4. Fastensonntag

1 Sam 16,1b.6-7.10-13b; Ps 23,1-3.4.5.6; Eph 5,8-14; Joh 9,1-41

1 Sam 16
In jenen Tagen sagte der HERR zu Samuel: Fülle dein Horn mit Öl und mach dich auf den Weg! Ich schicke dich zu dem Betlehemiter Isai; denn ich habe mir einen von seinen Söhnen als König ausersehen.
6 Als sie kamen und er den Eliab sah, dachte er: Gewiss steht nun vor dem HERRN sein Gesalbter.
7 Der HERR aber sagte zu Samuel: Sieh nicht auf sein Aussehen und seine stattliche Gestalt, denn ich habe ihn verworfen; Gott sieht nämlich nicht auf das, worauf der Mensch sieht. Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der HERR aber sieht das Herz.
10 So ließ Isai sieben seiner Söhne vor Samuel treten, aber Samuel sagte zu Isai: Diese hat der HERR nicht erwählt.
11 Und er fragte Isai: Sind das alle jungen Männer? Er antwortete: Der jüngste fehlt noch, aber der hütet gerade die Schafe. Samuel sagte zu Isai: Schick jemand hin und lass ihn holen; wir wollen uns nicht zum Mahl hinsetzen, bevor er hergekommen ist.
12 Isai schickte also jemand hin und ließ ihn kommen. David war rötlich, hatte schöne Augen und eine schöne Gestalt. Da sagte der HERR: Auf, salbe ihn! Denn er ist es.
13 Samuel nahm das Horn mit dem Öl und salbte David mitten unter seinen Brüdern. Und der Geist des HERRN war über David von diesem Tag an.

Heute hören wir noch einmal von der Salbung Davids zum König von Israel. Im Jahreskreis ist dies schon vorgekommen, aber nun verstehen wir diese Episode im Kontext der Fastenzeit nochmal ganz anders: Wir haben die Gottesknechtslieder aus Jesaja im Hinterkopf, die gerade in der Karwoche zu einer Zuspitzung auf Jesus Christus und sein Leiden kommen. Der Messias, zu Deutsch „der Gesalbte“, wird als Sohn Davids, als sein Nachkomme erwartet. Vor diesem Hintergrund hören wir nun die Geschichte.
Samuel wird von Gott dazu beauftragt, mit Salböl nach Betlehem zu ziehen, weil er dort bei der Familie des zu Salbenden einkehren soll.
Dann beginnt das spannende Casting und er hält im Inneren während der ganzen Prozedur Zwiesprache mit Gott. So denkt er sich beim Anblick Eliabs, dass er womöglich der zu Salbende sein könnte. Gott belehrt ihn aber eines besseren und erklärt, dass es ihm nicht auf das stattliche Aussehen des Mannes ankommt. So mustert er jeden Sohn Isais bis auf David, der auf der Weide die Schafe hütet. Samuel merkt am Ende auch, dass etwas nicht stimmt, denn Gott gab ihm jedesmal ein, dass es sich bei dem Gemusterten nicht um den Salbungskandidaten handelt. So fragt er im Anschluss Isai, ob es noch einen weiteren Kandidaten gibt. So ruft er seinen jüngsten Sohn und als dieser erscheint, fordert Gott ihn auf: „Auf, salbe ihn! Denn er ist es.“ Und so nimmt Samuel sein Salböl und salbt David in Anwesenheit seiner Familie. Mit der Salbung kommt der Geist Gottes auf David herab. Das passiert bis heute bei einer Salbung. Bei Taufe und Firmung kommt das kostbare Öl Chrisam zum Einsatz, das früher bei königlichen Salbungen eingesetzt worden ist. Es sind die Sakramente, bei denen der Hl. Geist auf die Person herabkommt und mit den Früchten und Gaben ausstattet. Auch Jesus wird mit dem Hl. Geist gesalbt, auch wenn kein Öl dabei zum Einsatz kommt, sondern der Jordan bei der Taufe. Der Geist Gottes kommt in Gestalt einer Taube auf Jesus herab. So ist ein wichtiger Bezugspunkt zu David geschaffen.

Ps 23
1 Ein Psalm Davids. Der HERR ist mein Hirt, nichts wird mir fehlen.
2 Er lässt mich lagern auf grünen Auen und führt mich zum Ruheplatz am Wasser.
3 Meine Lebenskraft bringt er zurück. Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit, getreu seinem Namen.
4 Auch wenn ich gehe im finsteren Tal, ich fürchte kein Unheil; denn du bist bei mir, dein Stock und dein Stab, sie trösten mich.
5 Du deckst mir den Tisch vor den Augen meiner Feinde. Du hast mein Haupt mit Öl gesalbt, übervoll ist mein Becher.
6 Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang und heimkehren werde ich ins Haus des HERRN für lange Zeiten.

Heute beten wir den berühmten Psalm 23. Er passt perfekt zur Lesung, weil in diesem Vertrauenspsalm Gott als Hirte beschrieben wird. Zuvor hörten wir davon, dass Gott sich als König für seine auserwählte Herde, sein Volk Israel, einen Hirten ausgesucht hat. Der König über die zwölf Stämme soll Gottes Stellvertreter in Israel sein. Er soll mit derselben Mentalität herrschen wie Gott es tut, nämlich als sich sorgender Diener aller. Das verkörpert auch der leidende Gottesknecht im Buch Jesaja, den die Kirche von Anfang an mit Jesus Christus identifiziert hat. Und auch Jesus selbst sagt im Johannesevangelium: „Ich bin der gute Hirte.“ Und zugleich mahnt er an: „Wer von euch der Erste sein will, soll der Diener aller sein.“ David hat diesen Psalm selbst gedichtet und man spürt, dass er diese Haltung selbst ganz gelebt hat. Gottes wunderbare Vorsehung hat alles so gefügt, dass er tatsächlich einen Hirten zum König erwählt hat.
Gott ist unser Hirte, der uns alles gibt, was wir brauchen. Es mangelt uns an nichts, wenn wir zuerst sein Reich suchen. Das sagt Jesus später nicht umsonst. Es ist vor dem Hintergrund des Psalms absolut nachvollziehbar. Gott lässt uns, seine Schafe, auf grünen Auen lagern. Er führt uns nicht ins Verderben, sondern nährt uns immer ausreichend, damit wir auf dem Weg durchs Leben hin zu ihm nicht zugrunde gehen. Auch wenn es zeitweise Wüstenlandschaften sind und nicht die grünen Auen, ist es für uns heilsam, damit wir die Auen wieder mehr zu schätzen lernen, in unserem Glauben gestärkt und in unserer Wachsamkeit geschärft werden. Konkret heißt das, dass Gott uns mit allen irdischen Gaben (Finanzen, Gesundheit, Nahrung und sauberes Trinkwasser, Frieden, Erfolg etc.), aber auch mit allen überirdischen Gaben ausstattet, die wir durch die Heilsmittel der Kirche erhalten. Dazu gehören die Sakramente, allen voran die Eucharistie, und die Sakramentalien, durch die er uns den Hl. Geist senden möchte. Nicht umsonst betet David zuerst „er lässt mich lagern auf grünen Auen“ und dann „und führt mich zum Ruheplatz am Wasser“. Es sind einerseits zwei Bilder für das Essen und Trinken des Menschen, andererseits die Bilder für die wichtigsten überirdischen Güter – die Eucharistie und der Hl. Geist, das lebendige Wasser.
Gott bringt die Lebenskraft zurück. Das hebräische Stichwort ist an dieser Stelle ist wie so oft nefesch. Gott bringt das ganze Leben zurück. Wir dürfen es sowohl moralisch als auch anagogisch verstehen, das heißt einerseits die Rückführung in den Stand der Gnade und zugleich die Rettung des ewigen Lebens. Vor allem die moralische Ebene wird uns klar, wenn wir danach lesen: „Er führt mich auf Pfaden der Gerechtigkeit.“
Selbst der Psalm 23 greift die Situation auf, dass es nicht immer die ruhigen grünen Auen sind, auf denen die Herde sich bewegt, sondern auch mal das finstere Tal. So ist das Leben. Es gibt nicht nur schöne Tage, sondern auch die Krisen und dunklen Stunden. Doch selbst da begleitet Gott einen hindurch und hinaus. David selbst hat dunkle Stunden gehabt, doch gerade in diesen hat er sich umso mehr an Gott geklammert. Er wusste, wie entscheidend sich die Qualität eines Hirten in finsteren Tälern herausstellte. Er wusste auch, wie sicher sich ein Schaf bei einem guten Hirten fühlen konnte. Er ist in dieser Hinsicht nicht nur der Typos des guten Hirten Christus, sondern auch des Lammes Gottes, das sich ganz und gar in die Hände Gottes übergab und selbst am Kreuz noch betete: „Vater, in deine Hände lege ich mein Leben.“ Von David können wir das absolute Gottvertrauen lernen und mit ihm zusammen beten: „Dein Stock und dein Stab trösten mich.“
Gott beschenkt uns, seine Kinder. Er hat nur Gutes für uns bereit. All der Segen Gottes wird hier mit verschiedenen Bildern umschrieben wie dem Decken des Tisches, dem Salben des Hauptes und dem übervollen Becher. All dies können wir zusammenfassen mit den darauffolgenden Worten: „Ja, Güte und Huld werden mir folgen mein Leben lang.“
Ins Haus des Herrn heimzukehren, bedeutet in diesem Kontext wörtlich den Tempel Gottes, der zu Davids Zeiten noch in Form des Offenbarungszeltes bestand. Wir lesen dies allegorisch weiter als das Reich Gottes und die Kirche. Moralisch verstehen wir damit unsere eigene Seele, die der Tempel Gottes ist und von wo aus die Entscheidungen zu einem Verhalten nach seinen Geboten getroffen werden. Schließlich kehren wir am Ende unseres Lebens heim in das Haus Gottes, den Himmel.

Eph 5
8 Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Lebt als Kinder des Lichts!
9 Denn das Licht bringt lauter Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit hervor.
10 Prüft, was dem Herrn gefällt,
11 und habt nichts gemein mit den Werken der Finsternis, die keine Frucht bringen, deckt sie vielmehr auf!
12 Denn von dem, was sie heimlich tun, auch nur zu reden, ist schändlich.
13 Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet.
14 Denn alles Erleuchtete ist Licht. Deshalb heißt es: Wach auf, du Schläfer, und steh auf von den Toten und Christus wird dein Licht sein.

Die zweite Lesung ist heute aus dem Epheserbrief. In diesem gesamten Kapitel ermahnt Paulus die Epheser dazu, aufgrund ihre neuen Lebens seit der Taufe ein heiliges Verhalten an den Tag zu legen, frei von sündhaften Neigungen. So argumentiert er in Vers 8 damit: „Denn einst wart ihr Finsternis, jetzt aber seid ihr Licht im Herrn. Lebt als Kinder des Lichts!“ Die Taufe hat uns zu einem neuen Leben geistig wiedergeboren. Wir können nicht mehr so leben wie zuvor. Unsere neue Identität als Erben des Reiches Gottes erfordert auch ein entsprechendes Verhalten. Die Epheser sollen sich heiligen, weil Gott heilig ist. Diese Heiligkeit wird mit dem Bild des Lichtes ausgedrückt. Zuvor waren wir in der Finsternis aufgrund unserer eigenen Sünden, aber auch der Erbsünde, mit der wir Menschen belastet waren. Das Licht ist dagegen ein Bild für die Taufgnade.
Die Früchte des Lichtes, also dieser Gnade sind Güte, Gerechtigkeit und Wahrheit. Diese Verhaltensweisen sollten einen Getauften als solchen ausweisen. Böse Taten als Früchte der Finsternis sollen dabei nicht nur gemieden, sondern auch aufgedeckt werden. Das heißt es reicht nicht, bei sich zu denken „Hauptsache ich mache die Sünde nicht“. Wir sind verpflichtet, aus Nächstenliebe die Sünde beim anderen aufzudecken, damit auch er oder sie in das Licht kommt. Jesus erklärt uns in Mt 18, wie das geschehen soll – in Liebe, erst unter vier Augen, dann vor Zeugen etc.
Paulus erklärt eine wichtige Sache: Alles, was aufgedeckt ist, wird vom Licht erleuchtet. Deshalb ist es wichtig, dass wir unsere Sünden klar bekennen. Wir tragen sie freiwillig von der Dunkelheit ins Licht und so kann Gott es uns vergeben. So werden wir selbst Licht, so versetzt Gott uns in den Stand der Gnade. So ist es schon bei der Taufe. Wir tragen unser Leben von der Dunkelheit ins Licht, wenn wir selbst oder unsere Eltern stellvertretend für uns um die Taufe bitten. Dann stehen wir auf von den Toten und Christus ist unser Licht. Dies ist auch anagogisch zu verstehen: Wenn wir in diesem neuen Bund gelebt haben und ihm treu gewesen sind, dann haben wir auch am Ende unseres irdischen Lebens mit dem biologischen Tod den Übergang zum Leben – nämlich zum ewigen Leben. Und dann ist Christus auf vollkommene Weise unser Licht!

Joh 9
1 Unterwegs sah Jesus einen Mann, der seit seiner Geburt blind war.
2 Da fragten ihn seine Jünger: Rabbi, wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern, sodass er blind geboren wurde?
3 Jesus antwortete: Weder er noch seine Eltern haben gesündigt, sondern die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.
4 Wir müssen, solange es Tag ist, die Werke dessen vollbringen, der mich gesandt hat; es kommt die Nacht, in der niemand mehr wirken kann.
5 Solange ich in der Welt bin, bin ich das Licht der Welt.
6 Als er dies gesagt hatte, spuckte er auf die Erde; dann machte er mit dem Speichel einen Teig, strich ihn dem Blinden auf die Augen
7 und sagte zu ihm: Geh und wasch dich in dem Teich Schiloach! Das heißt übersetzt: der Gesandte. Der Mann ging fort und wusch sich. Und als er zurückkam, konnte er sehen.
8 Die Nachbarn und jene, die ihn früher als Bettler gesehen hatten, sagten: Ist das nicht der Mann, der dasaß und bettelte?
9 Einige sagten: Er ist es. Andere sagten: Nein, er sieht ihm nur ähnlich. Er selbst aber sagte: Ich bin es.
10 Da fragten sie ihn: Wie sind deine Augen geöffnet worden?
11 Er antwortete: Der Mann, der Jesus heißt, machte einen Teig, bestrich damit meine Augen und sagte zu mir: Geh zum Schiloach und wasch dich! Ich ging hin, wusch mich und konnte sehen.
12 Sie fragten ihn: Wo ist er? Er sagte: Ich weiß es nicht.

13 Da brachten sie den Mann, der blind gewesen war, zu den Pharisäern.
14 Es war aber Sabbat an dem Tag, als Jesus den Teig gemacht und ihm die Augen geöffnet hatte.
15 Auch die Pharisäer fragten ihn, wie er sehend geworden sei. Er antwortete ihnen: Er legte mir einen Teig auf die Augen und ich wusch mich und jetzt sehe ich.
16 Einige der Pharisäer sagten: Dieser Mensch ist nicht von Gott, weil er den Sabbat nicht hält. Andere aber sagten: Wie kann ein sündiger Mensch solche Zeichen tun? So entstand eine Spaltung unter ihnen.
17 Da fragten sie den Blinden noch einmal: Was sagst du selbst über ihn? Er hat doch deine Augen geöffnet. Der Mann sagte: Er ist ein Prophet.
18 Die Juden aber wollten nicht glauben, dass er blind gewesen und sehend geworden war. Daher riefen sie die Eltern des von der Blindheit Geheilten
19 und fragten sie: Ist das euer Sohn, von dem ihr sagt, dass er blind geboren wurde? Wie kommt es, dass er jetzt sieht?
20 Seine Eltern antworteten: Wir wissen, dass er unser Sohn ist und dass er blind geboren wurde.
21 Wie es kommt, dass er jetzt sieht, das wissen wir nicht. Und wer seine Augen geöffnet hat, das wissen wir auch nicht. Fragt doch ihn selbst, er ist alt genug und kann selbst für sich sprechen!
22 Das sagten seine Eltern, weil sie sich vor den Juden fürchteten; denn die Juden hatten schon beschlossen, jeden, der ihn als den Christus bekenne, aus der Synagoge auszustoßen.

23 Deswegen sagten seine Eltern: Er ist alt genug, fragt ihn selbst!
24 Da riefen die Pharisäer den Mann, der blind gewesen war, zum zweiten Mal und sagten zu ihm: Gib Gott die Ehre! Wir wissen, dass dieser Mensch ein Sünder ist.
25 Er antwortete: Ob er ein Sünder ist, weiß ich nicht. Nur das eine weiß ich, dass ich blind war und jetzt sehe.
26 Sie fragten ihn: Was hat er mit dir gemacht? Wie hat er deine Augen geöffnet?
27 Er antwortete ihnen: Ich habe es euch bereits gesagt, aber ihr habt nicht gehört. Warum wollt ihr es noch einmal hören? Wollt etwa auch ihr seine Jünger werden?
28 Da beschimpften sie ihn: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose.
29 Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt.
30 Der Mensch antwortete ihnen: Darin liegt ja das Erstaunliche, dass ihr nicht wisst, woher er kommt; dabei hat er doch meine Augen geöffnet.

31 Wir wissen, dass Gott Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er.
32 Noch nie hat man gehört, dass jemand die Augen eines Blindgeborenen geöffnet hat.
33 Wenn dieser nicht von Gott wäre, dann hätte er gewiss nichts ausrichten können.
34 Sie entgegneten ihm: Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren? Und sie stießen ihn hinaus.
35 Jesus hörte, dass sie ihn hinausgestoßen hatten, und als er ihn traf, sagte er zu ihm: Glaubst du an den Menschensohn?
36 Da antwortete jener und sagte: Wer ist das, Herr, damit ich an ihn glaube?
37 Jesus sagte zu ihm: Du hast ihn bereits gesehen; er, der mit dir redet, ist es.
38 Er aber sagte: Ich glaube, Herr! Und er warf sich vor ihm nieder.
39 Da sprach Jesus: Um zu richten, bin ich in diese Welt gekommen: damit die nicht Sehenden sehen und die Sehenden blind werden.
40 Einige Pharisäer, die bei ihm waren, hörten dies. Und sie fragten ihn: Sind etwa auch wir blind?
41 Jesus sagte zu ihnen: Wenn ihr blind wärt, hättet ihr keine Sünde. Jetzt aber sagt ihr: Wir sehen. Darum bleibt eure Sünde.

Das heutige Evangelium ist etwas lang, weil es aus komplexen Dialogen besteht. Es geht um einen Blinden, der von Geburt an blind ist. Als Jesus und seine Jünger ihm begegnen, fragen Jesu Jünger ihn ganz aus ihrem jüdischen Verständnis heraus: „Wer hat gesündigt? Er selbst oder seine Eltern?“ Das ist ein Kausalschluss, der im Judentum damals weit verbreitet war. Wir nennen es theologisch „Tun-Ergehen-Zusammenhang“. Demnach ist Leiden stets die direkte Konsequenz von Sünde, entweder der eigenen oder der der Vorfahren. Dies ist auch nicht falsch. Zumeist leiden wir in unserer Welt aufgrund unserer eigenen Vergehen oder der Vergehen anderer. Aber es gibt keinen hundertprozentigen Kausalzusammenhang, weil es auch Sühneseelen gibt oder Gott an einem Menschen auf besondere Weise handeln möchte. Und der zweite Fall gilt für den Blindgeborenen im Evangelium. Jesus sagt nämlich: „Die Werke Gottes sollen an ihm offenbar werden.“
Jesus erklärt sodann, dass er in der Zeit seines irdischen Daseins alles vollbringen muss, was der Vater von ihm verlangt. So wird er am Ende am Kreuz sagen „es ist vollbracht“. „Solange es Tag ist“ scheint dabei eine Andeutung seines baldigen Lebensendes zu sein. Die Zeit drängt. Es ist noch viel Arbeit im Weinberg des Herrn.
Jesus ist das Licht der Welt. Durch sein irdisches Leben ist der Welt eine unvergleichliche Gnade zuteilgeworden. Er hat mit seiner Leuchtkraft die ganze Erde erleuchtet, ganz so wie Jesaja es angekündigt hat: „Das Volk, das im Dunkeln lebt, sieht ein helles Licht.“ Jesus verwendet für sich selbst nicht umsonst dieses Bild. Er möchte bei seinen schriftkundigen Jüngern einen Aha-Effekt auslösen.
Dann tut Jesus etwas scheinbar Befremdliches. Er spuckt auf die Erde, knetet daraus einen Teig und streicht ihn dem Blinden auf die Augen. Jesus tut nie etwas Willkürliches. Es hat einen tieferen Sinn, dass er ausgerechnet von der Erde einen Teig macht, den er dem Blinden auf die Erde streicht und auch, warum wir das in der Fastenzeit hören! Um es in der Tiefe zu verstehen, müssen wir zurück in die Genesis gehen. Da schafft Gott aus dem Ackerboden den Menschen. Er verleiht ihm das Leben durch das Blasen des Lebensodems in die Nase. Der Mensch ist geschaffen mit einem irdischen Körper und einer überirdischen Seele. Jesus schmiert ihm den Teig auf die Augen als prophetische Zeichenhandlung für die Umstehenden! Wie Jesus gesagt hat, geschieht diese ganze Heilungsprozedur zum Zeichen für die anderen! An ihm soll Gottes Herrlichkeit offenbar werden. Die Umstehenden sollen sich daran erinnern, dass Gott den Menschen aus dem Staub geschaffen hat. Die Umstehenden sollen von ihrer eigenen Blindheit geheilt werden, indem sie sich selbst erkennen, wie sie sind. Sie sollen eine realistische Selbsterkenntnis haben, was wir auch Demut nennen. Im Lateinischen haben wir dahingehend sogar ein Wortspiel: Erde=humus, Demut=humilitas. Jesus möchte in erster Linie die Blindheit des Herzens heilen – damals und heute! Gerade in der Fastenzeit sollen wir als allererstes vom hohen Ross unserer grenzenlosen Selbstüberschätzung herabsteigen und uns sehen, wie wir wirklich sind. Deshalb haben wir an Aschermittwoch ein Aschekreuz auf die Stirn gezeichnet bekommen mit den Worten „Staub bist du und zu Staub kehrst du zurück.“
Aber das ist noch nicht das Ende! Jesus sagt ihm dann, dass er sich im Teich Schiloach waschen soll. Auch das ist nichts Banales ohne tieferen Sinn, sondern die logische Fortsetzung der Zeichenhandlung: Gott schuf Adam mit Leib und Seele. Er blies ihm diese Seele ein durch den Hl. Geist. So soll der Blinde Mensch sich reinwaschen mit Hl. Wasser, einem Typos des lebendigen Wassers. Und das ist der Hl. Geist! Jesus schenkt dem Blindgeborenen ein neues Leben und dies genau dann, nachdem er sich im Wasser gewaschen hat. Analog dazu wird Adam dadurch zum Leben erweckt, dass ihm der Lebensodem eingehaucht wird. Diese Andeutung des Hl. Geistes wird auch durch die Bezeichnung des Teiches verdeutlicht: Schiloach heißt „der Gesandte“. Es kann einerseits auf Jesus bezogen werden, doch dieser ist vielmehr der Gesalbte. Gesandt ist der Hl. Geist! Es gibt noch ein weiteres Indiz, das uns überwältigt: Im Gegensatz zu den genauen Angaben wie z.B. der Bezeichnung des Teiches bleibt der Blindgeborene namenlos. Wir erfahren seinen Namen nicht, sondern er wird die ganze Episode hindurch als „der Mensch“ bezeichnet. Auch das ist Teil dieser Adam-Typologie! Adam heißt „Mensch“. Die Evangelien sind schon genau bei geographischen oder persönlichen Bezeichnungen. Einen anderen Blinden lernen wir mit dem Namen Bartimäus kennen. Johannes bezeichnet ihn also ganz bewusst als den Menschen, um uns diese Typologie näherzubringen. Diese Typologie ist aber noch nicht das Ende für uns. Jesus tut es nicht nur, damit die Juden diese Analogie erkennen und auf sich selbst beziehen, sondern auch weitergehend für die Menschen, die sich später in seinem Namen taufen lassen! Es ist allegorisch zu verstehen als Lebensspendung oder Wiedergeburt durch den Hl. Geist! Jesus öffnet uns die Augen, was dasselbe aussagt wie das paulinische Bild: Er führt uns von der Dunkelheit (Blindheit) ins Licht (Sehen können). So erkennen wir unsere eigene Seele, unsere Sünde und alles, was nicht hinein gehört. So legen wir all das ab und leben von nun an ein Leben im Licht, ein sehendes Leben so wie der Blindgeborene im Evangelium. Dies betrifft auch die moralische Ebene: Gott lässt uns seinen Willen erkennen, den wir in unserem Leben umsetzen sollen. Er macht uns wieder sehend durch das Sakrament der Beichte, indem wir unser Gewissen wieder schärfen, das durch die Sünde stumpf, taub und blind geworden ist. So sehen wir wieder, was Gottes Wille ist und was Sünde ist. Und schließlich ist es auf die anagogische Ebene zu übertragen: Wir sehen momentan nur, was in der Vergangenheit und in der Gegenwart ist. Wir verstehen dabei noch sehr wenig und müssen diese Ungewissheit aushalten. Das ist Glaube – sich auf Gottes Allmacht und Heilswillen verlassen, obwohl wir nur die Wirren unseres Lebens erkennen können. Doch am Ende unseres Lebens und auch am Ende der Zeiten wird alles offenbar werden. Dann wird uns Gott von unserer irdischen Blindheit befreien und wir werden alles, auch ihn sehen, wie es ist. Das wird die ultimative Blindenheilung!
Der Blindgeborene geht nun unter die Menschen und wird von ihnen gesehen. Die Menschen wundern sich und fragen sich sogar, ob er der Blindgeborene ist oder ein ihm ähnlich sehender Mann. Er bestätigt aber seine Identität, was hohe Wellen schlägt. Und genau diese Wellen wollte Jesus erzeugen: Die Menschen fragen den Genesenen, wie er sehend geworden ist. So gibt er Zeugnis von Jesu Blindenheilung. Er wird zu den Pharisäern gebracht, denen er ebenfalls Zeugnis ablegt. Doch statt die prophetische Zeichenhandlung zu erkennen, echauffieren sie sich über die Übertretung des Sabbatgebotes. Dass Heilung am Sabbat verboten sei, ist jedoch nicht Gottes Gebot, sondern ihre Interpretation. Zu einem gewissen Grad kann man die Juden jener Zeit zu diesem Thema verstehen. Die schlimmsten Fremdherrschaften und das babylonische Exil rührten vor allem aus der Missachtung des Sabbats. Wir lesen bei den großen Propheten immer wieder davon, dass dies die Hauptsünde Israels und Ursache für die schlimmen Unterdrückungen sei. Nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil fielen die Juden dann aber von einem Extrem ins andere – von der Missachtung in die streng legalistische Einhaltung des Sabbats, die über das Ziel hinaus schoss. Vor diesem Hintergrund versteht man die strenge Handhabung des dritten Gebots. Das Problem ist aber, dass Heilung ein Vorgang ist, der Menschen wieder neues Leben schenkt. Und dieser Vorgang ist als Gnadenakt, nicht als Arbeit zu betrachten. Jesus ist Gott und wenn er heilt, steht er ohnehin über dem Sabbat. Dies erkennen die Pharisäer aber nicht, sondern spulen das übliche strenge Programm ab, um eine erneute Katastrophe zu verhindern (wobei man sich fragt, wie sie dann die Fremdherrschaft der Römer bewertet haben…).
Der ehemalige Blinde gibt auf die Fragen der Pharisäer deutliche Antworten und bekennt, dass Jesus ein Prophet ist. Es ist wirklich ironisch. Ein Blindgeborener erkennt mehr als die an den Augen gesunden Pharisäer. Jesus hat prophetisch gehandelt, doch die Pharisäer haben diese Signale nicht einmal vernommen.
Die Pharisäer meinen, dass Jesus nicht vom Guten kommt, weil er den Sabbat nicht gehalten hat. Viele nennen ihn sogar Sünder. So glauben sie auch nicht, dass der Geheilte zuvor blind war. Sie befragen daraufhin seine Eltern, doch sie bestätigen seine Identität und vorherige Blindheit. Da sie Angst vor den Juden bekommen, verweisen sie zurück auf den erwachsenen Sohn.
Ihn befragen die Pharisäer nun zum zweiten Mal und kommen mit Suggestivausdrücken. Jesus sei ein Sünder und der Geheilte gebe Gott die Ehre, Jesus zu verunglimpfen. Doch stattdessen sagt er den Pharisäern offen ins Gesicht: Ihr hört nicht. Sie haben zwar Ohren, doch hören sie nicht im Sinne von hinhören und gehorsam hören. Sie erkennen die offensichtlichen Signale nicht, sondern beschuldigen den Messias der Sünde. Der Geheilte steht weiterhin dazu, dass er sein Jünger geworden ist und fragt, ob auch die Pharisäer sich ihm anschließen wollen. Diese reagieren aber verärgert und sagen: Du bist ein Jünger dieses Menschen; wir aber sind Jünger des Mose. Für sie ist Mose die höchste Autorität, weil er ihnen die Torah gegeben hat. Er hat auch eine sehr hohe Autorität, nur steht Jesus als Gott über Mose. Die Pharisäer erkennen Jesu Messianität aber nicht. Weiterhin sagen sie: „Wir wissen, dass zu Mose Gott gesprochen hat; aber von dem da wissen wir nicht, woher er kommt.“ Mit so einer Aussage verraten sich die Pharisäer selbst, denn sie haben Jesu göttliche Herkunft nicht erkannt! Dies hält der Mensch ihnen auch vor. Er wundert sich über ihre Blindheit, denn sie erkennen den Messias nicht an der Blindenheilung. Dabei ist es ja eine messianische Heilstat, die schon Jesaja angekündigt hat. Wäre er nicht von Gott, hätte er so ein Wunder nicht wirken können. Der Mensch sagt voller Vertrauen, dass Gott auf die Gottesfürchtigen hört. Er zitiert hier Spr 15,29, wenn es heißt, „dass Gott Sünder nicht erhört; wer aber Gott fürchtet und seinen Willen tut, den erhört er.“ Dem entgegnen die Pharisäer aber nur mit dem schon oben angesprochenen Tun-Ergehen-Zusammenhang: „Du bist ganz und gar in Sünden geboren und du willst uns belehren?“ Leider erkennen die Pharisäer die Zeit der Gnade nicht und schämen sich auch gar nicht vor ihrer Entlarvung durch den Geheilten. Sie verstehen es nicht einmal.
Nachdem der Blinde aus der Synagoge ausgestoßen worden ist, begegnet er Jesus wieder, der ihm offenbart, dass er der Menschensohn ist. Er erklärt auch, warum er in diese Welt gekommen ist: Damit die Blinden geheilt werden und die Sehenden blind werden. Das klingt provokativ, macht aber Sinn: Mit den Blinden sind nicht in erster Linie Menschen wie der Blindgeborene des Evangeliums gemeint, sondern die innerlich Blinden. Jesus kommt, um allen verblendeten die Augen zu öffnen, dass sie ihre Sünde sehen und umkehren. Nur dann können sie ins Himmelreich eingehen (deshalb sind es Jesu erste Worte in der öffentlichen Verkündigung: Das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium!). Die Sehenden sind die, die meinen, dass sie schon alles sehen. Es sind die Selbstgerechten, die sich einbilden, die Umkehr nicht zu brauchen. Deshalb fragen auch die Pharisäer, die Jesu Worte gehört haben: Sind wir blind? Das ist der springende Punkt. In Wirklichkeit sind sie verblendet von ihrer Selbstgerechtigkeit, aber sie bilden sich ein, Sehende zu sein. Deshalb sind sie Sünder und bleiben es, solange sie nicht umkehren. Die Pharisäer sitzen an der Quelle. Sie kennen die heiligen Schriften und beschäftigen sich jeden Tag damit. Und doch erkennen sie die offensichtliche Erfüllung der Verheißung nicht. Sie haben wirklich keine Ausrede für die ausbleibende Umkehr, denn sie sind nicht unwissend.
Werfen wir die ganze Nachgeschichte der Blindenheilung einmal auf das Licht-Finsternis-Schema zurück, erkennen wir einen Blindgeborenen, der sein ganzes Herz nach dem Licht ausstreckt, der es annimmt und sich verwandeln lässt. Wir sehen zugleich Menschen mit gesunden Augen, die sie aber krampfhaft zusammenkneifen. Sie wollen das Licht nicht, obwohl ihre biologischen Augen es ihnen ermöglichen.
Sie erkennen weder die Typologie zu Adam noch die Typologie zu König David aus Psalm und erster Lesung. Sie erkennen weder den Hl. Geist, den Gesandten noch den Messias, den Gesalbten. Ihnen kann nicht geholfen werden, weil sie sich nicht helfen lassen.

Wer wollen wir sein? Wollen wir unsere eigene Blindheit ehrlich eingestehen und uns von Jesus zu Sehenden machen? Oder bleiben wir lieber mit zusammengekniffenen Augen freiwillig blind? Das eine führt uns ins Licht, das andere lässt uns in der Dunkelheit sitzen.

Lassen wir uns reinwaschen durch Jesu kostbares Blut und durch sein lebendiges Wasser, den Hl. Geist. Dann werden wir mit unseren eigenen Augen die Auferstehung voller Freude schauen und unsere österliche Existenz wieder bewusst leben.

Ihre Magstrauss

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