracht werden sollen, nachdem sie auf wundersame Weise aus dem Gefängnis entkommen waren und im Tempel wieder das Wort Gottes verkündet haben.
Heute nun hören wir von diesem Verhör. Der Hohepriester beginnt seine Rede mit dem Rückgriff auf die vergangenen Verbote, die er den Aposteln schon nach der Heilung des Gelähmten an der Schönen Pforte erteilt hatte. Bereits damals haben die Apostel deutlich gemacht, dass sie Gott mehr gehorchen würden als den Hohepriestern.
Der Hohepriester wirft den Aposteln vor, dass sie im Namen Jesu und mit der Lehre Jesu die ganze Stadt erfüllt hätten. Das ist eine ungewollte Anerkennung ihrer Missionserfolge!
Der Hohepriester wirft zudem vor, dass die Apostel das Blut „dieses Menschen“, gemeint ist Jesus, über sie bringen wollen. Was heißt das? Wir haben so eine Stelle auch bei Matthäus, als das Volk danach schreit, dass Jesus gekreuzigt werden solle und Pilatus sich weigert. Da sagt das Volk „sein Blut komme über uns und unsere Kinder“. Es hat dieselbe Bedeutung: Wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass ein Mensch unschuldig hingerichtet worden ist, soll sein Blut als Blutschuld an den Schuldigen dieses Todes haften. Damals sagt das Volk diese Worte zu Pilatus, um ihn zu überreden, dass im Zweifelsfall die Schuld nicht bei ihm liegen werde, sondern bei den Juden (genauer gesagt bei der religiösen Elite, die hinter dem angestachelten Mob steckt). Hier möchte der Hohepriester also sagen: Im Nachhinein stellt ihr es so dar, dass Jesus unschuldig gestorben ist und wir schuld dran sind. Also legt ihr es drauf an, uns die Blutschuld an diesem Menschen anzuhängen und uns als Böse hinzustellen.
Das alles beeindruckt die Apostel herzlich wenig. So antworten sie mit den Worten, die sie ihnen schon zuvor gesagt haben: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“ So ist es. Was auch immer die Hohepriester für Intrigen vermuten, welche Vorwürfe sie auch machen – letztendlich tun die Apostel nur das, was Gott von ihnen verlangt.
Auch in dieser Situation nutzen die Apostel die Chance, Christus zu bekennen, indem sie weitersprechen: „Der Gott unserer Väter hat Jesus auferweckt, den ihr ans Holz gehängt und ermordet habt.“ Das heißt, dass die Hinrichtung falsch war und Gott als der Allmächtige das letzte Wort hat. Er ist ein Gott des Lebens und kann Tote wieder lebendig machen. Jesus ist der Christus, der Messias. Er ist Gott und kann nicht im Tod bleiben. Und ganz wichtig – es ist ein und derselbe Gott, der das Osterereignis erwirkt hat und der sich den heilsgeschichtlichen Gestalten des Alten Testaments offenbart hat wie Abraham, Isaak und Jakob, den Königen und Propheten, den Frauen. Dies erkennen wir an der typisch jüdischen Wendung „Gott unserer Väter“.
Weiter sprechen sie: „Ihn hat Gott als Anführer und Retter an seine rechte Seite erhoben, um Israel die Umkehr und Vergebung der Sünden zu schenken.“ Es ist ein richtiges Glaubensbekenntnis, das sie hier sprechen. Jesus sitzt nun zur Rechten Gottes und hat die Macht, Gottes auserwähltes Volk zum Heil zu führen. Das heißt, Jesus ist Gott. Für die Hohepriester sind diese Worte hochgradig blasphemisch, weil sie die Messianität und Göttlichkeit Jesu leugnen.
Schließlich enden die Apostel ihre Bekenntnisrede mit den Worten: „Zeugen dieser Ereignisse sind wir und der Heilige Geist, den Gott allen verliehen hat, die ihm gehorchen.“ Die Aufzählung „wir und der Heilige Geist“ bringt es auf den Punkt: Es ist ein Teamwork, gläubig zu sein. Wir tun alles, was in unserer Macht steht, Gott besser kennenzulernen, arbeiten an uns selbst und öffnen uns ganz für seine Gnaden. Diese fließen in vollem Maße so wie wir uns in vollem Maße anstrengen. Beides Hand in Hand macht den heiligen Menschen aus (oder jenen, der nach Heiligkeit strebt). So ist es auch mit der Zeugenschaft. Der Mensch bemüht sich mit seinem ganzen Sein, Gott zu bezeugen, genau hinzusehen und zu beobachten. Gleichzeitig ist es der Geist, der einem die Augen öffnet und auf das zu Sehende hinführt. Im Falle der Apostel können wir das biographisch wunderbar nachzeichnen, ganz besonders anhand der Biographie des Petrus: Er hat vieles gesehen und gehört, was Jesus gesagt und getan hat. Er hat vieles davon noch gar nicht verstanden, doch nicht vergessen. Am Pfingsttag ist der Geist so wie auf alle Apostel auf ihn herabgekommen und hat ihm die Augen geöffnet, ihm alles Unverständliche aufgedeckt und an alles erinnert, was sich zwischenzeitlich in sein Unterbewusstsein abgesetzt hat. Es ist ein Teamwork der Zeugenschaft, so wie sie es nun vor den Hohepriestern bekunden.
All die Worte erzürnen den Hohen Rat nur noch mehr. Sie beschließen, die Apostel zu töten. Es entwickelt sich ganz so wie bei Jesus, was uns nicht wundert. Schließlich folgen sie ihm nach, der diese Verfolgungen für seine Jünger schon vorhergesagt hat.

Ps 34
2 Ich will den HERRN allezeit preisen; immer sei sein Lob in meinem Mund. 
9 Kostet und seht, wie gut der HERR ist! Selig der Mensch, der zu ihm sich flüchtet!
17 Das Angesicht des HERRN richtet sich gegen die Bösen, ihr Andenken von der Erde zu tilgen.
18 Die aufschrien, hat der HERR erhört, er hat sie all ihren Nöten entrissen.
19 Nahe ist der HERR den zerbrochenen Herzen und dem zerschlagenen Geist bringt er Hilfe.
20 Viel Böses erleidet der Gerechte, doch allem wird der HERR ihn entreißen.

Heute beten wir einen wunderbaren Lobpreispsalm, mit dem wir Gottes große Taten rühmen.
„Ich will preisen“ ist ein typischer Psalmenbeginn – die Selbstaufforderung zum Lob. David bekundet sein „Jawort“ gegenüber Gott durch einen andauernden Lobpreis.
David möchte Gott in allen Lebenslagen (allezeit), mit seinem ganzen Sein preisen. Er möchte das tun, was wir Menschen in der Ewigkeit dauerhaft vornehmen werden – den Lobpreis Gottes.
„Kostet und seht, wie gut der HERR ist! Selig der Mensch, der zu ihm sich flüchtet!“ Dieses Schriftwort wird vom Priester sehr oft direkt vor dem Kommunionempfang gebetet, also eucharistisch ausgelegt. Ja, wir können kosten, wie gut der HERR ist, wenn wir ihn in uns aufnehmen und uns mit ihm vereinen. Er ist wie Balsam für unsere Seele und umhüllt uns ganz mit seiner Liebe und Barmherzigkeit. Dann ist es wirklich ein Zufluchtnehmen im Meer seiner Barmherzigkeit, ein Eintauchen in den tiefsten Grund seines für uns durchbohrten Herzens. Das sehen wir bei den Aposteln, die von dort ausgehend in die Freiheit geführt worden sind – im wahrsten Sinne des Wortes! Und nun stehen diese Zeugen für Christus vor dem Hohen Rat und können dieses Psalmwort wirklich auf sich beziehen, die sie sich ganz zum Herrn flüchten.
„Das Angesicht des HERRN richtet sich gegen die Bösen, ihr Andenken von der Erde zu tilgen.“ Das ist das Gottesbild König Davids, der die Psalmen komponiert hat. Er spricht aus Erfahrung, denn seine schweren Sünden haben Unheil nach sich gezogen. Der eigene Sohn Abschalom trachtete ihm sogar nach dem Leben. Aber wir verstehen heute, dass dies nicht heißt, dass Gott sich vom Angesicht des Sünders abgewandt hat. Vielmehr muss David, der durch die Sünde aus dem Stand der Gnade getreten ist, nun die Konsequenzen seiner Tat tragen und Gott muss es akzeptieren. Wenn die Wendung „ihr Andenken von der Erde zu tilgen“ verwendet wird, ist das ein Zeichen des Fluchs. Erinnert man sich dagegen auch nach dem Tod eines Menschen noch an ihn, ist es Zeichen des Segens. Dies können wir heute auf die Gottlosen der Lesung beziehen. Ihre Sünde schreit zum Himmel und zieht lange Kreise. So ist es ein tröstliches Psalmwort auch für die Apostel, die genau wissen, dass Gott das Unrecht, das an dem Evangelium Jesu Christi begangen wird, nicht ohne Konsequenzen bleibt. Die Hohepriester haben aus ihrem Fehler am Sohn Gottes nicht gelernt und wollen ihn an Jesu Aposteln wiederholen. Das wird Konsequenzen nach sich ziehen.
„Die aufschrien, hat der HERR erhört, er hat sie all ihren Nöten entrissen.“ Gott ist barmherzig und er hört das Schreien seines Volkes. Er hat dies schon getan, als sein auserwähltes Volk unter der Sklaverei Ägyptens litt. Er hat das Schreien der Propheten gehört, die für seine Weisung umgebracht worden sind. Er hat auch das Schreien seines eigenen Sohnes am Kreuz gehört. So hat er ihn von den Toten auferweckt und ihn über alle erhöht. Und so hört er auch das Schreien der Apostel, die mutig für Christus einstehen und dafür bedroht werden.
Dann macht David eine entscheidende Beobachtung: Gott bringt den zerschlagenen Geistern und zerbrochenen Herzen Hilfe. Erstens müssen wir das auf David selbst beziehen, der hier aus Erfahrung spricht. Seine Sünde hat ihn unglücklich gemacht, in erster Linie wegen der zerbrochenen Beziehung zu Gott. Er hat sich selbst gedemütigt, er hat sich selbst in seiner ganzen Unvollkommenheit und Erlösungsbedürftigkeit gesehen. Dieser realistische Selbstblick ist, was wir Demut nennen und das der fruchtbare Ausgangspunkt für Gottes Gnade ist. So ist es auch mit dem ganzen Volk Israel, das immer wieder schuldig geworden ist durch Götzendienst, das immer wieder die schmerzhaften Konsequenzen tragen musste und so nach dem Messias geschrien hat. Dieser ist gekommen, er ist die Hilfe, er ist Jesus, „Jahwe rettet“. Gott rettet auch die Menschen heute, indem er jenen die Taufgnade schenkt, die umkehren und an ihn glauben. Er rettet jeden einzelnen Menschen, der schuldig geworden ist und voller Reue, mit einem zerschlagenen Geist und einem zerbrochenen Herzen zu ihm zurückkehrt. Er ist sofort bereit, den Menschen zu vergeben, die von Herzen umkehren. Er versetzt uns alle dann wieder zurück in den Stand der Gnade. Das Sakrament der Versöhnung ist ein ganz großes Geschenk, das viel zu selten angenommen wird. Und am Ende der Zeiten wird Gott allen zerbrochenen Herzen und zerschlagenen Geistern die Tränen von den Augen abwischen. Sie alle werden das Heil schauen und in Ewigkeit bei Gott sein. Jesus hat so viel gelitten und ist am Ende schandvoll gestorben, doch mit der Auferstehung hat er, haben auch alle seine Lieben, vor allem seine mitleidende Mutter, allen Grund zu feiern und sich zu freuen. Sie sind beide jetzt mit Leib und Seele bei Gott und sind in der ewigen Glückseligkeit, die auch wir erfahren dürfen, wenn wir den Weg Jesu nachgehen. Gebe Gott, dass auch die hochmütigen Hohepriester von ihrem hohen Ross herabsteigen und sich so sehen, wie sie sind, auf dass sie mit zerschlagenem Geist zu Gott zurückkehren und auch Jesus als den Christus anerkennen.
Wir dürfen darauf vertrauen, dass Gott uns allem Bösen entreißt. Er tut dies schon zu unseren Lebzeiten immer wieder. Wie viele Katastrophen erleben wir im Laufe unseres Lebens und wie oft hilft uns der Herr da heraus? Er tut dies auch mit den moralischen Gefahren, den geistigen Anfechtungen, allen Angriffen des Bösen, durch die er uns zur Sünde provozieren will. Gott schenkt uns die helfende Gnade und verleiht uns vor allem durch das Sakrament der Beichte die Kraft, die Standhaftigkeit, die Selbstbeherrschung und Wachsamkeit, den Angriffen des Bösen beim nächsten Mal besser widerstehen zu können. Und spätestens nach unserem Tod wird er uns ganz in Sicherheit bringen, wo wir nicht mehr kämpfen müssen, wo uns der Böse nichts mehr anhaben kann.

Joh 3
31 Er, der von oben kommt, steht über allen; wer von der Erde stammt, ist irdisch und redet irdisch. Er, der aus dem Himmel kommt, steht über allen.

32 Was er gesehen und gehört hat, bezeugt er, doch niemand nimmt sein Zeugnis an.
33 Wer sein Zeugnis annimmt, hat besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.
34 Denn der, den Gott gesandt hat, spricht die Worte Gottes; denn ohne Maß gibt er den Geist.
35 Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben.
36 Wer an den Sohn glaubt, hat das ewige Leben; wer aber dem Sohn nicht gehorcht, wird das Leben nicht sehen, sondern Gottes Zorn bleibt auf ihm.

Heute hören wir ein weiteres Mal einen Ausschnitt aus dem Gespräch Jesu mit Nikodemus. Jesus führt weiter aus, was er bereits angeschnitten hatte – der aus dem Geist wiedergeborene Mensch ist es aufgrund des Messias, der von oben kommt. Was heißt das?
„Er, der von oben kommt, steht über allen“ – Jesus ist das ewige Wort, das vor aller Zeit beim Vater war, das keinen Anfang und kein Ende hat. Er steht über allen, weil alle geschaffen sind im Gegensatz zu ihm.
„Wer von der Erde stammt, ist irdisch und redet irdisch.“ Menschen, die biologisch in diese Welt geboren worden sind, denken ganz in den irdischen Kategorien. Sie sind diesen ganz verhaftet. Jesus, der über sich in der dritten Person spricht, ist aber nicht einfach nur in diese Welt geboren. Er ist gleichzeitig Gott und steht über allen Irdischen.
Er bezeugt, was er gesehen und gehört hat, nämlich den Vater. Jesus ist der einzige authentische Exeget Gottes, weil er ganz eins ist mit ihm. Sein ganzes Wesen ist eine einzige Auslegung des Vaters. Er bezeugt ihn mit jedem Blick, mit jedem Wort, mit jeder Geste, mit seiner reinen Anwesenheit. Und doch nehmen die Menschen ihn nicht an. Man könnte denken, aber warum nicht, wenn er doch eine einzige Auslegung des Vaters ist? Jesus hat die Antwort schon vorweggenommen: Die Menschen sind dem irdischen Denken verhaftet. Sie verstehen nur, was innerhalb dieser irdischen Kategorien verständlich ist. Wenn er dagegen als Himmlischer himmlisch ist, fällt es den Menschen schwer, es zu fassen. Es ist aber nicht unmöglich, denn Jesus sagt: „Wer sein Zeugnis annimmt, hat besiegelt, dass Gott wahrhaftig ist.“ Jesus und der Vater sind eins, deshalb fährt er fort: „Denn der, den Gott gesandt hat, spricht die Wortes Gottes; denn ohne Maß gibt er den Geist.“ Wer Christus annimmt mit dem, was er bezeugt, nimmt den Vater an, nimmt Gott an, der die beiden sind, aber nicht nur die beiden, sondern auch der Geist, den Christus ohne Maß gibt. Es ist eine dreifaltige Aussage.
Weiterhin führt Jesus aus, wie sein Verhältnis zum Vater ist: „Der Vater liebt den Sohn und hat alles in seine Hand gegeben.“ Jesus sagt selbst, dass er die volle göttliche Vollmacht hat. In seiner Hand ist alles, nicht nur ein wenig, alles. Und deshalb hängt das gesamte Heil des Menschen davon ab, ob er Christus anerkennt oder nicht. Deshalb sagt er, dass der Glaube an ihn zum ewigen Leben führt. Dies bezeugen wir äußerlich durch die Taufe. Deshalb ist sie heilsnotwendig. Wer aber nicht an den Christus glaubt, das heißt, wer ihm nicht gehorcht (Glaube und Gehorsam gehören zusammen! Vergleiche Noah, Abraham, Maria etc.), auf dem bleibt Gottes Zorn. So ist es unmöglich, das ewige Leben zu haben, das heißt bei Gott zu sein. Dann erwartet einen die ewige Abgeschnittenheit von Gott.
Was Jesus hier erklärt, ist absolut auf die Hohepriester zu beziehen, die in der Lesung die Apostel verhören. Sie haben bei Jesus einen großen Fehler begangen und nicht die Apostel bringen das Blut Jesu über sie, sondern sie haben es selbst getan im Moment der Auslieferung an Pilatus. Sie haben etwas Schreckliches getan, doch nun erhalten sie eine zweite Chance. Sie könnten Jesus rehabilitieren und für ihre schwere Sünde büßen. Stattdessen wiederholen sie die Sünde und erkennen gar nicht, was sie falsch gemacht haben. Sie bleiben weiterhin im Unglauben und wollen Jesus nicht als den Messias erkennen. Sie verschließen sich der Vergebung und somit dem ewigen Leben. Jetzt stehen die Apostel schon direkt vor ihnen und bekennen freimütig, was die Wahrheit ist. Doch sie wollen es nicht annehmen. Stattdessen erfüllt es sie mit noch mehr Zorn und sie wollen nun auch diese mundtot machen. Sie erkennen die Zeit der Gnade nicht. Sie sind von der Erde und denken ganz irdisch. Sie schaffen es nicht, die himmlische Denkweise nachzuvollziehen. Sie schaffen es nicht nur nicht, sondern sie wollen es auch gar nicht. Ihre Haltung ist ganz ablehnend.

Erkennen wir in den Hohepriestern Negativbeispiele und machen wir es ihnen nicht nach in der Verstocktheit und anhaltenden Ablehnung der offensichtlichen Wahrheit. Seien wir vielmehr wie die Jerusalemer, die die Zeichen und Wunder sehen, die sich von den Worten des Evangeliums berühren lassen und umkehren, Tag für Tag aufs Neue!

Ihre Magstrauss

Samstag der Osteroktav

Apg 4,13-21; Ps 118,1-2.14-15.16-17.18-19.20-21; Mk 16,9-15

Apg 4
13 Als sie den Freimut des Petrus und des Johannes sahen und merkten, dass es ungebildete und einfache Leute waren, wunderten sie sich. Sie erkannten sie als Jünger Jesu,

14 sahen aber auch, dass der Geheilte bei ihnen stand; so konnten sie nichts dagegen sagen.
15 Sie befahlen ihnen, den Hohen Rat zu verlassen; dann berieten sie miteinander
16 und sagten: Was sollen wir mit diesen Leuten anfangen? Dass ein offenkundiges Zeichen durch sie geschehen ist, das ist allen Einwohnern von Jerusalem bekannt; wir können es nicht abstreiten.
17 Damit aber die Sache nicht weiter im Volk verbreitet wird, wollen wir ihnen unter Drohungen verbieten, je wieder in diesem Namen zu irgendeinem Menschen zu sprechen.
18 Und sie riefen sie herein und verboten ihnen, jemals wieder im Namen Jesu zu verkünden und zu lehren.
19 Doch Petrus und Johannes antworteten ihnen: Ob es vor Gott recht ist, mehr auf euch zu hören als auf Gott, das entscheidet selbst.
20 Wir können unmöglich schweigen über das, was wir gesehen und gehört haben.
21 Jene aber drohten ihnen noch mehr und ließen sie dann gehen; denn sie sahen keine Möglichkeit, sie zu bestrafen, mit Rücksicht auf das Volk, da alle Gott wegen des Geschehenen priesen.

Gestern hörten wir bereits das freimütige Bekenntnis des Petrus vor dem Hohen Rat, als Johannes und er vernommen werden. Er hat ganz offen erklärt, dass die Heilung im Namen dessen geschehen ist, den die Hohepriester haben umbringen lassen, Jesus der Christus.
Heute hören wir nun die Reaktion derer, die sie verhören.
Sie wundern sich über den Freimut, mit dem die Apostel vor ihnen stehen. Normalerweise würde man erwarten, dass ein Menschen ganz eingeschüchtert und kleinlaut vor der religiösen Elite Israels ist. Doch diese ganz einfachen Männer, die keinerlei Bildung genossen haben, sprechen total tiefgründig und legen die Heilige Schrift aus. Die Hohepriester merken, dass hier etwas passiert, denn auf solch tiefe Gedanken, die selbst die der Schriftgelehrten übersteigt, kann ihrer Meinung nach ein einfacher Jude nicht kommen. Für uns Hörer des Wortes Gottes heute ist das ein ganz klares Zeichen für den Hl. Geist, der den Menschen am besten unterweist in der Weisheit Gottes. Er ist es, der die Linien der gesamten Schrift auf Christus zusammenführt. Er deckt den Menschen auf, wie die messianischen Verheißungen sich erfüllt haben.
Die Hohepriester sind verwirrt, müssen aber glauben, dass die Heilung tatsächlich stattgefunden hat. Schließlich steht der Geheilte neben den Aposteln vor ihnen.
Interessant ist auch, dass die Hohepriester die Apostel wiedererkennen. Die Ereignisse um Jesus herum sind jetzt noch nicht allzu lange her, aber dennoch sehen sie ja viele Menschen im Laufe der Zeit. Der Tempel wird von Gläubigen ja immerzu aufgesucht.
Die Situation ist etwas verzwickt für den Hohen Rat. Sie möchten keinen öffentlichen Aufruhr, indem sie die Apostel bestrafen, denn alle preisen Gott dafür und halten es wirklich für eine gute Tat. Sie können aber auch nicht so tun, als sei nie etwas geschehen. Das ganze Volk hat den Geheilten gesehen und die Bekenntnisrede des Petrus gehört.
Also schärfen sie den Aposteln unter Drohungen ein, nicht mehr im Namen Jesu aufzutreten und zu verkündigen.
Die Apostel nehmen kein Blatt vor den Mund und sagen auf geschickte Weise (entscheidet selbst), dass sie Gott mehr gehorchen werden als den Hohepriestern.
Was sie erlebt haben, hat ihr Leben dermaßen verändert und sie so begeistert, dass sie es einfach gar nicht für sich behalten können.
Das ist für uns ein wichtiges Stichwort. Hier geht es nicht einfach nur um die Osterfreude, die geteilt werden will. Sie sind durch den Hl. Geist neugeboren worden. Der Hl. Geist ist die Liebesglut Gottes, die immer über den Menschen hinausgeht. Sie ist so groß, dass sie über die Liebe, die Gott in sich ist, hinausgeht und die Welt schafft. Menschen als Gottes Abbild sind mit dieser Liebesglut geschaffen worden, dass ihre Liebe ebenfalls über sich selbst hinausgeht und neues Leben schafft. Und so ist es auch mit der geistlichen Natur der neuen Schöpfung, zu der die Apostel nun gehören. Die in ihre Herzen ausgegossene Liebe strömt über sie hinaus zu den Menschen, mit denen sie diese Liebesglut teilen müssen. Sie können nicht anders, denn es drängt sie, dies weiterzugeben.
Der Hohe Rat droht ihnen noch mehr, weil sie nicht wieder dasselbe Procedere durchmachen will wie mit Jesus, der eine ganze Volksbewegung verursacht hat. Die Hohepriester mögen sich noch so bemühen wie sie wollen. Gott ist stärker und auch wenn sie Jesus umgebracht haben, kann das Reich Gottes nicht gestoppt werden. Im Gegenteil. Dadurch haben sie es erst so richtig in Gang gebracht.

Ps 118
1 Dankt dem HERRN, denn er ist gut, denn seine Huld währt ewig!
2 So soll Israel sagen: Denn seine Huld währt ewig.
14 Meine Stärke und mein Lied ist der HERR; er ist für mich zur Rettung geworden.
15 Schall von Jubel und Rettung in den Zelten der Gerechten: Die Rechte des HERRN, Taten der Macht vollbringt sie,
16 die Rechte des HERRN, sie erhöht, die Rechte des HERRN, Taten der Macht vollbringt sie.
17 Ich werde nicht sterben, sondern leben, um die Taten des HERRN zu verkünden.
18 Der HERR hat mich gezüchtigt, ja, gezüchtigt, doch mich dem Tod nicht übergeben.
19 Öffnet mir die Tore der Gerechtigkeit, ich will durch sie hineingehn, um dem HERRN zu danken!
20 Dies ist das Tor zum HERRN, Gerechte dürfen hineingehn.
21 Ich will dir danken, dass du mir Antwort gabst, du bist mir zur Rettung geworden.

Heute beten wir den so wunderbaren Psalm 118, der durch die Auferstehung Jesu Christi zu unserem Lebensprogramm geworden ist. Ja, Gottes Huld währt ewig, denn er ist gut. Kein anderer Gott hat sich jemals von seinen geliebten Kindern umbringen lassen, um ebenjene von allen Sünden zu erlösen!
„Israel“ ist nun nicht mehr nur das irdische Volk der zwölf Stämme, sondern meint nun alle, die an Christus glauben. Wir alle sollen nun sagen: „Seine Huld währt ewig.“ Wir sind es, die Gott fürchten.
Gott ist wirklich die Stärke und das Lied aller, die gerettet worden sind. Er selbst ist zur Rettung geworden, indem er Mensch wurde, unter den Menschen lebte und sich für sie hingegeben hat.
Die „Zelte der Gerechte“ erkennen wir jetzt nicht mehr nur als Häuser jener Israeliten, die in der Wüste ihr Zelt aufschlugen, sondern es meint vor dem Hintergrund der Apostelgeschichte auch jene, in deren Häusern die Eucharistie gefeiert worden ist.
Die Rechte des Herrn hat wirklich große Taten vollbracht. Damals schon beim Auszug aus Ägypten hat er heftige Wunder getan, sogar das Meer gespalten! Doch was er nun an Christus getan hat, ist unvergleichlich höher! Er hat nämlich seinen einzigen Sohn hingegeben. Dieser ist gestorben und von den Toten auferstanden, um das ewige Leben aller Menschen gestern, heute und morgen zu erwirken!
Gott hat durch die Auferstehung seines Sohnes wirklich seine Macht bewiesen. Das war die größte Heilstat aller Zeiten, die die Menschen gestern, heute und morgen erlöst hat!
Und deshalb darf der Mensch voller Freude sagen: „Ich werde nicht sterben, sondern leben, um die Taten des HERRN zu verkünden.“ Ja, das ist die einzig angemessene Antwort auf die Erlösung, die uns zuteilgeworden ist – ihn zu verkünden und immerfort Zeugnis für ihn abzulegen.
Gott züchtigt seine Kinder, das heißt, er erzieht uns und gibt uns Lektionen auf, damit wir unser eigenes Ego immer mehr abbauen, demütiger werden und ihm immer besser nachfolgen. Dies ist uns gestern sehr eindrücklich an Petrus deutlich geworden. Und das allnächtliche Fischen ohne Erfolg, das uns im gestrigen Evangelium berichtet worden ist, ist genau so eine Züchtigung. Gott lässt es zu, damit die Apostel lernen, dass sie ganz auf ihn angewiesen sind, der ihnen Segen und Erfolg schenkt, selbst in dem Beruf, den sie professionell ausüben können.
Und auch wenn Gott manchmal wartet, bis wir in die Knie gezwungen werden, lässt er uns doch nicht in die Irre gehen oder sogar sterben. Er rettet uns und wir können nicht tiefer fallen als in Gottes Hand.
Bemerkenswert ist das hier verwendete Tor-Motiv. Der Psalm ist ja ein Wallfahrtspsalm, weshalb in diesem Kontext zunächst auch wieder die Stadttore Jerusalems und des Tempels gemeint sind. Dass v.a. das zweite zu verstehen ist, sieht man an der Bemerkung, dass nur Gerechte hineingehen dürfen. Dem HERRN zu danken, meint nicht nur mit Worten, sondern auch mit Dankopfern. Umso mehr ist also der Tempel in Jerusalem gemeint. Wir Christen beten auch diesen Psalm, also müssen wir ihn auch allegorisch betrachten. Die Tore sind dann die Kirchentore, durch die wir zum Allerheiligsten gelangen, das die Eucharistie im Tabernakel/in der Monstranz oder in der Hl. Messe ist. Der entscheidende und berührende Unterschied: Jeder darf zum Allerheiligsten kommen, auch die Ungetauften. Bei den Juden gab es verschiedene Bereiche auf dem Tempelgelände, die, je näher man dem Allerheiligsten (der Bundeslade) kam, von immer weniger Befugten betreten werden durften. Hier dürfen nun alle kommen. Jesus hat es schon grundgelegt, indem er gesagt hat: „Ich bin die Tür. Wer durch mich hindurchgeht, wird gerettet werden (Joh 10). Das Allerheiligste in sich aufnehmen durch den Empfang der Kommunion dürfen aber auch heute nur die Gerechten, wir sagen theologisch die im Stand der Gnade Seienden. In dieser moralischen Auslegung versteht man die Aussage „Tore der Gerechtigkeit“. Durch die Taufe und danach durch die Beichte öffnen sich diese Tore der Gerechtigkeit, sodass man in Gemeinschaft mit Gott sein kann.
Wir sind in der Osteroktav und danken dem Herrn jeden Tag für seine große Rettung, mit der er uns Antwort auf die Sehnsucht nach Erlösung gegeben hat. Wir danken dem Herrn in besonderer Weise durch das Gloria.

Mk 16
9 Als Jesus am frühen Morgen des ersten Wochentages auferstanden war, erschien er zuerst Maria aus Magdala, aus der er sieben Dämonen ausgetrieben hatte.
10 Sie ging und berichtete es denen, die mit ihm zusammengewesen waren und die nun klagten und weinten.
11 Als sie hörten, er lebe und sei von ihr gesehen worden, glaubten sie es nicht.
12 Darauf erschien er in einer anderen Gestalt zweien von ihnen, als sie unterwegs waren und aufs Land gehen wollten.
13 Auch sie gingen und berichteten es den anderen und auch ihnen glaubte man nicht.
14 Später erschien Jesus den Elf selbst, als sie bei Tisch waren; er tadelte ihren Unglauben und ihre Verstocktheit, weil sie denen nicht glaubten, die ihn nach seiner Auferstehung gesehen hatten.
15 Dann sagte er zu ihnen: Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!

Als Evangelium wird uns heute wieder ein österlicher Text vorgelesen. Die Erscheinungen des Auferstandenen werden im Markusevangelium etwas knapper erzählt als in anderen Evangelien, weil das gesamte Evangelium etwas kürzer ausfällt.
Wir erfahren noch einmal, dass Jesus am ersten Tag der Woche auferstanden ist und dies im Morgengrauen. Die tiefe Bedeutung der Auferstehung mit dem Aufgehen der Sonne habe ich mehrfach schon thematisiert. Nach jüdischem Verständnis kommt der Messias aus dem Osten – das Wort für den Osten ist dasselbe Wort für den Sonnenaufgang! Es ist also absolut logisch, dass Christus also mit dem Aufgang der Sonne von den Toten auferstanden ist, er ist die Sonne der Gerechtigkeit!
Wir erfahren auch nochmal, dass Maria Magdalena die erste Zeugin der Auferstehung ist. Hier wird auch angemerkt, dass Jesus sieben Dämonen aus ihr ausgetrieben hat. Dies ist unterschiedlich gedeutet worden: Entweder waren es wirklich sieben Dämonen oder die Siebenzahl ist ein Zahlencode für die Fülle. Dann wären es einfach viele unterschiedliche Dämonen. Oder es ist angenommen worden, dass damit die sieben Todsünden/Hauptsünden gemeint sind, worauf die Siebenzahl geschlossen worden ist. Eines ist auf jeden Fall klar: Maria Magdalena war ganz tief verstrickt in die Sünde. Durch Jesus hat sie eine tiefe Bekehrung erlebt. Von da an hat die reiche Witwe Jesus und seine Jünger mit ihrem Vermögen unterstützt und ist selbst Jüngerin Jesu geworden mit einer brennenden Liebe zu ihm.
Wir hören davon, dass Maria Magdalena den Aposteln von ihrer Begegnung mit dem Auferstandenen berichtet und diese es zunächst nicht glauben.
Es wird sogar das Emmaus-Ereignis angesprochen, auch wenn die Details nicht ausgefaltet werden.
Jesus erscheint schließlich den Aposteln und spricht sie auf ihren Kleinglauben an. Diese Apostel vor dem Pfingstereignis sind noch ganz anders als nach der Gabe des Hl. Geistes. Dann haben sie keine Angst mehr, stehen mutig ein für Christus und haben einen brennenden Glauben.
Gottes Geist kann Menschen wirklich ganz verwandeln!
Wir hören auch davon, dass Christus seine Apostel in die ganze Welt aussendet, um das Evangelium zu verkünden. In der Apostelgeschichte lesen wir einen ersten Anfang dieser Evangelisierung. Sie beginnt im Kern, in Jerusalem und dann auch noch im Tempel. Das ist wichtig, denn dort wohnt die Herrlichkeit Gottes.
Das zeigt uns, dass auch wir, die wir Österliche sind, die wir getauft sind auf den Tod und die Auferstehung Jesu Christi, die wir den Hl. Geist empfangen haben, ebenfalls das Evangelium verkünden müssen mit unserem eigenen Leben, aber auch mit unserem freimütigen Bekenntnis. Dieser missionarische Kerngedanke ist heutzutage so sehr abhanden gekommen und eingeschlafen. Wir alle haben diese Berufung durch die Taufe. Jeder von uns hat die Verantwortung von Gott bekommen. Dabei denken viele: „Ach, ich bin doch nur ein normaler Mensch. Was kann ich schon ausrichten?“ Manche denken sogar: „Was andere tun, ist nicht meine Sache. Hauptsache ich halte mich an die Gebote Gottes. Religion ist Privatsache.“ Dabei verkennen sie, dass ihr ganzer Lebensstil ein einziger missionarischer Akt sein soll. Wir können gar nicht anders, als aufzufallen in einer Welt zunehmender Säkularisierung. Wenn wir dann auf unser Anderssein angesprochen werden, sollen wir mutig einstehen für den Glauben und erklären, was unsere Motivation für ein solches Leben ist. Das ist dann die Gelegenheit, wie Petrus in den Hallen Salomos den Tod und die Auferstehung Jesu Christi zu verkünden, sodass die Menschen innerlich davon ergriffen werden und sich ebenfalls für Christus begeistern lassen.

Ostern und Pfingsten führen hinein in ein missionarisches Leben und Gott wird uns am Ende unseres Lebens die verpassten Gelegenheiten aufzeigen. Dann wird er von uns Rechenschaft verlangen. Er hat uns den Geist gegeben, damit er übersprudelt und übergeht auf andere. Haben wir dann genug davon weitergegeben oder es für uns selbst behalten?

Ihre Magstrauss

Freitag der 5. Woche der Fastenzeit

Jer 20,10-13; Ps 18,2-3.4-5.6-7b.7cdu. 20; Joh 10,31-42

Jer 20
10 Ich hörte die Verleumdung der Vielen: Grauen ringsum! Zeigt ihn an! Wir wollen ihn anzeigen. Meine nächsten Bekannten warten alle darauf, dass ich stürze: Vielleicht lässt er sich betören, dass wir ihn überwältigen und an ihm Rache nehmen können.

11 Doch der HERR steht mir bei wie ein gewaltiger Held. Darum straucheln meine Verfolger und können nicht überwältigen. Sie werden schmählich zuschanden, da sie nichts erreichen, in ewiger, unvergesslicher Schmach.
12 Aber der HERR der Heerscharen prüft den Gerechten, er sieht Nieren und Herz. Ich werde deine Vergeltung an ihnen sehen; denn dir habe ich meinen Rechtsstreit anvertraut.
13 Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.

Heute hören wir aus dem Buch Jeremia einen Abschnitt aus der fünften Konfession. Dort beschreibt er die bösen Absichten seiner Gegner, die darauf warten, dass er stürzt. Sie sind es, die ihn verleumden und somit auch Gott. Sie wollen ihn anzeigen und sich an ihm Rächen, weil er immer wieder eine Botschaft verkündet, die sie nicht hören wollen. Jeremia muss wirklich viel für das Wort Gottes leiden und wird somit zum Typos Christi.
Gott lässt ihn nicht allein, genauso wenig wie er seinen eigenen Sohn am Kreuz allein gelassen hat. Er ist „wie ein gewaltiger Held.“ Zwar erweckt er Jeremia nicht zum Leben, doch er sorgt für Gerechtigkeit. Er wird Jeremias Gegnern keinen Segen verleihen und ihre Missetaten auf sie zurücklenken.
Gott prüft den Gerechten, er schaut auf sein Inneres, was mit „Nieren und Herz“ immer gemeint ist. Gott schaut die innersten Regungen des Menschen. Jeremia versteht sein Leiden somit als Prüfung Gottes.
Er vertraut darauf, dass Gott das Unrecht vergelten wird, das dem Propheten widerfährt. Er begründet es damit dass er Gott seinen „Rechtsstreit anvertraut“. Gott ist ein gerechter Richter. Wenn man das Gericht ihm überlässt, erhält jeder Beteiligte ein absolut angemessenes Urteil. Menschliche Gerichte sind dagegen ungerecht, wie Jeremia am Anfang der Lesung ja herausgestellt hat. Er steht für eine gute Sache ein, nämlich für Gottes Botschaft, doch die Menschen möchten ihn anzeigen, vor die Gerichte bringen.
Er vertraut Gott ganz und fordert sogar zum Lobpreis auf: „Singt dem HERRN, rühmt den HERRN; denn er rettet das Leben des Armen aus der Hand der Übeltäter.“ Ja, er wird auch Jesus aus der Hand seiner Übeltäter befreien und ihn über alle anderen erhöhen. Er wird auch uns immer wieder aus den Klauen des Bösen retten, der unsere Seele von Gott wegführen will. Er rettet uns vom seelischen Tod durch die Heilsmittel und schließt dafür den Taufbund mit uns. Er wird uns schließlich auch am Ende der Zeiten retten, wenn alles zusammenbrechen wird. Dann werden wir ein für allemal aus den Fängen des Bösen befreit. Dann werden wir erst recht Gott loben und preisen in Ewigkeit.

Ps 18
2 Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke,
3 HERR, du mein Fels und meine Burg und mein Retter; mein Gott, mein Fels, bei dem ich mich berge, mein Schild und Horn meines Heils, meine Zuflucht.
4 Ich rufe: Der HERR sei hoch gelobt! und ich werde vor meinen Feinden gerettet.
5 Mich umfingen die Fesseln des Todes und die Fluten des Verderbens erschreckten mich.
6 Mich umstrickten die Fesseln der Unterwelt, über mich fielen die Schlingen des Todes.
7 In meiner Not rief ich zum HERRN und schrie zu meinem Gott, er hörte aus seinem Tempel meine Stimme, mein Hilfeschrei drang an seine Ohren.

Der Psalm stellt einen schönen Lobpreis dar, sozusagen als Fortsetzung und Vertiefung der Lesung.
„Ich will dich lieben, HERR, meine Stärke“ ist ein typischer Psalmbeginn. Nicht nur die Selbstaufforderung zum Lob ist oft am Anfang zu lesen, sondern auch eine Liebesbekundung oder eine Willenszusage. Gott ist Davids Stärke, dem wir diesen Lobpreis verdanken. All die Siege hat er durch die Stärke des HERRN zustande gebracht. Er hat sich auch nie angemaßt, dass es von ihm selbst komme. Er hat seine Macht und Stärke immer von Gottes Allmacht her gesehen. So können auch wir alles, was wir zustande bringen, auf Gott verweisen, der uns die Kraft gegeben hat. So werden wir nie überheblich und sind Gott immer dankbar für den Beistand, den er uns tagtäglich sendet.
In diesem Sinne ist auch Vers 3 zu verstehen. Gott ist der Fels, die Burg und der Retter. Er ist also auch die Zuflucht, die wir suchen sollen. Wenn wir uns auf Menschen verlassen und erwarten, dass diese uns glücklich machen, werden wir immer unglücklich und unzufrieden sein. Nur Gott kann uns wirklich dauerhaft trösten und beschützen. Er ist wirklich der Verlässliche, der uns entlasten will.
Es gibt keinen unangemessenen Zeitpunkt, Gott zu loben und zu preisen, denn ihm steht es immer zu. „Und ich werde vor meinen Feinden gerettet.“ Gott rettet seine geliebten Geschöpfe wirklich immer aus allen Gefahren. Diese betreffen den ganzen Menschen, nicht nur sein irdisches Dasein. Gott rettet nämlich auch unsere Seele vor dem ewigen Tod, er rettet uns aus dem Zustand der Todsünde, er rettet uns Menschen durch die Taufe. Diese Gefahren sind alle auf ihre Weise die „Fesseln des Todes“ und „die Fluten des Verderbens“. Wir denken zurück an die Sintflut, die die Folge der Sünde der ganzen Menschheit darstellte. Diese Flut bedeckt auch die Sünde der Menschheit bei der Taufe Jesu, als dieser untertaucht. Durch sein Untertauchen ist das Wasser der Wiedergeburt im Hl. Geist für uns zum Heil geworden und nicht mehr bedrohlich. Der Geist Gottes überflutet uns in jeder Hl. Messe, durch die Heilsmittel der Kirche, jedesmal, wenn wir wieder den Stand der Gnade geschenkt bekommen. Dann wird unser Inneres, die Seele als Gefäß, mit den Fluten jenes Wassers gefüllt, sodass wir nicht verdursten in einer Welt der Wüste. Was David also rückblickend schreibt, können wir auf unser Leben vor der Taufe, vor der Versöhnung mit Gott, auf die Menschen vor der Erlösung durch Jesus Christus beziehen – und schließlich auf die gesamte Menschheit in den Wehen der Endzeit, bevor der wiederkommende verherrlichte Menschensohn sie endgültig aus den Schlingen des Todes errettet.
David rief in seiner Not zum Herrn, der ihn aus dem Tempel her erhörte. Dieser Tempel war noch kein fest erbautes Gebäude, sondern das Offenbarungszelt. Auf Jeremia bezogen können wir schon den fest erbauten ersten Tempel hier identifizieren: Gott erhört auch ihn vom Tempel aus, der ja Gottes Wohnstatt auf Erden darstellt. Dieser salomonische Tempel wird jedoch bald zerstört, weil die Israeliten auf die Warnrufe der Propheten wie Jeremia nicht gehört und weiterhin den Baalen Opfer dargebracht haben. Wir können es auch auf Jesus Christus beziehen, der in seiner Todesnot am Kreuz zum Vater geschrien hat. Dieser hat ihn erhört vom Tempel her, der aber nicht nur den herodianischen Tempel Jerusalems meint, sondern vor allem vom Tempel des Leibes Jesu Christi her. Diesen meint Jesus ja auch bei der Tempelreinigung. Vom Tempel her, der nun jede Kirche mit Tabernakel ist, erhört Gott auch auf besondere Weise unsere Rufe, die wir bei ihm in der Eucharistie Zuflucht suchen. Und am Ende der Zeiten wird Gott das Schreien der leidenden Menschen auf Erden vom himmlischen Tempel aus erhören, wenn er in die Geschichte eingreift, um einen neuen Himmel und eine neue Erde zu schaffen.
Gott ist unsere Welt nicht egal. Sie ist seine Schöpfung, die er zum Heil führen will. Deshalb zürnt er und reagiert auf das Unrecht – im Kleinen wie im Großen. Das ist uns ein Trost und so dürfen wir auf das Heil am Ende schauen, auch wenn die derzeitige Situation alles andere als gut ist.

Joh 10
31 Da hoben die Juden wiederum Steine auf, um ihn zu steinigen.
32 Jesus hielt ihnen entgegen: Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?

33 Die Juden antworteten ihm: Wir steinigen dich nicht wegen eines guten Werkes, sondern wegen Gotteslästerung; denn du bist nur ein Mensch und machst dich selbst zu Gott.
34 Jesus erwiderte ihnen: Steht nicht geschrieben in eurem Gesetz: Ich habe gesagt: Ihr seid Götter?
35 Wenn er jene Menschen Götter genannt hat, an die das Wort Gottes ergangen ist, und wenn die Schrift nicht aufgehoben werden kann,
36 dürft ihr dann von dem, den der Vater geheiligt und in die Welt gesandt hat, sagen: Du lästerst Gott – weil ich gesagt habe: Ich bin Gottes Sohn?
37 Wenn ich nicht die Werke meines Vaters vollbringe, dann glaubt mir nicht!
38 Aber wenn ich sie vollbringe, dann glaubt wenigstens den Werken, wenn ihr mir nicht glaubt! Dann werdet ihr erkennen und einsehen, dass in mir der Vater ist und ich im Vater bin.
39 Wieder suchten sie ihn festzunehmen; er aber entzog sich ihrem Zugriff.
40 Dann ging Jesus wieder weg auf die andere Seite des Jordan, an den Ort, wo Johannes zuerst getauft hatte; und dort blieb er.
41 Viele kamen zu ihm. Sie sagten: Johannes hat kein Zeichen getan; aber alles, was Johannes über diesen gesagt hat, erwies sich als wahr.
42 Und viele kamen dort zum Glauben an ihn.

Im heutigen Evangelium ist es wieder so, dass die Worte Jesu, die sich aus seiner göttlichen Autorität speisen, die Juden sehr provozieren. So beginnt die Lesung heute mit einem Steinigungsversuch.
Jesus hält den Juden furchtlos entgegen: „Viele gute Werke habe ich im Auftrag des Vaters vor euren Augen getan. Für welches dieser Werke wollt ihr mich steinigen?“ Das trifft es auf den Punkt. Jesus hat viel verkündet, er hat aber vor allem durch seine Heilstaten überzeugt. Nun fragt er also ganz ironisch, was der Grund für seine Hinrichtung sein soll.
Die Juden entgegnen ihm, dass sie ihn aber nicht wegen der Taten, sondern der blasphemischen Worte steinigen wollen. Diese bestehe in seinem Anspruch, Gottes Sohn zu sein.
Sie haben durch ihre eigenen Worte etwas erkennen lassen: Sie haben die Einheit zwischen Jesu Worten und Werken nicht erkannt. Hätten sie von den Werken auf seine Worte geschlossen, hätte es bei ihnen Klick machen müssen und sie hätten die Erfüllung all der messianischen Verheißungen ihrer Hl. Schriften erkannt. Stattdessen sehen sie rot bei den Worten Jesu, die er mit göttlicher Autorität gesprochen hat.
Jesus verweist daraufhin auf Psalmworte, die von ihrer Formulierung her noch viel provokativer sind, die sie aber als Gotteswort einstufen und nicht abändern. Es geht um Ps 82,6. Da heißt es sogar „ihr seid Götter.“ Dies ist noch viel radikaler als Jesu Worte der Gottessohnschaft.
Bei Psalm 82 geht es um die abgefallenen Israeliten. Sie hätten „Götter“ sein können im Sinne des ewigen Lebens, doch werden wie Menschen sterben, weil sie gesündigt haben. Hier geht es um die Gegenüberstellung von „Gott“ und „Mensch“. Das Ganze ist eingebettet in einen poetischen Rahmen. Psalmensprache ist voll von rhetorischen Stilmitteln, die natürlich nicht wortwörtlich genommen werden kann. Das verstehen die Juden auch, aber im Falle Jesu zeigen sie nicht einmal den Willen, ihn zu verstehen.
Jesus nennt diese Schriftstelle, um herauszustellen: Wenn die Juden schon das Wort Gottes annehmen, selbst wenn solche Bibelstellen von ihrer Sprache her provokativ sind, umso mehr sollten sie das fleischgeworden Wort Gottes annehmen, das direkt vom Vater kommt! Seine Autorität steht doch über dem Buchstaben! Ihn sollten die Juden noch viel mehr gläubig annehmen, doch sie zeigen nicht einmal den Willen, diese scheinbare Provokation zu verstehen. Jesus will sie lehren, doch sie sind unbelehrbar. Lieber greifen sie zu Steinen und machen das fleischgewordene Wort Gottes mundtot.
Jesus versucht, von ihnen wenigstens ein Mindestmaß an Glauben zu erlangen, nämlich dem Glauben seiner Werke. Denn allein schon jene Heilstaten müssten sie erkennen lassen, dass Jesus der Messias ist, der Sohn Gottes, der alles in Einheit mit dem Vater tut.
Es bringt nichts. Die Juden wollen ihm wieder etwas antun und so muss Jesus das Gebiet verlassen. Er geht auf die andere Seite des Jordan, in das Gebiet der Johannestaufe. Dort wirkt er offensichtlich viele weitere Heilstaten, denn die Menschen dort erkennen, dass alle Vorhersagen des Täufers auf Jesus zutreffen. So werden viele der Johannesjünger in jenem Gebiet Jünger Jesu.
Diese Menschen stellen heute ein Positivbeispiel dar. Sie glauben den Werken Jesu im Gegensatz zu den Juden in Jerusalem (mit „Juden“ ist im Johannesevangelium an solchen Stellen oft die religiöse Elite gemeint, die sich aus den Hohepriestern, Ältesten, Pharisäern und Schriftgelehrten zusammensetzt). Sie empfinden Jesu Wirken nicht als blasphemisch, sondern erkennen die Erfüllung messianischer Verheißungen. Sie verstehen mehr von der Hl. Schrift als die eigentlichen Gelehrten. Das ist eine einzige tragische Ironie.

Wie ist es bei uns?

Nehmen wir das Wort Gottes an, auch wenn es Kritik an uns richtet? Uns herausfordert? Uns zur Umkehr aufruft? Nehmen wir es an, wenn Gott uns durch die Propheten heutiger Zeit anspricht? Oder wollen wir sie lieber mundtot machen, weil sie in der Welt einen Störfaktor darstellen, der unsere Komfortzone bedroht?
Schauen wir immer genau hin, denn Gott spricht auch auf unerwartete Weise zu uns. Und jene, auf die wir uns allzu sehr verlassen, könnten uns in die Irre führen. Es gibt viele falsche Propheten und es werden immer mehr. Beten wir um die Gabe der Unterscheidung der Geister und suchen wir in allem immer Zuflucht bei Gott. Vergessen wir auch in unserer heutigen Zeit nie, das der Kern des Evangeliums in der Umkehr besteht und Gott uns aus unserer Not immer heraus hilft, egal was passiert.

Mit diesem Vertrauen dürfen wir auf die Karwoche zugehen.

Ihre Magstrauss

Montag der 5. Woche der Fastenzeit

Dan 13,1-9.15-17.19-30.33-62; Ps 23,1-3.4.5.6; Joh 8,1-11 oder Joh 8,12-20

Dan 13
1 In Babylon wohnte ein Mann mit Namen Jojakim.

2 Er hatte Susanna, die Tochter Hilkijas, zur Frau; sie war sehr schön und gottesfürchtig.
3 Und ihre Eltern waren gerecht und hatten ihre Tochter nach dem Gesetz des Mose unterwiesen.
4 Jojakim war sehr reich; er besaß einen Garten nahe bei seinem Haus. Die Juden pflegten bei ihm zusammenzukommen, weil er der Angesehenste von allen war.
5 Als Richter amtierten in jenem Jahr zwei Älteste aus dem Volk, von denen galt, was der Herr gesagt hat: Ungerechtigkeit ging von Babylon aus, von den Ältesten, von den Richtern, die als Leiter des Volkes galten.
6 Sie hielten sich regelmäßig im Haus Jojakims auf und alle, die eine Rechtssache hatten, kamen zu ihnen.
7 Hatten sich nun die Leute um die Mittagszeit wieder entfernt, dann kam Susanna und ging im Garten ihres Mannes spazieren.
8 Die beiden Ältesten sahen sie täglich kommen und umhergehen; da regte sich in ihnen die Begierde nach ihr.
9 Ihre Gedanken gerieten auf Abwege und sie wandten ihre Augen davon ab, zum Himmel zu schauen und an die gerechten Strafen zu denken.
15 Während sie auf einen günstigen Tag warteten, kam Susanna eines Tages wie gewöhnlich in den Garten, nur von zwei Mädchen begleitet, und wollte baden; denn es war heiß.
16 Niemand war dort außer den beiden Ältesten, die sich versteckt hatten und ihr auflauerten.
17 Sie sagte zu den Mädchen: Holt mir Öl und Salben und verriegelt das Gartentor, damit ich baden kann!
19 Als die Mädchen weg waren, standen die beiden Ältesten auf, liefen zu Susanna hin
20 und sagten: Das Gartentor ist verschlossen und niemand sieht uns; wir sind voll Begierde nach dir: Sei uns zu Willen und gib dich uns hin!
21 Weigerst du dich, dann bezeugen wir gegen dich, dass ein junger Mann bei dir war und dass du deshalb die Mädchen weggeschickt hast.
22 Da seufzte Susanna und sagte: Ich bin bedrängt von allen Seiten: Wenn ich es tue, so droht mir der Tod; tue ich es aber nicht, so werde ich euch nicht entrinnen.
23 Es ist besser für mich, es nicht zu tun und euch in die Hände zu fallen, als gegen den HERRN zu sündigen.
24 Da schrie Susanna mit lauter Stimme auf. Aber zugleich mit ihr schrien auch die beiden Ältesten
25 und einer von ihnen lief zum Gartentor und öffnete es.
26 Als die Leute im Haus das Geschrei im Garten hörten, eilten sie durch die Seitentür herbei, um zu sehen, was ihr zugestoßen sei.
27 Als die Ältesten ihre Erklärung gaben, schämten sich die Diener sehr; denn noch nie war so etwas über Susanna gesagt worden.
28 Als am nächsten Morgen das Volk bei Jojakim, ihrem Mann, zusammenkam, erschienen auch die beiden Ältesten. Sie kamen mit der verbrecherischen Absicht, gegen Susanna die Todesstrafe zu erwirken. Sie sagten vor dem Volk:
29 Schickt nach Susanna, der Tochter Hilkijas, der Frau Jojakims! Man schickte nach ihr.
30 Und sie kam, begleitet von ihren Eltern, ihren Kindern und allen Verwandten.
33 Ihre Angehörigen aber und alle, die sie erblickten, weinten.
34 Die beiden Ältesten aber standen auf inmitten des Volkes und legten ihre Hände auf den Kopf Susannas.
35 Sie aber blickte weinend zum Himmel auf; denn ihr Herz vertraute dem HERRN.
36 Die Ältesten sagten: Während wir allein im Garten spazieren gingen, kam diese Frau mit zwei Mägden herein. Sie ließ das Gartentor verriegeln und schickte die Mägde fort.
37 Dann kam ein junger Mann zu ihr, der sich versteckt hatte, und legte sich zu ihr.
38 Wir waren gerade in einer abgelegenen Ecke des Gartens; als wir aber die Sünde sahen, eilten wir zu ihnen hin
39 und sahen, wie sie zusammen waren. Den Mann konnten wir nicht festhalten; denn er war stärker als wir; er öffnete das Tor und entkam.
40 Aber diese da hielten wir fest und fragten sie, wer der junge Mann war.
41 Sie wollte es uns aber nicht verraten. Das alles können wir bezeugen. Die versammelte Gemeinde glaubte ihnen, weil sie Älteste des Volkes und Richter waren, und verurteilte Susanna zum Tod.
42 Susanna aber schrie auf mit lauter Stimme und sagte: Ewiger Gott, du kennst auch das Verborgene; du weißt alles, noch bevor es geschieht.
43 Du weißt auch, dass sie eine falsche Aussage gegen mich gemacht haben. Darum muss ich jetzt sterben, obwohl ich nichts von dem getan habe, was diese Menschen mir vorwerfen.
44 Der HERR erhörte ihr Rufen.
45 Als man sie zur Hinrichtung führte, erweckte Gott den heiligen Geist in einem jungen Mann namens Daniel.
46 Dieser schrie mit lauter Stimme: Ich bin unschuldig am Blut dieser Frau.
47 Da wandten sich alle Leute nach ihm um und fragten ihn: Was soll das heißen, was du da gesagt hast?
48 Er trat mitten unter sie und sagte: Seid ihr so töricht, ihr Söhne Israels? Ohne Verhör und ohne Prüfung der Beweise habt ihr eine Tochter Israels verurteilt.
49 Kehrt zurück zum Ort des Gerichts! Denn diese Ältesten haben eine falsche Aussage gegen Susanna gemacht.
50 Eilig kehrten alle Leute wieder um und die Ältesten sagten zu Daniel: Setz dich hier mitten unter uns und sag uns, was du zu sagen hast! Denn dir hat Gott den Vorsitz verliehen.
51 Daniel sagte zu ihnen: Trennt diese beiden Männer, bringt sie weit auseinander! Ich will sie verhören.
52 Als man sie voneinander getrennt hatte, rief er den einen von ihnen her und sagte zu ihm: In Schlechtigkeit bist du alt geworden; doch jetzt kommt die Strafe für die Sünden, die du bisher begangen hast.
53 Ungerechte Urteile hast du gefällt, Schuldlose verurteilt, aber Schuldige freigesprochen; und doch hat der HERR gesagt: Einen Schuldlosen und Gerechten sollst du nicht töten.
54 Wenn du also diese Frau wirklich gesehen hast, sage: Unter welchem Baum hast du sie miteinander verkehren sehen? Er aber sagte: Unter einem Mastixbaum.
55 Da sagte Daniel: Mit deiner Lüge hast du dein eigenes Haupt getroffen. Der Engel Gottes wird dich zerspalten; schon hat er von Gott den Befehl dazu erhalten.
56 Dann ließ er ihn wegbringen und befahl, den andern vorzuführen. Zu ihm sagte er: Du Sohn Kanaans, nicht Judas, dich hat die Schönheit verführt, die Leidenschaft hat dein Herz verdorben.
57 So tatet ihr an den Töchtern Israels und jene verkehrten mit euch, weil sie sich fürchteten; aber eine Tochter Judas duldete eure Gesetzlosigkeit nicht.
58 Nun sag mir: Unter welchem Baum hast du sie ertappt, während sie miteinander verkehrten? Er sagte: Unter einer Eiche.
59 Da sagte Daniel zu ihm: Mit deiner Lüge hast auch du dein eigenes Haupt getroffen. Der Engel Gottes wartet schon mit dem Schwert in der Hand, um dich mitten entzweizuhauen. So wird er euch beide vernichten.
60 Da schrie die ganze Gemeinde laut auf und pries Gott, der alle rettet, die auf ihn hoffen.
61 Dann erhoben sie sich gegen die beiden Ältesten, die Daniel durch ihre eigenen Worte als falsche Zeugen entlarvt hatte. Das Böse, das sie ihrem Nächsten hatten antun wollen, tat man
62 nach dem Gesetz des Mose ihnen an: Man tötete sie. So wurde an jenem Tag unschuldiges Blut gerettet.

Heute hören wir aus dem Buch Daniel. Dabei handelt es sich nicht um einen prophetischen Abschnitt, sondern um eine Erzählung.
Es geht um die Frau Jojakims namens Susanna. Sie ist schön und fromm. Ihre Eltern haben sie zur Gottesfurcht erzogen und in der Torah unterwiesen. Was nun passiert, spielt sich zur Zeit des babylonischen Exils ab. Jojakim ist ein reicher Mann, bei dem viele Juden einkehren, unter anderem in Rechtsdingen. Es gibt nun zwei Älteste, die regelmäßig zu Jojakim kommen und nach seiner Frau begehren. Sie spannen sie regelmäßig aus, wenn sie um die Mittagszeit im Garten spazieren geht. Eines Tages möchte sie in der besonders heißen Mittagshitze baden und bittet ihre Bediensteten, die Türen abzuschließen. Die beiden Ältesten erkennen ihre Chance in dieser Situation des absoluten Ausgeliefertseins Susannas und bedrängen die Frau. Sie erpressen sie damit, dass sie sich ihren Gelüsten hingeben soll oder sie würden vor den anderen behaupten, sie hätte mit einem jungen Mann Ehebruch begangen. Sie ist „von allen Seiten bedrängt“, wie sie selbst es ausdrückt. Und doch reagiert sie in dieser Situation geistesgegenwärtig und gottesfürchtig: Sie fällt lieber den Machenschaften von Menschen zum Opfer, als Gott durch so eine schwere Sünde zu beleidigen. Durch diese Entscheidung können wir als Zuhörer schon erahnen, dass Gott sie reichlich segnen wird. Es ist wie eine Glaubensprüfung für sie und zugleich sollen viele weitere Menschen in dieser Situation die Herrlichkeit Gottes bezeugen.
Susanna schreit auf, um die Bediensteten im Haus auf sich aufmerksam zu machen. Blitzschnell reagieren auch die beiden Ältesten, indem auch sie laut aufschreien und den „Tatort“ inszenieren (das Gartentor öffnen). Als die Dienerinnen angelaufen kommen, behaupten die Männer, dass sie Susanna beim Ehebruch ertappt hätten, was die Bediensteten beschämt. Es wird betont, dass Susanna bisher noch nie negativ aufgefallen ist. Zu Anfang der Erzählung hörten wir ja auch, dass sie eigentlich eine sehr fromme Person ist.
Am nächsten Morgen findet ein Gerichtsprozess statt, bei dem die beiden Ältesten gegen die Frau aussagen. Alle Angehörigen und Susanna selbst weinen und sie schaut zum Himmel, denn sie vertraut auf Gott, dem sie durch ihre gestrige Entscheidung die Treue gehalten hat. Die beiden Männer denken sich eine Lüge aus und behaupten, ein junger Mann sei zu ihr gekommen, um mit ihr Ehebruch zu treiben. Er sei entkommen, weil er den Ältesten physisch überlegen gewesen sei. Diese beiden Männer nutzen ihre Position als Älteste, um einer unschuldigen Frau die Todesstrafe zu bringen. Weil die beiden Männer Älteste sind, glauben die Menschen ihnen auch. So wird sie zum Tode verurteilt und schreit ein ganz drastisches Bittgebet zum Herrn. Dieser erhört sie am Tag ihrer Hinrichtung, denn er erfüllt einen jungen Mann namens Daniel mit dem Hl. Geist, sodass dieser laut aufruft: „Ich bin unschuldig am Blut dieser Frau.“ Diese Aussage scheint für die Umstehenden rätselhaft und sie fragen ihn, was das zu bedeuten habe. Wir müssen es so verstehen, dass er sich der Blutschuld der Israeliten gegenüber distanziert, die im Begriff ist, aufgeladen zu werden. Diese lädt sich Israel nämlich dadurch auf, dass sie Susanna unschuldig zum Tod verurteilt. Er spricht die Worte also, bevor es zu spät ist und Israel sich diese Blutschuld aufbürdet. Wir müssen an dieser Stelle innehalten und weiter betrachten: Es ist auch so, dass Gott selbst diese Worte durch den jungen Daniel von sich gibt. Er ist unschuldig an diesem Blutvergießen. Gott ist nicht böse. Er verlangt nicht, dass wir etwas Böses tun. Er ist unschuldig und er ist gut, nur gut. Gott selbst distanziert sich also von dem menschlichen Gericht, das zu einem ungerechten Urteil gekommen ist, das insgesamt falsch abgelaufen ist.
Er erklärt ihnen, dass sie eine Tochter Israels ohne richtige Anhörung verurteilt haben und die Beweise bzw. Zeugnisse nicht richtig geprüft haben. Die Reaktion der Israeliten zeigt, dass sie nicht böse sind, sondern auf die Intrige der Ältesten hereingefallen sind. Sie nehmen Daniels Worte sofort an und erkennen, dass Gott durch ihn spricht. Woher sonst soll er auch wissen, dass die Ältesten eine Falschaussage gemacht haben?
Kurzerhand wird der Gerichtsprozess noch weiter fortgesetzt und Daniel zum Anhörer der Zeugnisse beauftragt. Er hat eine sehr kluge Idee, denn er trennt die beiden Männer voneinander, um sie einzeln anzuhören.
Daniel hört zunächst den ersten Ältesten an und wirft ihm vor, ihn Schlechtigkeit alt geworden zu sein. Er sagt ihm, dass es in der Schrift ja heißt, man solle keinen Menschen unschuldig verurteilen. Er wirft ihm sogar vor, Schuldige freigesprochen zu haben. Und dann stellt er die entscheidende Frage: „Unter welchem Baum hast du sie miteinander verkehren sehen?“ Der Älteste antwortet: „Unter einem Mastixbaum.“
Daraufhin spricht er mit dem zweiten Ältesten und wirft auch ihm Sünden vor. Dabei stellt sich heraus, dass dieser gar kein Israelit, sondern Kanaaniter ist. Er wirft ihm sogar vor, dass er schon zuvor mit anderen Frauen so verfahren hat wie mit Susanna, nur dass sie sich im Gegensatz zu den anderen nicht erpressen ließ. Auf die entscheidende Frage nach der Baumart hin antwortet der zweite Älteste mit einer Eiche. So hat er die Falschaussage und Intrige der beiden Männer selbst offenbart. Das ganze versammelte Volk realisiert, dass durch Daniel unschuldiges Blut gerettet worden ist. Sie preisen Gott und bestrafen die beiden Männer mit der Todesstrafe.
Daniel hat Susanna gerettet, doch es ist Gott selbst, der durch ihn gewirkt hat. Susannas Gebet ist erhört worden. Wir erkennen an dieser Geschichte, dass wir wirklich ganz auf Gott vertrauen dürfen. Wenn Jesus später sagt, dass es uns immer zuerst um das Reich Gottes gehen soll und Gott uns alles Andere dazugeben wird, dann dürfen wir das ganz wörtlich nehmen. Susanna ging es um den Willen Gottes, dem zuliebe sie sich den beiden bösen Männern ausgeliefert hat. Sie weiß, dass Gott stärker ist und für Gerechtigkeit sorgt. So hat er sie nicht im Stich gelassen und nicht nur vor der Todesstrafe gerettet, sondern die schon länger anhaltenden Missetaten der beiden Männer aufgedeckt. Susanna ist so zu einem Werkzeug geworden, ebenso wie Daniel, mithilfe derer Gott ein großes Übel aus seinem Volk entfernen konnte. Hinter jeder Krise können wir Menschen zu allen Zeiten eine Chance und einen Segen erkennen. Susanna musste leiden so wie auch der Blindgeborene im Johannesevangelium zum Beispiel leiden musste. Doch durch ihr Leiden ist ganz viel Segen auf die Menschen gekommen, der alles nicht nur entschädigt, sondern noch viel mehr darüber hinaus den Menschen geschenkt worden ist. Susanna ist nach diesem Ereignis womöglich noch viel mehr Ehre geschenkt worden als zuvor. Auch Daniel ist so zu einer großen Ehre gekommen. Werfen auch wir in unserem Leben nicht sofort das Handtuch, wenn es schwer wird. Versuchen wir in allem immer die Chance zu erkennen und so geistesgegenwärtig wie Susanna und Daniel zu handeln. Behalten wir die oberste Priorität im Blick und vertrauen wir ganz auf Gott, der uns nicht ins offene Messer laufen lassen wird. Im Nachhinein werden wir verstehen, warum Gott Krisen und Leiden in unserem Leben zugelassen hat.

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.

2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher.
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir den berühmten Psalm 23. Er passt perfekt zur Lesung, weil in diesem Vertrauenspsalm Gott als Hirte beschrieben wird. Zuvor hörten wir davon, dass Gott sich ganz um seine Schäfchen kümmert und Susannas unschuldiges Blut vor der Todesstrafe bewahrt hat.
König David hat diesen Psalm gedichtet und man spürt, dass er sich ganz mit Hirt und Herde identifizieren kann. Gottes wunderbare Vorsehung hat alles so gefügt, dass er mit David tatsächlich einen Hirten zum König erwählt hat.
Gott ist unser Hirte, der uns alles gibt, was wir brauchen. Es mangelt uns an nichts, wenn wir zuerst sein Reich suchen. Das sagt Jesus später nicht umsonst. Es ist vor dem Hintergrund des Psalms absolut nachvollziehbar. Gott lässt uns, seine Schafe, auf grünen Auen lagern. Dies tut er auch mit Susanna. Er führt uns nicht ins Verderben, sondern nährt uns immer ausreichend, damit wir auf dem Weg durchs Leben hin zu ihm nicht zugrunde gehen. Er bewahrt die junge Frau vor einem unschuldigen und ehrlosen Tod. Auch wenn es zeitweise Wüstenlandschaften sind und nicht die grünen Auen, ist es für uns heilsam, damit wir die Auen wieder mehr zu schätzen lernen, in unserem Glauben gestärkt und in unserer Wachsamkeit geschärft werden. So muss Susanna zeitweise die trockene Wüste zu spüren bekommen, doch wird sie am Ende mit umso grüneren Auen beschenkt!
Für uns heute heißt dies, dass Gott uns mit allen irdischen Gaben (Finanzen, Gesundheit, Nahrung und sauberes Trinkwasser, Frieden, Erfolg etc.), aber auch mit allen überirdischen Gaben ausstattet, die wir durch die Heilsmittel der Kirche erhalten. Dazu gehören die Sakramente, allen voran die Eucharistie, und die Sakramentalien, durch die er uns den Hl. Geist senden möchte. Nicht umsonst betet David zuerst „er lässt mich lagern auf grünen Auen“ und dann „und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“. Es sind einerseits zwei Bilder für das Essen und Trinken des Menschen, andererseits die Bilder für die wichtigsten überirdischen Güter – die Eucharistie und der Hl. Geist, das lebendige Wasser.
Gott bringt die Lebenskraft zurück. Das hebräische Stichwort ist an dieser Stelle ist wie so oft nefesch. Gott bringt das ganze Leben zurück. Wir dürfen es sowohl moralisch als auch anagogisch verstehen, das heißt einerseits die Rückführung in den Stand der Gnade und zugleich die Rettung des ewigen Lebens. Vor allem die moralische Ebene wird uns klar, wenn wir danach lesen: „Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit.“ All dies ist auch auf Susanna zu übertragen, deren nefesch Gott gerettet hat. Ihre ganze Existenz stand auf dem Spiel, denn nicht nur ihr irdisches Dasein sollte durch die Todesstrafe beendet werden, sondern auch ihre Ehre und ihr Ansehen vor Gott.
Selbst der Psalm 23 greift die Situation auf, dass es nicht immer die ruhigen grünen Auen sind, auf denen die Herde sich bewegt, sondern auch mal das finstere Tal. So ist das Leben. Es gibt nicht nur schöne Tage, sondern auch die Krisen und dunklen Stunden, von denen wir in der Lesung ein besonders drastisches Beispiel gehört haben. Doch selbst da begleitet Gott einen hindurch und hinaus. Auch David hat dunkle Stunden gehabt, doch gerade in diesen hat er sich umso mehr an Gott geklammert. Er wusste, wie entscheidend sich die Qualität eines Hirten in finsteren Tälern herausstellte. Er wusste auch, wie sicher sich ein Schaf bei einem guten Hirten fühlen konnte. Er ist in dieser Hinsicht nicht nur der Typos des guten Hirten Christus, sondern auch des Lammes Gottes, das sich ganz und gar in die Hände Gottes übergab und selbst am Kreuz noch betete: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Von David können wir das absolute Gottvertrauen lernen und mit ihm zusammen beten: „Dein Stock und dein Stab trösten mich.“
Gott beschenkt uns, seine Kinder. Er hat nur Gutes für uns bereit. All der Segen Gottes wird hier mit verschiedenen Bildern umschrieben wie dem Decken des Tisches, dem Salben des Hauptes und dem übervollen Becher. All dies können wir zusammenfassen mit den darauffolgenden Worten: „Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.“
Ins Haus des Herrn heimzukehren, bedeutet in diesem Kontext wörtlich den Tempel Gottes, der zu Davids Zeiten noch in Form des Offenbarungszeltes bestand. Wir lesen es auch vor dem Hintergrund der Lesung als Heimkehr aus dem babylonischen Exil, währenddessen der heutige Zwischenfall in der Lesung passiert ist. Wir lesen dies allegorisch weiter als das Reich Gottes und die Kirche. Moralisch verstehen wir damit unsere eigene Seele, die der Tempel Gottes ist und von wo aus die Entscheidungen zu einem Verhalten nach seinen Geboten getroffen werden. Schließlich kehren wir am Ende unseres Lebens heim in das Haus Gottes, den Himmel.

Joh 8
1 Jesus aber ging zum Ölberg.

2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es.
3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte
4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt.
5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?
6 Mit diesen Worten wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn anzuklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde.
7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.
8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
9 Als sie das gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand.
10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?
11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Im Evangelium hören wir erneut von einem Fall von Ehebruch. Jesus ist in Jerusalem und kommt am frühen Morgen in den Tempel, um dort das Volk zu lehren. Plötzlich kommen Schriftgelehrte und Pharisäer mit einer Frau zu ihm, die diesmal tatsächlich in flagranti beim Ehebruch erwischt worden ist. Sie haben nicht im Sinn, einen gerechten Gerichtsprozess einzuleiten, sondern ihnen geht es darum, die Frau zu instrumentalisieren. Denn ihre Absicht ist es, Jesus auf die Probe zu stellen. Sie kommen mit der „Mose-Keule“, die sie immer wieder schwingen, um Jesus in die Bredouille zu bringen. Sie sagen zu ihm: „Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Was sagst du?“ Sie möchten ihn dazu bringen, sich gegen Mose zu stellen und so angreifbar zu werden. Jesus lässt sich von dieser ganzen Provokation und Intrige aber überhaupt nicht beeindrucken. Stattdessen tut er etwas auf den ersten Blick Befremdliches: Er bückt sich und schreibt etwas auf die Erde. Wir müssen uns an dieser Stelle wieder daran erinnern, dass Jesus nie, wirklich nie etwas sagt oder tut, das nicht einen tieferen Sinn hat. Er nimmt diese Geste also vor, damit die Menschen sie als Signal erkennen. Es handelt sich also um eine prophetische Zeichenhandlung!
Vor dem Hintergrund der Schriften der Juden (unserem Alten Testament) fallen uns gleich mehrere Bibelstellen ein, in denen diese Geste erklärt wird. Erstens denken wir an Jeremia 17,13: „Alle, die dich verlassen, werden zuschanden. Die sich von mir abwenden, werden in den Staub geschrieben, denn sie haben den HERRN verlassen, den Quell lebendigen Wassers.“ Jesus kündigt somit ein Gerichtsurteil Gottes an! Dieser schreibt jene in den Staub, die sich von seinem Willen entfernt haben. Dies soll den Umstehenden zunächst als Warnung gelten. Es ist noch nicht zu spät, umzukehren. Jesus ist Gott und ruft allen Anwesenden dazu auf, umzukehren. Dieses Signal sollte den Pharisäern und Schriftgelehrten eigentlich als erstes auffallen, da sie sich mit der Schrift ja besonders gut auskennen. Sie sollten auch die Ersten sein, die an Gen 3,19 denken, wo Gott dem Menschen nach dem Sündenfall sagt: Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.“ JEDER Mensch ist von der Sünde betroffen. Alle Menschen neigen zum Bösen und können nicht sagen, dass sie von der ersten Sünde des Menschenpaares unberührt geblieben sind.
Doch eben jene, die diesen Code verstehen sollten, bleiben verständnislos. Sie haken vielmehr hartnäckig nach.
Und so richtet Jesus sich auf und sagt es nochmal mit deutlichen Worten: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie.“ Nicht nur die Worte an sich werden sie tief getroffen haben, sie werden es mit seiner Geste zusammengebracht haben, die er nach diesem einen Satz weiter fortgesetzt hat. Und so geht ein Ältester nach dem Anderen fort und lässt den Stein fallen, den er in der Hand gehalten hat, bereit zum Wurf. Vor dem Hintergrund der Lesung fällt uns auf, dass Johannes hier besonders betont, dass zuerst die Ältesten die Szene verlassen. Womöglich werden sie an die Episode aus dem Buch Daniel gedacht haben, die die Begierde und Schuld der Ältesten zutage gefördert hat. Sie entfernen sich beschämt, weil sie erstens ihre eigene Schuldhaftigkeit erkannt, zweitens eine öffentliche Entehrung im Stil des Daniel befürchtet haben.
Am Ende steht die beschuldigte Ehebrecherin alleine bei Jesus. Er richtet sich nach einiger Zeit auf und fragt sie: „Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt?“ Er sagt es, damit sie antwortet: „Keiner, Herr.“ Sie soll sehen, dass sie nicht die einzige ist, die sündigt. Zugleich soll es aber nicht heißen, dass ihre Sünde relativiert wird. Jesus sagt nämlich zu ihr: „Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“ Jesus hat ihr die Schuld vergeben und an ihr barmherzig gehandelt. Er sagt ihr aber auch, dass sie ausgehend von dieser zweiten Chance von nun an ein Leben nach Gottes Geboten führen soll. So spricht Jesus auch zu uns, wenn wir voller Reue und aufrichtig zu ihm kommen im Sakrament der Beichte: Ich verurteile dich nicht. Gehe und sündige von nun an nicht mehr! Welch große Barmherzigkeit dürfen wir immer wieder erfahren! Gott liebt uns und er möchte nicht, dass wir verloren gehen. Unser Part ist es, immer wieder von unseren Sünden umzukehren, von denen auch wir nicht verschont sind. Wir sind als getaufte Christen von der Erbsünde zwar erlöst, doch die Folgen dieser Sünde sind noch da. Wir neigen immer noch zum Bösen und müssen deshalb immer wieder zum Herrn umkehren. Auch in unserem Fall schreibt Jesus in den Sand, damit an uns der Appell ergeht: „Kehr um, bevor es zu spät ist!“ Er schreibt zugleich unsere Sünden in den Sand, damit der Wind sie wegtrage, der Wind des Hl. Geistes, durch den wir in den Stand der Gnade zurückversetzt werden im Sakrament der Versöhnung! In Stein ist dagegen nur eines geschrieben – die Gebote Gottes! Sie bleiben auf ewig bestehen und ändern sich auch nicht. Jesus hat dies immer wieder betont. Wie soll man diese Episode dann richtig verstehen? Schließlich hat Jesus gegen das mosaische Gesetz gehandelt!
Wie bei der Frage nach der Ehescheidung kommen die Pharisäer und Schriftgelehrten mit einem mosaischen Gesetz zu ihm. Wie auch dort geht Jesus noch weiter zurück, nämlich zur Genesis, um nicht Mose zu zitieren, sondern Gott selbst. Dieser hat selbstverständlich eine höhere Autorität als Mose. Zu Jesu Zeit gibt es in der jüdischen Gelehrsamkeit die Tendenz, innerhalb der Torah unterschiedliche Prioritäten zu setzen. Und Jesus liegt ganz auf dieser Linie, wenn er eben jene Priorisierung vornimmt: Es heißt in dieser jüdischen Tradition, dass Gottes Gebote die höchste Priorität haben, das heißt die Zehn Gebote, die Mose den Berg hinuntergebracht hat. Und als die Israeliten dann das Goldene Kalb angebetet haben, musste Mose noch weitere Gebote erlassen, weil er merkte, dass das Volk nicht so weit ist, die Zehn Gebote richtig umzusetzen. So erließ er die vielen weitere Gebote, die natürlich auch sehr hohe Autorität besitzen, aber eben NACH dem Dekalog kamen. Jesus plädiert bei den Fallen, für die die Pharisäer ständig das mosaische Gesetz missbrauchen, immer wieder auf den Anfang, auf die Genesis, auf die Zehn Gebote, auf die Gottesreden, die uns aus den fünf Büchern Mose bekannt sind. Er stellt die Prioritäten wieder richtig. Es ist also nicht Gesetz gegen Gesetz („Steinige die Ehebrecherin“ gegen „Du sollst nicht töten“), sondern die Überbietung des mosaischen Gesetzes durch Gottes eigene Worte.

Welch Privileg dürfen die Pharisäer und Schriftgelehrten genießen, dass Jesus ihnen das richtige Verständnis der Schriften erklärt! Und doch lassen sie sich keinesfalls belehren, sondern eher provozieren. Sie erkennen nicht, dass er der Messias, dass er der Sohn Gottes ist, der in die Welt kommen soll. Sie erkennen seine göttliche Autorität nicht, die ihnen solche wertvollen Schätze mit auf den Weg geben will. Sie nutzen auch den Appell zur Umkehr nicht, der an alle Anwesenden ergeht.

Heute haben wir viel von Anschuldigungen, Gerichtsprozessen und Exekutionen gehört. Während die erste Frau tatsächlich unschuldig ist, handelt es sich bei der zweiten Frau tatsächlich um eine Ehebrecherin. Es geht heute um Gerechtigkeit und Barmherzigkeit Gottes zugleich. Er sorgt dafür, dass die Unschuldigen gerettet werden und den Schuldigen, die von Herzen bereuen, vergeben wird. Was wir aus all dem lernen: Kein Mensch kann von sich aus sagen, er sei ohne Sünde. Jeder muss sich zuerst an die eigene Nase fassen und jederzeit umkehren. Das heißt natürlich nicht, dass jene, die die Aufgabe der Gerichtsbarkeit besitzen, diese nicht ausführen dürfen, weil sie selbst Sünde haben. Das Problem in beiden Fällen besteht ja darin, dass die Ältesten die Gerichtsbarkeit mit bösen Absichten ausführen. Im ersten Fall geht es um die Verurteilung einer Unschuldigen und Vertuschung der eigenen Schuld. Im zweiten Fall soll eine echte Täterin instrumentalisiert werden, um Jesus auf die Probe zu stellen. In beiden Fällen geht es also gar nicht um ein gerechtes Gericht. Uns Menschen, die wir keine Richter von Beruf sind, sagt Jesus sogar: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet.“ Menschen können gar kein gerechtes Gerichtsurteil im moralischen Sinne vornehmen, da sie das Herz des Anderen ja nicht erkennen. Sie sehen die Absichten nicht und können gar nicht richtig beurteilen, wie es zu der Sünde gekommen ist. Wir sollen das Richten Gott überlassen, der in die Erde schreibt. Wir sollen uns selbst von dieser überfordernden Bürde befreien und es ihm überlassen, der die Kompetenz hat. Nehmen wir diesen Gedanken mit in die restliche Fastenzeit.

Ihre Magstrauss

Montag der 2. Woche der Fastenzeit

Dan 9,4b-10; Ps 79,5 u. 8.9.11 u. 13; Lk 6,36-38

Dan 9
4 Herr, du großer und Furcht erregender Gott, der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren. 

5 Wir haben gesündigt und Unrecht getan, wir sind treulos gewesen und haben uns gegen dich empört; von deinen Geboten und Rechtsentscheiden sind wir abgewichen. 
6 Wir haben nicht auf deine Diener, die Propheten, gehört, die in deinem Namen zu unseren Königen und Vorstehern, zu unseren Vätern und zu allen Bürgern des Landes geredet haben. 
7 Du, Herr, bist im Recht; uns aber steht bis heute die Schamröte im Gesicht, den Leuten von Juda, den Einwohnern Jerusalems und allen Israeliten, seien sie nah oder fern in all den Ländern, wohin du sie verstoßen hast; denn sie haben dir die Treue gebrochen. 
8 Ja, HERR, uns steht die Schamröte im Gesicht, unseren Königen, Fürsten und Vätern; denn wir haben uns gegen dich versündigt. 
9 Beim Herrn, unserem Gott, ist das Erbarmen und die Vergebung, obwohl wir uns gegen ihn empört haben. 
10 Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN, unseres Gottes, nach seinen Weisungen zu wandeln, gehört, die er uns durch seine Diener, die Propheten, gegeben hat. 

Heute hören wir aus dem Buch Daniel einen Abschnitt, der zur Zeit des babylonischen Exils spielt, dem größten Trauma Israels in alttestamentlichen Zeiten. Zu jener Zeit kam Darius, der Sohn des Meders Xerxes an die Macht. Daniel hat in dem Kapitel zuvor eine Vision erhalten, die er noch nicht verstand. Und nachdem er die Schriften des Propheten Jeremia studiert hat, geht ihm nun auf, dass die babylonische Gefangenschaft nicht ewig anhalten soll, sondern siebzig Jahre. Daraufhin nimmt er eine Bußhaltung ein, geht in Sack und Asche, bittet und fleht den Herrn um Erbarmen an und bekennt unmittelbar vor dem heutigen Abschnitt, den wir hören, seine Sünden. Was wir nun hören, ist sein Bittgebet:
„Herr, du großer und furchterregender Gott“ – ja, er hat an den Schlägen auf das Haus Israel durch das babylonische Exil ganz deutlich zu spüren bekommen, dass Gott es ernst meint. Zugleich bekennt er, dass Gott der Treue ist, wenn er sagt: „der den Bund und die Huld denen bewahrt, die ihn lieben und seine Gebote bewahren.“
Er bekennt stellvertretend für das ganze Volk Israel die Schuld, indem er die Untreue Israels bekennt. Er gibt zu, dass das babylonische Trauma selbstverschuldet ist, denn Israel ist von Gottes Geboten abgewichen.
Er bekennt im Namen des Volkes, dass Israel nicht auf die warnenden Propheten gehört hat, die das babylonische Exil vorausgesehen und das Volk zur Umkehr ermahnt haben.
Er sagt gleich zweimal „uns steht die Schamröte im Gesicht“. Das ist bemerkenswert. Scham ist etwas, das mit der Sünde in die Welt gekommen ist. Wir müssen uns schämen, weil wir uns vor Gott versündigen. Und Israel hat Gott die Treue gebrochen, weshalb es gleich mehrfach Scham empfindet: Dem einfachen Fußvolk sowie den Mächtigen des Volkes, „den Königen, Fürsten und Vätern“ treibt es die Schamröte ins Gesicht, dass sie Gottes Warnung immer wieder ignoriert haben und nicht rechtzeitig umgekehrt sind. Daniel bekennt eindeutig, dass das Exil sie getroffen hat, weil es heißt „wer nicht hören will, muss fühlen“. Er hadert nicht mit Gott und schreit ihn an: „Warum hast du das zugelassen? Gibt es dich überhaupt? Ich will die Freundschaft mit dir kündigen!“ So etwas sehen wir heutzutage sehr oft. Menschen kommen vom Glauben ab, wenn etwas Schlimmes in ihrem Leben passiert. Es ist nicht immer automatisch die eigene Schuld, wenn man im Leben leidet, sondern oft genug wird man als Unschuldiger auch mit hineingezogen. Doch viel zu selten nehmen wir die Haltung Daniels ein, gehen in uns und prüfen, ob wir nicht doch etwas damit zu tun haben…
Daniel bekennt dies alles, weil er weiß, dass Gott ein vergebender Gott ist. Er weiß, dass Gott die Schuld vergibt, wenn man sie von Herzen bereut und umkehrt. Das tut er ganz eindeutig ohne Verschönerung, indem er am Ende noch einmal bekennt: „Wir haben nicht auf die Stimme des HERRN (…) gehört.“ Er selbst ist ja vielleicht nicht einmal betroffen, sondern die Generationen vor ihm, aber er hat ein kollektives Verantwortungsgefühl, das ihn dazu antreibt, stellvertretend für sein ganzes Volk um Verzeihung zu bitten. Das ist ein sehr lobenswertes Verhalten. Wie oft erleben wir das in unserem Umfeld, das jemand offensichtlich schuldig geworden ist, aber unbußfertig, uneinsichtig ist. Und dann dürfen auch wir, vor allem wenn es ein Familienmitglied ist, stellvertretend für diese Person um Verzeihung bitten. Gott möge ihr Herz erweichen und ihr Einsicht schenken, damit sie umkehrt und neu anfängt. Wir können Gott um Verzeihung für ihre Sünden bitten und sagen: „Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Das ist das Mindeste, was wir als Familienmitglied dieser Person tun sollten, denn wir haben eine Verantwortung füreinander, nicht nur bezüglich des leiblichen Wohls, sondern umso mehr des seelischen Wohls. Es geht schließlich um das ewige Leben!

Ps 79
5 Wie lange noch, HERR? Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?

8 Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an! Mit deinem Erbarmen komm uns eilends entgegen! Denn wir sind sehr erniedrigt. 
9 Hilf uns, Gott unsres Heils, um der Herrlichkeit deines Namens willen! Reiß uns heraus und vergib uns die Sünden um deines Namens willen! 
11 Das Stöhnen des Gefangenen komme vor dein Angesicht! 
13 Wir aber, dein Volk und die Herde deiner Weide, wir wollen dir danken auf ewig, von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden.

Der heutige Psalm ist ebenfalls ein Bittgebet und ein Flehen, das ganz in die Situation des Volkes im babylonischen Exil passt.
„Wie lange noch, HERR?“ Ist ein typischer Ausdruck, den wir vor allem in Klagepsalmen lesen.
„Willst du für immer zürnen, wird brennen wie Feuer dein Eifer?“ Diese Frage können wir als rhetorische Frage bewerten, denn anhand von prophetischen Schriften wie denen des Jeremia ist klar, dass auch die schweren Schicksalsschläge nicht ewig andauern.
Dann wird etwas gesagt, das die Haltung Daniels erklärt, obwohl er nicht mehr zur schuldig gewordenen Generation gehört: „Rechne uns die Schuld der Vorfahren nicht an!“ Das ist eine tiefe Wahrheit, die auch heutzutage gerne ignoriert wird. Wir müssen die Konsequenzen der Sünde unserer Vorfahren mittragen. Das hat nichts mit Reinkarnation zu tun, sondern hängt mit der Natur der Sünde zusammen. Diese hat Generationen übergreifende Auswirkungen. Aber so wie wir unter den Vergehen unserer Eltern, Großeltern etc. zu leiden haben, können wir auch als ihre Nachkommen stellvertretend für sie Gott um Verzeihung bitten! Das ist sogar ganz wichtig und notwendig! Wir wissen nicht, ob sie immer noch dafür im Fegefeuer büßen müssen, und können so ihre Zeit im Fegefeuer verkürzen. Ein wenig Ahnenforschung ist dann absolut nützlich, weil wir so ihrer offensichtlichsten und größten Sünden gewahr werden (wenn es zum Beispiel einen Mord gab oder einen großen Streit, der öffentlich bekannt wurde, den man sogar in der Zeitung lesen konnte, der vielleicht bekannt wurde, weil die Personen berühmt sind). So können wir zumindest für diese bewusst um Vergebung bitten.
„Hilf uns, Gott unsres Heils“ – ja, Gott ist ein Gott, der nur das Heil für uns bereithält! Er ist es nicht, der uns dieses Unheil schickt, in dem wir uns befinden. Er ist allein der Gute. Alles Böse kommt vom Bösen und was uns Schlimmes widerfährt, haben wir sehr oft uns selbst zuzuschreiben. Dann sind es die Konsequenzen unserer falschen Entscheidungen. Gott ist aber so groß und barmherzig, dass er uns noch aus diesen selbstgemachten Katastrophen herausholt, obwohl wir sie eigentlich rein rechnerisch gesehen verdient haben. „Reiß uns heraus“ dürfen dann auch wir zu Gott rufen. Aber dann sollen wir ihm zugleich unsere Aufrichtigkeit zeigen, indem wir gleichzeitig sagen: „vergib uns die Sünden“.
Gott ist nicht gleichgültig gegenüber unserem Leiden. Es ist nicht sein Wille, dass wir leiden müssen. Er hat das Schreien seines Volkes in Ägypten gehört und er hört es auch im babylonischen Exil. Er hört auch unser Schreien unser Stöhnen, die wir gefangen sind – im Gefängnis unserer eigenen Sünden.
Gott erhört unser Gebet, vor allem wenn es durch und durch reumütig und aufrichtig ist. So können wir am Ende Gott für seine Rettung danken, wie es hier in Vers 13 geschieht: „Wir wollen dir danken auf ewig.“ Und wenn es dann heißt „von Geschlecht zu Geschlecht dein Lob verkünden“, hat das in diesem Kontext eine besondere Wirkung: Durch die Vergebung unserer Vorfahren können auch diese dann ganz bei Gott sein und ihn auf ewig preisen. Gott ist groß. Er möchte unser Heil und tut alles dafür, dass wir zu ihm umkehren. Denn wir können nur dann glücklich sein, wenn wir bei ihm sind, wenn wir auf seinen Wegen gehen und nach unserem Tod dann ewig bei ihm im Himmel sind.

Lk 6
36 Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist! 
37 Richtet nicht, dann werdet auch ihr nicht gerichtet werden! Verurteilt nicht, dann werdet auch ihr nicht verurteilt werden! Erlasst einander die Schuld, dann wird auch euch die Schuld erlassen werden! 
38 Gebt, dann wird auch euch gegeben werden! Ein gutes, volles, gehäuftes, überfließendes Maß wird man euch in den Schoß legen; denn nach dem Maß, mit dem ihr messt, wird auch euch zugemessen werden.

Heute spricht Jesus uns im Evangelium wichtige Ermahnungen zu, die wir besonders jetzt in der Fastenzeit beherzigen sollen.
„Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“ – wenn er uns aus der Katastrophe herausgeholt hat, die wir eigentlich verdient haben, ist das Zeichen seiner überreichen Barmherzigkeit. So hat es Gott ja mit dem Volk Israel immer wieder getan, das ihm ja untreu geworden war und deshalb in das babylonische Exil gekommen ist. Jesus möchte, dass wir aufgrund dieser Erfahrung (uns ist ja durch die Taufe ebenfalls ein riesiger barmherziger Akt geschenkt worden!) an unserem Nächsten ebenfalls so handeln: Wenn er an uns schuldig geworden ist, aber wirklich aufrichtig um Vergebung bittet, sollen auch wir ihm vergeben und keine Vergeltung mehr fordern. Und wenn jemand dann aufgrund der Missetaten uns gegenüber leidet, sollen auch wir ihm noch da heraushelfen. Das ist Ausdruck unserer Barmherzigkeit. Ein Beispiel: Ein Mann nimmt eine ganze Familie finanziell aus, hintergeht sie komplett. Die Familie gerät dadurch in Not, erkennt das Problem und bricht den Kontakt ab, vergibt diesem Mann aber von Herzen. Einige Jahre später ist dieser schuldig gewordene Mann ganz krank, kein Körperteil ist noch heile. Er ist nun total verarmt, hat alles verloren und viele Mitmenschen haben sich von ihm abgewandt. Die damalige Familie bekommt das nun mit und hilft ihm, obwohl er ja rein rechnerisch seine gerechte Strafe erhält. Die Familie unterstützt ihn finanziell, schenkt ihm ein offenes Ohr oder steht ihm auf andere Weise zur Seite. Dann ist das ein Ausdruck ihrer Barmherzigkeit. Gott sieht die Barmherzigkeit dieser Familie, so wie er auch schon ihre Vergebungsbereitschaft gesehen hat. Deshalb entschädigt er sie durch finanzielle Einkünfte aus unerwarteter Richtung. Er segnet sie und gibt ihr, was ihr weggenommen worden ist. Gott ist barmherzig, wenn er sieht, dass auch wir es sind. Dann demonstrieren wir nämlich unsere Aufrichtigkeit. Der Mann sieht die Vergebungsbereitschaft und Barmherzigkeit seines ehemaligen Opfers und schämt sich für seine Vergehen. Er bittet Gott um Verzeihung und erkennt, dass all seine Leiden auf seine eigenen Sünden zurückzuführen sind. Gott hat die Familie gerettet, er hat aber auch den Mann gerettet, der ja auch sein geliebtes Kind ist.
So ist es auch mit dem Richten und Verurteilen: Wir sollen einander nicht richten, denn das ist Gottes Aufgabe. Wir können nicht einmal das Herz des Mitmenschen sehen. Wie wollen wir ein kompetentes Urteil fällen, wenn wir nur die Spitze des Eisbergs, die Worte und Taten einer Person sehen, aber nicht ihre Absicht? Zurück zum Beispiel: Die ausgenutzte Familie hat sich nicht zum Richter über den Mann aufgespielt. Sie hätte ihm auch nie ein kompetentes und gerechtes Urteil verhängen können. Sie weiß ja nicht, warum der Mann damals so gehandelt hat, was er in seinem Leben erlebt hat, dass er so geworden ist. Sie hat dies alles Gott überlassen und so hat er den Mann die Konsequenzen seines Handelns tragen lassen.
Wenn wir unseren Mitmenschen nicht verurteilen und ihn nicht richten, dann wird auch Gott uns nicht richten oder verurteilen. Das muss man richtig verstehen. In gewisser Hinsicht muss man ja sagen, dass jeder Mensch vor Gott stehen und gerichtet wird. Hier muss man es also so verstehen, dass ein negatives Gerichtsurteil Gottes gemeint ist. Wir werden am Ende unseres Lebens das Urteil bekommen, bei Gott sein zu dürfen, nicht in der Gottesferne der Hölle. So wie wir unseren Mitmenschen vergeben haben, wird Gott auch unsere Schuld vergeben, die wir begangen haben.
„Gebt, dann wird auch euch gegeben werden“ – das betrifft auch die Versöhnung. Geben wir unserem Missetäter die Hand, so wird auch Gott uns, die wir alle ausnahmslos Missetäter gegenüber Gott sind mit jeder Sünde, die Hand reichen. All das betrifft nicht erst das Ende unseres Lebens. Schon im irdischen Dasein werden wir merken, dass Gott uns die Vergebung schenkt, dass wir in diesem Leben gesegnet werden. Im erzählten Beispiel hat es die Familie ja auch zu spüren bekommen, indem sie von Gott Segen erhalten hat. Sie wurde reichlich entschädigt.
Wenn wir wollen, dass Gott uns gegenüber großzügig, barmherzig, vergebungsbereit und wohlgesinnt ist, müssen wir all das unserem Mitmenschen gegenüber sein. Das ist nichts Anderes als die Goldene Regel: „Was ihr von Anderen erwartet, das tut auch ihnen.“ Dies betrifft sowohl die Gottes- als auch die Nächstenliebe.

Jesus führt im heutigen Evangelium fort, was Daniel in der Lesung begonnen hat. Ja, man soll von Herzen bereuen, aber man muss auch dem Nächsten gegenüber dieselbe Vergebungsbereitschaft zeigen, die man von Gott erwartet. Wir können nicht das Vaterunser aufrichtig beten, wenn wir uns noch in einem unversöhnten Zustand mit einem anderen Menschen befinden. Leider kenne ich viele Menschen, die meinen, sie seien die besseren Katholiken, weil sie mehr beten als der Mainstream, doch zugleich sprechen sie kein Wort mit ihrem Vater oder ihrer Mutter. Sie sagen sogar, dass sie niemals mehr mit ihnen reden werden, obwohl besagter Elternteil krank und dem Tode nahe ist. Wie soll so einer Person die Vergebung Gottes zuteil werden, wenn sie nicht bereit ist, so kurz vor 12 diese Sache zu bereinigen? Jesus möchte, dass wir allen Menschen vergeben ohne Ausnahme. Manchmal ist es schon zu spät und die Person ist verstorben oder sie lebt am anderen Ende der Welt. Doch auch dann können wir von Herzen vergeben und der Person im Geiste zusagen:

„Ich vergebe dir alles von ganzem Herzen.
Ich löse mich von allen bösen Gedanken dir gegenüber,
auch wenn ich deine Missetaten nicht gutheiße.
Ich übergebe sie jetzt einfach Gott, der für Gerechtigkeit sorgen wird.
Ich gebe dich ab und löse mich von der Fessel des Nichtvergebens.

Herr, es fällt mir schwer, aber gib mir die Kraft,
von ganzem Herzen dieser Person vergeben zu können.
Gib mir deine vergebende Liebe ins Herz, damit ich es schaffe.“

Dann wird auch Gott uns alles vergeben und in dem Moment, wenn wir unsere ganze Vergebungsbereitschaft zeigen, dann spüren wir, wie Gottes vergebende Liebe unser Herz erfüllt. Wir merken, wie ein riesiger Stein uns vom Herzen fällt. Dann werden wir endlich frei von dem Gift der Unversöhntheit, das uns sogar physisch krank gemacht hat.

Jesus erwartet das im heutigen Evangelium also nicht, weil er Unmögliches von uns verlangt und weil er uns quälen möchte. Er will nur das beste für uns. Er möchte, dass wir endlich frei werden und das Richten, das Verurteilen, die Gerechtigkeit Gott überlassen. Er hat im Gegensatz zu uns die Kompetenz dazu.

Nutzen wir die Fastenzeit dazu, allen Menschen zu vergeben, denen wir noch nicht vergeben haben. Und wenn es schwer ist, mit ihnen ein Gespräch zu führen, können wir das auch im Geiste tun. Dann wird uns in der Beichte die Vergebung auf ganz vollkommene Weise zuteil und wir werden überreich gesegnet werden.
Das gehört zu den in der Fastenzeit gebotenen „Werken der Barmherzigkeit“ dazu. Nehmen wir das ernst.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 1. Woche in der Fastenzeit

Jona 3,1-10; Ps 51,3-4.12-13.18-19; Lk 11,29-32

Jona 3
1 Das Wort des HERRN erging zum zweiten Mal an Jona: 

2 Mach dich auf den Weg und geh nach Ninive, der großen Stadt, und rufe ihr all das zu, was ich dir sagen werde! 
3 Jona machte sich auf den Weg und ging nach Ninive, wie der HERR es ihm befohlen hatte. Ninive war eine große Stadt vor Gott; man brauchte drei Tage, um sie zu durchqueren. 
4 Jona begann, in die Stadt hineinzugehen; er ging einen Tag lang und rief: Noch vierzig Tage und Ninive ist zerstört! 
5 Und die Leute von Ninive glaubten Gott. Sie riefen ein Fasten aus und alle, Groß und Klein, zogen Bußgewänder an. 
6 Als die Nachricht davon den König von Ninive erreichte, stand er von seinem Thron auf, legte seinen Königsmantel ab, hüllte sich in ein Bußgewand und setzte sich in die Asche. 
7 Er ließ in Ninive ausrufen: Befehl des Königs und seiner Großen: Alle Menschen und Tiere, Rinder, Schafe und Ziegen, sollen nichts essen, nicht weiden und kein Wasser trinken. 
8 Sie sollen sich in Bußgewänder hüllen, Menschen und Tiere. Sie sollen mit aller Kraft zu Gott rufen und jeder soll umkehren von seinem bösen Weg und von der Gewalt, die an seinen Händen klebt. 
9 Wer weiß, vielleicht kehrt er um und es reut Gott und er lässt ab von seinem glühenden Zorn, sodass wir nicht zugrunde gehen. 
10 Und Gott sah ihr Verhalten; er sah, dass sie umkehrten und sich von ihren bösen Taten abwandten. Da reute Gott das Unheil, das er ihnen angedroht hatte, und er tat es nicht.

Heute hören wir die spannende Berufung Jonas zur Umkehrpredigt in Ninive. Im dritten Kapitel setzt er diese Aufgabe endlich um, nachdem er in den ersten zwei Kapiteln vor Gott und seinem Auftrag geflohen war. Gott sucht uns Menschen immer wieder auf, weil er uns liebt und wir ihm nicht egal sind. Für Jona hat er diese ehrenvolle Aufgabe, die Bewohner von Ninive zur Umkehr aufzurufen. Und wie wir sehen, hat diese Predigt eine starke Wirkung.
Die große Stadt, für die man mehrere Tage zur Durchquerung braucht, hat sehr einsichtige Bewohner. Die Menschen glauben dem, was Jona ihnen sagt, nämlich dass in vierzig Tagen die Stadt zerstört würde. Die Menschen reagieren richtig, nämlich mit einer umfassenden Bußhaltung. Sie sagen zueinander, dass wenn sie von Herzen bereuen, sich in eine Bußhaltung begeben und vor allem von ihren bösen Taten ablassen, Gott das Unheil vielleicht noch abwenden wird. Dies betrifft nicht nur die einfachen Menschen, dies betrifft sogar den König von Ninive, der seinen Königsmantel ablegt und sich in Asche setzt. Sogar die Tiere sollen fasten. In Ninive scheint ein Problem mit körperlicher Gewalt vorzuliegen, denn es wird durch die Aussage „Gewalt, die an seinen Händen klebt“ angedeutet. Womöglich meint es sogar die tödliche Gewalt, durch die das Blut der Opfer an den Händen klebt.
Ihre aufrichtige Buße bleibt nicht unerkannt. Gott sieht alles, vor allem das Herz des Menschen. Er sieht, dass die Bewohner der Stadt ihr Leben wirklich ändern und ihre bisherigen Taten bereuen. So zerstört er die Stadt nicht.
Es heißt wieder sehr menschlich „da reute Gott das Unheil“. Gott braucht nichts zu bereuen, da er keine Fehler begeht. Das ist die Vorstellung der Menschen von damals. Hier bemerken wir wieder den Einfluss des Autors. So hat er die Situation bewertet und so hat er sich Gottes nicht umgesetzte Zerstörung der Stadt erklärt.
Für uns ist diese Erzählung sehr tröstlich: Auch in unserem Fall ist es nicht zu spät, aufrichtig umzukehren. Auch wir müssen das ewige Verderben nicht schauen, wenn wir in uns gehen, unsere Sünden bereuen, bekennen, büßen und uns vornehmen, von nun an anders zu leben. Dann wird auch die Stadt unseres Herzens, unser inneres Ninive, die Seele, nicht verloren gehen. Es ist kein Zufall, dass Gott der Stadt vierzig Tage gegeben hat. Diese Zahl ist sehr tiefgründig und besonders in Bußzeiten entscheidend. Jesus fastet nachher auch vierzig Tage, das Volk Israel zieht vierzig Jahre durch die Wüste, der Regen der Sintflut kommt vierzig Tage auf die Erde herab. Sühne und Buße hängen mit der Zahl vierzig eng zusammen. Deshalb dauert auch unsere Fastenzeit vierzig Tage. Deshalb war auch die Adventszeit früher vierzig Tage lang, was leider verkürzt worden und so der Zusammenhang zur Fastenzeit abhanden gekommen ist. Wir sollen diese Zeit mit derselben aufrichtigen Bußhaltung verbringen wie die Bewohner Ninives. So wird Gott auch uns verschonen und noch mehr: Er wird uns ganz viele Gnaden schenken, wenn wir mit reinem und bereitem Herzen auf Ostern zugehen!

Ps 51
3 Gott, sei mir gnädig nach deiner Huld, tilge meine Frevel nach deinem reichen Erbarmen! 

4 Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde! 
12 Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz und einen festen Geist erneuere in meinem Innern! 
13 Verwirf mich nicht vor deinem Angesicht, deinen heiligen Geist nimm nicht von mir!
18 Schlachtopfer willst du nicht, ich würde sie geben, an Brandopfern hast du kein Gefallen. 
19 Schlachtopfer für Gott ist ein zerbrochener Geist, ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verschmähen. 

Im heutigen Psalm bittet König David um Gottes Barmherzigkeit. Wir können uns richtig gut vorstellen, wie es heute die Bewohner Ninives gebetet haben, die ganz und gar den Bußmodus eingenommen haben. Er ist auch perfekt für jeden Einzelnen von uns, die wir uns vornehmen, in diesen Tagen in Vorbereitung auf Ostern ebenfalls diesen Bußmodus einzunehmen.
„Wasch meine Schuld von mir ab und mach mich rein von meiner Sünde“, ist ein Vers, den die Priester bei der Gabenbereitung zum Schluss beten, während der Messdiener ihnen Wasser über die Hände gießt. Diese Worte sind ganz wichtig für jeden Büßer und wir stellen uns vor, wie sogar der König von Ninive in der Asche sitzend diese Worte gebetet hat. Sogar er hat sich ganz gedemütigt, was beweist, dass er als Herrscher seine falschen Entscheidungen, seine Gewalttaten und Sünden bereut hat. Auch wir beten dies jedesmal, wenn wir uns in der Hl. Messe befinden, denn das kostbare Blut wäscht uns mehrfach rein. Wir beten es auch jedesmal, wenn wir Weihwasser verwenden und uns damit bekreuzigen. Umso schlimmer, dass diese so kraftvolle Sakramentalie einer allgemeinen Hysterie zum Opfer fällt. Welch Gottvertrauen….
„Erschaffe mir Gott ein reines Herz“ ist die Erkenntnis, dass der Mensch sich selbst nicht gut machen kann. Vor allem wenn man sich schuldig gemacht hat, kann man nicht selbstständig wieder den Zustand der Schuldlosigkeit zurückerlangen. Gott ist es, der uns wieder in den Stand der Gnade zurückversetzen kann, indem er uns die Schuld vergibt, uns reinigt, uns erneuert durch den Hl. Geist. Er kann unser Herz wieder rein machen und uns einen „neuen beständigen Geist“ schenken. Dies merken auch die Bewohner von Ninive heute. Sie können Gott nur aus der Asche heraus um Vergebung bitten.
David bittet Gott darum, die Freundschaft mit ihm nicht zu kündigen („verwirf mich nicht von deinem Angesicht“). Er bittet ihn darum, die Salbung nicht zurückzunehmen, seinen gesamten Heilsplan mit David („nimm deinen Hl. Geist nicht von mir“, denn Salbung bedeutet Geistgabe). Er bittet Gott insgesamt darum, den Bund mit ihm nicht zu kündigen wegen dem, was er ihm angetan hat. Gott hat ihm aber zugesagt, dass er treu ist und einen Bund nicht zurücknimmt. Er braucht keine Schlachtopfer und Brandopfer, wenn man sie tut, um Gott zu besänftigen, gleichzeitig aber ganz viele Leichen im Keller hat. Gerade König David hat schwere Sünden begangen und versteht, dass er die Beziehung zu Gott zerstört hat. Er konzentriert sich darauf, diese Beziehung wieder zu kitten, nicht einfach nur paar Opfer darzubringen und dann passt das schon. Das heißt nicht, dass wir das jetzt wortwörtlich nehmen müssen und David keine Opfer mehr darbringen soll. Wir sind hier in einem Psalm, einer poetischen Textgattung, die mit solchen rhetorischen Stilmitteln bestückt ist. Wir sehen an Davids Verhalten und an dem seines Sohnes Salomo, dass er diese Verse rhetorisch meint. Er hat den Festkalender mit all den Opfern ja noch ausgebaut und Salomo hat den Tempel gebaut, in dem weiterhin viele Opfer dargebracht wurden!
Es heißt vielmehr, dass Gott keine solchen Opfer braucht, wenn die Menschen ihr Leben nicht ändern wollen, wenn ihr Herz nicht umkehrbereit und reuevoll ist. Das ist sehr aktuell, denn auch heute locken viele Angebote aus der Esoterik damit, dass man Heil, Glück, Erfolg etc. haben kann ohne Umkehr: ob es Meditationen und körperliche Übungen sind (Yoga, Qigong etc), die Umstellung der Möbel im Haus für Glück im Leben (Fengshui) oder sogar Diäten für besseres Karma…
Vielmehr wünscht sich Gott einen zerbrochenen Geist und ein zerschlagenes Herz, das heißt eine innere Bußhaltung und Bereitschaft zur Umkehr. Das ist ihm viel wertvoller. David hat das wirklich vorgelebt und ist deshalb bis heute ein Vorbild im Prozess der Umkehr sowie im Gebet, auch wenn er schlimme Sünden begangen hat. Auch die Bewohner von Ninive haben es vorbildlich umgesetzt. Sie haben mit demselben zerschlagenen Herzen und zerbrochenen Geist Gott um Verzeihung gebeten. Deshalb hat Gott am Ende auch das Unheil abgewendet.
Für uns heißt das heute nicht, dass wir keine Messen besuchen sollen, dem einzigen Opfer, das wir als Christen noch haben, das alle anderen Opfer der Juden abgelöst hat. Das heißt vielmehr, dass hinter dem knienden Menschen in der Kirchenbank, dem Gläubigen, der sich ein Aschekreuz abholt und gesenkten Kopfes die Messe mitmacht, auch ein reuiges Herz stecken muss, ein zerschlagener Geist, der bereit zur Umkehr ist und dies auch durch Taten im Alltag zeigt. Wir alle sollen uns nicht einfach nur zurücknehmen – und schon gar nicht für eitle Gründe wie im säkularen Kontext für die Fastenzeit angepriesen wird! -, sondern dieses Minus auch durch ein Plus barmherziger Taten kompensieren! In der Fastenzeit muss man uns anmerken, dass wir uns darum bemühen, den anderen Menschen gegenüber netter zu sein, ihnen zu helfen, besonders das zu verschenken, das heutzutage zu den Wertvollsten Gütern zählt – unsere Zeit. Tun wir alles aus Liebe zu Gott, weil wir ihm zuliebe ein besserer Mensch werden möchten, dann wird er uns segnen und verwandeln.

Lk 11
29 Als immer mehr Menschen zusammenkamen, begann er zu sprechen: Diese Generation ist eine böse Generation. Sie fordert ein Zeichen; aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden außer das Zeichen des Jona. 

30 Denn wie Jona für die Einwohner von Ninive ein Zeichen war, so wird es auch der Menschensohn für diese Generation sein. 
31 Die Königin des Südens wird beim Gericht mit den Männern dieser Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie kam von den Enden der Erde, um die Weisheit Salomos zu hören. Und siehe, hier ist mehr als Salomo. 
32 Die Männer von Ninive werden beim Gericht mit dieser Generation auftreten und sie verurteilen; denn sie sind auf die Botschaft des Jona hin umgekehrt. Und siehe, hier ist mehr als Jona.

Im heutigen Evangelium wird auf den Propheten Jona Bezug genommen, durch dessen Umkehrpredigt die Menschen im Innersten betroffen wurden und dementsprechend aufrichtig umgekehrt sind.
Heute spricht Jesus sehr deutliche Worte, um die Menschen wachzurütteln: „Diese Generation ist eine böse Generation.“ Das ist harter Tobak, aber notwendig. Jesus merkt, dass er nur so die Menschen aufrütteln kann. Er erläutert genauer, was er damit meint: „Sie fordert ein Zeichen; aber es wird ihr kein Zeichen gegeben werden außer das Zeichen des Jona.“ Die Forderung von Zeichen ist nicht zu verwechseln mit der Sehnsucht nach Heilung, die bestimmte Menschen immer wieder zum Ausdruck bringen. So ist z.B. der Aussätzige zu nennen, der sagte: „Wenn du willst, kannst du mich rein machen.“ Hier ist eine ganz andere Haltung als die, die Jesus kritisiert: Wer Zeichen fordert, beweist durch seine Forderung seinen Unglauben. Sie stellen dabei Gott auf die Probe, denn Jesus soll seine Göttlichkeit zur Schau stellen. Sie behaupten, nur dann zu glauben, wenn Jesus sich als Gott offenbart. Vor einigen Tagen haben wir aber festgestellt, dass dies eine Versuchung Satans ist, der Jesus von seiner Entäußerung weglocken will! Er möchte dies, damit Jesus die Menschen nicht erlöst. Und wenn die Menschen in der Öffentlichkeit von Jesus nun ein Zeichen fordern, dann ist es genau dasselbe! Der Satan bedient sich der Menschen, um durch sie Jesus erneut von seiner Entäußerung wegzulocken (dass er seine Göttlichkeit nicht mehr verbirgt bzw. auf sie verzichtet). Das wird immer wieder passieren, auch noch am Kreuz, wenn die Hohepriester zu Jesus höhnisch sagen werden: „Wenn du der Messias bist, steig herab vom Kreuz und hilf dir selbst!“ So ist die Generation wahrlich böse, denn sie entscheidet sich eher dafür, sich vom Bösen leiten zu lassen, als ihr Herz für das Heil Gottes zu öffnen.
Das Zeichen des Jona, dass Jesus hier andeutet, ist das Zeichen der Gerichtsankündigung. Die Menschen werden es erkannt haben, denn sie kannten den Propheten Jona. Das Zeichen des Jona heißt also Ankündigung von Unheil, aber es bedeutet auch zugleich – „kehrt um! Noch ist die Zeit dazu da!“ Das ist ja der Kern der gesamten Verkündigung Jesu. Die Umkehr und der Glaube an das Evangelium.
Jesus erklärt es noch genauer: Er selbst, seine Person wird zum Zeichen für seine Generation, so wie Jona Zeichen für die Bewohner Ninives war.
Bemerkenswert ist, dass Jesus sich als Antitypos und Steigerung sowohl Jonas als auch Salomos betrachtet, wenn er nun über die Umsetzung des Gerichts spricht. Während die Gerichtsrede bei Jona noch die Zerstörung der Stadt als Unheil ankündigt, ist es das göttliche Gericht bei Jesus. Dies ist eine Steigerung insofern, als es nicht nur eine Stadt, sondern eine ganze Generation betrifft. Dieses Gericht wird noch strenger sein, weil der Umkehraufruf nicht nur von einem Propheten wie Jona ausgegangen ist, sondern von Gott selbst, Jesus Christus. Zweitens sagt als Zeugin die Königin von Saba aus, die von weit hergekommen ist, die Weisheit Salomos zu sehen. Die zu verurteilende Generation ist Nachfolgerin der Stämme Israels zur Zeit des Salomo und Jesus kritisiert nun, was aus dieser Weisheit geworden ist, ja noch viel mehr: Er selbst ist mehr als Salomo, denn er hat die göttliche Weisheit in Fülle! Er hat den Menschen wie ein Sämann diese Weisheit ausgestreut, doch was ist von dieser Weisheit fruchtbar geworden? Die Königin von Saba wird mit ihrem Finger auf die fehlenden Früchte zeigen!
Auch die Männer von Ninive werden als Zeugen gegen die Generation Jesu aussagen, denn sie haben sich bei den Worten eines Menschen und Propheten namens Jona ganz bekehrt, die zu verurteilende Generation hatte mehr als nur einen Propheten – Gott selbst ist Mensch geworden, um die Menschen zur Umkehr aufzurufen, doch sie haben sich nicht bekehrt. Die Generation hat die Zeit der Gnade nicht erkannt.
Und wie könnte unser Gerichtsprozess aussehen? Welche Zeugen werden gegen uns aussagen? Werden es unsere Eltern sein, die uns immer und immer wieder davor gewarnt haben, bestimmte Sünden zu begehen? Werden es Geistliche sein, die deutlich gepredigt, die bei der Katechese nichts ausgelassen, die uns alles genauestens erklärt und die wir ignoriert haben? Freunde, die uns gewarnt haben? Dann werden auch wir uns nicht verstecken können, denn Gott hat uns durch so viele Menschen, Ereignisse etc. zur Umkehr aufgerufen. All das sagt Jesus auch uns heute. Er möchte, dass wir noch heute umkehren, dass wir mit derselben Haltung Buße tun wie die Bewohner Ninives und wie König David. Wir haben noch Zeit, besonders jetzt in der Fastenzeit. Diese vierzig Tage der österlichen Bußzeit sind ein Beweis der Barmherzigkeit Gottes. Er gibt uns einen Zeitraum, in dem wir richtig intensiv die Gelegenheit haben, unser Leben zu ändern. Dafür fließen auch besonders große Gnaden. Wir müssen diese nur annehmen und die Zeit auch wirklich nutzen. Sonst wird genau das eintreten, was Jesus auch angekündigt hat. Die Entscheidung liegt bei uns: Wollen wir wie die Bewohner von Ninive sein oder wie die böse Generation Jesu?

Eines ist sicher: Keiner kann von sich aus sagen, er oder sie habe Umkehr nicht nötig. Wir alle machen Fehler und bedürfen der Barmherzigkeit Gottes. Nehmen wir sie in Anspruch.

Ihre Magstrauss