Mittwoch der 6. Woche im Jahreskreis

Jak 1,19-27; Ps 15,2-3.4.5; Mk 8,22-26

Jak 1
19 Wisset, meine geliebten Brüder und Schwestern: Jeder Mensch sei schnell zum Hören, langsam zum Reden, langsam zum Zorn; 

20 denn der Zorn eines Mannes schafft keine Gerechtigkeit vor Gott. 
21 Darum legt alles Schmutzige und die viele Bosheit ab und nehmt in Sanftmut das Wort an, das in euch eingepflanzt worden ist und die Macht hat, euch zu retten! 
22 Werdet aber Täter des Wortes und nicht nur Hörer, sonst betrügt ihr euch selbst! 
23 Wer nur Hörer des Wortes ist und nicht danach handelt, gleicht einem Menschen, der sein eigenes Gesicht im Spiegel betrachtet: 
24 Er betrachtet sich, geht weg und schon hat er vergessen, wie er aussah. 
25 Wer sich aber in das vollkommene Gesetz der Freiheit vertieft und an ihm festhält, wer es nicht nur hört und es wieder vergisst, sondern zum Täter des Werkes geworden ist, wird selig sein in seinem Tun. 
26 Wenn einer meint, er diene Gott, aber seine Zunge nicht im Zaum hält, sondern sein Herz betrügt, dessen Gottesdienst ist wertlos. 
27 Ein reiner und makelloser Gottesdienst ist es vor Gott, dem Vater: für Waisen und Witwen in ihrer Not zu sorgen und sich unbefleckt von der Welt zu bewahren.

Die Fortsetzung des ersten Kapitels aus dem Jakobusbrief ist sehr paränetisch, also ethisch vorgebend. Es zeigt verschiedene Verhaltensweisen auf, die die Adressaten des Briefes übernehmen sollen sowie jeder Mensch: Sie sollen „schnell zum Hören“ sein, d.h. gehorsam und aufmerksam für das Gesagte. Sie sollen „langsam zum Reden“ sein, d.h. zurückhaltend im Urteilen, diskret, nicht vorlaut, darauf achtend, was ihre Worte anrichten können. „Langsam zum Zorn“ (ὀργή orge) meint die negative Konnotation von Zorn im Sinne von Gefühlsausbruch, affektive Wut und somit sollen die Angesprochenen langmütig sein, selbstbeherrscht und geduldig und sich nicht direkt aufregen. Wer nämlich zornig ist, „schafft keine Gerechtigkeit vor Gott.“ Wo wir uns aufregen, verlieren wir die Gnade.
Wenn Jakobus die Adressaten auffordert: „Legt alles Schmutzige und die viele Bosheit ab und nehmt in Sanftmut das Wort an, das in euch gepflanzt worden ist“, dann ruft er zur Umkehr auf. Die Angesprochenen sind ja Gemeindemitglieder der Diaspora, also schon getaufte Christen. Womöglich hat er von Wutausbrüchen und Streits gehört, weshalb er hier so großen Wert auf Sanftmut legt. Jedenfalls möchte er, dass die Getauften sich auf ihre Berufung zurückbesinnen, die mit der Taufe entstanden ist – die Berufung zur Heiligkeit. Diese verträgt sich nicht mit dem Schmutzigen und der vielen Bosheit, von der er hier spricht. Das Wort, das in die Menschen gepflanzt ist „und die Macht hat, [sie] zu retten“, ist Jesus Christus, der Logos. Er hat nicht nur die Macht, die Menschen zu retten, er hat sie schon erlöst. An den Menschen liegt es nun, die Erlösung anzunehmen und ein entsprechendes Leben zu führen.
Und dieses entsprechende Leben kann nicht nur von passivem Hören geprägt sein, sondern muss auch Tätigkeit aufweisen: „Werdet aber Täter des Wortes und nicht nur Hörer“. Dies stellt sonst einen Selbstbetrug dar, denn man ist durch die Taufe vom Wesen her so geschaffen, dass man das eingepflanzte Wort Gottes auch tut. Deshalb greift Jakobus den Vergleich mit dem Spiegelbild auf. Man vergisst beim Verzicht auf das Tun des Wortes sein eigenes Aussehen, auf die Taufe bezogen müssten wir sagen „seine Berufung“.
Wenn man sich dagegen in das Gesetz hineinbeugt, so die wörtliche Bedeutung von παρακύπτω parakypto, und zwar dauerhaft (das Hineinbeugen wird als Partizip ausgedrückt, das einen anhaltenden Zustand betont), der wird Segen bei seinem Tun haben. Wer von Herzen alles ihm mögliche unternimmt, um am Gesetz festzuhalten und es umzusetzen, der bekommt von Gott auch die Gnade dafür. Das ist ein wichtiger Aspekt, denn dem Jakobusbrief wird oft eine Werksgerechtigkeit zugeschrieben, die nicht existiert. Der „Täter des Werkes“ wird selig gepriesen, was auch zeigt, dass die Gebote zu halten glücklich macht.
Das Tun des Wortes wird hier gleichgesetzt mit dem „vollkommenen Gesetz der Freiheit“. Das Wort für Gesetz ist νόμος nomos, was im Griechischen unter anderem die Torah meint. Hier befinden wir uns im christlichen Kontext, wo damit nun die erfüllte Torah gemeint ist, die Jesus Christus in Person ist. Deshalb können wir das Gesetz der Freiheit auf das vorhin genannte eingepflanzte Wort beziehen. Jesus führt uns in die Freiheit, denn wenn wir die Gebote halten, sind wir keine Sklaven der Sünde mehr. Dieses Gesetz ist vollkommen, weil Jesus es erfüllt hat, es ist nun das Gesetz, das aus Liebe gehalten wird.
Ab Vers 26 wird eine Haltung beschrieben, von der wir letzten Sonntag und auch in der vergangenen Woche mehrfach gehört haben: Man kann Gott nicht dienen, z.B. im Gottesdienst, wenn man zugleich Böses tut, spricht oder denkt. Hier wird das Beispiel genannt, dass der Gottesdienst desjenigen mit unkontrollierter Zunge wertlos ist. Gemeint ist, dass diese Person böse Dinge sagt und damit das eigene Herz betrügt. Warum? Weil dort das Wort eingepflanzt ist, Jesus dort wohnt. Sein Gesetz ist somit auch in uns eingepflanzt und bestimmt unser Wesen als Neugeschaffene. Wenn wir nun böse sprechen, tun wir etwas „Widernatürliches“, das unserem Wesen nicht entspricht. Deshalb ist es ein Herzensbetrug.
Jesus hat gesagt, dass wenn wir noch eine ausstehende Versöhnung haben, sollen wir diese erst einmal durchführen, bevor wir ein Opfer darbringen können. Und hier heißt es nun im letzten Vers, dass Gott ein Opfer gefällt, bei dem man sich um die Randständigen und Hilflosen der Gesellschaft kümmert (Witwen und Waisen) und heilig lebt („sich unbefleckt von der Welt zu bewahren“). Mit „Welt“ ist die gefallene Schöpfung gemeint, nicht die Welt, wie sie Gott geschaffen hat. Heilig sein heißt, nicht jeden Dreck mitmachen, selbst wenn die Sünde auch in Mode ist und jeder sie tut. Wir sind aber zur Heiligkeit berufen und das heißt, dass wir unbefleckt sein sollen, frei von diesen Sünden. Gott schaut bei unserem Gottesdienst darauf, wie wir leben. Das gilt auch für uns heute: Wir können nicht in der Kirche ganz fromm dastehen, sodass uns die Menschen bewundern, und dann nach Hause kommen und weltlich leben. Wir können Jesus nicht in der Kirche zurücklassen und den Rest der Zeit so tun, als ob es ihn nicht gebe. Er möchte uns ganz und wenn wir es ernst meinen, sind wir in der Liturgie und im alltäglichen Leben gleich. Dann ist unser Innenleben so wie unser äußeres Erscheinungsbild, dann bestimmt Gott unser ganzes Leben, auch wo uns keiner mehr sieht und bewundert. Wir können uns selbst etwas vormachen, aber nicht Gott. Er sieht alles und er möchte, dass unser ganzes Leben ein Gottesdienst ist.

Ps 15
2 Der makellos lebt und das Rechte tut, der von Herzen die Wahrheit sagt, 

3 der mit seiner Zunge nicht verleumdet hat,/ der seinem Nächsten nichts Böses tat und keine Schmach auf seinen Nachbarn gehäuft hat. 
4 Der Verworfene ist in seinen Augen verachtet, aber die den HERRN fürchten, hält er in Ehren. Er wird nicht ändern, was er zum eigenen Schaden geschworen hat. 
5 Sein Geld hat er nicht auf Wucher verliehen und gegen den Schuldlosen nahm er keine Bestechung an. Wer das tut, der wird niemals wanken.

Im Psalm geht es mit den obigen Gedanken weiter. Die Paränetik, das Aufzeigen richtiger Verhaltensweisen, die man übernehmen soll, ist auch im Psalm dominierend: Es geht um die makellose Lebensführung analog zur unbefleckten Bewahrung. Damit ist die Haltung der Gebote gemeint, frei von den Sünden der Welt. Das Rechte zu tun, heißt die Torah zu halten. Die Wahrheit zu sagen, ist ein Kern der Gebote Gottes, denn es heißt im Dekalog „du sollst nicht lügen“. Der Zusatz „von Herzen“ heißt wörtlich eigentlich „in seinem Herzen“ und bezieht sich darauf, dass das Gesagte, mit dem Herzen übereinstimmt. Es geht um die Deckungsgleichheit von dem, was im Inneren ist und was man ausspricht.
Auch hier im Psalm wird herausgestellt, dass mit Worten viel angerichtet werden kann. Auch der Psalm sagt aus, dass man mit der Zunge sündigen kann (Vers 3), nämlich verleumden, den Nächsten in Verruf bringen kann.
Vers 4 ist etwas schwierig zu verstehen und muss genau gelesen werden: „Der Verworfene“ bezieht sich auf jene Menschen, die Gott ablehnen. Gut ist, wer solche Menschen meidet, was mit „ist in seinen Augen verachtet“ ausgesagt wird. Er hält stattdessen die Gottesfürchtigen in Ehren.
Vorbildlich ist, wer sein Versprechen hält („was er …. geschworen hat“). Es bezieht sich vor allem auf den Bund mit Gott, auf das Gelübde, das er vor Gott abgelegt hat.
So ein Mensch ist nicht skrupellos und habgierig („nicht auf WUcher verliehen“) und auch nicht korrupt („nahm er keine Bestechung an“).
Die Aufzählung vieler guter Verhaltensweisen soll dem Beter vor Augen führen, wie man festen Schrittes den Weg Gottes geht. Denn „wer das tut, der wird niemals wanken“.
Der Psalm hat mit dem Jakobusbrief heute diesen Katalog guter Taten gemeinsam. Es geht in beiden Fällen um die Dinge, die wir Menschen von uns aus tun können, um vor Gott gerecht zu sein. Dabei wird aber schon im Jakobusbrief die reine Tugendebene überboten, indem es heißt, dass jener Mensch selig sein wird. Dies ist etwas, das der Mensch sich nicht selbst geben kann. Selig ist, wer von Gott diese Seligkeit geschenkt bekommt.

Mk 8
22 Sie kamen nach Betsaida. Da brachte man einen Blinden zu Jesus und bat ihn, er möge ihn berühren. 

23 Er nahm den Blinden bei der Hand, führte ihn vor das Dorf hinaus, bestrich seine Augen mit Speichel, legte ihm die Hände auf und fragte ihn: Siehst du etwas? 
24 Der Mann blickte auf und sagte: Ich sehe Menschen; denn ich sehe etwas, das wie Bäume aussieht und umhergeht. 
25 Da legte er ihm nochmals die Hände auf die Augen; nun sah der Mann deutlich. Er war wiederhergestellt und konnte alles ganz genau sehen. 
26 Jesus schickte ihn nach Hause und sagte: Geh aber nicht in das Dorf hinein!

Heute hören wir von einer Blindenheilung. Bisher hat Jesus viele Menschen geheilt und vor allem jede Menge Exorzismen vollzogen. Gestern fuhr Jesus mit seinen Jüngern von Dalmanuta ans andere Ufer des Sees Gennesaret. Heute kommen sie nach Betsaida, wo Jesus dem Blinden begegnet. Er wird von anderen Menschen zu Jesus geführt. Jesus tut, was er immer wieder tut – den zu Heilenden bei der Hand nehmen. Nun führt Jesus den Blinden aber aus der Stadt hinaus. Warum? Und warum darf der Geheilte nachher nicht mehr in die Stadt hinein? Es hat mit dem sogenannten Messiasgeheimnis zu tun. Es ist wie bei vielen anderen Ereignissen, bei denen Jesus den Geheilten untersagt, von der Heilung zu sprechen. Deshalb soll der Geheilte nicht zurück ins Dorf. Seine Heilung ist so offensichtlich, dass es sofort überall bekannt werden würde. Jesus möchte die Menschen etwas lehren. Und vielleicht haben die Juden von Betsaida Jesu Verkündigung abgelehnt. Dann wäre es noch kontraproduktiver, den Menschen die Blindenheilung bekannt zu machen. Jesus führt den Blinden vor die Stadt und heilt ihn mit Speichel. Das ist ein gängiges Mittel, das Jesus benutzt, um den Zeugen zu verdeutlichen, dass er heilt. Gott greift in seiner feinfühligen Art immer wieder Elemente auf, mit denen die Menschen vertraut sind. Er nutzt die Konventionen, um seine Lektion zu erteilen. Jesus hätte dem Blinden auch einfach die Hände auflegen können, doch er kommt den Juden seiner Zeit entgegen.
Wir hören heute von den Schritten der Heilung. Diese beweisen nicht, dass Jesus zu schwach für eine Direktheilung ist, sondern dass Heilung unterschiedlich aussehen kann. Manchmal ist es eine Sache von einer Sekunde auf die andere. Manchmal ist es ein stufenartiger Prozess. Es kommt auf den Menschen an. Der Blinde aus der heutigen Erzählung erlebt eine stufenweise Heilung. Zuerst sieht er unscharf und vergleicht die Menschen mit Bäumen. Das zeigt uns, dass der Mann nicht von Geburt an blind ist, denn er weiß, wie Bäume aussehen. Im nächsten Schritt kann er alles scharf sehen und ist komplett geheilt. Daraufhin schickt Jesus den Mann heim und untersagt ihm den Gang ins Dorf. Das heißt, dass der Mann nicht direkt in Betsaida lebt und was er erlebt hat, nur in seinem Haus bekannt sein darf.
Warum macht Jesus das alles heute? Wir haben gestern von der Verstocktheit der Jünger gehört, die sich lieber damit befassen, dass sie auf dem Boot genug zu essen haben, anstatt Jesu wichtigen Worten über die Pharisäer zu lauschen. Und da sagte Jesus zu ihnen „Habt ihr denn keine Augen zu sehen und keine Ohren zu hören?“ Dadurch dass Jesus den Blinden in Betsaida heute vor ihren Augen heilt, hält er ihnen einen Spiegel vor. Die biologischen Blindenheilungen zielen immer auf die Heilung innerer Augen ab, vor allem jener, die das Wunder bezeugen. Jesus sagt den Jüngern heute, dass er der Messias ist, denn die Blindenheilung ist typisch messianische Heilstat. Ihnen sollen bei diesem Wunder die Augen aufgehen, damit sie erkennen, wer Jesus ist und wozu er fähig ist.

Jesus lehrt seine Jünger heute etwas über Blindheit. Im Jakobusbrief ist erklärt worden, wie diese Blindheit aussehen kann – nämlich wie das Vergessen des eigenen Spiegelbildes. So wie jemand, der die Gebote nicht hält, seine Berufung vergessen hat, so ist es mit den Jüngern Jesu, die ihm nicht zuhören und im Grunde ihre Berufung vergessen haben. Jesus hat ihnen gesagt, er wolle sie zu Menschenfischern machen, stattdessen meckern sie über den mangelnden Proviant auf dem Boot. Doch das Schöne ist: Gott ist so geduldig und barmherzig mit uns Menschen, dass er uns unser Spiegelbild immer wieder zeigt, um uns zu erinnern. Dann liegt es an uns, die Berufung wieder zu leben und neu anzufangen. Wie wir im weiteren Verlauf des Evangeliums sehen werden, hat Jesu Vorhalten des Spiegels gefruchtet. Davon werden wir die nächsten Tage hören.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 6. Woche im Jahreskreis

Jak 1,12-18; Ps 94,12-13.14-15.18-19; Mk 8,14-21

Jak 1
12 Selig der Mann, der in der Versuchung standhält. Denn wenn er sich bewährt, wird er den Kranz des Lebens erhalten, der denen verheißen ist, die Gott lieben. 

13 Keiner, der in Versuchung gerät, soll sagen: Ich werde von Gott in Versuchung geführt. Denn Gott lässt sich nicht zum Bösen versuchen, er führt aber auch selbst niemanden in Versuchung. 
14 Vielmehr wird jeder von seiner eigenen Begierde in Versuchung geführt, die ihn lockt und fängt. 
15 Wenn die Begierde dann schwanger geworden ist, bringt sie die Sünde zur Welt; ist die Sünde reif geworden, bringt sie den Tod hervor. 
16 Lasst euch nicht irreführen, meine geliebten Brüder und Schwestern: 
17 Jede gute Gabe und jedes vollkommene Geschenk kommt von oben herab, vom Vater der Gestirne, bei dem es keine Veränderung oder Verfinsterung gibt. 
18 Aus freiem Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit geboren, damit wir eine Erstlingsfrucht seiner Schöpfung seien.

Wir haben gestern bereits von der Versuchung als Geduldsprobe gehört. Heute wird die Rede davon fortgesetzt. Die Bewährung in der Versuchungssituation wird letztendlich mit dem Kranz des Lebens“ belohnt. Das ist ein ganz verbreitetes Bild für den Lohn des Himmels. Es kommt aus dem Sport, denn die Sieger bei Wettkämpfen sind mit Kränzen, z.B. aus Lorbeerblättern, bekränzt worden. Diese sportliche Metapher wird auch in der Johannesoffenbarung verwendet und ist in der Paulusliteratur regelmäßig zu lesen.
Jakobus stellt heraus, was wir letzten Sonntag aus dem Buch Jesus Sirach gehört haben: Gott ist nicht der Versucher. Gott ist nicht böse und tut selbst auch nichts Böses. Er ist nur gut und lässt sich nicht verführen. Jakobus muss dies hier klarstellen, weil Menschen schnell dazu verleitet werden, Gott für alles die Schuld zu geben.
Der Ursprung der Versuchungen ist dabei die eigene Begierde (ἐπιθυμία epithymia). Diese ist etwas, das vor dem Sündenfall nicht vorhanden war. Es ist ein Habenwollen, statt sich von Gott beschenken zu lassen. Und so beginnt mit der Begierde der Weg hin zur Sünde. Diesen Weg beschreibt Jakobus von Vers 14 an wie folgt: Die Begierde lockt den Menschen und nimmt ihn gefangen. Wenn er sie zulässt, wird sie „schwanger“ und „gebiert“ die Sünde, die ausgewachsen dann den Tod bringt. In dieser Bildsprache ausgedrückt meint Jakobus, dass die Begierde das Herz voll macht und von dort aus die Sünde in Gedanken, Worte und Werke „hineingeboren“ wird, d.h. als Ergebnis dieser zugelassenen Begierde zu betrachten ist. So wird die Sünde dann auf allen Ebenen tatsächlich ausgeführt, das Habenwollen wird tatsächlich umgesetzt. Dabei kann es sich ja erst einmal um eine lässliche Sünde handeln, doch wird diese nicht ausgemerzt und wächst, so kann aus ihr eine Todsünde werden. Und diese heißt so, weil sie den Tod bringt, den seelischen Tod.
Mit „lasst euch nicht irreführen“ ist dieser Weg von der Begierde zur Todsünde gemeint. Jakobus möchte, dass man sich nicht vom Weg abbringen lassen soll, den Gott aufzeigt, den Weg der Gebote.
Er erklärt, dass alles von Gott geschenkt ist, weshalb man dieses Habenwollen, die Begierde nicht zulassen soll. Gott sorgt schon dafür, dass wir bekommen, was uns guttut.
Gott hat für uns einen besonderen Heilsplan, den man durch die Begierde zerstört. Wir sollen unsere Berufung leben, denn Gott hat uns ja „aus freiem Willen“ geschaffen. Der Sinn unserer Existenz ist, die Erstlingsfrucht seiner Schöpfung zu sein. Es geht um die geistige Schöpfung, der wir durch die Taufe angehören. Wenn Jakobus die Getauften aber als Erstlingsfrucht bezeichnet, betont er, dass wir Gott gehören wie die Erstgeborenen, die im Tempel dargestellt worden sind. Wir gehören Gott und von dort aus sollen wir unsere Berufung leben. Da können wir nicht voller Begierde sein, die das Gegenteil der Gnade Gottes ist. Was ist schließlich mit „Wort der Wahrheit“ gemeint, durch die Gott uns geschaffen hat? Es ist ein und derselbe bei der ersten Schöpfung wie auch bei der zweiten – Jesus Christus. Er ist das Wort und er ist die Wahrheit. Durch ihn hat der Vater alles hervorgebracht, durch ihn hat er auch den Neuen Bund mit den Menschen geschlossen, durch den Gott seine neue Schöpfung jetzt schon begründet. Durch Christus hat der Vater uns freiwillig erlöst und so zu einer neuen Schöpfung wiedergeboren in der Taufe, damit wir ihm gehören als seine geliebten Kinder und Erben in seinem Reich.

Ps 94
12 Selig der Mann, den du, HERR, erziehst, den du mit deiner Weisung belehrst, 

13 um ihm Ruhe zu schaffen vor bösen Tagen, bis dem Frevler die Grube gegraben ist. 
14 Denn der HERR lässt sein Volk nicht im Stich und wird sein Erbe nicht verlassen. 
15 Nun spricht man wieder Recht nach Gerechtigkeit; ihr folgen alle Menschen mit redlichem Herzen.
18 Wenn ich sage: Mein Fuß gleitet aus, dann stützt mich, HERR, deine Huld. 
19 Mehren sich die Sorgen in meinem Innern, so erquicken deine Tröstungen meine Seele.

Im Psalm werden viele Gedanken des Jakobus aufgegriffen sowie die Gedanken der vergangenen zwei Tage: Es kann sich jener glücklich schätzen, der von Gott Lektionen aufgetragen bekommt und dem die Torah, die Weisung vorgelegt wird. Diese wird nicht als Bürde den Menschen gegeben, sondern zur „Ruhe (…) vor bösen Tagen“. Diese sind gezählt und begrenzt. Es muss so kommen, aber dann wird dem „Frevler die Grube gegraben“. Der Böse hat nur eine begrenzte Zeit, in der er die Menschen versucht und von Gott abbringen will. Dann wird Gott den Bösen ganz entmachten und das Leid hat ein Ende. Für diese Zeit der Bedrängnis ist die Torah ein Schutzschild – denn wer mit festen Schritten den Weg der Gebote Gottes geht, fällt auf die Versuchungen des Teufels nicht so schnell herein. Die Torah ist eine Ruhestatt. Das unruhige und leidende Herz kann sich bei Gottes Geboten erholen und stärken. Gott gibt uns seine Gebote, damit wir in schweren Zeiten durchhalten können. Sie sollen uns nicht belasten, sondern entlasten. Ohne seine Gebote würde er uns aber unserem Schicksal überlassen. Aber das Gegenteil ist der Fall, er „lässt sein Volk nicht im Stich und wird sein Erbe nicht verlassen“. Gott ist treu und auch wir, die wir nun im Neuen Bund mit ihm vereint sind, können auf seine Treue vertrauen. Gott lässt uns nicht im Stich und bietet uns unser Erbe an. Wir sind es, die es verspielen können, in dem wir einen anderen Weg einschlagen.
Gott musste sein auserwähltes Volk immer wieder lehren und auch züchtigen, damit es wieder zur Besinnung kommt. Wie oft sind die Israeliten vom Weg abgekommen, indem sie sich anderen Göttern zugewandt und Götzendienst getrieben haben. Gott überlässt seine untreue Braut aber nicht dem Schicksal, sondern rüttelt sie immer wieder wach.
Und wenn sie es verstanden hat, kehrt die Braut um und beginnt von vorne. Das wird in Vers 15 angedeutet: „Nun spricht man wieder Recht nach Gerechtigkeit“. Die Herzen der Menschen sind wieder Gott zugewandt, worum es eigentlich geht. Das Herz ist wieder dort, wo es sein sollte, beim Bundespartner, beim Bräutigam.
Und wenn man den Weg mit Gott geht, stützt und trägt er einen in schweren Zeiten. Wo der Fuß ausgleitet, ist Gott eine Stütze. Wo die Sorgen einen belasten, tröstet Gott den Menschen. Der Weg in Gemeinschaft mit Gott ist viel leichter als der Irrweg von Gott weg, auf dem man alleine unterwegs ist. Dann fehlt nämlich die Gnade. Jesus sagt im Johannesevangelium „getrennt von mir könnt ihr nichts tun.“ Das ist sehr deutlich gesagt, wirklich gar nichts! Man wird nicht weit kommen und das Gefühl haben, mit dem Kopf durch die Wand zu wollen. Machen wir es uns nicht unnötig schwer, indem wir unser eigenes Gesetz sein wollen. Gehen wir den Weg, der auf uns abgestimmt ist, weil Gott uns, seine geliebten Geschöpfe, durch und durch kennt.

Mk 8
14 Die Jünger hatten vergessen, Brote mitzunehmen; nur ein einziges hatten sie im Boot dabei. 

15 Und er warnte sie: Gebt Acht, hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und dem Sauerteig des Herodes! 
16 Sie aber machten sich Gedanken, weil sie keine Brote bei sich hatten. 
17 Als er das merkte, sagte er zu ihnen: Was macht ihr euch darüber Gedanken, dass ihr keine Brote habt? Begreift und versteht ihr immer noch nicht? Ist denn euer Herz verstockt? 
18 Habt ihr denn keine Augen, um zu sehen, und keine Ohren, um zu hören? Erinnert ihr euch nicht: 
19 Als ich die fünf Brote für die Fünftausend brach, wie viele Körbe voll Brotstücke habt ihr da aufgehoben? Sie antworteten ihm: Zwölf. 
20 Und als ich die sieben Brote für die Viertausend brach, wie viele Körbe voll habt ihr da aufgehoben? Sie antworteten: Sieben. 
21 Da sagte er zu ihnen: Versteht ihr immer noch nicht?

Gestern hatte Jesus einen kurzen Aufenthalt in Dalmanuta, der vorzeitig abgebrochen wurde aufgrund der verstockten Pharisäer. Jesus stieg zurück ins Boot und fuhr wieder zurück zum anderen Ufer. Vielleicht liegt es an der unerwarteten Rückfahrt, jedenfalls vergessen die Jünger, Proviant mit ins Boot zu nehmen, als sie sich auf den Rückweg machen. Nun haben sie nur ein einziges Brot mit an Bord. Jesus nimmt dies zum Anlass, ihnen etwas zu erklären. Oft greift er Bilder auf, mit denen seine Jünger etwas anfangen können und die gerade aktuell sind. Deshalb spricht er über den Sauerteig der Pharisäer. Jesus warnt die Jünger vor der Selbstgerechtigkeit und der Einstellung der Pharisäer, die sich nichts mehr erklären lassen. Sie denken, sie wüssten schon alles. Das Bild des Sauerteigs ist dabei besonders passend, denn man mischt Sauerteig ungesäuertem Teig unter. Wenn man es so stehen lässt, wird der gesamte Teig durchgesäuert. Ebenso nennt er Herodes als Sauerteig, der ebenfalls falsche Einstellung vertritt. Die Jünger sollen sich davor hüten, weil sie Teil des ungesäuerten Teigs sind. Sie sollen sich nicht beeinflussen lassen von diesen falschen Einstellungen und Lehren, damit sie nicht auch so werden. Jesus kommt ihnen schon so entgegen und wendet dieses Bild an, doch sie verstehen überhaupt, wovon er spricht. Stattdessen machen sie sich Gedanken wegen des fehlenden Proviants.
Deshalb tadelt Jesus sie und fragt: „Was macht ihr euch Gedanken, dass ihr keine Brote habt? Begreift und versteht ihr immer noch nicht? Ist denn euer Herz verstockt?“ Jesus stellt ihnen zwar solche Fragen, kennt die Antwort aber schon. Er tut es, um sie wachzurütteln. Er möchte ihnen damit sagen, dass sie sich gerade genauso verhalten wie die Pharisäer, wegen denen sie wieder zurückfahren müssen. Sie sind verstockt und lassen Jesu entscheidenden Worte an sich abprallen. Die Verbform für die Verstockung ist das Partizip πεπωρωμένην. Das Verb wird ist dasselbe, das für die Pharisäer und Schriftgelehrten immer wieder verwendet wird, um die Herzenshärte auszudrücken. Verstockte sind diejenigen, die das Evangelium Jesu Christi nicht an ihr Herz heranlassen. Das Herz der Jünger hier hängt an dem leiblichen Wohl und nicht am Wesentlichen.
Die nicht verstockte Haltung drückt Jesus hier wieder aus wie an anderer Stelle: Ohren zu hören und Augen zu sehen. Er wirft ihnen vor, gar nicht richtig hinzusehen und hinzuhören auf das, was Jesus ihnen sagen will.
Er wirft ihnen vor, dass sie aus Jesus wunderbaren Speisungen nichts gelernt haben. Vor ihren Augen geschahen solch spektakuläre Wunder und Gott ließ sie ganze zwölf und ganze sieben Körbe voll Reste einsammeln, um ihnen die Fülle seines Überflusses zu verdeutlichen. Und doch lernen sie daraus nichts für ihre eigene Situation. Hätten sie daraus gelernt, würden sie jetzt auf die Vorsehung Gottes vertrauen und dass Jesus auch in ihrer Situation ein Wunder wirken kann.
Deshalb schließt Jesus das Gespräch heute auch mit der Frage: „Versteht ihr immer noch nicht?“ Sie haben dieselbe Lektion schließlich mehrmals erhalten.

Was Jakobus heute erklärt hat, vergessen die Jünger im Boot: Alles Gute kommt von oben und wir werden von Gott so reich beschenkt, dass die Begierde sinnlos ist. Gott gibt alles, was wir brauchen. Er gibt im Falle der Jünger Jesu im Boot auch genügend Proviant, damit sie nicht hungern müssen. Sich dennoch Sorgen zu machen, entspringt derselben Fehlannahme wie die Habgier oder andere Formen von Begierde: dem Misstrauen gegenüber Gott. Er ist es doch, dem die Jünger ganz und gar vertrauen können so auch wir Gott vertrauen können. Wo Misstrauen beginnt, da beginnt der Weg der Sünde. Deshalb ist es auch so wichtig, das mangelnde Gottvertrauen zu beichten. Wo wir nicht an seine Allmacht glauben, entspringen viele weitere Sünden, nicht nur die der Begierde. Am schlimmsten ist es, wenn wir nicht an seine Barmherzigkeit glauben, weil wir uns selbst die Vergebung vorenthalten (Sünde gegen den Hl. Geist). Unterschätzen wir Gottes Großzügigkeit nicht und glauben wir wirklich an seine gute Vorsehung. Lassen wir uns dabei auch nicht von den schmerzhaften Erfahrungen im Leben in die Irre führen.

Ihre Magstrauss

Montag der 6. Woche im Jahreskreis

Jak 1,1-11; Ps 119,67-68.71-72.75-76; Mk 8,11-13

Jak 1
1 Jakobus, Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus, grüßt die zwölf Stämme in der Diaspora. 

2 Nehmt es voll Freude auf, meine Brüder und Schwestern, wenn ihr in mancherlei Versuchungen geratet! 
3 Ihr wisst, dass die Prüfung eures Glaubens Geduld bewirkt. 
4 Die Geduld aber soll zu einem vollkommenen Werk führen, damit ihr vollkommen und untadelig seid und es euch an nichts fehlt. 
5 Fehlt es aber einem von euch an Weisheit, dann soll er sie von Gott erbitten; Gott wird sie ihm geben, denn er gibt allen gern und macht niemandem einen Vorwurf. 
6 Wer bittet, soll aber im Glauben bitten und nicht zweifeln; denn wer zweifelt, gleicht einer Meereswoge, die vom Wind hin und her getrieben wird. 
7 Ein solcher Mensch bilde sich nicht ein, dass er vom Herrn etwas erhalten wird: 
8 Er ist ein Mann mit zwei Seelen, unbeständig auf all seinen Wegen. 
9 Der Bruder, der in niederem Stand lebt, rühme sich seiner hohen Würde, 
10 der Reiche aber seiner Niedrigkeit; denn er wird dahinschwinden wie die Blume im Gras. 
11 Denn die Sonne geht auf mit ihrer Hitze und versengt das Gras; die Blume verwelkt und ihre Pracht vergeht. So wird auch der Reiche vergehen in allem, was er unternimmt. 

Heute beginnen wir eine Reihe von Lesungen aus dem Jakobusbrief, einem der katholischen Briefe, der der Tradition der Kirche nach von Jakobus dem Jüngeren abgefasst worden ist, dem Sohn des Alphäus, der wiederum ein Verwandter bzw. deren Frau eine Verwandte der Eltern Jesu war. Deshalb wird Jakobus auch der Herrenbruder Jesu genannt. Seine Schrift zeugt von einer sehr guten Kenntnis jüdischer Weisheitstraditionen, weshalb er viel aus den weisheitlichen Schriften zitiert, ebenso die anderen Schriften des AT.
Der Briefbeginn ist klassisch aufgebaut wie jeder antike Brief und auch die Paulusbriefe. Jakobus nennt sich selbst als Absender („Jakobus, Knecht Gottes und des Herrn Jesus Christus“). Danach wird der Empfänger des Briefes genannt („die zwölf Stämme in der Diaspora“). Das Ganze ist als Grußwort gestaltet, wie antike Präskripte es so an sich haben. Bemerkenswert ist, wie Jakobus die Adressaten hier bezeichnet. Das Motiv der „zwölf Stämme“ ist eindeutig dem alten Bund Gottes mit den zwölf Stämmen Israels angelehnt, meint nun aber die Stämme des neuen Bundes. Durch den Zusatz „in der Diaspora“ wird deutlich, dass Jakobus seinen Brief an verschiedene Gemeinden verstreut im ganzen römischen Reich richtet. Dies kennzeichnet seinen Brief als katholisch im wörtlichen Sinn „umfassend“. In diesem Sinne werden diese Schrift sowie die des Petrus, Johannes und Judas als katholisch bezeichnet.
Jakobus möchte mit seinem Schreiben die Christen in der Zerstreuung in ihrer schwierigen Lage trösten und stellt in der Krise die Chance heraus: „Ihr wisst, dass die Prüfung eures Glaubens Geduld bewirkt“ und deshalb ist die Versuchung sogar ein Grund zur Freude. Wenn Jakobus das hier schreibt, ist sein Wort nicht nur für die damaligen Christen relevant, sondern auch für uns! Gott lässt zu, dass wir allerlei Versuchungen durchstehen müssen. Er gibt uns auch die Kraft und den Trost, es durchzuhalten. Und danach werden wir merken, dass unser Glaube gestärkt worden und unser Geduldsfaden dicker geworden ist. Umgekehrt ist es dann sogar noch so, dass wir uns fragen müssen, was schief läuft, wenn wir nicht versucht werden. Das griechische Wort für „Geduld“ ist ὑπομονή hypomone und kann auch mit „Standhaftigkeit“ übersetzt werden. Durch die Versuchungen wird unsere Standhaftigkeit also immer stärker und so werden Krisen zu Chancen.
Diese Geduld oder Standhaftigkeit als gewonnene Tugend soll zu einem vollkommenen Werk führen – wir verstehen es moralisch als Heiligkeit, anagogisch als Voraussetzung für den Himmel. Beide Ebenen zeigen sich auch am Nebensatz: „Damit ihr vollkommen und untadelig seid und es euch an nichts fehlt.“ Einerseits wird hier mit dem griechischen Wort für „vollkommen“ τέλειοι teleioi die Erlangung von Heiligkeit ausgedrückt, andererseits ist eine andere Übersetzung „vollbracht, vollendet“. Dann wird die anagogische Ebene betont, dass wenn die Christen bis zum Ende standhaft geblieben sind, Gottes Herrlichkeit schauen dürfen wie Jesus, der am Kreuze zum Schluss sagte „es ist vollbracht“ (Joh 19,30). Der zweite Teil des Nebensatzes ist etwas ungünstig übersetzt. Man müsste wörtlich formulieren „in nichts zurückbleibend“. So ist es moralisch zu verstehen als „sie können sich dann mit den anderen Heiligen messen, sie stehen ihnen von der Tugendhaftigkeit in nichts nach.“ Die alternative Übersetzungsmöglichkeit „verlassen, zurücklassen“ bringt die anagogische Bedeutung des Verses wieder zum Vorschein in dem Sinne, dass die Vollendeten in nichts zurückgelassen werden wie die törichten Jungfrauen im Gleichnis Jesu. Sie werden mitgenommen ins Himmelreich.
In Vers 5 wird die moralische Ebene weitergeführt, indem es heißt: „Fehlt es aber einem von euch an Weisheit“ (griechisch σοφία sofia). Das erinnert uns an Paulus gestern, der in 1 Kor 2 über den Gegensatz von göttlicher und weltlicher Weisheit spricht. Hier geht es um die Weisheit Gottes, die dem Menschen durch den Hl. Geist als Gabe geschenkt wird. Wie auch an anderer Stelle wird dadurch ausgedrückt, dass wir die Gnadengaben Gottes erbitten müssen bzw. dürfen.
Was Jakobus hier schreibt, entkräftet die Vorwürfe Luthers, der eine Werksgerechtigkeit in den Brief hineingelesen hat. Einerseits soll man tugendhaft sein wie es die vorherigen Verse deutlich machen. Andererseits kann man aus eigener Kraft nicht perfekt werden. Man muss von Gott erbitten, was an einem dennoch mangelhaft bleibt. Hier kristallisiert sich ein Teamwork heraus, das aus den menschlichen Bemühungen und den Gnadengaben Gottes besteht. Die Art und Weise, wie Gott dann gibt, ist allen, einfach/gern (ἁπλός haplos) und ohne zu tadeln. Dieser Nebensatz ist eine Partizipialkonstruktion, die gewählt wird, um Gottes anhaltende Freigiebigkeit und Güte auszudrücken. Gott gibt die Gnade deshalb gern, weil er die Bemühungen des Bittenden sieht. Sein Mangel ist ja nicht selbst verschuldet und so gibt es keinen Grund zu Vorwürfen.
Die Voraussetzung ist aber, dass man nicht zweifelnd bittet (μηδὲν διακρινόμενος meden diakrinomenos). Vielmehr soll man in Glauben bitten (ἐν πίστει en pistei). Sonst ist man wie eine hin und her getriebene Meereswoge. Dieser Vergleich mit einem Naturphänomen erinnert uns an die weisheitlichen Schriften des AT und auch an Jesu Gleichnisse, die ebenfalls an die Weisheit des AT angelehnt sind. Mit so einer Mentalität wird man von Gott aber nichts bekommen. Wir müssen hier verstehen warum: Gott verweigert uns keine Gnade oder stellt Bedingungen. Wir können sie nur dann empfangen, wenn wir fest dazu stehen. Wir selbst stellen uns in den Weg, sodass Gott uns die Gnade nicht schenken kann. Man ist wie ein Mensch mit zwei Seelen (δίψυχος dipsychos). Das Herz soll aber nicht geteilt sein, sondern ganz Gott gehören und so auch die Entscheidungen. Die Unbeständigkeit „auf all seinen Wegen“ ist ein typisch moralischer Ausdruck. Die Wege sind auf den moralischen Lebenswandel zu beziehen. Ein Mensch, der innerlich gespalten ist, wird dieses Hin und Her in alle Entscheidungen und Verhaltensweisen übertragen (ἀκατάστατος akatastatos „nicht stabil, unstet“). Vor einigen Tagen beteten wir im Psalm „ach wären doch meine Schritte fest“, was genau diese fehlende Stabilität sicheren Fußes auf dem Weg ins Himmelreich meint.
Wer niedrig ist, kann sich der hohen Würde freuen, wohingegen der Hochstehende vergehen wird. Es ist wie Jesu Aussage „Wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden und wer sich selbst erniedrigt wird erhöht werden.“ (z.B. Mt 23). Die Zustände werden sich im Reich Gottes umkehren, sodass die Demütigen (wer sich selbst erniedrigt) am Ende die Großen sind, die Hochmütigen (wer sich selbst erhöht) aber den Kürzeren ziehen. Dies wird ansatzhaft schon in diesem Leben deutlich, was wir an dem Sprichwort sehen können „Hochmut kommt vor dem Fall“. Einen solchen erfährt man durchaus schon in diesem Leben. Aber wie muss man das verstehen? Soll man als Demütiger wirklich angeben? Verliert man dann nicht die Gnade? Das griechische Verb ist hier καυχάομαι kauchaomai, was tatsächlich „sich rühmen, prahlen“ heißt. Wir müssen aber die jeweiligen Bezugswörter beachten, dann werden wir es richtig verstehen: Wir rühmen uns nicht unserer eigenen, selbst verdienten Würde, sondern der Gnade Gottes. Es ist wie ein Lobpreis und eine Anerkennung Gottes, der den Menschen vervollkommnet hat, wo er Mangel hat. Demütig zu sein, heißt nicht, sein Licht unter den Scheffel zu stellen. Vielmehr soll man Gottes Wirken laut preisen und zugleich zugeben, dass es SEIN Werk ist, nicht das eigene. Mithilfe eines weiteren Naturvergleichs stellt Jakobus heraus, wie es aber mit dem Reichen ist (πλούσιος plusios „reich an etwas, vornehm“). Er ist wie eine Blume, die von der Hitze versengt wird. Was ist denn mit „reich“ gemeint? Es ist weniger der finanzielle Reichtum, vielmehr das Erfülltsein vom eigenen Ego oder Stolz. Wer sein Gutsein auf sich selbst bezieht und nicht die Gnade Gottes anerkennt, der verliert das Gutsein ganz schnell wieder. Gott kompensiert den eigenen Mangel nicht, damit man sich mit fremden Federn schmücken kann.
Der Reiche wird keinen Segen mehr haben in dem, was er tut. Das wird durch den letzten Vers ausgesagt.

Ps 119
67 Ehe ich gedemütigt wurde, ging ich in die Irre, nun aber will ich deinen Spruch beachten. 
68 Gut bist du und tust Gutes. Lehre mich deine Gesetze!
71 Dass ich gedemütigt wurde, ist für mich gut, damit ich deine Gesetze lerne. 
72 Gut ist für mich die Weisung deines Munds, mehr als große Mengen von Gold und Silber.
75 Ich habe erkannt, HERR, dass deine Entscheide gerecht sind und dass es Treue ist, wenn du mich beugst. 
76 Tröste mich in deiner Liebe, nach dem Spruch für deinen Knecht!

Gerade der letzte Teil des Jakobusbriefes wird nun im Psalm reflektiert, wobei der Abschnitt erneut aus Ps 119 entnommen ist. Es handelt sich dabei um den längsten Psalm des gesamten Psalters.
„Ehe ich gedemütigt wurde, ging ich in die Irre“ erklärt schon den Sinn der Demütigung. Gott rüttelt den Menschen wach, der sich verirrt. Er tut es, um ihn zurückzuholen. Gott ist weder Sadist noch schadenfroh. Er möchte, dass wir glücklich werden und Überheblichkeit macht uns unglücklich. Der Beter hat Gottes Lektion auch erkannt und sagt deshalb „nun aber will ich deinen Spruch beachten“. Wie oft verstehen wir Gottes Lektionen aber nicht! Wir bleiben so oft auf dem Holzweg, obwohl uns Gott wiederholt Warnsignale schickt. Diese werden immer lauter und doch wollen wir sie nicht hören. Wie gut, wenn wir dann doch Einsicht haben, denn je später wir unseren Irrweg erkennen, desto schmerzhafter ist der Weg der Umkehr. Schließlich wird es immer anstrengender, je länger der Weg ist, den wir wieder zurücklaufen müssen zur richtigen Route.
Gestern haben wir bedacht, dass Gott nicht schuld für unsere Vergehen ist. Wir selbst schlagen die Irrwege ein. Und dies betont auch der Psalm hier, wenn es heißt: „Gut bist du und tust Gutes.“ Gott ist nicht böse und auch kein Verführer. Er lässt zu, dass wir die Konsequenzen unserer falschen Entscheidungen tragen, aber diese müssen wir uns selbst zuschreiben. Alles, was er tut, dient uns zum Heil und deshalb bittet der Psalmist Gott um seine Unterweisung.
Er versteht sogar, dass die Demütigungen auf seinem Lebensweg heilsam und notwendig und Teil der Einweisung in Gottes Gesetze sind. Wie glücklich wären wir Menschen doch, wenn wir hinter so manchen Krisen unseres Lebens Gottes lehrende Hand erkennen würden! Denn was uns oft Angst bereitet, ist die Gefährdung unseres Egos, unseres guten Rufes etc. Dies erinnert auch an den Beginn des Jakobusbriefs, wo Versuchungssituationen sogar Grund zur Freude sein sollen.
Gottes Lektionen, seine Schulungen und Einweisungen in die Gebote sind viel mehr wert als Gold und Silber. Sie sind ja Güter bis in die Ewigkeit hinein. Gold und Silber können wir dort nicht mit hinnehmen.
„Ich habe erkannt“ freut uns für den Psalmisten und wir beten ja darum, ebenfalls solche Einsicht zu erhalten. Wie heilsam ist es doch, wenn wir die Umwege unseres Lebens aus der Sicht Gottes bewerten können und seine Handschrift in unserem Leben entdecken. Wenn Gott uns Menschen in demütigende Situationen führt, ist es gut für uns, weil wir dadurch zu besseren Menschen werden – aber nur unter der Voraussetzung, dass wir daraus lernen. Es kann genauso sein, dass es uns verbittern lässt und wir mit Gott hadern. Dann hat die Lektion nicht gefruchtet, weil sie als solche nicht erkannt worden ist. Gott könnte uns dem „Schicksal überlassen“, aber er formt uns nach seinem Bild. Deshalb ist es ein Zeichen seiner Treue, wenn er Demütigungen an uns zulässt. Er möchte, dass wir ihm immer ähnlicher werden. Deshalb müssen wir immer wieder vom hohen Ross heruntergeholt werden.
Dass es schmerzhaft ist, gedemütigt zu werden, gibt der Psalm durch den letzten Vers zu, den wir hier beten: „Tröste mich in deiner Liebe“. Es ist schmerzhaft, wenn auch notwendig. Gott ist aber auch wie eine liebende Mutter, die das verletzte Kind auf den Schoß nimmt und die Schramme liebevoll anpustet. Wenn einem das Fahrradfahren beigebracht wird, fällt man auch immer wieder hin. Es ist normal im Lernprozess. Nichtsdestotrotz trösten die Eltern einen auch, wenn man sich verletzt hat. So können wir uns Gottes Pädagogik vorstellen. Er lässt uns fallen, tröstet uns aber auch in unserem Schmerz. So werden wir dann nicht zu verbitterten Seelen, die mit Gott hadern, sondern erkennen seine liebevolle Beziehung zu uns, die wir seine geliebten Kinder sind.

Mk 8
11 Da kamen die Pharisäer und begannen ein Streitgespräch mit ihm; sie forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel, um ihn zu versuchen. 
12 Da seufzte er im Geist auf und sagte: Was fordert diese Generation ein Zeichen? Amen, ich sage euch: Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben werden. 
13 Und er verließ sie, stieg in das Boot und fuhr ans andere Ufer.

Das Evangelium ist heute sehr kurz. Warum? Weil die Pharisäer, denen Jesus heute begegnet, die ganze Sache abkürzen.
Jesus hat die Menge gespeist und ist direkt im Anschluss mit dem Boot nach Dalmanuta gefahren. Dort hat er nun angelegt und trifft dort auf die ansässigen Pharisäer. Das Problem ist nicht, dass es ein Streitgespräch gibt, denn das griechische Wort συζητεῖν syzetein meint zunächst eine Debatte und nichts Verwerfliches. Das Problem ist vielmehr, dass sie Gott auf die Probe stellen wollen wie der Satan Jesus in der Wüste versucht: Sie fordern ein Zeichen vom Himmel von Jesus. Das ist insofern eine Versuchung, weil sich Jesus bei seiner Menschwerdung entäußert hat. Gott verzichtet auf seine göttliche Allmacht, verbirgt seine Weisheit, wird den Menschen gleich und ist derjenige, der sich maximal gedemütigt hat. Er könnte mit einem Schnips alles umwerfen und die Welt zusammenbrechen lassen. Stattdessen lässt er sich verspotten, sogar noch am Kreuz. Er tut es, um die Menschheit zu erlösen. Und wenn die Pharisäer nun ein Zeichen vom Himmel wollen, dann fordern sie ihn heraus, seine Göttlichkeit zu offenbaren, die Entäußerung aufzugeben. Wer eigentlich dahintersteckt, das erkennt Jesus sofort. Es ist der Böse, der sich der Pharisäer hier bedient, um Jesus anzugreifen.
Die Pharisäer von Dalmanuta haben die Zeit der Gnade nicht erkannt. Jesus hätte sie so viel lehren können, doch sie sitzen auf einem zu hohen Ross. Jesus spricht harte Worte zu ihnen, damit sie von dort oben heruntergeholt werden („Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben“). Er tut es nicht, weil er sie nicht ausstehen kann, sondern gerade weil er auch sie liebt. Er möchte, dass auch sie gerettet werden. Deshalb rüttelt er an ihrem Ego. Sie sind zu verstockt, sodass Jesus sich auf den Rückweg machen muss. Wir wissen nicht, was aus diesen Menschen geworden ist. Womöglich haben sie sich dann doch noch bekehrt. Dafür ist es ja noch nicht zu spät.
Mit den Pharisäern haben wir heute ein Negativbeispiel und einen Gegensatz zur Haltung des Psalmisten. Er durchschaut die Lektionen Gottes und bewertet Gottes Demütigungen positiv. Er weiß, dass er so zu einem besseren Menschen wird. Die Pharisäer sind im heutigen Evangelium leider noch nicht so weit.
Jesus steigt wieder ins Boot und fährt ans andere Ufer. Er geht zu jenen, die ihn annehmen, denn Gott ist ein Gentleman. Er drängt sich nicht auf, sondern zieht sich zurück, wo wir ihn ablehnen. Dann muss er schmerzhaft zusehen, wie wir die Konsequenzen dieser Ablehnung tragen müssen. Er wird dann wieder ein Lebenszeichen geben, hier und da nach uns rufen und immer wieder um uns werben. Und nach und nach wird er die Versteinerung unseres Herzens abbauen wie in einem Steinbruch, um Edelsteine zutage zu fördern, die wir nicht einmal selbst dort erwartet haben. Gott gibt uns nicht auf, selbst wenn er sich manchmal zurückzieht. Denn wir alle sind seine geliebten Kinder.

Ihre Magstrauss

6. Sonntag im Jahreskreis

Sir 15,15-20 (16-21); Ps 119,1-2.4-5.17-18.33-34; 1 Kor 2,6-10; Mt 5,17-37

Sir 15
15 Wenn du willst, wirst du die Gebote bewahren und die Treue, um wohlgefällig zu handeln. 
16 Er hat dir Feuer und Wasser vorgelegt, was immer du erstrebst, danach wirst du deine Hand ausstrecken. 
17 Vor den Menschen liegen Leben und Tod, was immer ihm gefällt, wird ihm gegeben.
18 Denn groß ist die Weisheit des Herrn, stark an Kraft ist er und sieht alles.
19 Seine Augen sind auf denen, die ihn fürchten, und er kennt jede Tat des Menschen. 
20 Keinem befahl er, gottlos zu sein, und er erlaubte keinem zu sündigen.

Die heutige erste Lesung aus dem Buch Jesus Sirach erinnert uns an ein bekanntes Zitat des Kirchenlehrers Augustinus: „Liebe und tue, was du willst.“ Wenn wir Gott von Herzen lieben, wollen wir seine Gebote halten, was hier in Vers 15 ausgedrückt wird. Wir wollen dann gar nicht gegen seinen Willen handeln, um ihn nicht zu verletzen. Wir wollen ihm dann treu sein. Treue und Wollen sind zwei Stichpunkte, die mit Liebe zu tun haben. Es geht in dem Kapitel, aus dem wir heute hören, um den freien Willen. Diesen hat Gott uns Menschen geschenkt, damit wir uns für ihn entscheiden. Das Ja-Wort an einen Menschen nennen wir aber Liebe. Sie ist in erster Linie eine Entscheidung. Als Kern wird hier die Gottesfurcht genannt. Es meint keine pathologische Angst, sondern die Ehrfurcht vor Gott und die Angst, die Beziehung zu ihm zu verlieren. Es ist wiederum getragen von der Liebe zu ihm. Diesen auf die Liebe zulaufenden Kern hat Jesus in seiner Verkündigung verdeutlicht, wie wir später noch hören werden.
Gott lässt uns immer die Wahl („Feuer und Wasser vorgelegt“) und hat uns auch die Fähigkeit dazu geschenkt. Dabei werden wir „die Hand ausstrecken“ nach dem, was wir wollen – wozu wir uns entscheiden. Es liegt also an uns. Das griechische Wort für „erstreben“ ist hier ἐθέλω ethelo. Es ist wörtlich mit „wollen“ zu übersetzen und bezieht sich vor allem auf das tatsächlich umzusetzende Wollen. Für die Erwägung einer Sache, die man vielleicht gar nicht in die Tat umsetzt, wird ein anderes Wort gebraucht. Es macht also Sinn, dass im Kontext des Ausstreckens der Hand dieses Verb verwendet wird.
In Vers 17 wird das angedeutet, was in Dtn 30 bereits thematisiert wird: Gott stellt den Menschen vor die Wahl zwischen Leben und Tod, was mit anderen Worten dasselbe meint wie „Segen und Fluch“ in Dtn: Entweder entscheiden wir uns für Gott, dann wählen wir das Leben bzw. den Segen. Oder wir entscheiden uns gegen ihn und damit für den Tod bzw. Fluch. Dies ist sowohl moralisch zu verstehen als auch anagogisch: Die Entscheidung für Gott ist das Leben und somit der Stand der Gnade. Die Entscheidung dagegen ist unser eigenes Verderben, die Sünde, deshalb Tod und somit das Heraustreten aus dem Stand der Gnade. Beides anagogisch weitergedacht bedeutet, dass wir mit der Entscheidung für Gott das ewige Leben (Himmel) wählen und mit der Ablehnung Gottes den Tod (Hölle).
Der Mensch ist fähig, die Entscheidung selbst zu fällen und kann sich hinter nichts verstecken. Er bringt über sich, „was immer ihm gefällt“. Wir sind gut darin, Gott die Schuld für das Leiden in unserem Leben zu geben. Vieles, wenn auch nicht alles, haben wir uns aber selbst zuzuschreiben, weil wir uns gegen Gott entschieden haben und nun die Konsequenzen zu tragen haben. Was wir nicht verschuldet haben, ist oft das ungerechte Hineinziehen Unschuldiger in die Konsequenzen eigener Sünde. Wir leiden also ungerechterweise wegen der Schuld anderer mit, wegen ihrer Ablehnung Gottes. Und auch anagogisch weitergedacht erwartet uns nach dem Tod, was wir uns selbst gewählt haben. Niemand kommt gegen seinen Willen in die Hölle. Diese sucht man sich aus, indem man sich endgültig von Gott abschneidet, ohne jemals einen Funken Reue zu empfinden, ohne den kleinsten Willen von Umkehr.
Gott gibt, was man sich ausgesucht hat, weil seine Weisheit groß und seine Kraft stark ist. Er sieht alles und dies ist nicht als Bedrohung zu verstehen. Vielmehr ist es ein Trost für jene, die sich um seine Beziehung bemühen. Gott sieht alles, er sieht die Willensentscheidungen des Menschen und wird sich genauestens an diese Entscheidungen halten.
Gott kennt nicht nur jede Entscheidung, er kennt auch jede Tat des Menschen. Mit anderen Worten: Er schaut nicht nur auf den Glauben, den ein Mensch bekundet, sondern achtet auch darauf, ob und wie er diesen umsetzt. Ein sola fide lässt sich anhand dieses Schrifttexts nicht erkennen. Es geht immer um einen gelebten Glauben, den Gott beachtet.
Der letzte Vers hat es nochmal in sich: Unter keinen Umständen können wir sagen, dass Gott böse ist. Niemals können wir sagen, dass Gott uns zur Sünde verführt. Wirklich niemals können wir Gott die Schuld für unsere Sünden geben. Unsere Sünde haben wir uns frei gewählt. Kein unfreier Wille kann unsere Ausrede sein, weil Gott uns so nicht gemacht hat.
Für Luther war das Buch Jesus Sirach apokryph und somit keine Hl. Schrift, allenfalls „gut und nützlich zu lesen“. Jesus Sirach ist aber doch Teil der Hl. Schrift und somit ein Zeugnis für den freien Willen des Menschen. Erliegen auch wir heute nicht der Versuchung, Gott für unsere eigenen Fehler verantwortlich zu machen und ihn böse zu nennen. Gott ist nur gut und was er schafft, ist nur gut. Wenn unser Leben nicht gelingt, ist es nicht Gottes Schuld. Wenn wir leiden, hat Gott es nicht gewollt. Es ist nie sein Wille, dass es Krieg, Hunger, Gewalt oder Sünde in der Welt gibt. Sein Wille ist es, dass wir Menschen uns mit unserem geschenkten freien Willen für ihn entscheiden. Liebe geht nämlich nicht unter Zwang.

Ps 119
1 Selig, deren Weg ohne Tadel ist, die gehen nach der Weisung des HERRN. 
2 Selig, die seine Zeugnisse bewahren, ihn suchen mit ganzem Herzen,
4 Du hast deine Befehle gegeben, damit man sie genau beachtet. 
5 Wären doch meine Schritte fest darauf gerichtet, deine Gesetze zu beachten. 
17 Handle an deinem Knecht, so werde ich leben. Ich will dein Wort beachten.
18 Öffne mir die Augen, dass ich schaue die Wunder deiner Weisung!
33 Weise mir, HERR, den Weg deiner Gesetze! Ich will ihn bewahren bis ans Ende. 
34 Gib mir Einsicht, damit ich deine Weisung bewahre, ich will sie beachten mit ganzem Herzen!

Heute werden im Psalm jene selig gepriesen, die sich gemäß der Worte in Jesus Sirach für Gott entscheiden, für das Leben. Diese Entscheidung für Gott wird hier auf moralischer Ebene weitergeführt.
Jene sind selig zu preisen, die Gottes Gebote halten, was mit „Zeugnisse bewahren“ gemeint ist. Das hebräische Wort עֵדָה edah kann Zeugnis, aber auch das Gebot/Gesetz meinen. Die spezielle Verbform für „bewahren“ נֹצְרֵי nozrej ist ein Partizip. Dadurch wird ausgesagt, dass die Betroffenen die Gebote dauerhaft halten. Es geht um einen gesamten Lebenswandel, der hier in Vers 1 mit „Weg“ umschrieben wird.
Gottes Gebote sind zur genauen Befolgung gegeben worden. Das ändert sich auch mit Jesus nicht, der eben genau das möchte: die Gebote so zu verstehen, wie Gott sie ursprünglich gedacht hat. Greifen wir nochmal auf Sirach zurück, können wir diese genaue Befolgung mit dem Beziehungs- und Entscheidungsaspekt erklären: Wenn wir uns für einen Menschen ganz entscheiden, vor allem in der Trauung, dann nehmen wir ihn vollständig an und nicht nur den Teil von ihm, der uns passt. Wenn wir einen Menschen wirklich von Herzen lieben, dann lieben wir alles an ihm und möchten auch alles für ihn tun, um ihm unsere Liebe zu erweisen/beweisen. So ist es auch mit Gott. Es ist eine Beziehung, die wir heute durch den Neuen Bund, die Juden damals durch den Alten Bund mit ihm eingegangen sind. Damit verbunden ist ja das Halten seiner Gebote und diese halten wir vollständig. Es ist analog zur zwischenmenschlichen Beziehung und vor allem Eheschließung zu betrachten.
Berücksichtigen wir dies, werden wir die genaue Befolgung der Gebote mit Liebe in Verbindung bringen und nicht mit Pflichtbewusstsein, Perfektionismus und toter Buchstabentreue.
In Vers 5 wird angedeutet, dass der Mensch nicht perfekt ist und die Gebote hält, wie er sollte: „Wären doch meine Schritte fest darauf gerichtet“ ist der Wunsch des Beters, Gott immer treu zu sein. Es impliziert, dass dies nicht immer gegeben ist. Der Mensch sündigt. Und diese Beobachtung macht er schon sehr früh, nicht erst mit den Psalmen, aber dort durchaus intensiv.
„Handle an deinem Knecht“ zeigt uns auf, dass Gott etwas am Menschen tut, entweder, damit er die Gebote halten kann oder damit ihm die Vergehen vergeben werden. Dies wird durch den Zusatz deutlich „so werde ich leben“. Dieses Leben ist christlich verstanden vor allem auf das ewige Leben zu beziehen, das uns nach dem Tod erwartet. In diesem Fall ist wohl die Vergebungsbitte gemeint, denn daraufhin sagt der Beter Gott seinen Willen zu: „Ich will dein Wort beachten“. Dieses Jawort ist für Gott entscheidend. Der Mensch möchte Gottes Gebote halten und bemüht sich. Das ist die richtige Herzenshaltung damals und heute.
„Öffne mir die Augen, dass ich schaue die Wunder deiner Weisung!“ Ist die Bitte um Gottes Offenbarung, aber auch die Erkenntnis, Gott in allem zu finden. Es ist also nicht nur auf die biologischen Augen zu beziehen, sondern auch auf die Augen des Glaubens und des Verstandes. Wir denken an dieser Stelle an Jesu Lektionen, die er durch die Blindenheilungen erteilt. Auch dort geht es um viel mehr als die Heilung der biologischen Blindheit.
„Weise mir, HERR, deine Gesetze!“ ist der Wunsch, den Willen Gottes immer klar erteilt zu bekommen. Dies geschieht durch den Gottesdienst, durch die regelmäßige Lesung der Torah und durch die Vermittlung des Willens Gottes durch Propheten. Der Beter verspricht hier Gott, die Gebote bis ans Ende zu bewahren. Dies klingt sehr nach Ehegelübde und erneut sehen wir hier die Analogie. Wir sind die Braut Gottes und er ist unser Bräutigam. Dies hat sich mit Christus fortgesetzt, der sogar auf die Erde kam, um um seine Braut zu werben.
„Gib mir Einsicht“ ist die Bitte, die auf Vers 17 zurückbezogen werden kann und uns erklärt, wie Gott an dem Menschen handelt. Er verleiht ihm Einsicht, was eine Gabe des Hl. Geistes darstellt. Mit dieser erkennt der Mensch überhaupt erst, was gut und böse ist, und kann davon ausgehend eine Wahl treffen, nämlich für Gott, für seine Gebote. Mit „Weisung“ ist die Torah gemeint. Sie ist es, deren Halten ein Leben lang versprochen wird. Es ist die lebenslange Treue, die der Beter Gott hier verspricht – analog zu den Brautleuten am Traualtar.

1 Kor 2
6 Und doch verkünden wir Weisheit unter den Vollkommenen, aber nicht Weisheit dieser Welt oder der Machthaber dieser Welt, die einst entmachtet werden. 
7 Vielmehr verkünden wir das Geheimnis der verborgenen Weisheit Gottes, die Gott vor allen Zeiten vorausbestimmt hat zu unserer Verherrlichung. 
8 Keiner der Machthaber dieser Welt hat sie erkannt; denn hätten sie die Weisheit Gottes erkannt, so hätten sie den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt. 
9 Nein, wir verkünden, wie es in der Schrift steht, was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat, was in keines Menschen Herz gedrungen ist, was Gott denen bereitet hat, die ihn lieben.
10 Uns aber hat es Gott enthüllt durch den Geist. Der Geist ergründet nämlich alles, auch die Tiefen Gottes.

In diesen Wochen geht es ja um den ersten Korintherbrief, aus dem wir heute die Fortsetzung der letzten Woche hören. Letzten Sonntag endete es damit, dass Paulus die Verkündigung des Evangeliums bewusst schmucklos und einfach gestaltet, ganz nach dem Grundsatz der Schlichtheit, um das Evangelium selbst leuchten zu lassen. Seine Kraft soll die Menschen ansprechen, nicht menschliches Brimborium. Der heutige Abschnitt beginnt mit einem Spiel mit dem Wort „Weisheit“. Eigentlich hatte er ja ausgeschlossen, dass er Weisheit lehre, vielmehr den gekreuzigten Christus. Dort bezog er die Weisheit auf die griechischen Philosophen. Heute greift er das Wort auf und wendet es um auf die Weisheit Gottes. Die „Weisheit unter den Vollkommenen“ ist keine weltliche, sondern die ewige Weisheit Gottes, von der wir im Buch Jesus Sirach gehört haben. Die Weisheit Gottes ist beständig, während die der Machthaber der Welt nur vorübergehend ist.
Diese Weisheit Gottes ist verborgen, denn Gott hat sich, wie Paulus im Philipperhymnus sagt, entäußert. Er hat seine Gottheit in dieser Welt verborgen. Diese wird am Ende der Zeiten offenbar, wenn er als verherrlichter Menschensohn zurückkehren wird. Dann werden alle diese Weisheit erkennen, die ganz anders ist, als die weltliche Weisheit (der Griechen, aber auch generell das Erstrebenswerte, Gutgeheißene). Die Machthaber der Welt haben durch die Kreuzigung Christi bewiesen, dass sie die Weisheit nicht erkannt haben. Jesus hat durch seine Verkündigung und sein Handeln diese Weisheit eigentlich deutlich gemacht. Und doch hat das weltliche Denken und die Bestrebungen dieser Welt gesiegt, zumindest scheinbar. Doch es kam anders und Jesus ist von den Toten auferstanden! Die Weisheit Gottes hat schon in dieser Welt gesiegt, die eines Tages zusammenbrechen wird.
Paulus erklärt, dass das Evangelium Jesu Christi etwas Neues und Unerhörtes ist, nämlich die Begründung eines neuen Bundes, der zugleich – so wie wir gleich lesen werden – auf dem Alten gründet.
Das Evangelium Jesu Christi, der die Weisheit Gottes mit seiner ganzen Person offenbart hat, wird uns auch heute so wie Paulus und seinen Zeitgenossen durch den Geist Gottes offenbart. Gott können wir nicht begreifen, indem wir mit unserem menschlichen Gehirn zu denken beginnen. Gott können wir nur ansatzweise erahnen mithilfe des Hl. Geistes, der uns die Augen öffnet, wie es im Psalm heißt, nämlich die Augen von Herz und Sinn, sodass unser Verstand einen winzigen Schritt weiter in der Gotteserkenntnis unternimmt und unser Glaube an Gott gestärkt wird. Deshalb müssen wir immer und überall um den Hl. Geist bitten, damit er uns den Weg aufzeigt, den Gott für uns bereitet hat. Der Geist kann in uns bewirken, dass wir Gott ein wenig mehr begreifen. Wo die Menschen weltlich denken und die weltliche Weisheit ihr Leben bestimmt, da ist nicht Gottes Geist am Werk. Besonders deutlich wird dies in der Kirche. Wo ein weltlicher Geist herrscht, wo auf menschliche Weise etwas angestrebt wird, wo rein weltliche Ursachen und Lösungen im Blick sind, da ist der Hl. Geist fern, es gibt nicht mal Raum für ihn.

Mt 5
17 Denkt nicht, ich sei gekommen, um das Gesetz und die Propheten aufzuheben! Ich bin nicht gekommen, um aufzuheben, sondern um zu erfüllen. 
18 Amen, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergehen, wird kein Jota und kein Häkchen des Gesetzes vergehen, bevor nicht alles geschehen ist. 
19 Wer auch nur eines von den kleinsten Geboten aufhebt und die Menschen entsprechend lehrt, der wird im Himmelreich der Kleinste sein. Wer sie aber hält und halten lehrt, der wird groß sein im Himmelreich.
20 Darum sage ich euch: Wenn eure Gerechtigkeit nicht weit größer ist als die der Schriftgelehrten und der Pharisäer, werdet ihr nicht in das Himmelreich kommen.
21 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst nicht töten; wer aber jemanden tötet, soll dem Gericht verfallen sein. 
22 Ich aber sage euch: Jeder, der seinem Bruder auch nur zürnt, soll dem Gericht verfallen sein; und wer zu seinem Bruder sagt: Du Dummkopf!, soll dem Spruch des Hohen Rates verfallen sein; wer aber zu ihm sagt: Du Narr!, soll dem Feuer der Hölle verfallen sein. 
23 Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 
24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe! 
25 Schließ ohne Zögern Frieden mit deinem Gegner, solange du mit ihm noch auf dem Weg zum Gericht bist! Sonst wird dich dein Gegner vor den Richter bringen und der Richter wird dich dem Gerichtsdiener übergeben und du wirst ins Gefängnis geworfen.
26 Amen, ich sage dir: Du kommst von dort nicht heraus, bis du den letzten Pfennig bezahlt hast. 
27 Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst nicht die Ehe brechen. 
28 Ich aber sage euch: Jeder, der eine Frau ansieht, um sie zu begehren, hat in seinem Herzen schon Ehebruch mit ihr begangen.
29 Wenn dich dein rechtes Auge zum Bösen verführt, dann reiß es aus und wirf es weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle geworfen wird. 
30 Und wenn dich deine rechte Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg! Denn es ist besser für dich, dass eines deiner Glieder verloren geht, als dass dein ganzer Leib in die Hölle kommt. 
31 Ferner ist gesagt worden: Wer seine Frau aus der Ehe entlässt, muss ihr eine Scheidungsurkunde geben. 
32 Ich aber sage euch: Wer seine Frau entlässt, obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt, liefert sie dem Ehebruch aus; und wer eine Frau heiratet, die aus der Ehe entlassen worden ist, begeht Ehebruch. 
33 Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt worden ist: Du sollst keinen Meineid schwören, und: Du sollst halten, was du dem Herrn geschworen hast. 
34 Ich aber sage euch: Schwört überhaupt nicht, weder beim Himmel, denn er ist Gottes Thron, 
35 noch bei der Erde, denn sie ist der Schemel seiner Füße, noch bei Jerusalem, denn es ist die Stadt des großen Königs! 
36 Auch bei deinem Haupt sollst du nicht schwören; denn du kannst kein einziges Haar weiß oder schwarz machen.
37 Eure Rede sei: Ja ja, nein nein; was darüber hinausgeht, stammt vom Bösen. 

Das Evangelium fasst alle heutigen Gedanken in einem besonders intensiven Abschnitt aus der Bergpredigt zusammen:
Gleich der Anfang beantwortet alles: Jesus ist nicht gekommen, um ein neues Amerika zu erfinden, sondern um die Torah, das Gesetz zu erfüllen. Das Gesetz und die Propheten, die gesamte Glaubenstradition der Juden, soll bis zum Ende der Welt gelten. Das Problem ist, wie zu seiner Zeit diese gesamte Tradition verstanden worden ist. Auch die rechte Absicht ist verloren gegangen.
Jesus betont, dass die gesamte Torah unverändert zu halten ist. Alles Andere macht auch keinen Sinn, wenn wir beachten, von welchem Gottesbild Jesus ausgeht: Er sieht es wie das Buch Jesus Sirach und der Psalm von der Beziehungsebene her. Wer Gott liebt, will gar nicht anders, als alle Gebote zu halten, auch noch das Kleinste. Wenn man Gott von Herzen liebt, wird man alles an ihm annehmen, nicht nur das, was einem passt. Sonst ist es keine richtige Liebe. Und diese Liebe soll das A und O bei der genauen Befolgung der Torah sein.
Wenn Jesus vom Kleinsten und Größten im Himmelreich spricht, müssen wir das richtig verstehen. Wer die Gebote abändert und sie auch so lehrt, wird der „Kleinste im Himmelreich“ sein. So wie man lebt, so wird man auch im Himmelreich sein. Und diese Worte Jesu richten sich auch heutzutage an alle Katecheten, Seelsorger und Lehrer. Es muss alles gelehrt werden, auch die noch so unwichtig erscheinenden Dinge. Sie sollen das gesamte Glaubensgut verkünden. Und ganz groß werden jene im Himmelreich sein, die erstens alles vollständig halten und zweitens es auch so vollständig lehren. Sie haben es nämlich vorgelebt und dadurch die verkündete Lehre authentisch gemacht. Und wer im Kleinen treu ist, wird im Himmel groß sein.
Wer vor Gott gerecht sein möchte, muss eine weitaus größere Gerechtigkeit als die der Pharisäer und Schriftgelehrten aufweisen. Denn diese halten erstens gar nicht die vollständige Lehre im ursprünglichen Sinne, zweitens bauen sie ein menschliches Konstrukt darum, das sie statt der göttlichen Gebote halten. Das größte Problem aber besteht in der fehlenden Beziehung. Sie halten die Gebote nicht aus Liebe zu Gott, sondern um der Gebote willen. Dies führt zu einer Äußerlichkeit ohne entsprechende innere Herzenshaltung.
Und dann konkretisiert Jesus, was er damit meint, indem er die Gebote so auslegt, wie Gott sie eigentlich gemeint hat:
Er nimmt als erstes Beispiel das fünfte Gebot „du sollst nicht töten“. „Die Alten“ haben es so ausgelegt, dass man niemanden töten soll. Jesus radikalisiert es jetzt aber nach innen und stellt heraus, dass schon die Wut auf den Anderen, der Groll, die Rache, die bösen Wünsche gegenüber dem Anderen ein Verstoß gegen das Gebot sind. Ebenso ist es mit Beleidigungen. Er erklärt sie zum verbalen Mord. Nicht nur auf der Ebene des Handelns sündigt man gegen das fünfte Gebot, sondern auch auf den Ebenen der Gedanken und der Worte. Und diese Dinge reichen schon aus, kultisch unrein zu sein. Bevor man ein Opfer im Tempel darbringt, soll man zuerst Frieden schließen. Dabei soll man Friedensstifter sein selbst da, wo der Andere eigentlich die bösen Gedanken gegen einen selbst hegt.
Wenn Jesus dann das Bild des Wegs zum Gericht erwähnt, meint er damit nicht nur, dass man sich so schnell wie möglich versöhnen soll und es möglichst untereinander regeln soll, sondern auch die anagogische Ebene: Versöhne dich jetzt mit Gott und dem Nächsten, solange du noch lebst. Wenn du es bis zum Gericht Gottes nicht getan hast, wird es eine schmerzhafte Sache. Es ist selbst für die Angehörigen schmerzhaft, die einen unversöhnten Streit ihrer Familienmitglieder bis in den Tod begleiten müssen. So wie es besser ist, untereinander den Streit zu klären, bevor man im Gericht ankommt und dann ins Gefängnis muss, so ist es mit der Sühne eigener Sünden. Besser man sühnt sie noch in diesem Leben, denn danach wird es viel schmerzhafter es im „Gefängnis“ des Fegefeuers abzubezahlen.
Ab Vers 27 greift Jesus ein anderes Beispiel auf, das er radikalisiert – das sechste Gebot „du sollst nicht die Ehe brechen“. Bisher ist es so ausgelegt worden, dass der ausgeführte Ehebruch an sich erst Sünde sei. Jesus sagt aber, dass das lustvolle Anschauen einer Frau (und eines Mannes, für Frauen gilt dasselbe, auch wenn Männer mehr auf das Optische anspringen!) schon ein Ehebruch im Herzen ist. Auch hier ist es schon die Gedankenebene, auf der man bereits sündigt.
Alles, was den Menschen aber erst zu diesen ehebrecherischen Gedanken bringt, soll abgehauen werden, es soll radikal ausgemerzt werden. Die Gelegenheiten zur Sünde, die Provokationen, Situationen. Dies möchte Jesus durch die metaphorische Aufzählung von Körperteilen sagen, die man ausreißen oder abhauen soll. Besser ist es, sogar verstümmelt zu sein, als in die Hölle zu gehen. Und wenn wir im Leben auch auf wichtige Güter verzichten müssen, weil sie uns sonst zur Sünde verleiten. Diese Worte sind klar und deutlich und ein absoluter Strich durch die Rechnung unserer heutigen sexualisierten Gesellschaft. Die Lust ist nur einen Klick entfernt, nur ein Tap auf dem Smartphone, nur ein Klick auf dem Fernseher. Heute würde uns Jesus sagen: Und wenn dich dein Smartphone zur Sünde verleitet, steig auf ein normales Handy um. Besser mit einem uncoolen Teil herumlaufen, als mit einem schicken Iphone in die Hölle zu gehen.
Und dann greift Jesus noch etwas Wichtiges auf, das er sehr oft anspricht: Die Unauflöslichkeit der Ehe. Mose hat erlaubt, dass der Mann seine Frau aus der Ehe entlassen darf, wenn er etwas Schändliches an ihr findet (Dtn 24,1). Jesus sagt aber an dieser Stelle, dass es eine Abweichung vom eigentlich ursprünglichen Gesetz der absoluten Unauflöslichkeit der Ehe sei. Wer die Frau mit einem Scheidungsbrief entlasse, mache sie zur Ehebrecherin, außer im Fall von Unzucht. Was hat das zu bedeuten? Die Ehe ist trotz Scheidung weiterhin wirksam und wenn man sie aus der Ehe entlässt, wird sie keine Mittel haben, selbstständig weiterzuleben. Sie wird gezwungen sein, einen anderen Mann zu heiraten und das wäre dann Ehebruch. Man liefert sie also dem Ehebruch aus. Der Nebensatz „obwohl kein Fall von Unzucht vorliegt“ ist schlecht übersetzt. Es heißt eigentlich „außer im Fall von Unzucht“ und meint außer in dem Fall, wo sie bereits Unzucht begangen hat. Dann ist man selbst nicht der Auslieferer in den Ehebruch, sondern sie hat es selbst aktiv getan. Man darf aus dieser Bibelstelle auf keinen Fall schließen, dass Jesus eine Scheidung bei Ehebruch erlaube. Die Ehe ist unauflöslich und eben nicht auflösbar unter irgendwelchen Bedingungen.
Dann spricht Jesus noch weitere Radikalisierungen an: Die Alten verboten den Meineid und hielten die Gläubigen zur Einhaltung von Versprechen an, was auch gut ist. Das Problem ist, dass die Menschen Schwüre zunehmend inflationär gebraucht haben. Sie haben bei jeder Notlüge, die sie begangen haben, einen Schwur hinterher gesagt, um sich glaubwürdig zu machen. Das ist ein Missbrauch von Schwüren und Gelübden. Deshalb sagt Jesus, dass man gar nicht schwören soll, nicht weil Gelübde nicht gut sind, sondern weil man die Wahrheit sagen soll. Euer Ja sei ein Ja und euer Nein ein Nein. Es geht um Aufrichtigkeit, die schon im Herzen beginnt. Es ist wie mit der Rede von der Verstümmelung. Jesus möchte keine Selbstverletzung, er möchte auch nicht, dass jetzt keine Gelübde mehr abgelegt werden. Er möchte ein aufrichtiges Sprechen. Schwüre sind für besondere Situationen und schon gar nicht dafür, auf den Namen Gottes oder seinen Tempel etc. zu schwören, um den Namen Gottes zu verunehren. Das ist eine Sünde gegen das zweite Gebot.
Heute spricht Jesus sehr intensiv und wir können in diesem Rahmen gar nicht alles bedenken. Dennoch ist dies schon genug, um sich am heutigen Sonntag richtig Gedanken zu machen.

Gott geht es um unser Herz. Das ist schon in den vergangenen Werktagen immer wieder durch die Tageslesungen deutlich geworden. Er möchte eine Deckungsgleichheit von Herz, Mund und Hände, von Gedanken, Worten und Werken. Er möchte, dass wir alles aus Liebe zu ihm tun, nicht zur Strafvermeidung, aus Angst, aus Pflichtbewusstsein oder sonstigem. Er möchte unsere Liebe und eine intakte Beziehung zu uns. Er möchte das alles, damit wir glücklich werden, damit er in uns seine göttliche Weisheit eingießen kann, damit er unsere Schritte auf unserem Lebensweg fest machen kann. Jesus verlangt heute in der Bergpredigt nichts Unmögliches. Er verlangt nur eines: dass wir die Gebote Gottes durchs Herz gehen lassen und sie von dort aus den Weg über unsere Gedanken, Worte und Taten nehmen. Dabei sind wir nicht allein. Er schenkt uns vom Vater seinen Hl. Geist, der uns mit allen Gnaden zur Bewältigung dieses Herzenswegs ausstattet.

Ihre Magstrauss

Samstag der 5. Woche im Jahreskreis

1 Kön 12,26-32; 13,33-34; Ps 106,6-7b.19-20.21-22; Mk 8,1-10

1 Kön 12
26 Jerobeam dachte in seinem Herzen: Das Königtum könnte wieder an das Haus David fallen. 

27 Wenn dieses Volk hinaufgeht, um im Haus des HERRN in Jerusalem Opfer darzubringen, wird sich sein Herz wieder seinem Herrn, dem König Rehabeam von Juda, zuwenden. Mich werden sie töten und zu Rehabeam, dem König von Juda, zurückkehren. 
28 So ging er mit sich zu Rate, ließ zwei goldene Kälber anfertigen und sagte: Ihr seid schon zu viel nach Jerusalem hinaufgezogen. Hier sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten heraufgeführt haben. 
29 Er stellte das eine Kalb in Bet-El auf, das andere brachte er nach Dan. 
30 Dies wurde Anlass zur Sünde. Das Volk zog vor dem einen Kalb her bis nach Dan. 
31 Auch machte er das Haus der Kulthöhen und Priester, die aus allen Teilen des Volkes stammten und nicht zu den Söhnen Levis gehörten. 
32 Für den fünfzehnten Tag des achten Monats machte Jerobeam ein Fest, das dem Fest in Juda entsprach. Er stieg zum Altar hinauf. Das tat er in Bet-El, um den Kälbern zu opfern, die er hatte machen lassen. In Bet-El ließ er auch die Priester auftreten, die er für die Kulthöhen gemacht hatte. 
33 Jerobeam kehrte auch nach diesem Ereignis von seinem bösen Weg nicht um. Er machte weiterhin aus allen Teilen des Volkes Priester für die Kulthöhen; jedem, der es wünschte, füllte er die Hand und er wurde ein Höhenpriester. 
34 Das aber wurde dem Haus Jerobeam als Sünde angerechnet, sodass es vernichtet und vom Erdboden vertilgt wurde.

Wir haben vorgestern gehört, wie Gott Salomo angekündigt hat, dass er seinem Sohn das Königreich fast vollständig wegnehmen werde wegen des Götzendienstes, den Salomo durch seine Frauen begangen hat. Schon zu Salomos Lebzeiten kommen mehrere Feinde auf, die ihn bedrängen. Wir lesen in den Kapiteln vor dem heutigen Abschnitt davon. Dort wird nun auch von dem Sohn eines königlichen Beamten namens Jerobeam berichtet, einem Efratiter, dem vom Propheten Ahija angekündigt wird, dass er König von Israel werde, und zwar von zehn Stämmen. Salomo trachtet ihm nach dem Leben, doch er flieht nach Ägypten, wo er bis zum Tode Salomos bleibt. Salomos Sohn Rehabeam wird sein Nachfolger. Dieser trifft aber ganz unweise Entscheidungen und will viel strenger mit den Israeliten umgehen, als sein Vater Salomo. So erkennen ihn die Israeliten nicht an außer der Stamm Juda und der Stamm Benjamin. Es entstehen zwei Königreiche, denn die Israeliten machen Jerobeam zum König der zehn weiteren Stämme. Dieser baut in Sichem seinen Wohnsitz.
Der heutige Abschnitt schließt sich nun an: Jerobeam hat Angst, dass er sein Königtum wieder verlieren könnte, weil er genau weiß, dass die Jerusalemer Tempelpraxis alles ist. Es scheint so, als ob die Israeliten auch weiterhin nach Jerusalem ziehen, um Opfer darzubringen. Jerobeam befürchtet, dass sie dann wieder zu Rehabeam zurückkehren könnten.
Kurzerhand entschließt er sich zu einem folgenschweren Schritt: Er lässt zwei Götzen anfertigen und konstruiert einen Festkalender, eine Priesterschaft und eine Opferpraxis, die der des Jerusalemer Tempels ähnelt. Die Priesterschaft besteht aber nicht mehr aus den Söhnen Levis und die Feste finden an anderen Tagen statt als in Jerusalem. Er baut auch Kulthöhen für die Opfer.
Er behauptet vor den Israeliten, dass die zwei goldenen Kälber, die er hat anfertigen lassen, der Gott sei, der sie aus Ägypten heraufgeführt habe. Er verdeutlicht auch, dass die Israeliten sich nicht mehr auf den langen Weg machen müssen.
Ursprünglich hat Gott ihn auserwählt, König über Israel zu sein, doch er hat eine schwere Sünde begangen, indem er eine neue Götzenreligion gegründet hat. Damit hat er nicht besser gehandelt als Salomo, aufgrund dessen Jerobeam überhaupt erst König werden sollte.
Deshalb hören wir auch im letzten Vers, dass das Haus Jerobeams ausgelöscht werde. Er hat die Konsequenzen der Entscheidungen zu tragen, die er getroffen hat. Gott hat ihm eine Chance gegeben, die er sich selbst ziemlich schnell verbaut hat.

Ps 106
6 Wir haben gesündigt mit unseren Vätern, wir haben Unrecht getan und gefrevelt. 
7 Unsere Väter in Ägypten begriffen deine Wunder nicht, gedachten nicht der vielen Erweise deiner Huld.
19 Sie machten am Horeb ein Kalb und warfen sich nieder vor dem Gussbild. 
20 Die Herrlichkeit Gottes tauschten sie ein gegen das Abbild eines Stieres, der Gras frisst. 
21 Sie vergaßen Gott, ihren Retter, der einst in Ägypten Großes vollbrachte, 
22 Wunder im Land Hams, Furcht erregende Taten am Roten Meer. 

Der heutige Psalm ist eine Selbstanklage. Es handelt sich um ein öffentliches Sündenbekenntnis der Juden mit ausführlicher geschichtlicher Zusammenfassung. Auch Psalm 78 ist von dieser Art. Wenn wir heute diesen Psalm beten, ist es aber viel mehr als nur eine geschichtliche Erinnerung Israels. Erstens wiederholt sich Geschichte und dies ist uns heute in der Lesung besonders deutlich geworden: Jerobeam macht goldene Kälber wie die Israeliten am Sinai. Zweitens hat die Heilsgeschichte Gottes immer überzeitliche Bedeutung, sodass sie auch für uns gilt. Die Sünden, die damals begangen wurden, begehen auch wir heute. Dies ändert sich nie und so können wir uns mit dieser Geschichtszusammenfassung des Psalms identifizieren.
„Wir haben gesündigt mit unseren Vätern“ ist so zu verstehen, dass das gesamte Volk Israel hier das Sündenbekenntnis ablegt und die Sünde schon bei den Vätern begangen worden ist. Wer damit gemeint ist, erfahren wir einen Vers später: Es ist die Generation der Israeliten am Sinai, die während Moses Abwesenheit einen goldenen Götzen gegossen hat. Was hier rückblickend über die Israeliten damals gesagt wird, ist reflektierend und deutend: Ihr Verhalten wird damit erklärt, dass sie Gottes Wunder nicht begriffen haben. Gott hat ihnen so viel Gutes erwiesen, doch sie waren undankbar. Stattdessen haben sie sich einem Götzen zugewandt.
„Gedachten nicht der vielen Erweise deiner Huld“ stellt heraus, dass die Israeliten am Sinai die Gnade Gottes schnell vergessen haben. In der Wüste ist dies immer wieder zum Vorschein gekommen, wenn sie schwere Zeiten durchmachten, z.B. hungerten. Dann waren sie sogar noch so undankbar und wünschten sich wegen der Fleischtöpfe die Sklaverei Ägyptens zurück.
In Vers 19 wird das Gussbild am Sinai angesprochen (Horeb und Sinai sind zwei Namen für denselben Berg). Dieses Verhalten wird im Nachhinein als absurd bewertet, abgesehen davon dass es eine Sünde gegen das erste Gebot ist: Die Väter haben Gottes Herrlichkeit gegen ein Gras fressendes Tier ausgetauscht. Und diese Degradierung haben wir auch in der Lesung gehört, in der Gott und seine Verehrung durch eine billige Kopie degradiert wird. Dort sind es sogar zwei Götzenkälber, die angebetet werden.
Das Problem ist das Vergessen. Die Väter haben vergessen, was Gott ihnen Gutes getan hat. Nicht umsonst sagt Jesus bei der Stiftung des Neuen Bundes beim letzten Abendmahl „tut dies zu meinem Gedächtnis“, so wie bei Sedermahl des Pessachfestes der Exodus immer wieder erzählt werden soll zur ewigen Erinnerung an Gottes Taten. Und diese Erinnerungsmentalität wird auch im Gründonnerstagslied „Beim letzten Abendmahle“ hervorgehoben, in dem es heißt „damit ihr nie vergesset, was meine Liebe tut.“ Wenn man die Liebe des anderen vergisst, wird man nicht mehr dankbar sein und die Beziehung erkaltet.
Gottes Barmherzigkeit ist aber unendlich groß. Wenn wir zu einer brennenden Gemeinschaft mit ihm zurückkehren wollen, ist er sofort bereit, den Bund zu erneuern. Er gibt immer wieder eine neue Chance. Was die Israeliten mit diesem Psalm tun, ist genau die Voraussetzung für Gottes Vergebung – das Bekenntnis. Auch wir, die wir Gott untreu werden, wo wir sündigen, dürfen zu ihm zurückkehren und ihn um Vergebung bitten. Er schenkt uns diese Möglichkeit durch das Beichtsakrament. So erneuert Gott den Bund mit den Menschen und die Beziehung brennt von Neuem wieder lichterloh. Und auch in Krisenzeiten der Kirche – das heißt Glaubenskrisen, nicht Strukturkrisen – schenkt Gott Erneuerung durch den Hl. Geist, wenn ihre Mitglieder sich ihrer Schuld stellen und sich auf den Stiftungswillen Christi zurückbesinnen. Dann blüht die Kirche von Neuem auf. Wichtig ist, zur Einsicht zu kommen und umzukehren. Wenn die Gemeinschaft der Gläubigen und vor allem jeder Einzelne sich so verhält, dann wird Gott den Bund nach dem Tod bzw. am Ende der Zeiten auf besonders intensive Art und Weise erneuern, wenn er eine neue Schöpfung hervorbringen wird, zu der wir durch die Taufe jetzt schon gehören. Dann wird uns ein neues Leben in der Ewigkeit geschenkt.

Mk 8
1 In jenen Tagen waren wieder einmal viele Menschen um Jesus versammelt. Da sie nichts zu essen hatten, rief er die Jünger zu sich und sagte: 

2 Ich habe Mitleid mit diesen Menschen; sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen. 
3 Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie auf dem Weg zusammenbrechen; denn einige von ihnen sind von weit her gekommen. 
4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher könnte jemand diese hier in der Wüste mit Broten sättigen? 
5 Er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie antworteten: Sieben. 
6 Da forderte er die Leute auf, sich auf den Boden zu setzen. Dann nahm er die sieben Brote, sprach das Dankgebet, brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen; und die Jünger teilten sie an die Leute aus. 
7 Sie hatten auch noch ein paar Fische bei sich. Jesus segnete sie und ließ auch sie austeilen. 
8 Die Leute aßen und wurden satt. Und sie hoben die Überreste der Brotstücke auf, sieben Körbe voll. 
9 Es waren etwa viertausend Menschen beisammen. Danach schickte er sie nach Hause.
10 Gleich darauf stieg er mit seinen Jüngern ins Boot und fuhr in das Gebiet von Dalmanuta.

Heute hören wir im Evangelium von der wunderbaren Speisung, die wir in der Advents- oder Weihnachtszeit schon aus anderen Evangelien gehört haben: Markus lässt die Information weg, wo genau die Speisung stattfindet, aber von Mt 15 wissen wir, dass Jesus auf einen Berg steigt. Da fragt man sich vielleicht, warum er ausgerechnet so einen Ort aufsucht. Schließlich müssen die vielen Menschen ihm folgen, die dort mit Beschwerden zu ihm kommen. Der springende Punkt ist: Jesus tat nie etwas ohne tieferen Sinn. Damit schließt sich ein Kreis der auf den Kulthöhen von Sichem und am Sinai des Psalms begonnen hat. So wie die Torah am Sinai gegeben wird, so nährt Jesus das Volk nun durch seine Worte und vor allem hier mit sieben Broten und ein paar Fischen.
Jesus sagt zu seinen Jüngern, er hat Mitleid (σπλαγχνίζομαι „ich habe Mitleid/ich erbarme mich“). Gott ist barmherzig mit seinen Kindern. Das ist uns durch den Psalm schon deutlich geworden und wird hier zugespitzt. Jesus tut mit der Speisung etwas Ungewöhnliches mitten auf einem Berg in der Wüste: Er sättigt sie, anstatt sie wegzuschicken. Auch dies ist nicht nur ein Akt der leiblichen Stärkung („sonst brechen sie auf dem Weg zusammen“). Jesus möchte uns auf dem Lebensweg nähren durch sein Wort und seine Sakramente, damit wir auch seelisch nicht zusammenbrechen. Er möchte uns die Kraft geben, nach dem Willen Gottes leben zu können. Den Menschen, die ihm bis in die Wüste gefolgt sind, ging es zuerst um das Reich Gottes, deshalb gab Jesus ihnen alles Andere dazu! Sie haben anders gehandelt als die Väter in der Wüste, die sich nach den Fleischtöpfen der Ägypter zurücksehnten. Ihnen war das leibliche Wohl wichtiger, als nun frei von der Sklaverei zu sein und Gott ungestört opfern zu können. Auch uns heute möchte Gott mit Überfülle beschenken, wenn wir zuerst ihn suchen. Und die Kirche ist ja auch Volk Gottes auf dem Weg, die Wegzehrung braucht. Deshalb ist es so überlebenswichtig für sie, die Eucharistie jeden Tag zu feiern. Diese ist das Brot, mit dem die Kirche genährt wird, um alles zu überstehen, auch jedes Schisma, jede Anschuldigung, jede Attacke. Dann wird sie am Ende der Zeiten in der Ewigkeit „gemästet“ werden beim Hochzeitsmahl des Lammes.
Jesus bittet die Menge, sich hinzusetzen. Eigentlich steht da wörtlich das Verb ἀναπίπτω anapipto, was unter anderem die Bedeutung „sich zu Tisch legen“ aufweist und verwendet wird, wenn man sich zu Tisch begibt. In dem Kulturkreis lag man am Tisch, anstatt zu sitzen. Sich niederlegen in der Wüste auf einem Berg scheint absurd? Nicht für den Messias, der in seiner pädagogischen Feinfühligkeit den Juden das Hochzeitsmahl des Lammes und den Himmel beibringen will! Jesus lädt zum Festmahl ein und bittet seine Gäste sozusagen „zu Tisch“. Hier ist die Endstation der Erfüllung noch nicht erreicht. Sie endet im Abendmahlssaal mit den zwölf Aposteln. Und doch werden die Menschen dafür schon vorbereitet, wenn Jesus neben den Fischchen ausgerechnet Brot nimmt und dem Vater dafür dankt (die Danksagung heißt im Griechischen εὐχαριστία eucharistia!). Interessant ist, dass er die Brote nicht selbst an die Menschen verteilt, sondern seine Jünger die Verteilung vornehmen lässt. Dies ist auch auf ekklesiologischer Ebene eine Vorbereitung ganz bestimmter liturgischer Dienste. In der Urkirche wurde die Austeilung der Eucharistie deshalb von Diakonen unterstützt. Bemerkenswert und wiederum ein göttliches Wunder ist, dass ganze sieben Körbe von den sieben Broten übrig bleiben. Auch dies ist den Menschen ein Zeichen: Wenn Gott gibt, dann gibt er im Überfluss. Die Zahlen Sieben und Zwölf sind biblisch immer Zahlen der Fülle, Vollkommenheit und Vollständigkeit. Dies verdeutlicht das in dem Kontext stehende Verb ἐχορτάσθησαν echortasthesan „sie wurden gemästet“, was die Einheitsübersetzung in Vers 8 mit „und wurden satt“ übersetzt. Die dort Anwesenden werden begriffen haben, dass hier der Messias eine göttliche Heilstat begangen hat, die schon Jesaja 25 angekündigt hat. Die frommen Juden werden vielleicht auch an das Manna in der Wüste gedacht haben, das ihre Väter gegessen haben. Dies erklärt auch, warum Jesus diese Speisung ausgerechnet in der Wüste vorgenommen hat. Auch damals war es zunächst eine Sättigung der Leiber und doch ging es damals schon darüber hinaus. Das alte Israel ist darauf vorbereitet worden, was nun mit Jesus geschah. Die Menschen mit ihm sind nicht nur körperlich, sondern auch im Glauben gesättigt worden – auch durch die Unterweisungen und Heilungen, von denen wir in den letzten Wochen aus dem Markusevangelium immer wieder gehört haben. Jesus nimmt auch sein eigenes Opfer vorweg, bei dem er selbst auf dem Berg hingegeben wird. Die Speise, die er dann nicht nur Viertausend, sondern allen Menschen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geben wird, ist die Sättigung für den Weg in die Ewigkeit, damit wir nicht unterwegs zusammenbrechen, weder als Kirche noch als einzelne Christen im Alltag.
Nach der Speisung werden die Menschen nach Hause geschickt. Auch wir werden ausgesandt, kurz nachdem wir die Kommunion in der Messe empfangen haben. Der Priester sagt zum Schluss „ite, missa est“, wörtlich zu Deutsch „gehet, es ist gesandt/es ist eine Sendung“. Wir sollen das empfangene Heil zu den Menschen bringen bis an die Enden der Erde, wie wir gestern gehört haben.
Direkt im Anschluss an die Speisung steigt Jesus mit seinen Jüngern in ein Boot und fährt nach Dalmanuta. Die Gnade ist nicht nur für die hier anwesenden Viertausend, sondern für alle Menschen. Deshalb gibt es keine Pause für Jesus, sondern er zieht direkt weiter, um auch woanders den Menschen das Heil zu bringen. So ist Gottes Neuer Bund. Er möchte alle Menschen retten und bietet sein Heil deshalb der gesamten Menschheit an.

Heute haben wir viele Texte von Bergen und Opfern gehört, gottgewollten Opfern und Götzenopfern. Fragen wir uns heute, auf welchen Berg wir steigen – auf die Kulthöhen von Sichem mit den Götzenopfern oder auf den Gottesberg Sinai, wo Gott seine Weisung gibt bzw. den Zion, wo er seinen eigenen Sohn dahingibt? Die Entscheidung liegt ganz bei uns. Über diese Entscheidungsfähigkeit werden wir am morgigen Sonntag besonders viel nachdenken. Entscheiden wir uns für Gottes Speisung und nicht für die Verderbnis des Götzendienstes, indem wir seine Liebestaten in unserem Leben vergessen.

Ihre Magstrauss

Hl. Cyrill und Methodius (Fest)

Apg 13,46-49; Ps 117,1.2; Lk 10,1-9

Apg 13
46 Paulus und Barnabas aber erklärten freimütig: Euch musste das Wort Gottes zuerst verkündet werden. Da ihr es aber zurückstoßt und euch selbst des ewigen Lebens für unwürdig erachtet, siehe, so wenden wir uns jetzt an die Heiden. 

47 Denn so hat uns der Herr aufgetragen: Ich habe dich zum Licht für die Völker gemacht, bis an das Ende der Erde sollst du das Heil sein. 
48 Als die Heiden das hörten, freuten sie sich und priesen das Wort des Herrn; und alle wurden gläubig, die für das ewige Leben bestimmt waren. 
49 Das Wort des Herrn aber verbreitete sich in der ganzen Gegend. 

Heute feiern wir zwei große Heilige, denen die Slaven das Christentum, die kyrillische Schrift und Liturgie zu verdanken haben – Cyrill und Methodius. Sie werden sowohl von der Ost- als auch von der Westkirche verehrt und ihr Gedenktag ist von Papst Johannes Paul II zum Fest angehoben worden.
Analog zu den beiden Heiligen, die übrigens Brüder waren, lesen wir heute von Paulus und Barnabas, die zwar nicht biologisch verwandt, doch wie Familienmitglieder sind.
Der heutige Abschnitt hat folgende Vorgeschichte: Die beiden Missionare ziehen nach Pisidien und lehren im pisidischen Antiochien (es gibt noch andere Städte mit demselben Namen) in der Synagoge. Dort nimmt Paulus eine heilsgeschichtliche Zusammenfassung vor, die in das Heilsgeschehen Jesu Christi mündet. Es erinnert ein wenig an das Martyrologium vor der Christmette, auch wenn Paulus nicht bei Adam und Eva anfängt. Die Anwesenden nehmen seine Botschaft an und bitten ihn sogar, am Sabbat darauf erneut zu sprechen. Dieser Tag ist in der heutigen Lesung angebrochen und die gesamte Stadt hat sich für die Predigt der Missionare versammelt. Dies macht die hiesigen schriftgelehrten Juden eifersüchtig und sie legen sich mit den beiden Gastrednern an. Weil sie die Botschaft Jesu Christi nicht annehmen, entgegnet Paulus nun die in der heutigen Lesung erfolgenden Verse:
„Euch“ bezieht sich dabei auf die Juden. Ihnen musste das Evangelium zuerst verkündet werden. So hat es auch Jesus im gestrigen Evangelium zu der Syrophönizierin gesagt. Weil die Juden ihn nicht annehmen, geht Jesus dann aber selbst zu den Heiden und so tun es auch Paulus und seine Begleiter immer wieder. Heute verkünden sie den Juden, dass durch deren Zurückweisung sie das Evangelium nun den Heiden verkünden. Es geht um eine bestimmte Stadt oder Region. Immer, wenn Paulus in eine Gegend kommt, versucht er es immer von Neuem zuerst beiden Juden, bevor er den Heiden predigt – vorausgesetzt es gibt überhaupt Juden in einer Stadt.
Es ist weniger ein schadenfrohes „Tja, Pech gehabt, ich gehe jetzt zu den anderen!“, sondern eher eine Lektion für die frommen Juden. Er zitiert nämlich Jes 49,6, um ihnen zu erklären, dass Jesus den neuen Bund gleichermaßen mit Juden und Heiden besiegelt hat. Das „Licht für die Heiden“ wird dabei in Jesaja mit der hebräischen Bezeichnung לְאֹ֣ור גֹּויִ֔ם le’or gojim, in der Septuaginta (griechische Übersetzung des AT) mit εἰς φῶς ἐθνῶν eis fos ethnon wiedergegeben. Beides – gojim bzw. ethne impliziert immer die nichtjüdischen Völker. Dies ist in erster Linie messianisch zu verstehen, weil Paulus hier aus einem der Gottesknechtslieder zitiert und die Kirche stets Jesus damit verbunden hat. Ein weiterer Hinweis ist die Aussage, dass bis zum Ende der Erde der Angesprochene „das Heil“ sein soll. Die hebräische Formulierung in Jesaja ist יְשׁוּעָתִ֖י jeschu’ato, „mein Heil“ und deutet den Namen Jesu an. Es ist wie eine Ankündigung, dass Jesus ewig leben wird. Wir beziehen all dies auch auf jene, die ihm nachfolgen, also auch auf uns und unsere Auferstehung! Geographisch gelesen deutet es zudem die weltweite Verbreitung des Evangeliums an. Dem sind Paulus und Barnabas wirklich nachgekommen und sind bis an die Enden der Erde gezogen, um den Menschen Jesus zu bringen. Und aus dem Grund ist es auch auf die Jünger Jesu zu beziehen, die hier in Pisidien sein Evangelium verkünden, auf Paulus und Barnabas. Sie sollen das Licht für die Völker, für die Heiden sein. Paulus hat dieses Wort ganz und gar als seine Berufung verstanden und ist somit zum größten Heidenmissionar geworden. Wir nennen ihn deshalb auch den Völkerapostel. Dieses „Völker“ bezieht sich auf die Heiden. Wir können es auch auf die beiden Slavenapostel Cyrill und Methodius beziehen, die zu den Heiden gegangen sind. Durch sie ist das heutige Russland sowie der gesamte Ostblock christlich bzw. haben sie die östliche Liturgie maßgeblich geprägt. So wie Paulus und Barnabas zunächst zu den Juden gingen, aber verworfen wurden, so versuchten die beiden es erst in Mähren, der heutigen Tschechei, und kamen in Konflikt mit dem ostfränkischen Klerus, sodass sie ihr Wirken in Pannonien fortsetzten, dem heutigen westlichen Ungarn. Es gab in ihrem Leben ständig Auseinandersetzungen aus politischen Gründen und so starb Methodius im schwäbischen Exil, nachdem sein Bruder schon längst tot war.
Die Worte, die Paulus und Barnabas an die frommen Juden gerichtet haben, hinterlässt auch seine Wirkung bei den Heiden. Diese freuen sich, Teil einer Heilsbotschaft zu sein. Sie bekehren sich zum Christentum und preisen den Herrn.
Das Evangelium verbreitet sich in der hauptsächlich heidnischen Gegend.

Ps 117
1 Lobt den HERRN, alle Völker, rühmt ihn, alle Nationen! 

2 Denn mächtig waltet über uns seine Huld, die Treue des HERRN währt in Ewigkeit. Halleluja!

Der heutige Psalm besteht aus nur zwei Versen, doch fassen diese das Wesentliche des heutigen Festes zusammen. Es ist ein Aufruf an die Völker, Gott zu loben.
Der Aufruf ist ein gängiges Wort in der jüdischen Frömmigkeitspraxis und wird von den Christen übernommen. Im Hebräischen steht nämlich das Verb הַֽלְל֣וּ  hallelu. Es fehlt das „ja“ am Ende, denn hier wird nicht „ja“ angehängt, was die Kurzform des Gottesnamens ist, sondern der vollständige Name Jahwe ausgeschrieben, also „hallelu et-jahwe“ (das „et“ drückt den Akkusativ aus, ist also nur eine Partikel).
„Alle Völker“ wird wiederum mit כָּל־גֹּויִ֑ם kol-gojim wiedergegeben und meint die nichtjüdischen Völker. Auch im zweiten Teil des Verses wird für „alle Nationen“ kein typisches Wort für das Volk Gottes gewählt, sondern כָּל־הָאֻמִּֽים kol ha’ummim. Ummim ist ein allgemeiner Begriff, der aber oft auch auf die Heidenvölker angewandt wird. Dieser Vers und der gesamte Psalm sind eigentlich etwas Unerhörtes oder Überraschendes. Die Heiden sollen den jüdischen Gott preisen. Es kommt noch besser. Sie sollen dies tun, weil seine Huld über ihnen waltet! Gott verdammt die Heiden nicht, sondern er hat auch mit ihnen einen Heilsplan! Sie sollen sich zu ihm bekehren, was bei Paulus und Barnabas dann ja passieren wird.
Und die Treue währt tatsächlich auch ihnen gegenüber in Ewigkeit. Gottes Bünde sind nie zeitlich begrenzt, sondern ewig. Jesus hat am Kreuz einen neuen Bund zwischen Gott und allen Menschen besiegelt, der ewig ist. Deshalb verspricht Gott auch den Heiden die ewige Treue, die mit ihm diesen Bund eingehen. Hier wird es im Psalm prophetisch vorweggenommen, denn bis Jesus Mensch wird, werden noch so einige Jahrhunderte vergehen.
Der Psalm lehrt uns heute, dass Gott einen wunderbaren Plan mit allen Menschen hat und jedem Einzelnen seine Treue verspricht. Das Angebot steht für alle bereit. Das Entscheidende ist, es anzunehmen und ihm nachzufolgen.

Lk 10
1 Danach suchte der Herr zweiundsiebzig andere aus und sandte sie zu zweit vor sich her in alle Städte und Ortschaften, in die er selbst gehen wollte.  

2 Er sagte zu ihnen: Die Ernte ist groß, aber es gibt nur wenig Arbeiter. Bittet also den Herrn der Ernte, Arbeiter für seine Ernte auszusenden! 
3 Geht! Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe. 
4 Nehmt keinen Geldbeutel mit, keine Vorratstasche und keine Schuhe! Grüßt niemanden auf dem Weg! 
5 Wenn ihr in ein Haus kommt, so sagt als Erstes: Friede diesem Haus! 
6 Und wenn dort ein Sohn des Friedens wohnt, wird euer Friede auf ihm ruhen; andernfalls wird er zu euch zurückkehren. 
7 Bleibt in diesem Haus, esst und trinkt, was man euch anbietet; denn wer arbeitet, ist seines Lohnes wert. Zieht nicht von einem Haus in ein anderes! 
8 Wenn ihr in eine Stadt kommt und man euch aufnimmt, so esst, was man euch vorsetzt. 
9 Heilt die Kranken, die dort sind, und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist euch nahe!

Was wir heute von Paulus und Barnabas gehört haben und was auch Cyrill und Methodius umgesetzt haben, das legt Jesus im heutigen Evangelium zugrunde. Wir hören die Aussendung seiner Jünger nach dem Lukasevangelium. Dabei handelt es sich um eine Art „Generalprobe“, wie ich über dieses Ereignis in der Markusversion schon gesagt habe. Hier sind es nicht die zwölf Apostel, sondern 72 Jünger aus dem weiteren Jüngerkreis. Jesus möchte sie dafür sensibilisieren, was sie nach seinem Tod, seiner Auferstehung, seiner Himmelfahrt und nach der Geistsendung für eine Berufung erhalten werden.
Er schickt die Jünger zu zweit los. Das befolgen auch Paulus und Barnabas sowie 800 Jahre später die Brüder Cyrill und Methodius. Warum eigentlich? Jesus schickt Juden los, die zuerst zu den Juden gehen sollen. Was die Jünger dabei tun sollen, ist Zeugnis ablegen. Ihr Missionskonzept ist das Zeugnis, zu Griechisch μαρτύριον martyrion. Für die zu missionierenden Juden ist diese Zweiheit bereits Teil der Botschaft. So verstehen sie, dass das Gesagte ein Zeugnis ist. Warum? Weil bereits die Torah sagt, dass eine Sache immer durch mindestens zwei Zeugen bestätigt werden soll (Dtn 19,15). Die „Sache“ ist hier das Evangelium Jesu Christi, die durch zwei Zeugen bestätigt als wahr vermittelt werden soll, als Tatsache.
Jesus sendet seine Jünger als Zeugen aus in die Städte, in die er selbst gehen will, aber aus Zeitgründen nicht schafft. Die Ernte ist nämlich sehr groß, wie er einige Verse weiter selbst sagt.
Beim Wort der Ernte sagt er übrigens noch eine sehr entscheidende Sache: Um Arbeiter im Weinberg muss man Gott bitten. Es hat sich bis heute nicht geändert. Wir müssen auch heute um geistliche Berufungen beten. Wo wir das nicht tun, verschulden wir uns am Reich Gottes. Denn die Ernte lässt nie nach. Die Arbeit wird nicht weniger, eher mehr.
Dass diese Missionsarbeit nicht immer leicht ist, deutet Jesus durch die Bilder von Schafen und Wölfen an. Missionare liefern sich aus. So sehen wir es bei Paulus und Barnabas, die immer wieder Feindschaft erleben müssen. Paulus wird sogar gesteinigt und überlebt diesen Übergriff überraschenderweise.
Jesus sendet seine Zeugen mittellos aus, um ihnen klar zu machen: Ihr sollt ganz auf die Vorsehung Gottes vertrauen. Euch soll es zuerst um das Reich Gottes gehen, alles Andere wird euch dazugegeben. Sie sollen deshalb kein Brot, keine Vorratstasche oder Geld mitnehmen. Sie sollen darauf vertrauen, dass Gott ihnen das alles durch andere Menschen geben wird. Dadurch vollziehen seine Apostel für die Menschen eine prophetische Zeichenhandlung. So wie Jesus alles, was er verkündet, auch an seinem Leben verdeutlicht, so sollen seine Nachfolger ebenfalls an ihrer Lebensführung das Verkündete lebendig werden lassen. So können die Menschen an ihrer Person das Gesagte ablesen und werden es als authentisch annehmen. Ihre Botschaft soll nämlich sein: „Das Reich Gottes ist nahe“. Und aus dem Grund sollen sie schon so auftreten, als seien sie mit mindestens einem Bein bereits in der Ewigkeit. Die weltlichen Güter sollen sie nicht von der Ewigkeit ablenken, die ihre bereits auf Erden neue Lebensweise bestimmt. Sie sollen eschatologisch auftreten.
Sie sollen zudem in dem Haus bleiben, in das sie einkehren. Das soll heißen, dass sie nicht schauen sollen, wo es angenehmer ist. Sie sollen dankbar annehmen, was ihnen angeboten wird.
Wenn man sie an dem Ort aber nicht annimmt, also ihre Botschaft nicht annimmt, sollen sie diesen Ort verlassen. Was nach Lukas nicht überliefert wird, ist das Abschütteln des Staubes, das wir dann auch an Paulus und Barnabas erkennen. Sie werden an dem Ort ja nicht angenommen, zumindest nicht von den dort ansässigen Juden. Das heißt einerseits, sie sollen nicht mehr zurückschauen oder sich an den Ort gebunden fühlen. Wenn man sie nicht möchte, sollen sie stattdessen dorthin gehen, wo das Evangelium angenommen wird. Dieses Abschütteln des Staubs hat noch eine andere Bedeutung, die uns heutzutage nicht mehr so vor Augen steht. Es war nämlich eine Geste der Gerichtsankündigung. Damit wird also ausgesagt: Ihr sollt das Richten Gott überlassen, der mit ihnen tun wird, wie er es für richtig hält. Ihr sollt nicht verurteilen, sondern es Gott überlassen. Nehmt den Segen/Frieden mit zu jenen, die ihn annehmen. Im Falle von Paulus und Barnabas sind es die Heiden, die den Segen Gottes mit offenen Armen empfangen.

Heute hören wir viel über die Evangelisierung und Berufung, die insbesondere auserwählten Personen geschenkt wird. Jesus hat von Anfang an vorgewarnt, dass es nicht einfach sein würde (Schafe unter den Wölfen), aber das hat damals keinen davon abgehalten die Botschaft Jesu Christi mit dem Leben zu verteidigen – weshalb viele zu Blutzeugen geworden sind, zu Märtyrern – das ist auch heute so in einer Zeit der zunehmenden Gottlosigkeit und antichristlichen Einstellung. Noch nie sind so viele Menschen für Jesus in den Tod gegangen wie heute. Möge das Wort Tertullians uns auch heute Mut machen: Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.

Ihr Heiligen Cyrill und Methodius, bittet für uns!

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 5. Woche im Jahreskreis

1 Kön 11,4-13; Ps 106,3-4.35-36.37 u. 40; Mk 7,24-30

1 Kön 11
4 Als Salomo älter wurde, machten seine Frauen sein Herz anderen Göttern geneigt, sodass sein Herz dem HERRN, seinem Gott, nicht mehr ungeteilt ergeben war wie das Herz seines Vaters David. 

5 Er verehrte Astarte, die Göttin der Sidonier, und Milkom, den Götzen der Ammoniter. 
6 Er tat, was böse war in den Augen des HERRN, und war ihm nicht so vollkommen ergeben wie sein Vater David. 
7 Damals baute Salomo auf dem Berg östlich von Jerusalem eine Kulthöhe für Kemosch, den Götzen der Moabiter, und für Milkom, den Götzen der Ammoniter. 
8 Dasselbe tat er für alle seine ausländischen Frauen, die ihren Göttern Rauch- und Schlachtopfer darbrachten. 
9 Der HERR aber wurde zornig über Salomo, weil sich sein Herz von ihm, dem Gott Israels, abgewandt hatte, der ihm zweimal erschienen war 
10 und ihm verboten hatte, fremden Göttern zu dienen. Doch Salomo hielt sich nicht an das, was der HERR von ihm verlangt hatte. 
11 Daher sprach der HERR zu ihm: Weil es so mit dir steht, weil du meinen Bund und meine Satzungen nicht bewahrt hast, die ich dir gegeben habe, werde ich dir das Königreich entreißen und es deinem Knecht geben. 
12 Nur deines Vaters David wegen werde ich es nicht schon zu deinen Lebzeiten tun; erst deinem Sohn werde ich es entreißen. 
13 Doch werde ich ihm das Königtum nicht ganz entreißen; einen Stamm lasse ich deinem Sohn wegen meines Knechtes David und wegen Jerusalem, das ich erwählt habe.

Heute hören wir davon, dass Salomo, der bisher mit ungeteiltem Herzen Gott geliebt hat, durch seine andersgläubigen Frauen zu anderen Göttern verleitet worden ist. Salomo ist nicht vollkommen, ebenso wenig wie sein Vater.
Und so lässt er sich von seinen Frauen beeinflussen. Die Frage ist natürlich auch, warum er sich überhaupt Frauen aus anderen Völkern nimmt, die diese Gottheiten verehren.
In Vers 7 lesen wir davon, dass er sogar Kulthöhen für die paganen Götter errichten lässt.
Was er tut, ist ein Verstoß gegen das erste der zehn Gebote. Gott ist aber ein eifersüchtiger Gott. Er möchte unsere ganze Liebe und will nicht, dass wir ihm untreu werden. Deshalb warnt er Salomo vor, dass er den bisherigen Segen verlieren wird. Das heißt nicht, dass Gott es ihm verweigern wird, sondern dass Salomo sich aus dem Stand der Gnade selbst verabschiedet hat. Er hat sein Herz von Gott abgewandt, nicht umgekehrt.
Wir erinnern uns an das Volk Israel, das so viel von Gott geschenkt bekommen hat, so viele Wunder gesehen hat und dann in der Wüste zu murren beginnt. Hätten sie noch nie Gottes große Taten bezeugt, hätte man ihre Resignation irgendwie nachvollziehen können, aber hier geht es um das Volk Gottes, das Gott auf so spektakuläre Weise aus Ägypten hinausgeführt hat! So ist es auch mit Salomo in der heutigen Episode: Gott hat ihm so viel Gnade erwiesen und doch wird er ihm auf so eine schlimme Weise untreu.
Wem viel geschenkt worden ist, wer vor allem so wie Salomo viel Erkenntnis hat und viel versteht, der wird auch entsprechend streng zur Rechenschaft gezogen. Gott wird sein mächtiges Königreich den Feinden überlassen. Das heißt nicht, dass Gott es aktiv wegnehmen und den anderen geben wird, sondern dass er die Eroberung der Fremdvölker zulassen wird. Aufgrund der Beziehung Davids zu Gott wird dieser die Tragödie erst nach Salomos Tod zulassen. Wir werden noch von einigen Fremdherrschaften hören, insbesondere das babylonische Exil wird ein großes Trauma für Israel darstellen.
Was hier jedoch angedeutet wird, ist die Herrschaft der Assyrer, die das Nordreich erobern werden, sodass nur noch der Stamm Juda den Israeliten bleiben wird. Wir haben davon im Advent gehört, als Jesaja König Ahas messianische Prophezeiungen übermittelt hat.
Gott lässt dies nicht zu, weil es ihm Spaß macht. Er muss damit leben, weil er dem Menschen einen freien Willen geschenkt hat. Er muss es aushalten und mit ansehen, wie seine geliebten Kinder die Konsequenzen ihrer Sünden am eigenen Leib erfahren müssen. Das muss ihm wirklich sehr wehtun…
Wie oft ist das auch bei uns so: Gott hat schon so viel Gutes in unserem Leben gewirkt und wir haben es auch anerkannt. Und dann passieren irgendwelche negativen Dinge in unserem Leben und wir beginnen, alles infrage zu stellen oder fallen überraschend schnell auf die Versuchungen des Widersachers hinein. Natürlich möchte Gott unseren Glauben stärken und lässt es zu, dass wir in solche Situationen geraten. Dann sehen wir uns selbst und realisieren, dass wir doch noch nicht so weit sind, wie wir dachten. Wir werden eines Besseren belehrt. Nehmen wir das dann demütig an und reagieren wir richtig, nämlich mit Reue und Umkehr. Das Stichwort ist König David und Batseba. Wie er nach so einer großen Sünde reagiert hat, kann uns wirklich ein Vorbild sein. Heute bleibt es offen, was Salomo tut und wie er reagiert. Seien wir gespannt, wie sich alles entwickeln wird!

Ps 106
3 Selig, die das Recht bewahren, die Gerechtigkeit üben zu jeder Zeit. 

4 Gedenke meiner, HERR, in Gnade für dein Volk, such mich heim mit deiner Hilfe,
35 Sie vermischten sich mit den Völkern und lernten von ihren Taten. 
36 Sie dienten deren Götzen, sie wurden ihnen zur Falle. 
37 Sie brachten ihre Söhne und Töchter dar als Opfer für die Dämonen.
40 Der Zorn des HERRN entbrannte gegen sein Volk, Abscheu empfand er gegen sein Erbe. 

Was wir von Salomo heute gehört haben, wird im Psalm reflektiert. Selig werden die gepriesen, die zu jeder Zeit Gerechtigkeit üben und das Recht bewahren, also die Gebote Gottes. Salomo hat dies nicht immer getan. Er hat Gott schon dadurch nicht ganz ernst genommen, indem er sich andersgläubige Frauen genommen hat. Dies provoziert eine Beeinflussung von Gott weg. Man könnte denken: „Ja, aber so ein fest im Glauben stehender Salomo glaubt doch für zwei und wird noch die andersgläubige Frau vom Gott Israels überzeugen.“ Wie wir sehen, kommt es eher umgekehrt und Salomo verehrt andere Götter. Man geht bei Mischehen immer dieses Risiko ein.
Gott ist es, der mit seiner Hilfe beistehen soll, nicht andere Götter. „In Gnade für dein Volk“ bezieht sich auf die bisherige Beziehung, in der Gott seinem auserwählten Volk (hier das hebräische Wort am, also bezogen auf Israel) so viele Gnaden erwiesen hat. Er soll das Volk mit seiner Hilfe heimsuchen. Das Wort ist hier בִּישׁוּעָתֶֽךָ bischu’atecha „in deiner Hilfe“ und ist absolut messianisch. Gott wird dies wirklich wortwörtlich tun und seinen Sohn dahingeben, dessen Name diese Hilfe beinhaltet, Jesus – „Jahwe rettet“.
„Sie vermischten sich mit den Völkern und lernten von ihren Taten“ bezieht sich auch auf Salomo, der sich andersgläubige Frauen genommen hat. Und das ist auch ein Grund, warum die Kirche die Mischehe früher ganz klar abgelehnt hat – nicht aus Verbotsmentalität, sondern um den Menschen einen Gefallen zu tun. Wir sehen ja, in welche Bredouille sich Salomo begeben hat…
„Sie dienten deren Götzen“ ist ebenfalls bei Salomo eingetreten. Er hat angefangen, deren Göttern zu opfern und ihnen Altäre zu bauen. Dafür hat Gott ihm aber den Reichtum und die Macht nicht geschenkt. „Sie wurden ihnen zur Falle“ ist eine Deutung dessen, was bei Salomo passiert ist. Er ist durch die Ehe mit Andersgläubigen in die Falle getappt, die Falle des Satan. Er ist es letztendlich, der die Fallen stellt und Keile zwischen Gott und die Menschen treibt. Er sät Misstrauen, er möchte das Herz entzweien, das eigentlich ganz bei Gott ist. Bei Salomo hat es leider geklappt.
„Sie brachten ihre Söhne und Töchter dar als Opfer für die Dämonen“ gibt uns zwei Erkenntnisse: Erstens, dass bei anderen Religionen die Opferung der Menschen an Gott den ersten Schritt darstellen (denn warum opfert man seine eigenen Kinder wie bei Moloch, wenn nicht, um den Gott zu besänftigen?). Beim Gott Israels, der auch der Gott Jesu Christi ist, geht es nicht um Besänftigung, sondern um dankbare Antwort auf SEINEN ersten Schritt, den er gemacht hat – uns zu lieben. Dies sehen wir z.B. an der Regelung, die Erstlingsfrüchte Gott darzubringen, egal ob die Getreideernte, das Vieh oder den erstgeborenen Sohn. Und das eigentliche Opfer bringt ER UNS dar. Es ist die andere Richtung! Gott schenkt uns seinen Sohn, damit wir gesühnt werden. Das zweite, das wir lernen, ist die Bewertung der Götzen anderer Religionen als dämonisch. Es gibt nur einen Gott und alles andere wird zum Götzen. Wer aber nicht für Gott ist, ist gegen Gott und somit dämonisch. Der Satan ist der Urgegner Gottes.
„Der Zorn Gottes entbrannte“ sowie die „Abscheu“ ist die Art und Weise, wie die Menschen die Reaktion Gottes auf den Götzendienst gedeutet haben. Gott kann keine hasserfüllten Emotionen haben und „Zorn“ ist bei Gott kein „Affekt“, keine spontane Emotion, die irrationale Handlungen nach sich zieht. „Zorn Gottes“ ist immer eine kontrollierte und auf Gerechtigkeit abzielende Reaktion Gottes auf das Unrecht der Menschen. Wir dürfen unsere menschlichen Emotionen nicht auf Gott beziehen, zumindest nicht wörtlich. Das verstehen wir heute, aber die Menschen damals waren geprägt von anthropomorphen, also menschenähnlichen, Gottesbildern. Wenn es hier also heißt, dass Gott „Abscheu“ empfindet, dann müssen wir dies natürlich auf die Sünde selbst beziehen, nicht auf das Erbe selbst (das steht für Israel). Nicht alles, was in der Bibel steht, ist eine Aufzählung von Lehren und Dogmen. Gerade die Psalmen stellen Reflektionen von Menschen in einer bestimmten zeitgeschichtlichen und kulturellen Epoche dar. Das müssen wir immer mitlesen, vor allem bei alttestamentlichen Texten. Und doch ist es inhaltlich nicht zu entkräften, was der Psalm uns heute sagt. Es muss nur richtig verstanden werden, denn auch hier ist es Gottes Wort, vom Hl. Geist inspiriert und bis heute gültig: Was das Volk Gottes tut, ist für Gott verabscheuungswürdig, denn es ist wie ein Ehebruch. Gottes Braut hat ihn mit anderen Göttern betrogen nach all dem, was Gott seiner Braut geschenkt hat. Und das Entscheidende ist: Er bleibt ihr dennoch treu. Er wird sie nicht verlassen, aber die Konsequenzen spüren lassen, wiederum weil er sie liebt und sie zur Besinnung führen möchte. Er wird dann, wenn die Konsequenzen sie überrollen werden (die ganzen Fremdherrschaften), nicht allein lassen, sondern durch Propheten mit ihr weiterhin kommunizieren. Er wird bei ihr sein und sie noch durch die Krisenzeiten hindurchtragen, nach allem, was sie ihm angetan hat. Warum? Weil er sie liebt.
Stellen Sie sich vor, Gott würde uns verlassen, wenn wir gesündigt haben. Gott stellt aber beim Bund, den er mit uns schließt, keine Bedingungen an seine Liebe. Er gibt alles und verspricht auf ewig die Treue. Wir sind es, die den Bund brechen, wenn wir sündigen. Aber er bleibt und wartet, bis wir zurückkommen. Er sieht mit „Herzbrechen“ (das ist natürlich ein Bild!) zu, wie wir durch die selbstgemachte Hölle des Lebens gehen, bis wir zu ihm zurückkehren. Er hasst die Sünde, aber nicht den Sünder.

Mk 7
24 Jesus brach auf und zog von dort in das Gebiet von Tyrus. Er ging in ein Haus, wollte aber, dass niemand davon erfuhr; doch es konnte nicht verborgen bleiben. 

25 Eine Frau, deren Tochter von einem unreinen Geist besessen war, hörte von ihm; sie kam sogleich herbei und fiel ihm zu Füßen. 
26 Die Frau, von Geburt Syrophönizierin, war eine Heidin. Sie bat ihn, aus ihrer Tochter den Dämon auszutreiben. 
27 Da sagte er zu ihr: Lasst zuerst die Kinder satt werden; denn es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. 
28 Sie erwiderte ihm: Herr! Aber auch die kleinen Hunde unter dem Tisch essen von den Brotkrumen der Kinder. 
29 Er antwortete ihr: Weil du das gesagt hast, sage ich dir: Geh nach Hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen! 
30 Und als sie nach Hause kam, fand sie das Kind auf dem Bett liegen und sah, dass der Dämon es verlassen hatte.

Und die abschließenden Worte zum Psalm möchte Jesus uns heute auch beibringen. Im Evangelium hören wir erneut von der heidnischen Religion einer Frau. Jesus, den wir in den letzten Tagen immer wieder als Antitypos zu Salomo kennengelernt haben, macht nun alles anders als sein „Vorgänger“. Und auch die Frau, der er hier begegnet, ist ganz anders als die Frauen Salomos:
Es kommt zu der Begegnung dadurch, dass Jesus sich heute in einem mehrheitlich paganen Umfeld bewegt. Tyros und Sidon werden vor allem von Syrophöniziern bewohnt, die ihre ganz eigenen Verehrungen haben. Es gibt dennoch auch Juden in dem Gebiet, denn Jesus kehrt bei jemandem ein. Es wird sich wohl um das Haus eines Juden gehandelt haben. Es bleibt wie so oft nicht verborgen und die Menschen kommen zu ihm. So hört auch eine hiesige Syrophönizierin von Jesus und kommt zu ihm. Dass sie sich in ein jüdisches Haus begibt, ist schon aller Achtung wert. Damit macht sie sich alles andere als beliebt. Doch ihr Glaube und die Hoffnung, von Jesus Hilfe zu erfahren, sind größer als die Angst vor der Reaktion der Juden. Es erinnert uns an die blutflüssige Frau, die sich trotz ihrer kultischen Unreinheit in die Menschenmenge begibt, weil ihr die Heilung Jesu wichtiger ist.
Die Syrophönizierin kommt zu Jesus, weil ihre Tochter besessen ist und sich von Jesus eine Fernheilung erhofft. Ihr Glaube ist so groß, dass sie ihre Tochter nicht einmal mitbringt. Es ist wie mit dem Hauptmann, der Jesus die Fernheilung seines Sklaven zutraut.
Was wir nun von Jesus lesen, verstehen wir nur dann richtig, wenn wir es nicht einfach oberflächlich lesen. Dann werden wir uns nur echauffieren. Bei Jesus ist nichts zufällig. Es hat einen tieferen Sinn, warum er folgende Worte zu der Frau sagt. Er möchte sie testen und zugleich den Umstehenden klarmachen, dass der Messias zuerst zu den Juden gekommen ist.
Sie lässt sich nicht beirren durch die Aussage, dass er sie als Hund bezeichnet hat, was bei den Juden als Schimpfwort für die Heiden galt. Sie zeigt ihm ihren starken Glauben und ihre Fürsorge gegenüber dem Kind, die stärker sind als ihr eigener Stolz. Sie wendet Jesu Provokation so, dass sie den Kern des Neuen Bundes zusammenfasst: Jesus ist gekommen, nicht nur für die Juden, sondern auch für die Heiden. Sie demütigt sich dabei, indem sie sich als den kleinen Hund einordnet, der nur die restlichen Krümel der jüdischen Kinder abbekommt. Diese Demütigung zeigt Jesus, dass sie wirklich einen starken Glauben hat. Musste Jesus das unbedingt alles tun, um ihren Glauben zu erfahren? Nein. Er ist Gott, er sieht mit einem Blick in ihre Seele hinein und weiß längst, wie stark ihr Glaube und die Anerkennung des Gottes Israels ist. Was er aber hier tut, ist eine Lektion für die Umstehenden und auch für die Frau. Er möchte den Menschen durch diese Provokation (durch die er die gängige Meinung der Juden verdeutlicht) das Neue hervorheben: Er möchte auch den Heiden das Heil bringen und deshalb sagt er ihr und vor allen Anwesenden: „Weil du das gesagt hast, sage ich dir: Geh nach Hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen!“ Ihr Glaube hat ihr geholfen. Das ist den Umstehenden insofern eine Lehre, weil sie sehen, dass der Glaube das Entscheidende ist, auch wenn man nicht zum Judentum gehört. In dieser Situation verhält Jesus sich so, dass er gleichermaßen Juden und Heiden entgegenkommt, dabei den Umstehenden den Glauben dieser Frau demonstriert, damit nicht nur er den Glauben sieht, sondern auch die anderen, und schließlich eine messianische Heilstat vollzieht. An diesem Tag werden viele Menschen ihn als Messias angenommen haben, nicht nur die Syrophönizierin.
Im Gegensatz zu Salomo sind hier jetzt mehrere Aspekte anders: Jesus bleibt ganz fest in seiner Überzeugung, dass allein Gott die Ehre gebührt. Er fängt nicht an, die syrophönizischen Gottheiten anzuerkennen und zu sagen: „Alle Religionen sind gleich“ etc. Die Heidin selbst ist auch anders, denn sie erkennt den Gott Israels an, anstatt Jesus ihren Glauben aufzudrücken. Hier wird das Negative der Lesung ins Positive gewendet. Hier funktioniert es wirklich, dass der fromme Jude die Heidin beeinflusst und nicht die Heidin den frommen Juden. Dies gefällt Gott und die Frau ist vor Gott gerecht. Sie erkennt als Nichtjüdin Gottes große Taten voller Glauben an und deshalb wird sie erhört. Das Kind wird befreit. Wir hören nicht von der Nachgeschichte, aber womöglich ist die Frau später Christin geworden, bestimmt zusammen mit dem Kind.
Was entscheidend ist, ist der Glaube. Jesus hat die Frau ja nicht geheiratet wie Salomo seine heidnischen Frauen. Jesus zeigt sogar eine gewisse Distanz, um auch uns heute zu zeigen, wie unser Umgang mit den Andersgläubigen sein soll: Wir sollen niemanden verachten und helfen, wo wir können. Denn der Nächste ist unser Nächster. Aufgrund der unantastbaren Menschenwürde ist jeder Mensch gut zu behandeln. ZUGLEICH sollen wir fest in unserem eigenen Glauben stehen und andere zu tolerieren heißt nicht, ihre Ansichten übernehmen zu müssen. Diese Distanz in der Glaubensüberzeugung bleibt bestehen. Den Nächsten lieben, ja. Und doch müssen wir nicht alles gut finden, was er oder sie glaubt oder tut. Und ganz inklusivistisch muss man sagen: Wer nicht zu den Kindern Gottes gehört, Gott aber dennoch anerkennt und an ihn glaubt – mit entsprechendem Lebenswandel – dem kann man die Gnade nicht absprechen, so wie der Syrophönizierin. Sie gehört nicht zum auserwählten Volk, gefällt Gott aber doch in ihrem unbeirrten Glauben.
Das Evangelium hilft uns dabei, die Lesung heute nicht misszuverstehen. Das Problem bei den Frauen Salomos ist der Götzendienst und der Glaube an andere Gottheiten, nicht ihre nominelle Zugehörigkeit zu anderen Völkern. Freilich gehört es meistens zusammen und es gibt wenige Ausnahmen wie heute im Evangelium. Deshalb legt man es bei Mischehen darauf an. Salomo hat sich aber eben keine Frauen genommen, die so eingestellt sind wie die Syrophönizierin des heutigen Evangeliums. Hätte er dies getan, hätte er sich nicht die „Abscheu“ Gottes zugezogen. Diese Frauen hätten sich dann zu seinem Glauben bekannt und nicht umgekehrt.

Was wir aus alledem lernen, ist: Wenn wir noch stehen, sollten wir aufpassen, dass wir nicht fallen. Das geht schneller, als wir denken. Und wenn wir einen Ehepartner suchen, können wir uns nicht einfach nur an der offiziellen Religionszugehörigkeit orientieren. Das allein reicht nicht. Wir müssen auch den tatsächlichen Glauben des Menschen sehen. Und ganz entscheidend: Wie selbst müssen fest im Glauben stehen, wenn wir eine Ehe eingehen wollen. Wir lernen von Jesus, dass Gott auf den tatsächlichen Glauben schaut. Das heißt im Umkehrschluss auch: Gott schaut darauf, wie wir unserer Taufe und der damit einhergehenden Berufung zur Heiligkeit gerecht geworden sind. Seine Strenge wird sich an der Erkenntnis des Menschen messen. Wer viel verstanden hat, wird auch viel Rechenschaft ablegen. Wer durch den katholischen Glauben mit der Fülle der Wahrheit betraut ist, wird auch die volle Verantwortung tragen müssen.

Ihre Magstrauss

Mittwoch der 5. Woche im Jahreskreis

1 Kön 10,1-10; Ps 37,5-6.30-31.39-40b; Mk 7,14-23

1 Kön 10
1 Die Königin von Saba hörte vom Ruf Salomos, der zum Ruhm des HERRN gereichte, und kam, um ihn mit Rätselfragen auf die Probe zu stellen. 

2 Sie kam nach Jerusalem mit sehr großem Gefolge, mit Kamelen, die Balsam, eine gewaltige Menge Gold und Edelsteine trugen, trat bei Salomo ein und redete mit ihm über alles, was sie in ihrem Herzen erwogen hatte. 
3 Salomo gab ihr Antwort auf alle Fragen. Es gab nichts, was dem König verborgen war und was er ihr nicht hätte sagen können. 
4 Als nun die Königin von Saba die ganze Weisheit Salomos erkannte, als sie den Palast sah, den er gebaut hatte, 
5 die Speisen auf seiner Tafel, die Sitzplätze seiner Beamten, das Aufwarten der Diener und ihre Gewänder, seine Getränke und sein Brandopfer, das er im Haus des HERRN darbrachte, da stockte ihr der Atem. 
6 Sie sagte zum König: Was ich in meinem Land über dich und deine Weisheit gehört habe, ist wirklich wahr. 
7 Ich wollte es nicht glauben, bis ich nun selbst gekommen bin und es mit eigenen Augen gesehen habe. Und wahrlich, nicht einmal die Hälfte hat man mir berichtet; deine Weisheit und deine Vorzüge übertreffen alles, was ich gehört habe. 
8 Glücklich sind deine Männer, glücklich diese deine Diener, die allezeit vor dir stehen und deine Weisheit hören. 
9 Gepriesen sei der HERR, dein Gott, der an dir Gefallen fand und dich auf den Thron Israels setzte. Weil der HERR Israel ewig liebt, hat er dich zum König bestellt, damit du Recht und Gerechtigkeit übst. 
10 Sie gab dem König hundertzwanzig Talente Gold, dazu eine sehr große Menge Balsam und Edelsteine. Niemals mehr kam so viel Balsam in das Land, wie die Königin von Saba dem König Salomo schenkte.

Heute hören wir in der Lesung von der Königin von Saba, die sich von den Loberzählungen über Salomo vergewissern möchte. Das ist für uns, die wir gerade im Advent genau hingehört haben, ein Signal. Wir denken an die Querverweise von Jes 60 oder Ps 72. Da diese typologisch gelesen werden und ihre antitypologische Entsprechung mit den Magoi aus dem Morgenland an der Krippe in Mt finden, müssen wir auch die Königin von Saba in dieser Richtung interpretieren. Gehen wir zunächst die Lesung durch:
Die Königin von Saba folgt dem Ruf des Salomo. Sie besucht ihn, um mit Rätseln seine Weisheit zu prüfen. Lesen wir es typologisch, denken wir an die messianische Verheißung, die die zoroastrischen Magoi kennen, und aufgrund welcher sie sich auf den Weg in den Westen machen.
Die Königin kommt mit Gaben, die den Gaben der drei Weisen auf dem Morgenland in Mt ähneln. Einerseits bringt sie unter anderem Gold mit, andererseits Balsam, was der Myrrhe entspricht. Aus dem kostbaren Baumharz stellte man nämlich Balsam für die Bestattung von Leichnamen her, ebenfalls wurde es aufgrund der betäubenden Wirkung in der Medizin eingesetzt und auch bei kultischen Salbungen verwendet.
Die Königin schüttet Salomo sozusagen ihr Herz aus, weil sie seine Weisheit erkennt. Er hilft ihr in allen Fragen und kann ihr bei allem helfen. Sie sieht auch seinen ganzen Reichtum, die Art und Weise, wie er regiert. Sie bestätigt als Augenzeugin den Ruf, den Salomo bei den anderen Völkern besitzt. Auch dies können wir auf den Antitypos beziehen. Die Weisen aus dem Morgenland kommen zum Kind in der Krippe und werden zu Augenzeugen der Herrlichkeit Gottes. Dort wird all das, was die Königin von Saba sieht, getoppt. Hier kommen sie eben nicht in einen prächtigen Palast, sondern in einen ganz heruntergekommenen und dreckigen Ort. Und hier, in der absoluten Verborgenheit leuchtet der eigentliche Stern in Jakob auf – Jesus Christus in der alles entlarvenden Armut. Die Weisen auf dem Morgenland werden eines Besseren belehrt. Das Kind kann noch nicht sprechen und ihnen seine Weisheit bekunden, doch mit seiner Anwesenheit hat es ihnen viel mehr beigebracht, als Salomo in seiner gottgeschenkten Weisheit hätte lehren können.
Wenn wir hier in der Lesung so eine Betonung des Reichtums Salomos lesen, dann müssen wir uns daran nicht stören. Im Gegenteil. Das ist so gewollt und nur dann richtig zu verstehen, wenn wir uns noch einmal an Salomos Traum erinnern. Dort wünscht er sich von Gott ein weises Herz. Und Gott gefällt sein Wunsch so sehr, dass er ihm zusätzlich zu seiner Weisheit auch noch Reichtum schenkt. Wenn es hier also so betont wird, dass sogar eine Königin dies alles schaut und anerkennt, dann ist das hier keine Angeberei. Hier wird Gott die Ehre gegeben, der Salomo das alles geschenkt hat. Was Gott aber geschenkt hat, darf man nicht verstecken. Es ist ja kein eigenes Verdienst! Sonst tun wir das, was Jesus vor einigen Tagen durch Salz und Licht ausgedrückt hat: Wir stellen das Licht unter den Scheffel. Dabei haben wir gar nicht das Recht. Es ist ja nicht unser eigenes Licht, sondern das von Gott geschenkte! ER entscheidet, was damit gemacht wird. Und so ist es Gottes Werk, dass Salomo so reich ist. Die Königin von Saba erkennt das und gibt Gott deshalb die Ehre, wenn sie sagt: „Gepriesen sei der HERR, dein Gott!“ Sie erkennt an, dass Gott ihn eingesetzt hat, dass Gott hinter all dem steckt. Salomo tut, was wir alle tun sollten mit dem Reichtum, den Gott uns schenkt – ob in Form von materiellen Gütern oder Begabungen. Wir sollen es hegen und pflegen und ausbauen, damit es anderen Menschen nützt und diese vor allem den Vater im Himmel preisen wie die Königin von Saba! Wir werden beschenkt, damit wir Menschen zu Gott führen.
Die Königin schenkt Salomo noch mehr Gaben, vor allem importiert sie so viel Balsam, wie es danach nicht mehr vorkommen wird. Jesus wird später sagen: „Wer hat, dem wird gegeben.“ So ist es in diesem Fall wirklich eindrücklich zu beobachten. Salomo ist schon so reich und ihm wird noch dazu gegeben. Er ist wirklich überreich gesegnet.

Ps 37
5 Befiehl dem HERRN deinen Weg, vertrau ihm – er wird es fügen. 

6 Er lässt deine Gerechtigkeit aufgehen wie das Licht, dein Recht wie die Helle des Mittags. 
30 Der Mund des Gerechten bewegt Worte der Weisheit und seine Zunge redet, was recht ist. 
31 Die Weisung seines Gottes ist in seinem Herzen, seine Schritte werden nicht wanken.
39 Die Rettung der Gerechten kommt vom HERRN, ihre Zuflucht zur Zeit der Bedrängnis. 
40 Der HERR hat ihnen geholfen und sie gerettet, er wird sie vor den Frevlern retten.

Der heutige Psalm ist ein richtiger Vertrauenspsalm. Der erste Vers, den wir heute beten, ist eine Aufforderung dazu, Gott alles anzuvertrauen. Der „Weg“, der hier genannt wird, bezieht sich dabei auf den Lebensweg des einzelnen Menschen. Über den Literalsinn hinaus können wir es auch auf Christus beziehen, der dem Vater unendlich vertraut hat, selbst am Kreuz in der gefühlten Gottverlassenheit. Denn er betet selbst da noch Psalm 22, der in eine Vertrauensbekundung umschlägt: „24 Die ihr den HERRN fürchtet, lobt ihn; all ihr Nachkommen Jakobs, rühmt ihn; erschauert vor ihm, all ihr Nachkommen Israels! 25 Denn er hat nicht verachtet, nicht verabscheut des Elenden Elend. Er hat sein Angesicht nicht verborgen vor ihm; er hat gehört, als er zu ihm schrie.“ Und am Ende heißt es dann: „32 Seine Heilstat verkündet man einem Volk, das noch geboren wird: Ja, er hat es getan.“ Auch die Kirche soll in der Nachfolge Christi auf Gottes Vorsehung vertrauen. Sie ist das „Volk, das noch geboren wird.“ Jesus hat gesagt, dass die Mächte der Finsternis sie nicht überwältigen werden. Dieses Volk ist auf dem Weg, das pilgernde Gottesvolk unterwegs in die Ewigkeit. Auch jeder einzelne Christ darf auf Gott vertrauen, dass er ihn nie im Stich lässt.
Die Gerechtigkeit wird am Ende alles besiegen wie die Sonne im Zenit. Sie ist immer stärker als alles Unrecht – ob in der Kirche oder im Leben des Einzelnen. Diese Gerechtigkeit hat man vor Gottes Augen, wenn man ihm seine Wege befiehlt. Moralisch drücken wir es so aus: Wer Gottes Gebote hält und Gott in jedem Lebensbereich das Steuer übergibt, ist gerecht vor Gott. Er ist dann im Stand der Gnade. Wessen Herz in diesem Zustand ist – und das ist der Kern des Standes der Gnade, ein reines und mit Gnade erfülltes Herz! – der spricht auch Gerechtes und Weises. Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund, wird Jesus sagen (Mt 12,34f.). Und weil solch ein Mensch Gottes Gebote im Herzen trägt, werden seine Schritte nicht wanken, also auch seine Entscheidungen im Leben sowie sein Verhalten gemäß der Weisung Gottes erfolgen.
Wenn Gott somit zum Fundament des eigenen Lebens wird, wird ein solcher Mensch auch nicht fallen, wenn der Boden des Lebenswegs einmal holprig wird oder unter seinen Füßen weggezogen wird. Wer einen starken Glauben hat, den trägt dieser Glaube durch Notlagen und schwere Zeiten hindurch. Man muss dabei präzisieren: Nicht der Glaube trägt hindurch, sondern Gott, den man im Herzen trägt. Denn „der HERR hat ihnen geholfen und sie gerettet“. Er ist es ja letztendlich, der den Glauben schenkt. Und er wird sie auch von den „Frevlern“ retten. Was auch immer für Angriffe den Menschen erwarten, Gott ist sein Schild, wie es in vielen Psalmen auch heißt.
Das alles ist sehr „moralisch“ formuliert, denn die Psalmen haben von ihrer Schreibweise her eine Betonung auf dieser Lesart. Wir können es dennoch auch auf die Kirche übertragen, was wir hier lesen. Das A und O der Kirche ist Gottes Gegenwart in ihr – die Eucharistie im Herzen der Kirche. Wo die Kirche eucharistisch ist, bleibt sie lebendig und wirksam. Die Kirche muss zudem den Geist Gottes atmen. Immer. Wo sie dem Hl. Geist Raum lässt und ihn nicht mit den einseitig menschlichen Bemühungen verdrängt, ist sie wirklich fruchtbar und vor allem gerecht. Ohne die Gnade Gottes verkommt sie zur humanitären Organisation, zu einem menschlichen Verein und somit steigt auch die Korruption in ihr. Die Kirche ist aber Sakrament, das aus einer sichtbaren und unsichtbaren Seite besteht. Das eigentliche ist diese unsichtbare Wirklichkeit. Gott wird auch die Kirche vor allen Frevlern retten, wo die Kirche Gott in die Mitte ihrer Verkündigung, ihrer Liturgie und ihres caritativen Handelns stellt. Er ist auch ihr Orientierungspunkt auf dem Weg in die Ewigkeit. Er ist dann ihre Vorgabe im Denken, Sprechen und Handeln. Die Anweisungen des Körpers gehen vom Kopf aus, wo das Gehirn sitzt. Nicht umsonst sagt Paulus also in mehreren Briefen, dass Christus das Haupt, die Kirche aber die Glieder sind.

Mk 7
14 Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage! 

15 Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. 
16 Wenn einer Ohren hat zum Hören, so höre er.
17 Er verließ die Menge und ging in ein Haus. Da fragten ihn seine Jünger nach dem Sinn dieses rätselhaften Wortes. 
18 Er antwortete ihnen: Begreift auch ihr nicht? Versteht ihr nicht, dass das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann? 
19 Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden. Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein. 
20 Weiter sagte er: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. 
21 Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, 
22 Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft. 
23 All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.

Was wir in der Lesung und im Psalm bedacht haben, verdichtet sich nun im Evangelium. Es schließt sich direkt an Jesu Kritik der Pharisäer und Schriftgelehrten von gestern an. Dort ging es um ihre Betonung der äußeren Handlungen und der Überbietung göttlicher Gebote durch menschliche Ergänzungen, ohne eine entsprechende Herzenshaltung aufzuweisen. Heute vertieft Jesus seine Ausführungen und erklärt, was die eigentliche Reinheit oder Unreinheit ist:
Jesus ist es sehr wichtig, seine folgenden Worte den Menschen einzuprägen. Deshalb sagt er mit Nachdruck: „Hört mir alle zu und begreift, was ich sage“. Einige Verse später heißt es auch „wenn einer Ohren hat zum Hören, so höre er.“ Er möchte, dass die Menschen das nun Gesagte wirklich beherzigen, nicht einfach überhören.
Und dann kehrt er die Reihenfolge der pharisäischen Denkweise um: Nicht was von außen in den Menschen kommt, macht ihn unrein, sondern was von innen nach außen kommt. Nicht das von außen durch das Verdauungssystem in den Menschen kommende Essen z.B. macht den Menschen unrein – gemeint ist immer die kultische Reinheit oder Unreinheit! Jesus meint auch nicht, dass das von innen nach außen kommende Physische wie Exkremente, Ausfluss oder sonstiges, was im Buch Levitikus so detailliert beschrieben wird, unrein macht. Es geht nicht um den Verdauungsweg, sondern den Weg vom Herzen bis hin zum äußerlich erkennbaren Verhalten. Dies ist aber selbst seinen Jüngern zunächst nicht klar. Und Jesus tadelt sie wie damals, als sie das Gleichnis vom Sämann nicht verstanden haben. Er erklärt es ihnen und dadurch auch uns Hörern: Er entkräftet die Speisegebote der Juden, denn es ist die Zeit gekommen, dass die Menschheit dies begreifen kann. Nicht auf der Ebene des Verdauungstraktes wird entschieden, ob ein Mensch für den Gottesdienst rein ist oder wie wir sagen würden „im Stand der Gnade“ ist, sondern auf der Ebene des Herzens bzw. der moralischen Ebene. Man kann den Jüngern nicht übel nehmen, dass sie ihn nicht sofort verstehen, denn sie sind mit den Speisegeboten großgeworden. Das ist ein elementarer Bestandteil ihres jüdischen Glaubens. Jesus steht als Gott über der geschriebenen Torah, weil er nun ihre Erfüllung und Personifizierung ist. Er kann die Gebote neu auslegen mit der allerhöchsten Autorität.
Jesus führt weiter aus, was er mit dieser moralischen Ebene meint: Aus dem Inneren, aus der Seele, was biblisch oft mit „Herz“ umschrieben wird, kommen die bösen Gedanken, die einen zur Sünde verleiten wollen. Er zählt einen Sündenkatalog auf, um anhand der Beispiele den Jüngern zu verdeutlichen, was er meint. Und diese Gedanken sind es, die den Menschen unrein machen.
Wir müssen das richtig verstehen. Der Böse versucht uns dadurch, dass er uns solche Gedanken eingibt. Aber die Gedanken an sich sind noch nicht das Verwerfliche. Selbst Jesus ist ständig versucht worden. Das Entscheidende ist, was wir mit diesen Gedanken machen. Wenn wir sie zulassen und sie weiterdenken, sodass sie sich in unserer Seele breit machen können, dann wird unser Herz immer voller davon. Schließlich werden wir das zur Sprache bringen, es wird unsere Worte erfüllen, denn wie gesagt: Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Und was wir erst einmal laut ausgesprochen haben, werden wir auch eines Tages umsetzen. Das ist der Weg der Sünde. Und diese schneidet uns von Gott ab. Sie ist es, durch die wir uns aus dem Stand der Gnade hinauskatapultieren. Wenn wir den kommenden Gedanken aber einen Riegel vorschieben, wo wir sie ablegen und als Versuchung entlarven, wo wir gerade in Zeiten der Versuchung beten, da haben wir eben nicht gesündigt. Wir tun es dann Jesus gleich, der in der Wüste vom Satan versucht worden ist.
All das erklärt Jesus in dem Kontext der Begegnung mit den Pharisäern am Tisch. Was bringt es ihnen, dass sie äußerlich ein Verhalten vorspielen, das nicht aus dem Inneren, aus ihrem Herzen entspringt? Wenn sie rein sein wollen, müssen sie nicht die Hände waschen, sondern ihre Herzen. Wenn sie würdig vor Gott im Kult hinzutreten wollen, müssen sie reinen Herzens sein, frei von bösen Absichten, von sündhaften Gedanken, unabhängig davon, ob sie diese auch umgesetzt haben oder nicht. Mit Groll und Rachegedanken im Herzen sind sie kultisch nicht rein, auch wenn sie ihre Hände gewaschen haben. Wenn sie verbittert gegen jemanden sind und doch alle kultischen Handlungen korrekt ausführen, ist es kein Opfer, das dem Herrn gefällt. Gott braucht keinen Korban, keine Weihe, und wenn es auch die Weihe des gesamten Besitzes ist, wenn sie aus Habgier oder Bequemlichkeit vollzogen wird (damit man den Eltern nichts mehr geben braucht). Jesus konkretisiert dies z.B. in der Bergpredigt, indem er erklärt: 23 „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!“ Wenn etwas noch auf dem Herzen liegt, was noch nicht ausgesöhnt ist, selbst wenn man nicht der Schuldige ist, muss es vor der Opferung bereinigt werden. Dann kann man mit reinem Gewissen vor Gott treten und ist kultisch bereit. Dann ist nämlich auch das Herz ganz bei Gott.
Das ist auch in unserer Liturgie der Fall. Zuerst sollen wir uns mit Gott und unserem Nächsten versöhnen (Beichte) und können erst dann die Kommunion empfangen. Und auch die liturgischen Handlungen zeigen es uns auf: Am Anfang der Messe bitten wir Gott um Verzeihung und bekennen unsere Sündhaftigkeit. Wir geben uns direkt vor dem Kommunionempfang den Friedensgruß, auch wenn diese Geste nicht in erster Linie eine Versöhnung zwischen den Menschen darstellen soll (es geht eher darum, den österlichen Frieden Christi weiterzugeben. Deshalb soll man ja auch nicht quer durch die Kirche laufen und jedem die Hand geben, sondern nur dem Nebenmann). Und der Priester wäscht während der Gabenbereitung seine Hände – nicht zur Reinigung, sondern als äußeres Zeichen des inneren Kerns: Er betet nämlich dabei die Worte des Psalms 51 „Herr, wasch ab meine Schuld, von meinen Sünden mach mich rein“. Er bittet Gott als Vorsteher der Messe um Vergebung, damit sein Opfer, das er dann in Leib und Blut Christi wandelt (nicht er, sondern Christus in ihm!), ein reines Opfer sei. So söhnt er sich mit Gott aus, bevor er die Gaben opfert. Er wäscht die Hände ja direkt vor dem Beginn des Hochgebets.
Und wenn wir unser ganzes Leben so damit verbracht haben, diesen versöhnten Zustand beizubehalten, wird uns Gott als reine Opfergabe annehmen, wenn wir nach dem Tod vor ihm stehen. Dann wird er uns einen Platz zuweisen in seinem Reich.

Salomo hatte dieses reine Herz, dieses ungetrübte Gewissen. Deshalb hat ihn Gott mit vielen Gaben ausgestattet, dass sogar eine ferne Königin davon beeindruckt ist und Gott die Ehre gibt. Seine Art zu regieren wird von seinem Inneren bestimmt, das vor Gott gerecht ist. Er hat es verstanden, wirklich von Herzen zu beten und Gott nahe zu sein. Werden wir alle mehr zu Salomo und beherzigen wir das, was Jesus über die Herzensreinheit erklärt. Das Herz ist entscheidend. Es heißt so treffend in dem Buch der Sprichwörter, das Salomo selbst verfasst hat: 4,23 „Mehr als alles hüte dein Herz; denn von ihm geht das Leben aus.“ 

Ihre Magstrauss

Dienstag der 5. Woche im Jahreskreis

1 Kön 8,22-23.27-30; Ps 84,3.4.5 u. 10.11; Mk 7,1-13

1 Kön 8
22 Dann trat Salomo in Gegenwart der ganzen Versammlung Israels vor den Altar des HERRN, breitete seine Hände zum Himmel aus 

23 und betete: HERR, Gott Israels, im Himmel oben und auf der Erde unten gibt es keinen Gott, der so wie du Bund und Huld seinen Knechten bewahrt, die mit ungeteiltem Herzen vor ihm leben.
27 Wohnt denn Gott wirklich auf der Erde? Siehe, selbst der Himmel und die Himmel der Himmel fassen dich nicht, wie viel weniger dieses Haus, das ich gebaut habe. 
28 Wende dich, HERR, mein Gott, dem Beten und Flehen deines Knechtes zu! Höre auf das Rufen und auf das Gebet, das dein Knecht heute vor dir verrichtet! 
29 Halte deine Augen offen über diesem Haus bei Nacht und bei Tag, über der Stätte, von der du gesagt hast, dass dein Name hier wohnen soll! Höre auf das Gebet, das dein Knecht an dieser Stätte verrichtet! 
30 Achte auf das Flehen deines Knechtes und deines Volkes Israel, wenn sie an dieser Stätte beten! Höre sie im Himmel, dem Ort, wo du wohnst! Höre sie und verzeih!

Gestern haben wir davon gehört, dass die Bundeslade in den neu errichteten Tempel überführt worden ist. Das ganze Geschehen ist in einen liturgischen Kontext eingebettet worden. Sobald die Lade in den Tempel gebracht worden ist, legt sich die Wolke der Herrlichkeit Gottes auf ihn. Salomo hält daraufhin eine Ansprache, die wir heute nicht hören. Stattdessen setzt die heutige Lesung bei dem sich anschließenden Weihegebet des Königs an.
Er tritt „in Gegenwart der ganzen Versammlung Israels vor den Altar“, was eine ganz klare liturgische Handlung beschreibt. Sein Gebet, das wir gleich hören, wird von seinem Stehen vor dem Altar und durch die Ausbreitung seiner Hände begleitet.
Das Gebet beginnt mit dem Bekenntnis Salomos, dass es keinen Treueren als Gott gibt. Die Bezeichnung „im Himmel oben und auf der Erde unten“ bezieht sich dabei auf Irdisches und Überirdisches. Das Begriffspaar „Himmel und Erde“ stehen für die sichtbare und die unsichtbare Welt, die beide von Gott geschaffen worden sind. Er ist der Treue, der seinen Bund aufrecht erhält, der sein Versprechen gegenüber seinen Bündnispartnern nicht bricht.
Salomo hat die Erkenntnis, dass selbst der Himmel Gott nicht fassen kann. Der Himmel ist von Gott geschaffen und kann ihn nicht übersteigen. Gott lässt sich nicht fassen und wenn schon der Himmel ihn nicht umgeben kann, umso weniger der irdische Tempel Salomos. Auch wenn der König ein so prunkvolles Heiligtum errichtet hat, maßt er sich nicht an, wie die Menschen beim Turmbau zu Babel den Himmel erreichen zu können. Er weiß, dass das Beste und ihm nur Mögliche für Gott gerade gut genug ist. Das ist eine Demutsbekundung und bezeugt Salomos Gottesfurcht. Die Gottesfurcht ist wiederum der Anfang jeder Weisheit (Ps 111,10). Und im gestrigen Psalm haben wir schon dieses Bild vom Fußschemel gehört. Ein Tempel ist zwar Wohnstatt Gottes und doch kann man Gott darin nicht einfangen.
Salomo bittet Gott um Aufmerksamkeit und Erhörung („Wende dich (…) zu“; „Höre auf das Gebet“). Die Art seines Betens erinnert sehr stark an Psalmen.
Gott soll seine Augen offenhalten bei Tag und Nacht. Das ist bildlich gesprochen, denn Gott ist Geist und hat keine Augen. Was Salomo sich wünscht, ist Gottes Allsehen. Er soll die Opfer sehen und registrieren. Er soll alle Gebete mitbekommen, damit kein Gebet unerhört bleibt.
Dabei setzt Salomo voraus, dass Gott trotz Gegenwart im Tempel eigentlich im Himmel wohnt. Denn er sagt hier „im Himmel, dem Ort, wo du wohnst.“ Das Hören soll auf Vergebung abzielen. Gott soll das Flehen der Menschen hören, damit er ihnen verzeihe. Es geht um die ganze Opferpraxis, die sich im und um den Tempel herum abspielen wird.
Die ganze Situation ist bemerkenswert. Es handelt sich um ein Weihegebet. Der Tempel wird Gott geweiht. Derjenige, der die Weihe aber vornimmt, ist der König und nicht ein Hohepriester! Salomos ist gesalbt und hat als Gesalbter die Gnadengaben Gottes erhalten. Und doch ist es ungewohnt, weil sein Gebet an das hohepriesterliche Gebet Jesu in Joh 17 erinnert. Die typologische Verbindung zwischen Salomo und Jesus ist unverkennbar, insbesondere bei Betrachtung des Königtums.

Ps 84
3 Meine Seele verzehrt sich in Sehnsucht nach den Höfen des HERRN. Mein Herz und mein Fleisch, sie jubeln dem lebendigen Gott entgegen. 

4 Auch der Sperling fand ein Haus und die Schwalbe ein Nest, wohin sie ihre Jungen gelegt hat – deine Altäre, HERR der Heerscharen, mein Gott und mein König. 
5 Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben.
11 Ja, besser ist ein einziger Tag in deinen Höfen als tausend andere. Lieber an der Schwelle stehen im Haus meines Gottes als wohnen in den Zelten der Frevler. 
12 Denn Gott der HERR ist Sonne und Schild. Der HERR schenkt Gnade und Herrlichkeit. Nicht versagt er Gutes denen, die rechtschaffen wandeln. 

Der heutige Psalm ist dem Tempel in Jerusalem gewidmet. Gleich zu Beginn wird uns dies durch die „Höfe des Herrn“ verdeutlicht. Es meint die verschiedenen Bereiche des Tempelgeländes. Der ganze Beter verzehrt sich in Sehnsucht nach dem Tempel. Er jubelt mit seiner ganzen Existenz („mein Herz und mein Fleisch“).
Er vergleicht seine Freude über den Tempel und seine damit verbundenen Heimatgefühle mit Sperling und Schwalbe, die ein Nest gebaut und ihre Jungen hineingelegt haben. Dabei ist die Anrede HERR der Heerscharen (Jahwe Zebaot) eine kultische Bezeichnung für Gott. Auch wir bezeichnen ihn so, wenn wir das Sanctus singen. Es ist ein liturgischer Titel auch bei den Christen.
„Selig, die wohnen in deinem Haus, die dich allezeit loben“ führt uns über den Buchstabensinn hinaus. Wir preisen jene selig, die ewig das Sanctus im Himmel singen. Nicht umsonst kündigt der Priester in der Präfation das Sanctus z.B. mit den Worten an: „Darum preisen wir dich mit allen Engeln und Heiligen und singen vereint mit ihnen das Lob deiner Herrlichkeit.“ Jene sind es, die wirklich selig sind und im Hause Gottes wohnen und ihn allezeit preisen. Neben dieser anagogischen Lesart können wir es schon allegorisch-ekklesiologisch verstehen, also auf die Kirche beziehen. Sie ist das Haus Gottes auf Erden, der Antitypos des Tempels. Hier wohnt Christus in der Eucharistie- Die Kirche ist die Gemeinschaft der Gläubigen, die Gott allezeit preisen. Hier wird ein Funke der eschatologischen Freude schon sakramental vorweggenommen.
Der Beter des Psalms bevorzugt diese Zeit im Tempel gegenüber vielen Tagen vom Tempel entfernt. Die Wallfahrtszeiten sind sein Höhepunkt. Er freut sich schon darüber, wenn er „an der Schwelle“ stehen darf, solange er nicht in den „Zelten der Frevler“ verbringen muss. Es ist wiederum anagogisch weiterzudenken: Selbst wenn wir an der Schwelle zum Himmelreich stehen, ist es besser, als in der ewigen Verdammnis zu verbringen. Selbst wenn wir noch geläutert werden müssen, aber schon mit einem Fuß im Himmelreich sind, haben wir Trost. Denn wir sind uns sicher, dass wir danach bei Gott sein dürfen. Es ist wie mit den Höfen des Tempels. Es muss zunächst die Reinigung erfolgen, damit wir weiter vordringen können. Der irdische Tempel ist wirklich nach dem Vorbild der Ewigkeit gebaut worden!
„Gott der HERR ist Sonne und Schild“. Er ist also Orientierung, Wärme und Schutz. Er schenkt Gnade und Herrlichkeit. Wer in den Tempel kommt, der wird beschenkt und wieder neu ausgerüstet. So ist es auch mit uns, die wir in die Kirche gehen, um in der Eucharistie neu ausgestattet zu werden mit Gnade und Herrlichkeit. Wir werden immer mehr gewandelt in den Leib Christi, den wir empfangen. So werden wir Gott immer ähnlicher, auch wenn wir nie Götter werden. Stattdessen werden wir immer mehr zu Menschen, wie Gott sie gedacht hat. Gott gibt Überfülle an Gnaden, wenn der Mensch rechtschaffen wandelt. Das Wandeln ist im biblischen Kontext immer ein moralischer Begriff und bezieht sich auf den Lebenswandel. Wer also die Gebote Gottes hält und somit im Stand der Gnade ist, wird immer mehr beschenkt. Der Kanal zwischen Gott und Mensch ist ja frei durch den einwandfreien Seelenzustand. Wenn der Mensch aber im Zustand schwerer Sünde ist, dann ist der Kanal verstopft. Dann kann Gott ihm diese Gnaden nicht schenken, nicht weil er es nicht möchte, sondern weil der Mensch sich selbst blockiert.
Wollen wir selig sein und das schon in diesem Leben, dann kommen wir zur Quelle, machen den Weg frei für Gottes Gnaden in der Beichte und empfangen wir Christus in der Eucharistie. Dann wird er in unserem inneren Tempel Wohnung nehmen. Dann werden wir schon hier auf Erden Heimatgefühle des Himmels haben.

Mk 7
1 Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, versammelten sich bei Jesus. 

2 Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen. 
3 Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben; so halten sie an der Überlieferung der Alten fest. 
4 Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln. 
5 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen? 
6 Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte, wie geschrieben steht: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir. 
7 Vergeblich verehren sie mich; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen. 
8 Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen. 
9 Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Überlieferung aufzurichten. 
10 Denn Mose hat gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Wer Vater oder Mutter schmäht, soll mit dem Tod bestraft werden. 
11 Ihr aber lehrt: Wenn einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Korbán – das heißt: Weihgeschenk sei, was du von mir als Unterstützung erhalten solltest – , 
12 dann lasst ihr ihn nichts mehr für Vater oder Mutter tun. 
13 So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.

Heute lesen wir von einer Konfliktsituation zwischen Jesus/seinen Jüngern und den Pharisäern und Schriftgelehrten. Jesus und seine Jünger halten sich nicht an die Reinheitsgebote und anderen Überlieferungen der Alten. Das stört die Pharisäer, die sehr viel Wert auf die Einhaltung der jüdischen Gebote legen. An sich ist dies nicht verwerflich, denn dafür hat Gott die Menschen diese Gebote zur gegebenen Zeit auch gelehrt. Das Problem ist nicht, dass die Pharisäer sich vor dem Essen die Hände waschen und das auch von anderen erwarten. Das Problem ist, dass sie ihre Hände waschen, aber nicht ihr Herz. Sie sind Heuchler, weil sie sich um äußere Dinge kümmern, aber das Entscheidende nicht tun. Er vergleicht sie mit dem, was Jesaja schon beklagt hat: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“ Was bringen die noch so perfekt eingehaltenen äußeren Handlungen ohne entsprechende innere Haltung? Ganz wichtig: Jesus will nicht irgendwelche Gebote entkräften, zumindest nicht die göttlichen! Er kritisiert zurecht das von den Pharisäern errichtete menschliche Konstrukt um die göttlichen Gebote herum. Diese menschlich herbeigeführte Verkomplizierung führt vom wesentlichen Kern und von der ursprünglichen Absicht der Gebote Gottes weg. So greift Jesus als Beispiel das vierte Gebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ auf und stellt heraus, wie die Pharisäer dieses Gebot durch eigene Gesetze entkräften. In diesem Fall würden sie z.B. ihren ganzen Besitz Gott weihen, was auf Hebräisch Korban heißt. Damit hätten sie dann einen Vorwand, ihre Eltern nicht mehr zu unterstützen, denn das dafür benötigte Geld etc. ist ja schon Gott geweiht worden. Auf diese Weise würden die Pharisäer das vierte Gebot entkräften, weil sie die Juden zur Umgehung des vierten Gebots provozieren würden. Jesus sagt nicht, dass Gebote überflüssig sind. Das wird aus solchen Episoden gerne geschlossen. Er sagt vielmehr, dass Gottes Gebote höchste Priorität haben und kein Mensch sie antasten kann. Anhand des Beispiels der Korban-Regelung möchte Jesus verdeutlichen, dass der pharisäische Umgang mit Geboten ihr von Gott weit entferntes Herz offenbart.
An anderer Stelle drückt Jesus es so aus: „21 Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Mt 7,21). Die Pharisäer sind gut darin, ganz besonders laut und fromm „Herr, Herr“ zu sagen. Und die Sache an sich ist nicht falsch. Was Jesus möchte, ist aber die Kongruenz, die Deckungsgleichheit von innen und außen, von Lippen und Herz. Er selbst hat sich ja auch unter das Gesetz gestellt. Er hat auch gesagt, dass er von der Torah nichts ändern möchte. Im Falle der Korban-Regelung gilt dasselbe: Nicht jedes Weihegebet ist jetzt verwerflich und er möchte natürlich nicht damit sagen, dass man seinen Besitz jetzt nicht mehr Gott weihen soll. Sonst hätte er im Nachhinein auch das Weihegebet Salomos aus der heutigen Lesung verworfen. Er möchte vermeiden, dass wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Stattdessen sollen wir uns darauf besinnen, dass die Gebote Gottes Priorität Nummer eins haben. Wir sollen diese mit der rechten Absicht halten, also aus Liebe zu Gott und unserem Nächsten. Wenn wir aber Liebe haben, dann werden wir nicht unseren Besitz Gott weihen aus habgierigen Gründen, damit wir uns vor der Verantwortung für die Eltern drücken können. Dann werden wir gerade aus Liebe für unsere Eltern da sein und sie auch mit den nötigen Mitteln unterstützen. Gott weihen kann und muss man gerade deshalb alles. Man gibt ihm dankbar zurück, was man von ihm bekommen hat. Das wäre die richtige Handhabung in diesem Beispiel.

Wenn wir über Liturgie, über Frömmigkeitsformen etc. nachdenken, müssen wir uns das auch immer fragen: Wollen wir alles korrekt haben, weil wir Gott lieben? Dann ist unser Bestreben gut und richtig. Wollen wir es um der Liturgie selbst willen? Dann müssen wir uns fragen: Wer ist größer: Gott oder die Liturgie? Wollen wir es um unserer Selbst willen? Um uns selbst besser darzustellen als diejenigen, die nicht alles richtig machen bei äußerlich sichtbaren Handlungen? Preisen wir Gott laut „Herr, Herr“ und leben im Alltag dennoch genauso weltlich wie jene, die wir für die schlechteren Anbeter halten? Was bringt dann unser lautes „Herr, Herr“, wenn wir nicht mal den Willen des Vaters tun?

Wir sind auf dem Weg in die Fastenzeit. Ich lade uns alle dazu ein, den Weg in die Deckungsgleichheit von Lippen und Herz einzuschlagen, damit wir zu jenen Menschen werden, die Gott gedacht hat und die er selig machen möchte. Ich lade dazu ein, unser ganzes Bestreben wirklich auf die Liebe zu Gott und zu dem Nächsten auszurichten und bei allem wirklich nur Gott die Ehre zu geben. Ich bin sicher, dass Sie das alle schon tun. Und doch können wir uns immer noch verbessern. Erbitten wir dazu die Gnade Gottes, die uns dabei hilft, immer mehr zu Abbildern Gottes zu werden.

Ihre Magstrauss

Montag der 5. Woche im Jahreskreis

1 Kön 8,1-7.9-13; Ps 132,6-7.8-9.10 u. 13; Mk 6,53-56

1 Kön 8
1 Damals versammelte Salomo die Ältesten Israels, alle Stammesführer und die Häupter der israelitischen Großfamilien bei sich in Jerusalem, um die Bundeslade des HERRN aus der Stadt Davids, das ist Zion, heraufzuholen. 

2 Am Fest im Monat Etanim, das ist der siebte Monat, kamen alle Männer Israels bei König Salomo zusammen. 
3 Alle Ältesten Israels kamen und die Priester nahmen die Lade 
4 und brachten sie zugleich mit dem Offenbarungszelt und den heiligen Geräten, die im Zelt waren, hinauf. Die Priester und die Leviten übernahmen den Trägerdienst. 
5 König Salomo aber und die ganze Gemeinde Israels, die bei ihm vor der Lade versammelt war, schlachteten Schafe und Rinder, die man wegen ihrer Menge nicht zählen und nicht berechnen konnte. 
6 Darauf stellten die Priester die Bundeslade des HERRN an ihren Platz, an den hochheiligen Ort des Hauses, in das Allerheiligste, unter die Flügel der Kerubim. 
7 Denn die Kerubim breiteten ihre Flügel über den Ort, wo die Lade stand, und bedeckten sie und ihre Stangen von oben her. 
9 In der Lade befanden sich nur die zwei steinernen Tafeln, die Mose am Horeb hineingelegt hatte, die Tafeln des Bundes, den der HERR mit den Israeliten beim Auszug aus Ägypten geschlossen hatte. 
10 Als dann die Priester aus dem Heiligtum traten, erfüllte die Wolke das Haus des HERRN. 
11 Sie konnten wegen der Wolke ihren Dienst nicht verrichten; denn die Herrlichkeit des HERRN erfüllte das Haus des HERRN. 
12 Damals sagte Salomo: Der HERR hat gesagt, er werde im Wolkendunkel wohnen. 
13 Erbaut habe ich ein fürstliches Haus für dich, eine Wohnstätte für ewige Zeiten.

Seit der Bitte um Weisheit in 1 Kön 3 sind viele Kapitel vergangen. Wir hören heute erst wieder aus Kapitel 8. In der Zwischenzeit hat sich z.B. die Weisheit Salomos in der berühmten Situation der zwei Frauen gezeigt, die beide behaupteten, die Mutter desselben Kindes zu sein. Es wird von seiner Innenpolitik und dem dauerhaften Frieden berichtet, von dem Reichtum des gesamten Reiches und der Herrschaft über alle Könige. Wir lesen auch davon, dass Salomos Weisheit die der Weisen Ägyptens und des Ostens übertrifft und er viele Sprüche und Lieder verfasst hat. Dann schließlich werden die Vorbereitungen zum Tempelbau geschildert, z.B. die Beschaffung von Holz aus Sidon. Daraufhin wird der Tempel innerhalb von sieben Jahren errichtet. Im Anschluss baut Salomo 13 Jahre lang an seinem Palast. Als alles fertiggestellt ist, bringt er die Weihegaben seines Vaters David in den Tempel und füllt die Schatzkammern mit den heiligen Geräten. Die Bauarbeiten werden sehr ausführlich geschildert, weshalb die Auslassung dieser Kapitel nachvollziehbar ist.
Heute hören wir nun davon, wie die Bundeslade, das heißt das Allerheiligste zum Tempel gebracht wird. Der Tempel wird erst durch sie zur Wohnstatt Gottes.
Es versammeln sich zu diesem Anlass die Ältesten Israels, die Stammesführer und die Häupter der Großfamilien. Es wird hier so geschildert wie ein liturgischer Rahmen, in den dieses Ereignis eingebettet ist. Das sehen wir daran, dass sich die Repräsentanten des Volkes versammeln und viele Opfer darbringen.
Die Priester und Leviten sind dabei die Träger der Bundeslade und stellen sie ihm Allerheiligsten des Tempels ab. In der Lade befinden sich „nur“ die Steintafeln mit den Geboten Gottes. Dieses „nur“ deutet an, dass später noch Manna und auch der Aaronstab dort hineingelegt werden.
Dann passiert etwas, das auch uns heute zu denken gibt: Gottes Herrlichkeit legt sich in Form einer Wolke auf den Tempel nieder. Die Priester und Leviten können nicht einmal mehr hinein, um ihre kultischen Dienste zu vollziehen.
Die Heiligkeit des Gottesortes wird nicht dadurch erzielt, dass Menschen ihn heiligen. Gott selbst ist es, der einen Ort heilig macht. Zuerst kommt Gottes Herrlichkeit, dann erst unser menschliches Bemühen, dieser Herrlichkeit liturgisch gerecht zu werden. Wann zudem Kult ausgeübt werden soll, hängt von Gott ab, der dies vorgibt. Wenn er mit seiner dunklen Wolke den Ort erfüllt, sodass keiner ihn betreten kann, signalisiert es dies zum Beispiel.
Für die Kirche ist es eine wichtige Lektion. Heutzutage gibt es viel Aktivismus in der Kirche und insgesamt denken viele Gemeinden sehr menschlich. Nicht sie bestimmen Liturgie, sondern Gott. Er ist es, der die Vorgaben macht und die Menschen können nur ihr bestes geben, seiner Heiligkeit gerecht zu werden durch eine angemessene Liturgie. Die Heiligkeit des Ortes hängt aber nicht von den Menschen ab, sondern von Gott, dessen Gegenwart die Kirche erfüllt – im Allerheiligsten, das nun eucharistisch ist.

Ps 132
 6 Siehe, wir hörten von seiner Lade in Efrata, fanden sie im Gefilde von Jáar. 

7 Lasst uns hingehen zu seiner Wohnung, uns niederwerfen am Schemel seiner Füße! 
8 Steh auf, HERR, zum Ort deiner Ruhe, du und deine machtvolle Lade! 
9 Deine Priester sollen sich in Gerechtigkeit kleiden und deine Frommen sollen jubeln. 
10 Um Davids willen, deines Knechts, weise nicht ab das Angesicht deines Gesalbten! 
13 Denn der HERR hat den Zion erwählt, ihn begehrt zu seinem Wohnsitz:

Heute beten wir im Anschluss an die Lesung einen Wallfahrtspsalm, der auf die Gegenwart Gottes im Tempel Bezug nimmt.
Die beiden Stichpunkte „Efrata“ und „Jaar“ deuten auf den Ort Kirjat-Jearim bzw. Baala hin, wo die Bundeslade vor der Überführung nach Jerusalem stand. König David hat sie laut 2 Sam 6 damals nach Jerusalem gebracht, wobei es einen Zwischenstopp geben musste. Ihre Heiligkeit ist so groß, dass als einer der Träger sie aus Versehen berührte, gestorben ist. Und diese Bundeslade ist auch der Grund, warum sich in der Lesung die Herrlichkeit Gottes als Wolke auf den Tempel gelegt hat. Es ist nicht die Lade selbst, sondern ihr Inhalt – das Wort Gottes, das Gott selbst in die Steintafeln vom Sinai geschrieben hat.
Der Wallfahrtscharakter des Psalms entsteht durch die Aufforderung zum Gehen „zu seiner Wohnung“. Die Wohnung Gottes ist dabei eine gängige Bezeichnung für den Tempel in Jerusalem. Dass Gott wirklich in diese Wohnung eingezogen ist, wurde ja durch diese den Israeliten bereits bekannte Theophanie der Wolke signalisiert.
Das Niederwerfen zeigt, dass das Ziehen zum Tempel auf die Anbetung Gottes abzielt. Der „Schemel seiner Füße“ ist dabei natürlich metaphorisch zu verstehen, denn Gott hat keine Füße. Was dadurch aber ausgedrückt wird, ist nicht einmal die Spitze des Eisbergs. Gottes Herrlichkeit kann kein Tempel der Welt vollständig fassen, sondern es ist lediglich ein Funke, den wir in seiner Wohnung sehen. All die noch so sakrale und würdige, angemessene Liturgie bringt die Anbeter höchstens an den Fußschemel des göttlichen Throns. Die Kirchenväter haben es für die Kirche so ausgedrückt, dass der Kult des Alten Israel ein Schatten der himmlischen Liturgie sei, die Liturgie der Kirche dagegen ein Bild. So kann selbst im Neuen Bund, der das Fleisch und das Blut des menschgewordenen Gottes umfasst, nicht mehr nur zwei Steintafeln, der himmlische Kult allenfalls erahnt werden.
Im Folgenden fordert der Beter Gott auf, Wohnung im Tempel zu nehmen. Dabei setzt der Psalm voraus, dass seine Herrlichkeit mit der Bundeslade zusammenhängt („du und deine machtvolle Lade“). Dies ist geschehen, als die Bundeslade von Kirjat-Jearim letztendlich nach Jerusalem ins Offenbarungszelt gekommen ist. Dies geschieht heute auch, als Salomo für Gott schließlich einen festen Tempel gebaut hat.
Die „Priester“ und „Frommen“ deuten an, wer den Tempel frequentiert: Die Diener des Kultes und die Gläubigen, die zu den großen Festen und sonstigen Anlässen in den Tempel zum Opfern kommen. Das Gewand der Priester soll dabei die Gerechtigkeit sein. An ihnen soll man die Heiligkeit Gottes erkennen. Sie sollen mit ihrem ganzen Dasein Gott gehorchen und seinen Willen tun. Diese Gedanken können wir durchaus auf unsere heutigen Priester übertragen, auch wenn sich ihr Weihepriestertum nicht vom Priestertum Aarons, sondern Melchisedeks ableitet. Wer wenn nicht sie soll in die Gerechtigkeit Gottes gekleidet sein!
Das „Angesicht des Gesalbten“ kann man unterschiedlich deuten. Wörtlich-historisch kann man es auf den aktuellen König Salomo beziehen, dem Gott aufgrund seines Vaters David wohlgesinnt sein soll. Wir lesen es aber auch schon messianisch, sodass das Antlitz des Gesalbten auf Jesus zu beziehen ist. Wir lesen den Vers dann so: „Um Davids willen, deines Knechts, weise nicht ab das Angesicht Christi.“ Jesus ist der Sohn Davids und so ist eine heilsgeschichtliche Verbindung zwischen beiden geschaffen. Wir beten auch für jeden von uns, die wir durch Taufe und Firmung gesalbt sind.
Auch der nächste Vers ist dahingehend mehrfach zu deuten: Denn Gott hat sich den Zion als Wohnstätte ausgesucht. Das ist wörtlich auf den Zionsberg zu beziehen, auf dem die Stadt Jerusalem erbaut ist. Es meint aber darüber hinaus die Person, in der Gott als Mensch Wohnung beziehen wird – Maria. Sie ist das Zion, die heilige Stadt, und sie ist der Tempel, auf den sich die Herrlichkeit Gottes legt. Der Geist Gottes zeugt in ihr den Sohn Gottes und so nimmt Gott selbst Wohnung in ihr wie im Tempel. Sie ist die Bundeslade, in der das Wort Gottes nun nicht mehr durch zwei Steintafeln in sie hineingelegt wird, sondern als das fleischgewordene Wort Gottes! Und damit legt sie archetypisch den Grund für die Kirche, die all das ist. Die Kirche hat Gott sich ausgesucht, gebaut, gestiftet. Er hat sie sich erwählt und sie deshalb zu seiner Wohnung gemacht. In jeder katholischen Kirche, die Sie betreten, sehen Sie das ewige Licht und den Tabernakel. In ihm wird der Leib Christi aufbewahrt. Es ist Gott selbst, der in jeder Kirche wohnt und deshalb ist es ein heiliger Ort. Gott hat auch jeden einzelnen Menschen erwählt zu seiner Wohnstatt. Er möchte in der Seele jedes Menschen wohnen. Dabei zieht er nur dann ein, wenn wir ihm den Tempel unserer Seele auch zur Verfügung stellen so wie Salomo, der sieben Jahre daran gebaut hat. Wenn wir in Gerechtigkeit gekleidet durch dieses Leben gegangen sind und ihm die Ehre gegeben haben, werden wir am Ende die letzte und endgültige Wallfahrt unternehmen zum himmlischen Zion.

Mk 6
53 Sie fuhren auf das Ufer zu, kamen nach Gennesaret und legten dort an. 

54 Als sie aus dem Boot stiegen, erkannte man ihn sogleich. 
55 Die Menschen eilten durch die ganze Gegend und brachten die Kranken auf Liegen zu ihm, sobald sie hörten, wo er war. 
56 Und immer, wenn er in ein Dorf oder eine Stadt oder zu einem Gehöft kam, trug man die Kranken auf die Straße hinaus und bat ihn, er möge sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren lassen. Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt.

Heute hören wir von weiteren Heilungen Jesu. Wo auch immer er hinkommt, bleibt die Gnade Gottes nicht tatenlos. Die Menschen strömen in Scharen zu ihm und bringen voller Glauben die Kranken zu ihm. Dieser große Glaube wird z.B. daran deutlich, dass die Kranken wenigstens den Saum seines Gewandes berühren möchten und sich schon davon Heilung versprechen. Weil Gott diesen großen Glauben bei den Menschen sieht, werden sie geheilt.
Diese Geheilten und ihre Begleiter sind von ihrer Einstellung her mit dem Gelähmten zu vergleichen, der durch ein abgedecktes Dach zu Jesus hinabgelassen wird. Die Menschen unternehmen alles ihnen Mögliche, um Jesus zu begegnen. Sie tun es nicht aus Sensationsgier, Neugier oder sonstigen unreinen Absichten, sondern weil sie ganz darauf vertrauen, dass Gott sie heilen kann.
Diese Episode des Evangeliums erinnert uns an den Transport der Bundeslade durch die Straßen hindurch zum Tempel in Jerusalem. Auch sie ist durch die Straßen getragen worden. Während ihre Begleiter die Priester und Leviten darstellen, sind es in Jesu Fall seines Jünger. Während in der Bundeslade das Wort Gottes in Buchstabenform durch die Straßen getragen wird, ist es hier das Wort Gottes in Menschenform, das durch die Straßen geht. Wir lesen dieses Evangelium eucharistisch und fühlen uns an Fronleichnam erinnert. Dort wird das Wort Gottes in Form des Leibes Christi durch die Straßen getragen. Und auch heutzutage möchte Jesus die Menschen heilen, die ihm so einen großen Glauben entgegenbringen wie die Kranken im Evangelium. Er möchte so wie damals zuerst unsere Seele heilen und reinigen. Und unseren großen Glauben bekunden wir dadurch, dass wir sagen: Nicht den Saum des Gewandes zu berühren reicht aus, sondern die Hostie in uns aufzunehmen, in der Jesu Gegenwart verborgen ist. Wir sehen ihn nicht mit unseren Augen (in Ausnahmefällen dann doch, siehe die eucharistischen Wunder…) und doch glauben wir, dass er genauso durch die Straßen zieht wie damals, als er in Menschengestalt unter uns gelebt hat.
Und wenn Jesus auf dem Weg zu unserem inneren Tempel ist, halten auch wir ihm die kranken Seiten unseres Lebens hin, damit er sie heile, ob es die Verwundungen unserer Seele sind, unsere Schwächen, durch die wir ständig in dieselben Sünden fallen oder ober es die Bereiche unseres Lebens sind, in denen wir Gott noch nicht den ersten Platz geben, in denen wir ihn vielleicht gar nicht erst hineinlassen. So werden auch wir ganz heil und ganz zu seiner Wohnung.

Ihre Magstrauss