Donnerstag der zweiten Adventswoche (A)

Jes 41,13-20; Ps 145,1.9-13; Mt 11,7.11-15

Jes 41
13 Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und der zu dir sagt: Fürchte dich nicht, ich habe dir geholfen. 
14 Fürchte dich nicht, du armer Wurm Jakob, du kleines Israel! Ich habe dir geholfen – Spruch des HERRN. Und dein Erlöser ist der Heilige Israels. 
15 Siehe, zu einem Dreschschlitten mache ich dich, zu einem neuen Schlitten mit vielen Schneiden. Berge wirst du dreschen und sie zermalmen und Hügel machst du zu Spreu. 
16 Du worfelst sie und es verweht sie der Wind, es zerstreut sie der Sturm. Du aber jubelst über den HERRN, du rühmst dich des Heiligen Israels.
17 Die Elenden und Armen suchen Wasser, doch es ist keines da; ihre Zunge vertrocknet vor Durst. Ich, der HERR, will sie erhören, ich, der Gott Israels, verlasse sie nicht. 
18 Auf den kahlen Hügeln lasse ich Ströme hervorbrechen und Quellen inmitten der Täler. Ich mache die Wüste zum Wasserteich und das ausgetrocknete Land zu sprudelnden Wassern. 
19 In der Wüste pflanze ich Zedern, Akazien, Ölbäume und Myrten. In der Steppe setze ich Zypressen, Platanen und auch Eschen, 
20 damit alle sehen und erkennen, begreifen und verstehen, dass die Hand des HERRN dies gemacht hat, dass der Heilige Israels es erschaffen hat.

Der Jesajatext heute ist ein großer Trost und eine einzige Verheißung Gottes. In dem Kapitel geht es um den gnädigen Perserkönig Kyros, der den Israeliten viele Freiheiten und vor allem den Bau eines neuen Tempels erlaubt. Sein Kommen wird als Gebetserhörung gedeutet, so vermittelt Jesaja Gottes Worte: „Ich habe dir geholfen“. Gott erhört die Gebete und nach einer vermeintlichen Krise werden auch wir beschenkt, wenn wir durchhalten und an Gott festhalten. Es ist auffällig, dass hier das Wortfeld „Erlöser“ genannt wird (hebr. גאל ga’al). Im Kontext des Kapitels und der Geschichte Israels bezieht es sich auf Kyros. Er erlöst das Volk aus der Fremdherrschaft und ist somit ein politischer Erlöser. Zugleich fragen wir uns, warum der Perserkönig „Heiliger Israels“ sein soll. Schon an dieser Stelle merkt man, dass der Text über sich selbst hinausweist. Der Titel ist im AT ein typischer Gottestitel. Somit wird die Erlösergestalt als göttlich gekennzeichnet. Hier wird eindeutig schon der Messias angekündigt!
Die vielen Erntemetaphern, die sich anschließen, sind wiederum gängige Bilder im messianischen und endzeitlichen Kontext. Israel wird zur Exekutivgewalt göttlichen Gerichts, zum Ausführungsorgan des Arms Gottes. Im NT wird das Motiv erneut aufgegriffen, vor allem in der Offb, wo die Stämme Israels an dem Gericht teilnehmen werden. Neben dieser anagogischen Auslegung ist „Israel“ auch schon allegorisch und moralisch als die Kirche bzw. das Gewissen im Menschen zu verstehen. Gott ist der Richter und wir selbst werden zu unserem eigenen „Staatsanwalt“, wenn wir ein schlechtes Gewissen bekommen, uns selbst anklagen. Die Kirche „richtet“ durch die Verkündigung und hat selbst auch ein eigenes Rechtssystem, das vorläufig ist. Gott wird nämlich derjenige sein, der am Ende des Lebens und am Ende der Zeiten das letzte Wort haben wird. Johannes der Täufer war so ein mächtiger Dreschschlitten, der kein Blatt vor den Mund genommen und alles daran getan hat, die Menschen zur Umkehr zu bewegen. Auch Jesus hat in seiner Reich-Gottes-Verkündigung gerichtet, in dem er seinen Finger z.B. in die Wunde der Tempellobby gelegt hat.
Die Ankündigung des Gerichts wird aber keinesfalls als Bedrohung empfunden, sondern das Volk Israel jubelt über das Eingreifen Gottes, des Heiligen Israels.
Neben dieser Gerichtsankündigung ist Jesajas Prophetie deshalb so tröstlich, weil Gott seine Gebetserhörung ankündigt. Es ist sein Wille, die Menschen zu erhören und nicht zu verlassen. Bemerkenswert ist in dem Zusammenhang die Rede vom Vertrocknen und vom Tränken, von Bächen und Quellen. Die Verwendung von Wassermetaphern führt über den wörtlichen Sinn hinaus: Gott will nicht nur echte Wasserquellen für die Israeliten schaffen, damit sie und ihr Vieh, ihr Lebensraum getränkt werden. Er will ihnen auch den Hl. Geist geben, der erneuert. Dies ist für die Israeliten zunächst ein Hinweis darauf, dass er den Kult wieder neu aufblühen lassen will. Auch bei Ezechiel wird mit diesem Bild die Herrlichkeit Gottes in einem neuen Tempel verheißen. Gott wird in einem neuen Tempel wieder unter ihnen wohnen! Aber darüber hinaus wird der Geist Gottes auch eine bestimmte Person als exemplarisches Israel mit dem Geist Gottes tränken, so sehr, dass auch in ihr Gott wohnen wird – Maria. Mitten in die Wüste der Fremdherrschaft der Römer wird der Messias durch eine fromme Jüdin aus dem Stamm Juda geboren! Sie ist nicht nur Exemplum Israels, sondern auch der Kirche. Maria ist ein Scharnier, ein Verbindungsglied zwischen den beiden Bünden. Mit Jesus kommt der Geist Gottes in die Hoffnungslosigkeit und die Spannungen des Volkes Israel um die Zeitenwende. Er tränkt die Menschen mit dem Geist, wo er die messianischen Heilstaten vollbringt, die im AT immer wieder angekündigt worden waren. In seiner Nachfolge spendet die Kirche den Geist Gottes, durch den sie selbst entstanden ist, den Menschen in der Wüste. Gott lässt in den Wüsten unseres Lebens neues Leben entstehen und tränkt es mit Wasser – mit dem lebendigen Wasser des Hl. Geistes. Dies geschieht vor allem dort, wo wir aus der Wüste der Sündhaftigkeit zurückkehren in den Stand der Gnade. Dort ist Oase, weil dort Gott ist.
Gott vollbringt auch im AT schon deshalb Wunder, damit die Menschen seine Herrlichkeit erkennen und zum Glauben an den kommen, der alles geschaffen hat. Auch im NT wird sich dies fortsetzen, wenn Jesus Wunder tut. Dann heißt es über das erste Wunder in Joh 2, dem Weinwunder von Kana: „So tat Jesus sein erstes Zeichen, in Kana in Galiläa, und offenbarte seine Herrlichkeit und seine Jünger glaubten an ihn.“ Jesu Herrlichkeit ist dieselbe, die Gott im AT den Israeliten offenbart. Er und der Vater sind eins (Joh 10,30). Auch in der Kirche geschehen so viele Wunder und das größte ist die Eucharistie. Der Herr macht sich so klein, dass er als eine kleine Hostie zu uns kommen möchte. Er tut es, damit wir zum Glauben kommen. Ich persönlich kenne so einige Konvertiten, die durch die Eucharistie zum katholischen Glauben gekommen sind, entweder weil sie bei Nightfever in die Kirche zum ausgesetzten Allerheiligsten kamen oder weil sie eine Fronleichnamsprozession erlebt haben. Der Herr tut all diese Wundertaten, um unser Herz zu gewinnen. Er brennt so sehr für uns und wirbt auf diese Weise wie ein Bräutigam um seine Braut.

Ps 145
1 Ein Loblied Davids. Ich will dich erheben, meinen Gott und König, ich will deinen Namen preisen auf immer und ewig.
9 Der HERR ist gut zu allen, sein Erbarmen waltet über all seinen Werken. 
10 Danken sollen dir, HERR, all deine Werke, deine Frommen sollen dich preisen. 
11 Von der Herrlichkeit deines Königtums sollen sie reden, von deiner Macht sollen sie sprechen,
12 um den Menschen bekannt zu machen seine machtvollen Taten und die glanzvolle Herrlichkeit seines Königtums. 
13 Dein Königtum ist ein Königtum aller Zeiten, von Geschlecht zu Geschlecht währt deine Herrschaft.

Auch der Psalm greift diesen Gedanken auf. Es ist wiederum ein Lobespsalm. Wir Menschen, so auch schon die Israeliten, haben jeden Grund, Gott zu preisen. Denn „sein Erbarmen waltet über all seinen Werken“. Alles, was Gott tut, tut er zu unserem Heil. So ist es mit der Schöpfung, so ist es auch mit der Neuschöpfung. Er wird aus diesem Grund Mensch und vollbringt all die Wundertaten. Er stiftet aus diesem Grund die Kirche und die Sakramente. Gott hat durch die Erlösungstat Christi einen Bund mit allen Menschen geschlossen, deshalb ist dieses Psalmwort wirklich wörtlich zu verstehen, wenn es heißt: „Der HERR ist gut zu allen.“ Er will das Heil jedes Menschen und bietet es deshalb jedem an.
Es ist auch bemerkenswert, dass die Rede vom Königtum Gottes ist. Gott ist ein Herrscher und seine Königswürde ist Herrlichkeit. Das hebräische Wort כָּבוֹד kavod ist auch dasselbe, das für die Gegenwart Gottes im Tempel verwendet wird und das zum Gottesprädikat δόξα doxa wird – sowohl im griechischen AT als auch im NT. Die Herrlichkeit des Reiches Gottes macht auch Jesus zum Kern seine Verkündigung. Und am Ende seines Wirkens, bevor er nämlich zum Vater zurückkehrt, trägt er seinen Jüngern auf, diese Herrlichkeit des Gottesreiches allen Menschen zu verkünden. Somit wird das umgesetzt, was hier im Psalm schon gesagt wird: „Von der Herrlichkeit deines Königtums sollen sie reden…um den Menschen bekannt zu machen“. Die Kirche tut dies in ihren Vollzügen: Sie verkündet das Reich Gottes (martyria), sie feiert das Reich Gottes (leiturgia), sie lebt das Reich Gottes (diakonia). Und wir Menschen ersehnen das Reich Gottes jedes Mal, wenn wir im Vaterunser beten „dein Reich komme“. Das Reich Gottes ist ewig, so sagt es schon der Psalm. Es ist das Himmelreich, das unter anderem auch mit dem Begriff „himmlisches Jerusalem“ bezeichnet wird.

Mt 11
7 Als sie gegangen waren, begann Jesus zu der Menge über Johannes zu reden: Was habt ihr denn sehen wollen, als ihr in die Wüste hinausgegangen seid? Ein Schilfrohr, das im Wind schwankt?
11 Amen, ich sage euch: Unter den von einer Frau Geborenen ist kein Größerer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Himmelreich ist größer als er. 
12 Seit den Tagen Johannes’ des Täufers bis heute wird dem Himmelreich Gewalt angetan und Gewalttätige reißen es an sich. 
13 Denn alle Propheten und das Gesetz bis zu Johannes haben prophetisch geredet. 
14 Und wenn ihr es annehmen wollt: Er ist Elija, der wiederkommen soll. 
15 Wer Ohren hat, der höre! 

Es ist sehr faszinierend, wie Jesus nun über Johannes den Täufer spricht, der genau diese großen Taten Gottes verkündet hat – in der Wüste! So wird Johannes zur Quelle, die Gott aufkommen lässt inmitten der Trockenheit und Dürre. Man könnte ihn auch als den Stock bezeichnen, der die Wasserquelle erst aufschlägt. Denn er ist es nicht, der kommen soll, sondern er kündet den Messias an.
Das Wort vom Größten und Kleinsten scheint auf den ersten Blick rätselhaft und viele Experten zerbrechen sich darüber den Kopf. Johannes ist der Größte unter denen, die von einer Frau geboren worden sind, also der größte Prophet unter den Menschen, die es jemals gab. Er ist es deshalb, weil er Jesus als einziger aller Propheten des Alten Bundes mit eigenen Augen sehen, ihn berühren durfte – und auch mit ihm verwandt war! Er durfte ihm sogar schon begegnen, bevor er überhaupt geboren wurde, als nämlich die schwangere Maria die schwangere Elisabeth besuchte. Johannes war der unmittelbare Vorläufer Jesu und stand wie Maria als Scharnier zwischen den Bünden. Einerseits muss man ihn in die Reihe der alttestamentlichen Propheten einordnen (er wurde sogar mit dem Code des wiedergekommenen Elija umschrieben), andererseits ist er schon der Vorläufer des Neuen Bundes, zu dem er einen großen Beitrag geleistet hat. Das Entscheidende wird er aber nicht mehr miterleben – den Tod und die Auferstehung Jesu Christi. Deshalb wird er als der Kleinste unter denen im Himmel bezeichnet: Der Himmel – so haben wir durch die Texte des AT heute kennengelernt – ist das Königtum Gottes. Durch den Neuen Bund bricht es an, am Ende der Zeiten wird es vollendet (bzw. offenbar für alle). Johannes ist der Kleinste derer, die zum Neuen Bund gehören, weil der Neue Bund zu seiner Zeit noch nicht geschlossen ist. Er stirbt, noch bevor Jesus den Bund am Kreuz besiegeln kann. Johannes hat noch nicht das Privileg der Erlösung erhalten. In dieser heilsgeschichtlichen Erklärung ist Johannes der Kleinste im Himmelreich. Darin ist jeder erlöste Mensch des Königtums Gottes ihm voraus.
Jesus deutet an, wie sehr dem Himmelreich bisher Gewalt angetan worden ist. Dies ist auf verschiedenen Ebenen zu sehen: Erstens ist dem Volk Israel viel Gewalt angetan worden, das das auserwählte Volk und die Braut Gottes ist. Israel selbst hat „von innen“ das Reich angegriffen jedesmal, wenn es anderen Göttern hinterhergelaufen ist. „Von außen“ haben genug Völker um Israel herum Gottes Reich Gewalt angetan durch Unterdrückung und vor allem Götzendienst. Überall, wo Sünden begangen wurden, ist dem Gottesreich Gewalt angetan worden. Dies gilt zu allen Zeiten und besonders da, wo Gottes auserwählte Propheten umgebracht und nicht gehört werden. Die allerschlimmste Gewalt wird dem Reich jedoch angetan mit der Tötung seines einzigen Sohnes, den er ihnen gesandt hat, um ihnen das Reich Gottes in Person zu zeigen.
Zum Ende des Evangeliums hin verwendet Jesus den Code des wiedergekommenen Elija, um den Schriftkundigen, den Juden in Messiaserwartung, die heilsgeschichtliche Bedeutung des Johannes zu verdeutlichen. Er spricht in ihrer Sprache, um ihnen die Erfüllung der messianischen Verheißung klarzumachen.

Wenn Jesus sagt, dass dem Himmelreich viel Gewalt angetan wird, müssen auch wir uns angesprochen fühlen. Die Gewalt endet nicht mit Jesu Erlösungswirken. Jedesmal, wenn wir sündigen, tun wir dem Himmelreich Gewalt an. Gott ist aber so barmherzig, dass er uns vergibt. Nehmen wir seine Vergebung an und tun wir alles, was in unserer Macht steht, um die Gewalt zu beenden. Den Schlussstrich wird aber Jesus selbst ziehen, wenn er am Ende der Zeiten in seiner Herrlichkeit wiederkommen wird.

Ihre Magstrauss

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