Dienstag der 4. Woche im Jahreskreis

2 Sam 18,6.9-10.14b.24-25a.30 – 19,3; Ps 86,1-2.3-4.5-6; Mk 5,21-43

2 Sam 18
6 Die Leute zogen ins Feld, den Israeliten entgegen, und im Wald Efraim kam es zur Schlacht.
9 Plötzlich kam Abschalom in das Blickfeld der Krieger Davids; er ritt auf einem Maultier. Als das Maultier unter den Ästen einer großen Eiche hindurchlief, blieb Abschalom mit dem Kopf fest an der Eiche hängen, sodass er zwischen Himmel und Erde schwebte und das Maultier unter ihm weglief. 
10 Jemand sah es und meldete Joab: Ich habe gerade Abschalom an einer Eiche hängen sehen.
14 Und er nahm drei Spieße in die Hand und stieß sie Abschalom, der noch lebend an der Eiche hing, ins Herz.
24 David saß zwischen den beiden Toren. Der Späher aber war auf das Dach des Tores, auf die Mauer, gestiegen, und als er Ausschau hielt, sah er einen einzelnen Mann herbeilaufen. 25 Der Späher rief dem König die Meldung zu. Der König sagte: Wenn er allein ist, dann bringt er eine gute Nachricht. 
25 Während der Mann herankam,
30 Der König befahl: Tritt zur Seite und stell dich hierher! Ahimaaz trat zur Seite und blieb dort stehen. 
31 Da kam auch der Kuschiter und sagte: Mein Herr, der König, lasse sich die gute Nachricht bringen, dass der HERR dir heute Recht verschafft hat gegenüber allen, die sich gegen dich erhoben hatten. 
32 Der König fragte den Kuschiter: Geht es dem Jungen, Abschalom, gut? Der Kuschiter antwortete: Wie dem jungen Mann möge es allen Feinden meines Herrn, des Königs, ergehen, allen, die sich in böser Absicht gegen dich erhoben haben.
1 Da zuckte der König zusammen, stieg in den oberen Raum des Tores hinauf und weinte. Während er hinaufging, rief er: Mein Sohn Abschalom, mein Sohn, mein Sohn Abschalom! Wäre ich doch an deiner Stelle gestorben, Abschalom, mein Sohn, mein Sohn! 
2 Man meldete Joab: Der König weint und trauert um Abschalom. 
3 So wurde der Tag der Rettung für das ganze Volk zu einem Trauertag; denn die Leute hörten an diesem Tag: Der König ist voll Schmerz wegen seines Sohnes.

Heute hören wir das tragische Ende des Davidssohnes. Auch heute wird ein Ausschnitt verlesen, nachdem mehrere Kapitel übersprungen worden sind. Diese fasse ich im Folgenden kurz zusammen: Abschalom versucht mit seinem Heer, David nachzusetzen, der sich verstecken kann. Botschafter müssen sich im Brunnen verstecken, um von Abschaloms Leuten nicht gesehen zu werden und David die Absichten seines Sohnes ausrichten zu können. Verschiedene Angriffsstrategien werden überlegt. Als es schließlich so aussieht, dass eine Schlacht zustande kommt, bittet David seine drei Kriegsführer, mit seinem Sohn schonend umzugehen. So kommt es im Wald Efraim zur Schlacht zwischen den Israeliten und den Leuten Davids, wobei letztere die Israeliten haushoch besiegen. Davon lesen wir nun in der Lesung. Schließlich passiert etwas Unerwartetes. Die Schlacht trägt sich ja in einem Wald zu und Abschalom reitet auf einem Maultier. Plötzlich bleibt er mit dem Kopf im Geäst einer Eiche hängen und das Tier reitet unter ihm weg. Joab nutzt den Moment und rammt Abschalom drei Spieße ins Herz. Das ist eigentlich nicht, was David von seinem Heerführer verlangt hat. Dieser hätte seinen Sohn verschonen sollen.
Dementsprechend tief fällt David in Trauer, als er vom Tod seines Sohnes erfährt. Er sagt sogar bei sich „wäre ich doch für dich gestorben“. So ist der Tag des Sieges zu einem Trauertag geworden, denn David hat noch einen Sohn verloren.
Diese ganze grausame Geschichte wird hier im zweiten Samuelbuch ganz wertfrei geschildert. Es wird nicht moralisch bewertet, was passiert ist. Alles, auch die Abwege der Israeliten, ist Wort Gottes, denn es gehört zur Heilsgeschichte dazu. Und alles, selbst diese grausame Episode, kann uns heute noch etwas sagen. Schon allein Davids Verhalten beim Tod seines Sohnes kann uns etwas zeigen: Sein eigener Sohn ist zu seinem Erzfeind geworden und doch liebte er ihn von Herzen. So ist die Liebe Gottes des Vaters, so ist die Liebe eines jeden menschlichen Vaters und jeder Mutter. Was das Kind auch tut, die Liebe zu ihm hängt nicht von dessen Verhalten ab. Eltern lieben ihre Kinder so, wie sie sind, aber sie heißen nicht alle Taten des Kindes gut. Die göttliche Liebe ist so hingebungsvoll und opferbereit, dass Gott lieber selbst stirbt, als dass der Mensch sein ewiges Leben verspielt. Was David hier noch im Zuge der Trauer sagt („Wäre ich doch an deiner Stelle gestorben“), setzt Gott tatsächlich um. Er stirbt für uns am Kreuz, damit unser ewiges Leben nicht stirbt, das heißt damit wir nicht verloren gehen. Wir sehen, wie Gott ist, wenn wir die hingebende Liebe unserer Eltern als Beispiel nehmen und ins Vielfache steigern.
Am Ende hat Abschalom seinen eigenen Vater nicht vom Thron stoßen können, weil dieser gesalbt ist. Er steht mit Gott in einem Bund und ist deshalb unter seinem Schutz. Gott hat einen Heilsplan mit uns Menschen und wir können nicht gegen ihn angehen. Natürlich überlässt er uns die Entscheidung, ob wir den Bund mit ihm eingehen oder nicht. Kein Mensch kann diesen Bund aber zerstören, den der Andere mit Gott eingegangen ist. Das können wir ganz eindrücklich am Ehebund sehen, denn es heißt bei der Eheschließung: „Was Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen.“ Nicht einmal der apostolische Stuhl kann an einer gültig geschlossenen und vollzogenen Ehe rütteln.

Ps 86
1 Ein Bittgebet Davids. Neige dein Ohr, HERR, und gib mir Antwort, denn elend und arm bin ich! 
2 Beschütze mich, denn ich bin dir ergeben! Rette, du mein Gott, deinen Knecht, der auf dich vertraut! 
3 Mein Herr, sei mir gnädig, denn zu dir rufe ich den ganzen Tag! 
4 Erfreue die Seele deines Knechts, denn zu dir, mein Herr, erhebe ich meine Seele! 
5 Denn du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben, reich an Liebe für alle, die zu dir rufen. 
6 Vernimm, HERR, mein Bittgebet, achte auf mein lautes Flehen! 

Heute beten wir einen Bittpsalm passend zur Lesung. Gott soll sein Ohr neigen, das heißt, Davids Bitte erhören. Dieser betet voller Trauer und klammert sich an den HERRN. „Elend und arm“ ist der Beter, weil er seinen Sohn verloren hat. Er ist es zunächst, weil sein eigener Sohn mit den Ältesten Israels nach seinem Leben trachtet. Deshalb betet David auch „beschütze mich, denn ich bin dir ergeben!“ Das hebräische Wort für „ergeben“ ist חָסִ֪יד chasid. Es heißt wörtlich „ich bin ein Jünger“. David bittet Gott um Schutz, weil er sein Jünger ist, weil er ihm nachfolgt. David ruft Gott „den ganzen Tag“. Die hebräische Verbform אֶ֝קְרָ֗א ist dabei eine sogenannte PK-Form. Diese ist entweder präsentisch oder futurisch zu übersetzen. Einerseits besagt Davids Satz hier also, dass er den ganzen Tag Gott anruft, andererseits, dass er es zukünftig tun wird. Es wird so zum Versprechen. Ebenso ist es mit dem nachfolgenden Vers, da auch dort als Argumentation für die Bitte eine Handlung als PK-Form ausgedrückt wird („denn zu dir (…) erhebe ich meine Seele!“). Das Verb für „erheben“ ist אֶשָּֽׂא esa. David sagt also, dass er es jetzt schon tut, es aber in Zukunft auch tun wird. An dieser Stelle möchte ich auf das Wort für „Seele“ eingehen. Im Alten Testament gibt es keine strikte Trennung des Menschen in Seele und Leib, so als ob das eine irgendwie wirken kann, beeinflusst werden kann ohne den Rest. Das Wort an dieser Stelle ist נַפְשִׁ֥י nafschi. Es ist eigentlich zu übersetzen mit „mein Leben“. Es meint die gesamte Existenz und nicht nur einen bestimmten Teil im Menschen. David erhebt also sein ganzes Leben zu Gott in dem Sinne, dass er sein ganzes Dasein auf Gott ausrichtet, ohne etwas für sich zu behalten. Gott soll die נֶ֣פֶשׁ nefesch, also das ganze Leben Davids erfreuen, weil dieser sein Leben Gott ganz widmet. Das ist für uns ein gutes Beispiel. Auch wir müssen Gott unser ganzes Leben hinhalten, wenn wir möchten, dass er es verwandelt. Dies tut er nur, wenn wir es ihm freiwillig überlassen. Und er tut es gern. Das bedeutet auch, dass er uns das ewige Leben schenken möchte.
David ist bereits vergeben worden, was er damals getan hat. Er hat die vergebende Liebe Gottes erfahren und kann deshalb umso vertrauensvoller beten: „Denn du, mein Herr, bist gut und bereit zu vergeben, reich an Liebe für alle, die zu dir rufen.“ Angesichts der Lesung können wir uns fragen, wem Gott hier denn vergeben soll. David hat diesmal nichts Unrechtes getan, sondern trägt die Konsequenzen seiner damaligen Sünde. Gestern realisierten wir auch, dass David das erkannt hat. Vielmehr scheint dieser Bittpsalm heute ein Fürbittgebet für seinen Sohn zu sein. Dieser versündigt sich gegen Gottes Bundesschluss mit David und auch gegen den eigenen Vater. So bittet David um die Rettung seines Sohnes, der nach dem Leben seines Vaters trachtete, doch die Tat nicht umsetzen konnte wegen seines frühzeitigen Todes.
Gott ist wirklich ein barmherziger Gott und bereit, unsere Schuld zu vergeben. Wir müssen seine Barmherzigkeit aber auch annehmen. So tut es David immer wieder, so tut es später auch Petrus, so tut es der verlorene Sohn im Gleichnis Jesu. So tun es die Gläubigen, die zur Beichte kommen. Dann umarmt Gott die Menschen bereitwillig mit seiner vergebenden Liebe und verändert das Leben jedes Reumütigen.

Mk 5
21 Jesus fuhr wieder ans andere Ufer hinüber und eine große Menschenmenge versammelte sich um ihn. Während er noch am See war, 

22 kam einer der Synagogenvorsteher namens Jaïrus zu ihm. Als er Jesus sah, fiel er ihm zu Füßen 
23 und flehte ihn um Hilfe an; er sagte: Meine Tochter liegt im Sterben. Komm und leg ihr die Hände auf, damit sie geheilt wird und am Leben bleibt! 
24 Da ging Jesus mit ihm. Viele Menschen folgten ihm und drängten sich um ihn. 
25 Darunter war eine Frau, die schon zwölf Jahre an Blutfluss litt. 
26 Sie war von vielen Ärzten behandelt worden und hatte dabei sehr zu leiden; ihr ganzes Vermögen hatte sie ausgegeben, aber es hatte ihr nichts genutzt, sondern ihr Zustand war immer schlimmer geworden. 
27 Sie hatte von Jesus gehört. Nun drängte sie sich in der Menge von hinten heran und berührte sein Gewand. 
28 Denn sie sagte sich: Wenn ich auch nur sein Gewand berühre, werde ich geheilt. 
29 Und sofort versiegte die Quelle des Blutes und sie spürte in ihrem Leib, dass sie von ihrem Leiden geheilt war.
30 Im selben Augenblick fühlte Jesus, dass eine Kraft von ihm ausströmte, und er wandte sich in dem Gedränge um und fragte: Wer hat mein Gewand berührt? 
31 Seine Jünger sagten zu ihm: Du siehst doch, wie sich die Leute um dich drängen, und da fragst du: Wer hat mich berührt? 
32 Er blickte umher, um zu sehen, wer es getan hatte. 
33 Da kam die Frau, zitternd vor Furcht, weil sie wusste, was mit ihr geschehen war; sie fiel vor ihm nieder und sagte ihm die ganze Wahrheit. 
34 Er aber sagte zu ihr: Meine Tochter, dein Glaube hat dich gerettet. Geh in Frieden! Du sollst von deinem Leiden geheilt sein. 
35 Während Jesus noch redete, kamen Leute, die zum Haus des Synagogenvorstehers gehörten, und sagten: Deine Tochter ist gestorben. Warum bemühst du den Meister noch länger? 
36 Jesus, der diese Worte gehört hatte, sagte zu dem Synagogenvorsteher: Fürchte dich nicht! Glaube nur!
37 Und er ließ keinen mitkommen außer Petrus, Jakobus und Johannes, den Bruder des Jakobus. 
38 Sie gingen zum Haus des Synagogenvorstehers. Als Jesus den Tumult sah und wie sie heftig weinten und klagten, 
39 trat er ein und sagte zu ihnen: Warum schreit und weint ihr? Das Kind ist nicht gestorben, es schläft nur. 
40 Da lachten sie ihn aus. Er aber warf alle hinaus und nahm den Vater des Kindes und die Mutter und die, die mit ihm waren, und ging in den Raum, in dem das Kind lag. 
41 Er fasste das Kind an der Hand und sagte zu ihm: Talita kum!, das heißt übersetzt: Mädchen, ich sage dir, steh auf! 
42 Sofort stand das Mädchen auf und ging umher. Es war zwölf Jahre alt. Die Leute waren ganz fassungslos vor Entsetzen. 
43 Doch er schärfte ihnen ein, niemand dürfe etwas davon erfahren; dann sagte er, man solle dem Mädchen etwas zu essen geben.

Heute hören wir ein komplexeres Evangelium, das es in sich hat.
Jesus ist wieder am ursprünglichen Ufer des Sees Gennesaret angekommen und dort sammeln sich wieder viele Menschen um ihn. Da kommt Jairus, ein Synagogenvorsteher zu Jesus und wirft sich vor ihm nieder. Er fleht ihn von Herzen an, dass er seine sterbende Tochter heile. Jairus betet inbrünstig wie David im heutigen Psalm. Es ist dieselbe Haltung eines Vaters im Gebet für sein Kind und Jesus ist gerne bereit, ihm zu helfen. So machen sie sich auf den Weg zu ihm nach Hause. Doch Jesus hat einen noch größeren Plan.
Während sie sich durch die Masse drängen, spürt Jesus, wie eine Kraft von ihm ausströmt. Jesus weiß schon längst, wer ihn berührt hat, was für ein Leben diese Person geführt hat und wie ihr Innenleben ist. Er weiß schon längst alles und fragt doch ganz bewusst: „Wer hat mein Gewand berührt?“
Es ist eine unscheinbare Frau voller Glauben. Keiner hat sie beachtet und doch hat sie mit ihrer Aktion sehr viel Mut bewiesen. Denn es handelt sich um eine seit zwölf Jahren blutflüssige Frau. Ihre Blutungen machen sie kultisch dauerhaft unrein und sie kann weder am Gottesdienst teilnehmen, noch irgendwelche sozialen Kontakte pflegen. Andere Juden werden durch den Kontakt zu ihr ja auch kultisch unrein und meiden sie deshalb. Sie ist eine seit Jahren isolierte Frau, die es dennoch gewagt hat, sich in eine Menschenmenge zu begeben. Noch mehr: Ihr Glaube ist so stark, dass er die Furcht vor den kultischen Reinheitsgeboten übertrumpft. Sie vertraut so sehr, dass ihre Berührung Jesus kultisch nichts anhaben kann, weil er der Sohn Gottes ist.
Eigentlich ist Jesus unterwegs zu Jairus‘ Tochter und doch widmet er sich der blutflüssigen Frau. Erstens möchte er ihr mit der Aufmerksamkeit zeigen, wie die Liebe des Vaters ist: Er liebt jeden Einzelnen so, als wäre er der Einzige auf der Welt. Zweitens möchte Jesus den Glauben der Frau den Umstehenden als Glaubensbeispiel heranziehen und sie zugleich in die Gesellschaft wieder eingliedern. Ihr Glaube ist so stark, dass sie die kultischen Reinheitsgebote aufs Spiel setzt. Sie glaubt sogar so stark, dass sie nicht mal Jesus selbst, sondern nur sein Gewand berühren muss. Er ruft deshalb in die Menge: „Wer hat mein Gewand berührt?“. Sie soll sich outen, damit es jeder mitbekommt als Glaubenszeugnis. Zitternd vor Furcht stellt sie sich der Aufmerksamkeit Gottes. Sie hat Angst, weil sie genau weiß, dass sie gegen die jüdischen Gesetze gehandelt hat. Sie hat Angst, dass die Menschen um sie herum sie bestrafen werden. Drittens ist die ganze Situation eine Lektion für Jairus, der Jesus ja zum Weitergehen drängt. Jede Sekunde zählt, um seine sterbende Tochter zu retten. Jesus möchte ihm etwas beibringen: Gott erhört unsere Bitten sehr gern und bereitwillig, aber eben nicht immer nach unseren Vorstellungen. Er tut es manchmal sogar ganz anders oder im Gegenteil dessen, was wir erbeten haben – nicht weil er uns quälen will, sondern weil er dadurch noch viel mehr Heil bringen möchte. So verzögert sich das Kommen Jesu zur Tochter des Synagogenvorstehers nicht, weil sie Jesus egal ist. Er möchte ein noch viel größeres Zeichen wirken, als Jairus von ihm erbeten hat. Durch das, was nun kommt, möchte er nämlich nicht nur ein biologisches Leben retten, sondern auch den Glauben der Anwesenden stärken.
Der worst case tritt ein. Bevor sie Jairus‘ Haus schließlich erreichen, ist seine Tochter verstorben und Angehörige fangen die Gruppe mit Jesus und Jairus unterwegs ab. Sie geben richtig auf und sagen sogar: „Warum bemühst du den Meister noch länger?“ Jesus ermutigt entgegen aller Erwartungen Jairus dazu, es der gerade bezeugten blutflüssigen Frau gleichzutun – zu glauben und sich nicht zu fürchten. Jesus hat Jairus bewusst diese Frau vor Augen geführt und in seiner Gegenwart die Heilung vorgenommen mit den abschließenden Worten: „Dein Glaube hat dich gerettet.“ Jairus sollte innerlich auf das Kommende vorbereitet werden.
Sie gehen jedenfalls weiter bis zum Haus und Jesus nimmt die drei Jünger Petrus, Jakobus und Johannes mit. Auch diese sollen heute etwas lernen.
Die Trauer über das zwölfjährige Kind ist groß. Es ist kein Zufall, dass ihr Alter dem Zeitraum der Krankheit der blutflüssigen Frau entspricht. Beide Heilungen hängen zusammen. In beiden Fällen geht es um kultische Verunreinigung. Im ersten Fall ist es der blutige Ausfluss der Frau, im zweiten Fall ist es der Tod des Mädchens, der alle verunreinigt, die zu ihr ins Haus gehen. Dies erklärt unter anderem, warum Jesus nicht so viele Menschen mit ins Haus nimmt. Er tut es aber auch wegen des Zeichens, das er wirken möchte und das nicht weitererzählt werden soll: die Totenerweckung.
Die dort anwesenden Menschen verspüren heftige Trauer und weinen sehr. Wir erinnern uns an König David, der sein eigenes Kind verloren hat. Der Schmerz über den Tod des eigenen Kindes ist eines der grausamsten Dinge, die man im Leben erfahren kann. So muss sich auch Gott gefühlt haben beim grausamen Tod seines Sohnes. So muss es auch Maria ergangen sein, der ein Schwer durchs Herz ging, wie Simeon ihr angekündigt hat. Wie sehr wird Gott über jene geweint haben, die ihn abgelehnt, ausgeliefert und hingerichtet haben? Wie sehr weint er über den Verlust des ewigen Lebens seiner geliebten Geschöpfe, die seine Liebe auch heute nicht annehmen und ihn bis zum Schluss ablehnen?
Jesus sagt den Menschen zu, dass das Kind nicht tot sei, sondern schlafe. Womöglich ist das Kind in eine Art Koma gefallen. Was auch immer mit dem Kind passiert ist, die Menschen sind sehr ungläubig. Sie lachen Jesus aus und scheinen seine Worte nicht einmal in Betracht zu ziehen. So ist es immer wieder. Jesus wird verspottet, obwohl er Gott ist. Wir in seiner Nachfolge erfahren bis heute genau dasselbe. Wo wir mutig zur Wahrheit stehen, werden wir ausgelacht, insbesondere wo das gesellschaftliche Umfeld besonders atheistisch ist. Dann wird das Gesagte nicht einmal als eine Alternative unter vielen angesehen. Das Wort Gottes wird einfach als Ganzes abgelehnt.
Wer ungläubig ist und somit zum Gegenbild der blutflüssigen Frau wird, soll das Haus verlassen. Nur die Familie, Jesus und seine drei Jünger bleiben. Jesus geht zum Mädchen, fasst sie bei der Hand, wie er immer wieder die zu Heilenden bei der Hand fasst, und sagt zu ihr „Talita kum“, „Mädchen, steh auf“. Er richtet die Menschen immer auf, nicht nur körperlich, sondern seelisch, psychisch, gesellschaftlich, einfach umfassend. Er richtet den Glauben vieler Menschen auf, wo diese Heilungen geschehen. Er heilt also nie einfach nur offensichtlich den körperlich Kranken, sondern immer die ganzen Anwesenden gleich seelisch mit. Dabei hat Jesus keine Mühe. Er fasst die Tochter des Jairus einfach und sie steht direkt auf. Jesus ist Gott und muss deshalb keine Anstrengung aufwenden wie z.B. der Prophet Elija beim Jungen in 1 Kön 17. In beiden Fällen lässt Gott den tödlichen Krankheitsverlauf zu, damit er an den Leidenden seine Herrlichkeit offenbaren kann und die Familien zum Glauben an ihn kommen. Bei Gott gibt es nie ein „zu spät“. Wenn er unserem Empfinden nach erst spät eingreift, ist es seiner wunderbaren Vorsehung nach genau der richtige Zeitpunkt. Wir sehen als Menschen nur unsere derzeitige Situation und im Leiden ist unser Blick noch eingeschränkter. Gott sieht aber stets das Gesamtbild und so dürfen wir ihm bei seinem Timing und in der Art und Weise seiner Gebetserfüllung vertrauen. Gott ist so sensibel, dass er Jairus durch die Heilung der blutflüssigen Frau auf die richtige Glaubenshaltung vorbereitet. Hätte Jesus seine Tochter schon geheilt, bevor sie „gestorben“ wäre, wäre sein Glaube und jener seiner Familie vielleicht gar nicht so gestärkt worden.
Jesus schärft den Zeugen dieser Heilung ein, es nicht zu verbreiten. Der Grund ist der übliche: Einerseits soll eine sofortige Verhaftung Jesu vermieden werden, andererseits die Lektion Gottes nicht beeinflusst werden – die Juden sollen von selbst auf Jesu Messianität kommen.
Der letzte Vers ist typisch für Heilungen, in denen Menschen ins Leben zurückversetzt werden. Es betont, dass die wieder Lebendigen ganz leibhaftig zurück sind. Sie essen wieder, weil sie einen echten lebendigen Körper haben und biologisch wieder gestärkt werden müssen nach der Krankheit. Zurückkehrender Appetit ist ein Signal für die zurückgekehrte Gesundheit.

Wir lernen heute, dass Jesus als Gott immer wieder mitten in die kultische Unreinheit geht, um Menschen wieder in die Reinheit zu führen. Was er durch die Heilungen tut, ist vor allem die Stärkung des Glaubens Anderer. Er zeigt durch die körperlichen Heilungen auch, was Gott eigentlich mit unserer Seele tut: Was unrein sein kann, ist das Herz, von dem die bösen Gedanken, Worte und Werke ausgehen. Dieses ist es, das wieder gereinigt werden soll. Dieses Herz kann auch sterben und so das ewige Leben verloren gehen. Das ist viel gravierender für Gott, denn was wir dann verlieren, ist ein ewiger Verlust. Das hat König David schon verstanden und deshalb um Gottes Vergebung gebeten, nicht dass dieser seinen Sohn Abschalom wieder lebendig macht.
Wir lernen heute, wie die Liebe des Vaters zu uns Geschöpfen ist. Er lässt sich lieber ans Kreuz schlagen, als dass er auch nur ein einziges seiner Geschöpfe auf ewig verliert. Er möchte jedes Herz für sich gewinnen und tut deshalb diese Sühne am Kreuz, indem er sein Kostbarstes, seinen einzigen Sohn für uns dahingibt. Schließlich steht unser ewiges Leben auf dem Spiel. Darum geht es immer zuerst.
Jesus nimmt auch seine Aposteln mit zur Erweckung des Mädchens, um sie auf seine eigene Auferstehung vorzubereiten. Der Vater wird ihn von den Toten auferwecken, der im Gegensatz zum Mädchen nicht schlafen wird, sondern wirklich sterben wird. Und diese ultimative Heilstat wird nicht nur ein paar Zeugen zum Glauben führen, sondern eine riesige Menschenmenge! Wir sehen heute, wie viele Menschen an Jesus glauben und dafür sogar in den Tod gehen – denn sie haben verstanden, dass es um das ewige Leben geht.
Wir lernen noch eine wichtige Sache heute: Unser ganzes Dasein hängt von Gott ab. Wir tun und machen, wir bemühen uns und investieren unser ganzes Geld in Gesundheit und Wohlergehen. Letztendlich kann aber nur einer unser Leben lebenswert machen – und das ist Gott. Wir gehören nicht uns selbst und auch unsere Kinder sind nicht unser Eigentum. Alles ist gottgeschenkt, vielmehr noch gottgeliehen. So nimmt er es manchmal wieder zurück, ohne uns freilich etwas noch viel Besseres zurückzugeben! Bezogen auf Gesundheit und Krankheit heißt das, dass wir uns nicht selbst heilen können und kein Arzt jede Krankheit heilen kann. Eine wirklich umfassende äußere und innere Heilung, die ewig anhält, kommt nur von Gott.

Ihre Magstrauss

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