Mittwoch der zweiten Adventswoche (A)

Jes 40,25-31; Ps 103,1-4.8.10; Mt 11,28-30

Liebe Freunde, die heutigen Schrifttexte sind einerseits ein Zeugnis gegen pantheistische und anthropomorphe Gottesvorstellungen. Andererseits wird deutlich, dass Gott jedes einzelne Leben so unendlich wichtig ist, als wäre es das einzige. Der Grundduktus von gestern wird heute fortgesetzt und nicht zufällig so: Gott ist unser Leben schließlich so wichtig, dass er seinen einzigen Sohn für uns an Weihnachten Mensch werden lässt!

Jes 40
25 Mit wem wollt ihr mich vergleichen, dass ich ihm gleich wäre, spricht der Heilige. 
26 Hebt eure Augen in die Höhe und seht: Wer hat diese Gestirne erschaffen? Der vollzählig herausführt ihr Heer, er ruft sie alle beim Namen. Wegen seiner Fülle an Kraft und mächtiger Stärke fehlt kein einziges. 
27 Warum sagst du, Jakob, warum sprichst du, Israel: Verborgen ist mein Weg vor dem HERRN, meinem Gott entgeht mein Recht? 
28 Weißt du es nicht, hörst du es nicht? Der HERR ist ein ewiger Gott, der die Enden der Erde erschuf. Er wird nicht müde und matt, unergründlich ist seine Einsicht. 
29 Er gibt dem Müden Kraft, dem Kraftlosen verleiht er große Stärke. 
30 Die Jungen werden müde und matt, junge Männer stolpern und stürzen. 
31 Die aber auf den HERRN hoffen, empfangen neue Kraft, wie Adlern wachsen ihnen Flügel. Sie laufen und werden nicht müde, sie gehen und werden nicht matt.

Die heutige Passage aus dem Buch Jesaja beginnt mit einer rhetorischen Frage. Gott erwartet keine Antwort darauf, denn es ist klar – er ist unvergleichlich. Jesaja vermittelt weitere rhetorische Fragen Gottes, die dessen Andersartigkeit gegenüber der Schöpfung verdeutlichen: ER hat alles geschaffen, die Enden der Erde und die Gestirne. Dass er ausgerechnet den Sternenhimmel thematisiert, hat einen wichtigen Grund. Die Babylonier, unter deren Fremdherrschaft die Juden kamen, besaßen eine komplexe Astrallehre. Auch die Assyrer, die zuvor zu Fremdherrschern Israels wurden, betrieben Astronomie und Astrologie – sie machten die Gestirne verantwortlich für das ganze Leben. Gott spricht durch Jesaja nun zu seinem Volk und ordnet diese Gestirne ihm selbst unter! ER hat das Sagen, nicht die Sterne.
Gott erinnert das Volk, das die Hoffnung aufgeben will, an die vergangenen Heilstaten wie den Auszug aus Ägypten (Vers 26). Gott weiß alles, sieht alles und interessiert sich für alles (Vers 28). Auch wenn das Volk jetzt kurzzeitig in die Knie gezwungen wird, gibt Gott ihm wieder neue Kraft. Bei Gott gibt es im Schenken auch keine Grenzen („sie laufen und werden nicht müde…“). Das erinnert sehr stark an Jesu Verheißung am Jakobsbrunnen: Das Wasser, das er geben wird, tränkt, ohne dass man danach wieder Durst bekommt (Joh 4,14). Was Gott gibt, ist immer im maximalen Überfluss!
Jesajas Prophetie gibt den Hoffnungslosen wieder eine neue Perspektive in trostlosen Zeiten. Wir lesen die Verheißung vor allem christologisch: Der Messias wird zu einer Zeit kommen, in der die Römer das Volk unterdrücken. Er wird den Hoffnungslosen wieder Hoffnung machen, aber nicht politischer Art, sondern geistiger. Er wird die Menschen aus der Hoffnungslosigkeit ihres sündhaften Lebens befreien. Er tat es bereits und tut es auch heute noch durch die Kirche. Jesus spendet durch die Priester Versöhnung in der Beichte und stärkt das pilgernde Gottesvolk auf dem Weg in die Ewigkeit durch die Eucharistie. Der Geist, den wir durch die Heilsmittel geschenkt bekommen, verleiht jedem Einzelnen Flügel, sodass wir über uns selbst hinauswachsen. Unsere Laster werden wir Hand in Hand mit dem Hl. Geist zu Tugenden umwandeln und die Sünder werden immer mehr zu Heiligen gemäß ihrer Berufung. Gott versagt seine Gnade keinem Menschen, doch die Menschen öffnen sich nicht immer dafür. Wir Katholiken haben die Chance, die „Leitung“ wieder reparieren zu lassen, die durch die Sünde zerschnitten worden ist. Wenn wir wieder im Stand der Gnade sind, kann der Geist Gottes uns wieder ganz durchdringen. Am Ende der Zeiten wird Gott uns ganz und gar durchdringen, denn wir werden ganz in ihm sein und er in uns – ungleich viel mehr als jetzt.
Kennen auch wir nicht diese Versuchung, dass wenn im Leben vieles schief geht und wir Gottes Anwesenheit nicht spüren, wir zu murren beginnen? Sagen wir nicht auch so schnell „Gott sieht mich gar nicht, er hat mich vergessen, ich bin ganz allein, er hilft mir NIE“? Gott will durch Jesaja auch uns zusagen, dass wir ihm nicht egal sind. Er sieht unser ganzes Leben und will auch uns stärken, damit wir unser Kreuz tragen können. Er erinnert uns an all die Gnaden, die er uns in unserem Leben bereits geschenkt hat. Wie schnell werden wir vergesslich in dem, was wir Gutes erhalten haben! Auch als Kirche sind wir schnell darin, uns zu beschweren, wenn wir von innen und außen Bedrängnis erfahren. Mit der zunehmenden Gottlosigkeit resigniert so manche Gemeinde mehr und mehr. Das ist nicht der richtige Weg. Gott ist doch in ihrer Mitte durch die Eucharistie. Er handelt, auch wenn wir die Früchte gerade nicht sehen. Auch diese Zeit – oder gerade diese Zeit! – ist eine Gnadenzeit. Wir müssen nicht resignieren, sondern dürfen bei ihm Kraft holen. Und durchhalten. Es wird alles gut.

Ps 103
1 Von David. Preise den HERRN, meine Seele, und alles in mir seinen heiligen Namen! 
2 Preise den HERRN, meine Seele, und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat! 
3 Der dir all deine Schuld vergibt und all deine Gebrechen heilt,
4 der dein Leben vor dem Untergang rettet und dich mit Huld und Erbarmen krönt.
8 Der HERR ist barmherzig und gnädig, langmütig und reich an Huld. 
10 Er handelt an uns nicht nach unsern Sünden und vergilt uns nicht nach unsrer Schuld.

Auch der Psalm greift die allzu menschliche Versuchung auf, schnell zu meckern über das, was man nicht hat und zu vergessen, was man schon alles erhalten hat. Wir haben immer Grund zum Lobpreis, weil Gott uns so viel Gutes getan hat. Er vergibt uns jeden Tag, wirklich JEDEN TAG, jeden Moment unseres Lebens unsere Sünden, wo wir umkehren! Wie unendlich viel Geduld hat Gott mit uns! Schon das Volk Israel kann viele Geschichten darüber erzählen…Wie oft ist es anderen Göttern nachgelaufen, wie oft hat es undankbar gehandelt. Und doch ist Gott seinem auserwählten Volk treu geblieben, hielt sein Versprechen, seinen Bund! Wie oft hat er es zurückgeholt, in dem er eine Fremdherrschaft nach der anderen zugelassen hat! Würden wir die Kraft haben, unserem Partner zu vergeben, wenn er/sie mir fremdgegangen ist? Nichts anderes tat und tut Gott mit uns, mit seiner geliebten Braut. Auch die Kirche als Volk Gottes schaut anderen hinterher und wird untreu, wo auch immer sie der Welt gefällt, sich von Gottes Willen entfernt. Und doch bleibt Christus seiner Braut treu und hält sein Versprechen, bei ihr zu sein alle Tage bis zum Ende der Welt (Mt 28). Er kommt trotzdem in der Eucharistie zu uns und spendet auch die anderen Sakramente. Gott vergibt uns immer und immer wieder die Schuld in der Beichte, auch wenn wir immer dieselben Sünden begehen. So geduldig ist er mit uns! Er gibt uns jedes Mal auch noch die Kraft durch das Beichtsakrament, das nächste Mal der Sünde zu widerstehen. Seine Gnade kennt keine Grenzen. Seine Barmherzigkeit ist auch noch so unendlich, dass er uns sogar die Chance auf das Himmelreich gibt, wenn wir noch nicht alles gesühnt haben. Das, was wir Fegefeuer nennen, mit Blick auf die Ewigkeit DER Beweis seiner vergebenden Barmherzigkeit!
Gott heilt all unsere Gebrechen. Ja, er heilt in erster Linie unsere Seele, das ewige Leben. Er heilte die Beziehung zwischen seinem Volk und ihm. Er heilte auch damals schon körperliche Gebrechen und soziale Ausgrenzung. Er heilte die Seele derer, die keine Hoffnung mehr hatten und er stärkte die Ängstlichen mit dem Geist des Mutes. Gott heilte ganz besonders durch Jesus Christus. Dieser heilte in erster Linie auch die Seele und die Beziehung der Menschen zu Gott durch die Sündenvergebung. Der Gelähmte, der über das Dach auf einer Trage hinabgelassen wurde, wurde zunächst seelisch geheilt, bevor Jesus ihm als Bonus auch die körperliche Heilung schenkte. Jesus sagte: „Euch soll es zunächst um das Reich Gottes gehen, alles Andere wird euch dazu gegeben.“ Jesus heilte auch die vielen Ausgegrenzten von ihren sozialen Gebrechen, in dem er sie körperlich heilte – sei es die blutflüssige Frau, die Blinden oder die vielen Aussätzigen. Vor allem trieb er auch Dämonen aus, die den Geplagten seelische Folter bescherten.
Jesus heilt auch heute noch durch die Sakramente. Wenn Sie sich mit dem Heilungs- und Befreiungsdienst der Kirche befassen, werden Sie oft zu hören bekommen: Das größte Heilungsgebet – auch gerade um körperliche Heilung – sind die Beichte und die Eucharistie. Wenn die Beziehung zu Gott wieder versöhnt ist, kann Gottes Kraft im Menschen wirken. Gott wird auch am Ende der Zeiten alles heil machen, sodass es nicht mal mehr den Tod geben wird.
Alles, was Gott an uns Menschen tat, tut und tun wird, hat das Ziel, uns das ewige Leben zu ermöglichen. Er will uns vor dem Untergang retten. Das ist für das Volk Israel zunächst das Ende des Fortbestehens, der Generationenabfolge und des Kultes. Es betrifft später auch das Leben nach dem Tod, als die Israeliten nach und nach eschatologische Zusammenhänge begriffen. Dies betrifft den Fortgang der Kirche als Leib Christi. Jesus hat Petrus zugesagt, dass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen werden. Es meint im Hinblick auf jeden Einzelnen den moralischen Untergang, der nach dem Tod dann den Untergang der Seele zur Folge hat. Er rettet uns vor dem seelischen Tod, der Hölle, in dem er uns immer wieder Anlass zur Umkehr schenkt und wir noch bis zum Moment des Todes bereuen können. Gott ist wirklich langmütig, das heißt unendlich geduldig mit uns. Sein Gericht ist kein Berechnen im Sinne von: „Dies und das hast du getan, das ergibt so und so viel Strafe.“ Er richtet vor allem nach unserem Herzen, nach unserer Absicht und diese gibt Aufschluss über die Konsequenz. Und darüber hinaus währt seine Barmherzigkeit nach dem Maß unserer aufrichtigen Reue. Es ist wirklich ein entlarvender Psalm, der nämlich das Vorurteil entkräftet, im Alten Testament komme nur der strenge Richtergott vor. Schon hier lesen wir von Gottes unendlicher Barmherzigkeit.

Mt 11
28 Kommt alle zu mir, die ihr mühselig und beladen seid! Ich will euch erquicken. 
29 Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; und ihr werdet Ruhe finden für eure Seele. 
30 Denn mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht.

In Jesus verdichtet und personifiziert sich nun alles, was wir in den Texten des AT gelesen haben. Er ist die Güte und Barmherzigkeit in Person. Er will Ruhe verschaffen. Wenn wir zu leiden haben, müssen wir es nicht alleine tragen, sondern er lädt uns ein, damit zu ihm zu kommen. Wir müssen nicht resignieren wie die Israeliten im babylonischen Exil oder die Juden zurzeit der Römerherrschaft. Wir müssen es gar nicht so weit kommen lassen, dass wir zu hadern beginnen und verbittern. Auch diese Einladung Jesu ist Zeichen der großen Barmherzigkeit Gottes.
Von ihm lernen wir heute noch etwas Anderes: Eine Last zu tragen, ist notwendig. Wir alle müssen ein Joch tragen, aber es kommt darauf an, welches! Gottes Kreuz, das er uns auferlegt, ist auf uns abgestimmt. Wir haben bei Jesaja gelesen, dass Gott uns durch und durch kennt. Er hat uns schließlich geschaffen und kennt so auch unsere Grenzen. Sein auferlegtes Kreuz, das „Joch“, ist leicht und drückt nicht. An anderer Stelle sagt Jesus, dass wer sein Jünger sein will, sein Kreuz auf sich nehmen und tragen muss. Wenn wir Gottes Kreuz tragen, werden wir inneren Frieden haben und vor allem gibt er uns Kraft. Wir werden über uns hinauswachsen. Dies betrifft einerseits den einzelnen Christen, der die Gebote Gottes auf sich nimmt. Gottes Willen zu leben, ist nicht schwer und gibt uns inneren Frieden. Wir erhalten die Kraft und die Gnade, seinen Willen zu tun. Wo wir an unsere Grenzen stoßen, wachsen wir über uns hinaus durch seine helfende Gnade. Auch als ganze Kirche dürfen wir und müssen wir zu ihm kommen. Wir leben in einer Glaubenskrise. Immer mehr Menschen sind dem Namen nach Mitglied der Katholischen Kirche, leben aber nicht mehr nach den Geboten und nehmen die Heilsmittel nicht in Anspruch. Immer weniger Menschen glauben an Christus und daran, dass er in der Kirche lebt und wirkt. Auch diese Last müssen wir zum Herrn bringen und um Bekehrung und Erneuerung der Kirche beten! Wie oft werden stattdessen Sitzungen und Gespräche abgehalten, menschliche Krisenbewältigung und Anstrengungen unternommen, als ob diese Dinge das eigentliche Problem lösen könnten! Dabei müssen wir zuerst zu Christus zurückkehren. In erster Linie muss der Klerus wieder geistlich werden und auf Knien um Vergebung bitten. Und auch wir, jedes einzelne Glied des Leibes, muss bei sich anfangen und umkehren. Eine im Glauben erneuerte Kirche wird wieder authentisch und missionarisch sein. Auch als Kirche das Joch Christi auf sich zu nehmen, wird fruchtbar sein, nicht das Ablegen des Jochs durch die Angleichung an den Zeitgeist.

Kommen wir in diesen adventlichen Wochen zu ihm, der uns Ruhe verschaffen will. Schauen wir nicht auf den Stress, den Menschen sich im Advent jetzt freiwillig antun, in dem sie den Konsumrausch, die Oberflächlichkeit und die Gereiztheit der Welt mitmachen. In diesen Wochen geht es um die Vorbereitung auf das Kommen des Herrn. Er wird uns innerlich vorbereiten durch die Sakramente, auf die wir uns jetzt vermehrt vorbereiten sollten. Lernen wir von ihm, der von Herzen sanftmütig und demütig ist.

Ihre Magstrauss

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