Montag der 6. Woche im Jahreskreis

Gen 4,1-15.25; Ps 50,1 u. 8.16b-17.20-21; Mk 8,11-13

Gen 4
1 Der Mensch erkannte Eva, seine Frau; sie wurde schwanger und gebar Kain. Da sagte sie: Ich habe einen Mann vom HERRN erworben.

2 Sie gebar ein zweites Mal, nämlich Abel, seinen Bruder. Abel wurde Schafhirt und Kain Ackerbauer.
3 Nach einiger Zeit brachte Kain dem HERRN eine Gabe von den Früchten des Erdbodens dar;
4 auch Abel brachte eine dar von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Der HERR schaute auf Abel und seine Gabe,
5 aber auf Kain und seine Gabe schaute er nicht. Da überlief es Kain ganz heiß und sein Blick senkte sich.
6 Der HERR sprach zu Kain: Warum überläuft es dich heiß und warum senkt sich dein Blick?
7 Ist es nicht so: Wenn du gut handelst, darfst du aufblicken; wenn du nicht gut handelst, lauert an der Tür die Sünde. Sie hat Verlangen nach dir, doch du sollst über sie herrschen.
8 Da redete Kain mit Abel, seinem Bruder. Als sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain gegen Abel, seinen Bruder, und tötete ihn.
9 Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist Abel, dein Bruder? Er entgegnete: Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?
10 Der HERR sprach: Was hast du getan? Das Blut deines Bruders erhebt seine Stimme und schreit zu mir vom Erdboden.
11 So bist du jetzt verflucht, verbannt vom Erdboden, der seinen Mund aufgesperrt hat, um aus deiner Hand das Blut deines Bruders aufzunehmen.
12 Wenn du den Erdboden bearbeitest, wird er dir keinen Ertrag mehr bringen. Rastlos und ruhelos wirst du auf der Erde sein.
13 Kain antwortete dem HERRN: Zu groß ist meine Schuld, als dass ich sie tragen könnte.
14 Siehe, du hast mich heute vom Erdboden vertrieben und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen; rastlos und ruhelos werde ich auf der Erde sein und jeder, der mich findet, wird mich töten.
15 Der HERR aber sprach zu ihm: Darum soll jeder, der Kain tötet, siebenfacher Rache verfallen. Darauf machte der HERR dem Kain ein Zeichen, damit ihn keiner erschlage, der ihn finde.
25 Adam erkannte noch einmal seine Frau. Sie gebar einen Sohn und gab ihm den Namen Set, Setzling. Denn sie sagte: Gott setzte mir einen anderen Nachkommen anstelle Abels, weil Kain ihn getötet hat.

Heute hören wir nun nach dem ersten Sündenfall eine nächste Episode, in der die Folge des ersten Sündenfalls auf dramatische Weise sichtbar wird: Es geht um die zwei Söhne des ersten Menschenpaars Kain und Abel.
Adam erkennt seine Frau und sie wird schwanger. Das Verb „erkennen“ ist oft in der Hl. Schrift ein Begriff für die eheliche Vereinigung von Mann und Frau. Weil Kain das erstgeborene Kind ist, verleiht sie ihm dem Namen „Kain, was vom Verb קנה kanah, „erwerben“ kommt. Aufgrund dieses Wortspiels erfolgt hier die Aussage „Ich habe einen Mann vom HERRN erworben“.
Sie bekommt noch einen Sohn, den sie Abel nennt.
Beide Männer ergreifen Berufe, die für die archaische Zeit normal sind, Ackerbauer und Schafhirt. Zugleich wird uns bewusst, dass diese „nachsündlich“ geborenen Männer, also die ersten Menschen mit der Erbsünde geboren, trotz zerbrochener Gottesbeziehung der Eltern einen Bezug zu Gott haben. Die Gemeinschaft mit Gott ist zwar beeinträchtigt, aber nicht ganz gescheitert. Das wird uns besonders dadurch bewusst, dass sie Opfer darbringen.
So bringen sie Opfer dar von dem, was sie verwalten: Erntegaben vom Acker und Tieropfer von der Herde. Nun geschieht etwas, das für uns auf den ersten Blick unlogisch erscheint: Gott schaut auf das Tieropfer Abels, aber nicht auf das Früchteopfer des Erstgeborenen. Warum ist Gott so parteiisch, könnte man fragen. Beide bringen doch dar, was sie haben? Lesen wir noch einmal genau: Kain bringt dar von den Früchten des Feldes, aber Abel bringt von den Erstlingen dar. Er gibt sich mehr Mühe, was auf eine größere Gottesfurcht und reine Absicht hindeutet! Er wählt für das Opfer das beste aus, was er hat. Kain verwendet, was ihm in die Hände fällt. Wir dürfen also nicht sagen, dass Tieropfer besser sind als Früchte und Gott deshalb das eine anschaut und das andere nicht. Er sieht vielmehr auf die Absicht hinter dem Opfer und deshalb wird Abels Opfer als rein bezeichnet.
Es geschieht sodann zum ersten Mal etwas, das Gott bei der Erschaffung des Menschen ursprünglich nicht vorgesehen hat und was eine Folge der Erbsünde ist: Kain wird von negativen Gefühlen gepackt. Es wird wunderbar lebensnah beschrieben, wie ihm heiß wird und er den Blick senkt. Der Mensch erfährt zum ersten Mal das Gefühl von Eifersucht!
Warum schaut Gott auf das Opfer meines Bruders? Vor allem bin ich doch der Erstgeborene! Was ist das für eine Demütigung! Das sind die Gedanken, die ihm wohl aufgekommen sind. Ist nicht genau diese Eifersucht Grund für viele Streitereien und für den Unfrieden in den Familien bis heute? Der Konkurrenzkampf unter Geschwistern, das sich gegenseitige Vergleichen, die Missgunst, der Neid. Kains Reaktion ist irrational. Wir erkennen von außen und aus Distanz, dass Kain ja nachfragen könnte, warum Gott sein Opfer nicht beachtet. So könnte er sich erklären lassen, dass nicht nur das Opfer, sondern auch die reine Absicht dahinter zählen. Doch irrationale Gefühle sind eine Folge der Erbsünde.
Gott weiß alles und überblickt die Situation. Er überlässt Kain nicht den negativen Gefühlen. Er warnt ihn vor der Versuchung des Bösen, der schon wieder einem Menschen auflauert. Gott warnt uns bis heute, wenn wir in Versuchung geraten. Er ruft nach uns, wenn wir uns einem Abgrund nähern. Er leidet mit, er fiebert mit, er freut sich mit uns mit. Gottes Herz ist ganz bei uns Menschen. So erklärt er Kain, wie er sich in der Versuchung richtig verhalten muss. Das, was hier geschieht, ist brandaktuell zu jeder Zeit. Denn wir Menschen werden zu jeder Zeit versucht. Und wie Gott zu Kain sagt, dass er den negativen Gefühlen keinen Raum geben soll, so sagt es uns der Herr auch heute. Wenn wir sie zulassen, breiten sie sich aus und verselbstständigen sich. So wachsen böse Gedanken in uns, die irgendwann zur Sprache kommen und in die Tat umgesetzt werden. Wir sollen diesen Weg der Sünde im Keim ersticken. Das sagt Gott Kain und auch uns heute.
Doch Kain lässt sich verführen. Er erschlägt seinen Bruder auf dem Feld. Die Eifersucht war nur der Anfang. Aus ihr ist der Hass auf den Bruder und der Brudermord erwachsen. Das reine Opfer des Schafhirten ist vollendet worden durch sein eigenes Blut, das er dahingegeben hat. Abel ist deshalb als Präfiguration, als Typos Christi bezeichnet worden – nicht erst von späteren Kirchenmännern, sondern bereits in den Texten des Neuen Testaments, wir denken vor allem an den Hebräerbrief. So wie Christus ist Abel zugleich Opfer und Darbringer. Jene Personen, die als besonders herausragende Präfiguration zu bezeichnen sind, haben eine Affinität zu Schafen und zum Hirtenberuf: Abraham hat große Herden, Mose hütet die Schafe seines Schwiegervaters Jitro, David wird von der Weide geholt und zum König gesalbt, schreibt den Psalm 23, die ersten Zeugen der Geburt Jesu Christi sind die Hirten auf den Feldern von Betlehem. So fällt uns auf, dass Abels Beruf kein Zufall sein kann.
So wie nach dem ersten Sündenfall ruft Gott nun nach dem Sünder. Bereits bei der letzten Episode erklärte ich, wie Gott uns alle ruft, weil er uns zur Umkehr bewegen möchte. Er geht jedem einzelnen Sünder nach, um ihn oder sie zurückzugewinnen. Es ist wie mit jenem Gleichnis, das Jesus vom Hirten erzählt: 99 Schafe werden zurückgelassen, um das eine verlorene Schaf zurückzuholen. So ist Gottes Eifer um uns Menschen.
Und so ruft Gott nach Kain, dessen Untat er schon längst mitbekommen hat. Schließlich ist er der allwissende und allsehende Gott.
Gott fragt Kain, wo Abel ist. Warum tut er das, obwohl er die Antwort längst kennt? Es ist nun die Chance für Kain, die Wahrheit zu sagen und die Schuld zu bekennen. Gott gibt uns immer wieder die Chance, die Sünde zu bereuen und seine Barmherzigkeit in Anspruch zu nehmen. Doch was tut Kain? Er verdirbt sich selbst die Chance, indem er sagt: „Ich weiß es nicht. Bin ich der Hüter meines Bruders?“
Gott spricht also Klartext und konfrontiert ihn mit seiner Schuld. Es ist der Ruf, der nicht nur von Gott in dieser Szene ausgeht, sondern den der Beichtvater indirekt zum Beichtenden sagt, der sein Bekenntnis daraufhin verrichtet. Es ist der Ruf des eigenen Gewissens, das uns anklagt: „Was hast du getan?“ Gott erklärt Kain, dass er alles mitbekommen hat, denn „das Blut deines Bruders erhebt seine Stimme und schreit zu mir vom Erdboden.“ Gott weiß um das Unrecht, das auf Erden geschieht. Und so reagiert er entsprechend in seiner absoluten Gerechtigkeit.
Die Folge des Brudermords ist die Verfluchung Kains. Nicht Gott verflucht ihn, das dürfen wir nicht missverstehen. Kain ist durch seine eigene Sünde verflucht, denn Sünde zieht stets den Fluch nach sich im Gegensatz zum Segen. Er hat es selbst über sich gebracht, dass er nun keine gute Ernte einbringen wird als Ackerbauer und dass er sich nicht zur Ruhe setzen wird. Er wird ein Rastloser sein.
Das kommt uns bekannt vor.
Wie sehr ist der Mensch allgemein ein rastloses Wesen, solange er nicht ganz in Gott ruht! Wie intensiv musste Augustinus diese Erfahrung machen, dass er seine Confessiones mit dem Ausspruch einleitet: „Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir, oh Gott.“ Gewiss ist das im übertragenen Sinn zu verstehen, denn wir können uns äußerlich ja zumindest festsetzen, indem wir ein festes Zuhause haben, eine Heimat, ein geregeltes Leben. Aber auch dies ist nicht jedem Menschen geschenkt. Leider gibt es viele Menschen auf der Flucht, ohne Heimat, ohne Zuhause und ohne geregeltes Leben. Sie müssen oft unschuldig leiden, denn ihnen sind diese Dinge entrissen worden!
Kain sieht nun also das Ausmaß seiner Sünde und zerbricht fast unter der Last seiner Schuld. Das ist eine Erfahrung, die wir alle machen können. Wenn wir uns unserer Schuld bewusst werden, fällt es uns manchmal sehr schwer, damit zu leben, geschweige denn uns selbst zu vergeben.
Kain befürchtet, von nun an ein Vogelfreier zu sein. An seinen Aussagen bemerken wir, dass über Kain und Abel hinaus bereits weitere Menschen die Erde bevölkern. Sonst könnte er ja nicht von anderen umgebracht werden. Also: Wenn auch nur von Kain und Abel als Kinder des ersten Menschenpaares die Rede ist, heißt das nicht, dass sie die einzigen Nachkommen sind.
Es geschieht etwas Unerwartetes: Gott überlässt Kain nicht der Folgen seiner schweren Sünde. Er ist barmherzig und möchte sein Geschöpf vor dem Tod beschützen. So verleiht er ihm ein Zeichen, durch das jeder, der ihm ein Haar krümmen will, mehrfach bestraft werde. Wie groß ist die Güte Gottes! Er ist sogar bereit, den großen Sünder zu beschützen, damit er unter der Last seiner Schuld nicht zerbricht! Das Zeichen Kains ist ein Zeichen der Barmherzigkeit. Denn Gott gibt ihm auch jetzt noch die Chance zur Buße. Er überlässt ihn nicht der Lynchjustiz seiner Mitmenschen, wenn sie vom Tod Abels hören.

Ps 50
1 Ein Psalm Asafs. Gott, ja Gott, der HERR, hat gesprochen, er rief die Erde vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang.
8 Nicht wegen deiner Opfer rüge ich dich, deine Brandopfer sind mir immer vor Augen.
9 Aus deinem Haus nehme ich keinen Stier an, keine Böcke aus deinen Hürden.
16 Was zählst du meine Gebote auf und führst meinen Bund in deinem Mund?
17 Dabei war Zucht dir verhasst, meine Worte warfst du hinter dich.

20 Du setzt dich hin und redest gegen deinen Bruder, auf den Sohn deiner Mutter häufst du Verleumdung.
21 Das hast du getan und ich soll schweigen? Meinst du, ich bin wie du? Ich halte es dir vor Augen und rüge dich.

Der Psalm als Antwort auf die Lesung geht auf Asaf zurück, den levitischen Sänger zurück. Es ist ein Weisheitspsalm, der das Thema der Lesung aufgreift. Gott selbst spricht hier Worte der Anklage für sein Volk. Er spricht die ganze Schöpfung an, denn es heißt: „Er rief die Erde vom Aufgang der Sonne bis zu ihrem Untergang.“ Mit Aufgang und Untergang werden nicht nur Zeitangaben ausgedrückt, sondern auch geographische. Im Hebräischen gibt es keine Begriffe für Ost und West. Vielmehr wird Sonnenaufgang und Sonnenuntergang zur Umschreibung herangezogen. Gott ruft also die ganze Bevölkerung zusammen, um anzuklagen. Das allein schon verdeutlicht uns, dass die Sünde keine Ausnahmen kennt. Alle Menschen sind von der Sünde betroffen.
Auf besondere Weise wird dennoch das Volk Israel zu einem „Gerichtsprozess“ versammelt, denn es kennt die Gebote Gottes und steht mit ihm in einer Bundesbeziehung. Es hat die besondere Verantwortung nicht gelebt.
„Nicht wegen deiner Opfer rüge ich dich, deine Brandopfer sind mir immer vor Augen.“ Wie bereits oben erwähnt Gott den Opferkult. Hier wird präzisiert, dass die Opfer an sich nicht abgeschafft werden sollen. Vielmehr möchte Gott, dass die Opfer wieder rein und aufrichtig sind. Wir sehen Kain und Abel vor uns, die die Reinheit des Opfers unterschiedlich ernstgenommen haben.
Gott macht nie Vorwürfe, um den Menschen fertig zu machen, sondern um ihn wachzurütteln. Er möchte, dass auch wir in heutiger Zeit zu ihm zurückkehren, bevor es zu spät ist.
Deshalb sagt er ganz drastisch: „Aus deinem Haus nehme ich keinen Stier an, keine Böcke aus deinen Hürden.“ Opfer ist nicht gleich Opfer. Was er kritisiert, kritisiert auch die Äußerlichkeit esoterischer Angebote von heute, in denen ein wenig Meditation, Möbel umstellen oder Diät den „Stand der Gnade“ wiederherstellt ohne persönliche Umkehr. Das Volk Israel bringt Opfer dar, ohne gleichzeitig eine korrekte innere Haltung einzunehmen und einen bestimmten moralischen Lebenswandel aufzuweisen. Es versündigt sich gegen die Gottes Gebote.
Es ist absolut aktuell, wenn wir es auf uns heute beziehen: Wie viele Menschen kommen zur Messe und empfangen sogar die Kommunion, obwohl sie die Gebote überhaupt gar nicht halten und seit über vierzig Jahren nicht mehr gebeichtet haben. Wir sind heute sogar schlimmer als die Israeliten damals, denn diese trugen die Worte und Gebote Gottes noch in ihrem Mund. Sie haben sie noch aufgezählt und thematisiert, aber nicht gehalten. In unserer heutigen Zeit werden die Gebote nicht einmal mehr thematisiert. Sie werden einfach ganz fallen gelassen. Gott ist die Heuchelei zuwider, mit der die Gebote aufgezählt werden, obwohl sie gar nicht gehalten werden. Er will, dass wir Menschen wahrhaftig sind und keine Schauspieler, die ihm etwas vormachen.
In Vers 20 wird nun etwas Entscheidendes mit Blick auf die Lesung angedeutet: Auch zur Zeit Davids verleumden Geschwister einander. Sie reden gegen den anderen schlecht, obwohl es genauso ein Kind der eigenen Mutter ist. Was uns hier also vor Augen geführt wird, ist: Die Verleumdung, Lästerei, das schlechte Behandeln unserer Geschwister verstößt gegen das vierte Gebot! Und das vierte Gebot ist nicht umsonst das erste der Nächstenliebe-Gebote. Wir sollen unseren Eltern die Ehre geben und zugleich unsere Geschwister gut behandeln aus Respekt vor unseren Eltern. Schließlich sind auch sie Kinder unserer Eltern. Was Kain getan hat, ist also nicht nur eine Sünde gegen das fünfte Gebot (damals ist den Menschen noch nicht der Dekalog geschenkt worden, aber dass Mord etwas in sich Schlechtes ist, kann jeder Mensch erkennen, auch ohne die Gabe der Zehn Gebote). Es ist auch eine Sünde gegen das vierte Gebot. Sünde zieht immer gleich ein ganzes Cluster an Sünden nach sich. Auch Eifersucht und Missgunst sind hier zu nennen als Sünde gegen das zehnte Gebot.
„Das hast du getan und ich soll schweigen?“ Gott kann es nicht ignorieren, weil er seine Kinder auf einen riesigen Abgrund zulaufen sieht. Er möchte nicht, dass seine Kinder verloren gehen. Er hält es ihnen vor Augen, damit sie es selbst erkennen und umkehren. So ist es auch heute: Gott kritisiert auch unsere Vergehen und unsere Gottlosigkeit, unseren Unglauben selbst innerhalb der Kirche. Er tut das nicht, weil ihm langweilig ist, sondern er möchte uns vor dem Verderben bewahren! Wir steuern mit hoher Geschwindigkeit dem ewigen Tod zu. Das möchte Gott verhindern.
Was wir durch Lesung und Psalm für uns mitnehmen: Überdenken wir unseren Lebenswandel, damit unser Opfer der Hl. Eucharistie ein aufrichtiges Opfer ist. Wenn Gott uns anklagt, mögen wir die Anklage nicht von uns weisen. Wenn Gott uns die Chance gibt, Reue zu zeigen und die Sünde zu bekennen, nehmen wir das in Anspruch!

Mk 8
11 Da kamen die Pharisäer und begannen ein Streitgespräch mit ihm; sie forderten von ihm ein Zeichen vom Himmel, um ihn zu versuchen. 
12 Da seufzte er im Geist auf und sagte: Was fordert diese Generation ein Zeichen? Amen, ich sage euch: Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben werden. 
13 Und er verließ sie, stieg in das Boot und fuhr ans andere Ufer.

Das Evangelium ist heute sehr kurz. Warum? Weil die Pharisäer, denen Jesus heute begegnet, die ganze Sache abkürzen.
Jesus hat die Menge gespeist und ist direkt im Anschluss mit dem Boot nach Dalmanuta gefahren. Dort hat er nun angelegt und trifft dort auf die ansässigen Pharisäer. Das Problem ist nicht, dass es ein Streitgespräch gibt, denn das griechische Wort συζητεῖν syzetein meint zunächst eine Debatte und nichts Verwerfliches. Das Problem ist vielmehr, dass die Pharisäer Gott auf die Probe stellen wollen wie der Satan Jesus in der Wüste versucht und auch Kain in der heutigen Lesung: Sie fordern ein Zeichen vom Himmel von Jesus. Das ist insofern eine Versuchung, weil sich Jesus bei seiner Menschwerdung entäußert hat. Gott verzichtet auf seine göttliche Allmacht, verbirgt seine Weisheit, wird den Menschen gleich und ist derjenige, der sich maximal gedemütigt hat. Er könnte mit einem Schnips alles umwerfen und die Welt zusammenbrechen lassen. Stattdessen lässt er sich verspotten, sogar noch am Kreuz. Er tut es, um die Menschheit zu erlösen. Und wenn die Pharisäer nun ein Zeichen vom Himmel wollen, dann fordern sie ihn heraus, seine Göttlichkeit zu offenbaren, die Entäußerung aufzugeben. Wer eigentlich dahintersteckt, das erkennt Jesus sofort. Es ist der Böse, der sich der Pharisäer hier bedient, um Jesus anzugreifen.
Die Pharisäer von Dalmanuta haben die Zeit der Gnade nicht erkannt. Jesus hätte sie so viel lehren können, doch sie sitzen auf einem zu hohen Ross. Jesus spricht harte Worte zu ihnen, damit sie von dort oben heruntergeholt werden („Dieser Generation wird niemals ein Zeichen gegeben“). Er tut es nicht, weil er sie nicht ausstehen kann, sondern gerade weil er auch sie liebt. Er möchte, dass auch sie gerettet werden. Deshalb rüttelt er an ihrem Ego. Sie sind zu verstockt, sodass Jesus sich auf den Rückweg machen muss. Wir wissen nicht, was aus diesen Menschen geworden ist. Womöglich haben sie sich dann doch noch bekehrt. Dafür ist es ja noch nicht zu spät.
Jesus steigt wieder ins Boot und fährt ans andere Ufer. Er geht zu jenen, die ihn annehmen, denn Gott ist ein Gentleman. Er drängt sich nicht auf, sondern zieht sich zurück, wo wir ihn ablehnen. Dann muss er schmerzhaft zusehen, wie wir die Konsequenzen dieser Ablehnung tragen müssen. Er wird dann wieder ein Lebenszeichen geben, hier und da nach uns rufen und immer wieder um uns werben. Seine Suche nach jedem verlorenen Schaf haben wir ja bereits in der Lesung in den Blick genommen.
Er möchte nach und nach die Versteinerung unseres Herzens abbauen wie in einem Steinbruch, um Edelsteine zutage zu fördern, die wir nicht einmal selbst dort erwartet haben. Gott gibt uns nicht auf, selbst wenn er sich manchmal zurückzieht. Denn wir alle sind seine geliebten Kinder.

Ihre Magstrauss

Samstag der 5. Woche im Jahreskreis

Gen 3,9-24; Ps 90,1-2.3-4.5-6.12-13; Mk 8,1-10

Gen 3
9 Aber Gott, der HERR, rief nach dem Menschen und sprach zu ihm: Wo bist du?

10 Er antwortete: Ich habe deine Schritte gehört im Garten; da geriet ich in Furcht, weil ich nackt bin, und versteckte mich.
11 Darauf fragte er: Wer hat dir gesagt, dass du nackt bist? Hast du von dem Baum gegessen, von dem ich dir geboten habe, davon nicht zu essen?
12 Der Mensch antwortete: Die Frau, die du mir beigesellt hast, sie hat mir von dem Baum gegeben. So habe ich gegessen.
13 Gott, der HERR, sprach zu der Frau: Was hast du getan? Die Frau antwortete: Die Schlange hat mich verführt. So habe ich gegessen.
14 Da sprach Gott, der HERR, zur Schlange: Weil du das getan hast, bist du verflucht unter allem Vieh und allen Tieren des Feldes. Auf dem Bauch wirst du kriechen und Staub fressen alle Tage deines Lebens.
15 Und Feindschaft setze ich zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Nachkommen und ihrem Nachkommen. Er trifft dich am Kopf und du triffst ihn an der Ferse.
16 Zur Frau sprach er: Viel Mühsal bereite ich dir und häufig wirst du schwanger werden. Unter Schmerzen gebierst du Kinder. Nach deinem Mann hast du Verlangen und er wird über dich herrschen.
17 Zum Menschen sprach er: Weil du auf die Stimme deiner Frau gehört und von dem Baum gegessen hast, von dem ich dir geboten hatte, davon nicht zu essen, ist der Erdboden deinetwegen verflucht. Unter Mühsal wirst du von ihm essen alle Tage deines Lebens.
18 Dornen und Disteln lässt er dir wachsen und die Pflanzen des Feldes wirst du essen.
19 Im Schweiße deines Angesichts wirst du dein Brot essen, bis du zum Erdboden zurückkehrst; denn von ihm bist du genommen, Staub bist du und zum Staub kehrst du zurück.
20 Der Mensch gab seiner Frau den Namen Eva, Leben, denn sie wurde die Mutter aller Lebendigen.
21 Gott, der HERR, machte dem Menschen und seiner Frau Gewänder von Fell und bekleidete sie damit.
22 Dann sprach Gott, der HERR: Siehe, der Mensch ist wie einer von uns geworden, dass er Gut und Böse erkennt. Aber jetzt soll er nicht seine Hand ausstrecken, um auch noch vom Baum des Lebens zu nehmen, davon zu essen und ewig zu leben.
23 Da schickte Gott, der HERR, ihn aus dem Garten Eden weg, damit er den Erdboden bearbeite, von dem er genommen war.
24 Er vertrieb den Menschen und ließ östlich vom Garten Eden die Kerubim wohnen und das lodernde Flammenschwert, damit sie den Weg zum Baum des Lebens bewachten.

Gestern haben wir gehört, wie die ersten Menschen Gott ungehorsam werden und der Versuchung des Bösen nicht widerstehen. Es kommt zum ersten Sündenfall. Heute hören wir von der Tragweite dieser Tat.
Der heutige Abschnitt beginnt mit Gottes Frage „Wo bist du?“ Er fragt den Menschen, was „Adam“ wörtlich heißt. Der Literalsinn ist an dieser Stelle das Rufen Gottes nach Adam, nachdem dieser gesündigt und sich versteckt hat. Auch Jesus ruft die Menschen später zu sich v.a. ruft er nach den Sündern – er ruft Matthäus/Levi, er ruft Zachäus, er ruft aber auch seine Apostel, ihm nachzufolgen. Gott ist immer im Dialog mit seinen Geschöpfen und ruft umso lauter, je mehr sie sich von ihm entfernen. So ruft auch die Kirche in der Nachfolge Christi, der seinen Jüngern auftrug, in die ganze Welt hinauszugehen, das Evangelium zu verkünden und alle Menschen zu seinen Jüngern zu machen. Die Kirche ruft die Menschen zur Umkehr, auch wenn sie sich dadurch unbeliebt macht (so wie Johannes der Täufer). Gott ruft auch jeden einzelnen Menschen – zur Umkehr und in seine Nachfolge (in Berufung steckt der Ruf). Wenn wir gegen Gottes Gebote gehandelt haben, kriegen wir ein schlechtes Gewissen. Das ist der Ruf Gottes in unserer Seele. Gott ruft uns auch zum heiligen Berg, zum himmlischen Jerusalem am Ende der Zeiten. Dann werden die Engel ihm zur Seite stehen und mit Posaunen Gottes Ruf unterstützen. Dann wird uns Gott auch fragen, wo wir stehen – auf seiner Seite oder nicht.
Warum aber versteckt sich das Menschenpaar? Es hat Angst – und das ist etwas Neues, das Gott so nicht geschaffen hat. Die Angst ist eine Folge der Sünde. Ein Weiteres hängt damit zusammen und ist ebenfalls Folge der Sünde – die Scham. Das Menschenpaar erkennt mit dem Sündenfall ihre Nacktheit und will nicht, dass Gott es so sieht. Das bezieht sich nicht nur auf die körperliche Nacktheit, sondern auf die gesamte menschliche Existenz. Der Mensch fühlt sich in Gottes Angesicht nun nicht mehr geborgen, weil er ihn ganz sieht, sondern er fühlt sich ausgeliefert, dadurch dass Gott in sein Innerstes sehen kann. Er hat jetzt einen Bereich im Leben, den er Gott nicht zeigen will. Gott fragt Adam, ob er von dem Baum gegessen habe. Diese Frage ist für ihn eigentlich überflüssig, da er allwissend ist und die Antwort bereits kennt. Er fragt aber wegen des Menschen. Dieser soll bekennen und erhält die Chance, Reue zu zeigen! Doch was macht Adam? Er redet sich heraus und macht die Frau dafür verantwortlich („die FRAU, die du mir beigesellt hast“). Es ist noch schlimmer, als wir auf den ersten Blick sehen: Er macht sogar Gott verantwortlich („die Frau, die DU mir beigesellt hast“). Adam gesteht seine eigene Schuld nicht ein, die er ja hat. Schließlich hatte Gott beide Menschen mit einem freien Willen ausgestattet und beide hätten ablehnen können von ihrer Disposition her. Auch die Frau erhält eine Frage von Gott, auf die er ja bereits die Antwort kennt „was hast du getan“. Dies ist auch typisch für Jesus: Er fragt die Menschen, obwohl er deren Antwort bereits kennt. Z.B. fragt er den Blinden „was willst du, dass ich dir tue?“ Er tut es um des Befragten willen. Der Blinde soll von sich aus, also freiwillig und mit eigenen Worten aussprechen, was er sich wünscht. Die Kirche tut dies in Christi Vollmacht, die er den Aposteln übertragen hat („Wem ihr die Sünden vergebt, dem sind sie vergeben“ etc.). Dies geschieht im Sakrament der Beichte. Der Priester fragt vielleicht nicht so direkt, aber erwartet die Antwort durch den Beichtenden in dessen Bekenntnis. Denn eigentlich fragt der Priester stellvertretend für die ganze Kirche, mit der sich dann der Beichtende am Ende versöhnt (also nicht nur mit Gott!). Der Herr gibt uns auf diese Weise die Chance, umzukehren. Wie oft nutzen wir das aber nicht…wir sehen die leeren Beichtstühle, falls es sie überhaupt noch gibt. Umso tröstlicher, dass an anderen Orten wie in Medjugorje die Beichtstühle übervoll sind und Menschen umkehren! Gott fragt uns „was hast du getan“ auch durch unser Gewissen. Stellen wir uns nicht manchmal selbst die Frage „was habe ich nur getan?“. Eigentlich ist es Gott in uns, der das zur Sprache bringt, damit wir uns selbst anklagen und bereuen mit der Absicht, es nicht wieder zu tun. Bei uns Menschen bleibt der Gewissensruf oft unerhört oder wird dadurch erstickt, dass wir uns die Schuld nicht eingestehen, sie anderen in die Schuhe schieben und ganz besonders auch dadurch, dass wir es Gott in die Schuhe schieben. Wie schnell machen wir ihn dafür verantwortlich, wenn in unserem Leben etwas nicht gut läuft. Wir hadern ganz schnell mit dem, der die Quelle unseres Lebens ist. Schließlich wird uns Gott am Ende fragen „was hast du getan“, wenn wir nach unserem Tod vor ihm stehen. Dann werden wir im Feuer seiner Liebe unser eigenes Verschulden sehen und es wird uns so sehr schmerzen, wie nichts Anderes. Dann werden wir uns eben nicht mehr herausreden können, weil wir uns nicht mehr verstecken können.
Das Motiv des Essens vom Baum ist heilsgeschichtlich gesehen unendlich wichtig und wir müssen es unbedingt im Hinterkopf behalten. Denn der Baum wird antitypisch erfüllt, ebenso wie Adam und Eva. Die Kirchenväter werden eine typologische Brücke zum Holz des Kreuzes ziehen, an dem Jesus, der neue Adam gestorben ist. Sie erkennen im Baum des Kreuzes den Baum des ewigen Lebens.
Es ist bemerkenswert, wie die Schlange bestraft wird. Den Worten Gottes nach müssen wir davon ausgehen, dass sie ursprünglich Gliedmaßen besaß und kein Kriechtier war. Die selige Anna Katharina Emmerick hat in ihren Visionen die Schlange als intelligentes Tier auf zwei Beinen gesehen, das Eva überall hin begleitet hat.
Mit dem Sündenfall tritt zwischen der Frau und der Schlange eine Feindschaft in Kraft, die Gott hier nun verkündet. Diese wird sich fortsetzen mit dem Nachkommen der Frau. Was Gott hier verkündet, ist der ewige Kampf, in dem sich die gesamte Menschheit, ja die gesamte Schöpfung befindet, bis der neue Himmel und die neue Erde ins Dasein gerufen werden. Diese Feindschaft wird sich aber auch zunächst historisch zeigen, in dem das auserwählte Volk ständig im Kampf gegen andere Völker sein wird. Das heißt natürlich nicht, dass die anderen Völker vom Teufel sind, aber dass dieser im Hintergrund seine Fäden zieht und der Kern aller Kämpfe der Welt ein geistiger ist. So hetzt er Menschen gegeneinander auf, Familienmitglieder gegeneinander auf (so wird auch Jesus später verkünden) und so hetzt er auch Menschen im neuen Bund gegeneinander auf. Jesu gesamte Verkündigung und seine messianische Identität betonen diese geistige Realität. Die Menschen haben das mehrheitlich nicht verstanden und einen Messias als politischen Freiheitskämpfer erwartet. Auch heute schimpfen wir und klagen wir über die Nöte unserer Welt und vergessen dabei manchmal, dass das eigentliche Problem ein geistiges ist. Hier in Gen 3 ist trotz dieser weiterreichenden Dimensionen ganz spezifisch die Feindschaft der Frau und der Schlange sowie ihres Nachkommens mit der Schlange die Rede. Das ist kein Zufall. Von Anfang an hat die Kirche damit eine typologische Brücke zu Jesus und Maria geschlagen, die zu Erzfeinden des Teufels werden. Dann ist Maria der Antitypos der Frau, die hier zum Feind der Schlange wird – dem Teufel. Nicht umsonst wird Jesaja in seiner Friedensvision sehen, wie ein kleines Kind mit einer Schlange spielen wird.
Gott kündigt sodann die Konsequenzen der Sünde für die beiden Menschen an: Die Frau wird von nun an unter Schmerzen gebären. Sie wird viele Kinder zur Welt bringen. Und etwas besonders Drastisches: Sie wird nach ihrem Mann begehren, aber dieser wird über sie herrschen. Die Beziehung zwischen Mann und Frau ist von nun an zerbrochen. Es wird nie wieder ein gegenseitiges und vollkommenes Verständnis herrschen. Die Frau wird alles tun, jegliche Reize zum Einsatz bringen, um dem Mann zu gefallen. Dieser wird sie aber ausbeuten, er wird sie als Objekt betrachten und behandeln. Es wird keine gegenseitige Hingabe mehr sein. Der Mann wird der Frau nicht mehr sein Herz verschenken, sondern ihr alles nehmen, insbesondere ihre Würde. Das ist die Pervertierung der guten Schöpfung und der wunderbaren Liebesgemeinschaft zwischen Mann und Frau. Die Abbildhaftigkeit innerhalb des Menschen sowie in der Gemeinschaft ist ganz verzerrt.
Zu Adam sagt Gott, dass durch seine Sünde der Erdboden verflucht ist. Unter Mühsal wird er von ihm essen. Es wird harte Arbeit sein, den Acker zu bestellen und große Mühe bis zur Ernte. Die Mühsal wird zusammengefasst in der Wendung „im Schweiße deines Angesichts“. Er wird hart arbeiten sein Leben lang, bis er zum Staub zurückkehrt, aus dem er gemacht ist.
Nach dem Sündenfall benennt Adam seine Frau als Eva, Leben. Sie wird zur Mutter aller Lebenden. Von da an muss der Mensch sich auch mit der Begierde arrangieren, indem er dauerhaft in Kleidung umhergeht.
Gott sagt bei sich erneut im Plural, dass der Mensch nicht auch noch vom Baum des Lebens essen soll. Deshalb wird der Mensch aus dem Paradies verbannt. Die Pluralform ergibt sich nicht aus dem Pluralis majestatis, sondern wir dürfen diese Stelle trinitarisch lesen.
So müssen die Menschen den Garten verlassen und den Erdboden bestellen. Die Kerubim bewachen mit flammendem Schwert den Baum des Lebens und den Eingang zum Paradies. Ab jetzt beginnt ein hartes Leben für die gefallene Menschheit.

Ps 90
1 Ein Bittgebet des Mose, des Mannes Gottes. O Herr, du warst uns Wohnung von Geschlecht zu Geschlecht.
2 Ehe geboren wurden die Berge, ehe du unter Wehen hervorbrachtest Erde und Erdkreis, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.

3 Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!
4 Denn tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.
5 Du raffst sie dahin, sie werden wie Schlafende. Sie gleichen dem Gras, das am Morgen wächst:
6 Am Morgen blüht es auf und wächst empor, am Abend wird es welk und verdorrt.
12 Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.
13 Kehre doch um, HERR! – Wie lange noch? Um deiner Knechte willen lass es dich reuen!

Was wir in der Lesung betrachtet haben, fassen wir in dem Psalm 90 zusammen – die Vergänglichkeit unseres Lebens. Es handelt sich um einen Klagepsalm, der die Vergänglichkeit des Menschen gleichsam beklagt. Es ist auch Anlass zur Klage, denn das erste Menschenpaar muss die bitteren Folgen seiner Sünde tragen – und zieht alle nachfolgenden Generationen hinein!
Dieses Bittgebet voller Klage ist nicht von König David, sondern geht auf Mose zurück. Zu Beginn erinnert Mose Gott an die Zeiten, in denen er bereits seinen Beistand bewiesen hat. Er war den Israeliten Wohnung – besonders in der Zeit außerhalb der eigenen Heimat. Gott ist ihnen zum Zuhause geworden. Gott ist ewig, er hat keinen Anfang und so existierte er bereits vor Erschaffung der Welt: „Ehe geboren wurden die Berge, ehe du unter Wehen hervorbrachtest Erde und Erdkreis, bist du Gott von Ewigkeit zu Ewigkeit.“ Das Bild der Wehen wird Paulus im Neuen Testament aufgreifen, um die „Geburt“ der neuen Schöpfung zu umschreiben. Es ist bildhaft zu verstehen, weil Gott die Erde nicht wortwörtlich gebärt wie eine Frau ein Kind. Und doch ist es eine schöne poetische Wendung für die Hervorbringung der Schöpfung.
„Zum Staub zurückkehren lässt du den Menschen, du sprichst: Ihr Menschenkinder, kehrt zurück!“ Das drückt den Kreislauf des Lebens gut aus, auch hier spielt es auf die Schöpfung des Menschen aus dem Ackerboden an. Deshalb heißt der Mensch ja auf Hebräisch auch Adam. Es leitet sich von dem Wort Adamah ab, das „Ackerboden“ heißt. Diese Aussage hat Gott in Gen 3 auch zu Adam getätigt als Folge seiner Sünde.
„Tausend Jahre sind in deinen Augen wie der Tag, der gestern vergangen ist, wie eine Wache in der Nacht.“ Die Nachtwachen dauern laut jüdischer Zählung um die vier Stunden im Gegensatz zur römischen Zählung von drei. Das hängt damit zusammen, dass die Juden die Nacht in drei Phasen aufteilen. Bei Gott gibt es keine Zeit. Er lebt in der Ewigkeit und die Kategorie der Zeit gehört zum Bereich der Schöpfung. Bei Gott ist Timing also ganz anders als bei den Menschen. Das erkennt schon Mose, auch wenn er noch nicht so viele eschatologische Betrachtungen anstellt.
Das Leben des Menschen ist schnell vorbei, es ist wie mit dem Gras, das schnell wächst, aber auch schnell verdorrt. Mose vergleicht den Tod mit dem Schlaf. Wer gestorben ist, wird wie ein Schlafender. Diese Tradition zieht sich durch die gesamte Bibel, soweit dass sogar Paulus von den Entschlafenen spricht und die Auferstehung Jesu von den Toten „Auferweckung“ genannt wird. Gestern deutete ich an, dass die Kirchenväter den tiefen Schlaf Adams ebenfalls als zwischenzeitlichen Tod bewertet haben.
Mit Vers 12 erreichen wir den Kern des Psalms, denn er beinhaltet die zentrale Bitte an Gott: „Unsere Tage zu zählen, lehre uns! Dann gewinnen wir ein weises Herz.“ Gott möge den Israeliten damals wie uns Christen heute die Gnade schenken, das Leben bewusst zu leben. Jesus nennt es „wachsam sein“ und nüchtern bleiben statt berauscht von der Weltlichkeit der Welt. Wir sollen immer so leben, als wäre es unser letzter Tag. Dann werden wir ihn bewusst durchleben und uns von Herzen um ein Leben nach den Geboten bemühen. Wir sollen nicht so dahinvegetieren, als gebe es kein Morgen, perspektivlos und unmotiviert. Wir sollen stets sinnerfüllt leben. Wenn Gott uns seine Weisheit schenkt, wird unser Herz weise. Diese Weisheit ist ewig und vollkommen, weil sie eine Gabe Gottes darstellt.
„Kehre doch um, HERR! – Wie lange noch? Um deiner Knechte willen lass es dich reuen!“ Gott soll nicht umkehren wie ein Mensch im Sinne einer Bekehrung von den Sünden. Gott ist vollkommen und heilig, er ist nur gut. Aber er soll sein Angesicht den Israeliten wieder zuwenden. Mose betet diese Worte wohl im Kontext eines Leidens aufgrund der Sünden des Volkes. Wir verstehen heute, dass nicht Gott sein Angesicht von uns abwendet, sondern der Mensch sich von ihm entfernt. Gott muss nichts „bereuen“, weil das eine Eigenschaft ist, die sündige Menschen haben können, nicht der heilige Gott. Das ist eine menschliche Sichtweise auf Gott, die ihrer Zeit geschuldet ist. Wir erkennen an so einer Bibelstelle, dass es auch menschliche Einflüsse gibt, viele Anthropomorphismen, Gottesbilder aus Sicht von Menschen einer bestimmten Zeit und Kultur. Die Wendung „wie lange noch“ ist typisch für Klagepsalmen und beweist, dass die Menschen damals durchaus verstanden haben, dass Leiden zeitlich begrenzt ist. Gott lässt nicht zu, dass der Mensch ewig leiden muss. Jene, die Gott fürchten, werden das ewige Heil genießen, das Leiden ist aber zeitlich streng begrenzt.

Mk 8
1 In jenen Tagen waren wieder einmal viele Menschen um Jesus versammelt. Da sie nichts zu essen hatten, rief er die Jünger zu sich und sagte: 

2 Ich habe Mitleid mit diesen Menschen; sie sind schon drei Tage bei mir und haben nichts mehr zu essen. 
3 Wenn ich sie hungrig nach Hause schicke, werden sie auf dem Weg zusammenbrechen; denn einige von ihnen sind von weit her gekommen. 
4 Seine Jünger antworteten ihm: Woher könnte jemand diese hier in der Wüste mit Broten sättigen? 
5 Er fragte sie: Wie viele Brote habt ihr? Sie antworteten: Sieben. 
6 Da forderte er die Leute auf, sich auf den Boden zu setzen. Dann nahm er die sieben Brote, sprach das Dankgebet, brach die Brote und gab sie seinen Jüngern zum Verteilen; und die Jünger teilten sie an die Leute aus. 
7 Sie hatten auch noch ein paar Fische bei sich. Jesus segnete sie und ließ auch sie austeilen. 
8 Die Leute aßen und wurden satt. Und sie hoben die Überreste der Brotstücke auf, sieben Körbe voll. 
9 Es waren etwa viertausend Menschen beisammen. Danach schickte er sie nach Hause.
10 Gleich darauf stieg er mit seinen Jüngern ins Boot und fuhr in das Gebiet von Dalmanuta.

Heute hören wir im Evangelium von der wunderbaren Speisung, die wir in der Advents- oder Weihnachtszeit schon aus anderen Evangelien gehört haben: Markus lässt die Information weg, wo genau die Speisung stattfindet, aber von Mt 15 wissen wir, dass Jesus auf einen Berg steigt. Da fragt man sich vielleicht, warum er ausgerechnet so einen Ort aufsucht. Schließlich müssen die vielen Menschen ihm folgen, die dort mit Beschwerden zu ihm kommen. Der springende Punkt ist: Jesus tat nie etwas ohne tieferen Sinn. So wie die Torah am Sinai gegeben wird, so nährt Jesus das Volk nun durch seine Worte und vor allem hier mit sieben Broten und ein paar Fischen.
Jesus sagt zu seinen Jüngern, er hat Mitleid (σπλαγχνίζομαι „ich habe Mitleid/ich erbarme mich“). Gott ist barmherzig mit seinen Kindern. Es ist ihm nicht egal, wenn sie leiden müssen. Er leidet vielmehr mit und gibt Kraft, das Leiden auszuhalten.
Jesus tut mit der Speisung etwas Ungewöhnliches mitten auf einem Berg in der Wüste: Er sättigt die Menschenmenge, anstatt sie wegzuschicken. Auch dies ist nicht nur ein Akt der leiblichen Stärkung („sonst brechen sie auf dem Weg zusammen“). Jesus möchte uns auf dem Lebensweg nähren durch sein Wort und seine Sakramente, damit wir auch seelisch nicht zusammenbrechen. Er möchte uns die Kraft geben, nach dem Willen Gottes leben zu können. Den Menschen, die ihm bis in die Wüste gefolgt sind, ging es zuerst um das Reich Gottes, deshalb gab Jesus ihnen alles Andere dazu! Sie haben anders gehandelt als die Väter in der Wüste, die sich nach den Fleischtöpfen der Ägypter zurücksehnten. Ihnen war das leibliche Wohl wichtiger, als nun frei von der Sklaverei zu sein und Gott ungestört opfern zu können. Auch uns heute möchte Gott mit Überfülle beschenken, wenn wir zuerst ihn suchen. Und die Kirche ist ja Volk Gottes auf dem Weg, die Wegzehrung braucht. Deshalb ist es so überlebenswichtig für sie, die Eucharistie jeden Tag zu feiern. Diese ist das Brot, mit dem die Kirche genährt wird, um alles zu überstehen, auch jedes Schisma, jede Anschuldigung, jede Attacke. Dann wird sie am Ende der Zeiten in der Ewigkeit „gemästet“ werden beim Hochzeitsmahl des Lammes.
Jesus bittet die Menge, sich hinzusetzen. Eigentlich steht da wörtlich das Verb ἀναπίπτω anapipto, was unter anderem die Bedeutung „sich zu Tisch legen“ aufweist und verwendet wird, wenn man sich zu Tisch begibt. In dem Kulturkreis lag man am Tisch, anstatt zu sitzen. Sich niederlegen in der Wüste auf einem Berg scheint absurd? Nicht für den Messias, der in seiner pädagogischen Feinfühligkeit den Juden das Hochzeitsmahl des Lammes und den Himmel beibringen will! Jesus lädt zum Festmahl ein und bittet seine Gäste sozusagen „zu Tisch“. Hier ist die Endstation der Erfüllung noch nicht erreicht. Sie endet im Abendmahlssaal mit den zwölf Aposteln. Und doch werden die Menschen dafür schon vorbereitet, wenn Jesus neben den Fischchen ausgerechnet Brot nimmt und dem Vater dafür dankt (die Danksagung heißt im Griechischen εὐχαριστία eucharistia!). Interessant ist, dass er die Brote nicht selbst an die Menschen verteilt, sondern seine Jünger die Verteilung vornehmen lässt. Dies ist auch auf ekklesiologischer Ebene eine Vorbereitung ganz bestimmter liturgischer Dienste. In der Urkirche wurde die Austeilung der Eucharistie deshalb von Diakonen unterstützt. Bemerkenswert und wiederum ein göttliches Wunder ist, dass ganze sieben Körbe von den sieben Broten übrig bleiben. Auch dies ist den Menschen ein Zeichen: Wenn Gott gibt, dann gibt er im Überfluss. Die Zahlen Sieben und Zwölf sind biblisch immer Zahlen der Fülle, Vollkommenheit und Vollständigkeit. Dies verdeutlicht das in dem Kontext stehende Verb ἐχορτάσθησαν echortasthesan „sie wurden gemästet“, was die Einheitsübersetzung in Vers 8 mit „und wurden satt“ übersetzt. Die dort Anwesenden werden begriffen haben, dass hier der Messias eine göttliche Heilstat begangen hat, die schon Jesaja 25 angekündigt hat. Die frommen Juden werden vielleicht auch an das Manna in der Wüste gedacht haben, das ihre Väter gegessen haben. Dies erklärt auch, warum Jesus diese Speisung ausgerechnet in der Wüste vorgenommen hat. Auch damals war es zunächst eine Sättigung der Leiber und doch ging es damals schon darüber hinaus. Das alte Israel ist darauf vorbereitet worden, was nun mit Jesus geschah. Die Menschen mit ihm sind nicht nur körperlich, sondern auch im Glauben gesättigt worden – auch durch die Unterweisungen und Heilungen, von denen wir in den letzten Wochen aus dem Markusevangelium immer wieder gehört haben. Jesus nimmt auch sein eigenes Opfer vorweg, bei dem er selbst auf dem Berg hingegeben wird. Die Speise, die er dann nicht nur Viertausend, sondern allen Menschen der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geben wird, ist die Sättigung für den Weg in die Ewigkeit, damit wir nicht unterwegs zusammenbrechen, weder als Kirche noch als einzelne Christen im Alltag.
Nach der Speisung werden die Menschen nach Hause geschickt. Auch wir werden ausgesandt, kurz nachdem wir die Kommunion in der Messe empfangen haben. Der Priester sagt zum Schluss „ite, missa est“, wörtlich zu Deutsch „gehet, es ist gesandt/es ist eine Sendung“. Wir sollen das empfangene Heil zu den Menschen bringen bis an die Enden der Erde.
Direkt im Anschluss an die Speisung steigt Jesus mit seinen Jüngern in ein Boot und fährt nach Dalmanuta. Die Gnade ist nicht nur für die hier anwesenden Viertausend, sondern für alle Menschen. Deshalb gibt es keine Pause für Jesus, sondern er zieht direkt weiter, um auch woanders den Menschen das Heil zu bringen. So ist Gottes Neuer Bund. Er möchte alle Menschen retten und bietet sein Heil deshalb der gesamten Menschheit an.

Ihre Magstrauss

6. Sonntag im Jahreskreis

Lev 13,1-2.43ac.44ab.45-46; Ps 32,1-2.5 .10-11; 1 Kor 10,31 – 11,1; Mk 1,40-45

Lev 13
1 Der HERR sprach zu Mose und Aaron:
2 Wenn sich auf der Haut eines Menschen eine Schwellung, ein Ausschlag oder ein heller Fleck bildet und auf der Haut zu einem Anzeichen von Aussatz wird, soll man ihn zum Priester Aaron oder zu einem seiner Söhne, den Priestern, führen.
43 Der Priester soll ihn untersuchen. Stellt er auf der Hinterkopf- oder auf der Stirnglatze eine hellrote Aussatzschwellung fest, die wie Hautaussatz aussieht,

44 so ist der Mensch aussätzig; er ist unrein. Der Priester muss ihn für unrein erklären; sein Kopf weist das Anzeichen auf.
45 Der Aussätzige mit dem Anzeichen soll eingerissene Kleider tragen und das Kopfhaar ungekämmt lassen; er soll den Bart verhüllen und ausrufen: Unrein! Unrein!
46 Solange das Anzeichen an ihm besteht, bleibt er unrein; er ist unrein. Er soll abgesondert wohnen, außerhalb des Lagers soll er sich aufhalten.

In der ersten Lesung geht es heute um die Vorschriften zum Thema Aussatz. Diese Krankheit wird vor allem als eine kultisch verunreinigende Krankheit betrachtet. Sie ist also nicht nur höchst infektiös, sondern auch im kultischen Sinne ansteckend. Niemand soll in die Nähe einer aussätzigen Person kommen und der erkrankte Mensch selbst muss vor sich warnen mit dem Ruf „Unrein! Unrein!“
Aus kultischen Gründen soll ein „verdächtiger Mensch“ sich einem Priester zeigen. Dieser ist nicht deshalb die richtige Adresse, weil er medizinische Kenntnisse hat, sondern weil er den Menschen auf die Kultfähigkeit untersuchen soll.
Es werden Details über das Aussehen der Verdächtigen ausgeführt. Sie dienen als Kriterium zur Erklärung einer Kultunfähigkeit oder Kultfähigkeit. Die Anzeichen für einen echten Aussatz sind demnach rötliche Schwellungen auf der Stirn und am Hinterkopf. Sobald diese beobachtet werden, soll der Mensch in „Quarantäne“ und sich isolieren.
Damit die Mitmenschen die Lage erkennen können, soll der Erkrankte eingerissene Kleider tragen, sein Haar ungekämmt lassen, den Bart verhüllen und den Warnruf erklingen lassen. Die Quarantäne soll außerhalb des Lagers erfolgen.
Wir fühlen uns in diesem Jahr sehr angesprochen durch diese Lesung, denn auch in unserer heutigen Zeit müssen Menschen bei Anzeichen einer bestimmten Krankheit in Quarantäne, sind gleichsam „kultunfähig“, nicht weil es Christus so geboten hat, sondern weil der Mensch andere nicht gefährden soll. Wem wir uns zeigen sollen, ist zwar nicht mehr der Priester, denn kultunfähig macht uns nur die Todsünde. Dennoch werden wir ausgesondert und entbehren der Sakramente. So wird eine uns eigentlich fremd gewordene Lesung aus dem Buch Levitikus plötzlich zu einer brandaktuellen Passage.

Ps 32
1 Von David. Ein Weisheitslied. Selig der, dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist. 
2 Selig der Mensch, dem der HERR die Schuld nicht zur Last legt und in dessen Geist keine Falschheit ist. 
5 Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir. Ich sagte: Meine Frevel will ich dem HERRN bekennen. Und du hast die Schuld meiner Sünde vergeben.
10 Der Frevler leidet viele Schmerzen, doch wer dem HERRN vertraut, den wird er mit seiner Huld umgeben.

11 Freut euch am HERRN und jauchzt, ihr Gerechten, jubelt alle, ihr Menschen mit redlichem Herzen!

Der heutige Psalm hat weisheitliche Züge und muss als Dankespsalm eingeordnet werden. Zugleich ist das Thema die vergangene Sünde des Komponisten David. So wird Ps 32 in die Reihe der sieben Bußpsalmen eingeordnet. David preist selig, die die Barmherzigkeit Gottes erfahren haben („dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist“). Ferner preist er selig, wer im Stand der Gnade ist („in dessen Geist keine Falschheit ist“). Gottes Liebe ist so groß, dass er uns vergibt, was wir vor ihm bekennen. So deutet David seine Sünden an, die er in seinem Leben begangen hat (Vers 5). Gott ist es immer, den man aufsuchen soll, an den man sich klammern soll, auch gerade in Schuldsituationen. So kann man die Beziehung auch im Streit überdauern und festigen. Und wenn dann schlimme Dinge passieren, werden sie einen nicht überwältigen („ihn werden sie nicht erreichen“). Das dürfen wir jetzt aber mit Rückbezug auf die Lesung nicht missverstehen: Das heißt nicht, dass automatisch alle Menschen nicht im Stand der Gnade waren, die durch die Pest umgekommen sind. Dieser sogenannte „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ (das heißt Leid ist immer gleich Folge der Sünde und Leidlosigkeit ist gleich Sündlosigkeit) ist nicht generalisierbar. Ein Mensch, der z.B. an Aussatz erkrankt, wird nicht automatisch wegen seiner Sünden krank. Es gibt auch andere Ursachen für das Leiden. Das Volk Israel lernt dies erst im Laufe der Heilsgeschichte. Kürzlich haben wir die Auseinandersetzung mit diesem Prinzip des Tun-Ergehen-Zusammenhangs bei Ijob gehört. Zur Zeit des Mose war noch nicht klar, dass es keine Identität von Krankheit und kultischer Unreinheit gibt. Dieses Verständnis wird sich ja sogar noch zuspitzen, sodass Jesus klarstellt (letzte Woche hörten wir davon!): Nicht was von außen in den Menschen kommt, auch nicht der körperliche Zustand des Menschen, seine Ausscheidungen oder Krankheitsbilder, machen ihn kultisch unrein, sondern sein moralisches Verhalten und das, was von innen, aus dem Herzen des Menschen kommt. Auf die Lesung angewandt müssten wir also sagen: Nicht wer an Aussatz erkrankt ist, ist kultisch unfähig, sondern dessen Herz von Aussatz befallen ist und deshalb voller Sünde dahinfault.
Was König David hier schreibt, ist also vor dem Hintergrund der Entwicklung zu begreifen. Natürlich leidet der Frevler viele Schmerzen, denn er entfernt sich von seiner Lebensquelle. Welchem Wesen kann es gut gehen ohne Nährstoffe, Licht und Wasser! So braucht der Mensch Gott als seine ultimative Lebensquelle. Das heißt aber nicht, dass wir ganz engführend jeden äußeren Schmerz des Menschen automatisch auf seine Sünde beziehen können. Sonst müssten wir alle heiligen Sühneseelen in Wirklichkeit zu den größten Sündern erklären.
Wer ganz innig mit Gott verbunden ist, kann sich wirklich freuen. Das ist eine wichtige Aussage, weil es uns beweist: Wir werden im Leben erst dann so richtig glücklich sein, wenn wir den Weg mit Gott gehen. Wenn wir in Sünde leben, entfernen wir uns ganz von ihm und das macht uns unglücklich. Ein Leben in Fülle ist nicht, in Saus und Braus zu leben, sondern ein Leben nach den Geboten Gottes. Dann fließt der Gnadenstrom, dann ist unser Leben an die Wasserbäche gepflanzt, dann gedeiht unsere Existenz.

1 Kor 10
31 Ob ihr also esst oder trinkt oder etwas anderes tut: Tut alles zur Verherrlichung Gottes!
32 Gebt weder Juden noch Griechen, noch der Kirche Gottes Anlass zu einem Vorwurf!
33 Auch ich suche allen in allem entgegenzukommen; ich suche nicht meinen Nutzen, sondern den Nutzen aller, damit sie gerettet werden.
1 Nehmt mich zum Vorbild, wie ich Christus zum Vorbild nehme!

In der zweiten Lesung hören wir heute die Schlussworte des Paulus zum Thema Götzenopferfleisch. Viele verstehen seine Ausführungen nicht richtig und meinen, die vorausgegangenen Verse isoliert vom 11. Kapitel verstehen zu können. Dabei relativiert Paulus keinesfalls, dass wir kein Götzenopferfleisch essen dürfen. Das klingt auf den ersten Blick vielleicht schräg und wir haben den Eindruck, dass es eine uns nicht berührende Sache betrifft. Mitnichten! Auch wir sind einer Form von Götzenopferfleisch ausgeliefert, denn in der Masse an Angeboten wir wissen nicht immer, inwiefern unsere Nahrungsmittel rituell „beladen“ sind. Manchmal sind diese Dinge markiert, siehe Halal-Produkte im Supermarkt, manchmal sind aber keine richtigen Hinweise gegeben, siehe z.B. Medikamente die homöopathisch sind, als solche aber nicht immer erkennbar.
Im 10. Kapitel erklärt Paulus, dass wenn man nicht wissen kann, was Sache ist (und zu seiner Zeit ist das Problem, dass sowohl Götzenopferfleisch als auch anderes Fleisch auf demselben Markt angeboten worden ist), Gott vertrauen muss, um nicht paranoid zu werden.
So schließt er seine Ausführungen mit den eben gehörten Worten. Wir sollen alles, was wir tun, zur Verherrlichung Gottes tun. Das betrifft auch die Nahrungsaufnahme. Was heißt das aber konkret? Das bedeutet, dass wir alles segnen sollen, bevor wir es essen. Wir sollen für die Nahrung den Herrn danken und ihn bitten, unsere Nahrung zu segnen, damit wir beschützt werden. Uns bleibt auch nichts Anderes übrig. Sonst können wir in unserer heutigen Zeit des zunehmenden okkulten Einflusses aufgrund eines zurückgehenden Glaubens gleich auf den Tod warten. So viele Anfechtungen von allen Seiten – wenn wir da versuchen, alles herauszufinden, werden wir heillos überfordert. Wir müssen es in Gottes Hand legen. Das betrifft auch ein bestimmtes Szenario, um das es Paulus hier geht: Wenn man eingeladen wird zu jemandem nach Hause, kann man nicht wissen, was für Fleisch der Gastgeber vorbereitet hat. Wie soll man sich da am besten verhalten! Deshalb soll man dieses Essen segnen und auf Gott vertrauen. Ich wiederhole: Das ist keine Relativierung der Gefahren rituell aufgeladenen Essens. Ein Kapitel später erklärt er, dass man nicht zugleich am Tisch der Dämonen und am Tisch des Herrn vortreten kann. Wenn man genau weiß, dass es sich um Götzenopferfleisch handelt, soll man es nicht anrühren. Wenn mich heutzutage jemand zum Essen einlädt, von dem ich genau weiß, dass er seine Kartoffeln aus anthroposophischem Anbau bezieht, lehne ich entweder dankend ab oder rühre die Kartoffeln nicht an. Wenn ich zu jemandem komme und keine Ahnung habe, welche Zutaten verwendet werden (was der Normalfall ist), vertraue ich auf Gott.
Warum ermahnt Paulus dazu, weder Juden noch Griechen Anlass zum Vorwurf zu geben? Es geht um ein Dilemma, das unter den korinther Christen entstanden ist und weshalb Paulus in dem Brief überhaupt über Götzenopferfleisch schreibt: Es gibt Christen in der Gemeinde, die eben nicht so handeln, wie Paulus hier beschreibt, sondern paranoid reagieren. Das heißt sie machen sich verrückt wegen der Möglichkeit, dass das vor ihnen stehende Fleisch Götzenopferfleisch sein könnte. Mit dieser Einstellung beunruhigen sie jene, die das Fleisch dennoch essen. Sie reden jenen ein schlechtes Gewissen ein, die aufgrund ihrer finanziellen Lage nicht anders können, als auf dem Fleischmarkt das günstige Fleisch zu kaufen mit dem Risiko, dass es Götzenopferfleisch sein könnte. Jene, die paranoid sind, sollen den „Essern“ keinen Anlass zum Vorwurf darstellen. Jene, die trotz Kenntnis über das Götzenopferfleisch dieses zu sich nehmen, sollen den „Vorsichtigen“ keinen Anlass zum Vorwurf machen. Und wenn man auch mit Gottvertrauen das Fleisch einfach essen würde (von dem man eben nicht weiß, was für ein Fleisch es ist), soll man darauf verzichten, wenn man mit „Vorsichtigen“ zusammen isst. Man soll ihnen keinen Anlass zum Vorwurf geben.
Paulus sagt, dass sich die Korinther an seinem Verhalten orientieren sollen, weil er selbst Christus zum Vorbild nimmt. Dieser ist natürlich nochmal anders, weil er Gott ist. Er steht nicht nur über den Reinheitsgeboten, sondern kann als Gott in die tiefste „Unreinheit“ hinabsteigen, ohne dass es ihm etwas anhaben kann. Er kann die Aussätzigen berühren, die blutflüssige Frau, die Toten etc. und doch „rein“ bleiben. Es geht ja stets um die Kultfähigkeit, also den reinen Zustand, mit dem man opfern kann. Und doch ist er seinen Nachfolgern Vorbild, denn er hat die Nahrung gesegnet und dem Vater gedankt. Er hat bedingungslos auf seinen Vater vertraut. So sollen auch wir auf Gott vertrauen.

Mk 1
40 Ein Aussätziger kam zu Jesus und bat ihn um Hilfe; er fiel vor ihm auf die Knie und sagte: Wenn du willst, kannst du mich rein machen. 

41 Jesus hatte Mitleid mit ihm; er streckte die Hand aus, berührte ihn und sagte: Ich will – werde rein! 
42 Sogleich verschwand der Aussatz und der Mann war rein.
43 Jesus schickte ihn weg, wies ihn streng an 
44 und sagte zu ihm: Sieh, dass du niemandem etwas sagst, sondern geh, zeig dich dem Priester und bring für deine Reinigung dar, was Mose festgesetzt hat – ihnen zum Zeugnis. 
45 Der Mann aber ging weg und verkündete bei jeder Gelegenheit, was geschehen war; er verbreitete die Geschichte, sodass sich Jesus in keiner Stadt mehr zeigen konnte; er hielt sich nur noch an einsamen Orten auf. Dennoch kamen die Leute von überallher zu ihm.

In den letzten Wochen hörten wir unter der Woche immer wieder von den Heilstaten Jesu. Auch heute hören wir davon. Immer wieder gebietet Jesus den Dämonen, seine Identität nicht preiszugeben. Auch heute wird es um das „Messiasgeheimnis“ gehen, wenn ein Aussätziger geheilt wird. Es handelt sich um einen Menschen, der einen starken Glauben hat. Er versteht, dass Gott kein Automat ist, der so handelt, wie er selbst es will. Er versteht, dass seine Heilung von Gottes Willen abhängt. Und deshalb geht er zwar auf Jesus zu und bittet ihn voller Glauben um Hilfe, doch gleichzeitig sagt er „wenn du willst, kannst du mich rein machen.“ Er sagt nicht „wenn du kannst“. Er vertraut auf die Vollmacht des Messias.
Jesus hat Mitleid – hier steht im Griechischen σπλαγχνισθεὶς splangchnistheis. Das heißt auch, er ist barmherzig. So ist Gott, wenn er das Leiden des Menschen sieht. Er sieht es und er leidet mit. Wir liegen ganz falsch, wenn wir meinen, dass Gott gegenüber unserem Leid gleichgültig ist. An Jesus sehen wir, dass das Gegenteil der Fall ist.
Jesus tut dann, was er so oft tut – die Hand ausstrecken und den Menschen berühren. Er ist der Messias und deshalb ist es für ihn kein Problem, etwas kultisch Unreines zu berühren. Aussätzige zu berühren, bedeutete nicht nur eine hohe Ansteckungsgefahr, sondern auch den Ausschluss vom Kult. Darum ging es ja schon im Buch Levitikus. Da Jesus aber Gott ist, steht er über den jüdischen Gesetzen.
Der Mann wird geheilt, denn es ist der Wille Gottes, dass er nicht mehr leidet.
Dann tut Jesus etwas Entscheidendes: Er sagt dem Geheilten, dass er es erstens geheimhalten soll, zweitens sich gemäß dem mosaischen Gesetz einem Priester zeigen sowie die vorgesehenen Reinigungsopfer darbringen soll. Das alles soll er tun „zum Zeugnis für sie“. 
Zunächst zur Geheimhaltung. Es kann als pragmatische Maßnahme angesehen werden, damit Jesus nicht verurteilt wird, bevor er seine Verkündigungszeit abgeschlossen hat.
Das Ganze ist aber vor allem als pädagogische Maßnahme zu betrachten: Jesus möchte den Priestern ein Signal geben, wer er ist. Er ist nie so, dass er einfach herumreist und allen Leuten verkündet „ich bin der Messias“. Er gebietet ja immer wieder den Dämonen, zu schweigen. Wer er ist, zeigt er vielmehr durch sein Verhalten und durch die Erfüllung der alttestamentlichen Verheißung. Jesus möchte also, dass die Priester die wunderbare Heilung des Aussätzigen selbst mit eigenen Augen sehen und davon ausgehend eine messianische Heilstat erkennen. Der Messias, so die Verheißungen des Alten Testaments, heilt alle Krankheiten und Leiden. Dadurch, dass er sich dabei dem mosaischen Gesetz unterstellt, möchte er seine messianische Identität zusätzlich betonen. Als Messias kann er nicht gegen die Juden handeln, sondern ist einer von ihnen. Die Priester sollen auch sehen, dass Jesus sich nicht verschuldet. Er ist gehorsam.
Jesus hat noch eine andere Lektion zu erteilen, nämlich dem Aussätzigen: Gott heilt uns Menschen, damit wir zu ihm zum Glauben kommen (diesen hat der Mann ja schon) und damit wir in unserer Gottesbeziehung gestärkt werden (Jesus ermöglicht dem Aussätzigen wieder den Gottesdienst und den Kult). Der Mann hat gelernt, dass der Messias über dem mosaischen Gesetz steht. Nun unterstellt sich dieser aber freiwillig dem Gesetz. Das ist Gottes Allmacht. Er ist frei darin, seine Allmacht in Anspruch zu nehmen und frei darin, auf sie zu verzichten. So hat der Allmächtige die Schwachheit des Menschen angenommen, weil er frei ist, auf seine Allmacht zu verzichten – das ist die Macht der Liebe.
Jesu Heilstaten bleiben nicht verborgen, sondern verbreiten sich rasch. Viele Menschen suchen ihn auf, um seine Botschaft zu hören und von ihm geheilt zu werden. Das ist auch im Sinne Gottes und das möchte Jesus ja auch – das Reich Gottes verbreiten. Gott möchte die Messianität seines Sohnes nicht durch explizite Worte, sondern durch Taten offenbaren „ihnen zum Zeugnis“. So werden die Menschen zu Gott heimgeführt, nicht durch bloße Rede.

Heute geht es um Reinheit kultischer Art. Wir lernen, dass das Volk Israel einen Lernprozess durchläuft, um zu erkennen, dass nicht die körperliche Verfassung den Menschen rein oder unrein für den Gottesdienst macht, sondern dass dies vom moralischen Zustand des Menschen abhängt. Auch wenn es bei Paulus um einen Aspekt geht, der von außen nach innen verläuft, die Nahrung, die der Mensch zu sich nimmt, geht es letztendlich um eine moralische Frage. Denn der Verzehr von Götzenopferfleisch ist eine Sünde gegen das erste Gebot. Es geht nicht mehr um eine Frage der Speisegebote, wie sie noch im Alten Bund diskutiert worden ist.
Wir lernen gerade durch das Evangelium, dass Christus über den Kultvorschriften steht, weil ihn nichts kultisch verunreinigen kann. Er markiert den Beginn des Neuen Bundes, durch den die Reinheitsvorschriften hinfällig werden mit Blick auf die einzig moralische Reinheit, die im Herzen beginnt.

Ihre Magstrauss

Freitag der 5. Woche im Jahreskreis

Gen 3,1-8; Ps 32,1-2.5.6-7; Mk 7,31-37

Gen 3
1 Die Schlange war schlauer als alle Tiere des Feldes, die Gott, der HERR, gemacht hatte. Sie sagte zu der Frau: Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?

2 Die Frau entgegnete der Schlange: Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen;
3 nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.
4 Darauf sagte die Schlange zur Frau: Nein, ihr werdet nicht sterben.
5 Gott weiß vielmehr: Sobald ihr davon esst, gehen euch die Augen auf; ihr werdet wie Gott und erkennt Gut und Böse.
6 Da sah die Frau, dass es köstlich wäre, von dem Baum zu essen, dass der Baum eine Augenweide war und begehrenswert war, um klug zu werden. Sie nahm von seinen Früchten und aß; sie gab auch ihrem Mann, der bei ihr war, und auch er aß.
7 Da gingen beiden die Augen auf und sie erkannten, dass sie nackt waren. Sie hefteten Feigenblätter zusammen und machten sich einen Schurz.
8 Als sie an den Schritten hörten, dass sich Gott, der HERR, beim Tagwind im Garten erging, versteckten sich der Mensch und seine Frau vor Gott, dem HERRN, inmitten der Bäume des Gartens.

Zuletzt hörten wir in den Lesungen aus der Genesis von der Erschaffung des Menschen. Gestern endete der Abschnitt damit, dass Gott den Menschen als Paar schuf, damit Adam endlich Bein von seinem Bein und Fleisch von seinem Fleisch hat. Vor allem aber freute sich Adam, einem Ich in die Augen schauen zu dürfen, einem Wesen mit Selbstbewusstsein, also einer Person. Die erste wirklich interpersonale Gemeinschaft von Geschöpfen ist geschaffen worden.
Dem Bösen kann das nicht gefallen. Da ist eine Gemeinschaft von Menschen geschaffen worden, die Gottes Abbild ist – eine Liebe, die über sich hinausverweisen soll durch Fruchtbarkeit. Er möchte nicht, dass diese Einheit besteht, genauso wenig, dass die Menschen im Garten Eden sein dürfen und so innig mit Gott verbunden sind. Er erlebte einen Bruch mit Gott vor aller Zeit und was er nicht bekommen konnte – die Gemeinschaft mit Gott -, soll nun auch kein anderes Wesen erfahren.
Es ist deshalb überhaupt kein Wunder, dass er sich das intelligenteste Wesen sucht, um es zu besetzen. Der Satan ist ein Geistwesen ohne eigenen Körper. Deshalb wählt er den Weg über die Schlange. Aus Privatoffenbarungen wissen wir, dass dieses Tier die Frau überall hin begleitet hat. Die Schlange ist aber nicht nur das vertrauteste Tier, sondern auch das schlaueste. Was den Satan ausmacht, ist der unbändige Hochmut, durch den er nicht bereit war, sich Gott unterzuordnen. Passend dazu, fährt er in das schlaueste Tier ein und stellt der Frau eine Fangfrage: „Hat Gott wirklich gesagt: Ihr dürft von keinem Baum des Gartens essen?“ Das hat Gott ja überhaupt nicht gesagt. Der Böse stellt die Frage aber bewusst so, damit er der Frau die wahren Worte Gottes entlocken kann. Sie soll Gottes Auftrag wiederholen, damit er Böse Gott widersprechen kann. Sie antwortet: „Von den Früchten der Bäume im Garten dürfen wir essen; nur von den Früchten des Baumes, der in der Mitte des Gartens steht, hat Gott gesagt: Davon dürft ihr nicht essen und daran dürft ihr nicht rühren, sonst werdet ihr sterben.“
Was der Böse nun anstellt ist das Säen von Misstrauen in den Menschen, der ganz von einer Vertrauensbeziehung zu Gott geprägt ist. Der Mensch lässt sich bis dahin alles von Gott schenken und hinterfragt seine Absichten nie. Doch nun kommt der Böse in Form der Schlange und behauptet: „Ihr werdet nicht sterben.“ Das ist die Urversuchung schlechthin – den Menschen zum Ungehorsam zu verleiten mit der utopischen Aussicht, nie zu sterben. Wie viele esoterische Angebote zielen im Grunde darauf ab, ein möglichst langes Leben zu haben oder sogar den Tod zu umgehen! „Ihr werdet nicht sterben“ ist also ein Lockvogel. Ebenso ist das Folgende in diese Richtung einzuordnen: Den Menschen werden die Augen aufgehen und sie werden wie Gott sein. Das ist der eigentlich springende Punkt. Wie Gott sein wollen, ist die Urversuchung. Daran ist der Satan gescheitert. Das hat ihn aus dem Himmelreich katapultiert. Das ist das Maximum an Hochmut – auch später beim Turmbau zu Babel. Das ist es nun, was der Satan den Menschen schmackhaft machen will, damit auch diese nicht mehr die Gemeinschaft mit Gott genießen können. Zum Werden wie Gott gehört die Erkenntnis von Gut und Böse. Bis dahin wissen die Menschen nicht einmal, dass es mehr gibt als das Gute und dass man wählen kann. Sie sind so frei, dass sie all ihre Freiheit allein auf Gott gesetzt haben. Nun kommt die Bewährungsprobe durch die Versuchung der Schlange.
Und wie es so läuft, wirken die verbotenen Früchte besonders schmackhaft. Das ist eine Erfahrung, die wir alle kennen: Das Verbotene wirkt besonders verlockend. Schon bei Kleinkindern bemerken wir, dass sie eben jenes, was ihnen nicht gehört und was das andere Kind besitzt, haben wollen. Und ein bekanntes Sprichwort sagt uns: „Das Gras des Nachbarn ist immer grüner.“
Und so kommt es, wie es kommen muss: Die Frau nimmt von den Früchten und isst sie. Es geschieht auch ganz nach der Natur der Sünde, dass sie dem Mann davon gibt und auch er isst von den verbotenen Früchten. Denn die Sünde zieht immer große Kreise, sie greift um sich, sodass immer gleich mehrere Menschen hineingezogen werden. Sie ist schlimmer als das infektiöseste Virus.
Ihnen gehen die Augen auf. Von dem Moment an ist alles anders und vor allem zerstört. Sie haben etwas Böses getan und ihre Nacktheit wird nun zu einem bedrohlichen Zustand. Sie wollen nicht mehr voreinander nackt sein. Gestern sagte ich bereits, dass damit nicht nur ihre körperliche Nacktheit gemeint ist, sondern auch das ganz Offenliegende in einer Beziehung. Sie haben keine Geheimnisse voreinander gehabt. Nun wird alles anders. Nun kommt die Scham in die Menschen hinein: Sie schämen sich nun voreinander, vor sich selbst und vor allem vor Gott. Sie schämen sich, weil sie gesündigt haben. Sie haben jetzt einen Bereich in sich, den sie voreinander nicht preisgeben wollen. Dass sie auch ihre körperliche Nacktheit realisieren, kann man durchaus auch auf das Erlischen der Leuchtkraft beziehen, die die Menschen bis dahin umgeben hat wie ein Kleid. Die Gnade ist verschwunden, die Schöpfung gefallen. Die Menschen machen sich aus Feigenblättern einen Schurz, damit sie nicht entblößt sind. Der Blick des Menschen hat sich verändert. Die Begierde ist in ihn hineingekommen und so kann er nicht mehr frei in seiner Nacktheit vor dem Mitmenschen erscheinen.
Als sie nun Gott hören, wie er sich den beiden nähert, verstecken sie sich vor ihm. Sie schämen sich und haben ein schlechtes Gewissen wegen der ungehorsamen Tat.
Der Böse hat es geschafft. Er hat aus dem innigen Verhältnis zwischen Gott und Mensch sowie unter den Menschen einen Bruch provoziert. Er hat den anderen die Suppe versalzen, die er selbst nicht mehr auslöffeln durfte. Von da an ist die ganze Schöpfung zerbrochen.

Ps 32
1 Von David. Ein Weisheitslied. Selig der, dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist. 
2 Selig der Mensch, dem der HERR die Schuld nicht zur Last legt und in dessen Geist keine Falschheit ist. 
5 Da bekannte ich dir meine Sünde und verbarg nicht länger meine Schuld vor dir. Ich sagte: Meine Frevel will ich dem HERRN bekennen. Und du hast die Schuld meiner Sünde vergeben.
6 Darum soll jeder Fromme zu dir beten; solange du dich finden lässt. Fluten hohe Wasser heran, ihn werden sie nicht erreichen. 
7 Du bist mein Schutz, du bewahrst mich vor Not und rettest mich und hüllst mich in Jubel. 

Der heutige Psalm preist jene selig, die die Barmherzigkeit Gottes erfahren haben („dessen Frevel vergeben und dessen Sünde bedeckt ist“). Ferner preist David selig, wer im Stand der Gnade ist („in dessen Geist keine Falschheit ist“). Gottes Liebe ist so groß, dass er uns vergibt, was wir vor ihm bekennen. So deutet David seine Sünden an, die er in seinem Leben begangen hat (Vers 5). Gott ist es immer, den man aufsuchen soll, an den man sich klammern soll, auch gerade in Schuldsituationen. Wir sehen das erste Menschenpaar vor uns, dass sich gegen Gott versündigt hat. Und das ist nicht das Ende vom Lied. Der Herr ist bereit, die ganze Schöpfung mit sich zu versöhnen, indem er Mensch wird und sich hingibt.
Wenn man eine stabile Beziehung hat, kann sie auch im Streit überdauern und gefestigt werden. Und wenn dann schlimme Dinge passieren, werden sie einen nicht überwältigen („ihn werden sie nicht erreichen“). Der Bruch des ersten Menschenpaares ist nicht so endgültig, dass Gott sich den Menschen nicht mehr offenbart oder einen Heilsweg aufzeigen könnte. Wir müssen klarstellen trotz der Worte, die David hier schreibt: Der sogenannte „Tun-Ergehen-Zusammenhang“ (Leid ist immer gleich Folge der Sünde und Leidlosigkeit ist gleich Sündlosigkeit) ist nicht generalisierbar. Wenn es Menschen schlecht geht, liegt das nicht nur an ihrer eigenen Sünde. Und doch ist das in der Regel der Hauptgrund. Dass die ersten Menschen gegen Gott gesündigt haben, wird sie in ein tiefgreifendes Leid stürzen – sie und alle ihre Nachfahren! Wir können die „hohen Wasser“ als Andeutung der Sintflut betrachten. Diese wird hier allegorisch herangezogen, um zu verdeutlichen: Wir werden nicht sterben – und dies wiederum moralisch-anagogisch betrachtet. Wir verlieren das ewige Seelenheil nicht, wenn wir in Freundschaft mit Gott bleiben. Auch der Nebensatz „solange du dich finden lässt“ ist in diese Richtung zu verstehen: Solange wir noch die Chance haben, sollen wir uns bekehren. Wenn der jüngste Tag kommt, ist die Zeit abgelaufen.
„Du bist mein Schutz“ ist wiederum nicht irdisch-existenziell gemeint. König David selbst ist ja eben nicht vor Problemen bewahrt worden. Wie oft ist sein biologisches Leben gefährdet! Der Schutz, den Gott auch uns immer bietet, ist nicht der Schutz vor Leiden. Er kann uns davor nicht bewahren, entweder aufgrund der eigenen Sünden oder der Sünden anderer zu leiden. Er kann aber unsere Seele schützen vor der Verderbnis. Er kann unser ewiges Leben beschützen. So rettet er uns zwar auch manchmal in Notsituationen, dass auch die irdischen Leiden zwischenzeitlich aufhören. Doch ist die eigentliche und umfassende Rettung eine seelische. Wirklich jubeln werden wir also in der Ewigkeit, wenn auch jetzt schon ansatzweise Phasen des Jubels uns jetzt gegeben werden.

Mk 7
31 Jesus verließ das Gebiet von Tyrus wieder und kam über Sidon an den See von Galiläa, mitten in das Gebiet der Dekapolis.

32 Da brachten sie zu ihm einen, der taub war und stammelte, und baten ihn, er möge ihm die Hand auflegen.
33 Er nahm ihn beiseite, von der Menge weg, legte ihm die Finger in die Ohren und berührte dann die Zunge des Mannes mit Speichel;
34 danach blickte er zum Himmel auf, seufzte und sagte zu ihm: Effata!, das heißt: Öffne dich!
35 Sogleich öffneten sich seine Ohren, seine Zunge wurde von ihrer Fessel befreit und er konnte richtig reden.
36 Jesus verbot ihnen, jemandem davon zu erzählen. Doch je mehr er es ihnen verbot, desto mehr verkündeten sie es.
37 Sie staunten über alle Maßen und sagten: Er hat alles gut gemacht; er macht, dass die Tauben hören und die Stummen sprechen.

Heute hören wir davon, dass Jesus von Tyros und Sidon weiterzieht an den See von Galiläa in das Gebiet der Dekapolis. Auch dieses Gebiet von zehn Städten ist ein mehrheitlich heidnisch geprägtes Gebiet. Dort kommt nun ein taubstummer Mann zu Jesus. Das Stammeln wird zumeist auf die Stummheit des Mannes bezogen, der keine richtigen Worte sprechen kann.
Die Menschen, die ihn zu Jesus bringen, bitten Jesus um Handauflegung. So nimmt Jesus ihn beiseite, um auf den ersten Blick sonderbare Gesten an ihm zu vollziehen: Er legt ihm die Finger in die Ohren und berührt die Zunge des Mannes mit Speichel. Einerseits möchte Jesus damit erfüllen, was in Ps 51,17 (Herr, öffne meine Lippen, damit mein Mund dein Lob verkünde!) steht sowie in Jes 50,4 (GOTT, der Herr, gab mir die Zunge von Schülern, damit ich verstehe, die Müden zu stärken durch ein aufmunterndes Wort. Jeden Morgen weckt er mein Ohr, damit ich höre, wie Schüler hören.): Dadurch möchte er ausdrücken, dass die wahre Taubheit und Stummheit sich auf die Seele beziehen. Mit der Heilung körperlicher Art möchte Jesus stets bezwecken, dass auch die Taubheit des Herzens geheilt wird. Diese ist es nämlich, die die Beziehung zu Gott beeinträchtigt und weshalb der Mensch das ewige Leben nicht haben kann. Und wie in Ex 8,15 gesagt wird, dass die übernatürlichen Zeichen der Finger Gottes sind, so begeht Jesus ganz bewusst seine Heilstat mit seinem Finger. Er sagt dadurch aus, dass er Gott ist und dass sein Finger der Finger Gottes ist. Es ist nicht einfach nur Speichel, den er seinem eigenen Mund entnimmt. Diese Geste sagt vielmehr aus, dass hier ein Schöpfungsvorgang aus dem Mund Gottes vorgenommen wird ganz wie bei der Schöpfung in der Genesis. Ausgehend von seinem Mund schenkt Christus diesem Menschen ein neues Leben.
All das erinnert uns an die Taufe. Denn auch dort wird ein Ritus vorgenommen, der auf diese Heilung Jesu zurückgeht. Der Priester legt seine Finger in die Ohren und auf den Mund des Täuflings mit eben jenen Worten Jesu „Efatta!“ So möge wie jener geheilte Taubstumme der Täufling geöffnet werden für den Glauben und den Willen Gottes. Das ist wie gesagt schon in der Heilungsgeschichte des heutigen Evangeliums der eigentliche Zweck der Heilung. Die Taufe ist ein Schöpfungsvorgang, denn in ihr wird der Mensch neugeboren im Hl. Geist.
Jesus verbietet den Menschen erneut, von der Heilung zu sprechen, doch das Ereignis verbreitet sich rasch.
Jesus kann wirklich alles gut machen, wie es die Menschen auch zueinander sagen. Er kann machen, dass die Menschen wieder sprechen und hören können. Das ist viel tiefgreifender, als die Menschen es erahnen: Taubheit und Stummheit der gefallenen Schöpfung sind durch seine Erlösungstat weggenommen, die dafür sorgten, dass der Mensch den Willen Gottes nicht mehr wahrnahm. Alles war zum Scheitern verurteilt wegen des Sündenfalls, den wir in der Lesung heute gehört haben. Doch Christus ist gekommen, diesen Fall wiedergutzumachen. Er ist am Kreuz erhöht worden, um die Gefallenen wieder aufzurichten. Er ist am Kreuz erstickt, seine Psalmworte mitten im Satz verstummt, damit jene, die durch die Sünde stumm geworden sind, Gott im Lobpreis wieder danken können. Er ist taub geworden in dem Sinne, dass er die Stimme des Vaters nicht mehr vernommen hat in der Erfahrung absoluter Gottverlassenheit, damit die erlösten Menschen Gottes Stimme wieder hören können, die Stimme, die ihnen das ewige Heil in Aussicht stellt. Er hat wirklich alles gut gemacht. Was er für uns getan hat, ist das größte Wunder aller Zeiten.

Ihre Magstrauss

Donnerstag der 5. Woche im Jahreskreis

Gen 2,18-25; Ps 128,1-2.3.4-5; Mk 7,24-30

Gen 2
18 Dann sprach Gott, der HERR: Es ist nicht gut, dass der Mensch allein ist. Ich will ihm eine Hilfe machen, die ihm ebenbürtig ist.

19 Gott, der HERR, formte aus dem Erdboden alle Tiere des Feldes und alle Vögel des Himmels und führte sie dem Menschen zu, um zu sehen, wie er sie benennen würde. Und wie der Mensch jedes lebendige Wesen benannte, so sollte sein Name sein.
20 Der Mensch gab Namen allem Vieh, den Vögeln des Himmels und allen Tieren des Feldes. Aber eine Hilfe, die dem Menschen ebenbürtig war, fand er nicht.
21 Da ließ Gott, der HERR, einen tiefen Schlaf auf den Menschen fallen, sodass er einschlief, nahm eine seiner Rippen und verschloss ihre Stelle mit Fleisch.
22 Gott, der HERR, baute aus der Rippe, die er vom Menschen genommen hatte, eine Frau und führte sie dem Menschen zu.
23 Und der Mensch sprach: Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch. Frau soll sie genannt werden; denn vom Mann ist sie genommen.
24 Darum verlässt der Mann Vater und Mutter und hängt seiner Frau an und sie werden ein Fleisch.
25 Beide, der Mensch und seine Frau, waren nackt, aber sie schämten sich nicht voreinander.

In der heutigen Genesislesung hören wir die Fortsetzung des „zweiten“ Schöpfungsberichts. Darin wird beschrieben, wie der Mensch als Abbild Gottes nicht für sich allein sein soll. Denn auch Gott ist in sich Gemeinschaft und hat den ganzen himmlischen Hofstaat aus Engelscharen um sich.
So soll der Mensch eine Hilfe erhalten, die ihm ebenbürtig ist. Zuerst schafft Gott die Tiere aus dem Erdboden und führt sie dem Menschen zu. Dieser soll die Tiere benennen. Der Vorgang ist als Systematisierung zu betrachten. Als Abbild Gottes kann auch der Mensch die Welt in eine Ordnung bringen. Er bildet das Wesen des Logos ab. Er hat eine Vernunft. So benennt der Mensch nun alle Tiere der verschiedenen Tierarten. Doch keines der Tiere ist ihm wirklich ebenbürtig. Wir begreifen, dass „Adam“, was sich hinter dem hier stets formulierten Begriff „Mensch“ verbirgt, nach einem Wesen mit einem Selbstbewusstsein sucht. Das bedeutet er braucht einen „Jemand“, einen Mitmenschen, der sich so wie er auch als Ich begreift. Tiere haben dieses Selbstbewusstsein nicht. Sie können nicht über das Warum ihrer Existenz nachdenken. Sie denken nicht über den Sinn des Lebens nach. Nur zwei Ichs können zum Wir werden. Dies funktioniert dadurch, dass das Ich namens Adam ein ebenbürtiges Wesen als Du bezeichnen kann. Tiere sind also nicht wertlos und deshalb keine Hilfe für den Menschen, sondern sie sind keine Personen. Der Mensch braucht aber eine Person zur Gemeinschaft, die ebenbürtig ist. So lässt Gott „einen tiefen Schlaf“ auf den Menschen fallen. Das wird unterschiedlich bewertet. Man liest sehr oft, dass damit der Tod gemeint ist. Die Kirchenväter deuten diese Stelle auch unterschiedlich, aber in der typologischen Betrachtung geht die Tendenz in Richtung Tod: So wie Christus stirbt und aus seiner Seitenwunde – dem ultimativen Beweis seines Todes – die Kirche, seine Braut, hervorgegangen ist, so ist Adam euphemistisch „in den Schlaf gesunken“, das heißt gestorben, damit aus seiner Seite seine Braut hervorgeht.
Der Begriff für die Rippe Adams ist צֶלַע zela, was wiederum unterschiedlich ausgelegt worden ist, denn alternativ ist der Begriff mit „Seite“ zu übersetzen. So existiert die jüdische Auslegung dieser Schriftstelle als Erschaffung der Frau als Seite des Mannes. Wir sagen ja auch liebevoll zum Partner „meine bessere Hälfte“. Bedeutsam ist dies für uns, wenn wir daraus schließen: Gott hat die Menschen aufeinander hin geschaffen. Sie gehören zusammen.
Wenn wir die Kirchenväter konsultieren und auch die breite jüdische Auslegung im Blick haben, dann wird der Begriff zumeist mit „Rippe“ übersetzt. Auch die Septuaginta, das griechische Alte Testament, übersetzt mit πλευρά pleura, also „Rippe“. Wichtig ist bei der Bezugsetzung des Schöpfungsaktes zu Christus und seiner Kirche die übertragene Bedeutung von „Rippe“. Sie ist nahe am Herzen. Die Frau ist somit ganz nahe am Herzen des Mannes geschaffen. Sie ist zudem geschaffen aus dem Mann, damit ihre Einheit ganz und gar schon vom Schöpfungsakt her angelegt ist. Diese Einheit setzt Augustinus zur Einheit von Christus und seiner Kirche in Beziehung.
Wie man den Menschen bis dahin bewerten muss, wird ausführlich in der Forschung diskutiert: Ist er schon von männlichem Geschlecht, als er alleine ist? Oder ist er zuerst neutral und wird zum Mann im geschlechtlichen Sinne, als die Frau aus seiner Rippe geschaffen wird? Die Tradition bewertete diese Stelle immer als Erschaffung de Frau aus dem bereits existierenden Mann. Zugleich sehen wir, dass von da an Adam immer wieder als אִ֖ישׁ isch bezeichnet wird, die Frau als אִשָּׁ֔ה ischah. Das ist ein Wortspiel im Hebräischen, denn es bedeutet von der hebräischen Grammatik her „vom Mann“. Es ist schwer, dieses Wortspiel in der deutschen Übersetzung aufzugreifen, sodass es nicht anders geht, als bei „Frau“ zu bleiben. Luther versuchte das Wortspiel durch den Begriff „Männin“ anzudeuten. Wenn die Frau „vom Mann“ ist, dann impliziert es, dass der Mensch schon vor Erschaffung der Frau als Mann geschaffen worden ist. Es heißt ja nicht „vom Menschen“. Der Mensch wird zudem auch nach der Erschaffung der Frau als „Mensch“ bezeichnet, da es sein Name ist (Adam).
Als Adam „aufwacht“ und das erste Mal die Frau sieht, fällt es ihm wie Schuppen von den Augen. Wir müssen uns vorstellen, dass er sich die ganze Zeit danach gesehnt hat, einem Wesen in die Augen zu sehen, dass ihn mit einer Seele anschaut, ihn bewusst anblickt, weil es sich als Ich begreift. Nun schaut er diesem Wesen in die Augen und erkennt ein Ich, das für ihn zum Du wird. Endlich ein ebenbürtiges Wesen! Man kann sogar sagen, dass er ein richtiges Selbstbewusstsein, ein Gefühl für sein eigenes Ich erst durch ein ebenbürtiges Gegenüber erhält. Durch die Abgrenzung von den verschiedenen Tieren wird aber bereits ein Ich-Verständnis geschaffen. Denn Adam realisiert ja mehr und mehr, dass er anders ist als der Rest.
Nun sieht er also ein ebenbürtiges Gegenüber vor sich. Er erkennt insgesamt, dass die Frau ihm ganz ähnlich ist. Deshalb ruft er begeistert aus: „Das endlich ist Bein von meinem Bein und Fleisch von meinem Fleisch.“
Weil Mann und Frau ganz aufeinander hin bezogen sind und als Einheit geschaffen wurden – der Mann ist komplett mit der Frau an seiner Seite (!) – wird der Mann sich von da an von seinem Elternhaus lösen, um sich ganz mit der Frau zu verbinden, dass sie ein Fleisch werden. Die Ehe liegt in diesem Schöpfungsakt begründet. Wenn man über sie spricht, geht es nicht ohne naturrechtliche Basis.
Zum Ende hin erfahren wir einen ganz entscheidenden Aspekt: Beide sind nackt, schämen sich aber nicht voreinander. In der Theologie des Leibes des Hl. Johannes Paul II lesen wir wunderbare Betrachtungen über diese Nacktheit. Es meint nämlich nicht nur, dass sie keine Kleidung tragen, sondern auch dass sie ganz voreinander offen sind. Es gibt keine Geheimnisse, kein sich Zurückhalten wollen, kein sich Verbergen und Schützen vor dem Anderen. Es ist eine vollkommene Hingabe zwischen den beiden, die auf vollkommenem Vertrauen basiert. Sie schämen sich nicht voreinander, weil Scham ursprünglich nicht vorgesehen ist. Diese kommt erst mit dem Sündenfall in den Menschen als Schutzmechanismus gegen die Begierde. Sobald der Mensch sich gegen Gott versündigt, schämt er sich vor ihm und wird sich vor ihm verstecken. Dies wird uns später berichtet.
Mann und Frau schämen sich nicht voreinander, weil es dafür auch keinen Grund gibt. Sie sind frei von Begierde, sie sind auch voll des Lichtes, denn sie sind sündenlos.

Ps 128
1 Ein Wallfahrtslied. Selig jeder, der den HERRN fürchtet, der auf seinen Wegen geht!

2 Was deine Hände erarbeitet haben, wirst du genießen; selig bist du – es wird dir gut ergehn.
3 Deine Frau ist wie ein fruchtbarer Weinstock im Innern deines Hauses. Wie Schösslinge von Ölbäumen sind deine Kinder rings um deinen Tisch herum.
4 Siehe, so wird der Mann gesegnet, der den HERRN fürchtet.
5 Es segne dich der HERR vom Zion her. Du sollst schauen das Glück Jerusalems alle Tage deines Lebens.

Als Antwort auf die Lesung beten wir Ps 128, der zum psalmübergreifenden Wallfahrtslied 120-134 gehört. Er stellt einen Haussegen dar, passt also ideal auf die Lesung, in der es ebenfalls um die Familiengemeinschaft geht, die erste Familie überhaupt. Selig sind wir, wenn wir Gottes Gebote halten. Dieses Verhalten zeigt unsere Gottesfurcht und ein geordnetes Leben, wie Paulus in seinen Haustafeln auch erklärt. Wir werden Segen haben, wenn wir „auf seinen Wegen“ gehen. Dieser Segen wird sich z.B. am Erntereichtum zeigen. Das ist ein gängiges Bild und Beispiel für Gottes Segen.
Das greift Gen 3 auf, wo als Folge des ersten Sündenfalls die mühevolle Arbeit angekündigt wird, um das tägliche Brot essen zu können. Wir werden es bald hören. Erntereichtum ist umso mehr ein Zeichen der Gnade Gottes. Wir sehen also auch hier im Psalm die Diskrepanz zwischen Gottes inniger Gemeinschaft mit seinen Geschöpfen und der Korruption durch den Sündenfall.
Auch Vers 4 drückt aus, dass der gottesfürchtige Mann gesegnet sein wird. Wer Gott aber fürchtet, wird sein Leben nicht einfach schleifen lassen. Mit Gottesfurcht ist die Angst gemeint (und das ist nicht pathologisch zu verstehen), Gott zu beleidigen und dadurch die Beziehung zu ihm zu beeinträchtigen. Wer also an der Beziehung zum Herrn arbeitet, wird Segen haben.
Ein weiteres Zeichen des Segens wird hier mithilfe der Bilder „Weinstock“ und „Ölbaum“ gegeben. Wenn die Frau als fruchtbarer Weinstock bezeichnet wird, ist das ein Zeichen des Segens Gottes. Kinderreichtum wird immer zum Indikator vor allem für die Frau, dass sie den Segen Gottes auf sich hat. Die Kinder als Ölbäume deuten auf deren Langlebigkeit und Fruchtbarkeit hin. Der Ölbaum ist deshalb ein Bild, das häufig zusammen mit dem Weinstock genannt wird.
Wenn es dann zum Ende hin heißt „Es segne dich der HERR vom Zion her“, dann ist das ein besonderer Segen. Für die Israeliten war das die maximale Form von Segen, denn „vom Zion“ meint „vom Tempel“. Und dort wohnte die Herrlichkeit Gottes. Wir Christen sehen darin eine typologische Verbindung zum eucharistischen Segen. „Zion“ ist nun die Kirche, in der das Allerheiligste nicht mehr die Bundeslade, sondern der Tabernakel mit den konsekrierten Hostien ist – das fleischgewordene Wort Gottes.
Das ewige Schauen des Glücks Jerusalems ist dann auch mehr als nur wörtlich zu verstehen: Es bezieht sich auf die Glückseligkeit des himmlischen Jerusalems. Dann werden wir mit der himmlischen Familie, also in Gemeinschaft der Heiligsten Dreifaltigkeit leben. Dann kommen wir von der Abbildhaftigkeit zur Vollendung. Das gilt auch für das erste Menschenpaar, von dem wir in diesen Tagen intensiv hören. Das dürfen wir auch sakramental schon jetzt erfahren in der Gemeinschaft der Gläubigen, der Kirche. Wir sind eine einzige Familie, bei der der Priester unser Vater ist. Er sorgt für die Sakramente und Sakramentalien. Die Kirche gebärt uns, zieht uns auf und nährt uns mit den Heilsmitteln seelisch. Alle Gläubigen sind Geschwister im Glauben und bilden so die geistliche Familie, von der Jesus gesprochen hat (Mt 12,50; Mk 3,35). Also hat er selbst die Analogie von Familie, Reich Gottes und Gottes Dreifaltigkeit grundgelegt. Und auch in der Familie Gottes als Kirche ist das verbindende und gliedernde Prinzip die Liebe, Hingabe und der Dienst. Nicht umsonst hat Jesus am selben Abend, als er das Weihesakrament stiftete – mit allen seinen Vollmachten! – den Aposteln die Füße gewaschen als Beispiel für sie. Er wollte verdeutlichen, dass wer in der Hierarchie ganz oben steht, der Diener aller sein soll. Deshalb ausgerechnet die Fußwaschung, denn sie ist der Sklavendienst schlechthin. Auf Adam und Eva zurückbezogen – und das haben ja die Kirchenväter schon getan, siehe Augustinus! – sehen wir die Hierarchie der Familie in einem neuen Bild: Auch wenn die Frau dem Mann Hilfe sein soll und ihm untergeordnet ist, da er zuerst geschaffen wurde und sie aus ihm hervorgegangen ist, heißt das nicht, dass er sie irgendwie ausbeuten und unterdrücken darf. Vielmehr ist es eine Hingabe des Mannes – er soll sein Herz an sie verschenken, weshalb Gott ihm auch ganz bewusst eine Rippe entnimmt. „Macht“ heißt bei Gott Hingabe und Dienst, für den anderen bereit sein, zu sterben.

Mk 7
24 Jesus brach auf und zog von dort in das Gebiet von Tyrus. Er ging in ein Haus, wollte aber, dass niemand davon erfuhr; doch es konnte nicht verborgen bleiben. 

25 Eine Frau, deren Tochter von einem unreinen Geist besessen war, hörte von ihm; sie kam sogleich herbei und fiel ihm zu Füßen. 
26 Die Frau, von Geburt Syrophönizierin, war eine Heidin. Sie bat ihn, aus ihrer Tochter den Dämon auszutreiben. 
27 Da sagte er zu ihr: Lasst zuerst die Kinder satt werden; denn es ist nicht recht, das Brot den Kindern wegzunehmen und den kleinen Hunden vorzuwerfen. 
28 Sie erwiderte ihm: Herr! Aber auch die kleinen Hunde unter dem Tisch essen von den Brotkrumen der Kinder. 
29 Er antwortete ihr: Weil du das gesagt hast, sage ich dir: Geh nach Hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen! 
30 Und als sie nach Hause kam, fand sie das Kind auf dem Bett liegen und sah, dass der Dämon es verlassen hatte.

Im Evangelium hören wir von der heidnischen Religion einer Frau. Jesus begegnet heute einer Syrophönizierin.
Es kommt zu der Begegnung dadurch, dass Jesus sich heute in einem mehrheitlich paganen Umfeld bewegt. Tyros und Sidon werden vor allem von Syrophöniziern bewohnt, die ihre ganz eigenen Verehrungen haben. Es gibt dennoch auch Juden in dem Gebiet, denn Jesus kehrt bei jemandem ein. Es wird sich wohl um das Haus eines Juden gehandelt haben. Es bleibt wie so oft nicht verborgen und die Menschen kommen zu ihm. So hört auch eine hiesige Syrophönizierin von Jesus und kommt zu ihm. Dass sie sich in ein jüdisches Haus begibt, ist schon aller Achtung wert. Damit macht sie sich alles andere als beliebt. Doch ihr Glaube und die Hoffnung, von Jesus Hilfe zu erfahren, sind größer als die Angst vor der Reaktion der Juden. Es erinnert uns an die blutflüssige Frau, die sich trotz ihrer kultischen Unreinheit in die Menschenmenge begibt, weil ihr die Heilung Jesu wichtiger ist.
Die Syrophönizierin kommt zu Jesus, weil ihre Tochter besessen ist und sich von Jesus eine Fernheilung erhofft. Ihr Glaube ist so groß, dass sie ihre Tochter nicht einmal mitbringt. Es ist wie mit dem Hauptmann, der Jesus die Fernheilung seines Sklaven zutraut.
Was wir nun von Jesus lesen, verstehen wir nur dann richtig, wenn wir es nicht einfach oberflächlich lesen. Sonst werden wir uns nur echauffieren. Bei Jesus ist nichts zufällig. Es hat einen tieferen Sinn, warum er folgende Worte zu der Frau sagt. Er möchte sie testen und zugleich den Umstehenden klarmachen, dass der Messias zuerst zu den Juden gekommen ist.
Sie lässt sich nicht beirren durch die Aussage, dass er sie als Hund bezeichnet hat, was bei den Juden als Schimpfwort für die Heiden galt. Sie zeigt ihm ihren starken Glauben und ihre Fürsorge gegenüber dem Kind, die stärker sind als ihr eigener Stolz. Sie wendet Jesu Provokation so, dass sie den Kern des Neuen Bundes zusammenfasst: Jesus ist gekommen, nicht nur für die Juden, sondern auch für die Heiden. Sie demütigt sich dabei, indem sie sich als den kleinen Hund einordnet, der nur die restlichen Krümel der jüdischen Kinder abbekommt. Diese Demütigung zeigt Jesus, dass sie wirklich einen starken Glauben hat. Musste Jesus das unbedingt alles tun, um ihren Glauben zu erfahren? Nein. Er ist Gott, er sieht mit einem Blick in ihre Seele hinein und weiß längst, wie stark ihr Glaube und die Anerkennung des Gottes Israels ist. Was er aber hier tut, ist eine Lektion für die Umstehenden und auch für die Frau. Er möchte den Menschen durch diese Provokation (durch die er die gängige Meinung der Juden verdeutlicht) das Neue hervorheben: Er möchte auch den Heiden das Heil bringen und deshalb sagt er ihr und vor allen Anwesenden: „Weil du das gesagt hast, sage ich dir: Geh nach Hause, der Dämon hat deine Tochter verlassen!“ Ihr Glaube hat ihr geholfen. Das ist den Umstehenden insofern eine Lehre, weil sie sehen, dass der Glaube das Entscheidende ist, auch wenn man nicht zum Judentum gehört. In dieser Situation verhält Jesus sich so, dass er gleichermaßen Juden und Heiden entgegenkommt, dabei den Umstehenden den Glauben dieser Frau demonstriert, damit nicht nur er den Glauben sieht, sondern auch die anderen, und schließlich eine messianische Heilstat vollzieht. An diesem Tag werden viele Menschen ihn als Messias angenommen haben, nicht nur die Syrophönizierin.
Jesus bleibt ganz fest in seiner Überzeugung, dass allein Gott die Ehre gebührt. Er fängt nicht an, die syrophönizischen Gottheiten anzuerkennen und zu sagen: „Alle Religionen sind gleich“ etc. Die Heidin selbst ist auch anders, denn sie erkennt den Gott Israels an, anstatt Jesus ihren Glauben aufzudrücken. Hier wird das Negative der Lesung ins Positive gewendet. Hier funktioniert es wirklich, dass der fromme Jude die Heidin beeinflusst und nicht die Heidin den frommen Juden. Dies gefällt Gott und die Frau ist vor Gott gerecht. Sie erkennt als Nichtjüdin Gottes große Taten voller Glauben an und deshalb wird sie erhört. Das Kind wird befreit. Wir hören nicht von der Nachgeschichte, aber womöglich ist die Frau später Christin geworden, bestimmt zusammen mit dem Kind.
Was entscheidend ist, ist der Glaube. Jesus zeigt eine gewisse Distanz, um auch uns heute zu zeigen, wie unser Umgang mit den Andersgläubigen sein soll: Wir sollen niemanden verachten und helfen, wo wir können. Denn der Nächste ist unser Nächster. Aufgrund der unantastbaren Menschenwürde ist jeder Mensch gut zu behandeln. Zugleich sollen wir fest in unserem eigenen Glauben stehen und andere zu tolerieren heißt nicht, ihre Ansichten übernehmen zu müssen. Diese Distanz in der Glaubensüberzeugung bleibt bestehen. Den Nächsten lieben, ja. Und doch müssen wir nicht alles gut finden, was er oder sie glaubt oder tut. Und ganz inklusivistisch muss man sagen: Wer nicht zu den Kindern Gottes gehört, Gott aber dennoch anerkennt und an ihn glaubt – mit entsprechendem Lebenswandel – dem kann man die Gnade nicht absprechen, so wie der Syrophönizierin. Sie gehört nicht zum auserwählten Volk, gefällt Gott aber doch in ihrem unbeirrten Glauben.

Durch das Evangelium wird uns in Bezug zu Adam etwas Wichtiges bewusst: Während Adam mit seiner Frau eins ist durch die Biologie – sie ist ja ganz aus ihm hervorgegangen – wird die Kirche eins mit Christus durch den Glauben. Die leibliche Einheit ist ja eine mystische.
Christus ist größer als Adam, da durch seine Seite nicht nur ein einzelner Mensch, sondern eine ganze Schar von Gläubigen hervorgeht – die Gemeinschaft der Gläubigen, die wir Kirche nennen. Diese setzt sich zusammen aus allen Völkern, Stämmen, Sprachen und Nationen. Gewiss kommt das Heil aus den Juden und seine Berufung ist zunächst, dass Volk Israel zu erlösen. Zugleich möchte er alle erlösen, die sich gläubig zu ihm bekennen. So wird auch die Syrophönizierin zur Ischah zur Frau die „vom Mann“ ist, nämlich von Christus. Beten wir um die Bekehrung der ganzen Welt, dass so viele Menschen wie nur möglich zur Erkenntnis kommen, dass für sie der Heilsplan bereitliegt, zur Braut Christi zu gehören. Machen wir uns als Getaufte bewusst, dass wir so wie Eva aus der Seite Christi hervorgegangen und dadurch innigst mit ihm verbunden sind.

Ihre Magstrauss


Mittwoch der 5. Woche im Jahreskreis

Gen 2,4b-9.15-17; Ps 104,1-2.27-28.29b-30; Mk 7,14-23

Gen 2
4 Zur Zeit, als Gott, der HERR, Erde und Himmel machte,

5 gab es auf der Erde noch keine Feldsträucher und wuchsen noch keine Feldpflanzen, denn Gott, der HERR, hatte es auf die Erde noch nicht regnen lassen und es gab noch keinen Menschen, der den Erdboden bearbeitete,
6 aber Feuchtigkeit stieg aus der Erde auf und tränkte die ganze Fläche des Erdbodens.
7 Da formte Gott, der HERR, den Menschen, Staub vom Erdboden, und blies in seine Nase den Lebensatem. So wurde der Mensch zu einem lebendigen Wesen.
8 Dann pflanzte Gott, der HERR, in Eden, im Osten, einen Garten und setzte dorthin den Menschen, den er geformt hatte.
9 Gott, der HERR, ließ aus dem Erdboden allerlei Bäume wachsen, begehrenswert anzusehen und köstlich zu essen, in der Mitte des Gartens aber den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis von Gut und Böse.
15 Gott, der HERR, nahm den Menschen und gab ihm seinen Wohnsitz im Garten von Eden, damit er ihn bearbeite und hüte.

16 Dann gebot Gott, der HERR, dem Menschen: Von allen Bäumen des Gartens darfst du essen,
17 doch vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse darfst du nicht essen; denn am Tag, da du davon isst, wirst du sterben.

In der Lesung hören wir heute wieder einen Ausschnitt aus dem Buch Genesis. Gestern ging es um die Erschaffung des Menschen, der beauftragt worden ist mit der Sorge um die ganze Schöpfung. Das Sieben-Tage-Werk endete mit dem Ruhetag Gottes, der zum Fundament des Sabbatgebotes wird. Heute kommen wir zum sogenannten zweiten Schöpfungsbericht, wie in der Forschung immer gesagt wird. Es handelt sich um eine andere Perspektive auf das Schöpfungswirken Gottes, denn es geht speziell um den Menschen.
So wird uns berichtet, dass aufgrund des noch nicht ergangenen Niederschlags die Schöpfung noch nicht aufblüht und der Mensch den Acker noch nicht bearbeiten kann. So wird überhaupt erst einmal die Erschaffung des Menschen beschrieben. Dabei wird er aus dem Boden der Erde geformt, als Feuchtigkeit aus der Erde aufsteigt. Das ist sehr tiefsinnig, denn „Adam“, was das hebräische Wort für Mensch darstellt, kommt von „Adamah“, was auf Deutsch „Erde, Erdboden“ heißt. Der Mensch ist also ganz verbunden mit der Erde, aus der er stammt. Das ist eine ganz tiefe Wahrheit. Der erste Mensch stammt von dieser Welt. Er ist ganz dieser Welt verhaftet. Der zweite Adam, Jesus Christus, ist nicht von dieser Welt. Er kommt aus der Ewigkeit, um in die Ewigkeit zurückzukehren und den Beginn der neuen Schöpfung zu markieren, die nicht von dieser Welt ist.
Auch wenn Adam ganz von der Erde ist, ist er nicht einfach tot. Denn zugleich wird ihm der Lebensatem durch die Nase eingegeben. Die hebräische Bezeichnung ist  נִשְׁמַ֣ת חַיִּ֑ים nischmat chajim. נְשָׁמָה n’schama kann mit „Seele“ übersetzt werden, aber auch mit „Atem“. In dem zeitlichen Kontext, in dem der Begriff gebraucht wird, wird zwischen beidem noch keine richtige Unterscheidung vorgenommen. Was wir aber annehmen können, ist mehr als nur die Lebendigmachung des Menschen, der zuvor nur ein Haufen Erde ist. Womöglich dürfen wir schon davon ausgehen, dass hier die ewige Seele in den Menschen gegeben wird, vor allem vor dem Hintergrund des ersten Schöpfungsberichts, der den Menschen als eine besondere Schöpfung herausstellt. Jedenfalls wird dieser Vorgang zu einem Typos, wenn wir an den zweiten Adam denken, der durch den Geist Gottes auferweckt wird am Ostertag. Gottes Geist macht lebendig, weil Gott ein Gott des Lebens ist. Dies ist erst der Beginn, denn auch die Kirche ist in einem neuen Schöpfungsvorgang dieser Art entstanden. Am Pfingsttag gab Gott seinen Geist in die Gemeinschaft der Gläubigen, die bis zu jenem Tag geduldig im Gebet verharrt haben. Der Atem Gottes bewirkte die spektakulären Manifestationen wie Brausen, Sprachengebet und Feuerzungen. Wir denken darüber hinaus an die Taufe jedes Christen, durch den der Mensch, der von dieser Welt stammt, zu einer neuen Schöpfung neugeboren wird. Der Geist Gottes gibt gleichsam den Odem des ewigen Lebens in den Menschen, sodass er auf ewig lebt trotz biologischem Tod. Auch dieser ist nur vorübergehend, nämlich bis der Herr wiederkommt und den Tod endgültig zerstört.
Gott legt einen Garten an, in den er den Menschen setzt. Dieser wird lokalisiert „in Eden, im Osten“. Ob und wo genau man diesen Ort auf der Erde festmacht, ebenso die Frage, ob gemäß diesem Schöpfungsbericht Adam schon ein Geschlecht hat, ist unerheblich. Wichtig ist, dass Gott dem Menschen einen Lebensraum verleiht, in dem er gemeinsam mit den vielen Bäumen und anderen Pflanzen „blüht“. Er kann sich entfalten und zugleich mitwirken an der Systematisierung der Schöpfung. Dies wird uns heute nicht berichtet, aber die Benennung der Tiere ist ein solcher Systematisierungsakt.
Gott schenkt dem Menschen viele Früchte zum Essen. In der Mitte des Gartens steht aber ein Baum, von dem er nicht essen soll. Genau genommen sind es zwei Bäume, von denen hier die Rede ist: der Baum der Erkenntnis von Gut und Böse und der Baum des Lebens. Dies erkennen wir später, wenn es heißt, dass der Mensch den Garten verlassen muss, bevor er auch noch vom anderen Baum isst.
Der Mensch soll den Garten bearbeiten, kultivieren. Das kann der Mensch, weil er Abbild Gottes ist. Ihm werden alle Früchte des Gartens gegeben, aber von dem Baum der Erkenntnis von Gut und Böse soll er nicht essen, sonst wird er sterben.
Gott lügt nicht. Der Mensch stirbt wirklich dadurch, dass es zu diesem ersten Sündenfall kam. Der Tod kam in die gesamte Schöpfung. Dass alles verwelkt, dass Tiere und schließlich auch Menschen sterben müssen, liegt an dem Zerfall der gesamten Schöpfung, die ursprünglich anders gedacht war. Der größte Tod ist aber der Bruch zwischen Gott und Mensch. Ein tiefer Graben hat sich zwischen beiden aufgetan, die zuvor ganz innig miteinander verbunden waren. Deshalb liegt es ja im Heilsplan Gottes, dass Jesus Christus für uns gestorben ist, der neue Adam. Wenn wir von den Früchten dieses neuen Baumes essen – dem Holz des Kreuzes – wird uns das ewige Leben zurückgeschenkt. Die verbotene Frucht hat alles zerstört, die Frucht der Eucharistie schenkt alles zurück.

Ps 104
1 Preise den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, überaus groß bist du! Du bist mit Hoheit und Pracht bekleidet.

2 Du hüllst dich in Licht wie in einen Mantel, du spannst den Himmel aus gleich einem Zelt
27 Auf dich warten sie alle, dass du ihnen ihre Speise gibst zur rechten Zeit.

28 Gibst du ihnen, dann sammeln sie ein, öffnest du deine Hand, werden sie gesättigt mit Gutem.
29 Verbirgst du dein Angesicht, sind sie verstört, nimmst du ihnen den Atem, so schwinden sie hin und kehren zurück zum Staub.
30 Du sendest deinen Geist aus: Sie werden erschaffen und du erneuerst das Angesicht der Erde.

Als Antwort beten wir Ps 104, den wir am Montag bereits gebetet haben. Dieser Psalm, insbesondere die heute verwendeten Verse, werden am Pfingsttag gebetet. Das ist kein Zufall. Zuvor haben wir die Typologie zwischen dem Schöpfungsvorgang des ersten Menschen und der Schöpfung der Kirche nachgedacht. Aufgund dieser Tat können wir also nicht umhin, zusammen mit den Aposteln die großen Taten Gottes zu verkünden. So preisen wir den Schöpfer, der nicht nur die alte, sondern auch die neue Schöpfung hervorgebracht hat.
„Preise den Herrn meine Seele“ ist eine psalmentypische Selbstaufforderung zum Lob. Gott ist wirklich groß, denn ihm haben wir das gesamte Dasein zu verdanken.
Gott hüllt sich in einen Mantel, weil seine Bekleidung einerseits seine Herrlichkeit ist, andererseits bildhaft den Himmel und die Himmelskörper umschreibt. Sie sind ja Licht für Tag und Nacht. Seine „Bekleidung“ ist reines Licht, weil seine Herrlichkeit aus purer Gnade besteht.
Gott ist nicht nur der Schöpfer, sondern auch der Erhalter seiner Schöpfung. Im Gegensatz zu deistischen Konzepten ist Gott kein Uhrmachergott, der sich nach seiner Erschaffung zurückzieht, um die Schöpfung sich selbst zu überlassen. Vielmehr hegt und pflegt er alles wie einen Garten. Was Adam in der Schöpfung tut, das ist abbildhaft Gottes Tun mit der gesamten Schöpfung. Dieser kümmert sich um seine Geschöpfe, er nährt sie mit der Speise „zur rechten Zeit.“ Wir denken an die verschiedenen Ressourcen, die er uns durch die Natur zur Verfügung stellt, das Trinkwasser etc. Wir Menschen sind ganz angewiesen auf eine gute Ernte, auf sauberes Trinkwasser, auf Rohstoffe. Es entbrennen ganze Kriege um diese elementaren Dinge, weil wir sie unbedingt brauchen. Deshalb ist es so wichtig, dass wir den Segen Gottes haben, der uns alles geben kann. Deshalb dürfen nichts als selbstverständlich voraussetzen, was er uns schenkt, sondern sollen in allem dankbar sein.
Noch viel mehr geht es um eine Speise, die uns das ewige Leben schenkt – die Speise des Himmels, die Eucharistie. Ohne den Leib Christi und das lebendige Wasser des Hl. Geistes verkümmert unsere Seele. Auch auf diese Gaben sind wir ganz angewiesen. Danken wir ihm auch gerade für diese Dinge und nehmen wir sie nicht für selbstverständlich.
Die Gewalten der Schöpfung sind groß und überwältigend. Und doch ist Gott noch größer als diese! Die Gewalten sind ganz abhängig von Gott. Sie vergehen ohne Gottes Versorgung. Was kann die Schöpfung ausrichten ohne den Atem – das heißt ohne Sauerstoff? Um wie viel mehr ist unsere ewige Seele von dem Atem Gottes abhängig, damit sie nicht in Ewigkeit vergeht! Wie groß muss Gott sein im Gegensatz zu diesen überwältigenden Wellen und Wassern und dem Wunder der ewigen Seele? Vers 29 lehrt uns ganz elementar: Gott ist der Herr über Leben und Tod. Wenn er uns Leben schenkt, dürfen wir uns freuen. Wenn er Leben nimmt, müssen wir es in seine Hände zurückgeben. Wir dürfen nicht Gott spielen und über Leben und Tod entscheiden. Das steht uns nicht zu. Gott hat uns vielmehr die Sorge um alles Lebendige anvertraut, damit wir uns darum kümmern bis zur von Gott festgelegten Zeit des Todes. Die Rückkehr zum Staub ist für uns Andeutung dessen, was in der zweiten Schöpfungserzählung berichtet worden ist. Der Mensch ist vom Staub genommen und kehrt zum Staub zurück.
Dann beten wir den Vers, der in der Liturgie sehr häufig aufgegriffen wird: Du sendest deinen Geist aus: „Sie werden erschaffen und du erneuerst das Angesicht der Erde.“ Der Geist erneuert die Erde. Das wird hier zur Verheißung für die Zukunft, doch an Pfingsten ist es zur Realität geworden! Er ist gekommen und hat die Apostel erneuert zu einer neuen Schöpfung! Nichts wird mehr für sie so sein wie zuvor. Vor allem ist es eine feierliche und spektakuläre Einsetzung der Anwesenden zu Erben des Reiches Gottes! Der Geist erneuert den Mensch, der ganz von der Erde stammt, wenn er in der Taufe eine neue Geburt schenkt.
Weil Gott nicht nur schafft, sondern auch erneuern kann, müssen wir ganz und gar den Geist Gottes für unsere heutige Zeit erbitten, dass er das Angesicht der Erde erneuere, nicht wir Menschen aus eigener Kraft. Das werden wir nie erreichen. Das kann nur der Herr. Und in besonderem Maße gilt das auch für die Reformen der Kirche. Der Hl. Geist muss der Erneuerer sein und wir müssen uns ganz in seinen Dienst stellen. Wenn wir unsere eigenen Ideen durch irgendwelche Gremiensitzungen durchziehen, und das heißt konkret z.B. die Veränderung der Gebote Gottes als vermeintlicher Reformakt, dann ist da nicht der Hl. Geist im Spiel. Beten wir um echte Reform, damit es zu einem neuen Pfingsten kommt!

Mk 7
14 Dann rief er die Leute wieder zu sich und sagte: Hört mir alle zu und begreift, was ich sage! 

15 Nichts, was von außen in den Menschen hineinkommt, kann ihn unrein machen, sondern was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. 
16 Wenn einer Ohren hat zum Hören, so höre er.
17 Er verließ die Menge und ging in ein Haus. Da fragten ihn seine Jünger nach dem Sinn dieses rätselhaften Wortes. 
18 Er antwortete ihnen: Begreift auch ihr nicht? Versteht ihr nicht, dass das, was von außen in den Menschen hineinkommt, ihn nicht unrein machen kann? 
19 Denn es gelangt ja nicht in sein Herz, sondern in den Magen und wird wieder ausgeschieden. Damit erklärte Jesus alle Speisen für rein. 
20 Weiter sagte er: Was aus dem Menschen herauskommt, das macht ihn unrein. 
21 Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, 
22 Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Lästerung, Hochmut und Unvernunft. 
23 All dieses Böse kommt von innen und macht den Menschen unrein.

Was wir in der Lesung und im Psalm bedacht haben, verdichtet sich nun im Evangelium. Es schließt sich direkt an Jesu Kritik der Pharisäer und Schriftgelehrten von gestern an. Dort ging es um ihre Betonung der äußeren Handlungen und der Überbietung göttlicher Gebote durch menschliche Ergänzungen, ohne eine entsprechende Herzenshaltung aufzuweisen. Heute vertieft Jesus seine Ausführungen und erklärt, was die eigentliche Reinheit oder Unreinheit ist:
Jesus ist es sehr wichtig, seine folgenden Worte den Menschen einzuprägen. Deshalb sagt er mit Nachdruck: „Hört mir alle zu und begreift, was ich sage“. Einige Verse später heißt es auch „wenn einer Ohren hat zum Hören, so höre er.“ Er möchte, dass die Menschen das nun Gesagte wirklich beherzigen, nicht einfach überhören.
Und dann kehrt er die Reihenfolge der pharisäischen Denkweise um: Nicht was von außen in den Menschen kommt, macht ihn unrein, sondern was von innen nach außen kommt. Nicht das von außen durch das Verdauungssystem in den Menschen kommende Essen z.B. macht den Menschen unrein – gemeint ist immer die kultische Reinheit oder Unreinheit! Jesus meint auch nicht, dass das von innen nach außen kommende Physische wie Exkremente, Ausfluss oder sonstiges, was im Buch Levitikus so detailliert beschrieben wird, unrein macht. Es geht nicht um den Verdauungsweg, sondern den Weg vom Herzen bis hin zum äußerlich erkennbaren Verhalten. Dies ist aber selbst seinen Jüngern zunächst nicht klar. Und Jesus tadelt sie wie damals, als sie das Gleichnis vom Sämann nicht verstanden haben. Er erklärt es ihnen und dadurch auch uns Hörern: Er entkräftet die Speisegebote der Juden, denn es ist die Zeit gekommen, dass die Menschheit dies begreifen kann. Nicht auf der Ebene des Verdauungstraktes wird entschieden, ob ein Mensch für den Gottesdienst rein ist oder wie wir sagen würden „im Stand der Gnade“ ist, sondern auf der Ebene des Herzens bzw. der moralischen Ebene. Man kann den Jüngern nicht übel nehmen, dass sie ihn nicht sofort verstehen, denn sie sind mit den Speisegeboten großgeworden. Das ist ein elementarer Bestandteil ihres jüdischen Glaubens. Jesus steht als Gott über der geschriebenen Torah, weil er nun ihre Erfüllung und Personifizierung ist. Er kann die Gebote neu auslegen mit der allerhöchsten Autorität.
Jesus führt weiter aus, was er mit dieser moralischen Ebene meint: Aus dem Inneren, aus der Seele, was biblisch oft mit „Herz“ umschrieben wird, kommen die bösen Gedanken, die einen zur Sünde verleiten wollen. Er zählt einen Sündenkatalog auf, um anhand der Beispiele den Jüngern zu verdeutlichen, was er meint. Und diese Gedanken sind es, die den Menschen unrein machen.
Wir müssen das richtig verstehen. Der Böse versucht uns dadurch, dass er uns solche Gedanken eingibt. Aber die Gedanken an sich sind noch nicht das Verwerfliche. Selbst Jesus ist ständig versucht worden. Das Entscheidende ist, was wir mit diesen Gedanken machen. Wenn wir sie zulassen und sie weiterdenken, sodass sie sich in unserer Seele breit machen können, dann wird unser Herz immer voller davon. Schließlich werden wir das zur Sprache bringen, es wird unsere Worte erfüllen, denn wie gesagt: Wovon das Herz voll ist, davon spricht der Mund. Und was wir erst einmal laut ausgesprochen haben, werden wir auch eines Tages umsetzen. Das ist der Weg der Sünde. Und diese schneidet uns von Gott ab. Sie ist es, durch die wir uns aus dem Stand der Gnade hinauskatapultieren. Wenn wir den aufkommenden Gedanken aber einen Riegel vorschieben, wo wir sie ablegen und als Versuchung entlarven, wo wir gerade in Zeiten der Versuchung beten, da haben wir eben nicht gesündigt. Wir tun es dann Jesus gleich, der in der Wüste vom Satan versucht worden ist.
All das erklärt Jesus in dem Kontext der Begegnung mit den Pharisäern am Tisch. Was bringt es ihnen, dass sie äußerlich ein Verhalten vorspielen, das nicht aus dem Inneren, aus ihrem Herzen entspringt? Wenn sie rein sein wollen, müssen sie nicht die Hände waschen, sondern ihre Herzen. Wenn sie würdig vor Gott im Kult hinzutreten wollen, müssen sie reinen Herzens sein, frei von bösen Absichten, von sündhaften Gedanken, unabhängig davon, ob sie diese auch umgesetzt haben oder nicht. Mit Groll und Rachegedanken im Herzen sind sie kultisch nicht rein, auch wenn sie ihre Hände gewaschen haben. Wenn sie verbittert gegen jemanden sind und doch alle kultischen Handlungen korrekt ausführen, ist es kein Opfer, das dem Herrn gefällt. Gott braucht keinen Korban, keine Weihe, und wenn es auch die Weihe des gesamten Besitzes ist, wenn sie aus Habgier oder Bequemlichkeit vollzogen wird (damit man den Eltern nichts mehr zu geben braucht). Jesus konkretisiert dies z.B. in der Bergpredigt, indem er erklärt: 23 „Wenn du deine Opfergabe zum Altar bringst und dir dabei einfällt, dass dein Bruder etwas gegen dich hat, 24 so lass deine Gabe dort vor dem Altar liegen; geh und versöhne dich zuerst mit deinem Bruder, dann komm und opfere deine Gabe!“ Wenn etwas noch auf dem Herzen liegt, was noch nicht ausgesöhnt ist, selbst wenn man nicht der Schuldige ist, muss es vor der Opferung bereinigt werden. Dann kann man mit reinem Gewissen vor Gott treten und ist kultisch bereit. Dann ist nämlich auch das Herz ganz bei Gott.
Das ist auch in unserer Liturgie der Fall. Zuerst sollen wir uns mit Gott und unserem Nächsten versöhnen (Beichte) und können erst dann die Kommunion empfangen. Und auch die liturgischen Handlungen zeigen es uns auf: Am Anfang der Messe bitten wir Gott um Verzeihung und bekennen unsere Sündhaftigkeit. Wir geben uns direkt vor dem Kommunionempfang den Friedensgruß, auch wenn diese Geste nicht in erster Linie eine Versöhnung zwischen den Menschen darstellen soll (es geht eher darum, den österlichen Frieden Christi weiterzugeben. Deshalb soll man ja auch nicht quer durch die Kirche laufen und jedem die Hand geben, sondern nur dem Nebenmann). Und der Priester wäscht während der Gabenbereitung seine Hände – nicht zur Reinigung, sondern als äußeres Zeichen des inneren Kerns: Er betet nämlich dabei die Worte des Psalms 51 „Herr, wasch ab meine Schuld, von meinen Sünden mach mich rein“. Er bittet Gott als Vorsteher der Messe um Vergebung, damit sein Opfer, das er dann in Leib und Blut Christi wandelt (nicht er, sondern Christus durch ihn!), ein reines Opfer sei. So söhnt er sich mit Gott aus, bevor er die Gaben opfert. Er wäscht die Hände ja direkt vor dem Beginn des Hochgebets.
Und wenn wir unser ganzes Leben so damit verbracht haben, diesen versöhnten Zustand beizubehalten, wird uns Gott als reine Opfergabe annehmen, wenn wir nach dem Tod vor ihm stehen. Dann wird er uns einen Platz zuweisen in seinem Reich.

Heute haben wir von Innigkeit mit Gott, von der Verbundenheit mit dem Geber des Lebens und seiner Erneuerung des Menschen sowie von Reinheit des Herzens gehört. Der Tod kommt als Konsequenz der Abkehr von Gott. Diese Abkehr beginnt im Innersten des Menschen. Schließlich ist dieses Innere, was Gott uns eingegeben hat und was uns erst zu lebendigen Wesen macht. Wenn wir dieses Innere, das wir Seele nennen, zerstören, zerstören wir das Leben selbst. Kommen wir zurück zum Herrn, indem wir uns bekehren und neu anfangen. So werden wir mit dem Empfang des Beichtsakraments neu belebt. Dann dürfen wir es uns so vorstellen, als hauche Gott uns den Geist Gottes neu ein wie im Garten Eden, wie am Pfingsttag und vor allem wie bei unserer eigenen Taufe.

Ihre Magstrauss

Dienstag der 5. Woche im Jahreskreis

Gen 1,20 – 2,4a; Ps 8,4-5.6-7.8-9; Mk 7,1-13

Gen 1
20 Dann sprach Gott: Das Wasser wimmle von Schwärmen lebendiger Wesen und Vögel sollen über der Erde am Himmelsgewölbe fliegen.
21 Und Gott erschuf die großen Wassertiere und alle Lebewesen, die sich fortbewegen nach ihrer Art, von denen das Wasser wimmelt, und alle gefiederten Vögel nach ihrer Art. Gott sah, dass es gut war.
22 Gott segnete sie und sprach: Seid fruchtbar und mehrt euch! Füllt das Wasser im Meer und die Vögel sollen sich auf Erden vermehren.
23 Es wurde Abend und es wurde Morgen: fünfter Tag.
24 Dann sprach Gott: Die Erde bringe Lebewesen aller Art hervor, von Vieh, von Kriechtieren und von Wildtieren der Erde nach ihrer Art. Und so geschah es.
25 Gott machte die Wildtiere der Erde nach ihrer Art, das Vieh nach seiner Art und alle Kriechtiere auf dem Erdboden nach ihrer Art. Gott sah, dass es gut war.
26 Dann sprach Gott: Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich! Sie sollen walten über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels, über das Vieh, über die ganze Erde und über alle Kriechtiere, die auf der Erde kriechen.
27 Gott erschuf den Menschen als sein Bild, als Bild Gottes erschuf er ihn. Männlich und weiblich erschuf er sie.
28 Gott segnete sie und Gott sprach zu ihnen: Seid fruchtbar und mehrt euch, füllt die Erde und unterwerft sie und waltet über die Fische des Meeres, über die Vögel des Himmels und über alle Tiere, die auf der Erde kriechen!
29 Dann sprach Gott: Siehe, ich gebe euch alles Gewächs, das Samen bildet auf der ganzen Erde, und alle Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin. Euch sollen sie zur Nahrung dienen.
30 Allen Tieren der Erde, allen Vögeln des Himmels und allem, was auf der Erde kriecht, das Lebensatem in sich hat, gebe ich alles grüne Gewächs zur Nahrung. Und so geschah es.
31 Gott sah alles an, was er gemacht hatte: Und siehe, es war sehr gut. Es wurde Abend und es wurde Morgen: der sechste Tag.
1 So wurden Himmel und Erde und ihr ganzes Heer vollendet.
2 Am siebten Tag vollendete Gott das Werk, das er gemacht hatte, und er ruhte am siebten Tag, nachdem er sein ganzes Werk gemacht hatte.
3 Und Gott segnete den siebten Tag und heiligte ihn; denn an ihm ruhte Gott, nachdem er das ganze Werk erschaffen hatte.
4 Das ist die Geschichte der Entstehung von Himmel und Erde, als sie erschaffen wurden.

Gestern hörten wir den ersten Teil des Sieben-Tage-Werkes. Heute setzt sich die Schöpfungserzählung fort mit der Erschaffung von Lebewesen in den verschiedenen Bereichen der Schöpfung. Nachdem Gott am dritten Tag die Flora geschaffen und fruchtbar gemacht hat, hören wir am fünften Tag den ersten Teil der Erschaffung der Fauna. Es beginnt mit den Tieren des Meeres und den Vögeln des Himmels. Auch diese schafft Gott so, dass sie sich immerzu vermehren. Wenn hier betont wird, dass die Tiere je nach Fortbewegungsart geschaffen werden, erinnert es uns an die verschiedenen Systematiken, die das Tierreich in Kategorien aufteilen. Die Fortbewegungsart hängt unter anderem mit dem Aufbau des Skeletts zusammen, was wiederum in bestimmten Systematiken als Unterscheidungskriterium herangezogen wird.
Gott segnet die Tiere und ihre Fortpflanzung. Es ist Gottes Wille, dass die Tiere sich vermehren und die Erde bevölkern.
Am sechsten Tag setzt sich die Erschaffung der Tierwelt fort, sodass nun auch weitere Tierkategorien auf Erden geschaffen werden. So werden wilde und zahme Tiere („Vieh“ als Kategorie domestizierter Tiere) sowie die Kriechtiere geschaffen. Dann kommt aber etwas, das anders ist als alle vorausgegangenen Schöpfungsakte: Gott erschafft den Menschen. Bevor er dies tut, hören wir, dass es heißt: „Lasst uns Menschen machen als unser Bild, uns ähnlich!“ Auch im hebräischen Original wird diese Aussage im Plural formuliert. Gott spricht sich selbst im Plural an, nicht weil es sich um einen pluralis majestatis handelt, sondern weil Gott in sich Gemeinschaft ist. Das schließen wir nicht einfach aus einer isolierten Bibelstelle, sondern weil wir zuvor schon über das gesprochene Wort und den Geist nachgedacht haben. Der Schöpfungsakt ist bereits trinitarisch. Das bedachten wir in der gestrigen Auslegung. Der eine Gott in drei Personen bedenkt also die Erschaffung eines Wesens, das ein Abbild seinesgleichen darstellt. Und weil Gott in sich Gemeinschaft ist, erschafft er den Menschen männlich und weiblich. Der Mensch ist Gott also am ähnlichsten in der Gemeinschaft von Mann und Frau. Deshalb ist die Ehe ein Abbild nicht nur des Verhältnisses zwischen Christus und der Kirche, sondern auch der Trinität!
Der Mensch ist in seiner Abbildhaftigkeit mit einem Willen und mit einem Verstand ausgestattet, die mit der restlichen Schöpfung nicht vergleichbar sind. Deshalb wird der Mensch auch mit der Verantwortung für die restliche Schöpfung betraut. Das „Herrschen“ über die Schöpfung ist in der neuen Einheitsübersetzung zum „Walten“ geworden. Wichtig ist, dass egal welcher Begriff angewandt wird für den „Herrschaftsauftrag“ Gottes an den Menschen, diese Herrschaft eine Sorge für die Schöpfung meint, keine Ausbeutung. Der Mensch soll verantwortungsvoll mit dem umgehen, was Gott ihm anvertraut. Er soll nicht die Ressourcen ausschöpfen und für seine egoistischen Zwecke missbrauchen. Mit dem Sündenfall ist das Verhältnis des Menschen zur Schöpfung ganz verzerrt worden. Deshalb wird es in der Friedensvision in Jes 11 auch detailliert beschrieben, wie ein kleines Kind mit den wilden Tieren zurechtkommt. Es wird eine Versöhnung sein zwischen Mensch und Schöpfung.
Alle Tiere auf der Erde sowie der Mensch erhält zur Nahrung die Pflanzen. Vor dem Sündenfall ist der Mensch also genau genommen vegan. Das bleibt so bis zum Sündenfall. Danach wird alles anders sein, sodass Gott bei dem Bundesschluss mit Noah offiziell auch die Tiere zur Nahrung gibt. Dass wir also Appetit auf Fleisch haben, ist eine Folge des Sündenfalls. Dass man Fleisch isst, ist keine Sünde (nirgendwo lesen wir, dass Christen vegetarisch oder vegan leben sollen), auch wenn es eine Folge des Sündenfalls ist. Auch die Scham ist Folge der Erbsünde, aber diese ist im jetzigen Zustand des Menschen nicht Sünde, sondern sogar unerlässlich als Schutzmechanismus vor der in die Welt gekommene Begierde. Über die Folgen des ersten Sündenfalls werden wir zu einem späteren Zeitpunkt eingehender nachdenken. Hier sei zumindest gesagt, dass der Mensch sich zunächst nur von den Früchten der verschiedenen Pflanzen ernährt hat.
Gott sieht wie nach jedem anderen Schöpfungsakt alles Geschaffene an und befindet es als gut. Diesmal heißt es aber, dass es sehr gut sei. Der Höhepunkt des Schöpfungswirkens ist erreicht, denn Gott hat ein Abbild seinesgleichen geschaffen durch die Erschaffung von Mann und Frau.
Am siebten Tag ruht Gott. Es handelt sich um den ersten Sabbat, denn er heiligt diesen Tag als Tag der Ruhe. Das Sabbatgebot, das Mose dem Volk Israel im Kontext der Zehn Gebote übergeben wird, wird sich auf diesen Ruhetag Gottes berufen.
Gottes Schöpfung ist gut. Das Materielle ist nicht schädlich, wie die gnostischen Sekten zu sagen behaupteten. Was Gott geschaffen hat, ist gut. Auch wenn die Welt nun vom Bösen infiltriert ist, ist sie immer noch Gottes Schöpfung. Sie ist erlösungsbedürftig und deshalb ging Gott so weit, selbst in sie einzugehen. Damit schiebt er höchstpersönlich allen leibfeindlichen Konzepten einen Riegel vor.

Ps 8
4 Seh ich deine Himmel, die Werke deiner Finger, Mond und Sterne, die du befestigt:
5 Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst, des Menschen Kind, dass du dich seiner annimmst?
6 Du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.
7 Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße:
8 Schafe und Rinder, sie alle und auch die wilden Tiere,
9 die Vögel des Himmels und die Fische im Meer, was auf den Pfaden der Meere dahinzieht.

Im Psalm preisen wir nun erneut das Schöpfungswirken Gottes. Die Psalmen reflektieren oft die Schöpfungsberichte der Genesis. Wir betrachten in dem Psalm vor allem die Schöpfung der Menschheit, von der wir in der Lesung gehört haben. Wie kostbar ist diese für den Herrn, dass er sich ihrer annimmt und eine durchgehende Beziehung zu ihr führt! Die ganze Heilsgeschichte, die wir von der Genesis bis zur Johannesoffenbarung vor uns haben, ist eine einzige Liebesgeschichte Gottes mit den Menschen. Er wendet sich seinen Geschöpfen zu und tut alles, um deren (Gegen)Liebe zu erwerben.
Dabei hat der Mensch im Gesamt der Schöpfung eine besondere Stellung. Er ist wahrlich die Krone der Schöpfung, denn „du hast ihn nur wenig geringer gemacht als Gott, du hast ihn gekrönt mit Pracht und Herrlichkeit.“ Dies wird im Schöpfungsbericht ja dadurch deutlich, dass der Mensch als Abbild Gottes geschaffen worden ist. Die ewige Seele ist es, die ihm Herrlichkeit und Pracht verleiht.
„Du hast ihn als Herrscher eingesetzt über die Werke deiner Hände, alles hast du gelegt unter seine Füße“ – die restliche Schöpfung ist dem Menschen anvertraut, weil dieser befähigt ist, Verantwortung für sie zu übernehmen. Gott legte ihm die Schöpfung aber nicht unter die Füße, damit er sie wie ein Tyrann unterdrücke, sondern wie ein Hirte für sie sorge. Das ist schließlich der Charakter der Gottesherrschaft, dessen Abbild der Mensch ja ist. Wenn Gott der wunderbare Hirte ist, wie kann der Mensch plötzlich anders sein?
In den letzten zwei Versen werden dann Bereiche der Schöpfung aufgezählt, die dem Menschen anvertraut werden. Dabei hören wir wieder die Unterscheidung in wilde und domestizierte Tiere. Das ist eine gängige Unterteilung der Tierwelt. Ebenso sind als gängige Kategorien die im letzten Vers genannten Vögel und Fische zu nennen.
All das sind wichtige und gute Ausführungen, werden aber erst dann zur Lesung in Bezug gebracht, wenn der Psalm über den wörtlichen Sinn hinaus in seinem geistlichen Sinn betrachtet wird:
Der Mensch, den Gott nur wenig geringer als sich geschaffen hat, ist auch mit der neuen Schöpfung gegeben – den Anfang dieser neuen Schöpfung kennzeichnet ebenfalls ein Menschenpaar – Jesus und Maria. Jesus hat diese neue Schöpfung begründet und auch ihm legt der Vater die gesamte Schöpfung unter die Füße – ihm, dem Erhöhten am Kreuz!
Und diese gesamte Schöpfung ist zusammengefasst in Maria und Johannes, die unter dem Kreuz stehen. Maria ist der Archetyp der Kirche, sie ist das Vorbild der vollkommenen Jüngerschaft und durch die Zuteilung des Johannes zu Maria als Sohn wird Maria zur Mutter aller Glaubenden – sie ist dadurch die neue Eva, die Mutter der Lebenden, nicht mehr der irdisch Lebenden, sondern ewig Lebenden bei Gott.
Jesus Christus ist wahrlich Herrlichkeit und Pracht verliehen worden in einem Maße, den der alte Mensch nicht erfahren hat – schon allein durch den Sündenfall. Wir sprechen hier von Christus in seiner Menschheit, in seiner Gottheit ist er Gott gleich.
Jesus ist der Herrscher über die Schöpfung – die Neugeschaffenen durch den Hl. Geist in der Taufe. Er ist das Haupt und wir die Glieder. Er ist der König des Reiches Gottes. Wir sind ihm anvertraut, der wirklich wie der Vater ein Hirte ist, wie er selbst im Johannesevangelium erklärt hat.
Und Christus ist dies alles nicht nur für die Menschen: Durch sein Erlösungswirken erlöst er die ganze Welt, auch die Tierwelt, denn diese ist durch den Sündenfall des ersten Menschenpaares auch ins Chaos gestürzt. Er erfüllt das, was die Friedensvision in Jesaja angekündigt hat. Vieles steht noch aus, wird sich aber am Ende der Zeiten erfüllen. Es wird dann wahrlich eine Versöhnung der gesamten Schöpfung sein!

Mk 7
1 Die Pharisäer und einige Schriftgelehrte, die aus Jerusalem gekommen waren, versammelten sich bei Jesus.

2 Sie sahen, dass einige seiner Jünger ihr Brot mit unreinen, das heißt mit ungewaschenen Händen aßen.
3 Die Pharisäer essen nämlich wie alle Juden nur, wenn sie vorher mit einer Handvoll Wasser die Hände gewaschen haben; so halten sie an der Überlieferung der Alten fest.
4 Auch wenn sie vom Markt kommen, essen sie nicht, ohne sich vorher zu waschen. Noch viele andere überlieferte Vorschriften halten sie ein, wie das Abspülen von Bechern, Krügen und Kesseln.
5 Die Pharisäer und die Schriftgelehrten fragten ihn also: Warum halten sich deine Jünger nicht an die Überlieferung der Alten, sondern essen ihr Brot mit unreinen Händen?
6 Er antwortete ihnen: Der Prophet Jesaja hatte Recht mit dem, was er über euch Heuchler sagte, wie geschrieben steht: Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.
7 Vergeblich verehren sie mich; was sie lehren, sind Satzungen von Menschen.
8 Ihr gebt Gottes Gebot preis und haltet euch an die Überlieferung der Menschen.
9 Und weiter sagte Jesus: Sehr geschickt setzt ihr Gottes Gebot außer Kraft, um eure eigene Überlieferung aufzurichten.
10 Denn Mose hat gesagt: Ehre deinen Vater und deine Mutter! und: Wer Vater oder Mutter schmäht, soll mit dem Tod bestraft werden.
11 Ihr aber lehrt: Wenn einer zu seinem Vater oder seiner Mutter sagt: Korbán – das heißt: Weihgeschenk sei, was du von mir als Unterstützung erhalten solltest – ,
12 dann lasst ihr ihn nichts mehr für Vater oder Mutter tun.
13 So setzt ihr durch eure eigene Überlieferung Gottes Wort außer Kraft. Und ähnlich handelt ihr in vielen Fällen.

Heute lesen wir von einer Konfliktsituation zwischen Jesus/seinen Jüngern und den Pharisäern und Schriftgelehrten. Jesus und seine Jünger halten sich nicht an die Reinheitsgebote und andere Überlieferungen der Alten. Das stört die Pharisäer, die sehr viel Wert auf die Einhaltung der jüdischen Gebote legen. An sich ist dies nicht verwerflich, denn dafür hat Gott den Menschen diese Gebote zur gegebenen Zeit auch gegeben. Das Problem ist nicht, dass die Pharisäer sich vor dem Essen die Hände waschen und das auch von anderen erwarten. Das Problem ist, dass sie ihre Hände waschen, aber nicht ihr Herz. Sie sind Heuchler, weil sie sich um äußere Dinge kümmern, aber das Entscheidende nicht tun. Jesus vergleicht sie mit dem, was Jesaja schon beklagt hat: „Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, sein Herz aber ist weit weg von mir.“ Was bringen die noch so perfekt eingehaltenen äußeren Handlungen ohne entsprechende innere Haltung? Ganz wichtig: Jesus will nicht irgendwelche Gebote entkräften, zumindest nicht die göttlichen! Er kritisiert zurecht das von den Pharisäern errichtete menschliche Konstrukt um die göttlichen Gebote herum. Diese menschlich herbeigeführte Verkomplizierung führt vom wesentlichen Kern und von der ursprünglichen Absicht der Gebote Gottes weg. So greift Jesus als Beispiel das vierte Gebot „Ehre deinen Vater und deine Mutter“ auf und stellt heraus, wie die Pharisäer dieses Gebot durch eigene Gesetze entkräften. In diesem Fall würden sie z.B. ihren ganzen Besitz Gott weihen, was auf Hebräisch Korban heißt. Damit hätten sie dann einen Vorwand, ihre Eltern nicht mehr zu unterstützen, denn das dafür benötigte Geld etc. ist ja schon Gott geweiht worden. Auf diese Weise würden die Pharisäer das vierte Gebot entkräften, weil sie die Juden zur Umgehung des vierten Gebots provozieren würden. Jesus sagt nicht, dass Gebote überflüssig sind. Das wird aus solchen Episoden gerne geschlossen. Er sagt vielmehr, dass Gottes Gebote höchste Priorität haben und kein Mensch sie antasten kann. Anhand des Beispiels der Korban-Regelung möchte Jesus verdeutlichen, dass der pharisäische Umgang mit Geboten ihr von Gott weit entferntes Herz offenbart.
An anderer Stelle drückt Jesus es so aus: „Nicht jeder, der zu mir sagt: Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Mt 7,21). Die Pharisäer sind gut darin, ganz besonders laut und fromm „Herr, Herr“ zu sagen. Und die Sache an sich ist nicht falsch. Was Jesus möchte, ist aber die Kongruenz, die Deckungsgleichheit von innen und außen, von Lippen und Herz. Er selbst hat sich ja auch unter das Gesetz gestellt. Er hat auch gesagt, dass er von der Torah nichts ändern möchte. Im Falle der Korban-Regelung gilt dasselbe: Nicht jedes Weihegebet ist jetzt verwerflich und er möchte natürlich nicht damit sagen, dass man seinen Besitz jetzt nicht mehr Gott weihen soll. Er möchte vermeiden, dass wir vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr sehen. Stattdessen sollen wir uns darauf besinnen, dass die Gebote Gottes Priorität Nummer eins haben. Wir sollen diese mit der rechten Absicht halten, also aus Liebe zu Gott und unserem Nächsten. Wenn wir aber Liebe haben, dann werden wir nicht unseren Besitz Gott weihen aus habgierigen Gründen, damit wir uns vor der Verantwortung für die Eltern drücken können. Dann werden wir gerade aus Liebe für unsere Eltern da sein und sie auch mit den nötigen Mitteln unterstützen. Gott weihen kann und muss man gerade deshalb alles. Man gibt ihm dankbar zurück, was man von ihm bekommen hat. Das wäre die richtige Handhabung in diesem Beispiel.

Wenn wir über Liturgie, über Frömmigkeitsformen etc. nachdenken, müssen wir uns das auch immer fragen: Wollen wir alles korrekt machen, weil wir Gott lieben? Dann ist unser Bestreben gut und richtig. Wollen wir es um der Liturgie/Frömmigkeitsform selbst willen? Dann müssen wir uns fragen: Wer ist größer: Gott oder unser Gottesdienst? Wollen wir es um unserer Selbst willen? Um uns selbst besser darzustellen als diejenigen, die nicht alles richtig machen bei äußerlich sichtbaren Handlungen? Preisen wir Gott laut „Herr, Herr“ und leben im Alltag dennoch genauso weltlich wie jene, die wir für die schlechteren Anbeter halten? Was bringt dann unser lautes „Herr, Herr“, wenn wir nicht mal den Willen des Vaters tun? Gott hat uns nicht nach seinem Abbild geschaffen, damit wir mit unserem Verhalten lügen. Er hat uns geschaffen, damit wir es ihm gleichtun und Christi Worte und Taten waren stets kongruent. Hinterfragen wir uns selbst und erneuern wir unsere Beziehung zum Herrn.

Ihre Magstrauss

Montag der 5. Woche im Jahreskreis

Gen 1,1-19; Ps 104,1-2a.5-6.10 u. 12.24 u. 35abc; Mk 6,53-56

Gen 1
1 Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde.

2 Die Erde war wüst und wirr und Finsternis lag über der Urflut und Gottes Geist schwebte über dem Wasser.
3 Gott sprach: Es werde Licht. Und es wurde Licht.
4 Gott sah, dass das Licht gut war. Und Gott schied das Licht von der Finsternis.
5 Und Gott nannte das Licht Tag und die Finsternis nannte er Nacht. Es wurde Abend und es wurde Morgen: erster Tag.
6 Dann sprach Gott: Es werde ein Gewölbe mitten im Wasser und scheide Wasser von Wasser.
7 Gott machte das Gewölbe und schied das Wasser unterhalb des Gewölbes vom Wasser oberhalb des Gewölbes. Und so geschah es.
8 Und Gott nannte das Gewölbe Himmel. Es wurde Abend und es wurde Morgen: zweiter Tag.
9 Dann sprach Gott: Es sammle sich das Wasser unterhalb des Himmels an einem Ort und das Trockene werde sichtbar. Und so geschah es.
10 Und Gott nannte das Trockene Land und die Ansammlung des Wassers nannte er Meer. Gott sah, dass es gut war.
11 Dann sprach Gott: Die Erde lasse junges Grün sprießen, Gewächs, das Samen bildet, Fruchtbäume, die nach ihrer Art Früchte tragen mit Samen darin auf der Erde. Und so geschah es.
12 Die Erde brachte junges Grün hervor, Gewächs, das Samen nach seiner Art bildet, und Bäume, die Früchte tragen mit Samen darin nach ihrer Art. Gott sah, dass es gut war.
13 Es wurde Abend und es wurde Morgen: dritter Tag.
14 Dann sprach Gott: Lichter sollen am Himmelsgewölbe sein, um Tag und Nacht zu scheiden. Sie sollen als Zeichen für Festzeiten, für Tage und Jahre dienen.
15 Sie sollen Lichter am Himmelsgewölbe sein, um über die Erde hin zu leuchten. Und so geschah es.
16 Gott machte die beiden großen Lichter, das große zur Herrschaft über den Tag, das kleine zur Herrschaft über die Nacht, und die Sterne.
17 Gott setzte sie an das Himmelsgewölbe, damit sie über die Erde leuchten,
18 über Tag und Nacht herrschen und das Licht von der Finsternis scheiden. Gott sah, dass es gut war.
19 Es wurde Abend und es wurde Morgen: vierter Tag.

Heute beginnt eine Serie von Lesungen aus dem Buch Genesis. Diese beginnt mit dem Schöpfungsbericht, der strukturiert ist als Sieben-Tage-Werk. Dieser Schöpfungsbericht beginnt nicht mit den Worten „Am Anfang schuf Gott“, sondern „im Anfang“. Aber warum? Das kommt daher, dass Gott selbst der Anfang ist. Aus ihm ist alles hervorgegangen, der den Anfang markiert. Er selbst aber hat keinen Anfang.
Alles ist also aus Gott hervorgegangen, der alles aus dem Nichts geschaffen hat.
Alles war tohuwabohu, wie es im Hebräischen heißt – „wüst und wirr“. Wir lernen aus dieser sehr tiefen Aussage einen entscheidenden Aspekt, der bis heute gilt: Wo Gott seine Finger im Spiel hat, da ist Ordnung. Wo Gottesferne herrscht, versinkt alles im Chaos. Hier kommt der Logos in den Blick, sein gesprochenes Wort, durch das die Schöpfung systematisiert wird. In der Logostheologie der frühen Christenheit wird erkannt, dass Jesus Christus dieses gesprochene Wort des Vaters ist. Er ist der Schöpfungsmittler. Durch ihn ist alles geschaffen und geordnet worden. Dass wir in der Natur Gesetzmäßigkeiten haben, die erforschbar sind, haben wir diesem Schöpfungsmittler zu verdanken. Deshalb schreibt Paulus in seinen Briefen, dass alles durch Christus und auf Christus hin geschaffen ist. Aus Vers 2 lernen wir noch etwas: Denn auch der Geist Gottes ist gegenwärtig, wenn das Chaos geordnet wird. Der Geist schwebt über dem Wasser, so wie er es auch tut bei unserer Taufe. Ein Kreis schließt sich, wo die erste Schöpfung der Genesis und die neue Schöpfung durch die Taufe in Analogie gesetzt werden. Wir lernen, dass die Schöpfungserzählung zutiefst trinitarisch ist.
Nun beginnt die Serie der Worte Gottes, durch die die verschiedenen Schöpfungstaten in Gang gesetzt werden. Immer wieder heißt es: „Gott sprach“ oder „Und Gott sagte“. Es ist der Logos, der zur Exekutivgewalt des Vaters wird, zum Ausführungsorgan der einzelnen Schöpfungsakte.
Zuerst schafft Gott das Licht. Aber warum eigentlich? Durch die Unterscheidung von Licht und Finsternis werden die Tageszeiten geschaffen. Was Gott mit dem Licht also wesentlich erschafft, ist die Zeit! Diese ist das erste Geschöpf der irdischen Welt.
Wenn wir das Sieben-Tage-Werk genau lesen, stellen wir fest, dass es nicht heißt: „Es wurde Morgen und es wurde Abend“, sondern „Es wurde Abend und es wurde Morgen“. Das hängt damit zusammen, dass nach jüdischer Zählung der Tag mit dem Sonnenuntergang beginnt.
Am zweiten und dritten Tag wird eine neue wichtige Kategorie erschaffen, die Kategorie des Ortes. Denn Gott unterscheidet zwischen Gewässer und Gewässer sowie zwischen Gewässer und Festland. Das ist das zweite Geschöpf der irdischen Welt. Raum und Zeit werden somit zu Kennzeichen unserer Welt, wobei sie in der Ewigkeit nicht existieren.
Am zweiten Tag wird eine Scheidung von Wasser und Wasser erwähnt. Was hat es damit auf sich? Dahinter steht das antike Weltbild der Erde, deren Atmosphäre wie eine Luftkuppel begriffen wird über die sich ein Meer erstreckt. Dies wird hier mit „Gewölbe“ wiedergegeben. Zugleich wird ein Meer angenommen, auf dem die Erde wie auf Pfeiler errichtet ist. Die Erde ist also oben und unten von Wasser umgeben. Was wir also durch diese sprachliche Wendung realisieren: Gott erschafft die Vertikale, denn Unterscheidungen werden vertikal vorgenommen. Die logische Folge ist die Erschaffung der Horizontale am dritten Tag: Dort sammelt Gott das Meer und unterscheidet es vom Festland. So wird eine horizontale Unterscheidung vorgenommen. Zusammen bildet es ein plastisches Verständnis des irdischen Daseins. Wenn in der Bibel hymnenartige Texte erklingen, dann wird z.B. der umfassende Lobpreis der gesamten Schöpfung wiedergegeben, indem einerseits die Vertikale durch sprachliche Wendungen wie „Im Himmel, auf der Erde und unter der Erde“ und die Horizontale durch „Erde und Meer“ ausgedrückt wird.
Als das Festland geschaffen worden ist, hören wir davon, wie Gott die Pflanzenwelt erschafft. Dabei wird betont, dass alles seinen Samen enthält, also darauf ausgerichtet ist, sich zu vermehren. Gottes Schöpfung ist nicht einmalig Geschaffenes, sondern das Geschaffene erneuert sich mit jedem Vermehrungsakt. Wir nennen diesen Zustand des immerwährenden Weiterbestehens durch Vermehrung Fruchtbarkeit.
Am vierten Tag erschafft Gott die Himmelskörper, was wiederum die Gliederung der Zeiten bezweckt. Durch die Sonne können die Tageszeiten, aber auch die Jahreszeiten erkannt werden. Der Mond gliedert einen Monat. Die Sterne markieren zusammen mit dem Mond die Nachtzeit, während die Sonne die Tageszeit anzeigt.
Die heutige Lesung endet mit dem Abschluss des vierten Tages. Das Sieben-Tage-Werk wird am morgigen Tag fortgesetzt.

Ps 104
1 Preise den HERRN, meine Seele! HERR, mein Gott, überaus groß bist du! Du bist mit Hoheit und Pracht bekleidet.
2 Du hüllst dich in Licht wie in einen Mantel,
5 Du hast die Erde auf Pfeiler gegründet, in alle Ewigkeit wird sie nicht wanken.
6 Einst hat die Urflut sie bedeckt wie ein Kleid, die Wasser standen über den Bergen.
10 Du lässt Quellen sprudeln in Bäche, sie eilen zwischen den Bergen dahin.
12 Darüber wohnen die Vögel des Himmels, aus den Zweigen erklingt ihr Gesang.
24 Wie zahlreich sind deine Werke, HERR, sie alle hast du mit Weisheit gemacht, die Erde ist voll von deinen Geschöpfen.
35 Die Sünder sollen von der Erde verschwinden und Frevler sollen nicht mehr da sein. Preise den HERRN, meine Seele!

Als Antwort beten wir einen Lobpreispsalm, der betitelt ist mit „Loblied auf den Schöpfer“. Mit dem Psalm erfolgt eine Antwort auf den Schöpfungsbericht, die die einzig angemessene ist – der Dank und Lobpreis. Gott hat alles gut geschaffen. Immer wieder sieht er seine Schöpfung an und sagt, dass sie gut sei. Er ist der gute Gott, aus dem nur Gutes hervorgeht.
„Preise den HERRN, meine Seele“ ist eine Selbstaufforderung zum Lob, stellt also eine klassische Psalmeneinleitung dar.
Gott ist groß, weil er alles geschaffen hat. Er ist der Allmächtige, der Herrscher über alles, was ist.
Er ist mit Hoheit und Pracht bekleidet. Dass Gott Kleider trägt, ist natürlich symbolisch gemeint. Uns ist klar, dass Gott Geist ist und somit keine Kleidung braucht. Es ist vielmehr ein poetisches Bild, um seine Herrschaft zu umschreiben. Sie ist ganz anders als jene der irdischen Herrscher. Er ist in Licht gekleidet, nicht so wie die Menschen auf der Erde. Diese tragen vielleicht einen purpurnen Mantel, doch Gott ist umgeben von Licht, ja er ist das Licht. Dieses ist zu erklären als Gnadenstrom, als Herrlichkeit Gottes, die wir gar nicht aushalten können, ohne zu sterben. Wenn wir dieses Licht auf Christus anwenden, verstehen wir ein wenig besser, warum es im Johannesprolog heißt: „Das Licht kam in die Welt.“ Gottes Herrlichkeit hat die Erde berührt auf eine Weise wie noch nie zuvor und wie es nie wieder geschehen wird. Denn Gott selbst ist in seine Schöpfung eingegangen.
Wenn wir in Vers 5 beten, dass Gott die Erde auf Pfeiler gegründet hat, dann steckt dahinter das antike Weltbild, von dem ich in der Auslegung der Lesung gesprochen habe. Die Erde wird betrachtet als stehend auf Pfeilern, die sie von der Urflut unterhalb abtrennen.
Die Erde wird in Ewigkeit nicht wanken, doch an anderer Stelle im Alten Testament lesen wir durchaus, dass die Erde ein Ende nimmt. Die apokalyptischen Schriften des Alten Testaments thematisieren es bereits und in der Johannesoffenbarung wird es erfüllt: Gott wird zu seinem Timing die Weltgeschichte abbrechen. Alles wird „auf Werkseinstellungen zurückgesetzt“, damit ein neuer Himmel und eine neue Erde geschaffen werden können. Warum heißt es hier also, dass die Erde nicht wanken wird? Man muss berücksichtigen, dass wir uns in einem poetischen Kontext befinden. Die Aussage darf also nicht überstrapaziert werden als theologische Aussage, die verbindliche Bedeutung für den Glauben der Israeliten in der Königszeit hat. Man muss Aussagen zu einem Thema zudem immer in der Gesamtheit betrachten.
Die Urflut hat die Erde wie ein Kleid bedeckt. Wir hörten ja im Schöpfungsbericht davon, wie die Urflut in die Vertikale und Horizontale „gezähmt“ worden ist. Es herrschte zunächst Chaos. Doch Gottes Schöpfungswirken ist ordnend. Er hat Gewässer verschiedenster Art geschaffen, auch die Quellen und Bäche.
Gott hat auch die Lebewesen geschaffen. Hier werden die Vögel genannt, die auf Bäumen ihr wunderbares Konzert geben.
Gottes Schöpfung ist auch gerade deshalb so gut und preisenswert, weil Gott alles mit Weisheit gemacht hat. Alles hat seine Ordnung und ist so gut eingerichtet, dass jedes noch so kleine Lebewesen in eine absolute Symbiose eingeordnet ist. Was nach dem Sündenfall aus der Schöpfung geworden ist, sieht natürlich anders aus, aber die Ordnung ist nicht ganz zusammengebrochen. Wir können bis heute noch das wunderbare Zusammenspiel verschiedenster Elemente in der Natur beobachten. Gottes Kreativität ist maßlos und überwältigend! Wenn wir einen kleinen Aspekt herausnehmen und erforschen, werden wir überwältigt mit der Ausgewogenheit, der Genialität der Natur, die sie aber nicht aus sich selbst heraus hat, sondern den Schöpfer offenbart, der für das alles verantwortlich ist.
Zum Ende hin erfolgt ein Wunsch, der die Sehnsucht des Preisenden zum Ausdruck bringt, die Sünde in der Schöpfung Gottes auszutilgen. Die Sünder sollen aus dieser wunderbaren Schöpfung verschwinden. Es ist keine starke Unterscheidung zwischen Sünder und Sünde zu erkennen, doch wir dürfen mit christlichen Augen den Vers so verstehen, dass die Sünder natürlich nicht getötet werden sollen, sondern die Sünde selbst immer mehr ausgemerzt werden soll. Erneut sind die apokalyptischen Texte des Alten Testaments heranzuziehen, die ein anderes Bild zeichnen: Der Mensch kann sich noch so viel einsetzen für Umkehr, Reue, Zurückdrängen der Sünde. Wahrer Friede und Freiheit von der Sünde kann nur Gott selbst herbeiführen, wenn er alles zusammenbrechen lässt und eine neue Schöpfung hervorbringt. Den Anfang dieser neuen Schöpfung markiert das neue Menschenpaar Jesus und Maria. Wie gesagt muss der Text als poetisches Loblied behandelt werden und so ist auch der Wunsch nach der Sündenlosigkeit in der guten Schöpfung Gottes berechtigt. Wenn der Schöpfer so groß und wunderbar ist sowie seine Werke, dann muss alles, was diesem nicht entspricht, ausgemerzt werden.
Die letzten Worte sind eine erneute Selbstaufforderung zum Lobpreis. Dieser rahmt das gesamte Lied.

Mk 6
53 Sie fuhren auf das Ufer zu, kamen nach Gennesaret und legten dort an.

54 Als sie aus dem Boot stiegen, erkannte man ihn sogleich.
55 Die Menschen eilten durch die ganze Gegend und brachten die Kranken auf Liegen zu ihm, sobald sie hörten, wo er war.
56 Und immer, wenn er in ein Dorf oder eine Stadt oder zu einem Gehöft kam, trug man die Kranken auf die Straße hinaus und bat ihn, er möge sie wenigstens den Saum seines Gewandes berühren lassen. Und alle, die ihn berührten, wurden geheilt.

Heute hören wir von weiteren Heilungen Jesu. Wo auch immer er hinkommt, bleibt die Gnade Gottes nicht tatenlos. Die Menschen strömen in Scharen zu ihm und bringen voller Glauben die Kranken zu ihm. Dieser große Glaube wird z.B. daran deutlich, dass die Kranken wenigstens den Saum seines Gewandes berühren möchten und sich schon davon Heilung versprechen. Weil Gott diesen großen Glauben bei den Menschen sieht, werden sie geheilt.
Diese Geheilten und ihre Begleiter sind von ihrer Einstellung her mit dem Gelähmten zu vergleichen, der durch ein abgedecktes Dach zu Jesus hinabgelassen wird. Die Menschen unternehmen alles ihnen Mögliche, um Jesus zu begegnen. Sie tun es nicht aus Sensationsgier, Neugier oder sonstigen unreinen Absichten, sondern weil sie ganz darauf vertrauen, dass Gott sie heilen kann.
Diese Episode des Evangeliums erinnert uns an den Transport der Bundeslade durch die Straßen hindurch zum Tempel in Jerusalem. Auch sie ist durch die Straßen getragen worden. Während ihre Begleiter die Priester und Leviten darstellen, sind es in Jesu Fall seine Jünger. Während in der Bundeslade das Wort Gottes in Buchstabenform durch die Straßen getragen wird, ist es hier das Wort Gottes in Menschenform, das durch die Straßen geht. Wir lesen dieses Evangelium eucharistisch und fühlen uns an Fronleichnam erinnert. Dort wird das Wort Gottes in Form des Leibes Christi durch die Straßen getragen. Und auch heutzutage möchte Jesus die Menschen heilen, die ihm so einen großen Glauben entgegenbringen wie die Kranken im Evangelium. Er möchte so wie damals zuerst unsere Seele heilen und reinigen. Und unseren großen Glauben bekunden wir dadurch, dass wir sagen: Nicht den Saum des Gewandes zu berühren reicht aus, sondern die Hostie in uns aufzunehmen, in der Jesu Gegenwart verborgen ist. Wir sehen ihn nicht mit unseren Augen (in Ausnahmefällen dann doch, siehe die eucharistischen Wunder…) und doch glauben wir, dass er genauso durch die Straßen zieht wie damals, als er in Menschengestalt unter uns gelebt hat.
Und wenn Jesus auf dem Weg zu unserem inneren Tempel ist, halten auch wir ihm die kranken Seiten unseres Lebens hin, damit er sie heile, ob es die Verwundungen unserer Seele sind, unsere Schwächen, durch die wir ständig in dieselben Sünden fallen oder ober es die Bereiche unseres Lebens sind, in denen wir Gott noch nicht den ersten Platz geben, in denen wir ihn vielleicht gar nicht erst hineinlassen. So werden auch wir ganz heil und ganz zu seiner Wohnung. Schließlich möchte der Herr uns ganz erschaffen zu erhalten als neue Schöpfung. Wir sind dazu berufen, heilig zu sein, denn was Gott erschaffen hat, ist gut. Wie können wir böse sein? Widerspricht das nicht seinem Schöpfungsplan?

Ihre Magstrauss

Samstag der 4. Woche im Jahreskreis

Hebr 13,15-17.20-21; Ps 23,1-3.4.5.6; Mk 6,30-34

Hebr 13
15 Durch ihn also lasst uns Gott allezeit das Opfer des Lobes darbringen, nämlich die Frucht der Lippen, die seinen Namen bekennen.
16 Vergesst nicht, Gutes zu tun, und vernachlässigt nicht die Gemeinschaft; denn an solchen Opfern hat Gott Gefallen!
17 Gehorcht euren Vorstehern und ordnet euch ihnen unter, denn sie wachen über eure Seelen und müssen Rechenschaft darüber ablegen; sie sollen das mit Freude tun, nicht mit Seufzen, denn das wäre zu eurem Schaden.
20 Der Gott des Friedens aber, der Jesus, unseren Herrn, den erhabenen Hirten der Schafe, von den Toten heraufgeführt hat durch das Blut eines ewigen Bundes,
21 er mache euch tüchtig in allem Guten, damit ihr seinen Willen tut. Er bewirke in uns, was ihm gefällt, durch Jesus Christus, dem die Ehre sei in alle Ewigkeit. Amen.

Heute hören wir das letzte Mal einen Abschnitt aus dem Hebräerbrief. Gestern ging es bereits um letzte ethische Unterweisungen. Dieser Duktus setzt sich auch heute fort, wobei das Oberthema der rechte Gottesdienst ist. Bemerkenswert ist, dass unmittelbar vor unserem Abschnitt eine interessante typologische Erklärung abgegeben wird: So wie die Opfertiere des Alten Bundes außerhalb des Lagers verbrannt worden sind, so musste Christus vor den Toren Jerusalems gekreuzigt werden. Das ist ein Beispiel für die gesamte Argumentation des Hebräerbriefes. Er stellt eine einzige Auseinandersetzung mit dem Kult des Alten Bundes dar. Viele Anspielungen der Jerusalemer Tempelpraxis werden angeführt, um auf Christus Bezug zu nehmen. So herrscht unter anderem die These, dass der Hebräerbrief zur Zeit nach der Tempelzerstörung entstanden ist und das Trauma verarbeitet. Deshalb könne er nicht von Paulus geschrieben sein, wie es die Tradition angibt. Die Schlussfolgerung ist nicht zwingend, denn dass man über den Tempel so intensiv schreibt, kann genauso gut ein Grund sein, eine Datierung vor der Zerstörung anzunehmen. Schließlich scheint der Kult dem Autor noch lebendig vor Augen zu sein.
„Durch ihn“, gemeint ist „durch Christus“, um den es im vorausgehenden Vers geht, möge das Opfer des Lobes dargebracht werden. Der Lobpreis wird mit Kultsprache umschrieben als „Opfer“ und „Frucht der Lippen“. Was wir also tun, wenn wir Gott loben und preisen, ist die Darbringung eines Opfers, das unsere Antwort auf das Opfer Jesu Christi ist. Gerne wird heute von der modernen Theologie herausgestellt, dass nicht die Menschen Christus dem Vater opfern, sondern in der Messe der Vater den Menschen seinen Sohn schenkt. So sei der Begriff „Gottesdienst“ nicht darauf zu beziehen, dass wir Gott einen Dienst erweisen, sondern Gott uns einen Dienst erweist. Der Einfluss einer anthropologischen Wende in der Theologie, wie diese Denkweise bezeichnet wird, ist unverkennbar. In besonders starker Ausprägung erkennen wir die Ersetzung Gottes durch den Menschen, die Gefahr eine Dialektik, bei der Gott und Mensch auf eine Ebene kommen und vertauschbar werden. Die gefährlichste Schlussfolgerung – und solche Tendenzen sind in den theologischen Ansätzen des letzten Jahrhunderts teilweise zu beobachten gewesen: Gott wurde Mensch, damit der Mensch Gott werde. Dies ist zunehmend wörtlich verstanden worden, obwohl es für den Menschen immer nur im übertragenen Sinne gelten kann. Der Mensch ist Gott gegenüber nie ebenbürtig. Eine strenge Parallele kann es nie geben.
Also zurück zum Opfer: Natürlich ist es vor allem Gott, der der Akteur ist. Er bringt sich selbst dar. Die Priester, die das Hl. Messopfer darbringen, tun dies ja in persona Christi. Das macht die Eucharistie ja so unvergleichlich und so unersetzbar durch Wortgottesdienste. Denn diese nehmen die Menschen selbst vor im Gegensatz zum Messopfer Christi. Und doch heißt das für den Gläubigen nicht, dass man die Hände in den Schoß legen soll. Wir antworten auf dieses Opfer aller Zeiten mit Lob und Dank. Wir geben ein Opfer zurück. Ebenso ist es doch im Alltag mit den Liebesopfern, durch die wir dem Herrn auf sein Kreuzesopfer antworten.
Der Hebräerbrief betont eindrücklich, dass Gott an dieser Art von Opfern Gefallen hat. Denn es ist ein Zurücklieben dessen, der uns zuerst geliebt hat.
Die Adressaten sollen ihren Vorstehern gehorchen, die über ihre Seelen wachen. Auch an dieser Stelle wird der offene Begriff ἡγούμενος hegumenos gewählt statt episkopos, was man eher erwarten würde. Denn der Hüter der Seelen ist zumeist der Bischof. So bleibt es aber offen, ob damit ein Geistlicher gemeint ist oder eine Person, die einem Hauskreis vorsteht und nicht zwingend geweiht sein muss. Diese müssen jedenfalls Rechenschaft ablegen – einerseits vor dem Bischof oder der Gemeinschaft der Bischöfe, andererseits vor Gott.
Zum Ende hin wird ein Segenswunsch formuliert, demnach Gott den Adressaten Gutes verleihen soll. Dieser ist es, der den guten Hirten Christus von den Toten auferweckt hat und den Neuen Bund durch dessen Blut aufgerichtet hat. Das Gute soll er den Christen schenken durch Jesus Christus, denn dieser ist der Mittler zwischen den Bündnispartnern Gott und Menschheit. Der Abschnitt endet mit einer Ewigkeitsformel ganz nach dem jüdischen Gebetsformular.

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.
2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher.
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir den berühmten Psalm 23. Er passt zur Lesung, weil in diesem Vertrauenspsalm Gott als Hirte beschrieben wird. Dies klingt auch zum Ende der Lesung an.
Gott ist unser Hirte, der uns alles gibt, was wir brauchen. Es mangelt uns an nichts, wenn wir zuerst sein Reich suchen. Das sagt Jesus später nicht umsonst. Es ist vor dem Hintergrund des Psalms absolut nachvollziehbar. Gott lässt uns, seine Schafe, auf grünen Auen lagern. Er führt uns nicht ins Verderben, sondern nährt uns immer ausreichend, damit wir auf dem Weg durchs Leben hin zu ihm nicht zugrunde gehen. Auch wenn es zeitweise Wüstenlandschaften sind und nicht die grünen Auen, ist es für uns heilsam, damit wir die Auen wieder mehr zu schätzen lernen, in unserem Glauben gestärkt und in unserer Wachsamkeit geschärft werden. Konkret heißt das, dass Gott uns mit allen irdischen Gaben (Finanzen, Gesundheit, Nahrung und sauberes Trinkwasser, Frieden, Erfolg etc.), aber auch mit allen überirdischen Gaben ausstattet, die wir durch die Heilsmittel der Kirche erhalten. Dazu gehören die Sakramente, allen voran die Eucharistie, und die Sakramentalien, durch die er uns den Hl. Geist senden möchte. Nicht umsonst betet David zuerst „er lässt mich lagern auf grünen Auen“ und dann „und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“. Es sind einerseits zwei Bilder für das Essen und Trinken des Menschen, andererseits die Bilder für die wichtigsten überirdischen Güter – die Eucharistie und der Hl. Geist, das lebendige Wasser.
Gott bringt die Lebenskraft zurück. Das hebräische Stichwort ist an dieser Stelle ist wie so oft nefesch. Gott bringt das ganze Leben zurück. Wir dürfen es sowohl moralisch als auch anagogisch verstehen, das heißt einerseits die Rückführung in den Stand der Gnade und zugleich die Rettung des ewigen Lebens. Vor allem die moralische Ebene wird uns klar, wenn wir danach lesen: „Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit.“
Selbst der Psalm 23 greift die Situation auf, dass es nicht immer die ruhigen grünen Auen sind, auf denen die Herde sich bewegt, sondern auch mal das finstere Tal. So ist das Leben. Es gibt nicht nur schöne Tage, sondern auch die Krisen und dunklen Stunden. Doch selbst da begleitet Gott einen hindurch und hinaus. David selbst, der diese Worte gedichtet hat, erlebte dunkle Stunden, doch gerade in diesen hat er sich umso mehr an Gott geklammert. Er wusste, wie entscheidend sich die Qualität eines Hirten in finsteren Tälern herausstellte. Er wusste auch, wie sicher sich ein Schaf bei einem guten Hirten fühlen konnte. Er ist in dieser Hinsicht nicht nur der Typos des guten Hirten Christus, sondern auch des Lammes Gottes, das sich ganz und gar in die Hände Gottes übergab und selbst am Kreuz noch betete: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Von David können wir das absolute Gottvertrauen lernen und mit ihm zusammen beten: „Dein Stock und dein Stab trösten mich.“
Gott beschenkt uns, seine Kinder. Er hat nur Gutes für uns bereit. All der Segen Gottes wird hier mit verschiedenen Bildern umschrieben wie dem Decken des Tisches, dem Salben des Hauptes und dem übervollen Becher. All dies können wir zusammenfassen mit den darauffolgenden Worten: „Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.“
Ins Haus des Herrn heimzukehren, bedeutet in diesem Kontext wörtlich den Tempel Gottes, der zu Davids Zeiten noch in Form des Offenbarungszeltes bestand. Wir lesen dies allegorisch weiter als das Reich Gottes und die Kirche. Moralisch verstehen wir damit unsere eigene Seele, die der Tempel Gottes ist und von wo aus die Entscheidungen zu einem Verhalten nach seinen Geboten getroffen werden. Schließlich kehren wir am Ende unseres Lebens heim in das Haus Gottes, den Himmel.

Mk 6
30 Die Apostel versammelten sich wieder bei Jesus und berichteten ihm alles, was sie getan und gelehrt hatten. 

31 Da sagte er zu ihnen: Kommt mit an einen einsamen Ort, wo wir allein sind, und ruht ein wenig aus! Denn sie fanden nicht einmal Zeit zum Essen, so zahlreich waren die Leute, die kamen und gingen. 
32 Sie fuhren also mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. 
33 Aber man sah sie abfahren und viele erfuhren davon; sie liefen zu Fuß aus allen Städten dorthin und kamen noch vor ihnen an. 
34 Als er ausstieg, sah er die vielen Menschen und hatte Mitleid mit ihnen; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er lehrte sie lange.

Heute hören wir im Evangelium, wie die zu zweit ausgesandten Apostel wiederkommen und Jesus von ihren Heilstaten berichten. Sie haben es mit eigenen Augen bezeugt, dass im Namen Jesu alles möglich ist. Der Geist Gottes ist es, der durch die von Christus Ausgesandten wirkt. Hier wird zwar nicht gesagt, welche Taten sie vollbracht haben, doch durch die vorausgegangene Beauftragung können wir darauf schließen, dass sie vor allem Exorzismen und Krankensalbungen vorgenommen haben.
Jesus möchte ihnen eine Chance zur Erholung geben. So möchte er mit ihnen an einen ruhigen Ort fahren. Evangelisierung ist ein aufwendiges Unterfangen, bei dem jene, die im Weinberg Gottes arbeiten, kaum Zeit für sich haben. Jesus fordert sie zur Ruhe auf, weil dies den zu dienenden Menschen nur zugute kommen kann. Was hilft es den Menschen, denen man helfen möchte, wenn man einen Schwächeanfall bekommt? So fahren sie mit einem Boot an einen verlassenen Ort, werden dabei jedoch gesehen. Als sie an dem Ort ankommen, haben sich schon viele Menschen aus umliegenden Städten dort versammelt.
Und weil er Mitleid mit ihnen hat, weil sie wie verlorene Schafe ohne Hirte sind, lehrt er sie lange. Das heißt, er nimmt sich zurück, weil er ein Herz für diese Menschen hat. Er nennt sich im Johannesevangelium den guten Hirten. Sie sind seine Schafe, um die er sich kümmern möchte. Ihm ist es wichtiger, ihnen geistige Nahrung und eine Perspektive zu geben, als sein eigenes Wohl vorzuziehen. So ist echte Hingabe.
Was wir heute von Jesus lernen, ist die praktische Umsetzung dessen, was wir der Lesung und dem Psalm bereits entnommen haben: Gott muss Priorität Nummer eins sein. Alles andere wird uns dazugegeben. Wenn wir unsere ganzen Ressourcen des Lebens in den Dienst Gottes investieren, unser Leben gleichsam zum Liebes- und Dankesopfer machen, wird er uns nicht nur das Gegebene zurückschenken, sondern viel mehr darüber hinaus. Die Hingabe, nicht die Selbstverwirklichung, ist die Erfüllung unseres Lebens. Auch das praktische Tun muss dabei von einer Herzensreinheit ausgehen. Dies wird hier durch Jesu Mitleid ausgedrückt, das er mit den Menschen hat. Das griechische Wort σπλαγχνίζομαι splangchnizomai ist dabei entweder als „Mitleid haben“ oder „sich erbarmen“ zu übersetzen. Wir sollen in unserem Tun von der Barmherzigkeit Gottes geleitet sein.

Bitten wir den Herrn um seine Gnade und Kraft, damit wir ihm immer treu sein können, auch wo wir schwach und begrenzt sind. Bedenken wir heute intensiv, was es konkret für unsere Lebenssituation heißt, uns selbst als Opfer darzubringen, um Gott unsere Liebe zu beweisen. In der gegenwärtigen Coronasituation eröffnen sich viele Kapazitäten dafür.

Ihre Magstrauss

5. Sonntag im Jahreskreis

Ijob 7,1-4.6-7; Ps 147,1-2.3-4.5-6; 1 Kor 9,16-19.22-23; Mk 1,29-39

Ijob 7
1 Ist nicht Kriegsdienst des Menschen Leben auf der Erde? Sind nicht seine Tage die eines Tagelöhners?
2 Wie ein Knecht ist er, der nach Schatten lechzt, wie ein Tagelöhner, der auf seinen Lohn wartet.
3 So wurden Monde voll Enttäuschung mein Erbe und Nächte voller Mühsal teilte man mir zu.
4 Lege ich mich nieder, sage ich: Wann darf ich aufstehn? Wird es Abend, bin ich gesättigt mit Unrast, bis es dämmert.
6 Schneller als das Weberschiffchen eilen meine Tage, sie gehen zu Ende, ohne Hoffnung.
7 Denk daran, dass mein Leben nur ein Hauch ist! Nie mehr schaut mein Auge Glück.

Heute hören wir als erste Lesung einen Ausschnitt aus dem Buch Ijob. Dabei handelt es sich um ein Kapitel, das dem sogenannten Dialogteil entnommen ist. Es geht um verschiedene Dialoge, die Ijob mit seinen Freunden austrägt und in denen die Frage nach seinem Leiden unterschiedlich betrachtet wird. Im Grunde ist es ein einziges Ringen mit der Theodizee-Frage. Ijob sieht sich der anhaltenden Versuchung ausgesetzt, eine zu vorschnelle Erklärung für seinen Zustand zu bereiten. Es ist auch insgesamt eine Infragestellung des sogenannten Tun-Ergehen-Zusammenhangs. All die vielen Dialoge können nicht darüber hinwegtäuschen, dass es für Ijobs Situation schlichtweg keine Erklärung gibt. Er muss es ohne Klärung hinnehmen. Und vor allem – er fällt auf die Versuchungen des Teufels nicht hinein und hadert weder mit Gott, noch beschimpft er ihn aufgrund seines Leidens. Diese Dialogpassagen sind so aufgebaut, dass ein Freund zunächst eine Erklärung oder einen gleichsam philosophischen Ansatz anbringt, bevor Ijob es aufgreift und im Zuge eines ausführlichen Dialogs weisheitlicher Art zurückweist. Aus einer solchen weisheitlichen Antwort, die an das Buch Kohelet erinnert, hören wir heute einen Abschnitt.
Ijob betrachtet das irdische Dasein und umschreibt es als Kriegsdienst sowie Dienst eines Tagelöhners. Das sind nicht einfach Bilder der Verbitterung, sondern wir müssen hier eine sehr scharfe Beobachtungsgabe herausstellen: Es ist ein einziger geistlicher Kampf, den wir auf Erden begehen. Die Versuchungen, denen Ijob durch seine Freunde ausgesetzt ist und denen er durch seine ausführlichen Antworten zurückzuweisen versucht, erkennt er als solche Kämpfe an. Der Böse ist es, der hinter den Erklärungsversuchen und Aufforderungen steckt, Gott aufzugeben.
Auch das Bild des Tagelöhners ist nicht einfach abzutun als Selbstmitleid eines Geplagten. Vielmehr spricht hier ein Mensch, der von Tag zu Tag lebt, der sich am Existenzminimum seiner Kräfte und seines Gottvertrauens befindet und nur das Heute in den Blick nimmt – um nicht gänzlich zu verzweifeln. So ist es auch mit dem Tagelöhner, der einer Tätigkeit nachgeht und dem am Ende des Tages ein Lohn ausgezahlt wird. Welcher Tätigkeit er am nächsten Tag nachgehen wird und ob er überhaupt einen Tageslohn erhalten wird, daran wagt er heute noch nicht zu denken.
Ijob sieht seine eigene Armut und sein Angewiesensein auf Gott. Er sehnt sich nach Erquickung wie ein Knecht nach Schatten, wenn er in der prallen Sonne arbeiten muss. Er ist ganz abhängig von Gottes Güte wie der Tagelöhner von seinem Tageslohn.
Er greift viele Bilder auf, die uns an das Buch Kohelet erinnern. Das Leben als Hauch ist beispielsweise eine Entsprechung zu den einleitenden Worten Kohelets.
„Monde voll Enttäuschung“ bezieht sich auf Monate. Zugeteilt wurden Ijob Nächte voller Mühsal. Diese etwas umständliche passivische Wendung ist ein passivum divinum, eine Formulierung, die etwas Gottgegebenes umschreibt. Letztendlich begreift Ijob diese schwere Lebensphase als gottgewollt. Er ringt mit sich, auch diese Zeit als Gottes Willen anzunehmen, er, der in guten Zeiten voller Glaubenseifer gebrannt hat. Nun ist es ein Lernprozess, auch zu glauben, wenn es schwierig wird.
Es fällt ihm nicht leicht – deshalb spricht er von Unrast, „bis es dämmert“, also Schlaflosigkeit. Er geht sogar davon aus, dass sein Leben dauerhaft so weitergehen wird, ohne dass es wieder gute Zeiten geben wird. Er sieht wirklich kein Licht am Ende des Tunnels. Und wenn er seinen Zustand auch so bildreich und ausführlich beschreibt, treibt ihn diese Bestandsaufnahme nicht in die Verbitterung. Er ringt mit sich, doch er verzweifelt nicht. Das macht Ijob zu einem ganz realistischen Vorbild. Wir alle machen schwere Zeiten durch und der Glaube an den Herrn bewährt sich gerade in jenen Zeiten. Was machen wir daraus? Geben wir Gott sofort auf, wenn wir schwere Leidenssituationen durchleben? Machen wir ihn dafür verantwortlich? Uns ist der Beistand geschenkt, der Hl. Geist, durch den wir innerlich am Leben erhalten werden. Möge dieser uns stets mit der inneren Flamme unerschütterlicher Hoffnung aufrecht erhalten, damit auch wir nach unserem persönlichen Ringen mit einem gestärkten Glauben hervorgehen wie Ijob!

Ps 147
1 Halleluja! Ja, gut ist es, unserem Gott zu singen und zu spielen, ja, schön und geziemend ist Lobgesang. 
2 Der HERR baut Jerusalem auf, er sammelt die Versprengten Israels. 
3 Er heilt, die gebrochenen Herzens sind, er verbindet ihre Wunden. 
4 Er bestimmt die Zahl der Sterne und ruft sie alle mit Namen.
5 Groß ist unser Herr und gewaltig an Kraft, seine Einsicht ist ohne Grenzen.
6 Der HERR hilft auf den Gebeugten, er drückt die Frevler zu Boden
.

Der Psalm ist ein einziger Lobpreis an Gott. Er besagt, dass das Lob Gottes angemessen ist – unabhängig davon, wie es dem Preisenden geht. Die Gründe für das Lob werden aufgezählt. Gott baut Jerusalem auf und sammelt die Versprengten Israels. Das meint historisch-wörtlich zunächst den Aufbau der Stadt nach dem Exil und die Rückkehr derer, die vertrieben worden sind. Dies meint aber auch die Kirche, die von Christus aufgebaut wird. Lesen wir diesen Psalm allegorisch, geht uns neu auf, dass die Kirche Werk Gottes ist. Wir machen unsere Kirche nicht selbst, sondern Christus baut sie auf nach seinem Willen (Mt 16 nämlich auf jenem Felsen, den er dafür ausgesucht hat). Er sammelt die Versprengten – das bezieht sich nicht mehr aus das Volk Israel im wörtlichen Sinn, sondern auf jene, die ihn annehmen – Juden und Heiden gleichermaßen! Er sammelt sie durch seine Verkündigung und die Kirche führt dies weiter in seiner Nachfolge. Er baut auch moralisch betrachtet den Tempel des Hl. Geistes im Menschen und zieht ihn zu sich zurück, wenn er sich durch ein gottloses Leben von IHM entfernt. Er tut dies durch das Gewissen und durch Situationen, in denen er dem Menschen die Chance zur Umkehr gibt. Und wie kommt der Sünder, der durch die Sünde im Exil gelandet ist, zurück? Durch das Sakrament der Beichte. Am Ende der Zeiten wird Gott die Versprengten zu sich ins himmlische Jerusalem holen, nachdem er einen neuen Himmel und eine neue Erde geschaffen hat, nachdem das himmlische Jerusalem sich in ihrer Mitte etabliert hat. Dann werden die Rückkehrer keinen neuen Tempel bauen müssen, denn Gott selbst wird in ihrer Mitte wohnen.
Wir haben diese ausstehende Verheißung schon ansatzhaft mit Jesu Kommen auf die Erde erfahren und feiern sie sakramental in der Kirche weiter. Jesus hat geheilt, körperlich und seelisch. Er hat so viele Menschen getröstet und ihre vielfältigen Wunden geheilt. Denken wir nur an die blutflüssige Frau. Er hat nicht nur ihre Krankheit geheilt, sondern dafür gesorgt, dass sie auch in der Gemeinschaft nicht mehr ausgeschlossen wird. Ebenso verhält es sich mit den Aussätzigen, die ausgegrenzt worden sind. Er ist nicht zu den Mächtigen gegangen und diente diesen, sondern er widmete sich den Verpönten, Ausgegrenzten, Elenden und Armen. Er nahm auch kein Blatt vor dem Mund, wenn er den Mächtigen begegnete, insbesondere der Tempelelite. Die Menschen haben seine Taten verstanden und deshalb Gott die Ehre gegeben. Wir feiern die Sakramente und sehen dieselben Heilstaten auch heute: Menschen erfahren innere Heilung in der Beichte und der Eucharistie. Sie erfahren auch noch körperliche Heilung! Wie viel habe ich schon gesehen…Die Menschen kehren um und ihr chaotisches Leben ordnet sich wieder nach und nach. Ihnen wird ein ganz neues Leben geschenkt. Gott ist so gut und verdient unser ewiges Lob!
All diese Ausführungen stehen nicht im Widerspruch zu Ijob, der aufgrund einer extremen Leidenssituation gegen die Versuchungen ankämpft, sich selbst die Schuld zu geben (Tun-Ergehen-Zusammenhang), Gott die Schuld zu geben, eine vorschnelle Erklärung zu finden, sich selbst und Gottes Beziehung aufzugeben. Vielmehr ist auch er dazu berufen, Gott die Ehre zu geben in seiner Situation. Und so wie Christus später all die Wunden innerer und äußerer Art heilt, so möchte Gott auch Ijob Heilung und Trost spenden. Dies wird er auch tun, wenn die Zeit der Bewährung und Erprobung zuende sind.

1 Kor 9
16 Wenn ich nämlich das Evangelium verkünde, gebührt mir deswegen kein Ruhm; denn ein Zwang liegt auf mir. Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!

17 Wäre es mein freier Entschluss, so erhielte ich Lohn. Wenn es mir aber nicht freisteht, so ist es ein Dienst, der mir anvertraut wurde.
18 Was ist nun mein Lohn? Dass ich unentgeltlich verkünde und so das Evangelium bringe und keinen Gebrauch von meinem Anrecht aus dem Evangelium mache.
19 Obwohl ich also von niemandem abhängig bin, habe ich mich für alle zum Sklaven gemacht, um möglichst viele zu gewinnen.
22 Allen bin ich alles geworden, um auf jeden Fall einige zu retten.
23 Alles aber tue ich um des Evangeliums willen, um an seiner Verheißung teilzuhaben.

Heute hören wir einen wunderbaren Ausschnitt aus dem Korintherbrief, in dem Paulus sein Brennen für das Evangelium herausstellt. Dass er es verkündet, ist nicht sein Verdienst oder verdient irgendein Lob. Er tut es unter „Zwang“, es meint das Brennen in seinem Herzen, das ihn dazu bringt, es in die Welt hinauszutragen. Er kann es nicht zurückhalten, weshalb er sagt: „Weh mir, wenn ich das Evangelium nicht verkünde!“ Wir denken an Jeremia, der aufgrund der Botschaft Gottes viel zu erleiden hat und doch nicht schweigen kann. Auch er hat ein solches Brennen in sich, das ihn dazu bewegt, weiter zu verkünden. Dieser „Zwang“ des Paulus ist aber rhetorisch zu verstehen. Kein Mensch setzt ihn unter Druck oder bedroht ihn, sodass er die Verkündigung fortsetzt. Das griechische Wort ἀνάγκη anangke heißt nicht nur „Zwang“, sondern auch „Notwendigkeit“ oder „natürliches Bedürfnis“. Und das Brennen des Herzens wird hier wie ein körperliches Phänomen umschrieben, aufgrund dessen Paulus evangelisieren muss. Dies können wir auf den Geplagten der ersten Lesung zurückbeziehen. Auch dieser kann nicht anders, als an Gott festzuhalten, obwohl er in seinem Namen so viel erleiden muss. Er bleibt dran, statt alles aufzugeben.
Weil Paulus aufgrund dieses Drangs verkünden muss, erwartet er auch keinen Lohn dafür. Gott hat sein Herz entzündet, er hat ihn beauftragt. Die Evangelisierung ist ein Dienst, der ihm anvertraut wurde. Sein Lohn besteht darin, dass er unentgeltlich verkündet. Wir erinnern uns daran, dass Jesus zu seinen Aposteln sagte: „Umsonst habt ihr empfangen, umsonst sollt ihr geben.“ In diese Richtung müssen wir nun auch Pauli Wirken verstehen. Dass er evangelisiert, ist ein Sklavendienst. Jesus hat zu seinen Aposteln gesagt, dass wer von ihnen herrschen will, der Diener aller sein muss. Er hat ihnen nicht umsonst am selben Abend die Füße gewaschen – ein typischer Sklavendienst -, als er das Sakrament der Weihe gestiftet hat. Paulus ist ebenfalls zu so einem Diener aller geworden und gibt sich ganz für die Menschen hin, damit so viele wie möglich gerettet werden. Er verdeutlicht, dass die Absicht seines Wirkens die Teilhabe an der Verheißung darstellt. Er möchte ebenfalls gerettet werden. Sein Ziel ist das ewige Heil.
Paulus ist uns Vorbild in seiner absoluten Selbsthingabe. Er ist den Menschen alles geworden, damit wenigstens ein paar gerettet werden. Natürlich ist der Anspruch, dass alle Menschen gerettet werden, doch dies hängt von ihrem freien Willen ab. Er kann nicht gegen den Willen der Menschen evangelisieren. Wer die Botschaft Jesu Christi nicht annimmt, dessen Entscheidung ist zu respektieren. Können auch wir alles geben, um teilzuhaben an der Verheißung Jesu Christi an uns? Trauen wir uns, ihm alles zu schenken, um noch mehr zurückzubekommen?

Mk 1
29 Sie verließen sogleich die Synagoge und gingen zusammen mit Jakobus und Johannes in das Haus des Simon und Andreas.
30 Die Schwiegermutter des Simon lag mit Fieber im Bett. Sie sprachen sogleich mit Jesus über sie
31 und er ging zu ihr, fasste sie an der Hand und richtete sie auf. Da wich das Fieber von ihr und sie diente ihnen.
32 Am Abend, als die Sonne untergegangen war, brachte man alle Kranken und Besessenen zu Jesus.
33 Die ganze Stadt war vor der Haustür versammelt
34 und er heilte viele, die an allen möglichen Krankheiten litten, und trieb viele Dämonen aus. Und er verbot den Dämonen zu sagen, dass sie wussten, wer er war.
35 In aller Frühe, als es noch dunkel war, stand er auf und ging an einen einsamen Ort, um zu beten.
36 Simon und seine Begleiter eilten ihm nach,
37 und als sie ihn fanden, sagten sie zu ihm: Alle suchen dich.
38 Er antwortete: Lasst uns anderswohin gehen, in die benachbarten Dörfer, damit ich auch dort verkünde; denn dazu bin ich gekommen.
39 Und er zog durch ganz Galiläa, verkündete in ihren Synagogen und trieb die Dämonen aus.

Direkt im Anschluss an den letztes Mal gehörten Exorzismus Jesu geht dieser mit seinen Jüngern zu Petrus und seinem Bruder nach Hause. Das ganze findet ja in Kafarnaum statt.
Dort tut Jesus nun ein weiteres Wunder, denn er heilt die kranke Schwiegermutter des Petrus. Wir stellen uns vor, wie die fünf Männer bei Petrus zuhause erscheinen und die Schwiegermutter sie eigentlich bewirten muss.
Jesus tut etwas, was wir öfter lesen: Er fasst sie bei der Hand und richtet sie auf. Das ist natürlich zunächst aus praktischen Gründen eine notwendige Geste. Jesus heilt sie, sodass sie nicht mehr niederliegen muss. Er hilft ihr also auf. Gleichzeitig lesen wir dahinter etwas viel Tieferes, genauso bei der Erweckung des toten Mädchens an anderer Stelle: Jesus erfüllt Jes 41 durch diese scheinbar banale Geste und jeder fromme Jude müsste es wie Schuppen vor den Augen fallen: „Denn ich bin der HERR, dein Gott, der deine rechte Hand ergreift und der zu dir sagt: Fürchte dich nicht, ich habe dir geholfen.“ Durch die Erfüllung der jesajanischen Verheißung muss der fromme Jude aber auch anerkennen, dass Jesus „der HERR“ ist, dass sie eins sind! Das Fieber verschwindet und die Schwiegermutter kann die Gäste bedienen. Auch das ist uns eine ganz große Lehre:
Gott heilt nicht, damit wir ein bequemeres Leben führen können. Gott lässt gerade körperliche Heilung zu, damit wir durch die gewonnene Gesundheit IHM besser dienen können. Er tut dies, wenn er einen besonderen Auftrag für den Menschen hat. Darum geht es in erster Linie: um die genesene Person zu berufen und um ihren Glauben zu stärken bzw. den Glauben der Umstehenden. So ist es auch bei Ijob. Er lässt zu, dass der Mann ganz in die Knie gezwungen wird, damit er lernt, sich ganz von Gott abhängig zu machen. Er tut es, um seinen Glauben zu stärken. Und weil dieser die Prüfung besteht, wird ihm auch Heilung geschenkt. Er bekommt sehr viel Segen und zugleich eine neue Berufung. Das Leben ist noch nicht zuende entgegen des Eindrucks, den Ijob von seinem Leben hat.
Zurück zu Jesus: Übrigens findet diese Heilung an einem Sabbat statt. Das ist eigentlich ein Grund zur Anklage, aber erstens steht Jesus als Messias über dem Sabbat, zweitens können wir davon ausgehen, dass die Schwiegermutter des Petrus in Lebensgefahr schwebt, wo die Heilung an einem Sabbat ausnahmsweise erlaubt ist.
Die ganzen Menschenmassen, die nach Sonnenuntergang zum Haus des Petrus kommen, halten sich an die jüdischen Gesetze, denn ab dem Sonnenuntergang ist in jüdischer Zählung der neue Tag angebrochen. Jesus heilt die Kranken und treibt die Dämonen aus, als es also nicht mehr Sabbat ist!
Am nächsten Tag tut Jesus, was er immer nach ausführlichen Heilungen und Verkündigungen tut – allein mit seinem Vater sein. Er füllt sich neu mit der Liebe des Vaters auf. Das ist für die Jünger Jesu eine große Lehre. Sie sollen sehen, wie sie es später selbst tun sollen – vielen Menschen die Liebe Gottes schenken, aber dann in der Zweisamkeit mit Gott wieder auftanken – und zwar nicht körperlich, sondern seelisch. Sie müssen das erst einmal lernen. Deshalb reagieren sie hektisch (sie „eilen ihm nach“) und wollen ihn zurück zu den Menschen bringen, die nach ihm suchen.
Jesus sagt ihnen aber deutlich, dass er sich nicht von den Bewohnern Kafarnaums festnageln lässt. Er ist für alle Menschen gekommen, muss überall das Evangelium verkünden und vor allem: Er kann sich nicht von einzelnen Menschen binden lassen. Das ist die Lebensweise von Geistlichen. Sie gehören keinen Einzelpersonen, sondern sie sind ungebunden. Deshalb sind sie ja auch zölibatär, um sich ganz und gar nur an einen zu binden – an Gott. Es ist natürlich gut für einen Geistlichen, bestimmte Bezugspersonen zu haben, die einen stützen und helfen, aber auch an sie soll er sich nicht binden, vor allem nicht emotional. Ein Priester ist der Vater der ganzen Gemeinschaft der Christen, die eine einzige Familie ist. Jesus zeigt ihnen dadurch noch etwas Anderes: In erster Linie muss der Geistliche ganz und gar in Gott sein. Die Zwiesprache im Gebet, das komplette Versunkensein in der Liebe Gottes, die Kontemplation muss der Ausgangspunkt jedes priesterlichen Dienstes sein. Dann ist es wirklich ein gnadenhaftes Tun, das die Menschen näher zu Gott bringt.
Und so zieht Jesus durch ganz Galiläa, lehrt in den Synagogen – d.h. er legt dort vor allem die Schrift neu aus. Es wird auch explizit gesagt, dass er Dämonen austreibt. Das ist ein wichtiger großer Dienst, den Jesus ausübt. Es ist eine messianische Heilstat, die die Herrschaft Gottes gegenüber dem Reich des Teufels signalisiert. Anhand der Exorzismen sieht man zudem am eindrücklichsten, wie Jesu Befreiung aus der Sklaverei zu verstehen ist. Er will in erster Linie unsere Seele retten, deshalb ist der Exorzismus im Markusevangelium auch das erste Wunder, das überliefert wird. Erst danach kommt die erste körperliche Heilung an der Schwiegermutter des Petrus.

Heute hören wir viele verschiedene Lesungen, die uns lehren, wie wir uns in jeglicher Situation an Gott klammern sollen, um aus seiner Liebe heraus fruchtbar zu sein: ob in der tiefsten Leidenssituation wie bei Ijob oder in der höchsten Freudensituation wie bei David im Psalm. Gott möchte uns ganz reich machen mit seiner Gnade, nicht damit wir uns eine Schatzkammer bauen können, deren Schätze nur für uns sind, sondern damit wir sie ganz verschenken und als Sklaven in seinen Dienst treten. Christus zeigt uns, wie wir ganz im Vater sein müssen und bei aller Liebe, die wir austeilen, zuerst von der Liebe Gottes erfüllt sein müssen. Sonst brennen wir uns sehr schnell aus, denn die menschliche Liebe ist begrenzt. Gott verleiht uns alles, was wir brauchen – in Leiden und in Freuden, in Dienst und im Annehmen von Hilfe. Möge diese innige Gottesgemeinschaft auch in allen unseren Lebenssituationen heute nie abbrechen, damit wir die Kämpfe durchstehen bis zum ewigen Freudenmahl des Himmels!

Ihre Magstrauss