Samstag der dritten Adventswoche (A)

Hld 2,8-14 oder Zef 3,14-17 (14-18a); Ps 33,2-3.11-12.20.21; Lk 1,39-45

Liebe Freunde,
heute gibt es zwei Möglichkeiten für die alttestamentliche Lesung: Hohelied oder Zefanja. Wir werden einen Blick in beide Texte werfen, weil sie beide sehr interessant sind.

Hld 2
8 Horch! Mein Geliebter! Sieh da, er kommt. Er springt über die Berge, hüpft über die Hügel. 
9 Der Gazelle gleicht mein Geliebter, dem jungen Hirsch. Sieh da, er steht hinter unserer Mauer, er blickt durch die Fenster, späht durch die Gitter. 
10 Mein Geliebter hebt an und spricht zu mir: Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! 
11 Denn vorbei ist der Winter, verrauscht der Regen. 
12 Die Blumen erscheinen im Land, die Zeit zum Singen ist da. Die Stimme der Turteltaube ist zu hören in unserem Land.
13 Am Feigenbaum reifen die ersten Früchte, die blühenden Reben duften. Steh auf, meine Freundin, meine Schöne, so komm doch! 
14 Meine Taube in den Felsklüften, im Versteck der Klippe, dein Gesicht lass mich sehen, deine Stimme hören! Denn süß ist deine Stimme, lieblich dein Gesicht.

Der Ausschnitt aus dem Hohelied ist wie das ganze Buch voll von bräutlicher Sprache. Dies ist eine bewusst verwendete Metaphorik, die das Verhältnis der Braut Israel zu ihrem Bräutigam Gott verbildlicht. Was wir in diesen vielen blumigen Aussagen erkennen können, ist das Kommen des Messias:
Der „Geliebte“ kommt, und zwar schnell. Er hüpft und rennt wie eine Gazelle bzw. ein junger Hirsch. Er blickt schon durchs Fenster und durchs Gitter. Das erinnert uns an Jesus, wie er in Offb 3,20 sagt: „Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an.“ Es ist dasselbe Bild und meint das Kommen des Messias, das unmittelbare bevorsteht. Dort wird es sich aber auf das zweite Kommen beziehen. Hier geht es noch um das erste Kommen, das das Volk Israel erwartet hat.
Der Herr fordert Israel auf, aufzustehen, da der Winter vorbei und die Anzeichen der Natur eindeutig sind. Das hebräische Verb קום kann unterschiedlich übersetzt werden und später verwendet es Jesus, als er das verstorbene Mädchen wieder zum Leben erweckt: Es kann „aufstehen“ im Sinne von „aufwachen“ und „sich erheben“ meinen, aber auch „durchhalten“, „errichtet werden“, „ins Dasein gerufen werden“. Durch diese schillernde Vielfalt kann man diese Aufforderung Gottes mehrfach verstehen: Erstens ruft Gott sein Volk ins Dasein durch die Schöpfung und den Bundesschluss , den er immer wieder erneuert. Dann ruft Gott zur Errichtung der zwölf Stämme und zum Tempelbau auf. Gott möchte immer wieder schon im AT, dass das Volk endlich aus der Trance des Götzendienstes aufwacht. Er ruft sein Volk auch immer wieder auf, durchzuhalten in Zeiten der Bedrängnis, besonders im Exil. Er wird diese verschiedenen Rufe auch an uns richten, die wir das Volk Gottes im Neuen Bund sind. So wie in der Offb wird er uns zum Ausharren aufrufen, die wir auf seine Wiederkunft warten.
Was das Hohelied uns immer wieder vermittelt, ist nicht nur die Sehnsucht des Volkes Israel nach Gott, sondern auch Gottes Liebe zu seinem Volk. Er möchte das Gesicht seiner Braut sehen. Gott brennt vor Liebe zu uns und möchte uns sehen. Er sehnt sich nach uns und unserer Gegenliebe. Er ist eifersüchtig, wenn wir Götzen schöne Augen machen. Er möchte unsere ganze Liebe für sich allein. Und er ist bald da. Ja, der Messias wird Mensch in wenigen Tagen!
Ich möchte noch etwas zur Geliebten sagen: Gewiss ist sie ein Bild für Israel. Dieses verdichtet sich aber in einer einzelnen Person, die zur Stellvertreterin des Volkes, des Alten Bundes wird – Maria. Sie ist wahrlich eine Braut Gottes, da sie dem Tempel geweiht worden ist. In diesen Tagen denken wir sehr viel an sie, weil sie kurz vor ihrer Niederkunft steht. Sie trägt Gott unter ihrem Herzen und ersehnt ihn. Sie ruft „Horch! Mein Geliebter!“ Sie hat die Bräutlichkeit des Volkes Israel mit ihrem ganzen Wesen ausgedrückt.

Zef 3
4 Juble, Tochter Zion! Jauchze, Israel! Freu dich und frohlocke von ganzem Herzen, Tochter Jerusalem! 
15 Der HERR hat das Urteil gegen dich aufgehoben und deine Feinde zur Umkehr gezwungen. Der König Israels, der HERR, ist in deiner Mitte; du hast kein Unheil mehr zu fürchten. 
16 An jenem Tag wird man zu Jerusalem sagen: Fürchte dich nicht, Zion! Lass die Hände nicht sinken! 
17 Der HERR, dein Gott, ist in deiner Mitte, ein Held, der Rettung bringt. Er freut sich und jubelt über dich, er schweigt in seiner Liebe, er jubelt über dich und frohlockt, wie man frohlockt an einem Festtag.

Zefanja gehört zu den „kleinen Propheten“, deren Botschaft aber mindestens genauso bedeutsam ist wie die der großen Propheten: Es ist fast schon ein Freudengesang, den wir bei ihm lesen. Die Tochter Zion wird zum Lobpreis aufgefordert, weil der Tag der Freude gekommen ist. Historisch gelesen erkennen wir das Ende der assyrischen Fremdherrschaft. Zefanja wirkt in Jerusalem um das Jahr 630 v.Chr. Wie viele Propheten vor und nach ihm hat er das Leiden des Volkes durch die Assyrer als Urteil Gottes gedeutet, das Israel durch die eigenen Sünden verdient hat. Er sagt in diesem heutigen Abschnitt nun, dass Gott das Urteil aufgehoben hat. Die Zeit der Bedrängnis ist vorbei. Stattdessen wohnt der König Israels nun in ihrer Mitte. Es ist bemerkenswert, dass Gott nun als König bezeichnet wird. Das ist eine Metapher, die wir mit Jesus, dem Messias wiedererkennen werden. Er, der sogar ans Kreuz geschlagen wird als König der Juden. Gott ist der Herrscher der Welt und er ist es, der Israel leitet.
Gott wird auch als Held bezeichnet, der Rettung bringt. Bei solchen messianischen Aussagen wird stets das hebräische Wortfeld um יֹושִׁיעַ joschia „Rettung“ verwendet. Gott bringt uns Jesus, den Heiland.
Wenn es dann heißt: „Er freut sich und jubelt über dich“, ist das vergleichbar mit dem Ausschnitt aus dem Hohelied. Gott freut sich und sehnt sich nach seiner Braut. Er freut sich besonders, wenn sie umkehrt von den Götzen und ihren Blick wieder Gott zuwendet. Womöglich kann man diesen letzten Vers schon als Hochzeit deuten, die der Anlass der größten Freude darstellt. Dann klingt hier prophetisch schon die Hochzeit des Lammes an.
Auch hier ist der Hinweis zu machen, dass die Tochter Zion auf eine reale Person bezogen werden kann – Maria. Sie ist eine Tochter Zion als Zugehörige zum Volk Israel, vielmehr aber durch ihre Zugehörigkeit zum Stamm Juda und zur Dynastie König Davids. Sie verkörpert das Volk Israel auf eine ganz besondere Weise. Denn sie macht keinen Götzen schöne Augen. Sie schaut nur auf den HERRN und tut in allem nur seinen Willen.

Ps 33
2 Preist den HERRN auf der Leier, auf der zehnsaitigen Harfe spielt ihm!
3 Singt ihm ein neues Lied, spielt kunstvoll mit Jubelschall!
11 Der Ratschluss des HERRN bleibt ewig bestehen, die Pläne seines Herzens durch alle Geschlechter. 
12 Selig die Nation, deren Gott der HERR ist, das Volk, das er sich zum Erbteil erwählt hat. 20 Unsre Seele hofft auf den HERRN; er ist unsere Hilfe und unser Schild. 
21 Ja, an ihm freut sich unser Herz, wir haben vertraut auf seinen heiligen Namen.

Je näher wir dem Weihnachtsfest kommen, desto mehr Lobgesang hören wir in den Psalmen und Lesungen des Tages. Im heutigen Lobpsalm werden wir aufgefordert, Gott zu loben mit Gesang und Instrumenten. Das Besondere hier: Wir sollen ein neues Lied singen. Das ist immer ein Hinweis auf den Messias.
Der ewige Ratschluss des HERRN, also sein Wille, ist ein wunderbar tröstliches Wort, denn es besagt, dass Gottes HEIL ewig bestehen bleibt. Er hat immer nur Pläne des Heils, nicht des Unheils (Jer 29,11). Dies können wir wirklich bestätigen: Der Höhepunkt der Heilsgeschichte kam mit der Menschwerdung Gottes, was wir in wenigen Tagen feiern werden. Er hat einen Bund zwischen allen Menschen und Gott geschlossen, der auf ewig Bestand haben wird.
„Selig die Nation, deren Gott der HERR ist“ – alle Menschen können theoretisch selig sein, weil Jesus für sie alle gestorben ist. Sie müssen diese Erlösung aber annehmen, wenn sie sein Erbe antreten wollen.
„Unsere Seele hofft auf den HERRN“ ist ein typisches Psalmwort und ist zeitlos. Sowohl die Israeliten haben auf den Herrn gehofft, insbesondere in Zeiten der Bedrängnis durch feindliche Völker. Die Kirche betet dies heute in der Zeit der größten Christenverfolgung aller Zeiten. Jeder einzelne Mensch betet dies in Zeiten der ganz persönlichen Bedrängnis, insbesondere in Versuchungssituationen. Wir beten es auch mit Blick auf das Ende der Zeiten, wenn Jesus zum zweiten Mal wiederkommen wird.
Und wenn wir bis zum Schluss auf seinen heiligen Namen vertraut haben, wenn wir standhaft geblieben sind, werden wir am Ende wirklich Grund zum ewigen Jubel haben. Dann werden wir Gottes Angesicht schauen und ihn loben bis in alle Ewigkeit.

Lk 1
39 In diesen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. 
40 Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. 
41 Und es geschah, als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt 
42 und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du unter den Frauen und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. 
43 Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt? 
44 Denn siehe, in dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. 
45 Und selig, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ.

Alles, was wir bisher gehört haben, läuft auf das heutige Evangelium hinaus: Maria besucht ihre Verwandte Elisabet, die ja im sechsten Monat schwanger mit Johannes dem Täufer ist.
Als Maria ins Haus kommt und Elisabet begrüßt, hüpft das Kind in ihrem Leib. Elisabet wird vom Heiligen Geist erfüllt und tut das, zu dem der Psalm auffordert: Sie unternimmt einen Lobpreis. Dabei segnet sie Maria, die sie als die Muttergottes erkennt. Es ist bemerkenswert, dass sie sich selbst niedriger einstuft als Maria („Wer bin ich…“). Das ist insofern besonders, als sie nach jüdischer Vorstellung eigentlich höhersteht. Sie ist ja älter als Maria. Elisabet beginnt den Lobpreis, nachdem sie gemerkt hat, dass ihr ungeborenes Kind den Messias preist.
Vergleichen wir diese Begegnung zwischen dem Täufer und Jesus sowie Elisabet und Maria mit den Lesungen des Alten Testaments, geht uns einiges auf. Im Hohelied wurde schon verheißen, dass Gott an der Schwelle steht und durchs Gitter schaut. Er ist unmittelbar vor der Ankunft. Und dies erfüllt sich nun mit Maria und dem ungeborenen Jesuskind an der Schwelle des Hauses des Zacharias! Jesus kehrt ein, auch wenn er noch nicht geboren ist. Das erkennt schon das andere ungeborene Kind. Es kommt noch besser. Im Hohelied heißt es, der Geliebte „springt über die Berge und hüpft über die Hügel“. Maria geht ins Bergland von Judäa, um ihre Verwandte zu besuchen. Sie bringt den „Geliebten“ tatsächlich in die Berge und Hügel!
Auch die Verheißungen aus Zefanja realisieren sich in dieser Situation: Freuen und jubeln kann sich heute Elisabet, denn der HERR ist in ihrer Mitte. Maria hat ihn zu ihr gebracht. Nicht nur Maria wird so zur Tochter Zion, in deren Mitte, nämlich in ihrem Leib, der Messias heranwächst, sondern auch ihre Verwandte und auch Johannes der Täufer.
Elisabet erkennt, dass die Personifikation der Tochter Zion ihre Verwandte Maria ist. Sie ist ganz anders als alle anderen Frauen. Sie trägt kein normales Kind unter ihrem Herzen, sondern den Messias, Gott den HERRN. Sie erkennt Marias Glauben an die gute Vorsehung Gottes. Sie erkennt, dass Maria wirklich darauf vertraut hat, dass Gottes Ratschluss immer auf das Heil hinausgeht und dass Gott sein Versprechen hält.
Was wir heute nicht mehr hören, was sich aber an Elisabets Worte anschließt, ist das Magnificat. Maria, die Tochter Zion, preist Gott mit Worten der Heiligen Schrift für die großen Taten, die er seinem ganzen Volk erwiesen hat. Sie betet stellvertretend für das ganze Volk, wodurch ihre Identität als Tochter Zion ganz und gar offenbar wird.

Heute ist es wirklich nur noch einen Katzensprung von der Menschwerdung Gottes entfernt. Freuen wir uns und jubeln zusammen mit Johannes dem Täufer, Elisabet, Maria und David. Jubeln wir und glauben auch wir, dass Gottes Ratschluss immer nur das Heil für uns bereithält. Er hält sein Versprechen. Er tat es damals und er wird es auch in unserem Leben tun.

Ihre Magstrauss

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